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Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies –Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 17

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Wir schlendern durch die Gassen mit ihren aneinandergebauten kleinen Häusern. Hübsche Fassaden finden sich hier und dort. In der Nähe der Tempel kommen wir an einer chinesischen Sargschreinerei vorbei. Die großen geschwungenen Behältnisse aus massivstem Holz – Hauptteil und Abdeckung bestehen jeweils aus einem Stück – sind auf der Straße gestapelt. Sie sind so schwer, dass man mehrere Personen benötigt, um sie auch nur anzuheben. Mancher Urwaldriese landet so auf einem chinesischen Friedhof.

Unerwartet stehen wir vor einem Komplex von rot getünchten Gebäuden. Ein Hauch von Heimat weht um diesen Platz. Hier befand sich das alte holländische Verwaltungszentrum aus dem 17. Jahrhundert. In rötlicher Eintracht stehen "Palast" und Kirche, die Insignien kolonialer Macht, nebeneinander. Von diesem bescheidenen Platz, der sich in einer europäischen Kleinstadt befinden könnte, wurde einst das riesige hinterindische Kolonialreich regiert, ein Reich, das um vieles größer war als das des jeweiligen "Mutterlandes". Es liegt eine merkwürdige Ironie in der Vorstellung, dass die großen Entdecker und Eroberer von einem solchen Provinzstädtchen träumten, wenn sie an Gewürzinseln und Fernosthandel, ja an die Herrschaft über ganz Südostasien dachten. Nur zu deutlich zeigt die idyllische Beschränktheit dieses Machtzentrums, mit welcher Arglosigkeit die Einheimischen den europäischen Welteroberern begegneten. Und sie legt die ganze Schamlosigkeit bloß, mit der sich die "Langnasen" fremden Eigentums bemächtigten.

Wir betreten den verschachtelten ehemaligen Verwaltungspalast. Er ist eher spartanisch eingerichtet. Heute befindet sich dort eine erstaunlich großmütige Ausstellung über die Epoche europäischer Hypertrophie, in der Wahrnehmen und In-Besitz-Nehmen nur schlecht getrennt wurden. Auch vom vorkolonialen Malakka ist einiges zu sehen, vor allem Darstellungen des alten Sultanspalastes, der eine wahre Apotheose malakkischer Spitzgiebeligkeit gewesen sein muss. Man kann düstere Spekulationen darüber anstellen, warum von ihm nichts mehr übrig ist.

Spätestens diese Ausstellung hat ein Problem verdeutlicht. Mit dem Anwachsen des kulturellen und historischen Angebotes beginnt die Interessenlage von Erwachsenen und Kindern auf dieser Reise erstmals deutlich auseinanderzudriften. Erstaunlicherweise findet sich eine Lösung, die beiden "Parteien" gerecht wird. Malakka hat ein Schwimmbad. Ich nehme zur Abkühlung der Gemüter den heißen Gang zurück in die Stadt in Kauf, um im Hotel die Badesachen zu holen. Dann gehen die Kinder einem kühlen Schwimm- und die Eltern einem weniger kühlen Besichtigungsvergnügen nach.

Man muss in Malakka das älteste "europäische" Gebäude Asiens gesehen haben – eine Festung – mit dazu gehörender Kirche versteht sich. Viel ist von der einst mächtigsten portugiesischen Festung im fernen Osten nicht übrig, im Wesentlichen ein prächtiges Tor und die Ruine der Kirche. Albuquerque, der große portugiesische Welteroberer der ersten Generation, ließ das Bollwerk Anfang des 16. Jahrhunderts bauen, nachdem er im Jahre 1511 die schon damals bedeutende Handelsstadt mit nur 800 Portugiesen "eingenommen" hatte. Die Festung war der vorläufige Schlussstein im neuen Weltreich des kleinen europäischen Seefahrervolkes.

Man brauchte damals nicht viel, um ein Weltreich aufzubauen. Eine Festung in Mozambique, die eine oder andere in Indien, eine weitere in Malakka und der Segen des Papstes – das war die Grundlage für die Herrschaft über die Hälfte der – neuen – Welt. Diese hatte Portugal anno domini 1494 – Amerika war gerade entdeckt – im Vertrag von Tordesillas vom Papst zur Aneignung erhalten. Auf westlich-rationale Weise zog man in diesem wohl erstaunlichsten Vertrag der Weltgeschichte in der Nähe der Kapverdischen Inseln kurzerhand einen geraden Strich von Pol zu Pol und teilte so die neue Welt gerecht zwischen den "Findern" Spanien und Portugal. Fünfunddreißig Jahre später, als die "Parteien" dieses Vertrages zu Lasten Dritter nähere Kenntnis von der Lage und dem ungeheuren Umfang der Beute hatten, präzisierten sie die Grenzziehung noch einmal im Vertrag von Saragossa. Bei der Auslegung des Vertrags von Tordesillas waren nämlich unerwartete Schwierigkeiten aufgetreten. Albuquerque hatte die molukkischen Gewürzinseln, um die sich die Welt damals drehte, 1512 von portugiesischer Seite, also von Osten kommend, entdeckt. Die Spanier hatten sie zehn Jahre später von Westen, also von ihrer Seite gefunden. Irgendwo in der Nähe der Molukken verschwimmen nun aber aus europäischer Sicht Ost und West, so dass die schöne klare Grenzziehung von Tordesillas ausgerechnet bei den heißbegehrten Gewürzinseln ins Wanken geriet. Darüber hinaus stritten die ehrenwerten Finder um den „rechtsgültigen“ Aneignungsmodus. Albuquerque hatte die Inseln zwar als Erster entdeckt, er hatte aber – ein unverzeihlicher Fehler für einen rechten Eroberer – vergessen, sie in der erforderlichen förmlichen Weise in Besitz zu nehmen. Das wiederum hatten die verspäteten Spanier nicht versäumt. (wahrscheinlich haben sie eine Fahne in den Strand gesteckt und ein paar hohe Worte in den Wind gesprochen). Nachdem, wie man sieht, beide gute Gründe für ihren Anspruch auf die Inseln hatten, einigte man sich unter Gentlemen. Die Portugiesen bekamen die ostasiatischen Kleinode. Spanien musste sich mit dem unförmigeren amerikanischen Kontinent trösten, was ihm, wie bekannt, nicht sonderlich schwer gefallen ist.

Eine Hinterlassenschaft aus dieser Zeit, ist auch die Portugiesische Siedlung. Wir fahren mit dem Bus einige Kilometer die Küste entlang und schlendern durch die Straßen dieser menschlichen Insel. Hier wohnt, 350 Jahre nach der Vertreibung der Portugiesen durch die Holländer, eine zirka 2000 Personen starke Kolonie, die Traditionen aus der portugiesischen Zeit beibehalten hat. Die Portugiesen hatten keine Einwendungen gegen eine Vermischung der Rassen. Noch heute soll man hier, wenn man genau hinsieht europäische Gesichtszüge feststellen können (man muß in der Tat ziemlich genau hinschauen). Die handvoll Mischlinge, die übrig geblieben ist, hat sich über die Jahrhunderte nicht nur den christlichen Glauben, sondern auch die portugiesische Sprache erhalten, was angesichts der gänzlich andersartigen Umgebung und der völligen Abkoppelung vom "Mutterland" wie ein soziales Wunder erscheint. In der Siedlung, die einen gewissen Wohlstand ausstrahlt, sind allenthalben Hinweise auf christliche Gebräuche zu sehen. Wahrscheinlich ist das, was von der portugiesischen Sprache übrig geblieben ist, eine Fundgrube für Sprachhistoriker.

Es herrscht eine entspannte Abendstimmung in der lebhaften kleinen Kolonie. Zahlreiche Kinder spielen auf der Straße. Alle scheinen aufgeräumt den lauen Abend zu genießen.

In der anbrechenden Dämmerung laufen wir ein gutes Stück in Richtung Stadt zurück. Den Rest fahren wir mit dem Bus. Ein gesprächiger Inder will wissen, welche Früchte wir in Malaysia kennen gelernt haben. Wärmstens empfiehlt er uns die Eierfrucht, ein stachliges Riesengewächs in der Form eines überdimensionalen Schwartemagens, das hier überall in den Läden zu haben ist. Sie ist vermutlich die größte Baumfrucht, die die Welt kennt, kann mehr als einen halben Meter lang sein und über 10 Kilogramm wiegen. Wehe wem das Obst auf den Kopf fällt.

Fröhlich kommen uns am Schwimmbad die ausgetobten Kinder entgegen. In der Nähe des Strandes essen wir in einer geradezu unasiatisch ordentlichen Ansammlung von Straßengarküchen. Der Nachtisch wird im Hotel in Form eines Ananaswettessens gereicht. Die Kinder meinen, jeder eine ganze Ananas essen zu können. Die Augen sind aber größer als die Mägen.

Wir spazieren noch ein wenig durch die abendlichen Gassen. Gegenüber dem Tempel dringt aus einem Haus lautes Trommeln. Wir schauen in den Eingang hinein und werden Zeugen der Probe für einen wilden Drachentanz. Junge Leute hantieren mit einer furchterregenden Drachenmaske, die von zwei Personen im textilen Körper des langen Ungetiers getragen wird. Der Drache soll sich zu ohrenbetäubenden Trommelschlägen aufbäumen, wozu der eine Träger blitzschnell auf die Schultern des anderen klettern muss. Man ist mit großem Eifer und beachtlicher Akrobatik bei der Sache. Auch die Kleinen – sie sind höchstens 6 bis 8 Jahre alt – dürfen sich beteiligen. Sie versuchen sich an den komplizierten Rhythmen der Trommel, was sie mit Verve und Bravour bewerkstelligen.

