Monatsarchiv: April 2008

Ein und Ausfälle (China 11)

Unglücke, insbesondere Naturkatastrophen, die Gute und Böse gleichermaßen treffen, sind für die traditionellen Weltbilder die Probe aufs Exempel. Am schlechtesten lassen sie sich im Rahmen eines Weltbildes erklären, das von einem perfekten und allmächtigen Gott ausgeht. Dessen Bild leidet notwendigerweise unter der Tatsache, dass er solches Geschehen nicht verhindern kann oder will. Unglücke stellen hier die Konstruktion des Weltbildes selbst in Frage. Bei den alten Chinesen hingegen sind Unglücke eher eine Bestätigung des Weltbildes. Da im Mittelpunkt des (alt)chinesischen Weltbildes der Mensch und seine soziale Verantwortung stehen, hat man auch hier eine politische und damit „menschliche“ Lösung des Problems gefunden. Die Chinesen gehen davon aus, dass Unglücke eine Folge der Störung der kosmischen Harmonie durch den Menschen seien. Und da die Möglichkeiten des Einflusses auf die kosmischen Verhältnisse als um so größer angenommen werden, je höher die Stellung des einzelnen Menschen in der sozialen Hierarchie ist, trägt der jeweilige Herrscher für Unglücke umso mehr Verantwortung, je größer sie sind, was doch ziemlich menschlich ist.

Briefe aus der Wendezeit – Teil 8

Stuttgart, 15.9.1990

Lieber Frank,

Deutschland hat uns wieder. Unaufhaltsam ist der Rausch verflogen, in den mich Italien immer wieder versetzt. Es ist ein merkwürdiger Prozeß. Kaum bist du über die Alpen, da tauchst du in eine Welt allgegenwärtiger Ornamentik und wohl gesetzter Proportionen. In dem betörenden Spiel schöner Formen, das dich umgibt, beginnen sich bald Fragestellungen zu verflüchtigen, die zu Hause für wichtig gehalten werden, (etwa so tiefgründende Unterscheidungen, wie die zwischen Sein und Schein oder Form und Inhalt). Gewohnte Gewichte verschieben sich und erschweren das Wichtigtun (bekanntlich eine deutsche Lieblingsbeschäftigung). Deutschland liegt plötzlich irgendwo hinter den Bergen, es erscheint merkwürdig unbegabt und gehemmt und allenfalls auf eine chaotische Weise malerisch. Wenn du dich schließlich auf einer Bühne wiederfindest, von der niemand zu behaupten versucht, daß sie keine Bühne sei, weißt du, daß du Deutschland endgültig hinter dir gelassen hast. (Das „Bühnenbild“ zwingt mich, meine Behauptung über das Wichtigtun zu präzisieren: Wichtigtun ist „in Wirklichkeit“ wohl doch die Domaine der Italiener; die Deutschen neigen dazu, das, was sie tun, tatsächlich für wichtig zu halten.) Der Italienrausch ist, wie Du siehst, ein Prozeß schleichender Entdeutschung. Ich verfalle ihm unfehlbar, sobald ich den Alpenhauptkamm überquert habe.

Trotz des Katzenjammers, der mich mich regelmäßig – natürlich auch diesmal – ergreift, wenn ich auf den Boden gewichtiger deutscher Tatsachen zurückkehre, genehmige ich mir diesen Rausch möglichst ein Mal im Jahr (anstelle der hierzulande beliebten handfesteren Räusche). Man muß eben dieses seltsame Vaterland immer wieder von jenseits seiner natürlichen und geistigen Grenzen sehen, wenn man seinem nicht ungefährlichen Bann entkommen will. Diesen Rausch haben Eure alten Herren gefürchtet, weshalb sie Euch eingemauert haben.

Allerdings dieses Mal war der Rausch von etwas anderer Qualität als sonst. Es ist mehr Deutschland mitgereist. Bei unserer Frühjahrsreise durch die CSSR und die DDR war unsere Aufmerksamkeit besonders auf den miserablen Zustand der real sozialistischen Hinterlassenschaft gerichtet. Wir haben alles mit den heimatlichen Verhältnissen verglichen und unsere Empörung gepflegt. Jetzt in Italien merkten wir, daß wir mit dem Sehnsuchtsland der Deutschen bislang wesentlich schonender umgegangen sind. Wir waren noch so in Übung beim Aufspüren von „Dreckecken“, daß wir auch in Italien mehr als sonst darüber gestolpert sind. Rom etwa, (wir besuchten es nach langer Abstinenz wieder einmal), ist, wenn man es nüchtern betrachtet, was nicht ganz einfach ist, nur unwesentlich weniger verloddert als die Metropolen der Staaten, die seine cäsaropapistische Nachfolge angetreten haben. Manches Bauwerk, über das Kunsthistoriker und Reiseschriftsteller enthusiastische Elogen verfasst haben, dämmert mit düsterer und bröckelnder Fassade vor sich hin. Auch hier fehlt es offenbar an Dachziegeln oder Menschen, die gewillt sind, dieselben anzubringen, wovon manches wasserfleckige Deckenfresko zeugt. Und auf den Straßen Roms wirst du nicht weniger durchgeschüttelt, als auf der Fahrt von Dresden nach Pillnitz. Man ist geneigt, diesem Land fast alles nachzusehen. Italien das ist eben eine andere Welt und sie ist mit anderen Maßstäben zu messen, Maßstäben, die nicht zuletzt von den „malerischen“ Italienwerken der großen Enthusiasten gesetzt wurden. Und darin spielten Dreckecken allenfalls eine folkloristische oder elegische Rolle. Ein Werk, wie Hippolyte Taines Italienbuch aus den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, das den Dreckeckenaspekt der italienischen Wirklichkeit nicht unterschlägt, hatte z.B. bei mir kaum eine ernsthafte Chance gegen die geballte Macht der Sehnsuchtsbücher. Die Begeisterung hat eben eine enorme Verdrängungskraft – das ist Dir nicht unbekannt (übrigens trifft man auch bei Taines Schilderung der geistigen Dreckecken des päpstlichen Roms auf viel Vertrautes. U.a. berichtet er darüber, daß die Polizei es nicht duldete, wenn sich jemand mit einer Wissenschaft beschäftigte, die der Politik benachbart war; Männer, welche studierten oder viel lasen, seien überwacht worden. Die verschiedenen „päpstlichen“ Gesellschaften haben, wie man sieht, die gleichen Probleme daher auch die gleichen Lösungen.)

Last not least ist Deutschland auch literarisch mitgereist. Mailand, Genua, Lucca, Pisa, Rom – Deine Werke waren schon dort. Deutsche Urlauber – vorläufig noch einige wenige privilegierte – haben sich an den Luxusstränden Liguriens mit ihnen auseinandergesetzt. Bei „Oktoberland“ bin ich zu einer anderen Einschätzung als der Autor gekommen. Es ist natürlich weit mehr als eine bloß erste Aufbereitung der Ereignisse, wie du im Vorwort schreibst. Für mich ist es vielmehr ein, besser drei und vielleicht noch ein halber Spiegel jener turbulenten Geschehnisse. In meiner Erinnerung war schon manches verschoben, wurde überlagert, zusammengezogen und vieles war gar nicht mehr präsent. Ich habe bei der Lektüre über diese wohl aufregendste Zeit, die ich erlebt habe, noch einmal alles Tag für Tag durchgemacht. Das allein war schon eine packende Sache. Ich denke, daß es anderen Lesern auch so ergehen und daß das Interesse an diesem Werk künftig schon wegen seiner protokollarischen Qualitäten steigen wird. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn die äußeren Ereignisse auch in anderen historischen Werken rekonstruiert sein werden. Die Gedanken und Empfindungen der Betroffenen sind nur in einem solchen Werk authentisch. Hinzu kommt die mehrfache Perspektive, die, wie ich meine, vor allem für den westlichen Leser von besonderem Interesse ist. Die „pikanten“ Zutaten verfehlen ihre Wirkung eben falls nicht. Wenn Judi am Strand so vor sich hinlachte oder gar helle Begeisterungslaute von sich gab, wußte ich, daß wieder einmal einen Pointe gesessen hatte. Mich hat neben den Bildern vor allem die „Figur“ des Vaters fasziniert (Der Sohn möge mir verzeihen, aber ich kannte ihn schon ein wenig). Ich hätte ihn gerne kennengelernt und, nachdem er das Ganze gottlob real existent überlebt hat, auch gerne gewußt, wie er die Dinge heute sieht. Aber auch hinsichtlich des Sohnes ist mir manches erst nach der Lektüre des vollständigen Werkes klar geworden. Ich hatte mit den Manuskriptteilen, die Du mir zunächst zugesandt hattest, anfangs meine Schwierigkeiten. Aus hiesiger Sicht schien es doch wie selbstverständlich, daß mit Ausnahme der Hartgesottenen, zu denen ich Dich nicht zählte, eigentlich alle DDR Bewohner vom Zusammenbruch des Systems begeistert sein müßten. So und eigentlich nur so spiegelten sich die seelischen Ereignisse auch in den Medien wieder. Wir werden lernen müssen, daß dies keine reine Selbstverständlichkeit ist, daß auch die Menschen in der DDR ihre Geschichte haben, die sich nicht einfach abstreifen lässt. „Oktoberland“ könnte hierbei Geburtshilfe leisten. Übrigens habe ich den Kreis der Privilegierten bereits erweitert. Die Reaktion war ähnlich wie Judis und meine.

Und dann haben auch noch die „Guten Genossen“ ihre Italienreise gemacht. Der Text „beantwortet“ weit gehend meine Frage, wie das System trotz seiner mageren Ergebnisse so lange überleben konnte. Die Frage setzt ja den Willen zur Veränderung voraus, den die Verhältnisse aber offenbar bereits in der Entstehung hinderten. Die schamlose Propaganda war für mich angesichts der so offensichtlich entgegenstehen Tatsachen immer ein unerklärliches Phänomen. Deine Erklärung ist unerwartet, klingt jedoch plausibel. Gegenüber „Oktoberland“ hat sich Dein Standpunkt deutlich verändert. Es fehlt das Apologetische, Bedauernde und Skeptische gegenüber der Revolution, die jetzt eher als natürliche Konsequenz erscheint. Auch glaube ich Zweifel an Dialektik und Feudalismusthese herauszuhören. Interessant wäre es, die Fassung zu lesen, die vor der Revolution entstanden ist.

Lieber Frank, wie Du siehst war unser Italienaufenthalt doch fast eine Deutschlandreise. Aber Deutschland ist im Augenblick wohl fast überall, was so, wie es jetzt der Fall ist, ohne Zweifel besser ist, als wenn es über Alles wäre.

Alle Grüße

Klaus


Stuttgart, 3.10.1990

Lieber Frank,

Der heutige neue Feiertag gibt mir in doppelter Hinsicht Gelegenheit, mich mit wieder einmal mit einem alten Hobby zu beschäftigen. Dies tue ich umso lieber, als Du ebenfalls ein Faible für das Terrain hast, auf daß ich mich begeben will und ich Dir in diesem Zusammenhang noch eine Antwort auf Deinen Brief vom 19.5.1990 schuldig bin.

Während heute also Alles über die deutsche Einheit spricht, stelle ich mir die Frage, ob wir uns dem Ende der mittleren Periode des gesellschaftlichen Mittelalters nähern. Gerade heute verstärkt sich bei mir der Verdacht, daß die Dinosaurier aussterben, jene gefräßige Großform des Lebens also, die eben jene Periode (die Erdgeschichtler nennen sie das Jura) kennzeichneten und unter deren Füße zu geraten kleineren Individuen häufig nicht zuträglich war. Es scheint, daß wir in diesen Tagen Zeugen des Endes einer weiteren Großform aus der Gattung Lineara Okzidentara werden. Ich meine damit jene spezifisch europäischen Systeme, deren Grundlage die Idee von einem bestimmten Ziel der individuellen und kollektiven Geschichte ist. Seit den Tagen, da sich in der Südostecke des Mittelmeerraumes die Vorstellung von einem „Jüngsten Tag“ entwickelte, auf den alles zulaufen soll, hat sich der Zielgedanke in den Köpfen der Europäer fest eingenistet und ist in seinen verschiedenen Lebensgrößen mal mehr und mal weniger hilfreich gewesen. Mittlerweile haben wir diesen Gedanken in die ganze Welt exportiert, wodurch manche kreisförmig angelegte traditionelle Kultur um ihr Zentrum gebracht wurde. Es lag in der Logik eines solchen Gedankens, daß man den Weg zu dem angenommenen Ziel irgendwann nicht mehr allein dem Zufall überlassen wollte und daher begann, sich aktiv darum zu bemühen. Und es war im wahrsten Sinne des Wortes konsequent, ihn begradigen und beschleunigen zu wollen. Die Suggestion eines klar vorgegebenen Zieles hat dabei ohne Zweifel bis dahin noch schlummernde Kräfte frei gemacht. Später hat man die Schritte, die man auf diesem Weg zurückzulegen glaubte, kühn pauschalierend als „Fortschritt“ bezeichnet. Eine der extremsten Ausprägungen dieser Vorstellung ist schließlich die gesellschaftliche Großform geworden, die glaubte, nach einem „revolutionären“ Bruch mit hergebrachten Lebensformen mehr oder weniger alles planend in die Hand nehmen zu können. Das setzte die Behauptung einer besonders hohen Sicherheit über den Verlauf der Geschichte voraus. Den kosmischen Nebel, der all dies „in Wirklichkeit“ umgibt, hat ihr Prophet – es ist sicher kein Zufall, daß er jener Mittelmeerecke nahe stand – mit hohen Worten wegzudiskutieren versucht. Das hieß, hohes Risiko gehen und dementsprechend spektakulär ist denn auch jetzt der Zusammenbruch dieses notwendig totalitären Gedankens geworden.

