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Kampf der Kulturen – wie kommt der Westen aus der Defensive?

Der Westen ist seit einiger Zeit nicht mehr der unbestrittene Hort des sozialen Fortschritts. In vielen Teilen der Welt werden die sog. westlichen Werte heute mit Skepsis betrachtet. In manchen sind sie fast schon zum Schimpfwort geworden. Insbesondere von muslimischer Seite wird mit zunehmendem Selbstbewusstsein behauptet, dass der Liberalismus westlicher Prägung gescheitert sei. In den traditionsgeprägten Gesellschaften, die zahlenmäßig die westlichen Gesellschaften weit überwiegen, sieht man den Grund des Scheiterns in erster Linie darin, dass den westlichen Zivilisationen die Spiritualität abhanden gekommen sei. Diese Entwicklung wird als eine Folge der Aufklärung gesehen, einem sozialen Prozess, den der Westen für eine seiner größten Errungenschaften hält und auf den er daher immer besonders stolz gewesen ist. Auf Seiten derer, die das westliche Gesellschaftsmodell in Frage stellen, ist man davon überzeugt, dass das kritische Befragen der Grundlagen der Religion, welches mit der Aufklärung begann, dem „Heiligen“ seinen Nimbus und damit seine soziale Wirkungskraft genommen habe. Dies habe zu Werterelativismus und damit zur Beliebigkeit sozialer Normen geführt. Das Ergebnis sei schließlich der blanke Materialismus und in seiner Folge ein ausufernder Kapitalismus einschließlich eines politischen und wirtschaftlichen Kolonialismus, dem es nicht darum gehe, soziale Probleme zu lösen, sondern darum, individuelle oder nationale Interessen durchzusetzen.

 

Wer sich mit dieser Kritik an den westlichen Werten auseinandersetzen will, tut zunächst einmal gut daran, zu akzeptieren, dass das westliche Denken durchaus in hohem Maße problematische soziale Ergebnisse produziert hat.

 

Die Befreiung von unnötig einengenden und missbrauchsanfälligen traditionellen Normen, die typisch für die westliche Gesellschaftsentwicklung ist, hat nicht nur die Freiheit des Individuums, sondern auch die Notwendigkeit und Pflicht zu seiner Selbstgestaltung begründet. Tatsache ist, dass viele Menschen an dieser Aufgabe scheitern, sei es, weil die Natur oder ihre soziale Umwelt ihnen nicht die nötigen Fähigkeiten mitgegeben haben, sei es, weil das soziale System ihnen nicht ausreichend Chancen einräumt hat. In welchem Ausmaß die liberale Lebensform Gefahren produziert, die sehr schwer zu meistern sind, zeigt überaus augenfällig die Anzahl der Sucht- und Medienopfer und der Menschen, die sozial oder psychisch destabilisiert oder gar entgleist sind. Auch wenn ihre Methoden im einzelnen nicht zu akzeptieren sind, kann man kann daher nur zu gut verstehen, dass Eltern mit traditionellen Hintergrund Probleme damit haben, ihre Kinder einer Welt zu überlassen, in der derartige Gefahren überall zu lauern scheinen. Dies gilt umso mehr als naturgemäß junge Menschen aus traditionellen Gesellschaften mit der Freiheit, der sie bei uns ausgesetzt sind, besondere Schwierigkeiten haben und daher überproportional oft scheitern.

 

Nicht ohne Recht wird aus den traditionellen Gesellschaften bei uns auch ein ausufernder Pluralismus und eine geringe soziale Solidarität kritisiert. Die Atomisierung der Gesellschaft – eine Folge des Verfalls der überkommenen familiären Strukturen durch Individualisierung aber auch Deregionalisierung – hat viele problematische Folgen. Zu nennen wäre hier etwa die Regellosigkeit in der Kindererziehung, was zur Folge hat, dass Kinder häufig kein klares Wertegerüst mitbekommen und damit ziemlich hilflos gegenüber gesellschaftlichen Manipulationsmächten wie Werbung und Starkult sind, die bekanntlich nicht eben soziale Ziele verfolgen. Ein weiteres Beispiel ist die Situation vieler alter Menschen. Sie werden viel zu häufig in trostlosen Heimen „konzentriert“ oder werden sich alleine überlassen, wodurch es etwa möglich wird, dass tausende alter Menschen bei einer Hitzewelle unbemerkt sterben können. Die Auslagerung sozialer Aufgaben auf staatliche und sonstige Institutionen führt tendenziell zu einer Reduktion der Lösungen auf dem niedrigsten Nenner, etwa indem man Hilfebedürftige in erster Linie mit Geld versorgt. Für die Befriedigung der wirklich substanziellen – sozialen – Bedürfnisse hat in den westlichen Gesellschaften der Einzelne weitgehend selbst zu sorgen. Anders als in den traditionellen Gesellschaften, wo der Einzelne fest in soziale Gruppierungen eingebettet ist, scheitern bei uns sehr viele Menschen an diesen Fragen und vereinsamen.

 

In hohem Maße problematisch ist auch, dass in den westlichen Gesellschaften zunehmend das Gefühl für den sozialen Sinn der wirtschaftlichen Aktivität verloren geht. Die Möglichkeit zur Akkumulation von wirtschaftlichem Potential, die unsere Gesellschaftssystem dem Einzelnen oder Zusammenschlüssen von Individuen einräumt, wird immer weniger als Mittel zur Stimulierung der wirtschaftlichen Dynamik im Dienste gesamtgesellschaftlicher Ziele, sondern als der eigentliche Zweck des Wirtschaftens gesehen. Die Folge ist eine ungeheure Konzentration wirtschaftlicher Ressourcen, zu deren Erzeugung gigantische Machtspiele veranstaltet werden. Mittlerweile ist in den westlichen Gesellschaften, die sich doch einmal mit viel Aufwand von ihren anciennes régimes befreit haben, eine neue (Geld)Aristokratie oder eigentlich eine Oligarchie an die Macht gekommen, die Wirtschaftsfeldzüge nach dem Muster früherer Kabinettskriege führt. Die (Selbst)Überschätzung ihrer Protagonisten spiegelt sich in „fürstlichen“ Vorstandsgehältern, die Zweck – Mittel – Vertauschung etwa darin, dass hochprofitable Unternehmen Personal zur Steigerung der Kapitalrendite „freisetzen“. Im Falle des Umgangs mit alten Menschen führt die wirtschaftsliberale Denkweise zu vollkommen untragbaren Ergebnissen. Zum Schutz kommerzieller Altenpflegedienste, die letztlich ohnehin nicht bezahlbar sind, wird etwa in Deutschland bezahlbaren ausländischen Hilfskräften das Tätigwerden im Haushalt pflegebedürftiger Personen bis zur Verhinderung erschwert, mit der Folge, dass diese Personen in Heime gebracht werden, wo sie meist schnell versterben.

 

Nicht zu bezweifeln ist auch, dass der Westen die Welt – nicht zuletzt unter Berufung auf seine liberalen Werte – lange in kaum zu unverantwortender Weise zu seinem Nutzen dominiert hat. Dies schlägt heute auf ihn zurück und verleiht antiwestlichen Stimmungen starke Impulse.

 

Die Konfrontation mit den offenkundigen negativen Seiten des westlichen Lebensstiles hat in einigen traditionellen Gesellschaften eine Rückbesinnung auf ihre Wurzeln bewirkt. Dabei ist die Radikalität, in die man mitunter verfällt, nichts anderes als das Gegenstück zu der Vorstellung von den Gefahren, die man glaubt abwehren zu müssen. Es ist nicht ohne Grund, dass die radikalste Kehrtwende einer muslimischen Gesellschaft im Iran stattfand, wo man unter der Herrschaft des Schah ausgiebig Gelegenheit hatte, die Probleme zu beobachten, die das westliche Denken mit sich brachte. Aus dieser Rückbesinnung resultieren Spannungen zwischen den Gesellschaftsmodellen, die man mittlerweile als Kampf der Kulturen bezeichnet.

 

Die Frage ist, wie der Westen auf diese Spannungen reagieren kann und sollte.

 

Eine mögliche Reaktion des Westens ist, darauf zu hoffen, dass in den traditionellen Gesellschaften, insbesondere in der muslimischen Welt, die Aufklärung nachgeholt wird. Hintergrund dieses Denkens ist die Vorstellung, der „rückständige“ Zustand dieser muslimischen Gesellschaften resultiere daraus, dass es dort keine Aufklärung gegeben habe. Da die Aufklärung bei uns meist als eine notwendige Folge des modernen wissenschaftlichen Weltbildes gesehen wird, geht man daher davon aus, dass sie in den muslimischen Gesellschaften, zumal unter den Bedingungen der Globalisierung, früher oder später von selbst einsetzen werde; gegebenenfalls, so meinen manche, müsse der Westen nachhelfen. Man erwartet also, dass die islamischen Gesellschaften eine ähnliche Entwicklung wie die westlichen Gesellschaften nehmen. Darauf, dass dies in absehbarer Zeit oder überhaupt der Fall sein wird, sollte man aber besser nicht zu sehr vertrauen. Die europäische Aufklärung war in erster Linie eine Folge der Unzufriedenheit der Menschen mit den sozialen Systemen ihrer Zeit und den Welterklärungsmodellen, die ihnen zugrunde lagen. Der westliche Mensch stellte das alte soziale System vor allem deswegen in Frage, weil es eine sehr ungleiche Verteilung von Ressourcen und Chancen und stark beschränkte politische Gestaltungsmöglichen produzierte. Das, was danach folgen sollte, hat man sich in den schönsten Farben ausgemalt und tatsächlich ist vieles ja auch eingetreten. Die Probleme des neuen Gesellschaftsmodells, die schon bei der ersten großen Probe auf´s Exempel, der Französischen Revolution, massiv in Erscheinung traten (im Form von uferlosen „Umgestaltungen“ einschließlich der rücksichtslosen Vernichtung all derer und all dessen, was dem im Wege zu sein schien), die Probleme hat man aber weitgehend beiseite geschoben. Die problematischen Folgen der Aufklärung sind heute offenkundig und scheinen sich sogar noch zuzuspitzen. Anders als die europäischen Gesellschaften im Zeitalter der Aufklärung können die islamischen Gesellschaften sie daher jetzt in ihrer vollen Ausprägung besichtigen. Dies ist ohne Zweifel ein Grund dafür, dass in diesen Gesellschaften das Bedürfnis nach Veränderung der sozialen Verhältnisse im Sinne des Westens wesentlich geringer ist, als in den seinerzeit hoffnungsfrohen Gesellschaften Europas. Damit erhält dort aber auch der Drang zur geistigen Aufklärung wesentlich schwächere Impulse als im alten Europa. Dies gilt umso mehr als die Struktur der islamischen Gesellschaften bei allen Exzessen, die insbesondere der Ölreichtum mancher Regionen hervorgebracht hat, im Grunde egalitär ist und in ihrem Inneren sozialethische Aspekte einen hohen Stellenwert haben. Die Menschen dieser Gesellschaften verspüren nur ein begrenztes Bedürfnis nach Veränderung.

 

Eine andere Reaktion des Westens ist der Versuch, seinerseits das Rad der Geistesgeschichte zurückzudrehen. Es besteht in den westlichen Gesellschaften eine wachsende Tendenz, aus der Tatsache, dass die Probleme der modernen Gesellschaften parallel zum Zerfall der alten (religiösen) Welterklärungsmodelle einsetzten, zu schließen, die Wiederherstellung dieser Modelle würde auch die Probleme reduzieren. Daher beschwört man immer häufiger die christlichen Grundlagen des Abendlandes. Ob solchen Bestrebungen Erfolg beschieden sein wird, ist jedoch eher zweifelhaft. Zu einen sind viele der Probleme aus voraufklärerischer Zeit, für die in unseren Gesellschaften einigermaßen brauchbare Lösungen gefunden wurden, weitgehend gegen die Kräfte der alten Systeme und ihre Denkmodelle durchgesetzt worden – man denke etwa an die Gleichberechtigung der Frau, die Meinungsfreiheit oder die Arbeitnehmerrechte. Diese Prozesse rückabzuwickeln ist, auch wenn es in Teilbereichen immer wieder versucht wird, schwer vorstellbar. Zum anderen ist der Prozess der Aufklärung aus prinzipiellen Gründen nicht mehr vollständig zurückzudrehen. Die Zweifel an den religiösen Welterklärungsmodellen sind so grundlegend, dass diese Modelle bei aller Sehnsucht der Menschen nach einfacher Orientierung nicht mehr die Überzeugungskraft erlangen können, die sie einmal gehabt haben. Ohne ihren absoluten Anspruch bewirken diese Modelle aber eher das Gegenteil von dem, was man sich von ihnen erhofft. Infrage gestellte Absolutismen und Irrationalismen sind entweder weitgehend wirkungslos oder schlagen wild um sich; letzteres lässt sich etwa an den Religionskriegen zeigen, die nicht zuletzt während der Aufklärungszeit stattfanden zeigen. Meist führen sie auch zu einer drastischen Absenkung des Kulturniveaus. Dies lässt sich an der ausufernden Esoterik beobachten, welche die hilflosen Individuen in immer phantastischere Gedankengebäude flüchten lässt. Das Beispiel Amerikas, wo die Religion zunehmend betont wird, zeigt im übrigen wie in einem Sozialexperiment, wie wenig die Probleme, welche die westlichen Gesellschaften erzeugen, mit diesem Ansatz zu lösen sind. Amerika hat die typischen Probleme unseres Lebensmodells nicht nur nicht bewältigen können, sondern in vieler Hinsicht auf die Spitze getrieben.

 

Der Weg aus der westlichen Krise wird wohl nur über ein hohes Maß an Selbstkritik und anschließende Formulierung klarer problem- und ergebnisorientierter Normen möglich sein. Wir werden uns vermehrt damit befassen müssen, dass der westliche Gesellschaftsentwurf mit seiner starken Betonung der Selbstbestimmung des Individuums höchst anspruchsvoll und daher außerordentlich risikoreich ist, dass er ohne Zweifel wunderbare Chancen bietet aber eben auch erheblich Gefahren. Das aber bedeutet, dass wir uns mehr um die Gefahren kümmern müssen. Die geschichtliche Entwicklung brachte es mit sich, dass die Freiheit in erster Linie als ein Abwehrrecht gegenüber den Mächten verstanden wurde, die ihr entgegenstanden. Heute müssen wir uns jedoch vornehmlich mit der Frage beschäftigen, wie die Auswüchse der Freiheit zu beschränken sind. Das Problem lässt sich besonders schön am folgenden Beispiel illustrieren: Seit Jahren gibt es wohlbegründete Hinweise darauf, dass die Gewalt, die heute pausenlos in den Medien in den Medien gezeigt wird, insbesondere für die Jugend in hohem Maße schädlich sein dürfte. Dennoch kann ein führender Politiker auf die Frage, warum diesem offenkundigen  Misstand, der allein der Freiheit gewisser Gewerbetreibender dient, von Seiten der Politik nicht ernsthaft entgegengetreten wird, antworten, das sei bei unserer freiheitlichen Verfassung nicht oder nur schwer möglich. Hier beißt sich die Katze der Freiheit verhängnisvoll in den Schwanz. Die Freiheit, die dem Individuum dienen soll, kann kaum als Begründung dafür herangezogen werden, dass man tatenlos Entwicklungen zusieht, die es beschädigen oder gar zerstören können.

 

Wir werden uns daher mehr auf die soziale Gestaltungspflicht als dem Gegenstück der Freiheit des Individuums konzentrieren müssen. Allgemein formulierte Grundsätze des Zusammenlebens, die ja unser Grundgesetz durchaus enthält, reichen dabei aber nicht aus (man denke nur an die weitgehend wirkungslosen Appelle zum Schutz der Nichtraucher oder zur Rücksicht im Straßenverkehr). Daher wird man für ganz konkrete Probleme auch konkrete Regeln formulieren müssen. Da nur die politischen Instanzen das Mandat und die Möglichkeit der Durchsetzung solcher Normen haben, müssen diese – nach angemessener gesellschaftlicher Diskussion – auch von diesen Instanzen formuliert und durchgesetzt werden. Dabei wird man auch an Fragen herangehen müssen, die man bislang weitgehend der Wirtschaft, etwa die Höhe der Gewinne und der Vorstandsgehälter oder die Grenzen der Werbung, oder die man den Individuen überlassen hat, so die Erziehung der Kinder und der Umgang mit alten Menschen. Wenn wir den sehr praktischen Fragen, welche die traditionellen Kulturen an uns stellen, wirkliche, das heißt praktizierte Antworten entgegenzusetzen haben, wird der Westen dann wohl auch aus der Defensive herauskommen, in der er sich zur Zeit befindet.

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Ein- und Ausfälle – Glaube und Politik

Wenn Glauben heißt, Gewissheit von der Wahrheit dessen zu haben, was man glaubt, dann kann dies, da Gewissheit immer eine Sache des Individuums ist, auch immer nur den Einzelnen betreffen. Dennoch gibt es Dritte, die glauben, darüber wachen zu können und zu müssen, dass der Einzelne das Richtige für gewiss hält. Möglich ist dies nur, wenn etwas ins Spiel kommt, das mehr als diese Gewissheit ist,  die Überzeugung nämlich, dass es sinnvoll sei, wenn mehrere das Gleiche glauben – mit anderen Worten Politik.

Ein- und Ausfälle – Vom Mauerbau zur Gewaltenteilung

Die Grundlage des Staates war einmal die Mauer. Zu ihrem Bau taten sich die Menschen zusammen, um sich gegen die zu schützen, die sich mit Gewalt Vorteile auf Kosten anderer zu verschaffen suchten. Letztere haben daraus inzwischen gelernt. Statt gegen die Mauern anzugehen, haben sie sich weitgehend in dieselben begeben. Aus Räubern und Banditen sind so Betrüger und Hochstapler geworden. Die Mauern wurden damit überflüssig. Seitdem ist die Grundlage des Staates die Gewaltenteilung.

Ein-und Ausfälle – Politischer Fortschritt

Fortschritt in der Politik ist das Scheiden von persönlichem und öffentlichem Interesse bei den Mächtigen und das Zusammenführen derselben bei den Machtlosen.

Briefe aus der Wendezeit – Teil 11

Stuttgart, 18.8.1991

 

Lieber Frank,

 

Nun haben wir auch die andere Hälfte der deutschen Hinterlassenschaft im Osten in Augenschein genommen. Wir haben das ganze alte Preußen von Stettin bis an die russische Grenze durchfahren und an allerhand geschichtsträchtigen Orten Deutsches und Nichtdeutsches aufgesucht einschließlich dem, was mal dieses und mal jenes gewesen ist.

 

Seit wir im Frühjahr die ersten Schritte in diese Richtung gemacht haben, hat die Ostflanke Deutschlands für mich eine bemerkenswerte Anziehungskraft entwickelt. Sicher war dabei das Bedürfnis im Spiel, die totale Nichtbeachtung wieder gut zumachen, die mein Verhältnis zu dieser Region bis vor Kurzem bestimmt hat. Spätestens nach den Besuchen in Auschwitz und Warschau kam auch der Wille hinzu, ein wenig zur Normalisierung des nicht eben einfachen Verhältnisses von Polen und Deutschland beizutragen. Mittlerweile hat sich jedoch eine tiefergehende Neugier entwickelt. Die Beschäftigung mit dem Osten hat offensichtlich auch sehr viel zu tun mit der jetzt allenthalben ausgebrochenen Suche nach dem merkwürdigen Phänomen, das sich Deutschland nennt (während ich dies niederschreibe, trägt man in Potsdam den alten Fritz nochmals zu Grabe; in Zittau verprügelt man rumänische Asylbewerber). Diese Suche erinnert stark an das Verhalten von adoptierten Kindern, die – allen Geheimhaltungsbemühungen von Adoptiveltern und Behörden zum Trotz – in einem bestimmten Alter von dem unwiderstehlichen Drang befallen werden, ihre Herkunft aufzuklären.

 

Auch die Westdeutschen, die von Deutschland früher eher Abstand (und Wohlstand) wollten, sind heftig auf der Suche nach dem verlorenen Vaterland. Der Pulverdampf der Schlacht um Berlin ist noch nicht verzogen, da stürzt man sich bereits in eine neue heiße Geschichtsdiskussion und ist drauf und dran, das deutsche Kind mit dem preußischen Bad auszuschütten. Die Diskussion um Friedrich den Großen, die man in den Ländern, welche nach wie vor ihren Napoleon oder Robert Clive verehren, mit Verwunderung beobachten dürfte, zeigt nur zu deutlich die Schwierigkeiten, welche die Deutschen mit ihrem(n) deutschen Land(en) haben. Die Lage wird nicht gerade erleichtert durch die Begleitmusik aus dem Osten Deutschlands, wo einige „Zeitgenossen“ das Vaterland mit eher abgestanden Methoden suchen. Immer deutlicher wird, daß – unter kräftiger Mithilfe erfolgloser westlicher Politunternehmer – ausgerechnet im antifaschistischen Osten ein lebhafter Markt für ausrangierte Politprodukte entsteht, die man doch mit Fug für unverkäuflich halten durfte[1]. Es scheint, daß man den Ostdeutschen im Augenblick jeden Ladenhüter andrehen kann. Freilich tragen die politischen Gebrauchtwarenhändler weniger zur Suche nach dem Vaterland als dazu bei, es zu spalten.

 

Die Begeisterung für das ganze Deutschland, die im Westen aus naheliegenden Gründen ohnehin verebbt, hat – so fürchte ich – ihren entscheidenden Schlag erhalten, als vor einiger Zeit die Bilder der antipolnischen Ausschreitungen an der Grenze um die Welt gingen. Die Reaktion auf diese Vorkommnisse haben wir übrigens in Polen zu spüren bekommen. Die Stimmung in der Grenzregion war äußerst frostig. So deutlich habe ich antideutsche Einstellungen noch nicht erlebt. Fairerweise muß ich aber auch sagen, daß ich selten so viel offensichtliches Bemühen um Entkrampfung gegenüber den Deutschen (allerdings mit deutlicher Differenzierung nach Ost und West), wie in den anderen Regionen Polens gefunden habe.

