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Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 18

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

4.4.1985

Das Frühstück findet in einem sauberen Miniaturpfannkuchenrestaurant gleich gegenüber dem Hotel statt. Es ist direkt an die große Moschee gebaut. Eine Tür führt von dort ins Innere des Gotteshauses, das wir auf diese Weise besichtigen können. Es ähnelt mit seinem geschlossenen Innenraum dem einer Kirche.

Für das Besichtigungsprogramm des Tages bietet sich wieder die Schwimmbadlösung an. Dadurch erlangen Judi und ich freie Hand für die Paläste der Babachinesen, jene Häuser mit den auffallenden Fassaden, die wir am gestrigen Abend durch Zufall entdeckt haben.

Die Geschichte der Babachinesen scheint aus 1001-Nacht zu sein. Der Kaiser von China kommt darin vor und 500 schöne Brautjungfern. Diese kamen einst mit der Tochter des Kaisers aus dem fernen China, als diese den Sultan von Malakka heiratete. So feierte man ein großes und prächtiges Hochzeitsfest. Es war aber auch Politik im Spiel. Der Kaiser dachte, als er seine Tochter mit dem Muselmanen vermählte, auch ein wenig an die Straße von Malakka. Die Idee, viele Brautjungfern mitzusenden, war Teil seiner Geostrategie und erwies sich als sehr weitsichtig. Die jungen Damen, die ohne Zweifel äußerst anmutig waren, heirateten nämlich hochstehende Malayen. Ihre Nachkommen wurden schließlich die Babachinesen, welche eine besondere Oberschicht bildeten und die malayischen und die chinesischen Traditionen pflegte. Natürlich sorgten sie dafür, dass das Verhältnis zu China freundlich gestaltet wurde – Kolonialismus auf chinesisch. Die Babachinesen wurden reich und leben, da sie nicht gestorben sind, noch heute. Und zwar nicht schlecht, wie eine Besichtigung ihrer Häuser zeigt.

Wir gehen die Straße auf und ab, in der sich die schönsten ihrer Prachthäuser befinden. In einige kann man hineinschauen und stellt fest, dass sie – wiewohl eher schmal – äußerst geräumig sind. Wie Reihenhäuser sind sie in die Tiefe gebaut, entsprechend den günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen der Babachinesen allerdings ein bisschen weiter, als man es sonst kennt, im Schnitt fünfzig bis siebzig Meter.

Die meisten haben einen Eingangsraum, über den normale Besucher nicht hinauskommen. Auch hier muss man aber nicht darben. Prächtige altchinesische Malereien hängen an den Wänden und die Möbel sind wahre Wunderwerke der Schnitzkunst, ungeheure Anhäufungen von Ornamenten mit Perlmuteinlagen, die kaum zum Benutzen vorgesehen zu sein scheinen. Manche Häuser muten wie chinesische Tempel an. Sie haben große Hallen mit den üblichen schwarz-roten Balkenkonstruktionen. In anderen findet sich das ganze Repertoire europäischer Palastinnenarchitektur – Stuckaturen, Säulen mit Prachtkapitellen, Akanthusrankenfriese etc.

Einige der Häuser kann man besichtigen, darunter das vielleicht prächtigste. Es ist ein wahres Schloss von einem Reihenhaus. Der Eintrittspreis ist ebenfalls hochherrschaftlich. Für einen Schnelldurchgang lässt man uns den Preis nach. Schon der erste Eindruck stellt alles in den Schatten, was wir hier gesehen haben. Die Möbel der Eingangsräume sind wahre Exuberanzen des Ornaments im chinesischen Stil. Dann kommt der Salon, der alles übertrumpft. Man ist im Stil eines asiatischen fin de siècle eingerichtet, elegant und verspielt. Wir dürfen auch die inneren Gemächer betreten. Im Zentrum des Hauses ist ein Atrium, das Licht für die umliegenden Zimmer gibt. In seiner Mitte befindet sich ein Bassin, rund herum läuft ein Rankenfries. Besonders prachtvoll geschnitzt ist die Treppe, die in das Obergeschoß führt.

