Schlagwort-Archive: Aphorismus

Ein- und Ausfälle – Lessing als Aufklärungshilfe für den Islam

Womit man sich die Wiederholung von endlosen und aufreibenden Auseinandersetzungen sparen könnte: indem man die Moslems dazu bringt, sich mit den religionskritischen Schriften Lessings zu befassen, insbesondere seinen „Axiomata“ zur Bibelkritik und seinen 100 Thesen zur Erziehung des Menschengeschlechtes, in denen er zeigt, dass der Glaube auch ohne die Fixierung auf ein heiliges „Elementarbuch“ weiterleben kann. Es könnte den Moslems helfen, die existenzielle Angst vor dem Verlust der Autorität ihres heiligen Buches zu überwinden, die viele immer noch befällt, wenn sie auch nur anfangen darüber nachdenken, was Offenbarung bedeutet und ob wirklich alles, was in ihrem Grundbuch steht, die Qualität von göttlicher Wahrheit haben muss, eine Angst, welche die christlichen Theologen und in ihrem Gefolge die Herrscher, welche  ihr Recht auf die Macht aus der Religion ableiteten, früher auch einmal mächtig verunsichert und Lessing, der  die Religion nicht zerstören, sondern für eine aufgeklärte Welt retten wollte,  das Leben nicht leicht gemacht  hat.

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Ein- und Ausfälle – Der Mensch und die Dinge

Nichts liebt der Mensch mehr als das Spekulieren. Die Geschmeidigkeit des Geistes und der Sprache als dessen Lieblingskind ermöglicht es ihm, die Dinge immer wieder so zu gruppieren, dass sie in jeweils neuen schönen Zusammenhängen erscheinen. Die wundersamen Gebilde, die der Mensch dabei hervorbringt, sind ihm ein steter Quell der schöpferischen Freude und des Staunens. Geistige Naturen finden wenig dabei, wenn sie sich bei dieser Gelegenheit von den Dingen entfernen. Manche lieben auch die Möglichkeiten zur Provokation, welche sich daraus ergeben. Aber auch die, welche den Dingen ganz sachlich auf Spur bleiben wollen, verlieren immer wieder den Kontakt zu ihnen. Die Geschmeidigkeit und damit auch die Ungenauigkeit des Geistes und seiner Sprache führen auch bei größter Sorgfalt geradezu mit Notwendigkeit zu haarfeinen Abweichungen von den Dingen. Angesichts der unausgesetzten Aktivität des menschlichen Geistes können sich diese Abweichungen aber wie bei dem untreuen Bankangestellten, der bei jeder Transaktion seiner Bank den Bruchteil eines Cents für sich abzweigt, zu gewaltigen Summen akkumulieren.

Ein- und Ausfälle – Amt und Protest

Jeder, der einmal ein noch so kleines „Amt“  innehatte, weiß, dass diejenigen, für die er die Arbeit macht, einerseits heil froh sind, sie nicht selbst machen zu müssen, sich aber andererseits dadurch entwertet fühlen, dass sie sich an der Erledigung der Arbeit nur noch begrenzt beteiligen können. Dies führt mit einer gewissen Notwendigkeit zur Empfindlichkeiten. Denn der Delegierende fühlt sich, da er seine Gestaltungsmöglichkeiten zu Gunsten des Delegierten beschränkt, entweder ausgeschlossen oder, da es um seine Sache geht, berechtigt, die Erledigung der Arbeit besonders kritisch  zu verfolgen. Und der Delegierte meint, dass man ihm eine gewisse Dankbarkeit schulde und er daher eine reduzierte Kritik erwarten könne. Erschwert wird dass Ganze noch dadurch, dass  derjenige, welcher Befugnisse an Andere abgibt, befürchten muss, der Andere könne seine Vollmachten missbrauchen. Letzterer muss diese Befürchtung, sofern er ehrbar ist, als Zumutung empfinden, kann dies aber, da er nicht als unkritisierbar erscheinen will, nicht ohne weiteres zum Ausdruck bringen, was aber beim Delegierenden den Verdacht nähren kann, dass er nicht ehrbar sei. Aber nicht genug. Das eigentlich Komplizierte ist, dass man beim Delegierenden nur schwer zwischen berechtigter Kritik, Überempfindlichkeit, Hysterie und Streitlust und auf Seiten des Delegierten zwischen Betroffenheit und frechem Leugnen einer Interessenverflechtung unterscheiden kann.

