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1830 Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809 – 1847) – Symphonie Nr. 5 – Reformations-Symphonie

Mendelssohns Werk ist, wie sein Leben, auf besondere Weise durch das Spannungsfeld zwischen Religion und Weltlichkeit gekennzeichnet. Neben seinen profanen Werken schrieb er aus einem inneren Antrieb heraus auch immer wieder sakrale Musik. In der Reformations-Symphonie versuchte er die beiden Sphären, die er sonst deutlich trennte, miteinander zu verschmelzen. Darüber, ob dies gelang, war er sich allerdings nicht recht im Klaren. Angedeutet wird dies schon in einem Brief aus der Entstehungszeit der Symphonie, in dem es heißt, der erste Satz sei „ein dickes Tier mit Borsten, als Medizin gegen schwache Magen zu empfehlen“. Seine ursprünglich dennoch großen Erwartungen in die Wirkung des Werkes reduzierten sich schließlich auf eine deutliche Distanziertheit. Obwohl die Symphonie nach einigen seiner großen Meisterwerke entstand, verbannte er sie später zu den „Jugendwerken“, welche nicht für den Druck geeignet seien. Diese Einschätzung dürfte durch eine Reihe von unglücklichen Umständen mitbestimmt worden sein, die sich im Umfeld der Uraufführung ereigneten. 

Äußerer Anlaß zur Komposition der Symphonie war das 300-jährige Jubiläum der „Augsburgischen Konfession“, der von Melanchthon verfaßten Grundschrift des Protestantismus aus dem Jahre 1530. Mendelssohn begann die Abfassung der Symphonie Anfang 1830. Im Mai war das Werk beendet. Die Uraufführung sollte im Rahmen von Jubiläumsfeierlichkeiten im Herbst 1830 in Leipzig stattfinden.  

Von da an aber ging alles schief. Es begann damit, daß die Leipziger Feierlichkeiten wegen Unruhen, zu denen es in der Folge der französischen Juli-Revolution gekommen war, abgesagt wurden. Auch der Plan einer Uraufführung in Paris im Jahre 1832 scheiterte. Das Orchester des Conservatoire lehnte die Symphonie nach einer Probe als „zu scholastisch“ (!) ab. Es hieß, sie habe „zu viele Fugatos und zu wenig Melodie“. Als Folge der Pariser Absage entfiel auch eine geplante Aufführung in London. Die Uraufführung fand schließlich am 15.11.1833 in Berlin statt. Sie war aber mit Mendelssohns größter beruflicher Enttäuschung verbunden. Nach dem Tod seines Lehrers Carl Friedrich Zelter hatte sich Mendelssohn um dessen Nachfolge als Direktor der Berliner Singakademie beworben. Zur Vorbereitung seiner Bewerbung veranstaltete er drei Benefizkonzerte „zum Besten des Orchesterwittwenfonds“, in denen untere anderem auch die Uraufführung der Reformations-Symphonie stattfand. Die angestrebte Stelle bekam aber ein anderer. Mendelssohn war dadurch so verunsichert, daß er in eine Schaffenskrise geriet. Dies mag ihm die Symphonie endgültig verleidet haben.  

Die thematische Bestimmung der Symphonie veranlaßte Mendelssohn, bei der Komposition eine Reihe kirchenmusikalischer Elemente zu verwenden. Drei Mal erklingt im ersten Satz das „Dresdener Amen“, jenes hymnisch aufsteigende Motiv, welches den Musikkennern hauptsächlich aus Wagners Oper „Parsifal“ bekannt ist. Der vierte Satz beginnt mit einer großartigen Paraphrase über den Lutherchoral „Ein veste Burg ist unser Gott“, der sich durch den ganzen Satz zieht. Beide Ecksätze sind von polyphonen Elementen gekennzeichnet, wie sie vor allem in der Kirchenmusik verwendet wurden.  

Im übrigen ist die Symphonie allerdings ein typisches Werk aus Mendelssohns Feder. Wie in vielen seiner Scherzi glaubt man im zweiten Satz das Gefolge Oberons aus dem Sommernachtstraum mit Elfentänzen und derb- komischem Rüpelspiel zu hören. Der dritte Satz ist ein „Lied ohne Worte“, auf welches das Diktum von Paris, es fehle an Melodie, auf keinen Fall zutrifft.