Monatsarchiv: März 2008

Briefe aus der Wendezeit – Teil 6

Berlin, 1. Mai 1990

 

Lieber Klaus!

 

Der erste erste Mai ohne verordnete Demo und Kampfgruppenparade. Eben sind wir mit den Kindern einmal die Linden hoch und runter – viel Kommerz, keinerlei Politik, fressen, kaufen, fressen – und den Restnachmittag nutze ich, den letzten Brief zu schreiben, der noch vor uns in Stuttgart eintreffen wird.

 

Der Deine vom 8.4. ist hier wohlbehalten eingetroffen und hat sowohl Paula als auch mich ein wenig erschüttert, vor allem wegen Deiner Aussagen zur wahren Ursache Deiner Schreibhemmung. Was sie aus uns gemacht haben, ist ja eigentlich schon schlimm genug, aber es stellt sich heraus, auch an Euch (im weitesten Sinne) haben unsere Verhältnisse offenbar mehr deformiert, als man hier bisher meinte.

 

Wahrscheinlich traf in diesem Falle auch auf Euch die alte Weisheit zu: Eine hautnahe und permanente Gefahr ist weniger schrecklich als die, von der man sich aus der Ferne nur diffuse Vorstellungen macht.

 

Mit dem Thema Stasi lebte man bei uns ganz einfach. Sie war da und gefährlich, aber gewohnt. Etwa so wie sich die afrikanischen Zebras daran gewöhnt haben, an der Tränke laufend von irgendwelchen Löwen umkreist zu werden. Ab und an wird eines gefressen, aber in den allermeisten Fällen trifft es einen selbst eben nicht, jedenfalls solange man die erforderliche Vorsicht walten läßt.

 

Im übrigen war das Thema zwar allgegenwärtig, aber doch in der Regel für die allermeisten längst nicht so belastend, wie man von außen (und im nachhinein) oft meinte. Es wurde bei uns niemand ins Loch gesteckt, wenn er am (vielleicht abgehörten – womit auch jeder rechnete) Telefon „Scheiß-Honecker“ gesagt hatte, nicht zur Wahl gegangen war, keine Fahne heraushängte oder an die Hitparade von RIAS 2 schrieb. Hier sind die Parallelen zur Überwachung und deren Folgen im 3. Reich (vor allem in Euren Medien) sehr übertrieben worden.

 

Die Stasi[1] unterschied nämlich sehr fein zwischen systemgefährdenden Aktivitäten und allgemeinem Gemecker. Alles was öffentlich oder – weit schlimmer! – organisiert opponierte, wurde hart in die Zange genommen. Wer nur im Kollegen- oder Freundeskreis so dahinschimpfte, wurde i.a. „nur“ registriert (wenn ein Kollege oder Freund „undicht“ war) und wunderte sich dann höchstens, daß er beruflich irgendwann nicht weiter vorankam, kein „Reisekader“ werden durfte, oder die Düsseldorfer Oma zum 90. Geburtstag nicht besuchen konnte. Das galt sinngemäß auch für das Auftreten innerhalb der Partei, wo laut Statut jeder Genosse das Recht hatte „frei und offen seine Meinung zu äußern, bis die Grundorganisation ihren Beschluß gefaßt hat“. Die Formulare für die Versammlungsprotokolle hatten eine Extra-Rubrik „Stimmungen und Meinungen“, so daß es des undichten Kollegen dort nicht bedurfte. Trotzdem haben gerade in den letzten Jahren immer mehr vor allem junge Leute das „Luftmachen“ einer nebulösen Karriereperspektive vorgezogen, so daß immer öfter überhaupt nur „Meckerer“ als Kandidaten für irgendeinen Posten infrage kamen.

 

Etwas anders lagen die Verhältnisse allerdings bei den sogenannten Kontaktverboten. Je nach Funktion, Arbeit, Arbeitsstelle etc. konnte man n einer bestimmten Geheimhaltungsstufe verpflichtet werden, die automatisch eine bestimmte Stufe der Kontaktbeschränkung nach sich zog. (Was sehr deutlich ausdrückt, daß man lieber irgendwelchen Formalismen als den Menschen selbst traute, aber das ist ein extra-Kapitel.)

 

Das ging vom absoluten Verbot (Einem Neger, der einen auf der Straße nach dem Weg zum Hotel fragte,  hatte man dann zu antworten: „Bitte wenden Sie sich mit ihrer Frage an die Presseabteilung des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten“), über die Genehmigungspflicht („Nächste Woche heiratet meine Schwester. Es besteht Grund zu der Annahme, daß an der Feier auch ein Verwandter aus Wuppertal teilnehmen wird. Ich beantrage…“), und die Meldepflicht („Bei der gestrigen Hochzeit meiner Schwester traf ich auf einen Verwandten aus Wuppertal. Ich habe ihm weder die Alarmpläne der freiwilligen Feuerwehr Kleinkleckersdorf, noch die sowjetischen Raketenstellungen in meinem Garten verraten“), bis hin zur Normalität – die übrigens für die meisten galt.

 

Mit solchen Verboten waren aber keinesfalls nur Staatsdiener, Bonzen (die am wenigsten), Soldaten, Polizisten usw. belegt, sondern – beispielsweise – auch unterbezahlte zivile Ingenieure, wenn sie – beispielsweise – Geräte für die Marine entwickelten. Wer die (unterschriftlich akzeptierten) Verbote ignorierte, flog gnadenlos raus – wenn es bekannt wurde, und trotz Arbeitskräftemangel waren die weiteren Chancen dann recht mies.

 

Aber wie gesagt: Die Zebras hatten sich an ihre Löwen gewöhnt und machten längst nicht soviel Aufhebens davon wie die vom Jeep aus zusehenden Touristen, denen die bösen Katzen gar schrecklich gefährlich erschienen…

 

Jetzt sind die Zebras auf dem Weg in einen feinen Zoo, sauber getrennt von den hungrigen Löwen, mit halbwegs sicheren Futterzeiten – und müssen wohl schnell eine Menge lernen, was all die anderen glücklichen Tiere dort längst können. Wundert Euch also nicht, wenn wir eine Reihe alberner Fragen stellen (Wir haben uns sogar eine kleine Liste angelegt). Wir können inzwischen zwar ALDI von Tengelmann unterscheiden, aber vom westlichen Alltag haben wir keine Ahnung! Bereitet Euch also darauf vor, daß wir in 14 Tagen auch auf eine Art Schnellkurs für Konsumenten im Fach „West-Way-Of-Live“ hoffen. (Dein Auftritt, Judy!)

 

Leider können wir uns kaum revanchieren, denn alle unsere Ansichten habe ich inzwischen schon brieflich mitgeteilt und unsere Überlebenskünste für die freie Wildbahn des Real Existierenden Feudalsozialismus nützen nun niemandem mehr (Jedenfalls ist uns allen das zu wünschen.).

 

Ich schließe mit einer Wiederholung: Wir freuen uns auf Euch und Stuttgart und falls meine Fahrplanauszüge verschütt gegangen sein sollten: Wir kommen am Sonntag, dem 13.05. planmäßig um 8.31 früh mit dem D2852 aus Nürnberg. Bis dahin

 

Alles Gute für Euch

 

Frank

 

 

 


Stuttgart, 6.5.1990

Lieber Frank,

da Du an diesem Brief möglicherweise etwas länger zu knacken haben wirst, hoffe ich, daß es mir gelingt, ihn Dir noch vor Eurer Abfahrt nach Stuttgart zukommen zu lassen. Du könntest dann die lange Zugfahrt dazu nutzen, noch ein wenig über die unterschiedlichen Denkweisen in Ost und West zu sinnieren. Und vielleicht ist er ja auch kein schlechter Begleiter bei Deinem Weg von der einen in die andere (deutsche) Welt.

Der Brief soll die – oft genug angekündigte – Antwort auf Deinen Brief vom 15.2. sein. Freilich fällt diese anders aus, als Du vielleicht erwartet hast (ich übrigens auch). Eigentlich hatte ich die Absicht, an Hand Deines Briefes eine Höhenexpedition in die Sphäre grundsätzlicher Erwägungen zum Unterschied eines marxistisch geprägten und eines westlich liberalen Denkansatzes zu unternehmen. Zum Ausgangspunkt wollte ich Deinen – nicht ungewagten – Versuch nehmen, die jüngsten geschichtlichen Ereignisse, insbesondere die Tatsache einer „bürgerlichen“ Revolution in einem „sozialistischen“ Staat, im historischen Ablaufschema des Marxismus unterzubringen. Schon in Deinem Buchmanuskript vom 11.12.1989 hattest Du ja erkennen lassen, daß Du zur Beurteilung der neuesten Ereignisse weiterhin das historische Schema des Marxismus benutzt. Nur gingst Du (bzw. der darin zitierte Albert) davon aus, daß sich die Gesellschaft der DDR in einer viel früheren Phase dieses Modells befunden habe, als bislang gemeinhin angenommen (nämlich erst am Übergang vom Feudalismus zur bürgerlichen Gesellschaft). Diesen Umqualifizierungsversuch hatte ich, wie aus meinem Brief vom 14.2.(!) ersichtlich, zunächst als Ironie aufgefasst. Nach Deinem Wandlitzer Brief vom 15.2. wurde mir jedoch klar, daß dies so ironisch nicht gemeint war. Es wirft ein interessantes Schlaglicht auf die „Lage der Nation“, wenn ein Gedanke hüben und drüben so unterschiedliche Wirkung entfalten kann. Das regte meine Entdeckungslust an und ich beschloß, zunächst einen Erkundungsflug über das Expeditonsgebiet zu machen (und der dauerte drei Monate).

Es war klar, dass ich mich zunächst einmal auf das höchst umstrittene Gebiet der Geschichtsauffassungen zu begeben hatte. Denn der oben genannte Effekt lag offensichtlich in den sehr unterschiedlichen Auffassungen darüber begründet, welche Wege in diesem nicht eben übersichtlichen Gelände ausgemacht werden können. Hier war ohne Zweifel ein erster Zwischengipfel zu besteigen. Während Du Dich dabei auf einer bequemen Autobahn (mit ein paar neuen Kurven) zu befinden schienst, mußte ich feststellen, daß der Weg angesichts meiner Weigerung, bestimmten Personen oder Theorien einen prinzipiellen Glaubwürdigkeitsvorsprung einzuräumen, über eine abschüssige Geröllhalde führen mußte, wo mir bei jedem Schritt der Boden unter den Füßen wegrutschen würde. (Das Dilemma habe ich am Schluß meines Briefes vom 8.4. angedeutet.) Meine Arbeitshypothese habe ich schließlich wie folgt gefasst (Kurzfassung aus der Vogelperspektive): Statt gesellschaftlicher Entwicklungsgesetze gibt das Geschichtsmaterial nicht viel mehr her als ein Mittel, den jeweiligen gesellschaftlichen Standpunkt zu verdeutlichen. Die geschieht durch Nachzeichnen von Kausalitäten und durch den Vergleich mit anderen Geschichtsepochen.

Damit aber war nicht viel Boden zu gewinnen. Als nächstes galt es, die durch dogmatische Vorabfestlegungen bedingten Irrwege zu erkennen. Ich hatte mich also mit den generellen Gefahren deduktiver Denkansätze auseinander zu setzen und mit deren Risiko, an der „Wirklichkeit“ vorbeizuführen. (Eine vorab angefallene Frucht dieser Auseinandersetzung ist übrigens mein „tractatus theologico-economico“ = mein Brief von 22.4., der sich mit einigen konkreten Aspekten des Denkens von oben beschäftigt). Um zu verdeutlichen, wie sehr man sich durch die genannten Vorabfestlegungen in seinem Bewegungsspielraum einengt, hatte ich dann einen „kleinen“ Exkurs in die neuere Geschichte eingeplant, dessen Gedankengang – in der Luftlinie – wie folgt verläuft:

Der real existierende Sozialismus ist eine Spielart des Faschismus. Dieser (also auch der rechte) ist eine späte Reaktion auf den Rationalismus der europäischen Aufklärung (dies wird beim linken Faschismus allerdings dadurch verschleiert, daß er sich teilweise auf deren Tradition beruft und ihre Argumentationsmuster verwendet). Nachdem die Aufklärung die gewachsenen (tradtionellen) Gemeinschaftsbindungen weitgehend aufgelöst und insbesondere dem Christentum einen argen Stoß versetzt hatte, glaubte nun das Kleinbürgertum die entwurzelten Gesellschaften mit gewissermaßen synthetischen Gesellschaftsmodellen vor der Orientierungslosigkeit retten zu müssen. Das ging aus zwei Gründen schief. Zum einen stellte sich der Liberalismus als eine Art Immunschwäche der synthetischen Gesellschaftsmodelle heraus, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Zum anderen verband sich die Angst des Kleinbürgers vor der Orientierungslosigkeit auf unglückliche Weise mit seiner Neigung, soziale Probleme mit dem Holzhammer zu lösen und Ordnungsgesichtspunkte überzubetonen. So erklärt sich, daß rechter und linker Faschismus im sozialen Terror endeten, wobei sie sich, trotz erbitterter Gegnerschaft, einträchtig der gleichen Methoden bedienten. Die Faschismen sind also in gewissem Sinne eine Revolution des Kleinbürgertums gegen das Bürgertum (soweit es Träger der Aufklärung ist). Es ist der von Anfang an untaugliche Versuch, eine verlorene soziale Unschuld wiederherzustellen.

Hinsichtlich der Chronologie komme ich damit zu einem ganz anderen Ergebnis als Dein Modell. Nach meiner Interpretation ist der real-existierende Sozialismus eine Folge gewisser Erscheinungen der „bürgerlichen“ Gesellschaft (wenn man so will der französischen Revolution) und nicht die Vorstufe davon. Damit erspare ich mir einige Winkelzüge (um nicht zu sagen Klimmzüge), die Du zur Rettung des marxistischen Modells veranstalten mußtest. Außerdem wird man so besser mit der Tatsache fertig, daß „bürgerliche“ Gesellschaften vor und neben dem Sozialismus existierten.

Nachdem sich anhand dieser Überlegungen verdeutlicht hatte, daß der Sozialismus eine Art Romantik des kleinen Mannes gewesen ist, sollte der nächste Schritt sein, wsein geistesgeschichtliches Urgestein zu erforschen. Es war klar, daß man hierbei bald in den Untiefen der Romantik und also im 19.Jahrhundert und bei den diversen Fortschritts- und Entwicklungstheorien von Hegel über Comte, Spencer, Marx und Darwin landen würde. Hier war auf zwei Gesteinsadern zu achten, die sich auf unselige Weise miteinander verbanden: nämlich die mechanistische Wissenschaftsvorstellung und der (damals geborene) Glaube an eherne Geschichtsgesetze (daraus resultierend die Überzeugung, Prognosen über die Entwicklung der Gesellschaft machen zu können).

Diesem kausalistisch-deterministischen Sozialbild, das dem mechanistischen Weltbild des 19. Jahrhunderts entstammt, entspricht die Vorstellung, eine Gesellschaft über einen Plan steuern zu können. Der Plan wird hierbei als ein alle Bedürfnisse kennendes und alles nach allen Seiten „gerecht“ verteilendes Instrument verstanden, eine allmächtige, alles umfassende und alleswissende, somit herrgottähnliche Sozialmaschine, die nur richtig konstruiert und eingestellt werden müsse, um einen reibungslosen Gesellschaftsverlauf zu garantieren. Dieser mechanistischen Vorstellung von der Gesellschaft sollte nun in Anlehnung an die Erkenntnisse der modernen Physik ein Modell der Gesellschaft entgegengestellt werden, das von einer mehr oder weniger chaotischen Mischung der Motive der Individuen und deren Gruppierungen ausgeht. Man könnte es als quantentheoretisches Gesellschaftsmodell bezeichnen. Ein solches Modell muß auf den Versuch einer Feinsteuerung der gesellschaftlichen Prozesse verzichten, weil es eine solche seiner Voraussetzung nach nicht für möglich hält. Es würde sich darauf beschränken, durch institutionelle Mechanismen Kraftfelder gesellschaftlicher Beziehungen aufzubauen, um nach dem Trial-and-error-Prinzip zu prüfen, ob die gewünschten Wirkungen damit erzeugt werden. Man erhält auf diese Weise gesellschaftliche Resultanten vergleichbar mit Vektoren. Diese haben zwar eine eindeutige Richtung, können aber aus ganz disparaten Kräften zusammengesetzt sein. Man kann das Modelll auch als black box sehen. Man weiß, daß die Veränderung des Inputs den Output beinflußt. Welche Prozesse dabei im Innnern der Box, also zwischen den Individuen vonstatten gehen, wissen wir nur sehr ungenau. Man kann nur davon ausgehen, daß es in der Box ziemlich sprunghaft und widersprüchlich zugeht. Deshalb macht es auch gar keinen Sinn, diese Prozesse – etwa durch ein umfassendes Überwachungssystem à la Stasi – in den Griff bekommen zu wollen.

Dieser Ansatz steuert, wie Du bereits bemerkt haben wirst, pfeilgrade auf Wege zu, die Dir bereits bekannt sein dürften. In der Tat drängte es mich dazu, meine induktive Moraltheorie zu einer allgemeinen induktiven Gesellschaftstheorie zu erweitern. Mit diesen kühnen Schritten wäre dann meine Expedition endgültig in die Region ewigen Eises vorgedrungen. Spätestens jetzt wird Dir auch klar, daß ich mir damit viel zu viel vorgenommen habe. Und so begann ich, statt an die Durchführung der Expedition zu denken, darüber zu spekulieren, wie ich aus diesem Gedankengebirge unbeschadet wieder herauskomme. Einen Ausweg wiesen mir schließlich die Reiseführer, die ich inzwischen hier und da zur Überprüfung meines geplanten Weges herangezogen hatte. Ich stellte fest, daß eine Menge kluger Leute schon eine Menge ähnlicher Gedanken zu Papier gebracht habetn. Und so habe ich mich entschlossen, auf eine nochmalige Lösung der Welträtsel zu verzichten und die Versprechungen, die ich Dir gegebenüber abgeben habe, mit diesem Brief über einen nicht geschriebenen Brief einzulösen.

Doch sollst Du nicht ungetröstet davon kommen. Ich übersende Dir hiermit zwei Aufsätze von Karl Popper, einem meiner Reiseführer, auf den ich bei Gelegenheit der Expeditionsvorbereitungen wieder gestoßen bin (das letzte Mal las ich sie vor ca. 20 Jahren). Ich vermute, daß die alten Herren bei Euch nichts unversucht gelassen haben, um zu verhindern, daß diese geistige Konterbande Euer Land erreicht, weswegen Dir dieser Autor vermutlich noch nicht näher bekannt ist. Kein Wunder, denn Popper ist einer der kompromislosesten (und klarsten!) Aufklärer und damit einer der gefährlichsten Feinde der marxistischen Doktrin. Man hätte sich einiges an kostspieligen Erfahrungen sparen können, wenn man ihn vor Beginn der sozialistischen Experimente ernsthaft gelesen hätte. Insbesondere sein Aufsatz „Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften“ aus dem Jahre 1949 (!) enthält einige erstaunlich hellsichtige Voraussagen, die sich leider verwirklicht haben. Leider hat er auch damit Recht gehabt, daß die Ideen der Philosophen erst mit einem time-lag wirksam werden (S.124). Als starken Tobak wirst Du vermutlich seine Worte über das historische Ablaufschema des Marxismus im Aufsatz „Was ist Dialektik“ empfinden, wo er sich auch mit „Deinem“ Umqualifizierungsproblem befasst (S.285).

Nun wirst Du Dich nach einer solchen Expedition (besser eines Entwurfs dazu) möglicherweise nicht sehr befriedigt fühlen. Aber genau das ist typisch für die Seelenlage in unseren westlichen Gesellschaften. Es liegt auf der Hand, daß diese Lebensform weder besonders einfach ist noch Glück garantiert. Vielleicht raffe ich mich später einmal zu einer weiteren Expedition auf, die sich mit den Fährnissen einer „freiheitlichen“ Gesellschaft befasst. Dagegen dürfte die eben angedeutete Expedition ein Kinderspiel sein. Denn das habt ihr jetzt auch erlebt: Es ist relativ leicht, gegen etwas zu sein. Die Formulierung eines Zieles ist denn auch die größte Schwierigkeit in unseren freien Gesellschaften.

7.5.90

Heute kam Dein Brief vom 1.Mai. Unsere unterschiedliche Einschätzung des Phänomens Stasi zeigt, wie weit sich unsere Gesellschaften auseinander entwickelt haben. Die Vorstellung eines Mithörers, Mitwissers und unberechenbar Zuschlagenden ist hier absolut unerträglich, auch wenn alles nicht so gefährlich gewesen sein sollte, wie es hier gelegentlich dargestellt wurde. Die staatliche Tätigkeit ist hier von allen Seiten durch Schutzrechte des Bürgers eingeschränkt (wozu diverse „Geheimnisse“ gehören, die die staatlichen Behörden sogar untereinander einhalten müssen. Polizei und Staatsanwaltschaften kommen z.B. an manche in Verwaltungsbehörden vorhandene Informationen nicht heran). Was sich hier, vor allem in den letzten 20 Jahren, entwickelt hat, ist tatsächlich ein ganz neuer Gesellschaftstypus. Und deswegen stehen wir fassungslos vor der Tatsache, daß bei Euch die Zeit ganz einfach stillgestanden ist. Dein Bild von der freien Wildbahn ist ganz passend. Hier ist in der Zwischenzeit eine weitgehende Domestizierung eingetreten und die Vorstellung von der freien Wildbahn ist uns so fremd geworden, wie dem schwäbischen Hausrind der „Gedanke“ an ein Wasserloch in der afrikanischen Steppe.

Wir hatten gestern eine lange Diskussion mit einem polnischen Ehepaar, die sich mit einer anderen Facette des gleichen Themas beschäftige. Aus unserer Sicht ist die offensichtlich ernsthafte Angst der Polen vor dem vereinten Deutschland nicht recht verständlich. Auch hierfür dürfte der soziale Stillstand in den sozialistischen Ländern verantwortlich sein. Die Polen sehen uns ganz offensichtlich noch mit den Augen von vor 50 Jahren. Sie haben den ungeheuren Abstand unserer heutigen (west-)deutschen Gesellschaft von damals nicht zur Kenntnis genommen und zwar aus zwei Gründen. Zum einen, weil sie sich selbst nicht entwickelt haben und daher glauben, die Welt um sie müsse ebenfalls stillgestanden haben. Zum anderen, weil sie von den Deutschen in erster Linie den Teil gesehen haben, der sich auch nicht entwickelt hat. Und dann haben sie noch das Problem, daß sie Regierungen nichts glauben (was natürlich auch auf ihren eigenen Erfahrungen beruht). Und so tun sie, als hätte unsere Regierung nicht schon 1970 klargestellt, daß Polens Westgrenze nicht angezweifelt wird.

In die gleiche Richtung geht, was wir zur Zeit an Ängsten und Verdächtigungen aus Richtung DDR hören. Das ist alles die Terminologie der Wildbahn, die uns in so kruder Form hier nicht bekannt ist. (Daß hier der „Kampf ums Dasein“ ebenfalls geführt wird, will ich natürlich nicht bestreiten – aber er hat sublimere Formen angenommen und ist weniger existentieller Natur.)

8.5.

Da der Brief noch immer nicht weg ist, will ich noch kurz zu der heutigen Meldung etwas sagen, wonach man bei Euch jetzt die 38-Stundenwoche und hohe Lohnaufschläge (50%!) fordert. Ich kenne die genauen Hintergründe dieser Forderungen nicht. Aber es scheint, daß hier bereits das Onkel- Syndrom wirksam wird. Einige Leute wollen offenbar das Pferd vom Schwanz aufzäumen und erst einmal die Vorteile einer gesunden Wirtschaft genießen und sie erst dann schaffen. All dies kann nur gefordert werden, wenn man den Onkel im Hintergrund weiß. Und der hat jetzt sogar noch das Pech, in der Rolle des Bösen Buben zu erscheinen. Ich fürchte, das sind die Folgen eines allzu schnellen Zusammenschlusses. Man hätte der DDR erst einmal Zeit zur Ordnung ihrer Verhältnisse und zu einer Angleichung der Systeme geben müssen. Dadurch hätte man den bevorstehenden Übergangsschock vermeiden und mehr Problembewußtsein heranwachsen lassen können.

So und jetzt geht der Brief ab – wahrscheinlich zu spät.

Gruß Klaus

PS Kürzlich bekam ich dienstliche Post von der Dewag – ein erster Erfolg eines ostdeutschen Unternehmens auf dem westdeutschen Markt!


Berlin, 19.05.90

 

Lieber Klaus!

 

Es ist erst wenige Tage her, seit wir uns voneinander verabschiedet haben. Die vielen Eindrücke setzen sich langsam und ich empfinde fast schmerzlich, dass wir vor lauter Fragen, Staunen und Schauen viel zu wenig Zeit hatten, unseren brieflichen Dialog in der eigentlich besten möglichen Form – vis a vis – fortzusetzen. Zu Hause fand ich dann Deinen Brief vom 6.5. mit den Popper-Kopien, und mir wurde klar, dass allein für diese Problematik die paar Tage ohnehin nicht ausgereicht hätten.

 

Ich setze mich also hin und erkläre hiermit den scharfen Start der Philosophie-Diskussion (Die paar statements, die ich bisher dazu abgegeben habe, waren weniger als Vorgeplänkel, wahrscheinlich auch deshalb, weil ich mit meinem engen Ost-Horizont bis vor kurzem gar nicht auf den Gedanken gekommen bin, jemand könnte ernstlich z.B. die Dialektik in Zweifel ziehen usw.). Ich tue dies wiederum brieflich, obwohl ich hoffen kann, Dich bereits in 8 Tagen wiederzusehen. Aber ich denke, ich werde bis dahin mit diesem „Werk“ noch nicht zu Ende gekommen sein und vielleicht ist es auch gut so, wenn es Dich erst nach Deinem Urlaub – ausgeruht und hoffentlich voller neuer Eindrücke von den Resten des Real Existierenden usw. – erwartet.

 

Ich erlaube mir dabei, die von Dir (böserweise) postulierte „bequeme Autobahn“ weiter zu benutzen und Dich ohne schlechtes Gewissen auf Deiner „abschüssigen Geröllhalde“ sitzen zu lassen und gebe diesbezüglich unumwunden zu, dass ich nach wie vor tatsächlich Marx und seinem dialektischen und historischen Materialismus einen „Glaubwürdigkeitsvorsprung“ einräume. (Warum sollte ich nicht, solange ich dabei gut vorankomme.)

 

An dieser Stelle ist aber eines unbedingt, nachdrücklich und mit der gebotenen Schärfe „klarzustellen“ (ein beliebtes Wort unserer Hundertfünfzigprozentigen, das in diesem Falle natürlich und tatsächlich Ironie sein soll): Die philosophisch-politische Grundgemeinheit unserer Epoche besteht m.E. offenbar darin, dass Stalinisten, Kapitalisten, Faschisten, Idealisten, Monarchisten und wer weiss nicht noch alles – und selbstverständlich auch Klaus H. und Karl Popper – ohne mit der Wimper zu zucken, dem Real Existierenden Sozial(feudal)ismus die Ehre angetan haben, ihn quasi a priori als die Realisierung des Marxismus anzusehen. Die Lehre des armen Marx, der sich auf dem Highgate-Friedhof in London schon lange nicht mehr wehren kann, hat dadurch fast zwangsläufig wesentliche Wunden davontragen müssen.

 

Auch wenn Du mir an dieser Stelle sicher noch keinesfalls zustimmst, möchte ich Deine geschätzte Aufmerksamkeit dabei zunächst einmal vor allem darauf lenken, dass hier eine zumindest sehr bemerkenswerte und im übrigen fast einmalige Einigkeit von ansonsten spinnefeinden Gruppierungen zu verzeichnen ist. Mir jedenfalls ist es immer hochverdächtig gewesen, wenn irgendwo solche Art Einheit auftrat. Die Motive sind dabei nur auf den ersten Blick unterschiedlich. Bei näherer Betrachtung stellt sich nämlich sehr rasch heraus, dass sowohl die Verfechter der bürgerlichen Demokratie als auch die realsozialistischen Bonzen nichts so sehr zu fürchten hatten /?/ wie einen wirklich funktionierenden Sozialismus (Ich will Dir dabei entgegenkommen, und nicht diskutieren, ob und wann der denn überhaupt in den Bereich des Möglichen gekommen wäre. Gar zu utopisch kann er aber nicht gewesen /?/ sein, sonst hätten sie alle ihn nicht so verbissen bekämpfen müssen.)

 

Die Tatsache, dass im Namen des Marxismus so ungeheuer viel Murksismus veranstaltet wurde, kann Marx jedenfalls nicht angelastet werden, genausowenig wie Jesus für die Inquisition verantwortlich zu machen ist. In gewisser Weise gibt dies mittelbar sogar Popper zu, der in „Was ist Dialektik?“ auf Seite 286 Deiner Kopie schreibt: „Marx und Engels haben fest darauf bestanden, dass die Wissenschaft nicht als… ‚ewige Wahrheit‘ interpretiert werden dürfe… Wissenschaftliche Systeme entwickeln sich, und sie entwickeln sich – nach Marx – dialektisch. Gegen diesen Punkt lässt sich nur wenig einwenden…“ Da hat er recht, der Herr Popper, aber er bleibt sich als Antimarxist natürlich treu und fügt hinterlistig hinzu, „… dass Marx‘ fortschrittliche und antidogmatische Ansicht von der Wissenschaft von orthodoxen Marxisten… niemals angewandt worden ist.“

 

Ja wie denn? Was sollen das denn für Marxisten sein, die Marx‘ Ansicht von der Wissenschaft nicht teilen? Wir haben hier ein sehr schönes Beispiel vom Primat des Seins, auf das Marx solchen Wert legte: Egal als was sich unsere oder andere sogenannten Gesellschaftswissenschaftler ausgaben, oder wie auch immer sie von Leuten wie Popper angesehen wurden – allein schon ihre dogmatisch-scholastische Arbeitsweise machte es ihnen unmöglich, Marxisten zu sein.

 

Überhaupt Popper, einer aus der „Menge kluger Leute“, einer Deiner „Reiseführer“ bei philosophischen Expeditionen: Aus den beiden Kopien, die Du mir übersandt hast, habe ich zwar ersehen können, wogegen er sich ausspricht – vor allem gegen Marx natürlich, gegen die Dialektik usw – aber wofür er steht, was er denn wirklich dagegenzusetzen hätte, das ist mir an diesen Ausschnitten nicht so recht transparent geworden.

 

Sicher, seine „trial-and-error-Methode“ scheint ein zweifellos konstruktiver Teil des Popper´ schen Denkgebäudes, nur ist diese Methode erstens uralt und bildet zweitens den absolut untersten level jeglicher wissenschaftlichen wissenschaftlicher Methodik, ja man kann sogar sagen, einen wissenschaftlichen Anspruch kann sie überhaupt nur dann erheben, wenn sie erstens aus einer Schar möglicher Methoden bewusst ausgewählt wurde und zweitens die theoretische (!) Modellierung eines Systems benutzt. (Hier ergeben sich gerade in jüngster Zeit durch die rasante Entwicklung der Rechentechnik und ihre Fähigkeit, in Windeseile Millionen von Varianten durchzuprobieren, ungeheure Möglichkeiten für diese Methode. Voraussetzung ist aber ein ausreichend exaktes mathematisches Modell des zu untersuchenden Systems, das selbst natürlich auch nach dieser Methode optimiert werden kann usw.)

 

Trial-and-error aber einfach, sofort und unmittelbar in der Praxis angewandt, um, wie Popper sagt „das Überleben der tauglichsten Theorie“ durch „ausreichend harte“ Tests zu sichern, ist die Methode, nach der sich Regenwürmer in einem Labyrinth bewegen. In der Wissenschaft ist sie, gelinde gesagt, primitiv und in den Gesellschaftswissenschaften kann sie sogar tödlich sein – nach dieser Methode hat Günter Mittag bei uns jahrelang die Wirtschaft verschlimmbessert. „Genügend zahlreiche“ (was ist das?) Theorien aufzustellen und sich dann quasi überraschen zu lassen, mag vielleicht den Broterwerb mittelmässiger Philosophen sicherzustellen, bringt aber keinerlei brauchbare Entscheidungshilfen für die Praxis. Das ist irgendwie offenbar auch Popper klar und so geht er noch einen Schritt weiter (zurück) und behauptet, es könne gar nicht das Anliegen der Sozialwissenschaften (und damit sein eigenes) sein, Entscheidungshilfen für die Gegenwart oder gar die Zukunft zu geben. Leute, die so etwas versuchten, betrieben Prophetie und seien also miese „Historizisten“, basta. („Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften“ S.113 in Deiner Kopie)

 

Was dann folgt, ist eine uralte Methode der Polemik – er polemisiert einfach gegen eine Unterstellung. Auf Seite 115 schreibt er: „Die zentrale Idee… des Marxismus scheint (!, ganz unvorsichtig ist er doch nicht) folgende zu sein: Es ist eine Tatsache, dass wir Sonnenfinsternisse (ein Beispiel, das ihm so gut gefällt, dass er es noch öfter mit Genuss anführt) mit grosser Genauigkeit (!, hierauf legt er besonderen Wert, und weiter unten wird klar, warum) und auf lange Zeit voraussagen können. Weshalb sollten wir nicht imstande sein, Revolutionen vorauszusagen? Hätte ein Sozialwissenschaftler im Jahre 1780 nur halb so viel von der Gesellschaft verstanden wie die alten babylonischen Astrologen von der Astronomie, so hätte er die Französische Revolution voraussagen können…“

 

Und da hat der Mann recht! Nur meint Popper eben – und deshalb legt er so gewaltigen Wert auf den passus von der „grossen Genauigkeit“ – dieser Sozialwissenschaftler hätte die Französische Revolution exakt für das Jahr 1789 voraussagen müssen, und das ist natürlich Quatsch, niemand weiss das besser als Popper. Aber ist dadurch die Französische (und alle weiteren bürgerlichen) Revolution(en) weniger gesetzmässig? Wäre es denkbar gewesen, dass die gesellschaftliche Entwicklung in Frankreich vor 200 Jahren – vielleicht nach der trial-and-error-Methode – den Feudalabsolutismus erst einmal durch einen Neuaufguss der Sklavenhalterordnung ersetzt hätte, diese nach einem ebenso untauglichen kommunistischen Intermezzo durch die Restauration des Feudalabsolutismus und alles zusammen dann – meinetwegen im Jahre 1810 – durch die urgesellschaftliche Barbarei und die Wiedereinführung des Matriarchats?

 

Aber halt, die Barbarei hat Popper ausschliesslich als Ergebnis einer Sozialistischen Revolution reserviert, wobei er eine Erläuterung schuldig bleibt, warum sie nicht schon zu Cromwells Zeiten oder 1789 ausgebrochen ist, denn er schreibt (auf Seite 122) sehr absolut: „Wenn man aber beginnt, die Gesellschaft zu revolutionieren und ihre Traditionen auszurotten (!, Diesen leicht zu widerlegenden Unsinn kann bzw. muss er als Antidialektiker natürlich behaupten, wenn er sich treu bleiben will. Aber gerade das dialektische Prinzip von der Negation der Negation erklärt ja sehr schön, weshalb nach einem Umschlag von quantitativer Evolution in eine neue Qualität – gegebenenfalls revolutionär – eben nicht einfach eine tabula rasa geschaffen wird, sondern das Erhaltenswerte erhalten bleibt.), so kann man diesen Prozess nicht beliebig zum Stillstand bringen.“ Das ist zweifellos richtig, aber natürlich auch sehr banal. Weiter unten aber kommt’s: Nachdem er die unsinnige These von der ausgerotteten Tradition aufgestellt hat, ist es ein Kinderspiel zu behaupten, dass „bei der Zerstörung der Tradition auch die Zivilisation untergeht,“ und „die Menschheit auf das Niveau von Adam und Eva zurückfällt“ Auweia. Aber er gibt noch eins drauf. Die (sozialistische) Revolution endet nämlich damit, dass „…die Menschen wieder zu Tieren geworden sind“ Mähhhh!

 

So schlimm kann es denen ergehen, die am non plus ultra menschlicher Entwicklung rütteln, und das ist – nach Popper – selbstverständlich und immer wieder (!) die „kapitalistische Periode“, die die blöden Marxisten – dann auch immer wieder, man beachte die hier geradezu marxistische Geschichtsbetrachtung Poppers – „zu einer gründlichen Revolution veranlasst, auf die ein weiterer Rückfall zum Tier folgt – und so weiter ohne Unterlass“.

 

Es sollte eigentlich überflüssig sein, aber ich stelle an dieser Stelle zur Abrundung dennoch die Frage: Wenn der Real Existierende Sozialismus, als Ergebnis einer sozialistischen Revolution entstand und tatsächlich Sozialismus im Marxschen Sinne ist (was ich beides leugne, Popper aber unterstellt), wo bitteschön sind dann seit 70 Jahren die Tiere oder wenigstens Adam und Eva?

