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Osterley House – Mäanderungen durch die englische Wirtschaftsgeschichte

In „Osterley House“ werden zahlreiche historische Personen erwähnt, die manchem Leser nicht oder nicht näher bekannt sein dürften. Ein Register sämtlicher Personen mit Lebensdaten und kurzer Charakterisierung befindet sich am Ende des Textes.

Für denjenigen, welche es bevorzugen, das Werk in der Hand zu haben, steht es  bei epubli.de auch in Buchformat zur Verfügung (ISBN 978-3-7467-1889-7). Davon abgesehen, gibt es dort auch  eine  E-Book Version. Es kann dort, über den Buchhandel oder die gängigen Onlinehändler bezogen werden. 

 

Sie öffnete mir die Augen für einen Blick                                                                                  in das wahre Leben – Samuel Johnson über                                                                             Bernard Manndevilles Bienenfabel

 

Im Westen Londons liegt Osterley House. Es ist eines jener Herrenhäuser, welche die Engländer unter Hinzufügung des Ortsnamens mit einem gewissen Understatement, das latent auch einem unguten Gewissen geschuldet sein dürfte, schlicht als „house“ bezeichnen. Tatsächlich handelt es sich dabei aber, wenn auch nicht immer schon äußerlich, um alles andere als bescheidene Behausungen. Nicht nur, dass ihre Ausmaße weit über das hinausgehen, was man sich gewöhnlich unter einem Haus vorstellt. Innen befinden sich in der Regel opulent ausgestattete repräsentative Räume, darunter meist eine große Empfangshalle und ein eindrucksvolles Treppenhaus, Räumlichkeiten, in denen je nach der Epoche, in welcher das Haus entstand oder umgestaltet wurde, strahlendes Gold, dunkles Holz oder mehr oder weniger bunter Stuck vorherrschen. Zum Repertoiere der „stately home“, wie diese Residenzen in England genannt werden, gehört auch eine Gemäldesammlung, in der einige Werke oder zumindest Kopien von Klassikern der Malkunst zu bestaunen sind, dazu allerhand Portraits von ehemaligen Besitzern des Hauses, ihren Familienangehörigen und royalen Celebritäten sowie romantische Landschaftsbilder, auf denen bevorzugt antike Ruinen abgebildet sind. Außerdem liebt man es, sich mit einer bedeutungsschweren Bibliothek zu umgeben, in der sich fein-ledern eingebundene Bücher und Prachtfolianten mit goldschimmernden Rücken, darunter vielbändige Geschichtswerke, Reise- und Länderbeschreibungen finden, welche, wiewohl meist ziemlich betagt, oft so makellos erhalten sind, dass die Vermutung nicht fern liegt, sie seien kaum je aus den Regalen genommen worden; manche prächtige Büchereihen erweisen sich bei näherer Betrachtung auch als bloße Ansammlung von Buchrücken, hinter denen sich eine Tür oder ein Schrank verbirgt. Umgeben ist das „house“ in der Regel von einem formalen Garten mit ornamental angeordneten oder zurechtgestutzten nicht selten exotischen Gewächsen samt einer lichten Orangerie für deren Winterquartier. Außerdem gehört dazu ein weitläufiger Landschaftspark, in dem das Herrenhaus möglichst mittig in „splendid isolation“ platziert ist. Darin kann man den Blick entlang ausgeklügelter, durch sorgfältig platzierte Baumgruppen perspektivisch verstärkte Sichtschneisen in die Ferne schweifen lassen, wo er hier und da auf antikisierende Tempelchen, schön gebogene Brücken über künstliche Kanäle und Teiche, sowie Brunnen und sonstige Lustbauten trifft. Eingehegt wird das Ganze schließlich von einer Kilometer langen Mauer aus abertausenden von Ziegelsteinen. All das trifft auch auf Osterley House zu.

Die Herrenhäuser, die wie vom Himmel gefallene Edelsteine über die ganze Landschaft der britischen Inseln verstreut sind, waren idealiter Orte, an denen man die Geschäfte des Alltags hinter sich lassen konnte, welche die „Herren“ vermutlich in Umkehrung der heute geläufigen Rangordnung wie die alten Römer am liebsten als „negotium“, als Abwesenheit von „otium“ (Muße), charakterisiert hätten. Aber in einem Volk, wo „negotium“ schon in der Sprache eine derart negative Konnotation verloren hat und „negotiation“ für Verhandeln und somit auch für Handel und letztendlich überhaupt für Handeln und damit für die vorwärts drängende „Aktivität“ steht, über welche sich moderne Gesellschaften im Wesentlichen definieren, in einem solchen Volk waren diese „Otiumvillen“, wie man die ländlichen Rückzugsorte der Antike nennt, immer auch Kristallisationspunkte des allgemeinen Lebens. Hier traf sich, wer in der politischen und finanziellen Oberschicht des Landes etwas zu sagen hatte oder zu sagen haben wollte. Hier verhandelte man, was in diesen Kreisen wichtig war, prägte statusbestimmende Standards und entfaltete wirtschaftliche Aktivitäten. Nicht zuletzt wurden hier Entscheidungen getroffen oder vorbereitet, mit denen ein Gemeinwesen gesteuert wurde, welches ab dem Ende des 16. Jahrhunderts das größte Reich der Weltgeschichte schaffen und die Speerspitze der weltwirtschaftlichen Entwicklung werden sollte.
Eine Voraussetzung für diese außerordentliche Dynamik war die besondere Art des Generierens und Akkumulierens von Kapital, welche sich ab dem 17. Jahrhundert in England herausbildete und die sich im Großen und Ganzen bis heute erhalten hat. Auch insofern ist Osterley House mit von der Partie. Drei seiner Besitzer haben im englischen Wirtschaftsleben eine herausragende Rolle gespielt. Diese Kumulation machte mich neugierig, und indem ich diesen Figuren und ihren Beziehungen zu Osterley House nachging, begann eine lange und ziemlich windungsreiche Wanderung, die mich immer tiefer in die englische Wirtschaftsgeschichte, ja überhaupt in die zahlreichen Varianten der Geschichte samt allerlei Geschichten und Geschichtchen zog.
Merkwürdigerweise fiel mitten in meine Betrachtungen die Abstimmung darüber, ob England aus der Europäischen Union ausscheiden solle, deren Ergebnis bekanntlich fast alle Beobachter und auch viele Engländer, nicht zuletzt die Initiatoren der Befragung überrascht hat. Dies war für mich umso mehr Grund, mich mit der insularen Seele und den Umständen zu befassen, die sie geprägt haben. Dabei kam ich zu dem Ergebnis, dass man eigentlich nicht sonderlich überrascht sein durfte.
Ursprünglich hatte mein Interesse an Osterley House einen gänzlich anderen Grund. Der heutige Bau ist das Werk des großen klassizistischen Architekten und Designers Robert Adam aus dem 18. Jahrhundert, welcher Kontakt zu dem italienischen Kupferstecher Giovanni Battista Piranesi hatte, mit dem ich mich seit Beginn meines tieferen Interesses an den Erscheinungen der Kultur und das heißt nicht weniger als ein halbes Jahrhundert lang immer wieder befasst habe. Robert Adam war wie sein moralphilosophisch-wirtschaftstheoretischer „Vornamensvetter“ und Zeitgenosse Adam Smith, auf den ich im weiteren Verlauf meiner Erzählung noch zu sprechen komme, ein Schotte. Er hatte sich bei seinen architektonischen Studien in Rom mit Piranesi angefreundet und hatte sich von den stilistischen Vorstellungen und der Begeisterung des Italieners für die römische Antike anstecken lassen, was seinen eigenen noblen, geradezu kristallin-exquisiten (Adam)Stil formte, mit dem er eine ganze Epoche prägte. Diese Nähe zu Piranesi hatte zur Folge, dass ich mich mit Osterley House intensiver befasste, als mit den vielen anderen Herrenhäusern, welche ich in England besucht habe. Bei der näheren Beschäftigung mit derlei Fragen, die in erster Linie ästhetischer Natur sind, driftete ich aber schon bald in eine Welt ab, welche damit auf den ersten Blick wenig zu tun zu haben scheint, mit ihnen aber doch in merkwürdiger Dialektik verbunden ist, die Sphäre des großen Geldes und seines Erwerbs, welches die Voraussetzung für das Entstehen aber auch den Untergang von Herrenhäusern wie Osterley ist. Damit war ich bei den drei Eigentümern dieses Hauses, welche samt einigen Nebenfiguren beispielhaft für die merkwürdigen Verflechtungen stehen, welche Macht, Moral, Ästhetik und Wirtschaft in dieser Welt eingehen.
Schon der erste Besitzer von Osterley, so stellte ich fest, war eine Figur, die dem englischen Wirtschaftsleben einen markanten Stempel aufdrückte. Das Land, auf dem sich heute Haus und Park befinden, wurde bis in die 60-er Jahre des 16. Jh. landwirtschaftlich genutzt. Im Jahre 1562 erwarb der Geschäftsmann Thomas Gresham den Bauernhof, der sich dort befand. Gleichzeitig erhielt er von der Krone den Besitz der umliegenden weitläufigen Ländereien von rund drei Quadratkilometern mit der Erlaubnis, diese in einen Park umzuwandeln.
Gresham, war, wie meine beiden anderen Protagonisten von Osterley House, ein Mann des Bürgerstandes. Sein Vater war ein wichtiger Player in der Londoner „City“, dem seit alters weitgehend selbstverwalteten wirtschaftlichen Herz und Gehirn Englands, in der er unter anderem die Position des Lord Mayors inne hatte. Daneben hatte er eines der größten englischen Handelshäuser aufgebaut. Thomas Gresham selbst lebte und arbeitete lange für die Familienfirma in den Niederlanden, wo im 16. Jahrhundert, als England noch eine drittklassige Macht war, wirtschaftlich die Musik spielte. Auf der Basis der Erfahrungen, die er dort machte, beriet er die englische Krone unter König Edward IV., Königin Maria I. und Elisabeth I. in fiskalpolitischen Fragen. Insbesondere vermittelte er dem Herrscherhaus, das finanziell alles andere als souverän und daher chronisch klamm war, Kredite internationaler Großinvestoren, darunter von den deutschen Handelshäusern der Tucher in Nürnberg und der Fugger in Augsburg, von denen die Krone im Gegenzug Juwelen und andere Waren zu völlig überteuerten Preisen kaufen musste. Bei der Wahl der Mittel, mit denen er der Krone Geld verschaffte, war er nicht sonderlich skrupulös. So wurden auf seinen Rat Handelsflotten, die von England nach Antwerpen auslaufen wollten, so lange festgehalten, bis die Kaufleute der Krone einen hohen Kredit zu Konditionen, welche eben die Krone bestimmte, eingeräumt hatten. Als das englische Pfund zur Zeit Edwards VI. durch Kursmanipulationen ausländischer Händler und Fehlentscheidungen des Agenten der Krone in den Niederlanden in eine gefährlichen Krise geraten war, wurde Gresham, ohne dass er sich danach gedrängt hatte, wie er betonte, selbst zum Agenten bestellt. Gresham gelang es mit trickreichen Operationen, den Pfundkurs zu stabilisieren, wodurch die angeschlagene Kreditwürdigkeit Englands wiederhergestellt und die ausländischen Schulden der Krone, die sich bedenklich aufgehäuft hatten, unerwartet schnell zurückgezahlt werden konnten. Spätestens seit dieser Tat stand er in dem Ruf, ein außerordentlich einfallsreicher Finanzmann zu sein. Zu den Methoden, mit denen Gresham die Gläubiger der Krone dazu brachte, Ruhe zu halten, gehörte die Veranstaltung von Banketten, deren Opulenz in krassem Gegensatz zu den wahren finanziellen Verhältnissen seines Auftraggebers stand. Eines dieser Gastmähler ließ er für teures Geld von einem niederländischen Maler abbilden, was ich als erstes, weil besonders treffendes Beispiel für die Verbindung der Welten von Kunst und Geld bringe. Leider konnte ich nicht herausfinden, von wem es stammt und was aus diesem Gemälde inzwischen geworden ist. Von Gresham selbst gibt es aber mehrere Bilder, darunter eine wunderbar altmeisterlich klare Darstellung von dem seinerzeit angesagtesten Portraitisten Antonis Mor, das sich im Amsterdamer Rijksmuseum befindet.
Auch sonst war Gresham, der sich das Wohlwollen der Mächtigen nicht zuletzt durch große Geschenke zu sichern wusste, der Krone dienstbar, etwa als Botschafter Englands bei der Regentin der spanischen Niederlande, wofür er in den, wenn auch niedrigsten Adelsstand erhoben wurde. Außerdem sammelte er mittels Agenten, die ihm in vielen Teilen Europas zu Diensten waren, und durch Bestechung von relevanten Amtsträgern fleißig politisch relevante Nachrichten, insbesondere über die Absichten Spaniens, das England seinerzeit ständig bedrängte. Vor allem mit seinem Freund William Cecil, dem engsten Berater von Königin Elisabeth, stand er in regem, streng geheimem Briefverkehr. Eine wichtige Rolle spielte er auch beim Schmuggel von Geld und Waffen nach England. Das Exportverbot für Silber, das Kaiser Karl V. zur Stabilisierung der spanischen Handelsbilanz erließ, unterlief er, indem er das Edelmetall, welches die Basis der Währungen in allen Ländern war, in Pfefferlieferungen versteckte. Waffen deklarierte er sinnigerweise als Samtlieferungen und zur Reduzierung des in England notorischen Mangels an Schießpulver organisierte er eine „Armada“, eine im wahrsten Sinne des Wortes „bewaffnete“ Flotte, bestehend aus fünf Schiffen voller Schießpulver, die den Sprengstoff, der nicht zuletzt für den Kampf gegen Spanien dringend benötigt wurde, von den spanischen Niederlanden ohne Zwischenfälle über den Ärmelkanal brachte.
Besonders gerne nahm Elisabeth I. Greshams Dienste und seinen Rat in finanziellen Dingen in Anspruch. Er vermittelte ihr nicht nur immer wieder neue Kredite in Antwerpen, das seinerzeit die Drehscheibe der nordeuropäischen Finanzmarktgeschäfte war. Als sich deren Schwerpunkt nach Hamburg verlagerte, sorgte er dafür, dass der notorische Wackelkandidat England hier als zuverlässiger Kreditnehmer erschien. Immer wieder mahnte der Kenner der misstrauischen kaufmännischen Seele die Krone, die zur finanziellen Leichtsinnigkeit neigte, nicht nur an die kurzfristigen Vorteile von Transaktionen zu denken, sondern sich durch pünktliche Kreditrückzahlungen auch künftigen Ressourcen zu sichern.
Da Elisabeths Vater, Heinrich VIII., sein fiskalisches Defizit kurzsichtig und auf eben nicht seriöse Weise durch Verringerung des Edelmetallgehaltes der Münzen zu reduzieren versucht hatte, was zu einem Verfall des Pfundes führte, riet Gresham der Königin zu einer Münzreform, die sie dann auch zum Vorteil des Staatshaushaltes durchführte. Wir wissen nicht, ob er der Königin davon abriet, die leeren Kassen der Krone durch die Staatspiraterie gegen den spanischen Rivalen auf den Weltmeeren aufzubessern, wie sie etwa ein Francis Drake betrieb – die Königin war an einer Handelgesellschaft beteiligt, die Drakes Raubzüge finanzierte, woraus sie eine hübsche Dividende bezog-, eine bemerkenswerte Variante der Public-Private-Partnership, die so typisch für die englische Staatsorganisation ist und nicht selten zweifelhafte Effekte erzeugt (Drakes Vetter John Hawkins, der das gleiche „Geschäftsmodell“ praktizierte, handelte mit Unterstützung der Krone als einer der ersten Engländer auch noch mit Sklaven, was ein Jahrhundert später ein gigantisches public-private Modell werden sollte, auf das ich im Zusammenhang mit der South-Sea-Company noch zurückkommen werde). Gresham selbst war jedenfalls an der Gründung einer Handelsgesellschaft, der „Compagnie of Cathai“, beteiligt, welche die Expedition des berüchtigten Freibeuters Martin Frobisher finanzierte, mit der eine Nord-West-Passage nach Asien gefunden werden sollte. Allerdings hatte er mit diesem Ausflug in die Sphäre der Glücksritter und „Merchand-Adventurer“, die damals von London aus in alle Welt ausschwärmten, wenig Fortune. In der City ging nach Frobishers erster Expedition im Jahre 1576 das Gerücht herum, dass er Golderzvorkommen entdeckt habe, weswegen man ihn umgehend mit einer weiteren Expedition beauftragte, nicht ohne ihn zuvor, unbekümmert um die Rechte der indigenen Bevölkerung, zu nicht weniger als zum „Großadmiral aller Meere und Gewässer von Cathai“, also China, und anderer neu zu entdeckender Gewässer ernannt hatte. Da er von dieser Fahrt zweihundert Tonnen Gestein mitgebracht hatte, das man für goldhaltig hielt, schickte man ihn, im Goldrausch – der Mutter aller Modelle zur leichten Gewinnmaximierung – jede kaufmännische Vorsicht außer Acht lassend und ohne eine weitere Überprüfung des mitgebrachten Materials gleich mit fünfzehn Schiffen wieder los, die er mit Golderz füllen sollte. Als er zurückkam, wusste man schon, dass man sich verspekuliert hatte. Es hatte sich herausgestellt, dass das goldschimmernde Gestein wertloses Pyrit war.
Für Königin Elisabeth hatte Gresham noch eine Aufgabe zu erfüllen, die ihm nicht angenehm, aber offenbar nicht abzulehnen war. Er musste in seinem Haushalt Lady Mary Grey, eine Urenkelin Heinrichs VII, und Großcousine der Königin mit Thronfolgeberechtigung, quasi als Gefangene halten. Die unglückliche Lady hatte ohne die erforderliche königliche Zustimmung heimlich und unter Stand, nämlich einen bloßen, wenn auch stattlichen königlichen Portier geehelicht, weshalb sie der damaligen, geradezu shakespearesk-rigorosen Thronsicherungspolitik gemäß sofort und auf Dauer von ihrem Angetrauten getrennt und viele Jahre unter Hausarrest gestellt wurde, ein Schicksal, das auch ihre Schwester Catherine erlitt, die ihre Gefühle genausowenig im Zaum halten konnte oder wollte und ebenfalls heimlich geheiratet hatte. Drei Jahre ihrer „Gefangenschaft“ verbrachte Lady Mary Grey im Hause Greshams, die beiden letzten in Osterley House. Der Hausherr suchte, auch zur Entlastung seiner Frau, welche die traurige Lady zu betreuen hatte, mehrfach um Entbindung von dieser Last nach, fand damit aber bei Hofe lange kein Gehör.
Bei Gelegenheit von Mary und Catherine Grey muss ich noch auf das Schicksal einer weiteren Grey-Schwester samt dessen Weiterungen eingehen, weil sich dadurch die für die westliche Politkultur so bedeutenden Entwicklungen am Ende des 17. Jahrhunderts, die im Verlauf meiner Erzählung noch eine Rolle spielen, recht plastisch von den Verhältnissen der Gresham-Zeit abheben werden. Die dritte im Bunde der Geschwister war Lady Jane. Ihr Leben war ein wahrhaftes Königsdrama á la Shakespeare, was auch wieder mit mehr oder weniger geglückten Eheallianzen zu tun hatte, mit denen zu Fürstens Zeiten bevorzugt (Eroberungs)Politik gemacht wurde. Um diese Lady hatte sich der ehrgeizige John Dudley, Earl of Warwick, bemüht, der es zu einem der wichtigsten Ratgeber Heinrichs VIII. gebracht hatte, aber nach noch Höherem strebte. Der politische Ehrgeiz und der Hang, die Nähe der Krone zu suchen, der in seiner Familie endemisch war, sollten ihm und seiner Entourage nicht gut bekommen. Schon John Dudleys Vater Edmund war damit schlecht gefahren. Er war unter Heinrich VII. so etwas wie ein Finanzminister. Als solcher hatte er ein strenges Regime geführt und sich insbesondere beim Adel unbeliebt gemacht, den er rigoros zur Kasse bat. Nach dem Tode seines Herrn wurde er von Heinrich VIII., der sich damit wohl die Sympathie des Adels sichern wollte, unter einem Vorwand in den Tower gesperrt, wo er wegen Hochverrates enthauptet wurde, was der Beginn einer ganzen Serie von Köpfungen rund um die Familie Dudley war. Sohn John scheint dem König die Beseitigung seines Vaters nicht allzu übel genommen zu haben, denn er verdingte sich bei ihm als Heerführer und Berater in verschiedenen wichtigen Funktionen. Als Heinrich VIII. seinem Tod entgegen sah, berief er John Dudley in den Regentschaftsrat, der für seinen noch minderjährigen Sohn aus der Ehe mit Jane Seymour, den nachmaligen Edward VI., bis zu dessen Volljährigkeit die Regierungsgeschäfte führen sollte. Dessen Vorsitz hatte zunächst Edwards Onkel, der zu diesem Zweck zum Herzog von Somerset erhoben wurde. Als sich nach einigen Jahren unter den Granden Widerstand gegen den Herzog unter anderem deswegen erhob, weil er durch einen misslungenen Feldzug nach Schottland die Finanzen des Landes zerrüttet hatte und zu viel Verständnis für aufständische Bauern zeigte, die gegen die zunehmenden Einzäunungen von Ackerland durch den Adel protestierten, nutzte Dudley, der selbst Großgrundbesitzer war und schon außerordentich blutige Schlachten gegen die Bauern geführt hatte, die Gelegentheit, um Somerset im Verein mit Gleichgesinnten zu stürzen. Er ließ sich von Edward VI., den er auf seiner Seite hatte bzw. hatte ziehen können, selbst zum Herzog (von Northumberland) erheben und veranlasste fünf Tage danach ungeachtet der Tatsache, dass er seinen Sohn Guildfort kurz zuvor mit Somersets Tochter verheiratet hatte, dass letzterer in den Tower gesperrt und bald darauf hinrichtet wurde. (Trocken notierte der frühreife 14-jährige Edward VI. am 22.1.1552 in sein Tagebuch: „Dem Herzog von Somerset wurde heute morgen zwischen acht und neu Uhr der Kopf abgeschlagen.“). Bei dieser Gelegenheit übernahm Dudley auch noch Somersets soeben fertiggestelltes, unweit von Osterley House liegendes schönes Herrenhaus Syon (das Robert Adam wie Osterley House später prachtvoll ausstattete). Mit der Beseitigung Somersets war Northumberland de facto der Regent Englands. (Als solcher machte er übrigens Gresham zum Agenten der Krone in den Niederlanden mit dem Auftrag, die erwähnte Zerrüttung der englischen Finanzen durch Somersets Schottlandfeldzug zu reparieren.) Aber er wollte noch höher hinaus.
Nach der Regelung, die Heinrich VIII. getroffen hatte, sollte seine katholische Tochter Maria in der Thronfolge hinter Edward VI. stehen (erst danach kam die eher lauwarm protestantische Elisabeth). Edward aber war ein glühender Anhänger des Protestantismus und wollte verhindern, dass ein Katholik die Königsmacht erhielt, weswegen er in Erwartung seines Todes – er starb im Alter von nur 15 Jahren vermutlich an Tuberkulose – die Erbfolge dahingehend änderte, dass nach ihm seine Cousine Lady Jane, eine ebenfalls überzeugte Protestantin, den Thron erben solle. Darüber ob und inwieweit John Dudley, der sich auch auf die protestantische Seite geschlagen hatte, den jungen Mann dabei beeinflusst hat, streiten die Historiker. Dafür spricht jedenfalls die Tatsache, dass John Dudley, der als außerordentlich einschüchternde Persönlichkeit geschildert wird, kaum dass Edward VI. das entsprechende Dokument ausgestellt hatte, seinen sechszehnjährigen Sohn Guiltford mit der seinerzeit fünfzehnjährigen Jane Grey verheiratete. Nach dem Tode Edwards proklamierte Dudley seine nunmehrige Schwiegertochter in Syon House zur Königin und schickte Truppen zur Verhaftung Marias los. Diese hatte sich aber schon nach Norfolk in Sicherheit gebracht, wo sie einen Tag nach Lady Grey von der katholischen Partei zur Königin ausgerufen wurde. Die Katholiken konnten sich gegen die protestantische Partei schnell durchsetzten, sodass Lady Grey die Königswürde schon nach neun Tagen an Maria I. verlor, womit sie als Neuntage-Königin in die Geschichte einging. Im Zuge der Verwicklungen wurde nun Dudley verhaftet und wegen Hochverrates angeklagt. Er versuchte, sich noch durch Anerkennung von Maria und Übertritt zum Katholizismus zu retten, wurde aber dennoch verurteilt und im Tower hingerichtet. Auch Lady Grey wurde, wie übrigens auch alle Söhne Dudleys, wegen Hochverrates zum Tode verurteilt. Maria begnadigte aber die Söhne Dudleys und verzichtete zunächst auf die Vollstreckung des Urteils gegen Lady Grey und ihren Gemahl. Als sich wenig später die protestantische Partei unter Beteiligung von Janes Großvater, dem Herzog von Suffolk, wegen Marias Absicht, Philipp II. von Spanien zu ehelichen, in der sog. Wyatt-Verschwörung gegen die Königin erhob, hielten sie und ihre Berater es aus staatspolitischen Gründen dann aber doch für angebracht, auch die Eheleute zu köpfen (Großvater Suffolk und zwei Mitverschwörer gingen dabei selbstverständlich ebenfalls ihrer Häupter verlustig). In diesem Zusammenhang verbrachte auch Marias Halbschwester Elisabeth, welche der Beteiligung an der Verschwörung verdächtigt wurde, einige Zeit im Tower, wo sie sich mit Robert Dudley, einem der Söhne Northumberlands, getroffen haben soll, der als Geliebter der späteren „jungfräulichen Königin“ vermutet wird und eine wichtige Rolle bei ihren politischen Schachzügen spielen sollte (u.a. bestellte sie ihn zum Lordprotector, das heißt zum Regenten bis zu Klärung der Thronnachfolge, als sie befürchtete, dass sie wegen einer Pockenerkrankung sterben könnte; außerdem wollte sie ihn mit Maria Stuart von Schottland verheiraten, um auf diese Weise das störrische Volk im Norden der Insel in Griff zu bekommen, was aber misslang). Einmal richtig in Gang gesetzt ging das Köpferollen munter weiter – meist mit einem öffentlichen Spektakel und anschließender Präsentation des aufgespießten und zur längeren Erhaltung geteerten abgeschlagenen Hauptes und weiterer Körperteile der Inkriminierten auf der London Bridge. (Im Jahre 1595 zählte ein deutscher Reisender über dreißig aufgespießte Köpfe auf der Brücke). Maria brachte in ihrer fünfjährigen Regierungszeit rund dreihundert Prostestanten auf das Schafott, womit sie sich den Titel „Bloody Mary“ redlich verdiente. Elisabeth setzte die blutige Tradition, wenn auch mit einer etwas geringeren Schlagzahl, fort (eines ihrer Opfer war bekanntlich Maria Stuart von Schottland, das England, worauf ich noch eingehen werde, erst über ein Jahrhundert später in den Griff bekommen konnte). Diese blutige Art des Erwerbs, der Sicherung und des Übergangs von Macht sollte sich, wie gesagt, erst Ende des 17. Jahrhundert im Zuge der Entwickungen ändern, die ein außerordentlich wichtiger Bestandteil der polit-ökonomischen Geschichte England sind.
Das dramatische Schicksal der hochgebildeten Lady Grey, die Platon und Livius in den Originalsprachen las, ist vielfach zum Gegenstand von Romanen, Theaterstücken, Gemälden und Filmen geworden, in denen insbesondere die Art, wie die junge Frau ein Spielball in den Händen ergeiziger Männer war, mehr oder weniger melodramatisch verarbeitet worden ist. Insbesondere um ihre letzten Tage und Stunden ranken sich allerhand rührselige Legenden, zumal sie in Erwartung des Todes ergreifende Briefe an ihren Mann und andere Vertraute geschickt hatte, die sehr zum Verdruss von Königin Maria schon bald nach ihrem Tod gedruckt wurden. Sie verweigerte standhaft die Konversion zum katholischen Glauben, die man ihr anbot, und starb wie Sokrates, indem sie sich – ihre Unschuld betoned – dem Gesetz beugte (und auf ein Nachleben mit ihrem Mann, den sie tatsächlich geliebt zu haben scheint, im Jenseits vertraute). Von protestantischer Seite wurde sie später geradezu zur Mätyrerin stilisiert. In Deutschland hat sie Theodor Fontane mit einer in Knittelversen etwas holpernden Ballade verewigt.
Thomas Gresham, um auf ihn zurückzukommen, musste bei all den Diensten, welche er für die Krone leistete, nicht darben. Er strich bei der Vermittlung der vielfältigen Geschäfte zwischen dem Königshaus und dem Ausland nicht nur eine ordentliche Marge ein. Er durfte auch großzügig seine Auslagen abrechnen und Geld der Krone für private Spekulationen verwenden. Als nach Beendigung seiner Tätigkeit für die Regierung ein Revisor die finanziellen Beziehungen zwischen ihm und der Krone prüfte und zu dem Ergebnis kam, dass er der Krone noch einen ansehnlichen Betrag schuldete, besorgte er sich ein Doppel des Berichtes, setzte darauf eine ziemlich freihändig errechnete Gegenforderung und ging damit zu Königin Elisabeth, um sich das Ganze bestätigen zu lassen, was sie, da sie ihn angesichts seiner Verdienste nicht desavouieren wollte, auch tat. Im Übrigen wurde er von der Krone mit reichlich Land belohnt. Dasselbe stammte aus einer weiteren Maßnahme, mit der Heinrich VIII. die Not leidenden königlichen Finanzen aufbesserte, nämlich aus den Enteignungen, welche im Zuge der Entmachtung der katholischen Kirche sehr viel Land „frei“ gemacht hatten – immerhin gehörte den seinerzeit aufgelösten Klöstern einmal nicht weniger als ein Sechstel des englischen Grundes. Auf diese Weise gelangte Gresham wohl auch an den Grund von Osterley House und Park. Am Ende war Gresham einer der reichsten Männer Englands. Er konnte sich daher ein anständiges Herrenhaus leisten.
Thomas Gresham baute also ein „house“ auf dem Grund von Osterley, der so geschickt außerhalb der geschäftigen Hauptstadt lag, dass man seine Ruhe hatte und einigermaßen sicher vor der Pest war, die London immer wieder heimsuchte, aber mit einer Stunde Kutschenfahrt auch wieder so nah, dass man bei der Entscheidung wichtiger politischer oder geschäftlicher Angelegenheiten schnell an den Brennpunkten der Entscheidungsfindung präsent sein konnte. Wir wissen heute nicht mehr genau, wie Osterley House damals aussah. Man kann aber annehmen, dass es den Vermögensverhältnissen seines Erbauers angemessen war. Die Kubatur, die dem heutigen Bau im Wesentlichen noch zu Grunde liegt, war jedenfalls gewaltig. Wenn das alte Osterley House dem Burghley House ähnelte, das sich William Cecil, der 1. Earl of Exeter, zur gleichen Zeit im Norden Londons baute, war es auch sonst nicht eben bescheiden. Dafür dass dies der Fall gewesen sein dürfte, spricht, dass an beiden Häusern der Architekt arbeitete, den sich Gresham zum Bau eines ebenfalls sehr prachtvollen Geschäftshauses in der City aus Antwerpen geholt hatte, wo man sich eine sehr aufwendige Bauweise leisten konnte. In zeitgenössischen Beschreibungen wird Osterley House als „angemessenes und stattliches Haus aus Backsteinen“, beschrieben, das „eines Prinzen würdig“ sei. Darauf dass es auch königlichen Ansprüchen genügte, deutet die Tatsache, dass sich Elisabeth hier öfters aufhielt. Bei einem ihrer Besuche soll sie bemängelt haben, dass der Ehrenhof vor dem Haus zu groß sei, er würde schöner, wenn man ihn in der Mitte durch eine Wand teilte. Am nächsten Morgen, so wird berichtet, habe Gresham die Königin mit der fertigen Mauer überrascht, welche eilig herbei gerufene Bauleute über Nacht erstellten hätten (was angesichts der tiefen nächtlichen Stille auf dem völlig einsam liegenden Anwesen, bei der jede Aktivität weithin hörbar gewesen sein muss, nicht leicht nachzuvollziehen ist).
Um das Haus herum legte Gresham einen riesigen eingezäunten Park an, den er durch den Erwerb anliegender Ländereien im Laufe der Zeit noch erheblich erweiterte. Der Park war so groß, dass das, was davon heute übrig ist, noch immer eines der größten unbebauten Gebiete Londons ist, das an weitläufigen öffentlichen Grünflächen ja nicht eben arm ist. Wegen der Dominanz des Grundes wird das ganze Anwesen daher auch Osterley Park genannt.
Als Unternehmer wusste Gresham den Park auch wirtschaftlich zu nutzen. Er legte Seen für die Zucht von Fischen und eine Reiherzuchtanlage an. Mit dem Wasser des vorbei fließenden Flusses Brent betrieb er mehrere Mühlen, darunter die erste Papiermühle Englands.
Die alt eingesessenen Bauern waren von einer derart herrenhaften Nutzung des Landes natürlich alles andere als begeistert, denn sie verloren dadurch ihre Lebensgrundlage. Ihre Einstellung gegenüber dem „Landlord“ lässt sich an Hand eines Ereignisses erkennen, das sich bei einem Besuch von Königin Elisabeth zugetragen haben soll. Die Darbietung von Liedern, Sonetten und eines eigens für diesen Anlass geschriebenen Schauspiels, die Gresham für die Königin veranstaltete, soll durch zwei Frauen gestört worden sein, die „bösartig, diabolisch und illegal“ die Zäune und Einfriedungen des Parks niederrissen und verbrannten. In der Tat trug Gresham mit seiner Art der Landnutzung zu der durchaus zwiespältigen Entwicklung bei, durch welche England einerseits seinen einsamen Spitzenplatz in der weltwirtschaftlichen Entwicklung erlangen, andererseits aber auch ernorme neue soziale Probleme erzeugen sollte. Eine Ursache für den Beginn der industriellen Revolution und der damit einhergehenden Verelendung der ehemals bäuerlichen Bevölkerung Englands wird nämlich darin gesehen, dass sich ab der Zeit eines Gresham das Bodenrecht änderte. Das mittelalterliche Recht, nach welchem der landwirtschaftliche Boden dem „Eigentümer“ meist nur während der Anbauperiode zur alleinigen Nutzung zur Verfügung stand, ansonsten aber von der Allgemeinheit, den „commeners“, etwa zum Grasen von Vieh genutzt werden konnte, wurde unter dem Druck des Adels und des Großkapitals zunehmend abgelöst durch das Recht des „Eigentümers“, eingezäunte Flächen zu bilden, über deren Verwendung er alleine entscheiden konnte (was sie abgesehen vom großformatigem und damit effizienteren Getreideanbau im Wesentlichen dazu nutzten, massenhaft die wenig arbeitsintensive Schafzucht zu betreiben mit der Folge, dass England zum wichtigsten Produzenten von Wolle aufstieg). Die stark zunehmende Bildung solcher „enclosures“ trieb die Bauern von der Scholle, was dazu führte, dass sie in die Städte zogen. (Der irische, in England tätige Schriftsteller Oliver Goldsmith, auf den ich später noch näher eingehen werde, hat dieses Problem schon in seiner 1770 erschienenen Elegie „The deserted Village“ thematisiert und ergreifend das armselige Schicksal der vertriebenen Landbevölkerung geschildert, die gezwungen war, in die Städte oder nach Amerika auszuwandern.) Die große Menge ungebundener, Arbeit suchender Menschen aber gilt als eine Voraussetzung für das Entstehen der großen Manufakturen, die schließlich in rasender Schnelle die Wirtschaftswelt revolutionierten und England seinen großen Vorsprung in der weltwirtschaftlichen Entwicklung sichern sollte. Mittlerweile hat sich das Phänomen der Landflucht gerade in London, aber auch in vielen anderen großen Städten der Welt umgekehrt und die inzwischen „eingeborenen“ Stadtbewohner werden nun in ähnlicher Weise wie einst die Landbevölkerung durch eine neue Schicht wohlhabend gewordener Marktteilnehmer aus ihren Quartieren verdrängt, von Personen, die sich, wie es im schönsten Soziologendeutsch heißt, nicht anders als die Herrenhausbesitzer „im Habitus und Geschmack, in den sozialen und kulturellen Ausdrucksweisen und symbolhaft inszenierten Konsumgewohnheiten“ von ihnen unterscheiden, ein Prozess, der in Anlehnung an die Rückkehr der „landed gentry“ in die Städte ab der Mitte des 19. Jahrhunderts als „Gentrifizierung“ bezeichnet wird.
Gresham trug noch ein Weiteres zur Beförderung des englischen Wirtschaftslebens bei. Er gründete nach dem Muster der Niederlande den ersten englischen Platz für den geregelten Handel mit vertretbaren, das heißt nicht individuell zu liefernden Gütern, die Londoner Börse. Dazu ließ er in der City von seinem Antwerpener Architekten und mit Materialien, die eigens aus den Niederlanden herbeigebracht wurden, das bereits erwähnte repräsentative Geschäftshaus im flämischen Stil erstellen. Auf einem zeitgenössischen Stich ist ein palastartiges Gebäude mit einem prächtigen Innenhof zu sehen, über dessen Säulenarkaden sich Nischen mit überlebensgroßen Statuen befinden. Ausdrücklich ist darauf vermerkt, dass Gresham den Bau auf eigene Kosten zum Schmuck der königlichen Stadt London und zum öffentlichen Gebrauch erstellt habe. Die „Royal Exchange“, die Königin Elisabeth im Jahre 1571 eröffnete, wurde zum Nukleus des Wirtschaftszentrums City, diesem gerade einmal eine Quadratmeile großen Stadtbezirk, der im Laufe der Zeit zu einem der Hotspots der Weltwirtschaft werden sollte.
Gresham legte nicht nur archtektonisch Wert auf Stil. Aktienhändler waren an der Börse wegen ihres rüpelhaften Benehmens zunächst nicht zugelassen. Sie trafen sich in der Umgebung der Royal Exchange, ab der Mitte des 17. Jahrhundert vor allem in Kaffeehäusern wie „Jonathans“, die sich in einer noch heute bestehenden Gasse zwischen Cornhill und Lombard Street befanden, die man später Exchange Alley, verkürzt Change Alley nannte. Dort entwickelte sich im Laufe der Zeit ein systematischer Aktienhandel.
Schließlich wird mit dem Namen des Herrn von Osterley House auch das ökonomische Phänomen verbunden, wonach staatlich angeordnetes schlechtes, das heißt aus minderwertigem Metall bestehendes Geld auf die Dauer das gute Geld verdrängt, da letzteres gehortet wird. Unter Verweis auf dieses „Gesetz“, dessen Gültigkeit inzwischen auch für andere Wirtschaftsbereiche erwiesen ist, hatte Gresham Königin Elisabeth zu der erwähnten Münzreform geraten, weswegen es nach ihm benannt wurde (allerdings hatten sich schon Aristophanes und Kopernikus mit diesem Problem beschäftigt). Damit wurde Gresham auch ein Platz in den Annalen des Nachdenkens über die Funktionsweise der Nationalökonomie zugewiesen, eine Wissenschaft, in der England angeführt durch Adam Smith, bald ebenfalls die Richtung bestimmen sollte.
Gresham, dessen einziger Sohn im Alter von zwanzig Jahren gestorben war, verfügte, dass sein Vermögen nach seinem Tod weitgehend öffentlichen Zwecken dienen solle. Einen Teil vermachte er in letzter Instanz der „City of London Corporation“, der Körperschaft, durch welche die „Square Mile“ seit dem frühen Mittelalter nach einem eigenen hochkomplexen Verfahren mehr oder weniger demokratisch regiert wird (sie gilt als die älteste demokratische Institution Englands). Zum anderen bedachte er die „Mercers Corporation“, die Tuchhändlergilde, der er angehörte, die älteste der zahlreichen Zunftorganisationen, welche die Basis der Verfassung der „City Corporation“ bilden; diese bis heute bestehenden „Livery Corporations“, das heißt Livree tragenden Standesorganisationen, kümmerten sich, abgesehen von der Regelung berufständiger Fragen, vor allem um die sozialen Belange ihrer Mitglieder. Von den Einkünften aus seiner Hinterlassenschaft war das Gresham College zu finanzieren, welches er gründete, die älteste Bildungsinstitution der „City“, in der laut testamentarischer Verfügung sieben Professoren täglich Vorlesungen über Astronomie, Medizin, Musik, Recht, Rhetorik, Mathematik und Theologie halten sollten, was, wenn auch nicht in dem Umfang, den der Stifter anstrebte, bis heute beibehalten wird. Außerdem ordnete er an, dass aus diesen Mitteln auch die Armenhäuser für acht Personen zu unterhalten seien, die er hinter seinem Stadthaus in der City bauen ließ. Auch diese Institution ist bis heute erhalten, wurde jedoch, da das Grundstück in der City für eine derart „unwirtschaftliche“ Verwendung zu wertvoll wurde, im 19. Jahrhundert in den Stadtteil Brixton verlegt, wo die Häuser so hübsch und gemütlich um eine parkartige Grünfläche gruppiert sind, dass heute mancher ordentlich verdienender Vertreter der Mittelklasse froh wäre, wenn er dort eine Bleibe ergattern könnte. Gresham ist damit auch ein frühes Beispiel für das Engagement der reichen Bürger Englands für öffentliche Belange und für die karitativen und mäzenatischen Tendenzen, welche mit der nicht selten rigoros-liberalistischen anglo-sächsischen Wirtschaftspraxis immer wieder einhergehen. London dankt es ihm dadurch, dass es gleich drei Straßen nach ihm benannte, darunter die Straße, an der die Guildhall, das mittelalterliche Rathaus der City, liegt. Thomas Haywood, ein prominenter Stückeschreiber aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, machte ihn posthum auch zu einer Figur in einer City-Komödie. Im dem Stück, in dem vom Bau der Royal Exchange bis zum Untergang der spanischen Armada diverse Ereignisse aus der Regierungszeit Elisabeths glorifizierend thematisiert werden, geht es sinnigerweise um einen Kredit, den die notorisch klamme Elisabeth zurückzahlen will, obwohl sie ihn gar nicht erhalten hat. Der Kreditgeber war auf einen Trickbetrüger hereingefallen, welcher behauptete, im Namen der Königin zu handeln. Bemerkenswerterweise hat Gresham im Park von Stowe, einem der größten und prächtigsten Herrenhäuser Englands, auf das ich später noch eingehen werde, die Ehre, im „Tempel of the British Worthys“, der im Tal der Elysischen Felder steht, einer der sechzehn Personen zu sein, die der Hausherr in seiner persönlichen Walhalla zu den Großen des Landes zählte. Seine Büste steht dort neben denen von Shakespeare, Locke, Elisabeth I. und Newton. Zu jeder Büste gibt es eine Inschrift, in der in einem Satz die Leistungen des jeweiligen Granden treffend zusammengefasst sind. Sie lautet für ihn: „Thomas Gresham, der durch den ehrenhaften Beruf des Kaufmannes, mit dem er sich selbst und sein Land bereicherte, indem er den Handel in der Welt vorantrieb, die Royal Exchange baute.“
Aber zurück zu Osterley Haus. Ende des 17. Jahrhunderts gehörten Haus und Grund von Osterley Nicolas Barbon, der den beeindruckenden puritanischen Mittelnamen „If-Jesus-Christ-Had-Not-Died-For-Thee-Thou-Hadst-Been-Damned“ trug (Wenn-Jesus-Christus-Nicht-Für-Dich-Gestorben-Wäre-Wärest-Du-Verdammt“). Bei allem Puritanismus oder, wenn man Max Weber folgt, wegen desselben, war Barbon eine Figur, welche gleich in mehrfacher Hinsicht eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der englischen Art des Wirtschaftens spielte. Er gehörte zu den Pionieren der englischen finanziellen Revolution, in der sich vor dem Hintergrund eines alles befragenden rationalistischen Zeitgeistes eine ganze Reihe wegweisender sozialökonomischer Neubildungen vollzogen, darunter ein institutionalisiertes Bank-, Kredit- und Versicherungswesen, das breite Aufkommen von Publikumsgesellschaften, Unternehmen also, in denen Kapital gebündelt wird und an denen jedermann verbriefte und handelbare Anteile, shares, erwerben konnte, die dazu gehörige (Aktien)Börse, und die Ausrichtung der Wirtschaft mittels dieser Instrumente auf (Fern)Handel und Dienstleistungen. Diese ökonomische Revolution wiederum, die als der eigentliche Grund für den Aufstieg Englands zur Weltmacht gilt, ging einher mit der politischen sog. „Glorious Revolution“ des Jahres 1688, die ihren Namen dem Umstand verdankt, dass sie anders als frühere politische Umwälzungen unblutig verlief. Mit der „Glorius Revolution“, die Englands letzter radikaler Umsturz sein sollte, wurde das Fundament eines politischen Systems gelegt, welches die politischen Leidenschaften mäßigt, weil es prinzipiell reformierbar ist und in ihm Macht rational begründet, gesichert und gewechselt, berechenbares Recht gesetzt und durchgesetzt und eine Regierung für ihr Handeln und Unterlassen verantwortlich gemacht werden konnte. Nicht zuletzt entfiel damit für diejenigen, welche an der Macht waren, die „Notwendigkeit“ zur Sicherung derselben, wie einst zu Greshams Zeiten, Köpfe rollen und aufspießen zu lassen und für die, welche danach strebten, das Risiko, dieselben dabei zu verlieren. Bekanntlich hat England mit dem Westminster Parlamentarismus, der sich hier auszuformen begann, der modernen Welt auf’s Nachhaltigste seinen Stempel aufgedrückt. Freilich musste der Rest der entwickelten Welt auf diese vielleicht größte Errungenschaft der neueren Geschichte mitunter noch lange warten und insbesondere noch einige nicht zuletzt blutige Revolutionen durchstehen. Die relative politische Stabilität aber, welche England in der Folge seiner nur zu Recht „glorious“ genannten Revolution genoss, sollte der gedeihliche Hintergrund für den steten Aufstieg seiner Wirtschaft werden.
Barbon nun hatte in den Niederlanden den Arztberuf erlernt und hatte die Absicht, diesen in England auszuüben. Als im Jahre 1665 im Süden Englands die Große Pest ausbrach, bei der allein London rund 70.000 Tote, ein Fünftel seiner Bevölkerung, zu beklagen hatte, bot er der City-Verwaltung seine Hilfe an. Er wurde aber als verdächtiger „Ausländer“ abgewiesen, zumal er auch noch zu den Puritanern zählte, die nach der Cromwellzeit, in der sie diktatorisch geherrscht hatten, massiv diskriminiert wurden. Man ordnete ihn vielmehr zur der nicht eben ungefährlichen Arbeit in eines der Pesthäuser am Rande der Stadt ab, die er erstaunlicherweise überlebte. Kaum war die Pest abgeebbt, wurde London erneut heimgesucht. Im Jahre 1666 brach in Herzen der City der verheerende Große Brand aus, bei dem nicht weniger als 13.000 Häuser, darunter auch Greshams schöne Royal Exchange, sowie 84 Kirchen ein Opfer der Flammen und 100.000 Menschen obdachlos wurden. Barbon erkannte sofort die geschäftlichen Chancen, die aus diesem Desaster resultierten. Angesichts des enormen Bedarfs an Wiederaufbaukapazitäten hing er, kaum fünfundzwanzig Jahre alt, seinen Arztberuf, an den Nagel und betätigte sich als Bauunternehmer. Sein Aktionsdrang, der mit der Skrupellosigkeit gepaart war, welche man den Vertretern dieses Gewerbes gerne nachsagt, war so groß, dass er es zum größten Akteur seiner Zeit auf dem Gebiet des Bauwesens brachte. Als solcher hatte er großen Anteil an dem legendären Kraftakt, mit dem die abgebrannte City binnen vier Jahren unter Aufgabe der engen und brandgefährlichen mittelalterlichen Stadtstrukturen im Wesentlichen wiederaufgebaut und zu einer modernen Stadt entwickelt wurde. Später weitete Barbon seine Bauaktivitäten auf das Gebiet außerhalb der Square Mile aus, wodurch er wesentlich zum Entstehen der Stadt beitrug, die heute insgesamt London heißt. Bei der Wahl der Methoden zur Finanzierung seiner Projekte war er nicht zimperlich. Er verstand es meisterlich, Investoren an Land zu ziehen, gewagte Finanzierungskonstruktionen zu ersinnen und sich, wenn Not herrschte, was ständig der Fall war, seinen Zahlungsverpflichtungen zu entziehen. Eine ganze Schar von Anwälten, Sekretären und Schreibern war ständig damit beschäftigt, seine Verträge auszuhandeln und zu verwalten und ihm Gläubiger vom Hals zu halten. Zum Repertoire seiner Geschäftsgepflogenheiten gehörte insbesondere, es auf eine Klage der von ihm beauftragen Subunternehmer ankommen zu lassen, um die Prozesse so lange zu verzögern, bis er durch einen schnellen Verkauf der unterfinanzierten Projekte wieder zu Geld gekommen war. Möglicherweise leistete er auch damit Pionierarbeit. Zu dieser Art der Verzögerungstaktik nehmen auch heute finanzschwache Teilnehmer am Wirtschaftsprozess noch gerne Zuflucht.

Barbon baute nicht, wie bis dato üblich, für bestimmte Bauherren und deren individuelle Bedürfnisse, sondern entwickelte und realisierte große standardisierte Bauprojekte für eine vermutete oder noch zu schaffende Nachfrage, somit für den anonymen Markt. Er war damit einer der ersten großen Bauspekulanten der englischen Wirtschaftsgeschichte. Sein Ansatz war zukunftsweisend. Der Typus des Bauunternehmers, den er repräsentierte, und die Art seines Bauens sollten den englischen Städtebau von da an wesentlich prägen. Zeugnis davon geben noch heute die endlosen Reihen gleichartiger „terraced houses“ ab, welche das Bild der englischen Vorstädte, insbesondere Londons prägen. Ohne die unternehmerische Aktivität von Bauspekulanten á la Barbon wären die ungeheuerlichen Bauleistungen im London des 19. Jahrhunderts, das seinerzeit mit einer Steigerung seiner Einwohnerzahl von einer auf fast sieben Millionen zur größten Stadt der Welt wurde, kaum zu bewältigen gewesen. Noch heute ist der Londoner Grundstücksmarkt, der englischen Neigung zum Abschluss aller möglichen Wetten auf die Zukunft entsprechend, in außergewöhnlich hohem Maße von derart spekulativen Aspekten geprägt, mit der Folge, dass man zum Kauf eines Hauses oder einer Wohnung in manchen Stadtteilen ein Vermögen benötigt, welches nicht weniger groß als das eines Gresham sein sollte.

Als Projektentwickler hatte es Barbon mit zwei „Philosophen“, wie man damals Naturwissenschaftler nannte, zu tun, die gleich ihm durch die Herausforderungen des großen Brandes in das Bauwesen gezogen worden und dort auf der Seite der Behörden tätig waren. Der eine war der Universalgelehrte Robert Hooke, der den Mikrokosmos ebenso erforschte wie den Makrokosmos – unter anderem prägte er den Begriff der Zelle und entdeckte den Großen Roten Fleck auf dem Jupiter; er war aber auch Mathematiker, Geologe, Meteorologe und Physiologe, erfand die federgetriebene Uhr, trieb die Entwicklung optischer Instrumente voran, testete Materialien auf ihre Brandfestigkeit und beschäftigte sich mit vielen anderen neuen Dingen. Wegen der außerordentlichen Breite seiner Forschungen und Erfindungen wird er der englische Leonardo genannt. Der andere war der große Architekt Christopher Wren, der London mit den Bauten des klassizistischen Barock überzog, die bis heute sein Stadtbild prägen, allen voran die alles überragende St. Pauls Kathedrale, die zur City nicht weniger als die Börse gehört (und in der bemerkenswerterweise keine Heroen des Glaubens, sondern neben einigen Persönlichkeiten der Kulturgeschichte, darunter Wren, vor allem Militärs mit Grabmälern geehrt werden). Wren und Hooke waren so etwas wie Zwillinge des Geistes und des Lebens. Beide stammen aus der englischen Kaderschmiede Oxford und waren Professoren am Gresham College, Hooke für Geo-metrie und Wren für Astronomie. Sie waren Mitglieder des Kreises von Wissenschaftlern, der sich im Gresham College regelmäßig traf, um die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft im Geiste des Rationalismus, der „New Philosophy“, zu diskutieren. Aus diesem Kreis ging unter ihrer maßgeblichen Beteiligung die Royal Society hervor, eine Institution, welche für die Entwicklung der englischen Naturwissenschaft außerordentlich wichtig werden sollte und die ebenfalls bis heute besteht. Beide hatten schließlich zentrale Funktionen beim Wiederaufbau der City. Sie bekleideten jeweils die Stellung eines Surveyors, was im engeren Sinne Landvermesser bedeutet, in ihrem Fall aber so etwas wie die Stellung eines Beauftragten für den Wiederaufbau war, Hooke für die London City Corporation und Wren für den König. Die beiden „Philosophen“ waren, nun, da es die Zeit verlangte, mit sehr praktischen Tätigkeiten befasst. Sie hatten mit allem zu tun, was bei der umfassenden Umgestaltung einer zerstörten Stadt anfällt, neben Landvermessung, für die sie als Mathematiker besonders qualifiziert waren, unter anderem auch mit Straßenplanung, Grundstücksumlegungen, Kostenkalkulation, Mittelbeschaffung, Steuereinzug und Bauaufsicht. Wie „unphilosophisch“ diese Tätigkeit war, kann man aus dem Tagebuch ersehen, das Hooke über seine Tätigkeit führte, und in dem er minutiös notierte, welche Baustellen er besuchte, mit wem er sich getroffen und was besprochen und geregelt hat – der handgeschriebene dicke Foliant ist eines der Prunkstücke der Bibliothek der Guildhall, eines der wenigen Gebäude der City, welches den Großen Brand überstanden hat.

Wren, der in Sachen des Bauens nicht anders als Hooke und Barbon Autodidakt war, hatte als Surveyor des Königs unter anderem auch die Aufgabe, den Wiederauf- bzw. Neubau von einundfünfzig Pfarrkirchen und sechsunddreißig Zunfthallen zu leiten, welche der große Brand zerstört hatte. Er richtete dafür ein Architekturbüro ein, das erstmals arbeitsteilig von der Planung über die Bauaufsicht und die Abrechnung alle Tätigkeiten erbrachte, welche heute von einem solchen Büro erwartet werden. Eine der Neuerungen, die er einsetzte, war statt der bis dato üblichen Abrechnung nach den Preisen, welche die Handwerker nach Gutdünken und Zunfttradition verlangten, so weit wie möglich nach Aufmass, also nach messbarer Leistung abzurechnen, eine Abrechnungsmethode, deren sich auch Barbon bediente. Zwilling Hooke, der inzwischen ebenfalls architektonische Neigungen entwickelt hatte, war Wrens Stellvertreter. Er kümmerte sich um organisatorische und technische Fragen, entwarf aber auch öffentliche Bauwerke und mindestens eine Kirche. Gemeinsam planten die Dioskuren das „Monument“, die 61 Meter hohe begehbare Säule, welche man genau 61 Meter entfernt von der Stelle aufrichtete, an welcher der Große Brand in einer Bäckerei ausgebrochen war (auf ihr wurde freilich vermerkt, dass der Brand der protestantischen Stadt durch die Arglist und den Verrat der verhassten „päpstlichen Fraktion“ verursachte wurde, was erst 150 Jahre später im Zuge der Gleichberechtigung der Katholiken entfernt wurde). Diese Säule, die einmal weit aus dem Häusermeer herausragte, steht heute so eng eingeklemmt zwischen Gebäuden aus neuerer Zeit, dass sie, wie St. Pauls, in der immer weiter in den Himmel wachsenden Skyline der City unterzugehen droht. Die beiden Philosophen ließen natürlich die Chance nicht ungenutzt, das tatsächlich monumentale Bauwerk so zu konstruieren, dass sie es auch zu astronomischen Beobachtungen nutzen konnten. Das Monument, das an den Schicksalsschlag für die City erinnert, aber auch die erstaunliche Geschichte ihres Wiederaufstiegs symbolisiert, ist bis heute die größte freistehende Säule der Welt, deutlich höher als die berühmtere Nelsonsäule auf dem Trafalgar Square, mit der sich England nach einem Jahrhundert weiteren spektakulären Aufstiegs als Weltmacht feierte.

Als Surveyor mussten Hooke und Wren mit Barbon zusammenstoßen, der, von den City-Oberen und dem König argwöhnisch beobachtet, die Entwicklung der Stadt außerhalb der Citygrenzen energisch vorantrieb und es mit dem Einhalten von Vorschriften und der Beachtung der Rechte Anderer nicht so genau nahm. Überliefert ist etwa, dass Wren in einem Streit vermitteln musste, den Barbon mit Nachbarn ausfocht.

Barbon war nicht nur Baulöwe, sondern auch sonst ein außerordentlich reger Unternehmer, der die wirtschaftlichen Möglichkeiten, welche seine Zeit eröffnete, in höchst innovativer Weise zu nutzen wusste. Eng verbunden mit seinen bauspekulativen Aktivitäten war sein Engagement auf dem Versicherungsmarkt. Im Jahre 1680 gründete er die erste Feuerversicherung der Welt und damit die erste Versicherung von Grundstücken. Bereits nach kurzer Zeit waren in seinem „Fire Office“, das später nach Art einer Aktiengesellschaft organisiert war und zu dem praktischerweise auch gleich eine Feuerwehr gehörte, rund 5000 Gebäude versichert. In einer Art Rund-um-Paket bot der findige Unternehmer gegen gesonderte Bezahlung zugleich auch noch die Möglichkeit zur Entnahme von (Lösch)Wasser aus der Themse an. Barbon leistete damit einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des Versicherungswesens, in dem England später, etwa mit der Versicherungsbörse Lloyds, die 1688 erstmals als Kaffeehaus-Treff von Schiffsversicherern erwähnt wird, ebenfalls eine führende Rolle übernehmen sollte. Barbons Feuerversicherung ist nach diversen Fusionen in der heutigen „Royal and Sun Alliance Company“ (RSA), einem der größten, weltweit agierenden englischen Versicherer aufgegangen, der dadurch als das älteste Versicherungsunternehmen der Welt gilt.

