Archiv der Kategorie: Chinesische Kulturgeschichte

Ein- und Ausfälle – Müssen wir Angst vor den Chinesen haben?

Wir sehen seit einiger Zeit verwundert, wie im Osten des eurasischen Kontinents eine gewaltige Macht entsteht. China zieht sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf von Selbstzerfleischung und ideologisch bedingtem  Missmanagement, in dem es ein Jahrhundert steckte, nachdem es durch den Westen gedemütigt und geschunden worden war. In wenigen Jahrzehnten hat das Reich der Mitte eine Entwicklung durchgemacht, für die der Westen Jahrhunderte gebraucht hat. Das Land ist in dieser Zeit von einem Entwicklungsland zu einer führenden Industrienation geworden. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Das chinesische Gesellschaftssystem ermöglicht es, Entscheidungen in einem Tempo zu vorzubereiten und zu verwirklichen, von dem der Westen nur träumen kann. Hinzu kommt, dass die ungeheuren menschlichen Ressourcen des Landes noch weitgehend unausgeschöpft sind. Geht man davon aus, dass sich die Entwicklung in ähnlicher Weise fortsetzt wie in den letzten Jahrzehnten, dann werden in China in den nächsten Jahrzehnten weitere Hunderte von Millionen äußerst fleißiger und hoch motivierter Menschen in den modernen Wirtschaftskreislauf eintreten. Nach allem Ermessen wird der Westen dem nichts Vergleichbares entgegenzusetzen haben. Schon jetzt kann man sich daher ausrechnen, dass sich dadurch die Machtgewichte in der Welt zu Lasten des Westens erheblich verschieben werden. Müssen wir also Angst vor China haben?

 

Nach den Maßstäben, die Europa und seine kulturellen Ableger insbesondere in Amerika in der Vergangenheit entwickelt haben, ist die Angst berechtigt. Der Westen hat seine Stärke und die Schwächen der wenig oder anders entwickelten Länder immer konsequent für seine Zwecke genutzt. Sein Bestreben war in erster Linie die Expansion und die Ausbeutung fremder Ressourcen. Die Mittel, mit denen er operierte, waren dabei alles andere als skrupulös. Wo nötig hat man sich dafür andere Länder kurzerhand einverleibt, indem man sie zu Kolonien erklärte. Im schlimmsten Fall wurde die Bevölkerung gar versklavt oder vernichtet. Das Ergebnis war, dass der Westen vom großen Kuchen der Weltökonomie das bei weitem größte Stück bekam. Unsere Jahrhunderte lange wirtschaftliche (und damit militärische) Übermacht bedeutete für die Unterlegenen also meist nichts Gutes. Würde China die Macht, die es schon hat oder in absehbarer Zeit haben wird, ähnlich nutzen, würde es uns tatsächlich schlimm ergehen.

 

Sind solche Befürchtungen aber berechtigt oder spiegeln sie nur unsere eigene Denkweise? Letztendlich beantworten kann diese Frage naturgemäß niemand. Ein Indiz dafür, wie sich die Dinge entwickeln könnten, kann aber der Blick in die Vergangenheit sein. Denn da sich die Grundlagen einer Kultur in der Regel nur sehr langsam ändern, kann man davon ausgehen, dass die Linien, welche die Vergangenheit eines Kulturkreises bestimmten, im Großen und Ganzen auch noch in der Zukunft weiter gezogen werden. Für den Westen lässt sich feststellen, dass sich die Neigung zur Ausbeutung fremder Ressourcen seit der Antike wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht und noch heute vorhanden ist. Wenn die Entwicklung Chinas ebenso konsequent verlaufen sollte, könnten wir beruhigt sein. Chinas Kultur war nämlich nie in vergleichbarer Weise auf Expansion oder Ausbeutung fremder Länder und Menschen gerichtet, wie die westliche Kultur.

