Monatsarchiv: Januar 2013

Ernest Chausson (1855 – 1899) – Poème für Violine und Orchester

Chausson ist so etwas wie der Grandseigneur der französischen Musik der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er war hoch gebildet, reiste viel und führte in seinem Haus, umgeben von feinen Bildern und Büchern, einen Salon, in dem sich alles versammelte, was in Frankreich seinerzeit in Musik, Literatur und Kunst etwas zu sagen hatte. Zeitgenossen schildern ihn als souveräne Persönlichkeit mit einem leicht melancholischen Charme, ein Charakterzug, der sich in seiner Musik widerspiegelt.

Wiewohl Chausson musikalisch hoch begabt war und zum Musiker prädestiniert schien, bestanden seine Eltern darauf, dass er „etwas Rechtes“ lerne. So studierte er Rechtswissenschaften bis zur Promotion und ließ sich als Anwalt einschreiben. Ausgeübt hat er diesen Beruf jedoch nicht. Vielmehr wandte er sich wieder der Musik zu, nahm Privatunterricht bei Jules Massenet und studierte später auch bei César Franck. Mit diesem teilte er das Interesse an der Musik Richard Wagners, die großen Einfluss auf sein Schaffen gewinnen sollte. Mehrfach reiste er schon in seinen musikalischen Lehrjahren über den Rhein, insbesondere nach Bayreuth, um Wagners Opern zu hören. Allerdings ließ er sich von dem meist dunkel grundierten Deutschen nicht vollständig vereinnahmen. Er trug vielmehr wesentlich zu der Herausbildung jener französisch aufgehellten Form des Wagnerismus bei, die eine der Wurzeln des Impressionismus werden sollte. Chausson gilt vielen neben Debussy, mit dem befreundet war, als der begabteste unter den französischen Komponisten seiner Zeit. Unglücklicherweise konnte sich sein eher spät aufblühendes Talent nur unvollständig entwickeln. Er starb bereits im Alter von 44 Jahren nach einem Fahrradunfall.

Als musikalischer Seiteneinsteiger, der dazu von Haus aus finanziell unabhängig war und breite weitere Interessen hatte, glaubte Chaussons immer wieder, den Verdacht des Amateurhaften ausräumen zu müssen. Er praktizierte daher eine ausgesprochen perfektionistische Arbeitsweise und feilte solange an den Werken, bis sie seinen hohen Ansprüchen genügten. Als seine reifste Komposition gilt das Poème für Violine und Orchester, das er im Jahre 1896 für den großen belgischen Geiger Eugène Ysaye schrieb. Angeregt hierzu wurde er durch die lyrische Erzählung „Erste Liebe“ von Turgenev, in welcher ein Mann mittleren Alters in wehmütiger Rückschau sein unglückliches erstes Liebeserlebnis schildert. Liest man diese melodramatische Geschichte, lässt sich gut nachvollziehen, dass sie jemanden beeindrucken musste, dem man melancholischen Charme nachsagte. Das „Poème“ nimmt die Stimmung der Erzählung und im Wesentlichen auch den Verlauf der Handlung auf. „Auf geradezu morbide Weise phantastisch“ steigert sich das Geschehen nach lyrisch-verschattetem Anfang zu dramatischer Höhe, um schließlich in ferner Erinnerung zu verebben. „Nichts“ schrieb Debussy dazu „berührt mit seiner träumerischen Zartheit mehr als der Schluss des Poème, wo die Musik, indem sie alle Beschreibung und alles Anekdotische hinter sich lässt, ganz zum Gefühl selbst wird, und dadurch die Emotion des Hörers inspiriert.“

Maurice Ravel (1875 – 1937) Tzigane – Rhapsodie für Violine und Orchester

Im Juni 1922 lernte Ravel in London die englisch-ungarische Geigerin Jelly d’Arányi kennen, eine Großnichte der Jahrhundertgeigers Josef Joachim. Die junge Frau spielte Ravel bis morgens um fünf Uhr Zigeunerweisen vor mit der Folge, dass er ihr versprach, für sie daraus ein Werk zu komponieren. Skizzen dazu machte er offenbar noch im Jahre 1922. Dann aber blieb die Sache liegen. Auf Drängen der Geigerin machte er sich im Frühjahr 1924 wieder an die Arbeit. Um die Möglichkeiten der Geige einzuschätzen, ließ er sich dabei die Capriccien von Paganini vorspielen, deren technische Schwierigkeiten als kaum mehr überbietbar galten. Er nahm sich offensichtlich vor, diese noch zu übertreffen.

