Archiv der Kategorie: Mussorgski

1874 Modest Mussorgski (1839- 1881) Bilder einer Ausstellung

Ein Bild in Musik zu setzen heißt, zwei Prinzipien zu verbinden, die scheinbar völlig entgegengesetzt sind: Musik ist notwendigerweise laufende, das Bild hingegen stehende Zeit. Es ist daher kein Wunder, dass die Verbindung der beiden Kategorien im Laufe der Entwicklung der europäischen Kunstmusik lange nicht versucht wurde. Auf die Idee, dies zu tun, konnte am ehesten jemand kommen, der Distanz zu traditionellen Vorstellungen über Musik suchte. Eben dies tat die St. Petersburger Musikerverbindung um Balakirew, aus der Mussorgski, das „enfant terrible“ der damaligen russischen Musik, hervorgegangen ist. Die Gruppe, die man wegen ihrer Eigenwilligkeit spöttisch das „Mächtige Häuflein“ nannte, wollte russische Musik in möglichster Freiheit vom westlichen Musikdenken schaffen, von dem man allerdings die wesentlichen Grundlagen dennoch übernahm.

 

Ein besonders eindrucksvolles Resultat des  musikalischen „Freidenkertums“ des „Mächtigen Häufleins“ ist der Zyklus „Bilder einer Ausstellung“. Mussorgski praktiziert in diesem Werk nicht nur einen für seine Zeit äußerst freien Umgang  mit dem musikalischen Material, sondern  befasst sich auch gleich in mehrfacher Hinsicht mit dem Problem der Verzeitlichung des Statischen. Eine erste „Temporalisierung“ gelingt Mussorgksi dabei dadurch, dass er das Punktuelle einer Ausstellung einzelner Bilder durch eine musikalische Passage auflöst, die dem Gang des Betrachters von einem Bild zum anderen entspricht. Das Thema dieser „Promenade“, das je nach der Stimmung des jeweiligen Bildes bzw. des imaginierten Betrachters variiert wird, stellt zugleich die motivische Einheit des Gesamtwerkes her. Am Ende erweist es sich als das Hauptthema des grandiosen glockenklingenden Finales „Das Große Tor von Kiew“, dessen Gegenstand selbst wieder eine Passage ist.

 

Auch bei den einzelnen Bildern hebt Mussorgski den passageren Aspekt hervor. Besonders deutlich wird dies in dem Bild „Bydlo“, in dem ein polnischer Ochsenkarren dargestellt ist. Das altertümliche Gefährt kommt mit quietschenden Holzlagern aus der Ferne angerumpelt, zieht mit großem Aplomb vorbei und verschwindet wieder.  Aus dem Kostümentwurf für ein Ballett, dessen Tänzer in Eierschalen stecken, wird der bezaubernde „Tanz der Küchlein in den Eierschalen“. Das Bild der russischen Hexe „Baba-Jaga“ nutzt Mussorgski, um einen wilden Hexenritt zu vollführen. In „Tuilerien“ hört man Kinder, die im Park mit ihren Gouvernanten streiten, in „Marktplatz von Limoges“ kreischende Marktweiber und in „Altes Schloß“ einen Troubadur, der eine Romanze anstimmt. Auch Porträts, das schlechthin Statische, versucht Mussorgski zu verzeitlichen. Unter dem Titel „Samuel Goldenberg und Schmulye, polnische Juden, der eine reich, der andere arm“ und mit entsprechendem Selbstverständnis, werden die Charaktere erst gesondert, dann im hitzigen Gespräch „porträtiert“. In „Katakomben“ schließlich wird der Hörer durch die unterirdische Totenstadt von Paris geführt, in denen man auf römische Gräber stößt. Hier werden gewaltige Blechbläser-Akkorde nebeneinandergestellt: „con mortuis in lingua mortua“ (mit den Toten in der Sprache der Toten), wie Mussorgski in der Partitur vermerkt. Die erratischen Akkordblöcke erinnern an die monumentalen Schlagschatten in Piranesis Radierungen „Camere sepocrale“ mir ihren düster-grandiosen Ansichten antiker Grabmäler.