 

Polen – das ist ein Kapitel, daß mich noch nicht zur Ruhe kommen lässt. Wenn ich etwa in der Kathedrale von Oliwia, die, wie alle „nationalen“ Monumente, mit polnischen Schulklassen gefüllt war, die Kinder mit ihren Engelsgesichtern aufmerksam der Orgelvorführung lauschen sah, mußte ich unweigerlich an den Erlaß Himmlers denken, den wir in Auschwitz gesehen hatten. In diesem Machwerk, das zu den ungeheuerlichsten Dokumenten gehört, die Menschen jemals verfasst haben, wird angeordnet, daß die polnischen Kinder nur in den Anfangsgründen von Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet werden dürfen, auf daß sie zu nichts anderem geeignet seien, als dazu, mit einfachen Tätigkeiten an den gewaltigen Kulturtaten des deutschen Volkes mitzuwirken. Ausdrücklich wird sogar der Sportunterricht verboten, so als befürchte man bereits dadurch eine gefährliche Emanzipation oder die Entwicklung eines allzu positiven Lebensgefühls. Du kannst Dir vorstellen, wir mir zu Mute ist, wenn ich jetzt die Haut- und Holzköpfe an dieser denkbar sensiblen Grenze agieren sehe. Dabei hoffe ich eigentlich, daß wir von den Polen einiges lernen. Mehr noch als Warschau hat nämlich Danzig meinen Traum von der Wiederherstellung der zerstörten Städte erfüllt. Es war fast berauschend zu sehen, daß der Verlust der historischen Dimension, der unsere großen Städte heute kennzeichnet, nicht endgültig sein muß. Könnte man etwa das Leiden an diesen ges(ch)ichtslosen Großstädten beenden? Polen könnte den Anstoß geben, Berlin den Anfang machen – mit polnischen Restaurateuren! Polnische Kulturtaten zur Beseitigung der Folgen deutscher Barbarei – das wäre die richtige Antwort auf die Himmlers und ihre kleinen Trittbrettfahrer.

 

Aber zurück zur deutschen Ostgrenze. Die Beschäftigung mit ihr ist ziemlich zwangsläufig, wenn man auf der Suche nach Deutschland ist. Mit einer gewissen Notwendigkeit stößt man auf die unklaren Konturen, die dieses „Land“ in der Vergangenheit gerade nach Osten gehabt hat. Und so bin ich mittlerweile weit in die Untiefen der wechselvollen Abgrenzungsgeschichte dieser Regionen hineingezogen worden, die, wie der Augenschein ergab, schon äußerlich wenig klare Abgrenzungsmerkmale, dafür aber umso mehr Anreiz für territoriale Begehrlichkeiten bieten (darin unterscheiden sie sich sehr von den westlichen und südlichen Regionen: man merkt sofort, wenn man nach Italien oder nach Frankreich kommt.) Mit jeder Antwort auf ein Grenzproblem bin ich auf eine tiefer liegende Frage gestoßen. Es wird Dich daher nicht verwundern, daß auch ich längst beim alten Fritz und seinen Vorgängern bis hin zu den Deutschordensrittern – wir waren natürlich auch in Marienburg – angelangt bin. Der Zufall, der mir auf der Schlesienreise die Briefe Maria Theresias zuspielte, hat sinnvollerweise dafür gesorgt, daß mir im „Preußischen“ die Werke ihres großen Gegenspielers in die Hände kamen (beides Mal in einer Form, die auch meine Sammlerinteressen befriedigt). Noch auf der Reise habe ich mich in die Geschichte der schlesischen Kriege, des siebenjährigen Krieges und des österreichischen Erbfolgekrieges vertieft, die sich ja meist im und um den Osten abspielten. Wohlvorbereitet durch Schlachtpläne, Memoranden, Instruktionen und polit-moralische Spekulationen des großen Friedrich bin ich dann in ein Deutschland zurück gekehrt, in dem die Preußendiskussion gerade heftige Wogen schlug.

 

Übrigens verdanke ich den erstaunlich ungeschminkten Überlegungen Friedrichs eine Einsicht, die mir einen merkwürdigen Zusammenhang erhellte. In der Einleitung zur „Geschichte meiner Zeit“ schreibt er: „Als Grundgesetz der Regierung des kleinsten wie des größten Staates kann man den Drang zu Vergrößerung betrachten. … Die Fürsten zügeln ihre Leidenschaft nicht eher, als bis sie ihre Kräfte erschöpft sehen… Wäre ein Staatsmann weniger auf seinen Vorteil bedacht als seine Nachbarn, so würden sie immer stärker, er zwar tugenhafter aber immer schwächer werden.“ Des Weiteren spricht er von einem „allgemeinen Wettstreit des Ehrgeizes, in dem sich so viele mit den gleichen Waffen zu vernichten und sich mit den gleichen Listen zu hintergehen suchen“. Diese Beschreibung passt erstaunlich gut auf das Verhalten unserer Wirtschaftslenker (und übrigens auch noch auf einige andere Gesellschaftsbranchen). Mir war die Irrationalität der taktischen Spiele, die in der Wirtschaft üblich sind, schon immer ein Rätsel, diese ständigen Versuche, Gegner auszumanövrieren, andere Firmen feindlich zu übernehmen, Geländegewinne auf irgendwelchen Märkten zu machen, Allianzen zu schmieden, Imperien zu gründen und zu zerstören, immer größere und immer besser ausgerüstete „Truppen“ aufzustellen, nationale oder regionale Feindbilder zu pflegen, vor- und nachzurüsten, zu beäugen und zu spionieren. Es war einer nur dem öffentlichen Wohl verpflichteten Beamtenseele wie mir nicht recht klar, was diese Menschen dazu veranlasste, sich über das ökonomisch Notwendige hinaus immer wieder in einen Kampf zu begeben, der kein Ende haben kann, sich die Psyche zu demolieren, das Weltbild zu amputieren, die Familien zu opfern und sonstige ungeahnte Strapazen auf sich zu nehmen, um eines Zieles willen, das mit jedem Schritt wächst, aber nicht näher kommt. Es sind, worauf mich die Bemerkungen des preußischen Militaristen Friederich aufmerksam machten, offenbar die gleichen Impulse, die die alten Herrscher zu ihren permanenten Kriegsspielen veranlassten, eine zivile Form der Kriegslust also, die darauf hindeutet, daß die Menschheit mehr in ihren Mitteln als in ihren Zielen fortgeschritten ist. Der Kapitalismus als die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln, die Wirtschaftsbosse als seine Fürsten und Feldherren – manche Absonderlichkeit dieser Lebensform ließe sich damit erklären.

 

19.8.1991

 

Während ich mich im ruhigen Westen gedanklich mit den zivilen Formen des Militarismus beschäftige, sind im Osten wieder leibhaftige Panzer unterwegs. Soeben kommt die Nachricht, daß die Unverbesserlichen in Moskau wieder den Rückwärtsgang der Geschichte eingelegt haben. Dann lieber neurotische Wirtschaftkapitäne als diese Finsterlinge! Es ist, als sei man aus tiefem Schlaf unsanft aufgeweckt worden und stehe vor der Frage, ob alles nur ein Traum gewesen sein soll. Von einem auf dem anderen Tag scheint man in das welt-politische Nichts gestürzt. Ich fürchte, jetzt rächt sich, daß die westlichen Staaten Gorbatschow zuletzt wie einen Bittsteller behandelt haben[2]. Es werden wieder aufregende Wochen auf uns zukommen, hoffentlich nur am Fernseher. Und Kohl ist wiedereinmal der Nutznießer der Geschichte, weil er mit seiner Eile bei der Zusammenführung Deutschlands tatsächlich noch Recht bekommt (was nichts daran ändert, daß man das Ganze professioneller hätte machen müssen[3]).

 

 

 

 

11.9.1991

 

Inzwischen ist der Moskauer Spuk vorbei und wir haben dort eine Entwicklung erlebt, an die man selbst im Traum nicht gedacht hätte. Die Geschichte macht gelegentlich doch erstaunliche Bocksprünge. Selten ist durch einen eher kleinen politischen Fehler in so kurzer Zeit soviel vom Gegenteil dessen erreicht worden, was beabsichtigt war. Unweigerlich denkt man an jenen persischen König, der durch das Überqueren eines „Flusses“ ein großes Reich zerstörte. Dinge, die sich Jahre lang dahinschleppten, wie das Problem der baltischen Staaten, werden mit einem Male gelöst. Der Coup hätte erfunden werden müssen, wenn er nicht stattgefunden hätte. Es war wieder eine Fernsehrevolution, im doppelten Sinne. Nicht nur daß wir wieder einmal „life“ dabei waren. Die elektronische Einmischung in die inneren Angelegenheiten durch die grenzüberschreitenden Medien ist geradezu die Vorraussetzung für derartige Aufstände (ich habe es Gorbatschow schon in seiner Neujahrsansprache für 1990 gesagt, er hat es aber nicht glauben wollen). Diese Medien übernehmen bei der Emanzipation des Menschen von Seinesgleichen mehr und mehr die Funktion, die vor 500 Jahren der Buchdruck hatte. Sie machen die Geschäfte der Dunkelmänner „zusehends“ schwieriger, zumal wenn dieselben, wie die nicht eben gelungene Vorbereitung des Moskauer Coups zeigt, auch noch alt und müde geworden sind. Der größte „Fehler“ Eurer alten Herren war zweifelsohne, daß sie keine Anstrengungen zur Errichtung einer elektronischen Mauer zwischen Ost und West gemacht haben[4].

 

Gorbatschow – Gorbi nennt ihn interessanterweise niemand mehr – ist in all dem die merkwürdigste Figur. Er wirkt wie ein bloßes Werkzeug der Weltgeschichte, mehr von den Umständen getrieben, als sie bewegend. Es spricht zwar für seine Wahrhaftigkeit, daß er jetzt, wo er es könnte, nicht aufsteht und verkündet, sein ganzes Lavieren zwischen Reform und Beton sei überlegene Taktik im Dienste eines emanzipatorischen Zweckes gewesen. Aber es zeigt auch, daß er nicht so sehr eindeutige Konzepte, sondern ein ziemlich undefiniertes „Leben“ für die im wahrsten Sinne des Wortes „treibende“ Kraft der Geschichte hält. Und dem rennt er jetzt ständig hinterher, um nicht zu spät zu kommen – manchmal offenbar weniger wegen des Lebens als wegen des Überlebens. Er „war“ wohl doch mehr der (Zauber-) Lehrling als der Meister des Geschehens (was der alles überschwemmenden Wirksamkeit bekanntlich keinen Abbruch tut). Wahrscheinlich wird man von ihm einmal sagen, er habe anfangs bei den Jubelfesten der Betonköpfe mitgefeiert, später nichts dagegen getan, daß letztere ins Rollen gerieten, seinen eigenen Kopf aber dadurch gerettet, daß diejenigen, deren Köpfe er stürzte, Panzer ins Rollen brachten – that’s life. Unsere deutschen Probleme wirken daneben ja eher putzig.

 

Die Diskussion um das Verhältnis von Produktivät und Löhnen ist im vollen Gang und das gibt mir Gelegenheit auf Deinen Brief vom 24.4.1991 einzugehen. Interessant ist schon, dass die Diskussion überhaupt stattfindet. Denn wenn man über derart Grundsätzliches zu diskutieren beginnt, zeigt dies, wie wenig man auf dem gleichen Boden steht.

 

Natürlich ist auch die Arbeit eine „Ware“ und ihr Preis wird in der Marktwirtschaft durch Vereinbarung der beteiligten Parteien festgelegt. Daß es dabei wie beim levantinischen Teppichhandel zugeht und dementsprechend das Ergebnis für die Beteiligten mehr oder weniger profitabel sein kann, steht ebenfalls außer Frage. Ich weiß aber nicht, ob Deine marxistischen Zweifel an der Bereitschaft der Arbeitgeber, mit den Arbeitnehmern „gerecht“ zu teilen, bei der Beschreibung des so heftig in Frage gestellten marktwirtschaftlichen Grundgesetzes weiterhilft. Man muß wohl kein Marxist sein, um diesen Zweifel für berechtigt zuhalten. Unsere Gewerkschaften leiten geradezu ihre Berechtigung aus dem mangelnden Glauben an die arbeitgeberliche Philanthropie ab. Dennoch ändert dies, so fürchte ich, nicht an dem marktwirtschaftlichen Grundgesetz. Daß zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer eines bestimmten Betriebes nur das verteilt werden kann, was erwirtschaftet wurde, liegt auf der Hand. (Bei manchen Äußerungen aus der „DDR“ kann man allerdings den Eindruck gewinnen, daß selbst diese Binsenweisheit in Frage gestellt wird – offensichtlich wird der spendable Onkel, der Defizite ausgleicht, schon automatisch mitgedacht.) Die Beziehung zwischen Produktivität und Löhnen ist daher ziemlich deutlich bei kränkelnden Betrieben. Bei maroden Betrieben ist sie überdeutlich und wird Konkursreife genannt. Ein „Problem“ ist sie nur bei gesunden Unternehmen, weil hier unter dem Stichwort „stille Reserven“ selbst bei Publizitätspflicht einiges verschleiert werden kann; allerdings ist dies mehr ein quantitatives als ein qualitatives Problem.

 

Nun findet eine Verteilung auf dieser individuellen (Betriebs-)Ebene in unserer Spielart der Marktwirtschaft nur in begrenztem Maße statt. Vielmehr ist die Sache dadurch kompliziert, das wir es mit einer sozialen Marktwirtschaft zu tun haben und eine ihrer sozialen Komponenten der Versuch ist, trotz unterschiedlicher Produktivität der Betriebe möglichst gleichmäßige Lebensbedingungen der Arbeitnehmer herzustellen. (Das geschieht dann mittels der Tarife, unter denen Arbeit nicht zu haben sein soll.) Dies hat jedoch nicht notwendig zur Folge, daß nun auf dem niedrigsten gemeinsamen Nenner geteilt wird, wie Du angesichts Deiner besonders markanten Zweifel an der Freigiebigkeit der Arbeitgeber anzunehmen geneigt bist. Es gibt eine Reihe von Ausgleichsmechanismen, mit denen dem einzelnen Betrieb bestimmte Lasten und Risiken, die er auf Grund seiner eigenen Produktivität möglicherweise nicht tragen könnte, abgenommen und auf möglichst viele Schultern verteilt werden – so gewisse Umlagen, etwa zur Finanzierung sozialer Errungenschaften wie Mutterschafts- und Krankengeld, Subventionen, Steuervorteile (letztlich gehört auch das Sozialversicherungssystem dazu). Die Regierungen, vor allem gewisse Landesregierungen, zählen dazu sogar die Auslandswerbung (insbesondere wenn dabei noch von der Wirtschaft bezahlte Auslandsreisen herausspringen). Nicht zuletzt diese Mechanismen ermöglichen es, bei Tarifabschlüssen von einer Basis auszugehen, die deutlich über der Produktivität des schwächsten Arbeitgebers liegt. Auch darin liegt ein Teil des Geheimnisses der im Grunde erstaunlich hohen pauschalen Grundentlohnung (die i.ü. die Abschöpfung besonderer Produktivitätsspitzen im einzelnen Betrieb nicht hindert; das sind dann die sog. übertariflichen Leistungen). Das System dieser ziemlich differenzierten Lastenverteilung und Stimulanzien ist, wie Du siehst, einigermaßen kompliziert und ich wage zu bezweifeln, dass die Phantasie eines Marx ausgereicht hat, sich diesen in jahrzehntelanger Praxis herausgebildeten Variantenreichtum des Kapitalismus vorzustellen und bei seinen Annahmen über die Grundsätze kapitalistischen Teilens zu berücksichtigen.

 

Der Preis dieses hohen Gesamtniveaus darf freilich nicht vergessen werden, denn er zeigt zugleich die Grenzen dieses Systems auf. Das (Er)Mitteln der Produktivität erzeugt noch immer ein eher grobes Raster und eine ganze Reihe von Unternehmen kann die daraus resultierenden Vorgaben nicht verkraften. Ganze Branchen sind schon an Löhnen und sozialen Errungenschaften zugrundegegangen. Ob der Bogen überspannt wird, hängt daher stark von der Sensibilität der Tarifparteien ab. Sicher weiß jede Seite des Teppichhandels ihre Vorteile zu wahren. Allerdings weiß sie auch oder sollte es jedenfalls wissen, daß sie auf dem Teppich bleiben, mit anderen Worten, daß sie die andere Seite am Leben erhalten muß. Angesichts des tatsächlichen Funktionierens der Marktwirtschaft in der alten Bundesrepublik schätze ich mal, dass man im Großen und Ganzen von einer nicht völlig ungleichmäßigen Verteilung der Gewichte zwischen den Tarifvertragsparteien ausgehen kann.

 

Soweit so gut. Leider funktioniert das Ganze nur unter einigermaßen homogenen und gewachsenen wirtschaftlichen Bedingungen. Und da kommt nun die „DDR“ ins Spiel oder besser in die Quere, die im Verhältnis zur Alten Bundesrepublik nun einmal weder homogen noch sonderlich gut gewachsenen ist. Daß dort jetzt einige Arbeitgeber von der Gleichmäßigkeit der Entlohnung „über Gebühr“ profitieren liegt nahe (allerdings gehören dazu angesichts des so gut wie totalen Steuerausfalls aus dieser Region sicher nicht die öffentlichen Arbeitgeber). Eine Orientierung an der höchsten Produktivität ist naturgemäß nicht möglich. Sollte man also die Gleichmäßigkeit der (Grund-)Entlohnung und damit gleich zum Einstand ausgerechnet eine wesentliche soziale Komponente der Marktwirtschaftaufgeben? Wohl kaum. Allzu groß sind die Differenzen der Produktivität in der „DDR“ ja ohnehin kaum. Auch dort besteht eine – allerdings weniger erfreuliche – Gleichmäßigkeit, eine Art kollektive Marodheit nämlich, die eine Korrellation von Löhnen und Produktivität auf einem deutlich niedrigeren Niveau als in der alten Bundesrepublik erzwingt.

 

Nun wirst Du mich wahrscheinlich fragen, wo denn bei dieser Argumentation die deutsche Einheit bleibt. Müßte man nicht die neue Bundesrepublik als den Wirtschaftsraum zu Grunde legen, dessen Produktivität die Löhne bestimmt? Das wäre zentralistisch gedacht. Das Maß aller Dinge kann in einer marktwirtschaftlichen Wirtschaftsform nur der einzelne Betrieb sein, denn dieser muß die Löhne zahlen, nicht irgendein größeres Ganzes. Somit läuft die Forderung auf eine Lösung des Zusammenhangs von Produktivität und Löhnen auf Transferleistungen von West nach Ost hinaus. Da ist ja nun schon einiges in Gang gebracht worden. Daß aber Löhne damit nicht in westlicher Höhe und schon gar nicht auf Dauer finanziert werden können, muß sich irgendwann einmal auch in der „DDR“ herumsprechen.

 

Übrigens bin ich auch der Ansicht, daß man den Transfer über ein gewisses Maß hinaus auch deswegen nicht erweitern sollte, weil man die Wirtschaft dadurch ihres eigentlichen Antriebsaggregates beraubt. Der Motor der Leistungsgesellschaft ist nun einmal die Tatsache, daß Leistung belohnt wird. Wo die Belohnung ohne Leistung eintritt, wird am Ende auch die Leistung fehlen. Mit anderen Worten: Man kann in der gegebenen Situation mit Transferleistungen die größte Not, nicht aber den Mangel an Poduktivität beheben. Und dieser wird wohl auf absehbare Zeit die beiden Wirtschaftsgebiete noch teilen.

 

Genau hier scheint mir auch das Problem zu liegen. Die Politik (und der Wunsch der Ostdeutschen) hat die Illusion entstehen lassen, daß Deutschland jetzt in allen Bereichen eine Einheit sei. Daraus resultiert „verständlicherweise“ die Frage, warum für „gleiche Arbeit“ nicht der gleiche Lohn gezahlt wird. Aber der Wunsch ist nicht Wirklichkeit und die Illusion noch weniger. Wir haben eben keinen einheitlichen Wirtschaftsraum – wie sollten wir auch. Es ist ohnehin erstaunlich, daß der Staat schon die jetzige Schlucht – von Lücke zu reden wäre verniedlichend – zwischen Produktivität und Löhnen überbrücken kann (hoffentlich kann er es wirklich!). Die Tatsache, daß die Brücke noch nicht zusammengebrochen ist, sollte aber nicht zu der Annahme verführen, daß es keine Schlucht gebe. Wer das tut, setzt genau den allmächtigen und für alles sorgenden Staat voraus, den es, wie ihr in einem langen und leidvollen Experiment bewiesen habt, nicht gibt. Da es noch lange dauern wird, bis wir einen einheitlichen Wirtschaftsraum Bundesrepublik haben, bin ich noch immer der Meinung, daß man die beiden deutschen Wirtschaftsräume getrennt hätte führen sollen. Was wir jetzt haben ist eine verschleierte Trennung, in der sich zu den wirtschaftlichen Schwierigkeiten auch noch immense psychologische Probleme gesellen, die – frei nach Freud – aus der Verdrängung unangenehmer Tatsachen resultieren.

 

    24.9.1991

 

Mittlerweile sind unsere Mitbürger im Osten drauf und dran, sich sehr unbeliebt zu machen. Was man aus Hoyerswerda hört, bestätigt die schlimmsten Befürchtungen. Am übelsten ist dabei die Haltung der Bevölkerung, die ihrem Haß völlig ungebremst freien Lauf lässt. Man fühlt sich um 55 Jahre zurückversetzt. Zugegeben, unsere Politiker lassen uns mit der Asylproblematik im Regen stehen und das ganze Rechtstheater nimmt den Charakter einer – ziemlich teuren – Farce an. Darüber wird man sich auch aufregen dürfen. Aber daß so viele Leute drüben kein Gespür dafür haben, welch‘ unselige Zeiten ihre Haltung beschwört, zeigt daß der Rückstand in der gesellschaftlichen Entwicklung größer ist, als man es sich hier vorstellen konnte. Wir leben offensichtlich nicht nur wirtschaftlich in zwei Welten. Nicht daß es hier keine ähnlichen Tendenzen gäbe. Aber Täter und Sympatisanten halten es hier immerhin noch für nötig, verschleiert oder im Dunkeln zu agieren. Ich hoffe nur, daß es im puncto „Offenheit“ keinen Ost-West Teransfer gibt.

