VII) Ein- und Ausfälle – Gedankensplitter……………………………………………………….

 

A) Fernöstliche Gedanken über Westliches

B) Barockes

C) Architektur

D) Antikes

E) Vermischtes

 

A) Fernöstliche Gedanken über Westliches

China 1

China, so hört man von westlichen Kritikern gerne, sei früher zu sehr auf sich selbst bezogen gewesen. Es habe daher die (nicht zuletzt technischen) Entwicklungen verschlafen, deren Kenntnis die Voraussetzung dafür gewesen wäre, dass es sich dem Druck der fortgeschritteneren Gesellschaften hätte erwehren können. Kindlich unreifes Reich der Mitte! Es hat nicht genügend von dem Halbstarkengehabe mitbekommen, das außerhalb seiner geschlossenen Grenzen üblich geworden war.

China 2

Im 18. Jahrhundert kamen die Berater des chinesischen Kaisers, die aufgefordert worden waren, sich über den Charakter der englischen Schiffe zu äußern, die China seinerzeit bedrängten, zu dem Ergebnis, es seien (nur) Handelsschiffe, die bewaffnet seien. Tatsächlich handelte es sich aber um Kriegsschiffe. Dennoch haben die Chinesen den Sachverhalt vollkommen richtig beobachtet.

China 3

Man kann nur hoffen, dass die maßstabsetzende Weltmacht künftig nicht mehr die USA sondern China sein wird. Anders als der westliche Aspirant für die Weltmacht hat China in seiner langen Geschichte nicht nur wenig die Neigung gezeigt, sich auf Kosten anderer auszubreiten. Es kannte auch keine Rassendiskriminierung und keine religiöse Überhöhung seines Vorbildanspruches. Vor allem aber hat es keinen institutionalisierten Egoismus sondern eine tief verwurzelte Tradition sozialer Verantwortlichkeit, die allen Turbulenzen und Entgleisungen seiner politischen Geschichte zum Trotz immer wieder zum Vorschein gekommen ist.

 

China 4

Was China und Europa unterscheidet: Die Chinesen verwendeten das Schießpulver, dessen explosive Wirkung sie im 9. Jahrhundert entdeckt hatten, mehrere Jahrhunderte lag nur dazu, das Leben schöner oder einfacher zu machen. Sie fertigten daraus Feuerwerkskörper und verwendeten es zum Sprengen und Signalisieren. Als die Europäer – vermutlich durch Vermittlung moslemischer Handelsreisender – Anfang des 14. Jahrhunderts Kenntnis von den Möglichkeiten des explosiven Gemisches erhielten, dachten sie als erstes daran, welche Schwierigkeiten man sich damit machen bzw. welche Vorteile man sich damit verschaffen könne. Kaum war das Schießpulver bekannt, gab es auch schon die ersten Handfeuerwaffen (1321). Noch im 14. Jahrhundert entstand auch eine Menge Literatur, in der Möglichkeiten zur Verbesserung der Wirkung des Schießpulvers beschrieben wurden. Im weiteren Verlauf setzten die Europäer ihre Kraft und Phantasie bevorzugt dazu ein, die zerstörerischen und erpresserischen Möglichkeiten explosiver Chemikalien zu erkunden, die erforderliche Technik zu entwickeln und zu verfeinern und die gesellschaftlichen Voraussetzungen für den Einsatz der Waffen zu schaffen, die daraus entwickelt wurden. Dies trug wesentlich zu jener Explosion der gesellschaftlichen Verhältnisse bei, welche die Europäer gerne als Fortschritt bezeichnen. Das Leben ist dadurch sicher dynamisch aber nicht schöner und einfacher geworden.

China 5

Dass strategische Aspekte beim kommunikativen Umgang mit Tatsachen immer dann eine besondere Rolle spielen, wenn es um Fragen der Steuerung der Gesellschaft geht, ist ein allgemeines bekanntes, immer wieder vergeblich beklagtes Phänomen („Politiker lügen“). Bekannt ist auch, dass dieses Phänomen, das „ehrliche“ Europäer stets neu verwirrt, in Asien auch bei sonstigen Vorgängen der sozialen Kommunikation besonders häufig zu beobachten ist. Geht es allerdings um Fragen der Steuerung der Gesellschaft in Asien, dann können sich die Effekte in einem Maße summieren, dass die Flexibilität im Umgang mit Tatsachen ans Akrobatische grenzt. Dies zeigt sich besonders deutlich im Falle von Dso`s Kommentar zu den altchinesischen Frühlings- und Herbstannalen. Irgendwann in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausend v. Chr. versprach man sich viel davon, einen Kommentar dieses wichtigen Autors zu dem alterswürdigen Annalentext zu haben, der, wiewohl eigentlich inhaltsleer, in China zu einem bedeutenden sozialen Steuerungstext geworden war (was wiederum selbst große Freiheit im Umgang mit „sozialen Tatsachen“ eröffnete). Dso hat aber offenbar keinen Kommentar zu diesem Text geschrieben. Daher nahm man ein anderes Werk, von Dso, vielleicht aber auch von einem anderen Autor, und stückelte es so zurecht, dass es wie ein Kommentar zu den Frühlings- und Herbstannalen aussah. Dass dabei manches überhaupt nicht passte, störte schon daher nicht, weil die Annalen wegen ihrer Inhaltsleere große Freiheiten bei der Kommentierung ermöglichten, im übrigen aber auch deswegen nicht, weil man sich im allgemeinen durch Tatsachen nicht sonderlich stören lässt, wenn man mit ihrer Behauptung strategische Ziele verfolgt.

 China 6

Es mag sein, dass die moralischen und seelischen Superlative wie „Platz des himmlischen Friedens“, „Halle der vollkommenen Harmonie“, „Palast des reinen Wohlwollens“ mit der sich im alten China die Führungsebene umgab, reichlich paradiesisch und im Hinblick auf die unruhige und mitunter ziemlich blutige chinesische Geschichte auch nicht gerade realitätsnah sind. Es stellt sich aber die Frage, ob es nicht besser ist, die Ausrichtung eines Gemeinwesens mit übertriebenen Wunschvorstellungen zu garnieren, als zu versuchen, die Menschen mit Bildern exzessiver Grausamkeit auf Kurs zu halten, als da sind: die „Vertreibung aus dem Paradies“, das massenhafte Ersäufen in einer „Sintflut“, die strafweise Vernichtung von Stätten abweichenden Verhaltens wie „Sodom und Gomorrha“, der elende „Kreuzestod“ einer edlen Führungsfigur und ein unerbittliches „Jüngstes Gericht“ einschließlich der von ihm verhängten Strafe ewigen Schmorens in einer „Hölle“.

China 7

Man kann sich Bücher ausdenken, die ihren Ursprung im Himmel haben, wie am westlichen Ende des eurasischen Kontinents, oder Texte allgemein geachteten Weisen der Vergangenheit zuschreiben, wie am östlichen Ende des Kontinents. Sozialtechnisch ist es das gleiche Verfahren. Es geht es jeweils darum, Texte die Normen generieren sollen, im „Jenseits“ zu verankern, um dem Führungspersonal, das im Diesseits agiert, die Arbeit zu erleichtern. Das zeigt vor allem die Tatsache, dass der weitere Umgang mit diesen Texten in Ost und West sehr ähnlich ist. In beiden Kulturen sind die Grundbücher meist allgemein bis nichts sagend gehalten und lassen daher allerhand Deutungen zu. Besonders deutlich wird dies bei den Konfutius zugeschriebenen „Frühlings – und Herbstannalen“, die für die chinesische Sozialgeschichte so wichtig wurden. Sie enthalten nicht viel mehr als eine wenig aussagekräftige Aufzählung historischer Ereignisse. Die nähere Ausführung der Grundbücher ist in Ost und West jeweils nachgeordneten Werken vorbehalten, welche die Grundbücher unter Berücksichtigung der jeweiligen Zeitumstände auslegen. Im Westen nannte man diese Tätigkeit ursprünglich Theologie, im Osten Kommentierung. Auch hier ist das Verfahren bei den „Frühlings – und Herbstannalen“ besonders aufschlussreich. Die Kommentatoren ziehen aus dem Ursprungstext selbst dann noch ausgedehnte sozialpädagogische Lehren, wenn derselbe praktisch ohne Inhalt ist. Im Prinzip hat sich an dieser sozialen Steuerungstechnik bis heute nichts geändert. Nur dass wir neuere soziale Grundtexte nicht mehr heilige Bücher sondern Gesetze, das Spitzenwerk etwa Grundgesetz nennen. Auch diese Texte sind möglichst allgemein gehalten und werden von Anwendungsinstitutionen wie Gerichten und Kommentatoren konkretisiert und an den jeweiligen Bedarf angepasst, wobei nicht selten die kürzesten und allgemeinsten Paragraphen die längste Kommentierung erfahren. 

China 8

Auf die Frage, was sie von den Turbulenzen ihrer neueren Geschichte, insbesondere dem Bürgerkrieg und der Kulturrevolution halten, antworten die Chinesen meist ganz unbefangen, das sei (bedauerliche) Vergangenheit. Es lohne sich nicht, ständig darüber nachzudenken. Es könnte sein, dass diese Einstellung ein Grund dafür ist, dass sich China so kraftvoll seiner Zukunft widmen kann.

China 9

Bei der Beschäftigung mit den geistigen Modellvorstellungen Chinas wird einem so richtig deutlich, in welchen Maße das geistige Leben Europas noch immer daraus besteht, das wieder in den Griff zu bekommen, was durch spekulative Grundannahmen zuvor verkompliziert wurde. Anders als die Chinesen arbeiten wir, bevor wir zu Fragen der praktischen Lebensgestaltung kommen, aufwändig erst einmal die Folgen der geistigen Postulate ab, mit denen wir das Leben überzogen haben. Dazu gehören die diversen Varianten der Vorstellung von einem Jenseits (darunter das Konzept eines ewigen Gottes einschließlich seines Stellvertreters auf Erden, der Unsterblichkeit der Seele, eines jüngsten Straf- und Belohnungsgerichtes und die Reste eines Gottesgnadentums der weltlichen Herrscher), die Frage nach dem Sinns des Lebens, nach der Erforschbarkeit und Beeinflussbarkeit des Schicksals und eines vermeintlichen Gegensatzes von Geist und Materie mit seinen Varianten Geist und Körper und Geist und Leben. Freilich haben die solchermaßen selbst aufgebauten Hürden auch Kulturleistungen herausgefordert, die nicht weniger „ungeheuerlich“ sind als die geistigen Grundannahmen, die sie bewirkten. Ohne die Vorstellung von einem Jenseits und seinen Varianten wären nicht nur die grandiosen europäischen Kirchen nicht gebaut worden, sondern wären auch viele der geistigen Leistungen unterblieben, die metaphysische Vorstellungen illustriert (Musik, Literatur, Malerei) oder sich mit ihren Konsequenzen auseinandergesetzt haben (Philosophie). Nicht zuletzt gehören dazu auch die komplizierten Versuche, die Abhängigkeit von diesen Vorstellungen zu lockern (Sekularisierung) oder sich ganz davon zu lösen.

