1864 Niels Wilhelm Gade (1817 – 1890) Symphonie Nr. 7 F-Dur

Wie der Begründer der norwegischen Nationalschule Edvard Grieg, erhielt auch ein weiterer großer Vertreter der skandinavischen Musik des 19. Jh., der Däne Niels-Wilhelm Gade, einen wesentlichen Teil seiner musikalischen Prägung in Sachsen. Im Jahre 1843 hatte Gade seine erste Symphonie, die man in seiner Heimatstadt Kopenhagen nicht spielen wollte, zu Mendelssohn nach Leipzig geschickt. Dieser war von dem Werk begeistert und brachte es sofort zur Aufführung. Gade ging daraufhin noch im gleichen Jahr nach Leipzig, wo er sich mit Mendelssohn und Schumann befreundete. Im Jahre 1844 wurde er Mendelssohns Stellvertreter, nach dessen plötzlichen Tod im Jahre 1847 sogar dessen Nachfolger als Leiter der renommierten Gewandhauskonzerte. Noch unter dem Eindruck des Verlustes seines Freundes verließ Gade Deutschland aber beim Ausbruch des ersten Deutsch-dänischen Krieges um Schleswig-Holstein im Jahre 1848 und begab sich zurück in seine Heimat, wo er in der Folge über viele Jahre der Mittelpunkt des musikalischen Lebens war. Neben seiner unermüdlichen Tätigkeit als Dirigent und Musikadministrator war Gade zeitlebens auch kompositorisch tätig, wobei er sich in seiner Grundeinstellung an seinen Freunden Schumann und Mendelssohn orientierte (was ihm harsche Kritik von seiten des eingefleischten „Skandinaviers“ Grieg einbrachte). Im Vordergrund seines umfangreichen Oevre stehen Orchesterwerke.

Schumann sagte von Gade, er sei schon deswegen für die Musik bestimmt, weil sein Name aus den Bezeichnungen der vier Saiten der Violine zusammengesetzt sei. 1844 widmete er Gade einen begeisterten Artikel in der „Neuen Zeitschrift für Musik“, in dem er den nordischen Charakter seiner Musik hervorhob, zugleich aber die Hoffnung zum Ausdruck brachte, er möge in seiner Nationalität nicht untergehen, sondern sich „schlangengleich häuten, wenn das alte Kleid zu schrumpfen beginnt“. Gade hat sich an diesen Rat gehalten. Dies zeigt nicht zuletzt seine 7. Symphonie, die insbesondere in formaler Hinsicht unverkennbar den Anschluß an die westeuropäische Entwicklung sucht, zugleich aber jenen nationaldänischen Ton aufweist, den der dänische Musikhistoriker Tage Wind als eine musikalische Haltung beschrieb, „die nicht das große Pathos ausdrückt, umso mehr aber eine sanftmütige Innerlichkeit, jubelnde Freude und tiefen Schmerz mit einer schamhaften Furcht, Uneingeweihte in ihr inneres Gefühl blicken zu lassen“.

Das außerordentlich schwung- und stimmungsvolle, dicht gearbeitete Werk wurde im Jahre 1864 in Leipzig, wo Gade zeitlebens auf großes Interesse stieß, erstmals aufgeführt (was möglicherweise die vielfältigen Anklänge an die Musik der Leipziger Freunde erklärt). Es bleibt ein Rätsel der Rezeptionsgeschichte von Musik, warum ein solches Werk (und Gade überhaupt) bei uns heute so wenig bekannt ist. In einem populären Standardwerk mit dem Namen „Symphonie der Welt“ etwa werden den acht Symphonien Gades (und seinem gesamten sonstigen Ouevre) ganze 15 (Halb)Zeilen gewidmet.

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4 Antworten zu “1864 Niels Wilhelm Gade (1817 – 1890) Symphonie Nr. 7 F-Dur

  1. Habe mich an Ihren Tipp erinnert. Heute werde ich Gade mal hören. Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin.

    Nils Wilhelm Gade – Oktett für Streicher F-Dur op. 17

    Dmitri Schostakowitsch – Zwei Oktettsätze op. 11

    Felix Mendelssohn Bartholdy – Oktett für Streicher Es-Dur op. 20

    🙂

    • Schön wieder einmal von Ihnen zu hören. Ich habe dasOktett von Gade auch schon einmal gespielt und errinnere mich, dass es großes Vergnügen machte. Gute Idee, es mit dem fulminanten Jugendwerk seines Freundes Mendelssohn am Vorabend von dessen 200. Geburtstag zu spielen. Berichten Sie über Ihren Eindruck. Der Kammermusiksaal der Philharmonie muss vibriert haben.

  2. Ja, das war schon außergewöhnlich, was geboten wurde – wiewohl ich vorausschicken muß, daß ich musikalischer Voll-Laie bin und mir eine objektive Beurteilung der musikalischen Performance und der Werke natürlich schändlich misslingen muß.