 

Gruß

Klaus

 

PS

Nach „Redaktionschluß“ ging hier Dein Brief vom 11.9. ein, der sich thematisch z.T. mit diesem Brief überschneidet. Ich kann ihn daher teilweise als beantwortet ansehen. Eine „kleine“ Antwort auf Deine Antwort auf meinen Brief vom 10.6.1991 will ich aber diesem Brief noch anfügen. Du hast versucht zu erklären, warum die Städte, insbesondere die alten Stadtzentren in der DDR so heruntergekommen sind. Deine Erklärung ist für mich in erster Näherung auch nachvollziehbar. Aber die Frage, die ich mir gestellt hatte, zielte eigentlich weniger in eine technologische oder ökonomische Richtung. Es lag – ebenso wie in meinen sonstigen Beschreibungen östlicher Zustände – auch kein (Wessi-)Vorwurf zwischen den Zeilen (wiewohl ich in Sachen Stadtgestaltung meine Emotionen nur wenig unter Kontrolle habe[5]). Noch weniger hatte ich etwa die Absicht, die Zustände in anderen sozialistischen Staaten auf Kosten der „DDR“ zu idealisieren[6] (übrigens auch nicht zu dramatisieren; das mit den Fellachen, bezog sich wirklich nur auf die Bewohner der Pusztabauernhöfe). Es sieht in diesen Ländern schlimm genug aus (was aber nichts daran ändert, daß in der „DDR“ die Optik noch schlimmer ist). Meine Frage betraf die Einstellung, auf Grund deren Menschen eines Kulturkreises, für den ein solcher Zustand der Unordnung untypisch ist, diese hinnehmen. Ich versuchte – erfolglos – Klarheit über die psychischen Vorgänge zu gewinnen, die dazu führten, daß man – auf Seiten der Regierenden und Regierten – aufhörte, sich gegen den Verfall zu stellen, daß man anfing, ihn für „normal“, seine Behebung für nicht besonders dringend zu halten, daß man sich darin einrichtete, mit einem Wort, daß man ihn mehr oder weniger akzeptierte. Ich habe also darüber gegrübelt, was das sozialistische System in den Köpfen der Menschen bewirkt hat, welche Wertesysteme entstanden und welche zusammengebrochen sind. Der Frage liegt natürlich die Vorstellung zu Grunde, daß sich Menschen unseres Kulturkreises normalerweise gegen die Verrottung wehren und daß es auch bei schlechten äußeren Bedingungen Mittel und Wege gibt, das, was man für wirklich wichtig hält, zu realisieren. Die Frage ist natürlich nicht nur historischer Natur und sie beschränkt sich auch nicht auf das Problem der Stadtgestaltung (wiewohl dieselbe in aller Regel auch eine ganze Menge über die Menschen und ihre Wertsysteme aussagt, weshalb dieser zugebenermaßen leicht touristische Ansatz – ein anderer ist unsereinem ohnhin kaum möglich – nicht ganz zu verachten ist). Die mir selbst gestellte Frage enthält auch die Frage nach den Menschen, mit denen wir es heute zu tun haben, danach, wieweit man sich in Ost und West voneinander entfernt hat und wie man künftig miteinander leben kann.

 

Es gab wohl selten einen Zeitpunkt, in dem man größere Aussichten hatte, auf solche Fragen eine Antwort zu finden, als jetzt. Die Vereinigung der unterschiedlichen Gesellschaftssysteme ist nicht nur, wie Du richtig feststellst, ein Wirtschaftsexperiment ohnegleichen, das Ungeheures von den Menschen verlangt[7]. Auch die Teilung wirkt wie ein riesiges Experiment zur Gewinnung von Erkenntnissen über die Entwicklung von Gesellschaften. Ich meine damit nicht die Tatsache, daß auf Euren Rücken ein Gesellschaftssystem ausprobiert wurde (und für ungeeignet befunden) wurde, sondern den Umstand der Trennung einer einheitlichen Gesellschaft und der äußerst effektiven Separierung ihrer Teile. Wir befinden uns praktisch in der Situation gesellschaftlicher Zwillingsforscher, die herausfinden wollen, was bei der Entwicklung der gleichbegabten Zwillinge auf die Begabung und was auf die Verhältnisse zurückzuführen ist. Und da ließe sich vielleicht meine – und nicht nur diese – Frage beantworten. Ich frage also nach den Bedingungen, unter denen Menschen die Liebe zu ihrer Umgebung verlieren und sich stattdessen, bewehrt mit einem Fuchsschwanz, ins Innere zurückziehen, wo sie es, wie ich zu bestätigen vermag, sehr wohl fertig bringen, ihre Umgebung zu gestalten.

 

Die Frage ist nicht nur interessant zur Vermeidung künftiger Fehler. Die Antwort darauf könnte auch neue Ansätze für eine positive Stimulierung geben. Ein allgemeines Ergebnis habe ich immerhin schon ausgemacht. Bei Gesellschaften ist, anders als bei Individuen, der Anteil der „Umstände“, des Systems also, an der Entwicklung offensichtlich wesentlich wichtiger als die „Begabung“, m.a.W. man kann mit der falschen Wahl eines Systems in sehr kurzer Zeit sehr viel kaputt, mit der richtigen wohl aber auch viel gut machen. Das muß den Experimentatoren zu denken geben. Und wie lange es dauert, eine aus der Bahn geworfene Gesellschaft wieder auf’s Gleis zu bekommen, das zeigen nicht zuletzt einige Entwicklungsländer. Das Aufholen ist, wie Du zu Recht feststellst, nicht nur per se ein Handicap. Es wird noch dadurch erschwert, daß das rasante Tempo der Gesellschaften (Wirtschaftssysteme), zu denen es aufzuschließen gilt, die Folge ihres Vorsprunges ist.

 

Ein Wort noch zum Thema Wundern und Staunen. Ich glaube, das Staunen darüber, daß nach Einführung von Demokratie und Marktwirtschaft nicht gleich Wohlstand und Wohlleben ausgebrochen sind, ist wohl mehr auf östlicher Seite. Mich wundert der mangelnde Fortschritt entgegen Deiner Vermutung keineswegs. Gewundert hat mich eigentlich immer nur die Naivität oder Unverfrorenheit derer, die immer so getan haben, als seien in überschaubarer Zeit hüben und drüben gleiche Lebensverhältnisse zu erwarten (bei bestimmten Leuten wundert mich aber auch dies nicht). Die große Enttäuschung, die jetzt offenbar bei Euch vorherrscht, beruht doch darauf, daß man sich von der Freiheit Wunderdinge erhofft hat. Daß der jetzige Zustand der „BRD“ das Ergebnis einer Jahrzehnte langen Entwicklung ist[8], hat man sich ebenso wenig klar gemacht, wie die Tatsache, daß eine freiheitliche und offene Gesellschaft notwendigerweise einige Probleme mit sich bringt, die Euch bislang nicht bekannt waren.

 

Die Enttäuschung ist wohl auch deswegen so groß, weil die meisten Menschen bei Euch erwartet haben dürften, das Leben in einer pluralistischen Gesellschaft sei leichter als in einer geschlossenen Gesellschaft. Daß diese Lebensform die denkbar komplizierteste ist und auch bei uns unzählige Menschen überfordert, hat man angesichts der von den Medien „verallgemeinerten“ Tellerwäschererfolgsstories einiger Weniger offensichtlich nicht wahrgenommen. Das sind die Fährnisse einer freiheitlichen Gesellschaft, von denen ich früher schon mehrfach gesprochen habe.

 

Übrigens wurde diese Lebensform bis vor kurzem auch hier als außerordentlich schwierig empfunden. Die neue Begeisterung des Westens für offene Gesellschaft und Marktwirtschaft ist eigentlich erst die Folge des Zusammenbruchs im Osten. So richtig gut geht es uns erst, seit es Euch schlecht geht[9]. Vorher war das Stöhnen über die problematischen Lebensverhältnisse so allgemein, daß kein Mensch mehr zur Kenntnis nahm, daß es uns zu keinem Zeitpunkt besser ging. Täglich entdeckten wir eine neue Zivilisationsgefahr und es war schlechterdings unerklärlich, daß die Lebenserwartung dennoch ständig nach oben kletterte. Jedermann war auf der schmerzensreichen Suche nach dem Sinn oder auf der Flucht vor der Frage danach. Wer nicht zum Psychiater ging, ins Glas guckte oder sich ins Vergnügen stürzte, vertiefte sich in östliche Kulturen oder versuchte sich in alternativen oder traditionellen Lebensformen.

 

Es ist noch gar nicht so lange her, da behaupteten viele junge Leute, es sei unverantwortlich, in diese Welt noch Kinder zu setzen. Was ihr jetzt durchmacht, ist die Umkehrung einer Erfahrung, die man insbesondere bei der Beobachtung traditioneller geschlossener Gesellschaften macht. Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß die Menschen in solchen Gesellschaften (auch dort wo es denkbar ärmlich, nach unseren Maßstäben sogar katastrophal zugeht) „glücklicher“ zu sein scheinen, als in den hochentwickelten freien und wohlhabenden Gesellschaften. Offenbar entlasten diese traditionellen Kulturen den Einzelnen in so großen Maß von Fragen der Sinngebung und der psychischen Vorsorge, daß der materielle Mangel nicht entscheidend ins Gewicht fällt.

 

Ich glaube, daß das „System“ in der DDR zu einem erheblichen Teil solche Bedürfnisse abgedeckt hat. In gewisser Hinsicht trauern jetzt viele Menschen in der „DDR“ einem solchen einfachen Leben in gesellschaftlicher Geborgenheit nach, wahrscheinlich sogar die, die schon immer gegen das System gewesen sind[10]. Dieses Leben freilich dürfte Europäern in wirklich glückbringender Form kaum mehr möglich sein. Denn unter der Herrschaft eines solchen Systems fühlt man sich, wie gesehen, auch nicht wohl. Der Versuch, einfache Verhältnisse wiederherzustellen, muß sich daher des Zwangs bedienen. Er endet, da ihm der Drang zur Freiheit entgegensteht, „zwangsläufig“ im Faschismus (rechter und linker Couleur – vgl Fn 1).

 

30.9.1991

Gorbatschow ist wirklich nicht mehr der Alte. In meinem Neujahrsbrief auf das Jahr 1990 hatte ich in einem Anfall politischer Zärtlichkeit noch gemeint, die große einseitige Abrüstungsgeste könne nur von seiner Seite kommen. Daß er jetzt von Busch überholt wird, zeigt, wie sehr er die Initiative in dem Prozeß verloren hat, den er in Gang gesetzt hat.

 

3.10.1991

Tag der deutschen Einheit. Noch nie wurde über die deutsche Zweiheit soviel gesprochen wie an diesem Tag.

 

5.10.1991

Mit großem Interesse verfolge ich z. Zt. die Blockflötendiskussion. Irgendwann mußten aus diesen verstimmten Instrumenten die wahren Töne doch einmal herauskommen. Ein Musikus hört sie freilich schon etwas früher (vgl. meinen Brief vom 10.2.1990).

 

PPS

Wir hoffen, Dich bald wieder mal in natura zu sehen.


[1] So ganz verwunderlich ist es allerdings nicht, wenn man von der These der Nähe von rechtem und linkem Faschismus ausgeht, die ich bereits in meinem Brief vom 6.5.1990 aufgestellt habe.

[2] Vor allem die Japaner, die wegen ihrer läppischen Kurilen den Blick für das weltpolitisch Wesentliche aus den Augen verloren zu haben scheinen.

[3] Man hätte, um auf Deinen Brief vom 16.3. zurückzukommen, zwar nicht unbedingt ein Jahr nur beraten müssen. Aber man hätte überhaupt ein permanent tagendes Gremium aufstellen müssen, das alle Aspekte dieses ungeheuer komplexen Prozesses im Auge behält. Wann überhaupt, wenn nicht in dieser Situation, war der Zeitpunkt, ein Gremium der Besten zu schaffen, das sich ausschließlich mit dieser Frage zu beschäftigen gehabt hätte (ich denke dabei an so etwas wie das amerikanische Atombobenprojekt am Ende des 2. Weltkrieges). Die Lage mit Beamten und ein paar guten Freunden meistern zu wollen, ist eben dilletantisch , wobei dann so absurde Vorstellungen herauskommen mußten wie die, man könne die deutsche Einheit aus dem Laufenden finanzieren.

[4] Der Blick ins kommerzielle (!) italienienische Fernsehen war es ja wohl auch, der die Massen Albanien mobilisiert hat (politisch und körperlich). Und das Überleben des Kommunismus in China dürfe nicht zuletzt auf der televisionären Isolation diese Landes beruhen.

[5] Anbei ein kleiner Leserbrief über das neues Kongresszentrum in Stuttgart, den die Stuttgarter Zeitung abgedruckt hat. Du magst darauf entnehmen, dass ich mich nicht nur über den Osten errege.

[6] Das mit dem absoluten „Schlußlicht der Weltkultur“ ist eine „Schluß“folgerung von Dir, die ohne den von Dir ein paar Zeilen höher angebrachten Klammerzusatz „Bau“ der Paradefall einer unzulässigen Verallgemeinerung ist.

[7] Die von Dir geschilderten – geistigen – Umstellungsprobleme, kann ich Dir nur zu gut nachempfinden. Ich bin aber nicht sicher, ob die Ossis in allen Punkten besser dafür gewappnet sind als die Wessis. Ein nicht unerheblicher Teil dieser Probleme dürfte auch daraus resultieren, dass man Euch nicht gerade mit der Relativität der verschiedenen gesellschaftlichen Gestaltungsmöglichkeiten vertraut gemacht hat. Wer gelernt hat, wie wacklig unter Umständen gerade das ist, was sich als besonders stabil ausgibt, wird wohl beim Zusammenbruch einer „Wahrheit“ weniger überrascht dastehen, als der, der vieles für möglich gehalten hat.

[8] Bereits dies sollte deutlich machen, dass der tarifpolitische „Sprung über Jahrzehnte“ ein Ding der Unmöglichkeit ist.

[9] Bei Euch ist es eher umgekehrt. Das ganze jetzige Dilemma ist daher weniger existentieller als komparativer Natur; was nicht heißt, das es keine psychische Wirksamkeit habe. Es kann einem verdammt schlecht gehen, weil es anderen gut geht.

[10] Deine Bemerkung, das ihr die neue Zeit in Ungarn nicht vermisst habt, scheint in diese Richtung zu gehen.

Briefe aus der Wendezeit – Teil 10

Stuttgart, 10.6.1991

 

Lieber Frank,

 

die deutsch-deutschen Erkundungen der weiter gewordenen Welt gehen ihren reziproken Gang. Während ihr Euch in den lange verschlossenen Süden aufmacht, haben wir unseren Horizont kräftig nach Osten erweitert. Und wir staunen, was unseren Blicken bislang alles verborgen geblieben ist. Trotz Fernsehen, trotz einer freien Presse und Büchern, trotz der Berichte von Reisenden und Besuchern hatte man, wie mir immer stärker bewußt wird, ein wenig zutreffendes Bild von der „zweiten Welt“[1]. Der Osten war früher eine eher dumpfe und irgendwie unwirtliche Region, mit der man sich nicht unnötig befasste. Man nahm entgegen, was andere darüber berichteten, meist war es Unangenehmes und Unfreundliches. Ein mögliches Feld eigener Erlebnisse war die Region für mich kaum mehr als für Euch der Westen und der Süden. So blieb der Osten chimärenhaft und unwirklich. Ohnehin schienen alle wirklich wesentlichen Zeugnisse europäischer Kultur in unserer Hälfte der Welt zu liegen. Die Mutter der europäischen Kultur war Italien. Ein paar hübsche westliche Töchter stritten darum, wer der Mutter am ähnlichsten sei. Im Osten hingegen wohnten allenfalls ein paar späte Abkömmlinge, deren Abstammung darüber hinaus nicht richtig geklärt war. Eigentlich war es kein Wunder, daß sich der Rest des politischen und gesellschaftlichen Dunkels, welcher die erste Hälfte des Jahrhunderts kennzeichnete, im Osten halten konnte. Dieses diffuse und düstere Ostbild war so wirksam, daß selbst die Vergangenheit davon betroffen war. Natürlich wußte man, daß Kant in Ostpreußen und Kopernikus in Polen wirkte. Und doch blieb auch der geschichtliche Kulturraum merkwürdig undeutlich. Es war, als hätte man mit der unerfreulichen Gegenwart auch gleich die Vergangenheit ins östliche Abseits gedrängt. Das gilt sogar für den mitteldeutschen Kulturraum, obwohl dieser schon um die Ecke beginnt (daß er in der Mitte Deutschlands lag, ist mir erst in diesen Tagen wirklich bewußt geworden). Man wußte von Luther in Wittenberg, von Bach, Schumann und Mendelsohn in Leipzig, von Wagner in Dresden und von der ganzen klassischen Schreibzunft (einschließlich den Schwaben Wieland und Schiller) in Weimar. Aber all das gab kein zusammenhängendes Bild von diesem Raum und nicht einmal ein Interesse dafür.

 

Nun sind wir dabei, die Lücken unseres Weltbildes zu füllen. Die letzten Wochen haben mich durch vier ehemalige Ostländer geführt. Es fing an mit dem Ort, an dem „alles“ anfing, dem sympathischen Land zwischen Süd und West, das im Großen und Kleinen, so etwas wie der Katalysator der ostwestlichen Horizonterweiterung war. Ich nutzte ein Basketballturnier in Keskemet, ziemlich hinten in Ungarn, um die neueste Entwicklung der dortigen Dinge in Augenschein zu nehmen. Da außer uns noch eine polnische, eine rumänische und zwei ungarische Mannschaften mitwirkten, war es tatsächlich so etwas wie eine Informationsveranstaltung zum Thema Osten. Darüber hinaus haben wir die Probleme dieser Länder auch ziemlich hautnah erlebt. Das fing schon mit dem Freizeitverhalten der Ostmannschaften an. Sie waren bei diesem Turnier von alternden Hobbysportlern anfangs mit fast verbissenem Ernst bei der Sache, gingen abends früh ins Bett, um für die Spiele fit zu sein und hielten sich von geselligen Dingen weitgehend fern. Das ging zu wie in den ausgestorbenen abendlichen Städten im Osten, in denen sich nach Geschäftsschluss ebenfalls alles in die Betten zu begeben scheint. Erst angeregt durch unser Beispiel tauten die Ostler langsam auf und schlossen sich zunächst verwundert, dann mit wachsender Faszination den verrückten Westlern an. Die merkwürdige Ungeselligkeit hatte freilich zum Teil handfeste „wirtschaftliche“ Ursachen. Die ungarischen Veranstalter hätten entsprechend der Übung bei den vorangegangen Turnieren (u.a. in Stuttgart) an sich die gesamten Kosten ein schließlich Unterkunft und Verpflegung tragen sollen, was jedoch offensichtlich über ihre Kräfte ging. Obwohl es ihnen sichtlich peinlich war, baten sie daher, daß die Beteiligten die Kosten für die Getränke selbst tragen möchten. Die Folge war, daß die Rumänen mangels „Devisen“ (für die Rumänen ist der Forinth bereits eine harte Währung) nicht am abendlichen gemütlichen Zusammensein teilnehmen konnten. Es reichte nicht einmal für eine Flasche Bier. Da es ihnen ihr Stolz verbot, sich ohne Getränke zu beteiligen, saßen sie, während sich im Gemeinschaftsraum mit Hilfe von Akkordeon, Gitarre uns Banjo (alle von unserer Mannschaft) lautstark deutsche Gemütlichkeit ausbreitete, in ihren Zimmern und gaben vor, sich auf die Spiele vorzubereiten. Erst mit einem Trick, nämlich der Behauptung, eines unserer Mannschaftsmitglieder habe Geburtstag und lade alle Turnierteilnehmer ein, gelang es, sie aus ihren Zimmern zu locken. Aber das ging nur einmal. Eine weitere Einladung wollten sie, wiewohl sie für uns einen Klacks bedeutete, partout nicht annehmen. Stattdessen hofften sie, die erforderlichen Devisen erhandeln zu können. Und so boten sie uns eine alte Kuckucksuhr (mit Ausfuhrzertifikat des rumänischen Zoll) und eine Vorkriegskamera an, in der Annahme den meisten Westdeutschen sitze das Geld so locker, daß sie ein paar tausend Mark, die die Sachen laut einem Sammlerkatalog wert sein sollten, wohl zahlen würden.

 

Die Rumänen, mit denen ich ausführliche Gespräche hatte, berichteten, der Zustand ihres Landes unterscheide sich von dem Ungarns wie dessen Zustand von dem (West)Deutschlands. Dabei geht es den Ungarn selbst alles andere als glänzend. Das Warenangebot in den Läden der Kleinstädte ist noch genauso dürftig, wie eh und je[2]*. Die malerischen kleinen Bauernhöfe, die über die Puszta verstreut sind, erweisen sich bei näherem Hinsehen als äußert dürftige und heruntergekommene Behausungen, in denen die Menschen samt allerlei Getier auf dem Niveau von Fellachen leben, umgeben von chaotischen Sammlungen von absolut allem, was in einer Mangelwirtschaft Gegenstand des Handels und der Lebensvorsorge sein könnte. Von einer neuen Zeit ist nicht viel zu sehen. Was in den Städten aus der allgemeinem Tristesse herausragt, sind meist Gebäude aus der „guten alten Zeit“ der K.& K. Monarchie. Nach Maria Theresia und der Gründerzeit ist es städtebaulich offenbar nur noch bergab gegangen. Und heute sieht es so aus, als stimme das Bild vom Katalysator auch insoweit, als ein solcher zwar die Verbindung ziemlich heterogener Elemente bewirkt, selbst aber unberührt bleibt.