1694 verkaufte Barbon seine Anteile an der Feuerversicherung, wohl weil er mangels Masse seinem Versprechen nicht nachkommen konnte, ein ihm gehöriges Grundstück zu bebauen, das als Sicherheit für die Einlagen seiner Anleger dienen sollte. Ein Jahr danach fand der rastlos umtriebige Unternehmer ein weiteres bis dahin völlig unbeackertes Geschäftsfeld, auf dem er wiederum Pionierarbeit leistete. Er gründete die „Land Bank“, Englands erstes Institut, das Kredite vergab, welche durch die Belastung von Grundstücken abgesichert waren. Da die Kredite aus den Einlagen der Kreditnehmer und weitgehend zum Zwecke der Baufinanzierung vergeben wurden, war sie auch eine Vorform der Bausparkasse, womit Barbon auch insofern seiner Zeit weit voraus war; die ersten echten Bausparkassen kamen in England erst acht Jahrzehnte später auf. Das Konzept der Landbank ermöglichte Landeigentümern, die bis dato mit ihren Einkünften aus der Landwirtschaft das Rückgrad der englischen Wirtschaft bildeten, Grundstücke zum Zwecke der Kapitalbildung und damit auch für nicht landbezogene wirtschaftliche Aktivitäten nutzen. Für die Rentiers, die ihre Einkünfte traditionellerweise aus sicherem Landbesitz zogen, wo man die Landbevölkerung für sich arbeiten ließ, erschien es nun auch ausreichend sicher, sich auf dem Finanzmarkt zu engagieren, wo man das Geld für sich arbeiten lassen konnte, zumal man die Gewinne aus Finanzgeschäften, anders als die Einkünfte aus dem Landvermögen nicht versteuern musste – eine Einkommenssteuer wurde erst Ende des 18. Jahrhunderts eingeführt, wobei wiederum England voranging. Dadurch verwischte sich die traditionelle Trennung von „landed class “ und „moneyed class“, Land- und Geldadel, wodurch neue Wege der Kapitalbildung eröffnet wurden. Die „Land Bank“ war die konsequente Folge der Versicherungsgründung. Denn bebaute Grundstücke boten erst dann wirkliche Sicherheit für Kredite einer Bank, wenn die Gebäude, welche jedenfalls in den Städten und Gemeinden den eigentlichen Wert des Grundstückes ausmachten, gegen das größte Risiko der Zeit, die Zerstörung durch Feuer versichert waren. Grundstücksversicherung und Land-Bank trugen damit zur Generierung des Kapitals bei, mit dem risikobehaftete Großunternehmungen wie Kolonialaktivitäten und Fernhandel, die wesentliche Elemente der wirtschaftlichen Weltmachtstellung Englands werden sollten, finanziert und abgesichert werden konnten.

Barbon selbst hat übrigens sein Geschäftsmodell in Osterley House in die Praxis umgesetzt und den umfangreichen Grund und Boden zum Zwecke der Erlangung von flüssigem Kapital sofort mit Hypotheken belastet. Möglicherweise hat er Osterley House überhaupt in erster Linie zu diesem Zweck gekauft. Auf diese Weise hat er am Ende freilich auch die Kehrseite der Medaille kennen lernen müssen, die er selbst geprägt hatte.

Gegen Ende seines Lebens wurde Barbon zum ökonomischen Denker und veröffentlichte drei Schriften, in denen er sich grundlegend mit Fragen der Wirtschaft beschäftigte. Auch wenn er sich angesichts einer seinerzeit noch nicht ausgebildeten Fachsprache und noch fehlender wissenschaftlicher Kategorisierungen mitunter etwas ungelenk ausdrückt, leistete er auch damit Pionierarbeit. Seine erste Schrift mit dem Titel „An Apology of a Builder“, die er anonym herausgab, entstand, als sich Widerstand gegen seine ausufernde Bautätigkeit außerhalb der Mauern der City regte. Der Untertitel des Werkes ist nicht weniger lang als Barbons Zweitname und lautet: „A discourse shewing the cause and effects of the increase of building“ (Eine Erörterung, die den Grund und die Wirkungen einer verstärkten Bautätigkeit aufzeigt). In dieser „Apologie“, die mehr ein Plädoyer für eine Politik der ungehinderten Bautätigkeit ist, argumentiert Barbon systematisch von sehr grundsätzlichen zu detaillierten Erwägungen fortschreitend im wahrsten und doppelten Sinne des Wortes „pro domo“, nämlich für das (Haus)Bauen im Allgemeinen ebenso wie für seine eigene bauunternehmerische Aktivität. Akribisch und beredt legt er dar, dass und wie das Bauen das allgemeine Wohl befördere. Er betont die Funktion und Bedeutung der Stadt und insbesondere ihres Zentrums, der City, als Sammelbecken und Verstärker der wirtschaftlichen Kräfte einer Nation und beschreibt damit ziemlich genau die Entwicklung, die sich in London schon damals vollzog und die sich in zugespitzter Weise bis heute fortsetzt. Den Gebäude besitzenden Rentiers, die befürchten, ihre Mieter könnten in neu gebaute Gebäude abwandern und ihre alten Häuser dadurch an Wert verlieren, versichert er, dass die Entwicklung genau umgekehrt verlaufen werde. Denn durch eine – neue – Bebauung, die sich an die alte Bebauung anschließe, würde letztere in eine Zentrumslage geraten, wo sie mehr wert sei als an der Peripherie und damit auch höhere „Renten“ erbringe. Auch damit beschreibt Barbon ein Phänomen, das man in London bis heute besonders anschaulich beobachten kann. Die Landstriche außerhalb der Stadt wiederum, so fährt er den Blick weitend fort, profitierten von einer solchen Entwicklung, weil sie die Materialien für die Bauten und die Ausstattung der Häuser sowie die Lebensmittel für die Stadtbevölkerung lieferten, wodurch Arbeitsplätze für die nichtstädtische Bevölkerung entstünden und verhindert würde, dass sie verarme oder gezwungen werde, in andere Länder auszuwandern. Damit skizziert Barbon die Grundlinien einer Theorie der Wirtschaftstimulation durch Tätigen und Fördern von (Bau)Investitionen, ein nationalökonomischer Gedanke, der erst lange nach ihm ausformuliert werden sollte.

Die Regierung, so führt er schließlich aus, habe vom Städtebau den Vorteil, dass die Produktions- und Handelstätigkeit durch die Konzentration an einem Ort stimuliert werde und sich dadurch das Steueraufkommen erhöhe. Städte seien im Übrigen leichter zu verwalten und ihre Bewohner neigten, da sie am Erhalt der Gebäudewerte interessiert seien, weniger zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Abschließend stellt er fest, dass ein prosperierendes Land eine große Hauptstadt als sein Herz benötige, durch das „Waren und Handel wie das Blut zirkulieren, durch welches der übrige Körper sein Leben erhalte.“

Wenn all dies schon wie eine hellsichtige Analyse der Rolle erscheint, welche London und insbesondere seine City in England spielten, so sind Barbons Vorstellungen davon, welche Stellung der Inselstaat ohne die Neigung zur Restriktionen der Bautätigkeit, gegen die er anschrieb, schon zu seiner Zeit gehabt hätte, von geradezu prophetischer Qualität. Am Ende malt der geschickte Propagandist seinen profit- und ruhmsüchtigen Landsleuten ein verführerisches Zukunftspanorama von monumentalen Dimensionen. Er entwirft die Vision eines Weltreiches unter englischer Flagge in der Form eines Bildes über eine verpasste Chance der Gegenwart, ein Szenarium, welches, wenn auch wohl weniger aus bauwirtschaftlichen Gründen, später tatsächlich weitgehend Wirklichkeit geworden ist. Seine Schlussbemerkung in einem Satz, der so exzessiv ist, wie Barbon selbst, lautet: „Und wenn wir bedenken, welche Wirkungen eine so große Stadt gehabt haben müsste; eine Stadt, die über Mittel für die Kriegsführung in einer Menge verfügt hätte, die ihrer Großartigkeit entspricht und über eine riesige Anzahl an Schiffen; die auf einer Insel und an einem schiffbaren Fluss gelegen und von zahllosen Menschen von solch’ natürlichem Mut bewohnt wäre, wie ihn die Engländer besitzen, und die so leicht und schnell samt dem nötigen Kriegsmaterial zu transportieren sind – eine solche Stadt wäre lange vor unserer Zeit der Schrecken ganz Europas gewesen und hätte jetzt unter der Regierung eines so großen Kriegsfürsten, wie er zur Zeit herrscht, zur Hauptstadt der Welt werden können; sie hätte bewirkt, dass der Monarch von England als Herrscher über alle Häfen und mit Schiffen erreichbare Städte der Welt anerkannt worden wäre und dass eine universale Monarchie über die Meere entstanden wäre, ein Reich, das nicht weniger glorreich als ein Landreich aber viel profitabler und größer als das Cäsars oder Alexanders gewesen wäre.“ Fünfzig Jahre nach dieser Vision tauchte in einem Bühnenstück mit dem Titel „Alfred“, das im Herrenhaus Clivenden des Prince of Wales Friedrich Ludwig von Hannover erstmals aufgeführt wurde, der Vers „Rule Britania, Britania rule the waves“ auf. Er sollte zur inoffiziellen Nationalhymne Englands werden.

Pionierarbeit leistete Barbon vor allem mit seiner Schrift „A Discourse of Trade“ aus dem Jahre 1690. Den Bedarf für diese Erörterung begründet er damit, dass die Menschen, wiewohl die Bedeutung des Handels bekannt sei, sich dennoch über nichts weniger einig seien als über die wahren Gründe, welche den Handel befördern. Als einer der ersten ökonomischen Denker stellt er fundamentale Dogmen der bis dato herrschenden merkantilistischen Wirtschaftsdoktrin in Frage und geht erste Schritte auf dem Weg zu einer funktionalen, an den wirtschaftsimmanenten Gegebenheiten, insbesondere den Gesetzen von Angebot und Nachfrage orientierte Sicht der Nationalökonomie. Anlass zu diesem Traktat, in dem Barbon seine Ansichten über die Funktionsweise der Wirtschaft breit darlegt, dürften die außenwirtschaftlichen Maßnahmen gewesen sein, die im Zusammenhang mit der „Glorious Revolution“ getroffen wurden. Unmittelbar nach der Thronbesteigung durch Wilhelm III. im Jahre 1689 hatte die Regierung ein vollständiges Verbot der Einfuhr von Waren aus Frankreich verhängt, mit dem England insbesondere durch Einfuhr von Luxuswaren, darunter vor allem Wein, eine massiv negative Handelsbilanz hatte und dazu im Krieg lag. Hinter dieser Maßnahme stand die Vorstellung, dass der Reichtum eines Landes wesentlich durch Überschüsse im Außenhandel und der Hortung des dabei gewonnenen Edelmetalls erzielt bzw. erhalten werde, eine Theorie, welcher Thomas Mun, ein Direktor der legendären East India Company und Wirtschaftsberater der Stuarts, in seinem epochemachenden Werk „Englands Treasure by Foreign Trade“ aus dem Jahre 1628 ihre lange wirksame Gestalt gegeben hatte. Barbon argumentiert gegen dieses „Evangelium des Merkantislismus“, das gegebenenfalls Importverbote verlangte, und malt mit beredten Worten und allerhand historischen Beispielen die Vorteile aus, welche ein ungehinderter Handel zwischen den Nationen bewirke. Detailliert legt er die Mechanik des internationalen Handels und dessen stimulierende Wirkung auf die Güterproduktion der Nationen auseinander und kommt zu dem Schluss, dass eine einseitige Beschränkung des Handels letztendlich keinen Schutz sondern ein Schaden für das Gewerbe des Staates bewirke, der die Beschränkung anordne. Denn da der Handel seinem Wesen nach ein Tausch von Ware gegen Ware sei, bei dem Geld nur die Rolle des Mittlers spiele, könnten bei einer Beschränkung des Importes auch die einheimischen Waren nicht abgesetzt werden. Barbon ist damit ein Vorkämpfer für den Freihandel, dessen theoretisches Fundament dann acht Jahrzehnte später Adam Smith in seinem grundlegenden Werk „Der Wohlstand der Nationen“ ausformulieren sollte. Der Gedanke, dass ein möglichst ungehinderter Handel den Wohlstand der Völker am besten befördere, sollte die Grundidee des angelsächsischen Wirtschaftsdenkens und der klassischen Nationalökonomie werden, die ihren Ausgangspunkt von der Insel der Händler nahm.

Als einer der ersten Theoretiker stellt Barbon auch die Zusammengehörigkeit von Handel und (Außen)Politik fest, ein Aspekt, den er bei klassischen Staatsdenkern wie Livius und Machiavelli vermisst. Mit besonderer Ausführlichkeit legt er dar, dass Reiche nicht mehr, wie zu Cäsars oder Alexanders Zeiten durch die Eroberung oder den Erwerb von Territorien geschaffen werden könnten, sondern auf der Beherrschung des Handels gründen würden – im übrigen auch deswegen, weil man in der internationalen Konkurrenz nicht mehr mit Schwert und Belagerungstechnik agiere, sondern gegebenenfalls mit Schusswaffen, zu deren Betätigung man Salpeter benötige, welches ein Land wie England mangels eigener Vorkommen durch Handel erwerben müsse. Als Beispiel für derartige Handelsimperien verweist er auf die Niederlande und Venedig, die trotz eines geringen Staatsgebietes durch Handel bedeutende Mächte geworden seien. Hinter dieser Argumentation steht wieder Barbons Vision von einer neuen Art imperialer Zukunft für sein Heimatland, das, wie er meint, durch seine insuläre Lage dazu prädestiniert sei, den Seehandel zu beherrschen und damit ein neues weltumspannendes Reich zu schaffen. Die Gründung von Kolonien zum Zwecke der Ausbeutung anderer Länder und Völker lehnt er jedoch ab, da diese dabei ihre Fähigkeit verlören, als gleichwertige Handelspartner am gegenseitig vorteilhaften Wertschöpfungsprozess teilzunehmen.

Ausführlich befasst sich Barbon mit der Rolle der Zinsen, die er als die Herrscherin oder Richtschnur (rule) des Handels bezeichnet. Seine Auffassung von Zinsen, die er in Analogie zur Rente für Grundstücke als die Rente für die Bereitstellung von Kapital definiert, hat das rationale Verständnis für die wirtschaftstechnische Rolle des Zinses eingeleitet, was ihm noch über drei Jahrhunderte später eine lobende Erwähnung durch den Ökonomiegranden Josef Schumpeter einbrachte. Mit dieser funktionalen Sichtweise hat Barbon die Zinsnahme vom Odium des Wucherischen befreit, mit welchem sie durch das biblische Zinsverbot behaftet war, eine Vorstellung, mit der sich die protestantischen Engländer recht schnell, die katholische Kirche aber erst rund 150 Jahre später anfreunden konnte.

Überhaupt betreibt Barbon die Befreiung der Wirtschaft von den Fesseln der Moral. Vermutlich hat er sich dabei von der weitgehenden Entkoppelung von Politik und Moral inspirieren lassen, die Machiavelli postulierte, den er für den besten aller Staatsdenker hält. So wendet er sich etwa gegen eine moralbestimmte Wirtschaftspolitik der Sparsamkeit und der Einschränkung des Luxus, die Thomas Mun zur Erhaltung des Überschusses oder zumindest des Gleichgewichtes der Handelsbilanz postuliert hatte. Anders als das Individuum, dessen Mittel begrenzt seien, müsse eine Nation nicht sparsam sein, da ihre Ressourcen und damit ihr Wachstum prinzipiell unbegrenzt seien. Barbon befreit damit die Nationalökonomie aus der Analogie zu den moralbegrenzten wirtschaftlichen Verhaltensmöglichkeiten des Individuums und eröffnet ihr neue Horizonte. Drei Jahrhunderte später sollte der große englische Wirtschaftstheoretiker John Maynard Keynes, der unter gewissen Bedingungen eine Ankurbelung der Konjunktur durch Defizitfinanzierung propagierte, die entsprechenden Sätze Barbons anerkennend zitieren.

Von dieser Grundhaltung aus kommt Barbon auch zu einer neuen Bewertung des Konsums, der in christlicher und insbesondere puritanischer Sichtweise tendenziell als unmäßig und damit sündhaft galt. Barbon propagiert eine rationale, rein wirtschaftliche Sichtweise des Konsums, der für ihn der Motor der Wirtschaft ist und diese am Laufen halte. Da der Mensch das Bedürfnis habe, seinen Status zu demonstrieren und zu repräsentieren und dieses Bedürfnis am wirksamsten durch Bauwerke befriedigt werden könne, sieht der Baulöwe den stärksten Impuls für die Stimulierung des Konsums natürlich wieder in der Förderung der Bautätigkeit. Davon abgesehen empfiehlt er zu diesem Zweck die Produktion von leicht „verderblichen“ Waren, insbesondere modischer Kleidung, weil diese immer wieder ersetzt werden müssen. Allerdings fordert er nicht die Produktion von Ware mit begrenzter Haltbarkeit oder gar von Ramschware der Art, die heutzutage den Markt überschwemmt, sondern plädiert für die Fertigung von modischer Luxusware. Denn diese werde, da sich die Mode schnell ändere, immer wieder durch neue Ware ersetzt.

Wie sehr Barbon mit seinen Ansichten über die öffentliche Sparsamkeit und die Funktion des Konsums gegen die Vorstellungen seiner Zeit lag, zeigt die hitzige Reaktion auf ein Gedicht, welches wenige Jahre nach seinem Tod anonym erschien. Es stammte von dem niederländischen, in England lebenden Schriftsteller und Moralisten Bernard Mandeville, wie Barbon von Haus aus Mediziner. Die 800 Verse umfassende Fabel mit dem Titel „Der murrende Bienenstock oder Ehrbar gewordene Schurken“ spitzte das Problem aus dem Grenzbereich von individueller und kollektiver Ethik, welches Barbon aufgeworfen hatte, in subversiv-satirischer Übertreibung zu. Sie schildert das Schicksal eines Bienenschwarms, dem es gut ging, solange man unmoralisch, insbesondere luxuriös und verschwenderisch lebte, der aber verarmte und schließlich unterging, nachdem er begonnen hatte, ein moralisches, insbesondere sparsames und luxusfeindliches Leben zu praktizieren. Denn durch eine verdorrte Nachfrage nach Konsumgütern wurden Arbeitsplätze und Einkommen vernichtet und dem Bienenvolk die Kraft genommen, sich im Konzert konkurrierender Schwärme zu behaupten; als Opfer der moralischen Sparsamkeit werden dabei übrigens Landhäuser à la Osterley House genannt, welche die Besitzer plötzlich zur Bezahlung der Schulden verkaufen, mit denen sie dieselben gebaut hatten. Das Werk, das Mandeville im Eigenverlag herausbrachte und zunächst auf den Straßen Londons als Six-Penny Bröschüre verkaufen ließ, setzte eine aufgeregte Diskussion in Gang, die mit persönlichen Diffamierungen des Autors durchsetzt war, was Mandeville dazu veranlasste, das Thema in einem schließlich auf zwei Bände angewachsenen Opus mit einem Essay, Dialogen und Anmerkungen weiter zu bearbeiten und den Titel mit „Die Bienenfabel oder Private Laster, öffentlicher Nutzen“ zu schärfen. Die Ablehnung seiner fälschlich als libertinistisch gebranndmarkten Thesen war einhellig. Sogar ein Gericht, sinnigerweise das Obergericht von Middelsex, wo sich Osterley House befindet, befasste sich mit der Sache und verurteilte das Werk als unsittlich, weil es geeignet sei, „alle Religion und bürgerliche Herrschaft“ umzustürzen. Einzig Samuel Johnson, der Chefliterat Englands im 18. Jahrhundert, zollte Mandeville Respekt und bekannte, dass das Werk ihm die Augen für den Blick in das wirkliche Leben geöffnet habe. Das Problem, das unter der Bezeichnung „Mandeville Paradox“ Einzug in den ökonomischen Diskurs hielt, sollte in mehr oder weniger moralgetränkter Form nicht nur die sozialethische sondern auch die wirtschaftspolitische Diskussion und Praxis der nächsten zwei Jahrhunderte bestimmen und ist noch heute in den Endlosdebatte um die Frage präsent, ob in wirtschaftlichen Krisenzeiten deficit spending oder austerity angezeigt sei.

Ein letztes Mal schaltete sich Barbon in den regen wirtschaftspolitischen Diskurs seiner Zeit ein, als die Krone Mitte der 1690-er Jahre wieder einmal eine Münzreform plante. Die englische Wirtschaft litt seinerzeit unter einem akuten Geldmangel. Es gab alte Silbermünzen, die mit dem Prägehammer handgefertigt waren. Sie waren unregelmäßig und hatten einen Rand, der mangels eindeutiger Fixierung leicht beschnitten werden konnte, wovon nicht zuletzt die Goldschmiedbanker, die ja einen erheblichen Teil der Münzen aufbewahrten, ausgiebig Gebrauch machten. Außerdem gab es seit dem Jahre 1662 neue Münzen, welche maschinell mit einer Münzpresse hergestellt wurden. Sie hatten einen klar mit einem Ornament markierten Rand und konnten daher nicht ohne weiteres beschnitten werden. Das neue Geld hatte dadurch bei gleicher Denomination einen höheren Silbergehalt als das alte Geld. Die Differenz betrug bis zu fünfzig Prozent. Dem Gresham’schen Gesetz entsprechend hatte dies zur Folge, dass das schlechtere alte Geld das bessere neue Geld verdrängte, etwa weil letzteres gehortet, eingeschmolzen oder ins Ausland geschmuggelt wurde, wo es nach dem Silbergehalt bewertet wurde. Hinzu kam noch, dass ohnehin große Mengen an (Silber)Geld zum Bestreiten der kriegerischen Aktivitäten Wilhelms III. auf dem Kontinent den Kanal überquerten, das dort mit hohen Abschlägen gehandelt wurde (und die Geldmenge in England verringerte). Selbst gravierende Strafen wie das Einbrennen eines großen R in die Wangen der Fälscher mit heißen Eisen oder der Strang konnten das Beschneiden (und Fälschen) der Münzen nicht zurückdrängen. Daraufhin wurde ein Gesetz erlassen, wonach derjenige, der einen Münzfälscher anzeigte, eine hohe Belohnung erhalten, oder, wenn er selbst Fälschungen vorgenommen hatte und zwei Fälscher anzeigte, straffrei ausgehen sollte. Weiter sollte ein Lehrling ohne weiteres, das heißt ohne Meisterstück, „freeman“ der City werden, welches die Voraussetzung für die Mitgliedschaft in einer Gilde und damit für die Ausübung eines Gewerbes war, wenn er seinen fälschenden Meister denunzierte. Auch dies vermochte wenig gegen den unbändigen Drang der Menschen nach möglichst anstrengungsarmen Profit. Die Entwertung des Geldes und der daraus resultierende Mangel an Münzen lähmte die Wirtschaft und traf insbesondere den kleinen Mann, der mit seinem sauer verdienten Geld nichts mehr einkaufen konnte. Wie sehr diese Problematik den Alltag der Menschen betraf, lässt sich aus den Briefen John Drydens, einem der wichtigsten Literaten der Epoche, an seinen Verleger ersehen, der immer wieder darum bittet, dass man ihm doch brauchbares Geld für seine Texte geben möge. Als er die Arbeit an seiner berühmten Vergil-Übersetzung abgeschlossen hatte, meinte er erschöpft, dass er das Publikum, wenn Vergil noch ein weiteres Buch zum Übersetzen hinterlassen hätte, statt mit maschinengefertigtem nur noch mit gehämmertem Geld hätte bezahlen können. Und in einer City Kommödie heißt es: „Die Tugend ist so stark abgewertet, wie unser Geld und Treue, dei gratia, ist bei einem 16-jährigen Mädchen so wenig zu finden als um den Rand eines alten Schilling.“

Als sich das Problem dramatisch zuspitzte, erhob sich ein Disput darüber, wie dem Übel abzuhelfen sei, an dem sich auch der Philosoph John Locke, einer der geistigen Väter der „Glorious Revolution“, mit einer viel beachteten Schrift beteiligte (bemerkenswerter Weise war übrigens Locke, wie Barbon und Mandeville, vom Humanmediziner zum „Sozialtherapeuten“ geworden, wie auch weitere wichtige Wirtschaftstheoretiker der Zeit, darunter William Petty, ein Mitglied des Gresham College Kreises, der mit seiner Methode der zahlenbasierten Analyse als {Groß}Vater der englischen Nationalökonomie gilt.) Locke kam zu dem Ergebnis, dass zur Beseitigung des Geldmangels eine Münzreform erforderlich sei. Neue Münzen mit höherem Silbergehalt müssten die korrumpierten alten Münzen ersetzen. Wilhelm III. forderte daraufhin eine Reihe von herausragenden Persönlichkeiten auf, ihre Meinung zu dieser wirtschaftspraktisch äußerst delikaten Angelegenheit mitzuteilen. Dazu gehörten mangels spezialisierter Ökonomen die beiden „Philosophen“ Christopher Wren und Isaac Newton, womit zusammen mit dem echten Philosophen Locke eine wahrhaft beeindruckende Riege beieinander war, die nicht zuletzt zeigt, dass sich in England, wenn es um Geld geht, auch die Besten nicht zu schade sind, sich damit zu befassen. Das aufgeworfene Problem verlangte, sich grundsätzlich mit der Frage zu beschäftigen, was Geld eigentlich ist. Hier fühlte sich Barbon gefordert, der sich in seinem Discorse of Trade mit diesen Fragen schon auseinandergesetzt hatte. Scheinbar altersweise geworden hielt es der wirtschaftspraktische Raufbold, nachdem er Locke seine Reverenz erwiesen hatte, zunächst einmal für nötig zu betonen, dass er mit seiner Schrift allein das allgemeine Wohl im Auge habe, was er mit der Versicherung beglaubigt, dass er eine Auffassung vertrete, die für ihn persönlich nachteilig sei. Dann befasst er sich tief schürfend mit der Bedeutung und Funktionsweise von Geld und entwickelt die Grundlagen einer Werttheorie. Auch dabei nimmt Barbon wieder avantgardistische Positionen ein. Er argumentiert gegen die von alters her bestehende Auffassung von Geld als einem Wert an sich, der sich aus dem Gehalt an Silber ergebe, die Locke noch einmal zu untermauern versucht hatte, auf rationalistische Weise von einem erhöhten Abstraktionsniveau. Das Geld habe, so konstatiert er, wie schon in seinem „Discourse of Trade“, keinen eigenen Wert. Sein Tauschwert hänge nicht vom Gehalt an Metall ab, dessen Preis je nach Angebot und Nachfrage variiere und damit instabil sei, sondern von der Autorität der Regierung, welche den Wert festsetze. Der Geldwert sei somit eine Sache der Gesetzgebung. Daher bedürfe es keiner Anpassung des Münzgewichtes. Mit dieser Auffassung war Barbon ein Pionier der nominalistischen Auffassung von Geld, welche sich erst nach heftigen Kontroversen durchsetzen und nicht zuletzt die Einführung von Papiergeld und schließlich von Buch- und Digitalgeld möglich machen sollte. Bis dahin sollte allerdings noch eine Menge Wasser die Themse hinunter und, wie in London gezeitenbedingt der Fall, auch wieder hinauf fließen. Auch Barbons Überlegungen zur Zinspolitik weisen weit in die Zukunft. Er postuliert, dass auch die Zinsen staatlich festgesetzt und niedrig gehalten werden müssten. Die Erkenntnis, dass der Staat bzw. eine von ihm legitimierte Institution, etwa eine Zentralbank, mit der Festlegung der Rahmenbedingungen für die Zinshöhe Einfluss auf die Entwicklung der Wirtschaft nehmen kann und soll, hat sich erst Jahrhunderte später durchgesetzt.

Die Regierung war in ihrem ökonomischen Denken noch nicht so weit wie Barbon. Sie folgte seiner Auffassung, die Wren und Newton geteilt hatten, nicht, sondern ordnete eine Münzreform an. Dies führte aber zu einem neuen Problem. Da das alte Geld ab einem Stichtag verboten war, die Münzpressen das neue Geld aber nicht so schnell wie benötigt herstellen konnten, kam es bald zu einer noch größeren Verknappung des Geldes und dadurch zu einer bedrohlichen Krise. Daher rief man erneut Isaac Newton zur Hilfe und bestellte ihn schließlich zum Leiter der Münzprägestätte, in der Hoffnung, dass der große Naturwissenschaftler, der erwiesenermaßen mit Zahlen umzugehen wusste, dieses Problem lösen würde. Der Mathematiker hatte das notwendige Rechnungswesen schnell im Griff und der Physiker löste die technischen Probleme im gebotenen Tempo. Unter großen Sicherheitsvorkehrungen hielten im Tower schließlich dreihundert Arbeiter und fünfzig Pferde fast rund um die Uhr die Münzpressen in Gang. Zusätzlich wurden zur Unterstützung dieser zentralen Münzprägestätte Außenstellen in verschiedenen Städten des Landes eingerichtet. Nach über zwei Jahren war die Ummünzung abgeschlossen. Newton widmete danach die restlichen über dreißig Jahre seines Lebens der Organisation des Geldwesens und dem Schutz des Geldes (eine bemerkenswerte Parallele zu der Tatsache, dass auch sein großer Vorgänger in der Erforschung der Beziehungen zwischen den Himmelskörpern, Nikolaus Kopernikus, mit der Organisation des Geldwesens befasst war und einen bedeutenden Beitrag zur Geldtheorie leistete). Newton engagierte sich auf diesem Gebiet mit so viel Konsequenz und Erfolg – unter anderem erwirkte er rund hundert Todesurteile gegen Münzfälscher -, dass Zeitgenossen diese Leistung, die er für England erbrachte, für mindestens so bedeutend hielten, wie seine mathematischen und physikalischen Forschungen, mit denen er die Welt bereicherte. Bemerkenswerterweise wurde er im Jahre 1705 von Königin Anne wohl auch nicht für letztere, sondern wegen seiner Rolle im Staat in den Adelstand erhoben. Es ist wohl nicht nur von symbolischer Bedeutung, dass eine Figur, die entscheidend an der Ausformulierung des rational-quantifizierenden wissenschaftlichen Weltverständnisses mitwirkte, welches die Basis für die kulturelle Dominanz Europas in der Welt werden sollte, auch eine wichtige Rolle beim Entstehen der rationalen Ökonomie spielte, mit der Europa und speziell England die Welt wirtschaftlich eroberte. Er selbst sollte jedoch auch ein Opfer der neuen wirtschaftlichen Wunderwelt werden, die natürlich auch mit neuen, nicht berechenbaren Risiken verbundenen war. Darauf werde ich später zurückkommen.

Alles in allem steht Barbon für den Beginn jener funktionalistischen und moralreduzierten Auffassung von Wirtschaft, welche dieselbe vor allem in England von mancherlei wachstumshindernden Fesseln befreien sollte. Diese Auffassung ist aber auch mitursächlich für die sozialen Zuspitzungen geworden, welche England später erleben sollte. Sprichwörtlich wurde insofern der Manchesterliberalismus des 19. Jahrhunderts, der in Anlehnung an Adam Smith – und Mandeville – die Wirtschaft als ein sich selbst regulierendes System sah, in welchem die Individuen, indem sie ihre eigennützigen Interessen verfolgen, gewissermaßen automatisch – gelenkt durch eine „unsichtbare Hand“ – das Wohl aller befördern. Man postulierte daher die Enthaltung des Staates in Fragen der Wirtschaft und insbesondere des Arbeitsmarktes. Diese Grundhaltung hatte im Mutterland der Freiheit einen Höhenflug des Unternehmertums und eine enorme Akkumulation von Kapital und Besitz zur Folge, führte aber auch zu versklavungsähnlichen Zuständen und Verelendung in der Unterschicht, die mangels äquivalenter Marktmacht unter unsäglichen Bedingungen arbeiten musste; Charles Dickens hat diese Verhältnisse in seinen Romanen eindrücklich geschildert, Gustav Doré sie in „London: A Pilgrimage“ wirkungsvoll in düsterem Schwarz-Weiß gezeichnet und dem hellen Glamour der Herrenhäuser gegenübergestellt. In einer Art dialektischen Prozess bewirkte dies wiederum, dass sich in England auch die ersten Zusammenschlüsse von Arbeitern, sinnigerweise „Trade Unions“ genannt, bildeten, und dass nach und nach eine organisierte Arbeiterbewegung entstand. Angesichts der extremen Zuspitzung der Verhältnisse ist es dabei kein Wunder, dass diese Gegenbewegung schließlich in der radikalen Konzeption des alternativen, kommunistischen Gesellschaftsmodells eines Karl Marx gipfelte, der übrigens in seinem Hauptwerk „Das Kapital“, das in England und wesentlich angesichts der dortigen Verhältnisse entstand, mehrfach, wenn auch in anderem Kontext, Barbon zitiert, ja ihn kumpelhaft wie einen alten Bekannten „old Barbon“ nennt. In einem jahrzehntelangen Prozess wurden unter Mitwirkung philanthropisch gesinnter Persönlichkeiten aus der Oberschicht ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts mit zahlreichen „Fabrikgesetzen“ die horrenden Arbeitsbedingungen insbesondere für Kinder und Frauen humanisiert, wodurch England sich auch an die Spitze der sozialen Bewegungen setzte. Kaum einer der zahllosen Touristen, die sich heute am Londoner Piccadilly Circus, der in eurozentrischer Hybris einmal als der Mittelpunkt der Welt galt, um den sog. Eros-Brunnen versammeln, kaum einem dürfte klar sein, dass dieses Monument dem Adeligen Lord Ashley gewidmet ist, der sich aus christlicher Motivation mit großem Engagement für diese Fabrikgesetze einsetzte, und dass die bogenspannende Kinderfigur, die in prekärer Statik auf der Spitze des Brunnens balanciert, nicht den frivolen Sendboten der Erotik, sondern dessen Bruder Anteros darstellt, der als Gott der selbstlosen Liebe für die christliche Nächstenliebe steht.

All die praktischen und theoretischen Aktivitäten Barbons in Sachen Wirtschaft haben nicht verhindert, dass er am Ende seines Lebens auch die Kehrseite des freien unternehmerischen Wagnisses erleben musste. Nicht nur, dass er verschiedene Misserfolge zu verkraften hatte, etwa den Zusammenbruch einiger zu billig gebauter Häuser in der City – sinnigerweise in der Mincing Lane, der „Münzgasse“, – oder den teils mit juristischen, teils mit physischen Mitteln – es gab eine regelrechte Keilerei – geführten, letztlich verlorenen Kampf gegen die Anwälte von Greys Inn, einer der traditionellen vier Anwaltskammern Londons, in deren unmittelbarer Nachbarschaft er ohne Erlaubnis sein größtes Entwicklungsprojekt hochziehen wollte. Wegen seines hemdsärmeligen Geschäftsgebarens und weil er es mit Vorschriften, die seinen Betätigungsdrang einschränkten, nicht sonderlich genau nahm, wurden auch immer wieder Klagen gegen ihn erhoben, denen er sich schließlich dadurch entzog, dass er sich ein Mandat im Unterhaus verschaffte und damit Immunität erkaufte. Am Schluss hat er die von ihm ersonnenen Instrumente der Kreditfinanzierung überdehnt und konnte sie nicht mehr beherrschen.

Als Barbon im Jahre 1698 auf Osterley House, wo er seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, starb, war er verschuldet, nicht zuletzt bei einem anderen Aufsteiger und Profiteur der Finanzrevolution, dem Privatbankier Francis Child, von dem er nach dem Muster, das er selbst schuf, die Kredite erhalten hatte, welche mit Hypotheken auf Osterley House abgesichert waren. Zu Lebzeiten hatte sich der trickreiche Bauunternehmer Barbon seine drängelnden Hypothekengläubigern, darunter Francis Child, noch auf seine Weise vom Halse halten können. Er erzeugte, als diese ihre auf Osterley House liegenden Sicherheiten realisieren wollten, dort mit großen Bauaktivitäten ein derartiges Durcheinander, dass das Anwesen praktisch nicht versilbert werden konnte und für die Gläubiger das geringere Übel darin bestand, ihn weiter werkeln zu lassen. Seine Feinde haben ihm angedichtet, er habe sogar noch im Tod versucht, seinen Gläubigern ein Schnippchen zu schlagen, indem er testamentarisch verfügte habe, dass außer für die Begräbniskosten seiner Frau keine seiner Schulden zurückgezahlt werden sollten. Tatsächlich hat er in seinem Testament aber ausdrücklich das Gegenteil vermerkt. Vollständig konnten die Schulden aber nicht abgetragen werden. Seine Erben konnten Osterley House zwar noch einige Jahre halten. Nachdem auch sie nicht mehr in der Lage waren, die Hypotheken zu bedienen, welche darauf lagen, ging das Eigentum an dem schönen Anwesen im Jahre 1713 schließlich auf Francis Child über – ein frühes Beispiel von Zwangsenteignung durch eine kreditgebende Bank, die in der Konsequenz der Beleihung von Land als einer Errungenschaft der Finanzrevolution lag.

Von Barbon zeugt heute in London nicht mehr viel. Von den Häusern, welche er baute, ist wenig übrig geblieben und seine Arbeiten an Osterley House sind nicht mehr erkennbar. Die Stadt gedenkt dem Mann, der sie weitgehend gestaltete, mit Barbon Court in Holborn, einem kleinen Hof, der als Parkplatz dient, und Barbon Alley in der City, einer Sackgasse, welche zwischen zwei Bürogebäuden verläuft.

Auch die Familie Child, die Osterley House dann fast 250 Jahre im Besitz hielt, war nicht unwesentlich an der Ausformung des englischen Wirtschaftssystems beteiligt. Gründer der steinreichen Familiendynastie war Francis Child I. Er kam im Jahre 1660 im Alter von vierzehn Jahren mittellos aus der südenglischen Provinz nach London, hatte aber offenbar ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie man zu Geld kommt. Daher lernte er mit dem Handwerk des Goldschmiedes ein Metier, in dem es um viel Geld geht. Später heiratete in ein gut etabliertes Goldschmiedegeschäft ein, das er im Jahre 1681 im Alter von neuunddreißig Jahren übernahm.

Die Goldschmiede hatten seinerzeit wegen des hohen Preises ihres Handwerksgutes viel Geld aber auch sonst viel mit Geld zu tun. Da Pretiosen eines der wichtigsten Mittel zur Absicherung von Krediten waren, stand das Gewerbe, welches in besonderem Maße von der zwielichtigen Wertschätzung rarer Güter lebt, schon von Haus aus dem Bankgeschäft nahe. Einen entscheidenden Schub bekam dieses Geschäftsfeld, als Karl I. im Jahre 1640 eine große Menge Silber beschlagnahmte, welches die Geschäftsleute, damaliger Übung entsprechend, in Londons multifunktionalem Hochsicherheitsplatz, dem Tower, gelagert hatten. Der König, in dessen Gewalt der Tower lag, gab diese Beute erst wieder heraus, nachdem ihm die Kaufleute einen zuvor abgelehnten Kredit für den Unterhalt der Armee zugesagt hatten. Seitdem bevorzugten es die Kaufleute, ihr Geld, das seinerzeit ausschließlich aus Naturalien, im wesentlichen aus Silber in Münz- oder Barrenform, bestand, bei den Goldschmieden zu bunkern, zumal diese naturgemäß auch Räumlichkeiten hatten, in denen es sicher aufbewahrt werden konnte. Über diese „Einlagen“ stellten die Goldschmiede Quittungen aus, in denen sie dem Besitzer versprachen, den darauf genannten Betrag bei Vorlage auszubezahlen, womit ein wesentlicher Schritt in Richtung auf das moderne Bankwesen gemacht war. Diese „Goldsmith’s Notes“ waren die erste Form der Banknote in England. Sie kursierten in Handelskreisen und wurden an Stelle von Münzen auch für Zahlungen akzeptiert. Geld musste so bei Distanzgeschäften nicht mehr in jedem Fall umständlich und risikoreich zum Ort der Zahlung transportiert werden. Ein weiterer Schritt in Richtung auf das Bankgeschäft erfolgte, als die Goldschmiede begannen, das Silber und (Münz)Geld, das die meiste Zeit unproduktiv in ihren Gewölben lag, nutzbringend einzusetzen und von der Menge, die erfahrungsgemäß so gut wie immer bei ihnen lagerte, einen Teil gegen Zinsen zu verleihen. Im Laufe der Zeit entwickelten die Kenner der kristallisierten Kostbarkeiten immer feinere Techniken zum Zwecke der Auslotung der Grenze, ab welcher dieser Teil des ihnen anvertrauten Geldes eine kritische Größe, d.h. Kleinheit erlangt, um schließlich jene nicht selten akrobatischen Fähigkeiten im Umgang mit Kapital auszubilden, welche die Grundlage für ein neues Betätigungsfeld der City Akteure wurde, eine Aktivität, die mitunter nicht weniger abenteuerlich als das Geschäftsmodell des Fernhandels war und deren Protagonisten man daher in Anlehnung an den gängigen Begriff „Merchand Adventurer“ mit „Finance Adventurer“ bezeichnen kann (der einschließt, dass ihre Konstrukte wie die Schiffe der ersteren auch immer wieder in der letztlich unberechenbaren See, in diesem Fall der menschlichen Erwartungen, Beziehungen und Machenschaften, untergehen konnten). Die Pioniere auf diesem Geschäftsfeld waren die Goldschmiede, die bald zur Drehscheibe des großen Geldverkehrs wurden. Sie konzentrierten sich in der City und wurden zur Keimzelle des späteren Finanzzentrums. Zu Childs Zeiten waren hier vierundvierzig Goldschmiede versammelt, die sich mit Geldgeschäften befassten.

Francis Child erkannte als einer der ersten seiner Zunft die großen Möglichkeiten, welche das Geschäft mit Finanzdienstleistungen bot. Nach einiger Zeit gab er die Tätigkeit als Goldschmied mehr oder weniger auf, um zum ersten Privatbankier Englands zu werden. Zu seinen Kunden gehörten viele der Großen seiner Zeit, darunter Oliver Cromwell, der Herzog von Malborough, Isaac Newton und König Wilhelm III. Die von ihm gegründete Bank Child & Co gehört zum Urgestein der Londoner City, wo sie unter dem Dach der Royal Bank of Schottland bis heute existiert. Eine Zweigstelle der Bank befindet sich noch immer am angestammten Ort in Fleet Street Nr. 1, „At the sign of the Marygold“, dem Aushängeschild einer alten Taverne, wie es mangels Hausnummern seinerzeit hieß. Mit „Tellsons Bank“ hat ihr Charles Dickens in „A Tale of two Cities“, einem der erfolgreichsten Romane aller Zeiten, ein – allerdings ziemlich düster gefärbtes – literarisches Denkmal gesetzt.

Die zentrale Rolle der Goldschmiedbanker in der englischen Finanzwirtschaft des 17. Jahrhunderts hatte einerseits mit dem unterentwickelten Finanzsystem des Landes aber nicht zuletzt auch mit dem aufkommenden Westminster-Parlamentaris- mus zu tun. Seit das Parlament das Recht der Steuerbewilligung und damit die Kontrolle über das Ausgabeverhalten der Krone beanspruchte, stand letztere verstärkt vor dem Problem, kurzfristig auftretende Aufgaben und Projekte bis zur Entscheidung des Parlamentes, das nicht ständig tagte, vorfinanzieren zu müssen. Schnelle Entscheidungen mussten vor allem in Kriegsangelegenheiten gefällt werden, was ständig der Fall war. England, das sich im 17. Jahrhundert in der Welt als Macht erster Ordnung zu etablieren anschickte, führte allein in der Zeit von 1652 bis 1674 drei (See)Kriege um die Kontrolle der Ozeane und Handelsrouten gegen Holland, kämpfte gleichzeitig gegen Spanien, wehrte sich später gegen die Hegemonialbestrebungen Ludwigs XIV. in Europa und versuchte Frankreich auch in Nordamerika zu verdrängen. Das Geld, das hierfür erforderlich war, lieh sich die Krone, wo nötig, vor allem von den Goldschmiedbankern, die dabei angesichts der hohen Beträge, um die es ging, und der Bedrängnis, in der sich die Krone häufig befand, glänzende Geschäfte machten. In der Regel wurden die Kredite mit Steuern auf bestimmte Güter abgesichert.

Eine besonders glückliche Hand hatte insofern offenbar Francis Child, dem es in kurzer Zeit nicht zuletzt durch solche Geschäfte gelang, eine Position im Zentrum der englischen Wirtschaft zu erlangen und dieselbe über all die gewaltigen wirtschaftlichen und politischen Turbulenzen seiner Zeit zu halten und immer weiter auszubauen. Er ist damit ein geradezu paratypisches Beispiel für die Art, wie die englische Wirtschaft die volatilen Strömungen der Politik übergreift.

Seinen Aufstieg vom einfachen Goldschmiedelehrling zum Wirtschaftsmagnaten verdankte Francis Child wesentlich seiner Fähigkeit, sich gut in den mannigfaltig miteinander verwobenen ökonomischen und politischen Führungszirkeln Englands zu vernetzten. Er war in der City nicht weniger als in Westminster und bei Hofe etabliert und wusste sich zur Wahrung seiner geschäftlichen Interessen den jeweiligen politischen Gegebenheiten anzupassen.

Wichtig für eine führende Rolle in der Wirtschaft war zunächst einmal die Positionierung im komplizierten Geflecht der kommunalen Organe der City. Francis Child setzte hier anfangs auf die politische Gruppierung der Whigs, welche die Reform des politischen Systems im liberalistischen Sinne vorantrieb. Mit ihrer Hilfe gelang es ihm, alle wichtigen Stellungen einzunehmen, welche die altertümliche Verfassung der City vorsah. Er war Alderman (auf Lebenszeit installierter Stadtrat), Master of the Worthyful Company of the Goldsmiths (Vorstand der Goldschmiedegilde), Befehlshaber der City Miliz, Sheriff (ein nach einer „costum of immemorial usage“ von den Liverymen gewählter Justizfunktionär), und – 1689/90 – schließlich Lord Mayor. Als Kenner des teuren Glitters wusste Francis Child natürlich, wie man Eindruck macht. In den Berichten über seine „Lord Mayor Show“, der traditionellen und bis heute durchgeführten Prozession, mit welcher das jährlich neu gewählte Oberhaupt der City mit großem Prunk und Gefolge, darunter den Mitgliedern der zwölf größten „Livery Companies“ in Livree, zum königlichen Gerichtshof zieht, um dem König Treue zu schwören, ist von einer Prachtentfaltung ohne Beispiel die Rede, freilich auch von einem wütendem Mob, der davon offenbar nicht so begeistert war und mit Dreck warf. Das Ganze wurde in einem mit Kupferstichen ausgestatteten Prachtband dokumentiert, den der seinerzeit renommierte Dichter und Stückeschreiber Elkanah Settle zusammenstellte und den die Goldschmiedegilde finanzierte. Das Werk, das den barocken, nicht eben bescheidenen Titel „Glory’s Resurrection being the Triumphs of London revived“ trug, zählt ebenfalls zu den Raritäten der Guildhall Bibliothek. Auf einem Bild des angesagten deutschstämmigen Portraitmalers und Hofkünstlers Godfrey Kneller, auf dem sich Francis Child als Lord Mayor malen ließ, ist er mit Perücke und umgeben von allerhand Insignien der Macht vor dem Hintergrund der St. Pauls Kathedrale in einer barocken Prachtrobe zu sehen, wie man sie von Monarchen einer Großmacht kennt.

Für einen Erfolg in der City war es nützlich, sich als Gentleman zu präsentieren. Daher war Francis Child selbstverständlich auch karitativ tätig. Unter anderem war er Gründungsdirektor des Greenwich Hospitals, das 1692 nach der mehr oder weniger siegreichen Seeschlacht von La Hogue gegen die Franzosen im Pfälzischen Erbfolgekrieg als Alterssitz und Pflegeheim für Seesoldaten geschaffen worden war. Sein Kollege im Leitungsgremium war übrigens Christopher Wren, der den imposanten säulenreichen Gebäudekomplex am Ufer der Themse, in dem heute eine Universität untergebracht ist, geplant hat. Vermutlich hat sich Francis Child auch an der Finanzierung beteiligt, die mit Spenden, sinnigerweise aber weitgehend auch mit den Bußgeldern bestritten wurde, welche Schiffskapitäne für Warenschmuggel zu bezahlen hatten. Viele Jahre stand Francis Child auch der „Christ’s Hospital School“ vor, die Edward VI. im Jahre 1553 unter Beteiligung von City-Größen zum Zwecke der Unterstützung und Ausbildung bedürftiger Kinder gegründet hatte. Die Einrichtung war in den Gebäuden eines ehemaligen Klosters untergebracht, welche Heinrich VIII. der City Corporation aus dem Fundus der enteigneten Kirchengüter vermacht hatte. Child ließ Teile, die beim großen Brand von London zerstört worden waren, auf seine Kosten wieder aufbauen. Auch diese Institution besteht samt ihrer ursprünglichen Zweckbindung bis heute und hat, auch wenn sie ihren werthaltigen Standort in der City wie Greshams Armenhäuser inzwischen ebenfalls aufgeben musste, nach wie vor enge Bande zum Londoner Zentrum. Unter anderen tragen die Schüler mit den Bluecoat Uniformen, die man seit fast 500 Jahren unverändert trägt, zur großartigen historischen Kulisse der Lord Mayor Show bei. In Christ’s Hospital ist heute das erwähnte Prachtportrait von Child zu sehen.

Für die Krone gleich welcher politischen oder religiösen Ausrichtung war Child in den verschiedensten fiskalischen Funktionen tätig. In erster Linie war er Kreditgeber. Er gab etwa gemeinsam mit anderen Citygrößen dem Schatzkanzler einen hohen Kredit zum Kauf von Silber für die Ummünzungsaktion der Jahre 1796 bis 98. Er war aber etwa auch Steuereintreiber und Empfänger von Geldern, die für sonstige öffentliche Zwecke verwendet wurden. Im Jahre 1683, zwei Jahre nachdem er sein eigener Geschäftsherr geworden war, agierte er für Karl II., den katholischen König der absolutistischen Restauration, welche nach den Wirren des Bürgerkrieges und der Cromwellzeit nach dem Vorbild Frankreichs stattgefunden hatte. Karl bestimmte ihn zum Treuhänder bei der Versilberung des Nachlasses seines verstorbenen Neffen, des Prinzen Rupert, Pfalzgraf von Rhein, einem auf vielen Bühnen agierenden berühmten aber auch berüchtigten Volkshelden, über den ich, bevor ich mit Francis Child weiterfahre noch ein paar Worte verlieren will, weil er so typisch für seine Zeit ist und auch etwas mit Kolonialwirtschaft zu tun hat.

Der Prinz mit südwest-deutschen Wurzeln hatte sich nicht nur als Künstler, Forscher und Pirat betätigt, sondern hatte als Kavalleriekommandant, General, Admiral und Oberbefehlshaber an allen möglichen militärischen Auseinandersetzungen seiner Zeit teilgenommen, am 80-jährigen Krieg zwischen den Niederlanden und Spanien ebenso wie am 30-jährigen Krieg in Mitteleuropa und am englischen Bürgerkrieg. Darüber hinaus war der Draufgänger, den man wegen seiner galanten Abenteuer auch den „Kavalier“ nannte, aber auch noch im Kolonialgeschäft engagiert, um das es in diesen Kriegen immer auch ging. Er war der erste Gouverneur der Hudson Bay Company, die das königliche Privileg für den Pelzhandel im Bereich der Flüsse hatte, welche in die Hudson Bay mündeten, ein Gebiet, das zwanzig mal so groß wie England war und nach ihm „Prinz Rupert Land“ genannt wurde – noch heute trägt eine Stadt in diesem Gebiet den Namen des Kavaliers. Im Laufe der Zeit sollte die Hudson Bay Company, die noch immer besteht und als eines der ältesten Unternehmen der Welt gilt, mehr oder weniger das ganze heutige Kanada nach Art einer Privatkolonie beherrschen. Reich wie der bürgerliche Geschäftsmann Child war der adelige Tausendsassa bei all seinen vielfältigen Aktivitäten allerdings nicht geworden. Sein einziger nennenswerter Besitz waren am Ende Juwelen, die nach seinem Tod im Wege der Lotterie veräußert wurden, womit wir wieder bei Francis Child angelangt sind.

Solche „Spiele“, bei denen der unausrottbare Traum der Menschen vom hohen Gewinn bei kleinem Einsatz ausgebeutet wird, waren im spekulationsafinen England eine beliebte Form der Maximierung von Erlösen und sogar der Steuererhebung. Die Bevölkerung hatte in dieser Zeit des Wild-West Kommerzes aber offenbar Grund zu der Befürchtung, dass diese manipulationsanfällige Art des Verkaufs unseriös abgewickelt werden könnte. Daher versprach der König, sich persönlich durch Überprüfung von Gewinnlosen und Nieten von der Sauberkeit des Verfahrens zu vergewissern, was er dann in Anwesenheit zahlreicher Lords und Ladies, die sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen wollten, in der von Rubens ausgemalten Banqueting Hall in Westminster auch tatsächlich durchführte. Als vertrauenswürdigen Abwickler setzte er den Kenner der kleinen Kostbarkeiten Francis Child ein.

Fünf Jahre später war Francis Child auf der Seite der „Glorious Revolution“, in der auf Betreiben des Parlaments Karls Nachfolger Jakob II., der letzte absolutistische Herrscher Englands, vertrieben worden war. Francis Child lieh dem neuen Herrscher, Wilhelm III. von Oranien, der in ständiger Geldnot war, ernorme Beträge – zur Abwehr seines abgesetzten Vorgängers, der sich nicht ohne weiteres geschlagen geben wollte und dabei von Frankreich unterstützt wurde, ebenso wie zum Bestreiten der Kosten für die Verwaltung Irlands, das Wilhelm rückerobert hatte und direkt der Krone unterstand, oder für den Pfälzischen und den Spanischen Erbfolgekrieg, in dem sich Wilhelm ebenfalls den Hegemonialbestrebungen Ludwigs XIV. entgegenstellte. Konsequenterweise war Francis Child im Jahre 1697 an den Verhandlungen zur Beendigung des Pfälzischen Erbfolgekrieges beteiligt, die in Wilhelms prächtigem, inzwischen abgerissenen Herrenhaus im holländischen Rijswijk stattfanden, von dem der Friede seinen Namen ableitet. Er war dabei mit den wirtschaftlichen Aspekten des Friedensvertrages befasst, kümmerte sich also nicht zuletzt um seine eigenen Interessen. Mit einer Mischung, die aus Verwunderung und Bewunderung zusammengesetzt scheint, berichtet der bürgerliche Kaufmann in seinem Reisetagebuch über das Gehabe und Gepränge, welches die Gesandten der gekrönten Häupter Europas in dem Kleinstädtchen zur Schau stellten, vor allem, wie sie sich mit ihren Equipagen und dem dazu gehörigen livrierten Personal zu übertrumpfen versuchten – einige der „Plenipontentiaries“ traten nach seiner Schilderung mit zwölf Pagen, zwanzig Lakaien und mehreren grimmigen dreinschauenden Husaren auf. Child bereiste bei dieser Gelegenheit im Übrigen noch Holland, Flandern und die angrenzenden Gebiete Deutschlands, wobei ihn, wie sein Reisetagebuch zeigt, besonders die Dinge interessierten, welche die dortige Wirtschaft so außerordentlich florieren ließen, Hafenanlagen etwa und Schiffsbau. Sein Tagebuch demonstriert aber auch ein breit gefächertes Interesse des bürgerlichen Aufsteigers an Erscheinungen der Kultur. Nicht zuletzt besuchte er verschiedene Herrenhäuser und beschäftigte sich angelegentlich mit deren Ausstattung, darunter besonders mit den Artefakten, welche die Seefahrer aus Fernost mitgebracht hatten. Außerdem erwarb er im Malereiparadies Niederlande einundsechzig repräsentative Gemälde großer Meister, die später in Osterley House landeten, darunter eines von Gaspard Dughet und zwei von Claude Lorrain, deren Bilder sich in vielen englischen Herrenhäusern befinden oder einmal dort befunden haben. Die elegisch-melancholische und zugleich heroisch-monumentale Stimmung, die in diesen Bildern herrscht, entsprach in besonderem Maße der Atmosphäre, welche die Herrenhäuser und insbesondere ihre Parks nach den Vorstellungen ihrer Besitzer ausstrahlen sollten. Offenbar spielte Francis Child damals schon mit dem Gedanken an den Erwerb eines stately homes. Insbesondere auf „Claude“, der zu meinen erklärten Lieblingen gehört, werde ich noch einige Male zurückkommen.

Unter Wilhelm III. hatte Francis Child auch noch die renommierte Stellung des königlichen Juweliers. Der König konnte sich aber nicht alle Juwelen leisten, die er für seine Position benötigte. Für seine und Marias II. Krönung im Jahre 1689 lieh er sich daher bei dem bürgerlichen Geschäftsmann die Juwelen aus. Dass Child in diesem Jahr, in dem er auch Lord Mayor wurde, vom König in den Adelsstand erhoben wurde, ist sicher kein Zufall – hony soit qui mal y pense.

Schließlich war Child auch in Westminster präsent. Wie schon bei seinem kommunalpolitischen Engagement in der City stand er zunächst auf der Seite der Whigs, wechselte aber später zu den Tories, deren Politik seinen geschäftlichen Interessen zuträglicher war. Von 1698 bis zu seinem Tode im Jahre 1713 hatte er fast durchgehend einen Sitz im Unterhaus, wo er sich im Wesentlichen mit Fragen befasste, welche die City und ihre Geschäfte betrafen mit der pikanten Folge, dass er im Auftrag der Steuer zahlenden Wähler auch über die Bewilligung der Steuern mitentschied, mit denen die Krone die Kredite zurückführte, welcher er ihr zuvor gewährt hatte. Sinnigerweise gehörte er im Übrigen einer Kommission des Unterhauses an, welche sich mit der Neuorganisation des unklaren Verhältnisses von Gresham College und Royal Society zu befassen hatte, die im gleichen Gebäude ähnliche Funktionen hatten.

Es versteht sich, dass Francis Child seine Finger auch bei den die City betreffenden politischen und wirtschaftlichen Ereignissen und den institutionellen Neubildungen im Spiel hatte, die sich seinerzeit im großen Stil auf dem Sektor der Finanzdienstleistungen und des Welthandels vollzogen. Er war etwa Teilhaber bei Barbons Land-Bank, nutzte das neue Finanzierungsinstrument der Landbeleihung aber, wie beschrieben, auch selbst, so bei der Absicherung der großen Kredite an Barbon, welche mit Hypotheken auf dem Grund von Osterley House abgesichert waren.

Vor allem hatte Francis Child, natürlich möchte man fast sagen, auch mit der East India Company zu tun, einem der Grundpfeiler der englischen Wirtschafts- und Imperialgeschichte, die seinerzeit zu ihrem unvergleichlichen Höhenflug ansetzte. Child & Co waren über ein Jahrhundert auf Engste mit diesem merkwürdigen Mischgebilde aus Staat und Wirtschaftsunternehmen verbunden, weswegen ich mich mit dieser monströsen Institution etwas näher befassen werde.