Beim letzten Gang durch die Stadt – die Kinder sind bereits im Bett – treffen wir in einer Seitengasse auf eine kleine Halle, die zur Straße hin offen ist. Darin befindet sich eine große Zahl von Chinesen, die nach einem offensichtlich strengen Ritual im Kreis gehen. Die ernsten Mienen und die schwarze Kleidung deuten auf eine Trauerzeremonie. Im hinteren Teil des Raumes ist eine Art Altar aufgebaut, an dem ein Priester hantiert. Nach einiger Zeit schließt er sich dem Marsch der Trauergemeinde an. Ein junger Mann tritt auf die Straße, legt verschiedene Gegenstände aus Papier in die Regenrinne und zündet sie an. Im Raum ist ein ganzer Tisch voller Papiergeschenke für den Toten, darunter Stühle und ein Auto. Nachdem der Marsch beendet ist, hebt im hinteren Teil des Raumes ein lautes Kreischen an. Klageweiber stimmen ein herzerweichendes Geheul an. Danach beginnt sich die Trauergesellschaft zu verlaufen. Man geht seiner Wege, so als habe man die Erfüllung einer Pflicht abgeschlossen. Bei aller Ernsthaftigkeit ist während der ganzen Zeremonie immer Distanz zu spüren gewesen. Das Leid wurde offensichtlich durch das Ritual gebändigt. Es gab keine unkontrollierten Gefühlsausbrüche. Selbst das vehemente Klagegeheul hatte etwas Formales. Nie hatte man den Eindruck, dass der Tod auch für die Lebenden eine Tragödie sei.

Auf unserem Gang durch die Stadt geraten wir in eine schmale Straße, in der sich prächtige Häuserfassaden finden, einige davon sind geradezu palastartig. Wie Reihenhäuser stehen sie unmittelbar aneinander, jede Fassade in einem anderen Stil. Die Palette reicht von klassisch-chinesisch bis zum europäischem Klassizismus. Die Straße bedarf dringend der Nachbearbeitung bei Tageslicht.

Den Rest des Abends verbringen wir in einem größeren Gartenrestaurant, in dem sich das bescheidene Nachtleben von Malakka zu konzentrieren scheint. Junge Leute fahren mit Autos und Motorrädern vor. Sonst tut sich nicht viel. In der Nacht genießen wir unsere Klimaanlage.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 14

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Die Waldmenschen ziehen, so berichtet er, in Gruppen bis zu zwanzig Personen im Dschungel umher, lassen sich hier und dort nieder und bleiben, solange der natürliche Vorrat an Nahrung am jeweiligen Ort reicht. Sie haben genaue Kenntnisse über die Nutzbarkeit von Pflanzen. Ansonsten würden sie sich von der Jagd ernähren, bei der sie das Blasrohr verwendeten. Über die lose zusammengefügten Kleingruppen hinaus gebe es so gut wie keinen größeren sozialen Zusammenhang, keinen Stamm oder gar Staat. Der Wechsel von einer zur anderen Gruppe sei zwanglos und finde vor allem zur Lösung von Spannungen innerhalb der derselben statt. Die Gruppen stünden prinzipiell in einem freundlichen Verhältnis zueinander. Sie kämen sich auch kaum ins Gehege, denn der tropische Wald biete allen genügend Platz und Mittel zur Befriedigung ihrer äußerst einfachen Bedürfnisse.

Kriminalität sei praktisch unbekannt, Eigentums und Bereicherungsdelikte schon mangels Eigentum an beweglichen Sachen. Die Vorstellung, dass jemandem etwas gehören könnte, was er nicht gerade bei sich trägt, sei ihnen fremd. Es spiegele sich hierin der Mangel an Abstraktionen, ein Umstand, der sich in allen Lebensbereichen auswirke. Es fehle etwa die Vorstellung, dass man eine bloß geistige Beziehung zu einer Sache, dass man also einen Anspruch darauf haben könne. Damit fehlt freilich eine schier unerschöpfliche Quelle des Streitens und Rechtens, des Bedarfs, Normen zu schaffen und damit der Anreiz, immer differenziertere und immer geistigere Fähigkeiten zur Auseinandersetzung auszubilden. Eine zeitlang spekulieren wir über den Rattenschwanz von Konsequenzen, welche sich aus dem Begriff des Eigentums ergeben. Kulit ist überzeugt, er sei die Erbsünde, die den Menschen mit sich und Seinesgleichen entzweit habe. Zu allen Zeiten hätten die Menschen empfunden, dass die Versuche, das Eigentum zu rechtfertigen, eine zweifelhafte Überzeugungskraft haben. Die Folge sei die tendenzielle Instabilität der Systeme, die auf Eigentum aufbauen, Kriege und soziale Spannungen.

Wir kehren zurück zu den Orang Asli. Ansprüche, so meine ich mit meiner europäischen Seele, müsse es doch im Emotionalen geben, ein nicht-materielles Band etwa zwischen Frau und Mann bestehen. Auch hier fehle jede Institution, berichtet Kulit. Zwar gäbe es so etwas wie eine Ehe. Man feiere die Hochzeit in bescheidener Form, etwa indem man einen etwas größeren Affenbraten herrichte. Aber es folgten keine Verpflichtungen daraus. Jeder, auch die Frau, sei frei, sich einen neuen Partner zu suchen. Emotionale Probleme, die daraus resultieren können, löse man, indem man die Gruppe verlasse.

Abstraktionen, fährt Kulit fort, hervorgehobene Positionen also, gäbe es auch im Aufbau der Gruppen kaum. Es gäbe keine Hierarchie, zumindest keine, der man sich nicht ohne weiteres entziehen könne. Ebenso wenig gäbe es ausgeformte religiöse Dogmen oder Riten. Man habe eine numinose Vorstellung von Geistern, die jeder für sich konkretisieren könne. Mangels religiöser Überbauten gäbe es auch keine Machtausübung durch religiösen Druck, kein Ausnützen religiöser Bindungsgefühle für irdische Zwecke. „Begraben“ werde in der Krone der Bäume – damit man näher am Himmel sei, meint Kulit unter Verwendung eines eher islamisch-christlichen Höhenbegriffs.

Wie weit die Orang Asli von unserem Denken entfernt seien, zeige auch eine kaum entwickelte Vorstellung davon, dass eine gezielte Einwirkung auf die Gesundheit möglich sei. Sogar dass andere Menschen, Malayen etwa oder Weiße, dazu in der Lage sein könnten, entziehe sich ihrer Vorstellungskraft, weswegen sie von der Möglichkeit medizinischer Hilfe keinen Gebrauch machten. Ihre häufigen Hauterkrankungen – Pilzkrankheiten von der ständigen Feuchtigkeit des Dschungels, insbesondere vom Schlafen auf dem nackten Boden – nähmen sie wie ein Schicksal auf sich und versuchten keine Hilfe in der Zivilisation zu erlangen.

Ihre Behausungen seien für wenige Wochen gebaut. Sie sollen eigentlich nur vor dem Regen schützen. Überhaupt sei ihnen jeder längerfristige Versorgungs- und Schutzgesichtspunkt unbekannt. Das Klima und die Fülle des Dschungels legten es nicht nahe, solche Perspektiven zu entwerfen. Da die äußeren Bedingungen das ganze Jahr über gleich blieben, sei Vorsorge zur Deckung des Lebensbedarfes nicht erforderlich. Reizvolle Überlegungen lassen sich daran anknüpfen – Gedanken etwa über das Entstehen von Abstraktionen als Folge des Zwangs, über den Tag hinausdenken zu müssen.

Mangels Konfrontation mit anderen, aggressiven Sozialsystemen bestehe auch keine Notwendigkeit, Verteidigungsvorsorge zu treffen. Die weiche Mentalität der malayischen „Nachbarn“, mit denen es in dem weiten und leeren Land ohnehin wenig Berührungspunkte gab, habe kein Bedürfnis für Konkurrenzanstrengungen entstehen lassen. Damit sei aber nie die Entwicklung in Gang gekommen, die durch ständiges Abgrenzen und Vergleichen, vor allem aber über die Rüstungsspirale zum unaufhaltsamen „Fortschritt“ führe. So fehle denn auch der Drang zur Überordnung, zum Übertrumpfen, fehlen die dazugehörigen Abwehrprozesse, die Versuche, den Konkurrenzkampf zu regeln, seine Verkleidung in Ideologie und damit überhaupt das dynamische Element in den Sozialbeziehungen.

Wir geraten ins Schwärmen. Die Orang Asli scheinen uns einen Blick fast in die Stunde Null der menschlichen Sozialbeziehungen zu ermöglichen. Bedingt durch eine seltene Kombination äußerer Umstände wie Klima, insuläre Lage, Reichtum der Natur und dünne Besiedlung, befinden wir uns hier möglicherweise vor Beginn fast all der gesellschaftlichen Prozesse, die moderne Gesellschaften kennzeichnen. Auf dem Negativ des Bildes der „primitiven“ Gesellschaftsform erscheinen plötzlich, deutlich wie auf einem Röntgenbild, die Strukturen unserer eigenen Gesellschaft.

Darüber kommen wir endgültig ins Philosophieren. Eine merkwürdige Mischung biblischer und sozialutopischer Dimensionen tut sich auf. Ist die menschliche Geschichte, wie alte Mythen behaupten, von einem paradiesischen Zustand ausgegangen? War der Sündenfall der Beginn der Sozialprozesse? Wie von selbst ergibt sich daraus die Frage, welche die Menschen noch heute bewegt: Ist das Paradies unwiederbringlich verloren oder bewegen wir uns auf ein neues Paradies zu, für das die Wirren der Sozialprozesse nur ein Durchgangsstadium sind, in dem nach unendlich schmerzhaften Läuterungen ihre Widersprüche „endlich“ aufgehoben sind? Können wir, wenn es ein neues Paradies geben wird, den Weg dahin beeinflussen, die Entwicklung beschleunigen, wie viele Denker meinten? Oder sind alle Spekulationen über alte und neue Paradiese nur aus der Sehnsucht geboren, die der Spiegel des Unvollkommenen ist? Wäre das künftige Paradies also nur die Projektion eines nie gewesenen verlorenen Paradieses in die Zukunft?