China 10

Es fällt auf, dass es in China wesentlich weniger (bauliche) Sehenswürdigkeiten aus alter Zeit gibt als in Europa. Das hat sicher nicht nur damit zu tun, dass in China weniger Altes erhalten geblieben ist, etwa weil man weniger beständige Baustoffe verwendete oder weil in den zahlreichen gesellschaftlicher Umwälzungen viel zerstört wurde. Es dürfte dafür auch eine strukturelle soziale Ursache geben.

Vom Menschen gemachte Sehenswürdigkeiten setzen in der Regel eine gewisse Konzentration ökonomischer Mittel voraus. Daher ist die Anzahl solcher Sehenswürdigkeiten umso größer, je mehr Individuen oder Gruppen von Individuen die Möglichkeit haben, solche Mittel verstärkt an sich zu ziehen. Dies ist naturgemäß dann in besonderem Maße der Fall, wenn die Konzentration ökonomischer Mittel in privater oder quasi privater Hand in einer Kultur in besonderer Weise zugelassen oder gar gefördert wird.

Eine derartige Konzentration von Ressourcen ist typisch für die europäische Kultur. Eine ihrer unausgesprochenen aber dennoch zentralen Zielvorstellungen ist, dass sich der Einzelne oder Gruppen von Einzelnen so viel wie möglich vom gemeinsamen – und möglichst noch von fremden – Kuchen verschaffen sollen und dürfen. Die Methoden, deren man sich dabei bedient, sind außerordentlich vielgestaltig. Sie reichen von unverblümter Durchsetzung des Bereicherungswillens (so im Falle der Sklavenhaltung oder des Raubrittertums) bis zur fein verschleiernden Legitimation desselben (etwa durch Schaffung bestimmter Strukturen des Erwerbs und der Verteilung von politischer Macht oder dem Praktizieren eines Wirtschaftssystems, welches das Akkumulieren von wirtschaftlichen Ressourcen fördert – zum Beispiel eines kapitalistischen). Ausdruck der Bedeutung, den der Topos der Bereicherung im Westen hat, ist die Tatsache, dass hier in der Regel derjenige bewundert wird, dem es gelingt, mehr als seinen Teil am großen Ganzen an sich zu nehmen. Der sinnenfälligste Ausdruck dieses Denkens ist das Schloss, mit dem der Schlossherr deutlich macht, dass er seinen Reichtum für des öffentlichen Sehens würdig hält, aber auch, dass er ihn unter Verschluss halten, also gegen den Zugriff von Seiten der Gesellschaft verteidigen will.

Die Tatsache, dass im alten China vergleichsweise wenig Sehenswürdigkeiten entstanden, dürfte daher etwas damit zu haben, dass dort die individuelle Akkumulation ein weniger hoch bewerteter gesellschaftlicher Topos ist als in Europa und seinen Dependancen. Dass dem so ist, zeigt eine Passage aus  dem altchinesischen Grundbuch „Diskurse der Staaten“. Dort wird einem wohlwollenden Ratgeber des Dschou-Königs Li, der im 9. Jh. v. Chr. regierte, die folgende Warnung vor dem Bereicherungsdrang des Herzogs I von Rung, den der König zu seinem Kanzler machen will, in den Mund gelegt: „Dem Herzog I von Rung ist daran gelegen, den gesamten Ertrag (des Landes) alleine zu beanspruchen, ohne die großen Schwierigkeiten zu verstehen, die daraus entstehen müssen. Denn die Erträgnisse erwachsen aus allen Dingen, …sollte sie einer für sich alleine beanspruchen, so verursacht er damit zahlreiche Schäden. Die vielen Dinge, die Himmel und Erde gedeihen lassen, sind für den Gebrauch aller bestimmt. Wie darf sie daher einer für sich allein beanspruchen. So wird ein gewaltiger Unwille hervorgerufen und nichts getan, um Vorsorge für die kommenden großen Schwierigkeiten zu treffen. … Wer als König herrscht, muss die Erträgnisse zu fördern und sie an alle in den niederen und höheren Regionen zu verteilen wissen. Und selbst wenn alle… das ihnen zukommende Maß erhalten haben, so lebt er (hätte er zuviel) doch täglich in Sorge und Angst, dass er Missbilligung erregen könnte… Wenn ein Gemeiner Erträgnisse an sich zu reißen versucht, so wird er Räuber genannt. Tut dies ein König, so wird es wenige geben, die ihm zu folgen bereit sind“ (mit der Folge, dass seine Herrschaft verfällt, was dann auch, so die Moral des negativen Exempels, bei König Li, der den guten Rat nicht beachtete, der Fall war). Neben den außergewöhnlich hoch bewerteten moralischen und praktischen Aspekten der Anhäufung von Reichtum erscheint hier ein Topos, der dem Westen – besonders dem „Wilden Westen“ – besonders fremd ist: die Sorge und Angst, man könne durch die übermäßige Anhäufung von Reichtum Missbilligung erregen.

Tatsächlich wurden die ökonomischen Ressourcen im alten China, die in ihrer Gesamtheit vermutlich nicht geringer waren als die Europas, auch in geringerem Maße im Interesse von Individuen oder Gruppen, sondern mehr für Zweckes des Ganzen der Gesellschaft konzentriert. Dem entsprechend sind die Relikte der alten Kultur, sieht man von Repräsentationsstätten wie Kaiserpalästen oder Kultstätten ab, in China eher solche von gesellschaftlichen Gemeinschaftsprojekten. Solche Projekte wiederum konnten, da die Ressourcen nicht in einer Vielzahl von „privaten“ Projekten „verzettelt“ wurden, in Dimensionen verwirklicht werden, vor denen wir Europäer heute mit Staunen wie vor Sehenswürdigkeiten stehen, darunter so unglaubliche Anlagen wie die chinesische Mauer und der Kaiserkanal oder die großen Bewässerungs- und Überschwemmungsschutzprojekte.

China 11

Unglücke, insbesondere Naturkatastrophen, die Gute und Böse gleichermaßen treffen, sind für die traditionellen Weltbilder die Probe aufs Exempel. Am schlechtesten lassen sie sich im Rahmen eines Weltbildes erklären, das von einem perfekten und allmächtigen Gott ausgeht. Dessen Bild leidet notwendigerweise unter der Tatsache, dass er solches Geschehen nicht verhindern kann oder will. Unglücke stellen hier die Konstruktion des Weltbildes selbst in Frage. Bei den alten Chinesen hingegen sind Unglücke eher eine Bestätigung des Weltbildes. Da im Mittelpunkt des (alt)chinesischen Weltbildes der Mensch und seine soziale Verantwortung stehen, hat man auch hier eine politische und damit „menschliche“ Lösung des Problems gefunden. Die Chinesen gehen davon aus, dass Unglücke eine Folge der Störung der kosmischen Harmonie durch den Menschen seien. Und da die Möglichkeiten des Einflusses auf die kosmischen Verhältnisse als um so größer angenommen werden, je höher die Stellung des einzelnen Menschen in der sozialen Hierarchie ist, trägt der jeweilige Herrscher für Unglücke umso mehr Verantwortung, je größer sie sind, was doch ziemlich menschlich ist.

China 12

Auf den ersten Blick scheint es, dass im alten China und im Westen auf sehr unterschiedliche Weise Geschichtsschreibung betrieben wurde. Für die alten Chinesen war die Beschreibung des Vergangenen im Wesentlichen ein Mittel der Zukunftsgestaltung und damit ein Werkzeug der sozialen Didaktik oder der Politik. Deswegen haben sie nur begrenzt danach gefragt, ob die Beschreibung den Tatsachen entsprach. Die westlichen Geschichtsschreiber haben in viel höherem Maß die Nähe der Tatsachen gesucht. Der Sache nach dürften beide aber mehr oder weniger das Gleiche getan haben. Der Unterschied liegt wahrscheinlich nur darin, dass die chinesischen Historiographen entweder naiv oder weise und unsere Historiker entweder naiv oder raffiniert waren. Die chinesischen Schriftsteller haben sich nämlich entweder gar nicht erst eingebildet, etwas anderes als Gesellschaftsgestaltung zu betreiben, was weise, oder sie (oder ihre Adressaten) haben die Mechanik des Zusammenhangs von Vergangenheit und Zukunft nicht durchschaut, was naiv wäre. Die westlichen Historiker haben entweder geglaubt, ihr Geschäft sei um so weniger politisch, je näher sie an die Tatsachen rückten, was ebenfalls naiv wäre, oder sie haben sich hinter den Tatsachen und dem ernormen Aufwand, den sie zu ihrer Ermittlung betrieben, verschanzt, um ihre wahren (Gestaltungs)Absichten zu verschleiern, was raffiniert wäre.

China 13

Ein Unterschied, der den Stoff für den nächsten clash of civilisations abgeben könnte: der von Kulturen mit und ohne Glauben an einen Schöpfergott. Denn viel grundlegender voneinander geschieden als Islam und christlich geprägten Kulturen, die gerade wieder einmal meinen, dass die Weltprobleme zwischen ihnen ausgetragen werden, ist die Differenz zwischen Christentum und Islam auf der einen und der chinesischen Kultur auf der anderen Seite. Immerhin gehen erstere davon aus, dass die Welt nur im Hinblick auf einen jenseitigen Schöpfergott verstanden und gehandhabt werden kann, während letztere sich ohne derart komplizierte Extrapolationen eher mit den Problemen des Diesseits befasst. Angesichts der außerordentlich hohen Selbsteinschätzung, welche den Islam im allgemeinen und die (amerikanischen) Kreationisten im Speziellen kennzeichnen, müsste die Konfrontation mit der Kultur Chinas spätestens dann relevant werden, wenn der ostasiatische Koloss, wie zu erwarten, demnächst eine Hauptrolle auf der Weltbühne übernehmen wird. Allerdings könnte es auch sein, dass der clash ausbleibt: zum Einen, weil ein erbitterter Streit, wie wir ihn gerade zwischen christlich und islamisch geprägten Kulturen beobachten, erfahrungsgemäß am ehesten zwischen Verwandten stattfindet; zum andern, weil möglicherweise die „Konfrontation“ der kreationistischen Kulturen mit der Tatsache, dass eine der ältesten und größten Kulturen der Welt ohne die Frage nach einem Schöpfergott zurechtkam, eine Relativierung der Fragestellung zur Folge haben könnte; schließlich weil zum Streiten zwei gehören und die Chinesen in Fragen dieser Art nie sehr streitbar gewesen sind.

China 14

Im alten China herrschte die Vorstellung, dass sich Recht und Moral dadurch entwickeln, dass der Herrscher seinem Volk mit gutem Beispiel vorangehe. Dies hielt das Bedürfnis der Menschen in Grenzen, an die Spitze der Gesellschaft zu streben. Im Abendland hingegen nahmen die Herrschenden aus angeblich übergeordneten Gesichtspunkten heraus gerne in Anspruch, außerhalb des Rechtes zu stehen. Dies hatte zur Folge, dass die oberen Ränge der Gesellschaft sehr attraktiv erschienen. Dies scheint eine wesentliche Ursache dafür zu sein, dass sich im Westen ein Gesellschaftsmodell entwickelte, dessen Leitmotiv der soziale Aufstieg ist.