 

In den Pfingstferien ging es wieder gen Osten. Diesmal hatten wir Größeres vor. Wir haben zu nächst den Süden der ehemaligen DDR noch einmal nachgearbeitet. Der Zustand der alten Städte hat uns noch mehr als beim letzten Mal erschüttert, insbesondere nachdem sich hier, einige Einzelprojekte ausgenommen, noch immer wenig zu bewegen scheint[3]. Auch nach intensivem Grübeln ist es mir bislang nicht gelungen, herauszufinden, auf Grund welcher Einstellung es dazu kommen konnte, daß mitteleuropäische Menschen eine dermaßen verrottete Umgebung akzeptieren. Nicht weniger erstaunlich ist das Nebeneinander von moderner Billigstarchtitektur und großartigsten historischen Gebäuden[4] (Das „Ambiente“ des alten Rathauses von Gera ist dafür ein Musterbeispiel). Es gibt nur eine Hoffnung. Diese Häuser sind möglicherweise so schlecht gebaut, daß sie in absehbarer Zeit abgerissen werden müssen[5]. Hoffentlich gilt dies auch für die „monumentalen“ Bauten von Chemnitz, dessen Zentrum ein Alptraum ist. Der traurige Höhepunkt aber war für uns zweifelsohne Zwickau. Gleich hinter dem Schumannhaus am Marktplatz glaubt man im Kriegsgebiet zu sein. Eine Außenre novierung der vom Braunkohlequalm zerfressenen, prächtigen Marienkirche dürfte einem Neubau fast gleichkommen. Nicht weniger traurig sehen weite Teile der Altstadt von Bautzen aus. Dresden allerdings, daß mich vor einem Jahr noch in städtebauliche Depressionen versetzt hat, hat mich dies mal weniger hart getroffen, vielleicht, weil man dort etwas Bewegung sieht. Ein Schloß, aus dessen schwarzer Fassade heller Sandstein wächst und dessen Dach wieder gedeckt ist, lässt mich über manche „Prager Straße“ hinwegschauen. Die Entdeckung der Reise durch Thüringen und Sachsen war Görlitz. Die Stadt, von der ich bis vor kurzem nicht den Hauch einer Vorstellung hatte, hat die Chance, zu einer der schönsten deutschen Städte zu werden. Ein gütiges Schicksal hat die umfangreiche Altstadt nicht nur vor dem Krieg, sondern auch vor den Flächensanierungen à la SED geschützt, so daß in ihr Plattenbauten und sozialistischer Klotzstil fehlen. Daß die Gründerzeit so „fern“ im Osten solche Feste feierte, habe ich mir nicht träumen lassen.

 

Apropos Freizeitverhalten. Görlitz, dessen Architektur gerade des 19. Jahrhunderts wahrlich den Sinn für das Vergnügen wiederspiegelt, soll einmal 400 Gaststätten gehabt haben. Heute sind es vermutlich weniger als 10 und davon haben, wie wir uns überzeugen mußten, noch immer abends die meisten geschlossen. Vom nächtlichen Leben in dieser Prachtstadt will ich gar nicht reden. Man macht sich fast verdächtig, wenn man abends durch ihre finsteren Gassen schlendert.

 

So richtig bewußt wurde mir bei dieser Reise durch Deutschlands „Osten“, in welcher Blüte hier die Deutsche Renaissance stand. Es ist schon mehr als erstaunlich, daß einem Renaissanceenthusiasten, wie ich es bin, das Bewußtsein davon weitgehend abhanden gekommen ist. Zu einem Zeitpunkt, wo man aus schierer Verzweifelung über die abgegraste „europäische“ Kulturlandschaft zunehmend dem Exotischen zustrebte, stellt sich heraus, daß in nächster Nähe eine Menge Kulturgeschichte nachzuarbeiten ist. Der Mangel an gesamtdeutschem Kulturbewußtsein war tatsächlich ein Abhandenkommen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, daß mir die „Ostgebiete“ und ihr kulturelles Erbe einmal wesentlich näher standen. Es gab im Bücherschrank meiner Eltern Bücher wie „Deutsche Dome“ und „Deutsche Bürgerbauten“, in denen wir als Kinder blätterten und in denen „natürlich“ auch die Bauwerke des Ostens abgebildet waren. Erst im Laufe der Zeit geriet die Vorstellung von einem einheitlichen deutschen Kulturraum in den Hintergrund. Das war es ja wohl, worauf die alten Herren bei Euch spekulierten und fast wäre es ihnen auch gelungen. Bei den Jungen hier ist von einem gesamtdeutschen Bewußtsein schon kaum mehr etwas zu spüren. Sie fühlen weder eine gemeinsame Aufgabe noch sind sie bereit, sich für den anderen Teil Deutschlands sonderlich zu engagieren (oder gar etwas zu opfern). Für die Erscheinungen, die die Folge der jahrzehntelangen Isolation des Ostens sind, haben sie überhaupt kein Verständnis. Für sie ist Deutschland das, was im Westen daraus geworden ist und sie erwarten, daß die, die dazu gehören wollen, sich entsprechend verhalten. Mit dem dumpfen alten Deutschland, das in der ehemaligen DDR leider zu einem guten Stück  überlebte, wollen sie nichts zu tun haben. So manche Übersiedlung tatkräftiger Mittvierziger in den Osten scheitert an dem massiven Widerstand seines halbwüchsigen Nachwuchses.

 

Soweit die „DDR“. Unser eigentliches Ziel war Polen. Nach allem, was wir darüber gehört hatten, war hier Übles zu erwarten. Wir waren darauf gefasst, daß die Städte noch herunter gekommener als in der „DDR“ sein würden und daß die Polen die alten deutschen Städte nach dem Krieg vollends heruntergewirtschaftet hätten. Nach einem unmittelbar vor unserer Abfahrt in der hiesigen Zeitung erschienen Artikel über die polnischen Straßenzustände haben wir sogar zum Schutze unseres altersschwachen Gefährts erwogen, das Ostprojekt abzubrechen. Es war die pure Abenteuerlust, daß wir trotz der abschreckenden Meldungen an dem Reiseplan festhielten.

 

Aber es war kein Abenteuer, jedenfalls nicht in der erwarteten Weise. Die Wirklichkeit kontrastierte auf’s Deutlichste mit den Vorurteilen. Das Land machte auf uns von Anfang an einen besseren Eindruck als die deutsche sozialistische Hinterlassenschaft. Wir fanden keine verfallenden Altstädte und auch die Straßen waren deutlich besser als in der „DDR“. Zu allem fanden wir mit Krakau zu unserem Erstaunen (wir waren abgesehen von unseren Vorurteilen vollkommen unvorbereitet) eine Stadt, die unter die ganz großen Stadtlandschaften Europas einzuordnen ist, dazu in einem Zustand, der auch nicht schlechter ist als der vieler westlicher, zumal südeuropäischer Städte. Sicher das Land ist arm und vielen Menschen sieht man an, daß sie unter Bedingungen leben und arbeiten, die bei uns als veraltet, teilweise sogar als menschenunwürdig gelten. Aber man hat nicht in gleichem Maße den Eindruck, daß die Menschen resigniert und einfach alles haben den Bach hinuntergehen lassen. Dies zeigt sich auch an dem geradezu beispiellosen privaten Bauboom. Kaum ein Haus, in dessen Garten nicht Backsteine für einen Erweiterungs- oder Neubau lägen. Und zahlreiche Häuser sind offensichtlich gerade erst fertiggestellt worden. Wenn jetzt aus rechtsradikalen Ecken der „DDR“[6] antipolnische Töne kommen, so sind sie mit der Überlegenheit der „deutschen Rasse“ weniger denn je zu begründen. Der Mythos von der geradezu genetisch bedingten deutschen Ordentlichkeit und Gründlichkeit ist, nachdem die „DDR“ so ziemlich den größten sozialistischen Sauhaufen produziert hat, endgültig gestorben. Auch die so vorbildlichen germanischen gesellschaftlichen Umstände, die „aufgeklärtere“ Nationalisten für die Basis der deutschen Tugenden halten, haben sich bei Gelegenheit des sozialistischen Experiments als nicht eben widerstandsfähig erwiesen[7]. Wenn überhaupt ein altes gesellschaftliches System überlebt hat, das den Menschen im Sozialismus noch einen gewissen Halt geben konnte, dann ist es ausgerechnet der polnische Katholizismus gewesen.

 

 A propos Katholizismus: Das religiöse Leben, das wir in Polen antrafen, lag jenseits meiner westlichen Vorstellungskraft. Man hat vom polnischen Katholizismus ja schon einiges gehört. Aber man muß die keineswegs nur alten Frauen beim gemeinsamen abendlichen Gebet im Freien vor einer Kapelle am Straßenrand gesehen haben, man muß in Tschenstochau und in den überfüllten Kirchen Krakaus gewesen sein und die endlosen Strophen melancholischer Lieder gehört haben, um zu wissen, wie Katholizismus heute in „Mitteleuropa“ noch aussehen kann. (Dagegen erscheint die religiöse Inbrunst Italiens geradezu als Theater.) Auch hier kommen völlig neue Facetten (und neue Probleme, wie ich fürchte) ins erweiterte europäische Bild.

 

Mehr denn je sind wir in Polen mit Deutschland konfrontiert worden. Die sogenannten deutschen Ostgebiete waren für mich bislang noch weniger ein Begriff als der sonstige Osten. Es muß etwas mit Verdrängung zu tun haben, wenn man von den meisten alten Städten in Schlesien nicht einmal die Namen, geschweige denn ihre Lage und Geschichte kennt. Umso merkwürdiger war es, hier auf Schritt und Tritt auf deutsche Kultur und Geschichte zu stoßen. Erst dadurch hat der Begriff Mitteldeutschland für mich Konturen erhalten. Die Folgen für die deutsche Gefühlslage sind verwirrend. Bislang war es keine Kunst, auf diese unbekannten Gebiete zu verzichten. Jetzt mußte ich den Verzicht, den ich für unvermeidbar halte, durchleben. Da ist zur Bewältigung zwiespältiger Gefühle nicht wenig Verstand gefragt. Die Situation Schlesiens ist ja überaus merkwürdig. Überlagerungen von Kulturen und politisch-soziale Überwucherungen sind aus Nah und Fern ja wohlbekannt; ein „Musterbeispiel“ liegt mit dem Elsaß vor unserer Haustür. Solche Akkulturationen sind jedoch in der Regel ein allmählicher Prozeß, zumal dabei in aller Regel die ursprüngliche Bevölkerung erhalten bleibt. Die plötzliche Auswechslung aller Menschen eines alten, dicht besiedelten Kulturgebietes hingegen hat etwas Ungeheuerliches und Künstliches. In ihrer Ungeheuerlichkeit erinnert sie überdeutlich an die Ungeheuerlichkeit der Zeit, dessen Ergebnis sie ist. Sie liegt wie ein Findling aus barbarischem Urgestein in einer durch Wind und Wetter neuerer Zeiten weicher gewordenen Landschaft. Und das dürfte die Überwindung der alten Zeit nicht gerade erleichtern. Vielleicht hilft die Vorstellung von einem einheitlichen europäischen Kulturraum, in dem die nationalen Grenzen ihre trennende Wirkung verlieren, wie sie zur Besänftigung der Gefühle jetzt entwickelt wurde. Sie hat etwas Tröstliches und Rührendes, aber, wie mir angesichts des Entwicklungsgefälles zwischen Deutschland und Polen scheint, auch etwas Beschwörendes. 

 

Ich habe mich auch der nicht geahnten Belastung eines Besuchs von Auschwitz ausgesetzt. Wenn ich von dem ungeheuren Eindruck, den dies auf mich machte, auf den Eindruck schließe, den dies bei den polnischen Schulklassen machen dürfte, die ständig durch diese Stätten des Grauens geführt werden, so weiß ich allerdings nicht so recht, wie das deutsch – polnische Verhältnis jemals unbefangen werden soll. Übrigens war ich sehr verwundert Auschwitz dort zu finden, wo es ist. Für mich lag es immer in einer nicht klar bestimmten, jedenfalls aber fernen unwirtlichen Ostregion weit jenseits jeder Zivilisation, so daß die Nazischergen ihrem grauenhaften Tun ungestört nachgehen konnten. Jetzt aber fand ich es nicht weit von ehemals deutschem Gebiet inmitten einer dicht besiedelten Region. Meine Bereitschaft zu glauben, daß keiner so recht wußte, was sich da abspielte, hat dies nicht gerade erhöht.

 

Etwas geradezu Konstruktives hatte für mich hingegen der Besuch von Warschau. Nicht nur daß ich hier eine meiner architektonischen Lieblingsideen verwirklicht sehen konnte (die unbefangene Rekonstruktion historischer Bauten nach Kriegszerstörungen, womit man sich in der alten Bundesrepublik ungeheuer schwer getan hat). Der Wiederaufbau einer mutwillig zerstörten Stadt symbolisiert irgendwie auch den Willen, die fürchterlichen geschichtlichen Entgleisungen ungeschehen und vergessen zu machen, was wie im Privaten auf längere Sicht doch die einzige Möglichkeit ist, so etwas wie „Heilung“ für das zu erreichen, was unglücklicherweise geschehen ist.

 

Wir sind auf dem Rückweg durch so ziemlich die ganze Tschechoslowakei gefahren. Auch dort haben wir viele großartige Städte angetroffen, von denen mir die meisten ebenfalls nicht einmal dem Namen nach bekannt waren[8]. Nie hatte ich etwa von einer Stadt wie Kuppenberg gehört, die zu den schönsten Kleinstädten Europas zählt und so eine Art Görlitz Böhmens ist: nicht weit von einer großen kunstsinnigen Ostmetropole, geschückt mit prächtigen Bauten aus allen Epochen und abends vollkommen tot. Die Städte zeigen, daß hier einstmals blühendes Land war[9]. Überall sieht man, daß einmal eine große Freude an der Stadtgestaltung und am Leben in der Stadt bestand. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Ost und West, nämlich daß im „Osten“ den Menschen diese Freude abhanden gekommen ist. So hat denn diese Reise deutlicher denn je gemacht, wie unnatürlich die klare Linie zwischen Ost und West ist, die sich in den Köpfen (und leider auch in der Lebenswirklichkeit) festgesetzt hat. Es scheint, daß wir jetzt erst einmal wieder zurück zu Maria Theresia müssen, zu deren Zeiten sich in dieser „Grenzregion“ eine einheitliche lebensfrohe Kulturlandschaft ausbreitete. Tatsächlich scheint ja das allgegenwärtige Barock zur Zeit eines der wichtigsten und unproblematischsten Bindeglieder in dieser Region zu sein. So wird womöglich die Repräsentantin eines „ausbeuterischen“ Systems zur Stammmutter einer neuen mitteleuropäischen Kultur.[10]

 

Mit der Wiederentdeckung einer untergegangenen mitteleuropäischen Kulturlandschaft verlagert sich naturgemäß der Mittelpunkt Europas nach Osten. Für einen eingefleischten Mitteleuropäer wie mich ist erst jetzt verständlich, daß die Polen den Mittelpunkt Europas in ihren Land sehen.

 

Gruß

 

Klaus

4.7.1991

 

Lieber Frank,

 

dieser Brief ist eigentlich noch nicht beendet. Ich hatte die Absicht, noch einige andere Themen anzuschneiden. Vor allem wollte ich Deine letzten beiden Briefe beantworten. Aber der nächste Urlaub steht schon wieder vor der Tür und ich will Dich nicht länger warten lassen. Also geht der Brief jetzt unvollständig ab. So ganz kurz ist er ja nicht geworden. Der Rest folgt. Jetzt geht’s ab nach Italien. .

 

 


Darmstadt, den 11.09.91

 

Lieber Klaus!

 

Vor drei Monaten hatte ich gehofft, hier in Darmstadt ausreichend Zeit und Muße für viele viele Briefe zu finden. Wie man leicht sieht, knappt es mir zZt. noch an beidem, aber ein Anfang soll nun gemacht werden.

Zunächst zu Deinem Brief vom 10.06.: Es war hochinteressant zu lesen, wie ein (Bau-)Kulturbegeisterter seine Passion soweit in den Mittelpunkt stellt, daß er schließlich leichtfüßig die Völker nach dem Zustand ihrer Fassaden beurteilt. Dies soll nicht unwidersprochen bleiben, zumal Du dabei die alte „DDR“ (man beachte die H’schen Anführungszeichen!) gleich noch zum „größten sozialistischen Sauhaufen“ und absoluten Schlußlicht der Weltkultur stempelst und verwundert fragst, „auf Grund welcher Einstellung… mitteleuropäische Menschen eine dermaßen verrottete Umgebung akzeptieren.“

 

Ich kann mich bei meiner Widerrede z.T. auf eine ähnliche Tour wie Du berufen, denn auch wir waren im Sommer in Ungarn, in Böhmen und – natürlich – im „Beitrittsgebiet“ (man beachte meine Anführungszeichen!)

 

Dabei ist zunächst festzustellen, daß Dein (oder mein?) „größter Sauhaufen“ jene Art von Sozialismus praktiziert hatte, die – seinerzeit auch vom Westen anerkannt – insgesamt noch am wenigsten schlecht funktionierte. Hinsichtlich des Baugeschehens versagte natürlich auch die DDR – wie jedes Land der Zweiten Welt auf seine Weise. Gemeinsame Ursache war fast immer der pathologische Drang zur Selbstdarstellung in Tateinheit mit ewig knappen Ressourcen.

 

Die stark zerstörte DDR begeisterte sich nach der Berliner Stalinallee, die sich bald als viel zu aufwendig erwies, für den „industriellen Wohnungsbau“ und die „Neugestaltung der Stadtzentren“, um das, was die (industriellen) „Großbauten des Sozialismus“ an Zement und Bauarbeitern noch übrigließen, zu möglichst vielen Wohn-„Einheiten“ zu machen (Der Wohnungbau kam sowieso nie über einen Anteil von 20% hinaus). Für die Erhaltung der Altsubstanz blieb so nichts mehr übrig. [11]

 

Unsere Oberen, die ohnehin arge Probleme mit dem Aufbau einer DDR-nationalen Identität hatten, (und oft auch arge Banausen waren) sahen den Verfall des „schlimmen kapitalistischen Erbes“ wohl auch nicht ungern. Wer, meinten sie in den 60er und 70er Jahren, würde noch in einem 100jährigen Bürgerhaus mit Ofen und Außenklo wohnen wollen, wenn erst genügend Silos mit „Vollkomfort“ zur Verfügung stünden, und weil sie sehr schlechte Rechner waren, unterschätzten sie außerdem Tempo und Folgen des Verfallsprozesses an der Altsubstanz so total, daß schon bald mehr einfiel als neugebaut werden konnte.

 

Im ebenfalls stark zerstörten Polen dagegen wurde von Anfang an versucht, dem Sozialismus auch eine national(istisch)e Note zu verpassen und dem alten polnischen Traum von einer nationalen Identität Rechnung zu tragen. Da liegt es denn auf der Hand, sich auf die alte polnische Kultur zu besinnen, die alle Teilungsversuche überstanden hat und entsprechende Baudenkmäler sind eben eines der augenfälligsten Mittel dies zu dokumentieren, selbst wenn sie schon vernichtet waren. Nur so ist beispielsweise zu erklären, weshalb das alte Warschauer Schloß, von dem buchstäblich kein Stein übriggeblieben war, in den 70er Jahren mit einem unverantwortlichen Aufwand wieder aufgebaut wurde, zu einem Zeitpunkt, zu dem die Wohnverhältnisse in Polen noch als verheerend beschrieben wurden. Der baupolitische Akzent wurde in Polen also auf das nationale Erbe gesetzt (Weiß der Teufel, weshalb auch die deutsche Baukultur in den neuen Gebieten ihren Teil abbekam. Vielleicht wollte man keinen „Stilbruch“ entlang der alten Grenze erzeugen.) und natürlich sieht das im Nachhinein für einen Ästheten gefälliger aus als das Stadtzentrum von Chemnitz.

 

Die (realsozialistische) Selbstdarstellung war dennoch auch hier das Hauptmotiv, aber wen interessiert schon beim Anblick der Pyramiden, daß die Leute seinerzeit in Reisighütten hausten, weil der Pharao alle Steine für sein Grab – und die begeisterte Nachwelt – in Anspruch nahm.

 

Die vom Kriege unzerstörte CSFR machte auf mich übrigens einen geradezu erschreckend verkommenen Eindruck. Die Städte im Sudetenland waren nach der Vertreibung noch nie ein schöner Anblick gewesen, aber auch im klassischen Böhmen hat der Verfall gerade in den letzten Jahren offensichtlich lawinenartig zugenommen. Auf der Strecke zwischen Budweis, Pilsen und dem Erzgebirge ist kaum ein wirklich gut erhaltenes Gebäude zu sehen.

 

Selbstverständlich sind viele Orte malerisch gelegen, die Marktplätze reizvoll angelegt usw. Aber dies alles sind nur die traurigen Reste einer längst vergangenen Blütezeit und mit dem mangelbedingten Verfall mußte sich eben die Böhmische Einwohnerschaft, zunächst genauso abfinden wie die „mitteleuropäischen Menschen“ bei uns und vor zwei Jahren haben sie ihr Grundproblem schließlich genauso gelöst wie wir. Leider haben sie unvergleichlich schlechtere Startbedingungen. Zum einen hilft ihnen kein großer Westonkel und zum anderen waren die Rudimente des Kapitalismus in der alten CSSR wesentlich gründlicher ausgemerzt als bei uns. Einen privatwirtschaftlichen Sektor, wie er in der DDR vor allem im Handel und Dienstleistungsgewerbe auch nach der Zerschlagung der mittelständischen Betriebe [12] [13] noch in großem Umfang bestand, gab es dort praktisch nicht mehr (weshalb die CSR in den 60er Jahren stolz das zweite „S“ in ihren Staatsnamen einfügte) und die Privatinitiative entwickelt sich augenscheinlich auch nach der tschechischen Wende nur sehr langsam und mühevoll, da es kaum Strukturen gibt, an die man unmittelbar anknüpfen kann. Ganz im Gegensatz dazu die von Dir inzwischen zu „Fellachen“ degradierten Ungarn, deren Gulaschkommunismus in Tateinheit mit einer schon immer glücklicheren Finanzpolitik da ein ganz anderes Vorfeld für den Sprung in die – zugegeben: arme – Marktwirtschaft bietet. Folgerichtig ist das – wieder zugegeben: im Vergleich zum inzwischen gesamtdeutschen dürftige – Angebot in Ungarn unvergleichlich besser als in der CSFR und weil es in Ungarn schon seit Jahrzehnten Steine, Zement und Badewannen frei zu kaufen gab, sind wenigstens die privaten Häuser dort insgesamt besser in Schuß.

