Schlagwort-Archive: Indien

Rameswaram – Indien zwischen Illusion und Wirklichkeit

Auf einer Insel am südöstlichen Ende des indischen Subkontinentes liegt Rameswaram. Der Ort ist den Hindus in besonderem Maße heilig. Hier steht nicht nur ihr wichtigstes Heiligtum nach dem Kashi-Vishwanath Tempel in Benares. Rameswaram ist auch eine der vier Wallfahrtsstätten, welche die indische Welt an ihren äußersten Grenzen nach allen Himmelsrichtungen einrahmen. Wie der Moslem nach Mekka so soll auch der Hindu einmal im Leben zu diesen Orten pilgern.

Nicht nur die Lage als symbolischer Grenzort der indischen Kulturwelt macht Rameswaram für den Hindu bedeutsam. Es ist auch der Ort, an dem die spirituelle Phantasie der Inder ein wesentliches Geschehen ihrer Mythologie platziert hat. Von hier aus soll Rama, eine der wichtigsten und populärsten Gestalten des komplexen hinduistischen Figurenkosmos, seinen Feldzug zur Befreiung seiner Gemahlin Sita aus den Händen Ravanas, des Dämonenkönigs von Sri Lanka, unternommen und nach erfolgreichem Abschluss desselben eine Sühnezeremonie abgehalten haben, die das Muster für die rituellen Handlungen abgibt, welche die Gläubigen hier vollziehen. Die Geschichte ist die zentrale Episode des Ramayana, dem einen der zwei riesigen indischen Epen, welche, wie die beiden – deutlich kleineren – homerischen Epen in der europäischen Antike, maßgeblich den mythologischen Raum der Hindus abgesteckt und kanonisiert haben. Sie erinnert im Übrigen auch bemerkenswert an die „Entführung“ Helenas und den Kampf um ihre Rückgewinnung in der Ilias.

Nach dem Ramayana raubte der zehnköpfige Ravana die in einer Ackerfurche als Tochter der Erdgöttin geborene Sita, die nicht nur außerordentlich schön, sondern auch noch mit allen Tugenden, Eigenschaften und Fähigkeiten ausgestattet war, welche man sich von einer Frau nur wünschen kann. Abgesehen davon, dass er es auf das prächtige Weib abgesehen hatte, das er trickreich aber erfolglos zu verführen versuchte, rächte er damit auch seine Schwester Shurpanakha, welche in der Geschichte kontrapunktisch als körperlich und charakterlich außerordentlich hässlich gezeichnet wird. Sie hatte bei einem Besuch in Indien Rama, der nicht weniger prächtig als seine Ehefrau war, begehrt und hatte sich, nachdem sie von diesem unter Verweis auf seine Treue zu Sita abgewiesen worden war, auch vergeblich um dessen ebenfalls ansehnlichen Bruder Laksmana bemüht. Aus Verärgerung über diese Abfuhr hatte Shurpanakha Sita nach dem Leben getrachtet, worauf Laksmana ihre ohnehin bestehenden Defizite noch dadurch anreicherte, das er ihr die Nase und die Ohren abschnitt, was eben Ravana zu kompensieren hatte.

Der Herrscher über die Dämonen glaubte sich mit der schönen Beute in seinem scheinbar uneinnehmbaren Inselreich und in seiner gigantischen Schlossfestung auf der Spitze eines hohen Vulkankegels eigentlich sicher, zumal er sich auf Grund eines Versprechens seines Urgroßvaters, des Schöpfergottes Brahma, für unverwundbar hielt. Rama aber schmiedete Pläne zur Invasion Sri Lankas über die fünfzig Kilometer breite Meerenge, welche die Insel bei Rameswaram vom indischen Subkontinent trennt. Zunächst forderte er den Gott des Ozeans auf, den Weg freizumachen, damit er mit seinen Mannen, wie die Israeliten durch das Rote Meer, nach Sri Lanka marschieren könne. Der Meeresgott berief sich aber – für indische mythologische Verhältnisse ungewöhnlich – auf die Gesetze der Natur, die ihn daran hinderten, einem solchen Verlangen nachzukommen. Daraufhin drohte Rama damit, den Ozean mit einem „Regen“ seiner Wunderpfeile auszutrocknen und dabei alle darin lebenden Kreaturen zu töten, eine Vorgehensweise, die nun wieder schwer mit den Gesetzen der Natur zu vereinbaren ist, aber insoweit der Normalfall in der indischen Mythologie ist. Der naturgesetzestreue Herr des Ozeans, der die indientypische Kraft von Mächten, welche die Naturgesetze aushebeln können, kannte, war davon beeindruckt und erklärte sich kompromissweise dazu bereit, den Bau einer Brücke zu unterstützen. Der Affengeneral Hanuman, mit dem sich Rama verbündete, erstellte daraufhin mit „zehn Millionen Kriegern“ in sechs Tagen einen „achtzig Meilen“ breiten Damm über die Meerenge. Über diese setzte er mit seiner Affen- und Bärenarmee, die sich auf nicht weniger als einhundert Milliarden „Mann“ belief – wenn es um Mengen und Zahlen geht, sind die indischen Epen nicht kleinlich – samt Rama und Laksmana und deren Streitkräfte nach Sri Lanka über. Dort fand unter Beteiligung von allen möglichen Dämonen und Wunderwesen und mit allen denkbaren Waffen aus dem unerschöpflichen Arsenal von Phantasy, Science-Fiktion, Esoterik und Virtual Reality am Boden, zu Wasser und in der Luft eine Schlacht von galaktischen Dimensionen statt, deren ausufernde Schilderung im Ramayana ungezählten Künstlern im gesamten indischen Raum für Jahrhunderte Material für bildliche Darstellungen in einer Menge geliefert hat, die einem manchmal kaum geringer als die Anzahl der Krieger in Hanumans Streitmacht erscheinen will. Am Ende kam es zur unmittelbaren Konfrontation der zentralen Protagonisten. Rama versuchte den Dämonenkönig zunächst durch Abschießen seiner Köpfe außer Gefecht zu setzen, die aber, ähnlich wie bei der Hydra in der griechischen Mythologie, sofort wieder nachwuchsen. Gleiches war bei abgeschlagenen Armen und Beinen der Fall. Die Lösung kam schließlich vom Gott Indra, welcher das Geschehen mit seinen Gottkollegen, nicht anders die griechischen Götter bei der Schlacht um Ilios, angelegentlich verfolgte, da Ravana mit seinen Dämonen die Götter immer wieder bedrohte. Indra hatte Rama seinen prachtvollen Streitwagen samt Wagenlenker und höherem Wissen über die Verwundbarkeit Ravanas gestellt und dieser riet Rama, auf Ravanas Herz zu zielen. Damit konnte er den König, der sich mit immer neuen üblen Fernwaffen lange wehrte, schließlich zu Fall bringen.