In der Tiefe des Hauses folgen eine Reihe weiterer Räume. Sie sind mit europäisierenden Möbeln ausgestattet, die im 19. Jahrhundert offenbar in Malakka hergestellt wurden. Ansonsten geht es eher viktorianisch zu. Besonders herausragende Stücke hat man in Vitrinen ausgestellt, den Hochzeitsornat eines Babachinesen aus feinstem Brokat mit Seide, wertvolles chinesisches Porzellan und eine prächtig gedeckte Tafel. Am Ende des "Hauses" gelangen wir in die Küche, die zur Verköstigung einer ziemlich großen Familie ausgelegt ist. Reihenweise hängen blankgeputzte Kupfertöpfe an den Wänden.

Die ganze Anlage ist noch geräumiger als die anderen Familienpaläste der Babachinesen. Man hat drei Häuser zusammengelegt, zwei an der Straßenfront, – dadurch ist das Anwesens ungewöhnlich breit – und ein weiteres im hinteren Bereich. Mit dem Atrium und der Tiefenstaffelung erinnert es an pompeianische Häuser. Vermutlich haben die Architekten – es sollen Europäer gewesen sein – angesichts des heidnischen Reichtums der Babachinesen an die antike Luxusstadt gedacht. Der Stil, der sich hier entwickelt hat, wird daher, nicht zu Unrecht, malakkischer Palladianismus genannt. So fern, wie wir im Dschungel von Taman Negara dachten, war der italienische Vitruv also gar nicht von Malaysia.

Wir haben die Besichtigung schon fast beendet und sind, da wir den niedrigen Preis mit der Zusage eines kurzen und ungeführten Rundgangs erhandelt haben, schon auf dem Sprung, dieses innenarchitektonische Wunderwerk wieder zu verlassen, als uns ein freundlicher mittelalterlicher Herr anspricht und beginnt, uns in gepflegtem Englisch die ausgestellten Dinge zu erläutern. Es stellt sich heraus, dass es der Hausherr persönlich ist. Bereitwillig erzählt er uns über die einzelnen Einrichtungsgegenständen und deren Beziehung zur Familiengeschichte. Damit füllt sich mit Leben, was bislang nur Kunstgewerbe war. Die Bilder an den Wänden werden zu den Eltern und Großeltern unseres Führers, er selbst ist als Kind auf einem Familienfoto zu sehen. Die Gegenstände erhalten eine Funktion und werden mit bestimmten Ereignissen verknüpft. Der alte Buick etwa aus den 30-er Jahren, der auf einem Bild zu sehen ist, ist der Wagen des Großvaters; die fertig gedeckte Tafel ist für die Totenmahlzeit bestimmt, die den Ahnen einmal im Jahr zubereitet wird. Eindrucksvoll berichtet unser Cicerone über den Ahnenkult, der jeweils drei Generationen zurückreicht und die zentrale "religiöse" Pflicht des Chinesen ist.

Die Ahnen zu ehren, hat der nette Herr allerdings Grund genug. Sie legten im 19. Jahrhundert den Grundstein für den offenbar ernormen Besitz der Familie. Als Unternehmer der ersten Generation begannen sie Mitte des letzten Jahrhunderts mit dem Zinnabbau, wurden binnem Kurzem sehr wohlhabend, bauten das Prachthaus und statteten es mit allem Komfort aus, den China und Europa zu bieten hatten. Das Bad ist mit italienischen Fließen gekachelt, die Möbel kommen zum Teil aus England. Und man hatte im fernen Malaysia bereits ein Auto, als dies selbst in Europa noch ein seltener Luxus war. Es versteht sich, dass man hoch gebildet war, Europa bereiste und Pretiosen sammelte. Stolz erläutert uns der Hausherr die herrlichen Stücke von chinesischem Porzellan, die überall im Hause zu finden sind. Die nachfolgenden Generationen haben mit den Pfunden der Ahnen weitergewuchert und auf den jeweils neuesten Märkten Malaysias immer eine führende Rolle gespielt. Unser Führer ist – natürlich – im Ölgeschäft und geht im Ölhochhaus von Kuala Lumpur ein und aus.

