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Ein- und Ausfälle – Chinesische Strafen für schlechte Architektur

Der Ming-Kaiser Yong Le soll den Architekten der Verbotenen Stadt von Peking, weil dieser zum wiederholten Male nicht genügend gute Entwürfe für die Ecktürme des Palastes vorgelegt hatte, eines Tages mit dem Tode bedroht haben, falls er nicht bis zum nächsten Morgen qualitätvollere Pläne vorlege. Der Architekt, der nicht wusste, wie er den Ansprüchen des Kaisers  gerecht werden sollte, sei, so heißt es,  daraufhin in Verzweiflung gefallen und habe sich die ganze Nacht nur damit beschäftigt, seiner geliebten Grille einen schönen Käfig zu bauen. Als der Kaiser am nächsten Morgen kam, um zu sehen, was der Architekt unter der Todesdrohung zu Stande gebracht hatte, habe dieser sich in sein Schicksal ergeben auf sein bevorstehendes Ende vorbereitet. Der Kaiser habe aber die Zeichnung für den Grillenkäfig auf dem Tisch des Architekten entdeckt und geglaubt, dass es sich dabei sich um den Entwurf für die Türme handele. Er sei davon begeistert gewesen und habe den Architekten begnadigt.

 Ob diese Geschichte wahr ist, wird man angesichts der Art, wie man im alten China Geschichte schrieb und bestimmten Zwecken dienlich machte, wohl nie erfahren. Man kann für den armen Architekten und alle seine Kollegen nur hoffen, dass sie Übertreibungen der Art enthält, wie sie im Zusammenhang mit chinesischen Kaisern üblich waren. Aber auch wenn nicht viel Wahres daran sein sollte, so zeigt die Geschichte in jedem Fall, welch` hohen Stellenwert die Qualität der Architektur im alten China hatte. Das gegenteilige Extrem ist der vollkommene Mangel an Respekt vor der Öffentlichkeit und ihren Repräsentanten, den ungezählte Architekten in unseren Breiten und Zeiten an den Tag legen.

Ein- und Ausfälle – Müssen wir Angst vor den Chinesen haben?

Wir sehen seit einiger Zeit verwundert, wie im Osten des eurasischen Kontinents eine gewaltige Macht entsteht. China zieht sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf von Selbstzerfleischung und ideologisch bedingtem  Missmanagement, in dem es ein Jahrhundert steckte, nachdem es durch den Westen gedemütigt und geschunden worden war. In wenigen Jahrzehnten hat das Reich der Mitte eine Entwicklung durchgemacht, für die der Westen Jahrhunderte gebraucht hat. Das Land ist in dieser Zeit von einem Entwicklungsland zu einer führenden Industrienation geworden. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Das chinesische Gesellschaftssystem ermöglicht es, Entscheidungen in einem Tempo zu vorzubereiten und zu verwirklichen, von dem der Westen nur träumen kann. Hinzu kommt, dass die ungeheuren menschlichen Ressourcen des Landes noch weitgehend unausgeschöpft sind. Geht man davon aus, dass sich die Entwicklung in ähnlicher Weise fortsetzt wie in den letzten Jahrzehnten, dann werden in China in den nächsten Jahrzehnten weitere Hunderte von Millionen äußerst fleißiger und hoch motivierter Menschen in den modernen Wirtschaftskreislauf eintreten. Nach allem Ermessen wird der Westen dem nichts Vergleichbares entgegenzusetzen haben. Schon jetzt kann man sich daher ausrechnen, dass sich dadurch die Machtgewichte in der Welt zu Lasten des Westens erheblich verschieben werden. Müssen wir also Angst vor China haben?