Das Problem dieser Theorie ist – trotz gelegentlich noch angestellter Stützungsversuche – ziemlich augenfällig. Was mich heute daran interessiert ist aber nicht dieser Aspekt (wiewohl als Antwort auf einen dieser Stützungsversuche dazu noch eine Menge zu sagen wäre). Es scheint nämlich, daß dieser Zusammenbruch nicht nur das Schicksal der zuletzt genannten, zweifelsohne besonders hypotrophen Form abendländischer Großsaurier ist. Der Zielgedanke, jener besondere Sinn für Richtung, der unser ganzes Denken und Empfinden – im Gegensatz etwa zu dem Asiens – bestimmt, hat in seiner Megavariante auch noch andere heftige Stöße versetzt bekommen. Auf schleichende Weise hat sich zum Beispiel in den letzten Jahrzehnten der Zielaspekt des Christentums im allgemeinen Bewußtsein verflüchtigt. Das „Letzte Gericht“ – einst „allgegenwärtig“ und gefürchtet ob seines ungewissen Ausgangs (weshalb es Gegenstand zahlreicher Bestechungsversuche war – z.B. Ablaßkauf) – dieses Ende mit Pauken und Trompeten hat heute allenfalls noch in den phantasievollen Bildern Realität, zu denen es die Künstler angeregt hat (das macht es uns besonders lieb – freilich auch teuer: denn es hatte, wie man sieht, einen hohen Preis). Auch die nicht minder verbreitet gewesene Überzeugung, die Welt könne in technischer Hinsicht immer nur im Fortschreiten begriffen sein, ist schwer angeschlagen, vermutlich schon seit dem Tage, da sich der unsinkbaren Titanic ein nicht vor(her)gesehener Eisberg in den Weg stellte und ihre Fortschritt feiernde Festgesellschaft auf den Grund des Meeres beförderte. Unaufhaltsam breitet sich seitdem die Erkenntnis aus, daß sich mit den wachsenden instrumentellen Möglichkeiten auch die Fähigkeit vergrößert, das Leben zu zerstören.

Mit dem Sozialismus fällt nun eine weitere Großbastion des naiven Glaubens an die totale Machbarkeit aller gesellschaftlichen und technischen Dinge zum Zwecke der Realisierung eines fernen Zieles. Die Großformen der Gattung Lineara Okzidentara haben sich, wie es scheint, insgesamt überlebt, wahrscheinlich weil sie am Ende mehr gefressen haben, als das Leben verkraften konnte. Es waren gewaltige, leider aber auch gewalttätige Erscheinungen. Man wird sich von den Riesensauriern befreit fühlen, aber man wird das grandiose Schauspiel, das sie boten, auch vermissen. Ich selbst allerdings denke, daß es reicht, wenn man ihre ungeheuren Knochen sammelt und sich in (natur)geschichtlichen Museen daran ergötzen kann. Das Leben wird, wie man weiß, auch ohne sie weiter gehen, in kleineren, keinesfalls jedoch uninteressanteren Formen (wozu u.a. der nicht mehr auszurottende lineare Bazillus gehört, der auch künftig für mehr oder weniger heilsame Unruhe sorgen wird). Daß damit die Sinnfrage nicht nur nicht gelöst, sondern in gewisser Hinsicht eigentlich erst gestellt ist, steht auf einem noch zu beschreibendem anderen Blatt. Vielleicht liegt aber ihre Lösung auch darin, daß sie sich in der Form, wie sie meist gestellt wird, als sinnlos herausstellt.

Was aber geschieht mit der nun ziellos gewordenen Geschichte? Man wird sie wohl, wie die Erdgeschichte, wieder nur in Altertum, Mittelalter und Neuzeit einteilen. Es wird keine alles beherrschende Zukunft mehr geben, neben der die Vergangenheit nur als Vorbereitung und die Gegenwart als Durchgangsphase erscheint. Freilich wird man sich ab und zu gezwungen sehen, an die Neuzeit eine Neueste und an diese eine noch neuere Zeit anzufügen. Dieses „Stückwerk“ ist die Folge des bescheideneren Horizontes, der allerdings dadurch auch ein offener ist. Auf diese Weise werden dann die Schichten entstehen, in denen einmal die versteinerten Reste der gesellschaftlichen Dinosaurier gefunden werden. Das sind Knochen statt Brot, wirst Du mir jetzt vielleicht antworten. Aber ich weiß nicht, ob das so wenig ist. In der kleineren Perspektive gibt es auch eine Menge zu tun. Und vielleicht lässt sich ein Teil davon tatsächlich verwirklichen.

Bis bald

Klaus

PS Wie Du siehst, habe ich mich mit diesen linearen Erwägungen wieder auf ein Gebiet begeben, das Dir aus dem „Schlussbericht“ vertraut sein dürfte. Derselbe schildert nichts anderes als die Folgen eines extremen Zielbewußtseins. Die marxistische Geschichtstheorie als ein Beispiel eines extremen Zieldenkens ist – natürlich – dort auch kurz erwähnt (unter Nr. 5.42 214 341 41).

Übrigens bist Du hiermit Zeuge eines wahren Fortschrittes. Endlich holt der Westen den Vorsprung des Ostens in Sachen Textverarbeitung auf. Zugegeben, diese Kiste, auf der ich mich künftighin zu betätigen gedenke, ist der größte Fortschritt seit der Erfindung von Bleistift und Radiergummi. Allerdings hast Du ihr auch zu verdanken, daß der nächste Brief, den Du – so der neue noch etwas launische Gott will – demnächst erhalten wirst, weit vor diesem datiert ist. Er steckt schon seit längerem unvollendet in diesem Apparat, und fand keinen Abschluß, weil er nicht mehr herauskommen wollte. So ist es halt, wenn man die „natürliche“ Ordnung der Dinge verlässt – man weiß nicht, was am Ende dabei herauskommt. Wenn es nur nicht die zermalmenden Schritte eines neuen Großsauriers sind.

Übrigens war ich mittlerweile auch in musikalischer Hinsicht an Deutsch – Deutschem beteiligt. Wir haben dieser Tage ein Opernkonzert mit den „Stars der Semperoper“ gemacht – ein wahrer Genuß für meine und, wie es scheint, auch der Zuhörer Ohren. So ist denn der innerdeutsche Austausch wenigstens in einer Hinsicht einmal in umgekehrter Richtung gelaufen.

Anbei noch Kopien Deiner Unikate.


Stuttgart, 12.11.90

Lieber Frank

anbei der angekündigte Nachkömmling, den ich Dir doch nicht vorenthalten wollte. Ich lasse ihn unter dem alten Datum laufen, weil er damals entstanden ist und auch vom Inhalt nur unter diesem Datum zu verstehen ist. Ich komme gerade aus Spanien, genauer gesagt Katalonien (das ist, wie ich jetzt gelernt habe, ein großer Unterschied) zurück, wo wir mit dem Orchester fünf Konzerte gegeben haben. Da wir in privaten Familien untergebracht waren, haben wir sehr viel von der spanischen – pardon der katalanischen – Wirklichkeit mitbekommen. Die westdeutschen Maßstäbe sind, wie auch dieses Beispiel wieder zeigte, nicht sehr weit zu übertragen. Daß wir auf einer Insel leben, war mir spätestens seit meinen Besuchen in Ländern der Dritten Welt klar. Wie klein die Insel jedoch ist, wurde mir jetzt wieder überdeutlich vor Augen geführt. Nicht nur wegen der bescheidenen Lebensverhältnisse der Vor- und Kleinstädte, die wir hautnah kenngelernt haben. Gewisse Teile der Altstadt Barcelonas erinnern an Szenen, wie sie Marx nicht eindringlicher hätte beschreiben können. Die Verelendung durch Alkohol, Drogen und Prostitution hat hier unmittelbar vor den Toren Mitteleuropas unglaubliche Dimensionen angenommen. Und natürlich gibt es „Dreckecken“, wohin das Auge blickt (von geeigneten Konzertsälen will ich ganz schweigen). Dabei ist Katalonien die reichste und aktivste Provinz Iberiens (Spaniens darf ich nicht sagen, sonst steigen mir meine katalonischen Gastgeber auf das Dach). Im Kontrast dazu steht die unglaubliche Raffinesse der Architektur eines Gaudi, für die ich mich wieder einmal vollkommen entzündet habe. Er ist zweifelsohne der Größte – vermutlich aller Zeiten.

Ich hoffe, die familiären Dinge stehen weiterhin gut. Aktuelles demnächst. Vielleicht kommt noch ein weiterer Nachkömmling.

Gruß

Klaus

 

 


Berlin, angefangen am 13.11.90

 

Lieber Klaus!

 

Vielen Dank für Deinen „Saurierbrief“ vom 3.10 und die Kopien und herzlichen Glückwunsch zum technischen Fortschritt im Hause H.!

 

Deinen Ausführungen zum (vermeintlichen) Ziel der Entwicklung kann ich nur zustimmen – mit dem Bemerken, daß ich (wie bereits ausführlich dargelegt) dabei unbedingt einen Unterschied zwischen Ziel (bzw. Sinn) und Gesetzmäßigkeit sehe. Der Sinn eines Systems läßt sich nur aus der Sicht (und den Interessen) des nächsthöheren Systems ableiten und insofern mag das Individuum einen solchen für sich noch finden, aber der Versuch, ein Ziel für die Existenz, das Handeln oder die Entwicklung der gesamten Spezies zu entdecken, führt unweigerlich zur Religion (Was für mich als Atheisten keine Lösung ist – aber das Regieren oft erheblich erleichtert. Nicht umsonst gab es bei uns den Trend zur „Verkirchlichung des Sozialismus“.)

 

Was die Saurier angeht, ist mir Dein Optimismus ein wenig überzogen. Auch ich konstatiere zwar das Aussterben einiger Arten, aber die Gattung scheint mir vom Exitus noch weit entfernt. Gerade die gewalttätigen sind offenbar nicht totzukriegen. In diesen Wochen schlüpfen wieder etliche aus dem arabischen Wüstensand, aber man (bzw konkret: ich) braucht gar nicht so weit oder in die Glotze zu schauen – auch vor meinem Fenster stehen sie und sind gar schrecklich anzuschauen. Wenn ich in dieser Minute von meinem Stuhl aufstehe, sehe ich unten vier gepanzerte Wasserwerfer vom Bundesgrenzschutz und einen fünften der Berliner Polizei, der schon ziemlich mitgenommen aussieht, dazu Mannschafts- und Krankenwagen, Planierraupen, rollende Führungspunkte… Auf dem Euch ja gut bekannten Alexanderplatz habe ich heute nachmittag insgesamt 8 Schützenpanzerwagen des BGS gezählt, malerisch zwischen die frisch aufgebauten Buden des Weihnachtsmarktes plaziert, auf daß das Fest der Liebe auch gelinge. Gegen all dies ist das Aufgebot an Bürgerkriegsgerät vom Oktober ’89 – welches ulkigerweise an der selben Stelle aufmarschiert war – geradezu lächerlich zaghaft, stümperhaft provinziell, kleinkariert gering gewesen.

 

Nun bin ich wahrlich kein Freund der Hausbesetzerszene und schon gar nicht der irgendwelcher Steineschmeißer. Im Gegenteil: Ich finde es durchaus vernünftig, daß der Gewalt irgendwelcher Chaoten mit (rechts-)staatlicher Gewalt begegnet wird (Über Ursache, Wirkung und alternative Lösungen mich auszulassen maße ich mir hier nicht an und es würde auch den Umfang unserer gesamten bisherigen Korespondenz sprengen, denke ich).

 

Schlimm ist, daß überhaupt die Gewalt – und leider nicht AUCH, sondern INSBESONDERE die physische – in unserem Leben noch oder wieder eine derart dominierende Rolle spielt und diese sogar noch auszubauen scheint. Für uns Ossis gilt dies jedenfalls unbedingt. Solche Unsicherheit auf den Straßen oder gar in der eigenen Wohnung wie sie sich in den letzten Monaten hier entwickelt hat, kannten wir bisher nur aus den Gruselberichten der Parteipresse.

 

Wo also ist Dein „Ende des gesellschaftlichen Mittelalters“?!

 

(19.11.90)

 

Sicher, in Europa hat es derzeit den Anschein, als würde dort der Schwachsinn kalkulierten Völkermordes ad acta gelegt. Gerade heute sind die wohl einschneidensten Abkommen zur Rüstungsbegrenzung unterzeichnet worden. Ein Sieg der Vernunft? Es war wohl eher ein Sieg konsequenten Totrüstens über eine stümperhafte (und unbestritten systemimmanente) Wirtschaftspolitik. Ein Sieg des hochmotivierten Siemens-Ingenieurs über seinen vom Mangel gebeutelten Kollegen in Jena.

 

Dem Paradies der Vernunft sind wir damit kaum einen Schritt näher gekommen. Sicher jedoch dem Paradies der Plusmacherei. (Einige Aufsichtsräte im Westen müssen doch vor Euphorie schon ganz blöd im Kopf sein, wenn sie ihre Umsatzsteigerungen seit unserer Revolution zusammenrechnen, seit UNSERER Revolution, wohlgemerkt.)

 

Den Sauriern sind wohl tatsächlich einige besonders schwerfällige Arten abhanden gekommen, aber die Gattung ist davon kaum beeindruckt, im Gegenteil: Futterplätze sind vakant geworden, neue Räume in herrlichen Dimensionen tun sich auf! Man muß nur die Kräfte ein wenig umgruppieren und dann kann das große Fressen weitergehen – etliche sind schon munter dabei und schmatzen völlig ungeniert, andere (die satten mit den starken Nerven) warten noch ein wenig. Sie wissen, daß ihnen der Happen noch bequemer zurechtgelegt werden soll.

 

Derweilen greinen die kleinen Tiere hier darüber, vom Nachlaß der so tapfer ausgerotteten Art nicht genügend abzubekommen. Die meisten haben noch nicht begriffen, daß sie selbst – wie immer – der Happen sind, den es zu verteilen gilt, ganz zu schweigen von dem Gedanken, den Großen vielleicht gemeinsam in den Schwanz zu beissen.

 

Irgendwann zwischen dem 4. November (’89) und der Märzwahl ist uns wohl die Solidarität abhanden gekommen, die – gepaart mit ein wenig Mut – im vorigen Herbst so viel ausgerichtet hat. Wir erleben derzeit unsere Evolution in Richtung der Beutelratte und wer sein Säckchen einigermaßen erfolgreich füllt (ohne gefressen zu werden), dem wird wohl die Zukunft gehören und es ist nichts schlechtes dabei, denn die Verhältnisse – sie sind halt so. Ergo: Mit den Sauriern wird man sich noch auf einige hunderttausend Jahre arrangieren müssen. Vielleicht klappt dies sogar, nur: Das Zeitalter der Saurier ist es eben doch! Amen.

 

(26.11.90)

 

Im übrigen – um nun endlich Dein Bild zu verlassen – keimt hier ganz ganz langsam ein klein wenig neues Selbstbewußtsein in den Köpfen. Immer mehr Kontakte mit der verklärten Marktwirtschaft und ihren Vertretern zeigen: Die Wessis kochen auch nur mit Wasser. Sie heizen allerdings mit besseren Kohlen und – sie machen dabei ein Geschrei, als ob sie sonstwas im Topf hätten. Feuer ohne Kohlen unter den Bedingungen des Holzmangels – für gelernte DDR-Bürger eine der Grundfertigkeiten – bringen sie gar nicht. (Ich habe mich darüber im Sommer schon ausgelassen.)