Die East India Company besaß das Monopol des Handels mit Indien, dem Wunderland am Ganges, auf das sich seit den Zeiten Alexanders die Begierden und Sehnsüchte der Europäer richteten (was bekanntlich zur Entdeckung Amerikas führte). Von hier und den noch weiter östlich gelegenen Ländern, auf die sich das Monopol erstreckte, kamen hoch begehrte Luxuswaren wie Seide, Baumwolle, Gewürze, Tee und Edelsteine aber, was für eine heranwachsende Weltmacht besonders wichtig war, auch Salpeter für die Herstellung von Schießpulver. Bei der Honourable East India Company, wie der vollständige Name lautet, wurde die Vermengung von Wirtschaft und Politik um des Profites willen auf eine geradezu ungeheuerliche Spitze getrieben. Nicht nur, dass die Gesellschaft, die im Jahre 1600 als Handelsorganisation nach dem Muster Hollands und in Konkurrenz zu demselben gestartet war, der Krone große Kredite gab und daher auf’s Engste mit den Staatsfinanzen verbunden war. Die Gesellschaft übernahm zu Childs Zeiten mit königlicher Erlaubnis auch staatliche Funktionen in Indien, um schließlich Herrscherin über ein Territorium zu werden, das mehr als zehn Mal so groß war als das Mutterland und entsprechend viele Einwohner hatte. Englands Königin Victoria sollte durch die territorialen Erwerbungen, welche die East India Company vor allem im 18. Jahrhundert im Stile eines politischen Eroberers tätigte und die Mitte des 19. Jahrhunderts die Krone übernahm, sogar zur Kaiserin werden. Die „Gesellschaft“, die bis 1874 bestand, war, wiewohl immer umstritten, das erfolgreichste Unternehmen der Weltgeschichte. Zeitweilig wickelte sie nicht weniger als die Hälfte des Welthandels ab.

Francis Childs Beziehungen zur East India Company hatten ursprünglich mit seiner Tätigkeit als Goldschmied zu tun. Er erwarb von ihr Juwelen, welche aus Südasien importiert wurden. Im Laufe der Zeit verselbständigte sich dieses Geschäftsfeld und Francis Child unterhielt eine Art Großhandel mit Edelsteinen, den er in großem Stil neben seinen Bankgeschäften betrieb. Er engagierte sich bei der East India Company aber auch schon bald als Finanzinvestor, erwarb große Aktienpakete, gab ihr Kredite und führte ihre Konten bei seiner Bank. Über viele Jahre war er auch in der Geschäftsleitung der Gesellschaft aktiv. In dieser Funktion kämpfte er gegen die Bestrebungen konkurrierender Kaufmannskreise, ihr lukratives Handelsmonopol aufzuheben. Dieses Monopol war immer wieder Gegenstand politischer Diskussion. Denn die höheren Angestellten und die Eigner der East India Company zogen aus den Geschäften mit Indien und den Ländern des fernen Ostens riesige Gewinne, mit denen sie nicht zuletzt große Güter erwerben konnten, wodurch sie, da das Wahlrecht an das Vermögen und den Landbesitz gebunden war, auch politischen Einfluss erlangten. Dies stimulierte den Ergeiz derer, die sich durch das Monopol in ihrem Unternehmensdrang gehindert sahen. Auch sie träumten davon, am sagenhaften Reichtum der Moghule teilzunehmen, deren riesige Paläste, Moscheen und Mausoleen, wie man gehört hatte, mit edlen Steinen übersäht waren, welche die Engländer übrigens nach der blutigen Niederschlagung der großen indischen Rebellion gegen die East India Company im Jahre 1859, in deren Folge die Krone deren Besitz auf dem südasiatischen Subkontinent übernahm, aus den marmornen Wänden rissen. (Die Vorstellungen, die sich die Europäer Anfang des 18. Jahrhunderts über den Reichtum Indiens machten, spiegelt sehr anschaulich die singuläre Goldschmiedearbeit von Johann Melchior Ding- linger für den König von Sachsen, die mit tausenden von Edelsteinen, einer Menge Gold und allerhand anderen kostbaren Materialien den Hofstaat am Geburtstag des Großmoghuls Aurangzeb im Miniaturformat darstellt; die figurenreiche Szene, mit der sich August der Starke mit dem Kaiser Indiens in Beziehung setzte, ist das Prunkstück der Schatzkammer im Grünen Gewölbes des Dresdener Schlosses; sie kostete mehr als der Rohbau des „Herrenhauses“ Schloss Moritzburg.) Während sich das seeferne Sachsen virtuell und in Miniaturform mit dem indischen Kaiserhaus verglich und dem Osthandel durch eine eigene Porzellanproduktion einen Teil des Wassers abzugraben versuchte, drängten in England insbesondere ehemalige Angestellte und Geschäftspartner der East India Company realiter auf den Markt mit originalen Waren aus den Ländern des Ostens, kannten sie doch aus eigener Anschauung die märchenhaften Renditen, welche der Handel mit den reich gesegneten Ländern Asiens erbrachte.

Auf Drängen der Monopolgegner, die von den Betreibern der East India Company bezeichnenderweise als „Eindringlinge“ (in ihren relativ kleinen geschlossenen Kreis – es gab nur ein halbes tausend Anteilseigner) gebrandmarkt wurden, beschloss das Whig dominierte Parlament nach einer erbittert geführten Argumentationsschlacht im Jahre 1694 schließlich die Aufhebung des fast hundert Jahre alten Monopols, vermutlich nicht ohne den Hintergedanken, dass bei der Vergabe von Chartern, den begehrten besonderen königlichen Gewerbeerlaubnissen, für neue Unternehmungen auch neue „Provisionen“ in Form von günstigen Krediten an die Regierung und allerhand „Geschenke“ fällig werden würden. Vier Jahre später, in dem Jahr, in welchem Francis Child – noch mit Unterstützung der Whigs – zum Lord Mayor der City gewählt wurde, ließ das Parlament dann eine parallele „New East India Company“ zu – tatsächlich gegen einen großen Kredit an die Regierung. Dies rief die Magnaten der alten East India Company auf den Plan, die sich sofort einen großen Teil der Aktien der „New East India Company“ zu dem Zweck sicherten, die Kontrolle über den unliebsamen Konkurrenten zu gewinnen und ihn durch Verschmelzen mit der alten Gesellschaft auszuschalten, eine wirtschafts-strategische Taktik, die sich unter der Bezeichnung „feindliche Übernahme“ bis heute großer Beliebtheit erfreut. In das Kommitee, das die entsprechenden Verhandlungen zu führen hatte, wurde Francis Child abgeordnet. Im Jahre 1702 genehmigte das Parlament probeweise die Fusion, die dann 1708 finalisiert wurde, womit das Monopol wiederhergestellt war – erneut gegen einen hohen Kredit an die Regierung, wie sich versteht. Karl Marx, der 1853 für die New-York Herald Tribune einen längeren Artikel über die East India Company schrieb, nannte dieses Finanzgebaren schlicht Korruption. Für Francis Child bedeutete diese Lösung, dass eine der wichtigsten Quellen, aus der sich sein stetig wachsendes Vermögen speiste, kräftig weiter sprudelte.

Die East India Company war, wie gesagt, für viele tatkräftige und wagemutige Personen aus der Bürgerschicht die Quelle schnellen Reichtums, der allerdings nicht selten unter zweifelhaften Umständen zustande kam, nicht zuletzt auf Grund der Tatsache, dass das Verhalten von Mitgliedern einer zivilisatorisch fortgeschrittenen Gesellschaft tendenziell mit zunehmender Entfernung von den Normen abweicht, welche diese Gesellschaften für sich selbst hervorgebracht haben. Daher war die East India Company in ihrer wechselvollen Geschichte immer wieder Gegenstand parlamentarischer Untersuchungen, Auseinandersetzungen und Neuregelungen, mit denen man die schlimmsten Exzesse politischer Ranküne und skrupellosen Geschäftsgebarens in den Griff zu bekommen versuchte. Für unternehmerisch gestimmte und abenteuerfeste Bürger war die East India Company das Sprungbrett für die Überwindung der Standesschranken. Von den traditionellen Eliten argwöhnisch beäugt, schafften es zahlreiche Anteilseigner, Angestellte und sonstige Profiteure der Gesellschaft auf Grund plötzlichen Reichtums quasi aus dem Nichts in die obere Liga der englischen Gesellschaft aufzusteigen, wozu, um den Anspruch auf Gleichberechtigung mit den Kreisen zu demonstrieren, welche die oberen Ränge von alters besetzten, möglichst der Erwerb oder der Bau eines Herrenhauses und das Nachahmen des entsprechenden Lebensstiles gehörte. So finden sich über die gesamte Landschaft der britischen Inseln verstreut mehr oder weniger repräsentative Landhäuser von „moneyed men“, welche ihr außerordentliches Vermögen der East India Company oder ähnlichen Welthandelsunternehmungen verdanken. Noch Thomas Babington Macauly, der große Historiograph der Epoche eines Francis Child und Autor von außerordentlich populären Essays über Robert Clive und Warren Hastings, den beiden Figuren, welche im 18. Jahrhundert mit dubiosen Methoden das britische Kolonialreich in Indien schufen, noch Macaulay ging, da er von Haus aus mittellos war, im Jahre 1834, wiewohl alles andere als ein Abenteurer, in Diensten der East India Company für vier Jahre nach Indien, um sich in dieser kurzen Zeit ein Vermögen zuzulegen. Er erwarb damit allerdings kein reales, sondern gewissermaßen ein virtuelles Herrenhaus, nämlich die finanzielle Unabhängigkeit, die für einen Intellektuellen so viel Annäherung an die Privilegien der obersten Gesellschaftsschicht bedeutete, wie das stately home für den Kaufmann.

Bei Betrachtung dieser Phänomene sozialen Aufstiegs und der daraus resultierenden Fragen bin ich auf eine Geschichte gestoßen, die einen Exkurs rechtfertigt, bei dem ich mich etwas weiter von Osterley House aber nicht von Herrenhäusern entfernen werde. Wenn man sich mit der East India Company und stately homes befasst, die mit Gewinnen aus dem Osthandel finanziert wurden, stößt man mit einer gewissen Notwendigkeit auf Josiah Child, den Prototyp eines „moneyed man“ aus dem 17. Jahrhundert. Josiah Child war ausweislich der Übereinstimmungen im Familienwappen ein weitläufiger Verwandter des zwölf Jahre jüngeren Francis Child und hatte es, wie dieser, vom einfachen Lehrling zu einer beherrschenden Größe in der City und zu entsprechendem Reichtum und Einfluss gebracht. Nach internationalen Aktivitäten auf diversen Geschäftsfeldern – unter anderem hatte er eine Zuckerplantage auf Jamaika – engagierte er sich im Osthandel und erwarb zielstrebig Aktien der East India Company, von denen er schließlich elf Prozent besaß, was ihn zum größten Anteilseigner dieses Riesenunternehmens machte. Als solcher hatte er über viele Jahre führende Positionen in der East India Company inne, eine Ära, in welcher die Gesellschaft einen außerordentlichen Zuwachs ihrer Handelsaktivitäten verzeichnete. Josiah Child, dem man nachsagte, dass er die Geschäfte der Gesellschaft wie seine private Angelegenheit betrieben habe, verfolgte die Interessen „seiner“ East India Company mit einer bemerkenswert breiten Palette von Strategien. Zu seiner Zeit entwickelte sich die Handelsgesellschaft zur Organisation mit politischen Funktionen, wozu die Militarisierung gehörte. So bewaffnet scheute sich der bürgerliche Kaufmann nicht, sich sogar mit dem Kaiser von Indien anzulegen. Wenn nötig ließ er seine Handelsschiffe unter Kanonendonner in die Häfen des Subkontinentes einfahren. Im sog. Child’s War, dem Versuch, dem mächtigen indischen Großmoghul Aurangzeb mit Kanonen Handelsprivilegien abzutrotzen, erlitt er allerdings eine Niederlage. Dies hatte die Beschlagnahme des Besitzes der Company und ihre Verbannung vom indischen Subkontinent zur Folge, was nur durch eine im wahrsten Sinne des Wortes durchgeführte „Unterwerfung“ vor dem Großmoghul rückgängig gemacht werden konnte, welche derselbe unvorsichtigerweise gnädig annahm, eine Sache, welche die machtbewussten Engländer vermutlich nie verwunden und daher später umso deutlicher umgekehrt haben, indem sie die letzten Großmoghule de facto zu ihren Vasallen degradierten. Wie viele bedeutende englische Geschäftsleute flankierte auch Josiah Child seine wirtschaftlichen Aktivitäten und Interessen mit politischen Ämtern. Er war unter anderem Berater der Krone in Wirtschaftsfragen und hatte lange Jahre einen Sitz im Unterhaus. Seinen Erfolg verdankte der homo novus, wie Thomas Gresham, im Übrigen nicht zuletzt auch dem strategischen Einsatz von großzügigen „Geschenken.“ Anstehende Verlängerungen des Monopols der East India Company etwa erreichte der Bürgerliche, indem er sogar die Krone bestach. Jakob II. und Karl II. erhielten von ihm aus gegebenem Anlass gigantische Summen oder große Aktienpakete der East India Company, zusätzlich zu dem Jahresgeschenk, mit dem er sie jeweils zu Weihnachten bedachte.

Mit viel beachteten Schriften beteiligte sich Josiah Child, wie Barbon, auch am ökonomischen Diskurs seiner Zeit. Unter anderen verfasste auch er als einer der „Gutachter“ betreffend die Münzreform des Jahres 1696 ein Pamphlet über Handel und Zinsen. Sein ökonomisches Denken gehörte allerdings, wiewohl er nur zehn Jahre älter als Barbon war, noch weitgehend der Generation an, welche ihre Prägung vor den revolutionären politischen und wirtschaftlichen Ereignissen um die „Glorious Revolution“ erhalten hatte. Er war im merkantilistischen Denken verhaftet, erweiterte das Konzept der „balance of trade“ aber immerhin, indem er zur Bestimmung des Handelsgleichgewichtes nicht nur die Beziehung zwischen zwei Staaten, sondern den gesamten Kreislauf des Handels zwischen verschiedenen Staaten heranzog. Praktischerweise ermöglichte ihm dies, den Kritikern der East India Company, welche den hohen Abfluss von Silber durch die Importe aus dem Osten bemängelten, den Wind aus den Segeln zu nehmen, da er so den Focus weg von seiner Gesellschaft und auf das große Ganze lenken konnte, dessen Mechanismen weniger eindeutig zu bilanzieren waren. Überhaupt schien er sorgsam darauf bedacht zu sein, mit seinem wirtschaftstheoretischen Erkenntnisdrang nicht in Konflikt mit seinen und damit auch den Interessen der East India Company zu geraten.

Auch Josiah Child erwarb einen Landsitz und zwar in Wanstead, das sich im Nordosten Londons so weit von der City wie Osterley House auf der anderen Seite befindet und damit ebenfalls so nahe, wie dies für einen Geschäftsmann erforderlich ist, an dem Ort liegt, wo die relevanten Entscheidungen fallen. Auf dem Grund befand sich ein altes Herrenhaus, das schon Heinrich dem VII. und Heinrich dem VIII. als Jagdhaus diente. Hier war der Altersitz von Robert Dudley, dem Favorit Elisabeths I., den man als künftigen Ehegatte der Königin gehandelt hatte, der es aber dann doch nicht wurde, vermutlich weil seine Ehefrau bei einem Sturz von einer Treppe im Haus der Eheleute ums Leben kam, den man seinerzeit – wohl zu Unrecht – für einen möglichen Akt zur Beseitigung eines Hindernisses für eine Ehe mit der Königin gehalten hat; er sollte später zum tragischen Held diverser Historyromane und -filme werden,

Auf dem riesigen Grundstück legte Josiah Child mit großem Aufwand einen symmetrisch gegliederten Park mit langen Alleen aus Wallnussbäumen an und schuf, wie Gresham, große Fischteiche, die noch heute bestehen. Nach Josiahs Tod ließ sein Sohn Richard das alte Gemäuer im Jahre 1704 abreißen und leistete sich von dem ererbten, mittels der East India Company entstandenen enormen Vermögen ein, neues, seinen finanziellen Verhältnissen entsprechendes „house“. Mit dessen Planung beauftragte er den schottischen Architekten Colen Campbell, der die Bibel des Palladianismus, den prächtig illustrierten „Vitruvius Britannicus“ herausgegeben hat und als der Erfinder des Stiles gilt, welcher in England nach den seinerzeit herrschenden hannoveranischen Königen Georg I bis IV „Georgian“ genannt wird (in diesem Geist sind so noble Architekturensembles wie in der südenglischen Stadt Bath entstanden). Der Bürgerliche scheute sich dabei nicht, in offene Konkurrenz mit dem Adel zu treten. Das „house“ sollte offensichtlich dem riesigen, ziemlich monströsen Blenheim Palace Paroli bieten, dem einzigen nicht royalen oder episkopalen Landhaus Englands, das die Bezeichnung Palace trägt. Diesen baute sich der mächtige Militärmann (und Bankkunde von Francis Child) John Churchill, der 1. Herzog von Malborough, zur gleichen Zeit von der Belohnung, die er von Königin Anne, der Nachfolgerin Wilhelms III., für seine Siege gegen Frankreich im Spanischen Erbfolgekrieg erhalten hatte, mit denen der Aufstieg Englands zur Weltmacht begann (merkwürdigerweise musste, wenn ich das hier noch loswerden darf, John Churchills in Blenheim geborener Nachfahre und Biograph Winston, wiewohl militärisch nicht weniger erfolgreich, zweieinhalb Jahrhunderte später als Premierminister mit ansehen, wie sich das Britische Empire aufzulösen begann und hatte diesen Prozess auch noch mit mehr oder weniger guter Mine politisch und organisatorisch zu begleiten).

Die militärischen Erfolge im Spanischen Erbfolgekrieg waren übrigens nicht zuletzt auch der wirtschaftliche Hintergrund eines weiteren spektakulären barocken Herrenhausprojektes, nämlich des Belvedere in Wien. Dies baute sich der Prinz Eugen, der als Führer der Truppen des habsburgischen Koalitionspartners an den Schlachten teilgenommen hat. Der savoyische Prinz hatte allerdings deutlich mehr Geschmack und den besseren Architekten (Johann Lucas von Hildebrandt, der halb Wien baute) als der englische Haudegen und Politakrobat mit seinem Architekten John Vanbrugh. Letzterer war dafür als Person eine in jeder Hinsicht barocke, mit anderen Worten ausufernde Figur. Er baute, wie Wren und Hooke ein architektonischer Autodidakt, bar jeder Erfahrung mit Castle Howard das erste englische Herrenhaus im Sinne des kontinentalen Barocks, was, wenn auch nur kurz, Schule machte; außerdem war er ein glühender Whig und als solcher Mitglied des einflussreichen Kit-Kat-Klubs, in dem, wie in so vielen englischen Clubs die gesellschaftlichen Standards ausgebrütet und politische Weichenstellungen vorbereitet wurden; weiter war er ein politischer Aktivist, der im Zusammenhang mit der Glorious Revolution in Frankreich spionierte, was ihm dort vier Jahre Gefängnis, unter anderem in der Bastille einbrachte; zusätzlich war er Theaterunternehmer – er baute das erste Haymarkt-Theater im Londoner Westend, heute das Royal Theater, in dem mit wenig wirtschaftlichem Erfolg die meisten Opern Händels uraufgeführt wurden, weswegen der Musiker zeitweilig und Vanbrugh lebenslang verschuldet war; und schließlich war er ein umstrittener, aber sehr erfolgreicher, weil sexuelle Tabus brechender Stückeschreiber.

Wie es in Wanstead House aussah, kann man auf einem Konversationsstück von William Hogarth, dem großen englischen Sitten- und vor allem Unsittenmaler des 18. Jahrhunderts, sehen, auf dem er ohne die für ihn typische Ironie, aber wie immer voller symbolischer Anspielungen eine „Assembly at Wanstead House“ darstellte. Auf dem farbenprächtig ausgemalten Bild, das sich inzwischen in Philadelphia in den Vereinigten Staaten befindet, sieht man im opulent ausgestatteten, monumentalen Ballsaal des Herrenhauses die fein gekleidete Großfamilie von Richard Child, der sich inzwischen Lord Castlemaine nennen durfte, ein Titel, den er sich, wie man munkelte, für sehr viel Geld gekauft hatte. In der Mitte sitzt die Hausfrau, Lady Castlemaine, in feiner Robe am Spieltisch, die mit der Karte, die sie gerade gezogen hat, einem Pik Ass, auf den Hausherrn deutet, was nichts anderes heißen soll, als dass sie mit der Wahl ihres Ehegatten das große Los gezogen hat.

Außen prunkte das „house“ mit einer einfach und klar gegliederten Front von nicht weniger als achtzig Metern Länge, in deren Mitte ein prachtvoller giebelgekrönter Säulenportikus angebracht war. Wanstead House war eines der ersten Gebäude Englands im palladianischen Stil, jenem klassizistischen, an altrömischen Vorbildern orientierten herrschaftlichen Baugestus, mit dem England die halbe Welt überzog. Englische Siedler und gerade auch die Angestellten die East India Company sollten wo immer sie hinkamen Villen und öffentliche Gebäude mit symmetrischer Fassade, reduzierter Ornamentik und Säulenportikus bauen und damit ihre imperiale Herrschaftshaltung unterstreichen, deren Muster Rom geliefert hatte; bei ihren Kirchen, die den mitgereisten geistigen Herrschaftsanspruch symbolisierten, blieben sie allerdings gerne beim „heimischen“ gotischen Stil, vermutlich weil die anglikanische Nationalkirche den italienischen und damit den Stil des römischen Konkurrenten um die Nachfolge der antiken Imperatoren möglichst nicht bedienen wollte. Es ist sicher kein Zufall, dass sich die palladianische Variante des Klassizismus nicht zuletzt in den Südstaaten der heutigen USA ausbreitete, wo die Besitzer der Plantagen und Latifundien ihren Reichtum wie im alten Rom durch die Arbeit von Sklaven erwirtschafteten. Noch das Weiße Haus in Washington ist von diesem Stil geprägt, in dem sich, wie überhaupt in dem monumental angelegten, säulenreichen Gesamtplan von Washington der römisch-imperiale Anspruch des neuen Großstaates manifestiert, dessen Gründerväter ebenfalls Sklavenhalter waren.

Kaum hundert Jahre nachdem es erbaut worden war, wurde Wanstead House wieder abgerissen. Es teilte damit früh das Schicksal, welches inzwischen viele stately homes erlitten – allein in 20. Jahrhundert wurden in England und Schottland mehr als 1500 Herrenhäuser abgetragen, meist weil deren Erhaltung zu teuer wurde oder die Eigentümer wegen des Niedergangs der britischen Wirtschaftsmacht im Zuge der Weltkriege und der Auflösung des Kolonialreiches in Vermögensverfall gerieten, aber auch weil sie die hohe Erbschaftssteuer, welche inzwischen weniger herrenfreundliche, nach Geldquellen grabende Regierungen eingeführt hatten, nicht bezahlen konnten oder wollten. Für die Menschen der unmittelbaren Umgebung war dies bei aller ausgleichenden Gerechtigkeit, die man in dieser Form der sozialen Nivellierung sehen mag, übrigens kein geringes Problem. Denn die Aufgabe der Herrenhäuser und des verschwenderischen Lebensstiles, der darin gepflegt wurde, bedeutete – siehe Mandevilles Bienenfabel – auch den Verlust vieler Arbeitsplätze für Bedienstete, Künstler, Handwerker und alle möglichen sonstigen Dienstleister. Außerdem fielen damit meist die Zuwendungen für die lokale Schule und Kirchengemeinde weg, mit denen die Eigentümerfamilien nicht selten ihr abgehobenes Luxusleben kompensierten, insbesondere, wenn sie, wie häufig, nach demselben auch noch mit einem prächtigen Epitaph in der Dorfkirche verewigt werden wollten.

Dieser Aspekt hat allerdings in neuerer Zeit eine schöne Wendung genommen, was mich dazu veranlasst, noch eine weitere kleine Schleife in unsere windungsreiche Schilderung einzufügen, zumal diese später wieder Osterley House betrifft. Heute sind viele Herrenhäuser, bei deren Untergang so viele Erwerbsmöglichkeiten vernichtet wurden, nämlich auf neue Art wieder die höchst soziale Quelle von Arbeits- und Beschäftigungsplätzen. Dies gilt insbesondere, soweit sie dem National Trust gehören, dem großen Sammelbecken für Gebäude, Parks und sonstige Gegenstände des historischen Erbes Englands, der mittlerweile der größte Grundbesitzer des Landes ist. Abgesehen von den Arbeitskräften, welche die kostbaren Objekte instand halten oder wiederherstellen, sind in ihnen zahlreiche alte Menschen beschäftigt, die den außerordentlich populären Besuch der geschichtsträchtigen Stätten mit großem Engagement organisieren und beaufsichtigen. Diese Bürger erbringen so eine verantwortungsvolle Tätigkeit zum Nutzen der Allgemeinheit, die ihnen das Gefühl vermittelt, noch gebraucht zu werden, womit sich, wie bei so vielen Hinterlassenschaften übertriebenen Lebensstils – siehe die Schlösser des Bayernkönig Ludwig II. – der einstmals zweifelhafte Aufwand ganz im Sinne von Barbon und Mandeville auch heute noch „rechnet.“ Manch’ kontinentales Gemeinwesen könnte sich von einer solchen Verbindung von Geschichte und aktueller gesellschaftlicher Gestaltung eine Scheibe abschneiden.

Aber zurück zu Wanstead House. Das frühe Ende des Prachtbaus kam, nachdem der adlige Ehemann von Miss Catherine, einer Ur-Ur-Enkelin von Josiah Child, das Vermögen vergeudet hatte, welches der bürgerliche Kaufmann sorgsam gebildet hatte. Miss Catherine, die von verschiedenen Seiten geerbt hatte und als die reichste nichtadelige Erbin Englands galt, hatte mit der Wahl von William Pole-Wellesley, dem 4. Earl of Mornington, als Ehegatten nicht, wie Lady Castlemaine, ein Ass, sondern den schwarzen Peter gezogen (sie hatte für ihn unter den Personen, die sich um sie oder besser gesagt um ihr Erbe bewarben, sogar ein Mitglied der königlichen Familie ausgeschlagen, den späteren König Wilhelm IV, der durch den Wegfall vorrangiger Thronprädenteten unerwartet die Krone bekam, was besonders eindrucksvoll zeigt, wie Geldgier selbst über den höchsten Standesdünkel siegen kann).

Miss Catherines Auserwählter, dessen Lebensart so monströs war, wie sein vollständiger durch Einheiraten erlangter Name – William Pole-Tylney-Long-Wellesley – war eine höchst zweifelhafte Persönlichkeit. Er war schon bei der Eheschließung hoch verschuldet – unter anderem hatte er einen hohen Betrag geliehenen Geldes in die Wahlkampagne gesteckt, mit der er sich ein Unterhausmandat verschaffte. Bei der Verbindung mit Miss Catherine, die er zweifelsohne auf dem Hintergrund dieser Schulden anstrebte, wurde in einem Ehevertrag genau geregelt, auf welche Teile des Vermögens seiner Gattin der Earl Zugriff hatte. Dazu gehörte auch Wanstead House. Von diesen Befugnissen machte der Earl freigiebig Gebrauch und gab das vorhandene Geld in großen Zügen aus, etwa indem er den Park von Wanstead aufwendig im damals aufkommenden englischen Landschaftsstil umgestalten ließ und dort opulente Partys feierte – bei einem Fest, mit dem man den Sieg seines Onkels, des Herzogs von Wellington, über Napoleon bei Waterloo feierte, bewirtete er eintausend Gäste, darunter den Prinzregenten und zahlreiche weitere Mitglieder der königlichen Familie, wobei er offenbar alles tat, um nicht als knauserig zu erscheinen. Darüber hinaus machte er auf Kosten seiner Frau auch noch hohe Schulden, die sich schließlich so weit auftürmten, dass Wanstead House, dessen Trust er belastet hatte, nicht mehr gehalten werden konnte. In einer 32-tägigen Versteigerung wurde zunächst das wertvolle Inventar veräußert, womit sich wieder so manches stately home schmückte – ein Kamin landete sogar in Georg Washingtons Landhaus in Mount Vernon in Amerika. Da das Haus selbst laut einer früheren testamentarischen Verfügung auf 1000 Jahre – in derart monumentalen Zeiträumen dachten die Menschen damals – nicht vom Park getrennt verkauft werden durfte und sich für das Gesamtobjekt kein Interessent meldete, riss man im Jahre 1825, um dem Wortlaut des Testamentes Genüge zu tun, sinnigerweise das schöne Gemäuer ab, um mit den Abbruchmaterialien, die als Spolien teilweise wieder in herrschaftliche Gebäude eingebaut wurden, weitere Schulden abzutragen. Der Erlös, der dazu bei weitem nicht ausreichte, betrug ein Zwanzigstel dessen, was der Bau des Hauses einhundert Jahre zuvor gekostet hatte – sic transit gloria mundi.

Der 4. Earl of Mornington war, wie ich bei weiteren Nachforschungen feststellte, eine besondere Figur. Für ihn und die mit einem solchen Protagonisten verbundenen sozialen Phänomene lohnt es sich, ein paar weitere Schleifen in den Gang der Erzählung einzuweben. Der Earl war das, was die Engländer einen „rake“, einen Wüstling, nennen. Hogarth hat diesem Typus einen seiner berühmten moralischen Bilderzyklen gewidmet, deren beziehungsreiche Anspielungen, Allegorien und Symbole Georg Christoph Lichtenberg, Hogarths deutscher Bruder im satirischen Geiste, Ende des 18. Jahrhunderts so kongenial erläutert und „ausgemalt“ hat. In „A Rake’s Progress“ wird geschildert, wie Tom Rakewell, so heißt der Taugenichts, sein großes ererbtes Vermögen zunächst mit einem herrschaftlichen Lebensstil vergeudet – er wird in herrenhäuserlichem Ambiente im Kreis von Klienten und Günstlingen beim „Levée“ gezeigt. Unter anderem leistete er sich dabei einen Hausmusiker mit ausufernder wuseliger Lockenperücke, mit dem Hogarth, wie es scheint, auf Georg Friedrich Händel anspielt (der sich allerdings, um auch noch dieses „Wirtschaftsthema“ kurz anzureißen, in seiner Wahlheimat England eher damit herumzuschlagen hatte, dass das Musikleben nicht wie auf dem Kontinent im Wesentlichen von meist kirchlichen oder adeligen Mäzenen getragen, sondern ebenfalls weitgehend privatisiert und daher mit einem erheblichem Unternehmerrisiko verbunden war, das er zeitweilig auch bitter zu spüren bekam). Auf der nächsten Stufe seines „progress“ sieht man Rakewell, wie er, umgeben von allerhand Blutsaugern, Orgien in einem Bordell feiert. Als sein Geld zur Neige geht, verschafft er sich neue Mittel durch die Heirat mit einer hässlichen alten, aber reichen Frau, deren Vermögen er anschließend beim Glücksspiel durchbringt. Hoch verschuldet landet er schließlich im Schuldgefängnis und am Ende in der Irrenanstalt. Igor Strawinski hat aus diesem Sujet eine gleichnamige Oper gemacht.

Hogarth hat insbesondere das Ende des Wüstlings drastisch ausgemalt. Der Maler wusste aus eigener Anschauung nur zu gut, wie die englische Gesellschaft mit zahlungsunfähigen Schuldnern umging. Sein Vater, ein ärmlicher Lateinlehrer, hatte sich in Gründereuphorie der ersten Jahre nach der Glorious Revolution auch als Unternehmer zu betätigen versucht und hatte ein Café für einen exklusiven Kreis von Gebildeten eröffnet, in dem nur Lateinisch gesprochen werden durfte (derartige themenorientierte „coffee houses“ waren seinerzeit in hohem Maße à la mode und spielten im bürgerlichen Bildungsprozess aber auch wirtschaftlich – siehe „Jonathans“ in der Change Alley oder „Lloyds“ – eine bedeutende Rolle). Die Sache ging nicht gut – ich weiß nicht, ob wegen Konkurrenz, Mangel an Gebildeten oder Fehlen der erforderlichen Lateinkenntnisse. Jedenfalls hatte Hogarths Vater bei seiner Unternehmung weniger Glück oder Geschick als die beiden Childs und generierte offenbar einige Verluste. Mit wirtschaftlichen Verlierern aber ging man damals nicht eben zimperlich um. Man steckte sie, oft samt ihrer Familie, in ein Schuldgefängnis, wo sie ihre Verbindlichkeiten abzuarbeiten hatten (nach außen gab es nur ein vergittertes Fenster, an dem sie die Passanten um milde Gaben oder finanzielle Hilfe anbetteln konnten). Hogarths Vater landete in der Fleet Prison, dem Schuldgefängnis der City.

Diese Anstalten waren selbst wieder ein Geschäft und zwar ein solches, bei dem die Betreiber nicht riskierten, ihrerseits als Bankrotteure im Schuldgefängnis zu landen. Sie waren auf gut liberale Weise ebenfalls privatisiert und wurden nach Art eines Unternehmens samt Unterverpachtung an geldgierige Subunternehmer geführt, was angesichts der Neigung der Menschen zur Überstrapazierung ihrer finanziellen Möglichkeiten und den generellen Fährnissen des Wirtschaftslebens eine prinzipiell unendliche Nachfrage nach ihren Dienstleistungen und damit andauernden Profit garantierte. Als Wirtschaftsunternehmen zeitigten sie, nicht anders als im Falle der East India Company, all die negativen (Neben?)Erscheinungen, die bei der Vermischung von privaten Interessen und öffentlichen Aufgaben schon im Allgemeinen aufzutreten pflegen, die aber in besonderem Maße wahrscheinlich werden, wenn die öffentliche Aufgabe darin besteht, die Freiheit anderer Menschen einzuschränken. Dabei gerieten ausgerechnet die relativen Freiheiten zum Nachteil der Betroffenen, welche die Schuldgefängnisse, anders als die regulären Strafgefängnisse, zuließen, etwa die Möglichkeit, auch außerhalb der Anstalt zu arbeiten oder nicht hinter deren Mauern, sondern im Umkreis desselben, der sog. Liberty, zu wohnen, einer rechtlichen Grauzone, in der einige Freiheiten herrschten, zum Beispiel das Kirchenrecht nicht galt (in der „Liberty of the Fleet“ etwa wurden zu Hogarth Zeiten angesichts eines rechtlich nicht gefestigten allgemeinen Eherechtes tausende von heimlichen Ehen, die „clandestine fleet marriages“, geschlossen). Auch in der Fleet lebten die Standesunterschiede weiter. Wer es sich, etwa auf Grund versteckten Vermögens oder familiärer Unterstützung, leisten konnte, lebte auf der „master side“ einigermaßen komfortabel. Manche Betrüger wählten sogar die Fleet zu ihrem Domizil, um Ruhe vor ihren Gläubigern zu haben und in aller Ruhe die nächste Insolvenzamnestie abzuwarten. Wer wirklich arm war, hatte auf der „common side“ nichts zu lachen.

Die Gefängnisunternehmer verlangten für die Gewährung jeder Freiheit Entschädigung und für jeden Dienst eine Bezahlung, deren Höhe sie nach Gutdünken und „Leistungsfähigkeit“, mit anderen Worten nach dem Grad der Erpressbarkeit des Gefangenen festsetzten. Die Gefängnisinsassen mussten nicht nur kräftig für Kost und Logis, sondern auch noch für jeden Handgriff Gebühren bezahlen, und dies in besonderem Maße, wenn es die Lockerung ihrer Freiheitsbeschränkung betraf, etwa für das Herumdrehen des Schlüssels im Schloss ihrer Zellentüre oder für die Öffnung der Eisen, mit denen sie an den Füßen oder am Hals angekettet waren. Hogarth hat in einem seiner frühen Bilder eine Sitzung des Parlamentsausschusses dargestellt, der im Jahre 1729 die ungeheuerlichen Missbräuche im „Fleet Prison“ untersuchte, was ihn auf einen Schlag berühmt machte. Wenn man den Bericht über das Ergebnis dieser Untersuchung, der als Dokument humanitärer Intervention Berühmtheit erlangte, liest, stellen sich einem wahrlich die Haare zu Berge. Unter anderem wird darin geschildert, wie einer der Insassen, um Geld von ihm zu erpressen, auf grausame Weise zu Tode gefoltert wurde. In der Fleet, die, wie so viele englische Institutionen eine beachtliche Kontinuität der Verhältnisse aufweisen kann, hatte eineinhalb Jahrhunderte zuvor schon der Ehemann von Lady Mary Grey wegen seiner staatspolitisch untunlichen Verbindung mit einer möglichen Thronerbin einsitzen müssen, was er nur wenige Jahre überlebte. Gut hundert Jahre nach der genannten Untersuchung der Missstände hat Charles Dickens, dessen Vater mit Mutter und seinen sieben Geschwistern auch im Schuldgefängnis saß – der zwölfjährige Charles selbst durfte draußen bleiben und musste die Familie versorgen – in den „Pickwickpapers“ eindrucksvoll die bedrückenden Verhältnisse dargestellt, die zu seiner Zeit noch immer herrschten. In dieser berüchtigten Anstalt hatte, wie gesagt, Hogarths Vater eingesessen. Er brauchte fünf Jahre, um die Schulden abzuarbeiten, die bei einem fallierten Gastronomiebetrieb eigentlich einen vergleichsweise bescheidenen Umfang gehabt haben dürften.

Diese Art des Umgangs mit wirtschaftlich Gescheiterten oder geschäftlich Unfähigen ist tief im liberalistischen Denken Englands verwurzelt, welches bis heute die anglo-sächsischen Sozialsysteme prägt. Danach sollen die Folgen wirtschaftlichen Unvermögens möglichst so unangenehm sein, dass das als frei und handlungsmächtig gedachte Individuum alles daran setzt, sie zu vermeiden. Den theoretischen Hintergrund für diese Haltung lieferten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die spezifisch englischen utilitaristischen Theorien von Jeremy Bentham und Thomas Malthus sowie ihres Nachfolgers John Stuart Mill, wonach diejenigen gesellschaftlichen Gestaltungen moralisch richtig und gerecht seien, welche für die meisten Menschen das größte Glück bewirkten. Sozialpoltisch sei dies, so schloss man aus dieser Prämisse, der Fall, wenn Umstände geschaffen würden, die möglichst viele Menschen davon abhalten, sich in die unglückliche Situation zu bringen, in der sie ihre Verbindlichkeiten nicht mehr erfüllen können oder auf fremde Hilfe angewiesen sind. Zu einer Zeit, in der England auf dem Höhepunkt seiner Macht und seines Reichtums war und die Oberschicht, nicht zuletzt in ihren Herrenhäusern, im gepflegten Luxus und Müßiggang schwelgte, bedeutete dies für die armutsgefährdete untere Bevölkerungsschicht, dass man von ihr extreme Sparsamkeit und Bescheidenheit erwartete. Dem entsprechend waren die Verhältnisse der Arbeiterschaft etwa im England des 19. Jahrhunderts mehr als bescheiden.

Diese Art der Glückserzeugung für die große Menge hat freilich für die Wenigen, die aus welchen Gründen auch immer, solche Situationen nicht vermeiden können, notwendigerweise das größte Unglück zu Folge. Wie sich der Grundsatz, der auf den ersten Blick so hehr erscheint, in der Praxis auswirkt, zeigt etwa das „Armengesetz“, welches das englische Parlament im Jahre 1834 auf der Basis utilitaristischer Vorstellungen beschloss. Es knüpfte die Unterstützung von bedürftigen Personen daran, dass sie sich dieselbe durch Arbeit in einem „Workhouse“ verdienen. Dabei sollten diese Arbeitshäuser, wie die Schuldgefängnisse, so abschreckend wie möglich gestaltet werden, auf dass jeder sein Leben so einrichte, dass er die Unterstützung nicht benötigt und sie nur von denen in Anspruch genommen wird, welche wirklich keine andere Wahl haben. Dies bedeutete, dass im Arbeitshaus, das man in Anlehnung an das berüchtigte Pariser Gefängnis auch Work-Bastille nannte, tendenziell gerade diejenigen unter den härtesten, durchaus gefängnisartigen Bedingungen lebten, denen das Leben ohnehin schon so übel mitgespielt hatte, dass sie keine andere Wahl hatten, als sich um öffentliche Unterstützung zu bemühen. Noch heute herrschen volkspädagogische Vorstellungen dieser Art in der angel-sächsisch geprägten Welt, nicht zuletzt in Amerika, vor, mit der Folge, dass dort aus der Befürchtung, die Eigeninitiative sozial schwacher Menschen könne gelähmt werden, nur ein begrenztes Verständnis für soziale Sicherungssysteme und entsprechende Transferleistungen besteht, wie sie auf dem europäischen Kontinent weitgehend üblich sind.

Übrigens hat Hogarth selbst es sehr gut verstanden, sich nicht in eine ähnlich unglückliche Situation wie sein Vater zu bringen. Nicht nur, dass er mit der Verbreitung seiner gemalten Bilder durch Kupferstiche ein deutlich erfolgreicheres Geschäftsmodell entwickelte, als der Vater mit seinem Lateinercafé. Der Künstler wusste auch, dass man seine wirtschaftlichen Interessen am besten, wie die Kaufleute, auf politischem Wege durchsetzt. Hogarth hat neben seinen Einzelblättern auch Bücher illustriert – erstmals im Jahre 1726 das Versepos „Hudinbras“ von Samuel Butler, mit dem die Puritaner mit typisch englischem Humor durch den Kakao gezogen werden, ein rares Buch, dessen Original sich in meinem Besitz befindet (was auch ein Grund dafür ist, warum ich Hogarth hier immer wieder einmal erwähne). Der Kupferstecher musste jedoch feststellen, dass zwar der Buchautor und gegebenenfalls sein Verleger nicht aber er als bildender Künstler vor Raubkopierern geschützt war. Seine Stiche, die sich bald als Verkaufsschlager erwiesen, wurden folgenlos massenhaft gefälscht. England hatte auf der Basis von John Lockes grundlegenden Theorien über das Eigentum als erstes Land der Welt zwar die Notwendigkeit erkannt, auch geistiges Eigentum anzuerkennen und zu schützen. Mit dem „Statute of Anne“ aus dem Jahre 1710 wurde das Recht der Vervielfältigung, das samt der Zensurbefugnis bisher der Stationers Company, der Buchhändler Gilde, zustand, auf eine gewisse Zeit dem Autor oder demjenigen zuerkannt, dem er es verkauft hatte, etwa seinem Verleger; bei dieser Gelegenheit wurde auch das bis heute weltweit gültige Copyright-Zeichen eingeführt. Das „Statute of Anne“ schützte aber nur den Autor von Texten. Hogarth „lobbyte“ so lange für die Ausdehnung des Urheberrechts auf Bilder, bis das Parlament im Jahre 1734 ein entsprechendes Gesetz beschloss, das noch heute, wenn auch inzwischen novelliert, besteht und den Namen „Hogarth Act“ trägt.

Aber zurück zum 4. Earl of Mornington. Obwohl dessen Schulden fundamental andere Dimensionen als die von Hogarths Vater hatten, musste er charakterbildende Maßnahmen wie Schuldgefängnis und Arbeitshaus nicht erdulden. Auf dem Höhepunkt seiner Verschuldung und wegen derselben wurde er mit Hilfe seiner einflussreichen Familie zum Gentleman Usher ernannt, eine der vielen nicht selten skurrilen Zeremonialstellungen beim englischen Hofe, die ihm straf- und zivilrechtliche Immunität garantierte. Sein Schutzpatron war König Georg IV., der vermutlich viel Verständnis für den Earl hatte, war er doch selbst ein ausgewiesener Lebemann und ein ganz großer Meister im Schuldenmachen – seine gigantischen persönlichen Verbindlichkeiten konnten schließlich nur mit Hilfe des Parlamentes, das heißt aus öffentlichen Mitteln beglichen werden.

So viel Glück hatte der Earl allerdings nicht. Seine Gläubiger blieben ihm auf den Fersen, weswegen er sich, wie es Vermögensdelinquenten zu tun pflegen, samt seiner Familie eine Zeitlang ins Ausland verdrückte. Dort reicherte er seine gewaltigen Probleme noch dadurch an, dass er sich mit einer verheirateten Frau von offenbar zweifelhaftem Charakter einließ, was Miss Catherine dazu veranlasste mit ihren drei Kindern nach England zurückzukehren und, da der Earl nicht von seiner neuen Eroberung abließ, schließlich die Scheidung einzureichen. Nachdem Miss Catherine, die er auch noch mit einer Geschlechtskrankheit infiziert hatte, kurz darauf im Alter von fünfunddreißig Jahren „an einem Fieber“ verstarb, kam der Earl, dem es irgendwie, vermutlich wieder mit Hilfe seiner einflussreichen Familie, gelungen war, seine Gläubiger vorläufig ruhig zu stellen, zurück nach England, wo er sich erneut politisch betätigte. Er setzte nun alles daran, das Sorgerecht für seine Kinder, das ihm Miss Catherine hatte entziehen lassen, wieder zu erlangen, um auf diese Weise Zugriff auf ihr beachtliches unveräußerliches Erbe zu erlangen, das bislang vor ihm sicher und auf den ältesten Sohn übergegangen war.

Mit den justiziellen Ressourcen ging der Earl dabei nicht weniger verschwenderisch um, als mit fremdem Geld. In zahllosen Prozessen stellte er die Geduld der Richter immer wieder auf eine harte Probe. Sein nicht weniger hartnäckiger Gegner war dabei sein Onkel, der Herzog von Wellington, der inzwischen Premierminister geworden und zeitweilig Vormund der Kinder war. Nach einer beispiellosen Schlammschlacht, welche eine erregte Öffentlichkeit, die der Earl immer wieder gezielt mit kompromittierenden Details versorgte, mit großer (Neu)Gier verfolgte, stellte ein Richter schließlich fest, dass der Vater „unfit“ für das Sorgerecht sei, weil er schamlos sogar noch während des Gerichtsprozesses ein ehebrecherisches Verhältnis mit eine gemeinen Hure unterhalten und seine Kinder darüber hinaus auch in der Kunst des blasphemischen und obszönen Fluchens angeleitet habe (beides scheinen die Richter, die zur feinen Gesellschaft gehörten, für gleichermaßen verwerflich angesehen zu haben).

Der Earl, der sich inzwischen wieder ein Abgeordnetenmandat verschafft hatte, revanchierte sich damit, dass er sich zum Reformer stilisierte – unter anderem verfasste er, ohne übermäßigen Aufwand zur Verschleierung seines persönlichen Interesses zu betreiben, ein Pamphlet zur Neuorganisation der Courts of Chancery, vor denen er seine Prozesse verloren hatte, das der Verfechter des größten Glücks für die kleinste Menge, nämlich er selbst, sinnigerweise an den Theoretiker des größten Glücks für die größte Menge, Jeremy Bentham, schickte; außerdem legte er einen Gesetzesentwurf vor, mit dem der Ausschluss verschuldeter Abgeordneter aus dem Parlament und die Veröffentlichung der Berichte der Untersuchungsrichter verboten werden sollte. Nicht weniger interessengeleitet schlug er sich im Unterhaus auf die Seite der Gegner seines Onkels, womit er dazu beitrug, dass Wellington im Jahre 1830 gestürzt wurde und die Whigs an die Macht kamen.

Die Hintergründe dieses Sturzes geben mir Gelegenheit, eine Linie weiter zu ziehen, welche ihren Anfang in der Zeit eines Francis Child hatte und die durch die Entwicklung der englischen Wirtschaft ab dem späten 18. Jahrhundert einen neuen kräftigen Schub erhielt. In Westminster tobte seinerzeit ein außerordentlich heftiger Kampf um die „Reform Laws“, Gesetze, mit denen parlamentarische Erbhöfe des Adels abgeschafft und das Wahlrecht für das Unterhaus erstmals seit der Glorious Revolution erweitert und auf die begüterten Bürger der Städte ausgedehnt werden sollte, die im Zuge der industriellen Revolution im Norden des Landes entstanden waren. Wellington, ein erzkonservativer Tory-Haudegen, der unter anderem in Indien erfolgreich für die East India Company gekämpft hatte, stemmte sich unnachgiebig gegen dieses längst fällige Reformprojekt, welches von bürgerlich-liberalen Kreisen im Sinne einer Weiterentwicklung der englischen Demokratie vorangetrieben wurde. Der Kampf wurde so erbittert ausgetragen, dass sich der Herzog in Apsley House, seinem prachtvollen Herrenhaus an der Hyde Park Corner in London mit der schönen Adresse London Nr. 1, weil dort seinerzeit die Grenze Londons verlief, mittels eiserner Fensterläden gegen das wütende Volk verschanzen musste, was ihm das Beiwort „iron“ (eisern) zu seinem Herzogstitel einbrachte, eine Charakterisierung, die anderthalb Jahrhunderte später seine erste weibliche Nachfolgerin in Downing Street Nr. 10, Lady Thatcher, erben sollte, die sich, ebenfalls eine Tory, ähnlich unnachgiebig mit den Gewerkschaften anlegte, deren Macht ihr im Zuge des fortgeschrittenen Abbaus der Oberschichtsprivilegien ins Kraut geschossen schienen. Die Befürworter der Reform sollten nach heißen Redeschlachten, bei denen sich der Whig Macaulay profilierte, schließlich den Sieg davontragen. Dass der 4. Earl of Mornington, der sich zu den Siegern rechnen durfte, ihre hehren Ziele wirklich teilte, ist kaum anzunehmen. Wahrscheinlich wollte er seinem Onkel nur eins auswischen.

Die finanziellen Verhältnisse des Earls blieben äußerst angespannt. Ähnlich wie Barbon wusste er sich immer wieder seinen Gläubigern zu entziehen, etwa indem er für einige Zeit nach Calais oder Brüssel verschwand. Urteile, die gegen ihn ergingen, missachtete er, ebenfalls nicht anders als Barbon, im Vertrauen auf seine Immunität als Abgeordneter. Schließlich trieb er es so weit, dass den Richtern die Geduld platzte. Als er sich weigerte, die Schadenssumme zu bezahlen, welche der gehörnte Gatte seiner neuen Liebschaft wegen des Einbruchs in seine Ehe erstritten hatte, wurde er arrestiert und erst nach Zahlung des festgesetzten Betrages wieder freigelassen. Einige Zeit danach landete er sogar doch noch, wenn auch nur für vier Wochen, im Fleet Gefängnis – allerdings nicht wegen seiner Schulden, die er, wenn man die Länge des Aufenthaltes von Hogarths Vater als Maßstab nimmt, nur in vielen Leben hätte abarbeiten können. Vielmehr hatte er sich der Missachtung des Gerichtes schuldig gemacht, ein Delikt für dessen Ahndung das „Fleet“ ebenfalls zuständig war und auf das die selbstbewusste englische Richterschaft bis heute äußerst allergisch reagiert (die deutschen Richter haben sich, sehr zu ihrem – und damit auch meinem – Bedauern, ein solches Instrument der Erzwingung von Respekt nie verschaffen können).

Passiert war Folgendes: Der Earl hatte seine Tochter, für die ihm das Gericht das Sorgerecht verweigert hatte, nach Frankreich entführt, weswegen er auf Antrag der Vormünder zur Herausgabe der Jugendlichen verurteilt wurde. Statt dem Urteil Folge zu leisten, erklärte er dem großen Lordrichter Brougham ins Gesicht, dass er nicht die Absicht habe, der gerichtlichen Verfügung nachzukommen, worauf der selbstbewusste Vertreter der rechtsprechenden Gewalt den Vertreter der rechtsetzenden Gewalt kurzerhand in die „Fleet“ verbringen ließ. Auf diese Weise hat der Tunichtgut auch noch Verfassungsrechtsgeschichte geschrieben, sinnigerweise wohl gerade wegen seines schlechten Rufes. Denn die Privilegien-Kommission des Parlamentes, die nun zu entscheiden hatte, welche der staatlichen Gewalten in einem solchen Fall den Vorrang habe, kam, anders als allgemein erwartet, zu dem Schluss, dass der Sachverhalt hier nicht so liege, wie in den Fällen, die seit den Zeiten eines Barbon immer zu Gunsten der Abgeordneten entschieden worden waren. Sie verweigerte dem ungeliebten Kollegen daher die Hilfe, auf die er vertraut hatte. Der Earl wurde erst wieder freigelassen, nachdem er seine Tochter herausgegeben hatte.

Das Ende des Earls war nicht viel besser als das von Rakewell in der Bildergeschichte von Hogarth, der im übrigen auch die arrangierten und vertragsgeregelten Eheschließungen überschuldeter Adeliger mit den Töchtern reich gewordener City-Magnaten samt desaströsem Ausgang in seinem vielleicht bekanntesten Bilderzyklus „Marriage à-la-mode“ trefflich auf’s Korn genommen hat. Dem 4. Earl of Mornington erging es nicht ganz so schlimm, wie dem dort dargestellten Sohn eines bankrotten Earl of Squanderfield, zu Deutsch Graf Verschwenderfeld, der vom Liebhaber seiner Frau ermordet wurde, als er die beiden im „Bagno“ überraschte. Pole-Wellesley lebte noch bis 1857, musste aber seine letzten Lebensjahre fern der großen Welt à la Wandstead House in Armut mit einer kleinen Rente fristen, die ihm sein Cousin, der 2. Herzog von Wellington, bewilligte; sie belief sich mit zehn Pfund wöchentlich auf 1/25.000stel der Summe, mit dem er das Child’sche Erbe von Miss Cathrine belastet hatte, ein Betrag, den der Earl vermutlich aber auch als Mord, nämlich an seinem ausgeuferten Ego empfand. In die Geschichte ging der Earl ein als eine der skandalösesten Persönlichkeiten der englischen Gesellschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und als einer der zweifelhaftesten Abgeordneten, der je im Parlament saß. Im Nachruf, der nach seinem Tod im „Gentlemen Magazine“ erschien, hieß es unter bemerkenswerter Missachtung des Grundsatzes „de mortuis nil nisi bene“, er sei in der Jugend ein Verschwender und ein Spieler und als Erwachsener zügellos gewesen; er habe keine einzige Tugend besessen, welche dies ausglichen habe und sei in keiner Weise mit Anmut geschmückt gewesen. Sein Leben habe ohne den geringsten Anflug von Reue geendet. Der Rückzug aus dem Leben sei der von jemandem gewesen, der verdientermaßen von allen Menschen gemieden worden sei.

Die Geschichte von Wanstead House hat mich nun doch ziemlich weit von Osterley House und seinen Besitzern und letztlich auch noch von Wanstead House weggetragen, was allerdings nicht weiter verwunderlich ist, wenn man auf so einen grandiosen Bösewicht wie den 4. Earl of Mornington stösst – I got carried away, würde ein Engländer sagen. Bevor ich zu Osterley House zurückkehre, muss ich aber noch einmal auf das ungeheuerliche Phänomen der East India Company zu sprechen kommen, was uns noch einmal weit in Raum und Zeit hinaus tragen wird. Diese Handelsgesellschaft, die mit der Art, wie sie sich Indien einverleibte, schon „große“ Geschichte schrieb, sollte nämlich noch eine nicht unwesentliche Rolle bei zwei der wichtigsten weltpolitischen Entwicklungen spielen, die bis heute wirksam sind. Diesen Ausflug rechtfertige ich damit, dass die Wurzeln dieser Vorgänge in die Zeit zurückreichen, als die Eigentümer von Osterley House das Schicksal der East India Company mitbestimmten und dass sie erneut zeigen, welche ungeheuerlichen Effekte ein zügelloses Gewinnstreben erzeugen kann.

Der eine Prozess betrifft die Bildung der Vereinigten Staaten von Amerika. Im Jahre 1773 bekam das amerikanische Unabhängigkeitsstreben bekanntlich einen starken Impuls mit der „Boston Tea Party“, bei welcher die Siedler stellvertretend für die allgemeine politische Unzufriedenheit mit dem Mutterland, namentlich der fehlenden parlamentarischen Repräsentation ihrer Bevölkerung im Londoner Unterhaus, gegen die Zölle auf Teeimporte in die nordamerikanischen Kolonien protestierten, welche die englische Regierung festgesetzt hatte, um mit den daraus resultierenden Einahmen die East India Company zu stützen, die sich in Indien übernommen hatte. Damals veranstalteten wütende Kolonialisten mit der Losung „No taxation without representation“ die vermutlich größte Tee Party der Weltgeschichte, indem sie eine Ladung der wertvollen getrockneten Blätter von einem Schiff der East India Company in den Hafen von Boston kippten. Sie verletzten damit ein Gut, das den Engländern im Laufe des 18. Jahrhunderts geradezu heilig geworden war, ganz zu schweigen von dem dabei vernichteten Kapital, das die Insulaner ja nicht weniger verehrten. Nachdem London Strafmaßnahmen verhängt hatte, beschlossen die dreizehn englischen Kolonien bekanntlich, sich vom Mutterland loszusagen, was den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auslöste und die Geburt der Vereinigten Staaten zur Folge hatte.

Die zweite Entwicklung spielte sich auf der anderen Seite des Globus ab. Auch hier war Tee der Treibstoff für einen Prozess von größter Tragweite. Nachdem Nordamerika im Zuge der Unabhängigkeit als Absatzgebiet für englische Waren weitgehend ausfiel, suchte die East India Company nach neuen Handelsmöglichkeiten und machte diese im riesigen Reich der Mitte aus, das bislang weitgehend in sich selbst ruhte und nur ein begrenztes Interesse am Austausch mit den unruhigen Europäern hatte, insbesondere von ihnen keine Waren nachfragte, beziehungsweise eine eventuelle Nachfrage mit drastischen administrativen Maßnahmen abwürgte. England bezog aber neben Waren wie Porzellan und Seide riesige Mengen Tee von China, für den auf der Insel eine immense Nachfrage bestand – die privaten Haushalte verbrauchten hierfür im Durchschnitt fünf Prozent ihres Budgets. Die Teemanie war so ausgeprägt, dass sie nicht unwesentlich zur Destabilisierung der Staatsfinanzen beitrug, da wegen ihr große Mengen Silber in den fernen Osten abflossen. Um den Ankauf des teuren Genussmittels zu finanzieren und den massiven Verlust von Silber zu kompensieren, drängte die East India Company dem widerspenstigen Land vermehrt eine Ware auf, die in der Lage war, sich auch gegen die entschlossensten administrativen Abwehrmaßnahmen eine Nachfrage zu schaffen. Die Honourable East India Company engagierte sich im Rauschgifthandel. Sie exportierte in großem Stil Opium nach China, das sie in Indien anbaute, wo sie insgesamt Verluste produzierte. Die Opiumlieferungen in das ostasiatische Reich stiegen in der Zeit von 1775 bis 1838 von jährlich 75 auf 40.000 Kisten Opium à 60 Kilo pro Jahr, was zuletzt rund die sechsfache Menge dessen war, was um das Jahr 2000 weltweit in einem Jahr produziert wurde.