 

„Bilder einer Ausstellung“ ist eine Huldigung des Komponisten an seinen Freund, den Maler und Architekten Victor Hartmann, der im Jahre 1873 kurz nach einer Zusammenkunft mit Mussorgski jung verstorben war. Wladimir Stassow, der erste Biograph Mussorgskis und Erfinder der Bezeichnung „Mächtiges Häuflein“, organisierte im folgenden Jahr eine Gedächtnisausstellung mit Bildern Hartmanns, zu der Mussorgski die Bilder „Samuel Goldenberg“ und „Schmulye“ beisteuerte. Aus der Ausstellung, die rund 400 Bilder umfasste, wählte Mussorgski zehn Werke. Dabei nimmt er in „Katakomben“ ausdrücklich Bezug auf den Tod des Freundes. In der Partitur heißt es hier: „Der schöpferische Geist des verstorbenen Hartmann führt mich zu den Schädeln und ruft sie an – die Schädel beginnen im Inneren sanft zu leuchten.“

 

Das 1874 entstandene Werk ist ursprünglich für Klavier geschrieben und fand als solches zunächst keine Beachtung. Sein Farbenreichtum und die Dichte des Satzes legten aber schon bald eine Orchestrierung nahe. Ein erster Versuch wurde bereits im Todesjahr des Komponisten gemacht. Allein im Jahre 1922 folgen 3 weitere Fassungen, in der Folge weitere acht. Außerdem sind zahlreiche Bearbeitungen für die unterschiedlichsten Besetzungen erschienen, darunter eine für 44 Klaviere und ein präpariertes Klavier, eine für chinesische Instrumente sowie je eine für Jazzband und Rockgruppe. Durchgesetzt hat sich die Fassung von Maurice Ravel aus dem Jahre 1922, welche die Palette Hartmanns und den Stern Mussorgskis mit ihren außerordentlich plastischen Effekten auf ideale Weise zum Leuchten brachte.

Weitere Texte zu Werken von Mussorgskii und rd. 70 weiteren Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

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1867 Modest Mussorgski (1839 – 1881) Symphonische Dichtung „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“

Mussorgski ist eine merkwürdig unfertige und daher höchst umstrittene Musikerfigur. In seinem kurzen Leben war er ständig auf der Suche nach sich selbst und nach den Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks für Gedanken und Empfindungen, die mitunter nicht leicht nachzuvollziehen waren und sind. Dabei hat er weder für sein Leben noch für sein künstlerisches Werk einen „regelrechten“ Abschluss gefunden. Sein Leben endete nach Depressionen und Alkoholmissbrauch im Alter von 42 Jahren. Die meisten seiner größeren Werke sind entweder nicht vollendet worden oder wurden von ihm oder anderen als unvollendet und ergänzungsbedürftig angesehen. Von vielen gibt es daher mehrere Fassungen von Mussorgski selbst oder Be- Über- und Ausarbeitungen seiner Berater und Bewunderer (das bekannteste Beispiel ist „Bilder einer Ausstellung“).

 

Über den Charakter Mussorgskis, der nur wenige menschliche Bindungen durchhielt und vereinsamt starb, hat man seit eh und je gestritten. Man könnte ihn als eine besondere Ausprägung des „überflüssigen Menschen“ verstehen, einen jener Onegins, Petschorins und Oblomows, in denen sich in der russischen Literatur des 19. Jh. von Puschkin und Lermontow bis zu Goncharow die psychische Problematik des russischen Gutsbesitzers spiegelt, der auf seinem von Leibeigenen betriebenen Latifundien sitzt und an der Sinnlehre seines Daseins verzweifelt. Mussorgski ist auf einem solchen Landgut aufgewachsen und war, nachdem er die Militärlaufbahn eingeschlagen hatte, auf dem besten Wege zum typischen Stutzerdasein seiner Klasse, bevor er – letztlich vergeblich – höheren Halt und Lebenssinn in einer schöpferischen Tätigkeit suchte.

 