Ich beginne mich zu fragen, ob Kulits erstaunlicher Bericht über die Orang Asli von solchen Gedanken geprägt ist. Hat der malayisch-islamische Romantiker auf der Suche nach einem neuen Paradies die alte Vorstellung vom ursprünglichen Paradies, die Islam und Christentum teilen, über die Wirklichkeit der Waldmenschen geworfen? Postuliert er, wie schon die europäische Aufklärung, den „guten Wilden“ zum Zwecke der Besserung moderner Gesellschaften?

Wir kommen auch auf das verlorene Paradies der Orang Asli zu sprechen. Viele Waldmenschen verdingen sich als Führer durch den Urwald, verdienen Geld und kaufen produzierte und damit knappe Dinge. Mit den Gegenständen, die nicht alle haben, beginnen die Probleme. Begehrlichkeit und Neid entstehen, es werde gestohlen, der Diebstahl müsse vertuscht werden, Heimlichkeiten, Spannungen und Rechtskonflikte entstehen, Normen und der Mangel daran werden bewusst. Der ganze Prozess der sozialen Evolution komme mit allerlei Geburtswehen und Verwachsungen stockend in Gang. Er habe die große Sorge, dass die Orang Asli diesen Prozess nicht überstehen, denn er gehe in einem Tempo vonstatten, der ihnen den Atem rauben müsse.

Es ist spät geworden. Wir wandern zurück in die nun ruhiger gewordene Stadt. Nochmals lassen wir uns in der Nähe unseres Hotels auf einem Mäuerchen nieder und führen unser nie erlahmendes Gespräch über Malaysia fort. Erst als Kulit Gefahr läuft, den letzten Bus zu seiner Wohnung zu verpassen, die offenbar ziemlich weit außerhalb liegt, nehmen wir Abschied. Wir verabreden uns auf den nächsten Abend im Hotel.

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Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 13

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1.4.1985

Abschied vom Dschungelcamp. Das Abschiedsgeschenk der Campverwaltung kommt in Form einer saftigen Rechnung für die Anfahrt. Ihr Abrechnungssystem ist ebenso archaisch wie der Dschungel. Auf welchem Niveau rationaler Abstraktion sich unsere westlichen Lebenssysteme befinden, zeigen erst die erstaunlichen Alternativen, die andere Systeme aufzubieten haben. Der Fahrpreis etwa wird im Urwald nicht allgemein aus einer Gesamtkalkulation, sondern mittels Dividieren der Fahrtkosten durch die Anzahl der Fahrgäste eines Bootes jedes Mal individuell errechnet. Da unser Boot mit 6 Personen besetzt war, haben wir also 5/6 des Fahrpreises zu zahlen. Pech für uns, wenn die Campverwaltung das Boot nicht einmal zur Hälfte belegt und auf einigen Sitzen Versorgungsmaterial für das Camp transportiert. Und Glück für unseren mitreisenden Nationalparksammler. Nachdem die stolze Zusage des Tourist Office Managers von Kuantan, dass die Fahrt für die Kinder frei sei, irgendwo im Dickicht von Taman Negara hängengeblieben ist, profitiert unser Mitfahrgast nicht nur ungerechtfertigt von seinen Empfehlungsschreiben, sondern auch noch von unserem Kinderreichtum. Schlaue Travellers haben deswegen schon ausgerechnet, dass es günstiger ist, eine Nacht länger im Camp zu bleiben, als in einem unterbesetzten Boot zurückzufahren. Immerhin haben wir das Glück, wenigstens auf der Rückfahrt in einem gefüllten Boot fahren zu können.

Am Landesteg werden wir von zwei unserer Dschungelfreunde verabschiedet. Die Rückfahrt geht rasend schnell den Fluss hinab, wiewohl die Hinfahrt wegen der Gegenströmung schneller erschien. Es ist ein Morgen, wie man ihn sich nicht eindrucksvoller vorstellen kann. Prächtige Dschungelbilder bieten sich am Flussufer, grüne Wände zunächst, in denen gelegentlich ein Baum in voller Lila-Blüte auffällt, dann dicht gestaffeltes Bergland mit undurchdringlichem Bewuchs. Nach deutlich kürzerer Fahrt kommen wir in Tembeling an. Jetzt ist es der erste Vorposten der Zivilisation.

Wir schnallen die Rucksäcke an und treten den heißen Marsch zur Hauptstraße an, wo der Bus abfahren soll. Ein "freundlicher" Autofahrer – er stand schon an der Bootsanlegestelle – bietet uns eine Fahrt nach Jerantut an. Lässig wirft er hin, dass der Bus höchst selten fahre, der nächste erst ganz spät. Da er damit offensichtlich eine ziemlich unbescheidene Fahrpreisforderung begründen will, lehnen wir dankend ab. Damit geben wir uns allerdings einem ziemlich ungewissen Schicksal hin. Es ist in keiner Weise abzusehen, wann ein Bus fährt. Also üben wir uns in asiatischer Geduld. Wir lassen uns unter einem größeren Baum an der Hauptkreuzung nieder und harren der Dinge.

Schon bald nehmen dieselben einen – auch finanziell – günstigen Verlauf. Ein Bus erscheint und bringt uns in Kürze über die bereits bekannte Berg- und Talbahnstrecke nach Jerantut. Dort steht auch schon ein Anschlussbus nach Temerloh bereit.

Im Bus freunden sich die Kinder mit einem jüngeren Malayen an, den wir schon vom Dschungelcamp kennen. Es ist jener "Führer", der uns vor zwei Tagen so freundlich über mögliche Dschungeltouren beriet. Am Busbahnhof von Temerloh – vor der reich bekuppelten Moschee – hilft er uns, einen Bus in Richtung Kuala Lumpur ausfindig zu machen – der direkte Bus war uns gerade vor der Nase weggefahren. Die Wartezeit bis zur Abfahrt des Busses verbringen wir gemeinsam in einem Restaurant an der Haltestelle und unterhalten uns. Unser neuer Freund – sein Name ist Kulit – spricht ein ziemlich differenziertes Englisch, wenngleich mit starkem Akzent, und hat eine gänzlich offene Art, mit uns umzugehen. Von Beruf ist er Flugzeugmechaniker. Da er ebenfalls nach Kuala Lumpur fährt, bietet er sich uns als Führer an. Wir merken sogleich, dass die Furcht vor aufgedrängten Diensten und den finanziellen Forderungen, die daraus in der Regel resultieren, hier nicht angebracht ist.

Der Bus ist laut und scheppert nervenaufreibend. Wir fahren durch eine hügelige Kampong- und Plantagenlandschaft. Dann wird es ziemlich gebirgig. Vor uns liegen die Camerlon-Highlands, auf denen sich eine der berühmten wohltemperierten Hill Stations befand, in die sich die kolonialen Engländer auf der Flucht vor dem tropischen Klima zurückzuziehen pflegten. Heute ist oben ein großes Casino, dessen ausladender Gebäudekomplex von weitem zu sehen ist. Die ganze Gegend hat etwas gartenhaftes und macht einen sehr gepflegten Eindruck.

Am Fuß der Highlands, in denen Tee angebaut wird, wechseln wir den Bus. Im Busbahnhof ist großes Gedränge. Alles will in die Hauptstadt. Wir haben etwas Zeit, die wir auf dem nahen großen Kinderspielplatz verbringen. In seinen weitausladenden Bäumen hat sich eine besonders reiche Kolonie von Baumfarnen niedergelassen, kreisrunde Prachtexemplare mit auskragendem Rand und einem Durchmesser bis zu zwei Metern.

Die weitere Busfahrt geht durch Hochland und damit durch höchst eindrucksvolle Dschungelberge, weite Hangflächen mit einem Wald dicht wie ein Fell, dessen bräunlich grünes Gesamtbild gelegentlich durch hellgrüne Bananeninseln aufgelockert wird – all das im strahlendsten Nachmittagslicht. Ein Jammer, dass wir wieder einmal im Bus sitzen.

Die vielen Steigungen der Straße scheinen unserem Bus nicht zu schmecken. An einem besonders steilen Stück fängt er an zu zischen und zu spritzen. Der Fahrer hält an, alles steigt aus. Wasser fließt aus dem Kühler. Es herrscht allgemeine Ratlosigkeit. Befürchtungen und Erinnerungen an die Anfahrt zum Taman Negara kommen auf. Aber man behält auch hier die Ruhe, wartet ein wenig, steigt wieder ein und fährt ab. Es folgen weitere Dschungelberge, dann aber auch schon modernere Siedlungen. Schließlich erreichen wir Kuala Lumpur auf einem Busbahnhof, der weit außerhalb der Stadt liegt. Steigen wir also zum fünften Male an diesem Tage um und fahren mit einem weiteren Bus in die Stadt.

