Monatsarchiv: Oktober 2008

Ein- und Ausfälle – Eine kurze Dreiecksgeschichte mit vielen Komplikationen

Ich, Du, er . . .

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Ein- und Ausfälle – Lüge und Wahrhaftigkeit

Im sozialen Leben ist es mit der Wahrhaftigkeit wie mit dem euklidischen Raum im modernen Weltbild. Sie ist ein Spezialfall ihres Gegenteils.

 

Man hat eine Zeit lang geglaubt, dass die Gradlinigkeit von Flächen und Räumen das Fundament der Welt sei. Es war, gemessen an der Länge der Zeit, in der sich der Mensch um die Erkenntnis der Welt bemüht, eine kurze Zeit. Kaum 200 Jahre nachdem Newton die scheinbar unumstößlichen Gesetze des euklidischen Raumes aufgestellt hatte, zerfielen sie. Heute wissen wir, dass die gerade Linie nur ein Sonderfall der Krümmung und der dreidimensionale Raum nur ein Spezialfall des Raum-Zeit-Kontinuums ist.

 

Von der Wahrhaftigkeit hat man eine Zeitlang geglaubt, dass sie das Fundament der Gesellschaft sei. Auch das galt, gemessen an der Länge der Entwicklungsgeschichte menschlicher Gesellschaften, allenfalls für eine kurze Zeit. Es war dies, nimmt man es genau, im wesentlichen das Zeitalter der Aufklärung, das in etwa identisch ist mit der Zeit, in der Newtons Theorien herrschten. Heute wissen wir, dass die Unwahrhaftigkeit eine anthropologische Funktion und somit die Wahrhaftigkeit nur ein Spezialfall der Lüge ist.

 

 

 

 

Ein- und Ausfälle – Abstraktion und Aussage in der Malerei

Man bezeichnet die Abstraktion in der Malerei gern als die Emanzipation der Form und der Farbe. Damit suggeriert man, dass mit der Abstraktion ein Entwicklungshindernis weggefallen sei und Form und Farbe erst so zu ihrem eigentlichen oder jedenfalls zu einem neuen Selbst gefunden hätten. In Wirklichkeit hatten Form und Farbe auch schon in der traditionellen Malerei einen hohen Grad an Selbständigkeit. Nicht selten hatte die Beachtung formaler und farblicher Gesichtspunkte sogar überragende Bedeutung und war ein bestimmender Faktor für die Komposition. Allerdings standen Form und Farbe immer in einem komplexen Verhältnis zum Gegenstand bzw. zur Aussage des Bildes. Von dieser Bindung sind Form und Farbe in der abstrakten Malerei nun tatsächlich befreit. Darüber ob dies aber eine Emanzipation oder bloß Reduktion ist, kann man streiten.   Emanzipation wäre sie, wenn die Befreiung von Gegenstand und Aussage  neue Erkenntnisse oder Erlebnisse zutage fördern würde. Dass dies der Fall ist, kann natürlich nicht bestritten werden. Wesentlicher ist allerdings die Frage, ob die Erkenntnisse Substanz haben oder zumindest interessant sind. Die Erkenntnis etwa, dass die Abstraktion zeige, was der Mensch alles (sein) könne, auf die sich ihre Apologeten gelegentlich zurückziehen, ist nicht gerade umwerfend. Denn der Mensch kann in der Tat alles Mögliche (sein). Nur ist vieles von dem, was er (sein) kann, weder besonders bedeutend noch interessant. Vieles ist sogar ziemlich scheußlich.

Ein- und Ausfälle – Antike und Moderne

Vielleicht kann man den Beginn der europäischen Moderne durch den Umschwung der gesellschaftlichen Blickrichtung von der Vergangenheit in die Zukunft charakterisieren. Bis vor etwa hundert Jahren bezog die Gesellschaft ihre Grundmuster aus der Vergangenheit. Fast alles richtete sich daran aus, was die Alten getan oder gelassen hatten. Auch das Christentum war – nicht zuletzt durch Umkehrung oder Ablehnung – auf`s Engste mit den Alten verknüpft. Man versuchte sie zu kopieren oder zu variieren, war bemüht, sie zu verbessern oder zu  übertreffen. Und wenn man etwas dazulernte, dann dadurch, dass man Lehren aus ihren Fehlern zog. Neue Entdeckungen versuchte man mit dem Vokabular und den Denkformen der Alten in Einklang zu bringen. Eineinhalb Jahrtausend schöpfte man so aus dem Vorrat der gedanklichen und gesellschaftlichen Muster, den die Antike hinterlassen hatte oder den man glaubte, von ihr ableiten zu können.