Der Handel mit Opium, der bald zu einem der wichtigsten Geschäftsfelder der East India Company werden sollte, hatte für England geradezu eine staatspolitische Bedeutung. Denn abgesehen von der angestrebten Umkehr des Silberflusses sollte mit den hohen Zöllen, welche London auf Tee erhob, auch das Haushaltsdefizit der Krone gedeckt werden, das weitgehend daraus resultierte, dass sie der East India Company hohe Kredite für ihre Eroberungsaktivitäten in Indien gegeben hatte, die sich aber als nicht so lukrativ wie erwartet erwiesen hatten. Unter anderem stellte sich heraus, dass sich der geplante großkalibrige Anbau von Baumwolle in Indien angesichts massiver Konkurrenz aus Ägypten und Nordamerika nicht rechnete, mit der Folge, dass die East India Company und mit ihr die Krone in die erwähnte finanzielle Schieflage gerieten.

Mit ihren Maßnahmen zur Rettung der eigenen Haut verursachten die Briten nun aber massive Probleme in China. Dort breitete sich mit dem hochwertigen indischen Opium in der Bevölkerung nicht nur die Rauschgiftsucht verhängnisvoll aus. Der rasant steigende Import von Opium bewirkte auch, dass nun China einen großen Aderlass an Silber zu verkraften hatte. Daher erließ die kaiserliche Regierung Ende des 18. Jahrhunderts ein Importverbot für das Rauschgift. Dieses umging die East India Company, indem sie ihre Vorgehensweise auf ziemlich winkeladvokatorische Weise rationalisierte. Formal hielt sich die ehrenwerte Gesellschaft an das Einfuhrverbot. Sie baute den Schlafmohn nur in riesigen Mengen in Indien an und verkaufte ihn in Kalkutta an jeden, der ihn haben wollte, wohl wissend, dass solche Mengen nur in China abzusetzen waren. Dorthin wurde es von ihren Abnehmern natürlich auch so gut wie ausschließlich im Wege des Schmuggels verbracht (ein Modell für die Verlagerung eigener Verantwortung an Subunternehmer, das sich unter Wirtschaftenden bis heute großer Beliebtheit erfreut). Die chinesische Regierung versuchte daraufhin, das Importverbot mit Gewalt durchzusetzen. Im Jahre 1838 zwang sie die ausländischen Händler zur Herausgabe von über rund 100.000 Kilogramm Opium, das in deren Faktoreien gelagert war, und verbrannte dieses in der größten Opium Party der Weltgeschichte, die dreiundzwanzig Tage dauerte. Dies führte zu den beiden Opiumkriegen, mit denen England den völlig freien Handel mit China und also auch den mit Opium erzwang – bei dieser Gelegenheit testeten die Engländer ihre neuen Stahlschiffe, gegen welche die hölzernen chinesischen Dschunken keine Chance hatten. Im Jahre 1870 belief sich der Import von Opium nach China dann auf 70.000 Kisten jährlich.

Die verlorenen „Handelskriege“, die England Hongkong, das ostasiatische Pendant zu Gibraltar, einbrachten, legten die Schwäche des Reichs der Mitte offen. Verstärkt wurde diese noch dadurch, dass es der East India Company gelang, den Spieß im Teehandel vollständig umzudrehen. Nachdem sie China zunächst für den Teeverkauf durch Aufdrängen von Opium bezahlen ließ, entwendete die Gesellschaft, die doch das Monopol so sehr liebte, dem Land schließlich auch noch das streng gehütete Geheimnis des Teeanbaus, womit eine der wichtigsten Einkommensquellen des Reichs der Mitte versiegte. In Auftrag der East India Company drang der Schotte mit dem treffenden Namen (Robert) Fortune Mitte des 19. Jahrhunderts verkleidet als Chinese in die abgelegenen, sorgsam abgeschirmten Anbaugebiete des kostbaren Gebüschs vor, von wo er Teepflanzen und Know How samt Fachkräften für die Teeproduktion mitbrachte, was den Engländern, die den Tee dann nicht zuletzt in Indien anbauten, ein wirksames Surrogat für den gescheiterten Anbau von Baumwolle verschaffte – ein frühes Beispiel von Wirtschaftsspionage und ein weiteres Beispiel für die bemerkenswerte ökonomische Innovationskraft der East India Company (und für den wichtigen Beitrag, welchen die Schotten für die englische Wirtschaft leisteten). Die immer offenkundiger werdende Schwäche des rauschgiftgeschädigten und damit auch zunehmend wehrunfähigeren Chinas motivierte die europäischen Kolonialmächte im Verlauf des späten 19. Jahrhunderts zu diversen weiteren Interventionen im Reich der Mitte. Dadurch wurde der Untergang des über 2000 Jahre alten chinesischen Kaiserreiches eingeleitet, was zu einer Destabilisierung des Fernen Ostens und zu weltpolitischen Verschiebungen führte, die nicht weniger bedeutsam waren, als die Geburt der Vereinigten Staaten von Amerika.

Sklavenhandel trotz einheimischen Sklavenhaltungsverbots, Kolonialismus trotz eigener freiheitlicher Verfassung, das Erzwingen von Rauschgiftimporten und Wirtschaftsspionage – all das sind schöne Beispiele für die Gültigkeit des Gesetzes, wonach die Verbindlichkeit von polit-moralischen oder (wirtschafts)ethischen Normen proportional zur Entfernung von ihrem Entstehungsort abnimmt; heute können wir dies etwa bei den krassen Unterschieden bei den Standards der Arbeitsbedingungen in den entwickelten Staaten und den Ländern beobachten, in denen erstere Produkte herstellen lassen, die für ihren Markt bestimmt sind. Was das Rauschgift betraf, wusste man in England natürlich um die gesundheitlichen und sozialen Gefahren psychoaktiver Substanzen und hat sie zu Hause, wenn auch letztlich vergeblich, immer wieder zu bekämpfen versucht – sogar der Kaffeegenuss galt seinerzeit als sozial- und gesundheitsschädlich. Schon König Jakob I., der Nachfolger von Königin Elisabeth I., hatte 1603 einen Traktat gegen den Tabakkonsum mit dem Titel „A Counterblast to Tobacco“ (Ein Gegenschlag gegen den Tabak) verfasst, weil dieser in jeder Hinsicht schädlich sei und unvermeidlich in die Hölle führe.

Soviel vorläufig über die East India Company und die Rolle, die Francis Child in diesem merkwürdigen, für die englische Wirtschaft und Politik so bezeichnendem Gebilde spielte. Ich komme nun zu einer nicht weniger fundamentalen Einrichtung der englischen Wirtschaft, an deren Werdegang Francis Child in ganz anderer Weise teilnahm. In seine Zeit fällt die Gründung der Bank of England, die der Hintergrund für einige spektakuläre wirtschaftliche Entwicklungen und Geschehnisse ist. Die „Bank“, wie sie in England lapidar genannt wird, wurde 1694 ins Leben gerufen. Sie ist damit nach der schwedischen Reichsbank die älteste Zentralbank und überhaupt die acht-älteste Bank der Welt.

Ein solches Institut war seinerzeit in England alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Dass sie trotz Bedarfs nicht früher zustande kam, war nicht zuletzt eine Folge der Erpressungspolitik der Krone, welche die Kaufleute dazu veranlasst hatte, ihr Geld in Bereichen in Sicherheit zu bringen, auf welche die Regierung keinen Zugriff hatte, was, wie geschildert, zum Aufstieg der Goldschmiedbanker führte. Erste Entwürfe zu einer Zentralisierung des Bankgeschäftes gab es dann seit den 70-er Jahren des 17. Jh. Auch Barbon hatte eine Bank für die Erleichterung des Handels unter Verweis auf die Niederländer, die ein solche Einrichtung in Amsterdam geschaffen hatten, in seinem „Discourse of Trade“ angemahnt. Ausformuliert und ergänzt durch die Funktion als Zentralbank der Krone wurde die Idee dann von William Paterson, einem der vielen Schotten, die Englands Kultur und Geschichte bereichert haben.

Paterson kam, wie sein Altergenosse Francis Child, aus einfachsten Verhältnissen und war maßgebend an historischen Geschehnissen beteiligt, die von größter Tragweite für sein Heimatland und die Entwicklung des insularen Staatswesens waren. Bevor ich mit der Bank of England weiterfahre, lohnt es sich daher, auch für ihn einen Exkurs einzuschieben.

Mit Paterson haben wir es mit einem jener Abenteurer zu tun, auf die man in einer Zeit, in der sich die Europäer die Welt ohne Skrupel aneigneten, immer wieder stößt. Den Schotten, der auf einem einfachen Bauerhof aufwuchs, trieb es schon in jungen Jahren in die Welt hinaus. Seine Lehr- und Wanderjahre verbrachte er vagabundierend zwischen Boston, den Bahamas und Mexiko. Er soll auch an der Bergung eines riesigen Silberschatzes von einem gesunkenen spanischen Schiff in der Karibik beteiligt gewesen sein. Zurückgekehrt nach England trat er in der City in die Tuchmacher Gilde ein und machte durch Handel mit der Karibik, wo er sich auskannte, sein Glück und ein Vermögen (zwei Dinge, für die im Englischen bezeichnenderweise das gleiche Wort, „fortune“, gilt). Gleichzeitig beteiligte er sich mit diversen Pamphleten am polit-ökonomischen Diskurs seiner Zeit. Als die englische Regierung händeringend nach neuen Möglichkeiten der Staatsfinanzierung suchte, präsentierte er ihr den Plan für eine Nationalbank, die wenig später in etwas abgeänderter Form mit ihm als einem der Direktoren und Mitteigentümer verwirklicht wurde. Paterson, der aus nicht sicher geklärten Gründen schon bald aus der Bank of England ausschied, war auch wesentlich an der Gründung der Bank of Schottland im Jahre 1695 und einer schottischen Kolonialgesellschaft beteiligt, wobei gegen letztere heftiger Widerstand von Seiten der East India Company kam. Vor allem aber widmete er sich mit großer Energie ganz seiner Lieblingsidee, der Gründung einer Kolonie in Panama, was in einem menschlichen und staatspolitischen Desaster endete.

Die Grundidee dieses Projektes, auf die merkwürdigerweise noch niemand gekommen war, war eigentlich wohl durchdacht und ist noch heute die Basis für ein außerordentlich lukratives Geschäftsmodell. Siedler sollten Darién, ein Teil des heutigen Panama, in Besitz nehmen, und dort den Transport von Waren und Gütern, welche über den Atlantik angeliefert wurden, über den Isthmus zur Verschiffung nach Ostasien und zur amerikanischen Westküste und umgekehrt organisieren, also das tun, was mittlerweile der Panamakanal leistet. Paterson sah in der Idee, auf zeittypische Weise im Weltmaßstab denkend, den Schlüssel zum (polit-ökonomischen) Universum und prophezeite ganz im imperialen Geist à la Barbon, dass diejenigen, welche sie verwirklichen, die Gesetze für beide Ozeane bestimmen könnten. Er hatte das Projekt verschiedenen europäischen Staaten angedient, zuerst der englischen Krone unter Jakob II., dann den Niederlanden, dem Kaiser in Wien und dem Kurfürsten von Brandenburg, wo er aber jeweils auf taube Ohren stieß. Schließlich gelang es ihm, sein Heimatland für das Projekt zu entflammen, indem er ihm in tropisch bunten Farben eine Zukunft ausmalte, in der Schottland, das bislang im Windschatten der großen Unternehmungen lag, über ein eigenes Kolonialreich „New Caledonia“ verfügen würde – Schottland teilte mit England zwar seit einem Jahrhundert das Staatsoberhaupt, seine Bewohner galten aber als Ausländer, die sich zwar an Englands Kriegen beteiligen „durften“, aber keinen Zugang zum englischen Markt und zu den Kolonien hatten.

Da das kleine unterwickelte Land, das seinerzeit nur rund eine Million Einwohner hatte, nicht in der Lage zu sein schien, die erforderlichen Mittel für ein Kolonialprojekt dieser Größe aufzubringen, versuchte Paterson das Kapital auf den nordwesteuropäischen Kapitalmärkten, vor allem in den Niederlanden, Hamburg und London einzusammeln. Dagegen liefen die englischen Handelsgesellschaften, insbesondere wieder die East India Company, Sturm. Sie sandten eigens eine Delegation nach Holland, wo sich Wilhelm III. gerade aufhielt, und verlangten, dass die Aktivitäten der Schotten unterbunden werden. Wilhelm kam ihrer Forderung mit der Begründung nach, die Schotten, immerhin sein eigenes Volk, hätten ihm schlecht gedient. Er sperrte den englischen Kapitalmarkt und sorgte dafür, dass sie auch anderweit an kein Geld kamen. Man wollte keine Kolonialkonkurrenz und keinen Streit mit Spanien, das diese Weltgegend für seinen Einflussbereich hielt, zumal man mit der iberischen Macht gerade einmal nicht im Krieg lag. Außerdem war Wilhelm III. nicht sonderlich gut auf die Schotten zu sprechen, weil dort die Jakobiten Unterstützung fanden, die Wilhelms Legitimität immer wieder in Frage stellten – sie hatten etwa im Jahre 1689 in Schottland einen Aufstand gegen ihn inszeniert. Im Übrigen herrschte in England seinerzeit die Münzkrise und man glaubte in gut merkantilistischer Denkweise verhindern zu müssen, dass das dringend selbst benötigte Silber ins schottische Ausland abfloss. Wir wissen zwar nicht konkret, ob Francis Child an diesen Blockaden beteiligt war. Da er seinerzeit aber eine führende Position in der East India Company innehatte, wäre es sehr verwunderlich, wenn er daran nicht mitgewirkt hätte. Die Betreiber des Darién-Projektes entschlossen sich daraufhin, doch zu versuchen, das Kapital in Schottland aufzubringen. Die Sehnsucht nach einem eigenen Handelsreich, mit dem man sich vom unfreundlichen großen Bruder England emanzipieren konnte, war hier so groß, dass der benötigte Betrag, der sich auf ein Viertel bis die Hälfte des Geldes belief, welches in dem Land umlief, schnell zusammenkam. Neben der finanziellen Oberschicht investierten auch viele kleine Leute in das Projekt, das ihnen als eine nationale Aufgabe erschien.

Im Jahre 1698 stieß dann eine Flotte von fünf Schiffen mit 1200 Siedlern samt Paterson und seiner Familie in See und ließ sich am Golf von Darién nieder, den man für herrenlos hielt, wenn man, wie üblich, einmal die Eingeborenen außer Acht lässt. Diese hatten den Golf nicht besiedelt – aus gutem Grund, wie sich später zeigte – und setzten dem Unterfangen keinen Widerstand entgegen. Die Sache war aber schlecht vorbereitet und lief gänzlich schief. Die Abenteurer aus dem europäischen Norden hatten die Fährnisse, die sie in den Tropen erwarteten, massiv unterschätzt. Das Gebiet, in dem die hoffnungsfrohen Schotten „New Edinburgh“ bauten, erwies sich schon bald als völlig ungeeignet. Die gerodeten Urwaldböden waren, wie in den Tropen nicht selten, wenig fruchtbar. Und da die mitgebrachten Vorräte mangels sachgemäßer Lagerung verrotteten, breitete sich Hunger aus. Außerdem litten die Siedler unter dem Klima. Vor allem aber war die Gegend Malaria verseucht – der Grund, warum die Eingeborenen sie mieden. Die Folge war, dass die Siedler reihenweise erkrankten und viele von ihnen starben. Paterson verlor dabei seine Frau und sein Kind und wurde selbst schwer krank. Im Übrigen war die „Rechtslage“ betreffend das Land unklar – es wurde von Dänen und Spaniern beansprucht; und es kamen auch keine Schiffe, deren Ladung man über den Isthmus hätte bringen können.

In der Not suchte man bei den englischen Kolonien in Amerika und in der Karibik Hilfe, die dem aufmüpfigen kleinen Bruder aber nicht zuletzt mit Rücksicht auf die große Weltmacht Spanien die kalte Schulter zeigten. Die Gouverneure der Region wurden angewiesen, den Schotten keinerlei Hilfe zu leisten und insbesondere keinen Handel mit ihnen zu treiben. Nachdem schließlich bis zu zehn Siedler am Tage starben, brach man das Unternehmen nach zehn Monaten ab. Von den fünf Schiffen und den 1200 Siedlern, die einmal ausgezogen waren, kehrte nur eines mit 300 heruntergekommenen Personen samt einem kranken Paterson zurück nach Schottland. Eine zweite Flotte mit 1140 Personen, die in Unkenntnis der Probleme nachgereist war, fand „New Edinburgh“ verlassen und in ruinösen Zustand vor. Als sie versuchten, die Siedlung wieder herzustellen, wurden sie von Spaniern angegriffen, deren Übermacht sie sich „nach heroischem Kampf“ schließlich ergeben mussten. Damit war das Darjén-Projekt kläglich gescheitert.

Die karibische Eskapade verwandelte den schottischen Traum von der Teilhabe am großen Weltkuchen, den die Europäer gerade unter sich verteilten, zum Alptraum. Die Vision von größerer Eigenständigkeit kehrte sich in ihr Gegenteil. Das Land war durch das Darjén Projekt so sehr in finanzielle Schieflage geraten, dass es den Jahrzehnte langen Widerstand gegen eine vollständige Vereinigung mit England nicht länger aufrechterhalten konnte. Es folgten langwierige Verhandlungen, die von allerlei Drohgebärden, Erpressungsversuchen und Schiffskaperungen begleitet waren. Daniel Defoe, der spätere Verfasser des Romans „Robinson Crusoe“, wurde als Spion nach Schottland geschickt, um zu erkunden, wie die Stimmung im Lande war. Paterson, der bemüht war, den finanziellen Schaden seiner Landsleute wieder gut zu machen, engagierte sich dabei für die Union. Im Jahre 1707 stimmten die Abgeordneten des schottischen Parlamentes unter Missachtung der Aversion in der Bevölkerung und des Widerstandes einiger Clanführer schließlich dem Act of Union zu, mit dem sich die Parlamente der beiden Länder vereinigten. Dies wurde ihnen ohne Zweifel dadurch erleichtert, dass sich England bereit erklärte, die Investoren des Darién-Projektes, zu denen viele Parlamentarier gehörten, vollständig zu entschädigen und für die finanziellen Nachteile, welche Schottland aus der Vereinigung erwachsen würden, ein „Equivalent“ zu bezahlen, das Paterson errechnet hatte. Nicht zuletzt wegen dieser Zahlungen war die Union als gekauft verschrien und in Schottland nie besonders beliebt, zumal seine Bevölkerung in Westminster auch nicht entsprechend ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung „Groß Britanniens“ vertreten war. Dreihundert Jahre später führte diese Unzufriedenheit dazu, dass Schottland wieder ein eigenes Parlament verlangte und erhielt. Es ist eine wahrhafte Ironie der Geschichte, dass die Vereinigung, die nicht zuletzt durch das rücksichtslose Beharren auf den wirtschaftlichen Interessen Londons erzwungen wurde, im Zuge der Entscheidung der britischen Regierung, aus der Europäischen Gemeinschaft auszutreten, nun wegen der vermeintlichen Wahrung wiederum vornehmlich englischer wirtschaftlicher Interessen gänzlich in Frage gestellt und über die vollständige Unabhängigkeit Schottlands diskutiert wird.

Paterson hat im Übrigen noch in manch anderer Hinsicht seinen Fußabdruck im nunmehr vereinigten Königreich hinterlassen. Auch er vertrat, wie Barbon, lange vor seinem Landsmann Adam Smith die Ansicht, dass Freihandel die Wirtschaft „automatisch“ befördern werde. Auf Grund seines hohen ökonomischen Sachverstandes war sein Rat im wirtschaftspolitischen Diskurs seiner Zeit gefragt. Eine seiner nachhaltigen Ideen war die Einrichtung eines Tilgungsfonds zur Rückzahlung von Staatsschulden, was unter der Bezeichnung „sinking fund“ von Robert Walpole, auf den ich noch zurückkommen werde, in die Praxis umgesetzt wurde und einen wesentlichen Schritt zu einem systematischen staatlichen Schuldenmanagement bedeutete. Paterson engagierte sich auch für die Förderung der Volksbildung und propagierte als einer der ersten die Errichtung öffentlicher Bibliotheken, wofür er seine eigene bedeutende Bibliothek mit Werken zur Wirtschaft stiftete. Weiterhin setzte sich der Schotte für eine Humanisierung des Wirtschaftslebens ein, indem er sich dafür aussprach, ehrliche Schuldner nicht in die Schuldgefängnisse zu werfen.

Soviel über den Schotten Paterson, von dem man mit Fug sagen kann, dass er die englische Geschichte bereichert hat. In besonderem Maße und im wahrsten Sinne des Wortes gilt dies natürlich für seine Idee von einer Bank of England. Deren Gründung war, wie gesagt, zunächst wieder einmal eine Folge der staatlichen Finanznot, die im Wesentlichen aus der ewigen Rivalität mit Frankreich resultierte.

England hatte sich im Pfälzischen Erbfolgekrieg, jetzt gemeinsam mit Holland, mehrere Seeschlachten mit der französischen Flotte geliefert, ohne dass hierbei eine Seite klar gesiegt hätte. Die Franzosen verlegten sich daher auf das Kapern von Handelsschiffen. Letztere liefen deswegen in der Regel nur noch in Konvois aus, die von Kriegsschiffen begleitet waren. Im Jahre 1693 landeten die Franzosen als Vergeltung für die verlustreiche Seeschlacht von La Hogue im Jahr zuvor, die ich im Zusammenhang mit Francis Childs Tätigkeit für das Greenwich Hospital erwähnt habe, aber dennoch einen Coup, der die Engländer und Holländer schwer traf. Es gelang ihnen, den jährlichen Smyrna-Konvoi abzufangen, mit dem ein wesentlicher Teil des englischen und holländischen Handels im Mittelmeerraum abgewickelt wurde.

Im Frühjahr dieses Jahres hatten sich rund vierhundert holländische und englische Handelschiffe im Kanal vor der Isle of Wight versammelt, um nach Spanien, Portugal, Amerika und in das Mittelmeer zu segeln. Bis zur Spitze der Bretagne begleitete sie ein Verband von sechsundsiebzig englischen und holländischen Kriegschiffen. Im Kanal waren also an die fünfhundert große Segelschiffe unterwegs, was ein grandioses Seepanorama abgegeben haben muss. Nachdem sich die Schiffe für Spanien, Portugal und Amerika von dem Tross getrennt hatten, blieben noch rund einhundertvierzig Schiffe, welche den eigentlichen Smyrna Konvoi bildeten. Die englische Admiralität hielt die größte Gefahr mit der Umsegelung der Bretagne für gebannt und zog danach ihre Linienschiffe weitgehend zurück, zumal man glaubte, diese zur Abwehr von befürchteten französischen Landungsversuchen auf der heimischen Insel zu benötigen, mit denen der vertriebene König Jakob II. wieder an die Macht gebracht werden könnte. Man hatte allerdings fälschlich angenommen, dass sich die französische Flotte zu diesem Zeitpunkt im Hafen von Brest und damit hinter dem Konvoi befand. Tatsächlich war sie jedoch schon zuvor in Richtung Portugal ausgerückt, um den Smyrna Konvoi dort abzufangen. Am Cap Lagos im Süden der iberischen Halbinsel überfiel die weit überlegene französische Flotte dann den Konvoi und bescherte Engländern und Holländern eine vernichtende Niederlage. (Der Zufall wollte, dass ich unter den Bildern, welche meine häuslichen Wände zieren, im Zusammenhang mit meinen Nachforschungen zu dieser Schlacht, einen Stich entdeckte, den ich vor Jahren auf einem Flohmarkt gefunden hatte, und der, was mir bislang nicht bewusst war, auf dramatische Weise eben diese Schlacht zeigt). Den Franzosen fielen dabei siebzig bis einhundert Handelsschiffe mit Waren in die Hände, mit deren Verkauf sie ein Jahr lang die Kosten ihrer Flotte bestreiten konnten. In der City führte dies zum Zusammenbruch zahlreicher Handelsfirmen und Versicherungen und löste die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Brand von London vor rund drei Jahrzehnten aus.

Auch politisch schlug das maritime Desaster große Wellen. Im Unterhaus verloren die Tories, die man für die Misere verantwortlich machte, ihre Mehrheit an die Whigs, was einen auch wirtschaftspolitisch bedeutsamen Paradigmenwechsel zur Folge hatte. Entsprechend der Gewohnheit beim Machtwechsel verklagten die neuen Machthaber die alten vor dem House of Commons. In dem Prozess gegen die Tory-Befehlshaber der Flotte wurde Francis Child als Zeuge gehört und sagte gegen die Tories aus. Er selbst hat den Crash offenbar irgendwie überstanden.

Die Niederlage von Lagos hatte unter anderem deutlich gemacht, dass der englische Handel nur durch eine massive Verstärkung der Flotte geschützt werden konnte. Das erforderliche Geld hierfür konnte die Krone aber mit den bisherigen Methoden nicht aufbringen. Man versuchte es zunächst mit neuen Steuern auf alle möglichen Konsumartikel und sogar auf Eheschließungen und Todesfälle, die aber bei weitem nicht genügend Geld einbrachten. Angesichts der notorisch schlechten Bonität der Krone stockte auch die Kreditaufnahme. Francis Child etwa verhielt sich ziemlich zugeknöpft. Daher suchte man nach neuen Wegen der Mittelbeschaffung und diese fand die wirtschaftsliberale Whigmehrheit inspiriert durch William Paterson in einer Private-Public Partnership, welche so typisch für die englische Form der Volkswirtschaft ist.

Zur Ordnung der Staatsfinanzen sollte eine private Bank gegründet werden, welche die Aufgabe hatte, der Krone den erforderlichen hohen Kredit zu gewähren und das Management der Staatsschulden zu übernehmen. Damit sollte einerseits die nicht selten unwürdige Bettelei der Regierung um viele kleine Kredite bei einzelnen reichen Kaufleuten und Goldschmieden ein Ende haben und ein einheitlicher großer Ansprechpartner geschaffen werden, andererseits den privaten Kreditgebern aber auch eine gewisse Sicherheit vor staatlicher Willkür gegeben werden, wie sie etwa Karl II. im Jahre 1672 praktiziert hatte. (Dieser hatte angesichts der Weigerung der Goldschmied-Banker, ihm weiteren Kredit zum Aufbau einer Flotte von einundachtzig Schiffen für den Kampf gegen Holland zu geben, kurzerhand erklärt, dass die Krone ihre Zahlungsverpflichtungen gegenüber den bisherigen Kreditgebern für ein Jahr nicht einhalten werde, ein für viele Banker und Geschäftsleute verheerendes Ereignis, das unter der Bezeichnung „Great Stop of the Exchequer“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist.) Das benötigte Kapital für die neue Bank sollte mit der Ausgabe von Aktien aufgebracht werden, auf welche die Inhaber die Zinsen als Dividende erhielten, welche die Krone auf den Kredit zu zahlen hatte, den sie von der Bank erhielt. Zusätzlich sollte der Bank das Recht eingeräumt werden, in Höhe des Kredites Banknoten auszugeben und Bankgeschäfte zu betreiben.

Von einer weitgehenden Konzentration des staatlichen Schuldenmanagements bei einer solchen Institution, die dazu noch private Bankgeschäfte betreiben sollte, waren die bisherigen Akteure im Geschäft mit Krediten an den Staat, insbesondere die Goldschmied-Banker, naturgemäß nicht begeistert, womit Francis Child ins Spiel kommt. Er und seine Kollegen stemmten sich vehement gegen die Gründung der Bank. Ähnlich wie bei der Diskussion über die Aufhebung des Monopols der East India Company starteten sie eine konzertierte Kampagne und malten den Teufel in einer Weise an die Wand, die daran erinnert, wie man später die angeblich unbeherrschbaren Gefahren der Eisenbahn oder der Autos anprangerte. Die einen suggerierten, dass die Bank das ganze Geldwesen an sich ziehen und den Handel ersticken würde. Andere meinten, die Krone werde die Bank dazu nutzen, um sich der parlamentarischen Kontrolle der Staatsfinanzen zu entziehen, die man sich doch gerade erst gesichert hatte. Umgekehrt führten wieder andere an, dass die Bank der Krone ihre Gesetze aufzwingen könne. Einige sahen die Monarchie in Gefahr, weil sich solche Institute nur in Republiken wie Venedig, Genua, Hamburg und Amsterdam fänden – niemand habe je eine Monarchie mit einer Bank gesehen. Warum die Goldschmiede aber in Wahrheit gegen die Bank waren, verdeutlicht die Tatsache, dass die Verzinsung des Bankkredites an den Staat mit acht Prozent „erschreckend“ niedrig war. Francis Child und seine Mitstreiter hatten im direkten Kontakt mit der Krone bis zu dreiunddreißig Prozent herausgehandelt. Davon abgesehen hatten die Goldschmiede mit ihren „Notes“ bis dato so etwas wie eine lukratrive Monopolstellung im Zahlungsverkehr, die sie ungerne abgaben.

Den mächtigen Citygrößen gelang es jedoch nicht, das Gesetz über die Gründung der Bank zu verhindern. Im Unterhaus hatten die Befürworter keine großen Probleme, da sie in der Mehrheit waren. Als berechtigt wurden nur die Bedenken betreffend das Haushaltsrecht des Parlamentes anerkannt, weswegen man bestimmte, dass die Bank Kredite an die Krone nur mit Zustimmung des Parlamentes geben dürfe. Im House of Lords war die Sache weniger klar. Die „Earls“ und „Barons“, die für die Debatte eigens von ihren Herrenhäusern und Landgütern zurück nach London geeilt waren, das sie für die Sommersaison schon verlassen hatten, argwöhnten, dass mit dem Bankprojekt die „moneyed interests“, mit anderen Worten die Kaufleute, zu Lasten der „landed interest“, das heißt Adel und Landeigentümer, bevorzugt würden. Personen, welche Geld anlegen wollten, so suggerierten die Gegner den Lords, die meistens große Landeigentümer waren, würden künftig Geld eher einer Bank leihen, als es zu moderaten Zinsen gegen eine Hypothek an die Landeigentümer zu geben. Die Befürworter setzten sich schließlich auf Grund einer Taktik durch, die schön zeigt mit welchen Mitteln in der englischen Demokratie Interessen verfolgt wurden, aber auch deutlich macht, welche Trickserei erforderlich war, um eine Institution zu schaffen, die heute eine Selbstverständlichkeit ist. Man hatte die Debatte auf das Ende der Wintersaison gesetzt und die Regelungen betreffend die Bank of England in ein Gesetz, den Tonnage Act, gepackt, mit dem durch Besteuerung von Schiffsladungen nach Gewicht auch die Mittel für die Seekriegskampagne des laufenden Jahres aufgebracht und bewilligt werden sollten. Diese aber duldete keinen Aufschub – im Falle der Ablehnung des Gesetzes wären der Kanal und damit der englische Handel im Sommer 1694 ungeschützt geblieben, was man ja gerade vermeiden wollte. Da die beiden Teile des Gesetzes nicht ohne weiteres getrennt werden konnten und die Mehrheit der Lords die Schutzlosigkeit des Landes nicht verantworten wollte, stimmte sie, zumal sie zurück auf ihre Landgüter wollten, dem Gesetz nach neunstündiger Debatte nolens volens zu. Der König ließ kurz darauf die kalligraphisch ausgefertigte Royal Charter ausfertigen, die man im Museum der Bank of England in der City besichtigen kann, und versah sie mit einem bombastischen Siegel. Von der Siegelung gibt es einen wunderbaren Kupferstich, auf dem man ein so ungeheures Gewühl von barocken Lockenperücken (englisch: wig) um die ausgebreiteten Dokumente versammelt sieht, dass man meinen könnte, der Künstler habe darauf anspielen wollen, dass es sich bei der Bank um ein Whig-Projekt handelt.

Die Installation der Bank ging dann in Windeseile vonstatten. Anlage suchendes Geld gab es in England mehr als genug. Binnen zwölf Tagen hatten rund 1200 Anleger das nötige Kapital gezeichnet. Dazu gehörte auch Francis Child, der sich ohngeachtet seiner Opposition mit einem namhaften Betrag beteiligte. Die Gründung der Bank und die Aufhebung des Monopols der East India Company im gleichen Jahr stellten allerdings seine Loyalität gegenüber den Whigs, denen er seine Cityämter verdankte, auf eine harte Probe und markiert vermutlich den Beginn seines Abdriftens zu den Tories.

Entgegen allen Unkenrufen und bei allen Turbulenzen, die sie von Anfang an zu durchstehen hatte, sollte sich die Bank schon bald als segensreich für die englische Wirtschaft erweisen. Die Verwendung des eingesammelten Kapitals hatte die Wirkung eines Konjunkturprogramms und trug wesentlich zum Aufblühen des Gewerbes bei, das auf der Insel ab diesem Zeitpunkt festzustellen ist. Mit der einen Hälfte des Geldes wurde die Flottenstärke vervierfacht, was nicht nur den Handel sicherte, sondern auch der Industrie einen kräftigen Schub verlieh. So benötigte man für den Bau der Schiffe große Mengen an Nägeln, wofür neue Eisenwerke erstellt werden mussten. Die Landwirtschaft profitierte davon, dass sie die Flotte mit Lebensmitteln zu versorgen hatte. Von kleinen Anfängen – man startete mit achtzehn Angestellten und einem begrenzten Funktionsradius in einem Gebäude im Zentrum der City – sollte die Bank im Laufe der Zeit zum Herzstück des englischen Wirtschaftssystems werden. Macaulay schrieb Mitte des 19. Jahrhundert über sie in seiner „History of England“, die sich trotz ihres umfassenden Titels nur mit der für die englischen Geschichte so grundlegenden Zeit von 1688 bis 1704 befasste, die Bank sei die größte kommerzielle Institution, welche die Welt je gesehen habe. Und er fügte mit einer bemerkenswerten Parallelisierung hinzu, man könne mit Fug sagen, dass das Gewicht der Bank, das ständig in der Waagschale der Whigs gelegen habe, über viele Jahre fast das Gewicht der Kirche aufgewogen habe, welches ständig in der Schale der Tories war.

Anfang des 19. Jahrhunderts erhielt die Bank of England, die inzwischen aus allen Nähten platzte, nach den Plänen des großen englischen Regency Architekten John Soanes, auf den ich noch zurückkommen werde, ein ihr angemessenes Domizil im Herzen der City, hinter dessen festungsartigen Mauern das englische Pfund bis heute wie für alle Ewigkeit gegen jeden Angriff gesichert erscheint. In den 20-er und 30-er Jahren des 20. Jahrhundert wurde das ursprünglich einstöckige Gebäude auf sieben Stockwerke erhöht, stilistisch bemerkenswerterweise so, dass erst bei näherem Hinsehen auffällt, dass der imposante Gebäudekomplex ein Amalgam aus zwei sehr verschiedenen Epochen ist, ein schönes Beispiel dafür, wie Geschichte und Gegenwart in England untrennbar miteinander verflochten werden. Der Architekturhistoriker Nikolaus Pevsner bezeichnete diesen Umbau als das größte architektonische Verbrechen in der City im 20. Jahrhundert. Der deutschstämmige, englisch naturalisierte Pevsner ist der Initiator des ikonischen „Pevsner“, des landkreisweise Gebäude für Gebäude beschreibenden, inzwischen klassischen britischen Architekturführers, von dessen ursprünglichen sechsundvierzig Bände er die meisten schrieb. Soweit er mit seiner Kritik den Umstand meint, dass bei dem Umbau weite Teile des Baus von Soane zerstört wurden, hat er sicher nicht Unrecht. Dem glühenden Vertreter der deutschen Moderne dürfte allerdings auch die unreine, historisierende Stilmischung missfallen haben. Ob dieser „Verstoß“ gegen den Zeitstil ein so großes Verbrechen ist, ist weniger sicher. Die Moderne hat in der City (und nicht nur dort) jede Menge weitere Bausünden und zwar deutlich schlimmere hinterlassen.

Die Bank blieb über zweieinhalb Jahrhunderte ein privates Unternehmen mit öffentlichen Funktionen. Die regelmäßigen Erneuerungen und Erweiterungen ihrer Charter waren eine andauernde Quelle von Krediten und Geldzahlungen an die Krone. Erst im Jahre 1946 wurde sie verstaatlicht.

In der Anfangszeit taten die Anhänger der Tories alles, um die Bank of England zu unterminieren, schon deswegen weil sie ein Whig-Projekt war. Ein Mittel war dabei Barbons Landbank, die ein Jahr nach der Bank of England unter Beteiligung von Francis Child gegründet wurde. Barbon legte hierfür ein neues Konzept vor, mit dem er ganz groß in das staatliche Schuldenmanagement einzusteigen und die Bank of England zu unterbieten versuchte. Die Regierung ließ sich, wiewohl sie damit die Bank of England, die sie mitgegründet hatte, erheblich unter Druck setzte, auf das Unternehmen auch ein und brachte ein entsprechendes Gesetz auf den Weg. Die 5 % Zinsen, welche man den Investoren bot, waren aber offenbar nicht attraktiv genug, weswegen die Initiative mangels Nachfrage und vielleicht auch wegen des problematischen Rufs von Barbon einschlief.

Ein anderes Mittel war, die Bank im wahrsten Sinne des Wortes zu „diskreditieren“. Angesichts der Geldnot durch die Münzreform der Jahre 1696 – 98 gab die Bank of England vorübergehend handelbare Geldscheine heraus, welche, wie die Schuldscheine der Goldschmied-Banker, Vorläufer des Papiergeldes waren. Die Beziehung zum Silber als dem eigentlichen Wertträger der Währung, war darin zwar nicht aufgehoben, aber gelockert. Mit den handgeschriebenen Geldscheinen versprach die Bank dem Inhaber, den darauf genannten Betrag in Silber auszuzahlen – eine Klausel, die sich bis heute auf den Pfundnoten findet. Die Goldschmiede rotteten sich daraufhin zusammen, legten der Bank auf einen Schlag eine große Menge solcher Geldscheine vor und verlangten die versprochene Auszahlung in Silber. Allein ein Goldschmied wollte Geldscheine in Höhe von 30.000 Pfund eingelöst haben, ein Betrag, der nicht weniger als 1,5 Prozent der jährlichen Staatseinnahmen entsprach. Die Bank konnte ihr Versprechen, wie erwartet, nicht einhalten und löste die Schuldscheine nur noch zu einem Bruchteil ihres Nennwertes ein. Die Regierung musste eingreifen und verbot den Notaren für zwei Wochen, Proteste gegen die Nichteinlösung von Banknoten anzunehmen. Prompt erhob sich ein großes Geschrei, bei dem das neue Finanzinstrument und die Bank of England grundsätzlich in Frage gestellt wurden. Die Lage entspannte sich erst, als sich herausstellte, dass es sich bei den Papieren in Höhe von 30.000 Pfund um Fälschungen handelte, was aber wiederum die Schwächen des neuen Mediums aufzeigte. Daraufhin führte die Bank Wasserzeichen im Papier ein und das Parlament erließ ein Gesetz, wonach auch die Fälschung von Geldscheinen ein Verbrechen war, für das die Todesstrafe verhängt werden konnte (für Münzfälschungen galt dies seit langem).

Die Probleme, welche die Bank of England wegen der Münzreform hatte, waren damit aber noch keineswegs behoben. Da die Ummünzung Kosten verursachte, welche höher als die Staatseinnahmen eines Jahres waren, drängte die Regierung die Bank, ihr hierfür weitere hohe Kredite zu gewähren und dafür ihr Grundkapital zu erhöhen. Dafür verlangte die Bank, die durch die genannte Politik bereits in schwere Bedrängnis geraten war, dass keine weitere Bank durch Gesetz mehr zugelassen werden dürfe, was ihr zugestanden wurde. Im Jahre 1707 wurde dieses Privileg im Gegenzug zur Gewährung weiterer Kredite an die Regierung und einer entsprechenden Kapitalerhöhung gegen ein erneut heftiges Trommelfeuer von Seiten mehr oder weniger interessegeleiteter Pamphletisten zu einem fast vollständigen Monopol erweitert. Danach durften nur Unternehmen mit nicht mehr als sechs Partnern Bankgeschäfte betreiben, womit Aktiengesellschaften, die sich inzwischen im Bankgeschäft engagiert hatten, praktisch ausgeschlossen wurden. Weiter zugelassen waren Privatbanken wie Child & Co. Dieses Monopol, das bis 1826 Bestand hatte, und die Art, wie seinerzeit neues Kapital beschafft wurde, sollten der Hintergrund für die gewaltigen Krisen werden, welche das Königreich bald erschütterten.

Die Gegner der Bank nutzen in den Jahren nach ihrer Gründung jede Gelegenheit, um sie in Schwierigkeiten zu bringen. Im Jahre 1701 veranstalteten sie wieder einen Run auf das Institut, der von Charles Duncombe angeführt wurde, einem weiteren beachtlichen Exemplar der Spezies „moneyed men“. Diesem erstaunlichen Charakter, der sich mit phänomenaler Geschicklichkeit im polit-ökonomischen Haifischteich seiner Zeit bewegte, würde ich am liebsten ein ganzes großes Kapitel widmen, zumal seine abenteuerliche Biographie bemerkenswerte Parallelen zum Leben des fast gleichaltrigen Francis Child aufweist und die beiden in der City auch immer wieder gemeinsam an den Strippen zogen. Um dem Vorwurf, mich zu verzetteln, nicht noch weitere Nahrung zu geben, werde ich mich aber hier auf ein paar Andeutungen beschränken.

Auch Thomas Duncombe kam aus einfachen, provinziellen Verhältnissen nach London, um das Goldschmiedehandwerk zu erlernen. Anders als Francis Child hat er in kein Goldschmiedgeschäft hineingeheiratet – er blieb zeitlebens ledig -, sondern hat sein großes Vermögen in erstaunlich kurzer Zeit wie Francis Child durch Bankgeschäfte angesammelt. Wie alle Goldschmiede profitierte er als Geldwechsler vom Verfall der Münzqualität. Einen wesentlichen Teil seines Reichtums scheint er auch als Eintreiber von Steuern erworben zu haben, eine Private-Public-Partnership, bei welcher, wie damals offenbar die Regel, der größte Teil der eingezogenen Gelder in den Taschen der privaten Unternehmer verschwand, die mit diesem öffentlichen Geschäft beauftragt waren. Auch er bekleidete alle wesentlichen Cityämter bis hin zum Lord Mayor und hatte über viele Jahre ein Unterhausmandat, das allerdings zeitweilig unterbrochen war, weil er wegen Korruptionsvorwürfen und Steuerbetrugs mal von seinen Unterhauskollegen im Tower eingesperrt, mal vom Oberhaus freigelassen und dann wieder eingesperrt war. Nach einem in hohem Maße politisierten Prozess, bei dem sich eine Menge seiner Abgeordnetenkollegen angelegentlich Gedanken darüber machten, wie die Regierung an sein immenses Vermögen herankommen könne, wurde der bestens vernetzte Geschäftsmann allerdings aus formalen Gründen freigesprochen, wofür er sich ganz nach der Art eines „moneyed man“ bei der Jury mit einem opulenten Gastmahl und einem Geldgeschenk bedankte.

Duncombe wusste sich, wie Francis Child, den jeweiligen politischen Gegebenheiten anzupassen, wobei er sich im Zweifel gegen „nutzlose“ Solidarität entschied. Als Jakob II., bei dessen Aufträgen Duncombe glänzende Geschäfte gemacht hatte, im Zuge der „Glorious Revolution“ aus England flüchten wollte und er hierfür von Duncombe einen vergleichsweise geringen Geldbetrag erbat, verweigerte er ihm denselben und gab stattdessen dem aufsteigenden neuen Mann an der Spitze des Staates einen Kredit in Höhe des zwanzigfachen Betrages, womit er der erste englische Finanzier des kriegslüsternen und daher ewig geldhungrigen Wilhelm III. war. Überhaupt war er zeitlebens mal gebend mal verweigernd in die Staatsfinanzen verwickelt, wobei er trotz gegenteiliger Beteuerungen bestens weggekommen sein dürfte. Als er im Jahre 1711 starb galt er als der reichste Bürgerliche des Landes. Sein Ruf war zwiespältig. Daniel Defoe, der über ihn mehrfach schrieb, bezeichnete in als den Judas seines Zeitalters und die Personifikation der Undankbarkeit. Im Volk wurde er dagegen wegen seiner publikumswirksamen Charity-Aktivitäten geschätzt. Unter anderem hatte er im Rahmen einer Wahlkampagne im Jahre 1699 170 Personen aus dem Schuldgefängnis befreit, indem er ihre Verbindlichkeiten bezahlte.

Ich hatte die Schilderung der Aktivitäten, welche die Feinde der Bank of England zur Schädigung dieses Institutes inszenierten, unterbrochen, um Duncombe vorzustellen. Dieser clevere Geschäftmann gehörte von Anfang an zu diesen Feinden, was ihn aber, da es dabei etwas zu verdienen gab, nicht daran hinderte, als erster Kommissionär für die Subskription der Bankaktien zu fungieren und selbst ein großes Aktienpaket zu erwerben. Als die Bankgegner ein Jahr nach der Gründung der Bank of England Barbons Landbank-Projekt auf den Weg brachten, war er Makler auf der Seite des Schatzkanzlers Montagu, der das Projekt vorantrieb (was dieser interessanterweise tat, obwohl er auch die Gründung der Bank of England veranlasst hatte; die Regierung wollte offenbar die Konkurrenz der beiden Institute für ihre Zwecke nutzen). Im Jahre 1695, als die Bank wegen der Münzkrise in großen Schwierigkeiten steckte, verkaufte Duncombe sein großes Paket an Bankaktien, womit er die Probleme der Bank vermutlich gezielt vergrößerte. Nicht zuletzt mit der ernormen Menge Geld, die er dabei erlöste, erwarb er von der alteingesessenen Uradelsfamilie Villiers, die in meiner Erzählung noch eine bedeutende Rolle spielen wird, die großen Ländereien von Helmsly in Buckinghamshire, auf denen er später den Bau eines säulengiebelgeschmückten Herrenhauses projektierte, von dem er aber, ähnlich wie Francis Child in Falle von Osterley House, nichts mehr hatte. Es wurde erst zwei Jahre nach seinem Tod im Jahre 1711 von seinem Neffen, der sein Vermögen geerbt hatte, fertig gestellt. Macaulay schrieb darüber, der Palast sei prächtiger und teurer gewesen als das was die herrlichen Villiers jemals bewohnt hätten und sei mit dem bescheidenen Namen Duncombe benannt worden (was allerdings in einem anderen Sinne wieder unbescheiden, weil eine Ausnahme von dem üblichen Understatement ist, mit dem Herrenhäuser in England nach ihrem Standort nicht nach dem Besitzer benannt werden – ganz im Gegensatz zu den Gepflogenheiten in Italien übrigens, wo die mächtigen Familien ihre prunkvollen Villen ohne Scham mit ihrem Namen bezeichneten).

Was die Bank of England betraf, war sich Duncombe mit seinem Interessengenossen Francis Child vollkommen einig. Nachdem er im Jahre 1701 seinen Run auf die Bank inszeniert hatte, tauschten sie im Jahre 1707 die Rollen. Bei einem erneuten Run auf die Bank weigerte sich Francis Child, ihre Banknoten entgegenzunehmen. Später erklärte er, dass er nur das Gesetz zur Vergeltung gegen die Bank angewendet habe. Auch ansonsten hatten die beiden Aufsteiger politisch und geschäftlich immer wieder miteinander zu tun, unter anderem im Zusammenhang mit der Aufhebung des Monopols der alten und der Gründung der Neuen East India Company, wobei Duncombe im Parlament wie Francis Child den Standpunkt der alten Gesellschaft vertrat. Francis Child unterstützte Duncombe dafür bei seiner Kandidatur für das Amt des Lord Mayor der City. Die beiden trafen auch Absprachen betreffend die Wahlen zum Unterhaus.

Der Aversion von City-Größen wie Francis Child und Charles Duncombe gegen die Bank of England ist auch der Hintergrund der folgenden wesentlich gewichtigeren Ereignisse, die sich Anfang des 18. Jahrhunderts abspielten, aber vieles aufweisen, was man aus neueren Zeiten kennt. Ein guter Ausgangspunkt für ihre Schilderung ist die Hollow Sword Blade Company, eine Degen-Manufaktur, die eine erstaunliche finanzwirtschaftliche Karriere machen sollte. Mit ihr und insbesondere ihrem späteren Betreiber werde ich mich daher etwas ausführlicher beschäftigen.

Die Hollow Sword Blade Company war im Jahre 1691 mit Hilfe von Francis Child gegründet worden – er und der Firmengründer Stephan Evance, ein Goldschmiedkollege und Multiunternehmer, der weltweit auf allen möglichen Geschäftsfeldern tätig war, gaben der Krone den hohen Kredit, den sie für die Royal Charter verlangte (im folgenden Jahr gab diese goldschmiedende Duo dann der Krone noch den bereits erwähnten Kredit für die Verwaltung Irlands). Die Firma war daher von Anfang an mit den Staatsfinanzen verbunden. In den ersten zehn Jahren ihres Bestehens stellte sie tatsächlich eine besondere Art von Degen her, die gerade in Mode war. Nach dem Tod Wilhelms III. im Jahre 1702 gingen diese Geschäfte aber schlecht und Evance beging Selbstmord. Damit begann die Metamorphose der Firma zum Finanzunternehmen. Die Möglichkeit dazu gab ihre sehr weit gefasste Charter, die nach der Art eines Umgehungsgeschäftes mehr oder weniger missbräuchlich umgedeutet wurde. Francis Child vermittelte den Verkauf des Firmenmantels an drei Geschäftsleute, die Daniel Defoe als Triumvirat von Dieben und damit die perfekten „Alley Men“ bezeichnete. Sekretär und spiritus rector der Gesellschaft war der Wirtschaftsanwalt John Blunt, der auch mit Childs Sohn Robert geschäftlich verbunden war.

Blunt war ein außerordentlich einfallsreicher und umtriebiger Geschäftsmann, der bei seiner Tätigkeit als Wirtschaftsanwalt nicht zuletzt gelernt hatte, welch’ wunderbare Gewinnmöglichkeiten sich aus der Verwendung von Insiderinformationen ergeben (die er bei der Ausfertigung von Wirtschaftsverträgen erfahren hatte). Er wusste die jeweiligen politischen Gegebenheiten nicht weniger gut für seine Geschäfte zu nutzen als Francis Child. Ganz im Sinne seines Mentors setzte Blunt die Degenfirma als Waffe gegen das Monopol der Bank of England ein, wobei ihm die Unzufriedenheit einer neuen Toryregierung mit der Leistung der Whigbank zu Gute kam. Seine Sporen hatte sich Blunt beim Tory-Schatzkanzler durch die erfolgreiche Organisation von Lotterien verdient, von denen sich die Regierung, insbesondere das Kriegsministerium, neues Geld versprach, eine Methode der Geldschöpfung, mit der sich gemäß ihrem Monopol zunächst die Bank of England versucht hatte, ohne damit einen wirklichen Erfolg zu erzielen. Blunt war es mit einer ausgeklügelten Werbestrategie gelungen, einträgliche Lotterien zu organisieren, die sich für die Krone allerdings vor allem deswegen lohnten, weil die Auszahlung der Gewinne über einen langen Zeitraum gestreckt erfolgte, letztendlich also ein Verschieben der Probleme in die Zukunft, mit anderen Worte neue Schulden bedeutete. Damit war der Geschäftsmann für höhere staatliche Aufgaben qualifiziert.

Mit der Hollow Sword Blade Company stieg Blunt zunächst in das Geschäft mit Ländereien in Irland ein, das mit dem Sieg Wilhelm III. über Jakob II., der sich nach dort zurückgezogen hatte, an die Krone gefallen war. Mangels flüssiger Mittel hatte Wilhelm Berechtigungspapiere auf große irische Ländereien zur Bezahlung von Sold an seine Soldaten ausgegeben. Blunt und andere Geschäftsleute propagierten dagegen, dass die Krone durch den Verkauf der Ländereien lieber ihre Schulden bei ihren Kreditgebern tilgen solle. Nachdem das Parlament ein entsprechendes Gesetz erlassen hatte, erwarb Blunt mit der Hollow Sword Blade Company in großem Stil irische Güter und bezahlte sie mit Schuldscheinen der Regierung, welche man zuvor massenhaft unter Nennwert von den Inhabern im Tausch gegen Aktien der Hollow Sword Blade Company übernommen hatte. Das Muster für eine derartige Verwendung von staatlichen Schuldpapieren hatte sinnigerweise die Bank of England gelegt. Sie hatte, als sie im Zuge der Münzkrise der Jahre 1696 – 98 nicht in der Lage war, ihre Banknoten gegen Silber einzulösen, mit Zustimmung der Regierung unter anderem abgewertete staatliche Schuldscheine zur Erhöhung ihres Kapitals akzeptiert. Blunt und Co. übernahmen diesen Finanztrick, der den Vorteil hatte, dass man für den Ankauf der Papiere kein Geld einsetzen musste. Für die Inhaber der Schuldscheine wiederum war die Sache attraktiv, weil sie auf diese Weise handelbare Papiere zum Nennwert ihrer Schuldscheine erhielten und darüber hinaus noch Dividenden aus den Einnahmen aus den irischen Gütern erwarten konnten, welche mit zehn Prozent des Kaufpreises angenommen wurden. Für dieses Dreiecksgeschäft verlangte die ewig geldhungrige Regierung wieder einen hohen Kredit, der mit fünf Prozent statt der siebeneinhalb Prozent zu verzinsen war, welche sie auf die Schuldscheine zu zahlen hatte. Darüber hinaus tätigte die Hollow Sword Blade Company auch Bankgeschäfte, unter anderem durch die Ausgabe von Banknoten und die Vergabe von hypothekengesicherten Krediten an Erwerber von Grundstücken in Irland, womit sie dazu beitrug, dass der Grund in Irland schließlich zu drei Viertel im Eigentum von Engländern war, was nicht nur die Empörung der Iren, die sich nicht zu Unrecht ausmanövriert und ausgebeutet fühlten, verstärkte, sondern auch die Bank of England auf den Plan rief, die ihr Monopol verletzt sah. Das Verfahren, welches gegen die Hollow Sword Blade Company eingeleitet wurde, verlief aber im Sande, nachdem die Regierung kein Interesse daran hatte, sich ihre neue Geldquelle zu verstopfen.

Dadurch ermuntert setzte Blunt, der mit der Hollow Sword Blade Company die nötigen Erfahrungen im Umgang mit staatlichen Schuldscheinen gesammelt hatte, mit regierungsamtlicher Unterstützung zu einem neuen, noch viel größeren Coup zur Unterminierung des Monopols der Bank of England an. Daran war wieder Francis Child mit hohen Geldbeträgen beteiligt. Auch bei dieser Unternehmung spielte geschicktes Marketing und dessen tendenzielle Nähe zu Trickserei wenn nicht gar Betrug eine wichtige Rolle.

Über die Ereignisse, welche diese Unternehmung auslöste, ist zwar schon viel geschrieben worden und die Besitzer von Osterley House treten dabei, wiewohl ohne Zweifel darin verwickelt, nach Außen auch nur wenig in Erscheinung. Ich will aber dennoch nicht auf ihre Schilderung verzichten. Immerhin steht Blunts neues Projekt im Mittelpunkt eines wirtschaftkriminellen Dramas, welches im größten Desaster der englischen Wirtschaftsgeschichte endete. Da es exemplarisch zeigt, welche ungeheuren zerstörerischen Kräfte ein entfesselter Markt entwickeln kann, werde ich auf diese Angelegenheit ausführlicher eingehen. Vieles wird dem Leser dabei bekannt vorkommen.

Was war der Hintergrund dieser Geschichte? In Europa war seit dem Jahre 1701 der Spanische Erbfolgekrieg um die politische Hinterlassenschaft des letzten spanischen Habsburgers anhängig, in der sich die Große Allianz um Österreich-Habsburg auf der einen und Frankreich und seine Verbündeten, darunter Bayern, auf der anderen Seite gegenüber standen. England war in diesen Krieg als Mitglied der Großen Allianz verwickelt, aber auch durch seinen Ableger, den „Queen Anne’s War“, der parallel dazu in Nordamerika stattfand. Dort kämpfte man gegen Frankreich um die Vorherrschaft im nördlichen Teil der neuen Welt. Daher hatte die Krone einen enormen Finanzbedarf, den sie, wie gewohnt, mit Krediten deckte. Bis 1710 waren die englischen Staatsschulden auf ein Volumen angeschwollen, das rund acht Mal so groß war, wie zu der Zeit, als man es aus ähnlichen Gründen für nötig hielt, die Bank of England zu gründen. Die Regierung war nicht nur nicht in der Lage, diese Schulden zu bedienen. In ihren Finanzen herrschte generell Chaos. Jedes Ministerium leistete sich trotz Bank of England eine eigene Kreditpolitik, mit der Folge dass völlig unklar war, wie hoch der Schuldenstand der Krone insgesamt war. Der Tory-Schatzkanzler Harley suchte daher nach einer großen Lösung, die erneut in Public-Private Partnership erfolgen sollte. Die Idee dazu soll wieder das fruchtbare Gehirn von William Paterson ausgebrütet haben.

In Absprache mit Harley gründete Blunt im Jahre 1711 eine Handelsgesellschaft, deren erster Zweck, ähnlich wie im Falle der Bank of England, war, die staatlichen Schulden zu managen. Die Gesellschaft trug einen barocken Namen von geradzu barbonischen Ausmaßen und hieß: „The Governor and Company of the merchants of Great Britain, trading to the South Seas and other parts of America, and for the encouragement of fishing“, kurz “South Sea Company”. Blunts mutierte Hollow Sword Blade Company fungierte für die neue Gesellschaft als Banker. Um die Seriosität des Unternehmens zu unterstreichen, übernahm Schatzkanzler Harley, der für seinen genialen Plan in den Adel aufstieg, den ehrenamtlichen Posten des Gouverneurs der Gesellschaft.