Als Künstler lehnte Mussorgski idealistisch-glättende Überformungen kompromisslos ab und neigte zu sozialkritisch-genrehafter Darstellung. Daher hat man ihn für einen Vertreter des Realismus in der Kunst gehalten und damit die Härten seines Stiles und manche sonstige Ungereimtheit erklärt. Zu Zeiten der Sowjetunion galt er als ein Vorläufer des sozialistischen Realismus, weil in seinem Werk – nicht zuletzt in den Opern – auch immer wieder das einfache Volk und das Leben der Bauern thematisiert wird. Andere stellten bei Mussorgski trotz seiner expliziten Irreligiosität und seines philosophischen Materialismus romantische und religiöse Züge fest oder vermuteten in ihm einen verkappten oder gar verschleierten Mystizisten. Sie bezogen sich dabei auf seine Affinität zu abseitigen und jenseitigen Stoffen und darauf, dass er eine Vorliebe für das Dunkle, abgründig Tiefe, aber auch für das ungezügelt Leidenschaftliche hat. Der westeuropäischen Moderne wiederum galt Mussorkski als ein Musiker auf der Suche nach dem Ausweg aus dem schöpferischen Dilemma, in dem man die Spätromantik mit ihren angeblich verbrauchten Formen und Themen sah. Aus dieser Sicht erschien der Autodidakt Mussorgski als ein Künstler, der ganz auf sich selbst gestellt das Neue schafft und daher – wie mancher moderne Musiker – nicht ohne weiteres verstanden wird.

 

Die symphonische Dichtung „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“, Mussorgskis einziges genuines Orchesterwerk, enthält praktisch alle Charakteristika seines Schaffens. Das Werk entstand im Jahre 1867 als sich der Komponist für einige Zeit auf dem Lande befand, um seinem Bruder bei der Bewirtschaftung des Familiengutes zu helfen, das nach der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1861 nicht mehr ohne weiteres lief. Das Thema der Komposition ist dunkel und abgründig – es geht um ein Hexentreffen in der Johannisnacht auf dem Berg des Triglaw, einem der Slawischen Hauptgötter, eben dem „Kahlen Berge“. Dargestellt werden nach Mussorgskis eigenhändigem Programm: Streit der Hexen, ihr Geschwätz und ihre Streitereien, Aufzug des Satans; schwarze Messe und Hexensabbat (mit Rückzug der bösen Geister und Andeutung des wiederhergestellten Friedens). Des weiteren gibt es von dem Werk mehrere Fassungen, von Mussorgski selbst und von anderer Hand. Mussorgski selbst schuf eine – zweite – Fassung, die Eingang in seine – unvollendete – Oper „Der Jahrmarkt von Sorotschinzi“ fand. Ferner finden sich insbesondere in Mussorgskis eigenen Fassungen außerordentlich kühne Stilmittel. Der Komponist scheut angesichts des dunklen und mitunter grotesken Sujets nicht vor härtesten Schroffheiten zurück. Außerdem hat Mussorgski die Möglichkeit, wilde Leidenschaftlichkeit darzustellen, die das Thema anbot, voll ausgeschöpft. Schließlich hat die Komposition die Konzertpodien in der Fassung erobert, die ihr Alexei Rimski-Korsakow gab. Sie teilt damit insbesondere das Schicksal der großen Oper „Boris Gudonow“ und der – ebenfalls unvollendeten – Oper „Chowanstschina“.

 

Rimski-Korsakow und  Mussorgski waren Mitglieder des „Mächtigen Häufleins“, einer Art musikalischer Selbsterfahrungsgruppe – dazu gehörte auch Alexander Borodin – , die sich unter der Führung Mili Balakirews der Erneuerung oder eigentlich der Schaffung einer russischen Kunstmusik aus dem Geist des Volkes verschrieben hatte. Sie lehnten (daher) jede Form akademischer Ausbildung und schulmäßiger Ausarbeitung der Musik ab. Rimski-Korsakow wandte sich von dieser Auffassung von Musikschaffen später ab und holte die akademische Ausbildung nach. Im Lichte der regulären Musikstandards erschienen ihm nun viele Eigenarten seines Freundes als fehler- oder zumindest unvorteilhaft. Daher eliminierte er nach dessen Tod insbesondere die harmonischen und instrumentalen Härten des Originals und versuchte den Werken eine leichter verständliche, das heißt in der Regel traditionellere und schulmäßigere Form zu geben. Im vorliegenden Falle setzte er das ursprüngliche Material im Sinne des Sonatenhauptsatzes teilweise neu zusammen. Außerdem komponierte auf der Basis von Elementen aus der Oper „Der Jahrmarkt von Sorotschinzi“ den friedlichen Schluss ganz neu dazu. Darüber, ob Rimski-Korsakows Bearbeitungen der Werke Mussorgski zulässig waren und darüber, welche Fassung besser ist, hat man insbesondere an Hand der Opern heftig gestritten. Im vorliegenden Fall ist mehr oder weniger unstreitig, dass Rimski-Korsakow ein sehr effektvolles neues Werk hinbekommen hat. Es wird nur bemängelt, dass es kein Mussorgski sei.