China 15

China kannte von alters her keinen Adel, keine Verehrung des Militärs, keine Kirche, die meinte, alles am besten zu wissen, keinen Kolonialismus, keine Religionskriege, keinen Rassismus und keinen Nationalismus, dafür aber einen relativ gerechten Zugang des Volkes zu öffentlichen Ämtern und die tatsächliche Verantwortung der Regierung für das Wohl des Volkes, mit anderen Worten China hatte das oder das nicht, was sich Europa erst in neuerer Zeit mühsam ab- oder anzugewöhnen begonnen hat.

China 16

 Im alten China gab es den Beruf des Juristen nicht. Offenbar war den Menschen im wesentlichen auch so klar, was man darf und soll. Juristen braucht man erst, wenn dies nicht mehr der Fall ist. Die Unklarheit beginnt, wenn man anfängt zu fragen, welche andere Möglichkeiten es gibt. Diese Frage stellen nicht zuletzt diejenigen, welche aus der Reihe tanzen wollen. (wovon es im alten China offenbar nicht so viele gab).

China 17

Für Konfutius ist die Musik das Medium, mit dem der Mensch seine Sehnsucht nach dem Einssein mit dem Kosmos befriedigt. Dadurch, so lehrte er, werde der Mensch gütig und aufrecht. Moderne Komponisten des Westens versuchen hingegen immer wieder, dem Menschen mit der Musik zu verdeutlichen, wie wenig eins er mit dem Kosmos (oder, wie man heute sagen würde, dem idealen gesellschaftlichen Ganzen) ist. Dahinter steckt eine pädagogische Absicht. Die Konfrontation mit den Problemen der modernen Verhältnisse soll die Menschen sensibilisieren und damit veränderungsbereit machen. Ob dieses Konzept aufgeht, ist zweifelhaft. In Umkehrschluss aus der Lehre des Konfutius könnte es auch sein, dass eine Musik, welche die Sehnsucht des Menschen nach dem Einssein mit dem „Kosmos“ nicht befriedigt, dazu führt, dass er weniger empfänglich für die segensreichen Wirkungen der Musik, im schlimmsten Falle also dass er herzlos und unaufrecht wird. 

 

China 18

Was die Normgeber der großen Kulturkreise von der Normtreue des Menschen halten, kann man aus den Mitteln ersehen, mit denen sie die Befestigung der Norm sicherzustellen und den Einzelnen zu einem normgerechten Verhalten zu bringen versuchten. In unserem Kulturkreis versprachen man dem Normtreuen zu diesem Zwecke ein ewiges Leben in einem überaus herrlichen Himmel. Dem Normverletzer hingegen drohte man eine unglaublich grausame, ebenso ewige Hölle an. In Indien hielt man zur Durchsetzung der Normen nicht weniger extreme Szenarien für notwendig. Man drohte dem Normuntreuen nach dem Tod mit neuer Geburt auf einer niedrigeren Stufe des Lebens und versprach dem Normtreuen den Aufstieg in der Lebenshierarchie. Als höchste Belohnung winkte bei besonderer Anstrengung sogar die Möglichkeit des Ausstiegs auf dem Kreislauf der Wiedergeburten. Die Chinesen waren bei der Wahl der Mittel zur Befestigung der Normen dagegen auffallend mäßig. Sie stilisierten zu diesem Zwecke ihre Normgeber zu Heroen, um sie zu Vorbildern zu machen, begnügten sich also im Wesentlichen mit Geschichtsfälschungen. Die interessante Frage ist, was bei der Wahl des Mittels der Normbefestigung Ursache und was Wirkung ist. Haben der Westen (einschließlich des Nahen Ostens) und die Inder so dick auftragen müssen, weil die Menschen besonders schwer in den (sozialen) Griff zu bekommen waren, oder waren die Menschen hier so schwer zu lenken, weil sie diese Art der Normbegründung und -bestärkung nicht recht überzeugte? Es fällt jedenfalls auf,  dass man in China trotz der Mäßigung bei der Normbefestigung eine Menge gesellschaftlicher Fehlentwicklungen ausgelassen hat, welchen bei uns auch die drastischsten Versprechungen und Strafen nicht verhindert haben.

China 19

In einer Weltsicht, die von einem persönlichen Verhältnis des Einzelnen zu einer allmächtigen und allwissenden Institution ausgeht, die im Jenseits angesiedelt ist, werden bei der Formulierung ethischer Postulate Fragen der Gestaltung dieses asymmetrischen, irrealen und persönlichen Verhältnisses im Vordergrund stehen, Fragen der Regelung des realen Miteinanders prinzipiell gleichartiger Menschen im Diesseits hingegen tendenziell zu wenig Aufmerksamkeit erhalten. Für die alten Chinesen, die eine übergeordnete Institution dieser Art nicht kannten, war neben der Vollkommenheit der Persönlichkeit hingegen vor allem die Einbindung des Individuums in das gesellschaftliche Ganze wichtig, weswegen zum chinesischen Begriff der Tugend (De) etwa auch die Beachtung der Riten gehörte, in denen sich die soziale Einbettung des Einzelnen spiegelte.

 

China 20

Auf die Frage, wer für sie der größte Held sei, nannten junge Akademiker aus China Konfutius, ihre Kollegen aus Deutschland Franz Beckenbauer und Michael Schumacher. Bleibt nur noch die Hoffnung, dass der Satz falsch ist, eine Kultur sei so groß wie ihre Vorbilder.

 

 

B) Barockes

Barock 1 – China 21 (Chinoiserie)

Auch wenn der Begriff des Barock, der – abgeleitet von portugiesischen Wort „barucca“, mit dem man unrund geformte Perlen beschrieb – schon im 17. Jahrhundert die Bedeutung von „regelwidrig“ hatte, hat man in Europa das Unregelmäßige in der (Bau)Kunst richtig erst im 18. Jahrhundert entdeckt. Den Höhepunkt erreichte die Unregelmäßigkeit im alles überwuchernden Muschelwerk des Rokoko, in dem die Asymmetrie schließlich zum Prinzip erhoben wird. Zur gleichen Zeit – nicht selten sogar unmittelbar damit verbunden, entstand in Europa die Chinoiserie. Dies dürfte seinen Grund nicht zuletzt darin haben, dass ein wesentliches Merkmal auch der chinesischen Kunst die kunstvolle Unregelmäßigkeit ist. Die Frage ist nur, ob die Deregulierung der Form in Europa eine Folge des Kontaktes mit der chinesischen Kunst oder ob die Bereitschaft Europas zur Aufnahme von Elementen chinesischer Kunst eine Konsequenz des Interesses an der Unregelmäßigkeit ist. Ganz auseinanderhalten kann mein beide Aspekte sicher nicht. Für ein Übergewicht des Letzteren spricht aber der Umstand, dass man seit der Mitte des 17. Jahrhundert gesellschaftliche Regelwidrigkeiten, nämlich die Kritik an den „regulären“ Mächten Kirche und absoluter Staat,  gerne in Chinesenvergleichen versteckte.

 

Barock 2 (Linie und Lebendigkeit)

Am Ende des 18. und bis tief in das 19. Jh. liebte man in der Architektur, wie heute, die klassizistische gerade (oder regelmäßig runde) Linie und hatte wenig übrig für die bewegte Phantasie. Über das Barock etwa heißt es im „Brockhaus“ von 1864, er sei „das willkürlich Seltsame, welches aus den launenhaften Einfällen eines Einzelnen hervorgehend, gegen die allgemeine und natürliche Ansicht verstößt und ins Ungereimte und Närrische übergeht“. Dem entsprechend straft dieses wichtigste deutsche Nachschlagewerk der Zeit so große Barockarchitekten wie Borromini und Guarini mit Nichtbeachtung und räumt ihnen kein Stichwort ein. In ähnlicher Weise attestiert der Kunsthistoriker Wilhelm Lübke dem Barock in seinem populären „Grundriß der Kunstgeschichte“ von 1860 die „Entfesselung der subjektiven Willkür und gewaltsame Übertreibung der Formen“. Über Borromini, einen von drei Architekten aus der Phalanx der italienischen Barockarchitekten, die er für erwähnenswert hält, schreibt Lübke, bei diesem verschwinde „die gerade Linie fast ganz aus der Baukunst,…. so dass jede strengere Komposition aufhört und alles wie im Taumel zu schwanken scheint.“ In seinem 1000-Seiten-Werk ist ihm die Besprechung der Baukunst der Barockzeit in Italien eine Seite, die Deutschlands kaum 15 Zeilen wert. Jakob Burckhardt, der Nestor der deutschen Italien-Kunstliteratur des 19. Jh., leitet in seinem „Cicerone“, der 1855 erschien, den Abschnitt über den Barockstil mit den Worten ein: „Man wird fragen, wie es nur einem Freunde reiner Kunstgestaltungen zuzumuten sei, sich in diese ausgearteten Formen zu versenken, über welche die neuere Welt schon längst den Stab gebrochen?“. Dass er das (italienische) Barock entgegen dem Usus der Zeit dann doch etwas ausführlicher und mit einem gewissen Verständnis behandelt, glaubt er rechtfertigen zu müssen. Er tut es mit dem Argument, der Italienreisende, der Zeit habe und sich daher nicht auf „das Beste“ konzentrieren müsse, wisse, dass er Genuss nicht nur aus dem „Anschauen vollkommener Formen“, sondern auch aus dem Mitleben der italienischen Kulturgeschichte erhalte, wozu nun einmal ohne seine, Burckhardts, Schuld in unverhältnismäßiger Weise auch das Barock gehöre. 

Irgendwie ist es dann aber tröstlich, dass eben dieser Jakob Burckhardt, der mit der Veröffentlichung des einflussreichen Architekturbuches „Die Geschichte der Renaissance in Italien“ im Jahre 1867 seinen Ruf gefestigt hatte, einer der wichtigsten Parteigänger der geraden oder doch der regelmäßigen Linie zu sein, in einem Brief an den Architekten Max Alioth aus Rom vom 5.4.1875 schreibt: „Mein Respekt vor dem Barocco nimmt stündlich zu und ich bin geneigt, ihn für das eigentliche Ende und Hauptresultat der lebendigen Architektur zu halten. Er hat nicht nur Mittel für alles, was zum Zweck dient, sondern auch für den schönen Schein.“ Das nährt die Hoffnung, dass auch heute die Vorherrschaft der geraden Linie über die bewegte Phantasie nicht von ewiger Dauer ist.

 

Barock 3 (Restauration und Reformation)

Das Barock gilt als der Stil der Gegenreformation und des Absolutismus. Die außerordentliche Prachtentfaltung in dieser Zeit wird dabei gerne als die – überschießende – Antwort bedrängter Machteliten auf die reformatorischen Kräfte der Neuzeit gesehen. Aus der Sicht der Zeit (und auf den ersten Blick) liegt diese Deutung nahe. Insbesondere die kategoriale und axiale Bauweise des frühen Barock deutet darauf hin, dass es um die Verteidigung alter Ordnungen ging.

