Monatsarchiv: März 2020

Gustav Holst (1874 – 1934) Die Planeten-Suite

Gustav Holst ist Spross einer Musikerfamilie, die über ganz Nordeuropa verstreut war. Der Zweig, aus welchem der Komponist stammt, wanderte Anfang des 19. Jahrhunderts aus Schweden nach England ein. Der Komponist hieß ursprünglich Gustav von Holst. Den Namenszusatz „von“ hatte sich sein Vater, der Musiklehrer war, zu seinem deutsch klingenden Namen zugelegt, um seinen sozialen Status zu erhöhen. Als Deutschland und England im ersten Weltkrieg begannen, wild aufeinander loszugehen, wurde dies für den Sohn zum Problem. Man verdächtigte ihn wegen seines Namens der Sympathie für den Feind. Daher verzichtete er später auf den Adelsnamen und gerierte sich betont patriotisch.

Auch musikalisch befand sich Holst in einem Rivalitätsverhältnis zum Kontinent. Er gehört zur zweiten Generation der „Englischen Musikalischen Renaissance“, einer Bewegung von Musikern rund um das „Royal College of Music“ in London, deren Ziel es war es, England, das zwei Jahrhunderte lang im Windschatten der europäischen Musikentwicklung gelegen hatte, mit einem nationalen Musikidiom auf die Höhe des kontinentalen Musikschaffens zu führen. Dabei sollte nicht zuletzt dem musikalischen Schwergewicht Deutschland Paroli geboten werden.

Das Spektrum der Werke Holsts, der wie sein Vater zunächst viele Jahre Zeit als Musiklehrer an einer Londoner Mädchenschule und an einem College tätig war, ist sehr breit gefächert und reicht von Opern über Chor- und Orchesterwerke bis zu Filmmusik. Einer starken Strömung des Zeitgeistes entsprechend changierte sein künstlerisches Interesse anfangs zwischen Esoterik und Exotik aus der Perspektive des Bürgers einer Weltmacht. Holst befasste sich intensiv mit der Mythologie und Mystik Indiens, der wichtigsten Kolonie seines weltmächtigen „Vaterlandes“, studierte Sanskrit und schuf mehrere Werke mit indischen Sujets. Eines seiner Frühwerke ist etwa die Oper „Sita“, deren Protagonistin die weibliche Hauptfigur des Ramayana, eines der beiden großen indischen Epen, ist. Er komponierte auch ein Chorwerk nach dem antiken indischen Dichter Kalidasa, der im Europa, nicht zuletzt bei den deutschen Klassikern wegen seines Dramas „Shakuntala“ hoch geschätzt wurde. Daneben schrieb er aber auch eine japanische Suite, ein Chorwerk theosophischen Inhalts, patriotisch gestimmte Werke und Stücke für Militärbands.

Esoterik und Weltperspektive sind auch der Hintergrund der siebenteiligen Suite „Die Planeten“. Sie entstand sinnigerweise mitten im europäischen Familienkrieg (1914-16), an dem Holst, der sich freiwillig gemeldet hatte, zu seinem Glück – und dem der englischen Musik – wegen Wehruntauglichkeit nicht teilnehmen durfte. Jeder Satz ist einem der sieben damals bekannten extraterrestrischen Sonnentrabanten gewidmet. Es geht dabei aber nicht um Astronomie, sondern um Astrologie, mit der sich Holst seinerzeit auch außermusikalisch befasste (u.a. fertigte er Horoskope). In den einzelnen Sätzen der Suite werden die Eigenschaften und Fähigkeiten geschildert, welche man den antiken Göttern, nach denen die Planeten benannt sind, in astrologischem Kontext zusprach. Die Charakterisierungen hat Holst samt den entsprechenden Untertiteln der Suitensätze einem Buch des theosophisch angehauchten Engländers Alan Leo, dem Vater der modernen Astrologie, entnommen, der in der zweiten Hälfe des 19. Jahrhunderts einen schwunghaften Handel mit formularmäßigen Horoskopen betrieb (und wegen entsprechender Schwindeleien auch gerichtlich belangt wurde).

