Archiv der Kategorie: Rom

Ein- und Ausfälle – Papst und Politik

Petrarca beschrieb den päpstlichen Hof von Avignon als die Kloake der Welt, ein maßloser Ort, an dem sich die Niedertracht und Gemeinheit aus aller Welt versammelt habe. Dies galt auch schon für das mittelalterliche Rom, das der Papst nicht zuletzt deswegen in Richtung Provence verlassen hatte, weil er derartigen Verhältnissen entgehen wollte. Heute gilt die Residenz des Papstes eher als ein Ort, den man mit Maß und – wenn auch gelegentlich etwas unflexibler – Moral verbindet. Selbst viele Nichtkatholiken und Nichtchristen zollen ihm einen gewissen Respekt.

Dieser Wandel in der Bewertung des Ortes, an dem der Papst residiert, hat offensichtlich etwas mit dem Verlust des politischen Gewichtes zu tun, den der Platz inzwischen erlitten hat. Denn damit ist er für all das Gelichter uninteressant geworden, das die Nähe der Mächtigen sucht. Die (katholische) Kirche, die doch ganz davon lebt, dass man ihr glaubt, hat diesen Mechanismus des Verlierens bzw. Erlangens von Glaubwürdigkeit erst sehr spät verstanden. Sie strebte immer nach politischem Gewicht. Vor allem tat sie alles, um ihrem Machtstreben eine territoriale Basis zu verschaffen. Von Pipin ließ sie sich den Kirchenstaat schenken, nachdem sie ihm zur Krone von Frankreich  verholfen hatte. Im Mittelalter, dessen Verhältnisse Petrarca beschreibt, schreckte sie nicht vor der falschen und mit handfesten Fälschungen unterlegten Behauptung zurück, der Kaiser Konstantin, ihr erster großer politischer Kohabitant, habe ihr nicht nur ganz Italien geschenkt, sondern auch die Oberhoheit  über die – westliche – Hälfte des römischen Reiches  verliehen. In der Renaissance nahm sie für die Rückeroberung verloren gegangener Teile des Kirchenstaates mit Cesare Borghia einen Kondottiere in Dienst, der als der Inbegriff von Maßlosigkeit und Skrupellosigkeit galt. Auch später hat sich die Kirche massiv gegen den Verlust ihres immer wieder bedrohten Territoriums gewehrt, des physischen Ortes also, an dem sich Niedertracht und Gemeinheit so gut versammeln konnten.

Ein- und Ausfälle (Barock 2)

 Am Ende des 18. und bis tief in das 19. Jh. liebte man in der Architektur, wie heute, die klassizistische gerade (oder regelmäßig runde) Linie und hatte wenig übrig für die bewegte Phantasie. Über das Barock etwa heißt es im „Brockhaus“ von 1864, er sei „das willkürlich Seltsame, welches aus den launenhaften Einfällen eines Einzelnen hervorgehend, gegen die allgemeine und natürliche Ansicht verstößt und ins Ungereimte und Närrische übergeht“. Dem entsprechend straft dieses wichtigste deutsche Nachschlagewerk der Zeit so große Barockarchitekten wie Borromini und Guarini mit Nichtbeachtung und räumt ihnen kein Stichwort ein. In ähnlicher Weise attestiert der Kunsthistoriker Wilhelm Lübke dem Barock in seinem populären „Grundriß der Kunstgeschichte“ von 1860 die „Entfesselung der subjektiven Willkür und gewaltsame Übertreibung der Formen“. Über Borromini, einen von drei Architekten aus der Phalanx der italienischen Barockarchitekten, die er für erwähnenswert hält, schreibt Lübke, bei diesem verschwinde „die gerade Linie fast ganz aus der Baukunst,…. so dass jede strengere Komposition aufhört und alles wie im Taumel zu schwanken scheint.“ In seinem 1000-Seiten-Werk ist ihm die Besprechung der Baukunst der Barockzeit in Italien eine Seite, die Deutschlands kaum 15 Zeilen wert. Jakob Burckhardt, der Nestor der deutschen Italien-Kunstliteratur des 19. Jh., leitet in seinem „Cicerone“, der 1855 erschien, den Abschnitt über den Barockstil mit den Worten ein: „Man wird fragen, wie es nur einem Freunde reiner Kunstgestaltungen zuzumuten sei, sich in diese ausgearteten Formen zu versenken, über welche die neuere Welt schon längst den Stab gebrochen?“. Dass er das (italienische) Barock entgegen dem Usus der Zeit dann doch etwas ausführlicher und mit einem gewissen Verständnis behandelt, glaubt er rechtfertigen zu müssen. Er tut es mit dem Argument, der Italienreisende, der Zeit habe und sich daher nicht auf „das Beste“ konzentrieren müsse, wisse, dass er Genuss nicht nur aus dem „Anschauen vollkommener Formen“, sondern auch aus dem Mitleben der italienischen Kulturgeschichte erhalte, wozu nun einmal ohne seine, Burckhardts, Schuld in unverhältnismäßiger Weise auch das Barock gehöre.

 Irgendwie ist es dann aber tröstlich, dass eben dieser Jakob Burckhardt, der mit der Veröffentlichung des einflussreichen Architekturbuches „Die Geschichte der Renaissance in Italien“ im Jahre 1867 seinen Ruf gefestigt hatte, einer der wichtigsten Parteigänger der geraden oder doch der regelmäßigen Linie zu sein, in einem Brief an den Architekten Max Alioth aus Rom vom 5.4.1875 schreibt: „Mein Respekt vor dem Barocco nimmt stündlich zu und ich bin geneigt, ihn für das eigentliche Ende und Hauptresultat der lebendigen Architektur zu halten. Er hat nicht nur Mittel für alles, was zum Zweck dient, sondern auch für den schönen Schein.“ Das nährt die Hoffnung, dass auch heute die Vorherrschaft der geraden Linie über die bewegte Phantasie nicht von ewiger Dauer ist.

Briefe aus der Wendezeit – Teil 8

Stuttgart, 15.9.1990

Lieber Frank,

Deutschland hat uns wieder. Unaufhaltsam ist der Rausch verflogen, in den mich Italien immer wieder versetzt. Es ist ein merkwürdiger Prozeß. Kaum bist du über die Alpen, da tauchst du in eine Welt allgegenwärtiger Ornamentik und wohl gesetzter Proportionen. In dem betörenden Spiel schöner Formen, das dich umgibt, beginnen sich bald Fragestellungen zu verflüchtigen, die zu Hause für wichtig gehalten werden, (etwa so tiefgründende Unterscheidungen, wie die zwischen Sein und Schein oder Form und Inhalt). Gewohnte Gewichte verschieben sich und erschweren das Wichtigtun (bekanntlich eine deutsche Lieblingsbeschäftigung). Deutschland liegt plötzlich irgendwo hinter den Bergen, es erscheint merkwürdig unbegabt und gehemmt und allenfalls auf eine chaotische Weise malerisch. Wenn du dich schließlich auf einer Bühne wiederfindest, von der niemand zu behaupten versucht, daß sie keine Bühne sei, weißt du, daß du Deutschland endgültig hinter dir gelassen hast. (Das „Bühnenbild“ zwingt mich, meine Behauptung über das Wichtigtun zu präzisieren: Wichtigtun ist „in Wirklichkeit“ wohl doch die Domaine der Italiener; die Deutschen neigen dazu, das, was sie tun, tatsächlich für wichtig zu halten.) Der Italienrausch ist, wie Du siehst, ein Prozeß schleichender Entdeutschung. Ich verfalle ihm unfehlbar, sobald ich den Alpenhauptkamm überquert habe.