Man könnte meinen, dass dieser steinreiche und in großen Geschäften stehende Mann anderes zu tun habe, als ein paar beliebige Touristen durch sein Haus zu führen (das er übrigens nicht mehr bewohnt; er hat sich ein neues Haus gebaut, weil ihm das Reihenhaus zu eng und zu unmodern geworden war.) Das Gegenteil ist der Fall. Mit geradezu naiver Freude an der Geschichte seiner Familie führt er uns durch sein Reich. Zu keinem Zeitpunkt müssen wir den Eindruck gewinnen, dass er die Führung hinter sich bringen wolle. Ganz unbefangen plaudert er über seine Jugend und seine geschäftlichen Erfolge. Schließlich lädt er uns auch noch zu Tee und Gebäck ein.

Jetzt rächt sich unsere Sparsamkeit. Wir müssen bei unserer Legende bleiben, wonach wir in Eile seien. Wiewohl wir liebend gerne noch mehr vom Märchen der Babachinesen gehört hätten, müssen wir, indem wir wartende Kinder vorschieben, auf unseren Abgang drängen. Auch dies geht aber nicht ohne ein Photo vom Hausherrn vor der prächtigen Kolonadenfassade seines Hauses ab. Und er besteht darauf, auch uns davor abzulichten.

Herzlicher Abschied nach dieser höchstpersönlichen Führung durch das Paradies der Babachinesen. (wieder ein Paradies – es scheint deren mehrere zu geben.) Allzu viele Besucher des Palastes dürften diesen Service in Zukunft allerdings nicht genießen. Das Gebäude wurde, auf Bitten des Touristenbüros, erst vor wenigen Tagen für Besucher geöffnet. Noch ist der Besuch der Touristen auch für den Besitzer ein Abenteuer.

Goldenes Malakka. Die Babachinesen setzen seine große Handelstradition fort. Die Stadt war allen politischen Wechselfällen zum Trotz immer ein besonders glücklicher Nutznießer der Eitelkeiten, die das Gold repräsentiert. Erst war es der Pfeffer – klein aber gehaltvoll – ,der hier umgeschlagen wurde. In Europa wurde er mit Gold aufgewogen. Malakka wurde dadurch ein kosmopolitisches Handelszentrum, in dem, wie ein Reisender um 1450 berichtete, 84 Sprachen gesprochen wurden.

Politisch sollte das "braune Gold" der Stadt (wie dem größten Teil der Welt) zum Verhängnis werden. Der Pfeffer wurde zum Gewürz der Weltgeschichte. Aber es wurden europäische Gerichte damit gewürzt. Die Gier nach dem "braunen Gold" und der Wille, unliebsame Zwischenverdiener wie Malakka auszuschalten, war in Europa so groß, dass man die sagenhaften Pfefferinseln zu suchen begann, was das Zeitalter der Entdeckungen auslöste. Malakka wurde dadurch zum Spielball der Kolonialmächte, aber es blieb Drehscheibe des Ostasienhandels.

Als man im 19. Jahrhundert in Malaysia die wichtigsten Zinnvorkommen der Welt fand, profitierte wiederum Malakka vom nunmehr grauen Gold und als alle Welt Autos und also Reifen haben musste, vom Saft der Gummibäume – weißem Gold. Im 19. Jahrhundert verlagerte sich der Schwerpunkt des Ostasienhandels zwar mehr und mehr nach Singapur. Dann aber wurde schwarzes Gold in Malaysia gefunden. Jetzt hatten die Bürger von Malakka, die bereits vom grauen und weißen Gold reich geworden waren, allen voran die Babachinesen, das Kapital für die erforderlichen Investitionen in die Ölindustrie. Damit verdienen sie sich heute eine goldene Nase.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

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Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies –Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 17

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Wir schlendern durch die Gassen mit ihren aneinandergebauten kleinen Häusern. Hübsche Fassaden finden sich hier und dort. In der Nähe der Tempel kommen wir an einer chinesischen Sargschreinerei vorbei. Die großen geschwungenen Behältnisse aus massivstem Holz – Hauptteil und Abdeckung bestehen jeweils aus einem Stück – sind auf der Straße gestapelt. Sie sind so schwer, dass man mehrere Personen benötigt, um sie auch nur anzuheben. Mancher Urwaldriese landet so auf einem chinesischen Friedhof.