 

Auf der Basis dieses Selbstbewußtseins kommen nun natürlich auch die ersten Forderungen, und das ist gut so, denke ich. Im nächsten Jahr wird sich entscheiden, ob man sich im vereinten Deutschland an den Gedanken gewöhnt, daß Ossis Deutsche 3. Klasse sind (jeder polnische Übersiedler ist mit dem Fremdrentengesetz beispielsweise um den Faktor 3 besser dran als unsere Alten), oder ob klare Fahrpläne für ein echtes Zusammenwachsen aufgestellt werden. Wie es aussieht, ist niemand bereit, uns die Gleichheit zu schenken. Also wird sie erkämpft werden müssen. Seit heute nacht streiken die Eisenbahner und sie haben meine volle Sympathie. Es ist wohl nicht gerade unverschämt, nächstes Jahr wenigstens das halbe Einkommen eines Westkollegen zu verlangen, (oder?) zumal m.E. die Arbeitgeber im öffentliche Dienst – im Gegensatz zur arg gebeutelten Industrie – dazu am ehesten in der Lage sein müßten, denn dort wird wirklich die gleiche Leistung (unter wesentlich schwierigeren Bedingungen) erbracht und gleiche Preise sind dort am leichtesten durchzusetzen.

 

(Hier spricht ein wenig der Neu-Bundespostler, dessen Stuhl übrigens zZ auch mehr wackelt, als es vor 4 Wochen noch zu befürchten war. Manchmal ist es gar nicht so einfach, sich nicht verrückt machen zu lassen.)

 

Schreib‘ doch mal demnächst Deine Meinung und die Deiner Bekannten dazu, wie mich überhaupt sehr interessieren würde, welche Haltung heute in den alten Bundesländern zu den Forderungen in den neuen besteht. „Überwindung der Teilung durch teilen“ scheint mir derzeit nicht gerade populär – und ich verstehe das auch irgendwie…

 

Bis bald

 

Berlin, Nov. 17th 1990

 

Dear Judy,

 

thank you so much for your letter from Okt 24th. I was been so glad, that I’ll try to give you a short answer in my bad and simple English (without dictionary). I’m very happy having a real fan now, but – you are my only fan, I’m afraid. So you can say, you have a private writer for yourself, who has written a book especially for you. Congratulation!

 

Do you want an autogramm?

 

Nobody wanted my book and also the RIAS which at first seemed very interested in it and the „Guten Genossen“ for a radio-feature had not contacted me for months. (So I have now not even a copy for myself.)

 

The same thing was about the essay for Bertelsmann’s „Buch der Deutschen“. They wrote me, only one of each seventy they could place in their book. So I stopped all those activities since spring ’90 and the only way I’m writing are the letters to Klaus. (Do you read them too?)

 

So becoming „rich and famous“ will not be in those way, I’m afraid – but „rich only“ is even a good thing and I have ever been an optimist. I hope, Mr. Schwarz-Schilling will be so intelligent giving me a good job and enough money. If not I must go to Baden-Wuertemberg (to Stuttgart, for instance) and sell my great intelligence outside the post enterprise. Today Berlin is more a hard place than a place of hope and future. (May be it will be an other case in some years…)

 

Many greetings from Paula and all the best for you and the children

 

Love,

 

Frank

 

23. Nov 1990

 

Lieber Klaus!

 

Eben kam Dein „nachgereichter“ September-Brief. Es erfüllt einen verhinderten Schriftsteller wie mich mit einiger Genugtuung zu hören, daß der Leserkreis seines Hauptwerkes offenbar doch im Begriff ist, den einstelligen Bereich zu verlassen. Vielleicht kannst Du unauffällig auch mal einen Lektor in die Schar der „Privilegierten“ einbauen?

 

Noch eine Bemerkung zu den „Guten Genossen“: Dank der Computertechnik ist es ein Kinderspiel, Dir die „alte“ Fassung vom Sommer ’88 zugänglich zu machen.

 

Mag sein, daß es Dich erstaunt, aber: Ich habe im/am Prinzip für die „Nachwende-Fassung“ kaum etwas geändert! Lediglich Anfang und Schluß sind den aktuellen Ereignissen angepaßt worden und alle Verben des Textes wurden um eine Zeitebene nach hinten gesetzt.

 

Ich schicke Dir den Ausdruck, soweit er (bis auf die Verben) von der Dir vorliegenden „Ausgabe“ abweicht, so daß Du Dir selbst ein Bild über die – zu dieser Thematik (!) m.E. kaum vorhandenen – Änderungen in meinem Denken zwischen Sommer ’88 und Frühjahr ’90 machen kannst.


Berlin, den 30.12.90

 

Lieber Klaus!

 

Einige freie Tage und der Jahreswechsel sind Anlaß zu einem ersten Rückblick auf das verflossene Jahr 1990. Für uns Deutsche war es mit gewaltigen Veränderungen verbunden, wenn es auch so richtig hautnah derzeit wohl nur für die Deutschen im Osten spürbar ist. Auf lange Sicht werden aber auch die anderen nicht die alten bleiben können – falls sie das überhaupt wollen.

 

Für uns jedenfalls ist (fast) alles anders geworden in diesem Jahr 1990 und wie in wahrscheinlich jeder Revolution stehen alle, Beteiligte und Unbeteiligte, ein wenig staunend vor dem, was sie da angerichtet haben: Die Aktivisten des Herbstes ’89 sind mehrheitlich längst wieder in der politischen Versenkung verschwunden und versuchen damit fertig zu werden, plötzlich mitten im Kapitalismus zu sitzen, für den sie nun wahrlich nicht auf die Straße gegangen waren. Ähnlich geht es denen, die (viel zu lange auf eine Revolution von oben hoffend) jene erst auf der Straße und im Bann allein ließen, um dann als Trittbrettfahrer der Ereignisse für ein Dutzend Wochen ihrem Traum vom 3. Weg zu träumen.

 

Apropos Träume: Auch die vielen sogenannten Kleinen Leute hatten ihren Traum – den vom Goldenen Westen und der harten D-Mark – und in diesem Jahr ist er wahr geworden. „Bundesbürger sein, daß wäre was!“ hatten sie immer gedacht. Schade nur, daß der Traum gleich für alle wahr geworden ist. Und weil deshalb hier niemand mehr eine D-Mark in ein komplettes Restaurant-Essen tauscht, ist man im Osten Deutschlands erstmal nicht der große Mann geworden, zu dem man sonst immer so neidvoll aufblickte. Für die Von-oben-herab-Perspektive muß man sich schon nach Prag oder Polen bemühen. Für viele erstmal besser als nichts. Also: „Wir sind wieder wer!“ – jedenfalls östlich von Frankfurt(/Oder!). Und da träumt man denn schon mal die ersten Sequenzen des nächsten Traumes: Nicht nur Bundesbürger, sondern REICHER Bundesbürger möchte man sein. Also werden die Ellenbogen gespitzt und einige können es schon ganz gut. Soweit zu denen.

 

Und dann gibt es natürlich die vielen, die immer noch von Konterrevolution und Agentenwerk reden. Einige besinnen sich ganz fürchterlich auf die Schulbuchweisheiten vom Klassenkampf, haben gar echte Widerstandskämpfergefühle beim Plakatekleben für die PDS. (Der Gysi paßt ihnen zwar ganz und gar nicht, aber was anderes ist eben auch /noch?/ nicht zur Hand.) Man hat den Eindruck sie wissen nicht so recht, ob sie sich nun freuen sollen, wenn es weiter bergab geht („Wir haben es ja immer gesagt. Nun zeigt er sein wahres Gesicht, der Kapitalismus“), oder ob sie nicht doch noch schnell die Paris-Reise buchen, bevor die befürchtete Mieterhöhung kommt.

 

Und diese vier Typen aus den-Neuen-Bundesländern /den-Fünf-Ländern /dem-Beitrittsgebiet /der-ehemaligen-DDR- /Ostdeutschland schauen erstaunt und erschrocken auf den fünften, den eigentlichen (vorläufigen?) (hiesigen) Gewinner der Revolution:

 

Man kann in der Wirtschaft blicken wohin man will – das Sagen haben überall noch dieselben Leute (Ich habe dieses Thema bereits im Juli kurz angerissen, inzwischen sind die Konturen wesentlich klarer, weshalb ich nun nochmals darauf zurückkomme.) Lediglich ihre Gehälter sind inzwischen – durch sie selbst, niemand sonst ist witzigerweise dafür zuständig – kräftig erhöht und ihre Befugnisse erweitert worden. Da dies einerseits allgemeiner Trend ist und andererseits im Osten nichts mehr ohne westlichen Segen passiert, muß dies in Bonn (oder besser: in Frankfurt) so gewollt sein und nach kurzem Überlegen scheint es auch logisch. Hier ist nämlich der so ziemlich einzige Punkt, wo die DDR etwas einzubringen hat in unser einig Vaterland: Ausreichende Skrupellosigkeit und wohleingeschliffene Kontakte zum Comecon! Da nimmt man als Investor schon mal ein bißchen Stasi-Vergangenheit beim künftigen Partner in Kauf und die Treuhand verscherbelt das „Objekt“ natürlich auch lieber an den alten Direktor als an irgendeinen Herrn Namenlos, der schon unter Honecker/Mittag nichts werden durfte. Nur Naive wundern sich darüber. Grund zur Empörung haben allerdings -zigtausende, besonders wenn sie am eigenen Leibe die haarsträubende Personalpolitik dieser Alten Herren erleben müssen. Es gibt sie tatsächlich, die „alten Seilschaften“.

 

Insofern haben die Westmedien (die sonst immer noch viel halbgewalkten Schmarrn über den Osten bringen) hier wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen – nur: Charakteristisch für diese Seilschaften sind weniger die gemeinsame SED- oder Stasi-Zugehörigkeit, sondern eine gemeinsame Vergangenheit schlechthin. Die kann denn auch genausogut bei den Blockflöten, im Kegelclub oder dem Handballverein gelaufen sein. (Wobei natürlich wegen der ehemals fast 100%-igen SED-Mitgliedschaft dieser Leute der SED-Effekt tatsächlich überwiegt. Aber es handelt sich auch dann keinesfalls um eine Bruderschaft im Geiste von Marx und Lenin, sondern – und zwar schon immer – um den Geist von Posten, Macht und Geld). Man macht halt einfach so weiter wie bisher, nur unter anderen Vorzeichen, was solchen Typen, die routinemäßig schon immer jede Linie problemlos mitmachten, kaum schwer fallen dürfte.

 

Soweit in (zugegeben vereinfachender) Kürze das gegenwärtige Typenspektrum Deiner neuen Landsleute. Was die Verhältnisse angeht, ist (ich muß hier trotz Rückschau-Absicht im Präsens bleiben) das Wichtigste wohl die Etablierung des Rechtsstaates. Eine feine Sache, nur ist es ungeheuer schwer hier, sein neues Recht überhaupt kennenzulernen, gar nicht zu reden davon, es zu nutzen oder gar durchzusetzen.

 

Typisches Symptom: Die Schlange – sie hat unser armes kleines Volk noch immer nicht aus ihrer Umklammerung entlassen. Zwar stehen wir jetzt nicht mehr nach Wurst und Orangen (wenn man einmal vornehm davon absieht, daß die Ossis in ihrer Konsumwut gerade vor Weihnachten wirklich ganze Landstriche leerzukaufen bereit waren), wir stehen jetzt bei Banken und Behörden, nach Ausweisen und Bescheinigungen, ja sogar bei der (KFZ-)Versicherung. Für letztere muß hier im Dezember das absolute Traumgeschäft ihrer Firmengeschichte gelaufen sein. Vor unserem Fenster haben sich schon seit vielen Wochen etwa ein Dutzend Gesellschaften per Wohnwagen oder Container etabliert. Das Geschäft muß sich bei der Flut von neuerworbenen (Gebraucht-)Wagen sowieso gelohnt haben, aber in den letzten Tagen des Jahres haben die Leute sogar Urlaub genommen, um bloß noch rechtzeitig IRGENDEINE KFZ-Haftpflicht-Versicherung abzuschließen. Keiner, der noch auf die Höhe der Tarife achtete („immer die Preise vergleichen!“ Haha, Judy), man stellte sich dort an, wo die Schlange am kürzesten schien (weniger als 20) und basta!

 

Gelobt seien die Raucher! [1]

 

Kurz: Es wird noch eine ganze Weile dauern und nicht ohne Heulen und Zähneklappern abgehen, nach der formal-staatlichen auch die real-bürokratische Einheit der Deutschen herzustellen (Was die emotionale Einheit angeht, warte ich ein wenig auf Deinen Beitrag dazu.)

 

Andererseits ist bisher wirklich erst eine verdammt kurze Zeit vergangen. Vor 6 Monaten ist gerademal die Währungsunion geschmiedet worden und mein Bundesbürgertum ist gar erst 10 Wochen alt. Millionen im Osten würden gern und sofort mit uns tauschen und wären begeistert, dürften sie sich nach KFZ-Versicherungen anstellen.

 

Womit ich mich nun dem letzten und damit außenpolitischen Teil nähere und gleichzeitig bemerke, daß der vorgesehene beschauliche Jahresrückblick ’90 gar keiner geworden ist, wofür ich um Verzeihung bitte.

 

Noch mehr als die wirklich blöde Lage am Golf bewegt mich – wie Du Dir sicher denken kannst – die Situation in der SU. Spätestens nach Schewardnadses Rücktritt scheint mir klar, daß die Frage ob Diktatur oder Demokratie nicht mehr steht. Es geht jetzt wohl nur noch darum, wann, um welchen Preis und wieviele Diktaturen errichtet werden – und nicht zuletzt: Wieweit sind wir in Deutschland davon betroffen? Wenn dem Volk die Diktatur als das kleinere Übel erscheint, kommt sie unweigerlich. Wir haben das in diesem Jahrhundert u.a. in Deutschland und in Chile erlebt und die Ausgangssituation scheint mir in der Sowjetunion sehr ähnlich: Man ist bereit für einen Schlag Suppe in den eigenen Topf über den Schlag in die Magengrube des Nachbarn hinwegzusehen, denn zur Wahl stehen scheinbar nur noch: Anarchie oder Diktatur. Die Demokratie spielt in einer solcherart verfahrenen Situation als Alternative ohnehin keine Rolle mehr, und soweit sich das von hier aus beurteilen läßt, ist das Überleben dort tatsächlich nur noch mit Mitteln der Gewalt zu sichern. Die Verteilung ist im Begriff zusammenzubrechen und wohl nur das öffentliche Erschießen von zehntausend Schiebern kann hier noch Abhilfe schaffen. Mit einer kleinen Phasenverschiebung steht anschließend das Problem der endgültig zusammenbrechenden Produktion, wieder Erschießungen usw… Am Ende hat das dankbare Volk wieder einen geliebten Tyrannen vor der Nase, den es nicht wieder los wird, und der von seiner alleinseligmachenden Superman-Rolle bald selbst so überzeugt ist, daß als nächstes die Kritiker erschossen werden… usw usw, Schwanzbiß und Ende meines Intellekts – siehe mein Septemberbrief!