 

Übrigens geht Popper auch an anderen Stellen gern mit dem Mittel der Unterstellung zur Sache. Auf der schon erwähnten Seite 115 stellt er quasi aus dem Handgelenk heraus die Behauptung auf, dass der „Historizismus“, in den er auch den Marxismus einordnet, von der Vorstellung ausginge, „dass der Menschheitsgeschichte ein Plan zugrunde liegt…“. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man leicht geneigt sein, den von Popper verwendeten Begriff „Plan“ und die von den Marxisten so arg strapazierte „Gesetzmässigkeit“ als Synomyme zu betrachten, aber das eben sind sie gerade nicht! „Plan“ unterstellt einen höheren Willen – oder wie Marx sagen würde: das Primat des Bewusstseins – und führt damit schnurstracks zum Idealismus, den man Marx als Erz-Materialisten nun wohl doch nicht so einfach unterstellen kann. „Gesetzmässigkeit“ begnügt sich dagegen mit dem Vorhandensein eines irgendwie determinierten Weltprinzips und setzt dabei nicht einmal voraus, dass wir dieses (immer und überall) schon (genau) kennen, gar nicht zu reden davon, dass die Marxisten hier selbstverständlich niemals den (sehr undialektischen!) mechanischen Determinismus im Auge haben.

 

Popper aber baut auf der besagten Unterstellung im Kern seinen gesamten Artikel auf. Nachdem er die These von dem angeblich einen Plan der Menschheitsgeschichte postulierenden Marxismus der verehrten Leserschaft gleich am Anfang untergejubelt hat, sich unterwegs noch ein wenig über die fundamentalen Unterschiede zwischen Sonnenfinsternissen und (ausgerechnet !) biologischen Systemen einerseits (!, S.117) und der Menschheitsgeschichte andererseits auslässt, holt er am Schluss seines Artikels zum alles vernichtenden Schlag aus und folgert ebenso messerscharf wie falsch, dass „Hegel (ein Idealist!) und Marx… „die Gottheit Natur wiederum durch die Gottheit Geschichte“ ersetzen.

 

Wie man leicht sieht: Ich halte nichts von Popper! Was mich wundert ist, dass ein so grosser Verehrer der Französischen Revolution wie Du, auf einen Mann hört, der ausdrücklich davon überzeugt (!) ist, dass „humanitäre Ziele… mit revolutionären Methoden nicht erreicht werden können… dass revolutionäre Methoden die Dinge nur verschlimmern können – dass sie unnötiges Leid vermehren, dass sie zu mehr Gewalt führen werden und die Freiheit zerstören müssen“ (S.121f).

 

Wenn es nach Popper gegangen wäre, würden wir gerade heute die Eröffnung des XII. SED-Parteitag über uns ergehen lassen, um unsere Freiheit nicht zu zerstören.

 

Aber vielleicht meint er mit Revolution gar nicht „Umwälzung“, sondern nur marxistischen Totschlag. Das wurde dann zwar erklären, weshalb er eine unblutige (um nicht friedliche zu sagen) Revolution gar nicht in Betracht zieht, wirft aber ein eigenartiges Licht auf seinen Horizont. Offenbar geht es ihm ausschliesslich um den reinen Antimarxismus. Er ist zufrieden, wenn seine Argumente dort irgendwie kleben bleiben. Sie nach der von ihm so verehrten trial-and-error-Methode „hart zu testen“ – und zwar nicht nur am Marxismus und den letzten 100 Jahren – kommt ihm nicht in den Sinn. Insofern gehören für mich seine Grundthesen in die „Ausscheidung der weniger tauglichen“ (Was ist Dialektik, S.263).

 

Ich will Dir aber die Freude machen und Popper auch an einer Stelle zustimmen – allerdings mit Einschränkungen, worauf ich gleich zurückkomme – und zwar bei seinen Ausführungen zur „Konspirationstheorie“ (Prognose. S.119f). Es gab und gibt (!) bei uns einen Haufen Leute, die tatsächlich „die einzige Erklärung dafür, dass es ihnen nicht gelingt (bzw. gelang) den (sozialistischen) Himmel zu schaffen, (in der) Bosheit des (kapitalistischen) Teufels“ sehen. Nur ist nicht ganz klar (oder vielleicht doch?) weshalb durch diese „vulgärmarxistische (!) Konspirationstheorie“, resultierend aus dem „Fallenlassen“ (!) einer Ansicht von Marx, der arme Kerl seinen „Niedergang zu Göbbels“ in Kauf nehmen muss.

 

Ich meine, jeder Philosoph hat das Recht, nach seiner (!) Philosophie beurteilt zu werden und es ist nicht einzusehen, weshalb er für eine Politik verantwortlich gemacht werden soll, die so ziemlich gegen alle seine philosophischen Lehren verstösst, nur weil sie in seinem Namen (durch Dritte falsch) gemacht wird. Was würde wohl Popper sagen, wenn „vulgärpoppersche“ Politiker unter Berufung auf seine Thesen eine blutige Revolution nach der anderen inszenierten, und dazu erklärten, dies wäre die alleinseligmachende Variante von „trial-and-error“ und die effektivste Methode, „die dringlichsten und naheliegendsten sozialen Misstände… hier und jetzt zu bekämpfen“, zumal es auf die paar Wirren nicht so ankommt, da wir ja mit dem Elend ohnehin „noch lange werden leben müssen“ ? (S.124 /Ich gebe gern zu, dass der Rest hier von mir ziemlich böse polemisiert ist)

 

Apropos blutige Revolution. Ich möchte, anstelle dem modernen Trend zu folgen und hauptsächlich in der Sekundärliteratur herumzublättern, hierzu im weiteren einen „echten“ Marxisten zu Wort kommen lassen, nämlich Engels. Er vertrat in dem Klassiker-Duo eher die Seite der praktischen Politik als Marx (,der schier permanent an seinem Hauptwerk „Das Kapital“ schrieb, das ja vor allem eine Analyse der bürgerlichen Produktions- und Gesellschaftsmechanismen ist) und hat sich daher intensiver auch mit Fragen der Revolutionstheorie befasst. Engels schreibt – nicht etwa in einem vorsichtigen Spätwerk, sondern bereits 1847 – in der Arbeit „Grundsätze des Kommunismus“, die als Frage-Antwort-Spiel aufgebaut ist:

 

„16. Frage: Wird die Aufhebung des Privateigentums auf friedlichem Wege möglich sein?

 

Antwort: Es wäre zu wünschen, dass dies geschehen könnte, und die Kommunisten wären gewiss die letzten, die sich dagegen auflehnen würden. Die Kommunisten wissen sehr gut, dass alle Verschwörungen nicht nur nutzlos, sondern sogar schädlich sind.“ Er befürchtet aber, dass durch die Unterdrückung das „Proletariat zuletzt in eine Revolution hineingejagt“ werden könnte und räumt dem eine hohe Wahrscheinlichkeit ein. Auf die

 

„18. Frage: Welchen Entwicklungsgang wird diese Revolution nehmen?

 

Antwort: Sie wird vor allen Dingen eine demokratische Staatsverfassung und damit direkt oder indirekt die politische Herrschaft des Proletariats herstellen. Direkt in England, wo die Proletarier schon die Majorität des Volkes ausmachen (!)…“ Anstelle Bahnhöfe und Telegrafenämter in bolschewistischer Manier durch „Berufsrevolutionäre“ zu besetzen, wollte Engels:

 

„1. Beschränkung des Privateigentums durch Progressivsteuern…

 

2. Allmähliche Expropriation… teils durch Konkurrenz der Staatsindustrie, teils direkt gegen Entschädigung (!)…

 

7. Vermehrung der Nationalfabriken… in dem selben Verhältnis, in welchem sich die der Nation zur Verfügung stehenden Kapitalien und Arbeiter vermehren.“

 

Zu dem letzten Punkt schreibt Engels nochmals 30 Jahre später im „Anti-Dühring“ (3. Abschnitt, II): „Das (kapitalistische) Staatseigentum an den Produktivkräften ist nicht die Lösung des Konflikts (zwischen gesamtgesellschaftlicher Produktion und privatkapitalistischer Aneignung), aber es birgt in sich das formelle Mittel, die Handhabe der Lösung. Diese Lösung kann nur darin liegen… dass die Gesellschaft offen und ohne Umwege Besitz ergreift von den jeder anderen Leitung ausser der ihrigen entwachsenen Produktivkräften“.

 

Ich möchte an dieser Stelle keine weitschweifige Diskussion über die Rolle gewaltsamer Revolutionen in der marxistischen Philosophie anzetteln, dies allein wäre ein abendfüllendes Programm. Tatsache ist aber, dass der Begriff Revolution von Marx und Engels zwar stets im Sinne grundlegender Umwälzungen gebraucht wurde, es aber schwer sein dürfte, nachzuweisen, dass sie darunter zwingend physische Gewalt verstanden haben. Allein die These von der „Weltrevolution“ spricht dagegen, es sei denn, man unterstellt ihnen, sie wären solche Phantasten gewesen, ernsthaft an die Durchführbarkeit eines kontinenteumfassenden „letzten Gefechtes“ zu glauben.

 

Einen Vorwurf muss man ihnen jedoch ganz sicher machen: Sie haben – wahrscheinlich aufgrund des uralten Philosophen-Fehlers, die eigene Epoche zu überschätzen – die Potenzen und Entwicklungsfähigkeiten der bürgerlichen Gesellschaftsordnung gewaltig unterschätzt!

 

Wahrscheinlich haben sie selbst und die von ihnen massgeblich mit angeschobene organisierte Arbeiterbewegung unfreiwillig sogar recht erheblich zur Flexibilität des Kapitalismus beigetragen, der in den letzten 100 Jahren ungeheür ungeheuer viel gelernt hat, und in den allermeisten Fällen ein ausgezeichnetes Gespür dafür entwickelt, wann und wieviel man zweckmässigerweise vom grossen Profitkuchen abgeben sollte. Auch die Verwischung des Proletarierstatus und die Verquickung von privatkapitalistischen und staatskapitalistischen Strukturen sind sehr imponierend. (Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich habe hier keinesfalls einen heimlichen Aufguss der Konspirationstheorie im Sinn, sondern meine, dass diese Entwicklung durchaus objektiv und getreu dem dialektischen – ich kann es einfach nicht lassen – Prinzip von der Evolution durch „Einheit und Kampf der Gegensätze“ erfolgt.)

 

Nichts desto trotz gibt es für mich jedoch keinen Grund daran zu zweifeln, dass sich die gesellschaftliche Entwicklung gesetzmässig vollzieht. Inwieweit wir in der Lage sind, diese Gesetze voll (!) zu erkennen und vielleicht gar zu nutzen, steht auf einem ganz anderen Blatt und auf einem weiteren das Problem, „die Gesellschaft über einen Plan steürn steuern zu können“

 

Für Dich sind die Popperschen (mit Unterstellungen gewürzten) Argumentketten offenbar von grosser Überzeugungskraft gewesen, denn auch Du schreibst ja in Deinem Brief vom Plan als der „herrgottähnlichen Sozialmaschine“. Eine solche Rolle kann ein Plan natürlich niemals spielen und ich habe als erklärter Marxist deshalb auch überhaupt keine Probleme, Dir insofern recht zu geben, als selbstverständlich die Motive der Individuen ein mehr oder weniger „chaotisches Durcheinander“ bilden und damit jeder Versuch einer „Fein(!)steuerung“ der Gesellschaft absurd ist. Aber mit dem von Dir interessanterweise eingeräumten „Vektor“ dieses Motivchaos verhält es sich doch wohl ein wenig anders, oder? Die gesellschaftliche „black-box“ ist zwar schwer zu analysieren, aber gerade wenn man einräumt, dass sie nicht willkürlich von einem „herrgottähnlichen“ Mechanismus gesteuert werden kann, muss man davon ausgehen, dass sie bestimmten (und somit zumindest teilweise erkennbaren) inneren Gesetzen unterliegt – und genau da setzt der so gern missverstandene sozialistische Plan an!

 

Gerade wenn sich die gesellschaftliche Entwicklung gesetzmässig vollzieht, ist es eben nicht möglich, sie über einen willkürlichen Plan zu steuern, und schon gar nicht, widernatürliche – also den objektiven Gesetzmässigkeiten entgegenstehende – Prozesse „durch ein umfassendes Überwachungssystem in den Griff zu bekommen“. Es ist dann aber möglich, objektive Entwicklungen planmässig zu unterstützen – vorausgesetzt sie werden wirklich in dem erforderlichen Maße erkannt, und genau da liegt der Hase im Pfeffer, der besonders scharf immer dann ist, wenn der Wunsch der Politiker der Vater des Gedankens der Gesellschaftswissenschaftler ist (siehe DDR).

 

Es geht nicht darum, gesellschaftlichen (und ökonomischengesellschaftliche (und ökonomische) Entwicklungsgesetze willkürlich zu zeugen, sondern sie in der praktischen Politik zu berücksichtigen. Nichts anderes tun im übrigen heute auch die Bourgeois. Sie planen, und wie! Sie planen die Produktion und die Politik und sie zahlen gewaltige Summen für jede Erkenntnis über das Innenleben der black-box und die Natur der Vektoren, weil sie es sich kaum leisten könnten, nach dem trial-and-error-Prinzip ihre Firmen und ihren Staat zu führen. (In diesem Sinne muss Popper für sie wenig brauchbar gewesen sein.)

 

In diesem Zusammenhang noch ein Gedanke prinzipieller Natur: Warum eigentlich sollte sich ausgerechnet die gesellschaftliche Entwicklung nicht nach objektiven Gesetzmässigkeiten vollziehen? Immerhin gesteht doch (fast) jedermann solche Gesetzmässigkeiten auf praktisch allen anderen Gebieten leicht zu, obwohl wir genau wissen, dass unsere Kenntnisse hierüber natürlich immer nur relativ – aber für den ja ebenfalls relativen praktischen Gebrauch meist ausreichend – sind. Die Tatsache, dass es sich inzwischen herausgestellt hat, dass weder unsere alten Vorstellungen von der Mechanik noch die von Raum und Zeit präzise die Wirklichkeit wiederspiegelten, stellt doch nicht in Frage, dass diese Wirklichkeit bestimmten Gesetzmässigkeiten unterliegt und alle Maschinen, die auf der Basis der Newtonschen Gesetze (!) gebaut wurden, durchaus funktionieren und treue Dienste leisten, jedenfalls solange man sie nicht mit ungeheuren Geschwindigkeiten ins All schiesst.

 

Alle neuen Erkenntnisse, die alte Erkenntnisse in Frage stellten, haben bisher niemals die Gesetzmässigkeit an sich angezweifelt, sondern immer nur die Qualität ihrer Beschreibung. Die Gesetze der Natur (und der Gesellschaft) wirken ohnehin völlig unabhängig von unserem Kenntnisstand. Der Raum ist von Euklid genauso unabhängig wie von Einstein und er wird ebenso unabhängig von einem Herrn Meier sein, der vielleicht im Jahre 2052 in der Lage sein wird, ihn noch besser zu beschreiben. Aber nichts desto trotz bestreitet doch niemand, dass der Raum bestimmten Gesetzmässigkeiten folgt – und er tat dies auch schon, als noch niemand sich darüber Gedanken machte.

 

Dabei korreliert die Präzision der Vorhersage, auf der Popper so verbissen herumreitet, keinesfalls mit dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Gesetzmässigkeiten. Bei einem Würfel ist – im Gegensatz zur Popperschen Sonnenfinsternis – praktisch keine präzise Vorhersage möglich. Trotzdem gibt es auch hier doch eine deutliche Gesetzmässigkeit, nämlich die, dass er mit der Wahrscheinlichkeit von genau 1:6 in eine bestimmte Lage fallen wird. Auch die Tatsache, dass wir mit einer Wahrscheinlichkeit von soundsoviel Prozent erwarten können, dass er bei 600 Würfen genau 100 mal die „6“ zeigt, und mit einer höheren Wahrscheinlichkeit annehmen können, dass er dies bei 6 Millionen Würfen eine Million mal tun wird, ist zwar keine präzise Prognose, aber doch eine Gesetzmässigkeit – und genauso muss es doch zulässig sein, gesetzmässig zu nennen, wenn die Geschichte zeigt, dass eine Gesellschaftsordnung, die an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gelangt ist, mit grosser Wahrscheinlichkeit durch eine neue Ordnung ersetzt wird, die den Anforderungen der Zeit (was auch immer das sein mag, siehe weiter unten) eben besser gerecht wird, und dass dies zu jenem Zeitpunkt geschehen wird, an dem sich die Widersprüche dieser alten Gesellschaft so verschärft haben, dass echter Handlungsbedarf besteht. Ist das etwa kein gesellschaftliches Entwicklungsgesetz?

 

Ein Gesellschaftswissenschaftler, der dies rechtzeitig erkannt hat, hätte in diesem Sinne tatsächlich im Jahre 1780 voraussagen können, dass mit grosser Wahrscheinlichkeit (!) Frankreich irgendwann in den nächsten Jahren (!) auf eine Revolution zusteuert, und dass diese mit grosser Sicherheit (!) dann eine bürgerliche sein wird, wobei aber natürlich nicht vorhergesagt werden kann, ob diese im ersten Anlauf dann auch zum Ziel führen wird.

 

Eine solche Aussage ist zugegebenermassen mit vielen Wenn und Aber behaftet, aber doch brauchbar – natürlich für beide Seiten, und allemal besser, als sich vom trial der Entwicklung überraschen zu lassen. Ich will noch eins draufgeben, und zum Beweis meines Vertrauens in die eigene Überzeugung mich bei dieser Gelegenheit konsequenterweise selbst auf das Glatteis der Prognose wagen – und zwar bezüglich der von uns beiden aufmerksam verfolgten Entwicklung in der Sowjetunion:

 

Leider ist mir (!) dies erst heute einigermassen möglich, nachdem ich mir nicht nur halbwegs Klarheit über den gesellschaftlichen Ist-Zustand verschafft habe – dies war mir in den letzten Jahren im Falle der DDR schon einigermassen gelungen – sondern auch bereit bin, den eigenen Erkenntnissen zu glauben und – vor allem – sie mit Konsequenz anzuwenden.

 

Da meine Überlegungen wesentlich auf der These basieren, dass es sich beim Real Existierenden Sozialismus“ um eine feudale Spielart handelt, gestatte ich uns dazu zunächst einen kleinen Argumentationsausflug:

 

Hauptanhaltspunkt sind für mich dabei die auffälligen Parallelen in den Strukturen. Adel (Bonzen), Klerus (Partei), Gott (Lenin), Bibel (seine Werke), Ständerecht, Lehen (Partei- und Staatsposten), Fron (Arbeitspflicht), Zehnten (Betriebsabgaben), Leibeigenschaft (geschlossene Grenzen) – alles ist da, Sogar der Effekt der Erblichkeit der Adelsprivilegien. Aber wir finden nicht nur Parallelen bei der strukturellen Statik, sondern auch in den gesellschaftlichen Prozesse wie beispielsweise beim zwanghaften Drang zur Zentralisierung der Macht (In allen „sozialistischen“ Ländern haben wir immer wieder den Trend zum Zarentum – in jüngster Zeit auch bei Gorbatschow, der sogar den „Majestätsbeleidigungs-Paragraphen“ neu schaffen liess, was ich ihm besonders übelnehme) und – für einen Marxisten besonders wichtig – wir haben allerorten die feudale Produktionsweise. Es dominiert praktisch die Naturalwirtschaft (übrigens auch im Austausch der RGW-Länder untereinander), das „Saatgut“ wird zugeteilt und der grösste Teil der „Ernte“ vom Fürsten kassiert. Der Bauer – pardon, der Werktätige – hat kaum materielles Interesse an seiner (Fron-)Arbeit, der er sich nicht entziehen darf. Günstigstenfalls legt er sich ins Zeug in dem von den Pfaffen anerzogenen Irrglauben, ein gottgefälliges Werk zu verrichten, in der Regel wird er aber versuchen, mit möglichst wenig Aufwand irgendwie über die Runden zu kommen, oder wie Marx wahrscheinlich sagen würde: Da er nicht leistungsgerecht, sprich: dem Wert seiner Arbeitskraft entsprechend, bezahlt wird, Qualität und Intensität seiner Arbeit also keinen Einfluss darauf haben, inwieweit ihm gestattet wird, seine Arbeitskraft ausreichend zu reproduzieren, bleibt ihm nur übrig, möglichst wenig davon zu verausgaben. Der Konsum der Fürsten andererseits wird in jedem Falle sichergestellt, so dass diese – im Gegensatz zum kapitalistischen Unternehmer – vom Niveau der Produktion nur in geringem Masze Maße abhängig sind, dementsprechend ist ihre Interessenlage. Damit ist Produktion zwar möglich, aber viel mehr als die normale Ernährung lässt sich für die Massen auf diese Weise nicht sichern – wenn zu viele ehrgeizige Ziele der Fürsten hinzukommen – wie im Falle der Sowjetunion und Rumänien – dann nicht einmal das. Soweit der Argumentationsausflug.

 

Was kann man also aus der Sicht des dialektischen und historischen Materialismus für die so als neofeudal charakterisierte Sowjetunion für eine Prognose abgeben?

 

Demnächst muss auch in Moskau das eintreten, was in den übrigen Ostländern bereits eingeleitet ist: Auf der Tagesordnung steht die bürgerlich – demokratische Revolution. Man wird politisch letzten Endes dort ansetzen müssen, wo die Februarrevolution 1917 aufgehört hat und eine bürgerliche Demokratie installieren. Dabei wird der Trend ebenfalls in Richtung des für diese Phase charakteristischen Nationalstaates gehen, dass heisst, die Sowjetunion wird mit grosser Wahrscheinlichkeit in eben solche Nationalstaaten zerfallen. Der Reformer Gorbatschow – angetreten nicht wie Honecker und andere (wie ich) lange Zeit meinten (und hofften), um die alten Herrschaftsstrukturen zu zerschlagen, sondern um sie im Gegenteil durch „Frontbegradigung“, durch Aufgabe bereits verlorener Positionen zu festigen (was ihm die eigenen Leute in ihrer Ignoranz fast unmöglich machten) wird diesen Prozess nicht aufhalten, sondern höchstens verzögern. Wenn er – freiwillig oder unfreiwillig – wie im Falle der DDR und anderer, auch zu Hause wenigstens dazu beiträgt, dass dies mit einem Minimum an Blutvergiessen geschieht, wird ihm die „Geschichte“ trotzdem danken. Dass die anstehende Revolution so blutlos wie bei uns verläuft, ist in der Sowjetunion leider nicht anzunehmen, da im Gegensatz zur DDR im Herbst ’89 dort wahrscheinlich noch hunderttausende aus der Schicht des niederen „Dienstadels“ bereit sind, für den Erhalt der alten Herrschaft einzustehen. Hinzu kommen die bekannten ethnischen und religiösen Probleme, vor allem im Süden. Dort ist es sogar möglich, dass die sozialistische Spielart des Feudalismus zunächst durch die moslemische ersetzt wird, wie überhaupt erwartet werden muss, dass der revolutionäre Prozess bei aller Gesetzmässigkeit nicht geradlienig sondern sehr sprunghaft und mit zahlreichen Rückschlägen erfolgen wird. Besonders problematisch ist die Frage der Nationalstaatenbildung, da insbesondere in den Städten, die naturgemäss den Hauptschauplatz der Auseinandersetzungen bilden werden, bereits eine gewaltige Vermischung der Völkerschaften stattgefunden hat. (In Dushanbe, der Hauptstadt Tadshikistans leben beispielsweise fast 50% Russen.)

 

Soweit also die Prognose eines alten „Historizisten“. Und nun zum Plan, der aus einer solchen Prognose folgen müsste, um der objektiv anstehenden Geburt des russischen Kapitalismus möglichst viele Wehenschmerzen zu ersparen, indem man dazu beiträgt, die ohnehin fälligen Prozesse (und nur diese) zu unterstützen:

 

Dazu ist es zunächst notwenig, den äusseren Druck zu lockern, um nicht wie schon so oft wiederum einen internen Burgfrieden in der Sowjetunion geradezu zu erzwingen. Zweitens sollten weniger die systemerhaltenden Reformer wie Gorbatschow, sondern mehr die Revolutionäre wie Jeltzin (?) unterstützt werden (Z.Zt. hat man eher den Eindruck, der Westen hat hier nur sportlich-voyeuristische Interessen) – keinesfalls aber wie bisher Strömungen, die zwar die alten Sowjetherrschaftsstrukturen erschüttern, jedoch ihrem Charakter nach noch reaktionärer sind als diese – ich denke da vor allem an die Mudjaheddin und ähnliches. Drittens sollten nicht die nationalistischen Alleingänge vor der Revolution beklatscht werden. Viertens muss man alles vermeiden, was beim ohnehin schon arg gebeutelten Volk das Gefühl erzeugen kann, gemeinsam mit den der alten Ordnung untergehen zu müssen, d.h. man muss der SU die Chance geben, sich mit Anstand von bestimmten Prestigepyramiden zurückzuziehen, die ihre Möglichkeiten – die frühkapitalistischen genauso wie ihre spätfeudalen – übersteigen. Dies betrifft insbesondere die Rüstung und die Raumfahrt. In diesem Sinne ist das Geschrei vom vereinigten Deutschland in der NATO ausgesprochen tödlich, weil es genau diesen „Rückzug mit Anstand“ verhindert, und den einfachen Mann an der Wolga durch das neu aufkommende Gefühl vom erzwungenen (!) Rückzug und nationaler Demütigung wieder zwangsläufig mit seinen Marschällen verbindet.

 

Soweit – in der gebotenen Kürze – Prognose und daraus abgeleitet ein sinnvoller Plan zur Problematik SU.

 

Apropos Kürze: Dieser Brief ist nun fast zwangsläufig ein elend langer geworden und ich versuche nun zum Schluss zu kommen, damit Du mir nicht am Ende der zehnten Seite einnickst. Ich möchte aber als letztes wie auf Seite 7 unten versprochen noch eine Bemerkung zu den dort erwähnten „Anforderungen der Zeit“ machen.

 

Marx ging stets von der Produktivität als entscheidendem Kriterium für die Qualität der Gesellschaftsordnung („Produktionsverhältnisse“) aus, und dies scheint auch bis heute so zu sein. (Ich verweise dazu auf mein Gedankenexperiment aus einem der vorhergehenden Briefe „Was wäre mit der DDR geschehen, wäre dort – bei gleichzeitiger Unterdrückung der Freiheiten – das Lebensniveau der Bundesrepublik erzielt worden, und umgekehrt?“)

 

Praktisch alles spricht dafür, dass der Real Existierende Sozialismus seinen Untergang dem miesen Produktionsniveau verdankt.

 

Dennoch kann ich mir vorstellen, dass auf einer bestimmten Stufe der weiteren Entwicklung die „Anforderungen der Zeit“ nicht mehr in diese Richtung zielen. Der Kapitalismus ist bereits heute kein reales Gesellschaftsmodell für die gesamte Menschheit. Er hat die offenbar systemimmanente Tendenz zu saurierhaftem Wachstum (worum ihn der Real Existierende immer beneidet hat) und basiert nach wie vor wesentlich auf der Ausbeutung, wenn dies auch für den Bürger der Industriestaaten nicht mehr unbedingt transparent ist, da er selbst kräftig an der Ausbeutung der restlichen Welt beteiligt wird. Die globalen Probleme sind mit einer weiteren Steigerung der Produktion jedenfalls nicht zu lösen. Insofern glaube ich, dass das Kriterium der Gesellschaftsqualität sich wesentlich verlagern wird. Nicht mehr der zunehmende Verbrauch, sondern die sinnvolle Selbstbeschränkung sind die Gebote der Zeit. Und genau deshalb wird dann wahrscheinlich der zwingend auf Wachstum ausgerichtete Kapitalismus abtreten müssen.

 

In diesem Sinne scheint mir die Bewegung der Grünen eine echte Keimzelle neuer Gesellschaftsordnung. Amen.

 

Dein Frank

 

 

PS: Ich werde demnächst versuchen auf die polnischen Ängste und die Parallelen zwischen Faschismus und Sozialismus einzugehen.


[1] Am Artikel erkennnt man übrigens bis dato, ob ein Deutscher/Ost oder ein Deutscher/West von der (!) Stasi spricht. Bei Euch sagen alle stets DER Stasi, und meinen wohl einen StaatssicherheitsDIENST, den es hier aber nie gegenen hat (im Gegensatz zum BundesnachrichtenDIENST). Bei uns gab es ein „Ministerium für (DIE) Staatssicherheit“, daher DIE Stasi. Im Rahmen der Angleichung Ost an West wird sich aber wohl mittelfristig auch hier die West-Variante durchsetzen.

Amen

1844 Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) Konzert für Violine und Orchester e-moll

 

Mit Mendelssohns Violinkonzert verbindet man wie selbstverständlich die Vorstellung von Vollendung und Abgerundetheit. Das Werk, das zum klassischen Repertoire wie die Geige zum Orchester gehört, ist wie kaum ein anderes Musikstück aus einem Guss. Es erscheint in sich völlig stimmig und klingt so, als ob nur so und nicht anders sein könne. Dazu ist es so geigerisch, als ob es von der Geige selbst erfunden worden wäre.

 

Die Entwicklungsgeschichte des Werkes war aber eher langwierig. Der Plan zu dieser Komposition keimte bereits sechs Jahre vor seiner Vollendung. Am 30.6.1838 schreibt Mendelssohn an seinen Freund Ferdinand David, den Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters, dem der Komponist seinerzeit vorstand: „Ich möchte dir wohl auch ein Violin Concert machen für den nächsten Winter; eins in e-moll steckt mir im Kopf, dessen Anfang mir keine Ruhe lässt.“ Offenbar hatte ihn David im Sommer 1839 an das Versprechen erinnert. Jedenfalls antwortet ihm Mendelssohn am 24. Juli 1839: „Das ist gar zu hübsch von dir, dass du mich zu einem Violin Concert stempeln willst; ich habe die allergrößte Lust dir eins zu machen, und wenn ich ein Paar gut gelaunte Tage hier habe, so bringe ich dir etwas der Art mit. Aber leicht ist die Aufgabe freilich nicht; brillant willst du’s haben und wie fängt unser eins das an? Das ganze erste Solo soll aus dem hohen e bestehn.“

 

Fertig gestellt wurde das Werk nach Vorarbeiten aber dann im Wesentlichen erst im Sommer 1844 in Bad Soden im Taunus, wo der vielbeschäftigte Komponist mit der Familie Ferien machte. Danach folgten aber noch diverse Änderungen, über die er intensiv mit David korrespondierte. So bat Mendelssohn, wie sich aus einem Brief vom 18. Dezember 1844 ergibt, nicht nur um Rat in geigerischen Dingen für Änderungen bei der Solostimme. Er war sich etwa auch unsicher über die Wirkung der Pizzicato Begleitung im langsamen Satz. „Ich bitte dich“, schreibt er dazu, „zeige doch auch Gade diese Stelle in der Partitur und sage mir seine Meinung. Lacht mich auch nicht gar zu sehr aus; ich schäme mich wirklich selbst, aber ich kann’s einmal nicht besser, und werde einmal das Tappen nicht los.“ David machte in der Folge einige detaillierte Änderungsvorschläge, die Mendelssohn im Wesentlichen annahm.

 

Zur erfolgreichen ersten Aufführung des Werkes kam es schließlich am 13. März 1845 durch David bei einem Konzert des Gewandhausorchesters in Leipzig. Mendelssohn erlebte den Triumph nicht selbst, da er sich nach Aufgabe seiner ungeliebten Tätigkeit als preußischer Generalmusikdirektor in Berlin zunächst einmal in Frankfurt, der Heimat seiner Frau, der wieder gewonnenen (kompositorischen) Freiheit erfreute. Er dirigierte aber die zweite Aufführung am 23. Oktober 1845 in Leipzig. Kaum drei Wochen später wurde das Werk in Dresden unter bemerkenswerten Umständen nochmals gespielt. Bei dem Konzert, das Robert Schumann organisiert hatte, sollte eigentlich Schumanns Klavierkonzert uraufgeführt werden. Clara Schumann, die für den Solopart vorgesehen war, fiel jedoch krankheitshalber aus, weswegen man kurzfristig Mendelssohns Violinkonzert ins Programm nahm. David, der seinerseits verhindert war, schickte seinen damals 14-jährigen Schüler Josef Joachim, mit dem Mendelssohn im Frühjahr 1844 bereits Beethovens Violinkonzert in London aufgeführt hatte. Für Joachim bedeutete dies den Durchbruch zu einer Karriere, in deren Verlauf er zum führenden Geiger seiner Zeit werden sollte.

 

Mendelssohns Violinkonzert ist das Werk eines Meisters auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Zum Eindruck der Abgerundetheit trägt nicht zuletzt bei, dass die drei Sätze nach dem Vorbild Carl Maria von Webers nahtlos ineinander übergehen und auch die Kadenz des ersten Satzes, die in Solokonzerten immer in der Gefahr ist, ein Eigenleben zu entwickeln, wie selbstverständlich in das Werk eingegliedert ist. Sie ist so platziert, dass sie als notwendig zur Abrundung des musikalischen Geschehens erscheint. Daher beginnt sie nicht erst kurz vor dem Ende des ersten Satzes, sondern ungewöhnlicherweise schon nach der Durchführung, wodurch sie zugleich die Überleitung zur Reprise bilden kann. Davon abgesehen ist die Kadenz auskomponiert und damit der Willkür sowie einem eventuellen übermäßigen Selbstdarstellungsdrang des Interpreten entzogen. Das Werk ist im Übrigen auch deswegen so rund, weil Mendelssohn peinlich darauf achtete, dass es sich gut spielt. Bei David fragte er brieflich an, ob eine Änderung, die er noch vorgenommen hatte, auch „ganz bequem“ sei, damit sie „recht fein gespielt werden kann.“ Großen Wert legte er auch immer wieder darauf, dass bestimmte Passagen „mundgerecht“, „gut spielbar“ und „spielgerecht“ oder „nicht ermüdend“ sind. Am Ende stand schließlich eine runde Sache, ein – sehr romantischer – Violinklassiker par excellence.

 

1761-65 Josef Haydn (1732- 1809) Konzert für Violoncello und Orchester C-Dur

 

Die Träume der Cellisten ähneln ein wenig denen der Archäologen. Sie hoffen darauf, ein ungeöffnetes Pharaonengrab zu finden, allerdings eines, in dem ein Cellokonzert liegt. Das hat seinen Grund darin, dass es im Reich der Musik nicht nur generell wenige Werke für dieses Instrument gibt, sondern dass vor allem Konzerte aus älterer Zeit gänzlich Mangelware sind. Wie Howard Carter beim Öffnen des Grabes von Tutanchamun dürfte sich daher Oldeich Pulkert gefühlt haben, als er im Jahre 1961 in die Tiefen des Prager Nationalmuseums vordrang und dort in den Archivalien des Fürsten Kolovrat-Krakovski auf Abschriften des Cellokonzertes in C-Dur von Josef Haydn stieß. Die kostbaren Papiere stammten aus dem südböhmischen Schloss Radenin, dessen ansehnliche Bibliothek auf das Prager Museum übergegangen war.

 

Dass Haydn ein solches Werk komponiert hatte, war den Cellisten bekannt. Ähnlich wie die Altertumsforscher Tutanchamun vor Carters Grabfund (nur) aus den Königsannalen kannten, wusste auch die Musikwelt vor Pulkerts Ausgrabung von der Existenz des Konzertes nur aus den diversen Listen der Werke Haydns. Diese Erwähnungen waren, anders als bei vielen sonstigen Kompositionen, welche mit Haydn in Verbindung gebracht wurden, auch gut fundiert. Der Meister hatte das Stück nämlich in seinem persönlichen Werkverzeichnis, dem sog. „Entwurfskatalog“, eigenhändig mit den charakteristischen Anfangstakten vermerkt. Das Werk selbst aber war spurlos verschwunden. Dem entsprechend schlug die ersehnte Wiederentdeckung bei den chronisch unterversorgten Cellisten auch in ähnlicher Weise ein wie die Ausgrabung Carters bei den Ägyptologen. Dies gilt umso mehr, als Haydns Autorschaft für das zweite wichtige Cellokonzert aus der frühklassischen Periode – das (große) Konzert in D-Dur – mangels Erwähnung im „Entwurfskatalog“ lange als zweifelhaft galt (es wurde bis zur Wiederentdeckung des Autographs von vielen für ein Werk Anton Krafts gehalten, der in den 80er Jahren des 18. Jahrhundert Solocellist in Haydns Orchester war).