Unerwartet stehen wir vor einem Komplex von rot getünchten Gebäuden. Ein Hauch von Heimat weht um diesen Platz. Hier befand sich das alte holländische Verwaltungszentrum aus dem 17. Jahrhundert. In rötlicher Eintracht stehen "Palast" und Kirche, die Insignien kolonialer Macht, nebeneinander. Von diesem bescheidenen Platz, der sich in einer europäischen Kleinstadt befinden könnte, wurde einst das riesige hinterindische Kolonialreich regiert, ein Reich, das um vieles größer war als das des jeweiligen "Mutterlandes". Es liegt eine merkwürdige Ironie in der Vorstellung, dass die großen Entdecker und Eroberer von einem solchen Provinzstädtchen träumten, wenn sie an Gewürzinseln und Fernosthandel, ja an die Herrschaft über ganz Südostasien dachten. Nur zu deutlich zeigt die idyllische Beschränktheit dieses Machtzentrums, mit welcher Arglosigkeit die Einheimischen den europäischen Welteroberern begegneten. Und sie legt die ganze Schamlosigkeit bloß, mit der sich die "Langnasen" fremden Eigentums bemächtigten.

Wir betreten den verschachtelten ehemaligen Verwaltungspalast. Er ist eher spartanisch eingerichtet. Heute befindet sich dort eine erstaunlich großmütige Ausstellung über die Epoche europäischer Hypertrophie, in der Wahrnehmen und In-Besitz-Nehmen nur schlecht getrennt wurden. Auch vom vorkolonialen Malakka ist einiges zu sehen, vor allem Darstellungen des alten Sultanspalastes, der eine wahre Apotheose malakkischer Spitzgiebeligkeit gewesen sein muss. Man kann düstere Spekulationen darüber anstellen, warum von ihm nichts mehr übrig ist.

Spätestens diese Ausstellung hat ein Problem verdeutlicht. Mit dem Anwachsen des kulturellen und historischen Angebotes beginnt die Interessenlage von Erwachsenen und Kindern auf dieser Reise erstmals deutlich auseinanderzudriften. Erstaunlicherweise findet sich eine Lösung, die beiden "Parteien" gerecht wird. Malakka hat ein Schwimmbad. Ich nehme zur Abkühlung der Gemüter den heißen Gang zurück in die Stadt in Kauf, um im Hotel die Badesachen zu holen. Dann gehen die Kinder einem kühlen Schwimm- und die Eltern einem weniger kühlen Besichtigungsvergnügen nach.

Man muss in Malakka das älteste "europäische" Gebäude Asiens gesehen haben – eine Festung – mit dazu gehörender Kirche versteht sich. Viel ist von der einst mächtigsten portugiesischen Festung im fernen Osten nicht übrig, im Wesentlichen ein prächtiges Tor und die Ruine der Kirche. Albuquerque, der große portugiesische Welteroberer der ersten Generation, ließ das Bollwerk Anfang des 16. Jahrhunderts bauen, nachdem er im Jahre 1511 die schon damals bedeutende Handelsstadt mit nur 800 Portugiesen "eingenommen" hatte. Die Festung war der vorläufige Schlussstein im neuen Weltreich des kleinen europäischen Seefahrervolkes.