Wie Rama die Tötung Ravanas trotz der göttlichen Garantie gelang, ist eine ziemlich merkwürdige Sache, die tief in die verwickelten Daseins- und Familienverhältnisse der indischen Götterwelt hineinführt. Nach dem Ramayana hatte Ravana von Brahma für bestimmte Verdienste die Gnade erbeten und erhalten, dass er von Niemandem getötet werden könne. Aber derartige göttliche Garantien sind gelegentlich mit geradezu winkeladvokatorischen Fallstricken behaftet. Nach der einen Version der Geschichte hatte Ravanna nur Sicherheit vor den Göttern und himmlischen Wesen verlangt, mit denen er im Dauerstreit um die Herrschaft in der Oberwelt lag. Rama aber war, wiewohl eine Erscheinungsform des Gottes Vishnus, dem zweiten der drei Hauptgötter Indiens, die allerdings im „Trimurti“ wieder eine Einheit sind – Rama war zugleich Mensch und als solcher konnte er Ravana daher besiegen. Nach einer anderen Version, hatte Ravana zwar seine Köpfe, Arme und Beine gegen Angriffe versichern lassen, nicht aber sein Herz, was Indras Wagenlenker wusste und Rama verriet.

Dazu wie es zu der Heiligung von Rameswaram kam, gibt es, wie bei so vielen Details der indischen Mythologie, auch wieder unterschiedliche Versionen. Die herrschende Lesart ist wohl, dass Rama für die Tötung Ravanas bei Shiva, dem dritten Gott der Hindutrinität, zu dessen Anhängern Ravana gehörte, Abbitte leisten musste. Als Urenkel Brahmas war Ravana nämlich ein Brahmane und einen solchen zu töten, gilt den Hindus, selbst wenn derselbe ein solcher Schurke wie Ravana ist, als eine der schwersten Sünden (ein Schutzprivileg, welches sich die irdischen Brahmanen neben diversen anderen Vorteilen in der indischen Gesellschaft mit göttlicher Beglaubigung gesichert haben). Diese – ziemlich menschliche – Norm galt trotz seiner göttlichen Herkunft auch für Rama, weswegen er ein Sühneritual zu vollziehen hatte. Um Shiva zu besänftigen, wollte Rama, wiewohl er mit diesem eigentlich eine Einheit war, einen besonders großen Lingam, das Phallussymbol, mit dem die Hindus diesen Gott unter Außerachtlassung aller Aspekte von Scham verehren. Ein solcher war in Rameswaram aber nicht aufzutreiben, weswegen Hanuman nach dem Himalaya – nach anderer Version nach Benares – geschickt wurde, um vom heiligen Berg Kailash, dem Sitz Shivas und Erscheinungsform des mythischen Weltberges Meru, bzw. vom Kashi-Vishwanath Tempel, der wie die meisten Tempel der Hindus ein Abbild des Kailash ist, auf dem Luftweg ein adäquates Exemplar eines Lingam herbeizuschaffen. Da sich die Rückkehr des Affengenerals verzögerte, befürchte man, den spirituell günstigen Zeitpunkt für die Sühnehandlung zu verpassen (derartig „auspiziöse“ Zeiten spielen im indischen Leben bis heute ganz konkret eine wichtige Rolle). Daher formte Sita vorsorglich einen Lingam aus dem Sand des Strandes von Rameswaram. Kurz darauf kam Hanuman mit seinem Lingam angeflogen, sodass man nun zwei dieser merkwürdigen Ritualobjekte hatte. Diese sind nun das spirituelle, mit milchigen Flüssigkeiten umsorgte Zentrum der großen Tempelanlage von Rameswaram, die dementsprechend ein Doppelheiligtum ist.

Diese Geschichte wird in Rameswaram natürlich in besonderem Maße phantasiereich in Stein und anderen Medien dargestellt, wobei die Gestaltungskraft der Künstler insbesondere bei der Darstellung Ravanas mit seinen zehn Köpfen gefordert war – manchmal wird er mit einem besonders großen Kopf mit umlaufenden Gesichtern abgebildet, manchmal zusätzlich mit entsprechend vielen Extremitäten, das heißt zwanzig Händen und Füßen; oft werden seine Häupter aber auch in voller Ausprägung samt Herrscherkronen auf einem Hals waagrecht aneinandergereiht, was nicht nur statisch eine erstaunliche Figur abgibt. Man fragt sich dabei unwillkürlich, inwieweit die Gläubigen dieser unwahrscheinlichen Figur und überhaupt dem ganzen außerordentlich frei imaginierten epischen Geschehen, dem sie nicht zuletzt in Rameswaram sehr konkret Reverenz erweisen, so etwas wie historische Realität zumessen. Die Tempelbrahmanen als die Hüter des Glaubens scheinen eine solche Realität jedenfalls vorauszusetzen oder den Glauben daran einzufordern. In einem der anderen Tempel Rameswarams etwa zeigen sie Steine, welche, da besonders porös, im Wasser schwimmen und versichern unterstützt durch entsprechende bildliche Darstellungen, dass die Brücke, welche Hanumans Soldaten nach Sri Lanka bauten, aus diesem Material gefertigt worden sei. Im Ramayana ist freilich von solchen Steinen, welche die Überbrückung der Meerespartien offenbar plausibler machen sollen, nicht die Rede. Dort heißt es ohne Rücksicht auf irgendeine Wahrscheinlichkeit, dass die „Brücke“ aus Baumstämmen, Erde und Felsen aufgeschüttet worden sei, wobei sich bei letzteren teilweise um ganze Berge gehandelt habe.

