Archiv der Kategorie: Musikgeschichte

1809 Carl Maria von Weber (1786 -1826) – Andante e Rondo ungarese für Bratsche und Orchester

Unter den ganz großen Protagonisten der Musikgeschichte findet sich nur einer, der sich längere Zeit in Stuttgart aufhielt: Carl Maria von Weber. Aber selbst diesen hat man des Landes verwiesen. In der Stuttgarter Zeit ist unter anderem auch das Andante e Rondo ungarese entstanden.

 

Webers Aufenthalt in Schwaben in der Zeit von 1807 bis 1809 hat freilich weniger mit Musik als mit Geld zu tun. Der junge Mann kam seinerzeit von Schlesien, wo er Kapellmeister an der Oper in Breslau war. Die Stelle hatte er vor allem wegen finanzieller Probleme aufgeben müssen. Der Stadtrat hatte ihm vorgerechnet, daß er statt Kassenschlagern, wie der Oper „Donauweibchen“ von Ferdinand Kauer, Werke seines „Schwagers“ Mozart gespielt habe, die wenig einbrachten. Auch privat hatte er über seine Verhältnisse gelebt und allerhand Schulden aufgehäuft.

 

Nach Breslau hielt sich Weber durch Vermittlung einer Verehrerin eine Zeitlang auf Schloß Carlsruhe in Oberschlesien auf, wo Herzog Eugen von Württemberg einen aufwendigen Musenhof mit eigener Oper unterhielt. Dort lernte er das verschwenderische Leben eines Duodezfürsten kennen, was sein Verhältnis zum Geld nicht verbesserte. Als die Carlsruher Hofhaltung im Zuge der Napoleonischen Wirren aufgelöst wurde, kam Weber auf Empfehlung Herzog Eugens nach Stuttgart, wo er die Stelle eines „geheimen Sekretärs“ bei Herzog Ludwig, dem Bruder König Friedrichs, erhielt. Als solcher hatte er sich  ausgerechnet um dessen notorisch zerrüttete Finanzen zu kümmern.

 

Die Sache ging nicht gut aus. Weber orientierte sich nicht nur in seinem privaten Ausgabeverhalten und sondern auch bei der Geldbeschaffung an seinem unseriösen Arbeitgeber. Am 7.2.1810 wurde er daher wegen Untreue, Diebstahls und Bestechlichkeit im Zusammenhang mit Wehrdienstmanipulationen seines Herrn verhaftet und drei Wochen später auf Lebenszeit des Landes verwiesen.

 

Weber hatte in Stuttgart aber nicht nur mit Geld zu tun. Unter den Namen „Krautsalat“ war er Mitglied des Stuttgarter Geheimbundes „Faust’s Höllenfahrt“ einem Künstlerkreis, dem auch der Hofkapellmeister Franz Danzi (Mitgliedsname „Rapunzel „) angehörte. Danzi, mit dem Weber der gemeinsame Lehrer, Abt Vogler, verband, hatte wesentlichen Einfluß auf Webers musikalisches Schaffen und regte ihn immer wieder zu Kompositionen an. Unter anderem schrieb Weber in Stuttgart eine Reihe von Liedern, eine Musik zu Schillers Thurandot und die Oper Silvana, deren Text der Stuttgarter Höllenfahrer Franz Carl Hiemer (Mitgliedsname „Reimwol“) verfasst hatte.

 

Das „Andante e Rondo ungarese“ entstand wenige Wochen vor Webers Verhaftung in Stuttgart und ist „seinem Bruder Fritz in Ludwigsburg“ gewidmet. Ob dieses Stück im Schwäbischen noch aufgeführt wurde, wissen wir nicht. Bekannt ist, daß es im Jahre 1813 in einer Fassung für Fagott gespielt wurde. Seinerzeit schrieb die Leipziger „Allgemeine Musikalische Zeitung“, Weber habe „in diesem Produkt sein herrliches Talent für herzansprechenden Gesang … neuerdings rühmlich bewiesen“. Das kurze Werk, in dem die melodischen und virtuosen Möglichkeiten des Instrumentes voll zu Geltung kommen, ist eines der wenigen großen Solostücke aus vorromantischer Zeit für die Bratsche, die, wie nicht zuletzt dieses Werk zeigt, von der Musikgeschichte zu Unrecht so lange so stiefmütterlich behandelt wurde.

1806 August Ritter – Sinfonia Concertante für zwei Fagotte und Orchester

Über die Person August Ritters kann man nur spekulieren. Unter diesem Namen gibt es bisher offenbar nur die Sinfonia Concertante, deren Manuskript mit 1806 datiert ist. Dem Namen, der Zeit und dem Kompositionsstil nach könnte der Komponist der Musikerfamilie Ritter entstammen, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der berühmten Mannheimer Hofkapelle eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Zum Ritter-Clan gehörten zumindest zwei Fagottisten (so viele haben es jedenfalls bis in die Musiklexika gebracht). Einer hieß Adam Ritter, scheint aber nicht komponiert zu haben. Bei dem anderen handelt es sich um Georg Wenzel Ritter, der von 1748 bis 1808 lebte und den Ruf hatte, einer der größten Meister seiner Zeit auf dem „Bläsercello“ zu sein (Mozart, der Georg Wenzel Ritter 1778 in Mannheim kennen lernte und ihn kurz darauf in Paris wiedertraf, schrieb dort für ihn und drei seiner Mannheimer Kollegen seine Konzertante Symphonie für vier Bläser, die aber in Paris nicht zur Aufführung kam, was Mozart mit den Worten bedauerte: „Wo sind allzeit so 4 Leut zusamm?“). Georg Wenzel Ritter komponierte auch im Stil der Mannheimer Schule, von dem auch das vorliegende Doppelkonzert geprägt ist. Unter anderem schrieb er zwei Fagott-Konzerte (allerdings jeweils nur für ein Fagott) und einige Fagott-Duette. Er wird aber nirgends mit dem Vornamen August in Verbindung gebracht. Mangels weiterer Anhaltspunkte führt die Spur daher nicht weiter.

Leider gibt auch der Fundort des Manuskriptes keinen Hinweis auf die Person August Ritters. Es entstammt der Bibliothek des Adelshauses von Bentheim-Steinfurt in Westfalen: Dort fanden sich eine ganze Reihe von Bläserkonzerten, darunter auch mehrere Fagottkonzerte, was sicher damit zu tun hat, daß zwei der dortigen Grafen selbst praktizierende Bläser waren. Ein Hinweis auf August Ritter hat man in den dortigen Archiven aber (noch) nicht entdeckt.

Das kleine Steinfurter Adelsgeschlecht unterhielt in seinem münsterländischen Wasserschloss im 18. Jahrhundert einen jener Duodez-Musenhöfe, von denen es insbesondere in Mitteleuropa eine ganze Reihe gab. Die künstlerischen Ambitionen dieses Hofes gingen allerdings weit über das hinaus, was für ein Territorium von der Größe Bentheim-Steinfurts üblich war. Man leistete sich bemerkenswert viel und gutes musikalisches Personal. Im Jahre 1805 beschäftigte man nicht weniger als 43 Instrumentalisten, darunter besonders viele Bläser, und 7 Sänger. Die Musiker hatten im „Bagno“, den prachtvollen, mit Lustbauten versehenen Gartenanlagen des Schlosses regelmäßig zu konzertieren und ansonsten „mit Fleiß und accuratesse“ der Tafel aufzuspielen. Ein Beobachter sprach dem Steinfurter Hof im Jahre 1802 „unter den westfälischen Städten in der Krone geselliger Freuden den Königsdiamanten“ zu.

Die Steinfurter legten Wert darauf, auf dem neuesten Stand der künstlerischen Entwicklung zu sein. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hieß dies nicht zuletzt, dem „Mannheimer gout“ zu folgen, wozu neben dem ausgebildeten Sonatenhauptsatz auch die Flexibilisierung der musikalischen Dynamik gehörte (im Gegensatz zur Terrassendynamik der Barockzeit). Wie genau es der Arbeitgeber dabei mit den  Anforderungen an seine musikalischen Arbeitnehmer nahm, lässt sich etwa aus dem Arbeitsvertrag des böhmischen Geigers Anton Janitsch ersehen, der in Steinfurt im Jahre 1796 als Konzertmeister angestellt wurde. Dort heißt es: „Besonders ist das Pianissimo, piano crescendo, metzoforte, forte, fortissimo, nach dem wahren Sinn der composition, wodurch dieselbe das rechte leben bekommt, genau zu observieren, und daran das ganze Orchester mehr, und mehr zu gewöhnen“.

 

Im Stil einer durch die Mannheimer Schule gegangenen Klassik ist auch die Sinfonia Concertante von August Ritter gehalten. Mit dieser stilistischen Haltung war das Werk zwar wenn es, wie auf dem Manuskript vermerkt, aus dem Jahre 1806 stammen sollte, nicht mehr ganz auf dem letzten Stand der Entwicklung, die damals insbesondere mit Beethoven in Wien in eine neue Richtung ging. Mit ihrer heiteren Musizierlust und schlüssigen Verarbeitungsweise liegt das Werk aber ganz auf der Linie der reisenden Virtuosen jener Zeit, zu denen wahrscheinlich auch August Ritter gehörte.

1806 Ludwig van Beethoven (1770 -1827) – Klavierkonzert Nr. 4 Op. 58

Unter den fünf Konzerten, die Beethoven für „sein“ Instrument schrieb, fällt das 4. Klavierkonzert durch seinen lyrischen Tonfall auf. Das Konzert ist so bemerkenswert „rund“, dass man meinen könnte, Beethoven habe damit sein Image einer schroffen Persönlichkeit konterkarieren wollen. Hinzu kommt, dass zwischen dem schwärmerisch-bedeutsamen aber niemals schweren Kopfsatz und dem heiteren Finalsatz ein singulärer Mittelsatz liegt, in dem der Konflikt von Schroffheit und Sanftmütigkeit thematisiert ist und der mit einem – allerdings auf bezeichnende Weise eingeschränkten – Sieg der letzteren endet. 

Die geradezu szenische Konstellation von düster abweisendem Orchester auf der einen und beschwörend weichem Klavier auf der anderen Seite sowie der fast schon sprachliche Duktus der Musik hat die Interpreten zu allerhand Spekulationen darüber inspiriert, was Beethoven bei der Komposition dieses zweiten Satzes vorgeschwebt haben könnte. Die bekannteste Version ist, dass er dabei an Orpheus gedacht habe, der die Furien der Unterwelt bändigt. Eine philosophisch-politische Interpretation sieht in der Konfrontation zwischen Orchester und Solisten den auskomponierten kategorischen Imperativ; der Satz sei ein Beispiel dafür, daß der heroische Einzelne durch die Kraft seiner Moral auf die Gesellschaft einwirken könne. Die meisten dieser Interpretationen haben freilich Probleme mit der rätselhaften Schlußkadenz des Satzes, die den Schlüssel zum seinem Verständnis enthalten muss, jenem schmerzlichen Aufschrei mit anschließender Beruhigung, auf den der heiter-dynamische aber keineswegs übermütige Schlußsatz unmittelbar folgt. Daher soll hier, wiewohl sich das Konzert als autonomes Kunstwerk sicher nur in begrenztem Maße der konkreten Interpretation öffnet, eine weitere Spekulation hinzugefügt werden.

Nachdem in dieser musikalischen Dichtung offensichtlich die spannungsvolle Beziehung zweier sehr gegensätzlicher Individuen geschildert wird, könnte man auch daran denken, dass im Hintergrund Beethovens Erfahrungen mit der verwitweten Adeligen Josephine Brunsvik standen, in deren Bann er sich in der Entstehungszeit des Konzertes befand (die Frau wurde lange Zeit für Beethovens „Unsterbliche Geliebte“ gehalten). Man könnte sich also vorstellen, Gegenstand des Satzes sei, dass der schroffe Mann von einer geliebten Frau „gezähmt“ wird. Allerdings hat Beethovens Version von „Die Schöne und das Biest“ kein happy-end. Josephine muss am Ende aus Standesrücksichten auf Beethoven verzichten, was – dies wäre die Kadenz – nach Abklingen des Schmerzes zu resignativer Beruhigung auf beiden Seiten und daraus resultierend zu neuem Leben führt (dritter Satz).

Das Konzert entstand in den Jahren 1805/1806, einer besonders fruchtbaren Schaffensperiode Beethovens, in der unter anderem auch das Violinkonzert, die Oper „Fidelio“ und die Streichquartette Op.59 geschrieben wurden. Sowohl für den ungewöhnlichen Konzertbeginn durch das Klavier als auch für die dramatisch-melancholische Konzeption des langsamen Satzes scheint Mozarts Klavierkonzert KV 271 (Jeunnehomme) Pate gestanden zu haben. Vermutlich kannte Beethoven auch Haydns Symphonie „Le Soir“, in deren zweiten Satz sich eine ähnlich rhetorische Themenkonfrontation wie im zweiten Satz des Konzertes findet.

Dass das Konzert außerordentliche Anforderungen an den Solisten stellt, hat schon von Anfang an zu Problemen geführt. Beethoven Freund Ries lehnte die Erstaufführung ab, weil er die Noten erst fünf Tage vor dem intendierten Konzerttermin erhielt. Der Alternativkandidat Stein nahm das wenige sinnvolle Ansinnen, das Konzert in weniger als einer Woche einzuüben, zwar an, weil er darin die Chance seines Lebens sah, musste aber einen Tag vor der Aufführung absagen. Daher kam die Komposition erst im März 1807 durch Beethoven selbst zu Gehör und zwar bei einem Konzert im Palais Lobkowitz in Wien, in dem auch noch Beethovens (neue) Coriolan-Ouvertüre und seine 4. Symphonie gespielt wurden.

Weitere Texte zu Werken von Beethoven und rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1805 Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) – Symphonie Nr. 3, Op.55 (Eroica)

Beethovens dritte Symphonie, die in den Jahren 1802 bis 1805 entstand, hat, wie man weiß, viel mit Napoleon zu tun. Ursprünglich sollte ihr Titel sogar „Bonaparte“ lauten. Berühmt ist die Schilderung der Szene, wonach Beethoven das Titelblatt der Partitur, auf dem der Name des Korsen stand, wütend zerriss, als er erfuhr, dass dieser beabsichtige, sich zum Kaiser zu krönen. Dabei habe Beethoven, so berichtet sein Schüler Ferdinand Ries, ausgerufen: „Ist der auch nichts anderes als ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird auch er alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen.“

 

Auf Grund dieser Umstände wurde die „Eroica“ vielfach als ein politisches Werk angesehen. Dem entsprechend wurde sie, ganz oder nur mit ihrem zweiten Satz, immer wieder und in den unterschiedlichsten Kontexten zu politischen Zwecken herangezogen. Wie weit dies ging, zeigt ein Ereignis aus dem Jahre 1892. Seinerzeit widmete Hans von Bülow die Symphonie aus Protest gegen die Entlassung Bismarcks durch Kaiser Wilhelm II. kurzerhand „dem Bruder Beethovens, dem Beethoven der deutschen Politik, dem Fürsten Bismarck.“ Dabei stellte er, Beethovens oben angedeutete Absichten ins genaue Gegenteil verkehrend, den „drei Worten des Wahns“, wie er die Ideale der französischen Revolution „liberté, egalité und fraternité“ nannte, reichlich ruppig die „positive Devise Infantrie, Kavallerie und Artillerie“ entgegen.

 

Ob die politische Sicht der Symphonie viel zu ihrem Verständnis beiträgt, ist allerdings eher zweifelhaft. Beethovens Verhältnis zu Napoleon als Politiker war nämlich höchst zwiespältig. Der Korse war für ihn, wie für viele seiner Zeitgenossen, einerseits der Held, von dem man den endgültigen Durchbruch der Ideale der Französischen Revolution erhoffte, andererseits aber auch derjenige, der Beethovens Vaterland und seine Wahlheimat Wien bedrängte und zeitweilig besetzt hielt. Gegenüber dem Kriegsherrn aber fühlte Beethoven die Pflicht zum Widerstand. Die Ironie des Schicksals wollte, dass er sich hierfür auf die Seite eben der Monarchen schlagen musste, in deren Kreis getreten zu sein, er Napoleon vorwarf.

 

Tatsächlich hat Beethoven immer wieder auch gegen Napoleon agiert. 1796 etwa trat er als Leiter der K.&K.- Regimentsmusik einem Freiwilligencorps bei, das Napoleon aus den „österreichischen“ Territorien Italiens vertreiben sollte. Dafür komponierte er politische Lieder, die gegen die „Franken“ gerichtet waren. Auch während der Befreiungskriege schrieb er politische Gebrauchsmusik gegen Napoleon. Sinnigerweise sollte er hierbei sogar seine größten musikalischen Triumphe erringen. Mehr als sein gesamtes sonstiges Werk einschließlich der „Eroica“, die Beethoven selbst besonders schätzte, wirkten in der zeitgenössischen Öffentlichkeit seine musikalischen Beiträge zu den Feierlichkeiten des Wiener Kongresses, bei dem die europäischen Herrscherhäuser bekanntlich mit den politischen Ergebnissen der napoleonischen Zeit auch die positiven Errungenschaften der Französischen Revolution weitgehend rückgängig machten. Kaiser und Könige klatschten seinerzeit begeistert Applaus für Beethovens bombastisches Werk „Wellingtons Sieg in der Schlacht bei Vitoria“, von dessen Urheberschaft man ihn, wie von der seiner sonstigen politischen Musik, heute am liebsten freisprechen würde.