 

Das einzige Stück Optimismus, das ich beim Thema SU einbringen kann, ist die Hoffnung, daß an UNS dieser Kelch einigermaßen vorübergeht und die Fetzen der anstehenden Eruptionen UNS nicht allzu dicht um die Ohren fliegen. Die Völker der SU jedenfalls können einem leid tun in ihrer Hoffnungslosigkeit und daran ändert auch nichts die Tatsache, daß ihre eigene unendliche Geduld offenbar eine der Hauptursachen für diese Hoffnungslosigkeit bildet. Wir haben deshalb vor einigen Wochen in unsere schmalen Taschen gegriffen, und wenigstens 1 Care-Paket finanziert. Auch die Kinder haben sich mit ihrer Sparbüchse beteiligt…

 

Das soll’s für heute gewesen sein. Wir wünschen Euch allen ein gesundes und erfolgreiches Jahr 1991 und hoffen, Euch in den nächsten 12 Monaten irgendwie wieder auch leibhaftig in die Arme zu schließen

 

Euer Frank


[1] private Anmerkung: Vor dem ganzen KFZ-Horror hat uns bisher erfolgreich Paulas Camel-Ford bewahrt.

Wir sind überhaupt bisher auf der Behörden-Ansteh- Strecke (neubundesdeutsch müßte es wohl „-Schiene“ heißen) sehr glimpflich davongekommen (toi, toi, toi!), beginnend mit dem November vorigen Jahres als wir nicht am Geldanlage-Run auf Kühlschränke, Waschmaschinen und Fernsehgeräte teilnahmen (zwei Tage Anstehen und – umgerechnet – mindestens 2000 D!-Mark gespart), über das Frühjahr als wir uns den staatlich genehmigten 1:5-Umtausch verkniffen haben (450 DM gespart), die Währungsunion bei der wir 4 zusätzliche Konten extra für den 1:1-Umtausch bei einer ziemlich unbekannten und also nicht überlaufenen Sparkassenzweigstelle eröffnet haben (ein Tag Anstehen gespart), bis hin zum rechtzeitigen Wechsel zur Commerzbank bereits im Juli. Bei der Ostberliner Sparkasse stehen bis heute riesige Schlangen. Jetzt geht es zwar nicht mehr um Umstellungsanträge und das Verteilen des Familienvermögens auf alle Großtanten, sondern um den Antrag für Euroschecks und -Karte, aber mindestens einen halben Tag Zeit muß man eben doch ans Bein binden und nach einer Wartezeit von 6 bis 8 Wochen dann bei der Abholung das Gleiche nochmal. (Für die meisten besonders „schlimm“ weil bei uns mit der Existenzangst auch die Arbeitsdisziplin gewachsen ist und sie nun tatsächlich dazu offiziell frei nehmen müssen.)

Ein und Ausfälle (China 10)

Es fällt auf, dass es in China wesentlich weniger (bauliche) Sehenswürdigkeiten aus alter Zeit gibt als in Europa. Das hat sicher nicht nur damit zu tun, dass in China weniger Altes erhalten geblieben ist, etwa weil man weniger beständige Baustoffe verwendete oder weil in den zahlreichen gesellschaftlicher Umwälzungen viel zerstört wurde. Es dürfte dafür auch eine strukturelle soziale Ursache geben.

Vom Menschen gemachte Sehenswürdigkeiten setzen in der Regel eine gewisse Konzentration ökonomischer Mittel voraus. Daher ist die Anzahl solcher Sehenswürdigkeiten umso größer, je mehr Individuen oder Gruppen von Individuen die Möglichkeit haben, solche Mittel verstärkt an sich zu ziehen. Dies ist naturgemäß dann in besonderem Maße der Fall, wenn die Konzentration ökonomischer Mittel in privater oder quasi privater Hand in einer Kultur in besonderer Weise zugelassen oder gar gefördert wird.

Eine derartige Konzentration von Ressourcen ist typisch für die europäische Kultur. Eine ihrer unausgesprochenen aber dennoch zentralen Zielvorstellungen ist, dass sich der Einzelne oder Gruppen von Einzelnen so viel wie möglich vom gemeinsamen – und möglichst noch von fremden – Kuchen verschaffen sollen und dürfen. Die Methoden, deren man sich dabei bedient, sind außerordentlich vielgestaltig. Sie reichen von unverblümter Durchsetzung des Bereicherungswillens (so im Falle der Sklavenhaltung oder des Raubrittertums) bis zur fein verschleiernden Legitimation desselben (etwa durch Schaffung bestimmter Strukturen des Erwerbs und der Verteilung von politischer Macht oder dem Praktizieren eines Wirtschaftssystems, welche das Akkumulieren von wirtschaftlichen Ressourcen fördert – zum Beispiel eines kapitalistischen). Ausdruck der Bedeutung, den der Topos der Bereicherung im Westen hat, ist die Tatsache, dass hier in der Regel derjenige bewundert wird, dem es gelingt, mehr als seinen Teil am großen Ganzen an sich zu nehmen. Der sinnenfälligste Ausdruck dieses Denkens ist das Schloss, mit dem der Schlossherr deutlich macht, dass er seinen Reichtum für des öffentlichen Sehens würdig hält, aber auch, dass er ihn unter Verschluss halten, also gegen den Zugriff von Seiten der Gesellschaft verteidigen will.

Die Tatsache, dass im alten China vergleichsweise wenig Sehenswürdigkeiten entstanden, dürfte daher etwas damit zu haben, dass dort die individuelle Akkumulation ein weniger hoch bewerteter gesellschaftlicher Topos ist als in Europa und seinen Dependancen. Dass dem so ist, zeigt eine Passage aus  dem altchinesischen Grundbuch „Diskurse der Staaten“. Dort wird einem wohlwollenden Ratgeber des Dschou-Königs Li, der im 9. Jh. v. Chr. regierte, die folgende Warnung vor dem Bereicherungsdrang des Herzogs I von Rung, den der König zu seinem Kanzler machen will, in den Mund gelegt: „Dem Herzog I von Rung ist daran gelegen, den gesamten Ertrag (des Landes) alleine zu beanspruchen, ohne die großen Schwierigkeiten zu verstehen, die daraus entstehen müssen. Denn die Erträgnisse erwachsen aus allen Dingen, …sollte sie einer für sich alleine beanspruchen, so verursacht er damit zahlreiche Schäden. Die vielen Dinge, die Himmel und Erde gedeihen lassen, sind für den Gebrauch aller bestimmt. Wie darf sie daher einer für sich allein beanspruchen. So wird ein gewaltiger Unwille hervorgerufen und nichts getan, um Vorsorge für die kommenden großen Schwierigkeiten zu treffen. … Wer als König herrscht, muss die Erträgnisse zu fördern und sie an alle in den niederen und höheren Regionen zu verteilen wissen. Und selbst wenn alle… das ihnen zukommende Maß erhalten haben, so lebt er (hätte er zuviel) doch täglich in Sorge und Angst, dass er Missbilligung erregen könnte… Wenn ein Gemeiner Erträgnisse an sich zu reißen versucht, so wird er Räuber genannt. Tut dies ein König, so wird es wenige geben, die ihm zu folgen bereit sind“ (mit der Folge, dass seine Herrschaft verfällt, was dann auch, so die Moral des negativen Exempels, bei König Li, der den guten Rat nicht beachtete, der Fall war). Neben den außergewöhnlich hoch bewerteten moralischen und praktischen Aspekten der Anhäufung von Reichtum erscheint hier ein Topos, der dem Westen – besonders dem „Wilden Westen“ – besonders fremd ist: die Sorge und Angst, man könne durch die übermäßige Anhäufung von Reichtum Missbilligung erregen.

Tatsächlich wurden die ökonomischen Ressourcen im alten China, die in ihrer Gesamtheit vermutlich nicht geringer waren als die Europas, auch in geringerem Maße im Interesse von Individuen oder Gruppen, sondern mehr für Zweckes des Ganzen der Gesellschaft konzentriert. Dem entsprechend sind die Relikte der alten Kultur, sieht man von Repräsentationsstätten wie Kaiserpalästen oder Kultstätten ab, in China eher solche von gesellschaftlichen Gemeinschaftsprojekten. Solche Projekte wiederum konnten, da die Ressourcen nicht in einer Vielzahl von „privaten“ Projekten „verzettelt“ wurden, in Dimensionen verwirklicht werden, vor denen wir Europäer heute mit Staunen wie vor Sehenswürdigkeiten stehen, darunter so unglaubliche Anlagen wie die chinesische Mauer und der Kaiserkanal oder die großen Bewässerungs- und Überschwemmungsschutzprojekte.

1738 Georg Friedrich Händel (1685-1759) Altus Arie aus der Oper Xerxes

 

Dass die tiefere der beiden oberen Stimmen im vierstimmigen musikalischen Satz die „Hohe“ (lat: altus) genannt wird, hat etwas mit der Rolle der Frau in der christlichen Gesellschaft zu tun. Anfangs war die patriarchalische Welt der Musik noch in Ordnung. Die (Kirchen-)Musik des frühen Mittelalters war einstimmig und wurde -natürlich- vom Mann gesungen. Diese einzige Stimme nannte man Tenor, was so viel heißt wie „der, der den Ablauf bestimmt“ (in diesem Sinne – nämlich von Dominanz – wird die Entscheidungsformel eines gerichtlichen Urteils noch heute als „Tenor“ bezeichnet). Später gesellte sich als hohe Gegenstimme der Cantus hinzu. Auch für dieses Problem fand man eine „männliche“ Lösung. Der Cantus wurde von Knaben gesungen. Im weiteren Verlauf der Musikgeschichte rankte sich um den Tenor eine dritte Stimme, die mal über, mal unter ihm lag, und schon wegen der Tiefe, die hierbei benötigt wurde, dem Mann vorbehalten war. Diese -vagabundierende- Stimme spaltete sich im 15. Jahrhundert in zwei Stimmen, den unter dem Tenor liegenden Baß (Contratenor bassus) und dem darüberliegenden Alt (Contratenor altus). Auch im nunmehr vierstimmigen Satz wusste man die Andächtigen zunächst noch vor dem betörenden Charme der weiblichen Stimme zu schützen. Die Männer machten die Sache erneut unter einander aus. Der Preis, den man dafür zahlte, war im wahrsten Sinne des Wortes „hoch“. Einen Teil der Männer kostete der Drang nach oben ihre Männlichkeit. Der andere Teil, alti naturali genannt, entwickelte eine Falsetttechnik, die es auf stupende Weise ermöglichte, sich im natürlichen Tonraum der Frauenstimme zu bewegen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich hieraus eine eigene Tradition virtuoser Gesangskunst, die sich auch dann noch gegen die Frauenstimme behaupten konnte, als sich diese bereits allgemein durchgesetzt hatte. So wurden in der Oper, in der der Siegeszug der Frauenstimme begann, männliche Heldenrollen noch bis in das späte 18. Jahrhundert hinein für hohe Stimmen geschrieben und von Männern gesungen. Erst im 19. Jahrhundert war die Gleichberechtigung der Stimmen erreicht. Als späten Triumph konnten die Frauen nun eine gewisse Umkehrung der Rollenverhältnisse verbuchen. Zum neuen Helden der Gesangswelt wurde die Primadonna, die in der Hosenrolle sogar den Mann spielen durfte.

Auch die Alt-Arie aus der Oper Xerxes wurde ursprünglich für einen Mann geschrieben.

Ein- und Ausfälle (China 9)

Bei der Beschäftigung mit den geistigen Modellvorstellungen Chinas wird einem so richtig deutlich, in welchen Maße das geistige Leben Europas noch immer daraus besteht, das wieder in den Griff zu bekommen, was durch spekulative Grundannahmen zuvor verkompliziert wurde. Anders als die Chinesen arbeiten wir, bevor wir zu Fragen der praktischen Lebensgestaltung kommen, aufwändig erst einmal die Folgen der geistigen Postulate ab, mit denen wir das Leben überzogen haben. Dazu gehören die diversen Varianten der Vorstellung von einem Jenseits (darunter das Konzept eines ewigen Gottes einschließlich seines Stellvertreters auf Erden, der Unsterblichkeit der Seele, eines jüngsten Straf- und Belohnungsgerichtes und die Reste eines Gottesgnadentums der weltlichen Herrscher), die Frage nach dem Sinns des Lebens, nach der Erforschbarkeit und Beeinflussbarkeit des Schicksals und eines vermeintlichen Gegensatzes von Geist und Materie mit seinen Varianten Geist und Körper und Geist und Leben. Freilich haben die solchermaßen selbst aufgebauten Hürden auch Kulturleistungen herausgefordert, die nicht weniger „ungeheuerlich“ sind als die geistigen Grundannahmen, die sie bewirkten. Ohne die Vorstellung von einem Jenseits und seinen Varianten wären nicht nur die grandiosen europäischen Kirchen nicht gebaut worden, sondern wären auch viele der geistigen Leistungen unterblieben, die metaphysische Vorstellungen illustriert (Musik, Literatur, Malerei) oder sich mit ihren Konsequenzen auseinandergesetzt haben (Philosophie). Nicht zuletzt gehören dazu auch die komplizierten Versuche, die Abhängigkeit von diesen Vorstellungen zu lockern (Sekularisierung) oder sich ganz davon zu lösen.

Ein und Ausfälle (China 8)

Auf die Frage, was sie von den Turbulenzen ihrer neueren Geschichte, insbesondere dem Bürgerkrieg und der Kulturrevolution halten, antworten die Chinesen meist ganz unbefangen, das sei (bedauerliche) Vergangenheit. Es lohne sich nicht, ständig darüber nachzudenken. Es könnte sein, dass diese Einstellung ein Grund dafür ist, dass sich China so kraftvoll seiner Zukunft widmen kann.