 

Nach den Maßstäben, die Europa und seine kulturellen Ableger insbesondere in Amerika in der Vergangenheit entwickelt haben, ist die Angst berechtigt. Der Westen hat seine Stärke und die Schwächen der wenig oder anders entwickelten Länder immer konsequent für seine Zwecke genutzt. Sein Bestreben war in erster Linie die Expansion und die Ausbeutung fremder Ressourcen. Die Mittel, mit denen er operierte, waren dabei alles andere als skrupulös. Wo nötig hat man sich dafür andere Länder kurzerhand einverleibt, indem man sie zu Kolonien erklärte. Im schlimmsten Fall wurde die Bevölkerung gar versklavt oder vernichtet. Das Ergebnis war, dass der Westen vom großen Kuchen der Weltökonomie das bei weitem größte Stück bekam. Unsere Jahrhunderte lange wirtschaftliche (und damit militärische) Übermacht bedeutete für die Unterlegenen also meist nichts Gutes. Würde China die Macht, die es schon hat oder in absehbarer Zeit haben wird, ähnlich nutzen, würde es uns tatsächlich schlimm ergehen.

 

Sind solche Befürchtungen aber berechtigt oder spiegeln sie nur unsere eigene Denkweise? Letztendlich beantworten kann diese Frage naturgemäß niemand. Ein Indiz dafür, wie sich die Dinge entwickeln könnten, kann aber der Blick in die Vergangenheit sein. Denn da sich die Grundlagen einer Kultur in der Regel nur sehr langsam ändern, kann man davon ausgehen, dass die Linien, welche die Vergangenheit eines Kulturkreises bestimmten, im Großen und Ganzen auch noch in der Zukunft weiter gezogen werden. Für den Westen lässt sich feststellen, dass sich die Neigung zur Ausbeutung fremder Ressourcen seit der Antike wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht und noch heute vorhanden ist. Wenn die Entwicklung Chinas ebenso konsequent verlaufen sollte, könnten wir beruhigt sein. Chinas Kultur war nämlich nie in vergleichbarer Weise auf Expansion oder Ausbeutung fremder Länder und Menschen gerichtet, wie die westliche Kultur.

 

Wiewohl China über drei Jahrtausende die absolut größte Macht im Osten des eurasischen Kontinents war, hat sie nie einen Kolonialkrieg geführt, geschweige denn, wie der Westen, Eroberungen unter dem Deckmantel der Ausbreitung der angeblich einzigen richtigen Religion betrieben. Dabei wäre es ihm angesichts seiner menschlichen und technischen Ressourcen ein Leichtes gewesen, weniger entwickelte Völker zu unterwerfen. Die Chinesen waren lange vor den Europäern im Besitz von explosiven Substanzen, nutzten sie aber nie, um damit zu schießen, also um Andere damit unter Druck zu setzen. Noch bevor die Europäer sich dazu aufmachten, die Welt mit wenigen kleinen Schiffen zu erforschen und zu erobern, waren die Chinesen mit einer Flotte von riesigen Schiffen auf den Weltmeeren unterwegs. Sie verzichteten aber darauf, ihre Expeditionen oder gar sonstige politische Projekte durch die Unterwerfung und Ausbeutung der entdeckten Länder und Völker zu finanzieren, was Europa wie selbstverständlich tat (man denke an die Finanzierung der spanischen Reconquista durch die Edelmetallimporte aus Amerika). Zwar waren auch die Chinesen nicht unkriegerisch, wiewohl der Beruf des Kriegers bei ihnen – auch dies im Gegensatz zu Europa – kein hohes Ansehen genoss. Bei ihren Kriegen handelte sich aber entweder um innerchinesische Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Machtzentren oder um Kriege gegen benachbarte Völker, die der Sicherung der Grenzen dienten. Zu letzterem Zwecke haben die Chinesen zeitweilig auch Grenzvölker beherrscht oder sich über die Grenzen ihres Kulturkreises ausgedehnt. Im Großen und Ganzen ruhte das Reich der Mitte aber in sich selbst. Es war nicht an Expansion sondern an der Sicherung seiner inneren Stabilität interessiert. Das sichtbarste Zeichen dieses Denkens ist die chinesische Mauer. Mit einem Aufwand, dessen Größe nur noch mit der künftigen Wirtschaftskraft Chinas verglichen werden kann, hat man hier ein singuläres Bauwerk geschaffen, das nur dazu diente, sich Ruhe vor fremden Eindringlingen zu verschaffen.