 

Gleichzeitig war Beethoven aber von der Persönlichkeit Napoleons, der sein Altersgenosse war, fasziniert war und verglich sich mit ihm. Parallelen gab es zwischen beiden genug. Beide stammten aus einfachen Verhältnissen und taten sich in einer Zeit, die noch stark vom Standesdenken geprägt war, durch ausgeprägte Individualität und außerordentliche gestalterische Leistungen hervor. Beide setzten sich auch bedenkenlos über die Grenzen der Tradition hinweg, wenn sie ihren Zielen im Wege standen. Napoleons unbändiger Durchsetzungswille korrespondierte mit Beethovens Credo: „Kraft ist die Moral der Menschen, die sich gegenüber anderen auszeichnen, und sie ist auch die meinige“. Der Komponist empfand den Politiker offenbar sogar als Rivalen. Aus dem Jahre 1806 ist von ihm der Satz überliefert: „Schade, dass ich die Kriegskunst nicht so verstehe, wie die Tonkunst, ich würde ihn schlagen“. Beim Tode Napoleons im Jahre 1821 sagte Beethoven schließlich, er habe mit dem Trauermarsch der „Eroica“ die Musik zu diesem Ereignis geschrieben.

 

Wahrscheinlich kommt man dem Verhältnis von „Eroica“ und Napoleon daher näher, wenn man in der Komposition ein Selbstportrait Beethovens sieht, welches von der Figur Napoleons beeinflusst ist. Beethoven, der bezeichnenderweise nicht lange vor der „Eroica“ das Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“ komponierte, sah sich als Individuum, das sich und die Welt ganz aus sich selbst schafft. Der exemplarische Vertreter dieses neuen, „titanischen“ Menschentums war neben ihm naturgemäß Napoleon. Diesem Selbstentwurf entsprechend schuf Beethoven mit der „Eroica“ ein Werk, das an Umfang, Schwierigkeitsgrad und Komplexität der Themenverarbeitung seinerzeit ohne Vorbild war.

 

Wie Napoleon sah sich Beethoven auch in einer heroischen Situation. So wie sich dieser politisch gegen die ganze Welt stellte, befand er sich im Kampf gegen die Taubheit, dem denkbar größten Widerstand, der einem Musiker entgegenstehen kann. Wir wissen aus Beethovens ergreifendem „Heiligenstädter Testament“, welches aus der Zeit stammt, in der er die Komposition der „Eroica“ begann, dass er sich wegen seiner fortschreitenden Krankheit mit Selbstmordgedanken befasste. Er nahm davon jedoch Abstand, weil er in heroischer Weise gerade gegen die Taubheit Neues und Großes schaffen wollte. Die „Eroica“ ist denn auch bestimmt von dem Kontrast zwischen vorwärtsstürmendem Elan und elegischer Färbung. Diese Stimmungslage spiegelt sich insbesondere im ersten Satz des Werkes, wo sie bereits in den Anfangstakten erscheint. Während hier das vorwärtsdrängende und im letzten Satz das konstruktive Element den Sieg davonträgt, dominiert im langsamen Satz die Auseinandersetzung mit der Depression, die angesichts der Bedeutung, die sich das handelnde Subjekt zulegt, monumentalen Charakter annimmt.

 

Unter diesen Umständen ist es nur allzu bezeichnend, dass auf jenem Titelblatt der „Eroica“, welches Beethoven im Jahre 1805 so wütend zerriss, sich lediglich zwei Namen befanden: „Ganz oben“, so heißt es im Bericht von Ries, habe „Buonaparte“, unten „Luigi van Beethoven“, dazwischen aber nichts gestanden.

 

Die „Eroica“ ist das erste der großen musikalisch-geistigen Auseinandersetzungswerke des 19. Jahrhunderts, Werke mit denen ihre Schöpfer, wie Beethoven in diesem Fall, nicht selten über Jahre rangen. Sie ist – am Anfang des neuen Jahrhunderts stehend – der Auftakt zu der grandiosen Entwicklung, welche die Symphonie im weiteren Verlauf des 19. Jahrhundert nehmen sollte. Auf der Basis dieses Musters wurde die Gattung Symphonie zur zentralen musikalischen Ausdruckform des individualistisch empfindenden Bürgertums, das in dieser Zeit seinen endgültigen politischen und wirtschaftlichen Durchbruch erlebte.

Weitere Texte zu Werken von Beethoven und rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1802 Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) – Symphonie Nr. 2 D-Dur Op. 36

Beethovens neun Symphonien sind als Ganzes ein kulturhistorischer Begriff wie Palladios Villen oder Raphaels Madonnen. Kaum etwas hat die Vorstellung von der klassischen Musik so geprägt wie diese Werkreihe. Gleichzeitig werden die Symphonien aber auch in besonderem Maße als Individuen wahrgenommen. Werke wie die „Fünfte“ oder die „Neunte“ haben eine so ausgeprägte musikalische Persönlichkeit, dass man sie nicht an Vorgängern misst. Dies gilt nicht so sehr für die zweite Symphonie. Von ihr wurde immer wieder gesagt, sie stehe „noch“ ganz in der Tradition von Haydn und Mozart. In diesem Zusammenhang ist dann auch gerne von Idylle und von klassischer Heiterkeit und Ausgewogenheit die Rede. Diese Auffassung trifft jedoch nur bedingt zu. Natürlich ist Beethoven in der „Zweiten“ den Vorbildern Haydn und Mozart verpflichtet. Dies gilt aber weitgehend auch für seine anderen Symphonien. Von seinen großen Vorgängern hat Beethoven mit wenigen Ausnahmen insbesondere den (viersätzigen) Gesamtaufbau mit seiner  Kopflastigkeit und  seinem Finalstreben, die Satzfolge, den inneren Aufbau der Sätze, die Motivarbeit und die Orchesterbesetzung übernommen. Im Rahmen dieser Form hat er aber auch schon in der zweiten Symphonie seine sehr persönliche Aussage mit seinen ganz speziellen Mitteln gemacht. Auch in der „Zweiten“ finden sich schon die spezifisch Beethoven´sche Dynamik mit ihren schnellen, oft abrupten Wechseln und harten Akzenten, die Bissigkeit des Humors (vor allem im letzten Satz) und die Neigung des Komponisten, das nicht zu tun, was der Hörer erwarten könnte (so besonders im dritten Satz). Auch die Idylle, die im zweiten Satz zunächst entwickelt wird, erweist sich als eine ziemlich brüchige Angelegenheit.

 

Wie sehr es Beethoven auch in dieser Symphonie darauf ankam, gegen den traditionellen Strich zu komponieren, lässt sich besonders gut aus den vollständig erhalten gebliebenen Skizzenbüchern ersehen. Sie zeigen, dass der Komponist von mehreren erwogenen Möglichkeiten immer wieder die verwirft, die am „wahrscheinlichsten“ ist oder schon von anderen gefunden wurde. So entscheidet er sich gegen eine Ableitung des Hauptthemas des ersten Satzes aus der langsamen Einleitung, gegen die übliche Reihenfolge der Wiederholungen im Scherzo und gegen eine „ordentliche“ Vorbereitung des Themas im letzten Satz (mit der Folge, dass der Satz gewissermaßen „ex abrupto“ beginnt und den Hörer geradezu anspringt).

 

Diese Abweichungen von der Tradition erscheinen uns heute vielleicht nicht sonderlich auffällig. Dies hat ohne Zweifel damit zu tun, dass uns die gewaltigen Schritte bekannt sind, die Beethoven auf seinem weiteren künstlerischen Weg noch gehen sollte. Die zeitgenössischen Hörer, denen dieser Blickwinkel fehlte, haben das Besondere dieser Symphonie denn auch viel deutlicher gesehen. Im Jahre 1804, ein Jahr nach der Uraufführung in Wien, hieß es in der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“, es handele sich bei der zweiten Symphonie um ein „merkwürdiges kolossales Werk, von einer Tiefe, Kraft und Kunstgelehrsamkeit, wie sehr wenige“. Seine „höchst seltsam gruppierten Ideen“, müssten aber „immer und immer wieder gehört sein, ehe der Zuhörer, selbst der gebildete, im Stande ist, das Einzelne im Ganzen und das Ganze im Einzelnen überall verfolgen und mit der nötigen Ruhe in der Begeisterung zu geniessen.“ Noch acht Jahre später, als schon vier weitere Symphonien Beethovens erschienen waren, spricht die gleiche Zeitung davon, dass den letzten beiden Sätzen der Symphonie etwas Bizarres anhänge. „Man ist an Haydns und Mozarts Werke gewöhnt“ heißt es, „und darf sich nicht wundern, wenn diese seltenen Produkte Beethovens, die sich so sehr von dem Gewöhnlichen entfernen, im Allgemeinen nicht immer ihre Wirkung auf den Zuhörer hervorbringen.“ Solle man, so fragt der Kritiker allerdings auch, erwarten, „dass ein Komponist „nur an den hergebrachten Formen hange; nur immer dem Ohre schmeichele, nie uns erschüttere und über das Gewohnte, wenn auch etwas gewaltsam, erhebe?“

1802 Ludwig van Beethoven (1770- 1827) – Sonate für Violine und Klavier Op. 30 Nr. 3

Beethoven hat sich sein Leben lang intensiv mit der Violine auseinandergesetzt. Neben seinem epochemachenden Violinkonzert sind dabei unter anderem zehn Violinsonaten entstanden. In den 33 Sätzen dieser Sonaten lotet Beethoven die Möglichkeiten der Geige in allen Facetten aus. Dabei stehen nicht so sehr philosophisch-bekennerhafte Fragestellungen wie in den Klaviersonaten, sondern eher musikalische und spieltechnische Aspekte im Vordergrund. Auf diese Weise ist ein wahres Kompendium der Violinmusik entstanden, das von „einfachen“ Kammersonaten in der Nachfolge Mozarts bis hin zu hochkomplexen Konzertduos geht.

 

Die drei Sonaten Op. 30 sind im Jahre 1802 entstanden und erscheinen wie die drei Sätze eines einzigen großen Werkes. Sie sind in gewisser Hinsicht Gegenstücke zu den drei Klaviersonaten Op. 31. Hier wie dort umrahmen zwei kürzere Dur-Sonaten eine große Sonate in Moll. Während die Stimmung der mittleren Sonate außerordentlich  passioniert  und  engagiert  ist, sind die Ecksonaten“ eher von spielerischer Leichtigkeit gekennzeichnet. Insbesondere die Sonate Nr. 3 ist heiter und unproblematisch. Wegen der Anklänge an die Champagner-Arie aus Mozart Oper „Don Giovanni“ in ihrem dritten Satz wird sie auch die „Champagner-Sonate“ genannt. Tatsächlich steigert sich die Musik hier zu einer rauschhaften Ausgelassenheit, die für Beethoven ungewöhnlich ist.

 

Beethovens Violinsonaten spielen im allgemeinen Bewusstsein nicht die Rolle wie anderen Werkgruppen seines Oevres. Die eingeschränkte Wertschätzung bekam Beethoven schon zu seinen Lebzeiten zu spüren. Die drei Sonaten Op. 30 widmete Beethoven dem Zaren Alexander I., der die Widmung aber nicht erwiderte. Zwölf Jahre später schrieb Beethoven eine simple Polonaise für die Zarin, für die er 50 Dukaten bekommen sollte. Dabei kam die Frage auf, was er seinerzeit vom Zaren für die drei wesentlich aufwendigeren Violinsonaten erhalten habe. Als die Zarin erfuhr, daß ihr Gatte nichts gezahlt hatte, erhöhte sie das Honorar für die Polonaise auf 100 Dukaten.

1800 Ludwig van Beethoven (1770-1827) – Romanze für Violine und Orchester F-Dur, Op. 50

Romanzen kennt die Musikgeschichte bereits seit vielen Jahrhunderten. Ursprünglich handelte es sich nach literarischem Vorbild um Gesangsstücke romanhaften Charakters, deren Sujets in der Regel aus dem Ritterleben stammten. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich daraus die Instrumentalromanze. Damit wurden einzelne Sätze eines größeren Orchesterwerkes mit getragener, liedhaft-einfacher Stimmung bezeichnet. Mozart etwa überschrieb einige langsame Sätze insbesondere in seinen Klavierkonzerten „Romanze“. Mit seinen beiden Violinromanzen löste Beethoven als erster die Instrumentalromanze aus dem Zusammenhang eines größeren Ganzen und machte daraus einen eigenständigen Typus. Damit leistete er einen wesentlichen Beitrag zur Entstehung der Piecenliteratur des 19. Jahrhunderts, in dem stimmungsmalende Charakterstücke diverser Schattierungen außerordentlich populär werden sollten.

 

Über die Entstehung der beiden Violinromanzen von Beethoven ist nichts bekannt. Sie wurden vermutlich um das Jahr 1800 komponiert. Offenbar beschäftigte sich Beethoven seinerzeit mit Fragen der Sanglichkeit und der Möglichkeiten des Zusammenwirkens von Solovioline und Orchester. Insofern kann man die beiden Stücke als Vorstudien zum langsamen Satz seines epochalen Violinkonzertes auffassen, das wenige Jahre später komponiert wurde.

 

Das Interesse der Verleger an den Werken war zunächst gering. Die Romanze in F-Dur bot Beethovens Bruder Karl verschiedenen Verlagen, darunter auch Breitkopf und Härtel, mehrmals vergeblich an. Der Erstdruck erfolgte erst im Jahre 1805. Noch zu Lebzeiten Beethovens kamen dann aber mehrere Neuauflagen und verschiedene Arrangements heraus, die zeigen, daß das Werk, ebenso wie das Schwesterstück in G-Dur, beim Publikum außerordentlich beliebt war.

1800 Ludwig van Beethoven (1770-1827) – Ouvertüre zum Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“

In den 90-er Jahren des 18. Jahrhundert tobte in Wien einer großen Schulkämpfe in der Kunst. Ausgelöst hatte ihn der italienische Ballettmeister Salvatore Vignano, der dem Bühnentanz der Zeit, der in Manierismen erstarrt war, eine neue Auffassung von Ballett entgegensetzte. Gegenstand des Tanzkunst sollte danach nicht mehr die Darstellung körperlicher Kunststücke, sondern der  möglichst wahrhafte Ausdruck seelischer Zustände sein. Da Beethovens Vorstellung von Musik in die gleiche Richtung ging, beauftragte Vignano ihn mit der Komposition der Musik für ein neues Ballett. Der Stoff, welcher der Prometheus Sage entnommen war, kam Beethoven in zweifacher Hinsicht entgegen. Zum einen war Gegenstand des Balletts die Veredelung des Menschen durch die Musik (und den Tanz), was auch Beethoven vorschwebte. Zum anderen war der Titan Prometheus, der den freien Menschen gegen den Willen der Götter schuf,  das Symbol der Aufklärung für den – titanischen – Menschen, der sich von den Fesseln der traditionellen (Standes)Mächte befreit und sich aus eigener Kraft gestaltet. Beethoven war tief von dieser Vorstellung geprägt. Der Prototyp dieses neuen Menschen war für ihn (damals noch) sein Generationsgenosse Napoleon Bonaparte. Dem entsprechend ist die Musik der Ouvertüre zu diesem Ballett von jenem heroischen Elan geprägt, den man damals vor allem bei Napoleon bewunderte.

 

Das Ballett wurde in den Jahren 1801 und 1802 im Wiener Burgtheater  29 Mal mit großem Erfolg aufgeführt. Danach geriet es so sehr in Vergessenheit, dass heute nicht einmal mehr das Textbuch bekannt ist. Die bedeutende Musik, die aus 16 Nummern bestand, ist erhalten geblieben. Von ihr  wird heute meist aber nur noch die Ouvertüre gespielt. Für Beethoven selbst war das Thema „Heroischer Mensch“ mit dieser Musik noch nicht erledigt. Im Jahre 1802 begann die jahrelange – heroische – Arbeit an der „Eroica“, mit der Beethoven die Form der Symphonie aus den Fesseln der Tradition befreien sollte. Die Verbindung zur Prometheus – Musik besteht – abgesehen davon, dass die „Eroica“ zunächst Napoleon gewidmet war –  darin, dass Beethoven eine Melodie aus dem Finale der Ballettmusik in das Finale der Symphonie übernahm.

1800 Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) – Bläsernonett (nach dem Septett Op.20)

Dem Bläsernonett liegt Beethovens populäres Septett für Streichquartett, Klarinette, Fagott und Horn zu Grunde. Beethoven schrieb es im Jahre 1800, zu einer Zeit also, als die Schatten der Gehörschwäche, die sein Leben verdüstern sollten, noch nicht sehr ausgeprägt waren. Dem entsprechend haben wir es mit einem ausgesprochen heiteren Werk des gelegentlich etwas ruppigen Meisters zu tun. Die erste öffentliche Präsentation fand am 2.4.1800 anläßlich des ersten Konzertes statt, das Beethovens bis hin zur Organisation des Kartenverkaufs auf eigene Rechnung organisierte (Karten, so hieß es in der Ankündigung der Wiener Zeitung vom 26.3.1800, gebe es u.a. „bei Herrn van Beethoven in dessen Wohnung im Tiefen Graben Nr. 241 im 3. Stock.“). Ob das Septett bei diesem Konzert Beachtung fand, ist nicht bekannt. Bei der Mammutveranstaltung wurden neben dem Septett eine Mozart-Symphonie, Arien aus Haydns „Schöpfung“ und ein Klavierkonzert von Beethoven gespielt sowie seine erste Symphonie uraufgeführt. Darüber hinaus improvisierte Beethoven auch noch am Klavier.

 

Das gefällige Werk, das Beethoven seinem Verleger Hofmeister zu „mehrerer Verbreitung“ anbot, hatte aber schon bald großen Erfolg. Den damaligen Gepflogenheiten entsprechend wurde es daher für verschiedene Besetzungen bearbeitet. Beethoven selbst veröffentlichte eine Fassung für Klavier, Violine und Klarinette. In seinem Nachlaß fand sich darüber hinaus eine Bearbeitung für Bläsersextett. Zu einer Klavierfassung, die er ebenfalls vorgesehen hatte, ist es schließlich nicht gekommen. Dafür hat sich der Böhme Jiri Druzecky, ein Zeitgenosse Beethovens, daran gemacht, das Werk für neun Bläser zu arrangieren. Druzecky, der viele Werke für ungewöhnliche Besetzungen bearbeitete, galt seinerzeit als der bester Kenner der Arbeit mit „Harmoniemusik“. Er dürfte die schwierige Arbeit, die ziemlich konzertanten Streicherstimmen für Blasinstrumente, deren technische Möglichkeiten damals noch begrenzt waren, umzusetzen, mit Beethovens Einverständnis vorgenommen haben.