Nach dem Muster der Hollow Sword Blade Company sollte die South Sea Company Schuldpapiere der Regierung im Tausch gegen Aktien billig aufkaufen. Den Aktionären wurden dafür die Zinsen von sechs Prozent als Dividende versprochen, welche die Regierung auf die Anleihen zu zahlen hatte. Vor der Publizierung des Gründungsplanes lancierten Insider Informationen, wonach die Fähigkeit Englands seine Schulden zu bedienen, in Frage gestellt sei. Dadurch fiel der Preis der Anleihen auf fünfundfünfzig Prozent ihres Nennwertes. Damit konnten die Gesellschaft und diverse Insider, darunter vermutlich auch Francis Child, die Anleihen äußerst billig aufkaufen. Um den Inhabern der staatlichen Schuldscheine den Aktientausch zusätzlich schmackhaft zu machen und weitere Investoren, insbesondere aber auch das allgemeine Publikum zur Zeichnung von Aktien anzureizen, stellte man in der groß inszenierten öffentlichen Darstellung in den Vordergrund, dass die Gesellschaft von der Krone das Monopol eingeräumt bekommen habe, Handel mit den blühenden spanischen Kolonien in Amerika zu treiben und dass daraus hohe Gewinne zu erwarten seien. Einer derer, die das hohe Lied auf die Geschäfte mit der fabelhaften „Südsee“, unter der man seinerzeit den mittleren und südlichen Atlantik verstand, sang, war Daniel Defoe. Man versäumte bei dieser Marketingkampagne insbesondere nicht, so verlockende und Vernunft reduzierende Stichworte wie Gold, Silber und Edelsteine fallen zu lassen, die man in der „Südsee“ angeblich in Massen gegen Wolle und Vließ aus England eintauschen könne. Das anlagehungrige Publikum wusste ja nicht zuletzt durch die spanischen Schiffe, welche die englischen Piraten aufgebracht hatten, von den gewaltigen Edelmetalltransporten, welche von der neuen Welt nach Südeuropa gingen und dort die Kirchen und Paläste vergoldeten. Außerdem war da noch das Vorbild der East India Company, deren Aktionäre sich phänomenaler Gewinne aus dem Fernhandel erfreuten.

Auf ein Publikum, das nur zu gerne bereit war, moralische Skrupel zu Gunsten von Profit bei Seite zu schieben, der mit geringer Eigenanstrengung zu erlangen war, zielte aber vor allem die Ankündigung, mit staatlicher Erlaubnis in den transatlantischen Sklavenhandel einzusteigen. Zwar war die Sklaverei im freiheitsliebenden England schon seit dem Jahre 1102 verboten. Man beruhigte sein Gewissen aber mit einer winkeladvokatorischen Rationalisierung, damit nämlich, dass es kein Gesetz gebe, welches den Handel mit Sklaven verbiete. Die wunderbaren Aussichten, die sich aus diesem Geschäftsmodell zu ergeben schienen, zogen nicht zuletzt die Goldschmiede als die Spezialisten für die Missproportion von Wert und Eigenleistung an. Das vom Staat initiierte und begünstigte Geschäftsmodell erschien den Anlegern so verlockend, dass sie in großem Umfang auf das Angebot eingingen, obwohl die propagierten Handelsaussichten zum Zeitpunkt der Gründung der Gesellschaft noch äußerst vage waren. England befand sich noch im Krieg mit Spanien, das streng darauf achtete, die Kontrolle über den Handel mit seinen Kolonien zu behalten. Und den „asiento de negros“, das ausschließliche Recht, afrikanische Sklaven in die spanischen Kolonien zu bringen, das die iberische Macht nach politischer oder wirtschaftlicher Opportunität „verkaufte“, besaß seinerzeit Frankreich, mit dem England ebenfalls im Krieg lag. Dennoch wurden für South Sea Aktien im Nennwert von 100 Pfund, welche die Anleger für ihre zum Preis von 55 Pfund verkauften Schuldscheine gleichen Nennwertes erhalten hatten, bereits unmittelbar nach der Verkündung des Geschäftsplanes der Gesellschaft 125 Pfund bezahlt.

Auf Grund der eigentümlichen Verflechtung von kaufmännischen und fiskalischen Interessen hing der Erfolg des South Sea Company Projektes davon ab, dass die Anleger und der Aktienmarkt Vertrauen in die Konstruktion hatten, was nicht zuletzt voraussetzte, dass der propagierte Handel mit den spanischen Kolonien Realität oder zumindest wahrscheinlich wurde. Dies beförderte das Interesse der Krone an einer Beendigung der kriegerischen Verwicklungen. Bereits unmittelbar nach der Gründung der South Sea Company nahm Harley dazu geheime Verhandlungen mit Frankreich auf. Im Jahre 1712 traten die Kriegsparteien, die nach über zehnjährigem erfolglosem Ringen inzwischen müde geworden waren, dann in offizielle Verhandlungen ein. Diese waren Anfang des Jahres 1713 soweit gediehen, dass Spanien und England, man kann es kaum glauben, einen (separaten) völkerrechtlichen Vertrag abschlossen, dessen Hauptgegenstand der Sklavenhandel war. England wurde damit der „asiento“ für dreißig Jahre eingeräumt. Im April 1714 folgte der umfassende Friedensvertrag von Utrecht, der nicht nur für die Geschichte der Diplomatie und des Völkerrechts so bedeutsam war, weil sich die großen Herrscherhäuser in dem Bestreben, ein Gleichgewicht der Macht in Europa herzustellen, durch Verträge banden und damit der außenpolitischen Willkür Grenzen gesetzt wurden, sondern auch dadurch, dass sich England im Konzert der Mächte eine Hauptstimme sichern konnte – eine der bis heute bestehenden Errungenschaften war der „Erwerb“ von Gibraltar, mit dem England einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur maritimen Großmacht im Sinne Barbons machen sollte. In Utrecht wurde der „asiento“ noch einmal bestätigt. Danach hatte England das Recht, aber auch die Pflicht zur Lieferung von jährlich 4800 „Piece d’Inde“, der Maßeinheit für den Handel mit Sklaven, mit der Alter, Größe, Geschlecht, Gesundheitszustand und Herkunft der eingefangenen Menschen wie bei Handelsgütern üblich normiert wurden. Das groß propagierte Recht, auch ansonsten Handel mit den südamerikanischen Kolonien treiben zu dürfen, fiel allerdings recht dürftig aus – möglicherweise hatte Harley mit seinem bilateralen Vorpreschen sein Verhandlungspulver schon zu früh verschossen. Die South Sea Company durfte nur ein Mal im Jahr ein 500-Tonnen Schiff in die „Süd See“ schicken, ein Klacks verglichen mit der Anzahl der Schiffe, welche etwa die East India Company unter Segel hatte.

Mit dem „asiento“ für die South Sea Company war der neue Herr von Osterley House damit in doppelter Hinsicht in den afrikanischen Sklavenhandel involviert, neben der South Sea Company auch über die East India Company, die, wenn auch in kleinerem Umfang, bereits seit dem Jahre 1630 Sklaven nach dem Osten brachte und sie dort für sich arbeiten ließ. Die South Sea Company kaufte in den fünfundzwanzig Jahren, in denen sie den „asiento“ bediente, auf den afrikanischen Märkten rund 34.000 Sklaven ein, von denen etwa 30.000 die Reise nach Amerika überlebten, eine Quote von 89 Prozent, die als relativ niedrig galt. Nicht berücksichtigt ist dabei allerdings, dass bereits auf der „Jagd“ nach geeigneter „Ware“ in Afrika und beim inländischen Transport zu den Häfen ein Todeszoll anfiel, der deutlich höher lag.

Technisch gesprochen erfolgte die Wertschöpfung dieses Handels in einem endlos kreisenden globalen Dreiecksgeschäft auf der sogenannten „middle passage“, dessen musterartige Effizienz ein Barbon vermutlich als Bestätigung seiner theoretischen Analyse der internationalen Handelsmechanismen gesehen hätte. Die speziell ausgestatteten Sklavenschiffe segelten zunächst mit Fertigwaren von Europa nach Westafrika, tauschten die Güter dort gegen Sklaven ein, welche sie in Amerika verkauften, um günstig erworbene, weil nicht zuletzt durch Sklavenarbeit gewonnene Rohmaterialien zurück nach Europa zu bringen, die verbraucht oder wieder zu Fertigwaren verarbeitet wurden. Der Sklaventransport der South Sea Company machte allerdings nur einen Bruchteil dessen aus, was Händler an „Menschenmaterial“ über den Atlantik brachten. Bis zum britischen Verbot des Sklavenhandels im Jahre 1807 wurden allein von Engländern bei etwa 33.000 Reisen rund drei Millionen Sklaven unter unsäglichen Bedingungen nach Amerika geschafft, von Bürgern eines Landes also, dessen inoffizielle Nationalhymne mit „Britania rule the waves“ beginnt, auf das sich im nächsten Vers “Britons will never be slaves“ reimt.

Francis Child hat von der eigentlichen wirtschaftlichen Aktivität der South Sea Company ebenso wie vom Besitz von Osterley House nichts mehr gehabt. Er starb kurz nach dem Erwerb des schönen Anwesens, das er nie bezog, und wenige Monate nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Utrecht im Alter von 71 Jahren unter Hinterlassen eines gewaltigen Vermögens, das er aus dem Nichts aufgebaut hatte. Auf einer Liste der reichsten Männer der englischen Geschichte seit der Eroberung der Insel durch die Normannen im Jahre 1066 nimmt er noch heute den Rang 171 ein.

William Hogarth nahm Francis Child drei Jahrzehnte später zum Vorbild für seinen pädagogischen Bilderzyklus vom fleißigen und faulen Lehrling. Während der faule Lehrling auf der sozialen Leiter immer weiter absteigt und schließlich auf dem Schafott landet, geht es für den fleißigen Lehrling, der kaum verhüllt Francis Goodchild heißt, stetig nach oben. Er durchläuft dieselben Stationen der City-Karriere wie Francis Child, startet als fleißiger Lehrling, heiratet die Tochter seines Meisters und erwirbt so ein schönes Vermögen, wird City Sheriff, Alderman und schließlich Lord Mayor, als welcher er in einer barocken Prachtkutsche wie einst Francis Child bei seiner Lord Mayor Show durch die City fährt. In das Bild von der Eheschließung Goodchilds ragt übrigens der gewaltige Sockels des „Monuments“, auf dem man nur die Worte lesen kann, mit denen seinerzeit noch die „popish fraction“, also die päpstliche Fraktion, für das Unglück (der Stadt) verantwortlich gemacht wird, was umgekehrt offensichtlich bedeuten soll, dass Goodchilds Glück auch darin begründet liege, dass er sich klug der angesagten, nämlich der anglikanischen Fraktion angeschlossen hatte.