 

Die Befürchtungen betreffend die Rolle Chinas in der heutigen Welt kann man denn auch schwerlich mit dessen Vergangenheit begründen. Sie resultieren vielmehr daraus, dass das politische System des Landes wenig durchschaubar ist und China in neuerer Zeit eine expansive Politik gegenüber Taiwan und Tibet betrieben hat. Was das gegenwärtige politische System betrifft, so handelt es sich um einen Import aus dem Westen des eurasischen Kontinentes, der in der Tat eine starke aggressiv-missionarische Komponente hatte. Nachdem die Schwächen dieses Systems offenbar geworden sind, hat sich sein missionarischer Aspekt stark abgeschwächt, sodass insofern kaum mehr sonderlich aggressive Impulse zu erwarten sind. Was die Politik gegenüber Taiwan und Tibet angeht, so ist ein Vergleich mit dem, was Europa in der Vergangenheit betrieben hat, kaum möglich.  Zu beiden Gebieten hat China historische Beziehungen. Auch wenn insbesondere in Falle Tibets offensichtlich auch geostrategische Aspekte im Spiel sind, erscheint das Verhalten Chinas hier doch in einem anderen Licht als die Eroberungsaktivitäten, welche sich die Europäer meinten leisten zu dürfen.

 

Eine Gefahr für die Welt würde China aber – abgesehen von möglichen Revanchegelüsten, die gut nachvollziehbar wären, für die es aber erstaunlich wenige Anhaltspunkte gibt –  wenn der Kapitalismus, der sich in diesem Land auszubreiten beginnt, notwendigerweise eine aggressive Außenpolitik nach sich ziehen würde, wenn man also auf Grund der Eigengesetzlichkeit des Kapitalismus die Auflösung der restriktiven außenpolitischen Tradition Chinas befürchten müsste. Dafür, dass dies der Fall sein könnte, spricht natürlich die Verbindung von Kapitalismus und Aggressivität, welche man für den Westen zu konstatieren hat. Es spricht aber auch einiges dafür, dass die Neigung zur Aggression in Europa unabhängig vom Kapitalismus entstanden ist. Darauf deutet insbesondere die Tatsache, dass die (Außen)Politik in Europa schon von der Antike bis zu den Kreuzzügen des Mittelalters durch Gewalt gekennzeichnet gewesen ist, ausbeuterisches Verhalten bei uns also bereits lange vor der Entstehung des Kapitalismus gang und gäbe war. Die Kombination von Kapitalismus und Aggressivität ist wohl eine spezifisch europäische Erfindung. Sie kann nicht ohne weiteres auch für China unterstellt werden, das, wie gesagt, eine ganz andere Tradition hat. Deswegen sollten gerade wir diesem erstaunlichen Land nicht mit übermäßigem Misstrauen oder gar Angst entgegentreten – ganz abgesehen davon, dass wir von den Impulsen, welche der Aufstieg Chinas der Weltökonomie gibt, erheblich profitieren.

Ein- und Ausfälle – Chinas pragmatische Logik

Der chinesische Philosoph Mo Ti aus den 5 Jh. v. Chr. ging die Frage der (sozialen) Logik ziemlich undogmatisch an. Nach ihm bestehen die drei Gesetze des vernunftmäßigen Denkens

 

            1.) im Studium der Erfahrungen der weisesten Menschen der Vergangenheit – dort, sagt er, finde man die Grundlage;

 

            2.) im Studium der Erfahrung des Volkes; – dadurch gelange man zu einem allgemeinen Überblick;

 

            3.) in der Einführung der dabei gewonnen Erkenntnisse in Gesetzgebung und Regierungspolitik und der anschließenden Prüfung, ob es der Wohlfahrt des Staates förderlich sei oder nicht.

 

Mit diesen schlichten Überlegungen kommt Mo Ti zu Ergebnissen, über welche die Väter der europäischen und indischen Philosophie mit ihren gewaltigen Gedankensystemen auch nicht wesentlich hinausgekommen sind, nämlich dass sozial wirksam die Gedanken sind, die sich

 

            1.) auf große Namen berufen können,

2.) in der Tradition (des Volkes) verwurzelt und

            3.) in der Praxis erprobt sind.

 

So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass Mo Ti trotz ganz anderer Ausgangspunkte im Detail zu ähnlichen Ergebnissen wie die großen Denker unserer Tradition kommt. Er hält die Existenz eines persönlichen Gottes ebenso für erwiesen, wie die von Geistern und Gespenstern, letztere mit Begründung, weil viele sie gesehen haben. Die Notwendigkeit des (Ahnen)Kultes schließt er daraus, dass er sozialen Zusammenhalt fördere (weil dabei die Menschen auf Grund gemeinsamer Überzeugungen zusammenkommen). Das Prinzip der Nächstenliebe leitet er einfach aus dem Umstand ab, dass dadurch eine Menge sozialer Probleme gelöst würden (weil es die Ausuferung des individuellen Entfaltungsdrangs eindämme). In einem Punkt war er unseren Denkern allerdings weit voraus. Seiner Weisheit letzter Schluss ist das (behutsam angewendete) „Trial and error“- Prinzips als Korrektiv für überschäumende soziale Gestaltungsphantasien. Mit einem derart pragmatischen Prinzip hatten unsere Systemdenker einige Schwierigkeiten. Der Natur ihres Ansatzes entsprechend neigten sie zu logischen Scheingebäuden oder „wissenschaftlichen“ Großversuchen, die zum Teil mit gewaltigen Spesen endeten.

 

Die Tatsache, dass man von so unterschiedlichen Ansätzen zu so ähnlichen Ergebnissen kommt, sagt einiges darüber, wie wenig das Ergebnis des Denkens von der Art der Gedankenführung und wie sehr es davon abhängt, wie wichtig es einem ist.

Die verschlungenen Wege der Aufklärer

Es ist schon ein faszinierendes Schauspiel, zu sehen, wie die Denker der frühen Aufklärung nach rasantem Start in die tatsächliche Welt die Kurve doch wieder in Richtung Glauben kratzen: René Descartes etwa, der alles bezweifelt, um schließlich mit dem ontologischen Gottesbeweis schnurstracks auf den christlichen Gott zuzulenken; Pierre Bayle, der mit dem Gewicht überzeugendster Argumente, darunter der Tatsache, dass die heidnischen Chinesen auch ohne Offenbarung allerhand Vernünftiges zustande brachten, gegen den christlichen Glauben anfährt, um all die schlagenden Argumente kurz vor dem Ziel als angeblich falschen Ballast, den andere angehäuft hätten, wieder abzuwerfen; Nicolas Malebranche, der die Vorstellung von  übermenschlichen Wesen frontal mit der Erklärung angeht, der Mensch habe nur nach einer Ursache für die gewaltigen Kräfte der Natur Kräfte gesucht, dann aber die gerade Bahn verlässt, um dem christlichen Gott auszuweichen; die englischen Deisten wie Charles Blount und John Tolant, welche die Tatsachen zwar gegen willkürliche Eingriffe durch ein höchstes Wesen, einschließlich dessen irdischer Stellvertreter und den von ihnen verfassten heiligen Büchern immunisierten, aber doch an einem Gott als der ersten Ursache aller Tatsächlichkeiten festhielten; oder der Freidenker Anthony Collins, der zwar mutig darüber räsonierte, welche Texte der heiligen Schriften authentisch und welche apokryph sind und wie man  die Schikanen für die Vernunft bewältigt, die auch die heiligsten Texte enthalten, sich aber zu fragen scheute, ob sie heilig sind; schließlich Baruch Spinoza, der so ziemlich all die wolkigen Schleifen, die der Geist gerne um die Tatsachen zieht, wirklich radikal abkürzte, um bei einem Gott zu landen, der in allen Tatsachen steckt. Die deutschen Denker dieser Zeit freilich haben das Tempo, mit dem sie in die Welt fuhren, gerne schon vorsorglich gedrosselt und haben gleich die Kurve angesteuert, Gottfried Wilhelm Leibniz etwa, der um den hinderlichen Umstand, dass ein vollkommener Gott eine unvollkommen Welt geschaffen zu haben schien, mit der Feststellung kurvte, es könnte alles noch schlimmer sein, Gott habe aus der Menge der möglichen Welten die beste gewählt. Auch sprach er im Wettbewerb um die Vortrefflichkeit der Völker zwar den Chinesen den „goldenen Apfel“ (des Paris) zu, sicherte sich aber mit dem Nachsatz ab, dass ihnen jedoch das göttliche Geschenk der christlichen Religion fehle. Manche allerdings sind dennoch aus der Kurve geflogen, so Leibnitz unglückseliger Schüler Christian Wolff, der sich zwar alle Mühe gab, dem Christentum „vernünftige Gedanken“ zu unterlegen, aber beim allfälligen Vergleich mit den Chinesen die vorsorgliche Einschränkung seines Lehrers vergaß, was ihm Job und Heimat kostete. Er bekam sie erst zwanzig Jahre später durch eine der ersten Amtshandlungen Friedrichs des Großen zurück. Dieser hatte dann allerdings schon die Kraft – und die Stellung -, mit der Schrift „Der Bericht des Phihihu“ via  Chinesenvergleich voll auf Kollisionskurs mit der (katholischen) Kirche gehen zu können.

Ein- und Ausfälle (China 20)

Auf die Frage, wer für sie der größte Held sei, nannten junge Akademiker aus China Konfutius, ihre Kollegen aus Deutschland Franz Beckenbauer und Michael Schumacher. Bleibt nur noch die Hoffnung, dass der Satz falsch ist, eine Kultur sei so groß wie ihre Vorbilder.

Ein- und Ausfälle (Barock 1 – China 21)

Auch wenn der Begriff des Barock, der – abgeleitet von portugiesischen Wort „barucca“, mit dem man unrund geformte Perlen beschrieb – schon im 17. Jahrhundert die Bedeutung von „regelwidrig“ hatte, hat man in Europa das Unregelmäßige in der (Bau)Kunst richtig erst im 18. Jahrhundert entdeckt. Den Höhepunkt erreichte die Unregelmäßigkeit im alles überwuchernden Muschelwerk des Rokoko, in dem die Asymmetrie schließlich zum Prinzip erhoben wird. Zur gleichen Zeit – nicht selten sogar unmittelbar damit verbunden, entstand in Europa die Chinoiserie. Dies dürfte seinen Grund nicht zuletzt darin haben, dass ein wesentliches Merkmal auch der chinesischen Kunst die kunstvolle Unregelmäßigkeit ist. Die Frage ist nur, ob die Deregulierung der Form in Europa eine Folge des Kontaktes mit der chinesischen Kunst oder ob die Bereitschaft Europas zur Aufnahme von Elementen chinesischer Kunst eine Konsequenz des Interesses an der Unregelmäßigkeit ist. Ganz auseinanderhalten kann mein beide Aspekte sicher nicht. Für ein Übergewicht des Letzteren spricht aber der Umstand, dass man seit der Mitte des 17. Jahrhundert gesellschaftliche Regelwidrigkeiten, nämlich die Kritik an den „regulären“ Mächten Kirche und absoluter Staat,  gerne in Chinesenvergleichen versteckte.

Ein – und Ausfälle (China 19)

In einer Weltsicht, die von einem persönlichen Verhältnis des Einzelnen zu einer allmächtigen und allwissenden Institution ausgeht, die im Jenseits angesiedelt ist, werden bei der Formulierung ethischer Postulate Fragen der Gestaltung dieses asymmetrischen, irrealen und persönlichen Verhältnisses im Vordergrund stehen, Fragen der Regelung des realen Miteinanders prinzipiell gleichartiger Menschen im Diesseits hingegen tendenziell zu wenig Aufmerksamkeit erhalten. Für die alten Chinesen, die eine übergeordnete Institution dieser Art nicht kannten, war neben der Vollkommenheit der Persönlichkeit hingegen vor allem die Einbindung des Individuums in das gesellschaftliche Ganze wichtig, weswegen zum chinesischen Begriff der Tugend (De) etwa auch die Beachtung der Riten gehörte, in denen sich die soziale Einbettung des Einzelnen spiegelte.