Man brauchte damals nicht viel, um ein Weltreich aufzubauen. Eine Festung in Mozambique, die eine oder andere in Indien, eine weitere in Malakka und der Segen des Papstes – das war die Grundlage für die Herrschaft über die Hälfte der – neuen – Welt. Diese hatte Portugal anno domini 1494 – Amerika war gerade entdeckt – im Vertrag von Tordesillas vom Papst zur Aneignung erhalten. Auf westlich-rationale Weise zog man in diesem wohl erstaunlichsten Vertrag der Weltgeschichte in der Nähe der Kapverdischen Inseln kurzerhand einen geraden Strich von Pol zu Pol und teilte so die neue Welt gerecht zwischen den "Findern" Spanien und Portugal. Fünfunddreißig Jahre später, als die "Parteien" dieses Vertrages zu Lasten Dritter nähere Kenntnis von der Lage und dem ungeheuren Umfang der Beute hatten, präzisierten sie die Grenzziehung noch einmal im Vertrag von Saragossa. Bei der Auslegung des Vertrags von Tordesillas waren nämlich unerwartete Schwierigkeiten aufgetreten. Albuquerque hatte die molukkischen Gewürzinseln, um die sich die Welt damals drehte, 1512 von portugiesischer Seite, also von Osten kommend, entdeckt. Die Spanier hatten sie zehn Jahre später von Westen, also von ihrer Seite gefunden. Irgendwo in der Nähe der Molukken verschwimmen nun aber aus europäischer Sicht Ost und West, so dass die schöne klare Grenzziehung von Tordesillas ausgerechnet bei den heißbegehrten Gewürzinseln ins Wanken geriet. Darüber hinaus stritten die ehrenwerten Finder um den „rechtsgültigen“ Aneignungsmodus. Albuquerque hatte die Inseln zwar als Erster entdeckt, er hatte aber – ein unverzeihlicher Fehler für einen rechten Eroberer – vergessen, sie in der erforderlichen förmlichen Weise in Besitz zu nehmen. Das wiederum hatten die verspäteten Spanier nicht versäumt. (wahrscheinlich haben sie eine Fahne in den Strand gesteckt und ein paar hohe Worte in den Wind gesprochen). Nachdem, wie man sieht, beide gute Gründe für ihren Anspruch auf die Inseln hatten, einigte man sich unter Gentlemen. Die Portugiesen bekamen die ostasiatischen Kleinode. Spanien musste sich mit dem unförmigeren amerikanischen Kontinent trösten, was ihm, wie bekannt, nicht sonderlich schwer gefallen ist.

Eine Hinterlassenschaft aus dieser Zeit, ist auch die Portugiesische Siedlung. Wir fahren mit dem Bus einige Kilometer die Küste entlang und schlendern durch die Straßen dieser menschlichen Insel. Hier wohnt, 350 Jahre nach der Vertreibung der Portugiesen durch die Holländer, eine zirka 2000 Personen starke Kolonie, die Traditionen aus der portugiesischen Zeit beibehalten hat. Die Portugiesen hatten keine Einwendungen gegen eine Vermischung der Rassen. Noch heute soll man hier, wenn man genau hinsieht europäische Gesichtszüge feststellen können (man muß in der Tat ziemlich genau hinschauen). Die handvoll Mischlinge, die übrig geblieben ist, hat sich über die Jahrhunderte nicht nur den christlichen Glauben, sondern auch die portugiesische Sprache erhalten, was angesichts der gänzlich andersartigen Umgebung und der völligen Abkoppelung vom "Mutterland" wie ein soziales Wunder erscheint. In der Siedlung, die einen gewissen Wohlstand ausstrahlt, sind allenthalben Hinweise auf christliche Gebräuche zu sehen. Wahrscheinlich ist das, was von der portugiesischen Sprache übrig geblieben ist, eine Fundgrube für Sprachhistoriker.

Es herrscht eine entspannte Abendstimmung in der lebhaften kleinen Kolonie. Zahlreiche Kinder spielen auf der Straße. Alle scheinen aufgeräumt den lauen Abend zu genießen.