 

Wann genau das C-Dur Konzert entstanden ist und für wen es geschrieben wurde, ist, wie so vieles bei Haydn, nicht sicher. Der Meister hat den „Entwurfskatalog“ erst mit Beginn seiner Tätigkeit als erster Kapellmeister beim Fürsten Esterhazy im Jahre 1765 begonnen und nachgetragene Werke aus früherer Zeit nicht datiert. Insbesondere die Wasserzeichen des Notenpapiers der Abschrift sprechen jedoch dafür, dass das Werk schon in den Jahren zwischen 1761 und 1765 komponiert wurde, als Haydn noch Vizekapellmeister im Hause Esterhazy war. Was den Solisten angeht, so dürfte das Konzert für den damaligen – noch recht jungen – Solocellisten der Esterhazyischen Kapelle, Josef Weigl (1740–1820), geschrieben worden sein. Darauf deutet vor allem, dass sich in der Sammlung des Fürsten Kolovrat-Krakovski auch noch ein Cellokonzert unter dem Namen Weigls fand, das vom gleichen Kopisten abgeschrieben wurde. Wer auch immer der Adressat des Konzertes war, er muss ein exzellenter Techniker gewesen sein. Das Werk, das sich über weite Strecken in Regionen bewegt, in denen die Bratsche oder gar die Geige zu Hause sind, verlangt insbesondere in seinem fulminanten Schlusssatz Fertigkeiten, die bei Cellisten seinerzeit aus dem Rahmen gefallen sein dürften.

 

Das C-Dur Konzert zeichnet sich – anders als das eher elegische D-Dur Konzert, das im Jahre 1783 entstand – durch jugendliche Frische und einen geradezu unbändigen Elan aus. Angesichts der Musizierlust, die darin zum Ausdruck kommt, ist daher leicht nachzuvollziehen, dass sein Schöpfer nicht lange nach der Komposition des Konzertes das musikalische Spitzenamt am Hofe Esterhazy übertragen bekam. Ebenso wenig verwundert, dass sich das Werk, nachdem es am 19. Mai 1962 in Prag mit Miloe Sadlo und dem tschechoslowakischen Radio-Sinfonieorchester erstmalig wieder erklang, sofort auf den Konzertpodien etablierte. Aber auch formgeschichtlich ist das Konzert bemerkenswert. Es markiert eine wichtige Durchgangsstation auf dem Weg vom Ritornell-Konzert in der Nachfolge Vivaldis, bei dem sich Solo- und Tuttipartien sowie kantable und virtuose Passagen wiederholend abwechseln, hin zum klassischen Konzert mit seinem Dualismus der Themen und deren verwobener Verarbeitung im Sinne des Sonatenhauptsatzes.

 

Der Traum der Cellisten vom unentdeckten Pharaonengrab ist mit dem Fund des C-Dur Konzertes übrigens noch nicht ausgeträumt. Zwar hat man ein weiteres (kleines) Konzert in D-Dur, das vor der Entdeckung des C-Dur Konzertes als das einzig sichere Werk dieser Gattung aus der Feder Haydns galt, inzwischen wieder aus den Werkverzeichnissen gestrichen. Durch die Annalen geistern aber noch drei weitere Konzerte des Meisters, welche der Wiederentdeckung im Archiv eines Klosters oder eines Duodezfürsten des k&k-Reiches oder auch in den Bibliotheken der vielen Häuser in ganz Europa harren, in denen man Haydns Genius zu schätzen wusste.

 

 

Briefe aus der Wendezeit – Teil 5

 

Berlin, 22.03.90

 

Lieber Klaus!

 

Nun haben wir es also fast geschafft. Es ist wie im Westen. Zum 3-fachen Westpreis gibt es in unseren Läden Apfelsinen, Kiwis, Weintrauben, Ananas und Erdbeeren, Coca Cola, Fanta, Pizza, herrlich anzusehenden Schinken, und auch der Kohl ist derselbe wie bei Euch – Helmut!

 

Er ist nun wirklich der Kanzler aller Deutschen, bestellt die neue ostdeutsche Regierungspartei nach Bonn zum Befehlsempfang, und diese Marionetten tun so, als müßte das so sein. Vielleicht ist diese Hemmungslosigkeit aber auch ganz normal. Schließlich haben die Leute ja wirklich eher Kohl als den Steinbeißer de Maiziere gewählt.

 

Genauer gesagt, sie haben die versprochene schnelle D-Mark gewählt, denn was ist ein Ostmarkgehalt gegen eine D-Mark-Arbeitslosenunterstützung. So konnte denn auch die von mir erwartete handfeste Drohung aus Bonn für den Fall eines SPD-Sieges ausbleiben – unser gebildetes Volk wußte auch so, was sich gehört. (Bei der Kommunalwahl wird es allerdings anders aussehen. Da werden die Leute wohl mehr den sozialen Schlenker bevorzugen, damit sich ihre Mieten nicht vervielfachen usw.)

 

Wenn mir auch die Schwarzen nicht passen, sehe ich doch ohne Bitterkeit auf das Wahlergebnis, denn das Wichtigste ist wohl doch, daß überhaupt eine handlungsfähige und legitimierte Regierung entstehen wird.

 

Bei aller auch von mir im Prinzip geteilten allgemeinen Achtung vor Modrow, der das Schifflein immerhin ohne Tote und Totalverlust über die Klippen holpern ließ – ein kräftiger Happen Anarchie herrscht bei uns doch und es gibt eine gewisse Sehnsucht nach „Ruhe und Ordnung“. Man kann nur hoffen, daß sich nicht so viele Abgeordnete als Stasi-Mitarbeiter herausstellen, daß eine Neuwahl fällig wird.

 

Wer erschrocken ist, daß so etwas vorkommt, sollte sich vor Augen halten, daß jeder 50. Erwachsene so oder so bei der „Firma“ angestellt war und so müßten denn etwa 8 Stasi-Leute in der neuen Volkskammer sitzen, wenn diese – was natürlich Quatsch ist – ein getreues Abbild des Bevölkerungsdurchschnittes lieferte.

 

Da aber die Abgeordneten in der Regel auch schon vor ihrer neuen (?) Politkarriere immer mehr als (Sch)nur Durchschnittsmenschen waren…

 

Na, wir werden ja sehen. Eines sollte man aber vielleicht den Bundesbürgern erklären: Wer in unserem System das Privileg genoß, als Anwalt arbeiten zu dürfen, der mußte selbstverständlich (mindestens am Anfang seiner Karriere) als ausgesprochen systemkonform gelten, und durfte auch später nur in erlaubtem Umfang aus der Reihe tanzen.

 

Der Fall Schnur ist daher so verwunderlich nicht und wird wohl auch nicht der letzte gewesen sein.

 

Insgesamt ist die allgemeine Stimmung am besten mit „müde“ zu umreißen. Man wartet voll Hoffnung oder auch verbissen, aber in jedem Fall ergeben, auf das, was uns der dicke Helmut da so bescheren wird. Mit der deutschen Einheit scheint er es nicht mehr so eilig zu haben wie noch vor drei Tagen. Ich auch nicht, insofern ist es mir recht.

 

Freuen wir uns also auf die D-Mark. Auch hier gibt es inzwischen relativierende Aussagen, aber ich denke doch, die wenigstens wird ja wohl kommen, damit der Herr Lafontaine nicht ganz so schnell recht erhält.

 

Paula wird ab 1. Juli sowieso arbeitslos (Stand per gestern) und ich sitze bei der Post noch einigermaßen sicher, also schreckt uns auch die Wirtschaftsunion nicht, und bei der Sozialunion können wir uns nur kräftig verbessern.

 

Insgesamt glaube ich aber, daß der produzierende Bereich in viel stärkerem Maße als alle glauben, erst einmal in die Knie gehen wird – es sei denn, wir werden alle Porzellanmaler in Meißen und bei Euch gibt es genug Leute, die mit einem 5000-DM-Service frühstücken wollen.

 

Immerhin ist ja zu bedenken, daß unsere Industrie zuletzt schlechter als 4:1 verkauft hat, und selbst wenn die Löhne sich zunächst auf etwa halbem West-Niveau einpegeln (Dies entspräche übrigens der BRD-Arbeitslosenhilfe und ist insofern erstmal eine natürliche Untergrenze und auch die nur zu halten, wenn die Leute tatsächlich den Enthusiasmus aufbringen, für das gleiche Geld zur Arbeit zu gehen, das sie ein paar Kilometer weiter erhalten könnten, ohne einen Finger krumm zu machen) bleibt immer noch das Effektivitätsgefälle durch schlechte Organisation, Energieverschwendung, Konstruktionsmängeln usw. Gar nicht zu reden von veralteten Anlagen. Andererseits könnte man über den Steuerhebel einiges kompensieren und irgendwelche Kuponschneider müssen bei uns ja auch (noch) nicht mit ernährt werden.

 

Man darf also erwarten, daß es einige Zeit ziemlich wild zugehen wird, bis die Radikalkur anschlägt. Immerhin steht ja auch die Bundesrepublik mit dem Tropf bereit, falls der Patient Anstalten macht, seinen Geist aufzugeben, denn eine so große Leiche kann schließlich auch keiner verkraften.

 

Immer noch interessante Zeiten, wenn auch der Dampf so ziemlich raus ist. Vielleicht ist das ganz gut so. Die Leute besinnen sich dadurch ein wenig und die Verbissenheit läßt nach.

 

 

Dear Judy!

I’m so sorry, reading about your experiences at your first visit in our wild country. Please, come to Berlin, and all will be better! By the way: Altenberg is a GDR-famous small town in Erzgebirge, southly of Dresden, near by the Czech border. The people like it to go to Altenberg for wintersports.

 

(Ich weiß, daß mein Englisch schaurig ist, aber ich wollte wenigstens meinen guten Willen demonstrieren – wenn schon keiner mehr demonstriert hier)

 

Offenbar ist Euch der erste Kontakt mit dem real existiert habenden Sozialismus doch ein wenig in die Glieder gefahren, entnehme ich Deinem letzten Brief. Wie einem Bundi zumute ist, wenn er zu uns kommt, kann man (durch Inversion) ein wenig aus den Gesichtern unserer Leute ableiten, wenn sie aus der BRD kommen. Alle sagen, auch Westberlin sei nichts dagegen und dazu machen sie meist dieses Ach-bei-uns-ist-ja-doch-alles-Scheiße- Gesicht.

 

Na, wir sind gespannt, und zwar auf die Alltäglichkeiten wohl am meisten. Ich habe bisher zum Beispiel noch nie eine echte Westwohnung gesehen usw. Auch einige soziale Sachen interessieren uns, es gibt da furchtbar widersprüchliche und vor allem unvollständige Aussagen. Was verdienen die Leute wirklich, muß man vom Sozialhilfesatz die Miete bezahlen, wie ist das mit der Krankschreibung u.v.a.m.

 

Das Interesse ist vor allem deshalb so hoch, weil man sich einbilden kann, hier die einmalige Chance zu haben, einen „Blick in die Zukunft“ zu tun, und außerdem merkt man erst so richtig, wie wenig man über das andere System weiß, seit man es selbst besichtigen kann. Ich denke, es geht Euch ähnlich.

 

Soweit für heute, herzliche Grüße an die ganze Familie (auch von meiner Fast-Hausfrau)

 

 

PS: Wir haben uns inzwischen für Mai einen Zug ausgeguckt und die Platzkarten bestellt. Wenn es Euch recht ist, würden wir am Sonntag, dem 13.5. um 8.31 Uhr früh in Stuttgart eintreffen (mit dem Zug aus Nürnberg). Es wäre schön, wenn uns dann jemand abholen könnte. Falls ihr uns so lange aushaltet, würden wir dann am Mittwoch Abend (21.41 Uhr) wieder abrücken. Schreibt bitte, ob es bei Euch klappt.


Berlin, 02.04.90

 

Lieber Klaus!

 

Gleich zu Beginn die „technischen“ Fragen zu Deiner Post: Nach Deinem Anruf habe ich die Gelegenheit genutzt und unseren Briefwechsel erst einmal geordnet abgeheftet. Er hat inzwischen einen sehr beeindruckenden Umfang angenommen. Unser gesamtdeutsches Gemeinschaftswerk umfaßt z.Z. mehr als 100 Blatt! Ich bin stolz auf uns. Zu Deinen letzten Briefen kann ich berichten: Alle sind da! Die Briefe vom 30. Jan, 5, 10., und 20. Febr, auch einer vom 14. Febr, den Du am Telefon nicht erwähnt hattest. Aber das war’s dann auch. Im Februar jede Woche ein Brief von Dir und im März gar keiner.

 

Am Sonnabend allerdings kam er dann, Dein Brief aus Bad H. vom 8.3. – abgestempelt am 2.3.! Wenn Du die Post 2 Wochen in der Tasche trägst, brauchen wir uns ja nicht zu wundern, daß sie nicht ankommt. (Hoffentlich habe ich jetzt nicht Judy in die Pfanne gehauen.)

 

Nunmehr soll Dir also rasch auch Antwort zuteil werden.

 

Ich kann mir vorstellen, wie interessant es für Dich gewesen sein muß, einmal mit einem östlichen Amtsbruder zu sprechen, und ich meine, Du hast auch sofort den Finger auf den richtigen Punkt gelegt, denn dieser Amtsbruder ist eben nur dem Namen nach einer (gewesen) und er wird wie alle seine Kollegen hier arg daran knabbern, nunmehr auch einer der Sache nach zu werden. Unsere betroffenen Bürger werden es nicht minder schwer haben dabei. Unser „Rechtssystem“ ist ein schönes Beispiel echter Klassenjustiz. Man stößt allenthalbend darauf, wenn man sich damit befaßt – und da es kaum vernünftige anwaltliche Unterstützung bei uns gab, mußte man dies notgedrungen. Wie viele andere habe auch ich mich so unfreiwillig zum Amateur-Juristen mausern müssen, vor allem auf den Terrains des Zivil-, Arbeits-, und Patentrechts.

 

Wenn man sich eingehender mit unseren Gesetzen beschäftigt, stößt man sehr schnell darauf, daß praktisch jeder Paragraph irgendeine Klausel enthält, die der Willkür des Staates alle Möglichkeiten einräumt. Sollte diese Klausel fehlen, findet man sie ganz sicher in einem der folgenden Paragraphen. Hinzu kommen noch etliche Ungereimtheiten, bei denen überhaupt nicht klar ist, welchen Zweck sie erfüllen könnten. (Unser neues Patentrecht kennt z.B. keinen Patentinhaber, unser Zivilrecht kennt kein Pachtverhältnis usw, es ist ein einziges Wischiwaschi.)

 

So herrschte bei uns also schon immer ein „regelrechtes“ Rechtschaos, das – so komisch es auch klingt – nur dadurch überhaupt handhabbar wurde, daß im Zweifelsfalle eben immer der Grundsatz „zu Gunsten des Staates“ galt. Wenn dieser nun wegfällt – ohgottogott! Nach Übernahme des bundesdeutschen Rechtes werden sich hier für eine lange Zeit wirklich Rechtskundigen ungeheure Möglichkeiten ergeben, dieses Recht für sich zu nutzen. Stinkreich ist das mindeste, was ein einigermaßen skrupelloser „Rechts“-Pfiffikus demnächst hier werden kann.

 

Womit wir wieder mal bei der Moral wären, die sich ja wie ein roter Faden durch fast alle Deine Briefe zieht. Unsere bisherige Moral war für praktisch jedermann – ob er das nun wahrhaben wollte oder nicht – auf unserer Ideologie gegründet. Es galt als moralisch, sich unter totaler Hintanstellung persönlicher Bedürfnisse für die Gesellschaft als Ganzes einzusetzen, und es war unmoralisch, an sich zu denken. Daß das gesellschaftliche Entwicklungsziel immer nebulöser wurde und die Nomenklatura ihre Interessen schließlich für die gesamtgesellschaftlichen ausgab, ist dabei so ziemlich zweitrangig gewesen. Mehr oder weniger stark hat jeder dieses Grundprinzip akzeptiert. Es war eine spezielle Art der Gottgefälligkeit, das Gemeinwohl. Kaum jemand war beispielsweise bei uns bereit zuzugeben, er hätte irgendwie irgendwo irgendwann auf Kosten anderer gelebt. Keiner, der nicht betonte, wie fleißig er in seinem (volkseigenen) Betrieb sei, keiner, der gern zugab, einfach nur „Glück“ gehabt zu haben oder protegiert worden zu sein. Keiner, der offen irgendwelche „gesellschaftlich notwendigen“ Tätigkeiten verweigerte – und nicht nur aus Angst um das berufliche Fortkommen, denn dem berühmten „einfachen Arbeiter“ konnte bei uns in dieser Hinsicht kaum etwas passieren, aber auch der dachte sich lieber irgendwelche Ausflüchte aus, statt einfach „Nein!“ zu sagen. (Vielleicht stammen daher einerseits die vielen individuellen DDR-Nischen und andererseits die absolute Unfähigkeit der alten Führung, die reale Situation in der Bevölkerung richtig einzuschätzen.)

 

Es war (und ist) für uns deshalb auch fast unmöglich, sich eine Gesellschaftsordnung, die das Individuum in den Mittelpunkt stellt, überhaupt als „moralisch“ vorzustellen. Vielleicht erinnerst Du Dich, daß ich damals nicht so recht glauben wollte, daß breite Bevölkerungsschichten bei Euch bereit sind, zu Gunsten karitativer Zwecke persönlich zu verzichten. Ich vermutete bei (größeren) Spendenaktionen im Westen immer irgendwelche religiösen Motive, oder den Versuch, irgendwie Steuern zu sparen. Dahinter steckt, daß wahrscheinlich fast jede Moralauffassung sich selbst immer gern als die alleinseligmachende sieht.

 

Nun aber stehen wir da. Immer wieder drängt sich der Vergleich mit den feudalen Strukturen vergangener Jahrhunderte auf, und so auch hier: Was machen die Mönchlein, nachdem sie nun endlich erkannt haben, daß es gar keinen Gott gibt? Sie erschießen sich, oder beginnen nachzuholen, was sie bisher vermeintlich versäumt haben.

 

Man darf es ihnen nicht allzu übel nehmen. Unsere alte Moral ist im Eimer und für eine neue sind wir nicht reich genug. Die Leute wollen D-Mark und Urlaub in Mallorca, Umweltschutz nur wenn er nichts kostet, und Ausländer höchstens im Zirkus. Wie Brecht sagt: „Erst kommt das Fressen und dann die Moral.“ Gesund zu leben ist wahrscheinlich erst nach der „Freßwelle“ aktuell – und die haben wir eben noch vor uns. (Ich meine das ziemlich ernst. Unser Sohn hat sich zu seinem 9. Geburtstag am 01.04. eine Ananas gewünscht, die es dank unserer herrlichen Revolution neben anderen unbezahlbaren Obstsorten jetzt hier zu kaufen gibt – und er hat sie bekommen. Es war in seinen Augen ein durchaus gleichberechtigtes Geschenk neben der neuen Schulmappe, einer Angel, Zündplätzchen usw.)

 

Übrigens: Auch die Moral im Westen scheint derzeit ja nicht gerade auf Verzicht zu Gunsten der Brüder und Schwestern zu zielen. Man mag ja Kohl nachsagen was man will, aber er hat stets einen Instinkt dafür, was seine Schäfchen gerade hören wollen, und wenn er jetzt Anstalten macht, durch Verkauf ausschließlich der ostdeutschen Felle (die er uns gerade über die Ohren zieht), die Einheit zu finanzieren, ist das für mich ein deutliches Zeichen für die gegenwärtige allgemeine Stimmung bei Euch.

 

Nun will der kleine Bruder natürlich nicht undankbar sein. Aber Fakt ist, daß – abgesehen von dem freundlicherweise gezahlten Begrüßungsgeld – 5 Monate nach der Revolution materiell hier noch keiner besser lebt, aber viele schon schlechter, und im Westen ja wohl noch niemand auch nur eine Mark weniger im Beutel hat, oder?

 

Das heißt nicht, daß sich für uns nicht schon einiges verbessert hätte. Neben der Reisefreiheit haben wir immerhin jetzt samstags schulfrei, den Trabant gibt es ohne Anmeldung, die ersten Westwaren liegen in den Geschäften, und es ist kein Problem mehr, eine Fernsehzeitung zu abonieren. Aber das war’s dann auch schon. Alles andere ist eben nur Hoffnung. Und da bin ich dann auch bei der Übersiedlerproblematik (Du siehst, ich arbeite systematisch Deine letzten Briefe ab):

 

Die Grenzen wie Du schreibst „partiell zu schließen“ ist m.E. erstens sowieso nicht möglich und zweitens auch kein sinnvoller Weg. Es gibt nur eine Lösung: Das Kapital muß zu den Menschen und mit ihm der Wohlstand, sonst läuft es eben umgekehrt. Das gilt im übrigen natürlich nicht nur für Deutschland, sondern für die gesamte Welt – und nicht erst seit der Grenzöffnung. Diejenigen, die früher unter Einsatz ihres Lebens in den Westen flüchteten, sind in ihrer überwiegenden Mehrheit auch damals schon nicht in Richtung Freiheit, sondern in Richtung Wohlstand getürmt.

 

Nur hat der seinerzeit notwendige persönliche Einsatz die Menschen bei Euch stets so beeindruckt, daß sie nur zu leicht den hinter der Grenze abgegebenen statements geglaubt haben. (Wer hört schon gern, der arme Verwandte sei nicht wegen der netten Tante Erna, sondern nur wegen des kalten Buffets gekommen)

 

Ich habe früher hierzu gern ein Gedankenexperiment unternommen und mich gefragt: Wer wäre wohl durch die Elbe geschwommen, hätte Ballons genäht und Tunnel gegraben, wenn trotz unserer traurigen politischen Verhältnisse bei uns das bundesdeutsche Bruttosozialprodukt erzielt worden wäre, und im Westen – mit allen herrlichen Freiheiten – das unsere?

 

Was also tun? Praktikabel ist sicher zweierlei: Zum einen – und hier gehe ich in gewissem Sinne mit Deiner Grenzschließungsthese mit – muß man dafür sorgen, daß unsere Leute im Westen nicht als Lohndrücker auftreten können. Hier sollte doch der DGB Manns genug sein, dies ab einer bestimmten Größenordnung zu verhindern. Den Rest erledigt dann der begrenzte Arbeitsmarkt von selbst. Ebenso darf man natürlich nicht diese – schon immer – unsinnigen „Eingliederungshilfen“ gewähren. Bei uns hat niemand dafür Verständnis und im Hinblick auf das weiter oben gesagte, bin ich im übrigen schon immer der Auffassung gewesen, daß es sich hier ausschließlich um gezielte Maßnahmen zur Schwächung der DDR gehandelt hat, die nunmehr endgültig absurd sind. Sie wären auch früher schon nur bei den (nach meiner Schätzung) 4 bis 5% wirklich Verfolgten gerechtfertigt gewesen. (Wer im Gefängnis war weil er in den Westen wollte ist in diesem Sinne für mich kein Verfolgter, wenn er dies vorhatte, um seine Lebensbedingungen zu verbessern).

 

Und zweitens wird der Bundesrepublik nichts anderes übrigbleiben, als endlich spürbare Verbesserungen IN der DDR einzuleiten. Die Leute hier wollen ja nicht unbedingt gleich auf das Niveau bundesdeutscher Einkommen springen, aber sie müssen natürlich spüren, daß es endlich auch mit ihrem Lebensniveau vorangeht, und zwar stetig und unaufhaltsam. Wenn die Bundesregierung den headtrick schaffen sollte, dies ohne Griff in Eure Taschen zu tun, freut mich das natürlich für Euch. Aber ich glaube nicht daran.

 

Noch eine letzte Bemerkung zu „Kapital zu den Menschen“: Natürlich ist das Quatsch mit den 49%. Aber es ist auch ein wenig verständlich, wenn man bedenkt, daß „Kapital“ bei uns 40 Jahre lang als Synonym für Bosheit schlechthin galt. Das Problem erledigt sich demnächst sicher von selbst. Es ist z.Z. für niemanden hier zu begreifen, wo denn bei höheren Beteiligungen der Haken liegen sollte. Unsere (alten) Betriebsleiter – einmal losgelassen – agieren wie die schlimmsten Frühkapitalisten und insofern sehe ich einer höheren Westbeteiligung sehr gelassen entgegen und lediglich die Gefahr, daß die alten Herren ihre/unsere (!) Betriebe zu billig verramschen, um selbst möglichst ungeschoren davonzukommen. Aber das Thema Moral hatten wir ja schon.

 

So, daß soll es für diesmal gewesen sein. Ich lege noch ein „Werk“ bei, daß ich für die Aktion von Bertelsmann geschrieben habe. Du siehst, ich kann es nicht lassen, meinen „schriftstellerischen Durchbruch“ zu erzwingen. Es ist ein wenig geschwollen und hier und da konfus, drückt aber, wie ich meine, gerade auch deshalb so ungefähr mein derzeit reichlich verwirrtes Innenleben aus.

 

Viele Grüße an Judy und die Kinder

 

Dein Frank

 

PS: Wie war ich am Telefon? Ging’s? Seid nicht böse, falls nicht.

 

 


Stuttgart, 8.4.90

Lieber Frank,

das (zur Zeit) Beindruckendste an Eurer Revolution ist die Tatsache, daß die Lieferfrist des Trabbi binnen weniger Monate von 15 Jahren auf Null gefallen ist. Da kannst Du einmal sehen, wie „leistungsfähig“ der Kapitalismus ist – oder eigentlich: wie weit sich der Sozialismus (der DDR) von der (wirtschaftlichen) Wirklichkeit entfernt hatte. Die ganze Verdrehtheit dieses Systems zeigt sich darin, daß es in ihm gelingen konnte, eine Antiware wie diesen Trabbi zu einem der begehrtesten Wirtschaftsgüter hoch zu stilisieren. Schon die Hartnäckigkeit, mit der er seine äußere Form gegen alle Gepflogenheiten eines Marktes (zugegeben der Eitelkeiten) verteidigte (von der Technik ganz zu schweigen), macht ihn zu einem Unikum der Wirtschaftsgeschichte (eine vergleichbare Traditionspflege gibt es, Extreme berühren sich, nur noch in der Modellpolitik von Rolls-Royce; aber der Vergleich hinkt „ein wenig“).

Dieses hartnäckige Festhalten an unhaltbaren Ergebnissen ist für mich überhaupt das wirklich Eindrucksvolle (= Bedenkliche) am Sozialismus (der DDR). Über politische und ökonomische Theorien kann man trefflich streiten – über Ergebnisse nur noch in begrenztem Maße. Man könnte bereits darüber ins Grübeln kommen, daß das Ergebnis – normalerweise Notregler des kybernetischen Systems Gesellschaft – hier nicht korrigierend wirksam wurde, insbesondere nachdem dem diese Sicherung zuvor schon einmal durchgebrannt war. (Das fällt mir im Augenblick ein, wenn ich an Deutschland denke: die Frage, wie es um die politische Normalität der Deutschen bestellt ist.). Wirklich bedenklich wird es aber, wenn misslungene Ergebnisse nicht nur er(ge)duldet, sondern auch noch mit einem aberwitzigen Aufwand verteidigt werden (ich denke da vor allem an die Innenverteidigung à la Stasi), ein Aufwand, dessen Umfang für sich allein schon ein Indiz für die Schwäche des verteidigten Ergebnisses hätte sein müssen, ganz davon abgesehen, daß es durch diese Verteidigung, die alle Merkmale einer Belagerung trug, noch kräftig verschlechtert wurde – nicht nur ökonomisch, weil sie reichlich teuer war, sondern vor allem durch die Vergiftung der gesellschaftlichen Beziehungen, womit eben das untergraben wurde, was es eigentlich zu verteidigen galt. Gegen diesen gesellschaftlichen Murks ist der Trabbi geradezu ein Produkt politökonomischer Vernunft. Immerhin wurde man nicht bestraft, wenn man ihn nicht kaufte.

Aber zurück zum Beindruckendsten an Eurer Revolution. Nachdem Du mich unter dieser Überschrift bereits zwei Mal auf das Erwachen meiner Schreibwut angesprochen hast, will ich mich nun doch über mein Schweigen vor dieser Revolution äußern. Wenn Wut die Folge eines inneren Staus ist, dann trifft Dein Wort von der Schreibwut den Sachverhalt nicht schlecht. Vor Eurer Revolution litt ich am inneren Schreibstau und zwar aus zwei Gründen. Zum einen war da die bereits erwähnte Vergiftung der gesellschaftlichen Beziehungen durch die Stasi – sie wirkte auch zwischen den Gesellschaften. Zwar wußte ich früher noch nichts von dem absurden Umfang ihrer Aktivitäten. Aber irgendwie hatte ich immer die Befürchtung, eine Korrespondenz könnte Weiterungen nach sich ziehen, sei es, daß man Euch unter Druck setzen würde, uns anzuzapfen, sei es, daß man durch die Überwachung des Briefverkehrs auf uns aufmerksam würde und uns auf andere Weise anginge. Nach Allem, was man jetzt über das Gesellschaftsmonster erfahren hat, lag ich mit meinen Ahnungen gar nicht so falsch und womöglich habe ich durch meine Ungeselligkeit auch Euch einige Probleme erspart. Und dann wußte man – trotz entgegenstehenden Gefühls – nicht einmal, ob man Eurer Person sicher sein konnte. Man hatte immer wieder davon gehört, daß der Stasi bei Bedarf auch Gefühle nutzte. Und so beginnt man, seine spontanen Eindrücke in Zweifel zu ziehen – das eben ist ja die Vergiftung, die solche Institutionen erzeugen. Es ist wie in jenem Agentenfilm, den ich kürzlich gesehen habe: Ein Ostagent verliebt sich ihm Rahmen eines Auftrages in eine Westagentin. Er beschwört die Reinheit seiner Gefühle und legt tausend Proben seiner Lauterkeit ab. Sein ganzes Wesen strahlt Wahrhaftigkeit aus, aber der Zuschauer glaubt ihm kein Wort. All dies könnte das besonders gekonnte Handwerk eines Agenten sein! Tatsächlich ist er aber wirklich ehrlich der Film zieht seine ganze Spannung daraus, dass man die Zweifel gegen die Handlung bis zum happy end behält; ein geübter Filmkonsument hätte freilich den Braten riechen können – der Ostagent wurde nämlich von Omar Sharif gespielt, und dessen Liebesschwüre sind immer echt, aber – Vertrackheit – der Regisseur könnte mit diesen Erwartungen gerechnet haben) . Das sind die Abwege der Phantasie in einer Stasigesellschaft und man kann sich nur fragen, welch‘ merkwürdige Phantasie diejenigen hatten, die sich diesen gesellschaftlichen Unsinn ausgedacht haben.

Trotz dieser Befürchtungen habe ich mich doch ein paar Mal hingesetzt und Briefe an Euch angefangen – kräftig angetrieben durch Judi, die mich durch deren wiederholte Ankündigungen anlässlich der Übersendung von Paketen in Zugzwang versetzte. Aber dabei stellte sich eine weitere Schwierigkeit ein. Wenn ich von dem schrieb, was hier so alles passiert ist – meist berichtet man ja über irgendwelche herausragende Ereignisse, wie Urlaube, besondere Aktivitäten etc. – erschien mir dies bei nochmaligem Durchlesen ziemlich unpassend. Die Gespräche, die wir in Ungarn geführt hatten, hatten uns nur zu deutlich gemacht, welche Diskrepanz im Lebensstil zwischen Ost und West herrschte und daß ihr Euch dessen gar nicht so recht bewusst ward. Ich hatte das Gefühl, daß ich mit allem, was ich in der Nachfolge einer solchen Urlaubsbekanntschaft mitteilte, immer wieder diese Diskrepanz herausstellte. Schon in Ungarn gab es eine Bemerkung, die uns ziemlich unter die Haut ging. Bei der Besichtigung unseres Wohnmobils sagtest Du, daß so etwas für Euch erst im nächsten Leben möglich sein werde (ein Glück, es hat schon jetzt angefangen). Das gleiche Problem bestand auch beim politischen Gedankenaustausch. Abgesehen davon, daß es nicht ungefährlich war, sah ich kaum einen Sinn darin, Probleme zu artikulieren, für die es keine Lösung zu geben schien. Also blieben die Briefe in der Schublade und ich schob die Sache mit einem permanenten schlechten Gewissen vor mich her – bis zu eben jenem 4. November, an dem die „Wut“ durchbrach. Es ist kein Zufall, daß unsere Korrespondenz an diesem Tag beginnt. An diesem Tag endet bei Euch und bei mir die Sprachlosigkeit.

So und jetzt kannst Du zwischen einem sofort abgeschickten Brief ohne die schon lange angekündigte Antwort auf Deinen Grundsatzbrief vom 15.2. und eben jener Antwort plus einem weiteren Herumtragen des Briefes „in meiner Tasche“ wählen. Nicht dass Du etwa meinst, ich sei angesichts Deiner Anhänglichkeit an Marx’sche Begriffsschemata wieder in Sprachlosigkeit verfallen. Ich brauche auch keine Wut für einen Durchbruch, sondern schlicht und einfach ein wenig Zeit, um auf große Gedanken eine kleine Antwort zu formulieren. Immerhin habe ich keine so praktisch vorgefertigte Begriffsreihe wie Du, in die ich alles so geschickt einbetten kann.

Also Du siehst, daß ich die Entscheidung für Dich bereits getroffen habe: ich schicke den Brief sofort ab.

Anbei noch ein Aufsatz von Prof. Zöllner, einem meiner juristischen Lehrer über den Stand des Arbeitsrechtes in der Bundesrepublik, für den Hobbyjuristen.

Gruß

Klaus


Rübehorst Sa. 14.4.90

 

Lieber Klaus

 

herzliche Ostergrüße aus Rübenhorst. Wir sind über die Feiertage auf die Ranch der Schwiegereltern gefahren und hören uns ein wenig um, wie denn so die Stimmung auf dem Lande ist. Rübehorst ist ein Dorf mit 150 Seelen, Poststelle, Kosum-Verkaufsstelle (stundenweise geöffnet, Brot Milch, und Wurst nur auf Bestellung), Kneipe (häufig geöffnet) Kriegerdenkmal, Wartehäuschen für den Schulbus, eine gepflasterte Strasse (Kopfsteine – wie romantisch, aber immerhin 4 Straßenlaternen) – und Schluß. Außer dem morgentlichen Schulbus gibt es keinen public traffic, die nächste Bahnstation ist 3 km entfernt. Von dort kann man mit der „Brandenburgischen Städtebahn“ in die Kreisstadt Rathenow. Dort gibt es sogar eine (!) Ampelkreuzung – ein Muß für alle Fahrschüler in 20 km Umkreis. Die Gegend ist erst von vom alten Alten Fritzen besiedelt worden und war bis nach dem Krieg sehr sumpfig. Das sog. R ?Rhinluch gehört zum Rückstandsgebiet der Havel. Früher standen hier im Frühjahr die Wiesen bis an die Dorfränder regelmäßig unter Wasser. Inzwischen hat die Melioriation viel verbessert. Ein umfangreiches System von Gräben und Pumpwerken sorgt für einen vernünftigen Wasserhaushalt, so dass viele Wiesen in ein ertragreiches Ackerland umgewandelt werden konnten. Die Leute leben hier praktisch alle von der Landwirtschaft. Die Arbeit bei der LPG brachte ein erträgliches Einkommen, wer außerdem noch privat Vieh hielt, konnte reich werden. Die aufgekauften Schweine wurden subventioniert, man fütterte sie mit subventioniertem Brot und Kartoffeln und brauchte sich um die Effektivität damit keine Gedanken zu machen, es bleib blieb fast zwangsläufig ein Gewinn.

 

Da es andererseits wenig Möglichkeiten gibt, sein Geld auszugeben, (meine Schwiegereltern haben z.B. noch nie (!) eine gemeinsame Urlaubsreise in ihrer 40-jährigen Ehe unternommen – nicht mal innerhalb der DDR) haben die Bäuerlein hier fast alle dicke Konten, jedenfalls die, welche ihr Geld nicht versaufen (die Kneipe in diesem winzigen Kaff ist nicht umsonst rentablel). Kein Wunder also, dass auf dem Lande praktisch alles Kohl und die D-Mark gewählt hat. Etlichen scheint es allerdings wieder leid zu tun. Die Bauern- Demos vorige Woche sind in gewissem Sinne symptomatisch. Man ist hier jahrzehntelang gewöhnt, als vom Staat gehätschelte Monopolerzeuger zu arbeiten, die Probleme der miesen Effektivität sind riesig und so liegt es nahe, lieber wieder nach dem Staat zu schreien, als sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen.

 

Der Katzenjammer ist ziemlich groß. Die diesjährige Ernte wird wohl in jedem Fall schon für D-Mark verkauft werden und damit ist klar, dass sich die Getreidepreise mindestens halbieren werden, egal zu welchem Kurs die formale Umstellung erfolgt. Völlig neu ist das Gefühl, keinen gesicherten Absatz mehr zu haben. Seit Milch, Eier und Fleisch von G. Mittag nicht mehr für ein Butterbrot Richtung Westen verramscht werden, haben wir plötzlich einen Eier- und Butterberg , natürlich (?) ohne dass der Handel daran dächte, die Preise herunter zu setzen, oder unserer Milch endlich Mal mehr als die vor 10 Jahren festsetzten festgesetzten 2,2 % Fett zu gönnen. (Bei der Butter ist es ähnlich. Es gibt Sorten, die sind weiß, wie dieses Blatt. Ein alter Witz besagt, das neue „Delikat“-Butter in den Handel kommen soll, mit einem Plastehahn als Zubehör, um das Wasser abzulassen.)