 

Im Laufe der Neuzeit begann sich der Blickwinkel zu verändern. Man wandte sich von dem ab, was war oder gewesen sein könnte und richtete sich an dem aus, was sein könnte. Damit wurde die Zukunft zum Bezugsfeld gesellschaftlicher Gestaltungsmöglichkeiten. Mittlerweile ist das Vorbild der Antike weitgehend verblasst. Das Selbstverständnis der modernen Gesellschaften geht in der Hauptsache von dem aus, was man für möglich hält. Damit eröffnen sich viele neue Möglichkeiten aber auch neue Unsicherheiten. Denn da die Zahl der gesellschaftlichen Möglichkeiten praktisch unbegrenzt und insbesondere wesentlich größer ist als die Anzahl ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen historischen Verwirklichungen, hat sich auch die Zahl der möglichen Irrwege vergrößert.

Ein- und Ausfälle – Lesen und Schreiben

Lesen fesselt, Schreiben befreit.

1874 Modest Mussorgski (1839- 1881) Bilder einer Ausstellung

Ein Bild in Musik zu setzen heißt, zwei Prinzipien zu verbinden, die scheinbar völlig entgegengesetzt sind: Musik ist notwendigerweise laufende, das Bild hingegen stehende Zeit. Es ist daher kein Wunder, dass die Verbindung der beiden Kategorien im Laufe der Entwicklung der europäischen Kunstmusik lange nicht versucht wurde. Auf die Idee, dies zu tun, konnte am ehesten jemand kommen, der Distanz zu traditionellen Vorstellungen über Musik suchte. Eben dies tat die St. Petersburger Musikerverbindung um Balakirew, aus der Mussorgski, das „enfant terrible“ der damaligen russischen Musik, hervorgegangen ist. Die Gruppe, die man wegen ihrer Eigenwilligkeit spöttisch das „Mächtige Häuflein“ nannte, wollte russische Musik in möglichster Freiheit vom westlichen Musikdenken schaffen, von dem man allerdings die wesentlichen Grundlagen dennoch übernahm.

 

Ein besonders eindrucksvolles Resultat des  musikalischen „Freidenkertums“ des „Mächtigen Häufleins“ ist der Zyklus „Bilder einer Ausstellung“. Mussorgski praktiziert in diesem Werk nicht nur einen für seine Zeit äußerst freien Umgang  mit dem musikalischen Material, sondern  befasst sich auch gleich in mehrfacher Hinsicht mit dem Problem der Verzeitlichung des Statischen. Eine erste „Temporalisierung“ gelingt Mussorgksi dabei dadurch, dass er das Punktuelle einer Ausstellung einzelner Bilder durch eine musikalische Passage auflöst, die dem Gang des Betrachters von einem Bild zum anderen entspricht. Das Thema dieser „Promenade“, das je nach der Stimmung des jeweiligen Bildes bzw. des imaginierten Betrachters variiert wird, stellt zugleich die motivische Einheit des Gesamtwerkes her. Am Ende erweist es sich als das Hauptthema des grandiosen glockenklingenden Finales „Das Große Tor von Kiew“, dessen Gegenstand selbst wieder eine Passage ist.

 