Die Suche nach einem Hotel, das unseren altchinesischen Vorstellungen und unseren finanziellen Verhältnissen entspricht, ist in der explodierenden Metropole nicht einfach. Die Stadt wird zwar zu zwei Dritteln von Chinesen bewohnt, mit dem alten China hat man aber nicht mehr viel im Sinn. Von allen Seiten fressen sich Wolkenkratzer und Einkaufszentren in das alte Chinesenviertel aus zwei- bis dreistöckigen Häusern. Wir ziehen durch die Reste dieses Viertels, klettern finstere Treppen hinauf und hinab, besichtigen und verhandeln, bis die Kinder des schweißtreibenden Spieles müde sind. Dann geht Kulit unter Hintanstellung seiner Bedenken gegen unseren altchinesischen Geschmack aufopferungsvoll mit mir alleine weiter in der fast schon aufgegebenen Hoffnung, ein zugleich preiswertes und nicht allzu lautes Hotel zu finden. Wir finden das Idealhotel: ein geräumiges Zimmer zu einem alten Park, zentrale Lage, Tee steht bereit in chinesischem Porzellan, freundliche chinesische Wirte, denen der unerwartete Kinderbesuch gefällt. Allgemeines Duschen folgt. Kulit gehört schon fast zur Familie. Auch er nutzt die Gelegenheit, um sich zu erfrischen.

Schließlich lädt uns Kulit auch noch zum Abendessen ein. An sich befinden wir uns mitten in einem Viertel mit vielen jener chinesischen Straßenküchen, die wir schätzen gelernt haben. Aber Kulit hat anderes mit uns vor. Zunächst machen wir eine ziemlich ausgedehnte Wanderung durch die Geschäftsviertel der Stadt moderne Zweckarchitektur, wie überall in der Welt, die abends ausgestorben ist. Auf einer Flussinsel steht eine märchenhaft beleuchtete Moschee mit feinen Säulenumgängen in maurischem Stil. Ob sie viel älter ist als die Bankgebäude und Firmenzentralen, ist fraglich, Kuala Lumpur ist eine sehr junge Stadt. Von der Wanderung, deren Zweck unklar bleibt, ist uns ziemlich warm geworden. Ein kräftiger Regenguss überrascht uns und bringt Kühlung. Dann wird klar, warum wir durch die Geschäftsviertel irren. Kulit sucht nach einem Bankautomat, um das nötige Geld zum Bestreiten seiner Einladung abzuheben. Mehrere Anläufe sind ohne Erfolg, was ihm äußerst peinlich ist.

Schließlich erreichen wir einen Platz, auf dem sich eine Reihe von Straßenrestaurants befindet, die sich nicht wesentlich von denen in der Nähe unseres Hotels unterscheiden. Sie sind allenfalls etwas weniger chaotisch angeordnet. Zunächst ist Rechnen angesagt. Was können wir uns leisten? Kulit will auf keinen Fall einen Zuschuss von unserer Seite annehmen. Er verhandelt schließlich mit einem Wirt, der ihm, obwohl er ihn nicht kennt, einen Kredit einräumt, womit dieser ohne Zweifel ein ehernes Gesetz der Straßenbranche bricht. Kulit ist ziemlich aufgeregt und gibt sich alle Mühe, uns so gut wie möglich zu bewirten.

Nach dem Mahl – wir bestellten bescheiden, Kulit selbst aß kaum etwas – Rückmarsch zum Hotel mit müden Kindern. Sie gehen nach diesem langen Tag mit Freuden ins Bett. Eigentlich hätten wir uns jetzt gerne in einer der typischen Spelunken in der Nähe unseres Hotels niedergelassen. Aber Kulit hat wieder andere Pläne. Er führt uns zum Hochhaus der Ölfirmen, einem erst kürzlich fertiggestellten Prachtbau, der als neues Wahrzeichen die Silhouette der Stadt beherrscht. Hoch ragt der riesige weiße Büroturm mit seinen ungeniert maurischen Stilelementen in den Himmel; unten sind weitläufige Anlagen und Unterbauten, in denen es eher amerikanisch zugeht, MacDonalds ist vertreten, blitzblanke Geschäfte und Banken, überall Marmor – zweifelsohne aus Carrara – saubere Helle, entsprechend gekleidete junge Menschen. Ausstattung und Dimensionen dürften in Europa nicht so leicht ihresgleichen finden. Kulit will uns offensichtlich zeigen, wie der neue Stil seines Landes ist.

Wir lassen uns auf einer Terrasse des Riesenkomplexes nieder, vor uns ein herrlicher Blick auf die City von Kuala Lumpur im nächtlichen Beleuchtungszauber, unten erleuchtete Terrassengärten, über uns der weiße Turm aus Tausend-und-eine-Nacht. Hier entwickelt sich ein langes Gespräch, in dem uns Kulit seine erstaunliche malayische Seele ausbreitet.

Wir streifen zunächst Probleme Malaysias, erfahren, dass das Malayische eine indogermanische Sprache mit zahlreichen indischen und chinesischen Einspengseln ist. Lange sprechen wir über die Rolle des Islam in einer Gesellschaft, die kaum zur Hälfte moslemisch ist, in der die Religion Mohammeds aber dennoch Staatsreligion und das Staatsoberhaupt immer einer der malayischen Sultane ist. Bemerkenswert auch, was Kulit über die Macht der islamischen "Kirche" berichtet. Verstöße gegen islamisches Sittenrecht werden von islamischen Gerichten unter Umständen sogar mit Geldstrafen belegt, die dazu auch noch vollstreckt werden können. Gegen derartige Eingriffe in das Gewissensleben gebe es zwar den Appell an die zivilen Gerichte, aber man überlege gerade, diesen abzuschaffen.

Uns ist aufgefallen, dass sich die Frauen in Malaysia ziemlich frei bewegen können. So kommen wir auf die offensichtlich unterschiedliche Handhabung des Islam im "Westen" und in Süd-Ost-Asien zusprechen. Kulit hat eine klimatische Erklärung. Die rigiden Formen des Islam, vor allem in Arabien, sind für ihn die Folge der harten Lebensbedingungen der Steppen- und Wüstenvölker. Mit dem Koran, auf den er allein und direkt zugreifen will, hätten solche Verhärtungen nichts zu tun. Weit distanziert er sich von der islamischen Dogmatik und deren beamteten Sachwaltern. Der islamische Glaube der Bumiputras, der ursprünglichen malayischen Landbevölkerung, sei im Übrigen allenthalben von animistischen Elementen aus der Zeit vor der islamischen Eroberung durchsetzt. Bei der Erläuterung dieses Phänomens lässt der malayische Flugzeugmechaniker Kulit zu unserem größten Erstaunen erkennen, dass er mit philosophischen Fragestellungen aus dem alten Europa vertraut ist. Er vergleicht den Animismus und seine allgegenwärtigen guten und bösen Geister mit dem Pantheismus des niederländischen Philosophen Spinoza.

Überhaupt wird immer deutlicher, wie wenig die gängige Vorstellung vom sozial eingebetteten Asiaten auf ihn zutrifft. Kulit lebt offenbar ein Einzelgängerdasein und versucht im Dschungel zu sich selbst zu finden. Sein Traum ist, sich irgendwann einmal eine einsame Insel vor der Küste zu kaufen, um sich dort als Fischer von aller modernen Welt zurückzuziehen. Jede freie Minute, so berichtet er, verbringe er bei den Waldmenschen, den Orang Asli, im Taman Negara oder in den Wäldern unweit von Kuala Lumpur, durch die wir am Nachmittag gefahren sind. Er kenne ihre Sprache, die mit dem Malayischen nichts gemein habe und sehr einfach sei. Meist begnügten sie sich mit kurzen Zurufen. Er selbst habe sich ein kleines Wörterbuch gemacht.

Was er dann über das Leben der Orang Asli erzählt, klingt wie ein Märchen aus dem Sozialparadies, Rousseau hätte es nicht besser erfinden können.

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Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 12

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31.3.19 85

 

Flussfahrt. Den Plan einer Wanderung zur Fledermaushöhle, den der Malaye gestern anregte, haben wir fallengelassen. Stattdessen mieten wir für den Tag ein einfaches hölzernes Kanu, einen Einbaum dessen Kanten man mit Brettern leicht erhöht hat. Ausgestattet mit Proviant und Lektüre geht es auf Dschungelflusswanderung. Wir bewegen das nicht eben leichte Boot mit vier einfachen Paddeln bestehend aus einem Stock, an dem ein Holzbrett befestigt ist.

Die Fahrt geht den Nebenfluss des Tembeling hinauf, an dem wir gestern entlang gelaufen waren. Anfangs ist die Strömung schwach, das Wasser tief und dunkel. Wir kommen daher recht gut voran. Mit kühner Statik hängen große Bäume in den Fluss. Sie spenden willkommenen Schatten. Nach etwa einer Stunde passieren wir unseren gestrigen Badeplatz. Jetzt stoßen wir in Neuland vor. Das Wasser wird flacher und schneller. An einigen Stellen müssen wir uns mit allen vier Paddeln kräftig ins Zeug legen. Dann kommen wieder ruhigere Passagen. Offene Strecken wechseln mit tunnelartigen Passagen aus dichtem Bewuchs, in denen tausend Lichtreste auf dem Wasser tanzen.

Schließlich liegt vor uns eine lange schattige Gerade mit unruhigem, flachem Wasser. Hier kommen wir an die Grenzen unserer Wasserkraft. Cinqui und ich müssen aussteigen und das Boot schieben und ziehen. Zum Glück bietet sich ein Rastplatz in der Sonne an. Es ist ein umgestürzter Urwaldriese, der am Ufer im Wasser liegt. Sein Stamm ist so geräumig, dass man quer darauf liegen kann. Zum Ufer hin bildet er eine kleine Lagune. Die Kinder beginnen alsbald, dieselbe für Schiffsaktivitäten zu nutzen.

Wir haben uns gerade auf unserem Baumstrand eingerichtet, da kommt ein Boot den Fluss hinunter – mit guten Bekannten, dem Bundeswehroffizier, dem Elektriker und dem Studenten. Sie sind den Fluss ein gutes Stück weiter hinaufgefahren und berichten von Stromschnellen und recht abenteuerlichem Wasser. Aus Sorge um ihr Gepäck, vor allem die Kameras, haben sie die Fahrt jedoch abgebrochen.

