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Ein – ungeplanter – Tag in Bangladesch

Ein Besuch in Bangladesch ist vermutlich von fast allen Ausgangspunkten eine Reise mit der Zeitmaschine in eine andere Welt. Für den allerdings, der auf dem Weg von Bangkok nach Europa für nur einen Tag Station in Dhaka macht, ist es eine sozio-kulturelle Achterbahnfahrt, deren jähe Höhen- und Tiefenfahrten einem den Atem rauben können. 

Eigentlich begann mein Besuch in Bagladesch bereits mit der Zeitungslektüre in Bangkok. Die „Bangkok Post“ hatte Ende Januar 1996 unter dem Titel „Still Alive“ (Noch am Leben) einen Artikel über die Abenteuer veröffentlicht, welche man bei Benutzung der landeseigenen Fluggesellschaft Biman Bagladesch zu gewärtigen habe. Darin war von schlechtem Service, insbesondere von einem chaotischem Umgang mit Fahrplänen die Rede. Man müsse schon damit rechnen, einige Tage in Dhaka hängen zu bleiben, einer Stadt, die bei allen Verbesserungen, die sie in den letzten Jahren sicherlich erfahren habe, nicht unbedingt der Ort sei, wo man sich ohne Not aufhalten wolle. Der Artikel hatte eine Fülle von Leserbriefen ausgelöst. Sie ließen sich unter anderem mehr oder weniger hämisch über den Leichtsinn der Personen aus, die sich, wie ich, von den günstigen Preisen zur Wahl dieses Luftfahrtunternehmens verleiten ließen. Das Ganze gipfelte in der Feststellung, man müsse eben bereit sein, die Konsequenzen für seine Entscheidungen zu tragen.  

Als ich nach zwei Wochen Abwesenheit wieder nach Thailand kam, wurde in der Zeitung noch immer Biman Fan-Post abgedruckt. Mittlerweile war sie politisch geworden. Ein Briefschreiber nahm eine abfällige Bemerkung eines anderen Lesers über die britische Kolonialherrschaft, mit der die Probleme des Landes – und offenbar auch seiner Fluggesellschaft – verständlich gemacht werden sollten, zum Anlass, umfangreich darzulegen, dass es dem Land nie so gut, wie zur Zeit der englischen Herrschaft gegangen sei. Er betonte, dass alle seine wesentlichen Institutionen, darunter die gesamte Verkehrsinfrastruktur, von der Kolonialverwaltung geschaffen worden seien. Diese Strukturen seien inzwischen aber nicht weiter entwickelt, sondern nur abgenutzt worden. Statt sich um die Entwicklung des Landes zu kümmern, habe man sich in den letzten fünfundvierzig Jahren aus religiösen Gründen die Köpfe eingeschlagen. Dies habe es während der englischen Zeit nicht gegeben. Dem entsprechend sei in den fünfundzwanzig Jahren seit der Trennung von Pakistan das Bruttosozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung von 150 Dollar auf gerade mal 230 Dollar im Jahr angestiegen, womit das Land nur einfünfzigstel des Wertes von Singapur erziele, das ebenfalls britische Kolonie gewesen sei. 

Hinzu kamen Berichte über steigende Spannungen. Entsprechend einem Muster, das in Asien typisch zu werden beginnt, kämpften die weiblichen Hinterbliebenen zweier ermordeter Spitzenpolitiker um die Macht. Die Verbissenheit, mit der die beiden Begums – die eine Ministerpräsidentin, die andere Oppositionsführerin – miteinander rangen, resultierte nicht zuletzt daraus, dass es um den Schlagabtausch zweier Familienclans ging, die in der äußerst unruhigen und nicht selten blutigen Politik des jungen Landes von Anfang an eine führende Rolle spielten – schon die beiden ermordeten Männer waren Staatspräsidenten gewesen. Hinzu kam der Verdacht, dass der eine für den Tod des anderen verantwortlich gewesen sei.  

Unmittelbarer Anlass für die Spannungen waren die bevorstehenden Parlamentswahlen. Die Opposition verweigerte – die Boykottradition des Landes fortsetzend – die Beteiligung an den Wahlen mit dem Argument, das Ergebnis werde verfälscht, weil die gegnerische Bewerberin den Wahlkampf aus der Position der Ministerpräsidentin führe. Gleiche Wahlchancen seien nur gegeben, wenn die Regierung einige Monate vor der Wahl an einen Treuhänder übergeben werde. Der Streit um diese erstaunlich radikaldemokratische Forderung wurde mit größtem Einsatz geführt. Sie gipfelte in gewalttätigen Auseinandersetzungen wie Überfällen auf Polizeistationen, Tankstellen und Banken, bei denen es eine Reihe von Toten gegeben hatte. Für Mitte Februar war darüber hinaus ein Generalstreik ausgerufen worden. Die ausländischen Botschaften in Dhaka forderten die Fremden auf, sich nicht in der Nähe größerer Menschenansammlungen aufzuhalten.

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