Auch bei den einzelnen Bildern hebt Mussorgski den passageren Aspekt hervor. Besonders deutlich wird dies in dem Bild „Bydlo“, in dem ein polnischer Ochsenkarren dargestellt ist. Das altertümliche Gefährt kommt mit quietschenden Holzlagern aus der Ferne angerumpelt, zieht mit großem Aplomb vorbei und verschwindet wieder.  Aus dem Kostümentwurf für ein Ballett, dessen Tänzer in Eierschalen stecken, wird der bezaubernde „Tanz der Küchlein in den Eierschalen“. Das Bild der russischen Hexe „Baba-Jaga“ nutzt Mussorgski, um einen wilden Hexenritt zu vollführen. In „Tuilerien“ hört man Kinder, die im Park mit ihren Gouvernanten streiten, in „Marktplatz von Limoges“ kreischende Marktweiber und in „Altes Schloß“ einen Troubadur, der eine Romanze anstimmt. Auch Porträts, das schlechthin Statische, versucht Mussorgski zu verzeitlichen. Unter dem Titel „Samuel Goldenberg und Schmulye, polnische Juden, der eine reich, der andere arm“ und mit entsprechendem Selbstverständnis, werden die Charaktere erst gesondert, dann im hitzigen Gespräch „porträtiert“. In „Katakomben“ schließlich wird der Hörer durch die unterirdische Totenstadt von Paris geführt, in denen man auf römische Gräber stößt. Hier werden gewaltige Blechbläser-Akkorde nebeneinandergestellt: „con mortuis in lingua mortua“ (mit den Toten in der Sprache der Toten), wie Mussorgski in der Partitur vermerkt. Die erratischen Akkordblöcke erinnern an die monumentalen Schlagschatten in Piranesis Radierungen „Camere sepocrale“ mir ihren düster-grandiosen Ansichten antiker Grabmäler.

 

„Bilder einer Ausstellung“ ist eine Huldigung des Komponisten an seinen Freund, den Maler und Architekten Victor Hartmann, der im Jahre 1873 kurz nach einer Zusammenkunft mit Mussorgski jung verstorben war. Wladimir Stassow, der erste Biograph Mussorgskis und Erfinder der Bezeichnung „Mächtiges Häuflein“, organisierte im folgenden Jahr eine Gedächtnisausstellung mit Bildern Hartmanns, zu der Mussorgski die Bilder „Samuel Goldenberg“ und „Schmulye“ beisteuerte. Aus der Ausstellung, die rund 400 Bilder umfasste, wählte Mussorgski zehn Werke. Dabei nimmt er in „Katakomben“ ausdrücklich Bezug auf den Tod des Freundes. In der Partitur heißt es hier: „Der schöpferische Geist des verstorbenen Hartmann führt mich zu den Schädeln und ruft sie an – die Schädel beginnen im Inneren sanft zu leuchten.“

 

Das 1874 entstandene Werk ist ursprünglich für Klavier geschrieben und fand als solches zunächst keine Beachtung. Sein Farbenreichtum und die Dichte des Satzes legten aber schon bald eine Orchestrierung nahe. Ein erster Versuch wurde bereits im Todesjahr des Komponisten gemacht. Allein im Jahre 1922 folgen 3 weitere Fassungen, in der Folge weitere acht. Außerdem sind zahlreiche Bearbeitungen für die unterschiedlichsten Besetzungen erschienen, darunter eine für 44 Klaviere und ein präpariertes Klavier, eine für chinesische Instrumente sowie je eine für Jazzband und Rockgruppe. Durchgesetzt hat sich die Fassung von Maurice Ravel aus dem Jahre 1922, welche die Palette Hartmanns und den Stern Mussorgskis mit ihren außerordentlich plastischen Effekten auf ideale Weise zum Leuchten brachte.

Weitere Texte zu Werken von Mussorgskii und rd. 70 weiteren Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

Ein- und Ausfälle – Geist und Materie, eine Berg- und Talfahrt

Welch eine Karriere! Am Anfang fragte man sich, wie etwas Unausgedehntes und Immaterielles wie der Geist mit dem Körper zusammenpasst, der materiell und ausgedehnt ist. Da man darauf keine Antwort fand, kam man zu dem Schluss, dass der Geist von anderer Wesensart als die Materie sei. Dann bemerkte man, dass die Möglichkeiten des Geistes weiter waren, als die der Materie. Daher meinte man, dass der Geist die wichtigere Form des Seins sein müsse. Dann stellte man auch noch fest, dass der Geist keine Grenzen kennt. Dadurch kam man auf die Idee, dass er etwas Absolutes sei. Von da war es nicht mehr weit zu der Vorstellung, dass er das Höchste sein müsse. Daraus folgte die Konzeption eines absoluten Wesens, das nichts als Geist sei. All dies hatte zur Folge, dass man die Materie und damit den Körper für nicht so wichtig hielt. Dadurch aber kam man in Konflikt mit dem Leben, das nun einmal ziemlich wesentlich eine Sache der Materie und damit des Körpers ist. Damit begann der schwierige Rückzug von den Höhen des Geistes, von denen man noch immer nicht richtig auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt ist.