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Der Prophet Daniel als Promotor der Rechtsgeschichte

Die Art wie der alttestamentarische Prophet Daniel zwei Männer der Lüge überführte, welche eine Frau des Ehebruchs bezichtigten, gilt als ein Meilenstein der Rechtsgeschichte. Das Opfer der falschen Anschuldigung war Susanna, eine junge Frau, die –  insbesondere ausgezogen – offenbar besonders anziehend war. Wie die Bibel erzählt, waren die Gedanken zweier Richter, die sich wegen fortgeschrittenen Alters nur mehr wenig Hoffung auf näheren Umgang mit einer frischen jungen Frau machen konnten, angesichts der schönen Susanna auf Abwege geraten und ihre Augen waren in die Irre gegangen. Sie lauerten der jungen Frau daher im  Bad in der Absicht auf, an ihr das Feuer unbefriedigter Lust zu löschen, welches in ihnen trotz oder vielleicht auch gerade wegen ihres Alters heftig loderte. Als sich Susanna weigerte, ihnen zu Willen zu sein, versuchten die beiden sie mit der Drohung gefügig zu machen, sie andernfalls des Ehebruchs zu bezichtigen. Die ehrsame Susanne ließ sich davon aber nicht beeindrucken, worauf die frustrierten Alten ihre Drohung wahr machten und öffentlich behaupteten, sie hätten die junge Frau in ihrem Garten zufällig beim Ehebruch beobachtet. Auf Grund der Aussagen der hoch angesehenen Männer wurde Susanna von der Gemeinde zum Tode verurteilt. Als man sie zur Hinrichtungsstätte brachte, erfuhr der junge Daniel, der in der Öffentlichkeit bis dahin noch nicht weiter aufgefallen war, auf Grund göttlicher Intervention von dem Unrecht. Er meldete sich sofort vehement zur Wort und bemängelte, dass man die Beweise nicht richtig erhoben habe. Man hätte, so trug er vor,  die beiden Alten zur Überprüfung ihrer Glaubwürdigkeit getrennt vernehmen müssen, um festzustellen, ob sie übereinstimmende Angaben machen. Daraufhin ernannte man Daniel ohne weitere Umstände zum Vorsitzenden einer Art Berufungsgericht. Der junge Mann verhörte die beiden Alten nun getrennt und fragte sie listig, unter welchem Baum sie Susanna denn beim verbotenen Liebesspiel gesehen hätten. Dabei sagte der Eine, der inkriminierte Akt habe sich unter einer Linde zugetragen. Der Andere verlegte ihn hingegen unter eine Eiche.  Auf Grund dieses Widerspruchs kam die Gemeinde jetzt zu der Überzeugung, dass die beiden Alten gelogen und Susanna zu Unrecht beschuldigt hätten. Nach dem Auge um Auge Prinzip wurden nun sie zum Tode verurteilt und das Urteil wurde alsbald vollstreckt.

Dokumentiert nun all dies einen Fortschritt des Rechtwesens? Nun, sollte das Gemeindegericht auf Grund der Intervention des Daniel tatsächlich zum ersten Mal in der jüdischen Rechtsgeschichte Zeugen getrennt vernommen haben, so wäre dies wahrlich ein prozessualer Fortschritt von einigem Gewicht gewesen. Allerdings ist schwer vorstellbar, dass man diesen Grundsatz vor Daniels Auftritt nicht gekannt haben soll, zumal man zu dessen Erkenntnis weniger einer göttlichen Intervention, sondern eigentlich nur des gesunden Menschenverstandes bedarf. Da man in diesem Verfahren aber auch sonst Einiges von dem vermisst, was man heute in einem Strafprozess für selbstverständlich hält, erscheint es allerdings auch nicht ausgeschlossen, dass dieser Grundsatz damals noch nicht bekannt war.