Trotz des Katzenjammers, der mich mich regelmäßig – natürlich auch diesmal – ergreift, wenn ich auf den Boden gewichtiger deutscher Tatsachen zurückkehre, genehmige ich mir diesen Rausch möglichst ein Mal im Jahr (anstelle der hierzulande beliebten handfesteren Räusche). Man muß eben dieses seltsame Vaterland immer wieder von jenseits seiner natürlichen und geistigen Grenzen sehen, wenn man seinem nicht ungefährlichen Bann entkommen will. Diesen Rausch haben Eure alten Herren gefürchtet, weshalb sie Euch eingemauert haben.

Allerdings dieses Mal war der Rausch von etwas anderer Qualität als sonst. Es ist mehr Deutschland mitgereist. Bei unserer Frühjahrsreise durch die CSSR und die DDR war unsere Aufmerksamkeit besonders auf den miserablen Zustand der real sozialistischen Hinterlassenschaft gerichtet. Wir haben alles mit den heimatlichen Verhältnissen verglichen und unsere Empörung gepflegt. Jetzt in Italien merkten wir, daß wir mit dem Sehnsuchtsland der Deutschen bislang wesentlich schonender umgegangen sind. Wir waren noch so in Übung beim Aufspüren von „Dreckecken“, daß wir auch in Italien mehr als sonst darüber gestolpert sind. Rom etwa, (wir besuchten es nach langer Abstinenz wieder einmal), ist, wenn man es nüchtern betrachtet, was nicht ganz einfach ist, nur unwesentlich weniger verloddert als die Metropolen der Staaten, die seine cäsaropapistische Nachfolge angetreten haben. Manches Bauwerk, über das Kunsthistoriker und Reiseschriftsteller enthusiastische Elogen verfasst haben, dämmert mit düsterer und bröckelnder Fassade vor sich hin. Auch hier fehlt es offenbar an Dachziegeln oder Menschen, die gewillt sind, dieselben anzubringen, wovon manches wasserfleckige Deckenfresko zeugt. Und auf den Straßen Roms wirst du nicht weniger durchgeschüttelt, als auf der Fahrt von Dresden nach Pillnitz. Man ist geneigt, diesem Land fast alles nachzusehen. Italien das ist eben eine andere Welt und sie ist mit anderen Maßstäben zu messen, Maßstäben, die nicht zuletzt von den „malerischen“ Italienwerken der großen Enthusiasten gesetzt wurden. Und darin spielten Dreckecken allenfalls eine folkloristische oder elegische Rolle. Ein Werk, wie Hippolyte Taines Italienbuch aus den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, das den Dreckeckenaspekt der italienischen Wirklichkeit nicht unterschlägt, hatte z.B. bei mir kaum eine ernsthafte Chance gegen die geballte Macht der Sehnsuchtsbücher. Die Begeisterung hat eben eine enorme Verdrängungskraft – das ist Dir nicht unbekannt (übrigens trifft man auch bei Taines Schilderung der geistigen Dreckecken des päpstlichen Roms auf viel Vertrautes. U.a. berichtet er darüber, daß die Polizei es nicht duldete, wenn sich jemand mit einer Wissenschaft beschäftigte, die der Politik benachbart war; Männer, welche studierten oder viel lasen, seien überwacht worden. Die verschiedenen „päpstlichen“ Gesellschaften haben, wie man sieht, die gleichen Probleme daher auch die gleichen Lösungen.)

Last not least ist Deutschland auch literarisch mitgereist. Mailand, Genua, Lucca, Pisa, Rom – Deine Werke waren schon dort. Deutsche Urlauber – vorläufig noch einige wenige privilegierte – haben sich an den Luxusstränden Liguriens mit ihnen auseinandergesetzt. Bei „Oktoberland“ bin ich zu einer anderen Einschätzung als der Autor gekommen. Es ist natürlich weit mehr als eine bloß erste Aufbereitung der Ereignisse, wie du im Vorwort schreibst. Für mich ist es vielmehr ein, besser drei und vielleicht noch ein halber Spiegel jener turbulenten Geschehnisse. In meiner Erinnerung war schon manches verschoben, wurde überlagert, zusammengezogen und vieles war gar nicht mehr präsent. Ich habe bei der Lektüre über diese wohl aufregendste Zeit, die ich erlebt habe, noch einmal alles Tag für Tag durchgemacht. Das allein war schon eine packende Sache. Ich denke, daß es anderen Lesern auch so ergehen und daß das Interesse an diesem Werk künftig schon wegen seiner protokollarischen Qualitäten steigen wird. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn die äußeren Ereignisse auch in anderen historischen Werken rekonstruiert sein werden. Die Gedanken und Empfindungen der Betroffenen sind nur in einem solchen Werk authentisch. Hinzu kommt die mehrfache Perspektive, die, wie ich meine, vor allem für den westlichen Leser von besonderem Interesse ist. Die „pikanten“ Zutaten verfehlen ihre Wirkung eben falls nicht. Wenn Judi am Strand so vor sich hinlachte oder gar helle Begeisterungslaute von sich gab, wußte ich, daß wieder einmal einen Pointe gesessen hatte. Mich hat neben den Bildern vor allem die „Figur“ des Vaters fasziniert (Der Sohn möge mir verzeihen, aber ich kannte ihn schon ein wenig). Ich hätte ihn gerne kennengelernt und, nachdem er das Ganze gottlob real existent überlebt hat, auch gerne gewußt, wie er die Dinge heute sieht. Aber auch hinsichtlich des Sohnes ist mir manches erst nach der Lektüre des vollständigen Werkes klar geworden. Ich hatte mit den Manuskriptteilen, die Du mir zunächst zugesandt hattest, anfangs meine Schwierigkeiten. Aus hiesiger Sicht schien es doch wie selbstverständlich, daß mit Ausnahme der Hartgesottenen, zu denen ich Dich nicht zählte, eigentlich alle DDR Bewohner vom Zusammenbruch des Systems begeistert sein müßten. So und eigentlich nur so spiegelten sich die seelischen Ereignisse auch in den Medien wieder. Wir werden lernen müssen, daß dies keine reine Selbstverständlichkeit ist, daß auch die Menschen in der DDR ihre Geschichte haben, die sich nicht einfach abstreifen lässt. „Oktoberland“ könnte hierbei Geburtshilfe leisten. Übrigens habe ich den Kreis der Privilegierten bereits erweitert. Die Reaktion war ähnlich wie Judis und meine.

Und dann haben auch noch die „Guten Genossen“ ihre Italienreise gemacht. Der Text „beantwortet“ weit gehend meine Frage, wie das System trotz seiner mageren Ergebnisse so lange überleben konnte. Die Frage setzt ja den Willen zur Veränderung voraus, den die Verhältnisse aber offenbar bereits in der Entstehung hinderten. Die schamlose Propaganda war für mich angesichts der so offensichtlich entgegenstehen Tatsachen immer ein unerklärliches Phänomen. Deine Erklärung ist unerwartet, klingt jedoch plausibel. Gegenüber „Oktoberland“ hat sich Dein Standpunkt deutlich verändert. Es fehlt das Apologetische, Bedauernde und Skeptische gegenüber der Revolution, die jetzt eher als natürliche Konsequenz erscheint. Auch glaube ich Zweifel an Dialektik und Feudalismusthese herauszuhören. Interessant wäre es, die Fassung zu lesen, die vor der Revolution entstanden ist.

Lieber Frank, wie Du siehst war unser Italienaufenthalt doch fast eine Deutschlandreise. Aber Deutschland ist im Augenblick wohl fast überall, was so, wie es jetzt der Fall ist, ohne Zweifel besser ist, als wenn es über Alles wäre.

Alle Grüße

Klaus


Stuttgart, 3.10.1990

Lieber Frank,

Der heutige neue Feiertag gibt mir in doppelter Hinsicht Gelegenheit, mich mit wieder einmal mit einem alten Hobby zu beschäftigen. Dies tue ich umso lieber, als Du ebenfalls ein Faible für das Terrain hast, auf daß ich mich begeben will und ich Dir in diesem Zusammenhang noch eine Antwort auf Deinen Brief vom 19.5.1990 schuldig bin.