    Muksmäuchen still war es zwischen den Sätzen, ein sehr diszipliniertes Publikum mit deutlich mehr Aufmerksamkeit als bei den großen „Rennern mit Rattle“. Der Kammermusiksaal liefert aber auch eine wunderbar intime Atmosphäre, trotz architektonischer „Moderne“ und gerade obwohl er doch ziemlich groß ist. Geschickt beleuchtet bleiben unbesetze Ränge im Ungefähren und die sichtbaren Publikumsgesichter sind gebannt auf das Zentrum gerichtet. So eine fantastische Akustik – man hörte bisweilen sogar das Knarren eines Stuhles – von einem bewegt aufspielenden Musiker!

    Auf den mit schrägen Marmorkanten gefassten Brettern befand sich das Ensemble Berlin-Leipzig, ein Oktett aus 4 Violinen, 2 Bratschen und 2 Celli. Ursprünglich in Leipzig für eine Kammermusikreihe des Bundesverwaltungsgerichtes (1) ins Leben gerufen spielten gestern die drei Gründer aus der Musikerfamilie Timm verstärkt um Musiker aus Berlins und Leipzigs Orchestern. Eine alte Tradition hat man da aufgegriffen, eine, die sogar zurück reicht bis zu einem der Protagonisten des Abends und heutigem Geburtstagskind, Felix Mendelssohn Bartholdy. Denn schon seinerzeit hat man wohl einen regen musikalischen Austausch zwischen diesen beiden deutschen Kulturstädten gepflegt.

    Und so wie die heutigen Musiker in Berlins Philharmonie und Leipzigs Gewandhaus zu Hause sind, so spielte man mit Niels Wilhelm Gades Oktett für Streicher F-Dur op. 17 eigentlich auch einen „Leipziger“. Gade, ebenda in Leipzig maßgeblich beeinflußt vom Jubilar des Abends und später auch Leiter von Gewandhauskonzerten, scheint ein zu hebender Schatz zu sein, da will ich mich dem Betreiber dieses Blogs anschließen. Was ich jetzt gelesen habe, macht mich neugierig.

    Mit großer Verve beeindruckte Schostakowitsch kurz vor der Pause. „Eher kämpferisch und gleichzeitig depressiv“ wurden die beiden Oktettsätze op. 11 im Programm angekündigt. Für Ahnungslose wie mich wirklich erstaunlich, hat man doch sonst den Eindruck, die Streicher gehören immer zu den leisen. Dynamik ist also anscheinend nicht nur eine Frage der Instrumentierung – aber vielleicht war es ja auch die Stärke eines Doppel-Quartetts.

    Nach der Pause und somit per Cäsur gebührend positioniert gab man Felix Mendelssohn Bartholdys vier Sätze op. 20 (Oktett Es-Dur). „Meisterlich ineinanderverflochtene Stimmen“, „harmonischer Reichtum“ und „akustischer Rundtanz“ titelt das Programm, dem ich mich gefühlsmäßig direkt anschließen möchte. Musik die man trinken möchte, die es einem gehörig schwer macht, ruhig auf dem Sitz zu bleiben. Man ahnt die Melodien und den Rhythmus.

    Für mich habe ich entschieden, Musik so zu genießen, wie man einen Wein genießt: Nicht nach Herstellungskenntnissen, Etikett und Kritik sondern nach Geschmack. Mir hat der Abend außerordentlich gut gefallen, Gade nicht zu kennen ist ein Fehler, Schostakowitsch ausgesetzt zu werden keiner. Und der Jubilar steht ohnehin im Licht – auch bei mir. Ich fand die Zugabe ausgiebig berechtigt

    Oktette scheinen ja was Seltenes zu sein – so lehrte mich das Programm, ein Heft, das wieder mal meinen Eindruck von hervorragender Qualität aus dem Hause erneuerte. Und Seltenes kann Besonderes werden wenn sich solche Komposition mit solcher spielerischen Klasse verbinden. Gut, ich kann das nicht wirklich beurteilen, aber da verlasse ich mich auf die Damen und Herren in den Reihen: Bravo-Rufe waren zu hören.

    Schön, daß ich diesen Abend genießen durfte.

    Die Besetzung
    Thomas Timm Violine
    Romano Tommasini Violine
    Conrad Suske Violine
    Andreas Neufeld Violine
    Julia Gartemann Viola
    Wolfgang Talirz Viola
    Jürnjakob Timm Violoncello
    Andreas Timm Violoncello

    (1) http://www.bundesverwaltungsgericht.de/enid/Kuenstler/Ensemble_Leipzig-Berlin_g6.html

    • Eine sehr eindringliche Beschreibung von einem Musikfeuerwerk, wie es eigentlich nur Streicher zustande bringen können. Ich kam mir beim Lesen fast so vor, als sei ich dabei gewesen. Zur weiteren Steigerung des Streichereffekts kann ich noch Tschaikowskis Streicherserenade und von Schostakowitsch die Streichorchesterfassung seines 8. Streichquartettes empfehlen (leider beide von mir noch nicht besprochen, kommt aber noch).

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