 

Ürigens horten die Ungarn ihre „chaotische Sammlung von absolut allem“ wohl weniger wegen der „Mangelwirtschaft“ als wegen der Armut, die es (wie die Mangelwirtschaft) einfach verbietet, Dinge wegzuwerfen, die irgendwie noch zu gebrauchen sind und auch die Inflation wird kein geringes Motiv sein. Vielleicht siehst Du unter diesem Aspekt auch einmal die begeisternden „Backsteine für den Erweiterungs- oder Neubau“ in den polnischen Gärten. Im Gegensatz zum Zloty verlieren die nämlich nicht täglich an Wert, sind wetterfest und ohne LKW nur schwer zu stehlen.

 

Von einer „neuen Zeit“ im Vergleich zu 1989 haben allerdings auch wir in Ungarn tatsächlich nur wenig bemerkt (und sie auch nicht vermißt), dies ist aber m.E. mehr ein Zeichen dafür, daß im Gegensatz zum Rest des alten Ostblocks in Ungarn eine ganze Menge „neue Zeit“ schon unter der alten UVAP ausgebrochen war und die neuen Überdemokraten eben auch keine Wunder vollbringen können.

 

An sich also nichts Erstaunliches. Die (West-) Deutschen scheinen aber ulkigerweise immer größte Probleme zu haben, wenn es darum geht zu begreifen, was die eigentlichen Ursachen (zB ihres eigenen) imponierenden Wohlstandes sind. So hört man häufig, es bedürfte nur eines fleißigen Volkes und ein paar guter Ideen des „Klugen Ludwig“[14] von der Marktwirtschaft schlechthin, und alles Weitere ergäbe sich dann schon. Darüberhinaus wird gern (?) und regelmäßig vergessen, daß es etwas anderes ist, von Anfang an mit vorn dabeizusein als von ganz hinten unten aufholen zu müssen. Also staunt man denn folgerichtig immer sehr, wenn nach freien Wahlen und der Ausrufung von Demokratie und Marktwirtschaft nicht gleich überall der Wohlstand ausbricht.

 

Da Du, ein weitgereister Wirtschafts- und Rechtskundiger, der am besten weiß, daß die bürgerliche Gesellschaftsordnung (fälschlicherweise meist mit dem Begriff „Marktwirtschaft“ gleichgesetzt) genausowenig notwendig mit Wohlstand verbunden ist wie Sozialismus mit Armut, darüberhinaus bisher auch stets betont hast, was für ein kompliziertes und empfindliches Gebilde eine funktionierende Marktwirtschaft ist, wundert mich insofern Dein Wundern über das Ausbleiben einer „neuen Zeit“ (in Ungarn).

 

Zum guten Schluß (dieses Kapitels) noch ein paar Bemerkungen zum „Beitrittsgebiet“, in dem nach Deinem Eindruck das Warenangebot zwar einen „Sprung über einige Jahrzehnte“ vollführte, sich aber außer diesem „bisher noch wenig bewegt hat“.

 

Der These vom „Sprung über Jahrzehnte“ kann ich nichts abgewinnen. Bedenkt man, daß mit der Währungsunion die Finanzen Ostdeutschlands endlich und mit einem Schlag technisch (!) in Ordnung gebracht wurden (dazu etwas später noch mehr) , ein gewaltiger Nachholebedarf des Konsums bestand, und das Kapital eben stets dorthin Ware pumpt, wo sich Geschäfte machen lassen, war die Bereitstellung des hübschen Angebotes ein recht normaler Prozeß. (Nichts desto trotz genießen wir es.) Organisiert wurde dies mit deutscher Gründlichkeit und so konnte der Effekt – von einigen Querelen abgesehen, die man aber wirklich der Größe der Aufgabe zugestehen muß – kaum ausbleiben. An dem Tage, an dem man den Kubanern ihren Lohn in Dollars zahlt und die US-Großhandelsketten ins Land läßt, wird auch auf der armen Zuckerinsel ein ähnliches Angebot herrschen (vielleicht nicht ganz so schnell, wegen der fehlenden deutschen Gründlichkeit), aber die Kubaner werden damit keinen Deut reicher sein, nur glücklicher. (Wie wir.)

 

Imponierend für mich ist im Zusammenhang mit der Währungsunion weniger das entstandene Angebot als die finanztechnische Abwicklung und der politische Mut, sich auf dieses Abenteuer überhaupt einzulassen (wahrscheinlich muß man hier wieder unseren Bundeskanzler hervorheben).

 

Ein Abenteuer war es m.E. vor allem deshalb, weil kaum verläßliche Daten über die Wirtschafts- und Finanzsituation der DDR vorhanden waren, anhand derer man vorab exakte Berechnungen hätte anstellen können. Natürlich hat man deshalb versucht, das ganze soweit möglich auf der sicheren Seite anzusiedeln und so ist wohl der 2:1-Kurs entstanden. (Wenn auch viele im Westen das bis heute nicht wahrhaben wollen) Von der Finanzseite her hätte er – zumindest bei den privaten Guthaben – wahrscheinlich noch etwas zugunsten der Ossi-Konten verschoben werden können, denn es hat (im Zusammenhang mit der Währungsunion, wohlgemerkt!) kaum negativen Auswirkungen auf die DM gegeben. Die ‚zig Millionen umgestellter Privatkonten haben die Inflation jedenfalls nicht angeheizt oder sonstwie an der DM-Stabilität gekratzt.

 

Das ist insofern auch nicht verwunderlich, da es in der DDR kaum jemandem gelungen war, so etwas wie „Vermögensbildung“ im westlichen Sinne zustande zu bringen. Der im vorigen Jahr häufig zitierte Vergleich zwischen Ost- und West-Sparkonten hinkt denn auch ganz gewaltig, da er vom Bausparvertrag über Kapitalbildende Lebensversicherungen bis hin zu Aktien und Investmentanteilen alle wesentlichen West-Anlagen außer Betracht ließ, während er das Ost-„Vermögen“ fast komplett dagegensetzte, da es bei uns außer den 3,25%-Sparbüchern praktisch keinerlei Geldanlagen gab. Umgekehrt gab es außer (sehr zinsgünstigen) Krediten für Häuslebauer (die i.a. aber unter 50.000 Ost-Mark lagen) und einem (zinslosen) Kredit für einkommensschwache junge Ehen (7.000 M) auch keine privaten Verbindlichkeiten, so daß selbst von der Halbierung der „Schulden“ nur sehr wenige profitierten. Im Grunde starteten die meisten Familien bei uns am 01.07.90 mit einer Art „Einheits-Standard-Vermögen“ (ich schätze pro Kopf im Mittel deutlich unter 5000,-DM), das meist für den Kauf eines Gebrauchtwagens aufgebraucht wurde.

 

Im Verhältnis zu den jetzt laufenden Einnahmen/Ausgaben sind die damals umgestellten Privatkonten finanztechnisch jedenfalls fast ohne Bedeutung.

 

Ganz anders sieht es natürlich mit der wirtschaftlichen Gesamtmisere im Osten aus, die aber nicht wegen der Währungs-, sondern vor allem wegen der Wirtschafts- und Sozial- und natürlich der politischen Union über die Staatsverschuldung auf die DM drückt. Auch die für einige Betriebs- und andere nichtprivate Konten tatsächlich unzweckmäßige 2:1-Umstellung (hier wäre wegen der realen DDR-Devisenerlöse oft 4:1 oder gar 5:1 angebrachter gewesen) und die pauschale Halbierung der Schulden (hier hätte man wegen der starken Bevorteilung der Häuslebauer auch im privaten Bereich differenzieren müssen) wirken sich da natürlich aus.

 

Einigermaßen unverständlich ist auch das lange Zögern beim Angleich der letzten beiden heiligen Ostkühe: Mieten und Nahverkehr. Hier hätten die Kommunen bis heute viele Milliarden mehr einnehmen bzw. weniger ausgeben können. Inzwischen sind sie aber geschlachtet (die Kühe, nicht die Kommunen), die S-Bahn kostet auch im Osten endlich 1,80 DM und ab 1.10. bezahlen wir für unsere 80qm schlappe 500,-DM mehr. Damit ist die Angleichung des Angebotes tatsächlich fast vollzogen.

 

Bleibt die Angleichung der Einkommen (oder wenigstens des Lohnniveaus), unser alter Streitpunkt, der selbstverständlich an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben soll. Das Arbeitseinkommen liegt – wie erwartet – im Mittel noch unter 50% des Westpegels, was selbst das Handelsblatt (Ausschnitt anbei) feststellt, dem man bestimmt nicht nachsagen kann, daß es die Lohnkosten herunterspielen würde. Für einen Anhänger der Marxschen Mehrwert-Theorie nicht erstaunlich, zeigt sich praktisch überall, daß der Ossi-Traum vom 2/3-Einkommen erstmal nur ein Traum bleibt, ganz zu schweigen von 3/3. Das Kapital kommt damit erstmal nicht schlecht zurecht, denn das zweifellos erhebliche Ost/West-Produktivitätsgefälle, von dem so viel geredet wird, ist ja ein Mittelwert, der zZt. dadurch charakterisiert ist, daß die besonders unproduktiven Bereiche noch gar nicht privatisiert sind, die zur Leistung verhältnismäßig hohen Lohnkosten dort also dem Staat bzw. dem Steuerzahler am Hals hängen, während die bessergestellten – und schon oder demnächst privatisierten – Bereiche mit ihren verhältnismäßig geringen Lohnkosten dem Kapital einen schönen Extraprofit einfahren.

 

Eine gewaltige Umverteilung wie aus dem Marxschen Bilderbuch! Und irgendwo mittendrin strampelt der Ossi und traut sich nicht mehr zum Arzt. Womit wir beim „wenig bewegen“ wären.

 

Auch wenn Du primär dabei das ostdeutsche Baugeschehen im Auge hattest, war es, so denke ich, auch hier wieder für Dich Symptom einer allgemeinen Situation. Und so möchte ich an dieser Stelle einen etwas weiteren Bogen spannen und zunächst auf das verweisen, was ich schon vor einigen Monaten geschrieben habe:

 

Wer in irgendeiner Weise motiviert ist, positiv mit Gewinnaussicht oder meinetwegen auch negativ mit Angst um seinen Arbeitsplatz, der bewegt sich hier inzwischen schon ganz schön, vorausgesetzt, er hat das Gefühl, wirklich aktiv Einfluß nehmen zu können, und nicht nur Spielball zu sein. Bei diesem Problem liegt denn auch nach wie vor der Hase im Pfeffer, aber der Trend ist inzwischen doch schon recht eindeutig zu „mehr Bewegung“.

 

Natürlich verläuft dieser Prozeß oft schleppend und fast immer schmerzhaft für die Beteiligten (im Osten). Aber wer hat denn wirklich etwas anderes erwartet? Immerhin erleben wir hier – gewollt oder ungewollt – eines der größten politischen und Wirtschaftsexperimente der Weltgeschichte und wenn man bedenkt, daß per dato für den Osten Deutschlands erst 14 mal 30 Tage Währungsunion und 11 mal 30 Tage Bundesrepublik zu Buche stehen, läuft es doch gar nicht so schlecht. Ein ganzes Volk muß in neuem Wasser auf neue Art schwimmen lernen (Leider sind schon etliche abgesoffen[15]

 

(Fast) sämtliche Wertvorstellungen sind schlagartig verändert, alte Rechte (und Privilegien) verlorengegangen, neue zwar hinzugewonnen, aber oft nicht bekannt, alte Erfahrungen und Talente sind von einem Tag auf den anderen nutzlos, neue Erfahrungen werden pausenlos gemacht (viele davon unfreiwillig), neue Talente werden entdeckt (manchmal auch schon genutzt) usw.

 

Der Druck auf den Einzelnen, die Familie, die alten und neuen „Kollektive“ in allen Bereichen ist pausenlos und allgegenwärtig. Damit sind Adaptionsprozesse verbunden, die in ihrem Umfang und ihrer Komplexität praktisch beispiellos sind und ich glaube fest, wenn dies überhaupt zu bewältigen ist, dann wirklich nur durch die Ossis. Meine Erfahrungen besonders in den letzten 3 Monaten hier im Westen besagen, daß – mit Verlaub – die Masse der Altbundesbürger an einer solchen Belastung sehr schnell scheitern würde. (Seien wir alle also froh, daß nicht im Westen der Real Existierende ausgebrochen ist, sondern, daß es umgekehrt kam.)

 

Soweit meine doch recht ausgeuferte Antwort auf Deinen Brief. Zum Schluß nur noch ein kurzer Anriß des Themas SU:

 

Der gescheiterte Putsch – und besonders wie er gescheitert ist – bestätigt m.E. eindrucksvoll, daß die Karte Gorbatschow nicht mehr sticht. Mit Ausnahme der beiden Metropolen, wo einige tausend kaum als Anhänger Gorbatschows, sondern vielmehr als Anhänger ihrer (durch den Putsch ebenfalls gefährdeten, aber zu Gorbatschow in Opposition stehenden) lokalen Größen aufgetreten sind, hat niemand in dem großen Land für die – als Reform des Kommunismus – gescheiterte Perestroika einen Finger krumm gemacht, und es kann nicht deutlich genug gesagt werden: Die Menschen waren (und sind!) trotz der 6 Jahre Glasnost derzeit offenbar bereit, ein Regime altstalinistischer Prägung zu akzeptieren. Wären die Putschisten nicht derartig stümperhaft und ohne die simpelsten Regeln der Leninschen „revolutions-“ (oder besser: Putsch-) Theorie zu beachten, vorgegangen, hätten wir (ja, wirklich: wir) dieses Regime jetzt.

 

Dies bedeutet, daß im Grunde in der SU gegenwärtig die Macht auf der Straße liegt und auf den, oder besser: die, wartet, die sie aufheben. Aber da ist kaum jemand von Format, der die Gewähr dafür böte, sie vernünftig zu gebrauchen. Jelzin hat sich (endgültig?) als erfolgreicher Volkstribun und unfähiger – oder unwilliger – Diplomat gezeigt, und sein Einfluß geht offenbar auch nur soweit wie seine Stimme vom Panzer herab reicht. Weiter weg hat er – auch in seiner Republik Rußland – umsonst zum Streik aufgerufen. Als Partner kann er trotz seines unzweifelhaften Popularitätssprunges hier und zu Hause darum dem Westen kaum willkommen sein, wo man denn mehrheitlich auch weiter auf Gorbatschow setzt, der außenpolitisch immer seriös und berechenbar war. Aber ich habe mehr Zweifel denn je, ob man damit noch gut beraten ist. Die SU zerfällt in Windeseile, eine Integrationsfigur a la Gorbatschow ist eigentlich überflüssig und man wird gut daran tun, sich auf mindestens soviele Partner einzustellen wie es Republiken gibt.

 

Das Primärproblem sehe ich für die nahe Zukunft in dem entstehenden Machtvakuum. Wenn es weiterhin keinen Diktator für die SU als ganzes (unwahrscheinlich) oder in dieser oder jener Republik gibt (recht wahrscheinlich), kann man davon ausgehen, daß in den verbleibenden am Anfang noch halbwegs demokratischen Rahmen einiger Republiken kaum mehr als ein wirres Mosaik der verschiedensten politischen Farben und Schattierungen zu besichtigen sein wird: Zaristen, Kommunisten, Sozialrevolutionäre, Volksfreunde, Faschisten, Nationalisten, Anarchisten… Jeder wird versuchen, die Gunst der Stunde zu nutzen, und keinem wird es gelingen, und also kann es wieder nur teuer werden, in jedem Sinne und für alle Beteiligten und Unbeteiligten.

 

 

Das soll es für heute gewesen sein. Ich warte geduldig auf Deinen im Juni versprochenen Brief

 

Dein Frank

 

 

PS: Hinsichtlich unseres Projektes, den bisherigen Briefwechsel in eine neue Form zu gießen, bin ich leider (noch) ein Opfer des technischen Fortschritts. Alle diese schönen modernen Computer, die mir jetzt zur Verfügung stehen, (und auf denen ich zB auch diesen Brief schreibe) sind nämlich nicht in der Lage, meine alten Ost-Computer-files zu lesen. Obwohl das Problem natürlich auch einen ganzen Sack dienstlichen (Ost-) Schriftgutes betrifft, nimmt sich bisher hier niemand der Sache so richtig an. Hardware und know-how müßten zwar vorhanden sein, aber wahrscheinlich kann sich niemand vorstellen, daß aus der alten DDR-Zeit noch irgendetwas benötigt wird.

 

In Berlin gibt es aber einen Bekannten, der behauptet, ein entsprechendes Adaptierungsprogramm zu besitzen. Sobald ich im Frühjahr wieder (werktags) dort bin, starte ich einen neuen Versuch. Bis dahin mußt Du auf meine Mitarbeit bei dem Geschäft erstmal verzichten.

 

Alles was jetzt entsteht paßt ohnehin in das besprochene Schema, denn wie es aussieht wird der Takt unserer Korrespondenz so sein, daß sich keine Post mehr überschneidet.


[1] Die Tatsache, dass ich nun selbst von diesem merkwürdigen Phänomen des Uninformiertseins trotz reichlicher Information (vgl meinen Brief vom 16.1.1990 mit den entsprechenden Bemerkungen Berghofers) betroffen bin, hat mein Verständnis dafür deutlich erhöht.

[2] Wenn meine Bedürfnisse trotzdem befriedigt wurden, so liegt dies an meiner dekadenten Bescheidenheit. Schon bei unserer letztjährigen Ostreise, als es in der DDR noch Ostwaren gab, war eines meiner erfreulichsten Reisemitbringsel ein paar (mit „Behelfsettiketten“ !? versehene) Gläser Stachelbeeren. Solche Erzeugnisse östlicher Einmachkultur sind in Ungarn noch zu haben und so habe ich mir zur Freunde meiner späten Abendstunden Stachelbeeren aus Ungarn mitgebracht.

[3] Wirklich ins Auge stach allerdings das umgestellte Warenangebot. Die Veränderung dieses einen Jahres gleicht einem Sprung über einige Jahrzehnte und ist wahrhaft verblüffend.

[4] In dieser Hinsicht hat freilich auch die alte Bundesrepublik Einiges zu bieten.

[5] Leider ist bei uns die Hoffnung auf eine solche (bau)pysikalische Lösung weniger berechtigt – man hat einfach zu „gut“ gebaut.

[6] Wenn ich „DDR“ schreibe, meine ich Zustände, die noch auf die DDR zurückzuführen sind. In diesem Zusammenhang eignen sich die meisten der üblich gewordenen Umschreibungen für das „Beitrittsgebiet“ nicht. Denn sie beziehen sich auf ein Land, das nicht mehr die DDR ist, haben andererseits aber auch mit den „neuen Bundesländern“ nicht viel und mit Deutschland hoffentlich gar nichts zu tun.

[7] Überhaupt ist der neue Nationalismus aus der DDR höchst unnötig. Es werden damit wieder Gespenster frei, die man hier – einige Spinner abgezogen – eingentlich für tot gehalten hat. Es gibt hier nicht wenige Leute, die den in Jahrzehnten mühsam wiederherstellten deutschen Ruf gefährdet sehen. Man hört, erstmals seit langer Zeit müsse man sich wieder schämen, ein Deutscher zu sein.

[8] Wenn ich mal eine vom Namen her kannte, wie Königgrätz, dann war mir jedenfalls völlig unklar, dass sie sich hier befindet.

[9] Übrigens hat sich auch hier bestätigt, dass die DDR das heruntergekommste Land im näheren Umkreis ist.

[10] Ihre wahrhaft erstaunlichen Briefe, die dem linken Klischee von einem barocken Monarchen so sehr widersprechen, habe ich sinnigerweise in Krakau gekauft.

[11] Nochmal eine Bemerkung zur „Akzeptanz einer verrotteten Umgebung“: Hier spricht der Wessi aus jeder Silbe, der sich einfach nicht vorstellen kann, was es tatsächlich bedeutet (hat), etwas wirklich nicht zu bekommen, es nirgends und um keinen Preis kaufen, es nicht einmal erbetteln zu können.

Was man den Ossis kaum absprechen kann, ist ihr ungeheures Talent zur Improvisation (was ich einigen im Westen sehr wünschte). Was da aus feuchten Kiefernbrettern – ohne Black&Decker statt dessen mit dem guten alten Fuchsschwanz – gezaubert wurde (IN den Häusern), ist, denke ich, schon recht imponierend, aber beim Ziegel- und Zementbrennen, beim Balkenschneiden, bei der Herstellung von Wasserrohren und Elektrokabeln, Glasscheiben, Dachrinnen, Fensterrahmen, Treppen, Beschlägen, Gerüsten,… (ich breche hier aus Papiermangel ab) endet eben die Kunst des Heimwerkers. Auch die des polnischen oder böhmischen übrigens und selbst Deine häuslebauenden Schwaben würden beim Angebot der DDR-Baustoff“versorgung“ ganz schön alt aussehen, zumal wenn die Häusle nicht ihnen gehörten, sondern irgendeiner volkseigenen KWV (Kommunale Wohnungsverwaltung).Die einzige Lösung für das Problem war, die Regierung davonzujagen. Und das wurde denn ja auch getan und niemand soll behaupten, er hätte es eher zustande gebracht.

[12] ^Anfang der 70er sind alle größeren Privat- oder „halbstaatlichen“ (KG mit staatlicher Beteiligung) Betriebe dem Staat „zum Kauf angeboten“ worden, darunter weltbekannte Firmen wie Zeuke (Modellbahnen), viele sächsische und thüringer Textilbuden, uva. Die alten Inhaber – oder auch mal der eine oder andere Sohn – wurden i.a. als Betriebsleiter weiterbeschäftigt, waren aber mit den Konditionen unzufrieden, denn erstens fiel der Kaufpreis relativ niedrig aus, da sie oft wegen der Steuer den Buchwert der Anlagen ein wenig nach unten frisiert hatten und zweitens kam der größte Happen in der Regel auf ein Sperrkonto und stand ihnen nur in Raten zur Verfügung, damit sie nicht übermütig werden (und noch mehr an der dünnen Warendecke ziehen). – mehr nächste Seite

[13] Die 4 Blockflöten, die inzwischen komplett in der Kohl-CDU oder der FDP aufgegangen sind, und sich heute als die größten stasiverfolgten Widerstandskämpfer gebärden, haben seinerzeit übrigens eine besonders miese Rolle gespielt. Honecker und die seinen hatten es nämlich für zweckmäßig erachtet, die Initiative für die „Kaufangebote“ von den Betroffenen selbst ausgehen zu lassen und da diese meist in irgendeiner Blockpartei organisiert waren, wurden sie von ihren eigenen Parteifreunden auftragsgemäß und ohne großes Sträuben unter Druck gesetzt.