Ein und Ausfälle (China 7)

Man kann sich Bücher ausdenken, die ihren Ursprung im Himmel haben, wie am westlichen Ende des eurasischen Kontinents, oder Texte allgemein geachteten Weisen der Vergangenheit zuschreiben, wie am östlichen Ende des Kontinents. Sozialtechnisch ist es das gleiche Verfahren. Es geht es jeweils darum, Texte die Normen generieren sollen, im „Jenseits“ zu verankern, um dem Führungspersonal, das im Diesseits agiert, die Arbeit zu erleichtern. Das zeigt vor allem die Tatsache, dass der weitere Umgang mit diesen Texten in Ost und West sehr ähnlich ist. In beiden Kulturen sind die Grundbücher meist allgemein bis nichts sagend gehalten und lassen daher allerhand Deutungen zu. Besonders deutlich wird dies bei den Konfutius zugeschriebenen „Frühlings- und Herbstannalen“, die für die chinesische Sozialgeschichte so wichtig wurden. Sie enthalten nicht viel mehr als eine wenig aussagekräftige Aufzählung historischer Ereignisse. Die nähere Ausführung der Grundbücher ist in Ost und West jeweils nachgeordneten Werken vorbehalten, welche die Grundbücher unter Berücksichtigung der jeweiligen Zeitumstände auslegen. Im Westen nannte man diese Tätigkeit ursprünglich Theologie, im Osten Kommentierung. Auch hier ist das Verfahren bei den „Frühlings- und Herbstannalen“ besonders aufschlussreich. Die Kommentatoren ziehen aus dem Ursprungstext selbst dann noch ausgedehnte sozialpädagogische Lehren, wenn derselbe praktisch ohne Inhalt ist. Im Prinzip hat sich an dieser sozialen Steuerungstechnik bis heute nichts geändert. Nur dass wir neuere soziale Grundtexte nicht mehr heilige Bücher sondern Gesetze, das Spitzenwerk etwa Grundgesetz nennen. Auch diese Texte sind möglichst allgemein gehalten und werden von Anwendungsinstitutionen wie Gerichten und Kommentatoren konkretisiert und an den jeweiligen Bedarf angepasst, wobei nicht selten die kürzesten und allgemeinsten Paragraphen die längste Kommentierung erfahren.

Briefe aus der Wendezeit – Teil 7

Stuttgart, 2.7.1990

 

Lieber Frank,

 

bevor sich der falsche Eindruck einschleicht, es gäbe einen anderen als den bereits angekündigten Grund für mein „langes“ Schweigen – hier ein kurzer Zwischenbrief. Die letzten beiden Wochen waren angefüllt mit unpolitischen Dingen, der Arbeit an der 2. Auflage unseres Rechtsbuches und der Vorbereitung unseres Hauskonzertes, das eigentlich in Eurer Anwesenheit stattfinden sollte. Am Samstag ging es über die Bühne, wir hatten volles Haus, ca. 45 Personen und das von mir wiederentdeckte Klavier – Quartett von Franz Lachner war der Star des Abends. Ich sage ihm noch eine große Karriere voraus, an der zu basteln ich mit vorgenommen habe. Eigentlich hatte ich längst vor, noch eine zusammenfassende Darstellung unserer DDR – Reise zu liefern und natürlich die Fundamentaldiskussion weiterzuführen. Ich muß dich leider noch etwas um Geduld bitten. „Oktoberland“ habe ich mit großem Interesse gelesen – dazu noch später. Am Konzerttag kamen die „Guten Genossen“, ich werde sie ab heute lesen. Gerade ging mir das Aufhebungsurteil „für“ Janka u.a. über den Schreibtisch – von den gleichen Richtern verfasst, wie das Urteil gegen Janka ? Die Politik hat mich schon fast wieder. Jetzt aber soll erst einmal dieser Brief weg. Ich hoffe Paulas Operation ging gut über die Bühne, Du hast gar nichts erwähnt.

 

Grüsse

 

Klaus

 


Berlin, den 13.07.90

 

Lieber Klaus!

 

Vielen Dank für Deinen „Kurzbrief“ vom.2.7. Bevor ich richtig in die Politik einsteige, hier auf einem Extrablatt) erst mal noch ein wenig Privates:

 

Paulas Operation ist gut verlaufen, im Vorfeld gab es allerdings noch eine (hoffentlich letzte) typische Abschiedsvorstellung unseres Gesundheitswesens: Für Blutuntersuchung, Röntgen und Ultraschall waren im Krankenhaus 3 Tage erforderlich. In der Zwischenzeit mußte sie sich für eine alte Frau als Hilfsschwester betätigen und sie laufend auf den Schieber setzen. Am Wochenende wurde Paula beurlaubt, am Montag war die Operation, Dienstag früh starb die alte Frau und Dienstag Mittag wurde Paula entlassen. 3 Tage später hat sie – noch krankgeschrieben – ihre Akten in der Dewag archiviert (einarmig, wobei ihr Vorgesetzter anderen Kollegen untersagt hatte, ihr zu helfen) und am Montag ist sie bei Reynolds angetreten und gleich in eine „Verkaufsaktion“ hineingeraten – auf dem Frankfurter Markt waren Zigaretten feilzubieten. Zwei Wochen lang kam sie nicht vor 19.00 Uhr nach Hause und da ich gleichzeitig eine Projektgruppe zur Vorbereitung der Postunion zu leiten hatte, die unter ziemlichem Zeitdruck ein möglichst hochwertiges Papier ausarbeiten sollte, waren wir in dieser Zeit total „breit“. Nur durch höchste persönliche Beherrschung kam es im Hause Geisler nicht zu Kindesmißhandlungen oder Scheidungsklagen.

 

Inzwischen aber hat sich alles hervorragend stabilisiert. Vor der Tür steht ein herrlicher gelber Ford mit einem riesigen blauen Kamel auf der Motorhaube, der den Neid unserer an alten Klein-Bonzen so reichen Nachbarschaft erregt, unsere gestreßten Kinder sind seit 3 Tagen im (wahrscheinlich letzten) Ferienlager und erholen sich dort von uns, und Paula hat seit dem 9. Juli sogar einen festen Arbeitsvertrag und kommt meist zu zivilisierten Zeiten nach Hause.

 

Sie verdient deutlich mehr als bei der Dewag, wenn auch 1000,- DM weniger als ein Anfänger im gleichen Job und mit 38,5-Stundenwoche 5 Kilometer weiter (Die Zigaretten kosten hier selbstverständlich das gleiche wie dort), aber wir halten uns in jedem Fall für ausgesprochene Glückspilze, zumal berechtigte Hoffnung auf bundes“nahe“ Tarife (bei Reynolds) für das nächste Jahr besteht und die Post noch keine Anstalten macht, mich rauszuschmeißen, so daß wir der ab Januar angekündigten Mietverdoppelung und der Verdreifachung der Energietarife ebenso gefaßt entgegensehen können, wie der Verzwölffachung der U-Bahn-Preise.

 

Die Währungsumstellung haben wir einigermaßen elegant über die Bühne gebracht, haben aber noch keine Bescheinigung über die nun gültigen Guthaben in der Hand. Auch in der 3. Woche nach der Währungsunion steht man bei unserer Bank noch mehr als 2 Stunden nach einem Kontoauszug an – was wir uns also bisher verkniffen haben. (Von Abhebungen ganz zu schweigen)

 

Soweit also der Privatkram und jetzt der „richtige“ Brief:

 

 

PS: Denkst Du bei Gelegenheit an die Kopien meiner handschriftlichen Unikate?

 

2. PS Wir wären wirklich mal scharf auf ein Hauskonzert bei Euch

 


Berlin, den 13.07.90

 

Lieber Klaus!

 

Die ersten zwei Wochen D-Mark liegen hinter uns und damit der vielzitierte „Einstieg in die Marktwirtschaft“ zumindest als Verbraucher. Am Alex war am 1. Juli um 0.00 Uhr eine Art spontane Sylvesterfete in Gang gekommen, die ganz sehenswert war: Raketen, Verkehrschaos, mit Kleingeld (Ost) werfende Ossis und das Kleingeld aufhebende Wessis, verängstigte herrenlose Hunde, glücklich lallende Besoffene und ein wenig abseits eine machtlose Polizei, die von der Idee der Deutschen Bank, bereits ab Mitternacht in ihrer Filiale am Alex die heißgeliebten Scheine auszuzahlen, offenbar völlig überrascht war – obwohl es in der Zeitung gestanden hatte.

 

Trotzdem alles noch glimpflich, nur ein paar Ohnmachtsanfälle und Quetschungen bei den Trotteln, die sich schon abends um 6 angestellt hatten, eine eingedrückte Scheibe – und ein glücklicher Arbeiter, dem die Bank als erstem Kunden ein Sparbuch mit der Wahnsinnssumme von sage und schreibe 100,- DM überreichte. (15 DM für jede Stunde anstehen, einschließlich Samstags- und Nachtzuschlag, hurra!)

 

Apropos anstehen: In den Wochen vor dem berühmten Stichtag konnte sich unser DDR-Staatsvolk in dieser Disziplin nochmal so richtig austoben (zum letzten Mal, wie wir Naivlinge damals alle dachten). Am Alex erreichte die Schlange vor unserer Bank zeitweilig Längen von mehr als 300 Metern. 3 bis 4 Stunden Wartezeit galten als normal. (Dafür warteten die Postämter umsonst auf Kunden für die Umstellung – sie hatten es nämlich nicht fertiggebracht, noch rechtzeitig Post-Sparbücher nachzudrucken.) Aber die in 57 Jahren Diktatur anerzogene Disziplin versagte auch diesmal nicht, die Leute standen trotz der allgemein gereizten Grundstimmung ausgesprochen brav und voller Vorfreude auf den großen Tag mit dem „richtigen Geld“.

 

Inzwischen leerten sich zunehmend die Geschäfte. Der Handel verramschte die letzten Ostwaren und wischte die Regale aus, die Kunden hamsterten unser graues Klopapier, Dauerwürste, Mehl, Zucker, Straßenbahnfahrscheine und andere subventionierte Errungenschaften, und der Preis für gebrauchte Trabis sank ins bodenlose. Dann kam der 30. Juni, überall Leute mit Gesichtern wie am Vorweihnachtstag, die Innenstadt war erfüllt von den Sirenen der hin- und herflitzenden gepanzerten Geldtransporter, gegen Abend füllten sich die Gaststätten mit Zechern, die ihre letzten „Ostmücken“ auf den Kopf hauen wollten, schließlich wurde es Mitternacht (siehe oben) und peng – seitdem geht es uns gut!

 

Ich meine das übrigens ohne Ironie. Uns geht es wirklich gut. Trotzdem ist überall lautes Plärren zu hören. Um bei dem Weihnachtsvergleich zu bleiben – der Gabentisch ist zwar nicht schlecht gefüllt, aber einige meinen doch, daß da etliche Geschenke fehlen, versprochene oder eingebildete, und daß wo man doch die geforderten Gedichte so brav gelernt und aufgesagt hat.

 

Natürlich gibt es wirklich einen Packen Anlaufschwierigkeiten, die aber gemessen an der Größe des bewältigten Problems ziemlich lächerlich erscheinen, leider nicht allen. Besonders im Umfeld des Handels mault und meckert nun jedermann nach Leibeskräften weil der Konsum an der Ecke nicht gleich aussieht wie die – dummerweise nun ja jedermann bekannte – Lebensmittelabteilung von Karstadt. Sicher, es gibt teilweise wirklich Grund zum Meckern, vor allem was die Preise angeht. Der Dorfkonsum im berühmten R. verlangte z.B. in der ersten Woche 1,50 DM für einen halben Liter Flaschenmilch und die war am nächsten Tag auch noch sauer. Die logische Folge ist der massenhafte Einflug der Ossis in die ohnehin schon arg strapazierten Zonenrandgebiete und nach Westberlin. Dort haben sie damit nun endgültig die Nase voll von uns, und das ist mehr als verständlich. Andererseits liegt im Einkaufstourismus aber auch die beste und schnellste Chance, unseren Alt-Monopolen HO und Konsum rasch beizubringen, wer nun der Boss auf dem Markt ist.

 

Ich denke, von Berlin und der Westgrenze aus wird sich im Laufe der nächsten Wochen ein brauchbares Angebots- und Preisniveau über die alte Noch-DDR ausbreiten, alle werden rasch dazulernen und bis zum Weihnachtseinkauf sind die Geburtswehen des marktgerechten Handels überstanden.

 

Interessanter ist die allgemein spürbare Entpolitisierung der Leute. Mit Einführung der D-Mark nehmen die popeligen Alltagssorgen – wirkliche und vermeintliche – endgültig die Hauptrolle im Denken ein. Es mag sein, daß nach 9 Monaten permanenter Höhepunkte und täglich neuer (wirklich) „historischer“ Ereignisse ohnehin eine gewisse Müdigkeit kommen muß, aber dennoch ist es beeindruckend, wie sich der Themenkreis der Gespräche auf Profanes reduziert. Politik spielt nur noch eine Rolle, wenn sie unmittelbar den eigenen Bauch tangiert und ein allgemeines Greinen hängt in der Luft, denn der Staat, der böse, nimmt sich nun nicht mehr aller Probleme an.

 

Vor allem für die über 50-jährigen sind schwere Zeiten angebrochen, denn ihre massiven Arbeitsplatzsorgen treffen unglücklich zusammen mit einer irreparablen Unfähigkeit, für sich selbst zu sorgen. Es ist eine Art Karnickel-vor-Schlange-Effekt. In abgeschwächter Form ist er auch bei den meisten Jüngeren zu beobachten. Typisches Beispiel: Man bangt um den Arbeitsplatz, kümmert sich aber nicht um Alternativen (wobei das zugegebenermaßen bereits jetzt ungeheuer schwierig ist. Wirklich unmöglich wird es aber erst in ungefähr einem Jahr sein.)

 

Im Zusammenhang mit dem 1. Juli wird oft an die 48er Währungsreform im Westen erinnert. Es gibt hier ganz sicher erhebliche Parallelen, aber eines ist doch grundsätzlich anders: Seinerzeit gab es keinen Nachbarn, der alles schon erreicht hatte. Hieraus resultiert wahrscheinlich ein gewisser Lähmungseffekt. Üppiger Wohlstand nebenan kann deprimieren. (Du erinnerst Dich vielleicht, daß ich bei unserem kurzen Abstecher in den Elsaß gesagt hatte, dort würde es zum Glück nicht so bedrückend schön aussehen wie bei den badischen Häuslebauern.) Hätte es 1948 eine gemeinsame Grenze zwischen den Westzonen und den USA oder Kanada gegeben, wäre die Bereitschaft in Westdeutschland, gemeinsam eine mehrjährige Durststrecke durchzustehen, wahrscheinlich auch arg gedämpft worden. Daß der reiche Nachbar (mit seiner hoffentlich erhalten gebliebenen Teilungsbereitschaft und seiner hoffentlich erwachenden Investitionsbereitschaft) andererseits für uns die einzige Chance ist, diesen Prozeß in vertretbaren Zeiträumen überhaupt zu bewältigen und dies für uns im Rahmen der alten Ostblockländer eine einmalig ideale Situation ist, wird hier derzeit oft vergessen. Dazu ist wohl ein Maß an Rationalität erforderlich, das den meisten von uns noch abgeht. Als unverbesserlicher Marxist meine ich aber, daß die allgemeine Lähmung von selbst abgebaut wird – in dem Maße wie reale Chancen auf ein Weiterkommen geschaffen werden, denn das Sein bestimmt das Bewußtsein und nicht umgekehrt.