Wie ging die Geschichte weiter? Der Gründer des Child’chen Familienvermögens hatte das Glück, dass seine Nachkommen, nicht, wie nicht selten bei Aufsteigerfamilien, den sorgsam erworbenen Besitz der Altvorderen verschleuderten, sondern ihn mit Geschick zu wahren und zu mehren wussten. Nach ihm stand sein Sohn Robert I., der Erstgeborene von zwölf Söhnen und drei Töchtern, von denen aber nur vier Kinder überlebten, dem Familienclan vor. Er führte das Bankgeschäft mit seinen Brüdern Francis II. und Samuel erfolgreich weiter. Robert folgte seinem Vater auch in dessen vielfältigen Ämtern in der City und in Westminster sowie nicht zuletzt in der East India Company, in der er zeitweilig den Posten des Vorstandes innehatte. Vermutlich war es diese Kombination von Funktionen, die es möglich machte, dass das Familienschiff ohne nennenswerten Schaden durch den ersten großen Orkan der schönen neuen Wirtschaftswelt steuerte, der sich um die South Sea Company zusammenbraute, von der auch Robert Child von Anfang an ein erhebliches Aktienpaket besaß. Vieles spricht dafür, dass dabei die Insiderkenntnisse, die aus solchen Verflechtungen resultieren, eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.
Was war geschehen? Bis zum Jahre 1718 verliefen die Geschäfte der South Sea Company eher unspektakulär. Die Gesellschaft zog zwar Profit aus dem Sklavenhandel, allerdings nicht in dem Umfang wie erwartet. Das Interesse an dem jährlichen Schiff war offenbar nicht besonders ausgeprägt. Die erste Reise in die „Südsee“ fand erst 1716/17 statt. Auch danach wurde der Jahresrhythmus nicht eingehalten. Und von arktischen Fischereiaktivitäten war zunächst nicht mehr die Rede. Blunt und Co. waren offensichtlich in erster Linie am Geschäftsfeld des staatlichen Schuldenmanagements und den damit verbundenen Finanzmarktgeschäften, insbesondere am Verkauf ihrer Aktien interessiert. Damit driftete die South Sea Company ähnlich wie schon die Hollow Sword Company von der Realwirtschaft weitgehend in die Finanzwirtschaft ab.
Obwohl die Krone schon bald mit den Zinszahlungen in Verzug geriet, herrschte an der Börse zunächst noch Ruhe. Dazu mag auch beigetragen haben, dass die Entmachtung Harleys und der Sturz der Toryregierung, welcher auf die Thronbesteigung durch das Haus Hannover im Jahre 1714 folgte, dadurch ausgeglichen wurde, dass man den neuen Prince of Wales zum Gouverneur der Gesellschaft bestellte, womit die Gesellschaft in der obersten Liga der englischen Gesellschaft verankert war. Im Übrigen verstand es Blunt, sich der neuen politischen Lage dadurch anpassen, dass er alle Toryleute in den Führungspositionen der Gesellschaft durch Anhänger der Whigs ersetzte. Unruhe kam aber auf, als sich das endlose Karussell der europäischen Erbfolgestreitigkeiten wieder zu drehen begann und sich England im Jahre 1718 plötzlich wieder im Krieg mit Spanien, seinem Partner im Südseehandel befand.
Das iberische Königreich hatte die Relativierung ihrer einstmals überragenden Machtposition, insbesondere den Verlust seiner italienischen Besitzungen, den es im Friedensvertrag von Utrecht hinnehmen musste, nicht verwunden und versuchte, diese durch Wiedergewinnen von Einfluss im Mittelmeerraum zu revidieren. Es erhob Ansprüche auf Sizilien und Sardinien, wo es lange geherrscht hatte. England sah dadurch das Gleichgewicht der Mächte, das in Utrecht mühsam austariert worden war, und insbesondere seine Handelsinteressen bedroht. Im Jahre 1717 schloss es gegen Spanien ein Bündnis mit Frankreich und Holland, die sog. Trippelallianz, die sich 1718 mit dem Beitritt von Österreich zur Quadruppelallianz erweiterte. Die Kontrahenten bekämpften sich in der Folge an den verschiedensten Schauplätzen zu Land und zur See. Unter anderem vernichteten starke englische Seestreitkräfte die spanische Flotte, welche gerade erst wieder neu aufgebaut worden war. Auseinandersetzungen fanden auch in Übersee statt. Spanien beschlagnahmte dabei das Vermögen der South Sea Company in Amerika. Der materielle Schaden, der daraus resultierte, hielt sich zwar in Grenzen. Nichts konnten die Betreiber der South Sea Company aber weniger gebrauchen, als Nachrichten, welche dazu geeignet waren, Aktieninhaber und potentielle Aktienkäufer zu verunsichern. Man sann daher über Maßnahmen nach, die den Aktienkurs stabilisieren oder gar steigern, sowie möglichst auch noch die Menge der Aktien erhöhen konnten.
Blunt, der inzwischen gewohnt war, in monumentalen Dimensionen zu denken, entwickelte dabei den Plan zu einer der größten Finanztransaktionen der Weltgeschichte. Er schlug der Regierung vor, dass die South Sea Company auch noch den größten Teil der Staatsschulden, welche bis zum Jahre 1719 neu aufgelaufen waren, gegen das Recht übernimmt, in gleicher Menge neue Aktien auszugeben. Es handelte sich um einen Betrag, der drei Mal so hoch war wie der, den die South Sea Company acht Jahre zuvor abdeckte und dreißig Mal so hoch wie bei der Gründung der Bank of England. Wenn es der South Sea Company gelang, die entsprechenden Aktien zu platzieren, wäre sie schon dadurch zu einer wirtschaftlichen Institution von nie da gewesener Größe geworden. Ihr Bilanzvolumen hätte das Vielfache des Staatshaushaltes einer Macht wie England betragen. Blunt war damit aber noch nicht zufrieden. Die Menge der Aktien, welche die South Sea Company pro Schuldeneinheit ausgeben durfte, sollte nicht vom Nennwert, sondern vom jeweils gültigen Kurswert der Aktien abhängen, mit der Folge, dass bei Anstieg des Kurses proportional weniger Schuldeinheiten „verbraucht“ wurden und entsprechend mehr Aktien ausgegeben werden konnten. Bei einer Steigerung des Kurses um einhundert Prozent etwa hätten doppelt so viele Aktien verkauft werden können. Da es mangels größerer Realgeschäfte abgesehen von Marketingkosten wenig nennenswerten Aufwand gab, konnte die Differenz als reiner Gewinn verbucht werden. Mit diesem Geschäftsmodell der Gewinnerzeugung durch Kapitalerhöhung waren Profite in einem Umfang denkbar, die selbst heute in den Zeiten riesiger globaler Finanzströme unvorstellbar sind.
Eine solche Konstellation enthielt naturgemäß einen gewaltigen Anreiz zur Manipulation des Aktienkurses. Blunt wusste daher, dass er, um die Zustimmung des Parlamentes zu diesem Deal zu erhalten, einige Überzeugungsarbeit zu leisten hatte. Insbesondere musste der einflussreiche Unterhausabgeordnete Robert Walpole ausgeschaltet werden, der Blunt schon als ehemaligem Protegé von Robert Harley nicht sonderlich wohl gesinnt war – Harley hatte ihn, Walpole, im Jahre 1712 nach der Ablösung der Whigregierung, in der Walpole Kriegsminister war, entsprechend der beim Machtwechsel gerne praktizierten Übung wegen Bestechlichkeit im Zusammenhang mit dieser Tätigkeit angeklagt, was Walpole ein halbes Jahr im Tower von London eingebracht hatte (aber nicht hinderte, dass er, wie der Earl of Mornington oder Charles Duncombe, unmittelbar nach dieser Misslichkeit wieder ins Parlament gewählt wurde; die Wähler setzten offenbar die Parteilichkeit derartiger Verfahren voraus oder wussten die Großzügigkeit zu schätzen, mit welcher die Kandidaten um ihre Gunst buhlten – Hogarth hat sich auch mit diesen Dingen kritisch befasst und die Usancen und Unsitten des Wahlverfahrens und des Pateienwesens in seinem vierteiligen Gemäldezyklus „The Election“ nach Art von Wimmelbildern aufgespießt). Von 1715 bis 1717 hatte Walpole das Amt des Schatzkanzlers inne (dies war übrigens die Zeit, in der er, beraten durch William Paterson. erstmalig einen „sinking fund“ zur Ordnung der Staatsschulden einrichtete). Auf Grund dieser Amtserfahrung verstand er sehr wohl, welches Gefahrenpotential das Blunt’sche Projekt in sich trug und sprach sich gegen dasselbe aus. Zumindest müsse, so mahnte er, die Aktienausgabe an den Nennwert der Aktien gebunden werden. Dies aber hätte das Geschäftsmodell der South Sea Company ausgehebelt.
Blunt, der inzwischen ausreichend Erfahrung mit den Techniken hatte, mit denen der gesunde Menschenverstand oder die Moral seiner Mitmenschen untergraben werden kann, überzeugte die Mehrheit der Parlamentarier von seinen Vorstellungen, indem er einzelne kritische Abgeordnete mit Summen bestach, die nach heutigen Maßstäben im Millionenbereich liegen, und allen Abgeordneten Aktien der South Sea Company anbot, die sie erst zu bezahlen hatten, wenn sie dieselben wieder verkauften, eine Option, von welcher die „Erwerber“, da sie kein eigenes Geld investieren mussten, naturgemäß nur bei einem höheren Aktienkurs Gebrauch machen würden, zu dessen Steigerung sie dann auch ohne Zweifel noch alles ihnen Mögliche beitragen würden. Angesichts dieser scheinbaren Win-Win-Situation ist es kein Wunder, dass das Unterhaus Blunts Plan zustimmte, zumal nach der Wandlung der South Sea Company von einem Tory- zu einem Whigprojekt die Whig dominierte Bank of England, die Walpole noch als Alternative ins Spiel gebracht hatte, ihr Monopol mit so gebremster Energie verteidigte, dass Blunt, um sie auszuschalten, nur noch den allfälligen Obulus oder, wie Karl Marx sagen würde, das Bestechungsgeld für die Krone „etwas“ aufstocken musste. Mit einem Rest von wirtschaftlichem Realitätssinn bestimmte man allerdings, dass die Ausgabe neuer Aktien durch die South Sea Company an reale wirtschaftliche Aktivitäten in der „Südsee“ gebunden sein solle.
Blunt setzte nun seine ganze ausgeprägte geschäftliche Gestaltungsphantasie dazu ein, das Aktienkarussell in Gang zu halten und ihm weiteren Schwung zu verleihen. Angesichts der wunderbaren Gewinne, die schon bei bloßem Nichtstun winkten, war bald niemand mehr gewillt, sich das Spiel durch realitätsgebundene Erwägungen verderben zu lassen. Daher geriet die Bestimmung, wonach die South Sea Company vor Ausgabe neuer Aktien reale Handelsaktivitäten zu entfalten habe, schnell in Vergessenheit. Die Geschäftstätigkeit der Gesellschaft beschränkte sich im Wesentlichen auf die Ausgabe neuer Aktien. Damit löste sie sich noch weiter von der Realwirtschaft und bildete das Muster für ein Geschäftsmodell, das nach weiterer Ausdifferenzierung heute unter der Bezeichnung „Investmentbanking“ läuft und inzwischen das Volumen der Realwirtschaft um ein Vielfaches übertrifft.
Das Kunststück, das Blunt zu meistern hatte, bestand darin, eine riesige Menge neuer Aktien auf den Markt zu werfen und gleichzeitig sicherzustellen, dass der Kurs derselben nicht nur nicht fiel, wie in einem solchen Fall eigentlich zu erwarten, sondern sogar noch stieg. Dazu entwickelte Blunt ein mehrstufiges Verfahren, das die South Sea Company nach Art einer Weltraumrakete in die Schwerelosigkeit des ökonomischen Illusionsraumes schießen sollte. Sehr zupass kam ihm zunächst einmal, dass der König, der sich mit seinem Sohn, dem Prinz of Wales, zerstritten hatte, das (Ehren!)Amt des Gouverneurs der South Sea Company an sich zog (eine Position, welche übrigens von da an alle folgenden englischen Monarchen bis in die Zeit von Königin Victoria, in der die Gesellschaft aufgelöst wurde, innehaben sollten). Verstärkt wurde der Vertrauen bildende Effekt, der daraus resultierte, dadurch, dass die „Hollow Sword Blade Company“ die falsche Nachricht lancierte, der Thronkonkurrent aus dem Hause Stuart, der im Jahre 1719 mit einer kleinen Truppe in Schottland gelandet war, sei gefangen genommen worden. Weiter stellte man angelegentlich heraus, dass eine ganze Reihe prominenter Personen, darunter der König, Minister der Regierung einschließlich Schatzkanzler und viele Abgeordnete, Aktien der South Sea Company besäßen oder dabei seien, solche zu erwerben. Außerdem legte man eine neue groß angelegte Werbekampagne auf, in welcher man die Chancen des Handels mit der „Süd See“, wiewohl dieser bisher kaum stattgefunden hatte, erneut in äußerst rosigen Farben schilderte, wobei wieder die schreibende Allzweckwaffe Daniel Defoe zum Einsatz kam. Abgesehen von seinen journalistischen Aktivitäten hat sicher auch sein Roman „Robinson Crusoe“ als Verstärker für die bald ausbrechende Südsee Euphorie gewirkt. Das Buch kam im Frühjahr 1719 auf den Markt und legte eine ähnliche Karriere hin, wie bald danach die Aktien der South Sea Company. Dieser erste Roman der englischen Literatur traf mit seinen phantastischen weltweiten Bezügen die Stimmung der seeabenteuerafinen und in globalen Dimensionen denkenden Engländer so gut, dass noch im gleichen Jahr drei Auflagen sowie eine Fortsetzung erschienen. Unter anderem wurde darin thematisiert, dass man in der „Südsee“ ganz ohne eigene Anstrengung reich werden konnte – Robinson hatte, bevor es ihn auf seine Insel in der „Südsee“ verschlug, auf gut kolonialistische Weise eine Plantage in Brasilien erworben und stellte, nachdem er fünfundreißig Jahre später wieder zurück nach England kam, hoch erfreut fest, dass er dadurch ohne sein Zutun, ja in seiner Abwesenheit ein reicher Mann geworden war. Wer wollte an den Möglichkeiten solch’ wunderbarer Vermögensbildung nicht teilhaben?
Begünstigt wurde die fernwestliche Aktienbegeisterung noch dadurch, dass in Frankreich gleichzeitig und in merkwürdiger Parallelität der Umstände ebenfalls ein großes Börsenfieber mit transatlantischem Kolorit ausgebrochen war. Nach dort hatte es den Schotten John Law, einen genialen Spieler und Finanzjongleur, auf seiner Flucht aus England verschlagen, wo gegen ihn ein Haftbefehl wegen eines Tötungsdeliktes im Zusammenhang mit einem Duell bestand, das sich um die Mätresse Wilhelm III. aus dem Hause Villiers drehte, das Adelsgeschlecht, das ich bereits erwähnte und das im Zusammenhang mit Osterley House noch bedeutsam werden wird. Diesem John Law, den Karl Marx als eine Mischung aus Schwindler und Prophet bezeichnete, muss ich, wiewohl er in England nur die genannte Blutspur hinterlassen hat, hier ein paar Zeilen widmen, zum einen weil er von der Insel stammte und Wirtschaftsgeschichte schrieb, zum anderen weil er nicht weniger großspurig und weltmassstabsmäßig wie Blunt dachte, als dessen Zwilling er geradezu erscheinen will.
Der Schotte, der, wie könnte es anders sein, aus einer Goldschmiedbankerfamilie stammte, hatte in seinem Asylland das Vertrauen des Herzogs von Orléans gefunden, der nach dem Tod Ludwigs XIV. die Regentschaft für den noch minderjährigen Ludwig XV. ausübte. Diesen überzeugte er von seinen avantgardistischen geldpolitischen Vorstellungen, welche er nach dem Darién-Desaster bereits vergeblich seinem Heimatland angedient hatte (dessen Vereinigung mit England er zu verhindern versuchte, schon deswegen, weil sich der gegen ihn bestehende Haftbefehl dann auch auf Schottland erstrecken würde, das er nach der Fusion der beiden Länder dann tatsächlich verlassen musste). Binnen kurzer Zeit hatte er eine dominierende Stellung im Finanzwesen Frankreichs erlangt, das sich auf Grund hoher Kriegskosten in einer ähnlich prekären Situation wie sein Kriegsgegner England befand. Law ging davon aus, dass die Geldmenge ein entscheidender Faktor für die Entwicklung der Wirtschaft sei, ein Gedanke, der sich erst im 20. Jahrhundert durchsetzen sollte. Er propagierte daher, den in Frankreich herrschenden Geldmangel, der entsprechend dem Gresham’schen Gesetz auch dort durch schlechtes (Edelmetall)Geld verursacht worden war, ganz im Sinne von Barbon durch die Ausgabe von Papiergeld zu beseitigen. Dieses sollte einerseits durch Edelmetall gedeckt werden – das machten die Holländer schon seit einem Jahrhundert -, aber auch – das war seine neue Idee – durch Einkünfte aus Landbesitz. Zu diesem Zweck gründete er mit königlicher Genehmigung im Jahre 1716 die „Banque Générale“, die solches Papiergeld ausgeben durfte und damit so etwas wie eine Zentralbankfunktion einnahm. Ein Jahr danach rief auch er eine Kolonialhandelsgesellschaft ins Leben, die „Compagnie de Mississippi“, welche ein Monopol für den Handel mit den französischen Kolonien in Nordamerika erhielt, dessen Chancen man nicht anders als im Falle der South Sea Company in den buntesten Farben ausmalte. Auch hier konnte man damit leicht ein Publikum gewinnen, dessen Realitätssinn proportional zu der Entfernung des Ortes schrumpfte, an dem die erhofften Gewinne erwirtschaftet werden sollten. Nicht anders als bei der South Sea Company bestand das Kapital dieser beiden Firmen anfangs im Wesentlichen auch aus abgewerteten Staatsanleihen. Geschicktes Marketing und die synergetische Verbindung mit weiteren französischen Welthandelsunternehmungen, vor allem aber die Möglichkeit, den Kauf von Aktien der „Compagnie de Mississippi“ mit Krediten von Laws Bank zu finanzieren, die inzwischen, ebenfalls wie die South Sea Company, nobilitiert worden war und sich „Banque Royale“ nannte, setzten einen unvergleichlichen Run auf die Aktien beider Firmen mit entsprechenden Kurssteigerungen in Gang. Die Nachfrage nahm derartige Ausmaße an, dass in Paris einhundersechzig Kioske aufgestellt werden mussten, in denen die Aktien gehandelt wurden. Als sich herumsprach, dass die Bäume in der Ferne auch nicht in dem Himmel wachsen und die Handelssaussichten nicht hielten, was versprochen wurde, endete die Hausse Ende 1719 mit einem gewaltigen Crash, der nicht nur zahllose Anleger in den Ruin trieb, sondern auch das vorläufige Ende des Papiergeldes herbeiführte. Das französische Desaster verhinderte freilich nicht, dass die Gier weiterhin den allfälligen Lerneffekt verhinderte. Ein Teil der französischen Anleger wandte sich, wie übrigens auch zahlreiche nicht weniger spielsüchtige Holländer, dem heiß laufenden englischen Aktienmarkt zu, was Blunt, der ohnehin gegen Law um die Geldgeber buhlte, in die Karten spielte, da es der Kaufeuphorie ein zusätzliches Momentum gab. In den Kaffeehäusern von Change Alley sollte es bald nicht weniger hektisch als in Paris zugehen. Der Historienmaler Edward Ward, der im 19. Jahrhundert die neuen Houses of Parliament mit Wandgemälden ausschmückte, welche Episoden aus dem englischen Bürgerkrieg und der Glorious Revolution zeigen, hat das Gedränge in Change Alley während der Südsee-Blase auf einem Gemälde, das heute in der Tate Gallery hängt, im Stile von Hogarth eindrucksvoll dargestellt.
Auch der deutsche Komponist Georg Philipp Telemann hat sich mit dem damaligen Börsenwahn befasst. Im letzten Satz einer seiner tausend Ouvertüren mit dem Titel „La Bourse“, der mit „L’Esperance de Mississippi“ überschrieben ist, zeichnet er das hektische Geschehen mit hastigen auf- und abwärts steigenden Tonfolgen nach. Auf und ab ging es auch mit dem Aktienkurs der South Sea Company in London. Nach der genannten konzertierten Marketingoffensive stieg er zunächst einmal steil an. Anfang März 1720 stand der Kurs der 100 Pfundaktie bei 300 Pfund. Als er abflaute, heizte Blunt den Verkauf mit einer neuen Werbeinitiative an: Aktienkauf auf Raten. Die Erwerber erhielten die Aktien mit einer Anzahlung von zwanzig Prozent des Kaufpreises, der Rest war in zweimonatlichen Raten von jeweils weiteren zwanzig Prozent abzuzahlen. Angesichts der Kurssteigerungen, welche die Aktien in der Vergangenheit hatten, suggerierte man, dass die Raten aus den Kursgewinnen bezahlt werden konnten und dass dabei sogar noch genügend übrig bleiben würde, um weitere Anteile zu erwerben. Diese Form von anstrengungsloser Vermögensvermehrung hatte zur Folge, dass sich Anleger mit dem Geld, das eine Aktie kostete, fünf Aktien kaufen konnten. Die Nachfrage nach Aktien stieg daher wieder an und der Aktienkurs lag bald bei 500 Pfund. Die Schubkraft dieser „Aktion“ ließ allerdings spätestens in dem Moment nach, als die Ratenkäufer zur Realisierung der Gewinne, mit denen sie die weiteren Raten bezahlen konnten, Aktien wieder verkauften. Darauf präsentierte Blunt eine Verkaufsstrategie, die nahe daran war, die Erwerber der Aktien für ihre Käufe zu bezahlen. Er setzte einen großen Teil der enormen Gewinne, welche die South Sea Company mit dem Handel ihrer eigenen Aktien erzielt hatte, zur Finanzierung der Verkäufe ein. Die Gesellschaft bot den „Investoren“, ähnlich wie John Law in Frankreich, exorbitant hohe und günstige Kredite zum Kauf der Aktien ein, die wiederum mit den gekauften Aktien abgesichert werden konnten. Mit diesem in sich selbst kreisenden System wurde der Aktienhandel geradezu zu einem Volkssport. Binnen einer Woche stieg der Aktienkurs von 500 auf 800 Pfund.
Dieser Erfolg wurde nun zum Problem. Die Süd-See Spekulation hatte gezeigt, dass man dem englischen Publikum über Unternehmensbeteiligungen in Form von Aktien eine Menge Geld aus der Tasche ziehen konnte. Die Folge war, dass eine Reihe von alten und neuen Gesellschaften ihre Angeln ebenfalls in die durch Hoffnung und Gier zusehends trüber werdenden Gewässer des Aktienmarktes auswarfen. Sie boten Aktien für alle möglichen, vor allem aber auch unmöglichen Projekte an, wobei man vor allem die verführerische Welthandelsperspektive betonte. Welche Annahmen über die Urteilskraft des Publikums ihnen zu Grunde lagen, zeigen so realitätsnahe Geschäftsideen wie der Bau von schwimmenden Herrenhäuser und Luftfahrzeugen oder die Herstellung eines Gerätes zur Beseitigung von Dampf aus dem Gehirn. Ein Bewerber glaubte sogar, dass es ausreiche, für ein Unternehmen „von großem Vorteil, von dem niemand wisse, was er sei“ zu werben. Angeblich konnte diese Gesellschaft, die aus einer Person bestand, binnen fünf Stunden tatsächlich eintausend ihrer prospektierten fünftausend 100-Pfund Aktien, auf die nach einem Jahr eine Dividende von einhundert Prozent versprochen wurde, platzieren, auf welche die Erwerber – man konnte Blunt noch überbieten – nur zwei Prozent anzahlen mussten. Der Rest war einen Monat später zu erbringen, wenn nähere Details über das Geschäftsmodell zu erfahren sein sollten, wozu es aber nicht kam, da es der Initiator vorzog, sich mit den Einnahmen des ersten Tages von zweitausend Pfund, nach heutigen Maßstäben immerhin rund 200.000 Euro, unter Verzicht auf die Ausgabe weiterer Aktien über dem Ärmelkanal auf den Kontinent abzusetzen, wo er dauerhaft verschwand.
Blunt sah in solchen überall aufkommenden „Bubbles“ eine Gefahr für sein Geschäftsmodell. Seine Gigantomanie ging so weit, dass er das Anlagepotential des ganzen Landes möglichst alleine abschöpfen wollte. Auf Drängen der South Sea Company erließ das Parlament daher im Juni des Jahres 1720 den „Bubble Act“, ein Gesetz, welches Gesellschaften die Ausgabe von Aktien verbot, welche, wie die Regel, keine entsprechende königliche Charter vorweisen konnten. Blunts Rechnung, dass die Abgeordneten alles tun würden, um einen Verfall des Aktienkurses zu verhindern und ihn möglichst zu steigern, schien aufgegangen. Der Effekt war allerdings anders als erwartet. Viele der neuen Firmen mussten schließen mit der Folge, dass deren Anleger ihren Einsatz verloren und gezwungen waren, South Sea Company-Aktien zu verkaufen, was deren Aktienkurs drückte.
Da das ganze System der South Sea Company mangels realwirtschaftlicher Basis nur funktionierte, wenn der Aktienkurs ständig weiter stieg, zündete Blunt jetzt eine weitere Stufe seiner Marketingrakete. Er bot die Aktien gegen eine Anzahlung von nur noch zehn Prozent des Preises an und verlangte weitere Ratenzahlungen erst nach einem Jahr. Auf diese Weise gelang es ihm, den Kurs der Aktie auf über 1000 Pfund hoch zu drücken. Der Börsenwert der South Sea Company geriet dadurch tatsächlich in astronomische Dimensionen. Nach heutigen Maßstäben belief er sich je nachdem, ob man auf die Kaufkraft oder den vergleichsweisen Arbeitsaufwand pro Geldeinheit abstellt auf Beträge zwischen einhundert und fünfhundert Billionen Euro, mehr als das zweihundert- bzw. sechshundertfache, welches heute die großen amerikanischen New Economy Firmen, die schon völlig außerhalb der sonstigen Maßstäbe liegen, auf die virtuelle Geldwaage bringen, und rund eintausend oder fünftausend Mal so viel wie die größten deutschen Unternehmen.
Im Sommer des Jahres 1720 begannen die Direktoren der Gesellschaft inklusive Blunt und die Insider, die um die prekäre um nicht zu sagen gänzlich fehlende Statik des Aktiengebäudes wussten, ihre eigenen Aktien heimlich auf den Markt zu werfen. Auch der König und die Duchess of Malborough, die mit allen Wassern der Politik und Wirtschaft gewaschene Ehefrau des 1. Herzogs von Malborough, auf den wir schon als den Bauherrn des monströsen Herrenhauses Blenheim Palace gestoßen sind, verkauften auf Anraten ihrer Berater ihre großen Aktienpakete. Die Aussteiger strichen dabei nicht nur die Gewinne aus den Kurssteigerungen ein, sondern konnten auch noch aus dem Kursverfall, den sie selbst provoziert hatten, Profit ziehen, indem sie Leerverkäufe, Englisch „short sales“, tätigten, ein noch heute gebräuchlicher Handelstrick welcher, wie so viele mehr oder weniger sinnvolle Instrumente des Wirtschaftens in Holland erfunden worden war. Das außerordentlich kreative Verfahren läuft auf eine Umkehrung des traditionellen Verkaufsprozesses hinaus, bei dem man eine Ware erwirbt, um sie danach mit Gewinn weiterzuverkaufen. Man verkaufte Aktien, an denen man kein Eigentum, sondern die man sich nur geliehen hatte, in der Erwartung, sie auf dem Markt billiger zu dem Zeitpunkt kaufen zu können, an dem man sie dem Verleiher zurückgeben musste, um die erhoffte positive Differenz von Verkaufs- und Kaufpreis als Gewinn einstreichen zu können.
Nachdem der Aktienkurs wieder nach unten zeigte, zündete Blunt mit einem nun schon verzweifelten Versuch der Gegensteuerung die letzte Stufe seiner Verkaufsrakete. Er garantierte den Aktienkäufern eine Dividende von dreißig Prozent, die sich über zehn Jahre sogar auf fünfzig Prozent erhöhen sollte. Damit allerdings hatte er den Bogen endgültig überspannt. Denn eine solche Dividende hätte die South Sea Company nur zahlen können, wenn sie Gewinne in einer Größenordnung machte, die etwa einem Viertel des britischen Nationalproduktes entsprochen hätte. Dies veranlasste die Aktienbesitzer, die sich noch einen Rest an rechnerischer Fähigkeit bewahrt hatten, dazu, sich etwas genauer mit der South Sea Company und ihren realen Geschäftsaussichten zu befassen. Dabei wachten sie ziemlich unsanft aus dem Traum vom großen, leicht und schnell verdienten Geld auf und wurden zurück auf den harten Boden der Tatsachen geworfen. Die Anteilseigner der Weltfirma South Sea Company stellten fest, dass das Ganze etwas von Hochstapelei haben musste und sie Anteile von Luft in der Hand oder, um bei meinem Bild vom Weltraum zu bleiben, sich im luftleeren Raum befanden und im Portfolio ein Vakuum hatten. Als sich dann auch noch die auf Baisse spekulierenden Aktivitäten herumsprachen und bekannt wurde, dass Kreditkäufer ihre Raten nicht bezahlten, begann es im Gebälk des Kartenhauses hörbar zu knacken. Der Aktienkurs setzte zu einer rasanten Talfahrt an und fiel schneller als er gestiegen war. Binnen drei Wochen stürzte das grandiose Gebäude aus (geduldigem) Papier und Versprechungen in sich zusammen und begrub in seinem Schutt die Hoffnungen und Illusionen zahlloser großer und vor allem kleiner Glücksucher. Dabei wurde eine gewaltige Vermögensmasse vernichtet und ein Schaden angerichtet, von dem sich die City und die Kleinanleger erst nach langer Zeit erholten. Europa hatte nach der Amsterdamer Tulpen Manie des Jahres 1637, in welcher der Spekulationswahn seine erste und, weil an Tulpenzwiebeln entzündet, zugleich absurdeste Ausprägung gefunden hatte, und der Mississippi Blase seinen dritten, England seinen ersten großen Börsencrash.
Eine der Personen, denen das Börsenfieber die ansonsten in Zahlen- und Geldsachen sehr ausgeprägte Geisteskraft vernebelt hatte, war übrigens niemand geringeres als Isaac Newton, der in der Südseespekulation nicht weniger als 20.000 Pfund verlor, was nach heutiger Kaufkraft in etwa zwei Millionen Euro entspricht. Der Wissenschaftler soll dies mit dem Ausspruch kommentiert haben, er könne zwar die Bewegung von Körpern berechnen, nicht aber die menschliche Dummheit.
Als Retter in der Not konnte sich Robert Walpole präsentieren. Der Whig, der seine Karriere weitgehend dem einstmals mächtigen John Churchill zu verdanken hatte, war ein politischer Stehaufmann (-männchen, wie man zu sagen pflegt, würde ihn angesichts seiner enormen politischen Statur nicht richtig charakterisieren). Der Retter hatte zwar ohngeachtet seiner Opposition dagegen ebenfalls an der Süd See Spekulation teilgenommen, war allerdings auf Anraten seines Bankers, der ihn nach einem Mitnahmeverkauf vor einer Wiederanlage warnte, rechtzeitig ausgestiegen. Dabei hatte er ein hübsches Vermögen erlöst, das ihm nicht zuletzt ermöglichte, gleich nach dem Ende des Südseedebakels das prachtvolle palladianische Herrenhaus Houghton Hall in Norfolk zu bauen und sich für dasselbe eine bedeutende Gemäldesammlung samt romantisch verklärten Werken von Lorrain und Poussin zuzulegen.
Bei Erwähnung dieser Sammlung muss ich, wiewohl ich mich schon weit genug von unserem Ausgangspunkt entfernt habe, hier noch kurz eine weitere Schleife in den Gang meiner Erzählung einbauen, zumal sie einen Wirtschaftszweig betrifft, in dem England ebenfalls die Weltspitze erklommen hat und mit dem Aspekt zu tun hat, der ursprünglich mein Interesse an Osterley House weckte. Walpoles Gemäldesammlung hat sein Enkel im Jahre 1779 zur Bezahlung von Schulden, wie sie, wie wir nun wissen, beim Besitz eines Herrenhauses leicht anfallen, für einen gigantischen Betrag an Katharina die Große veräußert, die ihre Großmachtpolitik gerade mit dem kaiserlich dimensionierten Museumsprojekt Eremitage in St. Petersburg garnierte, ein Kunstverkauf, der in England bemerkenswerterweise als untunliche Beihilfe zum Aufbau eines neuen Konkurrenten um die Macht in Europa kritisiert wurde. Der Deal wurde von einem aufstrebenden Unternehmer vermittelt, dessen Name noch heute für eine hoch geschätzte Handelsmarke steht; es handelt sich um James Christie, der mit diesem Großauftrag den Grundstein für das Kunsthandelshaus seines Namens legte, welches gemeinsam mit dem etwas kleineren, ebenfalls englischstämmigen Auktionshaus Sotheby’s, das einige Jahre zuvor in Erscheinung trat, bis heute den Weltkunstmarkt dominiert. Sinnigerweise versteigerte Christie’s im Jahre 2008 für 135.000 Pfund einen prachtvollen Schemel aus Wanstead House, allem Anschein nach das Möbel, auf dem Richard Child in dem Gemälde „The Assembly at Wanstead House“ von Hogarth posiert, das ich zuvor erwähnt habe.
Aber zurück zu Walpole und der Südseeblase. Der politische Routinier, der darauf verweisen konnte, dass er gegen Blunts großen Schulden/Aktien-Deal gestimmt und zumindest eine Begrenzung der Aktienausgabe gefordert habe, sah die Chance, als Phoenix aus der Asche des verbrannten Geldes auf den höchsten Gipfel der Macht aufzusteigen, der ihm bisher verwehrt war. Tatsächlich gelang ihm dies mit dem Kunststück, sich als Aufklärer zu gerieren, um die Leute zu eliminieren, die ihm bei seinem Aufstieg im Wege standen, und zugleich das Ausmaß der stattgefundenen Schiebereien zu verschleiern, um den König und die Leute zu schonen, die er für seinen Machterwerb brauchte (und natürlich auch sich selbst).
Als erstes erließ er den Leuten, welche Aktien auf Pump gekauft hatten, die Schulden, was ihm die Sympathie der verführten Bürger einbrachte. Dann setzte er durch, dass sich nicht die Gerichte, sondern ein Untersuchungsausschuss des Parlamentes mit der Aufarbeitung der Machenschaften befasste, was bedeutete, dass die Täter an der Aufklärung der Taten beteiligt waren, welche sie selbst oder ihre Entourage begangen hatten – ein nur begrenzt die Wahrheit förderndes Verfahren, das sich noch heute einiger Beliebtheit erfreut. Außerdem stellte er sicher, dass die beiden Personen, die konkret etwas darüber aussagen konnten, wer in welcher Weise an Manipulationen beteiligt und insbesondere wer in welcher Höhe bestochen worden war, nicht vor dem Ausschuss erschienen. Der einzige, der insofern genaue Kenntnisse hatte, war der Kassierer der South Sea Company, Robert Knight, der die Transaktionen der Gesellschaft und die Bestechungssummen detailliert notiert hatte. Er hatte sich samt seinen kompromittierenden Unterlagen und einer Menge, auf fragwürdige Weise erlangten Geldes in die spanischen Niederlande abgesetzt, wo er durch einen aufwendigen Lebensstil auffiel. Dies zwang Walpole zwar formell dazu, ihn dort arrestieren zu lassen. Gleichzeitig sorgte er aber dafür, dass der Mann, der das ganze Establishment Englands hätte ins Wanken bringen können, freigelassen wurde, worauf der Zeuge, den man in einem niederländischen Wald aussetzte, samt seinen Aufzeichnungen in demselben verschwand – wahlweise heißt es, vermutlich weil es spektakulärer klingt, auch, man habe ihn nicht daran gehindert, ein Loch in seine Zellenwand zu schlagen, aus dem er entweichen konnte. Knight tauchte erst zwanzig Jahre später wieder in England auf, als man sich von dem Schock der South Sea Blase mehr oder weniger erholt hatte und andere Themen auf der gesellschaftlichen Agenda standen.
Mit Blunt, der auf dem Höhepunkt der Blase noch in den Adelstand erhoben worden war, kurz darauf aber von einer wütenden Anlegermasse fast gelyncht worden wäre (auch dieses Erlebnis teilt er mit Law), mit Blunt also traf man eine Vereinbarung, wonach er zu schweigen habe, was er gerne tat, nachdem er einen wenn auch vergleichsweise kleinen, für ein unbeschwertes Leben aber durchaus ausreichenden Teil seiner Gewinne und seinen Adelstitel behalten durfte. Damit zog er sich samt seiner Frau und seinen siebzehn Kindern – der Mann war auch in dieser Hinsicht fruchtbar – in das Rentnerparadies Bath zurück, eine Stadt, deren warme Quellen und sonstigen Annehmlichkeiten man seit den Zeiten der Römer in den „besseren“ Kreisen der Insel zu schätzen wusste.
Am Schluss wurden einige Verantwortliche der South Sea Company und einige Würdenträger, die es allzu dick getrieben hatten, zur Rechenschaft gezogen, wobei letztere meist ziemlich glimpflich davon kamen, sich aber jedenfalls, wie Blunt, genügend Mittel für ein „anständiges“ Leben sichern konnten, zu dem auch das ein oder andere Herrenhaus gehörte. Der Schatzmeister des Königs und einige Minister wurden entlassen und mussten geringe Haftstrafen antreten. Den Direktoren der South Sea Company nahm man ihre Gewinne weg, soweit man ihrer habhaft werden konnte. Einige Personen übernahmen die Verantwortung für das Desaster, indem sie sich derselben durch Suizid entzogen. Die Schulden der South Sea Company verteilte man auf die breiten Schultern der Bank of England und East India Company, die Aktien der South Sea Company dergestalt übernahmen, dass die Anleger immer noch einen gewissen Gewinn verbuchen konnten. Das britische Schatzamt hat die Anleihen bis heute, dreihundert Jahre nach dem Crash, noch nicht vollständig abgezahlt, ein besonderes Beispiel für die nicht selten verwunderliche Art, in welcher die englische Gesellschaft und ihre Institutionen in der Geschichte verwurzelt sind.
Die South Sea Company blieb, wie gesagt, bis in die Zeiten Königin Victorias am Leben. Sie beschäftigte sich aber weiterhin kaum mit ihrem eigentlichen Geschäftszweck, dem Handel mit der „Südsee“, sondern handelte hauptsächlich mit Staatsschulden. Blunts „Hollow Sword Blade Company“ stellte ihre Tätigkeit klang- und sanglos ein.
Profitiert haben von der Misere am Ende naturgemäß die Schuldgefängnisse, nicht zuletzt die „Fleet Prison“, deren Betreiber das Elend der Betroffenen dazu nutzten, um aus ihnen auch noch die letzten Pennys herauszupressen, was unter anderem zu der erwähnten Untersuchung durch einen Parlamentsausschusses im Jahre 1726 führte, die Hogarth so plastisch abgebildet hat (bei allem wilden Kapitalismus sind dann auch wieder solche Korrekturmechanismen Teil des englischen Wirtschaftssystems und überhaupt des insularen Gesellschaftsmodells.)
Gelitten hat vor allem die Idee der Publikumskapitalgesellschaft, der die Bevölkerung lange nicht mehr trauen sollte. Noch sechzig Jahre später schrieb Adam Smith darüber unter Bezugnahme auf den South Sea Crash: „Man kann von den Direktoren solcher Gesellschaften, da sie die Manager fremden und nicht ihres eigenen Geldes sind, nicht erwarten, dass sie über das Geld mit der gleichen Sorgfalt wachen, wie dies die Partner einer privaten Gesellschaft häufig tun. … Nachlässigkeit und Verschwendung wird daher bei der Führung solcher Gesellschaften mehr oder weniger immer vorherrschen.“ Beim Lesen dieser fast zweihundertfünfzig Jahre alten Feststellung muss es einem heute in den Ohren klingeln.
Eine wahrhaft nachhaltige Folge der Südseeblase war im Übrigen der Aufstieg Walpoles zum ersten echten Prime Minister des Vereinigten Königreiches und die insgesamt fünfzig Jahre andauernde Vorherrschaft der Whigs. Walpole war der erste Regierungschef, der nur mehr dem Parlament verantwortlich war. Die Ära dieses geschickten Vermittlers zwischen den politischen Fronten sollte nicht weniger als zwanzig Jahre andauern, womit er bis heute die längste Amtszeit auf diesem von ihm geschaffenen Posten vorweisen kann. Auf ihn geht auch der Amtsitz des Prime Ministers in No. 10 Downing Street zurück.
Angesichts derart ins Irreale und Ungeheuerliche abgedrifteter Geschehnisse ist es nicht verwunderlich, dass die Süd-See Geschichte auch im Bereich der Künste ihren Niederschlag gefunden hat. So scheint es, dass die absurden Ereignisse das satirische Naturell William Hogarths geweckt haben. Sein erstes eigenständiges Werk ist der „emblematische Kupferstich“ „The South Sea Scheme“ aus dem Jahre 1720, in dessen Mitte über einer exaltierten Menge eine Art Karussell zu sehen ist, auf dem die Anleger, die vom Priester über eine Hexe und einen schottischen Adligen bis zur Hure reichen, auf Zirkuspferden im Kreis durch die Luft gewirbelt werden. Auch hier taucht wieder der riesige Sockel des „Monuments“ auf, nun aber mit der Inschrift: „Dieses Monument wurde zur Erinnerung an die Zerstörung dieser City durch die Süd See im Jahre 1720 errichtet.“ Hogarth hat kurz darauf mit dem Stich „The Lottery“ ein Gegenstück zum „South Sea Scheme“ gefertigt, in dem es ebenfalls darum geht, wie nicht zuletzt die Krone den Traum der Menschen vom möglichst anstrengungslos erlangbaren Vermögen ausbeutete. In Anspielung an Raffaels Fresko „Die Schule von Athen“ in den Stanzen des Vatikanpalastes, wo sich die Weisen der Antike versammelt hatten, im Vordergrund der bedürfnislose Diogenes, posieren hier auf einer Art Bühne allerhand allegorische Figuren, welche die Torheiten und Fährnisse rund um die Jagd nach dem Glück aufspießen, im Vordergrund an der Stelle, an der bei Raphael Diogenes lagert, eine Person, die wie so viele Glücksritter glaubt, dasselbe ausrechnen zu können.
In gewisser Hinsicht ist auch der berühmte Roman „Gullivers Reisen“ des Iren Jonathan Swift, der unmittelbar nach dem Süd-See-Desaster in Fortsetzungen herauskam, von den Ereignissen um den Aktiencrash geprägt. Swift, der mit Blunt befreundet war, dürfte die in der Süd-Seekrise auf eine absurde Höhe getriebene Neigung der Menschen, sich von Dingen, die in weiter Ferne liegen oder von dort kommen, Wunder zu versprechen, nicht zuletzt dazu motiviert haben, einen satirisch übertreibenden fiktiven Bericht von einer Reise in ferne Welten als das Mittel zu wählen, mit dem er den Menschen und ganz gezielt auch der englischen Gesellschaft seiner Zeit einen entlarvenden Spiegel vorhielt.
Der Leser wird sich nach diesem doch ziemlich ausgeuferten Exkurs vermutlich fragen, was all das mit Osterley House und seinen Besitzern zu tun hat. Nun, all diese Verwicklungen sind, wie gesagt, in gewisser Weise eine Folge des Monopols der Bank of England, gegen welches die Besitzer von Osterley House ankämpften. Dass sie dabei nach außen nicht sonderlich in Erscheinung traten, hat möglicherweise, damit zu tun, dass die Charter der drei großen englischen Finanzinstitutionen, East India Company, Bank of England und South Sea Company, den Direktoren der jeweiligen Gesellschaft verbot, in einem der anderen Unternehmen Führungspositionen einzunehmen, weswegen überkreuzende Beteiligungen sich auf den Aktienbesitz beschränkten und formal nicht dokumentiert sind. Angesichts der Verflechtungen innerhalb der City und zwischen City und Westminster gab es aber ohne Zweifel viele Möglichkeiten, auf informelle Weise Einfluss zu nehmen oder, was besonders wichtig war, Informationen darüber zu erhalten, wann der richtige Zeitpunkt für den Ein- oder Ausstieg in oder aus den spekulativen Geschäften war. Es ist immerhin nicht uninteressant, dass Child & Co, die ja an der South Sea Company nicht unwesentlich beteiligt waren, ohne nennenswerten Schaden aus diesen Turbulenzen herauskamen, bemerkenswerterweise anders als ihr Kunde Isaac Newton.
Die Childs konnten sich danach um Osterley House kümmern, was sie auch ausgiebig getan haben. Und da der Strom meiner Erzählung nun seiner Mündung zustrebt und sich bald im großen Meer der Geschichte auflösen wird, will auch ich mich, um der Überschrift, unter die ich all dies gestellt habe, etwas mehr gerecht zu werden, deutlich konzentrierter mit dem „house“ befassen, als dies bisher gelegentlich der Fall war. Dabei wird es wesentlich um einen anderen Aspekt des großen Geldes gehen, nämlich darum, was man damit bei einigermaßen gutem Geschmack jenseits von Spekulationen und Zinsgeschäften insbesondere bei einem Herrenhaus sonst noch machen kann und wie diese beiden Aspekte zusammenhängen.
Nach dem Tod von Francis Child I. ging Osterley House, wie gesagt, der Reihe nach an seine drei überlebenden Söhne. Als erster übernahm es Robert I., der während der Südseeblase am Steuer des Familienschiffes stand und es so bemerkenswert sicher durch die schwere See steuerte. Nach seinem frühen Tod im Jahre 1721 – er wurde nur 47 Jahre alt und blieb unverheiratet – ging das Anwesen an seinen Bruder Francis II., der im Jahre 1740, ebenfalls unverheiratet, verstarb. Danach übernahm es Samuel, welcher es 1753 an seinen noch minderjährigen Sohn Francis III. vererbte. Dieser starb 1763, weswegen Osterley House an seinen Bruder Robert II. ging. Die genannten fünf Nachkommen folgten dem Vater bzw. Großvater nicht nur in der Führung der Bank, die Familiensache war, sondern auch weitgehend in seinen diversen sonstigen Funktionen. Alle hatten einen Sitz im Unterhaus, weswegen die Childs mit wenigen kurzen Unterbrechungen über fast siebzig Jahre im Parlament vertreten waren. Man kann daher sagen, dass die Politik ebenfalls so etwas wie eine Familiensache war – oder dass sie, wie man es nicht weniger berechtigt, vielleicht sogar richtiger nennen kann, eine Geschäftssache war. Robert I. hielt auch Kontakt zur Krone und bekleidete, wie sein Vater, die Ehrenstellung des königlichen Juweliers. Davon abgesehen hatten die Genannten Spitzenfunktionen in Cityinstitutionen inne, u.a. im Court of Aldermen und der Goldsmith Corporation. Francis II. brachte es dabei, wie sein Vater, bis zum Lord Mayor. Auch die Charity-Ämter wurden vererbt. Francis II. und Robert I. waren lange Jahre Präsidenten des Christ’s Hospital, für das letzterer einen Court Room baute. Beide wurden auch geadelt und durften sich mit „Sir“ anreden lassen. Alle Childs steckten tief in den Geschäften der East India Company – als Anteilseigner, Mitglied der Führung oder über Child & Co.. Robert I. und Francis II. waren Direktoren bzw. Chairmen der Gesellschaft, letzterer ganze siebzehn Jahre lang. Zeitweilig besetzten die Verantwortlichen von Child & Co dort gleichzeitig sechs Direktorenposten. Samuel war zwar nicht mehr in der Führung der East India Company vertreten, verfügte aber auch über ein großes Aktienpaket und investierte in Schiffe, die im Auftrag der Handelsgesellschaft unterwegs waren. Auch sein Sohn Francis III. war Haupteigentümer eines solchen Segelschiffes. Es trug den Namen „Osterley“, was seinen Grund möglicherweise darin hat, dass er als erster auf dem Landhaus aufwuchs und daher mit ihm heimatliche Gefühle verband. Unter diesem Namen befuhr das Schiff zwischen 1757 und 1770 die östlichen Meere bis nach China und Sumatra, wobei es ohne Zweifel einen nicht unerheblichen Teil der fünfundzwanzig bis dreißig Millionen Stück Porzellan transportierte, welche England in der Zeit zwischen 1720 und 1770 aus China importierte (und von denen ausgesuchte Stücke in Osterley House landeten; einige wurden speziell für die Childs mit dem Familienwappen hergestellt, das ihnen seit Anfang des 18. Jahrhunderts zugestanden worden war). Zwei weitere Schiffe, die einem Partner von Child & Co gehörten, wurden ebenfalls auf den Namen „Osterley“ (II und III) getauft. Mit diesen wurden unter anderem Truppentransporte in den diversen Kriegen durchgeführt, mit denen die East India Company ihren Status als Territorialmacht in Indien gegen die rivalisierenden Franzosen und die mit ihnen verbündeten indischen Fürsten erkämpfte. Legendär wurde insofern die tollkühne Befreiung von „Osterley III“ aus der Gewalt einer wesentlich stärker bewaffneten französische Fregatte in der Bucht von Bengalen im Jahre 1799, eine „Heldentat“, die dem erst 27-jährigen Kapitän Edward Cooke des englischen Schiffes „La Sybille“ das Leben kostete und der East India Company dasselbe erleichterte. Auf der Ehrentafel, welche der junge Mann dafür von der Company in Westminster Abbey erhielt, ist vermerkt, dass er die Aktion nicht nur „splendid“ durchgeführt, sondern auch dem britischen Handel in Indien einen großen Dienst erwiesen habe – die „High Church“ hatte und hat, wie zahlreiche weitere Epitaphe in der Abbey zeigen, mit einer derartigen Belobigung militärisch-merkantiler Aktivitäten in ihren heiligen Hallen nicht nur kein Problem, sondern hielt und hält sie offensichtlich für einen Teil ihres Aufgabenbereiches. Mit dieser Episode endet übrigens das maritime Engagement von Child & Co. Die Familie, die ein Jahrhundert lang mit der East India Company und fernen Ländern verbunden war, wandte sich nun ganz der insularen Gesellschaft und ihrem bunten Getriebe zu. Sie konnte sich dabei auf ein Vermögen stützen, das angesichts der geschilderten Häufung von Aktivitäten und Funktionen immer weiter gewachsen war.
Was Osterley House betrifft, so machte Robert I. das riesige Gemäuer, an dem Barbon lange rumgewerkelt und vieles unfertig gelassen hatte, zunächst einmal bewohnbar. Im Jahre 1720 zog er in das Haus ein, hatte aber nicht viel davon, da er bald darauf verstarb. Seine Brüder setzten die Arbeiten fort und fingen an, das Haus umzumodeln. Nach allerhand Stückwerk setzte Francis III. schließlich dazu an, es im neoklassischen Stil völlig neu zu gestalten und daraus ein nach damaligen Vorstellungen modernes Landhaus zu machen. Ende der 1750-er Jahre beauftragte er, kaum dass er volljährig war, zunächst William Chambers, einen führenden Neoklassizisten, und ab 1761 dann den aufsteigenden ebenfalls neoklassizistischen Architekturstar Robert Adam samt dessen Brüdern John und James mit der weiteren Um- und Ausgestaltung des Hauses. Nach seinem frühen Tod im Jahre 1763 setzte Francis’ III. Bruder Robert II. die Zusammenarbeit mit Adam fort, der in verschiedenen Etappen fast zwei Jahrzehnte in Osterley House tätig war. In der Form, die er geschaffen hat, ist das Haus mehr oder weniger unverändert auf uns gekommen.
Ich habe im Laufe meiner Schilderung entsprechend meiner Ankündigung zu Anfang dieser Ausführungen immer wieder einmal das facettenreiche Wechselspiel von Kunst, Geld und Macht angesprochen, das in der Barockzeit einen neuen, vielleicht nach der Römerzeit, die das Muster lieferte, überhaupt seinen Höhepunkt erlebte. Während des puritanischen Interregnums des knochentrockenen Militärmannes Oliver Cromwell hatten die Künste in England einen schweren Stand, um unter dem „Merry Monarch“ Karl II. umso stärker wieder aufzublühen und nicht zuletzt der Stilisierung und Stabilisierung der Macht zu dienen. In der Familie Child hatte schon der ehemalige Goldschmiedlehrling Francis I., der in dieser Zeit sozialisiert wurde, einen ausgeprägten Sinn für die komplexe Mechanik des genannten Dreiecks gezeigt, etwa als er seine Wahl zum Lord Mayor in prächtigen Kupferstichen darstellen ließ oder als er von seiner Reise durch die Niederlande im Jahre 1697 anlässlich der Friedensverhandlungen von Rijswijk einundsechzig Gemälde von Malern mitbrachte, welche wir heute „Alte Meister“ nennen, und sich allerhand Notizen über die wirtschaftlichen und infrastrukturellen Grundlagen des außerordentlichen holländischen Wohlstandes und über die Gestaltung von Herrenhäusern machte. Sein geschäftlich so geschickter Sohn Robert I. war ein Connaisseur und verkehrte in Künstlerkreisen. Er war Mitglied des elitären Vandyke’s Club, einem Vorläufer der Royal Academy of Arts, zu dessen zwanzig Mitgliedern auch Christopher Wren gehörte. Als einzige Person der Familie Child nach Francis I. ging er auf Bildungsreise – im Jahre 1707 hinterließ er eine Spur in Padua und auf einem Gemälde von 1712, welches von dem gefragten schwedisch-stämmigen Hof- und Portraitmaler Michael Dahl stammt, der ebenfalls zum Vandyke’s Club gehörte, ist er vor dem Hintergrund des Kolosseums in Rom abgebildet. Durch die enge Beziehung zur East India Company weitete sich das künstlerische Interesse der Familie in Richtung auf die Kunst Asiens, insbesondere Chinas, von wo man sich über „seine“ Kapitäne ausgesuchte Artefakte mitbringen ließ, darunter neben dem Porzellan auch mit Silber und Gold eingelegte chinesische Lackmöbel, die ebenfalls mit dem Wappen der Familie Child versehen waren. Damit lag man im Trend der Zeit, in der die chinesische Kunst mit ihren raffinierten Asymmetrien nicht zuletzt in England eine zauberhafte Verbindung mit dem europäischen Idiom einging und als Chinoiserie ein Element des Rokokostiles wurde, welcher den schweren und symmetrielastigen Barockstil ablöste. Hogarth, der als der englische Vertreter des Rokokostils in der Malerei gilt, hat mit seiner 1753 erschienenen Schrift „The Analysis of Beauty“ dem schönen Schnörkel ein Loblied gesungen und die bewegte Linie, die gerade für die chinesische Kunst so kennzeichnend ist, als die Seele der Schönheit beschrieben. Zu deren Elementen zählte er vor allem „Variety“, das beziehungsreiche Spiel mit der Form, als Gegenteil von „Sameness“, der „Gleichheit“; letztere, so stellte Hogarth fest, verletze das Auge ebenso wie ein ständig wiederholter Ton das Ohr – ein Gedanke, an den man die Architekten der Moderne erinnern müsste, die nicht zuletzt die Londoner City mit endlos repetierenden Rasterfassaden überzogen haben.
Mit den Schotten William Chambers und Robert Adam haben die Söhne Samuel Childs Architekten für den Umbau von Osterley House gewonnen, die seinerzeit in England besonders gefragt waren. Diese Wahl hatte sicher auch damit zu tun, dass sich die Familie bei allem bürgerlichem Stolz nunmehr zusehends an der adeligen Oberklasse der englischen Gesellschaft orientierte, für die Chambers und Adam nicht zuletzt mit dem Bau und der Ausstattung von Herrenhäusern tätig waren. Beide waren auch „Baumeister des Königs“ – Chambers erstellte für die Krone später am „Strand“ im Zentrum Londons unter anderem das riesige palastartige Verwaltungsgebäude (!) Somerset House und entwarf die goldglänzende, exotisch verschnörkelte Kutsche, die vom Königshaus bis heute bei besonderen Anlässen benutzt wird. Während die Mitglieder der Child-Familie bis dato noch eine „handwerkliche“ Ausbildung als Goldschmiede erhalten oder ihre Erfahrungen als Banker in der Praxis gesammelt hatten, wurden Francis III. und Robert II. im Stile der „Nobility“ erzogen. Sie besuchten die elitäre Westminster School und studierten am renommierten Magdalen College in Oxford. Dem entsprechend ließen sich die beiden auch von den Malern der Nobility Allan Ramsay und Josua Reynolds portraitieren, welche die Selfies der Barockzeit lieferten. Eine der ersten Erwerbungen, welche der reiche Erbe Francis III. tätigte, als er volljährig wurde, war der Kauf des großen Herrenhauses Upton in Warwickshire samt reichlichem Grund, wo er standesgemäß dem gehobenen Vergnügen der Jagd nachging.
Mit Chambers und Adam erreicht die Spirale meiner Erzählung eine neue Ebene und steuert auf ihr Ziel zu. Beide stammen aus der Gruppe der Neoklassizisten um Piranesi, der, wie anfangs gesagt, mein Interesse an Osterley House begründete. Ich habe diesen exzentrischen Romenthusiasten seit dem Beginn dieser „Zeilen“ nicht wieder erwähnt. Manchen mag allerdings der labyrinthische Verlauf meiner Erzählung an die berühmten Carceri-Phantasien dieses Kupferstechers erinnert haben, in denen man scheinbar endlos durch wirre, von allerhand Requisiten und Monstrositäten angefüllte Architekturen geführt wird und wo sich jedes Mal, wenn man ein Ende erreicht zu haben scheint, weitere Räume auftun, in denen man in neue Weiten, Höhen und Abgründe blickt. Jetzt komme ich direkt auf diesen Meister zurück. Damit verlagert sich der Schwerpunkt der Erzählung eine zeitlang nach Rom und auf die Antike sowie auf das Thema Architektur und Ornament, das seinerzeit noch eine überragende Bedeutung hatte, heutzutage aber nach unseliger mitteleuropäischer Vorarbeit insbesondere durch das Bauhaus und seine Trivialableger selbst im traditionsbewussten England ein bedauerliches Schattendasein führt, ein Mangel der angesichts der Banalität des Bauens heutiger Zeit paradoxerweise dazu geführt hat, dass man sogar bereit ist, die endlosen industriemäßigen Repetitionen des Bauornamentes, das man in viktorianischer Zeit an den Reihenhäusern à la Barbon anbrachte, zu verzeihen und für derartige Häuser horrende Preise zu bezahlen.
Chambers und Adam hielten sich Mitte der 50-er Jahre des 18. Jahrhunderts mehrere Jahre in Rom auf, um die antike Architektur und Ornamentik zu studieren. Sie gerieten dort in den genannten neoklassizistischen Kreis von Künstlern und Architekten, welche von den gigantischen Hinterlassenschaften der alten Römer fasziniert waren. Ihr zeichentechnischer Lehrer war der Architekt und Maler Giovanni Pannini, dessen großformatige, oft galerieartigen Rombilder sich heute in jeder besseren Gemäldesammlung, nicht zuletzt in Herrenhäusern wie Colen Campbells „White Marble House“ unweit von Osterley House finden. Durch ihn angeleitet vermaßen und zeichneten die cisalpinen Romenthusiasten die verfallenden Mauern, Bögen und Säulen der antiken Gebäude und ließen sich davon zu allerhand romantischen Ruinenphantasien inspirieren. Das Kraftzentrum dieses Kreises war Piranesi, der, wie hundert Jahre zuvor Claude Lorrain und Nicolas Poussin, in jungen Jahren in die Ewige Stadt gekommen war und von ihr nicht wieder losgelassen wurde. Der Venezianer, der sich, wiewohl er so gut wie nichts baute, immer „architetto“ nannte, nahm die römischen Reste einerseits wie ein solcher penibel auf, vergrößerte sie aber im Überschwang der Begeisterung für die „magnificenzia de romani“ in seinen beliebten Veduten auch höchst eindrucksvoll durch dramatische Schattenwürfe und perspektivische Kniffe, wie sie auch die Bühnen- und Deckenmaler der Barockzeit praktizierten, bis ins Übermenschliche und Irreale. Er bediente und steigerte damit nicht zuletzt die Faszination der noblen Reisenden aus dem Norden, die auf der „Grand Tour“ in das „Caput Mundi“ pilgerten und dort ihre Größenphantasien nährten. Als Souvenir brachten nicht zuletzt die Engländer Stiche Piranesis, die er ihnen zum Teil persönlich widmete, zurück in die Heimat und ließen sich davon beim Bau oder der Ausstattung ihrer Herrenhäuser anregen. Piranesi war im Übrigen auch ein großer Ausgräber, der insbesondere aus dem Schutt der Villa des Kaisers Hadrian in Tivoli, dem größten (Land-)hauskomplex, den je ein Mensch für sich gebaut hat, prachtvolle Artefakte zog, von denen einige in englischen Herrenhäusern landeten.
Adam schrieb über Piranesi nach Hause, er sei einer der außergewöhnlichsten Menschen, die er je gesehen habe. Dieser wiederum schätzte Adam und widmete ihm sein (retro)visionäres Sammelwerk über das Marsfeld samt der berühmten „Ichnographia“, dem monumentalen ausfaltbaren Romplan, der mit sechs Platten gedruckt wurde und mehr als einen Quadratmeter groß ist. Darauf bildete er sich zusammen mit Adam brüderlich als Duumvirn in einem Medaillon ab. Außerdem richtete er den Widmungstext an Adam, in dem er seine Rekonstruktionen des Marsfeldes, die mitunter ins Phantastische gehen, damit begründet, dass die alten Baumeister sich durchaus nicht immer an die engen Regeln der Bautheoretiker gehalten haben, sondern sich sehr wohl einige Freiheiten genommen hätten, ganz abgesehen davon, dass es Teil der menschlichen Natur sei, sich solche Freiheiten im künstlerischen Ausdruck herauszunehmen. Diese Vorstellung wusste Adam ohne Zweifel zu schätzen und machte sie, wenn auch in weniger exzentrischer Weise, zum Merkmal seines persönlichen Stiles. Damit ist Adam so etwas wie der britische Arm des phantasiereichen Italieners geworden.
Man hat über die Umstände, unter denen die Widmung zustande kam, spekuliert und gemeint, dass hierfür nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe maßgeblich waren. Nicht anders als bei seiner sonstigen reichen englischen Klientel, welcher er Stiche widmete, habe Piranesi Adam mit der Widmung dazu zwingen wollen, eine große Charge der kostenintensiven Drucke abzunehmen. Solche Manöver hat man Piranesi, der natürlich auch ein – wie es scheint gewiefter – Geschäftsmann war, gerne nachgesagt und sie mögen für die Widmung auch eine gewisse Rolle gespielt haben. Adam soll dies aber erkannt und, nicht weniger geschäftstüchtig, das Druckwerk schnellstens nach England expediert haben, um es auf dem rom-afinen dortigen Markt zu werfen, bevor die offizielle Lieferung Piranesis dort ankam. Auf derartig wirtschaftliche Aspekte dieser Künstlerfreundschaft werde ich später noch einmal zurückkommen.
Zum Kreis der römischen Neoklassizisten gehörten auch die großen französischen Ruinenmaler Charles Louis Clérisseau und Hubert Robert, die so etwas wie die malerischen Komplementärfiguren des Kupferstechers Piranesis sind. Insbesondere Clérisseau, welcher in Rom der Cicerone für die Reisenden der Grand Tour und Mentor vieler französischer und englischer Künstler und Architekten war, kümmerte sich um Adam und Chambers. Er unterrichtete sie im Zeichnen und ging mit ihnen und Piranesi auf Erkundungstour in den Ruinen, wobei man um die Krone des besten Zeichners konkurrierte. Mit Adam reiste Clérisseau auch für einige Wochen nach Dalmatien, um die Reste des kolossalen Palastes des Kaisers Diokletian in Spalato, dem vermutlich größten Herrenhaus der Antike nach der Villa Hadrians, aufzunehmen, in die sich malerisch die Stadt Split eingenistet hatte. Ein großer Teil der Stiche bzw. der Vorzeichnungen des Tafelwerks, welches Adam darüber später veröffentlichte, dürfte von dem Franzosen stammen. Clérisseau war ein außerordentlich fruchtbarer Zeichner, der seine Rom-Ansichten wie Piranesi an die Touristen und Sammler aus dem Norden verkaufte – vor allem Katherina die Große, die Herrscherin des dritten Roms, schätzte ihn und erwarb 2000 seiner Zeichnungen für die Eremitage, in der sich im Übrigen nicht zufällig auch eine bedeutende Anzahl von Werken Hubert Roberts befindet. Clérisseau, dessen Schwiegersohn Legrand übrigens einer der beiden Biographen ist, von dem wir einigermaßen Zeitnahes über Piranesi wissen, hinterließ Spuren in Osterley House, auf die ich noch zu sprechen komme.
Was nun Chambers, der in Schweden geboren wurde, betrifft, so ging sein Interesse über Rom und seine Antiquitäten weit hinaus. Er hatte in seinen frühen Jahren im Auftrag der schwedischen Ost-Indien-Gesellschaft mehrere Seereisen nach Asien, insbesondere nach China unternommen, wo er sich mit der Architektur und Ornamentik des Reichs der Mitte und vor allem mit dessen Gartenkunst beschäftigte. Darüber hatte er in der Absicht, sich ein spezielles professionelles Profil zu schaffen, im Jahre 1757 ein fein illustriertes Werk veröffentlicht, womit er der Chinoiserie-Dekoration, die im Zuge der staatsphilosophischen, (und subversiv religionskritischen) Chinabegeisterung der Aufklärer aufgekommenen war, einen kräftigen Schub verlieh und wesentlich zur Ablösung der symmetrischen, „französischen“, Gartenkunst durch den asymmetrischen englischen Landschaftsgarten beitrug. Allenthalben wollte man nun Parks und Interieurs mit ostasiatischen Elementen ausgestattet haben – das bekannteste Beispiel ist wohl die zehnstöckige Pagode, welche Chambers für die deutschstämmige Mutter des späteren Königs Georgs III. in Kew Gardens nahe London errichtete und die das Vorbild für die Pagode im Englischen Garten von München war.
Nicht zuletzt der Exotismus Chambers dürfte der Grund dafür gewesen sein, dass ihn der junge Francis III., der mit Ostartefakten aufgewachsen war, damit beauftragte, den Park von Osterley im Sinne eines bewegten Landschaftsgartens umzugestalten, wozu die von seinem Onkel Francis II. kurz zuvor angelegten langen geraden Alleen im französischen Stil, die konzentrisch auf das Haus und seinen formalen Garten zuliefen, weichen mussten. Chambers schuf die noch heute bestehenden schlangenförmigen Seen, die mit ihren schwungvollen Uferlinien dem Schönheitsideal Hogarths und dem chinesischen Idiom entsprachen. Außerdem erstellte er einen inzwischen verschwundenen chinesischen Teepavillon – ziemlich zeitgleich übrigens mit dem goldschimmernden Gegenstück im Potsdamer Park von Sanssouci, dessen Erbauer, Friedrich der Große, sich wie Horace Walpole und Oliver Goldsmith dazu auch unter die Schriftsteller einreihte, welche aus scheinbar chinesischer Perspektive oder mit dem auf Verweis auf China Kritik an Erscheinungen der europäischen Gesellschaft übten. Friedrich nahm mit seinem „Bericht des Phihihu“, den satirischen Briefen eines fiktiven Abgesandten des Kaisers von China in Europa, die dogmatischen Streitereien der Christen und insbesondere die katholische Kiche sowie das Papsttum ziemlich agressiv aufs Korn.
Dem Zeitgeist entsprechend musste allerdings auch die römische Antike in einem solchen Park vertreten sein und zwar in der Form, welche in England mit „picturesque“ bezeichnet wird, ein Stilbegriff, den der Landpfarrer William Gilpin Mitte des 18. Jahrhunderts in den kulturellen Diskurs Englands einführte und der die englische Ästhetik von der Gartengestaltung über die ländliche Architektur und die Landschaftsmalerei bis hin zur Graphik und nicht zuletzt zur Buchillustration eineinhalb Jahrhunderte lang wesentlich bestimmte. Danach war „picturesque“, das heißt malerisch schön, eine bildhafte Gestaltung, die nicht vom ordnenden Geist, sondern von der Ungeordnetheit der Natur ausgeht und ihre Wildheit zähmt, eine Vorstellung, die dem ostasiatisch orientierten Exotismus durchaus verwandt und vermutlich auch von ihm gespeist ist. Als vorbildlich galten insofern die „arkadischen“ Landschaften in den Gemälden von Claude Lorrain, die mit antiken Gebäuden ausstaffiert und in einigen Herrenhausanlagen in die Realität umgesetzt worden waren. In besonderem Maße war dies etwa in dem riesigen Anwesen Stowe in Buckinghamshire der Fall, das sich die einflussreiche Familie Temple, aus der mehrere Premierminister hervorgingen, gebaut hatte (die Fassade dieses „houses“, an dem auch Robert Adam tätig war, dürfte übrigens mit einer Länge von nicht weniger als 240 Metern einen Spitzenplatz in der Herrenhausarchitektur Englands einnehmen – der Buckingham Palast in London bringt es nicht einmal auf die Hälfte dieser Länge).
Dieser Nachfrage entsprechend schuf Chambers auch in Osterley House einen „arkadischen“ Lustgarten mit gewundenen Kieswegen und einem kleinen dorischen Tempel, der Pan, dem Herrscher Arkadiens, jenem idealisierten pastoralen Paradies der Antikenschwärmer und Poeten gewidmet war, das in vielen herrenhäuserlichen Bildern der Zeit beschworen wurde. In einem Medaillon, das im Inneren des Tempelchens angebracht wurde, wird Colen Campbells gedacht, der Wanstead House erbaute (wo der Earl of Mornington ja auch einen französischen durch einen englischen Landschaftsgarten ersetzte – mit den geschilderten finanziellen Problemen, von denen am Ende, worauf ich noch zurückkommen werde, übrigens auch Stowe nicht verschont blieb). Ein weiteres Medaillon erinnert an Isaac Newton, den unglücklichen Kunden von Child & Co, welchen die Bankerfamilie vermutlich weniger wegen seiner astronomischen und physikalischen, sondern wegen seiner monetären Leistungen verehrte.
Nach der Umgestaltung des Parks beauftragte Francis III. Chambers auch mit dem Umbau des Hauses, an dem der Architekt baulich einiges veränderte und in dem er offenbar einige Zimmer ausstattete. Dabei sparte er nicht an chinesischen Details wie Dekor, Bildern und Porzellan – eine zeitgenössische Besucherin wird mit dem Ausspruch zitiert, sie könnte fast meinen, dass sie in Peking sei. Besonders am Herzen lag dem jungen Francis ein repräsentativer Bibliotheksraum, den der Architekt als erstes fertig zu stellen hatte. Darin wurden die 2343 kostbaren Bücher untergebracht, die Francis im Jahre 1756, ebenfalls kaum dass er selbst über sein Erbe verfügen konnte, en bloc erworben hatte. Dazu gehörten so erlesene Inkunabeln wie die 48-zeilige Bibel des Gutenberg-Mitarbeiters Johannes Fust aus dem Jahre 1462 und des ersten Druckes von Ciceros „De Officiis“ von 1466 aus der gleichen Offizin. Francis hatte diese Sammlung wohl nicht zuletzt deswegen gekauft, weil er sich von dem Erwerb einen erheblichen Distinktionsgewinn versprach. Die Bibliothek stammte aus dem Besitz der großen, vor allen in Amerika einflussreichen Adelsfamilie Fairfax, die über den 2. Herzog von Buckingham mit der nicht minder wichtigen Familie Villiers verbunden war, zu der sich die Child’s geradezu magisch hingezogen fühlten (dies werde ich später noch näher ausführen). Die Bibliothek, die im Laufe der Zeit unter der Beratung von bedeutenden Gelehrten weiter angereichert wurde, gehörte zum werthaltigsten Inventar von Osterley House. Hundertdreißig Jahre später sollte sich herausstellen, dass diese Investition wahrhaft lohnend war.
Ein weiteres „adeliges“ Anliegen von Francis III. war der Bau einer großen Galerie in Osterley House, wo die Bildersammlung seines Großvaters, die bislang im Stadthaus der Childs in Lincoln’s Field Inn untergebracht war, angemessen präsentiert werden konnte. Chambers erstellte sie entlang der gesamten Gartenfront von Osterley House mit einer Länge von vierzig Metern. In die Seitenwände fügte er venezianische Fenster ein.
Im Jahre 1761 beauftragte Francis III. dann Robert Adam, der vom Studienkollegen inzwischen zum Konkurrenten Chambers geworden war, mit dem weiteren Umbau des Hauses. Adam hatte sich mit einem eigenen neoklassizistischen Stilkonzept einen Namen gemacht, einer geschickten Mischung von lichter Eleganz, Opulenz und Zurückhaltung, mit der er einer ganzen Epoche den Stempel aufdrückte und die weit über England hinaus wirksam werden sollte. Über den sprichwörtlich gewordenen „Adamstil“, welcher den eher schweren Palladianismus und das Rokoko ablöste, schrieb Nikolaus Pevsner, den ich im Zusammenhang mit dem Gebäude der Bank of England bereits erwähnt habe: „Adams Arbeiten haben die Haltung ungezwungenen Anstandes, unpedantischer Gelehrsamkeit und unauffälligen Wohlstandes, eben der kultivierten Welt seiner Auftraggeber“. Typisch für Adam ist die flexible Übernahme von Elementen verschiedener Stile und Epochen, insbesondere beziehungsreiche, oft speziell auf seine Auftraggeber gemünzten Anspielungen auf antike oder italienische Renaissancemotive, deren Kenntnis er bei seinen Kunden voraussetzen konnte. Viele von ihnen waren tatsächlich oder virtuell, das heißt an Hand der entsprechenden Literatur, nicht zuletzt der beliebten Kupferstichwerke, auf der Grand Tour gewesen.
Eines der Herrenhäuser, welche Adam ausstattete, ist Bowood House in Wiltshire, ein mit allen Ingredienzien eines stately home versehenes Anwesen, samt einem acht Quadrat Kilometer großen Park, welchen Lancelot Brown angelegt hat, der gefragteste Gartenarchitekt seiner Zeit, der wegen seiner großen Fähigkeit, die Möglichkeiten zur Umgestaltung barocker Parks in Landschaftsgärten auszuloten, den einmaligen Beinamen „Capability“ bekommen hat (er war an rund 170 Gartenanlagen tätig, darunter Blenheim, Stowe und Syon). Adams und Browns Auftraggeber war der Politiker William Petty, 1. Earl of Landsdow, ein Whig Premierminister, der historische Bedeutung als Verhandler des Friedens zwischen England und den Vereinigten Staaten nach dem Unabhängigkeitskrieg erlangte. Ich erwähne dieses Haus, weil ein großer Raum desselben ein außergewöhnliches „wirtschafts-ästhetisches“ Schicksal haben sollte. Als man Bowood House nach dem zweiten Weltkrieg wegen seines schlechten Zustandes teilweise abriss, wurde der riesige drawing room, den Adam entworfen hatte, in toto versteigert. Käufer war die Versicherungsbörse Lloyds, die den kompletten Raum in ihr 1958 erstelltes Hauptquartier einbaute, wo er als „Comittee Room“ der altehrwürdigen Institution diente. Dreißig Jahre später ließ sich der wachsende Weltkonzern von Richard Rogers in der City eine avantgardistische neue Zentrale erstellen, bei welcher die baulichen Innereien, wie beim Centre Pompidou in Paris, wo Rogers neben Renzo Piano Coarchitekt war, ebenfalls spektakulär nach Außen gestülpt wurden. Dabei wurde der Adam Saal ganz im Sinne des stilistisch flexiblen Meisters und in schöner englischer Mischung von Tradition und Moderne ein weiteres Mal transloziert und ist nun wie ein bunter Schmetterling in einen Kokon aus edelstahlglitzernden Treppen, Aufzügen, Leitungen und Rohren eingesponnen. Richard Rogers Bau ist mittlerweile eine Ikone der modernen Architektur und wurde als eines von nur drei Gebäuden der Nachkriegszeit in England und noch vor Ablauf der regulären Frist von dreißig Jahren wie ein Herrenhaus in der erste Kategorie des Denkmalregisters aufgenommen. So viel zu den Nachwirkungen Adams bis in die heutige Zeit.
Seinerzeit führte Adam in Osterley House erst einmal eine gründliche Revision des Anwesens durch und schlug danach eine vollständige Neugestaltung in einem Zug vor, die Francis vermutlich wegen nicht absehbarer Kosten in dieser Form ablehnte. Bei allen adeligen Neigungen zog es der vorsichtige Kaufmann, wie später auch sein Bruder, der Adam weiter beschäftigte, vor, die Sache Schritt für Schritt anzugehen, eine Vorgehensweise, die verhinderte, dass Osterley House, anders als Wanstead und manch’ anderes „stately home“, zum finanziellen Abenteuer wurde. Adam war nämlich ein außerordentlich teurer Architekt, der darauf bestand, dass seine Entwürfe, die er einschließlich der gesamten Ausstattung des Hauses bis ins kleinste Detail ausformulierte, hochwertig ausgeführt und dass dabei die besten Materialien verwendet wurden, was die Planung der Kosten erheblich erschwerte. Von Königin Charlotte, der Ehefrau Georgs III., ist denn auch die Feststellung überliefert, dass sich das Königshaus einen Adam nicht leisten könne.
Francis III. hat von dem Umbau, den er einleitete, nicht mehr viel mitbekommen. Er starb, wie sein Großvater und sein Onkel Robert, bevor er das neue bzw. erneuerte Landhaus recht genießen konnte. Der Tod ereilte ihn im Jahre 1763 völlig überraschend im Alter von achtundzwanzig Jahren, wenige Tage vor seiner Hochzeit, für deren Feier im großem Stil alles gerichtet war. Er hinterließ, wie sein Nachbar der berühmte Horace Walpole – der Sohn von Robert Walpole, auf den ich noch zurückkommen werde – vermerkte, eine schöne unglückliche Braut, die sich mit einem beachtlichen, offenbar schon im Vorfeld der Eheschließung vertraglich abgesicherten Erbe habe trösten können, das ihr beste Chancen eröffnet habe, einen adäquaten Ersatz für den abhanden gekommenen Partner zu bekommen.
Wiewohl die ganz große Neugestaltung von Osterley House, die Adam vorgeschlagen hatte, nicht stattfand, hat er doch der Anlage außen insgesamt ein neues Gesicht gegeben. Von ihm stammt insbesondere die U-Form des Hauses mit dem ungewöhnlichen Zugang eines offenen (Doppel)Portikus, durch den man über eine große Freitreppe nicht, wie bei palladianischen Gebäuden die Regel, direkt in das Haus, sondern zunächst auf einen geschlossenen Platz nach Art eines Ehrenhof gelangt, der bereits auf der Höhe des Hauptgeschosses, des piano nobile liegt. Dieses betritt man dann durch ein eher schlichtes Portal. Modell für den eleganten, strahlend weißen Portikus, der effektvoll mit der ziegelroten Fassade kontrastiert, stand der Sonnentempel von Palmyra, der sagenhaften Oasenstadt in der syrischen Wüste, deren Reichtum, wie der des damaligen England einst aus dem Handel mit den begehrten Kostbarkeiten des Ostens resultierte, die hier über die Seiden- und Weihrauchstrasse anlangten und umgeschlagen wurden. Palmyras prachtvolle, inzwischen von islamistischen Fanatikern weiter zerstörte Ruinen, die meist aus hadrianischer, der architektonisch opulentesten Zeit der Antike stammen, hatte der englische Archäologe Robert Wood erst wenige Jahre zuvor „entdeckt“ und im Jahre 1753 in einem Kupfertafelwerk, das für den Neoklassizismus und gerade für Adam höchst bedeutsam wurde, einer begeisterten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Ansonsten ist das Äußere des „house“, das als hervorstechende Gestaltungsmerkmale nur noch vier haubengekrönte Ecktürme aufweist, von einfachem Design und ornamentaler Zurückhaltung geprägt, was seiner noblen Großartigkeit nicht nur keinen Abbruch tut, sondern diese sogar betont. Adam und die Childs legten, anders als etwa der Herzog von Malborough in Blenheim Palace, wenig Wert auf äußeren Prunk. Pracht und Überschwang sollten nur im Inneren herrschen – allerdings auch hier gezähmt durch klassizistisches Ebenmaß. Wie extrem Innen und Außen bei Adam differieren können, zeigt sich besonders deutlich bei den Nachbarn von Syon House. Dort findet sich eine besonders prächtige Perle seiner Ausstattungskunst in einer trutzig-burgartigen Muschel.
Innen konnte sich Adam auf der Basis von Chambers Vorgaben ziemlich frei betätigten. Robert Child wollte es fürstlich. Dem entsprechend ließ der „Bürger als Edelmann“, dem europäischen Kanon für barocke Adelsresidenzen folgend, eine Reihe von miteinander verbundenen „state rooms“ anlegen, welche durch die von Chambers erstellte große Galerie, die den Boden der U-Form ausmacht, miteinander verbunden sind.
Wenn man den Portikus, der im Giebel mit Akanthusranken und Greifen und feinen hadrianischen Deckenstuckaturen geschmückt ist, und den Innenhof durchschritten hat, gelangt man in die Eingangshalle. Hier geht es zunächst einmal gänzlich römisch zu, unter anderem mit Ornamenten, Trophäen, Repliken von alten Vasen und Statuen sowie antikisierenden Grisaille-Malereien, die Giovanni Battista Cipriani im Stile der römischen Trajanssäule ausführte (Cipriani war von Chambers aus Rom mit nach London gebracht worden, wo dieser als hochgeschätzter künstlerischer Allrounder bis zu seinem Lebensende verblieb – unter anderem malte er die Szenen auf Chambers Königskarosse und auf der Kutsche des City-Oberhauptes, mit welcher dieser seinen Auftritt bei den jährlichen Lord Mayor Shows kaum weniger prächtig als die Royals bei ihren Festlichkeiten zelebriert). Alles ist auch sonst voller Anspielungen auf römische Architektur. Bei den Pilastern der Wandgliederung etwa zitiert Adam Motive des Diokletianspalastes in Spoleto, den er ja bestens kannte, bei den Kassetten der halbrunden Nischen an den Seiten des Raumes die Maxentius-Basilika in Rom. Dass Osterley als Pantheon der Künste und Wissenschaften konzipiert ist, zeigt sich darin, dass sich über dem Eingang in die eigentlichen „Wohnräume“ wieder ein Bildnis von Isaac Newton findet (wenn es den Hausbesitzern, wie bei einer Bankerfamilie nicht fern liegend, dabei nicht wieder um dessen Verdienste im Geldwesen ging).
Vom Vestibül gelangt man in die große Galerie, in welcher die Gemäldesammlung von Francis Child I. ab dem Jahre 1767 für fast zweihundert Jahre ihren adäquaten Platz finden sollte. Eine besondere Position erhielt hier Rubens großes Reiterbild des 1. Herzogs von Buckingham aus dem Hause Villiers, das als eines der besten Staatsbilder seiner Zeit galt. Es hing gesondert an einer der Schmalseiten der Galerie, wofür das venezianische Fenster weichen musste, welches Chambers hier erst ein paar Jahre zuvor eingebaut hatte. Das gleiche gilt für die gegenüberliegende Seite, für welche Robert Child als Gegenstück eigens eine Kopie eines Reiterbildes von Van Dyck fertigen ließ, das den absolutistisch regierenden Karl I. darstellte, unter dem Buckingham die bestimmende Figur in der englischen Politik war. Auf einem weiteren, originalen, Van Dyck war Thomas Wentworth zu sehen, der nach Buckinghams frühem Tod der einflussreichste Günstling Karls I. war, womit ein ziemlich unglückliches, politisch verbandeltes Trio aus der Zeit des Bürgerkrieges beieinander war – alle drei starben eines unnatürlichen Todes: der Herzog wurde ermordet – Näheres dazu werde ich später schildern -, die beiden anderen wurden im Kampf zwischen Parlament und Krone wegen Hochverrats hingerichtet, ein Schicksal, das einen, wie gesehen, seinerzeit ziemlich leicht ereilen konnte und von dem auch Buckingham bedroht war – letzteren konnte Karl noch vor dieser seinerzeit gängigen Form der Beendigung einer Politkarriere retten, indem er kurzerhand das Parlament auflöste, vor dem der Herzog angeklagt war. Gleiches gelang ihm allerdings nicht bei Wentworth und schließlich auch nicht zur Rettung der eigenen Haut – Karl soll, was ihn ehren würde, vor seiner eigenen Hinrichtung gesagt haben, er könne sich nicht verzeihen, dass es ihm nicht gelungen sei, Wentworth dieses Schicksal zu ersparen.
An weiteren großen Namen fehlte es in der Galerie nicht. Mit Jakob Jordaens war auch der dritte flämische Großmeister der Barockzeit neben Rubens und Van Dyck vertreten. Darüber hinaus hatte man ein Werk des großen Italieners Gaspard Dughet vorzuweisen, der den Typus der heroischen Landschaft auf einen kolossalen Höhepunkt führte, ein Schüler und Schwager von Nicolas Poussin, mit dessen (Nach)Namen man ihn auch häufig benennt. An den beiden prächtigen Kaminen konnte man sich beim flackernden Schein des Feuers in die arkadischen Landschaften Claude Lorrains versenken. Weniger gemäßigt ging es vermutlich auf einem Gemälde von Salvator Rosa, dem „Maler des bösen Pinsels“, zu. Der Neapolitaner, den man zu seinen Lebzeiten mit allerhand Räubereien und Exzessen in Verbindung brachte, war der zeitgenössische Gegenpol von Lorrain und schuf seinem Image entsprechend mit Vorliebe zerzauste Landschaften mit wild gestikulierendem Volk, wie man es auch in den Stichen Piranesis, der gelegentlich zu Satire neigte, zu sehen bekommt.
Der nächst-größte Raum nach der Galerie war die Bibliothek. Hier zeigt sich besonders schön, wie die Childs inzwischen mit der Kunst- und Geistesaristokratie der Zeit verbandelt waren. Der Raum wurde von Adam in den Südflügel verlegt, da Chambers Bibliothekszimmer, das in der Mitte der Ostseite lag, dem neuen Portikus weichen musste. Adam entwarf hierfür tempelartige Bücherschränke in noblem Weiß mit fein ornamentierten Pilastern und Giebeln, in denen die kostbaren Bücher Francis III. ihre Bleibe fanden. Darüber befinden sich eine Reihe von Bildern von Antonio Zucchi mit Szenen aus dem Leben und aus Legenden über antike Dichter und Gelehrte (Zucchi war in ähnlicher Weise für Adam das italienische Dekorations-Factotum, wie dies Cipriani für Chambers war. Der Venezianer, der im angesagten Stil der französischen Neoklassizisten malte, war im Übrigen der Neffe von Piranesis Lehrer Carlo Zucchi und später Ehemann der klassizistischen Schweizer Malerin Angelika Kauffmann, dem Liebling der feinen Gesellschaft in ganz Europa, die ebenfalls Spuren in Osterley House hinterließ.) Das ausgefeilte Bildprogramm der Bibliothek, das mit dem Dank Britannias an die Musen beginnt, stammt wohl von dem seinerzeit berühmten Reverend Dr. Morell vom Kings College in Cambrigde, der auch die Büchersammlung von Osterley ergänzte und deren Katalog vollendete. Als ein „Fellow well skilled in Natural History and every branch of Polite Literature” war Morell Mitglied der altehrwürdigen „Royal Society (for Improving Natural Knowledge)“ und der „Society of Antiquarians”, in die im Jahre 1757 Piranesi aufgenommen wurde. Hogarth hat den Polyhistor, der auch Drucker und der Librettist vieler Oratorien von Händel war, umgeben von Büchern und Orgelpfeifen portraitiert.
Antonio Zucchi war auch an der Ausstattung des Speisesalons von Osterley House beteiligt, in dem naturgemäß Motive aus der Welt des Weines und seines Gottes Bacchus sowie aus der Landwirtschaft vorherrschen. Er schuf dafür im Jahre 1767 neben zwei Supraporten zwei monumentale römische Ruinen-Capriccien im Stile von Clerriseau (und Hubert Robert), die zu den eindrucksvollsten Ausstattungsstücken von Osterley House gehören. Adams dekorierte den Raum mit einer aufwendigen Zimmerdecke und schönen Wandpaneelen mit Akanthusranken. Noch im Auftrag von Chambers hatte Cipriani für den Speisesaal, ein Gemälde geschaffen, das über dem Kamin hängt, der nach einem Entwurf von Chambers natürlich auch von einem der Großmeister der Ausstattungskunst gefertigt wurde. Es zeigt Ceres, die Göttin des Ackerbaus und der Fruchtbarkeit, der von einigen Jungfrauen gehuldigt wird.
Anders als in den Schlössern des Hochadels, wo zum Repertoire der „state rooms“ ein Audienzsaal gehörte, in welchem der Hausherr repräsentieren konnte, war für einen solchen Raum in einem mehr oder weniger bürgerlichen Haus kein Platz. Offenbar hat man aber einen Ersatz gesucht und diesen, als wolle man ein Levée à la Louis XIV. oder Rakewell zelebrieren, in einem Schlafzimmer gefunden. Dafür hat Adam ein monumentales Staatsbett von einer Pracht entworfen, wie man sie selbst in den größten Fürstenhäusern kaum zu sehen bekommt. Sinnigerweise war die Zeremonialliege, die nach Art eines Thrones von einem gewaltigen Baldachin mit schweren, gerafften Brokatvorhängen überwölbt wurde, als Tempel der Venus konzipiert. Robert Child soll über die Kosten der Riesenlagerstatt so erschrocken gewesen sein, dass er in bürgerlicher Scham die Rechnung verschwinden ließ, damit sie niemand zu sehen bekam. Ob das Paradebett je als solches oder im Sinne der Venus genutzt wurde, ist zweifelhaft. Im Obergeschoss von Osterley House, wo sich die Privaträume der Childs befanden, gab es noch ein Eheschlafzimmer, in dem es bürgerlicher zuging.
Im Staatsschlafzimmer findet sich ein Deckengemälde im Stile Angelika Kaufmanns, die natürlich nicht fehlen durfte, zumal sie Osterley House besucht hat. Das Bild enthält ein schlafzimmer-adäquates Sujet, nämlich die Grazie Aglai, die durch die Liebe „versklavt“ mit einer Blumengirlande an einen Baum „gekettet“ wird, eine klassizistisch gezähmte Form des Fesselsexes.
Zur Ausstattung dieses Raumes kamen später noch ein silberner Tisch und ein versilberter Kronleuchter, mit denen die Childs ihre Sammlung von Buckingham-Devotionalien ergänzten. Die Stücke, die einst König Elisabeth gehört haben sollen, hatte der 2. Herzog von Buckingham seiner Geliebten, Lady Shrewsbury, geschenkt, einer Femme fatale, die, wie ich noch schildern werde, für einige Männer tatsächlich fatal wurde. Die Stücke gehörten später zum Inventar des Muster- und Megaherrenhauses Stowe und kamen, nachdem dieses im Jahre 1848 bei einem der größten und hochkarätigsten Adelshausausverkäufe aller Zeiten versteigert wurde, nach Osterley House.
Der Hintergrund dieser Versteigerung weist so erstaunliche Parallelen zum Niedergang von Wanstead House auf und ist so bezeichnend für die wirtschaftliche Maßlosigkeit, zu der Herrenhäuser verführen können, dass ich mir, wie schon angekündigt, hierfür wieder eine kleine Abschweifung erlaube. Eigentümer von Stowe war seinerzeit der 2. Herzog von Buckingham and Chandos – nicht zu verwechseln mit den Herzögen von Buckingham, welche die Childs verehrten, oder dem Namensgeber des Buckingham Palastes in London, der den Titel Herzog von Buckingham-Normandy trug (die englischen Monarchen waren beim Erfinden lukrativ verkäuflicher Adelstitel mit gutem Klang ziemlich kreativ). Die Parallelen zu Wanstead House fangen schon beim Namen der Hauptprotagonisten an. Auch der 2. Herzog von Buckingham and Chandos hatte durch sein und seiner Vorfahren Einheiraten in reiche Familien einen Kettennamen, der allerdings noch monströser als der des 4. Earls of Mornington war. Er lautete „Richard Plantagenet-Temple-Brydges-Chandos-Grenville-Nugent.“ Wiewohl steinreich geboren und verheiratet schaffte er es, wie der Earl, durch hohen Aufwand für seine politische Karriere, sprich Ämter- bzw. Mandatskauf, durch Bodenspekulation und nicht zuletzt durch den Unterhalt von Stowe den Titel „Größter Schuldner der Welt“ zu erlangen. Seine privaten Verbindlichkeiten beliefen sich im Jahre 1847 nach heutigen Maßstäben auf deutlich über 100 Millionen Euro. Wie Pole-Wellesley entzog er sich seinen Gläubigern durch Flucht in das Ausland. Diese setzten aber auch hier die Zwangsversteigerung durch und so kamen die weitläufigen Ländereien des Herzogs, sein Haus auf der vornehmen „Pall Mall“ in London, der Prachtstrasse, die vom Trafalgar Platz auf den Buckingham Palast zuläuft, und nicht zuletzt das Inventar von Stowe unter den Hammer. Die Dauer der Auktion, die unter der Führung von Christies ablief, übertraf deutlich die von Wanstead House. Daran nahm alles teil, was darauf spekulierte, aus der Not eines Faillierten Gewinn zu ziehen, wozu sich auch die feinsten Familien nicht zu schade waren, darunter auch die Childs. Da die Liste der zu versteigernden Objekte so lang wie die Fassade von Stowe war – sie belief sich auf über 4.000 Lose – fiel der finale Hammerschlag auf den Auktionstisch nach häufig heißen Bietergefechten erst nach vierzig Tagen. Allein fünf Tage benötigte man für die Versteigerung des Tafelsilbers, zu dem extreme Raritäten, etwa von Benevenuti Cellini, gehörten, die heute die teuersten Stücke dieser Gattung und überhaupt des Kunstmarktes sind. Zu den Kostbarkeiten gehörte auch jede Menge feinstes Porzellan, vor allem aus China und Dresden, und eine umfangreiche Gemäldesammlung, in der einige der großen Maler Europas vertreten waren, darunter, wie sich versteht, Claude Lorrain, nach dessen Bildern ja der elysische Park von Stowe mit seinen zahlreichen Tempeln, Pavillons und sonstigen Einbauten gestaltet war. Von ihm standen drei stimmungsvolle Landschaften und von seinem zweieiigen Zwilling Poussin zwei Bilder auf der Versteigerungsliste. Auch die Antike war mit diversen Originalen und noch mehr Kopien vertreten, unter anderem mit drei prachtvollen Kandelabern aus der Villa des Kaiser Hadrians in Tivoli, die Piranesi in Kupfer gestochen, wenn nicht gar selbst ausgegraben hat. Aus den Tiefen des Kellers von Stowe kamen 21.000 Flaschen Wein und 500 Flaschen Hochprozentiges zu Tage. Die Bibliothek, die bemerkenswerter Weise ziemlich genau so viele wertvolle Bücher umfasste wie der Weinkeller Flaschen, wurde gesondert von Sothebys versteigert – eine Grafiksammlung mit 55.000 Stichen war schon einige Jahre früher bei einer fünfunddreißig-tägigen Veranstaltung veräußert worden. Ganz leer ging das Haus Buckingham and Chandos am Ende nicht aus. Es musste aber künftig deutlich kleinere Brötchen backen. Das Personal zur Pflege des arkadischen Gartens etwa wurde von vierzig auf vier Personen reduziert.
Ich komme zurück nach Osterley House, wo es, wie gesagt, vergleichsweise ökonomischer zuging, wenn man einmal von dem Staatsbett absieht. Eingerahmt wird das Zeremonialschlafgemach, bei dem ich stehen geblieben bin, durch zwei Zimmer, welche wohl die außergewöhnlichsten Räume von Osterley House sind.
Auf der einen Seite befindet sich der spektakuläre Tapestry Rooms. Er ist gänzlich mit grell scharlachrot grundierten Wandteppichen der „Königlichen Tapisserie Manufaktur“ Frankreichs ausgekleidet, auf denen, umrahmt von opulenten Blumengirlanden, große Medaillons mit antiken Sujets nach Vorlagen von Francois Boucher angebracht sind. Boucher, ein Protegé von Madame Pompadour, war so etwas wie der französische Trendsetter in Sachen Ausstattung von Herrenhäusern und Palästen. Seine lasziven Darstellungen insbesondere antiker Mythologie, die mitunter hart an die Grenzen des bürgerlichen Anstandes gingen, waren bei einer Aristokratie, die auch im puritanischen England gerne am Rande der Frivolität tänzelte, hoch geschätzt. Sie wurden auch in die Gobelins der renommierten königlichen Manufaktur eingewebt, deren Direktor Boucher lange Zeit war. Wiewohl der Maler und Designer eigentlich der vergehenden Epoche des Rokokos angehörte, waren die Gobelins in England seinerzeit offenbar der letzte Schrei. Als George Williams, der Spross einer alt eingesessenen Adels- und Politikerfamilie mit dem Titel Earl of Coventry, sich im Jahre 1772 einen Satz dieser Wandteppiche aus Frankreich kommen ließ, zogen die Childs sofort nach. Farblich passende, gobelinbezogene Möbel und eine fein ausgearbeitete Zimmerdecke von Adams mit Dekorationen nach Art römischer Bäder sowie cameoartigen Medaillons sorgen zusätzlich dafür, dass dieser nicht sonderlich große Raum auf den Besucher eine überwältigende Wirkung ausübt.
Außergewöhnlich und in England wirklich neu war die Ausstattung des Ankleideraumes auf der anderen Seite des Paradeschlafzimmers. Anders als im massigen und überladenen Tapestry Room, der sich des Besuchers geradezu bemächtigt, ist die Dekoration hier filigran, licht und weiträumig. Sie lehnt sich an die Groteskenmalerei an, welche man Ende des 15. Jahrhunderts in der Domus Aurea des Kaisers Nero in Rom gefunden und die Robert Adam in römischen Renaissancepalästen kennen gelernt hatte, wo sie reichlich reproduziert und variiert wurden. Neu war, dass Adam Motive von Vasen hinzufügte, die man in etruskischen Gräbern gefunden hatte. Im Vorwort zum zweiten Band des prächtigen Kupfertafelwerkes aus den 1770-er Jahren, in dem die Gebrüder Adam ihre architektonischen Werke werbewirksam publizierten, heißt es, nachdem sie diese neue Form der Dekoration, die sich von allem unterscheide, was in Europa bisher praktiziert wurde, erstmals im Haus des Earl of Derby in London angebracht hätten, seien viele Personen von Rang und Vermögen davon beeindruckt gewesen, weswegen sie, die Adam-Brüder, sofort eine Reihe weiterer Räumlichkeiten in dieser Weise ausgestattet hätten, darunter bei Mr. Child in Osterley Park. Das dortige Ankleidezimmer ist der einzige dieser Räume, welcher noch erhalten ist.
Um die Einführung des „Etruskischen Stil“ in die Dekoration von Wohnräumen rankt sich ein merkwürdiger kunsthistorischer Sachverhalt. Die Adams machten hierfür dezidiert einen Prioritätsanspruch geltend. In dem genannten Vorwort heißt es, sie hätten weder bei ihren eigenen Forschungen über antike und neuere Architektur, welche sie, wie sie angelegentlich betonen, mit nie da gewesener Intensität und Sorgfalt betrieben hätten, noch bei modernen Künstlern irgendetwas gefunden, das auf einen solchen Dekorationsstil hindeutet oder darauf anspielt, ein Umstand, der „extremly singular“, außerordentlich einmalig, sei. Man betone dies deshalb besonders, „damit Architekturkritiker, wenn sie es für angemessen halten, für die Entdeckung einer neuen Klasse von Dekoration und Verschönerung ein Lob auszusprechen, wissen, wem die Kunst diese Verbesserung verdankt.“
Erstaunlicherweise verschweigt Adam, dass es sehr wohl einen Künstler gab, der sich vor ihm mit der Verwendung etruskischer Motive in der Innendekoration befasst hatte. Und dies war niemand geringeres als sein Freund Piranesi. Dieser Umstand hat mich dazu motiviert, dem Grund für diese Auslassung und der bei allem englischen Understatement überdeutlich vorgetragenen Betonung des Erstrechtes am „Etruskischen Stil“ etwas nachzugehen, zumal sich all dies auf dem Hintergrund eines der großen kulturhistorischen Diskurse der Zeit mit einem merkwürdigen Ausgang abspielt, an dem wiederum Piranesi wesentlich beteiligt war. Davon abgesehen werden dabei auch die wirtschaftlichen Aspekte einer vordergründig ästhetischen Fragestellung deutlich.
Der Wahlrömer Piranesi hatte Jahre 1769 ein Tafelwerk mit dem Titel „Diversi manieri d’adornare i Cammini“ mit Dekorationsentwürfen in verschiedenen antiken Stilen herausgegeben, das allerdings keineswegs nur Kamine, sondern auch andere Gebäudeteile und Möbel betrifft. Seiner Neigung zum Exzessiven entsprechend häuft er hier wahre Ornamentgebirge übereinander. Gegen den Vorwurf, die Dinge zu überladen, verteidigt er sich dabei mit dem Argument, es komme nicht auf die Menge, sondern auf die richtige Anordnung der einzelnen Teile des Ornamentes an. Als neues Element führt er zunächst einmal ägyptisches Dekor ein, wofür auch er, insofern ganz ähnlich wie Adam, einen Prioritätsanspruch geltend macht. Damit wird er zu einem der Wegbereiter des Empirestiles, der sich nach Napoleons Ägyptenfeld- und -fischzug, mit dem Frankreich drei Jahrzehnte später die Vormachtstellung Englands im Mittelmeer zu beenden und die Kontrolle des levantinischen Handels an sich zu reißen versuchte, über ganz Europa ausbreitete.
Danach befasst sich Piranesi mit Ornament, das als etruskisch galt. Die eingehenden Ausführungen hierzu stehen im Zusammenhang mit dem seinerzeit schwelenden „Griechenstreit“, in dem es darum ging, ob die Römer oder die Griechen die führende Rolle in der antiken Architektur und Kunst eingenommen haben. Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts ging man, was für uns heute kaum mehr nachzuvollziehen ist, davon aus, dass die antike Kunst und Architektur des nördlichen Mittelmeerraumes ihren Ursprung und Höhepunkt in Rom gehabt habe, eine Ansicht, die sicher auch dadurch genährt wurde, dass dessen Hinterlassenschaft schon durch ihre massive Präsenz in der Caput Mundi das Blickfeld der europäischen Kulturinteressenten beherrschte, während Griechenland geographisch und politisch im europäischen Abseits lag.
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde diese bis dato geradezu axiomatische Vorstellung durch die Schriften einiger französischer und englischer Kunstschriftsteller in Frage gestellt, die sich erstmalig und vor Ort näher mit der griechischen Architektur und Kunst befasst hatten. Diese Autoren suggerierten, dass die römische Kunst von der griechischen abgeleitet, wenn nicht gar bloß eine mehr oder weniger seelenlose Kopie derselben sei. Dadurch musste sich insbesondere der glühende Romenthusiast Piranesi herausgefordert fühlen, zumal ihm die griechische Partei auch noch auf seinem ureigenen Hoheitsgebiet der mit Stichen bebilderten architektonisch-archäologsichen Abhandlung Konkurrenz machte. Mit heftig polemisierenden, eindrucksvoll illustrierten Traktaten schwang er sich zum Wortführer der italischen Partei auf, die den kulturellen Vorrang Roms hochzuhalten und zu beweisen versuchte. Sein Hauptgegner war der große deutsche Archäologe und Kunstschriftsteller Johann Winkelmann, der heute als der Begründer der wissenschaftlichen Kunstgeschichte und Archäologie gilt. Dieser war im Jahre 1763 auch noch zum Oberaufseher über die Antiken im Kirchenstaat bestellt worden, ein „Amt“, das Piranesi zumindest moralisch als das seine angesehen haben dürfte, hatte er sich doch, wie er in seinem vierbändigen archäologischen Hauptwerk „Antichita Romane“, das ihm europaweite Berühmtheit und die oben erwähnte Mitgliedschaft in der Londoner „Society of Antiquarians“ erbrachte, schreibt, wie kein anderer „über viele Jahre mit unermüdlichen und genauesten Beobachtungen, Grabungen und Untersuchungen“ darum bemüht, Einsichten über die antiken Bauten zu gewinnen und ihre immer weiter verfallenden Reste, die nicht zuletzt kirchliche Würdenträger als Steinbruch für ihre Monumentalbauten benutzten, samt Aufrissen, Plänen und Rekonstruktionen wenigstens im Bild für die Nachwelt zu erhalten.
Die Argumentationsstrategie Piranesis und der Italiker ging dahin, zu betonen, dass die römische Kultur im Wesentlichen von der etruskischen beeinflusst sei, die man für älter als die griechische hielt, mit der Folge, dass Griechenland nicht die Mutterkultur Italiens sein konnte. Dies passte in gewisser Hinsicht zu der Ableitung der römischen Kultur aus der trojanischen und damit einer nichtgriechischen Kultur, welche etwa Vergil in seiner „Äneis“ vorgenommen hatte, indem er schilderte, die Trojaner seien nach der Zerstörung ihrer Stadt durch die Griechen unter der Führung von Äneas nach Latium ausgewandert, wo sie dann Rom gründeten – ein besonders markantes literarisches Beispiel dafür, wie Kunst zu Zwecken der Machtbegründung und Erhaltung eingesetzt wird. Mit diesem Kunstgriff sollten Rom und Vergils Mentor Augustus, der angeblich ein direkter Nachfahre von Äneas war, eine göttliche Herkunft angedichtet werden, denn die Mutter des trojanischen Anführers war angeblich Venus, die damit zur Stammmutter Roms wurde. Das Problem war dabei, dass die etruskische Kunst im Gegensatz zur griechischen als wenig entwickelt und eher unbeholfen galt und man daher die Frage zu beantworten hatte, wie es in der römischen Kunst zu einer Verfeinerung und Eleganz kam, welche der griechischen Kunst ähnelte. Die Lösung suchte man darin, die etruskische Kunst und Architektur hoch zu stilisieren, eine Aufgabe, der sich Piranesi in seinem Dekorationswerk noch einmal in aller Ausführlichkeit widmete. Nachdem er die unbestreitbar außergewöhnlichen Ingenieurleistungen der Etrusker hervorgehoben hatte, zieht er zum Beweis dafür, dass ihre Kultur auch künstlerisch hoch entwickelt und verfeinert war, die Malerei auf den Vasen heran, welche man in etruskischen Gräbern gefunden hatte. Die Tatsache, dass die späteren Griechen ähnlich fein bemalte Vasen herstellten, erklärt er dann damit, dass sie den etruskischen Stil kopiert hätten.
Die Ironie der Griechenstreit-Geschichte ist, dass Piranesi, indem er die Feinheiten der etruskischen Kunst mit beredeten Worten herausarbeitete, letztendlich der Griechenpartei in die Hände spielte. Die Vasen, deren Malerei er als so hoch entwickelt beschrieb, waren, wie sich am Ende heraus stellte, in Wirklichkeit griechische Vasen, welche wohlhabende Etrusker für ihre Gräber gekauft hatten.
Auf den Standpunkt, dass die römische Kultur und insbesondere ihre Kunst auf der etruskischen fuße, hatte sich in seinem Tafelwerk ausdrücklich auch Adam gestellt und sogar festgestellt, dass „nichts durch historische Autorität besser gesichert“ sei. Unter den Autoritäten, auf die er sich dabei beruft, fehlt aber, wie gesagt, Piranesi, wiewohl Adam ohne Zweifel von dessen außerordentlichen Engagement für die italische Sache wusste.
Mag die mangelnde Erwähnung der Rolle Piranesis im allgemein geschichtlichen Griechenstreit noch damit zu erklären sein, dass der Kupferstecher kein in der Wolle gewaschener Historiker war, so ist das Verschweigen seines prioritären Beitrages zum Thema etruskische Dekoration damit kaum zu rechtfertigen. Dass Adam von Piranesis Kaminwerk, von dem einzelne Blätter schon seit 1767 in England kursierten, wusste, kann nicht zweifelhaft sein. Abgesehen davon, dass er die Arbeiten seines Freundes und Co-Fellows in der „Society of Antiquarians” schon aus professionellem Interesse verfolgt haben dürfte, wurde er damit sogar unmittelbar konfrontiert. Der 9. Earl of Exeter, ein Nachfahre von Greshams Freund William Cecil, ließ im Jahre 1767 einen – noch heute vorhandenen – Kamin nach einem der Entwürfe Piranesis für Burghley House herstellen, das ich anfangs im Zusammenhang mit dem Aussehen von Osterley House in elisabethanischer Zeit erwähnt habe. Adam war in diesem Herrenhaus im gleichen Jahr und auch später immer wieder tätig.
Unter diesen Umständen spricht vieles dafür, dass die Unterdrückung Piranesis durch Adam wirtschaftliche Gründe hatte. Diese scheinen, wie ich schon im Zusammenhang mit der Widmung der Ichnograhpia erwähnte habe, das Freundschaftsverhältnis zwischen den beiden Künstlern gelegentlich überlagert zu haben. Der Italiener war mit seinem Kaminwerk, in dem er übrigens Adam noch einmal ausdrücklich als „gefeierten“ Architekten erwähnte, inzwischen ähnlich wie Chambers, vom Freund zum Konkurrenten von Adam auf dem bedeutsamen und daher heiß umkämpften Markt der Innendekoration geworden, zu dem ganz wesentlich die Ausstattung von herrschaftlichen Häusern und gerade in England, wie sich unter anderem in Osterley House zeigt, auch die aufwendige Gestaltung von Kaminen gehörte. Seine Veröffentlichung war bei aller Theorielastigkeit wesentlich ein Designkatalog, der sich, indem der Textteil auf Italienisch, Französisch und Englisch erschien, an ein internationales Publikum richtete, nicht zuletzt eben auch an die so überaus potenten englischen Kunden und also an die potentielle Klientel der Gebrüder Adam. Auch Adams Tafelwerk war, wie die superlative Rethorik und das Betonen der Novität des angepriesenen Produktes einschließlich Prioritätsanspruch überdeutlich zeigt, nicht anders als Piranesis Kamin-Opus ein Instrument der Werbung, die seinerzeit allerdings, dem aristokratisch elevierten kulturellen Niveau der Zeit entsprechend, einen erhöhten ästhetischen Level aufwies. Bei Werbung aber bleiben bekanntlich tendenziell Tatsachen und die Wahrheit und, wenn es um Geld geht, mitunter auch die Loyalität unter Freunden auf der Strecke. Im vorliegenden Fall war dies umso leichter möglich, als Piranesi sich hiergegen nicht mehr wehren konnte, da er ein Jahr vor dem Erscheinen von Band 2 des Adam’schen Tafelwerkes verstorben war und den Sachverhalt nicht mehr richtig stellen konnte. Was die Prioritätsfrage betrifft, dürften im Übrigen auch der Wunsch nach historischer Bedeutsamkeit im Spiel gewesen sein, Eitelkeiten, die in einer Zeit, in der man sich an den Römern orientierte, für die Ruhm und Nachruhm – gloria und fama – von zentraler Wichtigkeit waren, auch gerne im Streit ausgefochten wurden. Ein Muster von wahrhaft barocker Maßlosigkeit hatte hierfür der große Newton gelegt, der mit dem deutschen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibnitz erbittert darüber stritt, wer die Infinitesimalrechnung erfunden habe, und mit Hooke über das Erstrecht bei der Gravitationstheorie.
Wie handfest wirtschaftlich man im Kunstmilieu dachte, zeigt im Übrigen die Reaktion eines Protagonisten der Szene auf Piranesis Designwerk. Sie kam von dem irischen, in Londoner Kunstkreisen heimisch gewordenen Historienmaler James Barry, auf den ich auch deswegen etwas näher eingehen möchte, weil er künstlerisch und persönlich kaum weniger exzentrisch als Piranesi war – ein Kenner charakterisiert ihn als „a notoriously belligerent personality“. Barry reduzierte Piranesis engagierte Bemühung um das italische Primat auf ein bloßes Marketingmanöver, indem er kurzerhand feststellte, der Italiener habe die Griechen nur deswegen so herunter geschrieben, damit er die römischen Ausgrabungstücke, welche sein Verkaufslager verstopften, als die angeblich originaleren Antiken besser verkaufen könne. Der lange unterschätzte und erst in neuerer Zeit wieder entdeckte Ire, den man wegen seiner symbolistischen Hintergründigkeit einen neoklassizistischen Vorläufer der Romantik nennen kann, eine Bezeichnung, die übrigens in gewisser Hinsicht auch auf Piranesi zutrifft, hat sich überhaupt intensiv mit dem Zusammenhang von Kunst, Wirtschaft und Politik beschäftigt. Er verfasste eine Schrift, mit der er die gesellschaftliche Entwicklung Englands von ihren zögerlichen Anfängen bis hin zur späteren Konzentration auf Technik, Manufakturen und Handel nachzeichnete und deren Wechselwirkung mit den „fine arts“, den schönen Künsten, untersuchte. In seinem malerischen Hauptwerk – sechs monumentalen allegorischen Wandbildern mit dem Titel, „Der Fortschritt der menschlichen Kultur“ -, weitete er die Perspektive ins Universale. Die in hohem Maße gedanklich aufgeladenen Bilder, welche ein englischer Kunsthistoriker einmal als die späte Antwort Englands auf die Sixtinische Kapelle von Rom bezeichnet hat, schmücken, vom breiten Publikum erstaunlicherweise weitgehend unbeachtet, den großen Saal im Londoner Gebäude der „Royal Society of Arts“, das die Adam Brüder entworfen hatten. Diese noch heute bestehende, weltweit renommierte Institution zur Förderung der Kultur, die im Jahre 1754 gegründet wurde und von Hogarth über Marx, Adam Smith und Robert Adam bis zu Stephen Hawking viele renommierte Personen zu ihren Mitgliedern zählen kann, hieß bezeichnenderweise ursprünglich „Society for the Encouragement of Arts, Manufactures and Commerce“, und offenbart damit eine sehr englische Mischung weltlicher und spiritueller Aspekte.
Dass Piranesi im Titel seines Designwerkes die Kamine hervorhob, dürfte übrigens nicht zuletzt mit dem englischen Markt zu tun haben. Wie nützlich Kamine für die Behausungen der Insulaner war, in denen es gewaltig zog, hatte ihm ein Engländer bestätigt und zwar niemand geringeres als der große Antikenkenner und -sammler Sir William Hamilton, der langjährige britische Botschafter in Neapel, dem Piranesi vorab einige Kaminentwürfe zugesandt hatte. Dieser berühmte Mann, der auf merkwürdige Weise wieder in den Griechenstreit verwickelt war, ist eine Figur, der ich ein paar Sätze widmen muss. Sein Auftritt auf der Bühne meines Erzähltheaters öffnet den Blick in einen Raum voller antiker und englischer Requisiten, den ich nur zu gerne betreten und ausführlich beschreiben würde, zumal darin so etwas wie das grandiose Vorspiel zu der Affäre um den Earl of Mornington stattfand, die wenige Jahre später die englische Gesellschaft erregen sollte. Ich werde aber nur einen kurzen Blick durch die neue Öffnung des Erzählraumes werfen.
Hamiltons Berühmtheit beruht zum einen darauf, dass er, seinen neapolitanischen Standort nutzend, vulkanologische Forschungen betrieb und darauf, dass er eine bedeutende Sammlung antiker Vasen zusammentrug – Piranesi nimmt darauf Bezug in seinem Kaminwerk. Ab dem Jahre 1766 veröffentlichte der Edelmann darüber mehrere exzellent bebilderte Tafelbände, für welche Winkelmann einige griechenfreundliche Texte schrieb, und die dem Interesse an antiker Dekoration einen kräftigen Schub verlieh (insbesondere der umtriebige englische Unternehmer Josiah Wedgewood, der als Erster die Keramik-Herstellung industrialisierte und mit seinen Produkten den Weltmarkt eroberte, ließ sich davon inspirieren; auch auf einem Möbelstück in Osterley House sind Motive von einer der schönsten Vasen aus Hamiltons Sammlung abgebildet). Im Jahre 1772 verkaufte Hamilton seine Sammlung an das zwei Jahrzehnte zuvor gegründete Britische Museum, das bis dato ausschließlich bibliothekarische Funktionen hatte, womit er den Grundstein für die singuläre Antikensammlung dieses genuin englischen Institutes von imperialem Anspruch legte – im Jahre 1784 ergänzte er diese noch durch den Verkauf seiner umfangreichen Sammlung aller möglicher sonstiger antiker Gegenstände und Artefakte, die er während seines Aufenthaltes in Neapel zusammengetragen hatte, wo man aus Pompeii und Herkulaneum immer wieder heiß begehrte neue Funde zu Tage brachte; Goethe, der Hamilton auf seiner ersten Reise nach Italien besuchte, vermutete, dass es beim Erwerb mancher Teile nicht immer mit rechten Dingen zuging.
Richtig, wenn auch unrühmlich berühmt wurde Hamilton aber vor allem durch seine fünfunddreißig Jahre jüngere zweite Ehefrau Emma, einer weithin bekannten Schönheit und Femme fatale, die es aus einfachsten, um nicht zu sagen anrüchigen Verhältnissen in die obersten Kreise der europäischen Gesellschaft samt Verwicklung in die komplizierten politischen Verhältnisse der späten 18. Jahrhunderts brachte. Schon diese unstandesgemäße Verbindung war eine Angelegenheit, über die sich die internationale Society das Maul zerriss. Zum Riesenskandal wurde die Sache, als es dem englischen Seehelden Horatio Nelson, wiewohl kriegsbedingt auf einem Auge blind und eines Armes verlustig, nach seinem fulminanten Sieg über die Franzosen in der Seeschlacht von Abukir, mit dem Frankreichs mediterrane Ambitionen ein Ende fanden, offenbar im Gefühl der Omnipotenz gelang, dem alternden Hamilton die gefeierte Schönheit auszuspannen. Danach führten die Beteiligten eine menage à trois – genau genommen war es zunächst eine à quatre, denn Nelson Ehefrau war auch noch mit im Spiel -, welche nicht nur das höfische Protokoll vor einige Probleme stellte – man wollte der Mätresse aus niedrigem Stand mit zweifelhafter Biographie nicht die Ehre zukommen lassen, die man dem Seehelden nicht verweigern konnte – sondern auch die Gemüter der feinen Gesellschaft heftig erregte, bis ihr der Earl of Mornington neues Futter für Klatsch und mehr oder weniger ehrliche moralische Entrüstung lieferte. Diese Dreiecksgeschichte ist vielfach beschrieben, besungen und in diversen Formaten verarbeitet worden, weswegen ich, wenn auch ungern, auf die Schilderung weiterer Details verzichten und mich auf die herrenhäuserlichen und wirtschaftlichen Aspekte der Angelegenheit beschränken will, welch letztere angesichts eines mitunter kapriziösen Ausgabeverhaltens von Lady Emma in den genannten Beziehungen eine nicht unerhebliche Rolle spielten.
Nelson, zu dessen Vorfahren übrigens Robert Walpole gehörte, erwarb von seinem wohlverdienten Sold ein rund fünfzig Jahre altes, mittelprächtiges Herrenhaus mit schönem großen Garten namens Merton Place in South Wimbledon, wo die Protagonisten gemeinsam lebten – seine Ehefrau, welche die ihr zugedachte ihre Rolle in der komplizierten Beziehung nicht mehr spielen und das Getue um die Verschleierung der anrüchigen Verhältnisse in der Gesellschaft nicht weiter mittragen wollte, verabschiedete sich bei dieser Gelegenheit wie Lady Cathrine von ihrem untreuen Gemahl. Nicht zuletzt Umbauwünsche von Lady Hamilton betreffend Merton Place sorgten in Nelsons Finanzen immer wieder für Turbulenzen, darunter der Einbau eines Wasserclosets, was damals der neueste Schrei war. Nach Nelsons Tod in der Schlacht von Trafalgar erbte Lady Emma Merton Place, dessen Unterhalt ihr aber – auch angesichts ihres habituell unökonomischen Lebensstiles, der schon Sir Hamilton zum Verkauf seiner Vasensammlung gezwungen haben soll – bald über den Kopf wuchs, zumal die englische Regierung Nelsons testamentarischer Bitte, seine Geliebte in Anerkennung der diplomatischen Verdienste während ihres Aufenthaltes in Neapel finanziell abzusichern, wohl nicht zuletzt wegen ihrer unstandesgemäßen Herkunft nicht nachzukommen bereit war (tatsächlich hatte sie etwa als Vertraute der dortigen Königin Karolina, einer Tochter der österreichischen Kaiserin Maria Theresia, immer wieder einmal vertrauliche Informationen erhalten und nach London übermittelt, was für die Regierung in Westminster in den unruhigen Zeiten der napoleonischen Kriege durchaus von einigem Interesse war). Da sie ihre gewaltigen Schulden mit dem Verkauf von Merton Place, der schließlich nicht zu vermeiden war, nur teilweise begleichen konnte, wurde sie von ihren Gläubigern mitleidslos verfolgt und landete schließlich im Schuldgefängnis. Am Ende setzte sie sich, wie der Earl of Mornigton, der Herzog von Buckingham and Chandos und Robert Knight, über den Kanal ins Ausland ab. Die Lady, die einst wegen ihrer „Attitüden“, der Darstellung antiker Statuen in lebenden Bildern, von ganz Europa gefeiert wurde – auch Goethe war, wie er in seiner Italienischen Reise berichtete, von ihr beeindruckt – diese berühmte Frau sollte ihr wechselvolles Leben verarmt und dem Alkohol verfallen im Alter von neunundvierzig Jahren in Calais beenden.
Ich bin durch Lady Hamilton, die so manchen Mann aus der Bahn geworfen hat, auf Nebenwege geraten, kehre nun aber wieder auf eine Hauptstrasse und damit zurück zu Osterley House. Von den Räumlichkeiten des piano nobile verbleiben das Frühstückszimmer und der „drawing room“. Der Begriff „drawing room“, zu Deutsch Wohnzimmer, täuscht darüber, dass es sich auch bei diesem Gemach um einen state room handelt. Dem entsprechend geht es hier nicht unbedingt auf bürgerliche Weise gemütlich zu. Es handelt sich nicht um einen privaten Rückzugsraum, wie die Bezeichnung „drawing room“ suggeriert, die von „withdrawing“, sich zurückziehen, kommt, sondern im Gegenteil um ein weiteres Repräsentationszimmer, in dem man Gäste empfing, die an der Wand entlang auf barocken Dackelbeinsitzmöbeln platziert wurden. Auch hier finden sich ausgeklügelte dekorative Binnenbeziehungen und allerhand Anspielungen auf antike Motive. Bei der beeindruckenden Decke, die möglicherweise von Chambers entworfen wurde, hat wieder der Sonnentempel von Palmyra Pate gestanden. Adam hat für den Boden als Gegenstück einen floralen „Mosaikteppich“ entworfen, der das Formmuster der Decke aufnimmt. Von ihm stammen auch die opulente erbsengrüne Tapete und diverse Einrichtungsgegenstände, auf denen die neuesten Funde von Herkulaneum sowie etruskische und ägyptische Elemente zitiert werden. Angelika Kaufmann lieferte die Vorlage für Marketerien auf einer von Adam entworfenen „etruskischen“ Kommode, natürlich ebenfalls mit einem antiken Sujet. Auch im hellen Frühstückszimmer, dem kleinsten der Staatsräume, ist alles von erlesenem Geschmack. Die Möbel waren hier mit Gobelins bezogen, welche die Hausherrin persönlich geknüpft hatte.
Zum Kanon der Herrenhäuser gehört ein „grand staircase“, ein Prachttreppenhaus, so auch in Osterley House. Normalerweise führt es in das piano nobile. Da man sich in Osterley House aber schon beim Betreten des Gebäudes auf dieser Ebene befindet, gelangt man hier über das Treppenhaus in das teilweise ausgebaute Obergeschoss, in dem sich Gästezimmer und die auch nicht eben einfach eingerichteten Privaträume der Childs befanden. Dieses Treppenhaus ist ein wahres Musterbeispiel klassizistischer Eleganz. Die Wände sind adamtypisch in einem pastellfarbenem Grün gehalten auf dem sich in strahlendem Weiß sparsam und sorgfältig platziert Stuckaturen von edlen antiken Vasen, Akanthusranken und Schmuckbändern abheben. Am Plafond hatte, fein eingerahmt von Ornamenten gleichen Stils, das monumentale Deckengemälde von Rubens mit der Glorifizierung des 1. Herzogs von Buckingham seinen Platz gefunden, das Francis I. in Holland erworben hatte.
Auf die diversen Bauten außerhalb des eigentlichen Hauses will ich hier nur kurz eingehen. Schon Gresham ließ in unmittelbarer Nachbarschaft zum Haupthaus Wirtschafts- und Stallungsgebäude erstellen, die man im Laufe der Zeit weiter ausbaute und ergänzte und die schließlich so groß und respektabel wurden, dass ein eigenes stately home abgeben könnten. Im Jahre 1763 ließ Robert Child nach Plänen von Adam eine prächtige Orangerie in Tempelform errichten, die im Jahre 1950 abbrannte und seitdem verschwunden ist. Ein paar Jahre danach baute Adam das noch vorhandene elegante halbrunde Gewächshaus mit großen, ebenfalls halbrunden Sprossenfenstern. Legendär war auch das große Vogelgehege samt See für Wasservögel, das Robert Child I. in einiger Entfernung vom Haus anlegte, womit er einer alten Leidenschaft der Familie für diese Spezies, aber auch dem Zeitgeschmack der High Society folgte, die sich gerne mit der Beobachtung der gefiederten Kreaturen inklusive Teekonsum vergnügte. Darin hielt man die verschiedensten exotischen Vögel nicht zuletzt aus Asien, darunter solche, die, wie ein Zeitgenosse notierte, in England bislang nur auf Papier zu sehen waren, oder wie es der geistreiche Horace Walpole ausdrückte, „die von tausend Inseln stammen, die Mr. Banks noch nicht entdeckt hat“ (gemeint war Joseph Banks, ein Naturforscher, der James Cook auf seiner ersten Weltumsegelung in den Jahren 1768-71 begleitet und zahlreiche neue Pflanzen und Vögel erstmalig beschrieben hatte.) Das dazu gehörige ansehnliche Menageriegebäude inklusive Teestube ist inzwischen das Londoner Refugium des Sultans von Brunei, dem heutigen Gegenstück zu den Goldschmiedbankern des 17. und 18. Jahrhunderts, der es mit schwarzem Gold zu nicht weniger großem Reichtum als diese gebracht hat.
In der Form, wie ich es beschrieb, ist, wie gesagt, Osterley House im Wesentlichen noch heute erhalten. Zum Haus selbst ist daher nicht mehr viel zu sagen. Es galt bereits zur Zeit seiner Fertigstellung als perfekt. Im Jahre 1782 bezeichnete es das Gentlemen Magazine in einem Nachruf anlässlich des Todes von Robert Child als das großartigste und eleganteste Ding seiner Art in England.