 

Also, die Pferdekur für unsere Wirtschaft ist der schnellste, aber auf dem Lande ein recht harter Weg. Etwa die Hälfte der Beschäftigten wird aus der Landwirtschaft heraus müssen, um die verfügbaren Flächen effektiv zu bewirtschaften (In Gegenden mit extrem leichten Böden, wie in der Uckermark – nichts als Sand !- wird überhaupt keine Landwirtschaft mehr möglich sein) Damit verbunden kippen auch andere Branchen. Paulas Schwester und ihr Mann, die hier leben, werden ebenfalls zum Jahresende entlassen. Sie sind beide Veterinäringenieure (den Beruf gibt es im Westen nicht, eine Art Tierarzt – Assistent) und durch die abzubauenden Tierbestände sind gerade ausreichend Jobs für die Tierärzte selbst übrig.

 

Notwendig wäre also, neue Firmen hierher zu ziehen, aber die unfähigen Verwaltungen stellen sich dabei geradezu herzzereißend dämlich an. In der Nähe gibt es z.B. eine relativ moderne Lagerhalle. Statt sie als Grundstück für einen möglichst personalintensiven Investor anzubieten, wird sie als reines Lager vermietet und bringt Arbeit und Brot nur für einen Gabelstaplerfahrer und zwei Pförtner…

 

Man kann also insgesamt nur hoffen, dass man bei uns in wunderbarerweise Weise und in Windeseile lernt, zu wirtschaften und dass das berühmte soziale Netz zu einem recht frühen Zeitpunkt geknüpft wird und einigermaßen hält, sonst würde ich mich nicht wundern, wenn die CDU-Wähler des 18. März am 7. Oktober ihren „alten Kaiser wiederhaben“ wollen.

 

Interessant ist, wie auch bei uns die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten jeder Revolution immer wieder durchbrechen: Angeschoben von einigen Intellektuellen, zu deren Entsetzen von den Massen weitergetragen, und ausgenutzt schließlich von den Anfang anfangs Unbeteiligen. Wie im Bilderbuch!

 

Dennoch: Gut, dass das Alte hinweggefegt wurde. Die Illusion aller Beteiligten besteht aber wohl gerade darin, zu glauben, man könnte sich nur genau der alten Systemteile entledigen, die einen selbst bedrückt haben, und jene erhalten, die nur andere bedrückten.

 

Unsere Künstler wollten die künstlerische Freiheit, aber natürlich auch die alten Privilegien, unsere Arbeiter wollten die Löhne der Marktwirtschaft, aber Honeckers Arbeitsmarkt, unsere Käufer wollten das Angebot des KaDeWe, aber die Preise des Konsum, die Partei wollte den Sturz Honeckers, aber nicht den des Sozialismus, und und und.

 

Alle habe so oder so – und Gott sei Dank – am alten gesägt und sehen nun erschrocken, dass auch andere an anderer Stelle mittaten und so nicht die erhoffte gezielte Demontage, sondern der lärmende Zusammenbruch erreicht ist.

 

Zwar nicht aktiv, aber dennoch als mittelbar Beteiligte scheinen auch die Leute im Westen recht erschrocken. „Mauer weg“ und „Deutschland, einig Vaterland“ – au fein! Aber Trabbimief und Lastenausgleich – um Gottes Willen!. Deutsche Einheit, am besten gleich mit Schlesien – aber bitte zum Nulltarif. Bei uns stand in der Zeitung, eine Meinungsumfrage hätte ergeben, mehr als 2/3 der Bundesbürger lehnen eine 1:1 Währungsunion ab, jeder vierte von denen meint sogar, 7:1 würde für uns genügen. Ich denke dass können nur die Rechenunfähigen und Vollidioten sein. Also meint jemand ernsthaft, 200 bis 300 DM pro Familie wäre für uns doofe Zonis gut genug. „Wir sind ein Volk!“, na ich danke. Dann schon lieber eine Föderation mit Tscheschen und Ungarn als mit Bayern und Niedersachsen. Aber ich will sachlich bleiben.

 

Viele Viel wird in der Zukunft davon abhängen, ob die DDR tatsächlich in das Neue Deutschland „etwas einbringen“ kann. Was das sein könnte, ist eine geradezu ängstliche Frage unserer zahlreichen Reporter bei allen möglichen Anlässen. Die Antworten sind meist recht hilflos oder onkelhaft westlich. Wie es scheint sind die Tugenden des Verzichts und die Solidarität der Ärmlichen nicht so recht brauchbar für unsere rosige Zukunft. Das Kernproblem ist wohl dabei, dass unsere tatsächlich vorhandenen sozialistischen Ansätze bei der „Umkehr in die Zukunft“ nicht so recht brauchbar [1] sind, bzw. stören. Die strapazierte Frage, was die DDR denn außer 15 Millionen Menschen und Rübehorster Kopfsteinpflaster in die 4. Republik einbringen wird, ist aus heutiger Sicht mit einem klaren: Nichts ! zu beantworten – es sei denn, die Vereinigung bewirkte einen gesamtdeutschen Linksrutsch. Dafür stehen die Zeichen hier inzwischen (oder zwischenzeitlich?) gar nicht mehr so schlecht. Ich glaube, die Kommunalwahl in 3 Wochen wird dies deutlich machen. Es ist eben doch etwas anderes als Übersiedler mit dem entsprechenden Wind aus der Bundeskasse neu zu starten, oder mit dem ganzen Land in die BRD zu türmen. Unsere „so-wahr-mit-Gott-helfe“ Minister werden es schwer haben, die nötige Aufbruchstimmung unter der Fahne der Eigeninitiative zu erzeugen. Die Leute sind 60 Jahre lang an der Hand geführt worden und sollen nun aus eigener Kraft plötzlich das Richtige tun, sich in einer neuen Welt zurechtfinden – und dabei viel mehr allein gelassen als das berühmte Drittel bei Euch? . Wie soll das gehen? Der Vertrauensvorschuß auf den CDU-Geldsack ist jedenfalls aufgebraucht. Der Souverän sitzt zu Hause, schmollt und plärrt. Eine weitere Krise der Revolution kündigt sich an. Das Volk hat den König verjagt und will jetzt das billige Brot sehen. Wer es ihm zeigt, dem wird des folgen. Die Schwarzen haben den Bogen offensichtlich überspannt. Man wollte die Konkursmasse so billig wie möglich übernehmen und da kam Angst und Verunsicherung bei den Massen gerade recht. Nun will hier keiner begreifen, weshalb er jetzt schlechter leben soll als unter der verjagten Bonzokratie?.- Kohl sitzt jetzt in dem Dilemma, einen schönen Happen Großdeutschland dazu gekauft zu haben – was ihm viel Beifall eingebracht hat – aber er traut sich nicht der Verwandtschaft den Preis zu nennen (Vielleicht hat er deshalb bisher nicht danach gefragt), geschweige denn, ihn zu bezahlen. Und ein Kauf war es allemal. Auch die Völker sind käuflich. Warum sollte unseres da besser sein. Bevor er im Dezember alles meschugge gemacht hat mit seinen Parolen vom „bundesdeutschen Lebensniveau in Fünf fünf Jahren“ lief bei uns ja noch alles „planmäßig und (halbwegs) proportional“ – soweit das in einer Revolution eben möglich ist. Nun sind 10% der 5 Jahre um und zur Bundestagswahl werden es 20 % sein und selbstverständlich soll der Wähler bis dahin noch nicht zur Kasse gebeten sein. Schade, dass wir noch nicht mitwählen…

 

Die Intellektuellen sind auch jetzt ihrer Zeit wieder mal voraus – sie haben mehrheitlich die Nase bereits voll von der gegenwärtigen Entwicklung. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie als erste bluten müssen. Sie stellen das Gros der ersten Arbeitslosen. Die Bauern werden folgen und damit fallen die ersten CDU-Hochburgen erst einmal wieder zusammen. Nun waren sie pfiffig genug, sie die SPD mit in die Verantwortung einzubinden (in die war dumm genug, zuzugreifen). Ein besseres Geschenk hätte man unter diesen Bedingungen der linken Opposition (mit der altneuen PDS) gar nicht machen können. Die brauchen jetzt nur noch schön laut auf die alten „Errungenschaften“ zu verweisen und wenn es ihnen dann noch gelingt, die alten Stalinisten weiter im Hintergrund zu halten, ist ihnen der Zulauf fast gewiß. Was wir dann in unser gemeinsames Deutschland einbringen, wird eine starke – bundesweite – PDS sein, die nur einen Schönheitsfehler hat, nämlich den, nicht durch eine saubere Spaltung aus der alten SED hervorgegangen zu sein, sondern dieses Erneuerungswischiwaschi zur Rettung der „Einheit der Arbeiterklasse“ und der Parteikasse. Für die 5% -Hürde einer 91-er Bundestagswahl ist sie jedenfalls allemal profiliert genug, und so sehen ich dann höchstinteressante Mehrheitsverhältnisse am Horizont des Reichstages und auch andere werden sie sehen. Kohl überlegt wahrscheinlich derzeit fieberhaft, wie er uns etwas zustecken kann, ohne Euch etwas wegzunehmen. Ich wünsche ihm viel Erfolg dabei, aber trotz der traditionell guten Kontakte der CDU nach OBEN werden sich Wunderdinge wohl nicht so leicht bewerkstelligen lassen. Einige reale Möglichkeiten gibt es dennoch: Rüstung, Übersiedlungshilfe, Mehreinnahmen durch die Konjunktur, vorsichtiger Abbau der öffentlichen Investitionen, höhere Neuverschuldung. Vielleicht reicht es für die „Anschub – Finanzierung“. Das wäre dann schön für unsere Kasse und schlecht für den Linksruck. Scheiß- Geld.

 

Wie man leicht sieht, ist das mein Denkgebäude noch immer nicht wieder klar und geschlossen, aber ich denke, Du verstehst das ein wenig. Viele Grüsse an Judi und die Kinder (wir freuen uns schon auf den Mai). Bis bald

 

Dein Frank


Stuttgart, 22.4.90

Lieber Frank,

während ich noch immer über der Antwort auf Deinen Brief vom 15.2. brüte, kommt Dein „Landschaftsgemälde“ aus Rübehorst. Ich will daher aus der „Höhe“ fundamenaler Erwägungen, in die ich mich z.Zt. verstiegen habe, doch erst einmal wieder zu den Tagesereignissen zurückkehren, damit ich den Anschluss an Deine diversen Briefe nicht vollständig verliere. Sie kommt noch, die grundsätzliche Auseinandersetzung. Aber da man sich in den Höhen, in denen sie stattfindet, ohnehin im Zeitlosen (wahrscheinlich auch im Nutzlosen) befindet, kommt es auf ein paar weitere „Tage“ nun auch nicht mehr an. Daher zunächst einmal wieder zum lieben Geld.

Die „Unbefangenheit“, mit der bei Euch jetzt der Umtausch von 1:1 gefordert wird, ist für mich in mehrfacher Hinsicht erstaunlich. Ich habe bislang wenig dazu gehört, wie man die negativen Aspekte eines solchen Umtauschkurses verarbeiten will. Schließlich werden bei 1:1 auch die Schulden in diesem „günstigen“ Verhältnis umgestellt. Flott haben einige Hobbyökonomen denn gleich gefordert, man solle doch im Zuge des allgemeinen Aufwaschs gleich auch die Schulden erlassen. Denn viele Betriebe könnten diese ohnehin nicht in DM bezahlen. Schön gedacht und wahrhaft christlich (oder sozialistisch?). Ungeschickterweise sind die Schulden (der Betriebe) zugleich die Guthaben der Sparer (bei der ausleihenden Bank). Und unter dieser Bezeichnung sollen eben dieselben christlicherweise (oder soll ich sagen sozialistischerweise?) natürlich wieder erhalten werden. Das Ganze läuft also auf die Quadratur des Kreises hinaus – es sei denn die Rechnung wird mit einem ziemlich reichen Onkel gemacht, der den Sparern ihre Guthaben garantiert. Aber das mit den Onkeln hat so seine Tücken. Meist sind sie nicht so reich, wie man sich das vorstellt. Oder es stellt sich, wenn es ums Zahlen geht, heraus, daß es sich bei dem Onkel um einen doch eher entfernten Verwandten handelt. Und dann hat der auch noch eigene Kinder, denen er in der Vergangenheit immer vorgejammert hat, wie arm er sei und die sich jetzt natürlich wundern würden, wenn plötzlich so viel Geld für die Verwandtschaft da sein soll. Überhaupt weiß ich nicht, ob das mit den Onkeln so sinnvoll ist. Man kann sich an solche Onkel ganz schön gewöhnen und das ist weder für die Psyche noch für die Leistungsbereitschaft sehr gesund. Es kann daher m.E. nur darum gehen, Strukturen zu schaffen, die einen reichen Onkel möglichst schnell überflüssig machen (wozu sicher eine gewisse Anschubfinanzierung gehört). Nach dem, was man von Ökonomen so hört, ist dies bei einem Umtauschkurs von 1:1 nicht gewährleistet, weil damit die Wettbewerbsfähigkeit der DDR-Wirtschaft zweifelhaft ist. (Wenn Oskar Lafontaine diesen Kurs jetzt einfordert, ist das eine ziemliche Demagogie. Sein Verhalten erinnert mich an jenen Ehemann, der seine Frau in flagranti erwischt hat, den Revolver zieht und den Ertappten befiehlt: weitermachen!). Der Umstellungskurs hat, folgt man wiederum jenen Ökonomen, offenbar auf ganz andere Weise mit den Löhnen zu tun, als man bei Euch annimmt, insbesondere kann nicht davon die Rede sein, die Löhne zu halbieren oder gar auf „200 – 300“ DM zu reduzieren. In dieser Befürchtung steckt mir sowieso reichlich viel Klassenkampf und Konspirationstheorie. Sie beruht im übrigen auf einer Einschätzung der Rolle der Gewerkschaften als bloßem Reisebüro, wie sie bei Euch existierte. Hier reden sie ein gewichtiges Wörtchen mit bei der Lohnbemessung. Wenn es auch zu glauben schwer fällt: Im „Kapitalismus“ denkt man tatsächlich auch an die Menschen und nicht nur ans Geld – übrigens, falls Dir der von mir postulierte (induktive) Moralüberschuß eine zu schwache Garantie hierfür sein sollte, auch aus „guten“ Gründen, nämlich einem gesunden Eigennutz; bei den Politikern, weil sie wieder gewählt werden wollen und bei den Ökonomen, weil sie stabile Verhältnisse brauchen. Der wegen seines scheinbar harten Gutachtens so arg gescholtene Bundesbankpräsident Pöhl, immerhin ein Sozialdemokrat, hat m.E. die ökonomischen Zusammenhänge ziemlich plausibel gemacht. Ich weiß nicht, ob Eure Pfarrer, von Haus aus ja nicht gerade Spezialisten fürs Greifbare, dem folgen können (oder wollen). Ost-SPD- fraktionsvorsitzender Pfarrer Schröder machte jedenfalls bei einer kürzlichen Fernsehdiskussion mit dem brillanten Bundesbankpräsidenten einen eher unbeholfenen Eindruck. Er brachte immer etwas von Volkspsychologie hervor (das ist sein Metier), was jedoch eine etwas schmale Basis für ökonomische Grundentscheidungen ist. Es liegt ja nahe, daß die Pfarrer, alter Gewohnheit folgend, den Segen lieber von oben erflehen, als auf die Schaffung wirtschaftlicher Werte auf der niederen Ebene der Wirtschaftssubjekte zu warten. Da aber liegt der Knackpunkt. Die wirtschaftlichen Werte müssen selbst geschaffen und können nicht herbeiadministriert werden. In der Marktwirtschaft aber sind sie dazu noch eine ziemlich relative Angelegenheit. Sie sind praktisch nur durch ihre Bewährung auf dem Markt existent. Der Ruf nach dem Onkel oder der Bundesregierung nützt daher nur wenig. Regierungen können in diesem Geschäft nur Rahmenbedingungen, nicht aber die wirtschaftlichen Werte schaffen.

Überhaupt Eure Pfarrer! Sie sind ein merkwürdiges Ergebnis Eurer bürgerlichen Revolution. Die französische Revolution hat sie weggefegt, bei Euch werden sie hochgespült. Theologen als Erben des Atheismus! Hoffentlich liegt darin nicht die oben genannte Logik des gemeinsamen Glaubens an den Segen von oben. Aber die Pfarrer sind nicht zuletzt auch für die wohltuenden neuen Töne in der Politik verantwortlich, die man aus Euren Landen hört und die letztere geradezu sympathisch machen könnte. Es fehlt an jener auftrumpfenden Arroganz und Besitzerattitude, die hier üblich geworden ist, dieser Wichtigtuerei und Anmaßung, bei der man geradezu ein schlechtes Gewissen bekommt (wohl auch bekommen soll), wenn man die Herrscher daran erinnert, daß sie Beauftragte des Volkes sind (wie Du siehst, habe ich entschieden etwas gegen Dauerberufspolitiker, die im Laufe der Zeit ihre eigenen Interessen und ihren Auftrag durcheinanderbringen dazu mehr in dem beiliegen Aufsatz von Holzer). Ob die z.T. so sympathische Erscheinungsform Eurer Politiker so bleiben wird, ist zu bezweifeln. Vermutlich ist es nur der Mangel an Professionalität, der sie so menschlich macht.

Und da ist natürlich ein Pfarrer, der mir besonders zusagt. Ein Pfarrer als Verteidigungsminister ist allein schon eine glänzende Kombination (jedenfalls seit die waffensegnenden Popen in unseren Breiten am Aussterben sind). Noch besser gefällt mir, dass er Wehrdienstverweigerer ist. Das ist Zukunftsmusik.

Ein besonders beeindruckendes Beispiel des neuen Revolutionstypus ist für mich übrigens Vaclav Havel. Er ist schon auf Grund seiner Biographie und seines Werkes eine Rarität an der Spitze eines Staates. Seine noble und im ganz praktischen Sinne „vernünftige“ Einstellung zu Deutschland und seiner Vergangenheit hat die Krämerseelen einiger sich in unseren Angelegenheiten sehr wichtig vorkommender „Staatsmänner“ (einschließlich eines solchen weiblichen Geschlechts) sehr plastisch werden lassen. Die Herren Mitterand und Masowiecki sehen da mit ihrer trotzigen Achsenbildung aus der politischen Mottenkiste ziemlich kleinkariert aus, von der Lady jenseits des Ärmelkanals mit „ihren“ Atomraketen in Deutschland ganz zu schweigen (ausnehmen muß ich ausdrücklich den „Indianerhäuptling“, der eine Friedenspfeife – jedenfalls mit uns – zu rauchen weiß.). Nur eines kann ich dem ansonsten so erfrischend unkonventionellen Havel nicht verzeihen, dass es ihm nicht gelungen ist, das unsägliche militärische Zeremoniell bei Staatsempfängen abzuschaffen (offenbar wollte er es abschaffen). Selbst den Papst hat er diese Tage damit „konfrontiert“. Wenn es einem derart eingefleischten Zivilisten nicht gelingt, klarzumachen, dass dieses Brimborium für einen zivilen Staat unpassend ist, wem sollte es dann gelingen. Oder sollte es doch passen?

24.4. Mittlerweile liegt das Umtauschangebot aus Bonn vor. Onkel Kohl hat die Spendierhosen angezogen und es allen recht gemacht. Hoffentlich hat er auch alle Rechnungen gemacht und ist nicht nur seinem Hang zum Populismus erlegen. Die hiesigen Befürchtungen, er könne sich übernommen haben, werden aber immerhin gemildert durch die Erleichterung darüber, daß Eure Anwälte und Pfarrer die Annahme dieses „größte Geschenks der Wirtschaftsgeschichte“ wohlwollend prüfen wollen, obwohl es für Pfarrer Schröder nur ein „Happen“ ist (die Kirche hatte schon immer einen etwas größeren Magen). Ich habe gegen ein „Übernehmen“ gar nicht so viel einzuwenden. Da die Steuern nicht erhöht werden sollen, wird man sparen müssen und ernsthaft Luft ist eigentlich nur im Militärhaushalt. So könnte die Vereinigung unserer Länder zum Motor der Abrüstung werden.

Gruss

Klaus

Piranesis Räume – ein philosophischer Roman

PirRäumeneu

Im Frühjahr 1740 wurde für den 19-jährigen venezianischen Architekturadepten Giovanni Battista Piranesi ein Traum Wirklichkeit. Er betrat im Gefolge von Francesco Vernier, den die Signoria der Serenissima als Botschafter zu dem soeben neu gewählten Papst Benedikt XIV. gesandt hatte, Rom, um die Bauten der Alten zu studieren. Die ewige Stadt sollte ihn Zeit seines Lebens gefangen nehmen.

Piranesi kannte das antike Rom aus den Zeichnungen seines Landsmannes Andrea Palladio, welche bei seinen Architekturstudien als Lehrmaterial dienten. Auch hatte ihm sein Bruder, der Kartäusermönch Angelo, immer wieder von den heroischen Gestalten und Ereignissen der römischen Geschichte berichtet und ihm häufig aus dem Geschichtswerk des Livius vorgelesen. Rom hatte dabei seine Phantasie so sehr entzündet, dass ihm seine Bauten und Gestalten nachts schon im Traum erschienen waren. Wiewohl es in seiner Heimatstadt nicht an Wundern der Architektur fehlte, war ihm die Größe und Faktur der römischen Bauten aber immer rätselhaft erschienen. Es verlangte ihm daher danach, sie mit eigenen Augen zu sehen und ihr Geheimnis zu entschlüsseln. Hierzu wollte er die bauliche Hinterlassenschaft der Alten zeichnerisch aufnehmen und sie dann  in einer Weise in Kupfer stechen, die ihrer „magnificenza“ gerecht würde. Im Übrigen beabsichtigte er, möglichst auch noch den Beweis zu führen, dass die Architektur der alten Römer und überhaupt ihre Kunst gegenüber der griechischen eigenständig, ja ihr sogar überlegen sei. Es war ihm also nur allzu willkommen, dass er sich der Gesandtschaft anschließen konnte, die seine Heimatstadt an dem Tiber schickte.

Als sich Piranesi der Stadt Rom näherte, stand vor ihm das Bild einer erhabenen und majestätischen Baukunst von nie übertroffener Festigkeit und Vollkommenheit. Alles, so schien es ihm, war hier so, wie es zu sein hatte, jeder Teil war dort, wo er hingehörte und notwendiger Ausdruck eines Ganzen, das, wiewohl nie mehr als die Summe seiner Teile, das Bild wahrer Größe aufscheinen ließ.

Die Wirklichkeit freilich hielt dieser Traumvorstellung nicht stand. Piranesi fand die Überreste der antiken Bauten meist weit weniger vollständig und wohlerhalten, als es die peniblen Zeichnungen Palladios suggerierten. Viele waren in Wehranlagen der ewig befeindeten römischen Stadtgeschlechter aus dem Mittelalter versteckt, waren in Kirchen eingebaut oder lagen unter Palästen aus neuerer Zeit. Soweit sie noch über ein Dach verfügten, dienten die alten Räumlichkeiten häufig Handwerkern und sonstigen Gewerbetreibenden als Arbeitsstätte oder Lagerraum. Eines Tages etwa geriet Piranesi mit dem französischen Ruinenmaler Hubert Robert, mit dem er sich, da man das Interesse an den alten Resten teilte, angefreundet hatte, in eine weiträumige, düstere Basilika wo Wäscherinnen unter kassettierten Tonnengewölben, welche von einer Vierungskuppel unterbrochen waren, für die hohen Herren der Stadt bei offenem Feuer und großer Rauch- und Dampfentwicklung riesige Laken in einem Zuber kochten, welche sie anschließend zwischen mächtigen Säulen zum Trocknen aufhängten. Was von den alten Bauten nicht auf diese Weise zweckentfremdet, was nicht gänzlich umgestaltet oder abgetragen war, lag versunken im Schutt der Jahrhunderte, aus dem nur hier und da verwitterte Reste ragten. Ein Römergeschlecht, das wenig gemein hatte mit dem Heldenvolk, das diese Bauten erstellt hatte, hauste dazwischen samt allerhand Getier in Unterkünften, die aus vorgefundenen Steinquadern und Ziegeln zusammengestückelt waren, zwischen denen hier und da Säulentrommeln oder behauene Sims- und Gebälkteile steckten. Auf dem Forum Romanum, auf dem einstmals Weltpolitik gemacht wurde, weidete man Vieh, weswegen es „campo vaccino“, Feld der Kühe, genannt wurde.

Piranesi nahm im Stadtgebiet so gut wie jedes antike Gemäuer auf, dessen er habhaft werden konnte, und bannte es – in begleitenden Texten streitlustig immer den Vorrang der Römer vor den Griechen betonend – mit dramatischen Licht- und Schatteneffekten detailreich auf die Kupferplatte. Nach Art seiner Profession arbeitete er dabei einerseits penibel mit Bandmaß, rechtem Winkel und Zirkel. Von den perspektivischen Bühnenzaubereien der Bibienas, die er schon in den Opernhäusern seiner Heimatstadt kennen gelernt hatte, und den Deckengemälden in den neueren römischen Kirchen, allen voran der ins Unendliche strebenden Himmelsarchitektur des Andrea Pozzo in St. Ignazio, hatte er aber auch gelernt, wie man durch eine freie Handhabung von Linien und Winkeln die „magnifizierende“ Wirkung der Abbildungen erhöhen konnte. Das Kolosseum etwa stellte er nicht nur so dar, dass es sich vor dem Betrachter wie ein gigantischer architektonischer Organismus aufbläht, neben dem der Titusbogen wie ein Schoßhündchen wirkt. Er dehnte die elliptische Form der Arena dabei dergestalt zur Hyperbel, dass ihre Arkaden ins Unendliche zu führen schienen.

Auch außerhalb der Stadt war Piranesi auf den Spuren der Alten. Er hielt sich vor allem immer wieder in Tivoli auf, das schon im Altertum, als es – noch weniger spielerisch – Tibur hieß, die Menschen angezogen hatte, welche sich fern des Getriebes der Weltstadt auf das wahre Leben zu besinnen versuchten. Dort radierte er mehrfach den grandios über den Wasserfällen des Anio thronenden Rundtempel der Sybille und – in gerader Linie suggestiv in die Tiefe des Bildraumes führend – die mächtigen übereinander stehenden Bogenreihen eines Heiligtums oberhalb der Schlucht des Anio, welches man für die Substrukturen der Villa des Mäzenas hielt, wobei er seiner Neigung, mit unendlicher Akribie auch die feinsten Schattierungen und Lichtbrechungen zerfallenden Mauerwerks festzuhalten, hier in besonderem Maße freien Lauf ließ. An der Via Tiburtina nahm er den Rundbau des Plautiergrabes mit seinen großen Ehrentafeln auf und steigerte die Größe des Todesmonumentes durch die Verwendung divergierender Maße ins Übermenschliche. Am Meisten zog ihn aber das Gelände des Landsitzes an, den der Kaiser Hadrian gegen Ende seines Lebens nach eigenen Entwürfen unweit von Tivoli bauen ließ.

Hadrian, unter dem Rom, davon war Piranesi überzeugt, den Höhepunkt seiner Macht, seiner Zivilisation und seiner Gestaltungskraft erreichte, Hadrian war sein Lieblingsheld, weswegen auf seinem Arbeitstisch immer ein Stück der bunt geäderten Marmorinkrustation der tiburtinischen Villa lag. Als Architekt, der nur wenige Bauaufträge bekam – es waren sogar bloß Umbauten -, war Piranesi schon davon fasziniert, dass der bärtige Philosoph im Staatsamt auf seinen jahrelangen Inspektionsreisen, bei denen er zu Fuß bis in die fernsten Winkel seines Riesenreiches vordrang, nicht von Soldatenkohorten, sondern von „Regimentern“ von Bauhandwerkern begleitet wurde, deren „Offiziere“ Architekten waren, und dass er dieselben überall, wo er Halt machte, prachtvolle Bauten errichten oder wiederherstellen ließ. In besonderem Maße war er davon beeindruckt, dass und vor allem auf welche Weise dieser milde Herrscher sein außerordentliches Leben schließlich in einem Bauwerk resümierte. Der weit über die hügelige Landschaft verstreute Villenkomplex hatte in verkleinerter Form alles, was für einen Römer zum gehobenen Leben gehörte – Theater, Odeon, Basilika, Arena, Stadion, Seen, Tempel, Wandelhallen und Thermen, einen Saal der Philosophen und je eine römische und eine griechische Bibliothek. Vor allem aber war die Villa voller Erinnerungen an Orte, Menschen und Gegenstände, die im Leben des Kaisers wichtig geworden waren. Man fand hier Nachbildungen von Bauwerken, die er auf seinen Reisen besucht hatte, etwa des berühmten Osiristempels von Canopus in Ägypten samt einer verkleinerten Kopie des dortigen Kanals, der malerisch von Statuen und Säulen umstanden war. Überall standen Abbilder von Göttern, die er verehrte, oder Personen, welche er liebte, allen voran des vergötterten und vergöttlichten schönen Jünglings Antinous, der auf einer seiner Reisen bei einem Bad im Nil ertrunken war. All das veredelten ausgesuchte Bauornamente und zahllose Kunstgegenstände nach dem Muster der Meister, die im Bereich seines Reiches einmal tätig gewesen waren, darunter wunderbar gearbeitete Kandelaber, feinste Mosaiken sowie herrliche Gemälde und Fresken. Im Laufe der Zeit war so ein Bauwerk entstanden, das so vielfältig und einheitlich wie das römische Reich und zugleich so reich und unsymmetrisch wie das Leben war. Piranesi schien, dass Hadrian mit diesem Bau ein Werk geschaffen hatte, das wie kein anderes die feste Schönheit der römischen Kunst und überhaupt den ganzen Glanz einer Welt spiegelte, die sich im Laufe ihrer Zeit in immer wieder ähnlicher Weise reproduziert hatte …..

Der vollständige Text findet sich auf der Seite "I.1) Piranesis Räume", eine Auflösung der Identität der Personen der Kulturgeschichte, welche im Text auftreten, auf der Seite Auflösung Piranesipersonal.

Ein- und Ausfälle (China – 6)

Es mag sein, dass die moralischen und seelischen Superlative wie „Platz des himmlischen Friedens“, „Halle der vollkommenen Harmonie“, „Palast des reinen Wohlwollens“ mit der sich im alten China die Führungsebene umgab, reichlich paradiesisch und im Hinblick auf die unruhige und mitunter ziemlich blutige chinesische Geschichte auch nicht gerade realitätsnah sind. Es stellt sich aber die Frage, ob es nicht besser ist, die Ausrichtung eines Gemeinwesens mit übertriebenen Wunschvorstellungen zu garnieren, als zu versuchen, die Menschen mit Bildern exzessiver Grausamkeit auf Kurs zu halten, als da sind: die „Vertreibung aus dem Paradies“, das massenhafte Ersäufen in einer „Sintflut“, die strafweise Vernichtung von Stätten abweichenden Verhaltens wie „Sodom und Gomorrha“, der elende „Kreuzestod“ einer edlen Führungsfigur und ein unerbittliches „Jüngstes Gericht“ einschließlich der von ihm verhängten Strafe ewigen Schmorens in einer „Hölle“.

Briefe aus der Wendezeit – Teil 4

Stuttgart, 21.2.90

Lieber Frank,

während alles über die deutsche Einheit redet, lohnt es sich vielleicht noch einmal, auf die Zweistaatlichkeitsdiskussion und ihre Ableger zurück zu kommen – Deutschland schwierig Vaterland!

Die noch vor Kurzem ziemlich dezidiert vorgetragene Meinung, es gelt das politische Gebilde der DDR mit seiner „in vierzig Jahren gewachsenen eigenen Identität“ zu erhalten, vor allem um die „Errungenschaften des Sozialismus“ zu retten, ist erstaunlich schnell gealtert und wirkt jetzt wie der Schnee von gestern. Durch die Konfrontation mit den „westlichen Lebensverhältnissen“ ist ihr gewissermaßen die innere Substanz davongelaufen. Interessant an der Diskussion um den Dritten Weg ist fast nur noch die Schnelligkeit, mit der sie zusammengebrochen ist. Denn mehr alles andere verweist dies auf den Druck, unter dem sich die Bevölkerung der DDR befunden hat. Historiker und Soziologen werden das Schicksal dieser Diskussion einmal als besonders beeindruckendes Beispiel dafür heranziehen, wie  Ideen von den Tatsachen ganz einfach überrollt werden können. Sie ist in der Tat ein ungewöhnliches Schauspiel, diese Revolution ohne geistige Führer und Vordenker. Immerhin hat sie sich gegen Konzepte durchgesetzt, die jahrzehntelang (eigentlich sogar ein Jahrhundert lang) mit einem Aufwand propagiert wurden, der in der Geschichte ziemlich beispiellos ist (dabei sehe einmal von einer schon mehrfach angesprochenen anderen Doktrin ab). Marx hat wieder einmal recht: Das Sein bestimmt das Bewußtsein; was ja wohl auch heißt, das man die Köpfe der Menschen über ein gewisses Maß hinaus nicht manipulieren kann. Hinzu kamen die mehr als unklaren Zukunftsaussichten eines Dritten Weges. Was wäre er anderes gewesen als ein weiteres Experiment auf dem Rücken eines Volkes, das bereits zwei Mal tragisch in die Irre geführt worden ist? Wer hätte hierfür die Verantwortung nicht nur zu übernehmen (wie dies Honecker jetzt „billigerweise“ mit Worten getan hat), sondern auch wirklich tragen können? Nicht gerade passend war es zudem, wenn derartige Experimente von unserer Seite propagiert wurden. Man wurde dabei das Gefühl nicht los, als hingen einige Intellektuelle damit ihren Träumen über das Schicksal anderer nach, wobei sie deren Verwirklichung vermutlich lieber in der kapitalistischen Hälfte der Welt abwarten wollten. Angesichts der gegebenen Tatsachen sind Rufe nach neuen Experimenten auch so gut wie verstummt (was keine unbedeutende Angelegenheit ist – immerhin scheint damit eine Denkepoche zu Ende zu gehen). Vielleicht wird die Bedeutung der Revolutionen des letzten Jahres einmal darin gesehen werden, dass das Volk mit Tatsachen die ziemlich freihändigen Behauptungen über seien Willen widerlegt hat, die seine selbsternannten Interpreten pausenlos im Mund führten.

Inzwischen ziehen sich die Verfechter der Zweistaatlichkeit auf eine neue Verteidigungslinie zurück, auf die Behauptung nämlich, dass Deutschland als Ganzes eine Gefahr sei. Eine Variation dieser Behauptung ist die von allen möglichen Seiten erhobene Forderung nach irgendwelchen Garantien, wobei keiner so recht sagt, was darunter eigentlich zu verstehen ist. Und damit einher geht die Rückverwandlung unserer Verbündeten (und der Sowjetunion) in Siegermächte. Ich muß gestehen, daß ich diese Diskussion mit einem unguten Gefühl verfolge und sie selbst als Gefahr betrachte. Schon eine andauernde Selbstzerfleischung eines Volkes kann nur zu politischen Neurosen führen (einige haben wir schon – u.a. den neuen Rechtsradikalismus). Noch weniger kann es gut gehen, wenn andere Regierungen Deutschland, weil es unter ganz anderen Bedingungen versagt hat, auf Dauer wie einen Unzurechnungsfähigen behandeln wollen. Im Politischen muß es wie im Persönlichen so etwas wie Verjährung geben, ein Institut, das dem Rechtsfrieden, im Völkerrecht also dem Frieden unter den Völkern dient. Und diese Verjährung sollte doch spätestens eintreten, wenn die Generation abgetreten ist, die für früheres Unglück unmittelbar verantwortlich ist. Auch wenn unmittelbar Betroffene vielleicht noch Probleme mit dem Frieden haben, wofür man Verständnis haben kann, so wäre doch von den Regierungen mehr nach vorne gerichtetes Denken und damit Vernunft zu erwarten.

Es war vielleicht eine der größten politischen Leistungen der letzten 40 Jahre, dass es gelungen ist, aus höchst belasteten Nachbarschaftsbeziehungen (wie denen zu Frankreich) das Freund – Feind Denken herauszubekommen. Tatsächlich hatte die Verständigung zwischen den Menschen bereits eine Normalität erreicht, dass man sich zu fragen anfing, wie die Verbissenheit vergangener Zeiten überhaupt möglich war. Diese Errungenschaft gilt es zu bewahren und nicht durch Rühren in alten Wunden zu gefährden. Ich kann nur hoffen, dass durch die unguten Diskussionen dieser Tage nicht zu viel des – offensichtlich sehr dünnen – Porzellans zerschlagen wurde.