Eine Weile genießen wir gemeinsam die Stille des Flusses. Dann regt sich Tatendrang. Wir, das heißt der Elektriker, der Student, Cinque und ich beschließen, eine Expedition weiter den Fluss hinauf zu machen, ohne Gepäck. Das Boot ist mit uns bis an die Grenze seiner Belastbarkeit gefüllt. Zuerst gilt es, das flache Stück zu überwinden, an dem wir zuvor gescheitert waren, was unter dem Gelächter der Zurückgebliebenen zunächst misslingt. Wir treiben in die falsche Richtung ab. Dann kämpfen wir uns in ruhigere Gewässer vor. Nach einiger Zeit erreichen wir die ersten Stromschnellen. Sie zwingen uns, das Boot zu verlassen und es mit vereinten Kräften durch das turbulente Wasser zu schieben. Es folgen ein ruhigeres Stück, erneute Stromschnellen und wieder Aussteigen, Ziehen und Schieben. Dies wiederholt sich mehrere Male und ist einigermaßen anstrengend. Am meisten werden jedoch die Füße in Mitleidenschaft gezogen, die immer wieder zwischen die großen glatten Steine des Flussbodens rutschen. Cinqui und ich haben immerhin Sandalen an. Das sind zwar auch nicht gerade die idealen Wildwasserwanderschuhe. Es geht uns aber immer noch besser als unseren barfüßigen Begleitern, die ihre Hilfe beim Überwinden von Stromschnellen wegen wunder Füße bald einstellen müssen. Da es nicht überall möglich ist, die Stromschnellen zu Fuß zu umlaufen, müssen wir die beiden im Boot gegen die ohnehin schon verstärkte Strömung ziehen. In der tropischen Mittagshitze ist also Schwerstarbeit zu leisten. Sie wird allerdings durch die permanente Wasserkühlung erleichtert.

Die Uferlandschaft wird inzwischen immer grandioser. Bäume von mehreren Metern Dicke hängen in oft abenteuerlicher Schräglage in den Fluss hinein. Einer der Riesen ist erst kürzlich abgebrochen und streckt nun seinen mächtigen zerzausten Stumpf in die Höhe. Schließlich gelangen wir an die sogenannte obere Badestelle, dem letzten Punkt, den Motorboote noch erreichen können. Der Fluss weitet sich hier zu einem weiten runden Bassin mit fast stehendem Wasser, das weitgehend im Schatten riesiger Bäume liegt – ein Bild weiherhaften Friedens an dem sonst eher unruhigen Gewässer.

Am anderen Ende des Bassins fließt der Fluss beschaulich durch ein tiefes Felsenbett. Es wäre ein Jammer, hier umzukehren. Nun da wir diese Region, die für Paddelboote an sich nicht mehr zugänglich ist, erreicht haben, packt uns der Ehrgeiz. Die Strapazen der "Fahrt" sind plötzlich vergessen. Mit vereinten neuen Kräften paddeln wir bis zu einer Verengung, durch die der Fluss mit beachtlicher Geschwindigkeit hindurchrauscht. Wir klettern auf die Felsen am Ufer und ziehen das Boot gemeinsam an der Schnur durch die reißende Strömung. Es folgt wieder ruhigeres Wasser bis unweigerlich die nächste Stromschnelle erreicht ist, die allerdings steiniger als alle vorangegangenen ist.

Wir überwinden noch zwei oder drei weitere Eng- und Flachstellen bis wir nach rund fünf Stunden strapaziösen Kampfes an der Grenze des Machbaren angekommen sind. Das Gefälle der Flusses wird immer stärker, große Steine versperren den Weg und die Stromschnellen nehmen den Charakter von Wasserfällen an. Wir machen das Boot fest und erklettern eine 30 bis 40 Meter lange Moräne aus ausgelaugtem angeschwemmtem, Pflanzenmaterial, um den weiteren Verlauf des Flusses zu sichten. Dabei stellt sich heraus, dass es keinen Sinn macht, weiter vorzudringen. Wenn wir weiterkommen wollten, müssten wir das schwere Boot über erhebliche Strecken tragen. So brechen wir die Expedition ab. Alle haben das Gefühl, etwas Außerordentliches erlebt zu haben. Unsere zufällig zusammengekommene Mannschaft ist dabei in kurzer Zeit zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen.

Der Lohn der Arbeit sollte die Rückfahrt werden. Mit beachtlichem Tempo geht es flussabwärts. Bei den ersten Stromschnellen saugt die Strömung das Boot noch ohne unser Zutun durch die tiefste Stelle hindurch. Die folgenden Engstellen werden zum Prüfstein unserer Navigationskunst, auf den wir des Öfteren ziemlich unsanft auflaufen. Dann ist es soweit. Das Boot ist mit der Spitze auf einem Stein hängengeblieben, die Strömung dreht es zur Seite bis es schließlich kippt. Die ganze Mannschaft landet kopfüber im rauschenden Fluss.

Beim nächsten Mal schießt das Boot mit so viel Elan in tieferes Wasser, dass die Flut über Bord strömt, worauf wir, im Boot sitzend, langsam untergehen. Wir halten das Boot an der Bordwand fest, damit es uns nicht entgleitet, und fahren unter Wasser weiter. Ein unbeteiligter Beobachter hätte eine merkwürdige Szene gesehen: drei Männer und ein Kind, die, bis zur Brust im Wasser, in einer stabilen Reihe regungslos den Fluss hinunter gleiten

Nach einem weiteren Umsturz treiben wir ein längeres tiefes Stück kieloben. Zur Abwechselung liegen wir eine zeitlang auf dem Rücken des Bootes, bis sich die Möglichkeit ergibt, es wieder umzudrehen und zu entwässern.

Zu dieser feuchten und turbulenten Flussfahrt gesellt sich noch ein kräftiges Tropengewitter. Donner grollt, während das Boot auf Steine kracht und nass werden wir, ob wir im Boot oder im Wasser sind. Ein kenterndes Boot im Dschungel, eine unerschrockene, tatkräftige und eingeschworene Mannschaft kämpft bei permanentem Frohsinn gegen die Naturgewalten der grünen Hölle – es wäre Zigarettenreklame, wenn es nicht wahr wäre.

Wir passieren unseren Baumstrand. Er ist leer. Judi, die Kleinen und der Bundeswehroffizier haben, nachdem sich die Expedition weit über die in Aussicht genommene Zeit ausgedehnt hatte, nicht länger auf uns gewartet. Das "Schlimmste" ist nun hinter uns. Allerdings haben wir auch jetzt noch keine Ruhe. Das Boot hat in den Stromschnellen ein Leck abbekommen. Der Wassereinbruch ist so stark, dass das Boot in wenigen Minuten volläuft und nur noch schwer zu manövrieren ist. Mangels Schöpfkelle – wir haben sie als lästiges "Gepäck" im anderen Boot gelassen – müssen wir das Wasser jetzt mit Händen und Paddeln hinausbefördern.

Erschöpft treiben wir den immer ruhiger werdenden Fluss hinab. Über uns breitet sich ein grandioser Gewitterwolkenhimmel aus. Unter den herabhängenden Bäumen ist es dunkel. Die Ruhe nach dem Sturm ist eingekehrt. Die ungewöhnliche Flussfahrt endet an der Mündung des Tembeling, dessen reißende Fluten hinabzufahren auch ein Abenteuer wäre – allerdings nur in eine Richtung.

Beim abendlichen Travellerstreff im Restaurant berichtet jeder über seine Erlebnisse. Auch unsere Mund läuft über. Uli, der Bundeswehroffizier, erzählt von seinen fast hautnahen wild life Erfahrungen. Vor einigen Tagen übernachtete er in einem „hide“, etwa sechs bis acht Stunden vom Camp entfernt. Nachts rieb sich ein Elefant an den Stützen, auf denen die Schlafstatt angebracht ist, mit entsprechenden Fernwirkungen in der Höhe. Insgesamt sei das wild life aber auch dort draußen eher spärlich gewesen. Engere Berührung mit dem wild life haben wir noch an "unserem" um die Ecke gelegenen „hide“.

Am späten Abend begibt sich die ganze Corona voll Abenteuerlust in den finsteren Urwald, um wild life zu erleben. Diesmal haben wir Taschenlampen dabei, die klären sollen, ob wir es bei den bislang gesichteten Schatten mit einem Spiel der Natur oder der Phantasie zu tun hatten. Genügend Licht bringen jedoch auch die Taschenlampen nicht in die "Dinge", sodass es bei der erlkönighaften Zweideutigkeit bleibt. Nach andächtigem Schweigen und durch Ehrfurcht vor dem nächtlichen Urwald gekühltem Abenteuermut geht jeder zu seiner Schlafstatt zurück.

Wie hautnah die Berührung mit dem wild life war, zeigt sich erst, als ich bereits im Bett liege. Auf meinem Bettlaken ist plötzlich ein frischer Blutstropfen. Während ich herauszufinden suche, wie er dorthin kam, beginne ich ernsthaft an meiner Fähigkeit zweifeln, Natur und Phantasie auseinander zu halten. Das Bett ist vollständig von einem Moskitonetz umgeben. Daher kann jede Ursache außerhalb des Bettes ausgeschlossen werden. Dennoch sind alle Recherchen nach einer natürlichen Ursache des Blutfleckens, die nach Lage der Dinge an meinen Beinen sein muss, ohne Erfolg. Die Verwirrung steigert sich, als noch ein zweiter und ein dritter Blutfleck hinzukommen. Damit bricht die Hypothese zusammen, es könne sich vielleicht doch um einen älteren Blutfleck handeln. Da absolut nichts zu finden ist, was das Blut erklären könnte scheinen die malyaischen Nachtgeister am Werk zu sein.