Bevor ich mich noch kurz der späteren Geschichte des Anwesens und der seiner Besitzer zuwende, soll noch eine weitere berühmte Figur des 18. Jahrhunderts ihren Auftritt in meiner Erzählung haben, die sich über Osterley House geäußert und im Übrigen in Sachen Herrenhaus auf eine höchst persönliche Weise Stilgeschichte geschrieben hat. Der Mann war ein Gentleman, wie er im englischen Buche steht. Er gehörte zum Hochadel, erhielt seine Ausbildung in Eton und Cambridge, ging zweieinhalb Jahre auf die Grand Tour, hatte ab seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr einen Sitz im Parlament, lebte weitgehend von ansehnlichen Einkünften, denen keine eigene Anstrengung oder Leistung zu Grunde lag, war exzentrisch, geistreich und kunstbesessen, sammelte Artefakte und Kuriositäten aller Art und Zeiten, schriftstellerte auf geradezu manische Weise und besaß ein äußerst originelles Herrenhaus. Es handelt sich um Horace Walpole, den ich schon einige Male erwähnte, ein Sohn des großen Politikers Robert Walpole. Letzterer hatte, wie im Zusammenhang mit dem Südseecrash dargelegt, nicht nur gewusst, wie er seine eigenen Schäfchen ins Trockene brachte, sondern auch dafür gesorgt, dass seine drei Söhne ordentlich versorgt waren, indem er ihnen lebenslange Sinekuren verschaffte, weswegen sie sich tatsächlich keine Sorgen ums Geld machen mussten. Horace, um bei ihm zu bleiben, hatte vom Übervater auch seinen Sitz im Unterhaus „geerbt“, den er über viele Jahre behielt, ohne sich politisch sonderlich zu betätigen (er besuchte den Wahlbezirk in Cornwall, den er dreizehn Jahre lang vertrat, nicht ein einziges Mal, engagierte sich aber in seiner ersten Rede im Unterhaus offenbar ohne Gedanken an das Thema Befangenheit zu verschwenden gegen die Einsetzung einer Kommission, welche die Sauberkeit der Amtsführung seines in Geldsachen nicht eben peniblen Vaters nach dessen Rücktritt vom Amt des Premierministers untersuchen sollte – eine Überprüfung die dennoch stattfand, aber nichts Belastendes finden konnte – hony soit qui mal y pense). Dennoch war er wie so viele englische Intellektuelle ein politischer Mensch. Er verfasste mehrere posthum veröffentlichte „Memoirs“, in denen er vor allem die politischen Verhältnisse seiner Zeit aus der Innenperspektive schilderte, in welche er familiär bedingt naturgemäß einen besonders guten Einblick hatte.

Horace Walpole war so etwas wie ein Nachbar der Childs – sein Londoner Stadtdomizil lag, wie das der Childs, am vornehmen Berkeley Square, wo über die Jahrhunderte zahlreiche englische Größen wohnten (darunter Robert Clive und Winston Churchill, die Begründer bzw. Totengräber Britisch Indiens, wobei Clive des riesigen Vermögens, das er in Indien zusammengerafft hatte, hier nicht froh wurde und sich in seinem Haus opiumsüchtig im Alter von neunundvierzig Jahren suizidierte). Walpoles Landhaus Strawberry Hill wiederum war nur ein paar Meilen entfernt von Osterley House. Dieses Herrenhaus, von dem es übrigens einen balinesischen Ableger gibt, ist der Grund, warum ich mich mit der komplexen Person von Horace Walpole etwas näher befasse. Mitten im 18. Jahrhundert wich dieser Mann, der sich hier als Hobbyarchitekt betätigte, nämlich mit bemerkenswerter Eigenständigkeit vom seinerzeit alles beherrschenden Palladianismus und Neoklassizismus ab und wandte sich für die Konzeption eines Zivilgebäudes der Gotik zu (an der übrigens der ausgewiesene Klassizist Robert Adam beteiligt war, der in Strawberry Hill ein Zimmer in gotischen Formen ausstattete, insbesondere für dasselbe einen viel beachteten Kamin im Stile des Grabmales für den frühmittelalterlichen König „Edward den Bekenner“ entwarf, das sich in Westminster Abbey befindet – ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die kommerzielle Bedeutung dieser Einrichtungsstücke; es war – Adam war, wie erwähnt, teuer – mit Herstellungskosten von umgerechnet mehr als einer halben Million Euro die mit Abstand teuerste Einzelinvestition in Strawberry Hill.) Beraten durch ein dreiköpfiges „Committee of taste“, zu dem er selbst gehörte, übernahm Walpole Bau- und Stilelemente englischer aber auch kontinentaler Kathedralen und Abteien, die er auf seinen Reisen besucht hatte, und verwendete sie für die äußere und innere Ausgestaltung seines verschachtelten „little gothic castle“, das, wenn auch in diminuierten Dimensionen, alle Ingredienzien eines Herrenhaus wie Prachttreppenhaus, Bibliothek, Galerie, Ballraum und Gesellschaftszimmer aufwies. Wie die alten Kirchenriesen wurde Strawbery Hill ohne Gesamtplan nach und nach weitergebaut, im Wesentlichen um Platz für Walpoles schon zu Lebzeiten berühmten, ständig wachsenden antiquarischen Sammlungen zu schaffen (die 1842, sechs Jahre vor dem großen Ausverkauf von Stowe, von seinen Erben, welche das Vermögen wie der Earl of Mornington verschwendet hatten, in einer 32-tägigen Versteigerung pietätlos versilbert wurde, ein Schicksal, das, wie erwähnt, auch die Gemäldesammlung seines Vaters erlitten hatte und das die heutige Walpolegemeinde, die das heruntergekommene Haus seit einigen Jahren rekonstruiert, wieder zurückzudrehen versucht). Walpole interessierte nicht, ob er sich mit diesem Bau zeitgemäß oder originär verhalte, weswegen er auch nicht vor dem kompletten Kopieren historischer Bauteile zurückschreckte. Für die feine (Gemälde)Galerie etwa, dem Herzstück des Hauses, ließ er – aus Kostengründen in Pappmaché – eine Decke mit einem jener spektakulären Fächergewölbe fertigen, welche sich in diversen englischen Kathedralen und Kapellen des Spätmittelalters finden (Walpoles [Kings]College in Cambridge besitzt das größte und prächtigste Beispiel einer derart exhuberantischen Deckengestaltung; das Muster für Strawberry Hill war allerdings die Kapelle Heinrichs VII. in Westminster Abbey). Mit diesen stilistischen Übernahmen war Walpole ein Wegbereiter des „Gothic Revival“, das einige Jahrzehnte später die ganze Insel erfassen sollte, als man insbesondere alle möglichen öffentlichen Bauten – man denke an die Houses of Parliament und die Königlichen Gerichte in London – aber auch viele Herrenhäuser in gotischem Stil erstellte (ein letzter kongenialer Nachklang ist übrigens das postmodern-gotische Geschäftsgebäude Min-ster House in der City, das Anfang der 90-er Jahre des 20. Jahrhunderts in ähnlich mutiger Weise vom – rechteckig-symetrischen – Zeitstil abwich wie Strawberry Hill und ein faszinierendes Spiel mit den alten Formen präsentiert). Walpole schrieb auch einen dazu passenden literarischen Text, den berühmt-berüchtigten Roman „Das Schloss von Otranto“, dessen Grauen erregende Handlung im Mittelalter und in einem entsprechend düsteren Gemäuer spielt, womit er das literarische Genre des „Schauerromans“ begründete (auch hier spielt er mit der historischen Perspektive, indem er den fingierten Autor der zunächst anonym erschienenen Geschichte in ähnlicher Weise im Mittelalter ansiedelte, wie den Stil seines Hauses).

Prioritär war Walpole auch in Sachen Garten, der im Gegensatz zum Haus heiter und freundlich sein sollte. In seinem Essay „Modern Gardening“ entwickelte er die Theorie des englischen Landschaftsgartens, die er in Strawberry Hill auch in die Wirklichkeit umsetzte, wie bei ihm überhaupt schriftstellerische Tätigkeit und Leben aufs engste mit einander verbunden sind. Die wegweisende Gartenschrift wurde in seiner umfangreichen Reihe „Anecdotes of painting in England“ veröffentlicht, mit welcher er, systematisch Künstlerbiographien verfassend, auch noch die Grundlagen für eine nationale Kunstgeschichte legte. Sein Vorbild war dabei Giorgio Vasari, der in der Spätrenaissance Ähnliches für Italien leistete.

Für diese und seine anderen Schriften mit Ausnahme des exzentrischen Otranto-Romans, bei dem er seine Autorschaft zunächst verschwieg, hatte Walpole in seinem Landhaus eine eigene Buchdruckerei, „Strawberry Hill Press“, eingerichtet. Damit war er ein früher Vertreter des Selfpublishing, eine Art der Veröffentlichung, welche sich in größerem Umfang für die weniger gut versorgten Gentleman-Autoren der Welt erst über zweihundert Jahre später durch das Aufkommen des Internets und den entsprechenden Portalen eröffnete.

Abgesehen von seinen eigenen Schriften veröffentlichte Walpole in „Strawberry Hill Press“ auch einige Werke von Freunden. Auch damit stand er an einer Wegscheidung der Kulturgeschichte. Bedeutsam war vor allen die Herausgabe von Texten des ungemein einflussreichen frühromantischen Lyrikers Thomas Gray, der ihn auf seiner Grand Tour begleitet hatte. Gray hatte im Jahre 1750, einige Jahre bevor Walpole seine, Grays, Werke druckte, die „Elegy, written in a Country Churchyard“ veröffentlicht, das wohl berühmteste und wirkungsmächtigste Gedicht der englischen Sprache – es gibt mindestens achtzig Nachahmer, ganz zu schweigen von der Phalanx der „Kirchhofpoeten“, die, wie der früh verstorbene deutsche Hainbund-Dichter Ludwig Hölty, von der Memento-mori-Stimmung und der Schreibhaltung dieses nachtschattigen Werkes beeinflusst wurden (unter anderem soll das Gedicht die russische Romantik ausgelöst haben). In diesem grundlegenden Werk der englischen ja sogar der europäischen Empfindsamkeit wird eine Gegenwelt zur herrenhäuserlichen Sphäre von Ehrgeiz, Ruhm, Kunst und Geld beschworen, eine bescheidene, ländlich einfache Welt, welche die Engländer nicht weniger lieben und pflegen als den großen Gestus der Herrenhäuser; noch mitten in der „City“ finden sich Enklaven dieser Idyllen mit verwunschenen Gotteshäuern samt Kirchhof, die freilich, wie das „Monument“, inzwischen von Geschäftshäusern, die zu ihrem eigenen Himmel streben, weitgehend überwuchert sind.

Fünfzehn Jahre nach Grays Elegie veröffentlichte der irisch-stämmige lohnschreibende Polyhistor Oliver Goldsmith, den Horace Walpole wegen seines exzentrischen und nicht eben lebensklugen, nämlich nicht zuletzt unökonomischen Lebensstils einen „inspirierten Idioten“ nannte, den Roman „The Vicar of Wakefield“, der ebenfalls europaweit berühmt wurde, angesichts der ironischen Erzählhaltung des Autors von seinen Bewunderern möglicherweise aber zu Unrecht als „empfindsam“ interpretiert wurde (u.a. spielt das Werk, das Goethe für einen der besten Romane aller Zeiten hielt, eine nicht unwichtige Rolle in seinem Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“, dem deutschen Hauptwerk der Empfindsamkeit). Hintergrund der turbulenten Handlung um die Familie des schicksalsergebenen Landpfarrers Dr. Primrose, in deren dörfliche Idylle das Fatum mit einer Folge von haarsträubendem Unglücken samt einem adeligen Bösewicht einbricht, der à la „Rapid Westmorland“ brave Bürgertöchter entführt, ist übrigens – nicht untypisch englisch – eine (scheinbar) gescheiterte Geldanlage der Hauptfigur einschließlich ihres Aufenthaltes im Schuldgefängnis. Vier Jahre später schrieb Goldsmith, der den „Churchyard Poets“ zugerechnet wird, die Elegie „The deserted Village“, die ich im Zusammenhang mit dem Besuch von Königin Elisabeth in Osterley House erwähnte. Darin beklagt er den Untergang der friedlichen Idylle eines Dorfes, welche durch Großgrundbesitzer mit ihren Landhäusern und den dazu gehörigen Gütern sowie durch eine sich allenthalben ausbreitende „babylonische“ Großstadtkultur verdrängt wurde, in der es nur noch um Luxus, Macht und Genuss geht, ein Topos, der auch schon im „Landpfarrer“ angesprochen wird, wo der Gegensatz von Stadt und Land, London und Wakefield, immer wieder thematisiert wird.

Oliver Goldsmith, der zu seinem Leidwesen nur an Sentenzen und Pointen so reich war, wie die Goldschmiede an Geschmeide und Geld, hat im Übrigen nicht nur das englische Gegenstück zum deutschen „Brehm“ und andere populär historische Werke verfasst, sondern leistete auch noch einen aufschlussreichen Beitrag zur literarischen Chinoiserie. Wie Friedrich der Große und diverse andere Literaten, darunter auch Horace Walpole, hielt er seinen Zeitgenossen auf höchst unterhaltsame und hellsichtige Weise den Spiegel aus einer scheinchinesischen Perspektive vor. Er verfasste einen umfangreichen Essay aus Briefen eines angeblichen chinesischen, in London residierenden Philosophen mit dem merkwürdigen Titel „The citizen of the world“. Darin spießt er auf satirische Weise die Eigenarten der Engländer auf, darunter auch ihre Vorliebe für skurrile Romane wie Tristram Shandy, ein Werk, das Goldshmith nach allen Regel der Kunst durch den Kakao zieht, durch den es selbst wieder den Leser zieht. Ein besonders herausgehobenes Thema ist im Übrigen die Liebe der Engländer zur (politischen) Freiheit, welche Goldsmith einer kontinentalen Sklavenmentalität gegenüber stellt, ein Thema, das bis heute das Verhältnis der Insulaner zu dem bestimmt, was sie, als seien sie kein Teil davon, tendenziell abschätzig Europa nennen. Der „Chinese“ berichtet dabei über eine Diskussion dreier Engländer über die Freiheit, von denen einer im Schuldgefängnis sitzt und an dem Gespräch unter Betonung seiner Freiheitsliebe durch das bereits erwähnte vergitterte Fenster teilnimmt, an dem die Insassen dieser freiheitsbeschränkenden Institution bei Passanten milde Gaben oder finanzielle Hilfe erbetteln konnten.

Beim Thema Dorfkirche und Landpfarrer im England des 18. Jahrhunderts muss man unweigerlich an einen weiteren – veritablen – Landpfarrer denken, welcher in der Literaturgeschichte bis in unsere Zeit eine bedeutende Rolle spielt – den ebenfalls irischen Schriftsteller Laurence Sterne (seine Schriften waren etwa ein Vorbild für seinen Landsmann James Joyce). Sowohl in seinem Epoche machenden Hauptwerk „Life and opinions of Tristram Shandy, Gentleman“ als auch in „A sentimental journey through France and Italy“ ist mit „Yorick“ ein Landpfarrer Hauptfigur, der sich allerdings keineswegs nur einer Memento-mori Stimmung hingibt, sondern für einen Pfarrer reichlich erotisch gestimmt ist. Sterne, der, wie Goldsmith, in England lebte und zwanzig Jahre Pfarrer in Sutton, Yorkshire, war, wurde auf dem Kontinent, vor allem wegen seines gefühligen Reisewerks, im dem er nicht die großen Sehenswürdigkeiten, sondern kleine Leute und scheinbar unbedeutende Erlebnisse schildert, als Vertreter der Empfindsamkeit verstanden, ist aber auch ein ausgewiesener Satiriker, gewissermaßen das literarische Gegenstück zum Maler Hogarth. Als solcher trieb er – auch durch formale Extravaganzen – eine Tendenz auf die Spitze, welche einem wesentlichen Strang der englischen Literatur und überhaut der insularen Kultur eigen ist. Auf diesen spleenigen Literaten, den Goethe für den freiesten Geist seines Jahrhunderts hielt, kann man sich berufen, wenn man den Strom einer Erzählung immer wieder durch „Digressionen“, Abschweifungen, und zeitliche Vor- und Rücksprünge unterbricht, wie sie zu Hauf in Sternes epochalem Hauptwerk zu finden sind (das übrigens der kaum weniger spleenige Horace Walpole, dessen Vater der Ire in seiner schriftstellerischen Anfangszeit als politischer Pamphletist noch unterstützte, überhaupt nicht zu schätzen wusste; Samuel Johnson hielt es sogar für unenglisch).

Horace Walpole, der offenbar den größten Teil seines Lebens mit der Schreibfeder in der Hand verbrachte, war auch ein äußerst engagierter und produktiver Briefschreiber, wobei er sich ebenfalls an einem historischen Vorbild, der französische Gentlewoman-Autorin Madame de Sévigné orientierte. Seine kunstvoll stilisierten, detaillierten Mitteilungen an Bekannte und Freunde erlauben uns heute aufschlussreiche Einblicke in die Lebensverhältnisse der englischen Oberschicht in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In einem Brief von 1773, dem Jahr in dem sich Robert Clive vor dem Parlament wegen seiner ernormen Bereicherung in Indien verantworten musste (deren Sanktionierung übrigens mehrheitlich abgelehnt wurde – hony soit auch hier, qui mal y pense), in diesem Brief also äußerte sich Walpole unter Anspielung auf die skandalöse Ausbeutung Indiens durch die East India Company auch über das Anwesen der Childs. Darin heißt es: „Ich besuchte oh! den Palast der Paläste und doch ein Palast ohne Krone, ohne Krönchen, aber solch ein Aufwand!, solch ein Geschmack!, solche Fülle! und doch erbringt ein halber Hektar die ganze Rente, mit der diese Großartigkeit bestritten wird. Es ist ein jaghire“ (Ausdruck für indische Pfründe), „der ohne Verbrechen erlangt wurde, kurz gesagt, das Gut ist ein Laden!“ (gemeint ist die Bank in der City) „und der Ort ist Osterley House“. Fasziniert beschreibt der breit interessierte Sammler nicht zuletzt die Stilmischung in Osterley House, wo sich, wie er feststellt, Gemälde europäischer Klassiker neben allerhand Objekten aus Asien, insbesondere chinesisches Porzellan und indische Stoffe, befänden, welche die Childs durch ihre Verbindung mit der East India Cony gesammelt hatten. Über das Zimmer mit den Boucher-Tapisserien schrieb er, es sei „das großartigste und schönste, das man sich vorstellen könne“ und über den drawing room, er sei so schön „wie Eva vor dem Südenfall“, eine Formulierung, die zum geflügelten Wort betreffend Osterley House werden sollte. Soviel zu Horace Walpole und seinem Beitrag zur Kultur der stately homes.

Der Umstand, dass Strawberry Hill wesentlich der Unterbringung und Präsentation von Walpoles Sammlungen diente, veranlasst mich, dem Verhältnis von Herrenhaus und Sammlung noch etwas nachzugehen. Die Herrenhäuser waren tendenziell immer auch Showcase für die statusbestimmenden Sammlungen ihrer Besitzer, welche mangels der Notwendigkeit, sich auf den Gelderwerb zu konzentrieren, Zeit und Muße für ihre Zusammenstellung und Pflege hatten. Viele Sammlungsstücke brachten sie, wie Francis Child, von ihren Reisen mit. Andere erwarb man auf dem regen Kunstmarkt, nicht zuletzt bei den Versteigerungen, welche auf den Zusammenbruch von Sammlern folgten, die sich übernommen hatten, oder auf denen Erben von Sammlern, das wieder zu verflüssigen suchten, was ihre Altvorderen in Kunst und Kuriositäten an- und damit konsumhindernd festgelegt hatten. Waren die Herrenhäuser ursprünglich noch Wohnhäuser mit einer Sammlung, so drehte sich dieses Verhältnis bei Strawberry Hill tendenziell um. Diesen Entwicklungsstrang der Herrenhäuser will ich noch bis zu einem seiner grandiosesten Endpunkte weiterverfolgen und ein Landhaus vorstellen, das praktisch keinen Wohnzwecken mehr diente, sondern in erster Linie ein Behältnis für die Kunstsammlung seines Besitzers war.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als England auf dem Höhepunkt seiner Macht und seines Reichtums war, baute sich das Mitglied einer aus Deutschland stammenden weit verzweigten jüdischen Bankiersfamilie, die, wie die Childs aus kleinsten Verhältnissen kommend binnen kurzem an die Spitze und zwar die absolute Spitze der Vermögensakkumulation gelangte, ein besonderes Herrenhaus. Bei der Person handelt es sich um Ferdinand de Rothschild, einen Sproß der Wiener Sektion der europäischen Bankiersdynastie, den es aus Liebesgründen nach England verschlagen hatte. Die Rothschilds, die erst Ende des 18. Jahrhunderts als Player auf den Finanzmärkten in Erscheinung traten, waren wie die Childs, durch Geschäfte rund um die Staatsfinanzierung reich und einflussreich geworden. Da sie an allen wesentlichen Finanzzentren Europas vertreten waren, konnten sie insbesondere während der napoleonischen Kriege im englischen Interesse die Kontinentalsperre aushebeln, welche Frankreich gegen den Erzfeind von der anderen Seite des Ärmelkanals verhängt hatte. Sie waren nicht nur in der Lage, dieser Wirtschaftssanktion zum Trotz englische Anleihen international zu managen, sondern konnten mit trickreichen Manövern auch die Mittel zur Bezahlung der Truppen Wellingtons auf dem Kontinent organisieren, was schon angesichts der damit verbundenen Risiken jeweils sehr ordentliche Margen abwarf. Im Übrigen kauften sie unmittelbar nach der Schlacht von Waterloo in großem Stil englische Staatsanleihen auf, deren Wert angesichts der Siegerposition Englands, an deren Finanzierung sie wesentlich beteiligt waren, binnen zwei Jahren um vierzig Prozent stieg, womit sie die ersten Geschäftsleute waren, die mit solchen Anleihen spekulierten. Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Rothschilds, die, um das Familienvermögen zu erhalten, alle untereinander heirateten, bereits die reichste Familie Europas und konnten schließlich mehr als vierzig Herrenhäuser ihr Eigen nennen, was Weltrekord sein dürfte (natürlich waren sie auch im Unterhaus vertreten).

Ferdinand nun trug dazu Waddesdon Manor in Buckinghamshire bei, wo die Familie bereits mehrere stattliche stately homes besaß, weswegen die Gegend auch „Rothschildshire“ genannt wurde (die dreiundvierzig wichtigen „Häuser“ der Großfamilie in Europa sind, beginnend mit dem Stammhaus „Zum roten Schild“ in Frankfurt, einschließlich eines imposanten Stammbaums auf einem Bild des französischen Malers Jean-Mark Winckler aus neuerer Zeit, das in Waddesdon hängt, in unverdrossen historischem Stil, nämlich dem von Lorrain und Poussin, dargestellt, die der Maler, was ihm niemand verdenken kann, bewundert).

Auch Ferdinand wählte für sein „house“, das kaum mehr als „little castle“ bezeichnet werden kann, einen historischen Stil. Das Gemäuer ist in der Manier der prachtvollen Loire-Schlösser Franz’s I. von Frankreich gehalten, das Land, zu dem sich der kosmopolitische Bauherr, der in Paris geboren wurde, aber in Frankfurt und Wien aufwuchs, stilistisch in besonderem Maße hingezogen fühlte. Die Rothschilds waren große Kunstsammler, wahrscheinlich sogar die größten ihrer Zeit. Und so hat auch Ferdinand die Neigung zum Sammeln von Kunst und Kuriositäten mit der Muttermilch aufgesogen. Damit tröstete er sich über den Tod seiner englischen Gattin, eine Cousine seiner Mutter, hinweg, die schon ein Jahr nach der Eheschließung im Kindbett gestorben war. Der junge Witwer, der nicht wieder heiratete, fand wenig Gefallen an der dauernden Beschäftigung mit Anleihen, Aktien und Zinsen und ließ sich den Gegenwert seiner ererbten Anteile an den Familienfirmen ausbezahlen. Auf diese Weise bestens alimentiert widmete er sich den Rest seines Lebens der Vervollständigung seiner Sammlungen und dem Bau seines Märchenschlosses samt eines prächtigen Gartens. Das Projekt war eine geradezu herkulische Aufgabe. Das Terrain, das Ferdinad ähnlich wie einst Gresham im Falle von Osterley House als „unförmigen Kegel mit einem Bauernhof darauf“ kaufte, musste aufwendig planiert und erschlossen werden. Für die Wasserversorgung etwa wurde eine fast zwanzig Kilometer lange Leitung gelegt und für die Beleuchtung ein eigenes Gaswerk gebaut. Dem Bauherrn kam zu Gute, dass seinerzeit viele englische Großgrundbesitzer und Aristokraten aus wirtschaftlichen Gründen, insbesondere den seinerzeitigen Missernten, Kunstgegenstände und Land verkaufen mussten (den weitläufigen Grund von Waddesdon etwa erwarb Ferdinand vom Herzog von Malborough). Seinen Vermögensverhältnissen entsprechend sammelte Ferdinand vor allem spektakuläre Stücke des Kunsthandwerks, neben italienischen Artefakten der Renaissance besonders solche in den verschnörkelten Stilen, welche nach den französischen Königen Ludwig 14 bis 16 benannt sind – Porzellan, Uhren, Bücher, Möbel, Wandvertäfelungen und Deckendekorationen sowie allerhand kostbaren Nippes -, weswegen man in Waddesdon weder von klassizistischen Künstlern wie Piranesi und seinen Anhängern etwas findet, noch von den französischen Römern Lorrain, Poussin, Robert und Cherisseau. Die Sammlung enthält allerdings neben holländischen Gemälden des goldenen Zeitalters einige Werke der bekannten englischen Nobility-Maler, darunter zwei der zahlreichen Portraits, welche George Romney von seiner „divine Emma“ (Hamilton) malte. Sie zeigen die berümt-berüchtigte Lady, welche die Muse dieses Künstlers war, in zwei ihrer „Attituden“, die ihr vermutlich besonders gut lagen, einmal als Bacchantin und einmal als die klassische Verführerin Calypso. Die Prunkstücke der durchaus ansehnlichen Gemäldesammlung sind zwei Gemälde von Francesco Guardi. Es sind, wie es sich für einen Rothschild gehört, die größten, welche von dem venezianischen Farbzauberer bekannt sind.

Waddesdon war, wie gesagt, nicht zum längeren Wohnen gedacht. Es war vielmehr eine besondere Form dessen, was die Engländer unter schöner Anspielung auf die ursprüngliche Bedeutung – Narretei – als „folly“ bezeichnen, nämlich ein ausschließlich ästhetischen Zwecken dienendes Bauwerk – wir haben solche schon in den Parks von Osterley House, Kew und Stowe kennengelernt. Allerdings hatten diese Gebäude durchaus auch einen gesellschaftsstrategischen Zweck. Ferdinand von Rothschild etwa hielt in seiner „folly“ seine berühmten Freitag bis Montag Partys ab, zu denen er ausgesuchte Gäste einlud. Diese ließ er mit mehreren Kutschen vom Bahnhof abholen, der extra für Waddesdon Manor gebaut wurde (die für diesen Service erstellten stilvollen Stall- und Kutschengebäude, in denen sechzehn Pferdepfleger und Kutscher beschäftigt waren, sind, wie in Osterley House, fast ein eigener Palast). Zum Pflichtprogramm dieser Gesellschaften gehörten die Führung des stolzen Hausherrn durch seine Sammlung und der Besuch des außerordentlichen Gartens, der von sechzig Gärtnern in Schuss gehalten wurde. Selbst den Rothschilds wuchs allerdings nach dem zweiten Weltkrieg ein Haus wie Waddesdon über den Kopf, weswegen das Anwesen im Jahre 1957, wie Osterley House, samt seinem kostbaren Inventar an den National Trust übereignet wurde, der es inzwischen weitgehend restauriert und der staunenden Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

Dass man die „Narretei“ noch weiter treiben kann, zeigt ein Bauwerk, welches im Jahre 1908, ein Jahrzehnt nach dem Tod von Ferdinand de Rothschild, im Norden Englands erstellt wurde, der durch die industrielle Revolution reich geworden war. Der Unternehmer (und Politiker!) James Williamson, dessen Familie unter Einengung der Rechte ihrer zahlreichen Arbeitnehmer mit der monopolartigen Herstellung und dem weltweiten Vertrieb von Öl-Kleidung und Linoleum ein enormes Vermögen erlangt hatte, leistete sich ein fünfzig Meter hohes „Memorial“, das er auf einem Hügel hoch über seiner Heimatstadt Lancaster, wo übrigens mit den ersten maschinellen Spinnerreien die industrielle Revolution begann, in einem von ihm geschaffenen Park platzierte. Williamson ließ das scheinbar funktionslose Gebäude, das als „Englands grandest folly“ gilt, vorgeblich zum Andenken an seine zweite Ehefrau, die ihn bei seinen politischen Aktivitäten kräftig unterstützt hatte, erstellen, weswegen man es auch das nordische Taj Mahal genannt hat. Es dürfte allerdings, worauf schon der Name „Ashton Memorial“ hindeutet, eher der Sicherung seines eigenen Andenkens und der Bestimmung seines sozialen Status’ gedient haben. Der gut vernetzte Mann war im Jahre 1895 von Königin Victoria als Baron Ashton in den Adelsstand gehoben worden, ein Titel, welcher von dem Herrenhaus gleichen Namens unweit von Lancaster abgeleitet wurde. Das aus dem Mittelalter stammende, neogotisch umgebauten Gemäuer, hatte er ein Jahr zuvor wohl zur Vorbereitung dieses gesellschaftlichen Aufstieges erworben, aber nie bewohnt – (eine solche Verbindung von Herrenhaus und Adelstitel wird in England gerne praktiziert, weswegen die entsprechenden Standespersonen in Registern und Nachschlagewerken gerne mit dem Zusatz „of xy house“ vermerkt werden). Man munkelte übrigens wie im Falle von Lord Castlemaine, dass Williamson dieser Aufnahme in die Peerage of England eine großzügige Spende an seine Liberal Party, wie die Partei der Whigs inzwischen hieß, vorangegangen sei, die mit dem Langzeitpolitiker William Gladstone – er hatte nicht weniger als dreiundsechzig Jahre lang ein Unterhausmandat – seinerzeit die Regierung stellte. Lord Ashton hatte überhaupt ein Faible für großkalibriges Andenken. Der Königin Viktoria (und ihrer freundlichen Tat) gedachte er in Lancaster mit dem Bau eines für die Kleinstadt einigermaßen überdimensionierten Denkmals, um dessen Sockel ein Fries aus nahezu lebensgroßen Figuren von dreiundsiebzig englischen „worthys“ der viktorianischen Zeit lief, zu denen er neben Gladstone auch sich selbst zählte. Auch mit dem nicht weniger überdimensionierten Rathaus von Lancaster, das er auf seine Kosten baute, verewigte er sich in seiner Heimatstadt.

Das Ashton Memorial ist, wie das Rathaus von Lancaster und viele zu Anfang des 20. Jahrhunderts erstellte öffentliche Gebäude Englands im Edwardian Baroque gebaut, dem Monumentalstil, mit dem sich das Weltreich nach der Neogotik bevorzugt präsentierte. Das ebenfalls rückwärtsgewandte Bauidiom, in dem sich französischer Barock und die Bauweise Christopher Wrens mischen, steht in bemerkenswertem Gegensatz zum innovativen Jugendstil, der sich zeitgleich auf dem Kontinent ausbreitete und international als Art Nouveau, also als die neue Kunst bezeichnet wurde. Unter der Kuppel des Memorials, die an St. Paul in London und letztlich an den Petersdom in Rom erinnert, finden sich die allegorischen Statuen der vier englischen Kardinaltugenden: Wissenschaft, Handel, Industrie – und Kunst (!).

Wie angekündigt will ich nun noch einen Schnelldurchgang durch die restliche Geschichte von Osterley House und seiner Besitzer bis in die neuere Zeit absolvieren.

Nicht zuletzt durch den Besitz des prachtvollen Landhauses waren die Childs in der Lage, einen Platz in der obersten Etage der englischen Gesellschaft einzunehmen, und dies war ohne Zweifel auch das Ziel, das man anstrebte. Robert Child, der Osterley House in seiner heutigen Gestalt erbaute, stand in bürgerlichem Stolz der titulierten Oberschicht aber dennoch mit einer gewissen Skepsis gegenüber, vermutlich weil er sie als finanziell unseriös empfand. Das zeigte sich, als er sich im Jahre 1782 in der Situation sah, sich vor unerwünschter Verwandtschaft aus diesen Gesellschaftsrängen retten zu müssen, eine Lage in der sich, wie oben geschildert, mit umgekehrten Vorzeichen Elisabeth I. im Falle der Schwestern Grey befand, als sie ihren Status durch familiäre Eindringlinge von unten bedroht sah. Robert Child hatte eine Tochter namens Sarah Anne, die ausweislich der Gemälde, welche die Prominentenmaler Josua Reynolds, Daniel Gardner und George Romney von ihr schufen, bildhübsch war – in ihrem Fall scheint das Klischee von reich und schön zugetroffen zu haben (allerdings kommen die Damen der High Society, welche die englischen Gesellschaftsmaler des 18. Jahrhundert massenhaft auf die Leinwand bannten, durchgehend auffällig gut weg). Ähnlich wie die unglücklichen Schwerstern Grey war auch Sarah Anne nicht bereit und in der Lage, ihre Liebesgefühle zugunsten von Ehekonventionen und dynastischen Rücksichten zurückzuhalten, weswegen sie im Alter von siebzehn Jahren mit einem ebenfalls ansehnlichen Spross der alten Adelsfamilie Westmorland zum Zwecke der ungenehmigten Eheschließung durchbrannte. Da sie als einziges Kind von Robert Child seine alleinige Erbin werden würde, bestand daher, wie im Falle von Lady Catherine und dem Earl of Mornington, die Gefahr, dass die Adelsfamilie durch Heirat Zugriff auf das Familienvermögen und damit auch auf Osterley House erlangen könnte. Robert und seine Frau, die eine Vereinigung mit den Westmorlands auch deswegen ablehnten, weil sie in bürgerlichem Stolz den Familiennamen erhalten wollten, versuchten die beiden Ausreißer auf dem Weg zu einem Pfarrer, der sie heimlich trauen sollte, noch zu verfolgen, wurden aber abgeschüttelt, sodass die jungen Leute bis in das Dorf Gretna Green jenseits der schottischen Grenze flüchteten konnten, wo Ausreißerehen gerne geschlossen wurden, da hier ein anderes Recht als in England galt, insbesondere Ehen mit Minderjährigen leichter gültig waren. Dort wartete in einem Bierhaus schon ein Geistlicher, vor dem die beiden hastig den Ehebund schlossen. Die finale Regelung der unerwünschten Verbindung erfolgte schließlich anders als seinerzeit im Königshaus auf bürgerlichere Weise – zwar war auch hier ein Todesfall zu beklagen; es handelte sich aber nur um ein Pferd, das bei der Verfolgungsjagd erschossen wurde – auf die näheren Umstände, unter denen dies geschehen sein soll, werde ich noch zurückkommen. Robert Child stimmte nachträglich einer „richtigen“ Eheschließung zu, sorgte aber mit zivilen Mitteln, namentlich durch Änderung seines Testamentes dafür, dass die Familie Westmorland keinen Zugriff auf Osterley House und das Familienvermögen mit der Bank erlangen konnte. Zu diesem Zweck schloss er Sarah Anne von der Erbfolge aus und bestimmte, dass das Vermögen der Childs an ihr zweites Kind gehen solle, das nicht Erbe der Westmorlands sein würde. Außerdem knüpfte er die Erbberechtigung an die Bedingung, dass die künftigen Erben bei allen Gelegenheiten ausschließlich den Namen „Child“ benutzen. Nur wenige Wochen nach der legalisierten Heirat ist Robert Child dann im Alter von nur dreiundvierzig Jahren gestorben, an einem trotz der Bereinigung der Verhältnisse gebrochenen Herzen, wie berichtet wird. Immerhin hat er erreicht, dass seine Nachkommen bis heute, wenn auch inzwischen nicht mehr uneingeschränkt, den Namen „Child“ tragen. Er wurde, wie bei Herrenhausbesitzern nicht selten, in der lokalen Dorfkirche beigesetzt. Sein Grabmal, das sich in St. Leonard in Heston unweit von Osterley House befindet, hat Robert Adam entworfen (am gleichen Ort ist übrigens auch der von Horace Walpole erwähnte Naturforscher Josef Banks begraben).

Osterley House und das Childvermögen gingen, wie von Robert Child bestimmt, an die übernächste Generation, wo es aber nicht weniger von adeliger Neigung zu einer verschwenderischen Lebensführung bedroht war. Das Anwesen entging dabei nur knapp dem Schicksal, welches Wanstead House zur gleichen Zeit ereilte. Erbin war nach dem frühen Tod von Sarah Anne im Jahre 1793 ihre Tochter Sarah Sophia, die zum Zeitpunkt des Erbfalls erst acht Jahre alt war. Als sich der Zeitpunkt ihrer Volljährigkeit und damit der des wirtschaftlichen Erbantritts näherte, bemühte sich der künftige 5. Earl of Jersey um die reiche junge Dame. Der Earl war ein Mitglied der weit verzweigten Familie Villiers. Dieser Clan gehörte zum ältesten Adel der Insel und konnte einen Stammbaum vorweisen, der bis nach Frankreich in die Zeit vor der Eroberung der Insel durch die Normannen zurückreichte, was im geschichtsbewussten England höchste Würde bedeutete (und tendenziell noch immer bedeutet). Angehörige des Clans haben sich nicht zuletzt durch erotische Eskapaden auf höchster Ebene einen Namen gemacht. Nicht nur Willhem III. hatte eine Mätresse aus diesem Hause, die bereits erwähnte Elisabeth Villiers, um die sich John Law duelliert hatte. Einige Jahre zuvor hatte sich Karl II. ebenfalls für ein Mitglied dieser Familie entschieden. Barbara Villiers war, wie aus einem Gemälde Peter Lelys ersichtlich, eine ausgesprochene Schönheit und war die berühmteste der zahlreichen Mätressen des Königs. Wegen ihr wurde übrigens der Titel Adelstitel Castlemaine geschaffen, den sich später Richard Child von Wanstead House erkaufte. Damit stellte man Babaras Ehemann ruhig und stellte zugleich die Versorgung der fünf Kínder sicher, welche der potente Monarch mit der attraktiven Dame gezeugt hatte.