 

Über den Erfolg des Werkes soll Beethoven, der Ruppige, später nicht glücklich gewesen sein. Offenbar mißfiel ihm, daß das liebenswürdige Stück mehr Beachtung fand als seine „seriösen“ Kompositionen.

1799 Joseph Haydn (1732-1809) – Streichquartett Op. 77. Nr.1 G-Dur

Joseph Haydn gehört zu den Komponisten, die man leicht unterschätzt. Dies liegt vielleicht daran, daß seine Musik trotz der außerordentlichen Stringenz, mit der ihre Mittel eingesetzt werden, meist leicht wirkt. Schumann, der an sich ein äußerst hellsichtiger Musikschriftsteller war, äußerte etwa über den Österreicher, er habe „für die Jetztzeit kein tieferes Interesse…Neues könne von ihm nicht mehr erfahren werden“. Dabei übersah er, in welch` hohem Maße Haydn die Musikentwicklung mitbestimmt hatte, die über Mozart und Beethoven zum ihm selbst führte. Allerdings musste auch Schumann einräumen, daß „in den Fruchtgärten Haydns …auch schwer beladene Bäume stehen, über die sich nicht so leicht hinwegsehen lässt“.

 

Zu Haydns schönsten Fruchtgewächsen gehören ohne Zweifel seine Streichquartette. Wegen ihrer schieren Zahl bilden sie geradezu eine Obstplantage. Mit 70 Streichquartetten hält Haydn nach wie vor die Spitzenposition bei der Produktion von Werken dieser Gattung (ähnliches gilt bekanntlich für die Symphonie, aber auch für das Klaviertrio). Unter den Quartetten sind sicher einige, die als leicht bezeichnet werden können. Sie sind dies allerdings auf jene zauberhafte Weise, die nur schwer zu erreichen ist. Daneben finden sich aber auch einige wahrhaft gewichtige Werke. Dazu gehören die beiden Quartette Op. 77. Sie sind dem Fürsten Lobkowitz gewidmet, einem der großen Musikmäzene Wiens, der u.a. Beethoven förderte.

 

Op. 77 Nr. 1 und 2 sind die letzten vollendeten Streichquartette des fruchtbaren Österreichers. Haydn komponierte sie im Jahre 1799 im Alter von 67 Jahren. Sie sind aus der Haltung dessen geschrieben, der sich im Vollbesitz seiner hochentwickelten Mittel weiß. Op. 77 Nr.1 ist zeichnet sich durch Kompaktheit, gedankliche Konsequenz und Energie in den Ecksätzen und eine wundervoll feierlich-meditative Stimmung im langsamen Satz aus. Experimente, wie sie sich noch in den vorangegangenen Quartetten Op.76 finden, gibt es nicht. Ein neuer Tonfall fällt allerdings im Menuett auf, das augenscheinlich vom Typus des Scherzos beeinflusst ist, den der junge Beethoven kurz zuvor entwickelt hatte. Haydn schafft daraus eine neue Form des Menuetts, die wie bei Beethoven von starken rhythmischen Akzenten und der tempomäßigen Verzahnung von Hauptteil und Trio gekennzeichnet ist. Diese Form der Übernahme ist exemplarisch für den Entwicklungsprozess der Klassik. Mozart hatte, vom älteren Haydn angeregt, Quartette komponiert, die er diesem widmete. Die Werke waren für Haydn, der davon höchst beeindruckt war, der Anlaß, seinen Quartettstil weiterzuentwickeln. Auf den Errungenschaften dieses quartettistischen Doppeltgestirns fußte der junge Beethoven, der nun wieder auf den reifen Haydn zurückwirkte.

1798 Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) – Streichtrio Op. 9 Nr.3 c-moll

Das Streichtrio ist ein wenig das Problemkind der Kammermusikfamilie. Die Experten streiten darüber, ob es ein regulärer Spross (Ausläufer der barocken Triosonate), ein Adoptivkind (erweitertes Duo) oder ein illegitimes Kind (Vorstufe zum Quartett) dieser Großfamilie ist. In der einschlägigen Literatur wird es oft stiefmütterlich behandelt. Es gibt ein Buch mit dem Titel „Kammermusik für Streicher“, in dem kein Wort über das Streichtrio zu finden ist. In der Praxis der Musikliebhaber ist das Streichtrio meist das Sorgenkind. Man spielt es in der Regel, wenn eine Geige oder die Bratsche zu spät kommt oder eines der beiden Instrumente ganz ausfällt. Die Tatsache, dass es sowohl beim Fehlen einer Geige als auch der Bratsche gespielt werden kann, zeigt im übrigen, dass auch seine Identität ist nicht eindeutig ist. Hinzu kommt, dass das Repertoire große Lücken aufweist. Es gibt kaum Streichtrios aus der Zeit zwischen 1830 und 1900, in der wiederum das Streichquartett blühte. Obwohl es in der Form des umfangreichen „Gran Trio“ und des technisch anspruchsvollen „Trio brillante“ durchaus eigene Charakterzüge entwickelte, hat man daher die Frage gestellt, ob es überhaupt eine eigene musikalische Gattung darstellt.

 

Beethoven scheint ein Beispiel dafür zu sein, dass das Streichtrio ein Vorläufer des Quartetts ist. Wie Haydn hat Beethoven seine Streichtrios allesamt geschrieben, bevor er sich mit dem Streichquartett befasste, das ihn dann bis zu seinem Lebensende beschäftigen sollte. Gegen die Annahme, dass das Streichtrio nur eine Etappe auf dem Weg zum Streichquartett war, steht aber der Umstand, dass Beethoven zwischen seinen beiden ersten Streichtrios (Op. 3  und 8) ein Streichquintett (Op. 4) komponierte und sich auch schon zuvor mit mehr als dreistimmigen Kammermusikwerken, allerdings unter Einbeziehung des Klaviers befasst hatte. Im übrigen handelt es sich bei Beethovens ersten Streichtrios um Werke, die in der Tradition der vielsätzigen Serenaden und Divertimentos stehen, einer Form der „Unterhaltungsmusik“, die anders als das Streichquartett, das zur Ernsthaftigkeit drängte, im 18. Jahrhundert eine Domäne des Streichtrios war. In seinen Streichtrios Op. 9 Nr. 1 – 3 scheint sich Beethoven dann aber doch dem Streichquartett zu nähern. Die Anzahl der Sätze sowie ihre Folge und Bezeichnung entsprechen dem, was beim Ouartett üblich geworden war. Insbesondere das Trio Op. 9 Nr.3 ist auch inhaltlich von großem Ernst. Es ist das erste Werk Beethovens in der Tonart c-moll, die er von da an immer für gewichtige Botschaften verwenden sollte. Ob damit aber wirklich eine Annäherung an das Streichquartett beabsichtigt war, ist nicht sicher. Für manche Betrachter deuten die melodische Geste, der harmonische Habitus und der orchestrale Klang der Trios Op. 9 darauf hin, dass sich Beethoven bei ihrer Komposition weniger am Streichquartett als an der Symphonie orientierte.

1795 Joseph Haydn (1732-1809) – Symphonie mit dem Paukenwirbel (Nr. 103)

Dreißig Jahre waren die Schlösser der Fürsten Esterházy in Eisenstadt und Esterhaz Haydns prächtige aber kleine Welt. Als Fürst Nikolaus im Jahre 1790 starb und sein Nachfolger mangels Interesse an der Musik das Orchester entließ, war Haydn, mittlerweile 58 Jahre alt, frei für die große Welt. Der Londoner Musikunternehmer Salomon nutzte die Chance und nahm den „arbeitslosen“ Komponisten sofort unter Vertrag. Haydn verpflichtete sich, in London in einer Saison zwanzig Konzerte zu dirigieren, bei denen jeweils ein neues Werk aus seiner Feder aufgeführt werden sollte. Unter anderem waren danach auch sechs neue Symphonien zu komponieren. Damit begab sich Haydn, der bislang in gesicherten Verhältnissen und mehr oder weniger abgeschirmt von der Konkurrenz gearbeitet hatte, gewissermaßen auf den musikalischen Weltmarkt. Weit mehr als im sonstigen Europa war nämlich im frühkapitalistischen London die Musik eine Angelegenheit privater Musikunternehmer, die sich in hartem Wettbewerb gegenüberstanden.

 

Allen marktwirtschaftlichen Gesetzen zum Trotz hatte der jahrzehntelange fürstliche Protektionismus Haydn nicht konkurrenzunfähig gemacht. Sein Auftritt in London machte „Salomon Concerts“ sofort zum Marktführer. Die geschockte Konkurrenz von „Professional Concerts“ suchte händeringend nach einem ähnlich zugkräftigen Markenartikel und verpflichte Haydns ehemaligen Schüler Ignaz Pleyel. Konkurrenz aber belebt das Geschäft. Salomon begegnete dem gegnerischen Schachzug mit einem Auftrag an Haydn, weitere sechs Symphonien zu komponieren. Es sollten die letzten sechs seiner insgesamt 104 Symphonien werden. Darunter war als vorletzte die „Symphonie mit dem Paukenwirbel“.

 

In den zwölf Londoner Symphonien zieht Haydn noch einmal alle Register seiner Kompositionskunst. Neben den Erfahrungen aus dem jahrzehntelangen Umgang mit der Symphonie als Musikform fließen die Ergebnisse seines ebenso bedeutenden Quartettschaffens ein. Diese Symphonien sind bis in die letzten Feinheiten durchdacht, klar in der Form und zugleich von zündender Melodik.

 

Ihren Namen verdankt die Symphonie Nr. 103 dem Paukensolo, mit dem sie beginnt. Um dieses hat es bereits bei der Uraufführung am 2. März 1795 einigen Wirbel geben. Der Londoner „Morning Chronicle“ berichtete, daß er „die höchste Aufmerksamkeit erregt“ habe. Und im kriegsbedrohten Wien des Jahres 1795 spielte man die Symphonie, weil sie wegen des heroischen Paukenwirbels geeignet schien, Begeisterung für den Krieg zu wecken (was angesichts der sonstigen eher fröhlichen Thematik des Werkes allerdings verwundert). Mangels authentischer Notierung der Dynamik ist unklar, wie Haydn selbst den Paukenwirbel gemeint hat. Es wird daher wohl ein Rätsel bleiben, ob die große Aufmerksamkeit, die er hervorgerufen hat, daraus resultiert, daß er geheimnisvoll an- und abschwoll (so die gängige Auffassung) oder weil er heroisch laut begann und im Pianissimo verebbte (so die abweichende Meinung). Aus dem Verlauf der Musik lassen sich kaum sichere Anhaltspunkte entnehmen. Bei Haydns Vorliebe für kontrastierende Effekte kann keine Lösung ausgeschlossen werden.

Joseph Haydn (zugeschr.) – Konzert für zwei Hörner und Orchester Es-Dur

Die Noten dieses Konzertes fanden sich unter den rund 1800 Musikmanuskripten der bedeutenden Bibliothek des Fürstenhauses Oettingen Wallerstein (die im übrigen über 100.000 Druckwerke hatte). Die Herren des Donaurieses hatten sich mit ihrem Landschlösschen Hohenaltheim ein Refugium geschaffen, wo sie unter anderem ihrer Musikbegeisterung nachgingen. Man unterhielt ein exzellentes Orchester mit Musikern, die man vornehmlich aus Böhmen holte. Christian Daniel Schubart schreibt in seinem Buch „Ideen zu einer Ästhetik einer Tonkunst“, das er im württembergischen Staatsgefängnis Hohenasperg verfasste,  über das dortige Musikleben: „Seitdem dieses uralte gräfliche Haus in den Fürstenstand erhoben wurde, seitdem blüht die Musik daselbst in vorzüglichem Grade. Ja, der dort herrschende Ton hat ganz was Originelles, ein gewisses Etwas, das aus welschem und deutschem Geschmack, mit Kapricen durchwürzt, zusammengesetzt ist“.

 

Ein wahrer Musikenthusiast war insbesondere Fürst Kraft Ernst, der dem Adelshaus in den letzten drei Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts vorstand. Er holte hervorragende Musiker an seinen Hof und hielt auch sonst Kontakt zu musikalischen Größen der Zeit. So hatte er im Jahre 1770 in Rom Mozart kennen gelernt, der ihn sieben Jahre später auf seiner dritten Reise nach Paris auf Hohenaltheim besuchte. 1791 machte dort auch Joseph Haydn Station, als er sich auf dem Weg nach London befand. Der Fürst war ein glühender Anhänger Haydns und erwarb von ihm alles, was zu haben war. Im Jahre 1788 beauftragte er seinen Wiener Agenten, bei Haydn drei Symphonien zu seiner eigenen Verfügung zu bestellen, und begründete dies damit, daß dieser „bekanntlich der größte Synfonist ist und ich für seine Musick ganz eingenommen bin“. Tatsächlich übersandte ihm Haydn im folgenden Jahr auch seine Symphonien Nr. 90-92. Die originalen Partituren hatte er zuvor allerdings schon nach Paris verkauft, weswegen er dem Fürsten nur Kopien schickte, worüber dieser nicht begeistert war (auf entsprechende Vorhalte des Fürsten redete sich Haydn später brieflich damit heraus, er habe Kopien schicken müssen, weil seine Handschrift wegen seiner schlechten Augen nicht mehr richtig zu lesen gewesen sei).

 

Diese besondere Beziehung Haydns zu Fürst Kraft Ernst dürfte ein wesentlicher Grund dafür sein, daß viele Experten das vorliegende Doppelkonzert dem Österreicher zuschreiben. Haydns Autorschaft ist aber keineswegs sicher. Auf dem Manuskript selbst war ursprünglich kein Komponist genannt. Davon abgesehen soll nach einem Vermerk, der darauf offenbar später angebracht wurde, Haydns Bruder Michael der Komponist gewesen sein. Der Sachverhalt liegt damit umgekehrt wie in den Fällen der meisten sonstigen zweifelhaften Werke Haydns: unter dessen Namen wurden zahlreiche Stücke anderer Komponisten in die Öffentlichkeit gebracht, die von seinem guten Ruf zu profitieren gedachten. Der Meister hat sich an diesem Verwirrspiel teilweise sogar selbst beteiligt. Zur Förderung des Verkaufes ließ er es etwa zu, daß ein Klaviertrio seines Bruders unter seinem Namen veröffentlicht wurde. Nicht wenige Kenner sind daher der Ansicht, daß das Doppelkonzert nicht von Haydn sondern von einem der Hauskomponisten des Wallersteinischen Hofes stammt (etwa Rösler-Rosetti, der für seinen Arbeitgeber diverse Bläserkonzerte komponierte).

 

Der Streit um den Autor des Doppelkonzertes wird sich, wenn nicht handfeste dokumentarische Beweise auftauchen, kaum lösen lassen. Da Haydns Kompositionsweise einerseits einem bereits vorgeprägten, ziemlich einheitlichen Zeitstil verpflichtet war, und er andererseits diesen Stil auch wieder prägte, ist es außerordentlich schwierig, Original und (gute) „Kopie“ auseinander zu halten. Für Joseph Haydn spricht im vorliegenden Fall die meisterliche Kompositionshaltung, die dem Werk zu Grunde liegt. Sie verrät einen souveränen Könner. Auch ist der erste Satz mit seinen umfangreichen Orchestertutti geradezu symphonisch angelegt, was auf den ausgewiesenen Symphoniker Haydn verweist (aber auch wieder untypisch für seine Instrumentalkonzerte ist). Des weiteren hat der zweite Satz die emotionale Tiefe und Originalität, die wir von Haydns langsamen Sätzen kennen. Auf der anderen Seite fehlt dem Werk das, was Haydn in dem Brief, mit dem er die Symphonien Nr. 90-92 an Fürst Ernst Kraft sandte, mit „Particularitäten“ umschrieb, jene Überraschungsmomente und asymmetrischen Effekte, mit denen er sich von seinen stilistischen Genossen abhebt. Das Werk kommt selbst für einen späten Haydn ein wenig zu klassisch gesetzt daher. Davon abgesehen wissen wir aus dem Streit um die Symphonien Nr. 90-92, daß Fürst Ernst Kraft großen Wert auf originale Manuskripte von Haydn legte. Es ist daher eher unwahrscheinlich, daß er sich, wenn er schon ein Original in die Hand bekam, mit einem Exemplar zufrieden gab, auf dem der Name des hochverehrten Komponisten nicht vermerkt ist, von einer „Falschbezeichnung“ mit dem Namen des weniger „großen“ Michael Haydn ganz zu schweigen.

1791 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Harmoniemusik aus der „Zauberflöte“

Als Harmoniemusik bezeichnet man in der Hauptsache Bearbeitungen von Musikwerken für Bläser. Solche Bearbeitungen hatten früher die Funktion, die heute die technischen Medien haben. Sie dienten der Vermittlung von Originalmusik. Vor der Erfindung der technischen Reproduktionsmedien gab es nur begrenzte Möglichkeiten, Originalmusik außerhalb der geschlossenen Räume zu verbreiten, in denen sie in der Regel entstand. Es gab kammermusikalische Bearbeitungen von Opern, Ballettmusiken und Orchesterwerken, insbesondere für Klavier zu zwei und zu vier Händen. Diese „Medien“ waren aber ebenfalls wieder weitgehend an den geschlossenen Raum gebunden. Die akustische Durchschlagskraft, welche man für eine Aufführung im Freien, wo man einen größeren Zuhörerkreis erreichen konnte, benötigte, hatte nur die Blasmusik. Dem entsprechend wurde diese im 18. Jahrhundert das bevorzugte Medium zum Transport von „Kammer“- Musik ins Freie. Einen festen Platz hatte sie vor allem bei höfischen Gartenfesten und als Promenadenmusik.