 

Im engeren Bekanntenkreis (der vielleicht typisch für die Situation von Hoch- und Fachschulkadern ist, jedoch keinesfalls repräsentativ sein muß) gibt es – uns selbst eingeschlossen – zur Zeit 3 arbeitslose bzw gekündigte, 8 halbwegs sicher angestellte und 9 sehr unsichere, davon 3 hoffnungslose „Arbeitnehmer“. Es ist interessant wie deren Gemütsverfassung in der Tat von ihrem Status bestimmt wird, vom vorsichtigen Optimismus bis hin zu Verzweiflung und Panik. Allen gemeinsam aber ist das Gefühl, selbst keinen politischen Einfluß mehr (?) ausüben zu können und (wieder mal) einer unfähigen Regierung ausgeliefert zu sein, die sowieso von Bonn aus ferngesteuert wird. Auch die Mitbestimmungsansätze in den Betrieben sind vergessen. Die alten (!) Leitungen schalten und walten selbstherrlich wie eh und je und in Verbindung mit der nach wie vor unsicheren Rechtslage, dem Zerfall der Gewerkschaften und dem Rückzug der Staatspartei aus den Unternehmen gibt es auch keine kontrollierenden Strukturen mehr für sie, zumal die Treuhandanstalt für das Volkseigentum, die als einziges Organ, diese Rolle derzeit wahrnehmen könnte, noch (?) nicht funktioniert.

 

Insofern kann die Einheit eigentlich nicht schnell genug kommen, und zwar weniger wegen der gefüllten Staatskasse sondern vor allem wegen des arg vermißten festgefügten Rechtsgebäudes, das die Bundesrepublik einbringt (wenn sich in dessen Räumen auch bei uns keiner auskennt).

 

Davon unabhängig ist mir dennoch nach wie vor ein wenig unbehaglich bei dem Gedanken an die Einheit, denn mit dem Lebensgefühl, das vom Westen aus „rüberkommt“ kann ich mich immer noch nicht anfreunden, wenn ich auch überzeugt bin, daß es mir als relativ nüchternem Denker leichter als vielen anderen fallen wird, mich in der neuen Welt einigermaßen zurechzufinden. Die weiter oben schon erwähnte Rationalität zu entwickeln, wird für viele der Dreh- und Angelpunkt werden, von dem ihr Bestehen in der neuen ungewohnten Gesellschaftsordnung abhängt. Diese These ist für Euch wahrscheinlich nicht leicht nachzuvollziehen, deshalb möchte ich ein paar dürre Argumente und zwei lächerliche Beispiel nachschieben:

 

Unser bisheriges Leben war irrational, und dennoch in gewissem Sinne berechenbar. Man konnte sich in den Verhältnissen einigermaßen einrichten, wenn man die Grundlagen der realsozialistischen Religion ungefähr begriffen hatte (was nicht schwer war). Unvernünftiges Handeln wurde nicht bestraft, sondern meist sogar gefordert. Ältere Leute konnten – unter Berücksichtigung des Vorzeichens – sogar die prinzipiellen Verhaltensmuster der ebenso irrationalen Nazizeit weitergebrauchen – das, wie ich meine, eigentliche Geheimnis der blitzartigen Umerziehung am Ende der 40er Jahre (siehe meinen Aufsatz).

 

Der wirkliche Sprung in die Vernunft ist erst jetzt aktuell, zu einem Zeitpunkt da nur noch wenige Greise sich überhaupt daran erinnern können, und deshalb fällt er so vielen so schwer und ich kann für mich und meine Noch-Landsleute nur um Verständnis bitten, wenn es oft den Anschein hat, wir würden nicht einmal die Grundrechenarten beherrschen.

 

In dem berühmten Dorf R. will ein tatendurstiger junger Mann beispielsweise im September eine Gaststätte (wieder)eröffnen, obwohl er außer den 120 Seelen am Ort und weiteren 100 im Nachbardorf keinerlei Kundschaft erwarten kann. Nicht einmal eine Fernverkehrsstraße ist in der Nähe, die einzige Sehenswürdigkeit ist 15 km (und 4 weitere Kneipen) entfernt. Auf einem winzigen Zettel kann man in 2 Minuten ausrechnen, daß jede Familie monatlich bei ihm einen Wochenlohn umsetzen müßte, wenn er nicht bis Dezember pleite sein soll…

 

2. Beispiel: Eine mir gut bekannte Bäuerin erregte sich in der ersten Juli-Woche über die sauer gewordene Konsum-Milch – nicht etwa weil sie schlecht und teuer war, sondern weil sie die private Viehhaltung inzwischen abgeschafft hatte, und deshalb die 4 verdorbenen Flaschen (6,- DM, 1% ihrer Monatsrente) in den Ausguß schütten mußte, anstatt sie wie sonst den Schweinen zu geben, damit die Milch „nicht umkommt“.

 

Kurzum, Rationalität im Denken scheint mir derzeit das ostdeutsche Hauptproblem und tausende werden noch Rotz und Wasser heulen, bis sie es begriffen haben, aber dann! Erzittert, Ihr harmlosen Marktwirtschaftler, die Ihr nicht die harte Schule der Mangel- und Kommandowirtschaft durchlaufen habt, vor den Improvisationskünstlern aus dem Osten, die es gewohnt sind, auch bei abgeschaltetem Strom zu produzieren, ohne Computer zu erfinden, ohne Straßen zu transportieren und ohne richtiges Geld zu handeln. Erzittert vor jenen wunderbaren Menschen, die in der Lage sind, ohne Wohnungen und Papiertaschentücher zu leben und ihren Jahresvitaminbedarf mit einer einzigen Apfelsorte zu decken. Wir kommen! Und Ihr wäret nicht die erste Hochkultur, die dem Ansturm asketischer Barbaren erliegt. Hugh und Amen.

 

 

Mit diesem optimistischen Schluß verbleibe ich bis zum nächsten Mal,

 

Dein

 

Frank

 


Santa Margharita – Paraggi 3.8.1990

 

Lieber Frank,

 

ich sitze in einer malerischen Bucht an einer der spektakulärsten Küsten, die die Welt zu bieten hat. Grandios die steile Küstenlandschaft, grandios die Architektur, die der Landschaft erst die Krone aufsetzt. Um mich schöne Menschen, eine schöne Sprache und schönes Wetter. Die Raffinesse des Geschmacks und das Gefühl für Luxus steigern sich hier in eine Höhe, weit jenseits dessen, was dem Schwaben zugänglich ist. Du siehst also, daß ich mich wohlfühlen müßte.

 

Doch so einfach liegen die Dinge in unseren kompetitiven Gesellschaften nicht. Denn vor das Wohlfühlen haben die Götter den Markt gesetzt. Und der mutet einem bekanntlich einiges Merkwürdige zu.

 

Alle Gesellschaft beginnt damit, daß etwas rar ist. Der Markt ordnet den Mangel. In diesen felsigen Regionen herrscht Mangel an Strand. Also entsteht eine Strandgesellschaft und der Markt teilt die Gesellschaft in Strandhabende, Wenighabende und Habenichtse. Über diese Gesellschaft und ihren Markt will ich Dir schreiben.

 

Der Strand in „unserer“ Bucht ist 150 Meter lang, 15 Meter tief und weit und breit der einzige, der auch Sand zu bieten hat. Da aber die Leute – darunter auch wir – unbedingt in diese Gegend wollen, stellt sich das Verteilungsproblem. Und dies wird in der Marktwirtschaft u.a. über den Preis geregelt (mittlerweile kennt ihr das ja). Auch der Strand ist in einem Touristenland wie Italien ein Wirtschaftgut, weswegen auch er einen Preis hat. Für unsere fünfköpfige Familie kostet der Strand von Paraggi samt qualitätssteigerndem Zubehör (i.e. Liege, Sonnenschirm, Dusche Umkleidekabine) 100 DM – pro Tag versteht sich; und dies bei einer deutlichen Kinderermäßigung. Normalerweise würde bei solchen Preisen der Markt für eine Erhöhung des Angebotes sorgen. Da aber Grund und Boden und insbesondere der Strand nicht vermehrt werden können – jedenfalls nicht hier, wo die Menschen nun einmal hinwollen (welch‘ seltsame Dinge die Menschen unbedingt wollen, wisst ihr ja jetzt ebenfalls) – kann die Preisfunktion der Mengensteuerung hier nicht greifen. Damit verselbständigt sich die Verteilungsfunktion des Preises und führt zu einer problematischen Verteilung von Haben und Nichthaben. Zum Schutz der Habenichtse muß daher der nackte und harte Marktmechanismus durch eine soziale Komponente entschärft werden. Dementsprechend wird dem breiten Volk – darunter wir – ein Teil des Strandes kostenlos zur Verfügung gestellt – ohne Zubehör natürlich. (Vermutlich steht in der italienischen Verfassung irgend etwas davon, daß der freie Zugang zu den Stränden garantiert sei.) Und damit haben wir eine regelrechte soziale Marktwirtschaft – nach dem Motto: Wer was geleistet hat, kann sich etwas leisten und geschützt wird, wen das Leben oder wer auch immer benachteiligt hat.

 

Nun kann der soziale Aspekt der Marktwirtschaft sehr unterschiedlich dimensioniert sein. Sein Ausmaß kann sicher daran gemessen werden, in welchem Verhältnis die Ressourcen an die Interessenten verteilt sind. In Paraggi hat man sich dazu entschlossen, dasselbe mit 93 zu 7 anzusetzen. Von den 150 Metern Strand sind nämlich 10 (in Worten: zehn) Meter für – nun für das Volk gedacht; eine Relation, die vermutlich nicht untypisch für die italienische Spielart der sozialen Marktwirtschaft ist. Angesichts dieser Vorteilsverteilung und der dadurch bedingten Enge auf dem Volksstrand, könnte man erwarten, daß sich unter den Habenichtsen Formen solidarischen Verhaltens entwickelt hätten. Aber der Verbraucher ist – jeder Verkäufer weiß es – ein ziemlich unorganisiertes Wesen. Und so sind mangels entsprechender gesellschaftlicher Institutionen hier eher ursprüngliche soziale Gesetzlichkeiten in Kraft. Das Grundgesetz ist denkbar einfach und lautet: Wer zuerst kommt, mahlt am ersten. Das stärkt die Eigeninitiative, sagt man, und führt zu vorsorgendem Verhalten. In unserem Fall wirkt es sich zu unseren Gunsten aus. Da wir – wohnmobilshalber – gleich hinter dem Strand nächtigen, können wir unsere Claims mittels Handtüchern schon vor dem Frühstück abstecken und auch darüber wachen, daß die hierzulande ziemlich gut vertretene Spezies der Vordrängler diese nicht mißachtet.

 

So drängen sich die landlosen Massen auf Grundstücken von der Größe eines Handtuches (daher die Redewendung). Das Hauptproblem ist, soviel Platz dazwischen zu lassen, daß das verfassungsmäßige Recht auf Zugang zum Wasser auch für die hinteren Volksränge erhalten bleibt. Ein öffentliches Wegerecht, das sich aus solchen Bedürfnissen normalerweise entwickelt, gibt es allerdings noch nicht, mit anderen Worten, pausenlos tappt jemand mit seinen Sandfüßen auf unsere sorgfältig ausgeschüttelten Handtücher, wenn nicht gar auf wesentlichere Teile unseres Hab und (leiblichen) Guts. Neben uns liegen auf vergleichsweise wahren Latifundien säuberlich angeordnet die happy few. Ihr Territorium wird durch einen Mietknecht verteidigt, der Übergriffsgelüste schon im Keim erstickt und stattgefundende Grenzverletzungen alsbald zurückschlägt.

 

Aber auch das Los der Größerengrundbesitzer ist kein einfaches. Rechts und links am Eingang der Bucht stehen in majestätischer Lage zwei prächtige Villen mit eigenem Strand, dazu in einem Park von der mehrfachen Größe des Strandes der gesamten Bucht. Spielerisch reckt die eine ihren säulengetragenen Aussichtsturm aus generationenalten Pinien, während die andere mit ihren Zinnen und romanischen Fenstern wie eine genuesische Burg eher abweisend auf einem steilen Felsen ruht (der allerdings mit Hilfe einer gewaltigen Stützmauer so geräumig gemacht ist, daß er auch noch ein Süßwasserschwimmbad von der Größe des gesamten Volksstrandes aufnehmen kann). Von den Villen in der Bucht von Santa Margharita oder Rapallo will ich gar nicht weiter reden. Sie fordern durch Lage und Grandezza geradezu den Lieben Gott heraus.

 

So weit die Verhältnisse auf dem Lande. Auf dem Wasser, um das sich hier ja alles dreht, sieht es nicht viel anders aus. Die Plebs tummelt sich in Klein- und Kleinstbooten – zu letzteren gehört auch unsere mittlerweile leicht leckgeschlagene „Amazonas.“ Auf die Schlauchbootklasse folgen die diversen Außenborder. Dann kommt – gegen beachtlichen Obolus – das Mietschiff, das in Form eines riesigen weißen Kreuzfahrtschiffes mit fünf Masten – die Freiheit der Meere nutzend – den größten Teil der Bucht in Beschlag nimmt. Von der ausgeklappten Heckterrasse schwärmen pausenlos Wasserski- und scooterfahrer, sowie Segler, Surfer und Landpartien. Den Rest der Bucht belegen große Privatjachten, vergleichbar in Funktion und Ausdehnung den beiden Villen, obwohl sie ein vielfaches derselben kosten dürften. Auftrumpfend und stolz recken sie ihren spitzen Bug aus dem Wasser, so daß jedermann schon beim bloßen Anblick der Schneid abgekauft ist.

 

Und doch – auch diese Lebensform ist keine einfache. In der nächsten Bucht, im Hafen von Portofino, liegt eine solche Yacht neben der anderen, fast wie an unserem Massenstrand. Da müssen auch sie sich behaupten. Da ist etwa jener herrlich nostalgische Zweimaster von ca. 30 Meter Länge. Der alte feine Herr, der zwischen großen Blattpflanzen – Zimmerpflanzen an Bord sind der Ausweis wahrer Yachtgröße – auf einem Segeltuchsofa im Heck seines schönen Schiffes liegt, macht dennoch einen eher unglücklichen Eindruck. Er ist eingezwängt zwischen einer haushohen und bis in die reichliche Bootsbar ultramodern durchgestylten amerikanischen und einer mindestens 50 Meter langen englischen Motoryacht mit gediegenster Ausstattung, als da sind: silberne Leuchter auf dem Mahagonnytisch, antike Gemälde an den Wänden, Orientteppiche und schwere Polstermöbel (beide natürlich mit Zimmerpflanzen im Heck).

 

Aber selbst die, die andere hier im Hafen klein aussehen lassen, können ihrer Sache nicht sicher sein. Denn da sind noch die Yachten, die für einen solchen Hafen viel zu groß sind und daher weit draußen liegen – von denen, die noch kommen könnten, ganz zu schweigen. 