Die Childs hatten zu den Villiers, wie ich schon mehrfach angedeutet habe, seit über einem Jahrhundert ein latente Beziehung, die sich nun in der Vereinigung der beiden Familien vollenden sollte. Das Verhältnis begann, als hätte der Dynastiegründer Francis I. den künftigen Zusammenschluss geahnt, mit dem Kauf der beiden Bilder von Rubens im Jahre 1697, welche George Villiers als den 1. Herzog von Buckingham abbildeten beziehungsweise glorifizierten. Was Francis an diesem Günstling und Liebhaber von Jakob I., der sich auch unter dessen Nachfolger Karl I. zunächst behaupten konnte, faszinierte, ist schwer nachzuvollziehen. Möglicherweise war es der kometenhafte Aufstieg des Mannes, der es vom einfachen königlichen Tänzer aus niederem Adel zur ranghöchsten und einflussreichsten Person Englands nach dem König schaffte. Buckinghams Person und Leistungen waren aber alles andere als unproblematisch. Die (außen)politischen Initiativen und militärischen Aktivitäten, die er tätigte, waren meist erfolglos, wenn nicht gar verheerend. Sein größter Vorzug scheint seine vielfach gerühmte Schönheit und körperliche Eleganz gewesen zu sein – ein Bischof beschrieb ihn als den „bestgebauten Körper Englands“ und bewunderte, wie offenbar auch Jakob I., seine kompakten Lenden. Sinnigerweise hatte er auch auf dem Weg an die Spitze der höfischen Rangordnung den Posten eines „Gentleman of the Bedchamber“ inne. In der Bevölkerung war der Herzog, der sich und seine Familie unter Ausnutzen seiner Beziehung zum Königshaus hemmungslos bereicherte, so verhasst, dass man seinen Arzt, dem man einen diabolischen Einfluss auf ihn nachsagte, auf offener Strasse zu Tode mobbte, und den Offizier, welcher den sechsundreißigjährigen Herzog aus beruflichem Frust erschoss, als Held feierte.

Vielleicht faszinierte Francis Child auch die Art, wie sich der Duke mit Hilfe der Kunst zu stilisieren wusste, als deren Patron er sich etwa auf einem anderen großen Gemälde in der Gestalt des Gottes Merkur darstellen ließ. Villiers war ein glänzender Tänzer und veranstaltete viele „masques“, die beliebten höfischen Tanzveranstaltungen, bei denen in antik mythologischem Gewand allerhand putzige Spiele und nicht zuletzt politische Intrigen inszeniert wurden – er selbst war im Alter von zwanzig Jahren von oppositionellen Höflingen als Tänzer in die Umgebung Jakobs I. eingeschleust worden, um einen ihnen missliebigen Favoriten auszustechen. Auch sonst nutzte der Emporkömmling die Kunst zu politischen Zwecken. Er beauftragte die besten – niederländischen – Maler der Zeit damit, Portraits von ihm zu fertigen und sorgte dafür, dass diese in Form von Kupferstichen unter das Volk kamen, eine barocke Art des politischen Marketings, die er im Übrigen durch Lancieren von gedruckten Lobeshymnen ergänzte. Um die Gerüchte über eine homoerotische Beziehung zu Jakob I. zu konterkarieren, ließ er sich und seine Frau von Van Dyck mehr oder weniger unbekleidet als Venus und Adonis, den göttlichen Symbolfiguren für Heterosexualität, abbilden. Bei Rubens gab er das genannte monumentale Reiterbild in Auftrag. Darauf ist er in triumphaler Pose als siegreicher Admiral abgebildet, eine Darstellung, welche mit der Wirklichkeit allerdings nicht viel zu tun hatte. Bar jeder Bescheidenheit ist auch das riesige Deckenbild, welches er von Rubens für sein Stadthaus bestellte. Darin steigt er im Stile einer „masque“ eskortiert von Minerva und Merkur in den himmlischen Tempel der Tugend auf, wo ihm die drei Grazien – nackt und rubensmäßig opulent – eine Blumengirlande überreichen, während der böse Neid ihn mit finsterer Mine herunterzuziehen versucht. Rubens, der seine Arbeit mit professioneller Distanz auftragsgemäß erledigte, war von der Person des Herzogs persönlich allerdings nicht so begeistert. Er notierte, er sei arrogant und kapriziös und sagte, wie gesehen richtig, voraus, dass er sich auf einen Abgrund zu bewege. Alexandre Dumas hat den Herzog später in „Die drei Musketiere“ zur Romanfigur gemacht.

Zwei Generationen später suchte Francis III., wie erwähnt, die Nähe zu den Villiers durch den Erwerb der Bibliothek aus dem Hause Fairfax, in das der 2. Herzog von Buckingham eingeheiratet hatte. Deren Londoner Anwesen „Cardigan House“ grenzte an das Stadthaus der Childs in Lincoln’s Inn Fields an. Von diesem Mitglied des Villiers-Clan stammten, wie geschildert, die silbernen Gegenstände, die über Stowe schließlich in Osterley House landeten. Der Charakter des 2. Duke of Buckingham, der ebenfalls zu den einflussreichsten und reichsten Personen seiner Zeit gehörte, war noch fragwürdiger als der seines Vaters. Der Adelige war ein berüchtigter „rake“, ein Schürzenjäger, Intrigant, politischer Abenteurer und Schuldenmacher und nicht, wie sein Vater, Opfer sondern Täter einer Bluttat – er erschoss im Duell den Ehemann seiner Mätresse Lady Shrewsbury, eine Nymphomanin, für die sich zuvor schon einmal zwei Gentlemen mit tödlichem Ausgang duelliert hatten. Im englischen Bürgerkrieg musste der Duke, der sich in der republikanischen Cromwellzeit an royalistischen Aufständen beteiligt hatte, in die Niederlande fliehen, wo er, um seine Umtriebe zu finanzieren, die Gemäldesammlung seines Vaters verkaufte, welche ihm ein treuer alter Diener nachgesandt haben soll, darunter die beiden Rubensgemälde, welche Francis Child einige Jahre später dort erwarb.

Und nun, wieder zwei Generationen später, hatten es die Childs erneut mit den Villiers und diesmal nachhaltig zu tun. Sarah Sophia konnte ihrer offenbar erblich bedingten präpotenten Veranlagung und der sich bietenden Chance, durch eine Einheiraten in den Clan der Villiers in die erste Reihe der englischen Gesellschaft aufzusteigen, nicht widerstehen, zumal sie einem entsprechenden Lebensstil keineswegs abgeneigt war. Kaum dass sie volljährig war, beeilte sie sich, die Ehe mit dem dreizehn Jahre älteren George Villiers, seinerzeit noch Earl in spe, einzugehen. Die Verbindung war dem Hochadeligen so wichtig, dass er die Kröte, welche Robert Child II. ihm zu schlucken gegeben hatte, akzeptierte und seinen seit fast einem Jahrtausend unversehrten Familiennamen um den profanen Zusatz „Child“ ergänzte. Damit hatte George Child-Villiers mittelbar Zugriff auf das immense Vermögen seiner jungen Gattin. Zwar hatte Robert Child, der die Gefahren voraussah, welche aus der Vermischung von menschlicher Zuneigung und Liebe zum Geld resultieren, testamentarisch verfügt, dass das Familienvermögen lebenslang im Besitz seines Erben zu verbleiben habe und von Treuhändern der Familie zu verwalten sei. Dennoch wurde davon alsbald mit enormem Aufwand Middleton Park, der Landsitz der Earls of Jerseys in Oxfordshire, neu gebaut. Dort ging der Earl dem nicht eben Kapital bildenden adeligen Vergnügen des Pferderennsports samt Wetten und der Fuchsjagd nach, eine Beschäftigung, welche die Societykünstler in unzähligen Gemälden und kolorierten Stichen abbildeten, mit denen man in den Herrenhäusern bevorzugt Nebenzimmer ausstaffierte. Lady Sarah Sophia unterhielt unterdessen ihrerseits im 60-Zimmer Stadthaus der Childs am Berkeley Square, das ihr Großvater Robert Child II. erworben und Robert Adam ausgestattet hatte, einen nicht weniger Kapital vernichtenden täglichen Salon, in dem alles ein- und ausging, was in der englischen Gesellschaft Rang und Namen hatte. Da sie mit ihrem resoluten Wesen die Zusammenkünfte dominierte, nannte man sie bald „Queen Sarah“, wegen ihrer überbordenden Redseligkeit aber in kontrapunktischer Ironie auch „Silence“. Einer der LieblingsPremierminister Königin Viktorias, Benjamin Disraeli, welcher, wie so viele englische Politiker, auch ein erfolgreicher Schriftsteller war, hat dieser prononcierten Persönlichkeit in seinem Roman „Endymion“ ein Denkmal gesetzt.

Darüber hinaus engagierte sich die Aufsteigerin auf einem Markt, auf dem es, wiewohl es dort nicht nur viel um Geld sondern mitunter auch um viel Geld ging, nichts zu verdienen gab. Sie war eine beherrschende Figur in „Almack’s“, einem der ersten englischen Gesellschaftsclubs, dem beide Geschlechter angehören konnten. Diese Institutionen hatten im sozialen Leben Englands eine erhebliche Bedeutung, da sie für die oberen Schichten praktisch die einzige Alternative zum Zusammentreffen in ihren Residenzen waren. Lady Sarah gehörte zu den mächtigen sechs Patronessen dieses Etablissements, das fast so exklusiv wie der königliche Hof und für die heiratsfähigen Mitglieder der „besseren“ Gesellschaft sogar nicht selten wichtiger als derselbe war. Das hochrangige Sextett entschied in seinen montäglichen Sitzungen unter besonderer Berücksichtigung der Manieren der Bewerber darüber, wer die wöchentlichen Tanzveranstaltungen des Clubs besuchen durfte, was den Zutritt zur High Society beziehungsweise dessen Verweigerung oder die Verstoßung aus derselben mit den entsprechenden Konsequenzen für die Beteiligung am gesellschaftlich wichtigen Heiratsmarkt bedeutete. Die etikettedefinierenden Damen waren dabei offenbar ziemlich streng. Es hieß, dass man für die Mitgliedschaft in Almack’s eine höhere Qualifikation benötige, als sie die meisten Menschen haben, denen der Zutritt zum Himmel gewährt worden sei. Interessanterweise hielt man insbesondere die Neureichen auf Distanz, zu denen die Childs spätestens seit ihrer Liaison mit den Villiers nicht mehr zählten.

Nach zehn Jahren fröhlichen Geldausgebens sah sich das lebenslustige Paar Child-Villiers genötigt, eine Inventur seiner Vermögensverhältnisse zu machen, die auch unter den schwierigen Wirtschaftsverhältnissen in der Zeit der napoleonischen Kriege gelitten hatten. Dabei stand insbesondere Osterley House zur Disposition, das der Earl aus irgendeinem Grunde hasste und das daher, wiewohl sein Unterhalt eine Menge Geld kostete, seit Langem kaum mehr genutzt wurde. Um das Einsparpotential zu eruieren, holte man ein Gutachten ein, das zu dem Ergebnis kam, dass man das Anwesen entweder an eine geeignete Person verpachten, oder, wenn dies, wie wahrscheinlich, nicht möglich sei, das „House“ abreißen, das Grundstück parzellieren und die Teile à la Barbon zum Bau von Villen verleasen solle. Tatsächlich war das Haus auf dem Markt für Verpachtungen nicht unterzubringen. Was die anvisierte Zerschlagung des Anwesens anging, so hatte Robert Child II. dem einen Riegel vorgeschoben, indem er testamentarisch verfügt hatte, dass gravierende Änderungen des Status’ von Osterley House nur mit Zustimmung des Parlamentes erfolgen konnten, das in englandtypischer Vermischung von privaten und öffentlichen Angelegenheiten seinerzeit für derart zivilistische Dinge zuständig sein konnte. Daher verblieb Osterley House mehr oder weniger unverändert im Besitz der Familie. Genutzt wurde es aber weiterhin nur gelegentlich. Lady Sarah Sophia, die bis 1867 lebte, sorgte jedoch in familiärer Solidarität dafür, dass das kostbare Inventar erhalten und ergänzt wurde. Im Jahre 1870 fand sich mit einer Herzogin von Cleveland dann für eine gewisse Zeit doch noch eine Mieterin für das Haus, die, wie ein Zeitgenosse berichtete, mit einem Ebenholzstock durch das alte Gemäuer gestampft sein soll. Nach deren Tod im Jahre 1883 nahmen der 7. Earl of Jersey und seine Frau Wohnung in Osterley House. Bald darauf wurde das Haus den Eigentümer aber erneut zur Last. Seinerzeit waren der Bau und sein Inventar dringend renovierungsbedürftig und es stellte sich wieder die Frage, ob die Familie das Haus halten könne. Nun sollte sich Francis III. Investition in Bücher amortisieren. Die Familie veräußerte den immer wertvoller gewordenen Bücherschatz und konnte mit dem Erlös die notwendigen Arbeiten finanzieren. In der guten alten Zeit bis zum Beginn des ersten Weltkrieges fanden in Osterley House, wie berichtet wird, an den Wochenenden Hauspartys ähnlich denen in Woddesdon statt, an denen prominente Politiker der Conservative Party und viele Schriftsteller teilnahmen.
Im Jahre 1920 ließ die Dowager (i.e. Witwe eines Adelstitelträgers) des 7. Earl of Jersey, der 1915 verstorben war, ein Büchlein mit dem Titel „Osterley House and its Memories“ drucken, in dem sie im Plauderton als Erste zusammenhängend allerhand über die Geschichte des Anwesens zusammengetragen hat. Der Text, der „For Private Circulation Only“ herauskam, inzwischen aber öffentlich ist, will und kann keinen Anspruch auf historische Exaktheit erheben – unter anderem meint die Autorin in Verkennung der geschilderten kunsthistorischen Brisanz der Materie, dass das berühmte Etruskerzimmer ein Werk von Angelika Kaufmann sei. Die Broschüre enthält aber viele interessante Details und Anekdoten, von denen ich hier ein paar Kostproben gebe.
So berichtet die Dowager von den sehr englischen Bonmots, mit welchen sich die Höflinge beim Besuch von Königin Elisabeth in Osterley House auf Kosten des bürgerlichen Gastgebers amüsiert haben sollen. Im Zusammenhang mit der Mauer, welche Thomas Gresham über Nacht für die Königin gebaut hat, soll ein „Wit“, wie die geistreichen Pointenschmiede genannt werden, die zu jeder englischen Gesellschaft gehören, in Anspielung auf Greshams Royal Exchange die unübersetzbare Bemerkung gemacht haben; „it was no wonder that he could so soon change a building that could build a change.“ Ein anderer habe im Hinblick auf Greshams prekäre Familienverhältnisse festgestellt, „jedes Haus sei leichter geteilt als vereint“.
Ausführlich beschäftigt sich die Dowager mit der Flucht von Sarah Anne Child und dem Earl of Westmorland nach Gretna Green und teilt drei Varianten des melodramatisch-romantischen Geschehens mit, bei dem jeweils das logistische Instrumentarium eine wichtige Rolle spielte. Nach der gängigen Version schickte Robert Child, um das Paar aufzuhalten, einen Reiter voraus, dessen Pferd der Bräutigam auf energisches Drängen der Braut aus der fahrenden Postkutsche heraus erschoss, worauf Robert Child die Verfolgung aufgab und sich vorläufig in sein Schicksal fügte. Nach der zweiten Lesart, die allerdings erst rund einhundertdreißig Jahre nach dem Ereignis in einem Zeitungsartikel über die Geschichte der Ausreißer-Ehen von Gretna Green auftaucht, hielt der Earl bei Robert Child formell um die Hand von Sarah Anne an, der aber schnöde antwortete, sein, Westmorlands, Blut sei gut, aber Geld sei besser, worauf der Earl, womöglich aus dem gleichen Grund, die ungenehmigte Verbindung mit der schönen Erbin in spe in Szene setzte. Bei der Verfolgung des Paares kam es danach zu einer unmittelbaren Auseinandersetzung zwischen den Kontrahenten, wobei diesmal die andere Seite, nämlich der wütende Vater ein Pferd erschoss – das Opfer war eines der vier Rösser der Postkutsche, mit welcher das Ausreißerpaar unterwegs war. Daraufhin schnitt ein Diener des Bräutigams an der Kutsche Childs die Ledergurte durch, mit welchen die Kabinen am Fahrgestell aufgehängt waren. Während Sarah Anne und der Earl, den man „Rapid Westmorland“ nannte, das tote Pferd ausschirrten und mit drei Pferden weiterstürmten, blieb Robert Child mit seinem derangierten Vehikel bei der ersten Unebenheit des Weges hängen und musste auf die nächste Postkutsche warten, wodurch er in Gretna Green erst ankam, als die zu verhindernden Tatsachen bereits vollendet waren. In der dritten Version, die ein Nachkomme einer Vertrauten Sarah Annes, die mit in der Fluchtkutsche saß, ebenfalls erst Anfang des 20. Jahrhundert in einem Brief an den 7. Earl of Westmorland mitteilte, kommt dann wieder ein Pferd auf der Elternseite zu Schaden. Danach fiel Sarah Anne auf der Verfolgungsfahrt beim Erscheinen ihres Vaters in Ohnmacht, weswegen der Earl sich um seine Braut kümmern musste und die Pistole, die er schon gezogen hatte, der Vertrauten mit der Aufforderung zu schießen übergab, worauf dieselbe auf eines der Führungspferde Childs schoss und dieses verletzte mit der Folge, dass der Vater an der weiteren Verfolgung gehindert war. Für die erste Variante gibt es im Übrigen noch eine weitere Anreicherung aus anderer Quelle. Danach stießen die Flüchtenden unterwegs zufällig auf einen Trupp aus Westmorlands Armeeregiment, denen er den Befehl gab, unter einem militärischen Vorwand ein Hindernis zu bereiten, das die Eltern Child aufhält, was erfolgreich ins Werk gesetzt wurde.
Im Übrigen gewähren die Erläuterungen der Dowager zu einem Gemälde von Hogarth, welches sich in Osterley House befand, einen schönen Einblick in den Haifischteich, den das Wirtschaftsleben in der Mitte des 18. Jahrhundert darstellte. Auf diesem Bild waren die Partner der Childbank mit zufriedenen Mienen zu Füßen der mächtigen Duchess of Malborough abgebildet, die, umgeben von Goldsäcken, auf einem Thronsessel sitzt, über dem eine herzogliche Krone schwebt. Die Szene spielt auf ein Geschehen vom Beginn der 40-er Jahre des 18. Jahrhunderts an. Seinerzeit ärgerten sich die Akteure der Bank of England darüber, dass die Einlagenquittungen der Childs Bank zum Nennwert, die offiziellen Noten ihrer Bank aber nur mit einem Abschlag gehandelt wurden. Um den lästigen Konkurrenten, dem seinerzeit Samuel Child vorstand, in die Knie zu zwingen, kaufte die Staatsbank große Mengen an Papieren des privaten Instituts auf, um sie demselben, wie einst die Goldschmiedbänker während der Münzkrise in umgekehrter Richtung, auf einen Schlag in der Hoffnung vorzulegen, dass die Child-Bank nicht in der Lage sein würde, die Papiere wie versprochen gegen Silber einzulösen. Von diesem Plan erfuhr die in Politik und Wirtschaft bestens vernetzte Sarah Churchill, Duchess of Malborough, deren ausgeprägte Geschäftstüchtigkeit ich bereits im Zusammenhang mit dem Südsee Crash erwähnt habe (Die streitbare Lady, die mit Königin Anne eng befreundet war, bildete mit ihrem Ehemann, dem Sieger in der Schlacht von Blenheim, zu Deutsch Höchstett an der Donau, ein äußerst erfolgreiches polit-ökonomisches Duo, das zeitweilig zu den einflussreichtsten Figuren der englischen Politik mit entsprechenden privaten Zugewinnen gehörte. Nach dem Tod des Herzogs im Jahre 1722 war diese Dowager, die ihren Gemahl um mehr als zwei Jahrzehnte überlebte, eine der reichsten Frauen Europas, wovon Blenheim Palace zeugt, dessen stockenden Bau sie nach allerhand Querelen mit dem Architekten Vanbrugh vollendete. Welchen Ruf die Duchess genoss, zeigt eine Bemerkung, die von einem Zeitgenosen überliefert ist. Viscount Windsor, der selbst eifrig auf dem Stufen der Adelsleiter samt den dazugehörigen Positionen am Hof und im Parlament turnte, stellte im Zusammenhang mit den Gerüchten, dass Richard Child für 10.000 Pfund von Königin Anne den Adelstitels „Castlemaine“ erwerbe, fest: „Das ist zu früh wie die Duchess von Malborough zu sein, alles für Geld zu tun, einen Mann, der kein Gentleman ist, zu einem Lord zu machen.“
Die Herzogin nun warnte Samuel Child, mit dem sie befreundet war, vor der Attacke der Bank of England und schmiedete mit ihm in schichtenübergreifender Koalition eine Antwort nach dem Motto Angriff ist die beste Verteidigung. Die beiden drehten den Spieß kurzerhand um und kauften à la Blunt in großem Stil Noten der Staatsbank. Die nötigen Mittel hierzu stellte weitgehend die Duchess zur Verfügung, die offenbar sehr flüssig war. Mit diesen Noten zahlte man die Bank of England aus, als diese die Childpapiere vorlegte. Da die Bank ihre eigenen Noten zum Nennwert akzeptieren musste, diese aber von Child und Co. mit dem Abschlag erworben worden waren, welcher der Grund für die ganze Manöverei war, machten Samuel Child und die Duchess einen hübschen Gewinn. Letztere freute sich im Übrigen auch noch darüber, dass sie der damaligen Regierung, mit der sie über Kreuz lag, eins auswischen konnte.
In den beiden Weltkriegen stellten die Jerseys ihr „house“, wie viele Herrenhausbesitzer, in patriotischer Gesinnung der Nation zur Verfügung. Im ersten Krieg wurden Teile des Parks als Trainingscamp für motorisierte Waffensysteme genutzt, im zweiten war im Haus selbst eine Heimatschutzschule untergebracht. Danach wurden hier Kriegsversehrte gepflegt. Als die City von deutschen Bombern attackiert wurde, verlegte man auch die Geschäftsräume der Child Bank in das Landhaus, womit „negotium“ und „otium“ zeitweilig gänzlich unter einem Dach stattfanden. Mit dem Untergang des British Empire und dem nicht zuletzt dadurch bedingten Niedergang der englischen Wirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg endete auch in Osterley House die herrenhäuserliche Herrlichkeit. Wie viele Eigentümer von stately homes übergab der 9. Earl of Jersey das Anwesen dem National Trust und begründete dies unter Anspielung auf die langen Wege innerhalb des Landsitzes, insbesondere von der Küche, die in den ausgedehnten Katakomben des Untergeschosses untergebracht war, in die Wohnräume, mit typisch englischem Humor damit, dass „das Haus zwölf ausgebildete Beschäftigte braucht, um mir morgens ein gekochtes Ei zu bringen und das Ei war immer kalt, wenn es bei mir ankam.“ Damit zogen sich die Jerseys weitgehend vom englischen „Festland“ zurück und verlegten ihren Lebensmittelpunkt auf das Territorium, von dem sie seit der Zeit Wilhelm III. ihren Adeltitel bezogen, jenes Eiland im Ärmelkanal, das mit einer merkwürdigen staatsrechtlichen Konstruktion irgendwie zu Großbritannien, nämlich direkt zur Krone gehört, sich aber so viel Selbständigkeit bewahrt hat, dass es dem erfinderischen ökonomischen Gestaltungsgeist Englands außerordentlich weite, um nicht zu sagen zweifelhafte Betätigungsmöglichkeiten bieten kann. Das Mobiliar von Osterley House verblieb im Wesentlichen im Haus, vermutlich weil man es inzwischen als unzeitgemäß und unbequem empfand, die zeitlos wertvollen Gemälde aber verbrachte man nach Jersey. Die kostbare Sammlung hat diesen – vierten – Umzug nicht überstanden. Sie verbrannte in einem Lagerhaus noch bevor sie ihr neues Domizil erreicht hatte – „alas poor Lorrain“ hätte Laurence Sterne wie im Falle des Todes von Yorick in Tristram Shandy gesagt und in den Text eine schwarze Seite eingefügt. Immerhin konnte das große Deckengemälde von Rubens im Treppenhaus von Osterley House an Hand der originalen Entwurfsskizze rekonstruiert werden, die sich in der National Gallery befand. 1951 wurde der Park, 1953 auch das Haus für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und erfreut sich seitdem großer Beliebtheit bei den Londonern Garten- und Kunstliebhabern und Besuchern aus aller Welt.

Auf einem Gemälde des 18. Jahrhunderts von Antony Devis, der viele romantische Landhausbilder und nicht zuletzt für das berühmte Froschservice von Wedgewood für Katharina die Große malte, ist Osterley House im Stile von Claude Lorrain verwunschen im seinem Park vor einem unendlich weiten, verglühenden Abendhimmel lagernd abgebildet, im Vordergrund der See, in dem sich das milde Abendlicht und die prächtigen Bäume spiegeln, und ruhig grasende Kühe – ein Bild heiteren Friedens, so wie die geschäftigen Bankiers das Leben in ihrem ländlichen Refugium dargestellt wissen wollten. Inzwischen ist jedoch die Riesenstadt an Haus und Park herangewachsen und hat das Anwesen in ähnlicher Weise vollständig eingeschlossen, wie die Geschäftshäuser die mittelalterlichen Kirchen Londons. Mitten durch den Park führt eine Autobahn. Und nur wenig weiter westlich liegt Londons größter Flughafen. Seitdem ist die idyllische Ruhe dahin, die hier geherrscht haben muss, wenn man einmal von Barbons Gläubiger abschreckendem Touwabu absieht oder nicht gerade Feste oder Fuchsjagden stattfanden. Aber es gibt noch immer einen Park von beachtlicher Weite, in dem sich die Bewohner einer Stadt entspannen, in welcher die Boden- und Hauspreise, wie einst die Aktien der South Sea Company in den ökonomischen Illusionsraum wachsen und daher die Wohnverhältnisse immer beengter werden.

Den Schlussstein in meinem Erzählgebäude soll eine Figur bilden, in der wie von einem Brennglas konzentriert eine ganze Reihe von Aspekten meiner Geschichte versammelt sind. Auch dabei geht es um ein „house“, wenn auch um kein Landhaus, und um dessen außergewöhnliche Ausstattung sowie nicht zuletzt auch um Piranesi. Bei dieser Person handelt sich um den bereits erwähnten großen Regency Architekten John Soane, der von 1753 bis 1837 lebte. Was die Wirtschaft betrifft, die in meiner Erzählung im Vordergrund stehen sollte (was nicht immer gelang und auch nicht gelingen konnte), so ist Soane als Erbauer des Gebäudes der Bank of England im Zentrum der City mit von unserer Partie. Es ist sein Hauptwerk, mit dem er über fast ein halbes Jahrhundert befasst war (ein Nebenwerk Soanes aus der Kategorie Staatsarchitektur ist übrigens die Ausstattung einiger Räume von Nr. 10 Downing Street; eine unbeabsichtigte posthume Nebenwirkung ist die Dachgestaltung der roten Telefonzellen, die zu so etwas wie einem Markenzeichen der Insel werden sollten – sie sind dem Abschluss des Mausoleums nachempfunden, das Soane für sich und seine Familie entworfen hat). In Sachen Kunst ist Soane durch den Bau der ersten eigenständigen Gemäldegalerie Englands, der kleinen aber feinen Dulwich Picture Galerie im Süden Londons dabei, in der sich manche Bilder herrenhäuserlichen Geschmacks, nicht zuletzt, wie nicht weiter verwunderlich, auch solche von Lorrain und den beiden Poussins befinden. Natürlich baute Soane auch Herrenhäuser. Unter anderem war er mit der Erweiterung von Stowe beauftragt. Des Weiteren war er ein großer Romenthusiast und als solcher hatte er auch mit Piranesi zu tun, der ihn stark beeinflusste – er hat den Italiener kurz vor dessen Tod auf der Grand Tour kennen gelernt und viele seiner Stiche mit nach England gebracht. Er war außerdem im Besitz von fünfzehn der äußerst raren und wertvollen originalen Tuschezeichnungen Piranesis, Vorzeichnungen für die zwanzig Radierungen der Tempel von Paestum (von denen sich, ebenso wie von den Carceri, eine in meinem Besitz befindet). Wie bei den Childs war Soanes Stadthaus in Lincoln’s Inn Fields, dem größten innerstädtischen Platz Londons, der ziemlich genau in der Mitte zwischen Westminster und der City liegt. Dieses baute er im Laufe der Zeit zu einem der originellsten Sammlerdomizile der Welt aus. In dem äußerlich unscheinbaren Haus, das heute ein Museum ist und zu den Geheimtipps unter den Londoner Sehenswürdigkeiten gehört, fndet man ein grandioses Sammelsurium von allen möglichen Requisiten, Modellen, Ornamenten und sonstigen architektonischen Artefakten, darunter viele teils originale, teils abgegossene Stücke aus der Antike, aber auch unzählige andere Kuriositäten, Skurrilitäten und Sammlerstücke aller Art und Kulturen vom altägyptischen Sarkopharg über präkolumbianische Keramik bis zum damals zeitgenössischen Gemälde. All das ist auf engstem Raum in einer Weise scheinbar chaotisch zusammenwürfelt, welche an die rätselhaften, von allerhand Utensilien angefüllten Capricien Piranesis oder, wie meine Erzählung, an dessen Carceri erinnert, welche zumindest für die verschachtelten, mit allen möglichen Objekten angefüllten Katakomben des Hauses Pate gestanden haben dürften. Die Anordnung der Sammlungsstücke ist allerdings nur scheinbar chaotisch. Ihr liegt ein ausgeklügeltes Konzept im Sinne eines Gesamtkunstwerkes zu Grunde, das Soane ständig ergänzte und optimierte, und das er, wie übrigens auch Horace Walpole betreffend seine Sammlung, detailliert beschrieben hat. Soane wollte diese Komposition unbedingt unangetastet wissen, weshalb er ihre Erhaltung zur Bedingung für die Schenkung seiner Sammlung an den Staat gemacht hat. Das Haus – eigentlich sind es drei miteinander verbundene Häuser – befindet sich daher, wie Osterley House, im Wesentlichen in dem Zustand, in dem es sein Schöpfer hinterlassen hat.

Aber nicht nur die besondere Struktur dieses Hauses ist der Grund dafür, dass ich es heraushebe. Wir treffen hier jede Menge Bekanntes und Bekannte. Die Häufung der Bauornamente erinnert an Piranesis Kaminwerk, dessen phantastische und mitunter skurrilen Phantasieobjekte, die zu seinen Lebzeiten kaum in reale Objekte umgesetzt wurden, übrigens in einer Ausstellung des Museums einmal in 3D Projektionen präsentiert wurden. Von Christopher Wren gibt es ein Skizzenbuch, von Antonio Zucchi zwei Landschaften mit Ruinen und von Robert Walpole einen Schreibtisch. Die jugendliche Lady Hamilton ist mit einem schwülen Bild von Joshua Reynolds vertreten, auf dem sie unter dem Titel „Die Schlange im Gras, oder Liebe und Schönheit“ ihrem Ruf entsprechend ziemlich freizügig, nämlich barbusig dargestellt ist. Vom gehörnten Gatten William Hamilton selbst enthält die bedeutende Büchersammlung die vulkanologische Schrift über die Phlegräischen Felder. Mit dem mittelalterlich skurrilen „Monks Parlor“ in den Katakomben, dem Mönchssalon eines angeblichen Bruders Giovanni (ein Eponym für John Soane), macht sich der Bauherr offensichtlich über die inzwischen ausgebrochene Gotik-Mode lustig, deren Vorläufer Horace Walpole war.

Was die Champions von Osterley House betrifft, so besitzt das Museum rund 800 Zeichnungen und eine Büste von William Chambers und fast alle nachgelassenen Skizzen und Pläne von Robert Adam, rund 9000 an der Zahl, die Soane bei Christies ersteigerte, wo er Dauergast war. Unter letzteren befinden sich die ersten Entwürfe für Osterley House einschließlich der Inneneinrichtung – dazu gehört auch die Zeichnung eines Wandpaneels für das etruskische Zimmer, der von Mrs. Child gestickt wurde. Diverse architektonische Muster aus dem Besitz von Adam sowie Bilder und Zeichnungen von Clérissau sind ebenfalls Teil der Sammlung.

Ein Hausheiliger ist William Hogarth, von dem sich Soane die Originale der erwähnten Bilderzyklen „The Rakes Progress“, „Marriage à-la-mode“ und „An Election“, alles Hauptwerke der englischen Kunstgeschichte, sichern konnte. Praktisch ein Monopol hat das Museum für das graphische und malerische Werk von Josef Gandy, der lange Jahre für Soane arbeitete. Gandy, ein wirtschaftlich wenig erfolgreicher Architekt, der zwei Mal im Schuldgefängnis landete, schuf visionäre, stark von Piranesi beeinflusste Architekturphantasien, die in ihrer Großartigkeit an seinen Zeitgenossen John Martin erinnern, welcher den imperialen Monumentalismus Englands künstlerisch auf den Höhepunkt geführt hat (unübertroffen: „Der Tag seines Zorns“ in der Tate Gallery). Seine Bilder weisen aber auch impressionistische Effekte auf, wie man sie von Englands Jahrhundertkünstler William Turner, einem Altersgenossen Gandys, kennt, von dem die Sammlung Soanes auch einige Werke hat. Auf vielen Bildern Gandys erscheinen die Bauten Soanes in diversen Kontexten, u.a. auch, wie bei Giovanni Paninis Galeriebildern der römischen Mirabilien, in einem Gemälde versammelt. Eines der eindrucksvollsten ist eine Ansicht der Bank of England in Ruinen aus der Vogelperspektive, die an das berühmte Bild „Die Große Galerie des Louvre in Ruinen“ von Hubert Robert erinnert, das sich in eben dieser langen Galerie des Pariser Museums befindet. Es ist als habe Gandy die Zerstörung des Soane-Baus durch die Überbauung im 20. Jahrhundert vorausgeahnt.

Soane hat sein Museum im Laufe der Zeit immer wieder um- und ausgebaut, um seine ständigen Neuerwerbungen unterzubringen. Dennoch platzte das Haus, in dem sich ja auch noch seine standesgemäße Wohnung und sein Büro befanden, aus allen Nähten. Für die platzraubenden Bilder hat er daher eine äußerst originelle Lösung erfunden. Sie sind in dem kaum dreißig Quadratmeter großen Galerieraum nach Art eines aufklappbaren Flügelaltars teilweise hinter einander gestaffelt. Dort befinden sich auch die Prunkstücke der Gemäldesammlung, drei große Venedig-Ansichten von Canaletto, dessen außerordentlich suggestive, geradezu photographisch exakten Gemälde auf dem englischen Markt sehr gefragt waren (weswegen der Maler auch auf die Insel kam, dort zehn Jahre blieb und sehr genaue Ansichten englischer Städte hinterließ, darunter eines, welches vor dem großartigen Hintergrund von St. Pauls das außerordentliche Gepränge einer Lord Mayor Show auf der Themse in ähnlich barocker Pracht und Fülle zeigt wie den Aufzug des Dogen auf dem Canale Grande in den Bildern, die er von seiner Heimatstadadt malte). Canalettos Bilder waren allerdings für die Prunkräume von Herrenhäusern gedacht, woher Soanes Exemplare auch kamen. Die Platzierung in seinem engen „Picture Room“ hat, wie das ganze Haus, etwas Spleeniges, was die Engländer bekanntlich nicht nur nicht scheuen, sondern in ähnlicher Weise lieben, wie ihre besondere Rolle im Konzert der europäischen Staaten.

Mit dem Erbauer der Bank of England ist der Schlussstein im meinem Erzählgebäude gesetzt. Ich komme daher tatsächlich zum Ende meiner herrenhäuserlichen Reise durch die englische Wirtschafts- und, wie ich nun ergänzen muss, Kulturgeschichte. Es war, wie zu Anfang angekündigt, windungsreich und abenteuerlich. Der Strom der Erzählung hat sich mit der ihm eigenen Dynamik durch die weiten Ebenen des (Wirtschafts-)Lebens ergossen und drängte in einer Weise, die dem Leser hier und da unkontrolliert erscheinen mochte, mal in diese mal in jene Richtung. Er hat dabei Höhen des gesellschaftlichen Lebens passiert, wurde aber – seiner liquiden Natur entsprechend – in besonderem Maße in seine Niederungen gezogen. Jetzt geht er auf im Ozean der Kulturgeschichte, womit er sich endgültig einer geordneten Darstellung entzieht.

Personenregister
Sofern nicht anders vermerkt, handelt es sich um Engländer.

Adam, Robert (1782 – 1792)
Schottischer Architekt und Innendesigner, Schöpfer des Adamstils

Anne, Stuart (1665 – 1714)
Königin von England 1702 – 1714

Ashley Lord, 7. Earl of Shaftesbury (1801 – 1885)
Politiker, Sozialreformer, Philantroph

Ashton, Lord, siehe James Williamson

Augustus (63 v. Chr. – 14 n. Chr.)
Erster Römischer Kaiser

Aurangzeb (1618 – 1707)
Indischer Großmoghul 1658 – 1707

Banks, Robert (1743 – 1820)
Naturforscher, Weltumsegler mit James Cook

Barbon, Nicolas (1640 – 1698)
Bauunternehmer, Versicherungsgründer, Bankier, Ökonom, Arzt

Barry, James (1761 – 1806)
Irischer, in England tätiger Maler

Bentham, Jeremy (1748 – 1832)
Politiker. utilitaristischer Philosoph. Sozialreformer

Blunt, John (1665 – 1733)
Geschäftsführer der South-Sea Company

Boucher, Francois (1703 – 1770)
Französischer (Rokoko)Maler, Zeichner, Kupferstecher, Dekorateur

Brown, Lancelot „Cabability“ (1716 – 1783)
Landschaftsarchitekt

Brougham, Henry (1778 – 1867)
Politiker, Anwalt, Schriftsteller

Buckingham 1. Herzog, George Villiers (1592 – 1628)
Politiker, Favorit Karls I

Buckingham 2. Herzog, George Villiers (1628 – 1687)
Politiker, Favorit Karls II., Sohn des 1. Herzogs von Buckingham

Buckingham, 2. Herzog von Buckingham und Chandos (1797 – 1862)
Besitzer von Stowe, Kunstsammler,

Butler, Samuel (1612 – 1680)
Dichter, Autor des Versepos „Hudinbras“

Campbell, Colen (1676 – 1729)
Schottischer Architekt, Verfasser des „Vitruvius Britannicus“

Canal, Antonio gen. Canaletto (1697 – 1768)
Italienischer Vedutenmaler

Catherine Tylney-Long (1789 – 1825)
Ehefrau von William Pole-Wellesley

Cecil, William, I. Baron Burghley (1521 – 1598)
Politiker, Vertrauter Elisabeths I., Erbauer von Burghley House

Cellini, Benevenuti (1500 – 1571)
Italienischer Bildhauer und Goldschmied des Manierismus

Chambers, William (1723 – 1776)
Schottischer Architekt und Designer

Child, Francis I. (1642 – 1713)
Bankier, Goldschmied, Politiker

Child, Francis II. (1684 – 1740)
Politiker, Banker, Sohn Francis I.

Child, Francis III. (1735 – 1763)
Politiker, Bankier, Sohn Samuels

Child, Josiah (1633 – 1690)
Politiker, Kaufmann, Gouverneur der East India Company

Child, Richard, Lord Castlemaine, (1680 – 1750)
Politiker, Sohn von Josiah Child, Erbauer von Wanstead House

Child, Robert I. (1674 – 1721)
Politiker, Bankier, Sohn von Francis I.

Child, Robert II. (1739 – 1782)
Politiker, Bankier, Sohn Samuels

Child, Samuel (1693 – 1752)
Politiker, Bankier, Sohn von Francis I. ,

Child, Sarah Anne (1764 – 1793)
Tochter von Robert II.

Child-Villiers, George (1773 – 1859)
5. Earl of Jersey, Politiker, Ehemann von Sarah Sophia Child-Villiers

Child-Villiers, George Francis – siehe Jersey, 9. Earl

Child-Villiers, Sarah Sophia (1785 – 1867)
Gesellschaftsdame, Ehefrau von George Child-Villiers,

Child-Villiers, Victor – siehe Jersey, 7. Earl

Cicero, Markus Tullius (106 – 43 v. Chr.)
Römerischer Politiker, Anwalt, Schriftsteller, Philosoph

Cipriani, Giovanni Battista (1727 – 1785)
Italienischer Maler und Kupferstecher, Mitarbeiter Williams Chambers

Christie, James (1730 – 1803)
Kunsthändler, Gründer des Auktionshauses Christie’s

Churchill, John, 1. Herzog von Malborough (1650 – 1722)
Politiker, Feldherr

Churchill, Sarah siehe Duchess von Malborough

Churchill, Winston (1874 – 1965)
Politiker, englischer Premierminister 1940 – 1945 und 1951 – 1955, Schriftsteller

Clérisseau, Charles Louis (1721 – 1820)
Französischer Zeichner, Maler, Architekt

Clive, Robert (1725 – 1774)
General, Eroberer Bengalens,

Cooke, Edward (1772 – 1799)
Marineoffizier, Kapitän der „La Sybille“

Cromwell, Oliver (1599 – 1658)
Politiker, Heerführer, Diktator, Lordprotektor 1643 – 1658

Dahl, Michael (1659 – 1743)
Schwedischer (Portait)Maler, Hofkünstler in England

Defoe, Daniel (1660 – 1731)
Schriftsteller, Autor des Romans Robinson Crusoe, Journalist

Devis, Anthony (1729 – 1816)
Maler, insbesondere Landschaften mit Herrenhäusern

Dickens, Charles (1812 – 1870)
Schriftsteller, Romancier

Diogenes, von Sinope (um 410 – um 432 v. Chr.)
Griechischer Philosoph, Kyniker

Disraeli, Benjamin (1804 – 1881)
Schriftsteller, Politiker, Premierminister 1868, 1874-1880

Doré, Gustave (1832 – 1883)
Französischer Zeichner, Illustrator, Maler

Drake, Francis (1540 – 1596)
Freibeuter, Admiral

Dryden, John (1631 – 1700)
Schriftsteller, Übersetzer, Dramatiker

Dudley, Edmund (1462 – 1510)
Politiker, Vater von John Dudley

Dudley, Guildfort (1535 – 1554)
Ehemann von Lady Jane Grey, Sohn von John Dudley

Dudley, John, 1. Herzog von Northumberland (1504 – 1553)
Politiker, Defacto Regent von England von 1549 – 1553

Dudley, Robert, 1. Earl of Leicester (1532 – 1588)
Sohn von John Dudley, Politiker, Favorit Elisabeths I.

Dughet, Caspar, gen. auch Caspar Poussin, (1615 – 1665)
Italienischer heroischer Landschaftsmaler

Dumas, Alexandre (1802 – 1870)
Französischer Schriftsteller

Duncombe, Charles (1648 – 1711)
Politiker, Bankier

Edward der Bekenner (1004 – 1066)
Angelsächsich-englischer König 1042 – 1066

Edward VI., Tudor (1537 – 1553)
Englischer König von 1547 -1553

Elisabeth I. ,Tudor (1533 – 1603)
Englische Königin von 1558 – 1603

Eugen, Prince (1663 – 1723)
Feldherr aus Savoyen in österreichischen Diensten

Evance, Stephen (1655 – 1712)
Kaufmann, Goldschmied, Finanzier, Politiker

Exeter, 9. Earl, Cecil Brownlow (1725 – 1793)
Politiker, Eigentümer von Burghley House

Fontane, Theodor (1819 – 1889)
Deutscher Schriftsteller, Journalist

Franz I. (1494 – 1547)
Französischer König (1494 – 1547)

Frobisher, Martin (1535 – 1594)
Seefahrer, Entdecker

Fust, Johannes (um 1400 – 1466)
Deutscher Drucker, Mitarbeiter von Johannes Gutenberg

Gandy, Josef (1771 – 1843)
Architekt, Architekturtheoretiker, Maler, Mitarbeiter John Soanes

Gardner, Daniel (1750 – 1805)
Maler

Georg III. (1738 – 1820)
König von England 1760 -1820

Georg IV. (1762 – 1830)
König von England 1820 – 1830

Gilpin, William (1724 – 1804)
Pfarrer, Schriftsteller, Urheber der Idee des „picturesque“

Gladstone, William (1809 – 1898)
Politiker, Premierminister 1868 – 1874, 1880 – 1885, 1886, 1892 – 1894

Goldsmith, Oliver (1728 – 1774)
Irischer, in England tätiger Schriftsteller, Verfasser des „Vikar of Wakefield“,

Goethe, Johann Wolfgang (1749 – 1832)
Deutscher Dichter, Dramatiker, Politiker

Gray, Thomas (1716 – 1771)
Churchyard Dichter, Begründer der literarischen Empfindsamkeit, Gelehrter,

Gresham, Thomas (1519 – 1579)
Kaufmann, Finanzagent der Krone, Erbauer von Osterley House

Grey, Catherine (1540 – 1568)
Mitglied des englischen Königshauses mit Thronfolgeberechtigung

Grey, Mary (1545 – 1578)
Mitglied des englischen Königshauses mit Thronfolgeberechtigung

Grey, Lady Jane (1536 – 1554)
(Neuntage)Königin von England vom 10.- 19. 7. 1553,
Schwester von Catherine und Mary Grey

Guardi, Francesco (1712 – 1793)
Italienischer Maler

Gutenberg, Johannes (um 1400 – 1468)
Deutscher Drucker, Erfinder des Drucks mit beweglichen Lettern

Händel, Georg Friedrich (1685 – 1759)
Deutsch-englischer Komponist

Hadrian, Publius Aelius (76 – 138)
Römischer Kaiser 117 – 138

Hamilton, Emma (1765 – 1815)
Gesellschaftsdame, Künstlerin, Muse, Geliebte von Horatio Nelson

Hamilton, William (1730 – 1803)
Diplomat, Antikensammler, Vulkanologe, Ehemann von Emma Hamilton

Harley, Robert (1661 – 1724)
Politiker, Schatzkanzler 1710/11

Hastings, Warren (1732 – 1818)
Erster Generalgouverneur von Britisch-Ostindien

Haywood, Thomas (1573 – 1643)
Dramatiker

Hawking, Stephan (1942 – 2018)
Englischer Astrophysiker

Hawkins, John (1532 – 1595)
Seefahrer, Freibeuter

Heinrich VII. Tudor (1457 – 1509)
Englischer König von 1485 – 1509

Heinrich VIII. Tudor (1491 – 1547)
Englischer König von 1509 – 1547

Hildebrandt, Johann Lukas (1668 – 1745)
Österreichischer Architekt des Barock

Hölty, Ludwig (1748 – 1776)
Deutscher Dichter des Hainbundes

Hogarth, William ( 1694 – 1764)
(Rokoko)Maler, Kupferstecher, Satiriker

Hooke, Robert (1635 – 1703)
Universalgelehrter, Architekt, Vermesser

Jakob I. Stuart (1566 – 1625)
Englischer König von 1603 – 1625

Jakob II. (1633 – 1701)
Englischer König von 1685 – 1689

Jersey, 7. Earl, Victor Child-Villiers (1845 – 1915)
Politiker, Gouverneur von New South Wales, Australien,
Haupteigentümer der Child-Bank

Jersey, 9. Earl, George Francis Child-Villiers (1910 – 1998)
Bankier, übereignet Osterley House an National Trust

Johnson, Samuel (1709 – 1784)
Gelehrter, Lexikograph, Schriftsteller, Dichter, Kritiker

Jordaens, Jakob (1593 – 1678)
Flämischer Maler

Joyce, James (1882 – 1941)
Irischer Schriftsteller

Karolina, Erzherzogin (1752 – 1814)
Königin von Neapel , Tochter Maria Theresias, Gegenspielerin Napoleons,
befreundet mit Emma Hamilton

Katharina II. , die Große (1729 – 1796)
Kaiserin von Russland 1762 – 1796

Kaufmann, 83 (1741 – 1807)
Klassizistische Schweizer Malerin

Karl I., Stuart (1600 – 1649)
Englischer König von 1625 – 1649

Karl II., Stuart (1630 – 1685)
Englischer König von 1660 – 1685

Karl V. Habsburg (1500 – 1558)
König Spaniens und der habsburgischen Territorien,
Kaiser des Heiligen Römischen Reiches 1520 – 1556

Keynes, John Maynard (1883 – 1946)
Englischer Ökonom, Mathematiker, Politiker

Kneller, Godfrey (1646 – 1723)
Deutscher Portaitmaler, Hofkünstler in England

Knight, Robert (1675 – 1744)
Kassierer der South Sea Company

Kopernikus, Nikolaus (1473 – 1543)
Deutsch-polnischer Astronom, Arzt, Mathematiker, Ökonom

Legrand, Jaques-Guillaume (1753 – 1807)
Französischer Architekt, Kritiker, Biograph Piranesis (1799)

Law, John (1671 – 1729)
Schottischer Nationalökonom, Bankier

Leibnitz, Gottfried Willhelm (1646 – 1716)
Deutscher Universalgelehrter, Gegenspieler Newtons

Lichtenberg, Georg Christoph (1742 – 1799)
Schriftsteller, Aphoristiker, Naturforscher, Mathematiker

Livius, Titus (59 v. Chr. – 17 n. Chr.)
Römischer Historiker

Locke, John (1632 – 1704),
Philosoph, Aufklärer, Arzt

Ludwig II. von Bayern (1845 – 1886)
Bayrischer König 1864 – 1886

Ludwig XIV. (1638 – 1715)
Französischer König von 1643 – 1715

Ludwig XV. (1710 – 1774)
Französischer König von 1715 – 1747

Ludwig XVI. (1754 – 1793)
Französischer König von 1774 – 1791

 

Macaulay, Thomas Babbington (1800 – 1859)
Politiker, Essayist, Historiker

Machiavelli, Niccolò (1469 – 1527)
Italienischer Philosoph, Schriftsteller, Politiker, Diplomat

Malborough, 1. Herzog siehe John Churchill

Malborough, Duchess, Sarah Churchill (1660 – 1774)
Ehefrau des 1. Herzogs von Malborough

Mandeville, Bernard (1670 – 1733)
Niederländischer, in England lebender Sozialtheoretiker, Arzt

Maria I. Tudor (1516 – 1558)
Englische Königin von 1553 – 1558

Maria II. (1662 – 1694)
Englische Königin von 1689 – 1694 in Personalunion mit Willhelm III.

Maria Theresia (1717 -1780)
Kaiserin von Österreich 1745 – 1780

Martin, John (1789 – 1854)
Maler, Graphiker

Marx, Karl (1818 – 1883)
Deutscher Philosoph, Ökonom, Gesellschaftstheoretiker, Journalist

Mill, John Stuart (1806 – 1873)
Ökonom, utilitaristischer Philosoph

Morell, Thomas Reverend Dr. (1703 – 1784)
Gelehrter, Antiquar, Librettist, Drucker

Mornington, Earl – s. Pole-Wellesley

Montagu, Charles (1671 – 1715)
Politiker, Schatzkanzler 1694 – 1699, Schriftsteller

Mor, Anthonis (ca. 1520 – 1577)
Niederländischer Portraitmaler

Mun, Thomas (1571 – 1641)
Merkantilistischer Ökonom, Kaufmann

Napoleon I. Bonaparte (1769 – 1821)
Französischer General, Kaiser von Frankreich 1804 – 1814, 1814 – 1815

Nelson, Horatio (1758 -1805)
Admiral, Sieger von Trafalgar u.a.

Newton, Isaac (1642 – 1727)
Naturforscher, Verwaltungsbeamter Münzwesen

Nero (37 – 68)
Römischer Kaiser 54 – 68

Orléans, Herzog Philipp II. (1674 – 1723)
Regent von Frankreich 1715 – 1723

Pannini, Giovanni Paolo (1691 – 1765)
Italienischer (Veduten)Maler, Architekt

Paterson, William (1658 – 1719)
Schottischer Nationalökonom, Kaufmann, Politiker, Kolonialpionier

Petty, William (1737 – 1805)
Politiker, Englischer Premierminister 1782/83

Petty, William (1623 – 1687)
Ökonom, Begründer der zahlenbasierten Wirtschaftstheorie

Pevsner, Nikolaus (1902 – 1983)
Deutsch-englischer Architekturhistoriker und -kritiker

Philipp II. Habsburg (1527 – 1598)
König Spaniens und der habsburgischen Territorien 1556 -1598

Platon (427 – 347 v. Chr.)
Griechischer Philosoph

Pompadour, Madame (1721 – 1764)
Mäitresse Ludwigs XV.

Pole-Wellesley, William, 4. Earl of Mornington (1788 – 1857)
Politiker, Ehemann von Lady Catherine Tylney

Piano, Renzo (geb. 1973)
Italienischer Architekt

Piranesi, Giovanni, Battista (1720 – 1778)
Italienischer Kupferstecher, Archeologe, Architekt, Architekturtheoretiker

Poussin, Nicolas (1594 – 1665)
Französischer in Rom tätiger Maler

Raffael, Santo (1483 – 1533)
Italienischer Maler der Hochrenaissance

Ramsay, Allan (1713 – 1784)
Schottischer (Portrait)Maler

Reynolds, Josua (1723 – 1793)
Maler

Robert, Hubert (1733 – 1808)
Fanzösischer (Ruinen)Maler

Rogers, Richard (geb. 1933)
Italo-britischer Architekt

Romney, George (1734 – 1802)
Maler, Sammler

Rosa, Salvator (1615 – 1673)
Italienischer Maler

Rothschild, Ferdinand (1839 – 1898)
Österreichisch-englischer Bankier, Politiker, Kunstsammler

Rubens, Peter Paul (1577 – 1640)
Flämischer Maler

Rupert, Prinz von der Pfalz (1616 – 1683)
Feldherr, Politiker, Kolonialpionier

Schumpeter, Josef (1883 – 1950)
Österreichischer Ökonom, Politiker

Settle, Elkanah (1648 – 1724)
Dramatiker

 

Smith, Adam (1723 – 1790)
Schottischer Ökonom, Moralphilosoph

Soane, John (1753 – 1837)
Architekt des Regency, Sammler

Somerset, 1. Herzog, Edward Seymour, (1506 – 1552)
Politiker, Lordprotektor 1547 – 1552

Sévigné, Madame de, (1626 – 1696)
Französische Adelige, Verfasserin klassischer Briefe

Seymour, Jane (1509 – 1537)
Dritte Ehefrau Heinrichs VIII.

Shrewsbury, Lady, Anna Talbot, (1642 – 1702)
Gesellschaftsdame, Geliebte des 2. Herzogs von Buckingham

Sterne, Laurence (1713 – 1768)
Irisch-Englischer Schriftsteller, Pfarrer, Autor von Tristam Shandy

Strawinski, Igor (1882 – 1971)
Russisch-französisch-US-amerikanischer Komponist

Swift, Jonathan (1667 – 1745)
Irischer Schriftsteller, Satiriker, Autor von Gullivers Reisen

Suffolk, 1. Herzog, Charles Brandon (1484 – 1545)
Politiker, Großvater von Jane Grey

Telemann, Georg Philipp (1681 – 1767)
Deutscher Komponist

Turner, William (1775 – 1851)
Maler, Aquarellist, Zeichner

Vanbrugh, John (1664 – 1726)
Barock-Architekt, Dramatiker, Theaterunternehmer

Van Dyck, Antonis (1599 – 1641)
Flämischer Maler

Vasari, Giorgio (1511 – 1574)
Italienischer Maler des Manierismus, Architekt, Künstlerbiograph

Vergil, (70 – 19 v. Chr.)
Römischer Dichter, Verfasser der Aeneis

Victoria (1819 – 1901)
Englische Königin 1837 1901

Villiers, Barbara (1640 – 1709)
Mätresse Karls II.

Villiers, Elisabeth (1657 – 1733)
Hofdame, Mätresse Willhelms III.

Villiers, George – siehe 1.und 2. Herzog von Buckingham

Walpole, Horace (1717 – 1797)
Schriftsteller, Sammler, Politiker, Architekt

Walpole, Robert (1676 – 1745)
Politiker, Erster Ministerpräsident Englands 1721 – 1742

Ward, Edward (1816 – 1879)
(Historien)Maler

Washington, George (1732 – 1799)
Amerikanischer Politiker, General, 1. Präsident der USA

Wellington, 1. Herzog (1769 – 1852)
Heerführer, Politiker, Premierminister 1828 -1830, 1834

Wedgewood, Josiah (1730 – 1795)
Großindustrieller Keramikhersteller

Wentworth, Thomas (1593 – 1641)
Politiker, Günstling Karls I.

Westmorland, 10. Earl, John Fane (1759 – 1841)
Politiker, Ehemann von Sahra Anne Child

Wilhelm III. von Oranien (1650 -1702)
Englischer König von 1689 – 1702

Wilhelm IV. (1765 – 1834)
Englischer König 1830 – 1837

Williams, George (1722 – 1809)
Politiker, Höfling

Williamson, James, Lord Ashton, (1842 -1930)
Politiker, Unternehmer

Windsor, Thomas, 1. Viscount (1670 – 1738)
Politiker, Höfling, Militär

Winckler, Jean-Marc (geb. 1952)
Französischer Maler, Ersteller des Rothschild- Stammbaums in Waddesdon

Winkelmann, Johann Joachim (1717 – 1786)
Kunstschriftsteller, Antiquar, Archeologe

Wood, Robert (1717 – 1771)
Archeologe, Politiker, „Entdecker“ Palmyras

Wren, Christopher (1632 – 1723)
Architekt, Astronom, Erbauer von St. Pauls in London

Zucchi, Antonio (1726 – 1795)
Italienischer Maler, Mitarbeiter Robert Adams, Ehemann von Angelika Kaufmann
Bibliographie

Was hier mitgeteilt wird ist richtig, soweit ich oder meine Gewährsautoren sich nicht geirrt haben. Wo es unterschiedliche Berichte oder Bewertungen der Tatsachen und Zusammenhänge gibt, habe ich unter Berücksichtung der größeren Wahrscheinlichkeit das übernommen, was in meine Darstellung passte.

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