Wie real all diese Dinge für manche Gläubige sind, zeigt die Diskussion um den Bau eines Kanals durch die flache Meerenge zwischen Indien und Sri Lanka, mit welchem die Fahrt vom arabischen Meer zu den Häfen an der Südostküste Indiens um 400 Kilometer verkürzt würde. Hinduaktivisten streiten gegen dieses wirtschaftsrationale Projekt mit theologischen Argumenten. Der Bau, so sagen sie, würde Teile der Brücke zerstören, welche Rama und Hanuman gebaut hätten. Diese sei aber durch das Ramayana geheiligt und dürfe nicht tangiert werden. Dabei geht es „tatsächlich“ um die Frage, ob das fünfzig Kilometer lange schmale Band aus Sandbänken, Korallenriffen und Inselchen, das sich in Verlängerung der kontinentalen Landzunge und der Insel von Rameswaran wie eine Nabelschnur vom Mutterland Indien bis zu dessen Ableger Sri Lanka zieht, die Reste einer realen, von Menschen gebauten Brücke sind. Abgesehen vom Text des Ramayana beziehen sich die streng gläubigen Hindus dabei auf ein Gutachten eines ehemaligen höchsten Landvermessers Indiens, das feststellt, dass hier unter einer Schicht festen (Korallen)Materials wieder Sand liege, was, da Korallen nicht auf Sand wüchsen, auf ein künstliches Bauwerk hindeute. Als schlagenden Beweis für die Richtigkeit ihrer Überzeugung sehen sie darüber hinaus ausgerechnet Aufnahmen an, welche mit Mitteln der modernsten Wissenschaft von einem Satelliten der Nasa gemacht wurden. Auf diesen ist in der Tat ein erstaunlich linear geführtes Band zwischen Indien und Sri Lanka zu sehen, dessen regelmäßige Kurvatur nach Meinung der Hindus nur damit erklärt werden könne, dass es von Menschen gemacht sei. Die Auseinandersetzung um das Projekt, dem man auch ökologische Argumente entgegenhielt, die freilich auch nicht selten aus dem Grenzbereich von Realität und interessengeformter Einbildung stammen, wurden vor den höchsten Gerichten geführt, die sich „tatsächlich“ auch mit der Frage befassten, ob die Kette von Untiefen und Inselchen, wiewohl von Affen erstellt, „man made“, also von Menschenhand gebaut sei. Die verschiedenen Instanzen waren darüber keineswegs so einig, wie man meinen könnte. Der High Court des Bundestaates Tamil Nadu, in dessen Gebiet das Streitobjekt liegt, bejahte die Frage. Beim Supreme Court of India war man rationaler Argumentation gegenüber weniger verschlossen und kam zu dem nicht eben fern liegenden Ergebnis, dass es sich bei der „Brücke“ um ein meeresgeologisches Phänomen handele. Auch die Nasa wehrte sich gegen die Vereinnahmung durch die Hindus und stellte lakonisch fest, man könne Aufnahmen, die aus großer Höhe gemacht worden seien, nicht entnehmen, ob ein auffälliges Phänomen auf der Erde natürlichen oder menschlichen Ursprungs sei. Historiker des buddhistischen Sri Lanka wiederum meinten, die hinduzentristische Interpretation des Phänomens stelle eine grobe Verfälschung der Geschichte ihres Landes dar.

Das Phänomen der „Brücke“, die wohl bis in die Mitte des letzten Jahrtausends tatsächlich eine feste Landverbindung zwischen Indien und Sri Lanka gewesen war, hat nicht nur die religiöse Phantasie der Hindus angeregt. Auch die anderen großen Weltreligionen haben insofern allerhand tatsachenhaltige Vorstellungen entwickelt. Obwohl die Hindus angesichts ihrer indigenen Vormachtstellung eigentlich die terminologische Hoheit in dieser Angelegenheit haben müssten, hat sich für die Kette von Untiefen und Erhebungen nicht ihre Bezeichnung „Ramas Bridge“ oder „Rama Setu“, wie die Hindus sagen, sondern der Name „Adams Bridge“ durchgesetzt, und dies auch noch vermittelt durch die Weltreligion, die in dieser Region am wenigsten vertreten ist. Die Bezeichnung geht auf die moslemische Vorstellung zurück, wonach der biblische Urvater Adam nach der Verstoßung aus dem Paradies, das man irgendwo in der Höhe imaginierte, die Erde, auf die er strafversetzt worden war, erstmalig auf einem der höchsten Berge von Sri Lanka betreten habe, dem über zweitausend Meter hohen Vulkankegel, für dessen Benennung sich die mehrheitlich buddhistischen Bewohner Sri Lankas merkwürdigerweise ebenfalls keine terminologische Vorherrschaft sichern konnten, weswegen derselbe den Namen „Adams Peak“ trägt. Von dort soll Adam, nachdem er auf dem Berg eintausend Jahre auf einem Fuß stehend Buße geübt habe, über die „Adams Brücke“ nach Indien gewandert sein, um sich mit seinen Nachkommen schließlich über die Welt auszubreiten (nach einer anderen Version wird aber auch eine Wanderung in umgekehrter Richtung angenommen). Auf dem „Adams Peak“ zeigt man denn auch eine Bodenvertiefung, welche der Fußabdruck sein soll, den Adam dabei hinterlassen habe, der allerdings ist so groß ist, dass die Figur, welche ihn geprägt hätte, eine Größe von mindestens zehn Metern gehabt haben müsste. Nichtsdestoweniger haben auch die anderen Weltreligionen in einer Art Wettbewerb um die Deutungshoheit in Sachen „Adams Peak“ diese Vorstellung aufgenommen und sich je auf ihre Weise an der Ausgestaltung der Geschichte beteiligt. Die Buddhisten sehen darin den Fußabdruck Buddhas, der Ceylon drei Mal besucht haben soll. Nachdem die Moslems den gemeinsamen Stammvater Adam schon für sich vereinnahmt haben, meinen die Christen, es sei der Fußabdruck des Apostels Thomas, den es nach Ceylon verschlagen haben soll, von wo er über die Brücke nach Indien gelangt und dort, nachdem er die Gemeinde der Thomaschristen gegründet habe, bei Madras gestorben und begraben sei. Und die Hindus gehen davon aus, dass Shiva, Ravanas Schutzpatron, der Urheber der Vertiefung sei. Im Übrigen habe der zehnköpfige Herrscher von Lanka auf dem steilen Vulkankegel, auf den die Anhänger all dieser Religionen heute über fünftausend Stufen mühevoll hinaufpilgern, seine formidable Residenz gehabt, von der allerdings genauso wenig Reales zu sehen ist wie von Ramas Brücke.

Dem gewichtigen mythologischen Geschehen entsprechend hat man in Rameswaram einen Tempel von passender Bedeutung gebaut, an dem sinnigerweise auch Herrscher aus Sri Lanka, nämlich die hinduistischen Könige des Jaffna Reiches beteiligt waren, die vom 13. bis 17. Jahrhundert im Norden der Insel herrschten, in den hinduistische Tamile schon seit dem Altertum über die Adamsbrücke eingewandert waren (der Hintergrund des erbitterten Bürgerkrieges, der Sri Lanka zwischen 1983 bis 2009 spaltete). Der Tempel ist mit einer Fläche von rund einem halben Quadratkilometer tatsächlich gewaltig, wenn auch nicht so groß wie einige andere Tempel Südindiens, etwa der von Madurai. Während letzterer zahlreiche Tempeltürme aufzuweisen hat, die auf „barocke“ Weise mit dem – reichlich bunt präsentierten – mythologischen Personal des Hinduismus übersät sind, hat der Tempel von Rameswaram nur zwei große und zwei kleinere Türme in den vier Himmelsrichtungen, die einfarbig in vornehmen Gelb gehalten und nur in „klassizistisch“ reduzierter Weise mit Figuren und Ornamenten geschmückt sind. Er verfügt aber über die längsten Tempelkorridore Indiens, jene prachtvollen pfeilergesäumten Hallen, welche das mystisch dunkle, enge und verschachtelte sanctum sanctissimum der südindischen Tempel umlaufen, in dem die Brahmanen ihre rätselvollen Rituale verrichten. In Rameswaram haben diese Gänge zusammengerechnet eine Länge von deutlich über einem Kilometer und sind von rund viertausend bis zu zehn Meter hohen Pfeilern gerahmt, die meist bunt bemalt und mit allerhand Figuren, darunter viele aus dem Ramayana, bestückt sind. Die beiden größten Gänge, die jeweils rund zweihundert Meter lang sind, lassen den Besucher auf Grund eines besonderen perspektivischen Effektes in einmaliger, geradezu magischer Weise in eine Tiefe blicken, welche den unendlichen Dimensionen des spirituellen Raumes entspricht, der im Innersten des Tempels beschworen wird.