 

Die gängige Form der Harmoniemusik mit je zwei Oboen, Klarinetten, Hörnern und Fagotten entstand im Jahre 1782 und geht auf keinen geringeren als Kaiser Joseph II. zurück. Mozart, der sich damals seit kurzem als freier Musikunternehmer in Wien befand, versuchte auf dem neuen Markt sofort Fuß zu fassen. Als erstes arbeitete er ein Divertimento, welches er ursprünglich für 7 Bläser geschrieben hatte, für die geforderte Besetzung um. Da der Hof aber nur an Bearbeitungen von Opern und Ballettmusiken interessiert war, ließ er alsbald ein Harmonie-Oktett mit Musik aus seiner Oper „Die Entführung aus dem Serail“ folgen. Allerdings hatte er auch diesmal mit Zitronen gehandelt. „Die Entführung“ hatte ein anderer schneller für Harmoniemusik bearbeitet. Auch die Harmoniemusik zur „Zauberflöte“ stammt nicht von Mozart. Sie wurde von Josef Heidenreich (1753 – 1821) zusammengestellt.

 

Nachdem wir heute für den Transport von Musik aus dem Konzertsaal wesentlich effektivere Mittel haben, werden die Harmoniemusiken auch wieder darin gespielt. Dadurch sind sie fast zu wieder Originalmusiken geworden.

1789 Joseph Haydn (1732-1809) – Oxford-Symphonie (Nr. 92)

 

Am 14. Juli 1789, dem Tag, an dem mit dem Sturmes auf die Bastille in Paris die Revolution losbrach, trafen bei Haydn die Noten von Mozarts Oper „Die Hochzeit des Figaro“ ein. Ihr liegt die "revolutionäre" Komödie "Der tolle Tag" von Beaumarchais zu Grunde, in der ein gewitzter Diener unerhörterweise seinen adligen Herrn herausfordert, indem er ihm seine Privilegien streitig macht, im konkreten Fall das „Recht“ des Feudalherren, die erste Nacht mit der Braut eines Untertanen zu verbringen. Das Schauspiel trug bekanntlich mit dazu bei, dass in Frankreich eine revolutionäre Stimmung entstand. Haydn arbeitete in diesen Tagen an seiner Symphonie Nr. 92. In diesem Werk ist von den Spannungen, die zu den Pariser Ereignissen führten, nichts zu spüren. Im Gegenteil – die Symphonie scheint noch einmal den ganzen Charme der Epoche, die gerade zu Ende ging, zusammenfassen zu wollen. Mit ihrer Heiterkeit, kunstvollen Verarbeitung und zupackenden Rhetorik wirkt sie wie der musikalische Spiegel des höfischen Lebens in der Zeit des ancien régime. Die klaren Proportionen und die geschmackvolle Ornamentik erinnern etwa an die Architektur dieser Zeit, nicht zuletzt an Schloß Esterháza, wo das Werk entstand.

Die Musik der Symphonie kontrastiert seltsam mit den Bedingungen, unter denen ihr Schöpfer und sein Berufsstand seinerzeit lebten. In der Hierarchie der k.u.k. Gesellschaft waren Musiker ganz unten angesiedelt. Ihr geringes Ansehen spiegelt sich etwa in Äußerungen der Kaiserin Maria Theresia, die in einem pädogogischen Lehrwerk, welches sie 1769 für ihren Sohn, Erzherzog Ferdinand, verfassen ließ, Musiker auf eine Stufe mit Bettlern (und Schauspielern) stellte. Als der Erzherzog im Jahre 1771 – er war seinerzeit König von Savoyen – bei seiner Mutter anfragte, ob er den jungen Mozart in seine Dienste nehmen solle, antwortete diese, sie wisse nicht warum, „da Du doch nicht nicht nötig hast, einen Komponisten oder unnütze Leute anzustellen“. Vor allem aber solle er derart „unnützem Volk“ keinen Titel verleihen „als ob sie in Deinen Diensten stünden. Das diskreditiert den Dienst, wenn diese Leute in der Welt wie Bettler herumlaufen.“

Haydn stand 1789 noch in seinem langjährigen Dienstverhältnis zum Fürsten Esterházy. Wie seine „vorrevolutionäre Lage“ war, zeigt ein Bericht des Italieners Gaetano Bartolozzi, der den Komponisten im Jahre 1787 besuchte: Darin heißt es: "Obwohl der Fürst von Esterházy dessen ständiger Kapellmeister dieser große Komponist ist, Haydns Werken die höchste Bewunderung entgegenbringt, zahlt er ihm einen Hungerlohn, den der obskurste Fiedler von London zurückweisen würde, zusammen mit einer miserablen Wohnung in der Kaserne, wo sein Bett und sein altes Spinett oder Clavicord steht. In dieser Situation, die dem Genius so wenig würdig ist, wurde Haydn angetroffen. Er freute sich ganz besonders zu hören, wie die Musik in England gefördert wird und welche Wertschätzung seine Werke dort genießen. Es war bei dieser Gelegenheit, dass Haydn erstmals den Wunsch äußerte, London zu besuchen."

Ausgerechnet in England, wo die Revolution gar nicht stattfand, sollte dann für Haydn die Umwälzung seiner persönlichen Verhältnisse stattfinden, wobei merkwürdigerweise die Symphonie Nr. 92 eine Rolle spielte. Nicht lange nach dem Ausbruch der französischen Revolution starb sein Dienstherr. Haydn war frei und begab sich alsbald nach London, wo er nun selbst wie ein Fürst gefeiert wurde. Der Höhepunkt die Feiern war die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Oxford an Haydn im Juli 1791. Bei dieser Gelegenheit führte er die "Oxford-Symphonie" auf.

Anders als der Name suggeriert, ist die Symphonie nicht für Oxford bzw. für die Feierlichkeiten anlässlich der Verleihung des Doktorhutes komponiert worden. Sie entstand vielmehr zusammen mit zwei weiteren Symphonien (Nr. 90 und 91) im Auftrag eines Vertreters der alten Adelskultur, dem Fürsten von Oettingen-Wallerstein im Donauries. Sinnigerweise verkaufte sie Haydn aber zunächst ins revolutionäre Paris. Den Herrn von Oettingen-Wallerstein speiste er in einem Akt figaronischer Unbotmäßigkeit gegen fürstliches Possessionsstreben und dazu noch mit einiger Verspätung mit Kopien ab. Im Brief vom 17. Oktober 1789, mit dem er die Kopien übersandte, ist er aber wieder ganz untertänig. Er bittet den "hoch-wohlgeborenen" Hofbeamten v. Müller „aufrichtig, die verspätetete Übersendung zu vergeben." Den Verzug erklärte er mit seinen täglichen Pflichten, insbesondere mit der Tatsache, dass sein Herr auch im fortgeschrittenen Alter noch einen unersättlichen Hunger nach Musik habe. Des Weiteren bat er "gehorsambst, dem dortigen fürstl. Herrn Capellmeister zu melden, dass diese drei Sinfonien (bevor sie producirt werden) wegen ihrer vielen Particularitäten genau und mit aller Attention wenigsten 1 mahl möchten geprobt werden." Als sich der Fürst später darüber beschwerte, dass er von „seinen“ Symphonien keine Origiale erhalten habe, entschuldigte sich Haydn nach Art des Figaro wieder damit, seine Schrift sei wegen nachlassenden Sehvermögens inzwsichen so unleserlich, dass er die Werke habe abschreiben lassen müssen.

 

 

 

 

 

1789 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Streichquartett D-Dur, KV 575

Die Bedeutung Mozarts als Komponist beruht nicht zuletzt darauf, daß er sich auf allen wesentlichen Feldern der Musik betätigte und dabei jeweils Bedeutendes leistete. Und doch hat dieser scheinbare Alleskönner das kaum zu entschuldigende Manko, nichts Eigenständiges für das Cello geschrieben zu haben. Es gibt von ihm kein Konzert, keine Sonate und auch sonst nichts Solistisches für dieses schöne Instrument. Dies wirft die Frage auf, ob Mozart, der doch für fast jedes wichtige Instrument Solowerke schrieb, die eigenständige Persönlichkeit des Cellos in der Instrumentenfamilie verkannt hat. Eine gewisse Antwort auf diese Frage geben seine drei letzten Streichquartette, die auch als Celloquartette bezeichnet werden.

 

Wie wir wissen, war Mozart ein ökonomisch orientierter Komponist. Anlaß für seine Kompositionen waren meist konkrete Aufträge oder die Erwartung, sie verkaufen oder damit zumindest Werbung betreiben zu können. Offenbar hatte Mozart in seiner Klientel aber lange Zeit keinen Cellisten. Dies änderte sich erst zwei Jahre vor seinem Tod, als er in einer Zeit erheblicher finanzieller Engpässe in dem cellospielenden König Friedrich Wilhelm II. von Preußen einen möglichen Abnehmer von Cellomusik ausmachte. Auf die Idee, dem König via Widmung Quartette anzubieten und hierbei das Cello in der Vordergrund zu stellen, hatte ihn der komponierende Cellist Luigi Boccerini gebracht, der bei königlichen Liebhabern des Instrumentes eine schier unerschöpfliche Marktlücke für cellobetonte Musik gefunden hatte (er schrieb etwa 400 auf seine Kunden maßgeschneiderte Kammermusikwerke, darunter mehr als 100 Quintette mit jeweils zwei Celli, hauptsächlich für den spanischen Infanten Don Luis und Friedrich Wilhelm II von Preußen).

 

In Anlehnung an Boccerini, der seine Quartette im Sechserpack auf den Markt brachte, plante auch Mozart eine Sechserreihe (eine Form der Vermarktung, die man in Berlin offenbar bevorzugte – man denke an Bachs sechs Brandenburgische Konzerte). Von den geplanten sechs Quartetten sind jedoch nur drei fertiggestellt worden. Anders als bei Boccerini, der sich nicht mit komplexen Strukturen oder schwierigen Neuerungen abmühte, ging bei Mozart die Komposition dieser Quartette nicht leicht von der Hand. Dies lag sicher daran, daß Mozart, der an seine Produktion schon generell hohe Ansprüche stellte, bei der Gattung Quartett, die in Kennerkreisen inzwischen hochgeschätzt wurde, jeweils etwas Besonderes vorlegen wollte. Vor allem ging es ihm um die gleichberechtigte Behandlung der vier Instrumente, die damals noch keineswegs selbstverständlich war. Damit trug Mozart wesentlich zur Vollendung der Gattung bei.

 

Da der Abschluß der Sechserreihe nicht schnell gelingen wollte und Mozart dringend Geld brauchte, gab er den Widmungsplan schließlich auf und bot die drei fertiggestellten Werke Mitte 1790 dem Verleger Artaria an. In einem Brief vom 12. Juni 1790 an einen Freund schreibt er dazu: “Nun bin ich gezwungen, meine Quartetten (diese mühsame Arbeit) um ein Spottgeld herzugeben, nur um in meinen Umständen Geld in die Hände zu bekommen.“ Die Werke, die übrigens erst nach seinem Tod erschienen, zeigen in der Tat, daß Mozart in sie erhebliche Arbeit investierte. Sie sind nicht zuletzt durch einen besonders dichten Satz und komplexe polyphone Strukturen gekennzeichnet. Im letzten Satz des Quartettes KV 575 etwa werden Sonatensatz und Rondoelemente auf das Kunstvollste miteinander verwoben. Davon abgesehen zeigt Mozart bei dieser Gelegenheit, daß er sehr wohl Musik für ein solistisch geführtes Cello schreiben konnte, was ein wesentlicher Grund dafür sein dürfte, daß in diesen Quartetten die Melodie stark in den Vordergrund tritt.

1788 Wolfgang Amadeus Mozart (1756- 1791) – Streichtriosatz G-Dur (KV Anhang 66)

Mozarts erster Kontakt mit dem Streichtrio fiel offenbar in sein sechstes oder siebtes Lebensjahr. Andreas Schachtner, von dem die meisten Anekdoten über Mozarts Kinderjahre stammen, berichtete, ein gewisser Wentzl, habe seinerzeit Mozarts Vater seine ersten Kompositionsversuche, sechs Streichtrios, zur Begutachtung vorgelegt. Als man daran ging, sie durchzuspielen, habe der kleine Wolfgang, der bislang nur Klavier gelernt und gerade erst eine Geige bekommen hatte, beansprucht, dabei die zweite Geige spielen zu dürfen. Da Mozart damals aber „noch nicht die geringste Anweisung in der Violin hatte“, habe der Vater die „närrische Bitte“ abgelehnt. Mozart habe daraufhin behauptet, um die zweite Violine spielen zu können, brauche er es nicht erst zu lernen und habe sich nicht abweisen lassen. Nach einigem Hin und Her sei ihm schließlich gestattet worden, gemeinsam mit Schachtner die zweite Violine zu spielen, aber so leise, dass er nicht störe. Wie Schachtner berichtet, habe er bald erkannt, dass seine Mitwirkung gänzlich unnötig war, weswegen er seine Geige still beiseite gelegt habe. Der kleine Mozart habe dann alle sechs Trios ohne Probleme zu Ende gespielt. Mutig geworden durch die gerührten Reaktionen, die dies bei den Beteiligten hervorrief, habe sich der Knirps auch noch an der ersten Stimme versucht und habe sie „mit lauter unrechten und unregelmäßigen Applikaturen“ so gespielt, dass er nie ganz stecken blieb.

 

Ähnlich einmalig wie Mozarts Einstieg in die Spielpraxis des Streichtrios, ist auch sein kompositorischer Beitrag hierzu. Sein einziges vollständiges Streichtrio ist das sechssätzige Divertimento KV 563. Es entstand im Jahre 1788 als Mozart seine wichtigsten Streichquartette schon geschrieben hatte. Das Divertimento ist der Höhepunkt und die Zusammenfassung der bis dato stattgefundenen Entwicklung der Gattung und wurde zum Muster für das spätere „Gran Trio“. Davon abgesehen gibt es von Mozart nur noch das Fragment eines Triosatzes, das aus unbekannten Gründen wenige Takte nach der Exposition abbricht. Allem Anschein nach stammt es aus der selben Zeit, wie das umfangreiche und ambitiöse Divertimento. Man hat daher spekuliert, dass Mozart es möglicherweise nicht weiterführte, weil ihm etwas Größeres, eben das Divertimento, in den Sinn gekommen war. Im neuerer Zeit hat Franz Beyer den Satz zu Ende geführt, indem er eine kurze Durchführung komponierte und eine Reprise anfügte, die sich an der Exposition orientiert.

1788 Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) – Trio für Klavier, Violine und Violoncello G-Dur, KV 564

Mozarts Klaviertrio in G-Dur ist ein spätes Werk in seinem Oevre, aber ein frühes in der Gattung. Von allen Gattungen der (Wiener)Kammermusik hat sich das Klaviertrio am spätesten entwickelt. Es ist nicht etwa, wie man meinen könnte, aus der Triosonate hervorgegangen, die in der Barockzeit in Blüte stand. Bei dieser konzertierten zwei hohe Melodieinstrumente über dem harmonischen Fundament des Generalbasses, der selbst wiederum aus zwei Instrumenten, dem Cembalo und dem parallel laufenden Cello, bestand (an dieser Form des Trios waren also eigentlich vier Instrumente beteiligt). Die Triosonate war eine polyphone Musikform des Generalbasszeitalters, die mit diesem unterging.

 

Das Klaviertrio dagegen resultiert aus einer andersartigen Problemstellung. Die ersten Werke dieser Gattung, die in den 60-er Jahren des 18. Jahrhunderts auftauchten, waren begleitete Klaviersonaten. Die Streichinstrumente, die nach Belieben (ad libitum) auch weggelassen werden konnten, hatten dabei nur die Aufgabe, die Ober- bzw. Unterstimme des Klaviers zu verstärken. Die Notwendigkeit hierzu ergab sich aus den Schwächen des Hammerklaviers, das seinerzeit das Cembalo als Tasteninstrument ablöste. Dieses war in der Höhe eher dürftig und hatte im Baß wenig Resonanz. Geige und Cello zog man hinzu, um einen volleren und nachhaltigen Klang zu erreichen. Sie hatten eine ähnliche Funktion wie heute die Basslautsprecher und die Hochtöner in einer Stereoanlage.

 

Vor allem in den frühen Klaviertrios von Josef Haydn, der sich der Gattung in besonderen Maße widmete, gewann die Geige melodisches Eigenleben. Damit wurde das Klaviertrio zunächst zu einer besonderen Form des Duos. Auch Mozart schrieb mit dem „Divertimento a 3, KV 254, aus dem Jahre 1776 ein solches „Duo“. Ähnlich wie bei der Entwicklung des Streichquartettes war Haydns Pionierarbeit für Mozart der Ausgangspunkt, von dem aus er die Form des Klaviertrios weiterentwickelte, was bei der geradezu symbiotischen Wechselbezüglichkeit des kompositorischen Schaffens der beiden Wiener Klassiker wiederum auf ersteren zurückwirkte. In den fünf „Terzetten“, die Mozart in den Jahren 1786 bis 1788 komponierte, erhält das Cello ein immer größeres Eigengewicht. Damit ist ein wesentlicher Schritt zur ausgereiften Form des Klaviertrios gemacht, bei dem drei melodisch und harmonisch mehr oder weniger gleichberechtigte Instrumente „im Spiel“ sind.

 

Das dreisätzige G-Dur Trio, das im Jahre 1788 entstand, ist Mozart letztes Werk dieser Gattung.. Vielen Kritikern gilt es aber nicht als das Reifste. Man argwöhnte sogar, dass es eine nachträglich mit dem Baß aufgerüstete Violinsonate und damit ein Schritt nach rückwärts sei. Das Trio hat sicher nicht die anspruchsvolle formale Struktur, die Mozarts späte Kammermusik ansonsten kennzeichnet. Auf dem Hintergrund des Wissens, das wir über Mozarts kompositorische Möglichkeiten zur Zeit Entstehung dieses Werkes haben, erscheint es aber unwahrscheinlich, dass seine (relative) Einfachheit etwas mit (ohnehin nur relativer) Einfallslosigkeit zu tun hätte. Ähnlich wie Mozart in seinen Opern auf dem Hintergrund von Hochgezüchteten die wunderbarsten Wirkungen mit dem Einfachen erzielt, dürfte auch hinter der „Einfachheit“ des G-Dur Trios eine ausgefeilte künstlerisches Absicht stecken. Tatsächlich hat Mozart hier eine Musik geschrieben, die nicht beglückender sein könnte.