Während heute also Alles über die deutsche Einheit spricht, stelle ich mir die Frage, ob wir uns dem Ende der mittleren Periode des gesellschaftlichen Mittelalters nähern. Gerade heute verstärkt sich bei mir der Verdacht, daß die Dinosaurier aussterben, jene gefräßige Großform des Lebens also, die eben jene Periode (die Erdgeschichtler nennen sie das Jura) kennzeichneten und unter deren Füße zu geraten kleineren Individuen häufig nicht zuträglich war. Es scheint, daß wir in diesen Tagen Zeugen des Endes einer weiteren Großform aus der Gattung Lineara Okzidentara werden. Ich meine damit jene spezifisch europäischen Systeme, deren Grundlage die Idee von einem bestimmten Ziel der individuellen und kollektiven Geschichte ist. Seit den Tagen, da sich in der Südostecke des Mittelmeerraumes die Vorstellung von einem „Jüngsten Tag“ entwickelte, auf den alles zulaufen soll, hat sich der Zielgedanke in den Köpfen der Europäer fest eingenistet und ist in seinen verschiedenen Lebensgrößen mal mehr und mal weniger hilfreich gewesen. Mittlerweile haben wir diesen Gedanken in die ganze Welt exportiert, wodurch manche kreisförmig angelegte traditionelle Kultur um ihr Zentrum gebracht wurde. Es lag in der Logik eines solchen Gedankens, daß man den Weg zu dem angenommenen Ziel irgendwann nicht mehr allein dem Zufall überlassen wollte und daher begann, sich aktiv darum zu bemühen. Und es war im wahrsten Sinne des Wortes konsequent, ihn begradigen und beschleunigen zu wollen. Die Suggestion eines klar vorgegebenen Zieles hat dabei ohne Zweifel bis dahin noch schlummernde Kräfte frei gemacht. Später hat man die Schritte, die man auf diesem Weg zurückzulegen glaubte, kühn pauschalierend als „Fortschritt“ bezeichnet. Eine der extremsten Ausprägungen dieser Vorstellung ist schließlich die gesellschaftliche Großform geworden, die glaubte, nach einem „revolutionären“ Bruch mit hergebrachten Lebensformen mehr oder weniger alles planend in die Hand nehmen zu können. Das setzte die Behauptung einer besonders hohen Sicherheit über den Verlauf der Geschichte voraus. Den kosmischen Nebel, der all dies „in Wirklichkeit“ umgibt, hat ihr Prophet – es ist sicher kein Zufall, daß er jener Mittelmeerecke nahe stand – mit hohen Worten wegzudiskutieren versucht. Das hieß, hohes Risiko gehen und dementsprechend spektakulär ist denn auch jetzt der Zusammenbruch dieses notwendig totalitären Gedankens geworden.

Das Problem dieser Theorie ist – trotz gelegentlich noch angestellter Stützungsversuche – ziemlich augenfällig. Was mich heute daran interessiert ist aber nicht dieser Aspekt (wiewohl als Antwort auf einen dieser Stützungsversuche dazu noch eine Menge zu sagen wäre). Es scheint nämlich, daß dieser Zusammenbruch nicht nur das Schicksal der zuletzt genannten, zweifelsohne besonders hypotrophen Form abendländischer Großsaurier ist. Der Zielgedanke, jener besondere Sinn für Richtung, der unser ganzes Denken und Empfinden – im Gegensatz etwa zu dem Asiens – bestimmt, hat in seiner Megavariante auch noch andere heftige Stöße versetzt bekommen. Auf schleichende Weise hat sich zum Beispiel in den letzten Jahrzehnten der Zielaspekt des Christentums im allgemeinen Bewußtsein verflüchtigt. Das „Letzte Gericht“ – einst „allgegenwärtig“ und gefürchtet ob seines ungewissen Ausgangs (weshalb es Gegenstand zahlreicher Bestechungsversuche war – z.B. Ablaßkauf) – dieses Ende mit Pauken und Trompeten hat heute allenfalls noch in den phantasievollen Bildern Realität, zu denen es die Künstler angeregt hat (das macht es uns besonders lieb – freilich auch teuer: denn es hatte, wie man sieht, einen hohen Preis). Auch die nicht minder verbreitet gewesene Überzeugung, die Welt könne in technischer Hinsicht immer nur im Fortschreiten begriffen sein, ist schwer angeschlagen, vermutlich schon seit dem Tage, da sich der unsinkbaren Titanic ein nicht vor(her)gesehener Eisberg in den Weg stellte und ihre Fortschritt feiernde Festgesellschaft auf den Grund des Meeres beförderte. Unaufhaltsam breitet sich seitdem die Erkenntnis aus, daß sich mit den wachsenden instrumentellen Möglichkeiten auch die Fähigkeit vergrößert, das Leben zu zerstören.

Mit dem Sozialismus fällt nun eine weitere Großbastion des naiven Glaubens an die totale Machbarkeit aller gesellschaftlichen und technischen Dinge zum Zwecke der Realisierung eines fernen Zieles. Die Großformen der Gattung Lineara Okzidentara haben sich, wie es scheint, insgesamt überlebt, wahrscheinlich weil sie am Ende mehr gefressen haben, als das Leben verkraften konnte. Es waren gewaltige, leider aber auch gewalttätige Erscheinungen. Man wird sich von den Riesensauriern befreit fühlen, aber man wird das grandiose Schauspiel, das sie boten, auch vermissen. Ich selbst allerdings denke, daß es reicht, wenn man ihre ungeheuren Knochen sammelt und sich in (natur)geschichtlichen Museen daran ergötzen kann. Das Leben wird, wie man weiß, auch ohne sie weiter gehen, in kleineren, keinesfalls jedoch uninteressanteren Formen (wozu u.a. der nicht mehr auszurottende lineare Bazillus gehört, der auch künftig für mehr oder weniger heilsame Unruhe sorgen wird). Daß damit die Sinnfrage nicht nur nicht gelöst, sondern in gewisser Hinsicht eigentlich erst gestellt ist, steht auf einem noch zu beschreibendem anderen Blatt. Vielleicht liegt aber ihre Lösung auch darin, daß sie sich in der Form, wie sie meist gestellt wird, als sinnlos herausstellt.

Was aber geschieht mit der nun ziellos gewordenen Geschichte? Man wird sie wohl, wie die Erdgeschichte, wieder nur in Altertum, Mittelalter und Neuzeit einteilen. Es wird keine alles beherrschende Zukunft mehr geben, neben der die Vergangenheit nur als Vorbereitung und die Gegenwart als Durchgangsphase erscheint. Freilich wird man sich ab und zu gezwungen sehen, an die Neuzeit eine Neueste und an diese eine noch neuere Zeit anzufügen. Dieses „Stückwerk“ ist die Folge des bescheideneren Horizontes, der allerdings dadurch auch ein offener ist. Auf diese Weise werden dann die Schichten entstehen, in denen einmal die versteinerten Reste der gesellschaftlichen Dinosaurier gefunden werden. Das sind Knochen statt Brot, wirst Du mir jetzt vielleicht antworten. Aber ich weiß nicht, ob das so wenig ist. In der kleineren Perspektive gibt es auch eine Menge zu tun. Und vielleicht lässt sich ein Teil davon tatsächlich verwirklichen.

Bis bald

Klaus

PS Wie Du siehst, habe ich mich mit diesen linearen Erwägungen wieder auf ein Gebiet begeben, das Dir aus dem „Schlussbericht“ vertraut sein dürfte. Derselbe schildert nichts anderes als die Folgen eines extremen Zielbewußtseins. Die marxistische Geschichtstheorie als ein Beispiel eines extremen Zieldenkens ist – natürlich – dort auch kurz erwähnt (unter Nr. 5.42 214 341 41).