Das Rätsel löst sich dann aber, wie könnte es anders sein, auf westlich-rationale Weise. Der Gewitterregen vom Nachmittag hat die „leaches“ aktiviert, die wegen ihrer mangelnden Tätigkeit in der Natur bei uns schon in den Verdacht geraten sind, in der Hauptsache die Phantasie der Traveller zu beunruhigen. Eines der harmlosen Tierchen mit dem schlechten Ruf hat sich bei unserer nächtlichen Pirsch unter meinem kleinen Zeh eingegraben, wo es fast nicht zu sehen ist. Freiwillig verlässt es das lauschige und offensichtlich nahrhafte Plätzchen nicht. Es muss erst mit einer brennenden Zigarette nachgehofen werden. Kurz darauf entdecke ich einen weiteren der stillen Gäste am anderen Bein. Unbemerkt hat er sich bis an die Wade hinauf geschlichen. Am Morgen erfahren wir, dass auch andere Teilnehmer unserer kurzen Nachtexpedition den gleichen ungebetenen Besuch festgestellt haben.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 10

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29.3.1985

Frühes Aufstehen, höchst eiliges Frühstück und ab auf die Straße. Dort soll – zu unbestimmter Zeit – ein Bus nach Kuantan abfahren, der uns zum Anschlussbus nach Jerantut bringen soll. Es gibt weder eine Haltestelle noch einen Fahrplan. Wir warten. Nichts tut sich.

Die Zeit wird knapp. Um 14 Uhr müssen wir an einem Bootssteg im Zentrum der Halbinsel sein. Schließlich ist genug gewartet, wir gehen über zu aktiver Verkehrspolitik, per Anhalter. Ein netter junger Mann nimmt uns in seinem Kleinbus mit. Mit der Ruhe und der Selbstsicherheit eines Malayen fährt er in Richtung Kuantan. Unterwegs biegt er in eine Siedlung ab, als habe er dort etwas zu erledigen. Er hält aus dem Auto ein lässiges Schwätzchen mit einem Mann, der zufällig auf der Straße zu stehen scheint, ihm aber offenbar bekannt ist. Dann fährt er weiter, so als habe er seine Erledigung beendet. Alles geschieht ohne Eile und Drang. Ein bestimmter Zweck seiner Fahrt ist nicht zu erkennen. Er bringt uns aber, ohne etwas dafür zu wollen, direkt zum Busbahnhof, wo unser Bus nach Jerantut noch wartet.

Vertrauen erweckend sieht der Bus nicht aus. Es ist nicht klimatisiert und auch nicht gerade geräuscharm. Mit Höllenlärm knattert er in das Landesinnere hinein. Die Straße führt durch hügeliges Land mit weitläufigen Palmen- und Gummiplantagen. Erste Rast machen wir nach 80 Kilometern auf dem geschäftigen Busbahnhof von Temerloh, gleich neben einer großen vielzwiebeltürmigen Moschee. Dort versorgen wir uns mit Mangos und gebratenen Bananen. Im Schneckentempo geht es dann weiter nach Norden. Der Bus wird immer langsamer. Dann kommt die zweite Rast – in einer Werkstatt. Mit der landesüblichen Gelassenheit und mit angemessenen Pausen versucht man irgendeinem technischen Problem auf die Spur zu kommen. Eine Information über Grund und Dauer der Unterbrechung ist nicht vorgesehen.

Es ist heiß. Die Geduld der Passagiere ist asiatisch. Nach einer halben Stunde – es ist halb Eins – frage ich vorsichtig an, wann es weitergehe. Man antwortet mit beschwichtigenden Gesten. Vermutlich wundert man sich über diesen unruhigen Europäer. Nichts tut sich. Es folgen: weitere Nachfrage – Vertrösten; dringliche Nachfrage – der Anschein von Aktivitäten; eindringliche Schilderung unserer Lage (mangels Sprachkenntnisse auf beiden Seiten unter Einsatz von Händen und Füßen) – Ankündigung eines Ersatzbusses; Drohen mit Verlassen des Gebäudes zu Fuß – erneutes Versprechen eines Ersatzbusses; endgültiger Entschluss, es per Anhalter zu versuchen, In-die-Tat-Umsetzen durch Schultern der Rucksäcke und zielstrebiges Ausschreiten in Richtung Tor. Da endlich kommt bei Mannschaft und Fahrgästen Bewegung in Richtung auf einen Ersatzbus auf, der schon die ganze Zeit auf dem Hof stand.

Auf fast leerer Straße – die Verkehrsmenge nähert sich hier im Landesinneren dem Faktor Null – und mit begrüßenswertem Tempo geht es nun nach Jerantut. Dort kommen wir kurz nach halb zwei Uhr an, was uns tatsächlich noch eine Chance gibt, unser Dschungelboot zu erreichen. Sofort beginnen Verhandlungen wegen eines Taxis zur Weiterfahrt nach Tembeling. Mit einem altersschwachen Peugeot-Diesel geht die Fahrt auf einer Strasse weiter, die wie eine Berg- und Talbahn  kerzengrade über die Hügel gelegt ist. Wenn es rauf geht, könnte man alle Hoffnung verlieren. Runter holt der alte Wagen aber alles wieder auf. Dann hofft man, dass die Bremsen funktionieren. Der Fahrer scheint darauf zu vertrauen, nicht benutzen zu müssen. Punkt zwei Uhr sind wir an der Anlegestelle. In der Eile lassen wir unseren gesamten Proviant im Taxi liegen, darunter die Kinderspielzeugschokolade, die wir  eigens für die 60 Kilometer lange Bootsfahrt gekauft haben.

Man wartet bereits auf uns. Wir sind namentlich per Telex angekündigt worden. Die lange Bootsfahrt ist, wie sich herausstellt, höchst exklusiv. Außer uns sind nur noch ein wenig gesprächiger Deutscher und drei Mann Besatzung mit von der Partie. Auch unser Gefährt ist eine Überraschung. Das hölzerne Boot ist vollkommen flach, zirka 15 Meter lang und nur etwas über einen Meter breit.

Es geht sofort los. Auf unsere Bitte hält man kurz nach dem Start noch einmal an, damit wir in Tembeling unsere verlorengegangenen Vorräte ergänzen können. Der Ort ist eine gänzlich unmalayische Ansammlung von Rosthütten, die auf dem Steilufer des Flusses Telom steht. Den Müll, meist Plastik und Blechverpackungen weltweit bekannter Produkte, kippt man direkt aus den Häusern auf das Ufer, sodass dieses eine einzige Müllhalde ist. Der letzte Außenposten der Zivilisation ist zugleich auch ihre übelste Steigerung.

Schnell erledigen wir die wichtigsten Einkäufe, besorgen Bananen, Bisquits, und Getränke. Im Stehen trinken wir noch einen heißen Tee – wer weiß, wann es wieder was zu trinken gibt. Vor allem benötigen wir einen Spray gegen die berüchtigten "leaches", Blutegel, die einen überall im Dschungel anfallen sollen. Man empfiehlt uns Baygon, hergestellt in Leverkusen.

Es geht wirklich los. Pfeilschnell schießt das Boot, angetrieben von einem starken Außenbordmotor, in den Fluß Tembeling, der genau gegenüber dem gleichnamigen Ort in den größeren Telom mündet. In rasender Fahrt geht es nun den glatten Fluss hinauf. Die starke Gegenströmung und unsere niedrige Sitzposition verstärken den Eindruck hoher Geschwindigkeit. Zunächst sieht man noch Menschen am Ufer. Gelegentlich wird ein Boot entladen. Auch baden Leute in den braunen Fluten. Dann werden die Anzeichen von Besiedlung in diesem Gebiet, das nur noch mit Booten zugänglich ist, immer dünner.

Der Dschungel breitet sich bald bis an das Ufer aus. Wie eine große grüne Wand zieht er sich den Kurven des Flusses entlang. Zeitweilig geht es durch bergiges Gebiet. Das Boot rast mit unverminderter Geschwindigkeit durch die Kurven, die nun enger werden. So ähnlich muss sich ein Skifahrer beim Riesenslalom fühlen. Auf den Bergen sieht man dichten Urwald. Über allem ragen die Baumriesen in den Himmel. Einmal liegen Wasserbüffel auf einer Sandbank.

Dann beginnt Taman Negara, der Nationalpark. Von da an fahren wir nur noch durch dichten Wald. Ab und zu liegen gestürzte Urwaldriesen im Wasser. Drei  Stunden lang starren wir wie gebannt in die unberührte Landschaft. Dann treffen wir an der Mündung eines Nebenflusses auf allerlei Betriebsamkeit. Hoch auf dem Ufer liegt, mitten im ältesten Urwald der Welt, das Camp.

Die Unterbringung ist alles andere als unzivilisiert. Wir bekommen einen geräumigen Doppelbungalow. Er hat zwei vollständige Wohneinheiten, jeder mit einer veritablen Badewanne. Verbunden sind die beiden Teile durch eine schattige Terrasse mit bequemen Sitzmöbeln. Ein eigener Terrassenventilator sorgt auch im Freien für Kühlung. Gleich unter uns fließt, tief eingegraben, der Tembeling. Koloniale Gefühle kommen auf.

Wir machen einen kleinen Rundgang durch das Camp, das zirka 150 bis 200 Leute beherbergen kann. Die vielen flachen Gebäude sind so auseinandergezogen, dass die Verbindung zur Landschaft erhalten bleibt. In der beginnenden Dämmerung unterziehen wir den Dschungel einem kurzen kritischen Test. Er muss sich natürlich an Tioman messen lassen. Zu unserer leichten Enttäuschung besteht er den Test nicht. Tioman verdirbt alle Maßstäbe. Ohne Tioman hätten wir vermutlich auch über Cherating keine merkwürdigen Fragen gestellt.