1787 Joseph Haydn (1732 – 1809) – Symphonie Nr. 88 G-Dur

Im Gegensatz zu vielen anderen Symphonien Haydns hat dieses Werk keinen Namen. Die Tatsache, daß sie nur mit einer Nummer benannt ist, sollte aber nicht zu dem Annahme verführen, sie sei nur eine weitere Nummer im langen Verzeichnis der Symphonien von Haydn. Auch beim 88. Werk einer Gattung ist ein Haydn noch lange nicht am Ende seiner Erfindungskraft. So haben wir es auch hier wieder mit einem Volltreffer des unerschöpflichen Meisters zu tun. Die Symphonie ist ein Gipfelpunkt der Vereinigung von spontaner Fröhlichkeit und hochkomplexer Konstruktion. Wie immer bei Haydn muß man die Konstruktion aber nicht erkennen, um das Werk zu „verstehen“. Allerdings wird der, der darauf achtet, einen beträchtlichen zusätzlichen Hörgenuß erfahren. Das Spektrum der Stimmungen, die der Hörer durchläuft, ist außerordentlich weit. Neben meisterlicher Kontrapunktik geht es ganz deftig zu, so im Menuett, wo wir uns in einem Bauernfest von breughelschen Farben zu befinden scheinen. In Paris, wofür die Symphonie geschrieben wurde, dürfte Königin Marie Antoinette, die in ihrem Petite Trianon in einer ähnlich fiktiven (Bauern-) Welt lebte, ihre Freude daran gehabt haben. Nicht lange danach sollte diese Welt des schönen Scheins in den Stürmen der französischen Revolution untergehen.

1786 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Prager Symphonie KV 504

Bereits neun Monate vor der Reise, die durch Mörikes Novelle berühmt geworden ist, befand sich Mozart auf der Reise nach Prag. In seinem Gepäck befand sich eine fertiggestellte Symphonie in D-Dur. Der Zweck der Reise war, das Eisen zu schmieden, das in Prag gerade heftig glühte. Seit einigen Wochen spielte man dort mit überwältigendem Erfolg den „Figaro“. Mozart wollte diesen Erfolg vor Ort persönlich genießen und möglichst in neue Kompositionsaufträge ummünzen. Die mitgebrachte Symphonie war daher ohne Zweifel so etwas wie ein Werbegeschenk an die Prager. Dies und die Tatsache, daß sie in Prag uraufgeführt wurde, ist der Grund dafür, daß sie als „Prager Symphonie“ bezeichnet wird.

 

Die Uraufführung der „Symphonie ohne Menuett“, wie sie auch genannt wurde, fand anläßlich einer Akademie statt, die Mozart am 19.1.1787 veranstaltete. Es war die Stunde eines seiner größten persönlichen Triumphe. Das Theater war so voll wie nie und das Publikum feierte den Schöpfer des Figaro wie einen König (daß mit Einnahmen von 1000 Gulden auch die Kasse stimmte, dürfte Mozart noch zusätzlich befriedigt haben). Nach der Aufführung der neuen Symphonie improvisierte Mozart auf dem Klavier. Durch die Ovationen des Publikums wurde er gezwungen, zwei umfangreiche Improvisationen zuzugeben. Zuletzt spielte er auf Zuruf aus dem Publikum Variationen über die Figaro-Arie „Non piu andrai“.

 

Liest man die zeitgenössischen Berichte über dieses Konzert, so kann man nur beklagen, daß das Tonbandgerät damals noch nicht erfunden war. Der Eindruck der Improvisationen war so groß, daß das, was uns Heutigen von diesem denkwürdigen Konzert verblieben ist, ganz in den Hintergrund trat. Die Prager Oberpostamtszeitung vom 23.1.1787 berichtete über das Konzert: „Freytag den 19.“, so heißt es, „gab Hr. Mozart auf dem Fortepiano im hiesigen Nationaltheater Konzert. Alles was man von diesem großen Künstler erwarten konnte, hat er vollkommen erfüllt. Gestern wurde die Oper Figaro, ein Werk seines Genies, von ihm selbst dirigiert.“ Von der Symphonie erfahren wir nichts. Die Prager haben sie offenbar als bloßes Werbegeschenk angesehen.

 

Mozarts Erwartungen in die werbende Wirkung seines Auftretens und der Symphonie sind voll in Erfüllung gegangen. Ende Februar kehrte er, wie erhofft, mit einem Vertrag über eine neue Oper nach Wien zurück. Im Oktober des gleichen Jahres war Mozart wieder auf der Reise nach Prag, auf jener Reise eben, die Mörike zum Ausgangspunkt seiner Novelle genommen hat. Im Gepäck hatte er diesmal die Noten der neuen Oper. Man hätte sie nach dem Beispiel der Prager Symphonie die „Prager Oper“ nennen können. Sie wurde aber unter dem Namen „Don Giovanni“ bekannt.

 

Die Prager Symphonie steht so zwischen Figaro und Don Giovanni. Ihre Interpreten haben daher vor allem nach den Parallelen zu diesen beiden Opern gesucht. Allerdings kommt auch der auf seine Kosten, der sie nicht unter dem Gesichtspunkt der Verwandtschaft mit anderen Werken Mozarts betrachtet. Die Prager Symphonie ist nicht zuletzt ein Meisterwerk polyphoner Themenverarbeitung. Ihr erster Satz enthält eine der „größten und ernstesten, kriegerischsten Durchführungen in Mozarts Schaffen“.

1786 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Konzert für Klavier und Orchester A – Dur, KV 488

Mozarts 23. Klavierkonzert ist auf dem Höhepunkt seiner Fruchtbarkeit entstanden. Er schrieb es während der Arbeiten am „Figaro“, an dem er von Ende November 1785 bis Ende April 1786 arbeitete. Mozart füllte in diesen Monaten im Durchschnitt täglich sechs große Notenbögen, doppelt so viele wie im seinem ebenfalls außerordentlich fruchtbaren Todesjahr, in dem er so große Werke wie die „Zauberflöte“, den „Titus“ und das „Requiem“ komponierte. Mozart hat in dieser Zeit aber nicht nur viel Musik geschrieben. Er befand sich auch auf dem Höhepunkt seiner Sensibilität als Künstler und Zeitgenosse. Insbesondere mit dem „Figaro“ schuf er einen völlig neuen Typus von Oper. Mit einer – damals „revolutionären“ – Mischung von opera buffa und opera seria, von Heiterkeit und Ernst, wagte sich Mozart an das höchst aktuelle und politisch heikle Thema des Verhältnisses von Adel und Bürgertum. In der Zeit kurz vor der französischen Revolution, in der das Wohl und Wehe eines Künstlers und insbesondere einer Oper noch immer weitgehend vom Adel abhing, verlangte dies ein feines Gespür dafür, was schon möglich und was noch nicht opportun war, zumal das zugrunde liegenden Schauspiel von Beaumarchais in Frankreich aus politischen Gründen verboten worden war. Hinzu kam eine Handlung, die zugleich außerordentlich komplex und kompakt war. Die Größe und Schwierigkeit der Aufgabe stimulierte den 30jährigen zu Höchstleistungen. Mozart schrieb eine Oper mit einer Länge von vier Stunden, die Zuschauer und Zuhörer zu keinem Zeitpunkt aus dem Griff lässt und in der sich ein Höhepunkt an den anderen reiht, ohne dass die Spannung der Handlung oder der mitreißende musikalische Strom jemals nachließe.

 

Die Hochspannung, die die Arbeit am „Figaro“ voraussetzte und zugleich erzeugte, konnte Mozart mit der Arbeit an der Oper aber offensichtlich nicht vollständig abbauen. Neben dem Riesenwerk und neben seiner weiterlaufenden Tätigkeit als Lehrer, Dirigent und Klavierspieler schrieb er in dieser Zeit  noch zahlreiche weitere Stücke, bei denen es sich um alles andere als Nebenwerke handelt. Dazu gehören auch drei Klavierkonzerte, darunter das Konzert Nr. 23, das Anfang März 1786 entstand.

 

Was der genaue Anlass für die Komposition dieses Konzertes war, ist nicht bekannt. Da Mozart seinerzeit vor lauter Arbeit kaum zum Briefeschreiben kam, fehlen die Selbstzeugnisse, die wir sonst von ihm haben. Vermutlich schrieb er das Konzert für eine seiner Akademien, die er auch in dieser hektischen Zeit noch abhielt.  Ansonsten kann man einem Brief Mozarts vom 30.9.1786 entnehmen, dass er das Konzert gemeinsam mit zwei weiteren Konzerten und drei Symphonien an seinen Freund Winter schickte, der Kammerherr beim Fürst von Fürstenberg in Donaueschingen war. Dabei merkte er für das A – Dur Konzert an, dass man, falls es am Donaueschinger Hof keine Klarinetten – damals ein neues Instrument – gebe, deren Stimmen für Geige und Bratsche umschreiben solle. 

 

Wie die beiden Schwesterkonzerte Nr. 22 und 24 ist das A-dur Konzert ganz auf der Höhe der Figaromusik. Auch hier sind Heiterkeit und Ernst auf wunderbare Weise mit einer komplexen und kompakten Konstruktion verbunden. Insbesondere der mittlere Satz, der in der – für Mozart völlig ungewöhnlichen – Tonart fis – moll steht, ist eine jener Klangschöpfungen zwischen Wehmut und Trost, die sich auch im „Figaro“ finden, Stücke, mit denen Mozart die Grenzen der Musik seiner Zeit verschiebt und in Dimensionen vorstößt, die musikalisch wohl nur er erreicht hat.   

1784 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Klavierkonzert G Dur, KV 453

Im Jahre 1784 schuf Mozart – neben seiner sonstigen reichen Produktion – allein 6 Klavierkonzerte. Diese Konzentration auf sein Lieblingsinstrument, für das er – noch immer unübertroffen – insgesamt 27 Konzerte schrieb, ist untrennbar mit der Tatsache verbunden, daß er sich seinerzeit in Wien vor allem als ausübender Musiker etabliert hatte. Er spielte in den Häusern des Adels und veranstaltete mit großem Erfolg Konzerte auf eigene Rechnung. Zu den Besuchern und Subskribenten seiner „Akademien“ gehörte alles, was in der österreichischen Metropole Rang und Namen hatte. Selbst der Kaiser kam und klatschte, wie Mozart stolz berichtete, „lauten Beifall“. Der junge Komponist machte hierbei nicht zuletzt glänzende Gewinne. Er bedauerte nur, daß der Kaiser „das Geld, bevor er ins Theater kommt, zur Cassa schickt“. Wenn er hinterher gezahlt hätte, davon war Mozart überzeugt, hätte er mehr bekommen.

 

Über die Umstände, unter denen er seinerzeit komponierte, schrieb Mozart in einem Brief an seinen Vater vom März 1784: „Nun können Sie sich leicht vorstellen, daß ich notwendig neue Sachen spielen muß, und da muß man also schreiben. Der ganze Vormittag ist den Scholaren gewidmet und abends habe ich fast alle Tage zu spielen“. Vater Leopold wiederum berichtete seiner Tochter nach einem Besuch bei seinem Sohn: „Wenn nur einmal die Akademien vorbei sind. Es ist unmöglich, die Schererei und Unruhe alle zu beschreiben. Deines Bruders Pianoforte-Flügel ist wenigstens zwölf Mal, seit dem ich hier bin, aus dem  Hause ins Theater oder in ein anderes Haus getragen worden.“

 

Daß Mozart unter diesen Bedingungen einige seiner reifsten Konzerte schreiben konnte, ist kaum nachzuvollziehen. Und doch handelt es sich bei den Klavierkonzerten aus dieser Zeit um Werke, in denen sein Genius, die Oper ausgenommen, wohl vollkommener als in allen anderen Musikgattungen zum Ausdruck kommt, in denen er tätig geworden ist. Ihrem „gesellschaftlichen“ Anlaß entsprechend hört man hier freilich weniger den Gelehrten und Grübler, der Mozart auch war, sondern den musikalischen Liebling des mondänen Wiener Publikums. Die Klavierkonzerte dieser Zeit sind vor allem durch Eleganz, feine Empfindung und Virtuosität gekennzeichnet. Gewissermaßen nebenbei entwickelte Mozart dabei die Form des Klavierkonzertes, die für fast ein Jahrhundert Vorbild bleiben sollte.

 

Das Konzert in G-Dur oder, wie Mozart – eigentlich treffender – sagte, das „Konzert exG“ wurde am 12. April 1784 fertiggestellt. Mozart schrieb es für seine Schülerin Babette Ployer, die Tochter des Agenten des Bischofs von Salzburg in Wien, für die er auch schon das e-moll Konzert (KV 449) komponiert hatte. Babette Ployer führte das neue Werk am 9. Juni 1784 in Döbling im Rahmen eines ländlichen Konzertes auch erstmalig auf. Daß Mozart ziemlich stolz auf sein Werk war, zeigt die Tatsache, daß er einen Kollegen, den großen Opernkomponisten Paisiello, zu diesem Ereignis mitnahm.

 

Nur zwei Jahre nach dieser turbulenten Zeit waren Mozarts Tage als gefeierter Virtuose und Konzertveranstalter vorbei. Im schnellebigen Wien war das Interesse an ihm als ausübendem Künstler quasi über Nacht erloschen. Im Frühjahr 1786 konnte er für eine geplante  Akademie gerade noch einen einzigen Subskribenten, den unermüdlichen Baron van Swieten, auftreiben. Dem entsprechend hat er in den letzten 5 Jahren seines Lebens, in denen er selten öffentlich als Interpret auftrat, nur noch 2 Klavierkonzerte geschrieben.

1783 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Linzer Symphonie

Im Jahre 1781 war Mozart im Gefolge des Erzbischofs von Salzburg in Wien und nutzte die Gelegenheit, nicht mehr in das ungeliebte Salzburg zurückzukehren. Seine Übersiedlung nach Wien war auch die längst überfällige und nicht unproblematische Ablösung vom Vater Leopold Mozart. Sie dokumentierte sich nicht zuletzt in der Heirat mit Constanze Weber, die gegen den Willen des Vaters stattfand. Zwei  Jahre nach dieser „Flucht“ besuchten Mozart und seine Frau den darob verbitterten Vater erstmals in Salzburg in der – vergeblichen – Hoffnung, ihn zu versöhnen. Auf der Rückreise nach Wien traf er am 30. Oktober 1783 in Linz ein, wo der Plan für ein Konzert gefaßt wurde. „Den 4. November“ schreibt Mozart“ werde ich hier im Theater Akademie geben. Und weil ich keine einzige Symphonie bei mir habe, so schreibe ich Hals über Kopf an einer neuen, welche bis dahin fertig sein muß“. So entstand binnen 4 Tagen die „Linzer Symphonie“.

 

Das Werk zeugt in vieler Hinsicht von der Auseinandersetzung Mozarts mit der Musik Joseph Haydns. Besonders deutlich wird dies in der langsamen Einleitung des ersten Satzes. Es gilt aber auch für die scharfen dynamischen Akzente und den ständigen Ausdruckswechsel, der das Markenzeichen der nicht zuletzt von Haydn geprägten Wiener Klassik ist. Allerdings scheint hinter der Fassade glänzender Festlichkeit, die welche die Symphonie hervorkehrt, immer wieder jene seltsame Schwermut durch, welche Mozarts persönliche Handschrift zeigt.

 

Wie groß die gegenseitige Befruchtung Mozarts und Haydns war, zeigt nicht zuletzt das Quartettschaffen der beiden großen musikalischen Zeitgenossen. Mozart schrieb in der Zeit, in der die Linzer Symphonie entstand, auch die sog. Haydn Quartette, die wiederum starken Einfluß auf Haydns Quartette hatten. Als Vater Mozart im Februar 1785 bei seinem Sohn den Gegenbesuch in Wien machte, lud Mozart Haydn für den Tag nach der Ankunft seines Vaters zum gemeinsamen Quartettspiel ein. Nach dem Spiel von 3 neuen “ Haydn“- Quartetten sagte Haydn zu Leopold Mozart die berühmt gewordenen Worte: „Ich sage ihnen vor Gott als ein ehrlicher Mann, Ihr Sohn ist der größte Komponist, den ich von Person und dem Namen nach kenne; er hat Geschmack und   überdies die größte Kompositionswissenschaft“. Vater Mozart dürfte mit seinem Sohn wenigstens insofern zufrieden gewesen sein. 