Übrigens bist Du hiermit Zeuge eines wahren Fortschrittes. Endlich holt der Westen den Vorsprung des Ostens in Sachen Textverarbeitung auf. Zugegeben, diese Kiste, auf der ich mich künftighin zu betätigen gedenke, ist der größte Fortschritt seit der Erfindung von Bleistift und Radiergummi. Allerdings hast Du ihr auch zu verdanken, daß der nächste Brief, den Du – so der neue noch etwas launische Gott will – demnächst erhalten wirst, weit vor diesem datiert ist. Er steckt schon seit längerem unvollendet in diesem Apparat, und fand keinen Abschluß, weil er nicht mehr herauskommen wollte. So ist es halt, wenn man die „natürliche“ Ordnung der Dinge verlässt – man weiß nicht, was am Ende dabei herauskommt. Wenn es nur nicht die zermalmenden Schritte eines neuen Großsauriers sind.

Übrigens war ich mittlerweile auch in musikalischer Hinsicht an Deutsch – Deutschem beteiligt. Wir haben dieser Tage ein Opernkonzert mit den „Stars der Semperoper“ gemacht – ein wahrer Genuß für meine und, wie es scheint, auch der Zuhörer Ohren. So ist denn der innerdeutsche Austausch wenigstens in einer Hinsicht einmal in umgekehrter Richtung gelaufen.

Anbei noch Kopien Deiner Unikate.


Stuttgart, 12.11.90

Lieber Frank

anbei der angekündigte Nachkömmling, den ich Dir doch nicht vorenthalten wollte. Ich lasse ihn unter dem alten Datum laufen, weil er damals entstanden ist und auch vom Inhalt nur unter diesem Datum zu verstehen ist. Ich komme gerade aus Spanien, genauer gesagt Katalonien (das ist, wie ich jetzt gelernt habe, ein großer Unterschied) zurück, wo wir mit dem Orchester fünf Konzerte gegeben haben. Da wir in privaten Familien untergebracht waren, haben wir sehr viel von der spanischen – pardon der katalanischen – Wirklichkeit mitbekommen. Die westdeutschen Maßstäbe sind, wie auch dieses Beispiel wieder zeigte, nicht sehr weit zu übertragen. Daß wir auf einer Insel leben, war mir spätestens seit meinen Besuchen in Ländern der Dritten Welt klar. Wie klein die Insel jedoch ist, wurde mir jetzt wieder überdeutlich vor Augen geführt. Nicht nur wegen der bescheidenen Lebensverhältnisse der Vor- und Kleinstädte, die wir hautnah kenngelernt haben. Gewisse Teile der Altstadt Barcelonas erinnern an Szenen, wie sie Marx nicht eindringlicher hätte beschreiben können. Die Verelendung durch Alkohol, Drogen und Prostitution hat hier unmittelbar vor den Toren Mitteleuropas unglaubliche Dimensionen angenommen. Und natürlich gibt es „Dreckecken“, wohin das Auge blickt (von geeigneten Konzertsälen will ich ganz schweigen). Dabei ist Katalonien die reichste und aktivste Provinz Iberiens (Spaniens darf ich nicht sagen, sonst steigen mir meine katalonischen Gastgeber auf das Dach). Im Kontrast dazu steht die unglaubliche Raffinesse der Architektur eines Gaudi, für die ich mich wieder einmal vollkommen entzündet habe. Er ist zweifelsohne der Größte – vermutlich aller Zeiten.

Ich hoffe, die familiären Dinge stehen weiterhin gut. Aktuelles demnächst. Vielleicht kommt noch ein weiterer Nachkömmling.

Gruß

Klaus

 

 


Berlin, angefangen am 13.11.90

 

Lieber Klaus!

 

Vielen Dank für Deinen „Saurierbrief“ vom 3.10 und die Kopien und herzlichen Glückwunsch zum technischen Fortschritt im Hause H.!

 

Deinen Ausführungen zum (vermeintlichen) Ziel der Entwicklung kann ich nur zustimmen – mit dem Bemerken, daß ich (wie bereits ausführlich dargelegt) dabei unbedingt einen Unterschied zwischen Ziel (bzw. Sinn) und Gesetzmäßigkeit sehe. Der Sinn eines Systems läßt sich nur aus der Sicht (und den Interessen) des nächsthöheren Systems ableiten und insofern mag das Individuum einen solchen für sich noch finden, aber der Versuch, ein Ziel für die Existenz, das Handeln oder die Entwicklung der gesamten Spezies zu entdecken, führt unweigerlich zur Religion (Was für mich als Atheisten keine Lösung ist – aber das Regieren oft erheblich erleichtert. Nicht umsonst gab es bei uns den Trend zur „Verkirchlichung des Sozialismus“.)

 

Was die Saurier angeht, ist mir Dein Optimismus ein wenig überzogen. Auch ich konstatiere zwar das Aussterben einiger Arten, aber die Gattung scheint mir vom Exitus noch weit entfernt. Gerade die gewalttätigen sind offenbar nicht totzukriegen. In diesen Wochen schlüpfen wieder etliche aus dem arabischen Wüstensand, aber man (bzw konkret: ich) braucht gar nicht so weit oder in die Glotze zu schauen – auch vor meinem Fenster stehen sie und sind gar schrecklich anzuschauen. Wenn ich in dieser Minute von meinem Stuhl aufstehe, sehe ich unten vier gepanzerte Wasserwerfer vom Bundesgrenzschutz und einen fünften der Berliner Polizei, der schon ziemlich mitgenommen aussieht, dazu Mannschafts- und Krankenwagen, Planierraupen, rollende Führungspunkte… Auf dem Euch ja gut bekannten Alexanderplatz habe ich heute nachmittag insgesamt 8 Schützenpanzerwagen des BGS gezählt, malerisch zwischen die frisch aufgebauten Buden des Weihnachtsmarktes plaziert, auf daß das Fest der Liebe auch gelinge. Gegen all dies ist das Aufgebot an Bürgerkriegsgerät vom Oktober ’89 – welches ulkigerweise an der selben Stelle aufmarschiert war – geradezu lächerlich zaghaft, stümperhaft provinziell, kleinkariert gering gewesen.

 

Nun bin ich wahrlich kein Freund der Hausbesetzerszene und schon gar nicht der irgendwelcher Steineschmeißer. Im Gegenteil: Ich finde es durchaus vernünftig, daß der Gewalt irgendwelcher Chaoten mit (rechts-)staatlicher Gewalt begegnet wird (Über Ursache, Wirkung und alternative Lösungen mich auszulassen maße ich mir hier nicht an und es würde auch den Umfang unserer gesamten bisherigen Korespondenz sprengen, denke ich).

 

Schlimm ist, daß überhaupt die Gewalt – und leider nicht AUCH, sondern INSBESONDERE die physische – in unserem Leben noch oder wieder eine derart dominierende Rolle spielt und diese sogar noch auszubauen scheint. Für uns Ossis gilt dies jedenfalls unbedingt. Solche Unsicherheit auf den Straßen oder gar in der eigenen Wohnung wie sie sich in den letzten Monaten hier entwickelt hat, kannten wir bisher nur aus den Gruselberichten der Parteipresse.

 

Wo also ist Dein „Ende des gesellschaftlichen Mittelalters“?!

 

(19.11.90)

 

Sicher, in Europa hat es derzeit den Anschein, als würde dort der Schwachsinn kalkulierten Völkermordes ad acta gelegt. Gerade heute sind die wohl einschneidensten Abkommen zur Rüstungsbegrenzung unterzeichnet worden. Ein Sieg der Vernunft? Es war wohl eher ein Sieg konsequenten Totrüstens über eine stümperhafte (und unbestritten systemimmanente) Wirtschaftspolitik. Ein Sieg des hochmotivierten Siemens-Ingenieurs über seinen vom Mangel gebeutelten Kollegen in Jena.