Im Nachhinein gesehen (und auf den zweiten Blick) ist das Barock aber auch das Zeitalter, in dem das Weltbild Europas in beschleunigte Bewegung gerät. Seine tragenden Elemente, insbesondere die Auffassung von Religion und politischer Ordnung, werden in Frage gestellt. Es findet ein Wandel vom Kategorialen und Regulären, welches das europäische Denken bis dato prägte, zum Individuellen und Irregulären und damit zum Lebensvollen statt (eine Folge ist etwa die Ausformulierung von – individuellen – Menschenrechten, die gegen die kategorialen, bis dato allmächtigen großen gesellschaftlichen Institutionen wie Staat und Kirche geltend gemacht werden können). Man könnte daher sagen, dass die Bewegung, in welche im Barock die Kunstsubstrate, etwa die Säulen und Architrave der Gebäude, geraten, die Dynamisierung widerspiegelt, welche seinerzeit die Weltkonstruktion erfasst hatte. Insbesondere die Art, wie das – späte – Barock schließlich alles Begrenzende überschreitet, deutet darauf hin, dass sich hier vorwärts drängende Kräfte den Weg bahnen. So gesehen wäre das Barock der Ausdruck einen neuen, sich gerade entwickelnden Zeit.

Auf den ersten Blick scheinen sich beide Sichtweisen auszuschließen. Auf den zweiten Blick könnte die Doppeldeutigkeit des Barock aber ein Beispiel dafür sein, dass sich die Strömungskräfte einer Zeit in ihren künstlerischen Hervorbringungen auch dann abbilden, wenn die Protagonisten des Zeitgeschehens mit ihnen eigentlich andere Zwecke verfolgen.

 

C) Architektur

 

Historismus als lebendige Tradition

Wer durch ein historistisches Stadtviertel streift, ist, sofern er seine Augen offen hat, auf’s Angeregteste damit beschäftigt, kulturhistorische Entwicklungslinien nachzuvollziehen und Zusammenhänge herzustellen oder auseinander zu ziehen. In jedem ornamentalen Detail spiegeln sich Jahrhunderte europäischer Kunstgeschichte. Penibel nachgeahmte „Originale“ finden sich neben höchst phantasievollen Varianten. Die historischen Stile und ihre Elemente sind teils säuberlich getrennt, teils auf merkwürdige Weise miteinander verschmolzen. Überall kann man beziehungsreiche Anspielungen und mehr oder weniger gekonnte Weiterentwicklungen feststellen.

Noch in den fünfziger und sechziger Jahres des letzten Jahrhunderts hat man bei historistischen Gebäuden vor allem einen Mangel an originärer Schöpferkraft oder minderwertige Handarbeit gesehen. Heute haben wir die Möglichkeit, ihre Gestaltungen und Ornamente als Ausdruck einer langen Tradition zu verstehen. Der Gang durch ein solches Viertel hat damit in exemplarischer Weise die Wirkung, die ein Kunstmuseum erzielen will. Er verdeutlicht unser Bild von den Zeiten, welche zu unserer Zeit geführt haben. Man wird empfänglich für die zahllosen Versuche, aus dem Kanon der historischen Formen auszubrechen. Die Weiterentwicklung der historischen Formen enthält immer ein Abwenden vom Gewesenen. Altes wird so verdeutlicht und Neues möglich.

Hinzu kommt die Erkenntnis, dass diese Zeiten nicht „vergangen“ sind. Das Besondere der „Stadtmuseen“ ist, dass sie nicht museal sind. Sie können mit dem Auto durchfahren werden und man kann darin wohnen oder einkaufen. Sie sind nicht Vergangenheit, sondern Teil unseres heutigen Lebens.

Und noch etwas wird – im Blick auf die Gegenwart – deutlich. Die historistischen Stadtviertel sind so etwas wie die Verwirklichung des romantischen Traumes von der Verschmelzung von Kunst und Leben, ein Traum, den wir uns, wie man beim Durchstreifen dieser Viertel merkt, leider zu träumen abgewöhnt haben

 

Bauornament und Höflichkeit

Mit dem (Bau)Ornament ist es wie mit der Höflichkeit. Man kann mit dem Mangel daran durchaus leben. Ein solches Leben ist allerdings kaum zu ertragen. 

 

Das Pubertieren der modernen Architektur

Ende der 60-er Jahres des vergangenen Jahrhunderts konnte man erleben, dass in den Städten die geschmückten Fassaden der Häuser insbesondere aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine zeitlang hinter Planen verschwanden, unter denen es dann heftig rumorte. Von außen sah man nur das Schild einer Firma, die ihre Tätigkeit als Fassadensanierung beschrieb. Die Sache nahm aber eine andere Entwicklung als der Beobachter erwartete. Wenn nach einigen Monaten die Planen fielen, fand er, dass die profilierten Bänder, Simse und Einrahmungen, welche die alten Fassaden kennzeichneten, abgefräst, die Erker eingeebnet, Baluster und Statuen entfernt und nicht selten auch die Balkone mit ihren fein behauenen Stützen abgebrochen waren.

Man könnte meinen, dass die Ursachen solcher Fassadenrasuren ausschließlich ökonomischer Natur waren. Dem ist aber nicht so. Der architektonische Unsinn, der inzwischen eingestellt wurde, hatte vielmehr Methode. Dies zeigt die Tatsache, dass auch andere Gebäude davon betroffen waren. Beim Wiederaufbau von alten Häusern nach dem Krieg etwa ließ man in aller Regel ebenfalls die alten Ornamente weg und beließ es, wenn überhaupt,  bei den Maßen und Proportionen der zerstörten Vorgänger. Und selbst wenn man sich – bei besonderen Gebäuden oder solchen, die vor der Mitte des 19. Jahrhundert entstanden waren – dazu durchrang, das ursprüngliche Bauwerk in der alten Form wieder aufzubauen, wagte man keine vollständige Rekonstruktion. Wenigstens an einigen markanten Stellen musste man zeigen, dass man eigentlich dagegen war. In ähnlicher Weise hielt man sich bei der Schließung von Baulücken in historischer Umgebung meist nur an die Maße und Proportionen der umgebenden Bebauung (beim Bau von Kreissparkassen allerdings nicht einmal daran). Die Folge waren jene merkwürdigen Kontrapunkte in den historischen Stadtbildern, von denen sich der Beobachter häufig heftig vor den Kopf gestoßen fühlte.

Diese Art des Umgangs mit der historischen Architektur hat etwas Pubertäres. Bauwerke, denen eine derartige Baugesinnung zugrunde liegt, suchen negative Aufmerksamkeit. Sie leben im wesentlichen vom provokanten Kontrast zur historischen Architektur. Solche Verhaltensweisen zeigen in der Regel an, dass jemand auf der Suche nach einer eigenen Statur ist. Dies wiederum ist typisch für Individuen, die dabei sind, erwachsen zu werden. Bei einem gesunden Individuum erwartet man, dass diese Suche nach einiger Zeit abgeschlossen ist. Zieht sie sich über die Jahre hin, spricht man von Entwicklungsstörungen.

 

Zur geistigen Überlastung der modernen Architekten

Wenn man davon ausgeht, dass das Zurückführen der prinzipiell uferlosen Produktivität des Geistes auf handhabbare Größen, womit sich der Mensch nach Luhmann in erster Linie beschäftigt (er nennt es die Reduktion der Komplexität), im wesentlichen kompensatorischer Natur ist, dann müssen die meisten modernen Architekten kurz vor der geistigen Überlastung stehen. Ihr Hang zur extremen Reduktion der Formen zeigt ein überwältigendes Bedürfnis danach, sich die Dinge zu vereinfachen.

D) Antikes

 

Das „Theater“ von Dydima

Sieben Jahrhunderte lang saßen in Dydimä, dem wichtigsten Orakel Klein-Asiens, ein paar schlaue Leute in einer Kulisse von riesigen Säulen und dachten sich zweideutige Sprüche für ratsuchende Menschen aus. Dann baute man in den gewaltigen Tempel eine kleine Kirche, stellte das Orakel unter Strafe und verbreitete eine ebenso lange Zeit Bibelsprüche. Die Verfasser all der Sprüche waren sich, da sie Profis waren, natürlich darüber im Klaren, dass alles Theater war. Warum das Schauspiel dennoch so lange gegeben wurde? Weil sich die Empfänger der Botschaften, zumal angesichts der schönen Kulisse, daran mit Inbrunst als Laienschauspieler beteiligten.

 

Die nackten Tatsachen von Ephesus

In Ephesus, der Wirkungsstätte des Apostels Paulus, fand man in prachtvoll ausgestatten Hanghäusern Fresken, in denen unbekleidete Menschen dargestellt waren. Die frühen Christen fühlten sich durch die Darstellung der menschlichen Mitte gestört, weswegen sie dieselbe unkenntlich machten. Seitdem war der Mensch dort und an den sonstigen Wirkungsstätten des Apostels Paulus und Seinesgleichen in eine obere und eine untere Hälfte geteilt, die nichts miteinander zu tun zu haben schienen.

 

Die Polis als öffentlicher Raum

Eine der historisch wirksamsten Errungenschaften der europäischen Antike war die Idee des öffentlichen Raumes, der auf einander bezogenen Konzentration massiver Bauten des Kultes, der Kultur, der Versorgung und der Politik im Zentrum einer größeren Siedlung. Noch heute konstituieren Theater, Arena, Bäder, Tempel, Rathaus, Hauptplatz und Hauptstraße die Stadt westlicher Prägung. Mit dem öffentlichen Raum korrespondiert die Vorstellung von der Öffentlichkeit als dem geistigen Raum, in dem der Einzelne mit seinen Rechten (und Pflichten) verankert ist (weswegen der Begriff „Politik“, der die Gestaltung dieses Raumes bezeichnet, konsequenterweise von dem Begriff „Polis“ als dem Ort abgeleitet ist, der in der Antike den öffentlichen Raum bezeichnet). Die Bedeutung dieser – keineswegs selbstverständlichen – Errungenschaft zeigt sich an ihrer Umkehrung. Die mangelnde Bestimmtheit insbesondere der Rechte des Einzelnen geht meist einher mit dem Fehlen eines öffentlichen Raumes (oder dem mangelndem Interesse daran). Dies führt zu dem diffusen (oder ungepflegten) Stadtbild in Gesellschaften, die dem Einzelnen als politischem Subjekt weniger Bedeutung zumessen.

 

Platons Wiedergeburtslehre

Jede soziale Gruppe versucht, ihre Interessen mit ihren Mitteln zu sichern. Die Philosophen etwa bauen Gedankengebäude für die Allgemeinheit, vergessen aber nicht, sich darin ein ordentliches Zimmer für den Eigengebrauch zu reservieren. So hat Platon im „Symposion“ die turnusmäßige Wartezeit, nach der die Seelen der Kreaturen – durch Erschauen des wahren Seins – jeweils die Chance des Aufstiegs in der Hierarchie der Wiedergeburten erhalten, für Philosophen von 10.000 auf 3.000 Jahre verkürzt (dies gilt allerdings nur für zuverlässige Mitglieder der Zunft: Voraussetzung ist nämlich, dass sie im tausendjährigen Kreislauf dreimal hintereinander das gleiche Philosophen-Leben gewählt haben). Er selbst hat sich in diesem Gedankengebäude gleich eine Zweizimmerwohnung gesichert. Der genannte Vorteil gilt nämlich auch für Päderasten, die auf Weisheitssuche sind.