[14] Vielleicht ist es bei Euch schon bekannt: Dieser „K.L“ ist eine Zeichentrickfigur (L.Erhardt, mit Dackel), mit der im vorigen Jahr den Ossis (dem Dackel also) per TV die Grundbegriffe der Marktwirtschaft beigebracht werden sollten. Sicher gut gemeint, aber es gab Bedenken, ob diese Machart nicht sogar für uns zu primitiv sei, und so ist uns der Quatsch (?, ich kenne nur Zeitungsberichte darüber) erspart geblieben.

[15] Ich meine dies ohne jeden Zynismus: Etliche gehen nun in dieser neuen Welt unter, viele trifft es hart und unverschuldet, aber die Alternative, wenn denn wirklich noch eine bestanden hat, hätte ebenso ihre Opfer erfordert, sicher meist andere, aber kaum weniger.

Briefe aus der Wendezeit – Teil 6

Berlin, 1. Mai 1990

 

Lieber Klaus!

 

Der erste erste Mai ohne verordnete Demo und Kampfgruppenparade. Eben sind wir mit den Kindern einmal die Linden hoch und runter – viel Kommerz, keinerlei Politik, fressen, kaufen, fressen – und den Restnachmittag nutze ich, den letzten Brief zu schreiben, der noch vor uns in Stuttgart eintreffen wird.

 

Der Deine vom 8.4. ist hier wohlbehalten eingetroffen und hat sowohl Paula als auch mich ein wenig erschüttert, vor allem wegen Deiner Aussagen zur wahren Ursache Deiner Schreibhemmung. Was sie aus uns gemacht haben, ist ja eigentlich schon schlimm genug, aber es stellt sich heraus, auch an Euch (im weitesten Sinne) haben unsere Verhältnisse offenbar mehr deformiert, als man hier bisher meinte.

 

Wahrscheinlich traf in diesem Falle auch auf Euch die alte Weisheit zu: Eine hautnahe und permanente Gefahr ist weniger schrecklich als die, von der man sich aus der Ferne nur diffuse Vorstellungen macht.

 

Mit dem Thema Stasi lebte man bei uns ganz einfach. Sie war da und gefährlich, aber gewohnt. Etwa so wie sich die afrikanischen Zebras daran gewöhnt haben, an der Tränke laufend von irgendwelchen Löwen umkreist zu werden. Ab und an wird eines gefressen, aber in den allermeisten Fällen trifft es einen selbst eben nicht, jedenfalls solange man die erforderliche Vorsicht walten läßt.

 

Im übrigen war das Thema zwar allgegenwärtig, aber doch in der Regel für die allermeisten längst nicht so belastend, wie man von außen (und im nachhinein) oft meinte. Es wurde bei uns niemand ins Loch gesteckt, wenn er am (vielleicht abgehörten – womit auch jeder rechnete) Telefon „Scheiß-Honecker“ gesagt hatte, nicht zur Wahl gegangen war, keine Fahne heraushängte oder an die Hitparade von RIAS 2 schrieb. Hier sind die Parallelen zur Überwachung und deren Folgen im 3. Reich (vor allem in Euren Medien) sehr übertrieben worden.

 

Die Stasi[1] unterschied nämlich sehr fein zwischen systemgefährdenden Aktivitäten und allgemeinem Gemecker. Alles was öffentlich oder – weit schlimmer! – organisiert opponierte, wurde hart in die Zange genommen. Wer nur im Kollegen- oder Freundeskreis so dahinschimpfte, wurde i.a. „nur“ registriert (wenn ein Kollege oder Freund „undicht“ war) und wunderte sich dann höchstens, daß er beruflich irgendwann nicht weiter vorankam, kein „Reisekader“ werden durfte, oder die Düsseldorfer Oma zum 90. Geburtstag nicht besuchen konnte. Das galt sinngemäß auch für das Auftreten innerhalb der Partei, wo laut Statut jeder Genosse das Recht hatte „frei und offen seine Meinung zu äußern, bis die Grundorganisation ihren Beschluß gefaßt hat“. Die Formulare für die Versammlungsprotokolle hatten eine Extra-Rubrik „Stimmungen und Meinungen“, so daß es des undichten Kollegen dort nicht bedurfte. Trotzdem haben gerade in den letzten Jahren immer mehr vor allem junge Leute das „Luftmachen“ einer nebulösen Karriereperspektive vorgezogen, so daß immer öfter überhaupt nur „Meckerer“ als Kandidaten für irgendeinen Posten infrage kamen.

 

Etwas anders lagen die Verhältnisse allerdings bei den sogenannten Kontaktverboten. Je nach Funktion, Arbeit, Arbeitsstelle etc. konnte man n einer bestimmten Geheimhaltungsstufe verpflichtet werden, die automatisch eine bestimmte Stufe der Kontaktbeschränkung nach sich zog. (Was sehr deutlich ausdrückt, daß man lieber irgendwelchen Formalismen als den Menschen selbst traute, aber das ist ein extra-Kapitel.)

 

Das ging vom absoluten Verbot (Einem Neger, der einen auf der Straße nach dem Weg zum Hotel fragte,  hatte man dann zu antworten: „Bitte wenden Sie sich mit ihrer Frage an die Presseabteilung des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten“), über die Genehmigungspflicht („Nächste Woche heiratet meine Schwester. Es besteht Grund zu der Annahme, daß an der Feier auch ein Verwandter aus Wuppertal teilnehmen wird. Ich beantrage…“), und die Meldepflicht („Bei der gestrigen Hochzeit meiner Schwester traf ich auf einen Verwandten aus Wuppertal. Ich habe ihm weder die Alarmpläne der freiwilligen Feuerwehr Kleinkleckersdorf, noch die sowjetischen Raketenstellungen in meinem Garten verraten“), bis hin zur Normalität – die übrigens für die meisten galt.

 

Mit solchen Verboten waren aber keinesfalls nur Staatsdiener, Bonzen (die am wenigsten), Soldaten, Polizisten usw. belegt, sondern – beispielsweise – auch unterbezahlte zivile Ingenieure, wenn sie – beispielsweise – Geräte für die Marine entwickelten. Wer die (unterschriftlich akzeptierten) Verbote ignorierte, flog gnadenlos raus – wenn es bekannt wurde, und trotz Arbeitskräftemangel waren die weiteren Chancen dann recht mies.

 

Aber wie gesagt: Die Zebras hatten sich an ihre Löwen gewöhnt und machten längst nicht soviel Aufhebens davon wie die vom Jeep aus zusehenden Touristen, denen die bösen Katzen gar schrecklich gefährlich erschienen…

 

Jetzt sind die Zebras auf dem Weg in einen feinen Zoo, sauber getrennt von den hungrigen Löwen, mit halbwegs sicheren Futterzeiten – und müssen wohl schnell eine Menge lernen, was all die anderen glücklichen Tiere dort längst können. Wundert Euch also nicht, wenn wir eine Reihe alberner Fragen stellen (Wir haben uns sogar eine kleine Liste angelegt). Wir können inzwischen zwar ALDI von Tengelmann unterscheiden, aber vom westlichen Alltag haben wir keine Ahnung! Bereitet Euch also darauf vor, daß wir in 14 Tagen auch auf eine Art Schnellkurs für Konsumenten im Fach „West-Way-Of-Live“ hoffen. (Dein Auftritt, Judy!)

 

Leider können wir uns kaum revanchieren, denn alle unsere Ansichten habe ich inzwischen schon brieflich mitgeteilt und unsere Überlebenskünste für die freie Wildbahn des Real Existierenden Feudalsozialismus nützen nun niemandem mehr (Jedenfalls ist uns allen das zu wünschen.).

 

Ich schließe mit einer Wiederholung: Wir freuen uns auf Euch und Stuttgart und falls meine Fahrplanauszüge verschütt gegangen sein sollten: Wir kommen am Sonntag, dem 13.05. planmäßig um 8.31 früh mit dem D2852 aus Nürnberg. Bis dahin

 

Alles Gute für Euch

 

Frank

 

 

 


Stuttgart, 6.5.1990

Lieber Frank,

da Du an diesem Brief möglicherweise etwas länger zu knacken haben wirst, hoffe ich, daß es mir gelingt, ihn Dir noch vor Eurer Abfahrt nach Stuttgart zukommen zu lassen. Du könntest dann die lange Zugfahrt dazu nutzen, noch ein wenig über die unterschiedlichen Denkweisen in Ost und West zu sinnieren. Und vielleicht ist er ja auch kein schlechter Begleiter bei Deinem Weg von der einen in die andere (deutsche) Welt.

Der Brief soll die – oft genug angekündigte – Antwort auf Deinen Brief vom 15.2. sein. Freilich fällt diese anders aus, als Du vielleicht erwartet hast (ich übrigens auch). Eigentlich hatte ich die Absicht, an Hand Deines Briefes eine Höhenexpedition in die Sphäre grundsätzlicher Erwägungen zum Unterschied eines marxistisch geprägten und eines westlich liberalen Denkansatzes zu unternehmen. Zum Ausgangspunkt wollte ich Deinen – nicht ungewagten – Versuch nehmen, die jüngsten geschichtlichen Ereignisse, insbesondere die Tatsache einer „bürgerlichen“ Revolution in einem „sozialistischen“ Staat, im historischen Ablaufschema des Marxismus unterzubringen. Schon in Deinem Buchmanuskript vom 11.12.1989 hattest Du ja erkennen lassen, daß Du zur Beurteilung der neuesten Ereignisse weiterhin das historische Schema des Marxismus benutzt. Nur gingst Du (bzw. der darin zitierte Albert) davon aus, daß sich die Gesellschaft der DDR in einer viel früheren Phase dieses Modells befunden habe, als bislang gemeinhin angenommen (nämlich erst am Übergang vom Feudalismus zur bürgerlichen Gesellschaft). Diesen Umqualifizierungsversuch hatte ich, wie aus meinem Brief vom 14.2.(!) ersichtlich, zunächst als Ironie aufgefasst. Nach Deinem Wandlitzer Brief vom 15.2. wurde mir jedoch klar, daß dies so ironisch nicht gemeint war. Es wirft ein interessantes Schlaglicht auf die „Lage der Nation“, wenn ein Gedanke hüben und drüben so unterschiedliche Wirkung entfalten kann. Das regte meine Entdeckungslust an und ich beschloß, zunächst einen Erkundungsflug über das Expeditonsgebiet zu machen (und der dauerte drei Monate).

Es war klar, dass ich mich zunächst einmal auf das höchst umstrittene Gebiet der Geschichtsauffassungen zu begeben hatte. Denn der oben genannte Effekt lag offensichtlich in den sehr unterschiedlichen Auffassungen darüber begründet, welche Wege in diesem nicht eben übersichtlichen Gelände ausgemacht werden können. Hier war ohne Zweifel ein erster Zwischengipfel zu besteigen. Während Du Dich dabei auf einer bequemen Autobahn (mit ein paar neuen Kurven) zu befinden schienst, mußte ich feststellen, daß der Weg angesichts meiner Weigerung, bestimmten Personen oder Theorien einen prinzipiellen Glaubwürdigkeitsvorsprung einzuräumen, über eine abschüssige Geröllhalde führen mußte, wo mir bei jedem Schritt der Boden unter den Füßen wegrutschen würde. (Das Dilemma habe ich am Schluß meines Briefes vom 8.4. angedeutet.) Meine Arbeitshypothese habe ich schließlich wie folgt gefasst (Kurzfassung aus der Vogelperspektive): Statt gesellschaftlicher Entwicklungsgesetze gibt das Geschichtsmaterial nicht viel mehr her als ein Mittel, den jeweiligen gesellschaftlichen Standpunkt zu verdeutlichen. Die geschieht durch Nachzeichnen von Kausalitäten und durch den Vergleich mit anderen Geschichtsepochen.

Damit aber war nicht viel Boden zu gewinnen. Als nächstes galt es, die durch dogmatische Vorabfestlegungen bedingten Irrwege zu erkennen. Ich hatte mich also mit den generellen Gefahren deduktiver Denkansätze auseinander zu setzen und mit deren Risiko, an der „Wirklichkeit“ vorbeizuführen. (Eine vorab angefallene Frucht dieser Auseinandersetzung ist übrigens mein „tractatus theologico-economico“ = mein Brief von 22.4., der sich mit einigen konkreten Aspekten des Denkens von oben beschäftigt). Um zu verdeutlichen, wie sehr man sich durch die genannten Vorabfestlegungen in seinem Bewegungsspielraum einengt, hatte ich dann einen „kleinen“ Exkurs in die neuere Geschichte eingeplant, dessen Gedankengang – in der Luftlinie – wie folgt verläuft:

Der real existierende Sozialismus ist eine Spielart des Faschismus. Dieser (also auch der rechte) ist eine späte Reaktion auf den Rationalismus der europäischen Aufklärung (dies wird beim linken Faschismus allerdings dadurch verschleiert, daß er sich teilweise auf deren Tradition beruft und ihre Argumentationsmuster verwendet). Nachdem die Aufklärung die gewachsenen (tradtionellen) Gemeinschaftsbindungen weitgehend aufgelöst und insbesondere dem Christentum einen argen Stoß versetzt hatte, glaubte nun das Kleinbürgertum die entwurzelten Gesellschaften mit gewissermaßen synthetischen Gesellschaftsmodellen vor der Orientierungslosigkeit retten zu müssen. Das ging aus zwei Gründen schief. Zum einen stellte sich der Liberalismus als eine Art Immunschwäche der synthetischen Gesellschaftsmodelle heraus, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Zum anderen verband sich die Angst des Kleinbürgers vor der Orientierungslosigkeit auf unglückliche Weise mit seiner Neigung, soziale Probleme mit dem Holzhammer zu lösen und Ordnungsgesichtspunkte überzubetonen. So erklärt sich, daß rechter und linker Faschismus im sozialen Terror endeten, wobei sie sich, trotz erbitterter Gegnerschaft, einträchtig der gleichen Methoden bedienten. Die Faschismen sind also in gewissem Sinne eine Revolution des Kleinbürgertums gegen das Bürgertum (soweit es Träger der Aufklärung ist). Es ist der von Anfang an untaugliche Versuch, eine verlorene soziale Unschuld wiederherzustellen.

Hinsichtlich der Chronologie komme ich damit zu einem ganz anderen Ergebnis als Dein Modell. Nach meiner Interpretation ist der real-existierende Sozialismus eine Folge gewisser Erscheinungen der „bürgerlichen“ Gesellschaft (wenn man so will der französischen Revolution) und nicht die Vorstufe davon. Damit erspare ich mir einige Winkelzüge (um nicht zu sagen Klimmzüge), die Du zur Rettung des marxistischen Modells veranstalten mußtest. Außerdem wird man so besser mit der Tatsache fertig, daß „bürgerliche“ Gesellschaften vor und neben dem Sozialismus existierten.

Nachdem sich anhand dieser Überlegungen verdeutlicht hatte, daß der Sozialismus eine Art Romantik des kleinen Mannes gewesen ist, sollte der nächste Schritt sein, wsein geistesgeschichtliches Urgestein zu erforschen. Es war klar, daß man hierbei bald in den Untiefen der Romantik und also im 19.Jahrhundert und bei den diversen Fortschritts- und Entwicklungstheorien von Hegel über Comte, Spencer, Marx und Darwin landen würde. Hier war auf zwei Gesteinsadern zu achten, die sich auf unselige Weise miteinander verbanden: nämlich die mechanistische Wissenschaftsvorstellung und der (damals geborene) Glaube an eherne Geschichtsgesetze (daraus resultierend die Überzeugung, Prognosen über die Entwicklung der Gesellschaft machen zu können).

Diesem kausalistisch-deterministischen Sozialbild, das dem mechanistischen Weltbild des 19. Jahrhunderts entstammt, entspricht die Vorstellung, eine Gesellschaft über einen Plan steuern zu können. Der Plan wird hierbei als ein alle Bedürfnisse kennendes und alles nach allen Seiten „gerecht“ verteilendes Instrument verstanden, eine allmächtige, alles umfassende und alleswissende, somit herrgottähnliche Sozialmaschine, die nur richtig konstruiert und eingestellt werden müsse, um einen reibungslosen Gesellschaftsverlauf zu garantieren. Dieser mechanistischen Vorstellung von der Gesellschaft sollte nun in Anlehnung an die Erkenntnisse der modernen Physik ein Modell der Gesellschaft entgegengestellt werden, das von einer mehr oder weniger chaotischen Mischung der Motive der Individuen und deren Gruppierungen ausgeht. Man könnte es als quantentheoretisches Gesellschaftsmodell bezeichnen. Ein solches Modell muß auf den Versuch einer Feinsteuerung der gesellschaftlichen Prozesse verzichten, weil es eine solche seiner Voraussetzung nach nicht für möglich hält. Es würde sich darauf beschränken, durch institutionelle Mechanismen Kraftfelder gesellschaftlicher Beziehungen aufzubauen, um nach dem Trial-and-error-Prinzip zu prüfen, ob die gewünschten Wirkungen damit erzeugt werden. Man erhält auf diese Weise gesellschaftliche Resultanten vergleichbar mit Vektoren. Diese haben zwar eine eindeutige Richtung, können aber aus ganz disparaten Kräften zusammengesetzt sein. Man kann das Modelll auch als black box sehen. Man weiß, daß die Veränderung des Inputs den Output beinflußt. Welche Prozesse dabei im Innnern der Box, also zwischen den Individuen vonstatten gehen, wissen wir nur sehr ungenau. Man kann nur davon ausgehen, daß es in der Box ziemlich sprunghaft und widersprüchlich zugeht. Deshalb macht es auch gar keinen Sinn, diese Prozesse – etwa durch ein umfassendes Überwachungssystem à la Stasi – in den Griff bekommen zu wollen.

Dieser Ansatz steuert, wie Du bereits bemerkt haben wirst, pfeilgrade auf Wege zu, die Dir bereits bekannt sein dürften. In der Tat drängte es mich dazu, meine induktive Moraltheorie zu einer allgemeinen induktiven Gesellschaftstheorie zu erweitern. Mit diesen kühnen Schritten wäre dann meine Expedition endgültig in die Region ewigen Eises vorgedrungen. Spätestens jetzt wird Dir auch klar, daß ich mir damit viel zu viel vorgenommen habe. Und so begann ich, statt an die Durchführung der Expedition zu denken, darüber zu spekulieren, wie ich aus diesem Gedankengebirge unbeschadet wieder herauskomme. Einen Ausweg wiesen mir schließlich die Reiseführer, die ich inzwischen hier und da zur Überprüfung meines geplanten Weges herangezogen hatte. Ich stellte fest, daß eine Menge kluger Leute schon eine Menge ähnlicher Gedanken zu Papier gebracht habetn. Und so habe ich mich entschlossen, auf eine nochmalige Lösung der Welträtsel zu verzichten und die Versprechungen, die ich Dir gegebenüber abgeben habe, mit diesem Brief über einen nicht geschriebenen Brief einzulösen.

Doch sollst Du nicht ungetröstet davon kommen. Ich übersende Dir hiermit zwei Aufsätze von Karl Popper, einem meiner Reiseführer, auf den ich bei Gelegenheit der Expeditionsvorbereitungen wieder gestoßen bin (das letzte Mal las ich sie vor ca. 20 Jahren). Ich vermute, daß die alten Herren bei Euch nichts unversucht gelassen haben, um zu verhindern, daß diese geistige Konterbande Euer Land erreicht, weswegen Dir dieser Autor vermutlich noch nicht näher bekannt ist. Kein Wunder, denn Popper ist einer der kompromislosesten (und klarsten!) Aufklärer und damit einer der gefährlichsten Feinde der marxistischen Doktrin. Man hätte sich einiges an kostspieligen Erfahrungen sparen können, wenn man ihn vor Beginn der sozialistischen Experimente ernsthaft gelesen hätte. Insbesondere sein Aufsatz „Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften“ aus dem Jahre 1949 (!) enthält einige erstaunlich hellsichtige Voraussagen, die sich leider verwirklicht haben. Leider hat er auch damit Recht gehabt, daß die Ideen der Philosophen erst mit einem time-lag wirksam werden (S.124). Als starken Tobak wirst Du vermutlich seine Worte über das historische Ablaufschema des Marxismus im Aufsatz „Was ist Dialektik“ empfinden, wo er sich auch mit „Deinem“ Umqualifizierungsproblem befasst (S.285).

Nun wirst Du Dich nach einer solchen Expedition (besser eines Entwurfs dazu) möglicherweise nicht sehr befriedigt fühlen. Aber genau das ist typisch für die Seelenlage in unseren westlichen Gesellschaften. Es liegt auf der Hand, daß diese Lebensform weder besonders einfach ist noch Glück garantiert. Vielleicht raffe ich mich später einmal zu einer weiteren Expedition auf, die sich mit den Fährnissen einer „freiheitlichen“ Gesellschaft befasst. Dagegen dürfte die eben angedeutete Expedition ein Kinderspiel sein. Denn das habt ihr jetzt auch erlebt: Es ist relativ leicht, gegen etwas zu sein. Die Formulierung eines Zieles ist denn auch die größte Schwierigkeit in unseren freien Gesellschaften.

7.5.90

Heute kam Dein Brief vom 1.Mai. Unsere unterschiedliche Einschätzung des Phänomens Stasi zeigt, wie weit sich unsere Gesellschaften auseinander entwickelt haben. Die Vorstellung eines Mithörers, Mitwissers und unberechenbar Zuschlagenden ist hier absolut unerträglich, auch wenn alles nicht so gefährlich gewesen sein sollte, wie es hier gelegentlich dargestellt wurde. Die staatliche Tätigkeit ist hier von allen Seiten durch Schutzrechte des Bürgers eingeschränkt (wozu diverse „Geheimnisse“ gehören, die die staatlichen Behörden sogar untereinander einhalten müssen. Polizei und Staatsanwaltschaften kommen z.B. an manche in Verwaltungsbehörden vorhandene Informationen nicht heran). Was sich hier, vor allem in den letzten 20 Jahren, entwickelt hat, ist tatsächlich ein ganz neuer Gesellschaftstypus. Und deswegen stehen wir fassungslos vor der Tatsache, daß bei Euch die Zeit ganz einfach stillgestanden ist. Dein Bild von der freien Wildbahn ist ganz passend. Hier ist in der Zwischenzeit eine weitgehende Domestizierung eingetreten und die Vorstellung von der freien Wildbahn ist uns so fremd geworden, wie dem schwäbischen Hausrind der „Gedanke“ an ein Wasserloch in der afrikanischen Steppe.