Und nichts gegen die Verteidigungsinteressen der Sowjetunion. Aber im Augenblick klingt es so, als seien die „Garantien“ nur erforderlich gegen einen deutschen Gesamtstaat, der durch eine Vergrößerung um 16 Millionen Menschen gerade auf ein Viertel der Bevölkerung der Sowjetunion angewachsen wäre (von der Größe des Territoriums und deren Waffenarsenalen mal ganz abgesehen. Komisch, wenn von übermäßiger Größe und den daraus resultierenden Ungleichgewichten die Rede ist, fällt mir immer zuerst die Sowjetunion ein. (Davon, dass sie die Gefahren übermäßiger Größe gerade erst exemplarisch verwirklicht und eine ganze Reihe von Ländern in den Ruin getrieben hat, – insoweit besteht denn doch ein wesentlicher Unterschied zur westlichen Führungsmacht – will ich gar nicht weiter reden).

Aber ich will nicht aufrechnen. Eigentlich meine ich, dass das Denken in Konfrontationskategorien insgesamt höchst überflüssig ist und dass man die europäischen Probleme nur in partnerschaftlicher Diskussion in den Griff bekommen kann – wobei sich, wenn keiner Hegemonialansprüche stellt, schon bald herausstellen wird, dass der ganze militärische Quatsch überflüssig ist.

Womit wir wieder bei meiner Lieblingsidee sind. Daß alles Quatsch war, zeigt am besten der augenblickliche Zustand der NVA. Einstmals hatte sie das bestgezimmerte Feindbild aller Armeen. Jetzt wo man es ihnen genommen hat, wollen die Burschen nicht mehr. Und nun diskutiert man gar über ein Zusammenlegen dieser Männerspielzeuge, was im Verhältnis zueinander ihrer Aufhebung gleich kommt (ein altes mathematisches Gesetz -1 + 0 = 0; man hat bloß noch nicht gemerkt, dass es sich um ein universelles Gesetz handelt und dass seine umgangssprachliche Version lautet: zum Streiten gehören immer zwei – oder anders formuliert: Löse Deine Armeen auf und die „gegnerischen“ Soldaten fragen sich, warum sie durch den Dreck robben sollen. Irgendwann, wenn auch spät, kapieren das auch die Generäle, spätestens wenn niemand mehr im Dreck liegt,  und ganz am Ende auch unsere Verteidigungsminister.). Ich bin mal gespannt, wer von uns beiden Recht behält mit der Zieldimension, innerhalb deren die Militärspielereien aufhören – oder, ich bin ja kompromisbereit, auf ein Minimum reduziert werden. Allerdings werden wir es nur erfahren, wenn ich Recht habe.

Ein paar Worte noch zur deutschen Einheit. Was mich zur Zeit am meisten interessiert, ist, wie die Übergangsregelungen lauten werden. Renten, Sparguthaben und Währung nicht in Griff zu bekommen, können sich unsere Stürmer und Dränger nicht leisten, wiewohl es vermutlich „ein bisschen“ teurer kommen wird, als sie es zuzugeben wagen.

Aber bislang habe ich zu folgenden Fragen wenig  Überzeugendes gehört:

Wo liegen – vorläufig – die Grenzen des Vermögenserwerbs durch die Kapitalisten in der DDR? Man wird ja die ungleichen Vermögensmassen kaum ungeschützt aufeinander loslassen können – und doch will man Kapital in der DDR.

Wie sollen die Löhne der DDR – Bewohner alsbald auf unser Niveau gehoben werden? Ohne vergleichbare Produktivität kann dies ja nicht möglich sein. Schließlich kann man Wohlstand nicht ausschließlich durch administrative Maßnahmen herbeizaubern.

Wie sollen die Verzerrungen innerhalb der Wirtschaft der DDR ausgeglichen werden, die mit dem Einmarsch westlichen Kapitals unausweichlich auftreten werden? Es liegt auf der Hand, dass man nicht von heute auf morgen eine gesamte Volkswirtschaft modernisieren kann. Die Entwicklung wird von Inseln der Produktivität in Gang gesetzt werden, die im Laufe der Zeit ausstrahlen werden. Dazwischen wird es erhebliche Untiefen geben. Manche Inselwirtschaften sind ziemlich zählebig (vgl. das duale System in den meisten Entwicklungsländern).

Wie kann in Kürze der erforderliche administrative Apparat geschaffen werden? Auch die kapitalistische Wirtschaft lebt ja nicht nur von Ingenieuren, Arbeitern und Maschinen. Und das administrative „Know How“ setzt nicht nur entsprechende Gesetze, sondern vor allem geschulte und erfahrene (!) Anwender und das heißt Interpolatoren voraus (Beamte, Manager, Steuer- und Betriebsberater, Anwälte – bei Euch gibt es 600 Anwälte, bei uns 40.000 – , etc).

Ich weiß nicht, wie man diese Fragen unter dem Zeitdruck vernünftig lösen will, unter den uns einige Leute hier setzen wollen. Schließlich gibt es kein Modell für die Überleitung zweier so unterschiedlicher Systeme. Eine untunliche Eile würde zu ungeheueren Improvisationsverlusten führen. Deshalb sehe ich im Augenblick keine andere Lösung als mit ziemlich geräumigen  Übergangsphasen zu rechnen. Und für diese Zeit sind Eure Interessen vermutlich am besten von einer Regierung der DDR zu wahren – daher so bald keine Vereinigung der beiden Staaten.

Zur Zeit wird reichlich viel aus der Hüfte geschossen, wobei sich niemand so recht darüber im Klaren zu sein scheint, wer davon getroffen wird. Fast rührend ist dabei die Hilflosigkeit Euer Pfarrer- Anwalts- und Jungpolitiker. In manchem erinnern sie mich an Medizinmänner, die die Wirklichkeit durch magische Rituale und Formeln zu bannen versuchen (bloß dass das Volk rationalistischer als seine Führer ist). Und manche klingen sie wie Papageien, die nachplappern, was sie nicht verstehen (können). Es gibt ja Leute die behaupten, in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem setze sich die ökonomische Rationalität auch gegen den mangelnden Sachverstand der Eliten durch. Vielleicht haben sie ja Recht – wenigstens für die Übergangphase.

So viel für heute.

Grüsse

Klaus


Stuttgart, 1.3.1990

Lieber Frank,

es ist wieder einmal Historisches passiert – im Kleinen. Nach soviel Theorie war nun endlich Praxis von Nöten. So hielt es uns nicht länger bei Briefen, Diskussionen, Zeitungen und Fernseher. Samstag, 24.2., fuhren wir kurzentschlossenen nach Franken, wo mein Bruder nicht weit von der Grenze wohnt. Wir konnten es nicht erwarten. Noch am gleichen Tag, gegen 17 Uhr begaben wir uns zum Grenzübergang Hellingen – voller Erwartungen und erregter Gefühle. Eine frisch angelegte Straße führte vom Grenzort unvermittelt in einen Wald, mitten darin auf einer Lichtung fanden sich einige Container, in denen Grenzbeamte saßen. Ja und dann war schon Endstation. Judi durfte nicht einreisen. Sie brauchte ein Visum wegen ihres australischen Passes und das war – Ordnung muß auch inmitten einer Revolution sein – nur im 130 Kilometer entfernten Hirschberg zu haben. Da standen wir mit unseren aufgewühlten Politgefühlen als zwei von der Bürokratie begossene Pudel – mitten in einem fränkischen Wald. Theorie und Praxis sind eben doch zwei Paar Schuhe. Vermutlich ist die Erfahrung nicht ganz untypisch für die deutsch-deutsche Annäherung. Der Teufel der Vereinigung steckt am Ende im Detail und so manche hochgesteckte Erwartung wird wohl noch enttäuscht werden.

Nun – Judi hatte ein Einsehen mit meinen verwirrten „vaterländischen“ Gefühlen. Sie war bereit, in der einzigen Kneipe des gottverlassenen Grenzdorfes abzuwarten, bis mein erster Drang nach Osten befriedigt war und so fuhr ich denn alleine über die Grenze. Die neue Straße ging noch bis zum ersten DDR-Ort (Hellingen), dann endeten die glatten Straßenränder und es galt auf Schlaglöcher zu achten.

Mit wie weit geöffneten Augen und welcher Erregung man ein Land betrachtet, das einem so lange und unter so gewalttätigen Umständen verschlossen war, brauche ich Dir nicht weiter zu schildern, Du hast es gerade hinter Dir. Allerdings sind unsere Reisen wohl in zwei verschiedene Richtungen, bloß dass meine Reise in die Vergangenheit zu führen schien. Fasziniert streifte ich durch die holprigen, z.T. noch ungepflasterten Straßen von Heldburg, einem größeren Dorf mit einer stattlichen gotischen Kirche, die Innen recht gepflegt aussah. Ich weiß nicht, ob Du es dekadent findest, aber ich spürte so etwas wie Freude darüber, daß die großen Modernisierer, die Vereinfacher und Begradiger hier noch nicht am Werk waren. überall fielen mir Details auf, die bei uns längst wegsaniert wären, verwitterte Türen, steinerne Regenfänger, Beschläge, Schnitzereien. Auffallend, dass einige Fachwerkhäuser gut, manche sogar (verdächtig?) prächtig herausgeputzt waren. Vieles freilich harrt noch der Renovierung. Hoffentlich sucht man dabei nicht Zuflucht bei „pflegeleichten“ Kunststoffassaden, wie so häufig bei uns. Ich fürchte, daß ihr demnächst von einer höllischen Spezies dienstbarer Geister überfallen werdet, die nicht nur im Vermögen geschäftsungewandter Hausbesitzer, sondern auch in den Stadtbildern eine teuflische Spur zu hinterlassen pflegt. Wir nennen sie Fassadenhaie -und Ihr solltet an jeder Straßenecke eine Warnung gegen sie anbringen.

Natürlich sah ich auch verfallende Häuser, eingestürzte Dächer, zugige Fenster und ungepflegte Betriebe. Aber in manchem Haus wurde auch eifrig gewerkelt (beim ein oder anderen stand ein Fahrzeug mit westdeutschem Kennzeichen davor, im Kofferraum der Werkzeugkasten; jetzt ist die Zeit, sich einen Landsitz zuzulegen!).

In der beginnenden Dämmerung machte ich noch eine kleine Rundfahrt durch die umliegenden Ortschaften und fuhr dabei einige Kilometer am Grenzzaun entlang. Die Fertigung von Metallgitterzäunen muß bei Euch ein ganzer Wirtschaftszweig gewesen sein – (er wird, obgleich konkurrenzlos, wohl nicht zu halten sein). Dann wurde es dunkel und ich befreite Judi aus ihrer Dorfkneipe.

Natürlich ließen wir uns von den Bürokraten nicht so leicht abschütteln. Gemessen an den Jahrzehnten, die wir bislang gewartet hatten, waren zwei Stunden Umweg ein Klacks. Am Tag darauf, Sonntag, fuhren wir also (mit Bruder und unserer Ältesten) nach Hirschberg, wo uns neue Abenteuer erwarteten. An der Grenze angekommen, fanden wir am Schalter des „Reisebüros der DDR“ nur einen zugezogenen Vorhang. Es fehlte jeder Hinweis darauf, was daraus zu schließen sei. Mehrere Ausländer warteten offenbar schon seit einiger Zeit. Vor ein paar Jahren stand ich im gleichen schäbigen Raum, damals um für mich eine jener absurden „Identitätsbescheinigungen“ für die Fahrt nach Berlin (West) abzuholen, die bei fehlendem Reisepaß auf der Grundlage unseres Personalausweises (!) ausgestellt wurden – gegen einen kräftigen Obolus für Schalk-Goladkowskis Devisenkasse versteht sich. Seinerzeit herrschte gedrückte Stimmung im Raum. Man schluckte seinen Ärger über die demütigende Behandlung durch die Grenzbeamten notdürftig herunter und fluchte allenfalls leise vor sich hin – vor lauter Angst, daß einem die Durchfahrt durch das Arbeiter- und Bauernparadies verwehrt werden könnte. Ohnehin war man durch das ungeheure Brimborium dieser Grenze eingeschüchtert, den mehrfachen Sperren und allgegenwärtigen Zäunen, Sicherheitsstreifen, Wachhunden, Maschinenpistolen und Wachtürmen. Jetzt herrschte in diesem Raum geradezu eine revolutionäre Stimmung. Man beschwerte sich lautstark wegen der mangelnden Information über den Fortgang des Verfahrens und ließ seinem Sarkasmus über den dürftigen Fortschritt in der Menschenbehandlung freien Lauf. Die angegriffenen Beamten, verteidigen sich nur noch mit Resten der früheren Selbstherrlichkeit. Schließlich erschien die Dame, die an einem der meistbefahrenen Grenzübergänge Europas allein für die Abfertigung der Ausländer zuständig war – sie war beim Mittag gewesen. Sie erklärte, daß Judi für die Einreise in die DDR eine „touristische Leistung“ buchen müsse – am preisgünstigsten sei ein Campingaufenthalt, Kostenpunkt 25 Mark (West versteht sich) plus 3 DM Buchungsgebühr. Tatsächlich wurde uns ein Buchungsbeleg in dem üblichen Format der Tourismusbranche ausgestellt für einen Campingplatz namens „Kleiner Galgenteich“ in 8424 Altenberg, von dem man uns nicht einmal sagte, wo er sich befindet, ganz abgesehen davon, daß Judi nicht gewünscht hatte, die touristische Leistung gerade auf diesem in Anspruch zu nehmen. (Vielleicht kannst Du uns mitteilen, wo der ohne Zweifel idyllische Ort liegt, denn unser monumentaler „Deutscher Generalatlas mit Ortregister spart diesen Eueren Teil unseres Vaterlandes kurzsichtigerweise aus.) Es scheint, daß man von sich der Gewohnheit noch nicht ganz hat trennen können, die Dinge beim falschen Namen zu nennen (oder sie bei Bedarf geradezu in ihr Gegenteil umzudefinieren, wie z.B. beim „antifaschistischen Schutzwall). Nun Modrow hat zur Zeit wahrscheinlich Wichtigeres zu tun, als sich mit der Terminologie des Zwangsumtauschs zu beschäftigen und so haben wir das Ganze als Kuriosität der Revolution abgebucht.

Aber mit dieser Zahlung hatte es nicht sein Bewenden. All dies war erst die Vorraussetzung für ein Visum. Der Beamte am Schlagbaum, der nun wieder hierfür zuständig war – er war gottlob nicht beim Essen – erlaubte sich zunächst einmal den (allerdings eher unwirsch vorgetragenen) Scherz, das Visum sei bei der Botschaft zu beantragen. Gegen eine Gebühr von 15 DM, die wir gegenüber dieser Drohung geradezu als Wohltat empfinden mußten (vermutlich auch sollten), gewährte er uns dann doch den ersehnten Stempel. Nach diesem stattlichen Eintrittsgeld von 43 DM, (plus einem beachtlichen Hindernislauf) konnte nun auch Judi das noch immer leicht kratzbürstige Land betreten.

Wir fuhren entlang der südlichen Grenze der DDR und kamen dabei auch durch einige mittelgroße Städte wie Saalfeld und Rudolstadt (von denen ich vorher noch nie gehört hatte). Das war dann keine fränkische Idylle mehr. In den Dörfern scheint ja eine gewisse erhalten gebliebene Eigeninitiative dem Verfall Grenzen zu setzen. Jetzt fielen die heruntergekommenen Industrieanlagen auf, die zerfallenden Altstadtbezirke und die trostlosen Neubaugebiete in der berüchtigten Plattenbauweise (letztere scheint zum äußeren – und vermutlich ziemlich langlebigen – Markenzeichen der DDR bestimmt zu sein); all das eingenebelt in den wahrlich umwerfenden Braunkohlequalm. Irgendwo stand eine alte Fabrikantenvilla im prächtigsten französischen Neorenaissancestil. Durch den ungepflegten Garten, in dem noch allerhand Statuen und Brunnen beziehungslos umherstanden, liefen dicke Industrierohre, die zu einer häßlichen Chemiefabrik im Hinterhof führten – sozialistische Romantik. Die Bevölkerung nahm unsere Anwesenheit anscheinend nicht weiter zur Kenntnis. Man könnte von einem kühlen oder Nicht – Empfang sprechen und über dessen Gründe spekulieren – ja wer zu spät kommt, den …

Angesichts der langen Reise war unser Programm ziemlich gedrängt. Wir beschlossen daher, keine Zeit für eine Einkehr zu vergeuden, solange es hell war. Als es dann aber dunkel war, wurde uns, d.h. vor allem unserem Magen klar, daß die Restaurants in der DDR nicht gerade dicht gesät sind. Und so verließen wir das Land nach einer kurvigen Fahrt durch den Thüringerwald – kräftig verfahren haben wir uns auch noch – mit leerem Magen aber von der touristischen Leistung „gefülltem“ Geldbeutel.

Ich war auch noch an den folgenden beiden Tagen in der DDR. Darüber werde ich Dir im nächsten Brief berichten. Inzwischen ist auch Dein historisch-dialektischer Brief hier angekommen – auch hierüber im nächsten Brief.

Ich füge Dir noch einen Aufsatz des Chefs der baden-württembergischen Zentralbank, Kloten, aus der Stuttgarter Zeitung bei, der ein mögliches Szenario für die Wirtschaftsangleichung unserer beiden Länder enthält. Danach werden die künftigen Löhne in der DDR ihren Ausgangspunkt im jetzigen Lohnniveau haben. Ich weiß nicht, ob dies insbesondere aber die Konsequenzen hieraus, all denen klar sind, die es jetzt mit der Vereinigung so eilig haben. Bei einem jährlichen Zuwachs von 10% (entsprechend der Steigerung der Produktivität, die Kloten annimmt) würde dies bedeuten, daß die Löhne noch auf viele Jahre deutlich niedriger als in der Bundesrepublik wären. Dies kann aber nur bedeuten, daß viele Waren, die im Westen produziert werden, auf längere Sicht kaum zu bezahlen sein werden, zumal deutlich größere Anteile Eures Einkommens künftig für Wohnung und Grundnahrungsmittel benötigt werden. Dies würde heißen, daß Waren für Euren Markt weitgehend bei Euch oder in einem anderen „Billigland“ produziert werden müssen. Wie dieses Nebeneinander zweier Märkte in einem Land funktionieren soll, ist mir schleierhaft. Wird der Abfluß in den „goldenen Westen“ nicht immer weiter gehen? Sollen etwa Beamte „Hüben“ und „Drüben“ unterschiedlich bezahlt werden – in West Berlin anders als in Ost Berlin?

So viel für heute

Grüße

Klaus


Berlin 2.3.1990

Lieber Klaus!

Ich bleibe dabei: Das Beeindruckendste in dieser Revolution ist Deine erwachte Schreibwut – und damit erstmal herzlichen Dank für Deinen Brief vom 14.02.90. Da ich nicht mehr ohnehin Geschriebenes einfach nochmals ausdrucken und Dich damit bombardieren kann, sind mir Deine Briefe zur Zeit einziger Ansporn, etwas zu Papier zu bringen. Von allein würde ich es derzeit wahrscheinlich nicht tun.

Ringsumher warten alle mehr oder weniger apathisch auf irgendwas – und die Nervenzusammenbrüche häufen sich. Bei Paula vorgestern Abend. Angstzustände, Weinkrampf. Nachts, auf dem Weg von der Toilette fiel sie dann buchstäblich um – Ohnmacht, Erbrechen. Naja. Der Notarzt kam nach einer dreiviertel Stunde, hat den Blutdruck gemessen und gesagt, wir sollten dann am nächsten Morgen in die Poliklinik gehen. Da sie allein noch nicht den Weg zum Arzt machen konnte, bin ich gestern nicht zur Arbeit und habe sie begleitet. Die „Ausbeute“ war ein Beruhigungsmittel, Salbe für die Blutergüsse (sie ist bei der Ohnmacht gegen die Türkante geschlagen) und ein Krankenschein für die nächsten 8 Tage. Es wird einem schon was geboten hier für 10% Sozialversicherungsbeitrag.

(Letzter) Auslöser war hwsl., daß sie immer noch nicht weiß, ob sie im Betrieb bleiben kann, aber am Vortag erfahren hatte, ihre Abteilung würde erstmal „umstrukturiert“ (für Paula mit kräftigem Einkommensverlust) – und zwar ab 1. März. Als wir zu Hause abends gemeinsam einen entsprechenden Protest formulieren wollten, konnte sie plötzlich den Stift nicht mehr halten, weinte, hatte Schwindelgefühle und Atemnot und weiter siehe oben.

Das Verhalten ihres Betriebes (Dewag, Werbebranche, ein ehemaliger Parteibetrieb, der sich viel und vorrangig mit „Stadtgestaltung“, Umzügen, Volksfesten, Demonstrationen etc. befaßt hat) ist in gewissem Sinne typisch. Die Gewerkschaften sind praktisch tot (falls sie überhaupt je gelebt haben) und unsere „Wirtschaftskapitäne“ führen sich derzeit auf wie die schlimmsten Urkapitalisten (oder das, was sie dafür halten). Der Knalleffekt dabei ist, daß es im wesentlichen noch dieselben Leute sind, die vor einem halben Jahr mit Parteiabzeichen am Revers und langem Zeigefinger die „Zweidrittelgesellschaft“ verteufelt haben. Allein die Drohung, es würde demnächst nach Aspekten der Effektivität verfahren, macht sie zu reißenden Sozialtigern. Der Verdacht drängt sich auf, daß etliche eine ausgesprochene Ätsch-Haltung einnehmen und ein prickelndes Gefühl dabei empfinden dem dummen Volk nun einmal vorzuführen, was es sich mit seiner unbegründeten Revolution alles so eingehandelt hat.

Folgerichtig verstärken sich die Zukunftsängste und mit ihnen der Wunsch nach einem „Ende mit Schrecken“ statt eines „Schrecken ohne Ende“. Alles läuft zunehmend in Richtung eines bedingungslosen Anschlusses nach dem berühmten Artikel 23 GG. Leider tut auch die Bundesregierung nichts, was den Leuten hier irgendwelche Hoffnungen macht, und so geht der Trend in Richtung Zusammenbruch der Wirtschaft, obwohl es einen sachlichen Grund dafür eigentlich gar nicht gibt. Sicher, wir hatten ein mieses Wirtschaftssystem. Aber daß es innerhalb von wenigen Wochen nun nicht mal mehr dazu taugen soll, Land und Leute auf dem erreichten Niveau zu halten, ist natürlich Quatsch.

Sich in der ziemlich verworrenen Lage bei uns zurecht zu finden, ist praktisch nur noch möglich, wenn man sehr scharf die Frage stellt, wem (von denen, die überhaupt entscheiden können) die einzelnen Entwicklungen und Entscheidungen nützen. Insofern kommt man sehr schnell darauf, daß die unsichere Situation und die Ängste der Menschen eigentlich zwei Gruppen in die Hände arbeiten: Unseren alten Führern, die sich damit im nachhinein bestätigt fühlen können, und den Machthabern bei Euch, die unseren Laden um so billiger bekommen, je trostloser es hier aussieht.

Die meisten von denen, die einst diese Revolution ausgelöst und/oder begrüßt haben, stehen ergriffen vor dem, was daraus geworden ist. Das beste Beispiel dafür sind wohl unsere Künstler, die im Herbst eine hervorragende Rolle spielten, und sich nun (und ich sage das ohne jeden Vorwurf) vor allem um ihre persönliche Zukunft sorgen (und kümmern). Praktisch wird auch nach der Wahl niemand da sein, der mit der Bundesregierung noch irgendwelche ernsten Verhandlungen führen kann. Auch der ersten (und letzten) unserer demokratisch gewählten Regierungen wird nichts anderes übrigbleiben, als ergeben die Beschlüsse von Herrn Kohl zur Kenntnis zu nehmen.

Der nimmt derweil eiskalt in Kauf, daß auch bei Euch die Zukunftsängste zunehmen und der Ärger auf die übersiedelnden Zonis wächst. Über letzteres bin ich gar nicht mal so böse, denn wenn überhaupt haben wir in den zukünftigen östlichen Bundesländern nur dann eine Chance, wenn sich hier alle darüber im klaren sind, daß sie stetig, allmählich und vor allem nur gemeinsam vorankommen. Solange das Geld des Bundeshaushaltes für die Übersiedler ausgegeben wird, statt es in die „Zurückgebliebenen“ zu investieren, und es für jedermann lukrativer ist, im Westen arbeitslos zu sein statt im Osten zu ackern, wird daraus jedoch nichts. Jeder wird dann auch weiterhin sein Problem einfach dadurch lösen, daß er rübergeht.

Trotzdem bin ich ein wenig optimistisch, auch aufgrund der Interessenlage von Herrn Kohl. Kurz vor der Wahl wird er sicher ein paar Bonbons versprechen für den Fall, daß seine Freunde hier ans Ruder kommen, und ich rechne auch mit ein paar handfesten Drohungen für den Fall, daß nicht. Im Hinblick auf eine vielleicht schon gemeinsame Bundestagswahl im Dezember kann es sich auch niemand leisten, 12 Millionen neue Wähler hier zu verärgern.

Die Bonbons können natürlich um so kleiner sein, je verunsicherter hier die Leute sind usw. Ich denke also, es wird (mit schrecklichen Überschwingern nach allen Seiten aber) irgendwie doch in die richtige Richtung laufen – vorausgesetzt, es gelingt der Bundesrepublik sich zu beherrschen, den glänzenden Sieg des Kapitalismus bis zur Neige auskosten zu wollen. Falls nicht, hätte ich doch arge Bedenken, nicht zuletzt auch was die Sozialstaatlichkeit angeht. Nicht umsonst fordern schon die ersten Unternehmerverbände die Wiedereinführung der 40-Stundenwoche (für mich allerdings würde das bedeuten, daß ich täglich eine Dreiviertelstunde eher nach Hause könnte) und es wird nicht der letzte Angriff auf Eure (und künftig unsere) „Errungenschaften“ sein.

Außenpolitisch sieht es noch trauriger aus. Auf das herrliche Gefühl, Polen und vor allem Russen ein wenig zappeln zu lassen, will der Herr Bundeskanzler offenbar nicht verzichten. Vielleicht sollte ihm mal jemand sagen, daß in seinen neuen Bundesländern etwa 300 000 Mann Sowjetarmee stehen, die (wie schon mal) zwar nicht die besten aber die meisten Panzer haben, besetzt mit Männern, die auch ohne eisgekühlte Coca kämpfen, und von Offizieren kommandiert werden, die auch nicht von Pappe sind, zumal sie seit fünf Jahren nicht mehr so viel saufen.

Es ist beeindruckend, mit welcher Unverfrorenheit jemand die Grenzfrage einer Gesamtdeutschen Regierung zuschiebt (daß er da formal im Recht ist, weiß ich als Hobby-Deutschlandpolitiker natürlich), die Frage der NATO-Mitgliedschaft aber wie selbstverständlich sofort und allein entscheidet. Hier hoffe ich auf „Genschman“, den ich mir gut auch als gesamtdeutschen Außenminister vorstellen kann. (Vor einem gesamtdeutschen Bundeskanzler Kohl, Waigel oder gar Rühe bewahre uns Gott!)

Apropos Politiker: Sicher ist Euch nicht entgangen, daß das Gros unserer gegenwärtigen Politszene einem Kasperle – Theater gleicht, das sich bemüht, ein Stück mit dem Titel „Bundesrepublik“ aufzuführen. Es ist peinlich, zumal unsere Marionetten auch noch mit ihren Puppenführern gemeinsam auftreten müssen, damit man erkennt, was sie spielen wollen/sollen. Farblos sind sie alle und damit ist auch klar, warum derzeit bei uns 2/3 Modrow für den sympathischsten Politiker halten, aber nur 15 % seine Partei wählen.

Genug für heute. Viele Grüße an Judy und die Kinder

Dein Frank


Bad Honnef 8.3.1990

Lieber Frank,

sicher wunderst Du Dich über den ungewohnten Absendeort, aber ich bin zur Zeit für eine Woche auf einer Tagung der Bundesfinanzakademie in unmittelbarer Nähe unseres Bundesdorfes. Rhöndorf, Adenauers Wohnsitz, liegt gleich um die Ecke. Idyllisch ist es ja bisweilen hier. Die Gegend ist klimatisch begünstigt. Architektonisch fühlt man sich wegen der vielen Villen fast an Italien erinnert. Aber hierhin eine Hauptstadt zu verlegen, war doch wohl mehr eine Idee des alternden Adenauers, dessen Wünsche hinsichtlich des Ambiente offen sichtlich schon von Ruhestandsbedürfnissen geprägt waren (darüber welche Auswirkungen dies auf seine Deutschlandpolitik hatte, will ich lieber nicht spekulieren).

Drüben in Bonn rauchen jetzt die Köpfe und der Rauch zieht über den Rhein bis zu uns herüber, wo natürlich, auch mit unseren Referenten aus der Ministerialbürokratie, eifrig über die „Lage der Nation“ diskutiert wird. Allenthalben ist Ratlosigkeit darüber zu verspüren, wie die Dinge in der Eile vernünftig weitergehen sollen. Wir Juristen sehen naturgemäß die praktischen Probleme, zumal wir in unserer Funktion als Sozialfeuerwehr die Feuer zu löschen haben, die die Politiker legen und dabei möglichst revolutionäre Flächenbrände mit der Ausrüstung für juristische Friedenszeiten eindämmen sollen. Nach einer Woche Bilanzsteuerrecht weiß ich, dass Ihr gerade dabei seid, Euch aus dem Paradies des Steuerrechts zu vertreiben. Hier sind als Folge des steuerlichen Sündenfalls mindestens 100 000 Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Bilanzbuchhalter u.a. zur (wohlbezahlten) Arbeit im Schweiße ihres Angesichts verdammt. Im Paradies soll es dagegen ganze 100 Steuerberater geben. Und dann gibt es hier noch die Wirtschaftsstaatsanwälte, wie ich, die dafür zu sorgen haben, dass es sich die genannten 100 000 und Millionen andere Paradiesflüchtlinge nicht zu gut gehen lassen (das entspricht etwa der Rolle, welche die Unterteufel mit ihren Dreizacks auf den alten Höllenbildern haben). Ob ihr Euch nicht nach dem Paradies zurücksehnen werdet? Manche tun es ja wohl schon, wenn man die steigenden Wahlaussichten der PDS in Betracht zieht.

Auch hier an der Akademie ist die Hektik schon ausgebrochen. In zwei Wochen erwartet man die ersten Spitzenbeamten Eurer Finanzverwaltung, die man in einem Schnellkurs auf den wilden Westen und seinen Steuerdschungel vorbereiten will. Auch sonst herrscht ziemliche Unruhe hier. Mancher Ministerialer muss um den Verlust seines sauer ersparten Vermögens bangen, nachdem die Bonner Grundstückspreise in den Keller fallen. Adenauers Grille macht(e) halt noch keine Hauptstadt.

Aber ich wollte Dir noch über meine restlichen Erlebnisse in der DDR berichten. Montag, 26.2., fuhr ich mit 3 Kindern – rein deutsche Mannschaft, Judi war der Spass zu teuer – wieder über die Grenze, diesmal ohne Probleme. Wir kamen über einige malerische Städtchen (z.B. Römhild mit einem großen Schloss, indem man einfach so wohnen kann, allerdings tatsächlich einfach) nach Meiningen. Das war etwas für mein Gemüt nicht nur, weil hier einige große Musiker am Werk waren (Reger, Richard Strauss, Hans v. Bülow). Meiningen, das ist ein elegisches Gedicht von einer Residenzstadt in einem vergilbten Bilderbuch aus der guten alten Zeit. Kirche, Schloss und Theater beherrschen die Szene, – ganz wie es sich gehört(e). Noch deutlicher als in den vergangenen Tagen wurde mir hier, dass Eure mangelnde Fähigkeit oder Bereitschaft zur städtebaulichen „Innovation“ in manchen Fällen geradezu zum Glücksfall werden könnte. Wo gibt es bei uns noch so unberührte Stadtzentren wie in Meiningen. Restauriert wäre die Stadt ein nostalgisches Schmuckstück – allerdings wird es teuer, vielleicht zu teuer werden. Die Zeit, da man glaubte, Altes erst einmal gründlich „modernisieren“ zu müssen, ist ja Gott sei Dank weitgehend vorbei. Ihr habt sie gewissermaßen verschlafen, was in diesem Fall tatsächlich einmal zu begrüßen ist. So besteht die auf Chance, das, was noch erhalten werden kann, ohne moderne Verkrampfungen zu retten. Hoffentlich wird sie genutzt. Bremsen muss man vor allem die Kreissparkassen, die sich gern durch Betonmonumente in historischer Umgebung verewigen (die Euren sind ja zur Zeit noch geradezu putzig). übrigens „beneide“ ich Euch in diesem Zusammenhang um Eure Ruinen; bei uns sind auch die erhalten gebliebenen längst „weggeputzt“.

Wegen des dauerhaften Regens verzogen wir uns zu nächst einmal in die bemerkenswert gut eingerichtete Stadtbibliothek. In den Regalen lagen jetzt eine ganze Reihe westdeutscher Zeitungen. Ich bekam bekam erstmals den „Sputnik“ in die Hände (wirkt eher dürftig heute); und eine DDR – Rechtszeitschrift, in der allerhand Unbeholfenes über Grundrechte stand, verpackt in einen Sprachwulst à la Marx und Hegel, der bei uns ziemlich seltsam wirken würde. In einer Bäckerei aßen wir etwas Kuchen und als Sebastian den seinen auf den Boden fallen ließ, brachte ihm die Verkäuferin sofort ein neues Stück, das sie aber nicht bezahlt haben wollte. Das hat unsere kapitalistischen Kinder, die gewohnt sind, solche Risiken selbst zu tragen, mehr als alles andere in der DDR beeindruckt.

Der Zufall wollte, dass wir auf unserem Weg durch die Stadt an einem prächtigen neobarocken Gebäude vorbeikamen (solche Gebäude ziehen mich allemal an). Es stellte sich heraus, dass darin die lokalen Justizbehörden beheimatet waren (früher gehörte es der Dresdener Bank), Grund genug, um einen Blick hineinzuwerfen. Die Pförtnerin meinte auf meine Frage, ob man an einer Sitzung teilnehmen könne, Zutritt sei nur am Anfang der Sitzung möglich, da man sonst stören würde – eine äußerst vorsorgliche Dame. Daraufhin ritt mich der Teufel und ich fragte, ob ich mit einem Staatsanwalt sprechen könne. Man führte mich gleich zum Chef der Bezirksstaatsanwaltschaft, für den ein deutsch – deutscher Kontakt ebenfalls eine Premiere war. Die Revolution mache ja nun so manches möglich, was noch vor Kurzem undenkbar gewesen sei, staunte er und unterhielt sich mit mir 1 1/2 Stunden ziemlich freimütig über Gestriges und Heutiges und die nicht eben bequeme Lage, die ein Staatsanwalt der DDR zwischen Beidem einnimmt. Staatsanwälte und Revolutionäre sind ja nicht gerade füreinander gemacht, da sie den Gesichtspunkt der (bestehenden) Ordnung naturgemäß unterschiedlich gewichten. Aber bei Euch scheinen die Revolutionäre die Staatsanwälte gegen eben jenen Staat angerufen zu haben, deren Anwalt sie sind, was für einige Staatsanwälte wohl nicht ohne – zeitlich gestreckte – Schizophrenie zu bewältigen sein dürfte. (Vielleicht braucht ihr dafür demnächst einige Leute ohne übermäßige Deformation der Hals- und Lendenwirbelsäule – ein gutes Angebot müsste ich mir glatt überlegen).

Zu allem Überfluss ist die Staatsanwaltschaft unversehens auch noch zum Hüter der Prinzipien der Revolution geworden, was sich ausgerechnet zum Vorteil der gestürzten Staatsusurpatoren auswirkt (so etwas nennt man dann Revolutionswirren). Das aufgebrachte Volk, so berichtete mir der Bezirksstaatsanwalt, verlange die schnelle Bestrafung der „Schuldigen“, aber diese haben, wen wundert es, in vielen Fällen kein Strafgesetz geschaffen, das auf sie angewandt werden könnte. So wäre eine Nachgeben gegenüber den – verständlichen – Forderungen nach Vergeltung nur möglich, wenn fundamentale demokratische Grundsätze außer Acht gelassen würden, etwa der Grundsatz, dass Strafe vor Beginn der Tat in einem Gesetz bestimmt sein muß. Eine schnelle Bestrafung wird bei der Komplexität der Handlungsgeflechte, die bei politischen und wirtschaftlichen Sachverhalten in der Regel zu beurteilen sind, meist nur durch einen „revolutionären“ Verstoß gegen diesem Grundsatz möglich sein. Das gilt um so mehr als die Betroffenen, so „mein“ Bezirksstaatsanwalt, nicht gerade ausagefreundlich (und ggfs wahrheitsliebend) sind und die „Zeugen“ meist auch nicht die wünschenswerte Distanz zum Tatgeschehen haben (Die Verfahrensweise der französischen Revolutionsgerichte, insbesondere des Pariser Gerichtes mit Revolutionstaatsanwalt Fouqier – Tinville, wo alles sehr schnell ging, ist wohl besser nicht als Maßstab heranzuziehen, ganz abgesehen davon, dass sie den eilfertigen Chefankläger am Ende selbst den Kopf kostete.)

