1799 Joseph Haydn (1732-1809) – Streichquartett Op. 77. Nr.1 G-Dur

Joseph Haydn gehört zu den Komponisten, die man leicht unterschätzt. Dies liegt vielleicht daran, daß seine Musik trotz der außerordentlichen Stringenz, mit der ihre Mittel eingesetzt werden, meist leicht wirkt. Schumann, der an sich ein äußerst hellsichtiger Musikschriftsteller war, äußerte etwa über den Österreicher, er habe „für die Jetztzeit kein tieferes Interesse…Neues könne von ihm nicht mehr erfahren werden“. Dabei übersah er, in welch` hohem Maße Haydn die Musikentwicklung mitbestimmt hatte, die über Mozart und Beethoven zum ihm selbst führte. Allerdings musste auch Schumann einräumen, daß „in den Fruchtgärten Haydns …auch schwer beladene Bäume stehen, über die sich nicht so leicht hinwegsehen lässt“.

 

Zu Haydns schönsten Fruchtgewächsen gehören ohne Zweifel seine Streichquartette. Wegen ihrer schieren Zahl bilden sie geradezu eine Obstplantage. Mit 70 Streichquartetten hält Haydn nach wie vor die Spitzenposition bei der Produktion von Werken dieser Gattung (ähnliches gilt bekanntlich für die Symphonie, aber auch für das Klaviertrio). Unter den Quartetten sind sicher einige, die als leicht bezeichnet werden können. Sie sind dies allerdings auf jene zauberhafte Weise, die nur schwer zu erreichen ist. Daneben finden sich aber auch einige wahrhaft gewichtige Werke. Dazu gehören die beiden Quartette Op. 77. Sie sind dem Fürsten Lobkowitz gewidmet, einem der großen Musikmäzene Wiens, der u.a. Beethoven förderte.

 

Op. 77 Nr. 1 und 2 sind die letzten vollendeten Streichquartette des fruchtbaren Österreichers. Haydn komponierte sie im Jahre 1799 im Alter von 67 Jahren. Sie sind aus der Haltung dessen geschrieben, der sich im Vollbesitz seiner hochentwickelten Mittel weiß. Op. 77 Nr.1 ist zeichnet sich durch Kompaktheit, gedankliche Konsequenz und Energie in den Ecksätzen und eine wundervoll feierlich-meditative Stimmung im langsamen Satz aus. Experimente, wie sie sich noch in den vorangegangenen Quartetten Op.76 finden, gibt es nicht. Ein neuer Tonfall fällt allerdings im Menuett auf, das augenscheinlich vom Typus des Scherzos beeinflusst ist, den der junge Beethoven kurz zuvor entwickelt hatte. Haydn schafft daraus eine neue Form des Menuetts, die wie bei Beethoven von starken rhythmischen Akzenten und der tempomäßigen Verzahnung von Hauptteil und Trio gekennzeichnet ist. Diese Form der Übernahme ist exemplarisch für den Entwicklungsprozess der Klassik. Mozart hatte, vom älteren Haydn angeregt, Quartette komponiert, die er diesem widmete. Die Werke waren für Haydn, der davon höchst beeindruckt war, der Anlaß, seinen Quartettstil weiterzuentwickeln. Auf den Errungenschaften dieses quartettistischen Doppeltgestirns fußte der junge Beethoven, der nun wieder auf den reifen Haydn zurückwirkte.

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