Wir hatten gestern eine lange Diskussion mit einem polnischen Ehepaar, die sich mit einer anderen Facette des gleichen Themas beschäftige. Aus unserer Sicht ist die offensichtlich ernsthafte Angst der Polen vor dem vereinten Deutschland nicht recht verständlich. Auch hierfür dürfte der soziale Stillstand in den sozialistischen Ländern verantwortlich sein. Die Polen sehen uns ganz offensichtlich noch mit den Augen von vor 50 Jahren. Sie haben den ungeheuren Abstand unserer heutigen (west-)deutschen Gesellschaft von damals nicht zur Kenntnis genommen und zwar aus zwei Gründen. Zum einen, weil sie sich selbst nicht entwickelt haben und daher glauben, die Welt um sie müsse ebenfalls stillgestanden haben. Zum anderen, weil sie von den Deutschen in erster Linie den Teil gesehen haben, der sich auch nicht entwickelt hat. Und dann haben sie noch das Problem, daß sie Regierungen nichts glauben (was natürlich auch auf ihren eigenen Erfahrungen beruht). Und so tun sie, als hätte unsere Regierung nicht schon 1970 klargestellt, daß Polens Westgrenze nicht angezweifelt wird.

In die gleiche Richtung geht, was wir zur Zeit an Ängsten und Verdächtigungen aus Richtung DDR hören. Das ist alles die Terminologie der Wildbahn, die uns in so kruder Form hier nicht bekannt ist. (Daß hier der „Kampf ums Dasein“ ebenfalls geführt wird, will ich natürlich nicht bestreiten – aber er hat sublimere Formen angenommen und ist weniger existentieller Natur.)

8.5.

Da der Brief noch immer nicht weg ist, will ich noch kurz zu der heutigen Meldung etwas sagen, wonach man bei Euch jetzt die 38-Stundenwoche und hohe Lohnaufschläge (50%!) fordert. Ich kenne die genauen Hintergründe dieser Forderungen nicht. Aber es scheint, daß hier bereits das Onkel- Syndrom wirksam wird. Einige Leute wollen offenbar das Pferd vom Schwanz aufzäumen und erst einmal die Vorteile einer gesunden Wirtschaft genießen und sie erst dann schaffen. All dies kann nur gefordert werden, wenn man den Onkel im Hintergrund weiß. Und der hat jetzt sogar noch das Pech, in der Rolle des Bösen Buben zu erscheinen. Ich fürchte, das sind die Folgen eines allzu schnellen Zusammenschlusses. Man hätte der DDR erst einmal Zeit zur Ordnung ihrer Verhältnisse und zu einer Angleichung der Systeme geben müssen. Dadurch hätte man den bevorstehenden Übergangsschock vermeiden und mehr Problembewußtsein heranwachsen lassen können.

So und jetzt geht der Brief ab – wahrscheinlich zu spät.

Gruß Klaus

PS Kürzlich bekam ich dienstliche Post von der Dewag – ein erster Erfolg eines ostdeutschen Unternehmens auf dem westdeutschen Markt!


Berlin, 19.05.90

 

Lieber Klaus!

 

Es ist erst wenige Tage her, seit wir uns voneinander verabschiedet haben. Die vielen Eindrücke setzen sich langsam und ich empfinde fast schmerzlich, dass wir vor lauter Fragen, Staunen und Schauen viel zu wenig Zeit hatten, unseren brieflichen Dialog in der eigentlich besten möglichen Form – vis a vis – fortzusetzen. Zu Hause fand ich dann Deinen Brief vom 6.5. mit den Popper-Kopien, und mir wurde klar, dass allein für diese Problematik die paar Tage ohnehin nicht ausgereicht hätten.

 

Ich setze mich also hin und erkläre hiermit den scharfen Start der Philosophie-Diskussion (Die paar statements, die ich bisher dazu abgegeben habe, waren weniger als Vorgeplänkel, wahrscheinlich auch deshalb, weil ich mit meinem engen Ost-Horizont bis vor kurzem gar nicht auf den Gedanken gekommen bin, jemand könnte ernstlich z.B. die Dialektik in Zweifel ziehen usw.). Ich tue dies wiederum brieflich, obwohl ich hoffen kann, Dich bereits in 8 Tagen wiederzusehen. Aber ich denke, ich werde bis dahin mit diesem „Werk“ noch nicht zu Ende gekommen sein und vielleicht ist es auch gut so, wenn es Dich erst nach Deinem Urlaub – ausgeruht und hoffentlich voller neuer Eindrücke von den Resten des Real Existierenden usw. – erwartet.

 

Ich erlaube mir dabei, die von Dir (böserweise) postulierte „bequeme Autobahn“ weiter zu benutzen und Dich ohne schlechtes Gewissen auf Deiner „abschüssigen Geröllhalde“ sitzen zu lassen und gebe diesbezüglich unumwunden zu, dass ich nach wie vor tatsächlich Marx und seinem dialektischen und historischen Materialismus einen „Glaubwürdigkeitsvorsprung“ einräume. (Warum sollte ich nicht, solange ich dabei gut vorankomme.)

 

An dieser Stelle ist aber eines unbedingt, nachdrücklich und mit der gebotenen Schärfe „klarzustellen“ (ein beliebtes Wort unserer Hundertfünfzigprozentigen, das in diesem Falle natürlich und tatsächlich Ironie sein soll): Die philosophisch-politische Grundgemeinheit unserer Epoche besteht m.E. offenbar darin, dass Stalinisten, Kapitalisten, Faschisten, Idealisten, Monarchisten und wer weiss nicht noch alles – und selbstverständlich auch Klaus H. und Karl Popper – ohne mit der Wimper zu zucken, dem Real Existierenden Sozial(feudal)ismus die Ehre angetan haben, ihn quasi a priori als die Realisierung des Marxismus anzusehen. Die Lehre des armen Marx, der sich auf dem Highgate-Friedhof in London schon lange nicht mehr wehren kann, hat dadurch fast zwangsläufig wesentliche Wunden davontragen müssen.

 

Auch wenn Du mir an dieser Stelle sicher noch keinesfalls zustimmst, möchte ich Deine geschätzte Aufmerksamkeit dabei zunächst einmal vor allem darauf lenken, dass hier eine zumindest sehr bemerkenswerte und im übrigen fast einmalige Einigkeit von ansonsten spinnefeinden Gruppierungen zu verzeichnen ist. Mir jedenfalls ist es immer hochverdächtig gewesen, wenn irgendwo solche Art Einheit auftrat. Die Motive sind dabei nur auf den ersten Blick unterschiedlich. Bei näherer Betrachtung stellt sich nämlich sehr rasch heraus, dass sowohl die Verfechter der bürgerlichen Demokratie als auch die realsozialistischen Bonzen nichts so sehr zu fürchten hatten /?/ wie einen wirklich funktionierenden Sozialismus (Ich will Dir dabei entgegenkommen, und nicht diskutieren, ob und wann der denn überhaupt in den Bereich des Möglichen gekommen wäre. Gar zu utopisch kann er aber nicht gewesen /?/ sein, sonst hätten sie alle ihn nicht so verbissen bekämpfen müssen.)

 

Die Tatsache, dass im Namen des Marxismus so ungeheuer viel Murksismus veranstaltet wurde, kann Marx jedenfalls nicht angelastet werden, genausowenig wie Jesus für die Inquisition verantwortlich zu machen ist. In gewisser Weise gibt dies mittelbar sogar Popper zu, der in „Was ist Dialektik?“ auf Seite 286 Deiner Kopie schreibt: „Marx und Engels haben fest darauf bestanden, dass die Wissenschaft nicht als… ‚ewige Wahrheit‘ interpretiert werden dürfe… Wissenschaftliche Systeme entwickeln sich, und sie entwickeln sich – nach Marx – dialektisch. Gegen diesen Punkt lässt sich nur wenig einwenden…“ Da hat er recht, der Herr Popper, aber er bleibt sich als Antimarxist natürlich treu und fügt hinterlistig hinzu, „… dass Marx‘ fortschrittliche und antidogmatische Ansicht von der Wissenschaft von orthodoxen Marxisten… niemals angewandt worden ist.“

 

Ja wie denn? Was sollen das denn für Marxisten sein, die Marx‘ Ansicht von der Wissenschaft nicht teilen? Wir haben hier ein sehr schönes Beispiel vom Primat des Seins, auf das Marx solchen Wert legte: Egal als was sich unsere oder andere sogenannten Gesellschaftswissenschaftler ausgaben, oder wie auch immer sie von Leuten wie Popper angesehen wurden – allein schon ihre dogmatisch-scholastische Arbeitsweise machte es ihnen unmöglich, Marxisten zu sein.

 

Überhaupt Popper, einer aus der „Menge kluger Leute“, einer Deiner „Reiseführer“ bei philosophischen Expeditionen: Aus den beiden Kopien, die Du mir übersandt hast, habe ich zwar ersehen können, wogegen er sich ausspricht – vor allem gegen Marx natürlich, gegen die Dialektik usw – aber wofür er steht, was er denn wirklich dagegenzusetzen hätte, das ist mir an diesen Ausschnitten nicht so recht transparent geworden.

 

Sicher, seine „trial-and-error-Methode“ scheint ein zweifellos konstruktiver Teil des Popper´ schen Denkgebäudes, nur ist diese Methode erstens uralt und bildet zweitens den absolut untersten level jeglicher wissenschaftlichen wissenschaftlicher Methodik, ja man kann sogar sagen, einen wissenschaftlichen Anspruch kann sie überhaupt nur dann erheben, wenn sie erstens aus einer Schar möglicher Methoden bewusst ausgewählt wurde und zweitens die theoretische (!) Modellierung eines Systems benutzt. (Hier ergeben sich gerade in jüngster Zeit durch die rasante Entwicklung der Rechentechnik und ihre Fähigkeit, in Windeseile Millionen von Varianten durchzuprobieren, ungeheure Möglichkeiten für diese Methode. Voraussetzung ist aber ein ausreichend exaktes mathematisches Modell des zu untersuchenden Systems, das selbst natürlich auch nach dieser Methode optimiert werden kann usw.)

 

Trial-and-error aber einfach, sofort und unmittelbar in der Praxis angewandt, um, wie Popper sagt „das Überleben der tauglichsten Theorie“ durch „ausreichend harte“ Tests zu sichern, ist die Methode, nach der sich Regenwürmer in einem Labyrinth bewegen. In der Wissenschaft ist sie, gelinde gesagt, primitiv und in den Gesellschaftswissenschaften kann sie sogar tödlich sein – nach dieser Methode hat Günter Mittag bei uns jahrelang die Wirtschaft verschlimmbessert. „Genügend zahlreiche“ (was ist das?) Theorien aufzustellen und sich dann quasi überraschen zu lassen, mag vielleicht den Broterwerb mittelmässiger Philosophen sicherzustellen, bringt aber keinerlei brauchbare Entscheidungshilfen für die Praxis. Das ist irgendwie offenbar auch Popper klar und so geht er noch einen Schritt weiter (zurück) und behauptet, es könne gar nicht das Anliegen der Sozialwissenschaften (und damit sein eigenes) sein, Entscheidungshilfen für die Gegenwart oder gar die Zukunft zu geben. Leute, die so etwas versuchten, betrieben Prophetie und seien also miese „Historizisten“, basta. („Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften“ S.113 in Deiner Kopie)

 

Was dann folgt, ist eine uralte Methode der Polemik – er polemisiert einfach gegen eine Unterstellung. Auf Seite 115 schreibt er: „Die zentrale Idee… des Marxismus scheint (!, ganz unvorsichtig ist er doch nicht) folgende zu sein: Es ist eine Tatsache, dass wir Sonnenfinsternisse (ein Beispiel, das ihm so gut gefällt, dass er es noch öfter mit Genuss anführt) mit grosser Genauigkeit (!, hierauf legt er besonderen Wert, und weiter unten wird klar, warum) und auf lange Zeit voraussagen können. Weshalb sollten wir nicht imstande sein, Revolutionen vorauszusagen? Hätte ein Sozialwissenschaftler im Jahre 1780 nur halb so viel von der Gesellschaft verstanden wie die alten babylonischen Astrologen von der Astronomie, so hätte er die Französische Revolution voraussagen können…“

 

Und da hat der Mann recht! Nur meint Popper eben – und deshalb legt er so gewaltigen Wert auf den passus von der „grossen Genauigkeit“ – dieser Sozialwissenschaftler hätte die Französische Revolution exakt für das Jahr 1789 voraussagen müssen, und das ist natürlich Quatsch, niemand weiss das besser als Popper. Aber ist dadurch die Französische (und alle weiteren bürgerlichen) Revolution(en) weniger gesetzmässig? Wäre es denkbar gewesen, dass die gesellschaftliche Entwicklung in Frankreich vor 200 Jahren – vielleicht nach der trial-and-error-Methode – den Feudalabsolutismus erst einmal durch einen Neuaufguss der Sklavenhalterordnung ersetzt hätte, diese nach einem ebenso untauglichen kommunistischen Intermezzo durch die Restauration des Feudalabsolutismus und alles zusammen dann – meinetwegen im Jahre 1810 – durch die urgesellschaftliche Barbarei und die Wiedereinführung des Matriarchats?

 

Aber halt, die Barbarei hat Popper ausschliesslich als Ergebnis einer Sozialistischen Revolution reserviert, wobei er eine Erläuterung schuldig bleibt, warum sie nicht schon zu Cromwells Zeiten oder 1789 ausgebrochen ist, denn er schreibt (auf Seite 122) sehr absolut: „Wenn man aber beginnt, die Gesellschaft zu revolutionieren und ihre Traditionen auszurotten (!, Diesen leicht zu widerlegenden Unsinn kann bzw. muss er als Antidialektiker natürlich behaupten, wenn er sich treu bleiben will. Aber gerade das dialektische Prinzip von der Negation der Negation erklärt ja sehr schön, weshalb nach einem Umschlag von quantitativer Evolution in eine neue Qualität – gegebenenfalls revolutionär – eben nicht einfach eine tabula rasa geschaffen wird, sondern das Erhaltenswerte erhalten bleibt.), so kann man diesen Prozess nicht beliebig zum Stillstand bringen.“ Das ist zweifellos richtig, aber natürlich auch sehr banal. Weiter unten aber kommt’s: Nachdem er die unsinnige These von der ausgerotteten Tradition aufgestellt hat, ist es ein Kinderspiel zu behaupten, dass „bei der Zerstörung der Tradition auch die Zivilisation untergeht,“ und „die Menschheit auf das Niveau von Adam und Eva zurückfällt“ Auweia. Aber er gibt noch eins drauf. Die (sozialistische) Revolution endet nämlich damit, dass „…die Menschen wieder zu Tieren geworden sind“ Mähhhh!

 

So schlimm kann es denen ergehen, die am non plus ultra menschlicher Entwicklung rütteln, und das ist – nach Popper – selbstverständlich und immer wieder (!) die „kapitalistische Periode“, die die blöden Marxisten – dann auch immer wieder, man beachte die hier geradezu marxistische Geschichtsbetrachtung Poppers – „zu einer gründlichen Revolution veranlasst, auf die ein weiterer Rückfall zum Tier folgt – und so weiter ohne Unterlass“.

 

Es sollte eigentlich überflüssig sein, aber ich stelle an dieser Stelle zur Abrundung dennoch die Frage: Wenn der Real Existierende Sozialismus, als Ergebnis einer sozialistischen Revolution entstand und tatsächlich Sozialismus im Marxschen Sinne ist (was ich beides leugne, Popper aber unterstellt), wo bitteschön sind dann seit 70 Jahren die Tiere oder wenigstens Adam und Eva?

 

Übrigens geht Popper auch an anderen Stellen gern mit dem Mittel der Unterstellung zur Sache. Auf der schon erwähnten Seite 115 stellt er quasi aus dem Handgelenk heraus die Behauptung auf, dass der „Historizismus“, in den er auch den Marxismus einordnet, von der Vorstellung ausginge, „dass der Menschheitsgeschichte ein Plan zugrunde liegt…“. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man leicht geneigt sein, den von Popper verwendeten Begriff „Plan“ und die von den Marxisten so arg strapazierte „Gesetzmässigkeit“ als Synomyme zu betrachten, aber das eben sind sie gerade nicht! „Plan“ unterstellt einen höheren Willen – oder wie Marx sagen würde: das Primat des Bewusstseins – und führt damit schnurstracks zum Idealismus, den man Marx als Erz-Materialisten nun wohl doch nicht so einfach unterstellen kann. „Gesetzmässigkeit“ begnügt sich dagegen mit dem Vorhandensein eines irgendwie determinierten Weltprinzips und setzt dabei nicht einmal voraus, dass wir dieses (immer und überall) schon (genau) kennen, gar nicht zu reden davon, dass die Marxisten hier selbstverständlich niemals den (sehr undialektischen!) mechanischen Determinismus im Auge haben.

 

Popper aber baut auf der besagten Unterstellung im Kern seinen gesamten Artikel auf. Nachdem er die These von dem angeblich einen Plan der Menschheitsgeschichte postulierenden Marxismus der verehrten Leserschaft gleich am Anfang untergejubelt hat, sich unterwegs noch ein wenig über die fundamentalen Unterschiede zwischen Sonnenfinsternissen und (ausgerechnet !) biologischen Systemen einerseits (!, S.117) und der Menschheitsgeschichte andererseits auslässt, holt er am Schluss seines Artikels zum alles vernichtenden Schlag aus und folgert ebenso messerscharf wie falsch, dass „Hegel (ein Idealist!) und Marx… „die Gottheit Natur wiederum durch die Gottheit Geschichte“ ersetzen.

 

Wie man leicht sieht: Ich halte nichts von Popper! Was mich wundert ist, dass ein so grosser Verehrer der Französischen Revolution wie Du, auf einen Mann hört, der ausdrücklich davon überzeugt (!) ist, dass „humanitäre Ziele… mit revolutionären Methoden nicht erreicht werden können… dass revolutionäre Methoden die Dinge nur verschlimmern können – dass sie unnötiges Leid vermehren, dass sie zu mehr Gewalt führen werden und die Freiheit zerstören müssen“ (S.121f).

 

Wenn es nach Popper gegangen wäre, würden wir gerade heute die Eröffnung des XII. SED-Parteitag über uns ergehen lassen, um unsere Freiheit nicht zu zerstören.

 

Aber vielleicht meint er mit Revolution gar nicht „Umwälzung“, sondern nur marxistischen Totschlag. Das wurde dann zwar erklären, weshalb er eine unblutige (um nicht friedliche zu sagen) Revolution gar nicht in Betracht zieht, wirft aber ein eigenartiges Licht auf seinen Horizont. Offenbar geht es ihm ausschliesslich um den reinen Antimarxismus. Er ist zufrieden, wenn seine Argumente dort irgendwie kleben bleiben. Sie nach der von ihm so verehrten trial-and-error-Methode „hart zu testen“ – und zwar nicht nur am Marxismus und den letzten 100 Jahren – kommt ihm nicht in den Sinn. Insofern gehören für mich seine Grundthesen in die „Ausscheidung der weniger tauglichen“ (Was ist Dialektik, S.263).

 

Ich will Dir aber die Freude machen und Popper auch an einer Stelle zustimmen – allerdings mit Einschränkungen, worauf ich gleich zurückkomme – und zwar bei seinen Ausführungen zur „Konspirationstheorie“ (Prognose. S.119f). Es gab und gibt (!) bei uns einen Haufen Leute, die tatsächlich „die einzige Erklärung dafür, dass es ihnen nicht gelingt (bzw. gelang) den (sozialistischen) Himmel zu schaffen, (in der) Bosheit des (kapitalistischen) Teufels“ sehen. Nur ist nicht ganz klar (oder vielleicht doch?) weshalb durch diese „vulgärmarxistische (!) Konspirationstheorie“, resultierend aus dem „Fallenlassen“ (!) einer Ansicht von Marx, der arme Kerl seinen „Niedergang zu Göbbels“ in Kauf nehmen muss.

 

Ich meine, jeder Philosoph hat das Recht, nach seiner (!) Philosophie beurteilt zu werden und es ist nicht einzusehen, weshalb er für eine Politik verantwortlich gemacht werden soll, die so ziemlich gegen alle seine philosophischen Lehren verstösst, nur weil sie in seinem Namen (durch Dritte falsch) gemacht wird. Was würde wohl Popper sagen, wenn „vulgärpoppersche“ Politiker unter Berufung auf seine Thesen eine blutige Revolution nach der anderen inszenierten, und dazu erklärten, dies wäre die alleinseligmachende Variante von „trial-and-error“ und die effektivste Methode, „die dringlichsten und naheliegendsten sozialen Misstände… hier und jetzt zu bekämpfen“, zumal es auf die paar Wirren nicht so ankommt, da wir ja mit dem Elend ohnehin „noch lange werden leben müssen“ ? (S.124 /Ich gebe gern zu, dass der Rest hier von mir ziemlich böse polemisiert ist)

 

Apropos blutige Revolution. Ich möchte, anstelle dem modernen Trend zu folgen und hauptsächlich in der Sekundärliteratur herumzublättern, hierzu im weiteren einen „echten“ Marxisten zu Wort kommen lassen, nämlich Engels. Er vertrat in dem Klassiker-Duo eher die Seite der praktischen Politik als Marx (,der schier permanent an seinem Hauptwerk „Das Kapital“ schrieb, das ja vor allem eine Analyse der bürgerlichen Produktions- und Gesellschaftsmechanismen ist) und hat sich daher intensiver auch mit Fragen der Revolutionstheorie befasst. Engels schreibt – nicht etwa in einem vorsichtigen Spätwerk, sondern bereits 1847 – in der Arbeit „Grundsätze des Kommunismus“, die als Frage-Antwort-Spiel aufgebaut ist:

 

„16. Frage: Wird die Aufhebung des Privateigentums auf friedlichem Wege möglich sein?