Daß ausgerechnet eine Staatsanwaltschaft, die nicht zuletzt wegen der exzessiven Anwendung von Gummi- und Auffangparagraphen („staatsfeindliche Verbindungen“ oder so ähnlich), nicht gerade als Garant der Rechtsstaatlichkeit ausgewiesen ist, nun durch Beharren auf den genannten Grundsätzen den revolutionären Elan bremsen muß (und hiebei offenbar nicht immer auf Verständnis stößt), ist eine merkwürdige Paradoxie der sanften Revolution. Geradezu absurde Ergebnisse kann die juristische Behandlung von öffentlichen Behauptungen über die verhaßte „nebenamtliche“ Stasitätigkeit von „unbescholtenen“ Bürgern zeitigen. Da die Stasiarchive aus humanitären Gründen nicht zur Einsicht freigegeben werden (ein Beschluß der Revolutionäre), können sich Personen, die Stasimitarbeiter offen legen, selbst dann nicht gegen die von der Staatsanwaltschaft erhobene Anklage wegen Verleumdung verteidigen, wenn ihre Behauptung stimmt (Hier ist nämlich der einzige anerkannte Fall, wo es im Strafprozeß eine Beweislastumkehr gibt, also der Satz „Im Zweifel für den Angeklagten“ nicht gilt. Die Stasileute profitieren also unter Umständen von diesem Grundsatz und seiner Ausnahme).

Als Praktiker interessierte mich natürlich, wie sich eine Behörde in der Not hilft, daß alte Gesetze, wiewohl noch in Kraft, nicht mehr angewandt werden (können) und neue noch nicht vorhanden sind – man wartet ab, wie ich hörte. Oder, wie man mit der Fülle der Anzeigen fertig wird, die jetzt gegen die ehemaligen Machthaber und deren Helfer erstattet werden – man sucht Rückendeckung für die mangelnde Bearbeitung bei dem Kirchen. Auch sonst erfuhr ich viele interessante Details aus diesen Tagen, etwa über die Angst der Bevölkerung vor der Vereinahmung durch den Westen, konkret geworden etwa für alteingesessene Meininger Ladenbesitzer, die befürchten müssen, von den allenthalben umherschweifenden kapitalistischen Konkurrenten aus ihren Ladenlokalen gedrängt zu werden, weil diese ein mehrfaches der bisher üblichen Miete bieten. Oder über die Eigentumsprobleme, die sich daraus ergeben, dass sich die alte Herrschaft – offenbar in der Erwartung einer längeren Dauer ihres Imperiums (solche Erwartungen und wie man sich täuschen kann, sind uns ja nicht unbekannt) – nicht die Mühe gemacht hatten, die alten Grundbücher zu berichtigen; selbst vor dem Gerichtsgebäude seien kürzlich acht nadelgestreifte Herren gestanden, die sich auffällig für das Prachthaus interessiert hätten (Kundschafter der Dresdener Bank, wie vermutet wird). Des weiteren über die Probleme der Rechtsangleichung (Rechtsanwalt in der DDR sollte man jetzt werden; es gibt Arbeit auf Jahrzehnte und vorläufig keine Konkurrenz). Am Schluß meinte er auf meine Frage nach der Öffentlichkeit der Sitzungen, es sei natürlich nicht so, wie es die Dame unten an der Pforte gesagt habe (letztere kümmerte sich übrigens vorbildlich um die Kinder, trocknete ihnen die n nassen Haare und beschäftigte sie, die „langsam“ unruhig wurde, mit Kreuzworträtseln). Aber es sei eben typisch für das ganze und – noch immer wirksame? – System gewesen, dass alle die Diskrepanz zwischen hehren Prinzipien und einer damit kaum zu vereinbarenden Praxis getragen hätten. Auch Rechtsanwälte wie Schnur oder de Maiziere hätten bei Gericht nicht etwa die jetzt für untragbar oder verfassungswidrig gehaltenen Gesetze in Frage gestellt, sondern hätten häufig auf schuldig plädiert und nur versucht, im konkreten Fall so viel wie möglich für ihren Mandanten herauszuholen.

(A propos Schnur – heute 8.3. – kam die Nachricht von den Stasikontakten dieses Herrn und den promten Solidaritätsbekundungen der politischen Freunde in Ost – und natürlich West. Man sieht, dass das Erlernen parteipolitischer Verhaltensmuster bei Euch große Fortschritte gemacht hat. Dazu gehört allemal, vor näherer Kenntnis der relevanten Tatsachen, insbesondere vorhandener Akten, eine eindeutige Beurteilung derselben abzugeben – entsprechend der momentanen Interessenlage versteht sich (das haben wir etwa in unserer Parteispendenaffaire zu Hauf erlebt – von Barschel ganz zu schweigen).

Übrigens gelang es uns nach einer zauberhaft pittoresken Fahrt durch das Tal der Werra in Hildburghausen sogar noch Judis touristische Leistung zu verfuttern – kurz vor Schließung (20 Uhr!?) des offenbar einzigen Restaurants der Stadt am schön renovierten aber vollkommen ausgestorbenen historischen Marktplatz. Allerdings hatte meine Schwägerin mit diesem Erfolg nicht gerechnet (und wir nicht mit ihrem Zweifel), und hatte ein extrem opulentes Mahl vorbereitet. Höflichkeitshalber mußte ich daher noch ein zweites Mal essen und litt diesmal an überfülltem Magen.

Am nächsten Tag war ich mit meinem Bruder nochmals Drüben. Wir fuhren über Schleusingen (wieder ein prächtiges Schloss) nach der Bezirkshauptstadt Suhl, dessen brutale Mischung von moderner Klotzarchitektur und historischer Stadt mich an Übles bei uns erinnerte. Es fehlte nicht viel und wir hätten uns, angesteckt durch die allgemeine Aufbruchstimmung, auch auf den Pfad jener kapitalistischen Glücksritter begeben, die Euer Land z.Zt. nach allen wirtschaftlichen Richtungen durchstreifen. Wir Kapitalisten jagen, wie Du mittlerweile bemerkt haben wirst, ständig dem Traum des Schlossbesitzens nach. Da wir Kleinen denselben jedoch allenfalls in einem sozialistischen (gewesenen) Land verwirklichen können, haben wir tatsächlich die „Gelegenheit“ beim Schopf ergriffen und Erkundigungen über ein Objekt von einigermaßen bürgerlichen Dimensionen in Hellingen unweit der Grenze eingezogen. Das alte Gemäuer, das auf sozialistische Weise allein von einer alten und offensichtlich nicht sehr begüterten Frau bewohnt wurde, strebte aber bereits so malerisch dem Verfall zu, dass unsere Träume allenfalls bei Erhalt der augenblicklichen Lohn- und Währungsrelationen zu verwirklichen gewesen wären. Aber diese „traumhafte Lage“ sind wir gerade dabei, uns zu vermasseln. So haben wir unsere Besitzwünsche, wie meist, auf die „geistigen Werte“ reduziert, mit anderen Worten, statt des Schlosses haben wir am Ende ein paar Bücher gekauft. Das eine trägt den Titel „Ewiger Frieden“ und enthält eine umfangreiche Sammlung deutscher Stimmen zu diesem Thema aus der Zeit um 1800. Ein weiteres ähnliches Buch wird man vermutlich nach weiteren 200 Jahren, wenn nach Deinem Zeitplan die Männer erwachsen geworden sind, über die Friedensdiskussion um das Jahr 2000 herausgeben. Darin werden natürlich, wenn das Werk beachtlich sein soll, Teile unseres Briefwechsels erscheinen müssen. Das heißt wir müssen dafür sorgen, dass er sich bis dahin erhält. (A propos Erhaltung: Ich bin, wie ich jetzt festgestellt habe, schon an der Erhaltung der Grundlagen des eben erworbenen Vorläuferbandes beteiligt. Darin abgedruckt ist eine „Neue vermehrte Auflage“ der Kant´schen Schrift „Zum ewigen Frieden“ von 1796. Und ebendiese befindet sich – original – in meinem Besitz. Der Begleittext – S 516 – bezeichnet sie als den geistigen Kulminationspunkt der Friedensdiskussion – kein Wunder, denn eine These darin lautet „Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören – S- 84 -. Du siehst, ich bin in guter Gesellschaft.

Das zweite Buch ist Klaus v.Dohnanyi’s „Brief an die Deutschen Demokratischen Revolutionäre“ Seine Ausführungen zur offenen Gesellschaft und der daraus resultierenden Wirtschaftsordnung sowie seine Argumente für die deutsche Einheit kann ich Dir empfehlen. Die Schilderungen unserer Verhältnisse geraten allerdings gelegentlich etwas zu idyllisch. Die Deutschen Demokratischen Revolutionäre freilich, die er mit dem Buch ansprechen und beraten will, haben bei Euch mittlerweile nicht mehr viel zu sagen. Heute müsste er den Brief an die Bonner Parteizentralen schreiben. Auch Eure Revolution frisst ihre Kinder. Aber da es eine sanfte Revolution ist, werden ihre Kinder auch auf sanfte Weise verspeist, d.h. sie werden nicht mehr zur Kenntnis genommen.

Grüsse

Klaus

PS  Eigentlich wollte ich noch auf Deinen letzten beiden Briefe antworten (auch der vom 2.3. ist inzwischen hier) Aber dieser – ohnehin schon zu lange – Brief muss jetzt erst einmal weg. Ich würde gerne wissen, ob Du alle meine Briefe erhalten hast. In Deinen beiden Briefen erwähnst Du nur meine Briefe vom 30.1. und 14.2.. Dazwischen liegen noch 2 Briefe vom 5.und 10.2. Vor allem der vom 5.2. war wichtig, weil er die (positive) Antwort auf die Frage enthielt, ob unsere Einladung noch steht. Ihr kommt doch im Mai?

Ich hoffe Paula ist wieder auf den Beinen und hat wieder Mut gefasst. Ich denke, dass er nicht ganz ungerechtfertigt ist. Denn trotz aller Probleme, es kann nur aufwärts gehen, das haben meine Besuche in der DDR gezeigt.

Grüsse

Klaus

 

Theologie der Geometrie – Über den Platonismus in der modernen Architektur

Wer den Borobodur, den grandiosen Außenposten der europäisch-asiatischen Kultur aus dem 8. Jahrhundert auf der fernen Insel Java, besucht, der macht eine merkwürdige Erfahrung. In einem einzelnen Bauwerk ist hier ein Gedanke verwirklicht, der auch der Entwicklung des Grundstromes der modernen Architektur westlicher Prägung zugrunde zu liegen scheint.

Der Borobodur gilt wegen seines einzigartigen Baukonzeptes und der Qualität, mit der es ausgeführt wurde, als eines der bedeutendsten Bauwerke Asiens, ja der Welt. Merkwürdig an diesem riesigen Bau des Mahajana-Buddhismus, in den man nicht eintritt, sondern den man meditativ begeht, ist bereits die Kombination von Stupa, Mandala und Stufenpyramide. Völlig außergewöhnlich aber ist die Entwicklung seiner Bauformen, die in den unteren Partien von überbordendem Reichtum sind, nach oben aber immer einfacher werden. Die Erbauer des Borobodur ließen dabei nicht nur den Grundsatz der Kontinuität des Stiles außer Acht, der für Gebäude, denen ein einheitlicher Plan zu Grunde liegt, ansonsten so etwas wie eine Konstante der Baukunst ist. Sie stellten auch die architektonische Regel des europäisch-asiatischen Kulturkreises auf den Kopf, die oberen Partien eines repräsentativen Gebäudes als krönenden Abschluss auszubilden.

Die fünf unteren Stufen des Borobodur, welche die Grundform eines Quadrates haben, sind über und über mit feinsten Steinmetzarbeiten geschmückt. Die erste Stufe umlaufen lange, verwinkelte Reliefgalerien mit außerordentlich detailreichen Schilderungen aus dem Leben von Mensch und Tier, die mit komplexen Profilen und reichem Ornament gefasst sind. Ähnlich lebhaft geht es auf der zweiten Stufe zu, auf der Bilder aus dem Leben des historischen Buddha gezeigt werden. Auf den nächsten drei Stufen wird die steigende Vergeistigung der verschiedenen Buddhas auf dem Weg zur Erlösung dargestellt. Dem entspricht eine „Verfremdung“ der Darstellung durch zunehmende Formalisierung der Bildgestaltung und Sparsamkeit des Dekors. Nach den fünf quadratischen Terrassen, deren Grundriss in sich sehr differenziert ist, folgen drei einfache, kreisrunde Stufen, die fast keine Baudekoration mehr aufweisen. Hier befinden sich 72 glockenförmige Stupas aus gitterförmig angebrachten Steinen, in deren Halbdunkel man gerade noch die idealisierten Statuen von Bodhisattvas erkennen kann, jenen „Heiligen“ im Vorstadium des Buddhatums, die nach den Vorstellungen des Mahajana-Buddhismus dem Gläubigen auf dem Weg ins Nirwana behilflich sind. Abgeschlossen wird das Ganze von einem ganz einfachen zentralen Stupa, dessen vermutlich leeres Inneres dem Blick dem Betrachters gänzlich entzogen ist.

Auf diesen oberen Stufen wird der Besucher des Borobodur, zumal nachdem er die lebensprallen unteren Stufen passiert hat, auf merkwürdige Weise von einem Gefühl der Leere erfasst. Für den (religiös) unbefangenen Betrachter wirken diese oberen Terrassen geradezu als Fremdkörper. Unwillkürlich fragt er sich, ob das Bauwerk unvollendet geblieben ist, etwa weil den Erbauern die Mittel ausgingen; oder ob seine oberen Stufen nach den Zerstörungen, die der Borobodur – ähnlich Pompeii – durch die Einwirkungen des nahe gelegenen Vulkanes Merapi erlitt, unvollständig rekonstruiert wurden. Dabei fallen ihm die merkwürdig verfremdeten Gebäude ein, die im Nachkriegseuropa unter Weglassen der ursprünglichen stilistischen Einzelheiten (nur) nach den alten Maßen wiederaufgebaut wurden.

Das Gefühl der Fremdheit und der Leere, das er auf den oberen Stufen des Borobodur erfährt, kennt der westliche Besucher aber auch sonst vom Gang durch seine Städte. Auch hier findet er, wenn auch nicht im Raum sondern in der Zeit gestreckt, eine radikale Reduktion der Formensprache. Am Anfang des 20. Jahrhunderts. sind die bestimmenden Bauwerke der westlichen Städte noch durch einen großen Reichtum an Formen und Ornamenten und phantasiereiche Anspielungen auf die Stile einer zweieinhalbtausend-jährigen Architekturgeschichte gekennzeichnet. In den folgenden Jahrzehnten reduzieren sich die Gestaltungselemente auf die Grundformen der Bautradition. Die Details, die zusammen mit dieser Tradition entstanden waren, fallen zunehmend weg. Danach haben sich im Hauptstrom des Architekturentwicklung – mehr oder weniger variiert – die leeren geometrischen Grundformen und die Betonung des Strukturellen durchgesetzt. Diese Entwicklung weist eine so große Ähnlichkeit mit dem Baugedanken des Borobodur auf, dass man hinter beiden die gleiche Geisteshaltung vermuten kann.

Dass der Borobodur auf so ungewöhnliche Weise von der allgemeinen architektonischen Praxis abweicht, hat seinen Grund darin, dass seine Erbauer in ihm eine philosophisch-religiöse Idee darzustellen versuchten. Nach buddhistischer Vorstellung erlangt der Mensch Erlösung, indem er durch geistige Konzentration, zu dem ihm unter anderem das Mandala verhilft, aus den Niederungen des alltäglichen Lebens in einen Zustand höheren (Bewusst-)Seins emporsteigt. Durch Abtöten der Begierden, die ihn an der wahren Erkenntnis hindern, lässt er stufenweise alles Konkrete und Individuelle „unter“ sich. Auf diese Weise verlässt er die Sphäre der Kausalität, in der Werden und Vergehen herrscht, und tritt aus dem leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten heraus, um ins Nirwana einzugehen, einem Zustand absoluter Veränderungslosigkeit, in dem er zu erhabener ewiger Ruhe kommt. Hinter dieser Vorstellung steht, wenn auch auf budhhistische Weise ins Nihilistische gewendet, die altindische Vorstellung von einer (höheren) Seinsform jenseits der Alltagswirklichkeit, ein Gedanke, der dazu führte, dass man diese (reale) Wirklichkeit schließlich als eine bloße Täuschung (Maya) ansah. Die lebendige Sphäre der Kausalität und der Alltagswirklichkeit wird am Borobodur mittels Figuren, Ornamenten und sonstiger architektonischer Differenzierungen dargestellt. Das entwicklungslose Absolute aber, das eigentlich nicht darzustellen ist, weil es seiner Natur nach überindividuell und formlos ist, wird durch die Reduktion auf die einfachsten Formen (nur) symbolisiert.

Aufs Erste gesehen scheint der Entwicklung der modernen Architektur, die, wie gesagt, in ihrer Hauptrichtung einen ähnlichen Weg gegangen ist, ein derart religiös – philosophischer Gedanke fern zu liegen. Die Reduktion der Form scheint hier neben vordergründig sozialkritischen Aspekten im wesentlichen durch fertigungstechnische und wirtschaftliche Gesichtspunkte bedingt. Und doch können diese „technischen“ Gesichtspunkte allein das Phänomen der modernen Architekturform nicht erklären. Dies zeigt schon die Tatsache, dass sie sich im Zeitalter der beginnenden Industrialisierung, in dem sie auch schon wirksam waren, nicht formreduzierend, sondern im Gegenteil sogar formdifferenzierend ausgewirkt haben. Die so genannte Gründerzeit etwa ist gerade durch einen besonders großen Reichtum an Stilen und Formen gekennzeichnet. Sogar die Wolkenkratzer Amerikas, von denen der Siegeszug der modernen Architektur ausging, sind anfangs noch ganz in den vielfältigen Formen der traditionellen Architektur gehalten. Im übrigen ist das Gesetz der Formreduktion auch in der neueren Zeit nicht unumschränkt wirksam. Selbst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in dem es seine großen Triumphe feierte, gab es davon immer wieder prominente Ausnahmen. Es kann daher kein Zweifel daran bestehen, dass auch im Falle des Hauptstromes der modernen Architektur eine Idee im Spiel ist, die über die vordergründigen praktischen Aspekte hinausgeht. Diese Idee ist, dies zeigt bereits die Ähnlichkeit der Lösungen, offensichtlich verwandt mit der Idee, die dem Borobodur zugrunde liegt. Alles spricht dafür, dass es sich dabei um eine Spielart des Platonismus handelt.

Nicht anders als das indische Denken, das vermutlich Pate stand, unterscheidet auch der Platonismus zwischen einem unsichtbaren Wirklichen und einem unwirklichen Sichtbaren. Dieser Gedanke taucht in Europa bekanntlich erstmals um 500 v. Chr., also etwa gleichzeitig mit dem Auftreten Buddhas in Indien, bei Parmenides von Elea auf. Bemerkenswerterweise enthält er schon hier ein Erlösungsmotiv, die Vorstellung nämlich, dass mit dem Erkennen des „Wirklichen“ ein Aufstieg vom irdischen Dunkel in eine himmlische Helle verbunden sei. Ein knappes Jahrhundert später brachte Platon diesen Gedanken in seiner Ideenlehre auf den Punkt. Nach dieser Lehre, die Platon exemplarisch in seinem berühmten Höhlengleichnis darlegte, ist die Welt, die wir für wirklich halten, nur der Abglanz von Ideen, welche die eigentliche Wirklichkeit sind. Im „Symposion“ heißt es in einer erstaunlichen Parallele zum buddhistischen Denken in Bezug auf die Idee des Schönen – um diese geht es im vorliegenden Zusammenhang – , sie kenne kein Werden und Vergehen, kein Wachsen und Verblühen und auch keine Bilder. Das Schöne spiegele sich vielmehr ewig in sich selbst. Auch bei Platon, der mindestens ebenso sehr Theologe wie Philosoph war, findet sich das Erlösungsmotiv. Denn wer die Idee des Schönen erschaut, soll unsterblich werden (was bei Platon, der auch von der Seelenwanderung ausgeht, ebenfalls das Entrinnen aus dem Kreislauf der Wiedergeburten bedeutet). Seit Platon „geistert“ diese Wirklichkeitsvorstellung in allen möglichen Varianten durch das europäische Denken. Unsere Geistesgeschichte ist weitgehend eine Abfolge wiederkehrender Platonismen und realistischer Gegenreaktionen, wobei man im mittelalterlichen Universalienstreit, – dies zeigt, wie weit man die Dinge „verdrehen“ kann – ausgerechnet die platonisierende Position als Realismus bezeichnete.

Der Platonismus hat naturgemäß auch die Ästhetik, die Lehre von den Erscheinungsformen (des Schönen), beeinflusst. Dem entsprechend hat man – ähnlich wie im Falle des Borobodur – auch im Abendland versucht, die idealistische Wirklichkeitsvorstellung zu vergegenständlichen. Es lag nahe, dass man sich dabei auch des Stilmittels der Formreduktion bediente. Schon Parmenides vergleicht das anfangs- und endlose (wahre) Sein mit der Kugel als dem perfekten und einfachsten Körper. Platon stellt vor allem in seinem Spätwerk immer wieder Beziehungen zwischen den einfachen geometrischen Formen bzw. Zahlen und den Ideen her. Im „Timaion“ zieht er zur Bezeichnung des Vollkommenen Kugeln und Kreise heran. Von diesen wird die Vorstellung von Vollkommenheit auf die Körper übertragen, welche in enger Beziehung zur Kugel stehen. Dazu gehören insbesondere die fünf regelmäßigen geometrischen Körper, die von der Kugel einbeschrieben und umschrieben werden (Tetraeder, Würfel, Oktader, Pentagondodekaeder und Isokaeder). Da Platon mit Hilfe dieser Körper die Elemente und ihre Eigenschafen zu erklären versuchte, was, wie sich leicht vorstellen lässt, nicht ohne einige dogmatische „Anstrengungen“ – um nicht zu sagen Verdrehungen – abgehen konnte, wurden sie als „platonische Körper“ bezeichnet.

Von je her hat sich der idealistische Gedanke der Betonung einfacher geometrischer Formen auch auf die Architektur ausgewirkt. Er ist die Grundlage der regelmäßig wiederkehrenden Architekturströmungen, die wir als Klassizismus bezeichnen. Bis in das 20. Jahrhundert ist die Herrschaft des idealistischen Klassizismus freilich nie unumschränkt. Er wird immer durch Gegengewichte und konträre Bewegungen gemildert, die ihren Formenschatz vor allem der Natur entlehnen – man denke an die Figuren und die Pflanzenornamente, die sich etwa an antiken Tempeln finden, welche ihrerseits das Grundmuster der Klassizismen abgegeben haben. Die vormoderne Architekturentwicklung Europas ist dadurch gekennzeichnet, dass mal die naturnah-individual-isierenden, mal die mathematisch-typisierenden Aspekte der Form betont werden, die Form selbst aber immer beide Elemente enthält. Die (bloß) abstrakte Form hat in der Architektur, wenn man einmal von Sonderentwicklungen wie Pyramiden absieht, erst Anfang des 20. Jahrhunderts die Oberhand gewonnen. Seitdem bezieht die Hauptströmung der Architektur ihre Grundformen aus den platonischen Körpern.

Diese Entwicklung ist, auch wenn sie keinesfalls zwingend ist, kein Zufall. Sie ist Ausdruck der mathematisch-wissenschaftlichen Weltsicht der Neuzeit, in der Zahlen und geometrische Formen beherrschende Faktoren sind. Die platonischen Körper haben beim Entstehen dieser Weltsicht von Beginn eine wichtige Rolle gespielt. Schon Kepler, einer der Begründer des mathematisch-wissenschaftlichen Denkens, versuchte das neuzeitliche (heliozentrische) Weltsystem mit Hilfe der platonischen Körper zu erklären, was zu jener merkwürdigen Mischung aus Zahlenmagie und naturwissenschaftlich-mathematischem Denken führte, welche die Vorstellungswelt am Anfang der Neuzeit noch kennzeichnet. Seine Nachfolger haben die Zahlen und ihre geometrischen Derivate endgültig zum Maßstab der Weltinterpretation gemacht. Insofern ist Platon mit einem gewissen Recht auch immer wieder als einer der geistigen Väter der modernen Weltsicht gesehen worden.

Eine Architektur, die auf einer solchen Grundlage ruht, hat „naturgemäß“ einen Preis. In dem Maße, in dem die Idee an die Stelle des Persönlichen und Individuellen tritt, stellt sich auch ein Verlust an „Menschlichkeit“ ein. Die vormoderne Architektur suchte ihre Form- und Proportionsmodelle wie bei den unteren Stufen des Borobodur im Menschen oder in der lebendigen Natur. Die antike Säule etwa und ihre Nachfolger von der Gotik bis zum Barock hatte einen Fuß, einen Leib und einen Kopf, wobei man auf die Gestaltung des Kopfes (dem Kapitell- von lat. caput = Kopf) besonders großen Wert legte. In ähnlicher Weise war meist auch das Verhältnis der Teile eines Gebäudes zueinander aufgefasst. In der Regel hatte es einen erdenschweren Sockel, einen wohlproportionierten Körper und einen eindrucksvollen Abschluss in Form eines Giebels, eines Turmes oder eines Dachhutes. Die Fenster wurden wie die Augen einer schönen Frau, die Türen wie ein ausdruckvoller Mund hervorgehoben. Dem entsprechend waren Gebäude, soweit sie gestalterische Ansprüche erhoben, regelrechte Baupersönlichkeiten, zu denen man emotionale Beziehungen aufbauen konnte. Selbst eine so stark typisierende Architektur wie die des Mittelalters war in großem Maße individuell. Wer gotische Kathedralen unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, wird – allen Vorstellungen über die quasi dogmatische Strenge ihres Stiles zum Trotz – feststellen, dass man es bei diesen architektonischen Wunderwerken jeweils mit außerordentlich prononcierten Baucharakteren zu tun hat. Zur Individualität gehörte „natürlich“, dass Bauten, sieht man einmal vom strengen Klassizismus ab, auch „unwesentliche“ Ecken und Kanten hatten und dass sie geschmückt waren. Gerade die Tatsache, dass sie geschmückt wurden, zeigt, dass diese Gebäude die Zuneigung ihrer Betrachter und Benutzer suchten.

In der Moderne sind Natur und Mensch als Maß der Architektur weitgehend verloren gegangen. Die Säule ist zur ungegliederten Stütze geworden. An die Stelle des ausgearbeiteten Korpus eines Gebäudes ist die bloße Wand oder die Repetition von Fassadenelementen getreten. Fenster und Türen sind mehr oder weniger nur noch Öffnungen der Wand. Auf einen Kopf oder eine Bedeckung desselben wird häufig verzichtet (nichts macht den Verlust des Individuellen deutlicher als die Entwertung des Kopfes als des Teiles eines Organismus´, der ihn am deutlichsten von anderen unterscheidet und damit individualisiert). Dass bei dieser Auffassung von Architektur das Ornament keinen mehr Platz hat, ist nur konsequent. Wie auf den oberen Stufen des Borobodur hat man es inzwischen als „unwesentlich“ aus dem Repertoire der Bau“kunst“ gestrichen (bezeichnenderweise lautete das Credo Mies van der Rohes, einem der Gurus der Moderne: „Höchste Wirkung schließt Dekoration aus“). Ein ähnliches Schicksal erlitt die Regionalität des Architektonischen, die so etwas wie die geographische Variante des Individuellen ist. An die Stelle ist ein Weltstil getreten, was dazu führte, dass auf allen Kontinenten tendenziell gleich gebaut wird. Dem Mangel an Individualität entspricht, dass man zu den abstrakten Gebilden, die auf diese Weise entstehen, nur schwer emotionale Beziehungen aufbauen kann. Wirklich lieben kann man eben nur Individuen und nicht abstrakte Personen oder Dinge an sich.

Der Verlust an konkreter „Menschlichkeit“, der in der Unterbewertung des Individuellen liegt, ist typisch für den Platonismus. Schon im Buddhismus ist der Aufstieg des Einzelnen in die höheren Sphären mit einer Aufgabe seines Selbst verbunden. Das Nirwana ist – wie im Borobodur auf so unvergleichliche Weise in Stein ausgedrückt – das Aufgehen des Einzelnen in der Allseele. In ähnlicher Weise ist auch bei Platon das lebensvolle Individuum mit seinem Werden, Aufblühen und Vergehen und damit das Persönliche von vergleichsweise untergeordneter Bedeutung. Den Satz “Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ etwa konnte Platon nicht akzeptieren. Dieses Motto, das wir heute als einen wesentlichen Bestandteil des humanistischen Erbes der Antike ansehen, ist paradoxerweise zwar durch Platon überliefert. Es findet sich bei ihm jedoch nur, weil er es in seinem Dialog „Protagoras“ als falsche Meinung des Sophisten dieses Namens zitiert. Dem entspricht, dass Platon auch in seiner Staatsphilosophie mehr Gewicht auf allgemeine Prinzipien als auf die Betonung der Rechte des Individuums legte, weswegen er zu einer nicht-demokratischen – um nicht zu sagen autoritären – Staatsauffassung kommt.

Bestätigt wird die Annahme, dass wir es beim Hauptstrom der modernen Architektur mit einer Spielart des Platonismus zu tun haben, durch den Umstand, dass auch hier, wenngleich etwas versteckt, das Erlösungsmotiv auftaucht. So wie die Absorption des Platonismus in das Christentum durch die Kirchenväter zur Trennung von Diesseits und Jenseits sowie von Leib und Seele führte, was zu einer tendenziellen Abwertung des individuellen (irdischen) Lebens einschließlich des Körpers als seines angeblich dürftigen Trägers und zu einer Vertröstung auf eine bessere spätere Existenz in einem idealen Großen Ganzen (etwa im Paradies) führte, werden wir auch durch die moderne Architektur auf eine angeblich höhere Wirklichkeit verwiesen. Das Gefühl der Leere und der Unwirtlichkeit, das einen bei der Begegnung mit modernen Gebäuden, Plätzen und Stadtvierteln so häufig erfaßt, wird hier durch die Verheißung kompensiert, dass man am Zeitgeist teilhabe. Dieser „Geist“ aber ist ein sprunghafter und schnelllebiger Abkömmling des Weltgeistes, von dem uns die idealistische Philosophie einschließlich ihrer politischen Varianten immer schon viel Erhebendes versprach. Er ist damit nichts anderes als eine Spielart des Erlösungsgedankens. Denn dem, der des Welt-Zeit-Geistes teilhaftig wird, wird versprochen, durch das Wissen um die Zusammenhänge von Geschichte und Gegenwart an der Erkenntnis der Zukunft zu partizipieren. Damit aber wird nicht weniger als die teilweise Erlösung von der Last der Schicksalsungewissheit in Aussicht gestellt, ein Mittel der Wirklichkeitsreduktion, mit dem sich der Mensch in den unterschiedlichsten Varianten schon immer getröstet hat. Einer derartigen Erkenntnis- und Erlösungsgewissheit entspricht denn auch die Tendenz zur Ausschließlichkeit in der modernen Architektur, die alle Attribute des Missionarischen hat. In der Verengung des Blicks, die daraus resultiert, dürfte auch der Grund dafür liegen, dass man das abstrakte Bauen wegen seiner egalitären Effekte trotz seiner humanen Leere für demokratisch halten konnte.

Damit schließt sich der Kreis. Sieht man alles zusammen – Abwertung des Individuellen, Vertröstung auf Erlösung durch Teilhabe an einer höheren Wirklichkeit und Missionseifer – dann zeigt sich, dass der Grundgedanke des Hauptstromes der modernen Architektur theologischer „Natur“ ist. Womit wir wieder beim Borobodur wären.

Ein- und Ausfälle (China – 5)

Dass strategische Aspekte beim kommunikativen Umgang mit Tatsachen immer dann eine besondere Rolle spielen, wenn es um Fragen der Steuerung der Gesellschaft geht, ist ein allgemeines bekanntes, immer wieder vergeblich beklagtes Phänomen („Politiker lügen“). Bekannt ist auch, dass dieses Phänomen, das „ehrliche“ Europäer stets neu verwirrt, in Asien auch bei sonstigen Vorgängen der sozialen Kommunikation besonders häufig zu beobachten ist. Geht es allerdings um Fragen der Steuerung der Gesellschaft in Asien, dann können sich die Effekte in einem Maße summieren, dass die Flexibilität im Umgang mit Tatsachen ans Akrobatische grenzt. Dies zeigt sich besonders deutlich im Falle von Dso`s Kommentar zu den altchinesischen Frühlings- und Herbstannalen. Irgendwann in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausend v. Chr. versprach man sich viel davon, einen Kommentar dieses wichtigen Autors zu dem alterswürdigen Annalentext zu haben, der, wiewohl eigentlich inhaltsleer, in China zu einem bedeutenden sozialen Steuerungstext geworden war (was wiederum selbst große Freiheit im Umgang mit „sozialen Tatsachen“ eröffnete). Dso hat aber offenbar keinen Kommentar zu diesem Text geschrieben. Daher nahm man ein anderes Werk, von Dso, vielleicht aber auch von einem anderen Autor, und stückelte es so zurecht, dass es wie ein Kommentar zu den Frühlings- und Herbstannalen aussah. Dass dabei manches überhaupt nicht passte, störte schon daher nicht, weil die Annalen wegen ihrer Inhaltsleere große Freiheiten bei der Kommentierung ermöglichten, im übrigen aber auch deswegen nicht, weil man sich im allgemeinen durch Tatsachen nicht sonderlich stören lässt, wenn man mit ihrer Behauptung strategische Ziele verfolgt.

Ein- und Ausfälle (China – 4)

Was China und Europa unterscheidet: Die Chinesen verwendeten das Schießpulver, dessen explosive Wirkung sie im 9. Jahrhundert entdeckt hatten, mehrere Jahrhunderte lag nur dazu, das Leben schöner oder einfacher zu machen. Sie fertigten daraus Feuerwerkskörper und benutzten es zum Sprengen und Signalisieren. Als die Europäer – vermutlich durch Vermittlung moslemischer Handelsreisender – Anfang des 14. Jahrhunderts Kenntnis von den Möglichkeiten des explosiven Gemisches erhielten, dachten sie als erstes daran, welche Schwierigkeiten man sich damit machen bzw. welche Vorteile man sich damit verschaffen könne. Kaum war das Schießpulver bekannt, gab es auch schon die ersten Handfeuerwaffen (1321). Noch im 14. Jahrhundert entstand auch eine Menge Literatur, in der Möglichkeiten zur Verbesserung der Wirkung des Schießpulvers beschrieben wurden. Im weiteren Verlauf setzten die Europäer ihre Kraft und Phantasie bevorzugt dazu ein, die zerstörerischen und erpresserischen Möglichkeiten explosiver Chemikalien zu erkunden, die erforderliche Technik zu entwickeln und zu verfeinern und die gesellschaftlichen Voraussetzungen für den Einsatz der Waffen zu schaffen, die daraus entwickelt wurden. Dies trug wesentlich zu jener Explosion der gesellschaftlichen Verhältnisse bei, welche die Europäer gerne als Fortschritt bezeichnen. Das Leben ist dadurch sicher dynamisch aber nicht schöner und einfacher geworden.

Ein- und Ausfälle (China – 3)

Man kann nur hoffen, dass die maßstabsetzende Weltmacht künftig nicht mehr die USA sondern China sein wird. Anders als der westliche Aspirant für die Weltmacht hat China bislang nicht nur wenig die Neigung gezeigt, sich auf Kosten anderer auszubreiten. Es kennt auch keine Rassendiskriminierung und keine religiöse Überhöhung seines Vorbildanspruches. Vor allem aber hat es keinen institutionalisierten Egoismus sondern eine tief verwurzelte Tradition sozialer Verantwortlichkeit, die allen Turbulenzen und Entgleisungen seiner politischen Geschichte zum Trotz immer wieder zum Vorschein gekommen ist.

Ein- und Ausfälle (China – 2)

Im 18. Jahrhundert kamen die Berater des chinesischen Kaisers, die aufgefordert worden waren, sich über den Charakter der englischen Schiffe zu äußern, die China seinerzeit bedrängten, zu dem Ergebnis, es seien (nur) Handelsschiffe, die bewaffnet seien. Tatsächlich handelte es sich aber um Kriegsschiffe, was allerdings nichts daran ändert, dass die Chinesen den Sachverhalt vollkommen richtig beobachtet hatten.

Ein- und Ausfälle (China – 1)

China, so hört man von westlichen Kritikern gerne, sei früher zu sehr auf sich selbst bezogen gewesen. Es habe daher die (nicht zuletzt technischen) Entwicklungen verschlafen, deren Kenntnis die Voraussetzung dafür gewesen wäre, dass es sich dem Druck der fortgeschritteneren Gesellschaften hätte erwehren können. Kindlich unreifes Reich der Mitte! Es hat nicht genügend von dem Halbstarkengehabe mitbekommen, das außerhalb seiner geschlossenen Grenzen üblich geworden war.