 

Wiewohl China über drei Jahrtausende die absolut größte Macht im Osten des eurasischen Kontinents war, hat sie nie einen Kolonialkrieg geführt, geschweige denn, wie der Westen, Eroberungen unter dem Deckmantel der Ausbreitung der angeblich einzigen richtigen Religion betrieben. Dabei wäre es ihm angesichts seiner menschlichen und technischen Ressourcen ein Leichtes gewesen, weniger entwickelte Völker zu unterwerfen. Die Chinesen waren lange vor den Europäern im Besitz von explosiven Substanzen, nutzten sie aber nie, um damit zu schießen, also um Andere damit unter Druck zu setzen. Noch bevor die Europäer sich dazu aufmachten, die Welt mit wenigen kleinen Schiffen zu erforschen und zu erobern, waren die Chinesen mit einer Flotte von riesigen Schiffen auf den Weltmeeren unterwegs. Sie verzichteten aber darauf, ihre Expeditionen oder gar sonstige politische Projekte durch die Unterwerfung und Ausbeutung der entdeckten Länder und Völker zu finanzieren, was Europa wie selbstverständlich tat (man denke an die Finanzierung der spanischen Reconquista durch die Edelmetallimporte aus Amerika). Zwar waren auch die Chinesen nicht unkriegerisch, wiewohl der Beruf des Kriegers bei ihnen – auch dies im Gegensatz zu Europa – kein hohes Ansehen genoss. Bei ihren Kriegen handelte sich aber entweder um innerchinesische Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Machtzentren oder um Kriege gegen benachbarte Völker, die der Sicherung der Grenzen dienten. Zu letzterem Zwecke haben die Chinesen zeitweilig auch Grenzvölker beherrscht oder sich über die Grenzen ihres Kulturkreises ausgedehnt. Im Großen und Ganzen ruhte das Reich der Mitte aber in sich selbst. Es war nicht an Expansion sondern an der Sicherung seiner inneren Stabilität interessiert. Das sichtbarste Zeichen dieses Denkens ist die chinesische Mauer. Mit einem Aufwand, dessen Größe nur noch mit der künftigen Wirtschaftskraft Chinas verglichen werden kann, hat man hier ein singuläres Bauwerk geschaffen, das nur dazu diente, sich Ruhe vor fremden Eindringlingen zu verschaffen.

 

Die Befürchtungen betreffend die Rolle Chinas in der heutigen Welt kann man denn auch schwerlich mit dessen Vergangenheit begründen. Sie resultieren vielmehr daraus, dass das politische System des Landes wenig durchschaubar ist und China in neuerer Zeit eine expansive Politik gegenüber Taiwan und Tibet betrieben hat. Was das gegenwärtige politische System betrifft, so handelt es sich um einen Import aus dem Westen des eurasischen Kontinentes, der in der Tat eine starke aggressiv-missionarische Komponente hatte. Nachdem die Schwächen dieses Systems offenbar geworden sind, hat sich sein missionarischer Aspekt stark abgeschwächt, sodass insofern kaum mehr sonderlich aggressive Impulse zu erwarten sind. Was die Politik gegenüber Taiwan und Tibet angeht, so ist ein Vergleich mit dem, was Europa in der Vergangenheit betrieben hat, kaum möglich.  Zu beiden Gebieten hat China historische Beziehungen. Auch wenn insbesondere in Falle Tibets offensichtlich auch geostrategische Aspekte im Spiel sind, erscheint das Verhalten Chinas hier doch in einem anderen Licht als die Eroberungsaktivitäten, welche sich die Europäer meinten leisten zu dürfen.

 