Zu den Ritualen, welche die Gläubigen in Rameswaram vollziehen, gehört das Eintauchen in geheiligtes Wasser, vom dem nach hinduistischer Vorstellung erdmagnetische Energien himmelwärts ziehen. Das Grundmuster dieses Rituals ist das Bad im vergöttlichten Fluss Ganges, das in jedem indischen Tempel nachvollzogen wird, indem man entweder in das nach den Prinzipien der heiligen Geographie bestimmte natürliche Wasser steigt, an welchem Heiligtümer bevorzugt platziert sind, oder in den großen rechteckigen Teich, Tank genannt, der regelmäßig zu einen Tempel gehört und von Stufen wie an den Badestellen des Ganges in Benares umgeben ist. Auf der Insel Rameswaram gibt es vierundsechzig heilige Wasserstellen, Theertham genannt, von denen zweiundzwanzig wichtig sind. Zumindest in letztere müssen die Gläubigen eintauchen, wenn sie die segenspendende Wirkung der Wallfahrt sicherstellen wollen.

Das größte Wasserheiligtum ist natürlich das Meer, das dazu auf einer Insel wie Rameswaram das Heiligtum auf ideale Weise von allen Seiten umgibt. Merkwürdigerweise ist es hier nach dem Feuergott Agni benannt, was offenbar damit zusammenhängt, dass er Sita in einer kritischen Situation beistand. In der Hauptversion des Ramayana, welche dem Weisen Valmiki zugeschrieben wird, wollte Rama Sita, für die er doch so heftig gekämpft hatte, nicht zurücknehmen, da sie so lange im Haus eines Fremden gelebt habe. Sita, die sich, anders als Helena, mit aller Kraft den Verführungskünsten ihres Entführers widersetzt hatte, war von diesem Misstrauen wenig begeistert und verlangte trotzig, dass ihr ein Scheiterhaufen bereitet werde. Sie bat Agni um Hilfe, der auch dafür sorgte, dass ihr die Flammen nichts anhaben konnte und sie unter der Akklamation aller Götter persönlich aus den Flammen hob. Danach gibt es ein Happy End nach Art eines Märchens mit Königskrönung und großem Fest, dem eine zehntausendjährige glückliche Regentschaft Ramas im mythischen Urkönigreich Ayodhya folgt (ohne Krankheiten, Seuchen, Gier, Verbrechen, verdorbene Ernten und so weiter). Agni hatte sich, wiewohl er doch alles zum Schutz von Sita getan hatte, durch seine Beteiligung an der Feuerprobe aus irgendeinem Grund auch wieder versündigt und musste sich vor Shiva, dem Schutzpatron Ravanas, rechtfertigen. Zu Tilgung seiner Sündenschuld stieg er in das Meer an der Stelle, die nun Agni Theertham genannt wird. In seiner Nachfolge tun dies nun auch die Pilger und tauchen vornehmlich mit der ganzen Familie in die ziemlich trüben Fluten, wobei den selfie-süchtigen Indern die elektronische Dokumentation dieses Vorgangs mittels Smartphone mindestens so wichtig zu sein scheint wie die heiligende Handlung. In einer wohl späteren Version, die geradezu islamische Männeransprüche offenbart, sind die dramatischen Verwicklungen für Sita mit ihrer Rettung und der Feuerprobe aber noch lange nicht beendet. Nach dieser melodramatischen, an Bollywood erinnernden Variante des Epos hat Sita die  bestandene Treueprüfung wenig genützt, denn der ziemlich menschelnde göttliche Rama schickte sie, wiewohl sie von ihm mit Zwillingen schwanger war, weil er absolute Sicherheit verlangte, dennoch in die Verbannung, aus der er sie erst viele Jahre später wieder herausholte, nachdem er seine Kinder daran erkannt hatte, dass sie das Ramayana sangen. Sita zog es nun aber vor, der ungerechten Welt entsagend, in die Ackerfurche und damit zu (ihrer) Mutter Erde zurückzukehren, aus der sie einst gekommen war.

Die einundzwanzig anderen wichtigen Wasserstellen befinden sich alle innerhalb der rund einen Kilometer langen festungsartigen Mauern des großen Tempels, in dem ein penibel überwachtes Smartphoneverbot herrscht. Abgesehen von einem größeren Tank handelt es sich im Wesentlichen um etwa sechs Meter tiefe brunnenartige Schächte, die zum Grundwasser herunterreichen. Unter anderem gibt es auch ein Wasser, welches ein vollwertiges Äquivalent für das originale Gangeswasser ist. Da die Inder selbst in zweihundert Jahren englischer Kolonialherrschaft nicht gelernt haben, sich ordentlich anzustellen, erfolgt der Zugang zu den Wasserstellen in langen vergitterten Gängen, die sich in Schlangenlinien durch weite Teile des Tempels und bis auf die Straße ziehen. Um die Massen abzufertigen hat man das Eintauchen in die heiligen Gewässer rationalisiert. An allen Wasserstellen steht ein dienstbarer Geist, der das heilige Nass mit einem kleinen Eimer, der an einem Seil befestigt ist, aus der Tiefe holt und den pausenlos ankommenden Pilgern recht unfeierlich über den Kopf gießt. Jedes dieser Wasser hat, wie Agni Theertham, einen Namen, der sich auf einen bestimmten heiligenden Umstand bezieht, und verspricht eine besondere Wirkung, die allerdings meist ziemlich allgemein formuliert ist – etwa wenn es heißt, dass man durch dasselbe Einsicht in die Vergangenheit und die Zukunft gewinne oder man in die Lage versetzt werde, von Dämonen ausgelöste ungute Stimmungen zu beherrschen.