Briefe aus der Wendezeit – Teil 3

Stuttgart, 30.1.90

Lieber Frank,

ich glaube, daß das Thema Zweistaatlichkeit spätestens ab heute begraben ist. Es wäre nicht das erste Mal, daß Gorbatschow mit wenigen fast beiläufigen und gewissermaßen außerhalb des Protokolls gesagten Worten eine Lawine lostritt. So wie er mit den wenigen Sätzen über die Verspäteten, die das Leben bestrafe, Eure Revolution erst richtig im Gang gesetzt hat, wird es nach seinen heutigen Worten über die Vereinigung der Deutschen wohl kein Halten mehr geben. Damit dürfte der Bann gebrochen sein, eventuelle westliche Störversuche können kaum mehr anderes als Rhetorik sein.

Aber zunächst einmal Dank für Deinen Brief und für Buch- und Mauerteile. Jetzt weht der Hauch der Geschichte auch in unserer Hütte. Die neuen Manuskriptteile haben mir gut gefallen. Auf Grund Ihres Detailreichtums geben sie insbesondere dem westlichen Leser einen interessanten Einblick ins Getriebe der Revolution. Wir wissen hier nicht sehr viel über das, was bei Euch alles „real existierte“ und daher von den Veränderungen betroffen ist. Deshalb können die Details gar nicht zu viel sein. Weiter so! Was macht übrigens der „Bruder“? Hast Du schon eine Konzeption?

Deine politische Depression ist in der Tat eine paradoxe Sache. Ich denke aber, daß nur die besonders wendigen Hälse davon verschont bleiben und das dürften die sein, die auch mit den „alten“ Gedanken nicht viel am Hut hatten. Du sprichst vom demokratischen Sozialismus (im Gegensatz zum Sozialdemokratismus). Offen gesagt, mir ist nicht ganz klar, was für Inhalte Du mit diesem Begriff verbindest. Was bleibt für Dich übrig, wenn Du alles abstreichst, was bislang schief gegangen ist? Das läuft, meine ich, auf die Frage hinaus, ob der real existent gewesene Sozialismus eine notwendige Konsequenz sozialistischer Prämissen oder nur ein Betriebsunfall eines an sich guten Gedankens war. Für die Wirtschaft, die sich bislang als sozialistisch bezeichnete, ist die Frage wohl entschieden. Man mag über den „Kapitalismus“ denken was man will, die Planwirtschaft ist offensichtlich keine Alternative. Ihre Mängel sind systembedingt. Wie ist es aber mit Totalitarismus, Privilegienwirtschaft, Nepotismus und Bürokratismus? Hier kommt es sicher darauf an, was man unter Marxismus versteht. Dabei ist für mich ein großes Problem das Antagonismus – Denken, welches dem historischen Materialismus zu Grunde liegt. Die Aufteilung einer Gesellschaft in „Klassen“, die sich mehr oder weniger getrennt gegenüberstehen, erscheint mir schon ein viel zu einfaches Modell für eine moderne Gesellschaft. Dem entsprechend ist es auch viel zu einfach zu glauben, mit der bloßen Umkehrung der Machtverhältnisse zwischen solchen Klassen könnten die „Widersprüche“ einer Gesellschaft beseitigt werden. Ein solches Konfrontationsmodell ist aber auch generell eine mehr als problematische Angelegenheit und kann allenfalls in extremen Situationen, wie sie z.B. in Entwicklungsländern gegeben sein können, praktikabel sein. Druck erzeugt Gegendruck und führt mit einer gewissen Notwendigkeit zur Verschärfung von Konflikten und damit tendenziell zur Unterdrückung von Widerstand wie wir es bei Euch gesehen haben. In gewisser Hinsicht ist der Marxismus jetzt sogar das Opfer seiner eigenen Voraussetzungen geworden. Die Überbetonung eines Standpunktes führt zur Unterdrückung anderer Standpunkte (und jetzt wieder des einen Standpunktes). Die Frage ist also, ob der Marxismus für ein Kooperationsmodell geeignet ist. Wäre er dann noch Marxismus? Müßte er dann nicht den Absolutheits- und angeblichen Wissenschaftlichkeitsanspruch aufgeben? Damit verlöre er seinen quasi – religiösen Charakter mit all den Begleiterscheinungen, welche Bewegungen dieser Art in unseren Breiten zu haben pflegen: übersteigerter Autoritätswille, Unterdrückung Andersdenkender, Inquisition, Glaubenskriege; dann mangels einer die Hohepriester zügelnden Opposition: Selbstbeweihräucherung, Gefühl der eigenen Unentbehrlichkeit, Abschirmung, Privilegien, Realitätsverlust; schließlich Selbstzweifel, deren Überkompensation durch weitere Entfernung von den Ausgangspunkten, Verkehrungen geradezu ins Gegenteil; am Ende Zynismus angesichts der wachsenden Erkenntnis, alles falsch gemacht zu haben, und Machterhalt, um die eigene Haut zu retten. Dies Muster hätten wir nicht zum ersten Mal gehabt. Und spricht nicht die Gleichartigkeit der Entwicklung in den kommunistischen Ländern (und die geschichtlichen Beispiele – z.B. das alte Spanien) dafür, daß hier eine gewisse Gesetzmäßigkeit besteht?

Ziehen wir also die Ursachen dieser Entwicklung auch noch ab, so stellt sich die Frage, ob das, was verbleibt, noch Marxismus ist oder schon eine Spielart der Sozialdemokratie.

Beim Nachdenken über die Unterschiede dieser beiden politischen Denkmodelle bin ich auf folgenden merkwürdigen Gedanken gekommen. Der Unterschied scheint mir in einer verschiedenen Rolle der Moral zu bestehen. Der Marxismus hat eine radikale Moral. Sie erscheint auf den ersten Blick überzeugend und wer überhaupt Moral für sich in Anspruch nimmt, kann sich ihr kaum entziehen. Was will man schon gegen eine radikale Gleichheit sagen oder dagegen, daß jeder nur von seiner eigenen Arbeit leben soll. Soweit: so gut – im Prinzipiellen (ob das praktikabel ist, ist eine andere Frage). Es scheint aber ein fatales Gesetz zu geben wonach – jedenfalls in einer modernen Zivilisation – eine Gesellschaft mit einer definitiven inhaltlichen Moral tendenziell diese ihre Grundvoraussetzung auflöst. Offenbar wird die Moral dort, wo sie von Anfang an als gegeben vorausgesetzt wird, in der Praxis zu wenig eingefordert. Sie wird gewissermaßen zu wenig gepflegt und verkommt daher. Dazu bei trägt sicher auch der Umstand, daß diejenigen, die sich im Besitz einer höheren Moral fühlen, umso leichter glauben, zeitweilig auf dieselbe verzichten zu können, wenn es darum geht, einem „höheren Ziel“ zum Durchbruch zu verhelfen, mit der regelmäßigen Folge, daß die „Durchbruchsphase“- und damit die Suspendierung der Moral verewigt wird (wie oben dargestellt).

Im Gegensatz zu einer solchen oben angesiedelten, gewissermaßen also deduktiven Moral gibt es offenbar auch eine induktive Moral, die merkwürdigerweise aus unmoralischen Voraussetzungen resultiert. Der Marktmechanismus als Grundlage eines westlich liberalen, also kompetitiven Gesellschaftssystems, ist ohne Zweifel im Prinzip unmoralisch. Er beruht vom Grundsatz auf dem Ausnutzen von Mangel oder Überfluß und ist ein ständiges, mehr oder weniger stilvolles Lauern auf‘ die Schwächen des Geschäfts“partners“. Tendenziell scheint auf dieser unmoralischen Basis im Ergebnis mehr Moral erzeugt zu werden als in Systemen mit absoluten Moralprämissen. Es scheint, daß die Moral hier so etwas wie eine Gegenströmung gegen die Unmoral der Voraussetzungen des Systems ist, wobei man darüber streiten mag, inwieweit hier die ökonomische Vernunft oder gar das schlechte Gewissen ursächlich sind. Man könnte also sagen, daß die kapitalistische Moral eine resultative Moral ist. Trotz trüber Quellen führt sie im Ergebnis zu einem gewissen Quantum an Moral. Nun mag es wohl sein, daß dies kein universelles Gesetz ist und es nur dort gilt, wo die Marktbeteiligte schon moralisch vorgeprägt sind (in Indien etwa hätte ich da schon meine Zweifel). Aber es ist eine Tatsache, daß in den entwickelten Ländern des Westens die Verelendung der Massen, die Marx voraussagte, nicht eingetreten ist. Marx hat den Gegenströmungseffekt und damit den immanenten Zug des Kapitalismus zur sozialen Markwirtschaft übersehen.

Nicht daß Du nun meinst, ich glaubte, bei uns sei nun die gesellschaftliche Moral schon begrüßenswert weit fortgeschritten. Ich hatte gerade unseren Camping-Bus in der Werkstatt und habe dabei die Unmoral des Marktes wieder einmal richtig zu spüren bekommen. Wenn ich meinen beruflichen Bereich betrachte, drängt sich mir nicht selten der Eindruck auf, als seien wir teilweise sogar im Rückwärtsgang. Ich spreche von Tendenzen, die insgesamt signifikante Ergebnisse zu zeitigen scheinen und immer wieder trotz ungünstiger Ausgangspositionen zu erstaunlich brauchbaren Lösungen führen. Es ist doch immerhin bemerkenswert, daß ein solches System, wenn auch sehr langsam, einen immer stärkeren Schutz des Verbrauchers, der Umwelt und des Bürgers entwickelt und daß selbst solche politischen Kräfte dazu beitragen, die man in diesen Dingen eher in der Bremserrolle erwarten würde. Es ist eine eigentümliche Weisheit des Systems der „checks and balances“, der politischen Form des Marktmechanismus, daß es die egoistischen Grundtriebe umzubiegen in der Lage ist. Natürlich, höhere und radikalere Träume lassen sich damit nicht befriedigen. Ist es möglicherweise diese Erkenntnis, die bei Dir zu „politischen Depressionen“ führt? Abschied von einer absoluten Moral? Das wären politische Entzugserscheinungen von einer Droge namens Marxismus – womit wir wieder bei der Parallele zur Religion wären, die sich an vielen Stellen aufdrängt (vgl. oben). Marx wird sich im Grabe herumdrehen: seine Lehre als Opium fürs Volk – oder .jedenfalls für Intellektuelle? Bei Voltaire habe ich einen Satz gefunden, der die Parallele auch merkwürdig deutlich macht: „Es beginnt mit Schwärmerei und endet mit Betrug. Mit der Religion ist es wie mit dem Spiel: Anfangs ist man der Geprellte, am Ende ist man der Spitzbube“. Natürlich brauche ich nicht besonders zu betonen, daß ich Dich nicht mehr im Stadium der Schwärmerei und noch nicht „am Ende“ sehe – letzteres trifft auf Eure alten Herren und deren Anhang zu. Übrigens habe ich das Zitat aus einem Buch, das bei Euch erschienen ist: „Voltaire für unsere Zeit“, Aufbau – Verlag 1989!, gedruckt im Karl-Marx Werk!

Ich lege Dir hier noch ein Blatt bei, das aus der „Feder“ meines Sohnes (11 Jahre) stammt. Es ist tatsächlich eine spontane Eigenarbeit und spiegelt daher die Stimmung. die bei dieser Altersgruppe rübergekommen ist.

Für heute sei‘s genug.

Gruß

Klaus

EUROPA SAMSTAG 20 JANUAR 1990

BERLIN UND DIE MAUERSPRECHTE

IN BERLIN GEHT´S RUND. MAUERSPECHTE AUS ALLER WELT SIND GEKOMMEN;; UM SICH EIN S0UVENIER AUS DER MAUER ZU BRECHEN, DABEI SINGEN SIE LIEDER DIE GEGEN DIE 40 JÄHRIGE UNTERDRÜCKUNG SPRECHEN: IN VIELEN DIESER LIEDER WERDEN HONECKER, KRENZ UND DIE GANZE SED UND STASIEMITGLIEDER IN DIE HÖLLE GEWÜNSCHT.

DA SO VIELE MAUERSPECHTE INTERESSE AN DER MAUER ZEIGTEN WURDE DIE MAUER HEUTE FUR 8 MILLIARDEN DM VEIRKAUFT. DABEI HABEN BEIDE SEITEN BERLINS EIN GROßES GESCHÄFT GEMACHT.

IN DEN LETZTEN 2+2 – MOANTEN IST SICH DAS VEREINTE DEUTSCHLAND EINEN GROSSEN SCHRITT NÄHER GEKOMMEN. BES0NDERS AUS DEM KALENDER HERAUSSTECHEND IST DER 9.NOVEMBER. DER 9. NOVEMBER WAR ZU 100% DER HISTORISCHSTE TAG DER DDR REVOLUTION.

IM GRUNDE GENOMMEN HAT ALLES MIT DER FLÜCHTLINGSWELLE BEGONNEN. WIR DENKEN. ALLE AN DIE HISTORISCHEN TAGE IN DER TOTAL ÜBERFÜLLTEN PRAGER BOTSCHAFT. IN DER PRAGER BOTSCHAFT HERRSCHTE AUFREGUNG UND SPANNUNG. BIS EINES ABENDS HANS-DIETRICH GENSCHER DIE AUSREISE VERKÜNDETE. NACH DER BEKANNTGEBUNG GAB ES ZUERST IN PRAG, DANN IN GANZ EUROPA GRENZENLOSE FREUIDE, TRIÄNNEN UND GEJUBLE.

ALS DIE MAUER GEÖFFNET WURDE GAB ES KONFLIKTE ZWISCHEN BETRUNKENEN; DIE ZU ZAHLREICHEN VERLETZTEN UND EINEM TODESOPFER FÜHRTEN.

Berlin 29.1.1990

Liebe Judy, Lieber Klaus!

Ich schäme mich ein bißchen, Euch so lange ohne Antwort auf Eure „Neujahrsbotschaft“ gelassen zu haben, und das noch dazu wo Klaus wirklich gewaltige Mühe in seine Schrift gelegt zu haben scheint. Sehr schön lesbar!

Nunmehr soll Dir jedoch Trost und Kurzweil das harte Krankenlager versüßen und in diesem Sinne erstmal vielen Dank für Dein gewaltiges Werk.

Auch sei an dieser Stelle sogleich angemerkt, daß ich SCHON IMMER – und sehr zum Leidwesen meiner liebreizenden Frau – ein herausragender Telefonmuffel gewesen bin. Nehmt es also bitte nicht so tragisch. Wann immer Ihr anrufen werdet: Entweder Ihr habt Glück und Paula ist dran – oder ich werde wieder so muffelig sein. Sorry.

Was Deine pazifistischen Träume angeht, freue ich mich eingedenk unserer Paddelschlauchbootdispute zur Friedensfähigkeit Gorbatschows darüber, daß Du sie IHM inzwischen wohl voll zutraust. Dies aber nun gleich auf die ganze Welt auszudehnen, halte ich allerdings für um zwei Jahrhunderte verfrüht. (Es wird noch solange hin sein wie die französische Revolution her ist, um im Bilde Deines vorletzten Briefes zu bleiben.)

Ein sehr anschauliches Argument für diese These lieferten gerade die USA in Panama. Wer bitte schön sollte denn DIE dazu bringen, ihren Weltherrschaftsanspruch freiwillig aufzugeben und von dem hundertfach erprobten Schema abzuweichen, das da lautet:

1. Unsere Interessen sind überall dort, wo US-Bürger sind.

2. Überall sind US-Bürger.

3. Wenn US-Bürger bedroht sind, müssen sie durch US-Soldaten geschützt werden.

4. Auch US-Soldaten sind US-Bürger – und die sind natürlich immer bedroht.

(Ich mag die Amis nicht sonderlich, wie Ihr vielleicht merkt.. Die Idee mit der internationalen Friedenstruppe ist auch ganz gut, aber mit Vorsicht zu genießen und nicht ganz neu. Wenn ich mich recht entsinne ist sie bisher zum Glück nur einmal im aktiven scharfen Schuß erprobt worden: In Korea. Übrigens auch in US- Uniformen.

Nein, lieber Klaus. Bei aller Weltfriedenseuphorie: Die Welt ist groß und schlecht und das wird noch lange so bleiben. Optimismus ist trotzdem angebracht, denn zum ersten Mal in diesem Jahrhundert sieht es immerhin danach aus, als würden zumindest die großen Blöcke nicht mehr so hart gegeneinander Front machen. (Parole: „Gewehr ab – aber gaaanz vorsichtig!“) Die eine Seite weil sie pleite ist und ihr die Soldaten weglaufen, die andere weil sie den kalten Krieg – fast aus Versehen aber nichts desto trotz offensichtlich – gewonnen hat oder besser gesagt: Die Festung Osteuropa hat sich ergeben, und zwar dem selbstverschuldeten Hunger, nicht den tapferen Belagerern.

Die deutsche Besatzung gibt dabei ein besonders ulkiges Bild ab. Sie springen extraflink über die Zinnen, werfen sich draußen schluchzend dem großen Bruder an den Hals, und hoffen, daß er rasch vergessen wird, wo sie vor 5 Minuten noch gestanden haben.

Aber jedes Volk hat bekanntlich die Regierung, die es verdient, jedenfalls wenn sich diese Regierung 40 Jahre lang halten kann. Hier wiederholt sich auf peinliche Weise die bekannte Nummer von ’45:

Damals plötzlich alles Antifaschisten, heute alles große Demokraten. Mit Honecker und seiner Partei hatten sie noch nie was im Sinn. Was das für Demokraten sind, merkt man besonders bei den gegenwärtigen Demonstrationen wo der Plebs immer radikaler (das ginge noch), verbissener (schon schlimm), aggressiver (eklig) und offensichtlich insgesamt immer dümmer agiert. In Berlin kommt hinzu, daß ganz offensichtlich etliche vom Westen herüberkommen, die nur auf Randale aus sind oder ganz einfach mal Lust auf eine andere Polizei haben.

Die Freiheit der Andersdenkenden – es gibt sie noch immer nicht. Alles ist zulässig, nur keine andere Meinung als die der Masse. Stasi hin, VP her – wer bei Honeckers Mai – Demo „Deutschland, einig Vaterland“ gerufen hätte, wäre wenigstens von den Demonstranten nicht verkloppt worden.

So fröhlich und unverdrossen diese Revolution begonnen hat, so verbissen läuft sie zur Zeit. Natürlich sind jetzt andere auf der Straße als im Oktober. Jetzt kommen die hervorgekrochen, die gerne treten wenn’s nichts kostet. Ihre Brüder von der anderen Fraktion sind allerdings längst untergetaucht und weit davon entfernt für ihre bis gestern noch ach so feste (und gut bezahlte) „Überzeugung“ einzustehen. Wieder einmal werden die falschen getreten.

Die ganze Revolution ist an dem toten Punkt angelangt, der wohl für jeden derartigen Umschwung unvermeidlich ist: Niemand hat konstruktive Alternativen anzubieten. Es besteht lediglich ein breiter Konsens (eins der blöden Standardworte dieser Tage) darüber, was alles schlecht war und somit – möglichst Knall und Fall – abzuschaffen ist. Zuerst und vor allem natürlich die eigene Unterbezahlung, heißa!

Schlecht war eine ganze Menge. Aber wenn man die Leute jetzt so reden hört, war erstens alles Mist, haben sie es zweitens schon immer gesagt und trifft es sie drittens ganz persönlich und schon immer ganz besonders hart und deshalb reklamiert jeder für sich das Recht, als erster auf den Scheiteln der anderen aus dem Sumpf zu balancieren.

Ganz offensichtlich besteht unser Volk nur noch aus jenen 5 Prozent, die sich bei den Wahlen wirklich GEGEN den „Wahlvorschlag der Nationalen Front“ ausgesprochen hatten (Denn Wahlbetrug oder nicht – mehr waren es wirklich nicht). 19 von 20 waren in diesem Lande Opportunisten oder sowieso dafür – und 18 von diesen 19 wollen es heute nicht mehr wahrhaben.

Damit keine Mißverständnisse aufkommen: Natürlich muß der alte Dreck möglichst schnell weg. Nur ist zur Zeit niemand so recht bereit zur Schaufel zu greifen. Die ganze „Opposition“ stolziert naserümpfend drumherum und palavert darüber, wie schön sie es uns allen machen werden – wenn der Haufen erst mal weg ist, und die SED liegt mit der Nase drin und bekommt sowieso keine Luft mehr.

Apropos: jetzt ist sie endgültig zur Affenpartei geworden und fällt folgerichtig so schnell auseinander, daß die Restgenossen kaum mit dem Zählen der abgegebenen Parteibücher nachkommen. Gysis Hickhack ist nun allen über, den Stalinisten genauso wie den demokratischen Linken. Sie treten jetzt beide aus, und die künftigen Ministerpräsidenten unserer neuen Länder vorneweg. Herzlichen Glückwunsch, Herr Gysi.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß die Parteibasis wieder einmal nicht an den Entscheidungen beteiligt ist. Honecker hat sie nicht gefragt – und Gysi auch nicht. (Wahrscheinlich überflüssig zu erwähnen, daß ich selbst inzwischen auch die politische Heimatlosigkeit dem Affenkäfig vorgezogen habe, nachdem vor 8 Tagen die Alleingänge der 3 demokratischen „Plattformen“ innerhalb der SED-PDS- Führung abgewehrt wurden, und sich somit meine letzten Hoffnungen auf Spaltung endgültig zerschlagen hatten.)

Für die nächste Zeit kann man nur hoffen, daß die Opposition vor lauter Profilierungssucht nicht endgültig das Land vergißt. Daß sie in die Regierung eintreten wollen ist zu begrüßen. Leider haben sie kaum Fachkompetenz einzubringen. Es ist nun einmal die logische Folge eines Einparteiensystems (die ehemaligen „Blockflöten“ werden so realistisch sein, diesen Begriff mitzutragen, denke ich), daß sich neben viel Dummheit und Karrierismus natürlich auch die gesamte Kompetenz eines Landes in dieser Partei gesammelt hat. Für mich ist beispielsweise undenkbar, daß ein Schwätzer vom Demokratischen Aufbruch in der Lage sein sollte, in diesen Zeiten das Wirtschaftsministerium auch nur annähernd so zu führen wie das unsere „iron lady“ Christa Luft (leider SED-PDS) angeht. Eine knallharte Frau voller Sachverstand und ohne Sentiments, die das Richtige will und es zielstrebig und in der richtigen Reihenfolge anpackt.

Kurz: Solche Leute, die kompromißlos nach vorn schauen, können wir gar nicht genug haben. Aber es ist kaum jemand da. Die Advokaten (Der Herr Staatsanwalt möge mir da verzeihen) sind jedenfalls nicht die neuen Männer, die DIESES Land HEUTE braucht. Und das revolutionäre linke Potential ist durch den Bindestrich-Quatsch mindestens noch bis zur Wahl lahmgelegt.

Aber: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und vielleicht ist ja doch noch irgendwie die nötige Aufbruchstimmung zu erzeugen. Ein Trost: Entwicklung läuft bekanntlich immer wellenförmig. Also kein Grund zur Panik, wenn man im Tal ist. Interessant sind die Zeiten hier jedenfalls allemal, insofern also volles Verständnis für Judys Wunsch, die Silvesterparty an der Mauer mitzumachen.

Als Trost sei ihr gesagt: Wir wohnen 3 Kilometer vom Brandenburger Tor entfernt und waren auch nicht da. Für richtige Erwachsene wie uns wäre es sicher auch nicht die blanke Sahne gewesen. Nachts halb zwei (auf dem Heimweg von Freunden) prügelten sich Männer in der S-Bahn wegen der deutschen Einheit und auch auf dem Alex (den wir überqueren mußten) ging es recht kulturlos zu. Noch am Neujahrsnachmittag habe ich mir Unter den Linden die Schuhe auf dem Scherbenteppich zerschnitten. Der Übergang von der Edelfete zum Vandalismus muß nahtlos gewesen sein.

Nun kann ich mir denken, daß meine recht profanen Gedanken nicht ganz zu Eurer deutschrevolutionären Begeisterung passen wollen und ich möchte daher abschließend noch einige Bemerkungen zur Rolle der Bedeutung machen:

Wir sind hier mittendrin und uns des Besonderen und der (oft mißbraucht diese Floskel, aber hier durchaus mal angebracht:) HISTORISCHEN BEDEUTUNG der Situation durchaus bewußt. Nur: Wir sind nicht nur beteiligt, sondern auch betroffen und deshalb begeistert uns wie Euch natürlich die Bewegung an sich, nur können wir die Richtung nicht ganz so entspannt betrachten wie das aus Hamburg oder Stuttgart möglich ist. Für uns sind die Dinge nämlich immer sehr konkret.

„Nieder mit der Stasi!“ ist eine feine Losung, und von außen ist alles klar. Für uns sind das aber nicht nur namenlose Verbrecher, sondern beispielsweise auch die Frau meines Freundes, die als medizinisch-technische Assistentin in der Sportmedizin zur Stasi gehörte, als Fachschulkader sogar den Rang eines Leutnants hatte, natürlich jahrelang überbezahlt war – aber jetzt eben erstmal auf der Straße sitzt.

„Nieder mit der SED!“ genauso richtig, aber… (Hier verschone ich Euch mit weiteren Auslassungen, weil ich hierzu schon weiß Gott genug gesagt habe)

„Hoch die Marktwirtschaft!“ mag angesichts des klaren Scheiterns der administrativen Mißwirtschaft für viele eine logische Alternative sein (zumal wenn sie sich in dieser Markt-Gesellschaft seit langem und gut zurechtfinden, worüber ich jedoch als Nachwievorsozialismusbefürworter noch einen streitbaren abendfüllenden Vortrag halten könnte), heißt aber konkret auch, ein Wirtschaftssystem, das bisher auf dem Prinzip der Leibeigenschaft basierte, ohne annähernde materielle Voraussetzungen von einem Tag zum anderen auf Effektivität umzustellen, heißt für uns nun die nie gekannte Gefahr der Arbeitslosigkeit (und zwar unter den Bedingungen eines sozialen Null-Netzes hierfür), heißt, daß wir unsere Wohnung im Zentrum vielleicht bald schon nicht mehr halten können, daß die Versorgung der Alten auf uns zukommen könnte usw usw…

Und nun haltet Euch bitte außerdem vor Augen, daß zwar ungeheuer viel geschwätzt wird, aber letzten Endes mehr als diese 3 Losungen bisher noch von keiner der neuen Bewegungen verkündet worden sind, daß sich die Mehrzahl der Bevölkerung bei uns inzwischen einbildet, die 60 Millionen bei Euch könnten (und wollten) die 15 Millionen bei uns so mit durchfüttern wie sie das mit den 300 000 Übersiedlern gemacht haben – und Ihr werdet eine Ahnung erhalten, wie es hier heute Leuten zumute sind, die nachdenken und rechnen…

Das soll Euch aber keineswegs abhalten, sondern im Gegenteil: Kommt, wann immer Ihr könnt und Klaus wieder gehfähig ist. (Was wollen die Kinder demnächst in Australien erzählen, wenn Ihr in diesen tollen Zeiten nicht mal den Katzensprung nach Berlin gewagt habt.) Wir werden Klaus gern ein wenig unterfassen, wenn er an der Mauer entlanghinkt. Und – ich wiederhole mich – auch wenn gerade mal keine Demo sein sollte, interessant ist es hier allemal, also her zu uns!

Apropos: Gilt EURE Einladung noch? Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen – aufgrund unserer persönlichen „Devisenlage“ in Tateinheit mit dem z.Z. herrschenden „freien“ Umtauschkurs (ca 1:9, d.h. ein Tag gutbezahlte Ost-Arbeit für 6,70 DM) müßtet Ihr nicht nur für zwei Luftmatratzen, sondern auch für unsere Ernährung sorgen. (Aber keine Bange: Paula ißt nicht viel weil sie mäklig ist und ich habe ohnehin Übergewicht).

Ein günstiges Zeitfenster wäre für uns Mitte Mai. Die Kinder haben ab 14.5. eine Woche Frühlingsferien und würden dann zu den Schwiegereltern fahren. Also schreibt mal oder ruft an (Beim Telefonieren aber Vorsicht, siehe oben!) wie Ihr die Sache seht. Wir sind auch kein bißchen sauer, wenn Ihr absagt.

Nun Schluß. Ich lege noch ein paar Bilder bei, damit wir uns in Berlin oder Stuttgart auch wiedererkennen: 3 vom Balaton im August ’89 als wir darüber nachdachten, ob wir nun durch’s Maisfeld krabbeln sollen oder nicht, daher unsere durchgeistigten Gesichter – vielleicht erkennt Ihr den Strand wieder – und 2 von der Mauer am Brandenburger am 12. November ’89 bei unserer ersten „Westreise“. (beide Fotos handmade, aber Ihr braucht nicht lange suchen, da sind wir nicht drauf)

Bleibt also oder werdet gesund,

Viele Grüße auch an Eure Kinder

Euer Frank

(und Paula usw)

Anhang

(Tagebuch von Gerhard H.)

Donnerstag, 21. Dezember

Unser Sozialismus ist erledigt. Die gierigen Alten haben ihn verspielt, wir erben die Spielschulden – und es trifft wieder einmal die falschen.

Mit wieviel Elan sind wir angetreten. Wir waren hochpolitisiert, engagiert, voller Hoffnungen. Und heute? Die 3. Deutsche Generation in Folge, die verarscht wurde. Immer nach dem selben Rezept: Verzichtet ein Weilchen Kinder, es geht um Höheres, um nicht weniger als das Himmelreich auf Erden! Erst muß die Schimmernde Wehr auf die Ozeane / Kanonen statt Butter / Mein Arbeitsplatz – mein Kampfplatz für den Frieden.

Und nun stehen wir da mit unserem Hang zum Höheren. Wieder mal. Gelebt haben inzwischen immer die anderen. Was bleibt für uns, wenn die Träume vorbei sind, wenn im fahlen Morgenlicht die Hoffnungen zerfließen und das Reale, Greifbare Kontur erhält:

Abitur, „Fahne“, Studium, 15 Jahre Arbeit, immer fleißig, immer ordentlich. Was haben Sie erreicht, Herr Diplom-Ingenieur, jetzt wo mindestens Ihr halbes Leben rum ist?

„Neubauwohnung“ (25 Jahre alt, eng, aber immerhin Fernheizung, 68 Quadratmeter zum Leben und 300 Quadratmeter zum Tapezieren), angefüllt mit diversem Hausrat (Versicherungswert 60 000 Mark) einschließlich 2000 Bücher, die Hälfte paperback (was beweist, daß sie wirklich zum Lesen gekauft wurden), einschließlich Kühlschrank und Waschmaschine (beides Hochzeitsgeschenke) einschließlich eines dunklen Anzugs („Exquisit“, Neuwert 800 Mark), einschließlich einer Stereo-„Anlage“ (eine der preiswerten, nur 2 Monatsgehälter), vor der Tür ein Trabant (8 Jahre alt, second-hand, oft kaputt), und – man höre und staune! – ein Farbfernsehgerät, neuwertig, und ein Sparbuch mit 6300 Mark – Ost, natürlich. Alles.

Alles? Aber nicht doch! Neben den profanen Werten befinden sich im Haushalt weiterhin:

Ein Sohn, eine Tochter, 2 Diplome, 9 eigene Patentschriften, ein Telefon (Eigentum der Deutschen Post und Gegenstand nachbarschaftlichen Neides), 2 Aktivistennadeln, 23 Abzeichen „Kollektiv der Sozialistischen Arbeit“, zwei Pionierausweise, sowie bis gestern ein rotes Parteibuch.

Die reale Freizeitmenge beträgt pro Woche etwa 20 Stunden (von 168) und wird zur Hälfte vor dem Fernsehgerät verbracht. Höhepunkt des Jahres sind die 13 Tage gemeinsamer FDGB-Urlaub, in der Regel in einem Betriebsbungalow mit Selbstverpflegung. Wir waren insgesamt 5 Mal auch im Ausland, zweimal sogar mit den Kindern, und neuerdings dürfen wir alle ins „NSW“.

Und noch etwas: Wir sind schrecklich dankbar dafür. Für alles.

Stuttgart, 5.2.90

Lieber Frank !

Ich befinde mich gerade in einem leeren Sitzungssaal des Amtsgerichts in Waiblingen, wohin ich mich zu einer Stunde begeben habe, zu den ich üblicherweise noch Friedens- und anderen Träumen nachzuhängen pflege. Dafür mußte ich mitten durch das Gewühl meiner arbeitswütigen Landsleute, die mit einer an Wahnsinn grenzenden Konsequenz alle zum gleichen Zeitpunkt jene Tätigkeit beginnen, von der sie glauben, daß sie ihnen irgendwann einmal das große Glück bringe und für die sie keinen Aufwand an Gestank und Benzin scheuen. Mit anderen Worten ich saß im Stau. Ja, auch hier gibt es Warteschlangen, vor Ampeln im Morgengrauen, wenn die Hatz nach dem Geld beginnt. Nun hätte sich eigentlich einer jener Mammonsjünger hier dafür verantworten sollen, daß er Privatvermögen und Gesellschaftskapital nicht genügend auseinandergehalten hat. Hier gibt es nämlich die vor allem von manchen Einmanngesellschaftern als störend angesehene Verpflichtung, private Interessen an einer Kapitalgesellschaft zu Gunsten der Gläubiger derselben zurückzustellen, was nicht selten mit den persönlichen Erwartungen hinsichtlich der Leistungsfähigkeit, einer solchen Institution kollidiert, und unsereinen auf den Plan ruft. Der ungetreue Kapitalist hat es jedoch vorgezogen, sich den Attacken eines Staatsanwalts gegen übertriebenen Eigennutz vorläufig zu entziehen. So habe ich bis zum nächsten übermäßigen Nutzer der Gewerbefreiheit, der es mit der Bezahlung von Lieferungen für sein Baugeschäft nicht so genau nahm, noch einige Zeit, um auf Deinen umfangreichen Brief vom 29.1. zu antworten.

Dieses Waiblingen ist übrigens ein Symbol für den ersten namhaften deutschen Widerstand gegen die Anmaßungen einer ziemlich platzgreifenden, gewissermaßen totalitären Doktrin. Von hier kommt der Name der antipäbstlichen (allerdings auch prokaiserlichen) Ghibellinen, an deren Spitze immerhin ein Mann wie Friedrich II. stand, der seiner Zeit im puncto (geistiger) Freiheit um ebenso viele Jahre voraus ging, wie Luther dem Voltaire.

Dein Brief scheint mir anzudeuten, daß Deine politische Depression teilweise behoben ist. Sprachlich bist Du unverkennbar dabei, an vorrevolutionäre Zeiten anzuknüpfen, was hier übrigens, nicht zuletzt von Judi, ziemlich geschätzt wurde (und wird). Sicher hat Dir Dein Schritt, die Sozialistische Einmeinungspartei zu verlassen, geholfen, die Depression zu überwinden. Im freien Wettbewerb wirst Du zwar heimatliche Gefühle nicht so leicht entwickeln können. Und vielleicht geht es Dir wie mir, der sich nie hat entschließen können, um einer Heimat willen auf einen Teil seiner Meinung zu verzichten. Aber vielleicht tröstet Dich die Aussicht auf eine „resultative Heimat“ (Du weißt, daß ich damit das brauchbare Ergebnis ziemlich mieser Voraussetzungen meine). Und in einem Alter, wie wir es haben, noch einmal die große Auswahl beschert zu bekommen, ist vielleicht auch nicht die übelste Lage. (Politische) midlife – crisis – das ist nicht notwendig nur das Begraben alter Hoffnungen. Vielleicht ist es die Chance für einen produktiven Neuanfang.

Möglicherweise wird sich Deine Einschätzung der Amerikaner bei dieser Gelegenheit doch noch ein wenig in die Richtung entwickeln wie meine Meinung über Gorbatschow. Allerdings hat er es mir seit unseren ost – westlichen Seegesprächen eher leicht gemacht (was man aber, so meine ich, damals noch nicht so absehen konnte). Es ist daher kein Zufall, daß ich die Neujahrsbotschaft diesem erstaunlichen Herrn in den Mund gelegt habe. Immerhin sind aber die Amerikaner (+ Anhang) inzwischen auch nicht über den geschwächten „Gegner“ hergefallen, wiewohl sich dieser doch gerade gegen solche Eventualitäten mit „tödlichem“ Aufwand glaubte wappnen zu müssen (was zeigt, dass alles für die Katz‘ war). Statt dessen gab es Malta und trotz Gorbi‘s nicht gerade demokratischer Legitimation eine amerikanische Zurückhaltung, die nicht nur aus der Ruhe dessen zu erklären ist, der die reife Frucht demnächst ohnehin in seinen Schoß fallen sieht.