In der anbrechenden Dämmerung laufen wir ein gutes Stück in Richtung Stadt zurück. Den Rest fahren wir mit dem Bus. Ein gesprächiger Inder will wissen, welche Früchte wir in Malaysia kennen gelernt haben. Wärmstens empfiehlt er uns die Eierfrucht, ein stachliges Riesengewächs in der Form eines überdimensionalen Schwartemagens, das hier überall in den Läden zu haben ist. Sie ist vermutlich die größte Baumfrucht, die die Welt kennt, kann mehr als einen halben Meter lang sein und über 10 Kilogramm wiegen. Wehe wem das Obst auf den Kopf fällt.

Fröhlich kommen uns am Schwimmbad die ausgetobten Kinder entgegen. In der Nähe des Strandes essen wir in einer geradezu unasiatisch ordentlichen Ansammlung von Straßengarküchen. Der Nachtisch wird im Hotel in Form eines Ananaswettessens gereicht. Die Kinder meinen, jeder eine ganze Ananas essen zu können. Die Augen sind aber größer als die Mägen.

Wir spazieren noch ein wenig durch die abendlichen Gassen. Gegenüber dem Tempel dringt aus einem Haus lautes Trommeln. Wir schauen in den Eingang hinein und werden Zeugen der Probe für einen wilden Drachentanz. Junge Leute hantieren mit einer furchterregenden Drachenmaske, die von zwei Personen im textilen Körper des langen Ungetiers getragen wird. Der Drache soll sich zu ohrenbetäubenden Trommelschlägen aufbäumen, wozu der eine Träger blitzschnell auf die Schultern des anderen klettern muss. Man ist mit großem Eifer und beachtlicher Akrobatik bei der Sache. Auch die Kleinen – sie sind höchstens 6 bis 8 Jahre alt – dürfen sich beteiligen. Sie versuchen sich an den komplizierten Rhythmen der Trommel, was sie mit Verve und Bravour bewerkstelligen.

Beim letzten Gang durch die Stadt – die Kinder sind bereits im Bett – treffen wir in einer Seitengasse auf eine kleine Halle, die zur Straße hin offen ist. Darin befindet sich eine große Zahl von Chinesen, die nach einem offensichtlich strengen Ritual im Kreis gehen. Die ernsten Mienen und die schwarze Kleidung deuten auf eine Trauerzeremonie. Im hinteren Teil des Raumes ist eine Art Altar aufgebaut, an dem ein Priester hantiert. Nach einiger Zeit schließt er sich dem Marsch der Trauergemeinde an. Ein junger Mann tritt auf die Straße, legt verschiedene Gegenstände aus Papier in die Regenrinne und zündet sie an. Im Raum ist ein ganzer Tisch voller Papiergeschenke für den Toten, darunter Stühle und ein Auto. Nachdem der Marsch beendet ist, hebt im hinteren Teil des Raumes ein lautes Kreischen an. Klageweiber stimmen ein herzerweichendes Geheul an. Danach beginnt sich die Trauergesellschaft zu verlaufen. Man geht seiner Wege, so als habe man die Erfüllung einer Pflicht abgeschlossen. Bei aller Ernsthaftigkeit ist während der ganzen Zeremonie immer Distanz zu spüren gewesen. Das Leid wurde offensichtlich durch das Ritual gebändigt. Es gab keine unkontrollierten Gefühlsausbrüche. Selbst das vehemente Klagegeheul hatte etwas Formales. Nie hatte man den Eindruck, dass der Tod auch für die Lebenden eine Tragödie sei.

Auf unserem Gang durch die Stadt geraten wir in eine schmale Straße, in der sich prächtige Häuserfassaden finden, einige davon sind geradezu palastartig. Wie Reihenhäuser stehen sie unmittelbar aneinander, jede Fassade in einem anderen Stil. Die Palette reicht von klassisch-chinesisch bis zum europäischem Klassizismus. Die Straße bedarf dringend der Nachbearbeitung bei Tageslicht.

Den Rest des Abends verbringen wir in einem größeren Gartenrestaurant, in dem sich das bescheidene Nachtleben von Malakka zu konzentrieren scheint. Junge Leute fahren mit Autos und Motorrädern vor. Sonst tut sich nicht viel. In der Nacht genießen wir unsere Klimaanlage.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985