Die Suite beginnt mit Mars, der als Kriegsgott mit einem unaufhaltsam voranschreitenden Marsch auftritt, der an die neue mechanisierte Kriegsführung des ersten Weltkrieges erinnert (tatsächlich hat Holst diesen Satz allerdings in einer Art Vorahnung des maschinenmäßigen Gemetzels schon vor Beginn des Krieges konzipiert). Danach lässt Venus als Friedenbringerin mit betörenden Klängen ihre Künste spielen. Ihr folgt der flinke Götterbote Merkur, der auf seinen geflügelten Füßen seiner Zweideutigkeit gemäß – er ist ja auch der Gott der Diebe. – mit halsbrecherischen Triolen bitonal und mit wechselnden Rhythmen durch die Szene fliegt Mit großer Geste folgt Jupiter, der allerdings nicht als würdevoller Weltenherrscher, sondern als „Bringer der Fröhlichkeit“ erscheint. Nichstdestoweniger werden hier aber auch staatstragende Klänge angestimmt. Im Mittelteil des Satzes erklingt ein Hymnus im feierlichen Nobilmente-Duktus Edward Elgars, dem „Komponisten des Empires“, das zu dem Zeitpunkt, in dem diese Musik geschrieben wurde, gerade dabei war, seine Weltmachstellung gegen die rivalisierenden Deutschen zu behaupten. Holst hat die Melodie später zur Vertonung des Gedichtes „I vow thee, my country“ wiederverwendet, einem patriotisch-theologisch-musikalischen „Kompositum“, das es in typisch englischer Vermengung von Staats- und Kirchensphäre in das Gesangbuch der anglikanischen Kirche geschafft hat und bei offiziellen Anlässen gesungen wird. An Hand des Saturn geht es danach um Alter und Vergänglichkeit. Hier werden nachdenkliche Töne angestimmt und die Schrecken des Todes thematisiert. „Zauberhaft“ trickreich geht es bei Uranus dem Magier zu. Mystisch wird es dann im leisen Finale, das Neptun, dem “Äußersten“, gewidmet ist. Am Ende scheint sich das Geschehen in der unendlichen Tiefe des Weltraumes zu verlieren. Dabei kommt ein Chor ins Spiel. Das Werk endet mit zarten Sphärenklängen wortloser Frauenstimmen. Nach den Anweisungen des Komponisten soll der Chor in einem Nebenraum singen, dessen Tür langsam geschlossen wird.

Unabhängig von diesem Programm und seinen zeitgeistigen Konotationen ist die Suite ein beeindruckendes, ungeheuer farbenreiches Musikwerk von außerordentlich suggestiver Ausdruckskraft. Ein wesentliches Stilmittel ist dabei die Repetition leicht wieder erkennbarer Motive, die bis zum Insistieren gehen kann. Der musikalische Apparat ist dem Weltmaßstab des Sujets entsprechend enorm ausgeweitet und umfasst alle möglichen Sonderinstrumente (u.a. diverse Bassbläser, Orgel, Euphonium, Celesta) sowie den sechsstimmigen Frauenchor. Die durchaus eigenständige, hochgradig chromatische Musiksprache pendelt zwischen Spätromantik und klassischer Moderne. Musikanalysten fanden Einflüsse, Anspielungen und Zitate von Richard Wagner, Edward Elgar (2. Symphonie – Jupiter), Richard Strauß (Till Eulenspiegel – Uranus), Arnold Schönberg (Fünf Orchesterstücke – Venus), Paul Dukas (Zauberlehrling – Uranus) und Igor Strawinsky („Feuervogel“ – Venus; dieser und „Petruschka“ auch in Jupiter).

Die Suite konnte sich von Anfang an großer Beliebtheit insbesondere beim anglophonen Konzertpublikum erfreuen. Auch abseits der klassischen Konzertsäle wurde das Werk nachhaltig rezipiert. Wegen seiner illustrativen und atmosphärischen Qualitäten fand es nicht nur mehrfach in Filmen Verwendung, sondern ist überhaupt zu einem Muster für Filmmusik geworden. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Adaptationen im Bereich der populären insbesondere der Rockmusik. Holst selbst war über diesen Erfolg nicht ganz glücklich. Er beklagte, dass dieses eine Werk seine sonstigen Kompositionen, die ihm zum Teil wichtiger waren, gänzlich in den Schatten gestellt habe.