Immerhin soll es hier aber die Möglichkeit geben, Urwaldtiere zu beobachten. Die besten Beobachtungsplätze, "hides" genannt, sind weit draußen im Dschungel. Man übernachtet in Schutzhütten direkt am Beobachtungsort. Ein hide ist aber auch direkt am Camp. In der Dämmerung schleichen wir durch ein Stück Dschungel und klettern auf einen Hochsitz. Vor uns liegt eine ziemlich weite Lichtung. Darin sind ein paar Schatten erkennbar. Lange rätseln wir, ob sie sich bewegen, was der Beweis dafür wäre, dass es sich um Tiere und nicht bloß um aufgewühlten Boden handelt. Sehr lebhaft sind die möglichen Tiere jedenfalls nicht. Die Indizien für ihre Existenz bleiben im wahrsten Sinne des Wortes schemenhaft.

Wesentlich deutlicher machen sich allerhand Kleintiere bemerkbar. Auch sie kann man nicht sehen, dafür umso besser hören. Um uns findet ein Dschungelkonzert von bislang nicht gekannten Dimensionen statt. Lautstarke Insekten, vor allem Zikaden, kennt man ja auch in europäischen Breiten. Gemessen am Tonvolumen, das man hier antrifft, sind deren Klänge aber die reinste Kammermusik. Hier ist ein Riesenorchester am Werk, dessen Mitglieder im Dauerfortissimo spielen. Hinzu kommt, dass auch die Zahl der Instrumententypen vervielfacht ist. Ganz unterschiedliche Melodien bilden unendlich viele Kontrapunkte. Manche spielen ein Thema an, das ein paar Meter weiter von einem anderen erwidert wird. Andere scheinen alleine vor sich hin zu musizieren. Unter jedem Blatt scheint ein Musikant zu sitzen, der seine Stimme gegen allen anderen zu Gehör bringen will. Und Blätter gibt es genügend im Dschungel.

Abendessen in einem der beiden Restaurants – es gibt Nasi Goreng. Während des Essens erscheinen an der offenen Seitenwand des Restaurants zwei überdimensionale "Rehe", etwa so groß wie Pferde. Sie lassen sich von den Touristen füttern. Auch gegen das Streicheln ihres rauhen Felles haben sie keine Einwände – original wild life im Touristenrestaurant.

Eine Gruppe deutschsprachiger Touristen findet sich zusammen, bürgerliche Travellers: ein ehemaliger Bundeswehroffizier, der seit Jahren auf allen Kontinenten herumreist, ein Elektriker aus Berlin, ein Gartenarchitekt, ein Schüler und andere. Man bleibt bis das Restaurant schließt.

Heimweg zum Bungalow – in der Ferne verklingt das Dschungelkonzert. Kurz nach Mitternacht wird das Dieselkraftwerk abgeschaltet. Damit gibt es kein Licht mehr im Haus. Auch der Ventilator fällt aus. Durch den luftigen Bungalow zieht jedoch angenehme Waldluft. Auf der Veranda tollen sich in der Nacht irgendwelche Tiere. Zu sehen bekommt man sie nicht. Wahrscheinlich wissen sie, dass es nachts kein Licht gibt.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985- Teil 9

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28.3.1985

Man lässt uns nicht darben. Das Frühstück ist opulent. Anschließend ziehen wir in einen geräumigen Doppelbungalow. Die Kinder haben die eine Hälfte, wir die andere. Plötzlich erschallt der Ruf, es würden Kreiselspiele gezeigt. Vorne an der Straße ist eine Busladung Pauschaltouristen angekommen, lauter Deutsche. Drei makellos gekleidete Malayen führen ihnen das traditionelle Kreiselspiel vor. Nach gebührend gravitätischer Vorbereitung werden die fast 40 Zentimeter breiten schweren Kreisel auf eine Platte gesetzt. Man zieht kräftig an einem Band. Dann drehen sich die Kreisel "regungslos" bis zu 20 Minuten lang. Die Menge betrachtet sie leicht ratlos und klatscht artig Applaus, wenn nach theatralischer Aktion wieder ein Kreisel in Gang gesetzt ist. Der Höhepunkt ist das Werfen der Kreisel, was, nach den Gesichtern der Akteure zu urteilen, das Schwierigste ist. Die Kreisel werden aus einigen Metern Entfernung auf die Platte geschleudert, wo sie wiederum ihre endlosen Kreise ziehen. Auch ein Affe wird vorgeführt. Er darf ein paar Kokosnüsse von einer Palme holen.

Cherating hat sich im Übrigen gemausert. Einige der unscheinbaren Hütten am Straßenrand haben sich in Souvenirläden verwandelt. Man kann dort unter Anderem verkleinerte Versionen der Kreisel kaufen. Die Frage bleibt allerdings: warum gerade in Cherating? Kampongromantik am Straßenrand?

Die Aufmerksamkeit der Gruppe verlagert sich auf unsere Kinder. Man fragt sie, was sie, leicht geschürzt und braungebrannt wie sie sind, hier mitten in der Schulzeit im fernen Malaysia tun. Ein übersprudelnder Sassi stiehlt den kreiselschleudernden Edelmalayen schließlich ganz die Schau. Er erzählt von seinen unpauschalierten Erlebnissen auf Tioman.

In der Nähe soll sich ein Club Méditerranée mit einem schönen Strand befinden. Vielleicht, denken wir,  löst sich dort das Rätsel von Cherating. Wir wandern also entlang der Landstraße, um zum Clubgelände zu gelangen. Nach einer dreiviertel Stunde treffen wir auf einen schnurgeraden Strand. In nobler Abgeschiedenheit befindet sich dort die Anlage des Clubs, eine Luxusburg aus ineinander verschachtelten und aufeinander geschichteten Kampongelementen. Zu nahe dürfen wir ihr nicht kommen. Der Torwächter pfeift uns sofort zurück. Man kann sich also fast wie zu Hause fühlen.

Lange hält es uns nicht an diesem ungastlichen Ort. Der Strand entspricht durchaus nicht dem, was man hierzulande beanspruchen kann. Im Gegensatz zu Cherating ist er schmal und sehr steil, wodurch die Wellen kurz und heftig brechen. Kein Mensch badet außer uns. Auch im Club scheint nicht gerade sprühendes Leben zu herrschen. Der Clubstrand ist genauso leer wie der unsrige. Wahrscheinlich baden sie dort im Schwimmbad. Hier ist das Rätsel von Cherating also auch nicht zu lösen.

Am frühen Nachmittag kehren wir, des öden Strandes müde, ins "lebhaftere" Cherating zurück. Die Sonne zeigt mehr als je zuvor, was sie in diesen Breiten vermag. Der Rückweg wird zur Qual. "Daheim" erholen wir uns im Travellersverschlag bei Tee und Spezereien. Danach genießen wir die ruhige Nachmittagsstimmung an "unserem" Strand. Einige Einheimische und Travellers sind da. Man kann von Strandleben sprechen.

Mit tiefer gehender Sonne strebt man zurück zum Futternapf im Kampong. Die Travellerschar wartet an den langen Tischen und ist gespannt darauf, was sich die Gastgeber diesmal ausgedacht haben, um sich Freude an unserem Appetit zu verschaffen. Das Mahl, das mit allerlei tropischen Zutaten versehen ist, lässt wieder nichts zu wünschen übrig.

Abends Travellergespräche. Ein junger Italiener, einer der seltenen Weltenbummler dieser Nation, unterhält die Gesellschaft bis spät in den Abend hinein. Er berichtet lebhaft von seinen jahrelangen Reisen auf allen fünf Kontinenten und macht sich über die mangelnde Abenteuerlust seiner Landsleute lustig. Wenn er zwischen seinen Reisen wieder einmal einen Versuch gemacht habe, in seinem lombardischen Heimatdorf zu leben, sei er bereits nach wenigen Wochen wieder reif für weitere Abenteuer gewesen. Mit von der abendlichen Partie ist im Übrigen ein Heer von Moskitos, die man erst zu spät mit Räucherspiralen vertreibt. Allgemeines Jucken und Kratzen ist die Folge.

Erstmals schlafen wir auch unter Moskitonetzen. Es ist angenehm "kühl" im Bungalow – wir haben die Fenster geöffnet. Die malayischen Nachtgeister verschonen uns aber. Wahrscheinlich sind sie nationalistisch.

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Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 8

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27.3.1985

Morgens stehen allerlei Thermoskannen mit heißem Wasser bereit. Wir können damit nicht nur, wie geraten, unseren eigenen Tee zubereiten, sondern auch noch den unabdingbaren Vorrat für die Reise auffüllen. Anschließend findet das Frühstück wieder in der Bäckerei unter dem Hotel statt. Das Gepäck lassen wir zunächst einmal im Hotel.

Die Befürchtung, wir könnten wesentliche touristische Aspekte von Kuantan übersehen haben, treibt uns auf die Suche nach dem lokalen Tourist-Office. Zufällig verhandelt dort gerade jemand über die Einreise in den Nationalpark Taman Negara, von dem wir unterwegs immer wieder gehört haben. Nach Gerüchten, die in Travellerskreisen kursieren, soll man ihn zur Zeit eigentlich nicht besuchen können. Wie sich nun herausstellt, ist es doch möglich, muss aber beim zuständigen Ministerium in Kuala Lumpur besonders beantragt werden. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn es, wie hier, durch das Tourist-Office und dazu noch alsbald geschieht. Der freundliche Manager setzt Telefon und Telexgerät in Bewegung und verkündet nach erstaunlich kurzer Zeit, dass wir am übernächsten Tag einreisen können. Punkt 14 Uhr müssten wir an einer Anlegestelle in Tembeling, einem kleinen Ort im Zentrum der Halbinsel sein, von wo uns ein Boot sechzig Kilometer in den Dschungel fahre. Für die Kinder, so verkündet er stolz, habe er eine kostenlose Bootsfahrt erreichen können.