 

Schuld und Sühnebegehren bei Sokrates

Die fehlende Bestrafung für ein begangenes Unrecht, sagt Sokrates im „Gorgias“, sei für den Täter ein so unerträgliches Übel, dass er – ähnlich dem Kranken, der den Arzt aufsuche – eigentlich freiwillig zum Richter gehen und um Bestrafung bitten müsse. Dies soll auch für den Fall der Todesstrafe gelten. Das ist wahrlich eine philosophische Lebenseinstellung.

 

Antike und Moderne

Vielleicht kann man den Beginn der europäischen Moderne durch den Umschwung der gesellschaftlichen Blickrichtung von der Vergangenheit in die Zukunft charakterisieren. Bis vor etwa hundert Jahren bezog die Gesellschaft ihre Grundmuster aus der Vergangenheit. Fast alles richtete sich daran aus, was die Alten getan oder gelassen hatten. Auch das Christentum war – nicht zuletzt durch Umkehrung oder Ablehnung – auf`s Engste mit den Alten verknüpft. Man versuchte sie zu kopieren oder zu variieren, war bemüht, sie zu verbessern oder zu übertreffen. Und wenn man etwas dazulernte, dann dadurch, dass man Lehren aus ihren Fehlern zog. Neue Entdeckungen versuchte man mit dem Vokabular und den Denkformen der Alten in Einklang zu bringen. Eineinhalb Jahrtausend schöpfte man so aus dem Vorrat der gedanklichen und gesellschaftlichen Muster, den die Antike hinterlassen hatte oder den man glaubte, von ihr ableiten zu können. Im Laufe der Neuzeit begann sich der Blickwinkel zu verändern. Man wandte sich von dem ab, was war oder gewesen sein könnte und richtete sich an dem aus, was sein könnte. Damit wurde die Zukunft zum Bezugsfeld gesellschaftlicher Gestaltungsmöglichkeiten. Mittlerweile ist das Vorbild der Antike weitgehend verblasst. Das Selbstverständnis der modernen Gesellschaften geht in der Hauptsache von dem aus, was man für möglich hält. Damit eröffnen sich viele neue Möglichkeiten aber auch neue Unsicherheiten. Denn da die Zahl der gesellschaftlichen Möglichkeiten praktisch unbegrenzt und insbesondere wesentlich größer ist als die Anzahl ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen historischen Verwirklichungen, hat sich auch die Zahl der möglichen Irrwege vergrößert.

 

Antike und Neuzeit

Der Unterschied zwischen Antike und Neuzeit: Caesar ließ das Meer auspeitschen, als es sich nicht so verhielt, wie er es wollte und er dabei eine Flotte verlor. Francis Bacon sagte mehr als eineinhalbtausend Jahre später, dass man der Natur gehorchen müsse, wenn man ihr Befehle erteilen wolle. Im gegebenen Fall hätte er wohl eher zu einem vertieften Studium der Meteorologie oder des Schiffbaus geraten.

 

E) Vermischtes

Schriftkultur 

Einer der erstaunlichsten Mechanismen des sozialen Zusammenlebens ist die Macht des geschriebenen Wortes. Menschen können – auch über Grundsätzliches – der unterschiedlichsten Meinung sein. Wenn ihr Antrieb stark genug ist, sind sie bereit, ihre Meinungen und Interessen mit allen denkbaren Mitteln durchzusetzen. Im besten Fall wird hierfür Autorität, Aura oder Raffinesse, im schlimmsten Fall Gewalt, Erpressung oder Krieg eingesetzt. Sind gewisse Dinge aber einmal schriftlich fixiert, greifen andere Verhaltensmechanismen ein. Man streitet sich nicht mehr direkt über die Interessen, sondern darüber, was der Text beinhaltet. In Betracht kommen nicht mehr alle denkbaren Möglichkeiten der Konfliktlösung, sondern solche, die in irgendeine Beziehung zum Text gebracht werden können. Zwischen die Interessen und ihre Durchsetzung ist damit eine Art Puffer gelegt, der ihre Wucht abfedert. Mit anderen Worten: die Interessenkonflikte werden mediatisiert und damit tendenziell zivilisiert. Auf diese Weise können Texte ein Gewicht erhalten, gegen das sich selbst elementarste Antriebe nicht ohne weiteres durchsetzen können (was freilich nichts daran ändert, dass sie unter der Oberfläche weiterhin wirksam sind). 

 

Im Grunde kann jeder Text ein solches Gewicht bekommen. Besonders geeignet sind jedoch solche, die in gewissen Formen daherkommen, Staatsverfassungen etwa, Gesetze, Verträge und Urkunden. Sehr wirksam sind vor allem Schriften, die einen herausragenden Autor haben oder zu haben scheinen – Dichter etwa, religiöse und politische Propheten oder Religionsstifter. Der Gipfel der Autorität ist naturgemäß der „Heilige Geist“. Es ist daher nicht verwunderlich, dass dessen – eher  kleiner – Text in einem besonderen Ausmaß diskutiert und hin-und herinterpretiert wurde.

 

So wie die Zuwendung zu den Schriften tendenziell zivilisatorisch wirkt, führt die Abwendung von den Schriften tendenziell zu vorzivilisatorischen Zuständen. Verbrecher und Revolutionäre etwa kümmern sich im Zweifel nicht um Schriften. Die Folge ist, dass in diesen Fällen die Übel, welche die Schriften abmildern, wieder ungefiltert hervortreten. Eine besondere Form des Abrückens von den Schriften ist die scheinbare Bezugnahme auf dieselben. Besonders problematisch ist sie zudem, wenn den Protagonisten nicht klar ist, dass oder wie weit sie von der Schrift abweichen.

 

 

 

Meinungsfreiheit  1

Dass der Schutz der Meinungsfreiheit auch den Schutz von allerhand Unsinn umfasst, hat seinen Grund nicht zuletzt darin, dass es außerordentlich schwierig ist, tatsächliche und vorgeschobene Meinungen von einander zu scheiden. Dazu gehört auch, dass wahre Überzeugungen und die Überkompensation von Zweifeln die gleichen Erscheinungsformen haben.

 

 Meinungsfreiheit 2
 
Die Meinungsfreiheit wird meist von denen am wenigsten geschätzt, die selbst eine starke Meinung haben.
 
 
Meinungsfreiheit 3

Meinungsfreiheit bedeutet, dass jeder behaupten kann, im Besitze der (sozialen) Wahrheit zu sein. Daraus resultiert ein Wildwuchs von Strategien zur Glaubhaftmachung der jeweiligen Wahrheit und zur Abwehr von Wahrheitskonkurrenten. Daher ist es unter den Bedingungen von Meinungsfreiheit besonders schwer, eine eigene Meinung zu finden und besonders leicht, dieselbe verlieren.

Meinungsfreiheit 4 (Wärmetod derselben)

Man hat immer wieder befürchtet, abweichende Meinungen würden die soziale Kohäsion unterminieren. Daher hat man vor allem in den Gesellschaften, welche den sozialen Zusammenhalt besonders betonen, größten Aufwand betrieben, abweichende Meinungen zu unterdrücken. Hätte man gewusst, wie wenig Wirkung Meinungen zeitigen, wenn jeder eine haben darf, hätte man sich eine Menge Mühe sparen können.

 
Meinungsfreiheit 5
 
Die Meinungsfreiheit wird keineswegs nur deshalb beansprucht, weil man manche Dinge verschieden, sondern weil gewisse Dinge niemand sehen kann.
 
Goethes Zauberlehrling

Goethes Zauberlehrling – eine Parabel über die Uferlosigkeit des Geistes („oben sei ein Kopf!“). Wer nicht das richtige Wort weiß, riskiert, in der Aktivität des Geistes (der Geister) zu ertrinken („Hab ich doch das Wort vergessen“). Besonders gefährlich ist das Spalten „alten Holzes“ mit dem „scharfen Beile“, denn solche (Haar-)Spaltereien vervielfältigen das Übel. Die Lösung des Problems: eine Autorität. Sie ruft die Geister nicht willkürlich (nämlich nicht allein, damit sie „nach seinem Willen leben“) oder aus Geschwätzigkeit (dass „zum Zwecke Wasser fließe“), sondern nur dann, wenn es des Geistes bedarf („denn als Geister, ruft euch nur, zu diesem Zwecke, erst hervor der alte Meister“).

 
 
Sprengkraft von Lessings „Nathan der Weise“
 
Nach der Ringparabel in Lessings „Nathan der Weise“ soll der (originale) „Ring“, den jede der drei großen Offenbarungsreligionen vom Vater erhalten zu haben meint, die geheime Kraft haben, „vor Gott und den Menschen angenehm zu machen“. In einem Halbsatz streut Lessing allerdings mit fast schon maliziöser Beiläufigkeit ein, das gelte (nur) für den, „der ihn in dieser Zuversicht trug“. Tatsächlich enthält diese Einschränkung, die bei Boccaccio, der die Ringparabel auf die große europäische Bühne brachte, noch fehlt, eine Menge Sprengstoff. Denn sie reduziert die Kraft des Ringes weitgehend auf ein (sozial)psychologisches Phänomen. Kein Wunder, dass Lessing in einer Notiz, die sich in seinem Nachlass fand, feststellte, er „kenne keinen Ort in Deutschland, wo dieses Stück jetzt aufgeführt werden könnte“. In Deutschland kann man den „Nathan“ inzwischen überall spielen, wenn auch mancherorts möglicherweise nur deswegen, weil man das Gewicht des Nebensatzes nicht realisiert. Gerade dieser dürfte aber der Grund dafür sein, dass es in der Welt zunehmend mehr Orte gibt, an denen man das Stück nicht aufführen könnte.
 
 
Nathans Weisheit

Man kann aus der Verwandtschaft der drei nahöstlichen Religionen, weise wie Nathan, den Schluss ziehen, dass ihnen ein gemeinsamer wahrer Kern zugrunde liege; oder man kann, was als unweise gilt, aus dem Umstand, dass jede die Wahrheit für sich in Anspruch nimmt, schließen, dass alle drei (gleich) weit davon entfernt sind.

 
Exklusivität

Der Mensch neigt dazu, seine gesellschaftliche Position dadurch zu stärken, dass er andere ausschließt. Mit allen möglichen „Distinguierungen“ werden die Menschen eingeteilt in solche, die zu „Kreisen“ gehören, die gesellschaftliche Vorteile bieten, die „in“ sind, und solchen, die davon ausgeschlossen, also „out“ sind. Solidarische Gesellschaften bemühen sich, dieser Neigung zum Ausschluss Grenzen aufzuzeigen, kompetitive Gesellschaften hingegen bestätigen und verstärken sie. In welchem Maße letzteres in unseren westlichen Gesellschaften der Fall ist, zeigt die Tatsache, dass ein so unsolidarischer Begriff wie „exklusiv“ ausschließlich positiv besetzt ist.

 
Neue Managerkrankheit? 

Man stellt neuerdings erstaunt fest, dass die Manager, welche gerade in ungeheuerlichen Dimensionen versagen, an “Gruppendenken” leiden, einem Verhalten, das man dergestalt beschreibt, dass die Mitglieder einer bestimmten Gemeinschaft stur an einer selbst gezimmerten Definition der Realität festhalten und alle widersprechenden Informationen ausblenden. Wirklich erstaunt sein kann man über ein solche Verhaltensweise allerdings kaum. Keine kann sich auf höher angesiedelte und besser eingeübte Muster berufen.