Wesentlich konkreter geht es bei der Frage zu, welche Gegenleistung die Pilger für die verschiedenen rituellen Leistungen zu erbringen haben. Auf großen Schildern sind für die gängigen Kulthandlungen feste, einigermaßen moderate Preise aufgelistet. Rituale für bestimmte Lebenssituationen sind gesondert zu bezahlen und können ziemlich teuer werden. Darüber hinaus werden von den Gläubigen, wie in allen indischen Tempeln, auch noch freiwillige Zahlungen erwartet. Die Anzahl der Spendenboxen, die – wie die verführerichsten Waren im Supermarkt – an strategischen Punkten wie Wegbiegungen, Abzweigungen und Engstellen platziert sind, übertrifft in den Tempeln in der Regel deutlich die der Idole. Meist sind es voluminöse blecherne Kästen mit großen Einwurfschlitzen, die Rupien in einer Größenordung aufnehmen können, welche sich offenbar an den Mengenangaben in der indischen Mythologie orientiert.

Wer die vorgeschriebenen Rituale samt Bezahlung absolviert, dem wird einen Großteil seiner Sündenschuld erlassen mit der daraus resultierenden Möglichkeit, in nächsten Leben auf höherer Ebene wiedergeboren zu werden und so den leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten abzukürzen. Anderseits haben berufene Normgeber, wie auf Schrifttafeln festgehalten ist, bestimmt, dass eine Sünde, welche im Rameswaram begangen wird, nie getilgt werden kann. Keine Sünde ist dabei offenbar das Entsorgen von Müll auf allen möglichen öffentlichen Flächen, unter anderem auch, indem man sich bei Agni Teertham trotz entgegenstehender Aufforderung der lokalen Kommunalverwaltung der nassen Kleider entledigt, die dann massenhaft an den Strand gespült werden, sodass es dort wie nach einer maritimen Katastrophe aussieht, abgesehen davon, dass sich auch hier, wie überall in Indien, aller möglicher sonstiger Müll in Mengen sammelt, zu deren Beseitigung man die Heerscharen Hanumans benötigen würde. Ebenso wenig sündhaft scheint es für Männer zu sein, dort zu urinieren, wo gerade sie gerade stehen. Und an einem Ort, an dem die Menschen in großer Zahl darauf angewiesen sind, die elementaren Bedürfnisse des realen Lebens mit Hilfe von Dienstleistern zu befriedigen, ist es offenbar nicht verwerflich, die indientyische massive Differenz zwischen werbend angepriesenen und realen Tatsachen dergestalt auf die Spitze zu treiben, dass eine Portion Pommes frites, die auf einem Werbebild eines staatlichen Restaurants gewaltig hochgestapelt präsentiert wird, sich in der servierten Wirklichkeit als bloßer Tellerbodendecker erweist. Insofern erfolgte die Ausgestaltung der Norm offensichtlich unter Berücksichtigung der sozialen Realität, vermutlich weil sonst für unverhältnismäßig viele Inder die Erlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten in unerreichbare Ferne gerückt wäre.

Im Tempel herrscht reges Treiben. Viele Gläubige, auch Frauen und Kinder, kommen mit kahl geschorenem Kopf daher, an dessen hinterem Teil nur noch ein kleines Haarbüschel ähnlich einem Schweineschwänzchen verblieben ist. Kleine Gruppen, die von einem Kundigen religiös instruiert werden, sitzen in Nischen auf dem Boden. Gelegentlich zieht eine Prozession mit Schlagzeug und einem plärrenden Blasinstrument, das einer Oboe ähnelt, durch die Pfeilerhallen, in denen die grob laute Musik weithin widerhallt, vorneweg einige Frauen, die sich verzückt im Tanz wiegen. Überall laufen tropfnasse Menschen mit derangierten Haaren umher. Eine besonders reich verzierte Pfeilerhalle ist von Devotionalien- und Souvenirhändlern gefüllt wie einst der Tempel von Jerusalem von Geldwechslern. Vor dem Haupttor des Tempels, über dem eine fünfzig Meter hohe Pyramide emporragt, dringt Musik aus einem großen Lautsprecher, wie landesüblich und allgegenwärtig mit jener Lautstärke, welche die Inder mit einem Gleichmut ertragen, der darauf hindeutet, dass ihre Gehörnerven ebenso abgestumpft sind wie ihre Geschmacksrezeptoren durch den exzessiven Genuss scharfer Gewürze.

Anders als in Madurai, wo sich im großen Tempel unzählige Reisegruppen drängen, sieht man in Rameswaram nur wenige Fremde, was sicher auch damit zusammenhängt, dass der Ort ziemlich abgelegen ist. Hin- und zurück nach Madurai, wo die Reise beginnt, muss man mit acht Stunden Fahrtzeit rechnen. Inzwischen kommt man hier auch nicht mehr, wie Rama, auf dem Weg von oder nach Sri Lanka vorbei, nachdem die (Eisenbahn/Fähr)Verbindung über die Meeresenge zwischen den beiden Ländern, welche die Engländer einst zur Herstellung der Einheit ihres Kolonialreiches eingerichtet hatten, nach einem verheerenden Tropensturm seit vielen Jahren unterbrochen ist und man beiderseits der Meerenge offenbar andere Probleme für wichtiger hielt als Wiederherstellung der Verbindung zwischen dem vorwiegend hinduistischen Mutterland und der abtrünnigen Tochter, wo der Buddhismus vorherrscht, den die Hindus aus seinem Mutterland mehr oder weniger vollständig verdrängt haben.

Rama ist die mythische Lichtfigur am Beginn des zeitlichen Spektrums, in welches Rameswaram gebettet ist. Darüber, wann die Ereignisse stattfanden, die im Ramayana geschildert werden, gehen die Meinungen weit auseinander. Diejenigen, welche in dem Epos einen realen historischen Grundkern sehen, platzieren Rama als eine lokale Herrscherfigur in die Mitte des ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung. Sie verzichten realistischerweise auf die Annahme, dass die Details des Epos wörtlich zu nehmen sind. Wer dazu nicht bereit ist und, um die Geschichte plausibel zu machen, Feststellungen der Radiokarbonanalyse betreffend die Korallen der Adams-Bridge einbezieht, kommt auf bis zu 5.000 Jahre, hat aber Probleme, die zehntausend-jährige Herrschaft Ramas in Ayodhya unterzubringen, der, da er nicht gestorben wäre, noch am Leben sein müsste. Dieses Problem lösen diejenigen, die  sich auf makrogeologische Erkenntnisse beziehen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass Rama vor fast zwei Millionen Jahren lebte. Für den eingefleischten Hindu ist dies kein Problem, da sich die Geschichte nach dem Ramayana im dritten Weltzeitalter abgespielt hat, das ungefähr so  lange zurückliegen soll. Man hat aber das Problem, dass die reale Adams-Bridge durchschnittlich nur etwa acht Meilen breit ist. Dieses lösen manche, indem sie die Mengenangaben des Ramayana proportional um eine Art mythologischen Übertreibungsfaktor reduzieren. Denselben nehmen sie den realen Gegebenheiten entsprechend mit tausend Prozent an, womit sie das Problem der Brückenbreite (im Übrigen auch der Pommes frites) gelöst, bei der Größe von Hanumans Truppen und dem Tempo des Brückenbaus aber immer noch Erklärungsbedarf haben, ganz abgesehen davon, dass Hinweise darauf, was zwischen letzterem und der historischen Zeit geschah noch dünner sind, als das Band zwischen Indien und Sri Lanka und seine Aussagekraft aus der Perspektive der Nasa.