 

Dem Paradies der Vernunft sind wir damit kaum einen Schritt näher gekommen. Sicher jedoch dem Paradies der Plusmacherei. (Einige Aufsichtsräte im Westen müssen doch vor Euphorie schon ganz blöd im Kopf sein, wenn sie ihre Umsatzsteigerungen seit unserer Revolution zusammenrechnen, seit UNSERER Revolution, wohlgemerkt.)

 

Den Sauriern sind wohl tatsächlich einige besonders schwerfällige Arten abhanden gekommen, aber die Gattung ist davon kaum beeindruckt, im Gegenteil: Futterplätze sind vakant geworden, neue Räume in herrlichen Dimensionen tun sich auf! Man muß nur die Kräfte ein wenig umgruppieren und dann kann das große Fressen weitergehen – etliche sind schon munter dabei und schmatzen völlig ungeniert, andere (die satten mit den starken Nerven) warten noch ein wenig. Sie wissen, daß ihnen der Happen noch bequemer zurechtgelegt werden soll.

 

Derweilen greinen die kleinen Tiere hier darüber, vom Nachlaß der so tapfer ausgerotteten Art nicht genügend abzubekommen. Die meisten haben noch nicht begriffen, daß sie selbst – wie immer – der Happen sind, den es zu verteilen gilt, ganz zu schweigen von dem Gedanken, den Großen vielleicht gemeinsam in den Schwanz zu beissen.

 

Irgendwann zwischen dem 4. November (’89) und der Märzwahl ist uns wohl die Solidarität abhanden gekommen, die – gepaart mit ein wenig Mut – im vorigen Herbst so viel ausgerichtet hat. Wir erleben derzeit unsere Evolution in Richtung der Beutelratte und wer sein Säckchen einigermaßen erfolgreich füllt (ohne gefressen zu werden), dem wird wohl die Zukunft gehören und es ist nichts schlechtes dabei, denn die Verhältnisse – sie sind halt so. Ergo: Mit den Sauriern wird man sich noch auf einige hunderttausend Jahre arrangieren müssen. Vielleicht klappt dies sogar, nur: Das Zeitalter der Saurier ist es eben doch! Amen.

 

(26.11.90)

 

Im übrigen – um nun endlich Dein Bild zu verlassen – keimt hier ganz ganz langsam ein klein wenig neues Selbstbewußtsein in den Köpfen. Immer mehr Kontakte mit der verklärten Marktwirtschaft und ihren Vertretern zeigen: Die Wessis kochen auch nur mit Wasser. Sie heizen allerdings mit besseren Kohlen und – sie machen dabei ein Geschrei, als ob sie sonstwas im Topf hätten. Feuer ohne Kohlen unter den Bedingungen des Holzmangels – für gelernte DDR-Bürger eine der Grundfertigkeiten – bringen sie gar nicht. (Ich habe mich darüber im Sommer schon ausgelassen.)

 

Auf der Basis dieses Selbstbewußtseins kommen nun natürlich auch die ersten Forderungen, und das ist gut so, denke ich. Im nächsten Jahr wird sich entscheiden, ob man sich im vereinten Deutschland an den Gedanken gewöhnt, daß Ossis Deutsche 3. Klasse sind (jeder polnische Übersiedler ist mit dem Fremdrentengesetz beispielsweise um den Faktor 3 besser dran als unsere Alten), oder ob klare Fahrpläne für ein echtes Zusammenwachsen aufgestellt werden. Wie es aussieht, ist niemand bereit, uns die Gleichheit zu schenken. Also wird sie erkämpft werden müssen. Seit heute nacht streiken die Eisenbahner und sie haben meine volle Sympathie. Es ist wohl nicht gerade unverschämt, nächstes Jahr wenigstens das halbe Einkommen eines Westkollegen zu verlangen, (oder?) zumal m.E. die Arbeitgeber im öffentliche Dienst – im Gegensatz zur arg gebeutelten Industrie – dazu am ehesten in der Lage sein müßten, denn dort wird wirklich die gleiche Leistung (unter wesentlich schwierigeren Bedingungen) erbracht und gleiche Preise sind dort am leichtesten durchzusetzen.

 

(Hier spricht ein wenig der Neu-Bundespostler, dessen Stuhl übrigens zZ auch mehr wackelt, als es vor 4 Wochen noch zu befürchten war. Manchmal ist es gar nicht so einfach, sich nicht verrückt machen zu lassen.)

 

Schreib‘ doch mal demnächst Deine Meinung und die Deiner Bekannten dazu, wie mich überhaupt sehr interessieren würde, welche Haltung heute in den alten Bundesländern zu den Forderungen in den neuen besteht. „Überwindung der Teilung durch teilen“ scheint mir derzeit nicht gerade populär – und ich verstehe das auch irgendwie…

 

Bis bald

 

Berlin, Nov. 17th 1990

 

Dear Judy,

 

thank you so much for your letter from Okt 24th. I was been so glad, that I’ll try to give you a short answer in my bad and simple English (without dictionary). I’m very happy having a real fan now, but – you are my only fan, I’m afraid. So you can say, you have a private writer for yourself, who has written a book especially for you. Congratulation!

 

Do you want an autogramm?

 

Nobody wanted my book and also the RIAS which at first seemed very interested in it and the „Guten Genossen“ for a radio-feature had not contacted me for months. (So I have now not even a copy for myself.)

 

The same thing was about the essay for Bertelsmann’s „Buch der Deutschen“. They wrote me, only one of each seventy they could place in their book. So I stopped all those activities since spring ’90 and the only way I’m writing are the letters to Klaus. (Do you read them too?)

 

So becoming „rich and famous“ will not be in those way, I’m afraid – but „rich only“ is even a good thing and I have ever been an optimist. I hope, Mr. Schwarz-Schilling will be so intelligent giving me a good job and enough money. If not I must go to Baden-Wuertemberg (to Stuttgart, for instance) and sell my great intelligence outside the post enterprise. Today Berlin is more a hard place than a place of hope and future. (May be it will be an other case in some years…)

 

Many greetings from Paula and all the best for you and the children

 

Love,

 

Frank

 

23. Nov 1990

 

Lieber Klaus!

 

Eben kam Dein „nachgereichter“ September-Brief. Es erfüllt einen verhinderten Schriftsteller wie mich mit einiger Genugtuung zu hören, daß der Leserkreis seines Hauptwerkes offenbar doch im Begriff ist, den einstelligen Bereich zu verlassen. Vielleicht kannst Du unauffällig auch mal einen Lektor in die Schar der „Privilegierten“ einbauen?

 

Noch eine Bemerkung zu den „Guten Genossen“: Dank der Computertechnik ist es ein Kinderspiel, Dir die „alte“ Fassung vom Sommer ’88 zugänglich zu machen.

 

Mag sein, daß es Dich erstaunt, aber: Ich habe im/am Prinzip für die „Nachwende-Fassung“ kaum etwas geändert! Lediglich Anfang und Schluß sind den aktuellen Ereignissen angepaßt worden und alle Verben des Textes wurden um eine Zeitebene nach hinten gesetzt.

 

Ich schicke Dir den Ausdruck, soweit er (bis auf die Verben) von der Dir vorliegenden „Ausgabe“ abweicht, so daß Du Dir selbst ein Bild über die – zu dieser Thematik (!) m.E. kaum vorhandenen – Änderungen in meinem Denken zwischen Sommer ’88 und Frühjahr ’90 machen kannst.


Berlin, den 30.12.90

 

Lieber Klaus!