 

Politischer Fortschritt

Fortschritt in der Politik ist das Scheiden von persönlichem und öffentlichem Interesse bei den Mächtigen und das Zusammenführen derselben bei den Machtlosen.

 

Warum man die Normen für eine Erfindung der großen Normgeber hält.

Wenn es darum geht, Führungspositionen in der Gesellschaft zu erlangen und zu begründen, hat sich der Mensch immer als besonders kreativ erwiesen. Eine äußerst erfolgreiche Methode war und ist noch immer, sich als Nachfolger, Stellvertreter oder bevorrechtigter Interpret eines großen Normgebers darzustellen, der seinerseits die großen Regeln des Zusammenlebens in einer Art Reparaturaktivität formuliert habe, um ein aus dem Ruder gelaufenes animalisches Erbes des Menschen einzudämmen. Denn auf diese Weise kann man vom Abglanz hoch angesiedelter Vorbildfiguren profitieren. Dem entsprechend hat man bei der Zeichnung dieser Normgeberfiguren mit Superlativen nicht gegeizt. Wer seinen Führungsanspruch auf diese Weise begründet, hat natürlich wenig Interesse daran, der Frage nachzugehen, ob sich die grundlegenden Normen der menschlichen Gesellschaft möglicherweise ganz unabhängig von solchen Normgeberfiguren mit dem Menschen selbst, nämlich als das notwendige Korrelat zur den freiheitlichen Möglichkeiten des Geistes, mit anderen Worten nicht im Nachhinein als Reparatur, sondern von Anfang an entwickelt haben, dass sie also wie die Fähigkeit, Sprache erlernen, mit der Physis des Gehirns entstanden sind. Die Frage drängt sich an sich auf, weil man sonst schwer erklären kann, wie ein Leben und insbesondere ein Überleben der Menschen vor der Zeit der großen Normgeber möglich war, die ja alle aus neuerer, gemessen an der Entwicklung der Menschheit sogar aus allerneuester Zeit stammen. Für diejenigen, die ihre Autorität auf die großen Normgeber stützen, bedeutet eine solche Vorstellung von der Genese der grundlegenden Normen, dass ihre Rolle, ähnlich wie die der Juristen, weitgehend auf die Ausformulierung im Detail beschränkt wird, was natürlich unerwünschte Auswirkungen auf ihre Bedeutung und damit ihren Macht- und Führungsanspruch hat. Daher haben die Führungsfiguren alle Versuche, die Normen auf andere Weise zu begründen, zu behindern versucht. Wie sehr sie um ihre Macht fürchteten, zeigt dabei im Falle des Christentums etwa die Tatsache, dass sie sogar Versuche, Normen aus der Vernunft abzuleiten, mit großem Argwohn begegneten und darauf bestanden, dass sie auf diese Weise allenfalls ergänzend begründet werden könnten. (alternativ hat man das Vernunftargument auch dadurch ausgehebelt, dass man die Offenbarung selbst als vernünftig dargestellt hat). Wer bei alternativen Begründungsversuchen vergaß, auf den absoluten Vorrang der großen Normgeber bei der Normbegründung hinzuweisen, hatte mitunter Übles zu gewärtigen, so Aufklärer wie Baruch Spinoza, der auf Grund solchen Mangels exkommuniziert oder Christian Wolff, der unter Verlust seines Lehrstuhles in Halle aus Preußen verbannt wurde, sowie John Toland, der, nachdem seine Schrift “Christianty not mysterious” verbrannt worden war, aus seinem Heimatland Irrland nach England  floh, da er für seine freidenkerischen Überlegungen nicht auch noch persönlich zur Rechenschaft gezogen werden wollte.

 

Francis Bacons Vision von Europa

Francis Bacon träumte von der geistigen Einheit Europas. Er hatte die Vorstellung, dass die Kräfte dieses Raumes erst dann richtig zum Tragen kämen, wenn man die Welt in einer großangelegten übernationalen Anstrengung der Institutionen, insbesondere der Universitäten, arbeitsteilig erforschen würde. Der Traum war schon und ist noch immer Wirklichkeit. Europas Kraft und seine großen Errungenschaften, nicht nur die wissenschaftlichen, sind allesamt das Resultat eines überregionalen Zusammenwirkens, wobei man von Portugal bis Polen an einem Strang zog. Allerdings verlief dies nicht so gesteuert, wie Bacon es gerne gehabt hätte. Es war eher ein großes und weitgehend ungeplantes Spiel. Europas Kräfte reagierten auf höchst vielfältige Weise aufeinander, wobei sie teils in loser Abhängigkeit zueinander standen, teils aufs engste verbunden miteinander rangen, ja sich nicht selten regelrecht bekriegten. Anders als Bacon meinte ist europäisch wohl eher eine chaotisch-kompetitive und multiple Form des Zusammenwirkens, die allerdings – auf der Basis tiefer liegender und meist unausgesprochener Gemeinsamkeiten – schließlich doch in eine Richtung führt.

 

Kapitalismus

Kapitalismus ist, wenn sich die Wenigen behaupten, die behaupten, sie hätten besonders viel von dem verdient, was die Vielen verdient haben.

 

Dantes Göttliche Kommödie  – Beginn der Moderne

Von wegen finsteres Mittelalter! Dante, der als dessen perfektester Repräsentant gilt, legte eine beachtliche Hellsichtigkeit an den Tag. Er bezeichnet das Werk, in dem die Weltsicht seines von der Religion geprägten Zeitalters vollendet zum Ausdruck kommt, als „Göttliche Komödie“ (deren wichtigsten Schauplatz, die Hölle, er denn auch wie ein Amphitheater aus konzentrischen Kreisen gestaltet): Weltinterpretation als Schauspiel, als außerordentlich kunstvolle Konstruktion – das ist der Beginn der Moderne – mitten im Mittelalter!

 

Wie sinnvoll ist die Diskriminierung von Minderheiten?

Minderheiten zu diskriminieren ist schon deswegen nicht sonderlich intelligent, weil man sie im Rahmen der Wiedergutmachung, die irgendwann fällig wird, in umgekehrter Hinsicht aus dem allgemeinen gesellschaftlichen Wettbewerb nehmen muss, was bekanntermaßen Verzogenheit zur Folge hat.

 

Funktion des Idealismus

Der philosophische Idealismus insbesondere der europäischen Antike und des Mittelalters muss sich fragen lassen, ob es ihm etwa darum ging eine erkenntnistheoretische Begründung für Führungsansprüche zu liefern. Denn wer, wie etwa Platon und die mittelalterlichen Realisten, postuliert, dass die wahre Realität in Ideen und Allgemeinbegriffen und nicht in den konkreten Dingen sei, schiebt denen die Macht zu, welche die Ideen und Begriffe formulieren und das sind allemal konkrete Menschen. Dem entspricht, dass es bei der Formulierung und Interpretation gesellschaftlicher Grundmythen, die insbesondere die Intellektuellen leisten, in aller Regel ziemlich „menschlich“ zugeht.

 

Kepler und Kircher

Zwei Figuren, die für das Werden des geistigen Europas in der Zeit des Wechsels vom magisch religiösen zum (natur)wissenschaftlichen Weltbild exemplarisch sind: Johannes Kepler ist der Europäer, der mühevoll den Weg aus den deduktiven Gedankengeflechten der alten Autoritäten in eine tatsachenorientierte Zukunft bahnt (wobei er nach anfänglichen platonischen „Experimenten“ zu den ersten mathematisch formulierten astronomischen Naturgesetzen, eben den Kepler`schen Gesetzen kam). Athanasius Kircher ist der nicht weniger exemplarische Typus des unermüdlichen, unendlich neugierigen und vielfältig interessierten Europäers, der die Theoriegebäude der Vergangenheit erhalten aber mit den neuen Möglichkeiten der Tatsachenerkenntnis in Einklang zu bringen sucht (weswegen er etwa im Streit zwischen dem geo- und dem heliozentrischen Weltbild eine Kompromisslösung vertrat, wonach ein Teil der Planeten um die Sonne, die meisten aber um die Erde kreisten). Es war eine Zeit des Ringens um die Weltsicht Europas, bei der Kircher, der fast der Nachfolger Keplers als Hofmathematiker in Wien wurde, schließlich unterlag und in Vergessenheit geriet. Dass man sich heute wieder für Kircher interessiert, hat offenbar etwas damit zu tun, dass seine Art der Verbindung von Fakten und Irrationalismus wieder auf dem Vormarsch ist.

 

Fichte und Schleiermacher im Alltag

Die beiden Geistesheroen Fichte und Schleiermacher stritten vor 200 Jahren darum, ob ein jüdischer Student sich der unsäglichen Ehrenduelle entziehen dürfe, in die ihn seine nichtjüdischen Kommilitonen aus nicht eben prosemitischer Gesinnung immer wieder ziehen wollten. Fichte, der Philosoph der Freiheit des Individuums, der damals in der Verwaltung der Berliner Universität Verantwortung trug, stellte sich hinter den Juden und machte sogar sein berufliches Schicksal davon abhängig, dass man den Juden unterstütze. Schleiermacher, der Verfasser bedeutender Werke zum Begriff der Tugend, der Sitten und der Pflicht, meinte, die Ehrenhändel gehörten zum akademischen Leben, der Jude sei verpflichtet daran teilzunehmen. Beide Herren haben bekanntlich eine Menge großer Gedanken formuliert. Aber auch bei den höchsten Leistungen des Geistes kommt es am Ende darauf an, was (ganz) unten herauskommt.

Varianten der Macht

Macht hat in erster Linie derjenige, der über Dinge verfügen kann, die andere unbedingt benötigen. Eine besondere Form der Macht hat derjenige, der über Dinge verfügt, die andere nur zu benötigen glauben. Eine noch speziellere Form der Macht hat aber, wer über die Fähigkeit verfügt, andere glauben zu machen, dass sie Dinge benötigen, deren Notwendigkeit man nur glauben kann.

 

Europas Differenzen

Die Europäer machen deswegen so viel Aufhebens um ihre Unterschiede, weil es im Grunde so wenige gibt.

 

Markt und Menschlichkeit

Die Tatsache, dass der Marktmechanismus an jedem Fleck der Erde zu gelten scheint, deutet darauf hin, dass er eine anthropologische Konstante ist. Für den Menschen wäre dies nicht eben schmeichelhaft. Denn bei der Bestimmung des Preises durch Angebot und Nachfrage geht es in aller Regel nicht gerade vornehm zu. Wer herausfinden will, welcher Preis erzielt werden kann oder zu bezahlen ist, kann kaum den aufrechten Gang wagen. Er muss stets auf der Hut sein, muss taktierend ausloten, wie weit er gehen kann, darf sich nicht in die Karten schauen lassen, darf sich keine Blöße geben und muss den Mangel derselben vortäuschen. Darüber hinaus muss er bereit sein, sein Gegenüber in die Enge zu treiben und bei ihm Probleme zu konstruieren oder zu provozieren. Mit anderen Worten, die Beteiligung am Marktgeschehen setzt die Bereitschaft voraus, listig und unehrlich zu sein und die Schwächen anderer auszukundschaften und auszunutzen. „Bestes“ Beispiel: der Markt für illegale Drogen.