Am anderen Ende des Zeitrahmens von Rameswaram steht eine Persönlichkeit, welche viele Inder als Leitfigur des modernen Indien sehen. Auf der Insel geboren und aufgewachsen ist Abdul Kalam, der es aus einfachen Verhältnissen zum renommierten Wissenschaftler und schließlich zum (elften) Präsidenten von Indien brachte (2002-2007). Kalam, der im hinduistischen Hauptort in einer muslimischen Familie aufwuchs, war als Wissenschaftler in führender Position an der Entwicklung Indiens zur Atommacht beteiligt. Er war Leiter des indischen Raketenprogramms, zu dem nicht zuletzt eine Reihe von Langstreckenraketen gehören, die sinnigerweise auf den Namen „Agni“ getauft wurden. Damit repräsentieren sie die andere Seite des Feuergottes, der im Falle Sitas so „human“ erschienen war. Die Agni-Raketen können Atomsprengköpfe tragen, die Indien nicht zuletzt im Hinblick auf den völlig überflüssigen, aber um so erbitterter kultivierten Bruderkonflikt mit dem muslimischen Pakistan entwickelte.

Der Mann, zu dessen Metier als Wissenschaftler der kritische Umgang mit Tatsachen gehörte, hatte mit denselben als Politiker aber einige Probleme. Kalam war, sonst hätten seine Raketen nicht abgehoben, ein tatsachenorientiert denkender Wissenschaftler. Er war aber auch ein glühender Patriot und Politiker und als solcher war er in der Gefahr, den Kontakt zu den Tatsachen zu verlieren. Als Patriot musste er mit einer gewissen Notwendigkeit zu einer kritischen Haltung gegenüber dem englischen Kolonialismus kommen, den viele Inder als Trauma empfinden. Diese Aversion nun brachte ihn in Konflikt mit einem Engländer, der sich dem Ziel verschrieben hatte, die indische Vermischung von  Mythologie und Tatsachen zu entflechten, um letzteren im sozialen Leben das Gewicht zu geben, welche sie in einer modernen Gesellschaft haben müssen. Es handelt sich um den renommierten englischen Politiker und aufgeklärten Essayisten Lord Macaulay, der in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhundert als Mitglied der britischen Kolonialregierung in Indien entscheidend dazu beitrug, dass im höherem Bildungssystem von Britisch-Indien die englische Sprache eingeführt wurde. Macaulays erklärte, zweifelsohne eurozentristische Absicht war, der einheimischen Führungselite die auf Englisch verfasste oder lesbare aufgeklärte bzw. wissenschaftliche Literatur Europas zugänglich zu machen, um auf diese Weise dem in Mythen und sozialer Segregation feststeckenden Subkontinent einen Impuls in Richtung Westen, Demokratie, Aufklärung, Säkularisierung und Verwissenschaftlichung zu geben. Dieses Ziel haben die Maßnahmen Macaulays, der so letztendlich die Selbstregierung und damit langfristig  die Unabhängigkeit des Landes vorbereiten wollte, inzwischen ein Stück weit erreicht. Kalam selbst, der im Jahre 2015 verstarb, war als Wissenschaftler und demokratisch bestimmter, dazu muslimischer Präsident in einem mehrheitlich hinduistischen Land ein Musterbeispiel für diese Ausrichtung. Dennoch hat sein Patriotismus Kalam dazu verleitet, Macaulay massiv tatsachenwidrig darzustellen.

Der Engländer hatte sein Bildungskonzept in einem legendären Memorandum für die englische Kolonialregeierung niedergelegt. Anfang der zweitausender Jahre kursierte in Indien eine Textpassage, die angeblich aus diesem Memorandum stammte, in der Macaulay als ein Kolonialist der übelsten Sorte erscheint, welcher die indigene Kultur und die Selbstachtung der Inder mit allen Mitteln zerstören wolle, um das Land leichter beherrschen und ausbeuten zu können. Die Passage war eine – übrigens leicht zu enttarnende – Fälschung, die offensichtlich aus Kreisen traditioneller Hindus kam, welche Macaulay als die Leitfigur der Unberührbaren diskreditieren sollte. Ein Teil dieser rund einhundertfünfzig Millionen Menschen große Menschengruppe, die in Indien trotz rechtlicher Gleichstellung nach wie vor diskriminiert wird, hatte sich den Briten zum Schutzpatron erwählt, weil er massiv gegen die Einteilung der Menschen in Gruppen verschiedener Wertigkeit vorgegangen war, welche die traditionelle hinduistische Gesellschaftsordnung kennzeichnet. Unter anderem hatte er ein indisches Strafgesetzbuch konzipiert, nach dem alle Straftäter nach den gleichen Regeln zu behandeln waren, was den Verlust von Privilegien der höheren Kasten, insbesondere der Brahmanen zur Folge hatte. Trotzdem zitierte Kalam die genannte Passage in einer Rede, als handele es sich um einen Auszug aus Macaulays Memorandum. Auch wenn man Kalam, zumal als Muslim, nicht ohne weiteres unterstellen kann, dass er damit den Widerstand der traditionellen Hindus gegen die Aufweichung des uralten Kastensystems unterstützen wollte, ist dieser freihändige oder gar strategische Umgang mit den Tatsachen in Indien nach wie vor besonders  weit verbreitet.