Ein- und Ausfälle – Chinesische Strafen für schlechte Architektur

Der Ming-Kaiser Yong Le soll den Architekten der Verbotenen Stadt von Peking, weil dieser zum wiederholten Male nicht genügend gute Entwürfe für die Ecktürme des Palastes vorgelegt hatte, eines Tages mit dem Tode bedroht haben, falls er nicht bis zum nächsten Morgen qualitätvollere Pläne vorlege. Der Architekt, der nicht wusste, wie er den Ansprüchen des Kaisers  gerecht werden sollte, sei, so heißt es,  daraufhin in Verzweiflung gefallen und habe sich die ganze Nacht nur damit beschäftigt, seiner geliebten Grille einen schönen Käfig zu bauen. Als der Kaiser am nächsten Morgen kam, um zu sehen, was der Architekt unter der Todesdrohung zu Stande gebracht hatte, habe dieser sich in sein Schicksal ergeben auf sein bevorstehendes Ende vorbereitet. Der Kaiser habe aber die Zeichnung für den Grillenkäfig auf dem Tisch des Architekten entdeckt und geglaubt, dass es sich dabei sich um den Entwurf für die Türme handele. Er sei davon begeistert gewesen und habe den Architekten begnadigt.

 Ob diese Geschichte wahr ist, wird man angesichts der Art, wie man im alten China Geschichte schrieb und bestimmten Zwecken dienlich machte, wohl nie erfahren. Man kann für den armen Architekten und alle seine Kollegen nur hoffen, dass sie Übertreibungen der Art enthält, wie sie im Zusammenhang mit chinesischen Kaisern üblich waren. Aber auch wenn nicht viel Wahres daran sein sollte, so zeigt die Geschichte in jedem Fall, welch` hohen Stellenwert die Qualität der Architektur im alten China hatte. Das gegenteilige Extrem ist der vollkommene Mangel an Respekt vor der Öffentlichkeit und ihren Repräsentanten, den ungezählte Architekten in unseren Breiten und Zeiten an den Tag legen.

Ein – und Ausfälle – Das Konkrete als illegitimes Kind des Allgemeinen

Die Emanzipation des Individuums von übermäßig einschränkenden Bindungen durch das Allgemeine, die als wesentliches Merkmal der Moderne gilt, ist auf merkwürdige Weise mit eben diesem Allgemeinen verbunden. Der Gedanke vom eigenständigen Wert des Individuums gilt als eine (Spät)Frucht der christlichen Vorstellung, dass der Mensch Kind und Abbild Gottes sei. Jeder einzelne Mensch wird damit als Ableger des monotheistischen und unsichtbaren Gottes aufgefasst, der einerseits Person zugleich aber der Prototyp des Allgemeinen ist. Die Lage ist ähnlich wie in den Naturwissenschaften, wo die Entdeckung der wirklichen Eigenschaften des Konkreten, welche ebenfalls in der Moderne stattfand, auch weitgehend eine Folge des Denkens in allgemeinen (Natur)Gesetzlichkeiten ist.

 

So richtig im Sinne des Erfinders (des Allgemeinen) war diese Entwicklung allerdings nicht. Zum Individuum gehört die Freiheit, sich gegebenfalls von gewissen allgemeinen Bindungen und Verpflichtungen, darunter auch vom Glauben (an den großen Allgemeinen) lösen zu können. Und in der Naturbetrachtung, in welcher in der Umbruchszeit zur Moderne noch das Allgemeine dominierte, das die Denker der Antike formuliert hatten, weswegen man sie als Naturphilosophie bezeichnete – in der Naturbetrachtung war eine „unvoreingenommene“ Erkenntnis des Konkreten erst möglich, nachdem diese Allgemeinheiten entmachtet worden waren (man denke etwa an die ganz aus allgemeinen Erwägungen abgeleitete „Lehre“ von den vier Elementen und den entsprechenden Körpersäften, die ein Jahrtausend lang das europäische Denken beherrschte). Das Verhältnis des Individuums zum Allgemeinem ist also ambivalent. Das Konkrete scheint so etwas wie ein illegitimes Kind des Allgemeinen zu sein.

Ein- und Ausfälle – Ewige Schüler

Manche Menschen versuchen ausgerechnet dadurch groß zu werden, dass sie sich ihr Leben lang als Schüler  eines anderen bezeichnen (lassen).

Ein- und Ausfälle – Lebenstüchtigkeit und schnöde Welt

Zur Lebenstüchtigkeit gehört jedenfalls  die Fähigkeit, seine Erregung über den Unsinn und die Frechheit in der Welt so zu dosieren, dass sie einem nicht schädlich wird.