Eine Gefahr für die Welt würde China aber – abgesehen von möglichen Revanchegelüsten, die gut nachvollziehbar wären, für die es aber erstaunlich wenige Anhaltspunkte gibt –  wenn der Kapitalismus, der sich in diesem Land auszubreiten beginnt, notwendigerweise eine aggressive Außenpolitik nach sich ziehen würde, wenn man also auf Grund der Eigengesetzlichkeit des Kapitalismus die Auflösung der restriktiven außenpolitischen Tradition Chinas befürchten müsste. Dafür, dass dies der Fall sein könnte, spricht natürlich die Verbindung von Kapitalismus und Aggressivität, welche man für den Westen zu konstatieren hat. Es spricht aber auch einiges dafür, dass die Neigung zur Aggression in Europa unabhängig vom Kapitalismus entstanden ist. Darauf deutet insbesondere die Tatsache, dass die (Außen)Politik in Europa schon von der Antike bis zu den Kreuzzügen des Mittelalters durch Gewalt gekennzeichnet gewesen ist, ausbeuterisches Verhalten bei uns also bereits lange vor der Entstehung des Kapitalismus gang und gäbe war. Die Kombination von Kapitalismus und Aggressivität ist wohl eine spezifisch europäische Erfindung. Sie kann nicht ohne weiteres auch für China unterstellt werden, das, wie gesagt, eine ganz andere Tradition hat. Deswegen sollten gerade wir diesem erstaunlichen Land nicht mit übermäßigem Misstrauen oder gar Angst entgegentreten – ganz abgesehen davon, dass wir von den Impulsen, welche der Aufstieg Chinas der Weltökonomie gibt, erheblich profitieren.

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Ein- und Ausfälle – Chinas pragmatische Logik

Der chinesische Philosoph Mo Ti aus den 5 Jh. v. Chr. ging die Frage der (sozialen) Logik ziemlich undogmatisch an. Nach ihm bestehen die drei Gesetze des vernunftmäßigen Denkens

 

            1.) im Studium der Erfahrungen der weisesten Menschen der Vergangenheit – dort, sagt er, finde man die Grundlage;

 

            2.) im Studium der Erfahrung des Volkes; – dadurch gelange man zu einem allgemeinen Überblick;

 

            3.) in der Einführung der dabei gewonnen Erkenntnisse in Gesetzgebung und Regierungspolitik und der anschließenden Prüfung, ob es der Wohlfahrt des Staates förderlich sei oder nicht.

 

Mit diesen schlichten Überlegungen kommt Mo Ti zu Ergebnissen, über welche die Väter der europäischen und indischen Philosophie mit ihren gewaltigen Gedankensystemen auch nicht wesentlich hinausgekommen sind, nämlich dass sozial wirksam die Gedanken sind, die sich

 

            1.) auf große Namen berufen können,

2.) in der Tradition (des Volkes) verwurzelt und

            3.) in der Praxis erprobt sind.

 

So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass Mo Ti trotz ganz anderer Ausgangspunkte im Detail zu ähnlichen Ergebnissen wie die großen Denker unserer Tradition kommt. Er hält die Existenz eines persönlichen Gottes ebenso für erwiesen, wie die von Geistern und Gespenstern, letztere mit Begründung, weil viele sie gesehen haben. Die Notwendigkeit des (Ahnen)Kultes schließt er daraus, dass er sozialen Zusammenhalt fördere (weil dabei die Menschen auf Grund gemeinsamer Überzeugungen zusammenkommen). Das Prinzip der Nächstenliebe leitet er einfach aus dem Umstand ab, dass dadurch eine Menge sozialer Probleme gelöst würden (weil es die Ausuferung des individuellen Entfaltungsdrangs eindämme). In einem Punkt war er unseren Denkern allerdings weit voraus. Seiner Weisheit letzter Schluss ist das (behutsam angewendete) „Trial and error“- Prinzips als Korrektiv für überschäumende soziale Gestaltungsphantasien. Mit einem derart pragmatischen Prinzip hatten unsere Systemdenker einige Schwierigkeiten. Der Natur ihres Ansatzes entsprechend neigten sie zu logischen Scheingebäuden oder „wissenschaftlichen“ Großversuchen, die zum Teil mit gewaltigen Spesen endeten.

 

Die Tatsache, dass man von so unterschiedlichen Ansätzen zu so ähnlichen Ergebnissen kommt, sagt einiges darüber, wie wenig das Ergebnis des Denkens von der Art der Gedankenführung und wie sehr es davon abhängt, wie wichtig es einem ist.