 

Einige freie Tage und der Jahreswechsel sind Anlaß zu einem ersten Rückblick auf das verflossene Jahr 1990. Für uns Deutsche war es mit gewaltigen Veränderungen verbunden, wenn es auch so richtig hautnah derzeit wohl nur für die Deutschen im Osten spürbar ist. Auf lange Sicht werden aber auch die anderen nicht die alten bleiben können – falls sie das überhaupt wollen.

 

Für uns jedenfalls ist (fast) alles anders geworden in diesem Jahr 1990 und wie in wahrscheinlich jeder Revolution stehen alle, Beteiligte und Unbeteiligte, ein wenig staunend vor dem, was sie da angerichtet haben: Die Aktivisten des Herbstes ’89 sind mehrheitlich längst wieder in der politischen Versenkung verschwunden und versuchen damit fertig zu werden, plötzlich mitten im Kapitalismus zu sitzen, für den sie nun wahrlich nicht auf die Straße gegangen waren. Ähnlich geht es denen, die (viel zu lange auf eine Revolution von oben hoffend) jene erst auf der Straße und im Bann allein ließen, um dann als Trittbrettfahrer der Ereignisse für ein Dutzend Wochen ihrem Traum vom 3. Weg zu träumen.

 

Apropos Träume: Auch die vielen sogenannten Kleinen Leute hatten ihren Traum – den vom Goldenen Westen und der harten D-Mark – und in diesem Jahr ist er wahr geworden. „Bundesbürger sein, daß wäre was!“ hatten sie immer gedacht. Schade nur, daß der Traum gleich für alle wahr geworden ist. Und weil deshalb hier niemand mehr eine D-Mark in ein komplettes Restaurant-Essen tauscht, ist man im Osten Deutschlands erstmal nicht der große Mann geworden, zu dem man sonst immer so neidvoll aufblickte. Für die Von-oben-herab-Perspektive muß man sich schon nach Prag oder Polen bemühen. Für viele erstmal besser als nichts. Also: „Wir sind wieder wer!“ – jedenfalls östlich von Frankfurt(/Oder!). Und da träumt man denn schon mal die ersten Sequenzen des nächsten Traumes: Nicht nur Bundesbürger, sondern REICHER Bundesbürger möchte man sein. Also werden die Ellenbogen gespitzt und einige können es schon ganz gut. Soweit zu denen.

 

Und dann gibt es natürlich die vielen, die immer noch von Konterrevolution und Agentenwerk reden. Einige besinnen sich ganz fürchterlich auf die Schulbuchweisheiten vom Klassenkampf, haben gar echte Widerstandskämpfergefühle beim Plakatekleben für die PDS. (Der Gysi paßt ihnen zwar ganz und gar nicht, aber was anderes ist eben auch /noch?/ nicht zur Hand.) Man hat den Eindruck sie wissen nicht so recht, ob sie sich nun freuen sollen, wenn es weiter bergab geht („Wir haben es ja immer gesagt. Nun zeigt er sein wahres Gesicht, der Kapitalismus“), oder ob sie nicht doch noch schnell die Paris-Reise buchen, bevor die befürchtete Mieterhöhung kommt.

 

Und diese vier Typen aus den-Neuen-Bundesländern /den-Fünf-Ländern /dem-Beitrittsgebiet /der-ehemaligen-DDR- /Ostdeutschland schauen erstaunt und erschrocken auf den fünften, den eigentlichen (vorläufigen?) (hiesigen) Gewinner der Revolution:

 

Man kann in der Wirtschaft blicken wohin man will – das Sagen haben überall noch dieselben Leute (Ich habe dieses Thema bereits im Juli kurz angerissen, inzwischen sind die Konturen wesentlich klarer, weshalb ich nun nochmals darauf zurückkomme.) Lediglich ihre Gehälter sind inzwischen – durch sie selbst, niemand sonst ist witzigerweise dafür zuständig – kräftig erhöht und ihre Befugnisse erweitert worden. Da dies einerseits allgemeiner Trend ist und andererseits im Osten nichts mehr ohne westlichen Segen passiert, muß dies in Bonn (oder besser: in Frankfurt) so gewollt sein und nach kurzem Überlegen scheint es auch logisch. Hier ist nämlich der so ziemlich einzige Punkt, wo die DDR etwas einzubringen hat in unser einig Vaterland: Ausreichende Skrupellosigkeit und wohleingeschliffene Kontakte zum Comecon! Da nimmt man als Investor schon mal ein bißchen Stasi-Vergangenheit beim künftigen Partner in Kauf und die Treuhand verscherbelt das „Objekt“ natürlich auch lieber an den alten Direktor als an irgendeinen Herrn Namenlos, der schon unter Honecker/Mittag nichts werden durfte. Nur Naive wundern sich darüber. Grund zur Empörung haben allerdings -zigtausende, besonders wenn sie am eigenen Leibe die haarsträubende Personalpolitik dieser Alten Herren erleben müssen. Es gibt sie tatsächlich, die „alten Seilschaften“.

 

Insofern haben die Westmedien (die sonst immer noch viel halbgewalkten Schmarrn über den Osten bringen) hier wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen – nur: Charakteristisch für diese Seilschaften sind weniger die gemeinsame SED- oder Stasi-Zugehörigkeit, sondern eine gemeinsame Vergangenheit schlechthin. Die kann denn auch genausogut bei den Blockflöten, im Kegelclub oder dem Handballverein gelaufen sein. (Wobei natürlich wegen der ehemals fast 100%-igen SED-Mitgliedschaft dieser Leute der SED-Effekt tatsächlich überwiegt. Aber es handelt sich auch dann keinesfalls um eine Bruderschaft im Geiste von Marx und Lenin, sondern – und zwar schon immer – um den Geist von Posten, Macht und Geld). Man macht halt einfach so weiter wie bisher, nur unter anderen Vorzeichen, was solchen Typen, die routinemäßig schon immer jede Linie problemlos mitmachten, kaum schwer fallen dürfte.

 

Soweit in (zugegeben vereinfachender) Kürze das gegenwärtige Typenspektrum Deiner neuen Landsleute. Was die Verhältnisse angeht, ist (ich muß hier trotz Rückschau-Absicht im Präsens bleiben) das Wichtigste wohl die Etablierung des Rechtsstaates. Eine feine Sache, nur ist es ungeheuer schwer hier, sein neues Recht überhaupt kennenzulernen, gar nicht zu reden davon, es zu nutzen oder gar durchzusetzen.

 

Typisches Symptom: Die Schlange – sie hat unser armes kleines Volk noch immer nicht aus ihrer Umklammerung entlassen. Zwar stehen wir jetzt nicht mehr nach Wurst und Orangen (wenn man einmal vornehm davon absieht, daß die Ossis in ihrer Konsumwut gerade vor Weihnachten wirklich ganze Landstriche leerzukaufen bereit waren), wir stehen jetzt bei Banken und Behörden, nach Ausweisen und Bescheinigungen, ja sogar bei der (KFZ-)Versicherung. Für letztere muß hier im Dezember das absolute Traumgeschäft ihrer Firmengeschichte gelaufen sein. Vor unserem Fenster haben sich schon seit vielen Wochen etwa ein Dutzend Gesellschaften per Wohnwagen oder Container etabliert. Das Geschäft muß sich bei der Flut von neuerworbenen (Gebraucht-)Wagen sowieso gelohnt haben, aber in den letzten Tagen des Jahres haben die Leute sogar Urlaub genommen, um bloß noch rechtzeitig IRGENDEINE KFZ-Haftpflicht-Versicherung abzuschließen. Keiner, der noch auf die Höhe der Tarife achtete („immer die Preise vergleichen!“ Haha, Judy), man stellte sich dort an, wo die Schlange am kürzesten schien (weniger als 20) und basta!

 

Gelobt seien die Raucher! [1]

 

Kurz: Es wird noch eine ganze Weile dauern und nicht ohne Heulen und Zähneklappern abgehen, nach der formal-staatlichen auch die real-bürokratische Einheit der Deutschen herzustellen (Was die emotionale Einheit angeht, warte ich ein wenig auf Deinen Beitrag dazu.)