Das gibt uns Zeit für Cherating. Schon vor hunderten von Kilometern, an der Grenze, hat man uns diesen Ort in einem Atemzug mit Tioman empfohlen. Also packen wir erwartungsfroh unsere sieben Sachen und begeben uns zum Busbahnhof. Abfahrt ist jede Stunde. Cherating, über das wir nichts wissen, scheint ein bedeutender Ort zu sein.

Ein Bummelbus, der an jeder Ecke hält, bringt uns etwa vierzig Kilometer weiter nach Norden. An einer nicht weiter auffälligen Stelle hält er. Der Schaffner verkündet, wir seien in Cherating. Wir steigen aus, der Bus fährt weiter und wir stehen alleine mitten in der Landschaft. Außer ein paar Kampongs unter Kokospalmen ist nicht viel zu sehen, kein Strand, keine spektakuläre Landschaft. Wo ist Cherating?

Am Stamm einer Palme finden wir ein leicht lädiertes Schild, das auf eine Unterkunft hinweist, die uns schon an der Grenze genannt wurde. Offensichtlich sind wir am richtigen Ort, es fragt sich nur warum. Wir folgen dem Schild. Schon nach wenigen Metern verläuft sich der Weg zwischen den Kampongs. Als wir etwas verunsichert in einem der Häuser nachfragen, bedeutet man uns, das wir das Ziel erreicht hätten, eben dies sei der gesuchte Ort. Ein Bett sei allerdings nicht frei. Dennoch weist man uns nicht ab, sondern ist höchst bemüht, uns anderweitig unterzubringen. Man fragt bei Verwandten in der Nachbarschaft nach. Von dort kommt der Dolmetscher, ein großer älterer Engländer im Sarong, weißhaarig, hager, mit mächtigem weißem Bart und nacktem Oberkörper – George Bernard Shaw in Tropenausgabe. Er erklärt, dass wir die erste Nacht im Nachbarkampong schlafen können. Dann werde ein Bungalow frei.

Wieder einmal vertreiben wir einen dienstbaren Kostgänger. Der alte Engländer – er gehört offenbar zum Inventar des Hauses – räumt sein eigenes Zimmer. Wir bekommen zwei Doppelzimmer am Rande des riesigen Hauptraumes, abgetrennt von diesem durch eine jener Wände, die nicht bis an die Decke gehen. Man legt großen Wert auf Sauberkeit. Den blitzsauberen Hauptraum dürfen wir nicht mit Schuhen betreten. Er ist etwa hundert Quadratmeter groß, spärlich möbliert, aber mit einem Fernseher und dazugehöriger Sitzgruppe ausgestattet. So wohnen wir denn einmal in einem Kampong, dem einstöckigen auf Pfählen stehenden traditionellen Holzgebäude, und im wahrsten Sinne des Wortes unter einem Dach mit einer malayischen Familie. Die Kinder fühlen sich sofort zu Hause. Sie springen um den Kampong herum und kümmern sich um eine junge Ziege, die eine Verletzung am Fuß hat.

Wir werden weiter in die Regeln von Cherating eingeführt. Die Verpflegung – man bietet Halbpension – erfolgt im benachbarten Kampong. Dort hat man für die Travellers einen Verschlag mit langen Tischen angebaut, in den man uns hineinbittet. Sogleich bietet man uns Tee und Bisquits, gebackene Hörnchen mit Fleischfüllung und Bananen in unbegrenzter Menge an, ein ständiger und kostenloser Service, der praktisch auf Vollpension hinausläuft. Mit stetem Lächeln und aufmunternder Freundlichkeit werden wir geradezu genötigt, ordentlich zuzupacken. Jeder Biss scheint den Wirtsleuten ein persönliches Vergnügen zu bereiten – ein erstaunlicher Mangel an gastronomischer Professionalität, wenn man bedenkt, dass die Häufung von Reisenden, wie hier, in der Regel regelmäßig den gegenteiligen Effekt erzeugt.

Wir begeben uns zum Strand. Er liegt nicht etwa vor der Haustür, wie man angesichts der "Berühmtheit " von Cherating erwarten könnte. Zuerst ist ein sumpfiger Kokospalmenwald zu durchqueren, in dem einige verlassene und verkommene Kampongs stehen. Der Sumpf resultiert aus den Abwässern der Kampongs, die direkt in den Sand abgelassen werden. In Bodenvertiefungen treten sie wieder an die Oberfläche. Manchmal bilden sie Tümpel, in denen eine große Zahl kleiner springender Fische lebt. Als wir uns nähern, erheben sie sich in einer großen Wolke und fliehen davon.

Der Strand ist wenig spektakulär, eine lange flache Bucht, die auf der einen Seite in niedrige Felsen übergeht. Vermutlich sind solche Buchten an dieser Küste zuhauf zu finden. Unmittelbar am Strand sind eine kleine, ausgestorbene Ferienkolonie aus winzigen Häuschen und ein Restaurant mit lauter Musik aber keinen Gästen. Überhaupt ist so gut wie kein Betrieb – off season Stimmung. Warum gerade Cherating? Die Lage ist es auch nicht. Wahrscheinlich ist es "nur" ein gut propagierter Familienbetrieb zur Bewirtung von Travellers.

Das Meer ist flach. Um untertauchen zu können, muss man eine längere Wanderung zurücklegen. Wir baden in den milden Wellen und spielen mit den Kindern Fangen im Wasser. Eine kleine Felsenbucht dient als Heimathafen.

Abends ist allgemeines Treffen im Verschlag. Zirka 20 bis 30 Travellers, meist junge Leute, finden sich ein. Reisende mit kleinen Kindern hat man hier noch nie gesehen, daher einige Verwunderung und Fragen. Man speist gemeinsam. Das Mahl ist opulent und reichlich, Grundton malayisch. Bei uns sitzt zunächst ein Paar aus Australien, das nicht eben vor Temperament sprüht. Die Unterhaltung ist stockend. Aufregendstes Thema ist – aus der Sicht des weiblichen Teiles des Paares – die Tatsache, dass Australiens bekanntester Song und gewissermaßen die inoffizielle Nationalhymne, "Waltzing Mathilde", vom Komponisten ins Ausland verkauft wurde – die Bedeutung des Ereignisses lässt sich erst ermessen, wenn man sich vorstellt, "Hänschen Klein" würde an einen japanischen Mischkonzern verkauft.

Ein junger Deutscher berichtet von Hakenwürmern, die er sich beim Barfusslaufen – auf Tioman, wie er meint – zugezogen habe. Jetzt muss er am Tag 20 verschiedene Tabletten schlucken, um die kleinen Tiere daran zu hindern, durch die Blutbahn ins Gehirn vorzudringen, wo sie offenbar einiges Unheil anrichten können. Sie sollen sich insbesondere in der Nähe von offenen Toiletten aufhalten. Nachdenklich betrachten wir danach unsere eigenen Füße und rekonstruieren unsere Toilettenbesuche. Wir meinen, immer Schuhe getragen zu haben. Dott ging gerne barfuss, hoffentlich nicht auch auf die Toilette.

Der Rest des Abends ist zu einem erheblichen Teil mit dem Versuch ausgefüllt, die Kinder vom malaysichen Fernsehen weg und ins Bett zu bekommen. Die Erfinder des Kampong haben nicht mit den modernen Medien gerechnet. So nimmt man, da die Wände nicht bis zur Decke gehen, im Schlafzimmer am Fernsehgeschehen im Hauptraum teil.

Man lädt uns ein, mit vor dem Fernseher Platz zu nehmen. Es läuft ein amerikanischer Film mit Untertitel – Weltkultur im Kampong. Amerika beherrscht überhaupt den Bildschirm. In den malaysichen Tageszeitungen werden die neuesten Episoden der Endlosserie "Denver Clan" regelmäßig in großer Aufmachung besprochen. Die Nation leidet mit Christel und Blake. Wie lange wird sich die weiche malayische Seele halten gegen die permanenten Attacken einer Alexis auf Takt und Scham?

In unserem Kampong ist die europäische und asiatische Seele vorerst noch harmonisch vereint. Die Herrin des Hauses, eine freundliche Malayin mittleren Alters, liegt neben dem Riesen aus England, der sie gelegentlich streichelt, auf dem Sofa. Er selbst hat den Sanftmut der Malayen angenommen. Sein ganzes Wesen ist Abgeklärtheit und Weichheit, allerdings von der bewussten und gewollten Art, die einem Europäer wohl allein möglich ist. Peinlich achtet er darauf, dass die Regeln eingehalten werden, vielleicht zu peinlich. Nach dem Waschen – draußen unter der Himmelsdusche – habe ich vergessen, meine Schuhe auszuziehen. Sofort ergreift er vorwurfsvoll schweigend den Besen und kehrt mir nach. Schmutz war wohl kaum wegzukehren, aber der Regelverstoß.

Die Nacht ist heiß und unruhig. In unserem Zimmer steht die Luft. Es fehlt ein Ventilator. Dennoch hat man uns gebeten, das Fenster nicht zu öffnen – aus Angst vor nächtlichen Einsteigern. Die asiatische Seele denkt dabei vermutlich nicht nur an menschliche Störenfriede. Wir halten uns an die Regeln und bringen den malayischen Nachtgeistern ein schweißnasses Opfer dar. Draußen auf der nahen Landstraße donnern die ganze Nacht zahllose Lastwagen entlang. Sie transportieren abgeholzte Urwaldriesen, meterdicke Stämme, aus deren Holz die Vertäferung irgendeiner Chefetage in Amerika, Japan oder Europa gefertigt werden wird. Auch die Geister der westlichen Welt verlangen ihr nächtliches Opfer.

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