1782 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Symphonie D – Dur, KV 385 (Haffnersymphonie)

Im Jahre 1781 trennte sich Mozart im Streit von seinem fürstbischöflichen Arbeitgeber in Salzburg und übersiedelte nach Wien, wo er, was damals sehr ungewöhnlich war, zunächst einmal eine freie Künstlerexistenz wagte. Er bemühte sich daher intensiv um Kontakte zu den Personen, die in Wien in musikalischen Dingen etwas zu sagen hatten. Da dies eine Menge Zeit kostete und er nicht zuletzt mit der Oper „Die Entführung aus dem Serail“, die der Kaiser in Auftrag gegeben hatte, stark ausgelastet war, beschwerte sich seine Schwester über seine Schreibfaulheit. Dagegen verteidigte sich Mozart in einem Brief von 13. Februar 1782 an die Schwester, in dem er seinen Tagesablauf wie folgt schilderte: „Unsere Vater, wenn er seine Kirchendienste und Du Deine paar Scholaren abgefertigt hast, so können Sie beyde den ganzen Tag thun was sie wollen und Briefe schreiben, die ganze Lytaneien enthalten, aber ich nicht. – …Um 6 Uhr früh bin ich schon allzeit frisiert, um 7 ganz angekleidet, dann schreib ich bis 9 Uhr. Von 9 bis 1 habe ich meine Lektionen, dann esse ich, wenn ich nicht zu Gaste bin, wo man dann um 2 oder auch 3 Uhr speist …Vor 5 oder 6 Uhr abends kann ich nichts arbeiten und öfter bin ich durch eine Akademie daran verhindert; wo nicht schreibe ich bis 9 Uhr. Da ich mich …auf das Abendschreiben nicht verlassen kann, so pflege ich (besonders wenn ich früher nach Hause komme) noch vor dem Schlafengehen etwas zu schreiben; da verschreibe ich mich öfters bis 1 Uhr. – und dann wieder um 6 Uhr auf!“

 

In diese angespannte Zeit kam Ende Juli 1782 über seinen Vater der Auftrag aus Salzburg, für den Bürgmeister Sigmund Haffner binnen weniger Tage eine Serenade zu schreiben, welche bei dessen Nobilitierung gespielt werden sollte. Mozart sollte jeden Satz gleich nach der Vollendung nach Salzburg schicken. Aus Verbundenheit mit der Familie, die ihn bereits sechs Jahre zuvor mit der Komposition einer Bläserserenade (der Haffnerserenade) beauftragt hatte, machte sich Mozart, der gerade mit der mühsamen Arbeit des Erstellens einer Harmoniemusik aus der „Entführung“ befasst war und daher eigentlich keine Zeit hatte, an die Arbeit. Er kam damit aber nicht so schnell zu Rande, wie versprochen, weswegen er den Vater mehrfach vertrösten musste. Am 31.7.1782 schrieb er: „Sie sehen daß der Wille gut ist, allein wenn man nicht kann, so kann man nicht! Ich mag nichts hinschmieren – ich kann Ihnen also erst künftigen Posttag die ganze Symphonie hinschicken“. Am 7. August schickte er das letzte Stück des sechsteiligen Werkes mit der Bemerkung: „Das erste Allegro muss recht feurig gehen, das letzte so geschwind als es möglich ist“ . Anfang 1783 ließ sich Mozart die Noten für eine Aufführung im Wien wieder zuschicken und war ganz „supreniert“, wie gut das Werk gelungen war. Er kürzte es um zwei Sätze und fügte in den Ecksätzen Flöten und Klarinetten hinzu, mit der Folge dass daraus eine Symphonie wurde, von der Mozart, wie er seinem Vater am 15. Februar 1783 schrieb, überzeugt war, dass sie „gewiß guten Effekt machen“ wird.

1781 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Gran Partita in B für Bläseroktett KV 370 a

Unter den zahlreichen Feiluftmusiken für Bläser, die Mozart geschrieben hat, ragt die Gran Partita in B durch Umfang und Größe der Besetzung sowie durch ihren kompositorischen Anspruch hervor. Über die Umstände ihrer Entstehung und die Originalform streiten die Gelehrten. Von Mozarts eigener Hand gibt es nur eine Fassung in sieben Sätzen für zwölf Bläser und Kontrabass, die nach Handschrift und Papier offenbar aus den Jahren 1780-84 stammt. Es gibt aber eine Reihe von Fassungen, die zu Mozarts Lebenszeit oder bald danach entstanden sind, die weniger Sätze und Instrumente aufweisen, darunter auch die Fassung für Bläseroktett in vier Sätzen. Der Streit geht darum, ob Ausgangspunkt der Komposition die große Fassung ist und es sich bei den anderen Fassungen um nachträgliche Bearbeitungen – möglicherweise zum Teil auch von Mozart selbst – handelt; oder ob der Fall umgekehrt liegt. Unklar ist auch der Zeitpunkt und der Anlass der Entstehung des Werkes. Meist wird angenommen, dass Mozart die Komposition im Jahre 1781 in München für die vorzüglichen Bläser der ehemaligen Mannheimer Hofkapelle geschrieben habe, die mit Herzog Karl Theodor inzwischen nach München übergesiedelt waren. Dafür spricht nicht zuletzt die außerordentliche Mühe, die sich Mozart hier gegeben hat. Die Partita ist wegen der immer wieder neuen Kombination der Instrumente ein Wunderwerk des Klanges und Variabilität des Ausdrucks. Die vorliegende Fassung, die von ihren Herausgebern für die Keimzelle des Werkkonvolutes gehalten wird, umfasst die Sätze 1, 2, 3, und 7 der autographen Partitur.

1781 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Bläserserenade Es-Dur, KV 375

Im Frühjahr 1781 hatte sich Mozart 25-jährig als freier Künstler in Wien niedergelassen. Als solcher mußte er zunächst einmal Aufträge requirieren. Diesem Zweck diente auch seine Bläserserenade in Es-Dur. Über das Werk, das ursprünglich ein Sextett war und später zum Oktett umgearbeitet wurde, schreibt Mozart in einem Brief an seinen Vater am 3. November 1781: „diese Musick hatte ich auf den theresia tag – für die schwester der frau von Hickel, oder schwägerin des herrn von Hickel (Hofmaler) gemacht; alwo sie auch wirklich das erstemal ist producirt worden“ (das war am 15.Oktober 1781). „Die 6 Herrn die solche exsequiren, sind arme schlucker, die aber ganz Hübsch zusammen blasen … Die Haubtursache aber warum ich sie gemacht, war, um dem herrn v. strack (welcher täglich dahin kömmt) etwas von mir hören zu lassen. und deswegen habe ich sie auch ein wenig vernünftig geschrieben. – sie hat auch allen beyfall erhalten. – Man hat sie in der theresien nacht an dreyerley örter gemacht. – denn wie sie wo damit fertig waren, so hat man sie wieder woanders hingeführt und bezahlt“.

 

Die 6 armen Schlucker haben sich bei Mozart für die Serenade, die für sie offensichtlich lukrativ war, mit einem Ständchen zu seinem Namenstag am 31. Oktober bedankt. „Auf die Nacht um 11 Uhr“, schreibt Mozart darüber, „bekam ich eine Nacht Musik von 2 clarinetten, 2 Horn und 2 fagott – und zwar von meiner eigenen komposition … die Herrn … haben sich die hausthüre öfnen lassen, und nachdem sie sich mitten im Hof rangiert, mich, da ich mich eben entkleiden wollte, mit dem Ersten E B accord auf die angenehmste art von der Welt überrascht“.

 

Ob Mozart, wie vermutet wurde, auf diese Weise dazu gebracht wurde, für das Werk, das ihm selbst Geld einbringen sollte, seinerseits zu bezahlen, wissen wir nicht. Tatsache aber ist, daß der Herr von Strack, für den Mozart so vernünftig schrieb, nicht anbiß. Im Januar 1782 hatte Mozart zwar die Hoffnung noch nicht aufgegeben und bezeichnete ihn in einem Brief als „Gönner“. Mit gesundem Mißtrauen merkte er jedoch an, „daß diesen Hofschranzen niemals zu trauen ist“.

1779 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Drei geistliche Hymnen (KV 345)

Die Musik zu den „Drei geistlichen Hymnen“ war ursprünglich Teil einer Schauspielmusik für das freimaurerische Drama „Thamos König von Ägypten“ des Freiherrn von Gebler. Mozart schrieb sie in einem ersten Anlauf im Jahre 1773. 1779 wurde sie von ihm überarbeitet und ergänzt. Nachhaltigen Erfolg hatte dieser höchst ambitionierte einzige Beitrag Mozarts zur Gattung der Schauspielmusik nicht. Das Schauspiel, welches im ägyptischen Priester- und Königsmilieu spielte, wurde, wiewohl von literarischen Größen wie Wieland und Ramler gelobt, vom Publikum nicht angenommen und nach wenigen Aufführungen abgesetzt. Enttäuscht spekulierte Mozart in einem Brief an seinen Vater vom Februar 1783: „es müßte nur bloß der Musik wegen aufgeführt werden – aber das wird wohl schwer gehen – schade ist es gewiß“. Die vergebliche Mühe scheint Mozart jedoch nicht ruhen gelassen zu haben. In seinen Nachlaß fanden sich Abschriften von drei Chören mit neuen, nunmehr christlich-geistlichen Texten. Ob Mozart, der Übung der Zeit entsprechend, diese Parodien selbst gefertigt hat, ist nicht bekannt. Da sich die Abschriften aber in seinem Besitz befanden, kann davon ausgegangen werden, daß es nicht ohne seine Zustimmung geschah.

 

Die Musik der Thamos-Chöre zeigt Mozart auf einem frühen Höhepunkt seiner musikdramatischen Meisterschaft. Chor und Orchester werden erstmals völlig selbständig geführt und tragen so je auf ihre Weise kommentierend zum musikalisch-dramatischen Geschehen bei. Dadurch entsteht eine neue Werkform von faszinierender Komplexität. Daß Mozart die Musik der Thamos-Chöre zu schade für die Ablage war, zeigt im übrigen die Tatsache, daß er später auch in anderem Zusammenhang darauf zurückgriff. Elementen daraus begegnen wir in der Zauberflöte, was mit dem ebenfalls freimaurerischen Inhalt dieser Oper zu tun haben mag. Aber auch der Steinerne Gast aus Don Giovanni ist hier vorgezeichnet.

1779 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Konzertante Symphonie für Violine, Viola und Orchester Es-Dur, KV 364

Mozarts konzertante Symphonie für zwei Streichinstrumente ist das Werk eines 23-jährigen, wirkt aber alles andere als jugendlich. Dies mag seinen Grund darin haben, dass ihr eine Lebensphase des Komponisten vorausging, die einen außerordentlichen menschlichen und künstlerischen Reifungsprozess bewirkte. Im Herbst des Jahres 1777 hatte Mozart 21-jährig seinen ungeliebten Dienst beim Erzbischof von Salzburg quittiert und sich voller Hoffungen mit seiner Mutter auf eine große Tournee gemacht, die nach Paris führen sollte. Es war die erste Reise ohne den alles beherrschenden Vater. Diesem war offensichtlich nicht wohl bei dem Gedanken, dass sein phantasiereicher und umtriebiger Sohn seinem unmittelbaren Zugriff entzogen war, weswegen er die Kontrolle mittels eines regen Briefverkehrs aufrecht zu erhalten versuchte. Die Ermahnungen, die er ihm dabei gab, zeigen, dass er seinem Sprößling einiges an Ungemach zutraute. Dass die Sorge nicht ganz unberechtigt war, zeigen die „kindsköpfigen“ und nicht selten sehr burlesken Briefe, die Mozart auf der Reise an seine Cousine Maria Anna Thekla schrieb. Das „Bäsle“ hatte er auf der Durchreise in Augsburg getroffen und offenbar auch als weibliches Wesen schätzen gelernt. In Mannheim machte Mozart wichtige musikalische Erfahrungen mit dem Stil der führenden Musikschule Europas. Er hielt sich dort weit länger als vom Vater geplant und gebilligt auf. Der Grund dafür war nicht zuletzt seine erste große Liebe. Die Angebetete, deren Familie der Vater die größten Vorbehalte entgegenbrachte, war seine spätere Schwägerin Aloisia Weber, eine begabte Sängerin, mit der Mozart auch große künstlerische Perspektiven sah. In Paris, wo er sich alles andere als wohl fühlte, hatte Mozart eine der größten menschlichen Bewährungsproben zu bestehen, der ein junger Mann ausgesetzt werden kann. Er musste fern der Heimat und bar jeglicher Unterstützung seine Mutter zu Grabe tragen. Nach vielen demütigenden Erfahrungen mit möglichen Arbeit- und Auftraggebern machte sich Mozart im Herbst 1778 ohne den erhofften Erfolg zurück auf den Weg nach Salzburg, wo ihn nicht nur der Verlust seiner beruflichen Freiheit, sondern auch wieder das strenge Regiment des Vaters erwartete. Zusätzlich musste er auf der Rückreise auch noch die Ablehnung seines Heiratsantrages durch Aloisia Weber verkraften. Das Pariser Unternehmen endete Anfang 1779 damit, dass Mozart wieder in den Dienst des Erzbischofs von Salzburg treten musste, zu dem er ein ziemlich gespanntes Verhältnis hatte.

 

Wenige Monate nach seiner Rückkunft nach Salzburg entstand mit der Konzertanten Symphonie eines der reifsten Instrumentalwerke Mozarts. Der erste Satz ist von männlich-erwachsener Statur. Statt feingliedriger Galanterien, die für seine Instrumentalkompositionen bis dato typisch sind, errichtet Mozart hier große Architektur. Der Mannheimer Einfluss zeigt sich in dem für Mozart ungewöhnlichen Orgelpunktcrescendo im monumentalen Anfangstutti. Von Mannheimer Empfindsamkeit ist der zweite Satz geprägt, wo zu Melancholie veredelter Schmerz die Verlusterfahrungen der zurückliegenden Zeit zu spiegeln scheint. Im dritten Satz endet alles in souveräner Heiterkeit als wolle Mozart zeigen, dass er aus all den Prüfungen gestärkt hervorgegangen ist.

 

Zwei Jahre später zeigte sich, dass Mozart tatsächlich stark geworden war. Er wirft die Rolle des musikalischen Lakaien als seiner unwürdig ab und wagt den – damals sehr ungewöhnlichen – Sprung in die musikalische Selbständigkeit, den der Vater mit großer Skepsis beobachtet. Ein Jahr später löst er sich gänzlich vom übermächtigen Vater, indem er gegen dessen Willen die Schwester Aloisas, Constanze, heiratet.

1778 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1991) – Konzertante Symphonie für Oboe, Klarinette, Horn, Fagott und Orchester, Es – Dur, KV Anh. 10.64

Das Werk entstand während Mozarts dritter Parisreise im April 1778. Er schrieb es, „in größter Eyl“ und „sehr befließen“ im Auftrag des Pariser Impressarios Le Gros, des einflußreichen Direktors der „Concerts spirituels“. Als ausführende Solisten waren vier befreundete Mannheimer Bläser vorgesehen, die gerade in Paris zu Besuch waren. Aus Gründen, die Mozart offenbar schon damals für dubios hielt, wurde die Konzertante Symphonie jedoch seinerzeit nicht gespielt. „Es ist wohl sehr schade“ schrieb er in einem Brief vom 9.7.1778, „daß er (Le Gros) sie nicht aufgeführt hat, die würde sehr incontiert haben – nun hat er aber die Gelegenheit nicht mehr so. Wo sind allzeit so 4 Leut zusamm?“

 

Noch im Oktober des gleichen Jahres wurmte Mozart daß Le Gros ihn sitzen ließ und er überlegte, wie er sich und dem Werk zu seinem Recht verhelfen könne. Am 3.10.1778 schrieb er aus Paris an seinen Vater: „2 Ouvertüren und die Symphonie concertante hat mir Le Gros abgekauft; – er meint, er hat es allein, es ist aber nicht wahr; ich hab sie noch frisch in meinem Kopf und werde sie, sobald ich nach Hause komme, wieder aufsetzen.“ Hätte Mozart diesen Vorsatz durchgeführt, wüßten wir heute zumindest, wie er glaubte, daß das Werk ursprünglich aussah. Da er es nicht tat, sind wir mangels des Autographs, das verschwunden ist, auf eine Bearbeitung aus dem Hause Le Gros angewiesen, wo jemand meinte, Mozart verbessern zu müssen. Der Pariser Bearbeiter hat nicht nur die Flöte, die ursprünglich als hohes Soloinstrument vorgesehen war, durch die Klarinette ersetzt, sondern offensichtlich auch inhaltliche Veränderungen vorgenommen. Von Mozart ist allerdings so viel übrig geblieben, daß wir ein äußerst erfreuliches Musikstück für diese ungewöhnliche Besetzung haben.

Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) Konzerte für Flöte und Orchester G-Dur KV 313, D-Dur, KV 314; Andante für Flöte und Orchester C-Dur KV 315

Mozart, so heißt es im Allgemeinen, habe die Flöte nicht sonderlich geliebt. Diese Einschätzung beruht im Wesentlichen auf einer brieflichen Äußerung des Komponisten gegenüber seinem Vater. Während seiner Parisreise in Jahren 1777 bis 1779 begründete er die Verzögerung bei der Komposition eines Flötenwerkes unter anderem damit, er sei „gleich stuff“, wenn er „für ein Instrument (das ich nicht leiden kann) schreiben soll“. Auf merkwürdige Weise kontrastiert damit, dass sich das ungeliebte Instrument nicht nur im Titel von Mozarts Meisteroper „Die Zauberflöte“ findet, sondern dass es auch in seinen Orchesterwerken und Opern immer wieder eine herausragende Rolle einnimmt. Die Flöte trägt ganz wesentlich zu jenem außerordentlich delikaten Bläserklang bei, der als eines der Markenzeichen Mozarts gilt.

Davon abgesehen stammen von Mozart unter anderem aber auch drei Flötenquartette und zwei Flötenkonzerte, die offensichtlich mit schöpferischer Laune geschrieben sind und dementsprechend zu den beliebtesten Werken für dieses Instrument gehören. Anlass für die „Komposition“ dieser Werke war im Wesentlichen ein Großauftrag des holländischen Flötenliebhabers Ferdinand Dejean für „drei leichte und kurze Concertln und ein paar Quarttro auf der Flöte“. Mozart hatte Dejean, einen angesehenen und wohlhabenden Arzt, in Mannheim kennen gelernt, wo er auf seiner Reise nach Paris längere Zeit Station machte. Der Auftrag war für den 21- jährigen Komponisten ehrenhaft und sollte mit 200 Gulden gut bezahlt werden. Bei dessen Ausführung hatte Mozart aber Probleme. Dafür dürfte allerdings nicht nur die genannte Aversion gegen die Flöte verantwortlich gewesen sein. Mozart zog es seinerzeit vor, sich persönlich und künstlerisch mit der jungen Aloysia Weber, seiner späteren Schwägerin, zu befassen, einer begabten Sängerin, in die er sich verliebt hatte und mit der er zum Schrecken seines Vaters statt Karriere in Paris zu machen am liebsten nach Art reisender Musikanten durch die Welt gezogen wäre. Er hatte daher nur begrenzte Zeit und Lust zum Geldverdienen. Da er sich den lukrativen Auftrag aber dennoch nicht entgehen lassen wollte, griff er offenbar bei beiden Flötenkonzerten auf vorhandene Werke zurück.