Ein und Ausfälle (China 7)

Man kann sich Bücher ausdenken, die ihren Ursprung im Himmel haben, wie am westlichen Ende des eurasischen Kontinents, oder Texte allgemein geachteten Weisen der Vergangenheit zuschreiben, wie am östlichen Ende des Kontinents. Sozialtechnisch ist es das gleiche Verfahren. Es geht es jeweils darum, Texte die Normen generieren sollen, im „Jenseits“ zu verankern, um dem Führungspersonal, das im Diesseits agiert, die Arbeit zu erleichtern. Das zeigt vor allem die Tatsache, dass der weitere Umgang mit diesen Texten in Ost und West sehr ähnlich ist. In beiden Kulturen sind die Grundbücher meist allgemein bis nichts sagend gehalten und lassen daher allerhand Deutungen zu. Besonders deutlich wird dies bei den Konfutius zugeschriebenen „Frühlings- und Herbstannalen“, die für die chinesische Sozialgeschichte so wichtig wurden. Sie enthalten nicht viel mehr als eine wenig aussagekräftige Aufzählung historischer Ereignisse. Die nähere Ausführung der Grundbücher ist in Ost und West jeweils nachgeordneten Werken vorbehalten, welche die Grundbücher unter Berücksichtigung der jeweiligen Zeitumstände auslegen. Im Westen nannte man diese Tätigkeit ursprünglich Theologie, im Osten Kommentierung. Auch hier ist das Verfahren bei den „Frühlings- und Herbstannalen“ besonders aufschlussreich. Die Kommentatoren ziehen aus dem Ursprungstext selbst dann noch ausgedehnte sozialpädagogische Lehren, wenn derselbe praktisch ohne Inhalt ist. Im Prinzip hat sich an dieser sozialen Steuerungstechnik bis heute nichts geändert. Nur dass wir neuere soziale Grundtexte nicht mehr heilige Bücher sondern Gesetze, das Spitzenwerk etwa Grundgesetz nennen. Auch diese Texte sind möglichst allgemein gehalten und werden von Anwendungsinstitutionen wie Gerichten und Kommentatoren konkretisiert und an den jeweiligen Bedarf angepasst, wobei nicht selten die kürzesten und allgemeinsten Paragraphen die längste Kommentierung erfahren.

Ein- und Ausfälle (China – 5)

Dass strategische Aspekte beim kommunikativen Umgang mit Tatsachen immer dann eine besondere Rolle spielen, wenn es um Fragen der Steuerung der Gesellschaft geht, ist ein allgemeines bekanntes, immer wieder vergeblich beklagtes Phänomen („Politiker lügen“). Bekannt ist auch, dass dieses Phänomen, das „ehrliche“ Europäer stets neu verwirrt, in Asien auch bei sonstigen Vorgängen der sozialen Kommunikation besonders häufig zu beobachten ist. Geht es allerdings um Fragen der Steuerung der Gesellschaft in Asien, dann können sich die Effekte in einem Maße summieren, dass die Flexibilität im Umgang mit Tatsachen ans Akrobatische grenzt. Dies zeigt sich besonders deutlich im Falle von Dso`s Kommentar zu den altchinesischen Frühlings- und Herbstannalen. Irgendwann in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausend v. Chr. versprach man sich viel davon, einen Kommentar dieses wichtigen Autors zu dem alterswürdigen Annalentext zu haben, der, wiewohl eigentlich inhaltsleer, in China zu einem bedeutenden sozialen Steuerungstext geworden war (was wiederum selbst große Freiheit im Umgang mit „sozialen Tatsachen“ eröffnete). Dso hat aber offenbar keinen Kommentar zu diesem Text geschrieben. Daher nahm man ein anderes Werk, von Dso, vielleicht aber auch von einem anderen Autor, und stückelte es so zurecht, dass es wie ein Kommentar zu den Frühlings- und Herbstannalen aussah. Dass dabei manches überhaupt nicht passte, störte schon daher nicht, weil die Annalen wegen ihrer Inhaltsleere große Freiheiten bei der Kommentierung ermöglichten, im übrigen aber auch deswegen nicht, weil man sich im allgemeinen durch Tatsachen nicht sonderlich stören lässt, wenn man mit ihrer Behauptung strategische Ziele verfolgt.