 

So hat denn jeder sein Päckchen zu tagen. Angesichts dieser Erkenntnis kann man sich schließlich wohlfühlen an diesem gesegneten Fleckchen Erde und sogar die Tatsache verkraften, daß wir seit unserem letztem Urlaub in der CSSR und der DDR in der Urlaubshierarchie einen wahren Sturzflug durchgemacht haben.

 

So viel vom Ferienglück am Strand von Paraggi. Man könnte noch manches über den Ferienwahn und insbesondere die Auswüchse schreiben, die er in Italien hervorbringt. Aber das hat ein anderer schon vor 250 Jahren getan. Wegen weiterer Einzelheiten – viel hat sich nämlich nicht geändert – verweise ich daher auf Goldoni’s „Trilogie der Ferienzeit“. Im übrigen hoffe ich hiermit einen Teil meiner Briefschulden abgetragen zu haben. Die politökonomischen Teile dieses Briefes kannst Du nämlich auch als Antwort auf Deine Ausführungen zur Funktion des „Marktes“ in der DDR- Wirtschaft in Deinem Wandlitzer Brief vom 15. 2. lesen, in dem Du den Mengensteuerungs- und Verteilungsaspekt des freien Marktes mangels eigener Anschauung übersehen hattest. Außerdem ist dieser Brief auch so etwas wie eine erste Etappe der in Aussicht gestellten Expedition in die Fährnisse einer freiheitlichen Gesellschaft (mein Brief vom 6.5.), die, wie Du siehst, kompensatorische Kletterkünste verlangt.

 

Bis bald

Gruß

 

Klaus

 


am 04.09.90Berlin, angefangen

 

Lieber Klaus!

 

Am Wochenende kam Dein Brief „aus Italien“ – sehr interessant und vielen Dank. Meine Fortschritte im marktwirtschaftlichen Denken haben bewirkt, daß mir die beschriebenen Mechanismen der Strandverteilung durchaus logisch und verständlich erscheinen. Den Sand vorrangig an Bestarbeiter oder Kinderreiche zu verteilen wäre jedenfalls auch keine Alternative.

 

Insofern alles klar.

 

Deine Ausführungen über den allgemeinen Grad des Luxus in dieser Gegend regten mich dagegen an, wieder einmal über den Reichtum und die Reichen dieser Welt zu sinnieren, was mir insofern jetzt noch leichtfällt, als ich voraussichtlich in den nächsten Wochen noch nicht dazugehöre.

 

Die Konfrontation mit solcher Art Chickeria-Nachrichten hinterließ bei mir schon immer einen faden Geschmack auf der Zunge. Dabei waren die Begegnungen für uns bisher glücklicherweise mehr virtuell, vor allem in Form von Nachrichten oder als Standardbeiwerk irgendwelcher Hollywood-Schinken. Dank unserer Revolution ist nun jedoch zu erwarten, daß man sich dagegen nicht mehr einfach durch Abschalten des TV wehren kann, sondern die Neu- und Altreichen sich genußvoll mit ihrem Protz ins Blickfeld des Normalverbrauchers drängen werden – für viele von uns eine völlig neue Erfahrung, denn erstens scheuten unsere alten Bonzen bei ihrem Wohlleben bekanntlich die Öffentlichkeit und zweitens waren die vielzitierten Privilegien (bei aller Berechtigung des Zorns dagegen) in aller Regel geradezu lächerlich gegenüber dem, was der Westen unter Reichtum versteht – und vorführt.

 

Gerade im „Lebensstil“ der Reichen (bzw Privilegierten) dieser Welt zeigt sich m.E. seit 5000 Jahren die Perversion unserer Spezies besonders anschaulich. Man kann tagelang über Vor- und Nachteile dieser oder jener Gesellschaftsordnung debattieren, aber wirklich moralisch war bisher keine. Immer gab es Millionen, die nicht einmal ihr nacktes Überleben sichern konnten, während sich gleichzeitig andere den Kopf darüber zerbrachen, was sie denn noch alles anstellen könnten, um wenigstens einen Teil der Ressourcen zu verbrauchen, die ihnen zur Verfügung standen – und den Hungerleidern fehlten. Dabei habe ich nicht einmal den von Dir so gern gezeichneten (und von mir als typisch immer noch ziemlich bezweifelten) Unternehmer im Auge, der getrieben von kreativer Lust und Ehrgeiz sich erfolgreich dem Markt stellt und fast nebenbei und aus Versehen zu einem überdurchschnittlichen Wohlstand gelangt. Solange Leistung und Risikobereitschaft ihren angemessenen (was auch immer das sein mag. Die Diskussion hierzu wäre allein einen Extrabrief wert) Lohn empfangen, will ich nicht dagegen polemisieren. Sollen diese Leute meinetwegen auch einen größeren Kuchen vom knappen Strand abbekommen.

 

Aber mit welchem Recht sitzen absolute Nichtstuer auf Yachten, die auch ohne Grünpflanzen schon mehr gekostet haben, als ganze Landstriche in hundert Jahren verdienen könnten? Warum bewohnen Leute, die nie in ihrem Leben gearbeitet haben (und wenn es wenigstens als Politiker wäre), Häuser von denen sie nicht einmal alle Zimmer kennen?

 

Dies ist für mich wirkliche Perversion. Keine Ordnung, die so etwas anerkennt, ist wirklich gerecht zu nennen und also sind diese Verhältnisse abzuschaffen, der uralte banale Traum – und die Losung – der (ehrlichen) Revolutionäre seit Menschengedenken. Da aber der Mensch offenbar nicht dafür eingerichtet ist, auf die eigene Erhebung über die Masse freiwillig zu verzichten, oder sich wenigstens auf irgendeinem Stande zu bescheiden, führte jede Revolution früher oder später zur Restauration eben dieses (ewigen?) Prinzips, oft sogar mit den selben Schmarotzern, und meist auch durchaus toleriert von den Massen, die sich in aller Regel zufrieden geben, wenn für sie am Ende wenigstens kleine Verbesserungen abfallen.

 

Solange sie nicht übermäßig d.h. ungeschickt ausgepreßt werden, wird von den Kleinen dieser Welt interessanterweise auch unverdienter (!) Reichtum meist allgemein akzeptiert und dabei mitzutun gilt als durchaus erstrebenswert für jeden, obwohl auf der Hand liegt, daß eben dies für JEDEN gar nicht möglich ist. (Ich nehme mich da keinesfalls aus und gebe unumwunden zu, daß mir der Gedanke, ohne Arbeit über einen Haufen Geld zu verfügen, ausgesprochen gut gefällt.)

 

Aber im Ernst, und dabei ein wenig unser altes Moralthema wiederaufgreifend: Jedes Gesellschaftskonzept muß sich heute daran messen lassen, ob es für 6 bis 10 Milliarden Menschen taugt. Und insofern versagt Ludwig Erhardts Soziale Marktwirtschaft genauso wie jedes (europäische) Sozialismusmodell. (Auch der gute alte Marx hat meines Wissens nicht allzuviel über Europa und die USA hinausphilosophiert.)

 

Wahrscheinlich sind in diesem Sinne taugliche Konzepte am ehesten von den großen Staaten der 3. Welt zu erwarten, da sie unmittelbar mit der Grundproblematik konfrontiert sind. Wenn es in China beispielsweise gelingt, (ohne Ausbeutung von Drittländern !) mehr als 1000 Millionen Menschen satt zu machen, zu kleiden, mit Wohnraum und Medizin zu versorgen und vielleicht sogar mit Fahrrad, Radio und TV, wäre dies (im Gegensatz zu dem überall so schwachsinnig angehimmelten american way of life) ein weltweit wirklich kopierfähiger Erfolg, der weitaus höher zu schätzen ist als alles was der Westen (für sich !) bisher zustande gebracht hat. Gar nicht zu reden, von den untauglichen Versuchen des Real Existiert Habenden, bürgerliche Pseudo-Bedürfnisse mit soziafeudalistischen (Produktions-)Verhältnissen zu befriedigen.

 

Den „Chinesischen Minimalstandard“ zu erreichen ist sicher auch unter den komplizierten Bedingungen der 3. Welt keinesfalls utopisch. Die Frage ist allerdings, ob dies ohne diktatorische Mechanismen möglich ist, inwieweit diese also akzeptiert werden könnten/müßten, wer oder was sie im Zaume hält, oder ob sich Diktatur und Diktatoren nicht irgendwann wie immer (?) verselbständigen, die „Errungenschaften“ dann wieder mal zu ihrem eigenen Vorteil und Machterhalt hintenan setzen usw. – die Katze beißt sich also in den Schwanz und ich gebe zu, daß mein Intellekt an dieser Stelle versagt. Daß aber die Menschheit um des Überlebens willen demnächst endlich aufhören muß, die Bedürfnisse der Nichtstuer zum Dreh- und Angelpunkt ihres Handelns zu machen, scheint mir unvermeidlich. Ich weiß nur nicht wie, denn der einzige vernünftige Ansatz in dieser Richtung – die radikale Vergesellschaftung der Ressourcen – ist ja weltweit erstmal in die Hosen gegangen.

 

Womit wir bei der DDR wären, die heute in einem Monat Geschichte ist: Hier haben alle mit sich zu tun und pfeifen erstmal auf die Ernährungsprobleme der Chinesen. Die politische Reizüberflutung der letzten Monate hat sogar zu einem gewissen Wiederaufleben der alten Langeweile geführt – der Nachrichtenhunger ist weitgehend abgeflaut, interessant sind höchstens noch Tarifverhandlungen von denen man selbst betroffen ist. 2+4-Gespräche, die erneute Besetzung des Stasi-Archivs, Personalgrenze für die gesamtdeutsche Armee – na und? Für den bundesdeutschen Abtreibungs-Hickhack gab es hier allenfalls ein Lächeln. Dieses Thema war ein schönes Beispiel dafür, wie gewaltig derzeit (?) die Unterschiede der Problemsensibilität zwischen Ost und West sind. (Fast) Niemand bei uns hatte Verständnis dafür, daß angesichts eines geradezu erdrückenden Berges für uns (!) ungelöster Fragen, im Westen ausgerechnet der § 218 zum Dreh- und Angelpunkt der Vereinigungsdiskussion wurde. Hier sind wie so oft wieder einmal die Interessen der Wähler der Profilierungssucht der Politiker – gegenüber den Wählern, witzigerweise – geopfert worden. Nun habe ich natürlich eine ganze Menge Verständnis für den K(r)ampf um die Wählergunst, aber andererseits war es doch beeindruckend, wie wenig man in Bonn offenbar bereit ist, um die Gunst der (11 Millionen) Wähler im Osten zu kämpfen. (Die ganze Diskussion hätte man sich ohnehin vollständig sparen können, da praktisch jeder Ostfrau mit Euren Maßstäben die Notlagenindikation zugesprochen würde.)

 

Alles in allem haben die letzten Wochen hier die politischen Ohnmachtsgefühle kräftig verstärkt und so freuen sich nun auch die letzten Hardliner auf den Zusammenschluß, damit bloß der leidige Schwebezustand der letzten Monate endlich ein Ende hat und wieder halbwegs geordnete Verhältnisse einziehen (ganz gleich, welche)! Man möge sich zum Verständnis vor Augen halten, daß wir seit fast einem Jahr „Regierungen“ haben, die entweder frisch ins Amt gesetzt waren (und also voll damit beschäftigt, Klo und Kantine in den einschlägigen Ministerien kennenzulernen – wobei die letzte Truppe noch dazu aus lauter Amateuren besteht, die zusätzlich die Sorge haben, sich schnell „repräsentativen Wohnraum“ zu besorgen), und/oder diese Regierungen genau wußten, daß sie nur noch wenige Wochen regieren können. Und unter diesen Vorzeichen sind dann in diesem Land so viele und so kurzlebige Gesetze und Verordnungen erlassen worden wie noch nie -uff, und hoch die Einheit!

 

Wichtiger als die große Politik sind für die meisten hier derzeit die hautnahen Details. 10 Wochen Marktwirtschafts-Training sind noch eine verdammt kurze Zeit, aber es zeichnen sich doch schon interessante Konturen ab. Wir konnten bei unserem Thüringen-Urlaub dazu einige Studien treiben, vor allem bei Handel und Gastronomie, aber auch in der Kulturszene. Sichtbar wurde etwa folgendes:

 

Besonders in der Provinz agieren viele noch wie vor der Wende, d.h. abwartend, ohne Eigeninitiative, in der Hoffnung auf Manna. Typisch (für diesen Teil und die letzten 40 Jahre) eine private (!) Schuhverkäuferin, die 10 Minuten vor Geschäftsschluß den Laden dicht macht mit den Worten: „Morchn is auch noch ä Daaach!“ oder eine Gaststätte, in der uns ein Zigeunersteak serviert wird, das aus 2/3 ungenießbaren Flexen besteht, das auf unsere Reklamation hin zwar anstandslos zurückgenommen wird, wo man aber außerstande ist, ein anderes zu bringen, „weil das ganze Fleisch so aussieht“. Nun wäre solches noch vor einem Jahr mit unserem alten Spielgeld in der Tasche ganz normal und also gar nicht der Erwähnung wert gewesen. Heute aber beeindruckt es wegen der krassen Ignoranz gegenüber den Veränderungen (und sogar gegenüber der doch sonst so hochverehrten D-Mark) – und eben solcher Ignoranz begegnet man bei uns noch auf Schritt und Tritt.

 

Daneben gibt es aber eine fast sichtbar wachsende Zahl von Kleinunternehmern (im Konsumbereich), die ihre Chance nutzen und sich bemühen, dem Konsumenten das Gefühl zu geben, vom Klops zum Kunden avanciert zu sein. Erste Ansätze von Promotion und Marketing zeigen sich, erste brauchbare Schritte auf sich aufmerksam zu machen. Auffällig die Allgegenwart der vielen bunten Accessoires der Marktwirtschaft. Sonnenschirme, Eisfahnen, „Zimmer frei“-Schilder, Wegweiser zu allen möglichen Imbißbuden, Gaststätten, Getränkemärkten oder Boutiquen… Bitte jetzt nicht lachen: Das „outfit“ in vielen thüringer Orten gemahnte uns in diesem August ein wenig an Ungarn (,das einzige Ostland, in dem bisher versucht worden war, die Funktion des Geldes zu erhalten und ein wenig Markt zu installieren, insofern also kein Wunder).