Man hat in Kalams verschachtelt-kleinräumigen Familienhaus in Rameswaram ein Museum eingerichtet, in dem seine Taten und Visionen auf vielen Schautafeln präsentiert werden. Sie sind nicht zuletzt voller nationalistischer Sentenzen, die meist so allgemein gehalten sind, wie die Sinnsprüche und Lebensbewältigungsmaximen der mehr oder weniger weisen Gurus, die man zur Genüge kennt, oder wie die Verheißungen, welche nach dem Gebrauch der verschiedenen heiligen Wässer im Tempel von Rameswaram eintreffen sollen, etwa: „Träume, Träume, Träume, setze diese Träume in Gedanken um und handle.“ Kalam war in seiner Aufbruchgestimmtheit davon überzeugt, dass sich Indien schon bald in der Spitzengruppe der Staatengemeinschaft befinden werde. Einstweilen sind diese Verheißungen allerdings noch im Stadium des Traumes. Der aufklärerische Kulturtransfer, den Macaulay anstrebte, hat, wie nicht anders zu erwarten, nur partiell stattgefunden. Er scheiterte weitgehend an der Veränderungsresistenz der Grundlangen der indischen Kultur, zu denen gerade auch die besonders ausgeprägte Vermischung von Tatsachen, Mythen, Vorstellungen und Illusionen gehört. Die indische Realität ist bei allem Fortschritt, der seit der Unabhängigkeit des Landes und insbesondere in den letzten Jahrzehnten eingetreten ist, in vieler Hinsicht noch ähnlich weit von einem aufgeklärten Gesellschaftsverständnis entfernt, wie Adams Bridge von Rama Setu oder die Versprechungen über die Menge der Pommes frites am Tempel von Rameswaram von den gastronomischen Tatsachen .

 

 

 

.

 

 

 

 

 

 

Ankor und Hampi – zwei untergegangene Metropolen des indischen Raumes

Im Süden Vorder- und Hinterindiens befinden sich – genau auf dem gleichen, dem 15. Breitengrad – die gewaltigen Überbleibsel zweier Städte, die zur ihrer Blütezeit um ein Vielfaches größer und prächtiger waren als jede zeitgenössische Stadt in Europa – Ankor im heutigen Kambodscha und Hampi im Norden des indischen Bundesstaates Karnataka. Beide waren während des europäischen Mittelalters die Hauptstädte großer Reiche, beide sind nach einer Zeit der Blüte und enormer Bauaktivität sang- und klanglos untergegangen, waren Jahrhunderte lang mehr oder weniger vergessen und sind erst nach einem langen Dornröschenschlaf wieder in das Bewusstsein der Welt getreten, die sie heute als ihr Kulturerbe schätzt und schützt. Beiden ist auch gemeinsam, dass ihre Blüte ganz wesentlich einem ausgeklügelten System der Wasserbewirtschaftung verdanken. Schließlich gleichen sie sich auch darin, dass von den einstigen Bauten nur das übrig geblieben ist, was mit dauerhaftem Material erstellt wurde, in derHauptsache steinerne Herrschafts- Verteidigungs- und Religionsarchitektur sowie Bauten der Infrastruktur. Insbesondere die gewöhnlichen Zivilbauten und die Aufbauten der Paläste, die weitgehend aus Holz gebaut waren, sind vollständig verschwunden mit der Folge, dass die sichtbaren Reste der beiden Städte ohne rechten Zusammenhang jeweils über ein Gebiet von vielen Quadratkilometern verstreut sind. Legionen von Steinmetzen haben diese steinernen Baulichkeiten über und über mit Gliederungselementen, Ornamenten und Bildnissen verziert. Vermutlich wurde nirgends in der Welt so viel in weichem Sandstein gemeißelt wie in Ankor und nirgends so viel harter Granit bearbeitet wie in Hampi.

Die ältere und berühmtere der beiden Städte ist Ankor, bekannt nicht zuletzt, weil sich hier das größte religiöse Bauwerk der Welt und nach der Villa des Kaisers Hadrian in Tivoli überhaupt der größte Gebäudekomplex befindet, der je für eine einzelne Person erstellt wurde – Ankor Wat. Die Gegend von Ankor am Rande des riesigen Tonle Sap Sees war seit dem 9. Jahrhundert der Mittelpunkt des ursprünglich hinduistisch geprägten Königreichs der Khmer, dessen Herrschaftsbereich sich im Laufe der Zeit fast über den ganzen Süden Hinterindiens ausbreitete. Über die Jahrhunderte wurden hier mehrere Stadtzentren angelegt, die alle beachtliche Spuren hinterlassen haben. Der Reichtum der Region und damit die Macht der Könige basierte auf einem äußerst differenzierten Wassermanagement, das drei Reisernten im Jahr erlaubte. Mit einem vielfach vernetzten System von Becken und Kanälen wurde das Wasser, welches in der Regenzeit reichlich vorhanden war, für die Trockenzeit gespeichert und in einer Art großtechnischer Version der kleinbäuerlichen Reisterrassenkultur unter Ausnutzen des natürlichen Gefälles der Landschaft ohne weiteren Energieaufwand gleichmäßig auf das Land verteilt.

Wasser spielte denn auch in der Kultur der Khmer eine besondere Rolle. Alle wesentlichen Bauten und selbst die ganz Kernstadt waren von großen Wasserbecken umgeben, die entsprechend dem ausgeprägten Sinn der Khmer für geometrische Ordnung, der seinen Grund in der hinduistischen Kosmologie hat, rechteckig angelegt und fein säuberlich gemauert waren. Ankor Thom etwa, die letzte große Stadtgründung, war von einer quadratisch angelegten, zwölf Kilometer langen Stadtmauer umgeben, um die ein rund einhundert Meter breiter Wassergraben lief. Zusätzlich umgab auch noch innerhalb der Mauern ein vierzig Meter breiter Kanal die ganze Stadt. Hinzu kamen weiter außerhalb der verschiedenen Stadtzentren ebenfalls penibel gemauerte rechteckige Wasserspeicher, die bis zu acht Kilometer lang und über zwei Kilometer breit waren. Die Legitimation des jeweiligen Herrschers beruhte weitgehend auf seiner Fähigkeit, das komplizierte und pflegebedürftige System der Wasserversorgung aufrechtzuerhalten. Dieser wiederum stellte diese Fähigkeit als Folge seiner besonderen Beziehung zu den Göttern oder gar seiner Gottgleichheit dar, die auch nach seinem Tod erhalten blieb. Daher ließ er zu seiner und der Unsterblichen Ehren Baulichkeiten von Ausmaßen errichten, welche diesem Anspruch gerecht wurden. Dieselben sind naturgemäß wieder von viel Wasser umgeben.