Die Aufführung war für ein Konzert am 26.4.1924 in London vorgesehen. Ravel war, wie so häufig, im Verzug, sodass Jelly d’Arany die Noten erst dreieinhalb Tage vor dem Konzert erhielt (ein Biograph berichtet dramatisierend sogar von nur 2 Tagen). Es spricht für die Fähigkeiten der Geigerin, dass sie dieses außerordentlich anspruchsvolle Werk trotzdem gut über die Bühne brachte.

Wiewohl bei der Londoner Uraufführung ein Klavier als Begleitinstrument verwendet wurde, schrieb Ravel die Begleitung ausdrücklich für Luthéal. Dabei handelt es sich um einen Flügel, dessen Klang mit einem komplizierten Zusatzgerät auf mehrfache Weise verändert werden konnte. Das Gerät hatte der belgische Musikinstrumentenerfinder George Cloetens im Jahre 1919 zum Patent angemeldet. Der erste und, wie es scheint, auch einzige Komponist, der etwas für ein solchermaßen präpariertes Klavier schrieb, war Ravel. Bei der „Tzigane“ ging es ihm dabei darum, einen Klang zu erzielen, der Assoziationen an das Zimbal weckt, welches in der Zigeunermusik gerne verwendet wird. Ravel setzte das Lutheál dann noch einmal bei der Erstaufführung seiner einzigen vollendeten Oper, „L`Enfant et les Sortilèges“ ein. Danach geriet es in Vergessenheit und keiner wusste mehr, was Ravel mit der Anweisung in der Partitur meinte. Erst in den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde man im Keller des Musikinstrumentenmuseums von Brüssel auf „einen Haufen verrostenden Schrott“ aufmerksam, der einmal ein Luthéal war. Inzwischen samt dem dazu gehörigen alten Pleyel-Flügel aufwändig restauriert, ist es das einzige originale Instrument dieser Art. Heute kann man die „Tzigane“ daher wieder so hören, wie es sich ihr Schöpfer vorgestellt hat. Allerdings war Ravel insoweit durchaus pragmatisch. Noch im Jahre 1924 fertigte er für die Begleitung eine Orchesterfassung.

Den exotistischen Tendenzen seiner Zeit entsprechend begab sich Ravel musikalisch gerne auf fremdes Gebiet, vorzugsweise in Richtung Spanien, wohin er sich wegen seiner baskischen Mutter gezogen fühlte. Mit der „Tzigane“ machte er nach dem Vorbild der „Ungarischen Rhapsodien“ von Liszt und Brahms einen Ausflug in die Welt der Zigeuner. Allerdings geht es dabei nicht um wirkliche Zigeunermusik, sondern um eine Musik, welche in der Vorstellung der Romantiker als zigeunerhaft angesehen wurde. Dazu gehörten bestimmte „typische“ Harmonien und Intervalle, insbesondere die erhöhte Sekunde, wiederholte Accelerandos und Ritardandos sowie leidenschaftliche Kantilenen in den hohen Lagen der tiefen Geigenseiten. Vor allem musste ein Zigeunerstück allerhand technische Finessen enthalten. Dementsprechend ist das Werk gespickt mit Trillern, Arpeggien, Doppelgriffen, Oktaven, Staccatoläufen und allen möglichen anderen artistischen Kunstgriffen. So ist schließlich ein Bravourstück par excellence entstanden, welches an den Geiger die höchsten Anforderungen stellt.

Die Kritik, die Ravel zum Teil lange skeptisch gegenüberstand, äußerte sich nicht eben freundlich über das Werk. Die Londoner Times schrieb nach der Uraufführung, in der noch ein weiteres Werk von Ravel gespielt wurde: einem Konzert mit lauter Werken von Ravel zuzuhören, sei als ob man einem Zwerg oder Pygmäen zuschaue, der kluge aber sehr kleine Dinge in kleinem Rahmen tue. Seine Werke seien Produkte einer reptilienhaften Kaltblütigkeit, welche, wie zu vermuten, sehr sorgfältig kontrolliert sei. Sogar seine Schönheiten seien wie die Zeichnungen auf Schlangen oder Eidechsen.

Das Publikum hingegen war schon damals von der „Tzigane“ begeistert.