Archiv der Kategorie: Finanzkrise

Ein- und Ausfälle – Finanzkrise und Regietheater

Als besonderes Merkmal der Finanzkrise hat man die hemmungs- und rücksichtslose Selbstverwirklichung festgestellt, die sehr Wenige mit den Mitteln sehr Vieler betreiben. Diese Wenigen bedienen sich der Resourcen, die im Laufe langer Zeit im Ganzen der Gesellschaft entstanden und gesammelt wurden, um sehr persönliche Zwecke zu verfolgen, Zwecke, die nicht selten weit aus dem Rahmen fallen, innerhalb dem sich die Maßstäbe der Verhaltensmöglichkeiten bilden, welche den Vielen offenstehen. Hinzu kommt, dass sich Misserfolge in erster Linie bei den Vielen auswirken, welche den Wenigen die Mittel für ihre Aktivitäten zur Verfügung gestellt haben. Für die Wenigen selbst führen sie hingegen auffällig häufig dazu, dass sie ihre Zwecke erreichen. Man kann sich sogar des Verdachtes nicht erwehren, dass sie Dinge so gestaltet haben, dass sich auch oder gerade der Misserfolg zur ihren Gunsten auswirkt. Typisch für die Verhaltensweise der Wenigen ist im Übrigen die Bereitschaft, Gestaltungsmöglichkeiten bis zum Extrem zu belasten und dabei die Beschädigung oder gar den Zusammenbruch des Systems zu riskieren, von dem die Vielen und sie selbst leben.

 

Da besondere Verhaltensweisen in der Gesellschaft meist Ausdruck allgemeinerer Strömungen sind, findet sich das geschilderte Verhalten auch anderen Bereichen – etwa beim Regietheater.

 

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Ein- und Ausfälle – Zum Religionscharakter des Kapitalismus

Die kapitalistischen Kritiker des Kommunismus haben diesen gern als ein soziales Phänomen bezeichnet, das alle Merkmale einer Religion habe, etwa weil er die Lösung aller Probleme in einer künftigen Welt verspricht, weil er eine einheitliche Weltsicht hat, der sich der Einzelne voll und ganz zu unterwerfen hat, und weil er eine von wenigen Personen dominierte kirchenähnliche Institution besitzt, welche die Lehre überwacht und die Abweichler exkommuniziert. Mit dieser Darstellung wird inzident ausgesagt, dass der Kapitalismus fester auf dem Boden der Tatsachen stehe als der Kommunismus. Tatsächlich geht es im Kapitalismus aber nicht viel weniger theologisch als im Kommunismus zu – wie das Beispiel der Börse zeigt: Auch die Börse zieht Menschen an, die das ganz große Glück suchen und bereit sind, dafür aufs Ganze zu gehen. Bei diesen Menschen verengt sich der Blick auf die Vorstellung, alle Probleme mit einem einzigen (Zahlungs)Mittel lösen zu können, von dem sie im übrigen glauben, dass es die ganze Welt durchdringe und beherrsche. Weiter gehen diese Menschen davon aus, dass sie Einfluss auf ihr Glück nehmen können, vor allem indem sie gewisse Handlungen ähnlich wie Gebete und Opfer beständig wiederholen, und zwar unabhängig davon, ob sie ihnen tatsächlich Erfolg bringen (Kaufen und Verkaufen). Ferner werden sie in ihrem Denken und Streben von Propheten mit dem vielsagenden Titel Analysten bestärkt, die vorgeben, besonderes Wissen zu haben, welches sie unmittelbar oder mittelbar aus der Quelle der Weisheit, den Unternehmen, oder durch das Lesen von Zeichen gewonnen haben wollen, mit der Folge, bedeutsame Aussagen über die Zukunft machen zu können. Schließlich verlieren auch die Glücksucher des Kapitalismus weitgehend die Fähigkeit, zwischen Tatsachen, Möglichkeiten und Einbildungen zu unterscheiden, was sie blind gegenüber der Realität macht und sie zum Spielball machtbewusster Personen werden lässt, die das System für ihre Zwecke zu nutzen wissen.

Ein- und Ausfälle – Lob des Marktes?

Von der Demokratie sagt man, sie sei keine gute Staatsform, es gebe aber keine bessere. Daher hat man gegen die Möglichkeiten des Missbrauches, deren man sich im Laufe der Zeit immer bewusster wurde, allerhand checks and balances eingebaut. Vor allem hat man die Gewalten geteilt, um eine Monopolisierung der Macht zu verhindern. Die Kraft der Demokratie resultierte aus dem Misstrauen, das man ihr entgegenbrachte.

 

Vom Markt hat man lange Zeit gehört, dass er die beste Wirtschaftsform sei. Er sei so gut, dass er sogar die Lösungen für etwa auftretende Probleme mitliefere. Daher hat man nur wenige Vorkehrungen gegen die Möglichkeiten des Missbrauches, deren man sich dazu immer weniger bewusst wurde, ein- und viele sogar abgebaut. Vor allem wurde die Kontrolle der Managerkaste vernachlässigt, was zu einer monströsen Oligarchisierung der Macht führte. Darüber ist der Markt ins Kraut geschossen. Im Jahre 2008 musste man, erstaunlicherweise völlig überrascht, seine hohe Fragilität, einen weitgehenden Verfall der Kräfte seiner hochgelobten unsichtbaren Hand und Schäden in einem Ausmaß  konstatieren, wie man sie im politischen Bereich von Diktaturen kennt. Hätte man dem Markt als Wirtschaftsform das gleiche Misstrauen entgegengebracht wie der Demokratie als Staatsform, wäre uns diese Katastrophe wohl erspart geblieben. Der Markt ist am Lob, vor allem seinem Eigenlob zu Grunde gegangen.