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1800 Josef Haydn (1732- 1809) Te Deum für Chor und Orchester (HBV XXIII c:2)

Den erhabenen „hymnischen Lobgesang“ des Te Deums haben die Herrscher  des alten Europa, die sich von Gottes Gnaden wähnten, gerne auch im Bezug auf sich selbst gehört. Hadyns (zweite) Vertonung ist aber auf merkwürdige Weise mit den eher irdischen Niederungen des Lebens der Herrschaften verbunden, die sich ähnlich wie die römischen Kaiser den Göttern so nahe glaubten. Die Komposition war ein Auftragswerk der Kaiserin Marie Therese, der Gemahlin Franz I/II, des letzten römischen Kaisers deutscher Nation, nicht zu verwechseln mit der bekannten großen Maria Theresia, deren Neffe und zweiter Nachfolger Franz war. Marie Therese war eine lebenslustige und musikbegeisterte „Italienerin“ aus dem bourbonischen Hause Neapel-Sizilien. Sie liebte die Musik, insbesondere Haydns, und war selbst als Sängerin aktiv. Unter anderem trat sie bei einer Aufführung von Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ als Solosopran auf. Haydn attestierte ihr ein angenehmes aber schwaches Organ.

Das Te Deum, auf das die Kaiserin, da alle möglichen Herrscherhäuser Musik von Haydn wollten, lange warten musste, wurde offenbar im Jahre 1800 anlässlich eines Besuchs des englischen Admirals Lord Nelson beim Fürsten Esterhazy, Haydns langjährigem Arbeitgeber, in Eisenstadt uraufgeführt. Die Umstände der Aufführung waren nicht ohne Pikanterie. Nelson war seinerzeit mit Königin Karolina von Neapel-Sizilien, der Mutter von Marie Therese und Tochter Maria Theresias, auf Besuch in Wien. In seinem Schlepptau befanden sich der englische Botschafter Lord Hamilton und seine berühmt-berüchtigte Frau Emma.

Die schöne und musisch begabte Lady Hamilton war die Femme fatale der Zeit. Sie kam aus kleinsten Verhältnissen und  trieb sich in ihren jungen Jahren in den Londoner Vergnügungsvierteln herum. Als Maitresse von Adeligen war sie mit den Vorlieben der englischen upper class vertraut geworden und hatte sich in diesen Kreisen einen gewissen Platz verschafft. 1786 schob sie ihr Liebhaber Lord Greville, der sie, um eine reiche Adelige heiraten zu können, loswerden wollte, zu seinem wohlhabenden Onkel Lord Hamilton, dem englischen Botschafter in Neapel, ab, den er im Gegenzug aufforderte, ihn, Greville, zu seinem Erben einzusetzen. In Neapel erregte Emma Aufsehen mit ihrer schönen Stimme und vor allem mit ihren Attituden-Auftritten, bei denen sie Statuen in verschiedenen Affekten mimte. Viele bedeutende Maler portraitierten sie. Auch Goethe, der sie 1787 in Neapel sah, ließ sich von ihr verzaubern. Im Jahre 1791 heiratete sie Lord Hamilton, der 35 Jahre älter als sie war, was in der „besseren“ Gesellschaft für allerhand Gesprächsstoff sorgte. Nach der Heirat gewährte man ihr Zutritt zum neapolitanischen Hof. Sie wurde bald die Vertraute von Königin Karolina und ging im Palast von Caserta, dessen Dimensionen den Himmel herausfordern, ein und aus. Dabei war sie an wichtigen politischen Entscheidungen im Rahmen der Napoleonischen Kriege beteiligt. Als Nelson nach dem Sieg über die französische Flotte vor Abukir 1798 nach Neapel kam, umgarnte sie den einäugigen Seehelden, der in England verheiratet war, und wurde seine Geliebte. Ihr alter Lord tolerierte dies offenbar mit stoischer Gelassenheit. Auf diese Weise wurde sie erst recht zum Gegenstand des Gesellschaftsklatsches in ganz Europa. Im Jahre 1800 tourte das „Triangel“, wie Königin Karolina die Drei nannte, durch ganz Europa. Dies  stellte die Verantwortlichen für das höfische Protokoll, die den Helden von Abukir nicht desavouieren konnten,  naturgemäß vor einige Probleme.

Auch bei ihrer Ankunft in Eisenstadt Anfang September 1800 stellte sich die Frage, wie man das seltsame Trio empfangen solle. Da Lady Hamilton die Musik liebte, entschloss man sich, neben festlichen Banketten das Beste aufzubringen, was die Esterhazys zu bieten hatten. Und das war die Musik von Josef Haydn, der inzwischen auch in England großen Ruhm erworben hatte. Man veranstaltete an den zwei Tagen des Besuches in Eisenstadt vier Konzerte. Unter anderem spielte man offenbar Haydns Schöpfung und auf speziellen Wunsch von Lady Hamilton seine Kantate „Ariadne a Naxos“, deren Titelpartie sie, inzwischen von Nelson merklich schwanger, zur Verzückung der Beteiligten selbst sang (der schwedische Botschaftssekretär glaubte, er habe noch nie „irgendwann so etwas Himmlisches je gehört“). Außerdem führte man Haydns Messe "in Angustiis" auf, die seitdem den Namen "Nelsonmesse“ trägt, und eben seinen neuen Lobeshymnus, was, da die Beziehungen zwischen den Ehrengästen weder sonderlich christlich noch lobenswert waren, einen merkwürdigen Beigeschmack gehabt haben muss. Die Herrschaften aus dem k&k-Reich leisteten damit ihren Beitrag zur Deifizierung des Mannes, der die gottlosen revolutionären Franzosen in die Schranken gewiesen und dadurch das Gottesgnadentum gerettet hatte, ein Prozess der Erhöhung, der seinen Abschluss bekanntlich auf jener gewaltigen Säule auf dem Trafalgar Square in London fand, der wie kein anderer Platz für das den ganzen Erdball umspannende englische Empire steht, welches nach der Niederringung der Franzosen erst richtig Gestalt annehmen sollte.

Welchen Eindruck Haydns festliches Chorwerk, das als eines der besten Stücke seiner Spätzeit gilt, hinterließ, ist leider nicht bekannt. Zeitzeugen berichten nur allgemein, dass sich Lady Hamilton bei dem Besuch ständig um den Meister bemüht und darüber die ersterhazy`schen Herrschaften geradezu vernachlässigt habe. Der Komponist habe ihr dafür eine Abschrift eines Liedes geschenkt und im Übrigen noch schnell ein Lobgedicht ihrer Reisebegleiterin auf Nelson vertont. Andererseits schrieb der junge Lord Malmesbury am 10. September 1800 an seinen Vater: „Lady Hamilton ist die ungebildetste, ungeschliffentste, unangenehmste Frau, der ich je begegnete. Die Fürstin (Esterhazy) hat mit großer Freundlichkeit eine Anzahl von Musikern aufgeboten und den berühmten Haydn, der in ihren Diensten steht, um aufzuspielen. Statt ihnen zuzuhören, setzte sie sich an den Pharo-Tisch, spielte Nelsons Karten und gewann zwischen 300 und 400 Gulden."

Weitere Texte zu Werken Haydns und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

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