 

Andererseits ist bisher wirklich erst eine verdammt kurze Zeit vergangen. Vor 6 Monaten ist gerademal die Währungsunion geschmiedet worden und mein Bundesbürgertum ist gar erst 10 Wochen alt. Millionen im Osten würden gern und sofort mit uns tauschen und wären begeistert, dürften sie sich nach KFZ-Versicherungen anstellen.

 

Womit ich mich nun dem letzten und damit außenpolitischen Teil nähere und gleichzeitig bemerke, daß der vorgesehene beschauliche Jahresrückblick ’90 gar keiner geworden ist, wofür ich um Verzeihung bitte.

 

Noch mehr als die wirklich blöde Lage am Golf bewegt mich – wie Du Dir sicher denken kannst – die Situation in der SU. Spätestens nach Schewardnadses Rücktritt scheint mir klar, daß die Frage ob Diktatur oder Demokratie nicht mehr steht. Es geht jetzt wohl nur noch darum, wann, um welchen Preis und wieviele Diktaturen errichtet werden – und nicht zuletzt: Wieweit sind wir in Deutschland davon betroffen? Wenn dem Volk die Diktatur als das kleinere Übel erscheint, kommt sie unweigerlich. Wir haben das in diesem Jahrhundert u.a. in Deutschland und in Chile erlebt und die Ausgangssituation scheint mir in der Sowjetunion sehr ähnlich: Man ist bereit für einen Schlag Suppe in den eigenen Topf über den Schlag in die Magengrube des Nachbarn hinwegzusehen, denn zur Wahl stehen scheinbar nur noch: Anarchie oder Diktatur. Die Demokratie spielt in einer solcherart verfahrenen Situation als Alternative ohnehin keine Rolle mehr, und soweit sich das von hier aus beurteilen läßt, ist das Überleben dort tatsächlich nur noch mit Mitteln der Gewalt zu sichern. Die Verteilung ist im Begriff zusammenzubrechen und wohl nur das öffentliche Erschießen von zehntausend Schiebern kann hier noch Abhilfe schaffen. Mit einer kleinen Phasenverschiebung steht anschließend das Problem der endgültig zusammenbrechenden Produktion, wieder Erschießungen usw… Am Ende hat das dankbare Volk wieder einen geliebten Tyrannen vor der Nase, den es nicht wieder los wird, und der von seiner alleinseligmachenden Superman-Rolle bald selbst so überzeugt ist, daß als nächstes die Kritiker erschossen werden… usw usw, Schwanzbiß und Ende meines Intellekts – siehe mein Septemberbrief!

 

Das einzige Stück Optimismus, das ich beim Thema SU einbringen kann, ist die Hoffnung, daß an UNS dieser Kelch einigermaßen vorübergeht und die Fetzen der anstehenden Eruptionen UNS nicht allzu dicht um die Ohren fliegen. Die Völker der SU jedenfalls können einem leid tun in ihrer Hoffnungslosigkeit und daran ändert auch nichts die Tatsache, daß ihre eigene unendliche Geduld offenbar eine der Hauptursachen für diese Hoffnungslosigkeit bildet. Wir haben deshalb vor einigen Wochen in unsere schmalen Taschen gegriffen, und wenigstens 1 Care-Paket finanziert. Auch die Kinder haben sich mit ihrer Sparbüchse beteiligt…

 

Das soll’s für heute gewesen sein. Wir wünschen Euch allen ein gesundes und erfolgreiches Jahr 1991 und hoffen, Euch in den nächsten 12 Monaten irgendwie wieder auch leibhaftig in die Arme zu schließen

 

Euer Frank


[1] private Anmerkung: Vor dem ganzen KFZ-Horror hat uns bisher erfolgreich Paulas Camel-Ford bewahrt.

Wir sind überhaupt bisher auf der Behörden-Ansteh- Strecke (neubundesdeutsch müßte es wohl „-Schiene“ heißen) sehr glimpflich davongekommen (toi, toi, toi!), beginnend mit dem November vorigen Jahres als wir nicht am Geldanlage-Run auf Kühlschränke, Waschmaschinen und Fernsehgeräte teilnahmen (zwei Tage Anstehen und – umgerechnet – mindestens 2000 D!-Mark gespart), über das Frühjahr als wir uns den staatlich genehmigten 1:5-Umtausch verkniffen haben (450 DM gespart), die Währungsunion bei der wir 4 zusätzliche Konten extra für den 1:1-Umtausch bei einer ziemlich unbekannten und also nicht überlaufenen Sparkassenzweigstelle eröffnet haben (ein Tag Anstehen gespart), bis hin zum rechtzeitigen Wechsel zur Commerzbank bereits im Juli. Bei der Ostberliner Sparkasse stehen bis heute riesige Schlangen. Jetzt geht es zwar nicht mehr um Umstellungsanträge und das Verteilen des Familienvermögens auf alle Großtanten, sondern um den Antrag für Euroschecks und -Karte, aber mindestens einen halben Tag Zeit muß man eben doch ans Bein binden und nach einer Wartezeit von 6 bis 8 Wochen dann bei der Abholung das Gleiche nochmal. (Für die meisten besonders „schlimm“ weil bei uns mit der Existenzangst auch die Arbeitsdisziplin gewachsen ist und sie nun tatsächlich dazu offiziell frei nehmen müssen.)

Piranesis Räume – ein philosophischer Roman

PirRäumeneu

Im Frühjahr 1740 wurde für den 19-jährigen venezianischen Architekturadepten Giovanni Battista Piranesi ein Traum Wirklichkeit. Er betrat im Gefolge von Francesco Vernier, den die Signoria der Serenissima als Botschafter zu dem soeben neu gewählten Papst Benedikt XIV. gesandt hatte, Rom, um die Bauten der Alten zu studieren. Die ewige Stadt sollte ihn Zeit seines Lebens gefangen nehmen.

Piranesi kannte das antike Rom aus den Zeichnungen seines Landsmannes Andrea Palladio, welche bei seinen Architekturstudien als Lehrmaterial dienten. Auch hatte ihm sein Bruder, der Kartäusermönch Angelo, immer wieder von den heroischen Gestalten und Ereignissen der römischen Geschichte berichtet und ihm häufig aus dem Geschichtswerk des Livius vorgelesen. Rom hatte dabei seine Phantasie so sehr entzündet, dass ihm seine Bauten und Gestalten nachts schon im Traum erschienen waren. Wiewohl es in seiner Heimatstadt nicht an Wundern der Architektur fehlte, war ihm die Größe und Faktur der römischen Bauten aber immer rätselhaft erschienen. Es verlangte ihm daher danach, sie mit eigenen Augen zu sehen und ihr Geheimnis zu entschlüsseln. Hierzu wollte er die bauliche Hinterlassenschaft der Alten zeichnerisch aufnehmen und sie dann  in einer Weise in Kupfer stechen, die ihrer „magnificenza“ gerecht würde. Im Übrigen beabsichtigte er, möglichst auch noch den Beweis zu führen, dass die Architektur der alten Römer und überhaupt ihre Kunst gegenüber der griechischen eigenständig, ja ihr sogar überlegen sei. Es war ihm also nur allzu willkommen, dass er sich der Gesandtschaft anschließen konnte, die seine Heimatstadt an dem Tiber schickte.

Als sich Piranesi der Stadt Rom näherte, stand vor ihm das Bild einer erhabenen und majestätischen Baukunst von nie übertroffener Festigkeit und Vollkommenheit. Alles, so schien es ihm, war hier so, wie es zu sein hatte, jeder Teil war dort, wo er hingehörte und notwendiger Ausdruck eines Ganzen, das, wiewohl nie mehr als die Summe seiner Teile, das Bild wahrer Größe aufscheinen ließ.