Unsere Diskussionen an Bord der „Amazonas, so heißt meine Privatjacht, wenn Du Dich daran noch erinnerst, erweisen sich jetzt als so etwas wie eine Vorstufe zu den Gesprächen auf der Maxim Gorki, Schlauchbootklasse statt Luxusliner und zu meiner pazifistischen Freude unbrauchbaren Kriegsschiffen! Wenn das nicht der Wind der Geschichte war!

Übrigens war ich nach unserem Plattenseegipfel in Amerika, wogegen ich mich lange gesträubt hatte. Man kann über den american way of life und darüber, in welchem Umfang Cowboywesen und Showbusiness die Basis einer Kultur abgeben können, so wie auch sonst über die Ami‘s einiges sagen. Aber im punkto politischer Kultur haben wir noch einiges von ihnen zu lernen. Nicht nur, daß sie nicht die schlechteste politische Tradition haben, die politische Freiheit vor den Franzosen hatten, einen Krieg gegen die Sklaverei (wer hätte das sonst!) und gegen die Nazis geführt haben. Zuletzt haben sie sogar ihre Neigung, aus einer leicht neurotischen Angst vor sozialismus-verdächtigem Gedankengut, Politgangster zu stützen, eingeschränkt (Marcos, Duvallier – auch Noriega). Öffentlichkeit und Machtkontrolle dürften wohl nirgends so stark ausgebildet sein, wie in diesem Land, so sehr, daß mir unsere Geheimniskrämerei dort erst richtig deutlich geworden ist (von Eurer bisherigen ganz zu schweigen). Ein unverblümter Weltherrschaftsanspruch läßt sich bei diesem System nicht durchsetzen (was nicht heißt, daß durch die Blume nicht manches möglich ist).

Aber zurück zum Aktuellen. Mit der „deutsch revolutionären Begeisterung“ ist es mittlerweile auch hier nicht mehr so weit her. Ich darf an das Ende meiner „Neujahrsbotschaft“ erinnern, in der ich die Begeisterung bereits auf das letzte Jahr begrenzt hatte. Hier spricht man jetzt mehr über Steuererhöhung, Inflation und Wohnungsnot. Die Klagen über die Folgen des Übersiedlerstromes nahmen unüberhörbar zu. Auch hier sind viele, insbesondere Wohnungs- und Arbeitsuchende, ja sogar Arbeithabende schon „Betroffene“ geworden (ganz am Rande sogar ich – gestern wurde mir mitgeteilt, daß mein nächstes Badminton Punktspiel in einer anderen Stadt ausgetragen werden muß, weil die ursprünglich vorgesehene Turnhalle von Übersiedlern belegt ist. – Du verzeihst die Banalität. aber sie wirft dennoch ein Schlaglicht auf die Situation).

Ich fürchte, daß sich unsere Politiker in einer Sackgasse verfangen haben. Wie ein Kaninchen starren sie auf die immer länger werdende Schlange aus dem Osten und machen sich durch ständiges Wiederholen von immer gleichen Formulierungen (es erinnert fatal an Gebetsmühlen und ist genauso unnütz) selbst Hoffnung, daß sie einmal aufhören werde. Mit Nichten!

Ich bin ja so etwas wie ein Spezialist für Wanderungsbewegungen (damit muß ich mich beruflich am meisten beschäftigen). Daher weiß ich einiges über die Möglichkeiten, solche Migrationen steuern oder eben nicht steuern zu Und deswegen behaupte ich, daß keine der bislang diskutierten Maßnahmen einschließlich Währungsunion und Vereinigung der beiden Staaten die Schlange in den Griff bekommen wird. Da ich davon ausgehe, daß Du Dein „persönliches Devisenkonto“ noch nicht mit dem Kauf des „Wirtschaftsstrafrechts“ belastet hast und in Verkennung der richtigen Prioritäten auch sonst niemand bei Euch dieses bedeutende Werk gekauft hat, darf ich zum „wissenschaftlichen“ Nachweis dieser Behauptung mich selbst zitieren. Der Einleitungssatz zum § 30 „Illegale Beschäftigung“ lautet: „Die unterschiedliche Entwicklung der Volkswirtschaften vor allem in Europa und in deren Folge die Attraktivität des deutschen Arbeitsmarktes für ausländische Arbeitnehmer haben in der Bundesrepublik seit Beginn der 60 – er Jahre zur Entstehung eines ständig wachsenden grauen und schwarzen Arbeitsmarktes geführt“. Diese unterschiedliche Entwicklung ist ein Faktum, das sich kurzfristig nicht beseitigen lässt. Und wenn wir schon den Strom der Jugoslawen, Türken, Polen, Asylanten etc. nicht in den Griff bekommen, obwohl wir hier rechtliche Möglichkeiten haben, umso weniger den Strom aus der DDR, den wir mit allen möglichen Zutaten auch noch verstärken. Die Behandlung der Deutschen aus der DDR (und möglichst auch noch aller anderen Personen jeglicher Provenienz, die irgendwann einmal eine deutsche Großmutter hatten) wie Deutsche, die hier gelebt und gearbeitet haben, mag zur Zeit politischer Not im Osten gerechtfertigt gewesen sein. Bei offenen Grenzen wird dies absurd. Wir sind auf dem besten Wege, ein zweites Mal mit Pangermanismus (und den dazugehörigen Ahnenforschungen) Unsinn zu treiben. Mancher kann bereits erfolgreich auf den Stammbaum zurückgreifen, der vor 50 Jahren unter anderen Vorzeichen gepflanzt wurde. Das Aufrechterhalten einer einheitlichen Staatsbürgerschaft etc. einschließlich aller Rechte (z.B. Renten), war ja nicht zuletzt auch ein Kampf – und Propagandainstrument des Kalten Krieges. Jeder Flüchtling wurde als Beweis für die Unterlegenheit Eures Systems begrüßt. Und – ich will nicht ungerecht sein – das Instrument hat zuletzt seine Wirkung nicht verfehlt (wiewohl es anderseits in Ungarn und Polen auch ohne dieses ging). Aber wer hatte je daran gedacht, daß dem Kampfinstrument ein voller Erfolg beschieden sein würde, wer hatte für diesen Fall vorgesorgt? Man könnte fast sagen, die Erfinder dieses Systems, waren davon überzeugt, daß die Mauer nie fallen und Polen und Russen die „Deutschen“ ewig festhalten würden. Jetzt tanzen die Besen und wo ist der Meister, der die Geister bannt, die wir riefen?

Um es kurz zu machen: ich sehe keine andere Lösung als die, Grenzen für den Zeitraum einer Übergangsregelung wieder partiell zu schließen. Man kann zwei Wirtschaftssysteme von so unterschiedlichem Stand nicht von heute auf morgen aufeinanderprallen lassen. Die Systeme müssen nach einem wohlüberlegten Stufenplan schrittweise aneinander angeglichen werden. Und für die Zwischenzeit – ich denke 5 bis 10 Jahre – wird man das Recht der Freizügigkeit (nicht des Reisens) einschränken müssen. Das klingt hart nach all den Kämpfen, die man dafür geführt hat und ich fürchte, daß unsere Politiker nicht rechtzeitig in der Lage sein werden, diesen Standpunkt öffentlich zu vertreten. Aber es sollte doch möglich sein, diese Notwendigkeit, gepaart mit Soforthilfemaßnahmen, zu vermitteln. Übrigens müßte zu den Sofortmaßnahmen die Abschaffung der 49 % Regelung für ausländische Kapitalbeteilungen gehören. Nichts gegen die Eiserne Christa, aber diese Regelung zeigt wenig Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalverkehrs. Das müßten schon ziemlich verschlafene Kapitalistenhunde sein, die sich damit hinter dem marktwirtschaftlichen Ofen hervorlocken ließen. Schließlich haben die 51 % bislang so viel Übung im effizienten Wirtschaften nicht gezeigt. Es wäre übrigens auch einmalig in der entwickelten Welt – ähnliche Regelungen gibt es nur in Entwicklungsländern.

Ja, lieber Frank. Du siehst, daß ich eine lange Sitzungspause hatte – der zweite Wirtschaftsübeltäter ist auch nicht erschienen – und so hatte ich mal richtig Zeit zum Fabulieren. Ich will aber nicht die von Dir angesprochenen „technicalities“ vergessen, obwohl sie eigentlich keiner Erwähnung bedurften. Wir sind zwar im Kapitalismus und hier herrschen die harten Gesetze des Marktes. Aber unseren Gästen stellen wir nur ganz ausnahmsweise eine Rechnung aus. Außerdem erwarten wir, daß sie weder mäkelig sind noch ihre Abmagerungskur hierher verlegen- m.a.W ihr seid zum genannten Zeitpunkt hier herzlich willkommen – übrigens auch mit Kindern. Allerdings haben unsere Kinder in dieser Woche keine Ferien und ich werde wohl auch werktätig sein müssen. Das macht aber nichts. Übrigens werde ich in der Woche nach Pfingsten vermutlich auf Konzertreise in der DDR sein und in der Woche davor wird möglicherweise toute la famille einen Ausflug mit Campingbus nach Drüben machen.

Schluß und Gruß

Klaus

Stuttgart, 10. 2. 1990

Lieber Frank,

kürzlich bekam ich eine Ohrfeige – oder war‘s die Schamröte? Jedenfalls hatte ich rote Backen.

Ich stand gerade mit meinem Bus vor dem Bahnhof, wohin ich mich nach der Arbeit begeben hatte, um meinen Brief vom 5.2. beim Spätschalter abzugeben, da begann im Radio ein Bericht darüber, daß der amerikanische Oberhäuptling vor Manövertruppen irgendwo draußen in der Prärie reichlich auf den Busch geklopft habe. Man werde die Angriffsfähigkeit der amerikanischen Truppen nicht nur erhalten, soll er gesagt haben, sondern sogar noch steigern. Erstaunlich war vor allem die Begründung: Während NVA – Soldaten schon um Brot bei der Bundeswehr anklopfen, sieht der Herr des Weißen Hauses in aller Unschuld – wahrscheinlich weil sein Haus weiß ist – eine unverminderte Gefahr, gegen die man sich wappnen müsse. Oh Amerika – noch habe ich den Schlegel in der Hand, mit dem ich die Werbetrommel für Dich gerührt habe, da fällst Du mir meuchlings in den Rücken. Indianerspielen mitten in diesen Umwälzungen!?

Ich habe den Brief dennoch eingeworfen und er ist, wenn ihn die Reste der Stasi nicht für zu gefährlich für den Staatsrest angesehen haben, der bei Euch noch existiert, wohl mittlerweile bei Dir angekommen. Denn, so meine Hoffnung, die Gefahr bestand vielleicht doch nur in der Wüste von Neumexiko und der Oberbefehlshaber war mit seiner Rede möglicherweise im (diplomatischen) Manöver, wo man ja generell Nichtvorhandenes als Gegebenes ansehen muß.

Inzwischen ist die Röte in meinem Gesicht wieder etwas gewichen. Ich hörte Ausschnitte aus einer Debatte im US – Congress. Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber da fragten weißhaarige US-Senatoren sarkastisch, wo denn der Feind sei, gegen den man all die Soldaten in Europa benötige. Vielleicht hat Dich meine bisherige Antwort auf die Frage, wer die Amerikaner dazu bringen könne, ihren Weltherrschaftsanspruch aufzugeben, nicht befriedigt. Die richtige Antwort lautet: die Opposition. Denn ein Gesetz gilt in unseren Parteidemokratien mehr als jedes andere: Wichtiger als alle Macht eines Landes ist die Macht im Land.

Bald werdet ihr ja Erfahrungen mit mehreren Parteien sammeln können. Allerdings scheint es, daß man Euch eigene Erfahrungen weitgehend ersparen (oder besser: erst gar nicht ermöglichen) will, nachdem unsere Parteien dabei sind, die Dinge bei Euch in den Griff zu nehmen, wobei sie auf den „Blockflöten“ für meinen Geschmack ziemlich unreine Töne erzeugen. Ich hoffe, daß das Wahlecho ebenso schmuddelig ist. Es zeugt nicht gerade von viel Gespür für die „revolutionäre Lage“ in der DDR, wenn unsere Parteien auf diese Pfeifen setzten – nur wegen der vorhandenen Parteiorganisation und den gleichen Namen. Was hat die Ost-CDU mit der hiesigen CDU und was die LDPD mit der FDP zu tun gehabt? Ich wüßte, wem die Schamröte ins Gesicht steigen müßte! Da hast Du gleich eine Kostprobe von der Art, wie hier Politik gemacht wird. Hoffentlich kippt ihr das politische Kind nicht mit dem sozialistischen Bad aus und erhaltet Euch etwas von dem (neuerworbenen) Elan, mit dem ihr Euren Bonzen auf die Finger geklopft habt. Denn davon könnt ihr, wie es aussieht, auch in der Zukunft noch einiges gebrauchen.

Im übrigen hatte ich immer die Hoffnung, daß davon ein wenig auch zu uns herüberschwappt. Unsere Verhältnisse, die ja möglicherweise bald die Eurigen sind, kommen auf der Folie Eures Konkurses zur Zeit etwas zu gut weg. So wie sie früher zu schlecht weg kamen. Berghofer hat hier gegenüber einer Zeitung erklärt, Zweifel am Sozialismus seien ihm erstmals 1986 gekommen. Damals habe er seine erste Westreise nach Essen gemacht, was wie ein Schock auf ihn gewirkt habe. Offenbar hatte er zerlumpte Proletarier und heruntergekommene Städte erwartet. Er fand eine blühende Stadt – weiß Gott nicht die schönste. Kann es wirklich sein, daß man bei euch trotz Westfernsehen so wenig von der Wirklichkeit wahrgenommen hat? Kann Propaganda so den Blick verstellen? Da kann einem geradezu das Fürchten kommen. Was nehmen wir alles nicht wahr?

Schluß für heute

Gruss

Klaus

Stuttgart, 14.2.1990

Lieber Frank,

während Konkursverwalter Modrow in Bonn 10 bis 15 Milliarden einfordert, so als hätte Bonn (eine) Masse( – )Schulden gegenüber dem Konkursifex (irgendwie passt das nicht ins Konkursrecht), habe ich heute 400 km rheinaufwärts in Freiburg (also gewissermaßen an der Basis des deutschen Flusses) vier Stunden vor Polizeibeamten über Probleme des illegalen Arbeitsmarktes gesprochen. U.a. ging es auch darum, welche Probleme wegen der Umwälzungen im Osten auf uns zukommen – es kommt einiges! Es sind ja nicht nur die Übersiedler. Auch die, die nicht „rübermachen“, werden versuchen, hier „etwas“ dazu zu verdienen. Die Absurdität der Situation hat z.B. bei den Polen dazu geführt, daß sie wie die Stare zur Weinernte eingefallen sind, um sich in drei Wochen ein Jahresgehalt zu verdienen. Lehrer, Ingenieure und Doktoren waren dabei, die wochenlang im Polski-Fiat übernachteten und statt zu essen eine Traubenkur machten. Und da gibt es natürlich hier genügend Leute, die ihren illegalen Nutzen daraus ziehen. Die Folge: „revolutionäre“, d.h. (chaotische Verhältnisse auf unserem Arbeitsmarkt, der aus sozialpolitischen Erwägungen eigentlich nur in sehr begrenztem Umfang dem freien Spiel der Kräfte unterliegen sollte.)

Nach dem Vortrag hatte ich Zeit, meinen Leidenschaften nachzugehen. Ich setzte also meine Nachforschungen über den deutsch – deutschen Musikschriftstellerstreit, den ich in meinem Brief vom 16.1. erwähnte, fort (das Buch, das ich suchte, gibt es in der ganzen Bundesrepublik nur hier – wie passend!). Und jetzt sitze ich, nachdem ich noch zwei nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Vorlesungen an der Uni gehört habe, im Lesesaal der Uni- Bibliothek (es gehört zu meinen Leidenschaften, in Lesesälen von Bibliotheken zu sitzen). Vor mir liegt das alte Kollegiengebäude aus dem Anfang dieses Jahrhunderts, auf dessen Fassade in riesigen goldenen Lettern steht: „Die Wahrheit wird Euch freimachen“ (auch nicht unpassend); im Hintergrund der Schwarzwald in düsteren Wolken, Sturm und Regen gehen darüber hinweg und doch ist es unwinterlich mild – ein deutsches Wetter in diesem Tagen.

Ich habe vorhin eine juristische Vorlesung über Notwehr, Nothilfe und Notstand gehört, also darüber, unter welchen Voraussetzungen bestehende Rechte gebrochen werden dürfen, gewissermaßen also über die „individuellen Revolutionsrechte“. Der Professor sprach dauernd von einem Unhold, der mit einem Mastino politano in der Gegend umherläuft und damit junge Damen bedroht, die nur einen Regenschirm mit sich tragen – auch passend.

Die andere, philosophische Vorlesung befasste sich mit Francis Bacon und der Geburtsstunde des Kapitalismus – sehr passend. Ich habe dazugelernt, daß in seiner Zeit das Patentwesen in England eingeführt wurde. Die ursprüngliche Absicht war, den Unternehmungsgeist des Volkes zu stimulieren. Daraus geworden ist der Unternehmergeist und sein Drang, Monopole zu erlangen. Der puritanische Wirtschaftsgeist (durch Schaffen im Schweiße deines Angesichtes kannst du einen Teil des verlorenen Paradieses wieder wettmachen) tat ein übriges, um den Kapitalismus zu begründen. Und zur gleichen Zeit ist – offensichtlich kein Zufall – nach einer Revolution auch noch die parlamentarische Demokratie entstanden. Kommt Dir das nicht irgendwie bekannt vor? Ihr holt gerade die Entwicklung des englischen 17. Jahrhunderts nach! (das bestätigt Deine ironische These, daß ihr gerade beim Übergang vom Feudalstaat zur bürgerlichen Revolution seid!).

Da ist natürlich die Frage zu stellen, ob Du Deine Chancen schon ausreichend geprüft hast, Dich vom „Leibeigenen“ zum Unternehmer zu verwandeln. Die Zeit ist jetzt reif dafür, vor uns, besser Euch, liegen Goldgräber- und Gründerzeiten. Schließlich sind Deine Voraussetzungen nicht schlecht. Ich weiß zwar nicht, was Du genau machst beruflich (war ja bis jetzt alles geheim). Aber zumindest historisch liegst Du voll im Trend. Wie gesagt: erst kommen die Patente, dann das Unternehmertum (du hast doch Patente, wie ich Deinem Manuskript entnehme, das dem letzten Brief beigelegt war). Und bürgerliche Revolution sowie parlamentarische Demokratie bekommst Du noch dazugeliefert.

Übrigens – Spaß beiseite – ich würde das tatsächlich einmal prüfen. Geld scheint es ja demnächst fast auf der Straße zu geben, was nicht so bleiben dürfte.

Allerdings solltest Du es nicht so weit treiben, wie ein Landsmann von Dir, den ich vorgestern, wieder in Waiblingen, zu verarzten hatte (wie passend – ich komme sonst höchstens alle halbe Jahre dorthin). Der hat es mit der Befreiung der „Leibeignen“ etwas übertrieben und hat kurzerhand alle seine Arbeitnehmer zu selbständigen Unternehmern gemacht, mit der praktischen Folge, daß man dann keine Lohnsteuern und Sozialabgaben für sie abzuführen und auch sonst keine Arbeitgeberpflichten einzuhalten braucht. Und um das Arbeitgeberparadies vollständig zu machen, hat er seine Leute auch noch an die Großindustrie verliehen und dadurch die Investitionen gespart. Das ist die Quadratur des kapitalistischen Kreises: Arbeitgeber sein, ohne Pflichten, ohne Risiko und ohne Betrieb. Ich habe dafür einen Begriff geprägt, auf den ich das „Patentrecht“‘ habe: „Beschäftigungsdreieck“. Bloß, daß ich damit nichts verdienen kann.

Wir Staatsanwälte sind halt im Kapitalismus allemal die Verlierer. Mein Kollege Bacon – er war Generalstaatsanwalt von England – unterlag den Verlockungen des Kapitals. Offenbar hat ihn seine Beteiligung an der Erzeugung des großen Geldes – er war auch Vorsitzender der Patentkommission – schwach gemacht. Jedenfalls ließ er sich bestechen und verlor seinen Job (allerdings hatte er dadurch die Zeit, gute Bücher u.a. über die induktive Denkmethode zu schreiben). Bist Du unbestechlich, wie ich, verdienst Du nichts. Du hast keine Zeit, gute Bücher zu schreiben und kannst induktive Moraltheorien allenfalls in Briefen entwickeln. Und schließlich kannst Du auch nicht auf eine Angleichung Deines Lohnes an die allgemeine kapitalistische Entwicklung hoffen, weil Dein Arbeitgeber das Geld zum Aufbau des Kapitalismus in der DDR braucht.

Passend?

Grüsse an Alle

Klaus

Wandlitz 15.2.90

Lieber Klaus!

Vielen Dank für Deinen Brief vom 30.1.. Wir sind hier für eine Woche Kurzurlauber in einem kleinen Ferienheim der Dewag (Paulas Betrieb) – 250 Mark Vollpension für uns vier – eine der typischen Errungenschaften und in diesem Falle eine der „positiven“. Leider wird des das letzte Mal sein, denn in Zukunft soll alles hier „kostendeckend“ und damit für uns unbezahlbar werden (Man spricht ganz offiziell vom 8-10-fachen). Die Kosten sind vor allen deshalb so hoch, weil das volkseigene und damit praktisch herrenlose Betriebsgeld bisher hier wie überall mit vollen Händen ausgegeben wurde und niemand daran dachte, die Mittel etwa „effektiv“ auszugeben. So kommt es, dass für dieses (wirklich schöne) Heim mit etwa 40 Betten allein 3 Reihenhäuser für das Personal errichtet wurden und in unserem Arbeitskräftemangelstaat sich hier die Angestellten fast tottreten – einer ist allein für die Kellersauna zuständig, die zwei- bis dreimal pro Woche für ein paar Stunden genutzt wird.

Dass für den Dewag – Direktor hier immer ein Appartement freigehalten wurde, muß wohl kaum extra erwähnt werden (Seit der Wende ist es angeblich zur freien Verfügung des Feriendienstes, aber – Oh Wunder – bis jetzt steht es als einziges Zimmer leer.)

Die berühmte „Waldsiedlung“ befindet sich nur zwei Kilometer von hier. Leider sind wir für die offiziellen Führungen um 10 Tage zu spät gekommen und sind ein wenig traurig darüber, denn wenn auch keinerlei Sensationen dort drinnen (jetzt) zu erwarten sind, hätten wir doch gern den Enkeln darüber berichtet.

Nun zu Deinem Brief: Zu meinem Werk ist zu sagen, dass das Manuskript abgeschlossen ist und auch der „Bruder“ Klaus darin einigemale zu Wort kommt und zwar als der Briefe – ohne – Antwort -Schreiber. Deine Gedanken haben mir da sehr geholfen (die Passagen zur französischen Revolution habe ich fast wörtlich übernommen, in dem guten Glauben an Dein Einverständnis) und sollte das ganze jemals gedruckt werden, gebe ich einen aus. (Nächste Woche soll ich beim 1. Verlag zurückfragen.)

Du gehst sehr ausführlich in Deinem Brief auf die Sozialismus – Kapitalismus – Problematik ein und ich will Dir gern darauf antworten, zumal es hier einen sehr engen Zusammenhang zur gegenwärtig dominanten Deutschen Frage gibt, um die ich mich – trotz anderer Ankündigung – bisher herumgedrückt habe. (Sie wird auch im Buch, das in der Weihnachtswoche abschließt, praktisch nicht diskutiert.)

Inzwischen ist es möglich, wieder einigermaßen nüchtern zu analysieren, was uns denn in den letzten Monaten wirklich „passiert“ ist und ich habe auch noch rotes Selbstvertrauen genug, diese Analyse frech auf der Basis des dialektischen und historischen (Marx´schen) Materialismus zu versuchen:

Dabei will ich es mir einfach machen und jetzt nicht darüber richten, welche konkreten Mechanismen dazu geführt haben, dass es möglich war, in allen „sozialistischen“ Ländern Millionen wirklich gutwilliger Genossen jahrzehntlang zu verarschen und erfolgreich zu missbrauchen. Es sei an dieser Stelle nur angedeutet, dass die meisten dieser Länder vor dem Real Existierenden Sozialismus faschistisch (wie Ost-Deutschland, Polen, Bulgarien) oder feudalistisch (wie Russland und die asiatischen sozialistischen Länder) geprägt waren. Leute, die in der DDR leben, sind weit über 70 Jahre alt, wenn sie Demokratie noch bewusst erlebt haben. Alle anderen kennen die Nicht-Diktatur nur aus dem Fernsehen und haben darüber ebenso nebulösen Vorstellungen wie über die Waschkraft des Weißen Riesen. Aber, wie gesagt, dies sollte mein Thema auch gar nicht sein.

Für unsereinen war es bisher ungeheuer schwer, Klarheit über die Rolle unserer Gesellschaft zu gewinnen, da praktisch keinerlei oppositionelle Literatur verfügbar war (und die oberflächlichen TV- Statements der Westkanäle keine fundierten Zeitungskommentare oder gar politwissenschaftliche Literatur ersetzen können.). Deshalb beispielsweise der Heißhunger des Herbstes ´88 nach dem schließlich verbotenen „Sputnik“. Nach der Wiederzulassung vor acht Wochen hat er heute kaum irgendwelche Brisanz für uns und ist das wer eigentlich schon immer war: Ein recht hübscher Digest der sowjetischen Presse, mit einigen interessanten Beiträgen zu Politik und Geschichte. Vor der Wende aber war er das einzige Presseerzeugnis, das ab und an einen Beitrag brachte, der mittelbar auch unsere Verhältnisse kritisierte.

Kurz: Analyse der eigenen Gegenwart ist für Autodidakten schon schwierig genug. Bei uns aber fehlte gar das „Lehrmaterial“. Man musste sich seine Kenntnisse sogar noch selbst (zu) erarbeiten (versuchen). Jedes halbwegs brauchbare Papier war da hochwillkommen. Für mich hatte das Buch von Prof. Woslenski über die „Nomenklatura“ eine immense Bedeutung, das ich vor einigen Jahren in die Finger bekam. Ich fand hier (geschrieben aus der mir vertrauten Sicht der Marx´chen Dialektik) einen Gedankenrahmen, in den alle meine selbst erarbeiteten Erkenntnisse wunderbar hineinpassten. Bis zu unserer Revolution war ich allerdings immer noch in der Rolle eines Atheisten befangen, der bis zuletzt hofft, Gott möge sich ihm doch noch offenbaren. Der Abschied von den eigenen Illusionen ist doch einer der schwersten.

Heute kann ich mich als von Lenin verarschten Marxisten bezeichnen. Das Problem des Real Existierenden Sozialismus bestand offenbar wirklich darin, dass er eine Mischung feudaler Machtstrukturen mit sozialistischer Ideologie bildete. Wenn man bereit ist, zuzugeben, dass die Oktoberrevolution Lenins im Grunde nichts anderes als der Putsch einer Kaste von „Berufsrevolutionären“ war und im Sinne des dialektischen und historischen Materialismus also das konterrevolutionäre Element in der Russischen (bürgerlich-demokratischen) Februarrevolution bildete – die als einziges damals wirklich aufgrund der Entwicklung der Produktivkräfte auf der Tagesordnung stand – wird alles weitere so ziemlich transparent: Dies seitdem installierten neofeudalen Strukturen mussten nach der Marx´schen Logik irgendwann die endgültige Grenze der Produktivkraftentwicklung erreichen und sich der kapitalistischen Produktionsweise als unterlegen erweisen. Die Folge ist eine bürgerlich – demokratischen Revolution (bzw. ihr 2. Anlauf) mit dem Ziel die bürgerlichen Freiheiten und die Marktwirtschaft einzuführen. Und genau das erleben wir nun auf unseren Strassen. Speziell für Deutschland kommt noch hinzu, dass zwei bürgerliche Staaten eines Volkes hinderlich wären, und so ist der Ruf nach Einheit (zumindest bei uns) vollkommen logisch.

Es wird also unweigerlich zu einem einzigen Deutschland nach dem Muster der Bundesrepublik kommen müssen, und im weiteren dann zu einem vereinigten kapitalistischen (!) Europa. Und den Marxisten wird nichts anders übrig bleiben, als diese Entwicklung zu begrüßen.

Es bleibt die Frage nach der roten Perspektive. Nach Marx weitergefolgert wird es so lange keinen Sozialismus geben, bis der Kapitalismus seine immensen Potenzen wirklich ausgereizt hat und das wird sicher noch eine ganze Weile dauern. Aber dann…. Wahrscheinlich kommt die sozialistische „Revolution“ ganz allmählich daherspaziert, indem der sozialstaatliche Charakter sukzessive zunimmt und auch die Vergesellschaftung der Produktion, so dass die Ausbeutungsrate abnimmt (bis jetzt steigt sie ja immer noch).

Es gibt allerdings ein entscheidendes Problem. Das bürgerliche Gesellschaftsmodell mag für Europa, Japan, die USA und noch einige Staaten gut funktionieren – für 6, 8 oder gar 10 Milliarden Menschen ist es untauglich, ja es funktioniert offenbar sowieso nur deshalb so gut, weil der größte Teil der Welt – aus vielschichtigen Gründen / hier habe ich übrigens damals bei Dir eine Reihe interessanten Aspekte kennen gelernt, insbesondere zum Ausbeutungsmechanismus in der 3. Welt und der Rolle der einheimischen Führung / übrigens (wahrscheinlich wegen der gemeinsamen feudalen Grundstrukturen) nicht selten kaum von der Rolle unserer „Arbeiterführer“ abweichend – daran nicht teil hat und die (nach Marx) ausgebeuteten Klassen der kapitalistischen Industrieländer ihrerseits kräftig an der Ausbeutung der „Klassenbrüder“ in der 3. Welt teilhaben (in den Industrieländern verwischen sich damit natürlich die Klassenkonturen). Nicht umsonst sind bei Euch die Bananen billiger als einheimische Äpfel.

De facto gilt dies auch bezüglich Osteuropa und der DDR. Selbstverständlich liegt es an unserem unfähigem Wirtschaften, wenn der DRR- Außenhandel im Mittel (!) für 4 Mark Aufwand 1 D- Mark einspielte. Aber wenn der Bundesbürger für den Arbeitslohn einer Arbeitstunde ein im Osten hergestelltes Produkt erwirbt, das man beim besten Willen nur in 6 oder 8 Stunden herstellen kann, hat er ja wohl an der Ausbeutung kräftig teil, oder ?. Der Schnitt verläuft also heute weniger zwischen den „Klassen“ eines Landes als vielmehr zwischen ausgebeuteten und ausbeutenden Völkern, wobei die Führung der ausgebeuteten Völker die mieseste Rolle spielt.

Vielleicht ist hier wirklich der Punkt wo (im nächsten Jahrhundert) die von Dir zitierte Moral einsetzen muß, den ich kann mir wohl 10 Milliarden glückliche und satte Menschen vorstellen, aber nicht 5 Milliarden private PKW, 5 Milliarden „Häuschen mit Garten“ usw.

Das kommunistische Prinzip „jedem nach seinen Bedürfnissen“ kann – wenn überhaupt – nur dann funktionieren, wenn die Menschen von ihren bescheuerten bürgerlichen „Denver – und Dallas – Bedürfnissen herunterkommen. Freie Bahn also der (kommunistischen ??) Moral!

Ich glaube, dass der Sozialismus (und seine Arbeits- und Lebensprinzipien) nicht tot, sondern noch gar nicht geboren ist. Seine Ideologie war und ist jedoch schon weit verbreitet (nicht zuletzt, weil die menschlichen Gesellschaftsideale seit Jahrtausenden immer ungefähr gleich sind). Das bringt den Vorteil, durch eine starke linke Bewegung auch in der bürgerlichen Gesellschaft immer schon mal ein starkes sozialistisches Element einzubringen, birgt aber gleichzeitig die Gefahr, dass jede antikapitalistische Bewegung gleich als „sozialistisch“ verkauft werden kann (und feudale Gesellschaften sind nun mal leider auch antikapitalistisch).

Der Kapitalismus wird jedenfalls irgendwann an seine Grenzen stoßen und dann von der Masse der Menschen nicht mehr akzeptiert werden. Wie sich dieser Übergang zum Sozialismus dann vollziehen wird, sei dahingestellt. Ganz sicher jedoch nicht, indem irgendwelche rote Garden in Lenin´scher Manier die Bahnhöfe und Telegrafenämter besetzen. Es wird ganz sicher auch ein Kontinente umfassender Prozess sein, denn solange noch Nationalstaaten alter Prägung existieren, hat der Kapitalismus seine Potenzen noch lange nicht ausgereizt. In diesem Sinne erfüllt sich dann auch die Marx´sche Prognose von der Weltrevolution (eine These, mit der sich die Bolschewiki in Russland sehr schwer taten. Lenin musste extra eine neue Revolutionstheorie erfinden, um diesen Widerspruch zu lösen).

In diesem Zusammenhang noch einige Sätze zur Planwirtschaft: Ich entnehme Deinen Briefen, dass auch Du – fast ohne Nachdenken / und ich meine dies nicht als Vorwurf – die These von dem Gegensatz von Marktwirtschaft und Planwirtschaft (selbstverständlich mit dem Nachsatz, das erste System hätte seine Überlegenheit, das zweite seine Untauglichkeit bewiesen) übernommen hast. Ich möchte aber ausdrücklich darauf hinweisen, dass hier ein Wirtschaftsprinzip ebenso wie eine ganze Gesellschaftsordnung durch ein System in Misskredit gebracht wurde, das den Namen unberechtigt ursurpiert hatte.

Wir hatten in den sozialistischen Ländern Marktwirtschaft ! (und haben sie noch). Bei uns wurden Waren produziert, die auf einem Markt realisiert werden mussten. Es erfolgte ein Austausch von Werten, es gab und gibt Ware-Geld Beziehungen usw.

Die Tatsache, dass in den (meisten) sozialistischen Ländern die primitivsten finanztechnischen Regeln verletzt wurden, um durch die damit entstehende Mangelwirtschaft die Ausbeutung zu erhöhen, dass willkürlich Monopol (!) Preise festgelegt wurde, dass unfähig Leute in Chefetagen aufsteigen konnten, dass ständig in die Betriebe aus politischem Schwachsinn hineinadministriert wurde, dass …, dies alles führt zwar zu Misswirtschaft, macht doch aber bitte schön noch keine Planwirtschaft aus.

Sicher es gab eine staatliche Plankommission, es wurden für Betriebe Jahres- und sogar Fünfjahrespläne aufgestellt. Aber wenn man bedenkt, dass praktisch die ganze Wirtschaft der DDR einen einzigen großen Konzern bildete (mit G. Mittag als Direktor und dem Politbüro als Aufsichtsrat), ist dies mehr als logisch. Nichts anderes – nur besser – machen westliche Unternehmen. Bei uns trug es aber immer den Charakter der Mängelverwaltung und die aufgestellten Pläne wurde ohnehin nicht eingehalten. In der Regel stimmten nicht mal die Bilanzen am Jahresanfang – vom Dezember ganz zu schweigen. Kurz: Unserer sogenannte Planwirtschaft war ein (schlecht organisiertes) Kartensystem wie es andere Gesellschaftssysteme in Krisen – d.h. Kriegszeiten auch manchmal anwenden. Mit sozialistischer Planwirtschaft, die als Hauptaufgabe ja die Verhinderung von Überproduktionskrisen hat (und daher später auch einmal unverzichtbar wird), hat unser Quatsch wirklich nur den Namen gemein. De facto gab es hier eine schlechte sozialistische Marktwirtschaft (mit einem bedauernswerten Markt).

Nun ist es natürlich bitter, eine jahrzehntelange Entwicklung – für die sich viele gerade auch unter Hintanstellung persönlicher Interessen eingesetzt haben – als im Grunde reaktionär zu erkennen. Es bleibt aber Trost und Hoffnung für die Zukunft, denn erstens sind tatsächlich einige vorsozialistische Errungenschaften bei uns erreicht worden (und haben kräftig auch auf den Westen ausgestrahlt) und zweitens hat auch der Real Existierende Sozialismus als Buhmann zumindest den westlichen Einigungsprozeß unfreiwillig aber kräftig unterstützt.

Nur haben leider die Falschen das Menü bezahlt. Dabei haben wir in der DDR noch die größere Chance, dass wir uns an das Ende des gedeckten Tisches noch mit ransetzen dürfen (ich hoffe der Herr Bundeskanzler wird im Blick auf eine gesamtdeutsche Wahl im Dezember seinen Geiz vom 14. Februar noch überwinden und für uns ein paar Teller aufdecken lassen). Die Polen, die Ungarn, Rumänen usw. und vor allem die Sowjets haben da eine unvergleichlich traurigere Zukunft vor sich.

Mit diesem optimistischen Schluss verabschiede ich mich für heute.

Grüße an Judy und die Kinder

Dein Frank

PS Nach Redaktionsschluß fand ich noch einen Artikel von Helga Königsdorf, der alles viel besser ausdrückt als ich es selbst formulieren könnte. Ich lege ihn bei.