Diese allgemeinen Probleme fangen schon damit an, dass eine zweite Instanz offenbar gar nicht vorgesehen war. Susanna kam ja gewissermaßen nur zufällig in den Genuss einer Überprüfung des erstinstanzlichen Urteils und damit ihres weiteren Lebens. Weiter ist Daniel zum Vorsitz in der Berufungsinstanz gekommen, weil er das Urteil der ersten Instanz für falsch hielt und es aufgehoben haben wollte. Neben dem Vorsitz nahm er in dem Verfahren damit zugleich die Rolle des Verteidigers ein, womit er sich in einer nicht unerheblichen Erkenntniskollision befand. Folgt man der Schilderung der Bibel hielt er denn mit seinem vorgefaßten Urteil auch nicht nur vor dem Verfahren, sondern auch in diesem selbst nicht hinter dem Berg. Danach sagte er dem einem Zeugen ganz ohne das Bedürfnis, wenigstens den Anschein der Unbefangenheit zu wahren, noch vor dem Beginn der Vernehmung zur Sache erst einmal ins Gesicht, er sei in Schlechtigkeit alt geworden und immer ein ungerechter Richter gewesen, weswegen er jetzt die Strafe für die Sünden bekomme, die er bisher begangen habe. Dem anderem hielt er nicht weniger befangen einleitend vor, er habe sich an zahlreichen Töchtern Israels vergangen, nur Susanna, eine Tochter Judas, habe seine Gemeinheit nicht  geduldet (was diese Unterscheidung soll, bleibt im Unklaren). Nachdem der Zeuge seine Aussage betreffend die Art des Baumes gemacht hatte, folgte sofort ihre Würdigung als Lüge und die Drohung, dass der Engel des Herrn schon mit dem Schwert bereit stehe, um ihn in Stücke zu hauen.  Anders als Susanna hatten die beiden Übeltäter mangels göttlicher Intervention auch nicht die Möglichkeit, das Urteil gegen sie überprüfen zu lassen, gar nicht zu reden von der Problematik des Auge um Auge Prinzips, der Todesstrafe und des sofortigen Vollzuges derselben, die sich ja gerade im Falle der Susanna besonders deutlich gezeigt hatte.

Aber gerade auch in der Frage, bei der Daniel Rechtsgeschichte schrieb, ist einiges zu bemerken. Unklar ist nämlich, ob Daniel bei der Bewertung des Widerspruchs in den Aussagen der beiden Zeugen zwischen Kerntatsachen und Randtatsachen unterschieden hat. Der bloße Umstand, dass die beiden unterschiedliche Angaben hinsichtlich der  Art des Baumes machten, unter dem die behauptete Szene stattgefunden haben soll, ist nicht ohne weiteres ein Indiz dafür, dass ihre Aussagen auch im Hauptpunkt falsch waren. Anders wäre dies etwa dann, wenn die Art des Baumes eine wichtige Rolle gespielt hätte, etwa weil damit auch der Ort der Handlung bestimmt worden wäre, was etwa dann der Fall gewesen wäre, wenn die beiden Bäume in dem Garten an ganz verschiedenen Stellen gestanden hätten. Ein Widerspruch bei der Schilderung des Tatortes ist natürlich wesentlich gewichtiger als ein Widerspruch betreffend eine botanische Bestimmung, auf die es nicht weiter ankommt. Zu dieser wesentlichen Differenzierung sagt der Verfasser des Buches Daniel nichts. Damit aber trägt er eher zur Verhinderung als zur Förderung des Fortschrittes im Rechtsdenken bei.

Die Geschichte von Susanna im Bade markiert daher eher keinen Meilenstein der Rechtsgeschichte. Am ehesten könnte man sie noch als solchen verstehen, wenn man sie im allgemeinen Zusammenhang der frühzivilisatorischen Bemühungen sieht, soziale Fragestellungen durch Einbettung in einen religiösen Kontext zu verdeutlichen und ihren normativen Lösungen dadurch zugleich eine erhöhte Legitimation zu verschaffen. Letztlich ist die Geschichte der Susanna doch wohl besser für Maler geeignet, die denn mit diesem Stoff auch gerne ihrer Neigung nachgingen, sich mit erotischen Sujets zu befassen. Angesichts christlicher Leibfeindlichkeit nutzten sie die Badeszene ausgiebig, um  gewissermaßen im Schutze der Bibel die  Reize der unbedeckten Frau darstellen zu können, und, wie auch schon die Bibel, Spannung aus der Gegenüberstellung von junger Weiblichkeit und Altersfrustration zu ziehen. 

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