Im Falle des Konzertes KV 414 ist dies gesichert. Mozart transponierte hier ein kurz zuvor entstandenes Oboenkonzert in C-Dur mit leichten Veränderungen in die Tonart D-Dur. Das Konzert KV 313 hielt man bis vor kurzem für eine Neukomposition zur Erfüllung von Dejeans Auftrag. Es scheint aber, dass Mozart auch in diesem Fall an ein früheres Werk anknüpfte. Man hat inzwischen nämlich im Tagebuch eines Salzburger Hofrates eine Notiz gefunden, wonach Mozart ein Jahr zuvor in Salzburg für den Geburtstag seiner Schwester verschiedene Werke aus seiner Feder probte, darunter auch ein Flötenkonzert. Da ein weiteres Konzert von Mozart für dieses Instrument nicht bekannt ist, dürfte es sich daher um das Werk KV 313 handeln. Dafür sprechen im Übrigen Besonderheiten in der Besetzung des Konzertes, die typisch für Mozarts Salzburger Zeit sind, die mit seiner Abreise nach Paris vorläufig beendet war. Im langsamen Satz sind auch im Orchester Flöten vorgesehen, die in der Salzburger Kapelle mangels hauptamtlicher Flötisten von Oboisten gespielt wurden. Offenbar um Dejeans Wunsch nach einem klein besetzten Orchester zu entsprechen, komponierte Mozart dann in Mannheim als „Austauschsatz“ zusätzlich wohl das Andante für Flöte und Orchester KV 315, bei dem keine Flöten besetzt sind. Möglicherweise sind die Rückgriffe auf schon vorhandenes Material auch der Grund dafür, dass Dejean statt der vereinbarten 200 Gulden schließlich nur 96 bezahlte.

ie Form der beiden Konzerte orientiert sich an den Mustern, welches Mozart in seinen Violinkonzerten aus dem Jahre 1775 entwickelt hatte. Dem Orchester ist auch hier eine weitgehend eigenständige Rolle zugeteilt. Die Motive sind vielfältig und werden in lockerer Reihung fortgesponnen und verarbeitet. Inhaltlich überwiegt das spielerisch-unbeschwerte Element. Im Konzert KV 313 sticht der außerordentlich tiefsinnige langsame Satz heraus. Dass es sich bei dem Konzert KV 314 ursprünglich um ein Oboenkonzert handelte, zeigt sich insbesondere darin, dass die höheren Register der Flöte kaum genutzt werden.  Über diesem Konzert scheint das Motto „Welche Wonne, welche Lust“ zu stehen, jener Arie aus Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“, bei der das Rondothema aus dem letzten Satzes des Konzertes später wieder Verwendung fand.

Karl Ditters von Dittersdorf (1739 – 1799) – Harfenkonzert

Dittersdorf ist eine jener bunten Musikerpersönlichkeiten, die das Kulturmilieu des K.& k.-Reiches in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in erheblicher Anzahl hervorbrachte. Wie Haydn ist er in Wien geboren und verbrachte den größten Teil seines reichen Musikerlebens als Geiger und Kapellmeister an den Höfen von Fürsten und Bischöfen der Donaumonarchie. Dort entfaltete er eine mitunter geradezu hektische musikalische Aktivität. Man sagt ihm nach, daß er von der Theaterleidenschaft besessen gewesen sei. Wo immer er hingekommen sei, habe er „nicht vor der Idee ruhen können, ein Haustheater zu errichten“. Die Frucht dieser Tätigkeit waren allein 40 musikdramatische Werke, wodurch sich Dittersdorf einen durchaus prominenten Platz in der Entwicklungsgeschichte des deutschen Singspieles sicherte.

 Auch sonst war Dittersdorf, der auf der Basis solider satztechnischer Kenntnisse mit großer Leichtigkeit komponierte, außerordentlich fruchtbar, wobei er allerdings ein wenig vom Geist des „Höher, Weiter, Schneller“ beeinflußt war. Mit Haydn, dessen Freund er war und mit dem er – gelegentlich gemeinsam mit Mozart – Quartett spielte, scheint er in so etwas wie einem Wettstreit des Komponierens von Symphonien gelegen zu haben. Wie dieser kann er rund 100 Werke dieser Gattung vorweisen. Hinzu kommen viele Konzerte und Kammermusikwerke, einige Oratorien und allerhand Kirchenmusik. Wie wichtig das „sportive“ Element für ihn war, zeigt eine Bemerkung, die er in seinen Lebenserinnerungen über die Arbeitsweise eines Kollegen machte. Dittersdorf bemängelte dabei, daß Naumann, ein seinerzeit recht angesehener Komponist, für eine Oper sechs Monate gebraucht habe, während er in 10 Monaten 4 Opern und ein Oratorium habe schreiben können.

 Dieses Schnellschreiben hatte naturgemäß seinen Preis. Die Qualität der Werke Dittersdorfs ist unterschiedlich. Sein bekanntestes Bühnenwerk ist die Opera buffa „Doktor und Apotheker“, die noch heute gelegentlich aufgeführt wird. Damit konnte er beim Publikum selbst Mozarts „Figaro“, der gleichzeitig auf die Bühne kam, in den Schatten stellen. Die Werke aber, die beide ihrem großen Erfolg nachschoben, wurden höchst unterschiedlich bewertet. Während Mozart, der auch nicht gerade zu den Langsamen der Komponistenzunft gehörte, sich für den „Don Giovanni“ ein Jahr Zeit nahm und ein weiteres Meisterwerk schuf, ließ Dittersdorfs in der gleichen Zeit drei Opern, darunter den „Democritto corretto“ folgen. Darüber soll Kaiser Joseph II. geäußert haben, es sei „das schlechteste Zeug, was je auf einem italienischem Theater zu Vorstellung kam“.

 Dittersdorfs Harfenkonzert ist eine freie Bearbeitung seines beliebten Cembalokonzertes. Neben seinem Konzert für Kontrabaß ist es sein bekanntestes Instrumentalwerk. Seine Beliebtheit verdankt es nicht zuletzt der außerordentlichen Durchsichtigkeit und den pastellfarbenen Farbtönen, die das Stück kennzeichnen. Beim Hören dieses Werkes mag man an die sommerhellen Fresken in den Landschlössern des k.u.k Rokokoadels denken, für den Dittersdorf arbeitete.

1775 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Konzert für Violine und Orchester D-Dur KV 218

Im Jahre 1775 schrieb der 19-jährige Mozart binnen weniger Monate fünf Violinkonzerte, um danach für dieses Instrument kein weiteres Konzert mehr zu schreiben. Äußerer Anlaß hierzu war wohl die Tatsache, daß er als fürstbischöflicher Konzertmeister in Salzburg etwas für sein Instrument abliefern mußte. Darüber hinaus scheint es aber auch einen inneren musikalischen Grund für die intensive Beschäftigung mit der Form des Solokonzertes gegeben zu haben. Darauf deutet die Tatsache, daß sich zwischen den beiden ersten und den drei letzten Konzerten so etwas wie ein musikalischer Quantensprung vollzog. Alle Vorbilder hinter sich lassend führte der Salzburger Teenager die Form des Solokonzertes innerhalb von Wochen in eine völlig neue Dimension.

 

Während nach dem Muster, welches Vivaldi geschaffen hatte, ein Konzert bis dato im wesentlichen aus Solo- und Tuttiblöcken und begleitenden Passagen bestand, traten bei Mozart Soloinstrument und Orchester unvermittelt in ein äußerst lebhaftes Beziehungsverhältnis. Das Konzert ist nun weniger ein „Wettstreit“ zwischen einem Soloinstrument, welches sich zur Schau stellt, und dem Orchester, welches bemüht ist, dagegen zu halten oder rein dienende Funktionen übernimmt. Es findet vielmehr ein verschlungener und dennoch höchst stringenter, weil ganz an der „Sache“ orientierter, Dialog statt, der von einer Fülle von Ideen gespeist und von allerhand Überraschungen belebt wird. Es lag in der Konsequenz einer solchen Konzeption, daß Mozart hierbei darauf verzichtete, technische Finessen, „Seiltänzereien“ wie er sie nannte, aufzuhäufen. Das Konzert ist ganz der Entwicklung der vielfältigen musikalischen Gedanken gewidmet; auf Schaueffekte wird, wie etwa die verhaltenen Schlußwendungen zeigen, gänzlich verzichtet. Diese Entwicklung war so überraschend und folgenschwer, daß Kritiker sie als das eigentliche Wunder in Mozarts kompositorischem Schaffen bezeichnet haben.

 

Die Mozart-Forscher haben natürlich nach einer Erklärung für dieses erstaunliche Phänomen gesucht. Man hat sie in einem Aufblühen der adoleszenten Phantasie aber auch in Mozarts Verhältnis zur dramatischen Musik gesehen. Nicht wenige Mozart-Kenner gehen davon aus, daß Mozarts Instrumentalschaffen mehr oder weniger ein Reflex seiner musikdramatischen Aktivitäten gewesen sei. Seine eigentliche musikalische Bestimmung habe Mozart in der Komposition von Opern und Vokalmusik gesehen. Die Instrumentalwerke seien gewissermaßen Abfallprodukte dieser Tätigkeit gewesen. Dies gelte auch für die Konzertform. Das ausgefeilte und hochkomplexe Muster thematischer Hierarchien, das sich hier finde, habe Mozart zunächst zur Steigerung der dramatischen Wirkung von Arien der opera seria, der ernsten Oper, entwickelt. Zu eben jener Zeit als er die Violinkonzerte schrieb, habe er sich aber von der opera seria abgewandt und begonnen, sich mit der opera buffa, der komischen Oper, zu beschäftigen, wo er das entwickelte Muster nicht gebrauchen konnte. Der musikalische Entwicklungssprung des Konzertes erkläre sich nun daraus, daß Mozart das Muster, welches gewissermaßen „übrig“ war, auf das Instrumentalkonzert übertragen habe, wo es zu seiner schönsten Wirkung gekommen sei.

1775 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Divertimento für Bläser in Es-Dur

Das Divertimento wurde zehn Jahre nach Mozarts Tod in einer Bibliothek in Prag gefunden. Die unklare Provenienz – eine Originalpartitur existiert nicht – hat Zweifel aufkommen lassen, ob Mozart der Autor dieses Werkes ist. Dementsprechend hat es eine Odyssee durch das Köchelverzeichnis hinter sich, wo es mal im Anhang, wo die zweifelhaften Fälle aufgelistet sind, als Nr. 226, mal im Hauptverzeichnis als Nr. 196 e erscheint. Nach dem neuesten Stand muß es sich wieder mit einer Stelle im Anhang begnügen. Rekonstruktionsversuche haben ergeben, daß Mozart, so er denn der Autor ist, es wohl für den Münchener Karneval im Jahre 1775 geschrieben hat.

1774 Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) – Fagottkonzert B -Dur KV 191

Mozart führte bis zum Alter von 15 Jahren die Existenz eines künstlerischen Nomaden. Zieht man die Kleinkindjahre ab, so hatte er bis zu diesem Zeitpunkt weit mehr als die Hälfte seines Lebens auf Reisen in Nordwesteuropa und Italien verbracht. Als Wunderkind konnte er sich dabei immer besonderer Aufmerksamkeit erfreuen. Im Jahre 1772 begann dann eine vorläufige Phase der Sesshaftigkeit. Nachdem er schon im Alter von dreizehn Jahren zum unbesoldeten dritten Konzertmeister der Kapelle des Salzburger Fürstbischofs ernannt worden war, wurde er 1772, im Alter von 16 Jahren, als besoldeter Konzertmeister angestellt. Bis 1777 hielt er sich dann überwiegend in Salzburg auf. Dabei lernte er nach den durchweg erhebenden Erlebnissen seiner Reisezeit die Niederungen des regelmäßigen Dienstes an einem Fürstenhof kennen. Zu seinen Aufgaben gehörten der kirchliche Dienst und die Gestaltung der Abendunterhaltungen am bischöflichen Hof. In dieser Zeit sind mehrere Messen, allerhand Kammermusik, eine Reihe von Orchesterwerken und diverse Konzerte entstanden, die teilweise auch im Auftrag von anderen Musikliebhabern, insbesondere Adeligen oder Instrumentalisten geschrieben wurden.

 

Zu den Auftragswerken gehört vermutlich auch das Fagottkonzert, das Mozart im Juni 1774 komponierte. Es ist eines der wenigen Konzerte für dieses Instrument und das einzige aus der Feder eines der großen Meister der Klassik. Die Spieler und Liebhaber des Fagotts sind aber nicht nur deswegen froh, sondern auch darüber, wie meisterhaft es Mozart verstand, die Stärken dieses freundlichen und höchst beweglichen Instrumentes herauszuheben.

Weitere Texte zu Werken von Mozart und rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

 

 

 

1773 Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) – Symphonie g- moll KV 183

Von den über 50 Symphonien, die Mozart komponierte, sind die meisten Jugendwerke. Bis auf die letzten vier sind sie noch keine Symphonien im Sinne des Gattungsbegriffes, der sich im 19. Jahrhundert herausbildete. Bei vielen frühen Werken handelt es sich um eine Form höfischer Unterhaltungsmusik, oft in Anlehnung an die dreiteilige italienische Opernouvertüre, die man „Sinfonia“ nannte. Andere Werke dieser Bezeichnung folgen dem Typus der viersätzigen „Wiener Symphonie“, wie sie vor allem Haydn ausbildete.

 

Aus den frühen Symphonien ragt das Werk KV 183 aus dem Jahre 1773 hervor, das in der noch immer verwendeten offiziellen Zählung die Nr. 25 trägt (tatsächlich dürfte Mozart bis dato allerdings schon deutlich mehr Symphonien geschrieben haben). Das Werk, das in Salzburg entstand, ist so etwas wie ein Wendepunkt im symphonischen Schaffen Mozarts. Es ist nicht nur seine erste Symphonie in Moll. Die ganze Haltung zeigt, dass die Form auf Größeres und Gewichtigeres zustrebt. Der höfische Tonfall ist weitgehend vermieden. Der Komponist scheut sich nicht, den Hörer vor den Kopf zu stoßen. Das Werk scheint eine radikale Zwischenstation im Selbstfindungsprozess des 17-jährigen jungen Mannes zu sein.

1772 Joseph Haydn (1732 – 1809) – Symphonie Nr. 45, fis – moll – Abschiedssymphonie

Leben und Werk Joseph Haydns sind von zahlreichen Anekdoten umrankt. Ein Grund hierfür ist sicher, daß über große Teile seines Lebens, insbesondere über dessen erste Hälfte, wenig Authentisches bekannt ist. Manche Biographen haben daher die Lücken mit Hilfe ihrer Phantasie gefüllt. Anderseits inspirierte die Persönlichkeit Haydns aber auch dazu, Geschichten über ihn zu erzählen. Meist erscheint er darin als ein Mensch, der ebenso gewitzt und hintersinnig wie seine Musik ist.

 Auch über die Umstände, die zur Komposition der Abschiedssymphonie geführt haben, gibt es eine solche Anekdote. Wie weit sie wahr ist, ist schwer zu sagen. Die Besonderheit dieser Symphonie spricht dafür, daß ihr ein wahrer Kern zugrunde liegt. Die Tatsache allerdings, daß es davon zwei recht unterschiedliche Versionen gibt, zeigt, daß dieser Kern eine nicht unerhebliche dichterische Ummantelung erfahren haben muß.

 Nach der erotischen Version der Anekdote soll Haydn die Symphonie geschrieben haben, um seine Musiker – und auch sich selbst –  aus einer zölibatären Zwangslage zu befreien. Fürst Esterházy, bei dem Haydn von 1761 bis 1790 als Kapellmeister angestellt war, verbrachte ab 1766 so viel Zeit als möglich in seinem neuen Landschloß Esterháza in Ungarn. Mit ihm war sein Hofstaat, zu dem auch die Kapelle zählte. Während der ersten Jahre, als die Schloßanlage noch unvollständig war, habe, so die Anekdote, keine Möglichkeit bestanden, die Familien der Musiker in Esterháza unterzubringen. Daher hätten die Mitglieder der Kapelle, die – Haydn eingeschlossen – im wesentlichen aus lebhaften jungen Männer bestanden habe, monatelang die Gesellschaft ihrer Ehefrauen entbehren müssen. Solange Fürst Esterházy seinen Aufenthalt auf die sechs Monate des Sommerhalbjahres beschränkt habe, hätten die Männer – erstaunlich genug – ihr Los gerade noch akzeptiert. Im Jahre 1772 aber habe der Fürst den Aufenthalt in Esterháza um zwei Monate verlängert. Dies hätten die Musiker nicht mehr ertragen können. In einer rokokohaft-frivolen Variante dieser Anekdotenversion heißt es sogar, der Fürst habe die Verlängerung des Aufenthaltes in Esterháza angeordnet, weil ihn die Nöte der Musiker vergnügt hätten. Diese hätten sich im Schloß nämlich immer schon Wochen vor der Abreise komisch aufgeführt und dessen Räume mit verliebten Seufzern erfüllt.

Angesichts dieser Zuspitzung der Lage hätten die Musiker, so fährt die Geschichte fort, bei Haydn in der Hoffnung vorgesprochen, daß er ihnen Abhilfe verschaffe, wofür dieser, da er sich in der gleichen Situation befunden habe, nur volles Verständnis gehabt habe. Seinem Metier entsprechend habe er eine musikalische Lösung des Problems gesucht und mit der Abschiedssymphonie gefunden. Danach sollten die Musiker, nachdem ihr Drang in den ersten Sätzen des Werkes eindrucksvoll musikalisch demonstriert worden sei, im letzten Satz nach und nach aus dem Saal gehen, um den Fürsten darauf aufmerksam zu machen, daß es Zeit sei, Esterháza zu verlassen, was dieser zum guten Schluß auch eingesehen habe.

Die ökonomische Version der Anekdote geht davon aus, daß der Fürst die Kapelle im Zuge von Rationalisierungsmaßnahmen bis auf ein paar Geigen habe auflösen wollen, weil sie ihm zu teuer geworden sei. Haydn habe ihm mit der Abschiedssymphonie verdeutlichen wollen, wie dürftig der verbleibende Rest klingen und schließlich überhaupt nichts übrig bleiben würde. Auch hier folgt ein happy-end, bei dem Haydn als der findige Retter der Arbeitsplätze seiner Schützlinge erscheint. Zum Dank soll er sogar noch eine kleine „Ankunftssymphonie“ geschrieben haben, bei der die Musiker einer nach dem anderen wieder in den Saal getreten seien.