An Versuchen, der Neigung des Menschen zu derart marktmäßigem Verhalten entgegenzuwirken, hat es in der Menschheitsgeschichte nicht gefehlt. Das christliche Mittelalter kannte das Verbot des Zinses und der unangemessenen Bereicherung, die bürgerliche Gesellschaft den ehrbaren Kaufmann. Die Moderne erfand die soziale Marktwirtschaft und die Planwirtschaft, wobei letztere sogar glaubte, weitgehend ohne Markt auszukommen. Sehr erfolgreich waren all diese Versuche nicht. Die Beschränkungen des Mittelalters verschwanden mit dem Niedergang des Christentums, der ehrbare Kaufmann droht zur Rarität zu werden, die soziale Marktwirtschaft gilt mittlerweile als Hindernis für erfolgreiches wirtschaftliches Handeln und die Planwirtschaft ist am Weltmarkt gescheitert.

Im großen und ganzen scheint der Kampf gegen unangemessenes Marktverhalten in den modernen Gesellschaften verloren zu sein. Seit dem Zusammenbruch des Sozialismus, dem man bezeichnenderweise nachsagte, er sei von einem falschen Menschenbild ausgegangen, ist der Markt zum mehr oder weniger konkurrenzlosen Verhaltensmodell geworden. Monopole aber tun dem Markt nicht gut.

 

 

Die Basilika als sozialer Raum

Die Basilika war eigentlich immer ein Ort, an dem sich zentrale Teile des sozialen Lebens abspielten. Im Altertum war sie Markthalle und Gerichtsgebäude, im Mittelalter Kirche, in der Renaissance gelegentlich wieder Ort des weltlichen Lebens (etwa im Falle der Basilica palladiana von Vicenza, die Rathaus war). Eigentlich erstaunlich, dass in unserer Zeit noch niemand auf die Idee kam, Shopping-Center als Basilika zu bezeichnen.

Vezelais` wechselvolles Wirtschaftsschicksal

Jede Zeit führt die sozialen Grundkonflikte in ihren Formen durch. Im Mittelalter etwa fand wirtschaftlicher Wettbewerb wie folgt statt: Ursprünglich konnte das burgundische Städtchen Vezelais behaupten, die sterblichen Überreste der Heiligen Maria Magdalena zu besitzen mit der Folge, dass es Ziel eines großen Wallfahrtstourismus war. Für die Bewohner von Vezelais hatte dies all die positiven wirtschaftlichen Wirkungen, welche der Ansturm zahlreicher Menschen mit sich zu bringen pflegt, die verköstigt und untergebracht werden und Andenken mitnehmen wollen. Vezelais war dadurch ein bedeutender Wirtschaftsstandort. Ende des 13. Jahrhunderts verbreitete sich aber die Kunde, dass man die Überbleibsel der heiligen Dame in St. Maximin in der Provence “entdeckt” habe. Dies führte zu einer Auseinandersetzung zwischen beiden Orten darüber, wer die echten Reliquien besitze. Der Streit kam vor den Papst und dieser stellte 1295 in so etwas wie einem Warenzeichenverfahren per Bulle fest, dass sich die wahren Gebeine der Maria Magdalena in St. Maximin befänden. Nur dieser Ort könne daher Markenschutz beanspruchen. Daraufhin ging, wie bei negativen Schlagzeilen über Waren und Dienstleistungen die Regel, die Nachfrage nach Vezelaisreisen rapide zurück. Die Pilgerwirtschaft verfiel und der Ort versank in die Bedeutungslosigkeit. Daraus ist Vezelais, dank der Tatsache, dass man sich inzwischen weniger für mögliche alte Gebeine, als für die Gebäude interessiert, die darum gebaut wurden, erst in neuerer Zeit wieder aufgetaucht. Die Frage ist, ob es sich bei der päpstlichen Entscheidung von 1295 um einen Akt administrativer Wirtschaftslenkung handelte oder ob sich das Oberhaupt der Christenheit vor den Karren eines Verdrängungswettbewerbers spannen ließ. Aus der Bibel oder anderen Quellen jedenfalls konnte über den Verbleib der heiligen Reste kaum etwas Handfestes entnommen werden.

 

Papst und Politik

Petrarca beschrieb den päpstlichen Hof von Avignon als die Kloake der Welt, ein maßloser Ort, an dem sich die Niedertracht und Gemeinheit aus aller Welt versammelt habe. Dies galt auch schon für das mittelalterliche Rom, das der Papst nicht zuletzt deswegen in Richtung Provence verlassen hatte, weil er derartigen Verhältnissen entgehen wollte. Heute gilt die Residenz des Papstes eher als ein Ort, den man mit Maß und – wenn auch gelegentlich etwas unflexibler – Moral verbindet. Selbst viele Nichtkatholiken und Nichtchristen zollen ihm einen gewissen Respekt. Dieser Wandel in der Bewertung des Ortes, an dem der Papst residiert, hat offensichtlich etwas mit dem Verlust des politischen Gewichtes zu tun, den der Platz inzwischen erlitten hat. Denn damit ist er für all das Gelichter uninteressant geworden, das die Nähe der Mächtigen sucht. Die (katholische) Kirche, die doch ganz davon lebt, dass man ihr glaubt, hat diesen Mechanismus des Verlierens bzw. Erlangens von Glaubwürdigkeit erst sehr spät verstanden. Sie strebte immer nach politischem Gewicht. Vor allem tat sie alles, um ihrem Machtstreben eine territoriale Basis zu verschaffen. Von Pipin ließ sie sich den Kirchenstaat schenken, nachdem sie ihm zur Krone von Frankreich  verholfen hatte. Im Mittelalter, dessen Verhältnisse Petrarca beschreibt, schreckte sie nicht vor der falschen und mit handfesten Fälschungen unterlegten Behauptung zurück, der Kaiser Konstantin, ihr erster großer politischer Kohabitant, habe ihr nicht nur ganz Italien geschenkt, sondern auch die Oberhoheit  über die – westliche – Hälfte des römischen Reiches  verliehen. In der Renaissance nahm sie für die Rückeroberung verloren gegangener Teile des Kirchenstaates mit Cesare Borghia einen Kondottiere in Dienst, der als der Inbegriff von Maßlosigkeit und Skrupellosigkeit galt. Auch später hat sich die Kirche massiv gegen den Verlust ihres immer wieder bedrohten Territoriums gewehrt, des physischen Ortes also, an dem sich Niedertracht und Gemeinheit so gut versammeln konnten.

 

Wert und Wollen

Spinoza ist der Meinung, dass der Mensch etwas nicht deswegen begehrt, weil es gut ist, sondern, dass er etwas gut findet, weil er es begehrt. Das würde erklären, warum der Mensch so viel Unsinn gut findet.

 

Berg- und Talfahrt des Geistes

Welch eine Karriere! Am Anfang fragte man sich, wie etwas Unausgedehntes und Immaterielles wie der Geist mit dem Körper zusammenpasst, der materiell und ausgedehnt ist. Da man darauf keine Antwort fand, kam man zu dem Schluss, dass der Geist von anderer Wesensart als die Materie sei. Dann bemerkte man, dass die Möglichkeiten des Geistes weiter waren, als die der Materie. Daher meinte man, dass der Geist die wichtigere Form des Seins sein müsse. Dann stellte man auch noch fest, dass der Geist keine Grenzen kennt. Dadurch kam man auf die Idee, dass er etwas Absolutes sei. Von da war es nicht mehr weit zu der Vorstellung, dass er das Höchste sein müsse. Daraus folgte die Konzeption eines absoluten Wesens, das nichts als Geist sei. All dies hatte zur Folge, dass man die Materie und damit den Körper für nicht so wichtig hielt. Dadurch aber kam man in Konflikt mit dem Leben, das nun einmal ziemlich wesentlich eine Sache der Materie und damit des Körpers ist. Damit begann der schwierige Rückzug von den Höhen des Geistes, von denen man noch immer nicht richtig auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt ist.

 

Lesen und Schreiben

Lesen fesselt, Schreiben befreit.

 

Abstraktion und Aussage in der Malerei

Man bezeichnet die Abstraktion in der Malerei gern als die Emanzipation von Form und Farbe. Damit suggeriert man, dass mit der Abstraktion ein Entwicklungshindernis weggefallen sei und Form und Farbe erst so zu ihrem eigentlichen oder jedenfalls zu einem neuen Selbst gefunden hätten. In Wirklichkeit hatten Form und Farbe auch schon in der traditionellen Malerei einen hohen Grad an Selbständigkeit. Nicht selten hatte die Beachtung formaler und farblicher Gesichtspunkte sogar überragende Bedeutung und bestimmte die Komposition. Allerdings standen Form und Farbe immer in einem komplexen Verhältnis zum Gegenstand bzw. zur Aussage des Bildes. Von dieser Bindung sind Form und Farbe in der abstrakten Malerei nun tatsächlich befreit. Darüber ob dies aber eine Emanzipation oder bloß Reduktion ist, kann man streiten. Emanzipation wäre sie, wenn die Befreiung von Gegenstand und Aussage  neue Erkenntnisse oder Erlebnisse zutage fördern würde. Dass dies der Fall ist, kann natürlich nicht bestritten werden. Wesentlicher ist allerdings die Frage, ob die Erkenntnisse Substanz haben oder zumindest interessant sind. Die Erkenntnis etwa, dass die Abstraktion zeige, was der Mensch alles (sein) könne, auf die sich ihre Apologeten gelegentlich zurückziehen, ist nicht gerade umwerfend. Denn der Mensch kann in der Tat alles Mögliche (sein). Nur ist vieles von dem, was er (sein) kann, weder besonders bedeutend noch interessant. Vieles ist sogar ziemlich scheußlich.

 

Lüge und Wahrhaftigkeit

Im sozialen Leben ist es mit der Wahrhaftigkeit wie mit dem euklidischen Raum im modernen Weltbild. Sie ist ein Spezialfall ihres Gegenteils.

Man hat eine Zeit lang geglaubt, dass die Gradlinigkeit von Flächen und Räumen das Fundament der Welt sei. Es war, gemessen an der Länge der Zeit, in der sich der Mensch um die Erkenntnis der Welt bemüht, eine kurze Zeit. Kaum 200 Jahre nachdem Newton die scheinbar unumstößlichen Gesetze des euklidischen Raumes aufgestellt hatte, zerfielen sie. Heute wissen wir, dass die gerade Linie nur ein Sonderfall der Krümmung und der dreidimensionale Raum nur ein Spezialfall des Raum-Zeit-Kontinuums ist.

Von der Wahrhaftigkeit hat man eine Zeitlang geglaubt, dass sie das Fundament der Gesellschaft sei. Auch das galt, gemessen an der Länge der Entwicklungsgeschichte menschlicher Gesellschaften, allenfalls für eine kurze Zeit. Es war dies, nimmt man es genau, im wesentlichen das Zeitalter der Aufklärung, das in etwa identisch ist mit der Zeit, in der Newtons Theorien herrschten. Heute wissen wir, dass die Unwahrhaftigkeit eine anthropologische Funktion und somit die Wahrhaftigkeit nur ein Spezialfall der Lüge ist.