 

Antwort: Es wäre zu wünschen, dass dies geschehen könnte, und die Kommunisten wären gewiss die letzten, die sich dagegen auflehnen würden. Die Kommunisten wissen sehr gut, dass alle Verschwörungen nicht nur nutzlos, sondern sogar schädlich sind.“ Er befürchtet aber, dass durch die Unterdrückung das „Proletariat zuletzt in eine Revolution hineingejagt“ werden könnte und räumt dem eine hohe Wahrscheinlichkeit ein. Auf die

 

„18. Frage: Welchen Entwicklungsgang wird diese Revolution nehmen?

 

Antwort: Sie wird vor allen Dingen eine demokratische Staatsverfassung und damit direkt oder indirekt die politische Herrschaft des Proletariats herstellen. Direkt in England, wo die Proletarier schon die Majorität des Volkes ausmachen (!)…“ Anstelle Bahnhöfe und Telegrafenämter in bolschewistischer Manier durch „Berufsrevolutionäre“ zu besetzen, wollte Engels:

 

„1. Beschränkung des Privateigentums durch Progressivsteuern…

 

2. Allmähliche Expropriation… teils durch Konkurrenz der Staatsindustrie, teils direkt gegen Entschädigung (!)…

 

7. Vermehrung der Nationalfabriken… in dem selben Verhältnis, in welchem sich die der Nation zur Verfügung stehenden Kapitalien und Arbeiter vermehren.“

 

Zu dem letzten Punkt schreibt Engels nochmals 30 Jahre später im „Anti-Dühring“ (3. Abschnitt, II): „Das (kapitalistische) Staatseigentum an den Produktivkräften ist nicht die Lösung des Konflikts (zwischen gesamtgesellschaftlicher Produktion und privatkapitalistischer Aneignung), aber es birgt in sich das formelle Mittel, die Handhabe der Lösung. Diese Lösung kann nur darin liegen… dass die Gesellschaft offen und ohne Umwege Besitz ergreift von den jeder anderen Leitung ausser der ihrigen entwachsenen Produktivkräften“.

 

Ich möchte an dieser Stelle keine weitschweifige Diskussion über die Rolle gewaltsamer Revolutionen in der marxistischen Philosophie anzetteln, dies allein wäre ein abendfüllendes Programm. Tatsache ist aber, dass der Begriff Revolution von Marx und Engels zwar stets im Sinne grundlegender Umwälzungen gebraucht wurde, es aber schwer sein dürfte, nachzuweisen, dass sie darunter zwingend physische Gewalt verstanden haben. Allein die These von der „Weltrevolution“ spricht dagegen, es sei denn, man unterstellt ihnen, sie wären solche Phantasten gewesen, ernsthaft an die Durchführbarkeit eines kontinenteumfassenden „letzten Gefechtes“ zu glauben.

 

Einen Vorwurf muss man ihnen jedoch ganz sicher machen: Sie haben – wahrscheinlich aufgrund des uralten Philosophen-Fehlers, die eigene Epoche zu überschätzen – die Potenzen und Entwicklungsfähigkeiten der bürgerlichen Gesellschaftsordnung gewaltig unterschätzt!

 

Wahrscheinlich haben sie selbst und die von ihnen massgeblich mit angeschobene organisierte Arbeiterbewegung unfreiwillig sogar recht erheblich zur Flexibilität des Kapitalismus beigetragen, der in den letzten 100 Jahren ungeheür ungeheuer viel gelernt hat, und in den allermeisten Fällen ein ausgezeichnetes Gespür dafür entwickelt, wann und wieviel man zweckmässigerweise vom grossen Profitkuchen abgeben sollte. Auch die Verwischung des Proletarierstatus und die Verquickung von privatkapitalistischen und staatskapitalistischen Strukturen sind sehr imponierend. (Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich habe hier keinesfalls einen heimlichen Aufguss der Konspirationstheorie im Sinn, sondern meine, dass diese Entwicklung durchaus objektiv und getreu dem dialektischen – ich kann es einfach nicht lassen – Prinzip von der Evolution durch „Einheit und Kampf der Gegensätze“ erfolgt.)

 

Nichts desto trotz gibt es für mich jedoch keinen Grund daran zu zweifeln, dass sich die gesellschaftliche Entwicklung gesetzmässig vollzieht. Inwieweit wir in der Lage sind, diese Gesetze voll (!) zu erkennen und vielleicht gar zu nutzen, steht auf einem ganz anderen Blatt und auf einem weiteren das Problem, „die Gesellschaft über einen Plan steürn steuern zu können“

 

Für Dich sind die Popperschen (mit Unterstellungen gewürzten) Argumentketten offenbar von grosser Überzeugungskraft gewesen, denn auch Du schreibst ja in Deinem Brief vom Plan als der „herrgottähnlichen Sozialmaschine“. Eine solche Rolle kann ein Plan natürlich niemals spielen und ich habe als erklärter Marxist deshalb auch überhaupt keine Probleme, Dir insofern recht zu geben, als selbstverständlich die Motive der Individuen ein mehr oder weniger „chaotisches Durcheinander“ bilden und damit jeder Versuch einer „Fein(!)steuerung“ der Gesellschaft absurd ist. Aber mit dem von Dir interessanterweise eingeräumten „Vektor“ dieses Motivchaos verhält es sich doch wohl ein wenig anders, oder? Die gesellschaftliche „black-box“ ist zwar schwer zu analysieren, aber gerade wenn man einräumt, dass sie nicht willkürlich von einem „herrgottähnlichen“ Mechanismus gesteuert werden kann, muss man davon ausgehen, dass sie bestimmten (und somit zumindest teilweise erkennbaren) inneren Gesetzen unterliegt – und genau da setzt der so gern missverstandene sozialistische Plan an!

 

Gerade wenn sich die gesellschaftliche Entwicklung gesetzmässig vollzieht, ist es eben nicht möglich, sie über einen willkürlichen Plan zu steuern, und schon gar nicht, widernatürliche – also den objektiven Gesetzmässigkeiten entgegenstehende – Prozesse „durch ein umfassendes Überwachungssystem in den Griff zu bekommen“. Es ist dann aber möglich, objektive Entwicklungen planmässig zu unterstützen – vorausgesetzt sie werden wirklich in dem erforderlichen Maße erkannt, und genau da liegt der Hase im Pfeffer, der besonders scharf immer dann ist, wenn der Wunsch der Politiker der Vater des Gedankens der Gesellschaftswissenschaftler ist (siehe DDR).

 

Es geht nicht darum, gesellschaftlichen (und ökonomischengesellschaftliche (und ökonomische) Entwicklungsgesetze willkürlich zu zeugen, sondern sie in der praktischen Politik zu berücksichtigen. Nichts anderes tun im übrigen heute auch die Bourgeois. Sie planen, und wie! Sie planen die Produktion und die Politik und sie zahlen gewaltige Summen für jede Erkenntnis über das Innenleben der black-box und die Natur der Vektoren, weil sie es sich kaum leisten könnten, nach dem trial-and-error-Prinzip ihre Firmen und ihren Staat zu führen. (In diesem Sinne muss Popper für sie wenig brauchbar gewesen sein.)

 

In diesem Zusammenhang noch ein Gedanke prinzipieller Natur: Warum eigentlich sollte sich ausgerechnet die gesellschaftliche Entwicklung nicht nach objektiven Gesetzmässigkeiten vollziehen? Immerhin gesteht doch (fast) jedermann solche Gesetzmässigkeiten auf praktisch allen anderen Gebieten leicht zu, obwohl wir genau wissen, dass unsere Kenntnisse hierüber natürlich immer nur relativ – aber für den ja ebenfalls relativen praktischen Gebrauch meist ausreichend – sind. Die Tatsache, dass es sich inzwischen herausgestellt hat, dass weder unsere alten Vorstellungen von der Mechanik noch die von Raum und Zeit präzise die Wirklichkeit wiederspiegelten, stellt doch nicht in Frage, dass diese Wirklichkeit bestimmten Gesetzmässigkeiten unterliegt und alle Maschinen, die auf der Basis der Newtonschen Gesetze (!) gebaut wurden, durchaus funktionieren und treue Dienste leisten, jedenfalls solange man sie nicht mit ungeheuren Geschwindigkeiten ins All schiesst.

 

Alle neuen Erkenntnisse, die alte Erkenntnisse in Frage stellten, haben bisher niemals die Gesetzmässigkeit an sich angezweifelt, sondern immer nur die Qualität ihrer Beschreibung. Die Gesetze der Natur (und der Gesellschaft) wirken ohnehin völlig unabhängig von unserem Kenntnisstand. Der Raum ist von Euklid genauso unabhängig wie von Einstein und er wird ebenso unabhängig von einem Herrn Meier sein, der vielleicht im Jahre 2052 in der Lage sein wird, ihn noch besser zu beschreiben. Aber nichts desto trotz bestreitet doch niemand, dass der Raum bestimmten Gesetzmässigkeiten folgt – und er tat dies auch schon, als noch niemand sich darüber Gedanken machte.

 

Dabei korreliert die Präzision der Vorhersage, auf der Popper so verbissen herumreitet, keinesfalls mit dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Gesetzmässigkeiten. Bei einem Würfel ist – im Gegensatz zur Popperschen Sonnenfinsternis – praktisch keine präzise Vorhersage möglich. Trotzdem gibt es auch hier doch eine deutliche Gesetzmässigkeit, nämlich die, dass er mit der Wahrscheinlichkeit von genau 1:6 in eine bestimmte Lage fallen wird. Auch die Tatsache, dass wir mit einer Wahrscheinlichkeit von soundsoviel Prozent erwarten können, dass er bei 600 Würfen genau 100 mal die „6“ zeigt, und mit einer höheren Wahrscheinlichkeit annehmen können, dass er dies bei 6 Millionen Würfen eine Million mal tun wird, ist zwar keine präzise Prognose, aber doch eine Gesetzmässigkeit – und genauso muss es doch zulässig sein, gesetzmässig zu nennen, wenn die Geschichte zeigt, dass eine Gesellschaftsordnung, die an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gelangt ist, mit grosser Wahrscheinlichkeit durch eine neue Ordnung ersetzt wird, die den Anforderungen der Zeit (was auch immer das sein mag, siehe weiter unten) eben besser gerecht wird, und dass dies zu jenem Zeitpunkt geschehen wird, an dem sich die Widersprüche dieser alten Gesellschaft so verschärft haben, dass echter Handlungsbedarf besteht. Ist das etwa kein gesellschaftliches Entwicklungsgesetz?

 

Ein Gesellschaftswissenschaftler, der dies rechtzeitig erkannt hat, hätte in diesem Sinne tatsächlich im Jahre 1780 voraussagen können, dass mit grosser Wahrscheinlichkeit (!) Frankreich irgendwann in den nächsten Jahren (!) auf eine Revolution zusteuert, und dass diese mit grosser Sicherheit (!) dann eine bürgerliche sein wird, wobei aber natürlich nicht vorhergesagt werden kann, ob diese im ersten Anlauf dann auch zum Ziel führen wird.

 

Eine solche Aussage ist zugegebenermassen mit vielen Wenn und Aber behaftet, aber doch brauchbar – natürlich für beide Seiten, und allemal besser, als sich vom trial der Entwicklung überraschen zu lassen. Ich will noch eins draufgeben, und zum Beweis meines Vertrauens in die eigene Überzeugung mich bei dieser Gelegenheit konsequenterweise selbst auf das Glatteis der Prognose wagen – und zwar bezüglich der von uns beiden aufmerksam verfolgten Entwicklung in der Sowjetunion:

 

Leider ist mir (!) dies erst heute einigermassen möglich, nachdem ich mir nicht nur halbwegs Klarheit über den gesellschaftlichen Ist-Zustand verschafft habe – dies war mir in den letzten Jahren im Falle der DDR schon einigermassen gelungen – sondern auch bereit bin, den eigenen Erkenntnissen zu glauben und – vor allem – sie mit Konsequenz anzuwenden.

 

Da meine Überlegungen wesentlich auf der These basieren, dass es sich beim Real Existierenden Sozialismus“ um eine feudale Spielart handelt, gestatte ich uns dazu zunächst einen kleinen Argumentationsausflug:

 

Hauptanhaltspunkt sind für mich dabei die auffälligen Parallelen in den Strukturen. Adel (Bonzen), Klerus (Partei), Gott (Lenin), Bibel (seine Werke), Ständerecht, Lehen (Partei- und Staatsposten), Fron (Arbeitspflicht), Zehnten (Betriebsabgaben), Leibeigenschaft (geschlossene Grenzen) – alles ist da, Sogar der Effekt der Erblichkeit der Adelsprivilegien. Aber wir finden nicht nur Parallelen bei der strukturellen Statik, sondern auch in den gesellschaftlichen Prozesse wie beispielsweise beim zwanghaften Drang zur Zentralisierung der Macht (In allen „sozialistischen“ Ländern haben wir immer wieder den Trend zum Zarentum – in jüngster Zeit auch bei Gorbatschow, der sogar den „Majestätsbeleidigungs-Paragraphen“ neu schaffen liess, was ich ihm besonders übelnehme) und – für einen Marxisten besonders wichtig – wir haben allerorten die feudale Produktionsweise. Es dominiert praktisch die Naturalwirtschaft (übrigens auch im Austausch der RGW-Länder untereinander), das „Saatgut“ wird zugeteilt und der grösste Teil der „Ernte“ vom Fürsten kassiert. Der Bauer – pardon, der Werktätige – hat kaum materielles Interesse an seiner (Fron-)Arbeit, der er sich nicht entziehen darf. Günstigstenfalls legt er sich ins Zeug in dem von den Pfaffen anerzogenen Irrglauben, ein gottgefälliges Werk zu verrichten, in der Regel wird er aber versuchen, mit möglichst wenig Aufwand irgendwie über die Runden zu kommen, oder wie Marx wahrscheinlich sagen würde: Da er nicht leistungsgerecht, sprich: dem Wert seiner Arbeitskraft entsprechend, bezahlt wird, Qualität und Intensität seiner Arbeit also keinen Einfluss darauf haben, inwieweit ihm gestattet wird, seine Arbeitskraft ausreichend zu reproduzieren, bleibt ihm nur übrig, möglichst wenig davon zu verausgaben. Der Konsum der Fürsten andererseits wird in jedem Falle sichergestellt, so dass diese – im Gegensatz zum kapitalistischen Unternehmer – vom Niveau der Produktion nur in geringem Masze Maße abhängig sind, dementsprechend ist ihre Interessenlage. Damit ist Produktion zwar möglich, aber viel mehr als die normale Ernährung lässt sich für die Massen auf diese Weise nicht sichern – wenn zu viele ehrgeizige Ziele der Fürsten hinzukommen – wie im Falle der Sowjetunion und Rumänien – dann nicht einmal das. Soweit der Argumentationsausflug.

 

Was kann man also aus der Sicht des dialektischen und historischen Materialismus für die so als neofeudal charakterisierte Sowjetunion für eine Prognose abgeben?

 

Demnächst muss auch in Moskau das eintreten, was in den übrigen Ostländern bereits eingeleitet ist: Auf der Tagesordnung steht die bürgerlich – demokratische Revolution. Man wird politisch letzten Endes dort ansetzen müssen, wo die Februarrevolution 1917 aufgehört hat und eine bürgerliche Demokratie installieren. Dabei wird der Trend ebenfalls in Richtung des für diese Phase charakteristischen Nationalstaates gehen, dass heisst, die Sowjetunion wird mit grosser Wahrscheinlichkeit in eben solche Nationalstaaten zerfallen. Der Reformer Gorbatschow – angetreten nicht wie Honecker und andere (wie ich) lange Zeit meinten (und hofften), um die alten Herrschaftsstrukturen zu zerschlagen, sondern um sie im Gegenteil durch „Frontbegradigung“, durch Aufgabe bereits verlorener Positionen zu festigen (was ihm die eigenen Leute in ihrer Ignoranz fast unmöglich machten) wird diesen Prozess nicht aufhalten, sondern höchstens verzögern. Wenn er – freiwillig oder unfreiwillig – wie im Falle der DDR und anderer, auch zu Hause wenigstens dazu beiträgt, dass dies mit einem Minimum an Blutvergiessen geschieht, wird ihm die „Geschichte“ trotzdem danken. Dass die anstehende Revolution so blutlos wie bei uns verläuft, ist in der Sowjetunion leider nicht anzunehmen, da im Gegensatz zur DDR im Herbst ’89 dort wahrscheinlich noch hunderttausende aus der Schicht des niederen „Dienstadels“ bereit sind, für den Erhalt der alten Herrschaft einzustehen. Hinzu kommen die bekannten ethnischen und religiösen Probleme, vor allem im Süden. Dort ist es sogar möglich, dass die sozialistische Spielart des Feudalismus zunächst durch die moslemische ersetzt wird, wie überhaupt erwartet werden muss, dass der revolutionäre Prozess bei aller Gesetzmässigkeit nicht geradlienig sondern sehr sprunghaft und mit zahlreichen Rückschlägen erfolgen wird. Besonders problematisch ist die Frage der Nationalstaatenbildung, da insbesondere in den Städten, die naturgemäss den Hauptschauplatz der Auseinandersetzungen bilden werden, bereits eine gewaltige Vermischung der Völkerschaften stattgefunden hat. (In Dushanbe, der Hauptstadt Tadshikistans leben beispielsweise fast 50% Russen.)

 

Soweit also die Prognose eines alten „Historizisten“. Und nun zum Plan, der aus einer solchen Prognose folgen müsste, um der objektiv anstehenden Geburt des russischen Kapitalismus möglichst viele Wehenschmerzen zu ersparen, indem man dazu beiträgt, die ohnehin fälligen Prozesse (und nur diese) zu unterstützen:

 

Dazu ist es zunächst notwenig, den äusseren Druck zu lockern, um nicht wie schon so oft wiederum einen internen Burgfrieden in der Sowjetunion geradezu zu erzwingen. Zweitens sollten weniger die systemerhaltenden Reformer wie Gorbatschow, sondern mehr die Revolutionäre wie Jeltzin (?) unterstützt werden (Z.Zt. hat man eher den Eindruck, der Westen hat hier nur sportlich-voyeuristische Interessen) – keinesfalls aber wie bisher Strömungen, die zwar die alten Sowjetherrschaftsstrukturen erschüttern, jedoch ihrem Charakter nach noch reaktionärer sind als diese – ich denke da vor allem an die Mudjaheddin und ähnliches. Drittens sollten nicht die nationalistischen Alleingänge vor der Revolution beklatscht werden. Viertens muss man alles vermeiden, was beim ohnehin schon arg gebeutelten Volk das Gefühl erzeugen kann, gemeinsam mit den der alten Ordnung untergehen zu müssen, d.h. man muss der SU die Chance geben, sich mit Anstand von bestimmten Prestigepyramiden zurückzuziehen, die ihre Möglichkeiten – die frühkapitalistischen genauso wie ihre spätfeudalen – übersteigen. Dies betrifft insbesondere die Rüstung und die Raumfahrt. In diesem Sinne ist das Geschrei vom vereinigten Deutschland in der NATO ausgesprochen tödlich, weil es genau diesen „Rückzug mit Anstand“ verhindert, und den einfachen Mann an der Wolga durch das neu aufkommende Gefühl vom erzwungenen (!) Rückzug und nationaler Demütigung wieder zwangsläufig mit seinen Marschällen verbindet.

 

Soweit – in der gebotenen Kürze – Prognose und daraus abgeleitet ein sinnvoller Plan zur Problematik SU.

 

Apropos Kürze: Dieser Brief ist nun fast zwangsläufig ein elend langer geworden und ich versuche nun zum Schluss zu kommen, damit Du mir nicht am Ende der zehnten Seite einnickst. Ich möchte aber als letztes wie auf Seite 7 unten versprochen noch eine Bemerkung zu den dort erwähnten „Anforderungen der Zeit“ machen.

 

Marx ging stets von der Produktivität als entscheidendem Kriterium für die Qualität der Gesellschaftsordnung („Produktionsverhältnisse“) aus, und dies scheint auch bis heute so zu sein. (Ich verweise dazu auf mein Gedankenexperiment aus einem der vorhergehenden Briefe „Was wäre mit der DDR geschehen, wäre dort – bei gleichzeitiger Unterdrückung der Freiheiten – das Lebensniveau der Bundesrepublik erzielt worden, und umgekehrt?“)

 

Praktisch alles spricht dafür, dass der Real Existierende Sozialismus seinen Untergang dem miesen Produktionsniveau verdankt.

 

Dennoch kann ich mir vorstellen, dass auf einer bestimmten Stufe der weiteren Entwicklung die „Anforderungen der Zeit“ nicht mehr in diese Richtung zielen. Der Kapitalismus ist bereits heute kein reales Gesellschaftsmodell für die gesamte Menschheit. Er hat die offenbar systemimmanente Tendenz zu saurierhaftem Wachstum (worum ihn der Real Existierende immer beneidet hat) und basiert nach wie vor wesentlich auf der Ausbeutung, wenn dies auch für den Bürger der Industriestaaten nicht mehr unbedingt transparent ist, da er selbst kräftig an der Ausbeutung der restlichen Welt beteiligt wird. Die globalen Probleme sind mit einer weiteren Steigerung der Produktion jedenfalls nicht zu lösen. Insofern glaube ich, dass das Kriterium der Gesellschaftsqualität sich wesentlich verlagern wird. Nicht mehr der zunehmende Verbrauch, sondern die sinnvolle Selbstbeschränkung sind die Gebote der Zeit. Und genau deshalb wird dann wahrscheinlich der zwingend auf Wachstum ausgerichtete Kapitalismus abtreten müssen.

 

In diesem Sinne scheint mir die Bewegung der Grünen eine echte Keimzelle neuer Gesellschaftsordnung. Amen.

 

Dein Frank

 

 

PS: Ich werde demnächst versuchen auf die polnischen Ängste und die Parallelen zwischen Faschismus und Sozialismus einzugehen.


[1] Am Artikel erkennnt man übrigens bis dato, ob ein Deutscher/Ost oder ein Deutscher/West von der (!) Stasi spricht. Bei Euch sagen alle stets DER Stasi, und meinen wohl einen StaatssicherheitsDIENST, den es hier aber nie gegenen hat (im Gegensatz zum BundesnachrichtenDIENST). Bei uns gab es ein „Ministerium für (DIE) Staatssicherheit“, daher DIE Stasi. Im Rahmen der Angleichung Ost an West wird sich aber wohl mittelfristig auch hier die West-Variante durchsetzen.

Amen