Mangels authentischer Belege ist, wie gesagt, schwer zu entscheiden, ob diese Anekdoten stimmen und welcher der beiden Versionen gegebenenfalls der Vorzug zu geben ist. Die Biographen, die sie erstmalig kolportieren, berufen sich jeweils darauf, daß sie ihre Version von Haydn selbst erfahren hätten. Damit stellt sich die Frage, ob Haydn die Legendenbildung um seine Person möglicherweise selbst beförderte. Auch Haydn wird gewußt haben, daß für einen Künstler der Umlauf falscher Anekdoten besser ist als der Mangel an richtigen.


1771 Johann Christian Bach (1735 – 1782) – Konzertante Symphonie A-Dur

Die vier Söhne Johann Sebastian Bachs, die den Beruf des Musikers ergriffen, wurden in eine Zeit des Umbruchs in den künstlerischen Anschauungen geboren. Ihr Vater hatte, zusammen mit Händel, das ungemein fruchtbare Zeitalter des musikalischen Barocks zum Höhepunkt und zugleich zu Ende geführt. Ab dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts begann ein Periode des Suchens nach neuen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten. An die Stelle der komplexen und mitunter schwergewichtigen kontrapunktischen Diktion, die insbesondere Bach Vater praktizierte, trat die bewusste Einfachheit und Heiterkeit des „galanten Stils“. Im Laufe des Jahrhunderts mischten Sturm und Drang und Empfindsamkeit weitere Farben in das Bild einer Epoche, die man später als Vorklassik deutete, die aber wohl treffender mit der Bezeichnung musikalisches Rokoko charakterisiert ist. Bachs Söhne trugen – je auf ihre Weise – dazu bei, die Wege durch die neue Zeit zu bahnen, Wege, die schließlich zum dem führen sollten, was wir heute die musikalische Klassik nennen.

 

Den im wahrsten Sinne des Wortes weitesten Weg ging hierbei Johann Christian Bach. Die verzweigte Musikerfamilie Bach hatte sechs Generationen lang im protestantischen Milieu Mitteldeutschlands gelebt. Auch drei älteren Brüder Johann Christian Bachs haben sich nur unwesentlich aus dieser Region entfernt. Den jüngsten der Bach Söhne aber drängte es in die Welt, wo er hoffte, die heimatliche Enge nicht nur in musikalischer, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht hinter sich lassen zu können. Nachdem er im Alter von 15 Jahren seinen Vater verloren hatte, lebte er zunächst einige Jahre bei seinem Bruder Philipp Emanuel in Berlin. Dort entzündete sich seine Begeisterung für die italienische Oper, eine musikalische Gattung, zu der man in der Familie Bach bislang misstrauische Distanz gehalten hatte. Als sich ihm, kaum dass er 20 Jahre alt war, die Gelegenheit zur Übersiedlung in das Herkunftsland dieses schillernden Genres bot, griff er zu und begab sich nach Mailand. Dort kappte er alsbald die Bande zur prosaisch-protestantischen Heimat, nannte sich Giovanni Bach und trat sehr zum Verdruss seiner Brüder, die darin den Verrat an der Familientradition sahen, zum katholischen Glauben über (und zwar ganz pragmatisch, weil dies in Italien die Voraussetzung für eine gute Anstellung war). Binnen kurzem gelang es ihm nicht nur in der Kirchenmusik (er wurde Organist am Mailänder Dom), sondern auch in der Opernszene Italiens Fuß zu fassen. Er komponierte erfolgreiche Opern mit so weltläufigen Themen wie „Ataxerxes“, „Cato in Utica“ und „Alexander in Indien“. Schon bald waren seine materiellen Verhältnisse weit günstiger als es die seines Vaters und seiner Brüder je gewesen waren.

 

Da sich seine Erfolge als Opernkomponist bis England herumsprachen, erhielt er eine Einladung an das Kings Theater in London. Im Jahre 1762 zog er in die englische Hauptstadt und betrat trat damit ein musikalisches Terrain, in dem, anders als auf dem Kontinent, wo die persönliche Protektion zählte, die Gesetze des Marktes vorherrschten. Dies eröffnete erhebliche wirtschaftliche Möglichkeiten, barg aber auch entsprechende Risiken. Auch für London schrieb Johann Christian Bach verschiedene, in der Weite der (antiken) Welt angesiedelte Opern, etwa „Hadrian in Syrien“. Bereits ein Jahr nach seiner Ankunft in der Metropole des Marktes begann er sich aber auch als musikalischer Unternehmer zu betätigten. Zusammen mit dem Gambisten und Cellisten Friedrich Abel, der in Vater Bachs hervorragendem Köthener Orchester tätig gewesen war, rief er die Bach-Abel Konzerte ins Leben, die zu einem zentralen Bestandteil des Londoner Musiklebens werden sollten. In den folgenden 23 Jahren gingen in den Monaten Januar bis Mai in der Regel jeweils 15 Konzerte, insgesamt über 1700 Veranstaltungen, über die Bühne, in denen alles auftrat was Rang und Namen hatte (unter den Zuhörern war 1764 auch der 8-jährige Mozart, der hierbei von Bach viel über die italienische Symphonie und die Oper lernte). Vor allem aber traten Abel und Bach dabei selbst und mit eigenen Werken auf. Bach schrieb hierfür immer wieder neue Stücke aller möglicher Gattungen, darunter über 40 Symphonien einschließlich einer Reihe von konzertanten Werken dieser Art.

 

Für diese Veranstaltungen ist zwischen 1764 und 1771 auch die Konzertante Symphonie in A-Dur entstanden, die als eine „wahre Perle“ unter Johann Christian Bachs Kompositionen gilt. Mozart, dessen eigene Variante des galanten Stiles ohnehin stark von Bach beeinflusst wurde (die beiden trafen 1778 wieder in Paris zusammen), hat Elemente des ersten Satzes in das „Incarnatus“ seiner c-moll Messe übernommen. Der zweite Satz ist eine pastellfarbene Schäferidylle der Art, wie sie das Zeitalter des Rokoko liebte.

 

Johann Christian Bachs hat die Möglichkeiten, die ihm der Londoner Musikmarkt bot, in vollen Zügen genossen. Er führte ein luxuriöses Leben und verkehrte in den besten Kreisen, nicht zuletzt am englischen Hof, wo er der Lehrer der Königin und der zahlreichen Prinzen und Prinzessinnen war. Gegen Ende seines Lebens musste er aber auch die Schattenseiten des kapitalistischen Musikbetriebes erleben. Eine hohe Investition in ein elegantes Konzerthaus sollte sich als zu teuer erweisen, zumal die Nachfrage nach seinen Konzerten nachließ. Am Schluss war der Liebling der Gesellschaft hoch verschuldet. Angesichts sich häufender Probleme geriet er in gesundheitlichen Verfall und starb im Alter von 46 Jahren. Zu seinem Begräbnis erschienen nur vier seiner zahlreichen früheren Freunde, was seine Brüder als Preis für mondäne Extravaganz angesehen haben dürften.

1772 Michael Haydn (1737 – 1806) – Requiem c – moll

Unter dem 10.8.1806 schrieb der Abt Dominikus vom Kloster St. Peter in Salzburg in sein Diarium: „Heute nachts um 10 Uhr starb der hiesige berühmte Concertmeister Michael Haiden, im 68. Jahre seines Alters, ein würdiger Bruder des esterhazischen Kapellmeisters Joseph Haiden. Er war 43 Jahre in hiesigen Diensten, sammelte sich besondere Verdienste für die Kirche, indem er im wahren Kirchenstil erstaunend viel komponierte. Er war weit und breit berühmt und mußte nach Spanien, nach Schweden, und besonders für die itzige Kaiserin Ämter und andere Sachen komponieren. Letztere frimte noch voriges Jahr bey ihm ein Requiem an, und es gieng ihm wie dem berühmten Mozart, er fing zu arbeiten an, vollendete aber nur den Introitum, der auch bei seinem Requiem aufgeführt wurde. … Das Requiem hielten die Hofmusikanten und 8 Tage danach führten eben diese für ihn in der Universitäts Kirche das große Requiem von Mozart auf. …“          

Mit diesen Bemerkungen über Michael Haydn und Mozart und ihre Totenmessen schlägt Abt Dominikus ein Thema an, welches interessante Einblicke in die manchmal erstaunlich kleine Welt der Wiener Klassik erlaubt. Das Schicksal des „Wieners“ Michael Haydn in Salzburg war von Anfang an eng mit dem des 19 Jahre jüngeren Mozart verknüpft. Schon sein Eintritt in die Dienste des Erzbischofs im Jahre 1763 hatte mit dem jungen Salzburger Genius zu tun. Haydn wurde eingestellt, um den Vizekapellmeister der Hofkapelle, Leopold Mozart, zu vertreten, der mit seinem frühbegabten Sohn Wolfgang oft monatelang auf Konzertreisen war.  

Ein erstes Zusammenwirken zwischen Michael Haydn und Mozart ist für das Jahr 1767 belegt, als Mozart 11 Jahre alt war. Zusammen mit dem Salzburger Organisten Adelgasser komponierten sie ein geistliches Singspiel mit dem Titel „Die Schuldigkeit des ersten Gebotes“. Ab 1769 waren Mozart und Haydn dann gemeinsam in der Salzburger Hofkapelle tätig, wo sie die Konzertmeisterstellen inne hatten. Die altersungleichen Kollegen nahmen regen Anteil am kompositorischen Werk des jeweils anderen. Für Haydn ist vor allem der Aufbau der Messen des jungen Mozart zum Vorbild für seine eigenen Messen geworden. Mozart wiederum verfolgte Haydns umfangreiches kirchenmusikalisches Schaffen besonders unter stilistischen Gesichtspunkten. Der Kirchenmusiker Haydn hielt gegen den Zeitgeist, der sich dem   opernhaft-galanten Stil zugewandt hatte, die Kompositionsweise aufrecht, welche Abt Dominikus als den „wahren Kirchenstil“ bezeichnete. Er orientierte sich an den Meistern der Barockzeit und betonte insbesondere das kontrapunktische Element der Musik. Vor allem in der c-moll Messe und im Requiem hat sich Mozart dieses Stiles bedient.

Auch nachdem sich Mozart in Wien selbständig gemacht hatte, waren die beiden Musiker noch miteinander in Kontakt. 1783 etwa sprang Mozart dem geschätzten Kollegen bei der Erfüllung eines Kompositionsauftrages zur Hilfe, den dieser krankheitshalber nicht erfüllen konnte. Um einen drohenden Gehaltsentzug zu verhindern, schrieb Mozart, der gerade zu Besuch in Salzburg weilte, unter Verzicht auf die Autorenehre in aller Eile zwei (bedeutende) Duos für Violine und Viola, die Michael Haydn unter seinem Namen abliefern durfte. Dies ist um so erstaunlicher, als es sich bei dem Auftraggeber dieser Werke um eben den Erzbischof handelte, dessen tyrannischem Regiment Mozart zwei Jahre zuvor nach erheblichen Turbulenzen in Richtung Wien entronnen war. Wie nahe sich Mozart und Michael Haydn musikalisch standen, zeigt auch die Tatsache, daß man eine Symphonie Haydns lange Zeit für ein Werk Mozarts hielt (KV 444). Am Rande vermerkt sei noch, daß Michael Haydn später der Lehrer Carl Maria von Weber werden sollte, der der Cousin von Mozarts Ehefrau Constanze war.

Besonders deutlich aber wird die gegenseitige Befruchtung von Mozart und Michael Haydn in ihren Totenmessen. Das Requiem, welches Abt Dominikus in seinem Nachruf für Michael Haydn erwähnt, ist dessen zweites Requiem in B-Dur. Dieses Werk weist, wie E.T.A. Hoffmann schon im Jahre 1812 darlegte, nicht nur im Schicksal von Autor und Komposition Parallelen zum Requiem von Mozart auf. Auch musikalisch sind die beiden Werke verwandt. Mozarts Totenmesse wiederum ist in Anlage und Duktus sowie in vielen Details offensichtlich vom Haydns früherem Requiem in c-moll beeinflußt, das 1772 anläßlich des Todes ihres gemeinsamen Arbeitgebers Erzbischof Sigismund von Salzburg entstand. Dieses Werk gilt als eine der bedeutendsten Kompositionen Michael Haydns. Seine formale Besonderheit ist das Salzburger Trio, das heißt, daß die Bratschenstimme fehlt und der Baß thematisch wenig hervortritt, die beiden Geigenstimmen aber äußerst lebhaft geführt werden. Inhaltlich fällt eine Leidenschaftlichkeit der Trauer auf, die für Michael Haydn, der als dem Leben zugewandt beschrieben wird, eher ungewöhlich ist. Die Ursache hierfür liegt möglicherweise darin, daß Haydn bei der Abfassung des Werkes wohl noch unter dem Eindruck des frühen Todes seines einzigen Kindes im Jahre 1771 stand. Der Umstand, daß Mozart fast 20 Jahre später auf dieses Werk zurückgriff, zeigt, welch’ tiefen Eindruck die Musik Michael Haydns bei ihm hinterlassen hatte.

Angesichts der Unvollständigkeit des zweiten Requiems wurden, was Abt Dominikus nicht berichtete, bei den Totenfeiern für Michael Haydn neben dem zweiten und neben Mozarts Requiem auch Teile aus Haydns ersten Requiem aufgeführt. Wenige Jahre später sollte sich diese Konstellation bei ähnlichem Anlaß wiederholen. Beim Tod Joseph Haydns im Jahre 1809 wurde bei der internen Trauerfeier ebenfalls Michael Haydns Requiem in c-moll und beim offiziellen Trauerakt das Requiem von Mozart gespielt.

Karl Stamitz (1745-1801) – Konzert für Bratsche und Orchester

Karl Stamitz ist der Sohn des Begründers der Mannheimer Schule, Johann Stamitz. Er wuchs in der kurpfälzischen Metropole auf, wo ihm die führenden Musiker Cannabich, Holzbauer und Richter neben Geigen- und Bratschenspiel auch die „Mannerheimer Manieren“ beibrachten, darunter die Mannheimer Rakete – ein schnell aufsteigendes Motiv –  und die Mannheimer Walze – eine langes Orchestercrescendo. Acht Jahre war er dann 2. Violinist in der Mannheimer Hofkapelle, wobei er deren gesamtes Repertoire kennen lernte. Im Alter von 25 Jahren ging Stamitz als reisender Virtuose auf Wanderschaft. Unter anderem lebte er längere Zeit in Paris und London. Stamitz komponierte naturgemäß Solowerke für seine Instrumente, darunter das Bratschenkonzert, welches  zum Kernbestand der Literatur für dieses Instrument gehört. Darüber hinaus schrieb er aber auch Konzerte für alle möglichen anderen Instrumente, insgesamt rund 60 Solokonzerte und 30 Doppelkonzerte. Hinzu kommen 51 Symphonien und eine Menge Kammermusik. Stamitz’ Musik ist weitgehend dem empfindsam-galanten Stil der Mannheimer Schule verpflichtet. Sie ist eingängig und unkompliziert und verzichtet auf gelehrte Komplikationen. Schon zu seinen Lebzeiten waren seine stimmungsvollen langsamen Sätze berühmt. Dass dies es zu Recht der Fall war, zeigt der zweite Satz des Bratschenkonzertes.

 

1761 Joseph Haydn (1732- 1809) – Symphonie Nr. 8 (Le Soir)

Verglichen mit Mozart und Schubert begann die kompositorische Karriere Haydns eher zögerlich. Neun Jahren als Sängerknabe in der Wiener Hofkapelle folgten acht Jahre, in denen er sich in dürftigen Verhältnissen als Musiklehrer, Organist und Kirchensänger in Wien durchschlug. Der Durchbruch kam mit dem Amt. Mit seiner ersten Anstellung – Haydn war "schon" 27 Jahre alt – legte er den Grundstein für sein einzigartiges symphonisches Werk. Als er zwei Jahre später vom Grafen Morzin in die Dienste des Fürsten Esterházy wechselte, schrieb er zum Einstand bereits die Symphonien Nummer 6, 7 und 8, darunter auch "Le Soir". Das kunstsinnige Haus Esterházy bot Haydn in den folgenden drei Jahrzehnten mit einem eigenen Orchester, einer Opernbühne und viel Sinn für Kammermusik die Arbeitsbedingungen, in denen seine Schöpferkraft mit zunehmendem Alter immer weiter reifte. In diesem perfekten musikalischen Biotop konnte Haydn allein seiner Reihe von insgesamt 104 Symphonien mehr als 80 "Nummern" hinzufügen.

 

Die Symphonie "Le Soir", der Abend, ist die letzte der Tageszeitensymphonien, die Haydn ganz im Sinne der barocken Neigung zur künstlerischen Darstellung von Begriffen komponierte. Im Vordergrund steht nicht, wie in den späteren Symphonien, der Gang des autonomen musikalischen Geschehens, das regelgerecht "durchgeführt" wird, sondern die allegorische Schilderung von themengebundenen Stimmungen und Ereignissen. Dementsprechend geht es in diesen Werken außerordentlich bunt und lebhaft zu. "Le Soir" etwa enthält ein "malerisches" Abendgewitter, das Beethoven bei der Abfassung seiner "Pastorale" Modell gestanden haben dürfte. Beethoven scheint auch von der eindrucksvollen Konfrontation einer lieblich-hellen Melodie mit einem akzentuierten dunklen Thema inspiriert worden zu sein, welches der zweite Satz der Symphonie möglicherweise zur Darstellung des Überganges vom Tag zur Nacht enthält. Das Pendant findet sich im zweiten Satz des 4. Klavierkonzertes von Beethoven. Technisch gesehen ist "Le Soir", wie die Gegenstücke "Le Matin" und "Le Midi", eine Konzertsymphonie. Diverse Instrumente treten immer wieder solistisch hervor, darunter auch heiter rumpelnd und summend der Kontrabaß.

Weitere Texte zu Werken von Haydn und rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis