Archiv der Kategorie: Neudeutsche Schule

1854 Franz Liszt (1811-1886) Les Préludes

Die europäische Kunstmusik stand im 19. Jahrhundert auch im Dienst nationaler Selbstfindungsprozesse. Allenthalben bildeten sich nationale Schulen, die eine regionale Färbung der Musik pflegten. Im zersplitterten Deutschland, das seinerzeit noch heftiger als sonst auf der Suche nach seiner Identität war, unternahm es vor allem der deutschstämmige Ungar Franz Liszt, das spezifisch deutsche Element in der europäischen Musik zu definieren. Barock und Klassik hatten die Aufgabe der Instrumentalmusik in der Hauptsache in der (Weiter-)Entwicklung absoluter, d. h. rein musikalischer Formen und Ausdrucksmöglichkeiten gesehen. Liszt und seine Anhänger, die nach einer Begriffsbildung ihres wichtigsten Propagandisten Franz Brendel unter der Bezeichnung „Neudeutsche Schule“ auftraten, suchten der Musik dagegen durch die Verbindung mit außermusikalischen Aspekten, insbesondere dem Wort, neue, poetische Dimensionen zu eröffnen (sie beriefen sich dabei vor allem auf Beethovens naturschildernde „Pastorale“). Dadurch hoffte man die Musik nicht zuletzt zu einem gesellschaftsformenden Element quasireligiösen Charakters zu machen, das in die Zukunft wirkt und damit so etwas wie politische Qualität gewinnt. Exemplarisch ist dieses Konzept im Gesamtkunstwerk des ehemaligen politischen Extremisten Richard Wagner verwirklicht worden, der neben Liszt das zweite Schwergewicht der „Neudeutschen Schule“ bildete. Die Musik, die aus dieser Schule hervorging, ist denn auch als „Zukunftsmusik“ bezeichnet bzw. von ihren Kritikern als solche beschimpft worden.

 

Liszt hatte in seiner ersten Lebenshälfte als reisender Klaviervirtuose ein kosmopolitisches und mondänes Leben geführt. Zur Verwirklichung seiner musikpolitischen Ziele ließ er sich jedoch im nationalen Revolutionsjahr 1848, demselben, in dem Wagner Deutschland aus politischen Gründen verlassen musste, im provinziellen Weimar, Deutschlands Hauptstadt des Wortes, nieder. Nach dem Vorbild von Hector Berlioz komponierte er dort binnen acht Jahren neben zwei Symphonien, die Hauptfiguren der Literatur thematisieren (Faust und Dante), zwölf Symphonische Dichtungen mit außermusikalischen Bezügen. Begleitet war die umfangreiche kompositorische Aktivität von einem publizistischen Feuerwerk, bei dem in einer Heftigkeit polemisiert wurde, wie dies die Musikgeschichte bislang nicht kannte, die aber typisch für politische Auseinandersetzungen ist.

 

Die Symphonischen Dichtungen sind meist als Ouvertüren entstanden, mit denen andere Werke oder besondere Veranstaltungen eingeleitet wurden. Ihre Themen, die Liszt in der Regel literarischen Werken aber auch Gemälden entnahm, sind breit gefächert. Sie reichen von der Darstellung allgemein menschlicher Aspekte („Die Ideale“, „Von der Wiege bis zum Grabe“) und literarischer oder mythologischer Figuren (Hamlet, Tasso, Orpheus, Prometheus), über Naturschilderungen („Was man auf dem Berge hört“) bis zu politischen Huldigungen und Manifestationen („Hungaria“, „Hunnenschlacht“).

 

Eine Sonderstellung nimmt insoweit „Les Préludes“ ein, das im Jahre 1854 geschrieben wurde. Liszt hat es mit einer Vorbemerkung versehen, in der er einen Zusammenhang mit einem gleichnamigen Gedicht aus dem Zyklus „Meditations poetique“ des französischen Dichters Alfonse de Lamartine aus dem Jahre 1820 herstellte, die als Auftakt der Romantik in Frankreich gelten. Nach Liszts Darstellung ist das Leben nichts anderes als eine „Folge von Präludien zu jenem unbekannten Gesang, dessen erste und feierliche Note der Tod anstimmt“. Der exemplarische Lebenslauf des – natürlich männlichen – Romantikers besteht danach im Erwachen der Liebe, der Ernüchterung durch die Stürme des Lebens, dem Rückzug in die Idylle des Landlebens und der Sehnsucht, sich danach im Kriege zu bewähren. Tatsächlich hat „Les Préludes“ aber mit Lamartines Gedicht ebenso wenig zu tun, wie dieses mit Liszts Vorbemerkung. Die Komposition wurde ursprünglich als Vorspiel zu Liszts Männerchorzyklus „Les quatre Eléments“ geschrieben. Die Zuordnung zu Lamartines Gedicht erfolgte nachträglich und ist als Huldigung an den Dichter zu verstehen, mit dem Liszt persönlich bekannt war.

 

Diese Entstehungsgeschichte wirft ein interessantes Licht auf Liszt als Komponist. Als solcher wurde er von seinen Gegnern lange Zeit als Schwindler und Schaumschläger bezeichnet, ein Vorwurf, mit dem man nicht zuletzt deswegen relativ leicht Gehör fand, weil Liszt mit seiner exzentrischen Persönlichkeit durchaus einige Angriffsflächen bot. Man warf ihm vor, seine Musik habe keine eigenständige Bedeutung, jeder Takt sei vom außermusikalischen Programm diktiert. „Les Préludes“ zeigt jedoch exemplarisch, wie wenig berechtigt dieser Vorwurf ist. Tatsächlich ist der außermusikalische Impuls der „Symphonischen Dichtungen“ generell jeweils kaum mehr als eine Einstimmung des Hörers auf die Fragen, die den Komponisten beim Abfassen der Werke bewegten. Formal ist etwa „Les Préludes“ dem Typus der Symphonie nicht fern, wobei deren „absolutes“ Formschema allerdings in einem Satz zusammengedrängt ist. Heute werden die Kompositionen Liszts denn auch meist mit anderen Augen gesehen. Es wird anerkannt, daß Liszt bei aller Neigung zur (Selbst)Inszenierung ein außerordentlich innovativer und fruchtbarer Musiker war.

 

Unglücklicherweise ist mit „Les Préludes“ in neuerer Zeit in einer Weise Politik gemacht worden, die das Werk in Verruf geraten ließ. Das Oberste Kommando der Wehrmacht des Dritten Reiches hat daraus einige (Fanfaren)Takte als Erkennungsmelodie für seine Sondermeldungen „in Dienst“ genommen. Auch wenn das – ohnehin nachgeschobene – „Programm“ mit seiner naiven Kriegsromantik hierfür Ansatzpunkte geboten haben mag (was aber vermutlich nur wenigen bewusst war), ist es heute nicht mehr gerechtfertigt, das Werk deswegen zu verleugnen. Die Gemeinsamkeit zwischen dem Gründer der Neudeutschen Schule und und dem Gründer des tausenjährigen germanischen Reiches beschränkt sich auf den Umstand, daß sich beide aus eher randständiger Position (und vermutlich wegen derselben) bemüßigt fühlten, zu definieren, was Deutsch ist. Ansonsten hat der Kosmopolit Liszt mit dem Denken seiner späteren Usurpatoren ungefähr so viel zu tun wie Mozart mit einer Yogurtfirma, welche sich zu Werbezwecken einiger bekannter Takte aus „Don Giovanni“ bedient.

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