 

Der Prozeß, der sich hier so verbraucherfreundlich einzupegeln beginnt, ist allerdings auch mit einer Menge Heulen und Zähneklappern bei den Anbietern verbunden. Viele der (gar nicht wenigen) Selbständigen bei uns haben sich bis zum Juli eingebildet, die Marktwirtschaft brächte endlich die langersehnten freien (Wucher-)Preise – und ansonsten könnten sie so weitermachen wie bisher. Bis kurz vor dem 1. Juli haben viele Gewerbetreibende sogar gehofft, der 2:1-Umtausch würde um ihre Konten einen Bogen machen und waren ehrlich empört, als klar wurde, IHR Ministerpräsident hatte dies bei MEINEM Bundesbankpräsidenten nicht durchsetzen können. Von fürchterlicher Verarmung der Selbständigen war die Rede – und daß sie im Juli dann keine Löhne zahlen könnten. (Daß man die nicht vom Kapital sondern von den laufenden Einnahmen zahlt, hatte sich offenbar noch nicht herumgesprochen.) Unter Honecker konnte den Selbständigen wenig passieren. Gute oder schlechte Kaufleute – in der Mangelwirtschaft wurden sie alle fast zwangsläufig reich (natürlich nach Ostmaßstäben), aber selbstverständlich stöhnten sie trotzdem – oder gerade deswegen – besonders herzzerreißend unter der Last des Geldausgebens. (Wenn man ausreichend „flüssig“ ist, schmerzen das Reiseverbot und die 15 Jahre Wartezeit auf einen Wartburg natürlich besonders, das kann man verstehen.) Gerade die schlechten Kaufleute glaubten deshalb wohl am heftigsten, es könnte ihnen eigentlich nach einer Revolution nur besser gehen, und gerade sie sitzen jetzt in ihren vergammelten Kneipen oder schlechtbestückten Läden und wundern sich, wo die Kundschaft bleibt.

 

Aber sogar sie lernen, die Guten. Der Markt hat herrliche Erziehungseffekte: Die Gaststättenpreise sinken schon, Hotels haben freie (bezahlbare!) Zimmer, Taxifahrer betteln um Fahrgäste, sogar einige Handwerker kommen schon ohne Murren und – man höre und staune – in Windeseile, und die verwöhntesten (und reichsten) unter ihnen, unsere geliebten KFZ-Reparateure, fallen fast auf den Bauch vor Eifer. Da kommt Freude auf! (Zur Illustration: Im September ’88 wurde mir betreffs einer dringenden Kupplungsreparatur ein Termin für Juni ’89 zugeteilt – mit dem Bemerken, die nötigen Ersatzteile möge ich mir bis dahin selbst besorgen.)

 

Zwar ist die DDR im September ’90 sicher das Land, wo einem für die weltweit heißgeliebte D-Mark am wenigsten geboten wird (zehntausende der unseren kaufen jetzt in Polen), aber es ist doch zu erkennen, daß sich dieser Trend bald umkehren wird. Z.Zt. wandert etwa ein Drittel der Kaufkraft direkt von hier in den Westen. Das ohnehin knappe Geld (Finanzvermögen ca 1/5, Einkommen ca 1/3 des bundesdeutschen Durchschnitts) macht sich damit noch rarer und sorgt so für kundenfreundlichen Wettbewerb. Man bemüht sich um uns. Leider bemüht man sich nur um den Ossi als Konsumenten, nicht als Produzenten.

 

Der produzierende Bereich spürt nach dem Wurf ins kalte Wasser noch keinerlei Grund unter den Füßen, im Gegenteil. Von vornherein lebensfähig sind unter den neuen Bedingungen ja nur die Betriebe, die auch früher schon in der Lage waren, ohne staatliche Zuschüsse (!) ihre Produkte auf den Westmärkten abzusetzen. Aber außer der Porzellanmanufaktur Meißen ist mir in diesem Sinne keiner bekannt. Wenn unsere Firmen überhaupt irgendwelche Westexporte zustande brachten, dann in aller Regel auf der Basis einer „Devisenrentabilität“ von im Mittel (!) 0,25, d.h. für eine Ostmark Produktionskosten wurden beim Export 25 Pfennig West erlöst. Ein Durchschnittswert, wie gesagt. Exporte mit Rentabilitäten unter 0,1 waren keinesfalls selten und die allermeisten Betriebe produzierten Erzeugnisse, die man überhaupt nicht auf dem Weltmarkt absetzen konnte!

 

Allein wegen dieser Vorzeichen wäre die Situation schon kritisch genug. Fast übermenschliche Anstrengungen wären nötig, das für solches Wasser gar nicht konstruierte Schifflein einigermaßen auf Kurs zu bringen, aber: Es strengt sich k(aum)einer an! Warum?

 

Aus der westlichen Ferne mag es so aussehen, als trüge die hier inzwischen eingezogene „russische Schlamperei“ die Schuld, um so mehr als im Westen derzeit gern bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit (inzwischen sogar im Kanzleramt) betont wird, man hätte sich ja schließlich auch „alles erst selbst erarbeiten müssen“ und die Ossis sollten erstmal den typischen badisch-bayrisch-friesischen Fleiß entwickeln, statt so verdammt unverschämt zu sein und gleich einen Haufen Forderungen an die verarmten Bundeskassen zu stellen. (Vor drei Wochen meinte jemand ernsthaft zu mir, man müßte doch hier zu viert mit 2000 DM prima hinkommen, denn „im Osten ist doch das Brot so billig!“ Haha) Aber ich schweife ab.

 

Die Ursache für die Lähmung in den Betrieben ist jedenfalls eine ganz andere (und darin unterscheiden sie sich ganz erheblich von den Selbständigen, die bei allen Problemen dennoch weitgehend ihres eigenen Glückes Schmied sind): Niemand kann als Angestellter z.Zt. nämlich irgendeinen Einfluß darauf nehmen, ob er selbst, er ganz persönlich, weiter in Arbeit und Brot bleibt oder nicht. (ganz zu schweigen von solchen Utopien wie dem Einfluß auf die Höhe des Einkommens) Alles was sich in den Betrieben abspielt, passiert im Block, ohne irgendwelche Rücksichten auf die Fähigkeiten des Einzelnen. Faul oder fleißig, schlau oder dumm – hat er Glück und seine Abteilung oder gar die ganze Firma überlebt, ist erstmal alles O.K., wenn nicht – „isser Neese“, wie die Berliner sagen.

 

In einem gut eingeschwungenen Wirtschaftssystem wie dem bundesdeutschen selektieren die Firmen bei Einstellung und Rausschmiß ihre Leute individuell. Selbst wenn ein Betrieb komplett schließen muß, werden die Besten (natürlich könnte man schon allein zu den Kriterien noch eine Menge sagen, ich hoffe aber, Du genehmigst mir im Interesse der Beschränkung des Briefgewichtes noch ein wenig die Fortsetzung meiner simplen Betrachtungsweise!) als erste wieder eingestellt. Leistung lohnt sich dort also in jedem Fall. Bei uns war das nie so – und die holzschnittartigen Anfänge der Wirtschaftssanierung haben hier leider (hoffentlich: NOCH) keinerlei Veränderungen gebracht, eher im Gegenteil: Die Mitarbeiter der wegen ihres besonders anachronistischen Charakters zuerst geschlossenen Buden (z.B. auch der Stasi) hatten noch die besten Möglichkeiten, weil sie relativ zeitig, also in einer Phase noch harmloser Arbeitslosigkeit entlassen, in Firmen eintreten konnten, die relativ gute Überlebenschancen haben, gekennzeichnet dadurch, daß sie damals (im Frühjahr) noch keinen Einstellungsstop aussprechen mußten. Der ist jetzt aber längst nachgeholt, so daß nunmehr überall Gerechte wie Ungerechte vor der Tür bleiben, weil man andererseits auch in den hoffnungsvollen Betrieben jetzt ganz andere Sorgen hat, als die drinsitzenden Ungerechten zugunsten der draußenstehenden Gerechten zu feuern. Und hinzu kommt, daß es arg schwerfällt Talente zu zeigen, wenn die Firma keine Aufträge hat.

 

Das also ist die wesentliche Ursache der allgemeinen Lähmung in den Betrieben und sie wird wohl noch eine ganze Weile anhalten, zumindest bis spürbar investiert wird. Mittelfristig bin ich da optimistisch. Im Westen ist die Konjunktur durch die Veränderungen bei uns offenbar ganz gewaltig angekurbelt worden, die Arbeitslosenzahlen sinken in Richtung der Quasi-Vollbeschäftigung (das sind für mich ca 3 bis 4 %) und wenn uns nicht irgendwelche wildgewordenen Husseins teuren Ärger machen, wird irgendwann unweigerlich der Punkt kommen, an dem das Kapital (und sein Staat) die jungfernhafte Zurückhaltung aufgeben und im Osten investieren MUSS – einfach weil im Westen die Ausbeutungsobjekte alle sind, worauf wir uns hier alle freuen, hurra! Bleibt nur zu hoffen, daß bis dahin nicht zuviel auch seelisch-moralisches Porzellan zerschlagen ist. Im Gegensatz zu den Schreihälsen in unserer Politszene, die sich schon bei popeligen 300 000 Arbeitslosen gruseln (oder zumindest so tun), erwarte ich den Höhepunkt des Scherbenhaufens in den ostdeutschen Ländern erst für die Jahreswende 91/92, mit Arbeitslosenzahlen um die 1,5 Millionen, d.h. mehr als 15%. Aber dann! Oder?

 

Wegen des entscheidenden Effektes für die Investitions- (und Hilfs-) Bereitschaft ist wahrscheinlich die Gemütslage im Westen für uns jetzt viel wichtiger und also interessanter als das eigene Geplärr. Aber außer entsetzten Gesichtern, die dreistellige Milliardenbeträge murmeln, kommt hier nicht viel „‚rüber“ (ich übe mich schon immer mal im bundesdeutschen Slang, denn es gibt bei uns im KONTEXT der Wende einen stillschweigenden KONSENS, daß es alle hier UNHEIMLICH GUT finden, wenn man SPONTAN für einen Wessi gehalten wird). Ein mir entfallener aber wichtiger Mensch sagte sogar, man hätte es in der Bundesregierung bis vor kurzem nicht für möglich gehalten, daß es bei uns SOOO schlimm wäre.

 

Abgesehen davon, daß man unter diesem Aspekt die Gehälter der Ostabteilungen zurückfordern sollte, drängt sich sofort die Frage auf, ob sich „der Westen“ bisher eingebildet hat, unsere Revolution wäre nur wegen des Mangels an Omo oder dem Sexappeal des Bundeskanzlers ausgebrochen?

 

Aber im Ernst: SOOO schlimm war’s ja auch gar nicht. Es war ander(e)s schlimm. Aber wenn nicht bald etwas deutliches passiert, wird’s viel viel schlimmer. Und die Honecker-Ära hat dann gute Chancen, sich zur „guten alten Zeit“ zu verklären.

 

In der alten DDR wurde weiß Gott viel gejammert und noch mehr geschimpft. Mit Recht. Aber verglichen mit dem Sommer ’90 waren damals (für die meisten) geradezu fröhliche Zeiten. Der Jammer jedenfalls ist jetzt um 3 Zehnerpotenzen größer, geschimpft wird schon fast wie vor der „Wende“ und wenn nicht dieses absolute Gefühl der Ohnmacht wäre, würde alles sehr bald wieder in zornige Aktionen umschlagen, die in unserer neu vereinten Bundesheimat dann wirklich viel Geld kosten – wenn es überhaupt beim Geld bleibt. Insofern hat die politische Depression hier auch ihr Gutes, aber es ist nur eine Frage der Zeit, daß sich Scharfmacher aller Coleur die Verzweiflung der Leute zunutze machen.

 

Was hier und heute nottut ist in erster Linie gar nicht mal der große (und teure) Schub im Lebensstandard. Sicher, aus irgendwelchen (?) Gründen haben im vorigen Winter in Leipzig, Dresden und Berlin Millionen im Hinblick auf die Übersiedler, denen man es (mit DDR-Maßstäben betrachtet) „vorne und hinten reingesteckt“ hatte, gedacht, das würde auch so weitergehen, wenn wir ALLE kommen – mit der DDR unter dem Arm.

 

Aber solcherart Illusionen sind sowieso längst ad acta gelegt. Was jetzt wirklich dringend fehlt, ist Hoffnung, sind handfeste Konzepte, die diese Hoffnung wecken, ist ein möglichst konkreter, für jeden faßlicher Fahrplan, der dem Kurzarbeiter den Gedanken an die ins Haus stehende Arbeitslosigkeit ebenso erträglich macht, wie dem Rentner den Mietbescheid von der Hausverwaltung. Dazu braucht es keine Milliarden, sondern Zivilcourage, politische Intelligenz und ein Mikrofon. Es würde schon ungeheuer viel bewirken, wenn jemand den mehr und mehr verzweifelnden Ossis klar sagen würde, „wir werden im Oktober erstens, zweitens, drittens… im nächsten Frühjahr ist vorgesehen… wir erwarten die Talsohle dannunddann… spätestens neunzehnhundertpipapo hoffen wir…“ Macht aber keiner! Statt dessen bemühen sich alle zärtlich um die Gemüter der Wessis, machen ihnen ein bißchen Angst und versprechen gleichzeitig, daß sie sich keine Sorgen machen brauchen.

 

Die Situation gemahnt mich ein wenig an eine Szene am Weiher: Der kleine Michel prustet im Wasser und droht zu ersaufen, während der gute Onkel Helmut den großen Michel am Ufer tröstet, er möge sich nicht fürchten, Onkel Helmut paßt schon auf – daß der große Michel nicht naß wird. Bleibt nur zu hoffen, daß Onkel Helmut sich nach der Wahl noch rechtzeitig an seinen 2. Neffen erinnert, bevor der Kleine endgültig abgeht.

 

Damit meine blöden Vergleiche nicht falsch hängenbleiben, sage ich nochmal ausdrücklich: Wir brauchen hier natürlich auch Milliarden an Hilfe, aber viel nötiger sind endlich ein paar klare SACHKUNDIGE und EHRLICHE Worte zu einer (natürlich möglichst optimistischen) Perspektive. Daß (z.B.) Leuna eine Dreckschleuder ist, wissen wir selbst am besten, dazu braucht es keiner schlauen Kommissionen von Bayer und Hoechst. Viel interessanter ist die Frage wann, wielange und in welchem Umfang die Bude zugemacht wird und wann wo wieviele der 20 000 voraussichtlich wieder beschäftigt werden können. Punktum!

 

Mit diesen scharfen Tönen als Vorgeschmack auf die hoffentlich ausbleibende Verschärfung unserer Politszene schließe ich diesen Brief. Es ist der letzte, den Du aus der DDR erhältst, aus einem Land, über das man noch lange reden kann und wird, aus dem man aber in 4 Wochen nicht mehr schreibt. Die Erde möge ihm leicht werden, das Gras des Vergessens aber sollte nicht darüber wachsen – aus tausend Gründen!

 

Willkommen also in der 4. Republik, Mitbürger

 

Dein Frank