Die Wirklichkeit freilich hielt dieser Traumvorstellung nicht stand. Piranesi fand die Überreste der antiken Bauten meist weit weniger vollständig und wohlerhalten, als es die peniblen Zeichnungen Palladios suggerierten. Viele waren in Wehranlagen der ewig befeindeten römischen Stadtgeschlechter aus dem Mittelalter versteckt, waren in Kirchen eingebaut oder lagen unter Palästen aus neuerer Zeit. Soweit sie noch über ein Dach verfügten, dienten die alten Räumlichkeiten häufig Handwerkern und sonstigen Gewerbetreibenden als Arbeitsstätte oder Lagerraum. Eines Tages etwa geriet Piranesi mit dem französischen Ruinenmaler Hubert Robert, mit dem er sich, da man das Interesse an den alten Resten teilte, angefreundet hatte, in eine weiträumige, düstere Basilika wo Wäscherinnen unter kassettierten Tonnengewölben, welche von einer Vierungskuppel unterbrochen waren, für die hohen Herren der Stadt bei offenem Feuer und großer Rauch- und Dampfentwicklung riesige Laken in einem Zuber kochten, welche sie anschließend zwischen mächtigen Säulen zum Trocknen aufhängten. Was von den alten Bauten nicht auf diese Weise zweckentfremdet, was nicht gänzlich umgestaltet oder abgetragen war, lag versunken im Schutt der Jahrhunderte, aus dem nur hier und da verwitterte Reste ragten. Ein Römergeschlecht, das wenig gemein hatte mit dem Heldenvolk, das diese Bauten erstellt hatte, hauste dazwischen samt allerhand Getier in Unterkünften, die aus vorgefundenen Steinquadern und Ziegeln zusammengestückelt waren, zwischen denen hier und da Säulentrommeln oder behauene Sims- und Gebälkteile steckten. Auf dem Forum Romanum, auf dem einstmals Weltpolitik gemacht wurde, weidete man Vieh, weswegen es „campo vaccino“, Feld der Kühe, genannt wurde.

Piranesi nahm im Stadtgebiet so gut wie jedes antike Gemäuer auf, dessen er habhaft werden konnte, und bannte es – in begleitenden Texten streitlustig immer den Vorrang der Römer vor den Griechen betonend – mit dramatischen Licht- und Schatteneffekten detailreich auf die Kupferplatte. Nach Art seiner Profession arbeitete er dabei einerseits penibel mit Bandmaß, rechtem Winkel und Zirkel. Von den perspektivischen Bühnenzaubereien der Bibienas, die er schon in den Opernhäusern seiner Heimatstadt kennen gelernt hatte, und den Deckengemälden in den neueren römischen Kirchen, allen voran der ins Unendliche strebenden Himmelsarchitektur des Andrea Pozzo in St. Ignazio, hatte er aber auch gelernt, wie man durch eine freie Handhabung von Linien und Winkeln die „magnifizierende“ Wirkung der Abbildungen erhöhen konnte. Das Kolosseum etwa stellte er nicht nur so dar, dass es sich vor dem Betrachter wie ein gigantischer architektonischer Organismus aufbläht, neben dem der Titusbogen wie ein Schoßhündchen wirkt. Er dehnte die elliptische Form der Arena dabei dergestalt zur Hyperbel, dass ihre Arkaden ins Unendliche zu führen schienen.

Auch außerhalb der Stadt war Piranesi auf den Spuren der Alten. Er hielt sich vor allem immer wieder in Tivoli auf, das schon im Altertum, als es – noch weniger spielerisch – Tibur hieß, die Menschen angezogen hatte, welche sich fern des Getriebes der Weltstadt auf das wahre Leben zu besinnen versuchten. Dort radierte er mehrfach den grandios über den Wasserfällen des Anio thronenden Rundtempel der Sybille und – in gerader Linie suggestiv in die Tiefe des Bildraumes führend – die mächtigen übereinander stehenden Bogenreihen eines Heiligtums oberhalb der Schlucht des Anio, welches man für die Substrukturen der Villa des Mäzenas hielt, wobei er seiner Neigung, mit unendlicher Akribie auch die feinsten Schattierungen und Lichtbrechungen zerfallenden Mauerwerks festzuhalten, hier in besonderem Maße freien Lauf ließ. An der Via Tiburtina nahm er den Rundbau des Plautiergrabes mit seinen großen Ehrentafeln auf und steigerte die Größe des Todesmonumentes durch die Verwendung divergierender Maße ins Übermenschliche. Am Meisten zog ihn aber das Gelände des Landsitzes an, den der Kaiser Hadrian gegen Ende seines Lebens nach eigenen Entwürfen unweit von Tivoli bauen ließ.

Hadrian, unter dem Rom, davon war Piranesi überzeugt, den Höhepunkt seiner Macht, seiner Zivilisation und seiner Gestaltungskraft erreichte, Hadrian war sein Lieblingsheld, weswegen auf seinem Arbeitstisch immer ein Stück der bunt geäderten Marmorinkrustation der tiburtinischen Villa lag. Als Architekt, der nur wenige Bauaufträge bekam – es waren sogar bloß Umbauten -, war Piranesi schon davon fasziniert, dass der bärtige Philosoph im Staatsamt auf seinen jahrelangen Inspektionsreisen, bei denen er zu Fuß bis in die fernsten Winkel seines Riesenreiches vordrang, nicht von Soldatenkohorten, sondern von „Regimentern“ von Bauhandwerkern begleitet wurde, deren „Offiziere“ Architekten waren, und dass er dieselben überall, wo er Halt machte, prachtvolle Bauten errichten oder wiederherstellen ließ. In besonderem Maße war er davon beeindruckt, dass und vor allem auf welche Weise dieser milde Herrscher sein außerordentliches Leben schließlich in einem Bauwerk resümierte. Der weit über die hügelige Landschaft verstreute Villenkomplex hatte in verkleinerter Form alles, was für einen Römer zum gehobenen Leben gehörte – Theater, Odeon, Basilika, Arena, Stadion, Seen, Tempel, Wandelhallen und Thermen, einen Saal der Philosophen und je eine römische und eine griechische Bibliothek. Vor allem aber war die Villa voller Erinnerungen an Orte, Menschen und Gegenstände, die im Leben des Kaisers wichtig geworden waren. Man fand hier Nachbildungen von Bauwerken, die er auf seinen Reisen besucht hatte, etwa des berühmten Osiristempels von Canopus in Ägypten samt einer verkleinerten Kopie des dortigen Kanals, der malerisch von Statuen und Säulen umstanden war. Überall standen Abbilder von Göttern, die er verehrte, oder Personen, welche er liebte, allen voran des vergötterten und vergöttlichten schönen Jünglings Antinous, der auf einer seiner Reisen bei einem Bad im Nil ertrunken war. All das veredelten ausgesuchte Bauornamente und zahllose Kunstgegenstände nach dem Muster der Meister, die im Bereich seines Reiches einmal tätig gewesen waren, darunter wunderbar gearbeitete Kandelaber, feinste Mosaiken sowie herrliche Gemälde und Fresken. Im Laufe der Zeit war so ein Bauwerk entstanden, das so vielfältig und einheitlich wie das römische Reich und zugleich so reich und unsymmetrisch wie das Leben war. Piranesi schien, dass Hadrian mit diesem Bau ein Werk geschaffen hatte, das wie kein anderes die feste Schönheit der römischen Kunst und überhaupt den ganzen Glanz einer Welt spiegelte, die sich im Laufe ihrer Zeit in immer wieder ähnlicher Weise reproduziert hatte …..

Der vollständige Text findet sich auf der Seite "I.1) Piranesis Räume", eine Auflösung der Identität der Personen der Kulturgeschichte, welche im Text auftreten, auf der Seite Auflösung Piranesipersonal.