 

Eine kurz gefasste, in der Regel aber ziemlich lange Dreiecksgeschichte

Ich, du, er …

 

Die Afrikaner und die Wahrheit

Im Jahre 1845 reiste der Theologe Johannes Rebmann aus Gerlingen, der spätere Entdecker des Kilimanscharo, nach Schwarzafrika, um den Weltgeist, den sein Landsmann Georg Friedrich Hegel aus der Nachbarstadt Stuttgart ein paar Jahre zuvor entdeckt hatte, auf die riesige Weltregion südlich der Sahara aufmerksam zu machen. Rebmanns Versuche, die Bevölkerung Kenias davon zu überzeugen, dass das Christentum im Besitz der einzigen Wahrheit sei, waren aber nur von mäßigem Erfolg gekrönt. Nach zwei Jahrzehnten hatte er gerade einmal acht Menschen getauft. Enttäuscht schrieb er in die schwäbische Heimat, wo man den Besitz der Wahrheit zu schätzen weiß, die Neger hätten überhaupt keinen Sinn für das Absolute. Offenbar hatten die störrischen Afrikaner eher einen Sinn für das Relative, was möglicherweise damit zusammenhing, dass sie vom Weltgeist übersehen worden waren.

 

Angriff und Verteidigung oder Denk ich an Amerika in der Nacht (zum 4. November)

Das Verhältnis von Angriff und Verteidigung ist bekanntlich außerordentlich komplex. Unstreitig ist, dass man sich verteidigen darf, wenn man angegriffen wird. Vielleicht darf man sich auch verteidigen, wenn ein Angriff nur droht. Das Problem ist, dass man sich über die Frage, was ein Angriff ist und wann er droht sowie darüber, wann und mit welchen Mitteln man sich verteidigen darf, trefflich streiten kann. Erschwert wird die Sache noch dadurch, dass man sich einen Angriff einbilden und ihn – aber auch eine Verteidigung – fingieren oder provozieren kann. Juristen und Eheleute können davon ein Lied mit außerordentlich vielen Strophen singen.

Wirklich kompliziert wird es allerdings, wenn Herr A (oder B), der sich über die Verhältnisse bei seinem Nachbarn, der unstreitig ein Schuft ist, ärgert und ihn auch außerhalb seines Hauses für gefährlich hält, allerdings ohne letzteres allzu genau nachgeprüft zu haben, wenn also Herr A (oder B) in das Haus des Nachbarn einbricht, um ihn unschädlich zu machen und, nachdem er festgestellt hat, dass dieser nicht so gefährlich ist, wie er dachte, dort mit der Begründung bleibt, er müsse das Haus, das er durch seinen Einbruch erst richtig in Unordnung gebracht hat, wieder aufräumen, mit der Folge, dass jeder der ursprünglichen Bewohner, der sich dagegen wehrt, als Angreifer angesehen wird, gegen den sich Herr A (oder B) meint verteidigen zu dürfen.

Mensch und Gottesurteil

Gottesurteile zeichnen sich dadurch aus, dass aus dem Eintritt oder dem Ausbleiben eines vorher festgelegten Erfolges auf eine bestimmte Ursache geschlossen wird, die mit dem Erfolg unmittelbar nichts zu tun hat (man wirft etwa eine Frau, die als Hexe verdächtigt wird, in tiefes Wasser; kann sie sich retten, ist der Beweis ihrer Unschuld, ertrinkt sie, der Beweis ihrer Schuld geführt). Dabei gilt ein solches Urteil als umso göttlicher, je unwahrscheinlicher der Eintritt oder das Ausbleiben des Erfolges ist (man wirft etwa eine gefesselte Frau in das Wasser). Die Logik dabei ist, dass der Beweis eines Eingreifens Gottes besonders deutlich sei, wenn etwas geschehe, was nur ein Gott bewerkstelligen könne. Dies aber heißt nichts anderes, als dass das Urteil um so göttlicher ist, je mehr der Mensch im Spiel ist. Denn je unwahrscheinlicher der Mensch – durch die Gestaltung der Urteilsbedingungen – den Eintritt oder das Ausbleiben des Erfolges macht, desto weniger will er, dass ihm Gott in die Quere kommt.

 

Kant und die Todesstrafe

Kants Begründung für die Notwendigkeit der Todesstrafe bei Mord ist ein Musterbeispiel dafür, wie formale Scheinargumente auch nur zu scheinbar richtigen Lösungen führen. In der „Metaphysik der Sitten“ heißt es (4 Jahre nachdem Kaiser Josef II in Österreich die Todesstrafe abgeschafft hatte): „Hat er aber gemordet, so muss er sterben. Es gibt hier kein Surrogat zur Befriedigung der Gerechtigkeit. Es ist keine Gleichartigkeit zwischen einem noch so kummervollen Leben und dem Tode, also auch keine Gleichheit des Verbrechens und der Wiedervergeltung als durch den am Täter gerichtlich vollzogenen …Tod.“ In „Wirklichkeit“ kommt es bei der Frage, ob die Todesstrafe gerechtfertigt sein kann, nicht darauf an, formale Proportionen zwischen zwei Ereignissen, der Tat und der Strafe, herzustellen. Abgesehen davon, dass es schon generell kaum möglich ist, beide Aspekte in eine eindeutige formale Beziehung zueinander zu setzen (das schafft nicht einmal das Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Prinzip, weil es die individuelle Schuld, die eine flexible Reaktion bedingt, zu wenig berücksichtigt), abgesehen davon spitzt sich bei der Todesstrafe das allgemeine Problem des Richtens von Menschen über Menschen derart zu, dass der Richter in den denkbar größten moralischen Abstand zum Gesetzesbrecher gerät, eine Position, in die kein Sterblicher gebracht zu werden verdient.

 

Das Böse und die Freiheit

Die Existenz des Bösen in der Welt begründen die Theologen gerne damit, dass es die notwendige Folge der Freiheit sei. Die Freiheit sei das höchste Gut, das Gott dem Menschen habe schenken können. Dazu gehöre auch die Möglichkeit, zwischen Gut und Böse zu wählen.

Es handelt sich um ein merkwürdiges Geschenk. Für die Guten ist es nutzlos, da sie nicht davon Gebrauch machen können. Sie sollen ja nur das Gute wählen. Nutzen können es damit ausschließlich die Bösen (was die Frage aufwirft, warum Gott ihnen ein Geschenk, dazu ein solches, macht). Die Nutzung des Geschenkes durch die Bösen wiederum müssen die Guten verhindern, andernfalls sie selbst zu Bösen werden.

 

Medien und Gewalt

Schon immer hat man versucht, Leid und Grausamkeit dadurch zu bekämpfen, dass man sie drastisch darstellt. Aber da die Wirklichkeit dazu neigt, die Darstellung zu übertreffen, muss diese wieder die Wirklichkeit überbieten, die Wirklichkeit dann wieder die Darstellung etc. Auf diese Weise werden Leid und Grausamkeit schließlich von ihrer Darstellung erzeugt.

 

Faust und die Deutschen

Mit seinem unaufhaltsamen (Erkenntnis-)Drang, der dazu in Tatkraft umgemünzt werden konnte, erschien Faust den Deutschen doch immer irgendwie als ein toller Hecht. Dabei ist ihnen ein wenig aus dem Blick geraten, dass ihn der Teufel am Haken hatte.

 

Die Ketzerei als Funktion des Dogmas

Die Ketzerei ist eine Funktion des Dogmatismus. Dogmatische Gedankensysteme gebären – insbesondere wenn sie einen sozialen Geltungsanspruch erheben – notwendigerweise abweichende Meinungen, allerdings nicht so sehr, weil sie den Trotz derer herausfordern, die sich nicht gängeln lassen wollen, sondern schon weil sie ihrerseits eine Demonstration der freien Meinungsbildung sind. Denn da Dogmen immer etwas Gewillkürtes haben, sind sie Ausdruck der Freiheit dessen, der sie formuliert. Wer aber Freiheit in Anspruch nimmt, setzt den Grund dafür, dass andere sich ebenfalls Freiheit vorstellen können. Indem man Dogmen aufstellt, legitimiert man damit notwendigerweise die Möglichkeit, auch etwas Abweichendes wollen zu können. Erfolg können Dogmen daher nur haben, wenn diejenigen, die sie aufstellen, die Macht haben, diejenigen zu Ketzern zu stempeln, die etwas anderes wollen. Der Kreislauf von Dogma und Ketzerei ist ein Grundmotiv des nahöstlich-europäischen Denkens, aus dem herauszufinden mindestens so schwierig ist wie das Verlassen des Kreislaufes der Wiedergeburten, der ein Grundmotiv des südasiatischen Denkens ist.

 

Zur Statik von Gedankengebäuden

Große Gedankengebäude sind mit Vorsicht zu genießen. Je wirklichkeitsferner Gedanken sind, desto leichter lassen sie sich systematisieren.

 

Einfach und wahr?

Richtig ist in der Regel, dass die Wahrheit einfach ist. Einfache Wahrheiten sind allerdings meist falsch.

 

Geld und Welt

Dem modernen Menschen ist es zwar gelungen, die Welt weitgehend in Geld zu verwandeln und damit austauschbar zu machen. Sein Problem ist nur die Rückverwandlung von Geld in Welt. Dies ist der Grund dafür, dass Geld allein nicht glücklich macht.

 

Nichts als (die) Wahrheit

Lessing sagte, wenn Gott ihn wählen ließe zwischen dem Besitz der reinen Wahrheit und dem immer regen Trieb nach Wahrheit mit der Möglichkeit, sich immer und ewig zu irren, würde er sich für letzteren entscheiden (weil die reine Wahrheit nur für Gott allein sei). Der Gedanke ist menschlich (bescheiden), führt aber nicht weit. Niemand gibt uns die Wahl.

Alles nur ein Vermittlungsproblem?

Im Medienzeitalter sieht man überall Vermittlungsprobleme (z.B. wenn ein avantgardistisches Konzert keine oder ratlose Hörer hat). Als wenn es nicht auch originären Unsinn gäbe.

 

Kann man dem Schicksal aus dem Weg gehen?

Wer die Zukunft wissen will, um ihr aus dem Weg gehen zu können, geht davon aus, dass sie nicht feststehe. Damit stellt er die Möglichkeit in Frage, etwas über die Zukunft zu erfahren.

 

Die Mächtigen und ihre Anhänger

Wer sich einem Mächtigen anschließt, glaubt, er werde dadurch ebenfalls stark. Er übersieht dabei, dass die Stärke der Mächtigen meist in der Schwäche derer besteht, die sich ihm anschließen.

 

Heine als Kritiker der Grünen

Der erste Kritiker der Grünen war Heinrich Heine. In „Die Bäder von Lucca“ spricht er angesichts der Ganzheitssehnsüchte der naturschwärmerischen Zeitgenossen, die ihm ein zerrissenes Gemüt vorwarfen, von „grünen Lügen“ und „erlogenen Grünlichkeiten“.

Eine Antwort zu “VII) Ein- und Ausfälle – Gedankensplitter……………………………………………………….

  1. zu CHINA 3: Ich glaub – ich lese nicht recht: Und was ist mit Tibet??????

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