Das größte Bauwerk dieser Art ist Ankor Wat, das in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts tausende Arbeiter und Künstler in siebendreißigjähriger Arbeit als Mausoleum für den hinduistischen Herrscher Surjavarman II. erstellten, das später aber zu einem buddhistischen Kloster umgewidmet wurde. Alles ist hier von Dimensionen, welche ein Denken in monumentalen Kategorien offenbaren. Der axial-symmetrische, rechteckige Gesamtkomplex nimmt eine Fläche von rund zwei Quadratkilometern ein und ist von einem zweihundert Meter breiten, wiederum rechteckigen Wassergraben umgeben. Rund zweitausend fast lebensgroße vollbusige Tänzerinnen (Apsaras) und kunstvoll aufgemachte weibliche Schutzgottheiten (Devatas) schmücken die Wände der Höfe und Pavillons, ein sechshundert Meter langer übermannshoher Relieffries mit dicht gepackten Szenen aus dem indischen Epos Ramayana läuft um das Hauptgebäude, hunderte von gedrechselten Säulen füllen die Maueröffnungen und es scheint keinen sichtbaren Stein der Baumasse von 350.000 Kubikmetern zu geben, der nicht mit feinsten Ornamenten übersät wäre. Die zahllosen Buddhastatuen freilich, die hier einmal versammelt waren, sind weggeschleppt worden und heute eher in den Wohnzimmern esoterisch angehauchter reicher Sammler aus dem Westen zu finden – allerdings sollen bereits im 13. Jahrhundert bei einer hinduistischen Reaktion gegen die Einführung des Buddhismus rund 10.000 Buddhastatuen zerstört worden sein.

Nicht nur Surjavarman II. hatte ein derart ausgeprägtes Bedürfnis, sich durch Bauen zu verewigen. Die Khmer waren insgesamt unermüdliche Baumeister. Man hat in Ankor allein rund eintausend Heiligtümer ausgemacht. Dazu gehören weit verzweigte Tempel- und Klosteranlagen, die nach spirituellen Grundsätzen gebaut und natürlich wieder von großen rechteckigen Wassergräben umgeben waren. Auch bei diesen ist alles mit feinem Ornament überzogen. Auf Pilastern und Türpfosten findet man allenthalben die Akanthusranke, die wie so manche andere architektonische und künstlerische Form, welche in Indien wirksam wurde, mit Alexander dem Großen von Europa auf den Subkontinent gezogen war, sodass man sich manchmal fragt, ob man es nicht mit einem Gebäude aus der europäischen Antike oder Renaissance zu tun hat; wie überhaupt die Gliederungselemente der Bauteile, etwa der Säulenaufbau mit Fuß, Korpus und Kapitell, oder die Einfassungen der Maueröffnungen mit mehrfach gestaffelten Profilen an die Grundformen erinnern, die in den europäischen Mittelmeerkulturen entwickelt wurden. Auffällig herausgehoben sind im Übrigen die Türstürze, die aus dem Maul von Fabeltieren kommend in geradezu rokokoartiger Manier in eine schwingende vertikale Bewegung versetzt und deren Giebelfelder mit fein ausgearbeiteten figürlichen Szenen aus der tropisch wuchernden indischen Sagenwelt gefüllt sind. Auch für derartigen Giebelschmuck gibt es Parallelen in der antiken Baukunst Europas.

In besonderem Maße von der Bauwut befallen war Jayavarman VII., der um die Wende vom 13. zum 14. Jahrhunderts regierte und den Buddhismus nach Ankor brachte. Er ist der Erbauer der Riesenstadt Ankor Thom, in welcher er nach einem spirituell ausgeklügelten Konzept Zeremonial- und Herrschaftsbauten von imperialer Großartigkeit errichten ließ. Seinem monumentalen Selbstverständnis entsprechend dekorierte er dieselben unter anderem mit Elefanten – vor seinem Palast etwa ließ er eine über dreihundert Meter lange Terrasse erstellen, an deren Wand eine lange Prozession der Dickhäuter lebensgroß in Stein gemeißelt ist. Vermutlich sah er sich auch gerne in der Pose des Khmerlöwen, der auf vielen seiner Bauwerke zähnefletschend in straffer Hab-Acht Stellung postiert ist. Zu seiner Zeit brachte man an Gebäuden auch die mehrere Meter hohen, kontemplativ-mitfühlenden Gesichter des buddhistischen Heiligen Lokeshvara an, welche fast so sehr zum Markenzeichen von Ankor geworden sind, wie die charakteristische Silhouette von Ankor Wat. Sie blicken zu dutzenden vor allem von den vielen Türmen der Tempelpyramide Bayon herunter, dem komplexesten und aufwendigsten Bau, den dieser Herrscher erstellen ließ. Man rätselt noch immer, ob diese introspektiven Gesichter, die sich in noch deutlich größeren Dimensionen auch über den mächtigen Eingangstoren in den Stadtmauern von Ankor Thom finden, die Züge Jayavarmans VII. tragen.

Vom Leben in der Metropole, die mit möglicherweise bis zu einer Million Menschen die größte Stadt der damaligen Welt gewesen wäre, wissen wir mangels einer ausgeprägten Schriftkultur nicht viel. Abgesehen von Inschriften auf Gebäuden und Stelen, in denen die Taten der Herrscher und Daten der Bautätigkeit dokumentiert sind, gibt es an schriftlichen Quellen nur die Berichte chinesischer Reisender, Händler und Diplomaten. Darin ist unter anderem von großen Paraden, Aufmärschen, Pferderennen und Büffelkämpfen auf dem weitläufigen Platz im Zentrum von Ankor Thom die Rede, welche der Herrscher und sein Gefolge von den großen Terrassen vor dem Königspalast verfolgten. Auf wunderbar ausgearbeiteten Basreliefs des Bayon sind dazu auf äußerst redselige Weise alle möglichen Szenen aus dem bunten Leben der Khmer dargestellt, die zeigen, dass sich in Kambodscha bis heute Vieles nicht geändert hat.

Nach dem Tode Jayavarmans VII., unter dem das Reich von Ankor seine größte Ausdehnung hatte, ging es mit der Herrlichkeit der Khmer bergab. Über die Gründe dafür weiß man angesichts der fehlenden Schriftkultur wenig. Man vermutet, dass der hyperaktive Herrscher durch seine zahlreichen Kriege und eine überbordende Bautätigkeit die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes überstrapaziert habe. Auch habe er durch den Religionswechsel die religiöse Stabilität erschüttert – Tatsache ist, wie erwähnt, dass die Hindus, insbesondere die Brahmanen, gegen den gleichmacherischen Buddhismus, der ihnen ihre Sonderstellung raubte, revoltierten, und dass innerhalb desselben der Thervada-Buddhismus von der passiveren Strömung des Mahajana abgelöst wurde. Ein weiterer möglicher Grund für den Abstieg Ankors könnte sein, dass man das komplizierte Bewässerungssystem nicht aufrechterhalten konnte. Im Übrigen verlor die Stadt wohl auch durch die zunehmende Verlagerung des Handels nach Phnom Phen an Bedeutung. Die Schwäche der folgenden Könige nutzten die Nachbarvölker, insbesondere die Thais und die Vietnamesen, um sich verlorene Gebiete zurückzuholen und in das Territorium der Khmer einzudringen, was den Untergang Ankors beschleunigte.

Im Laufe der Zeit wurde die Stadt von der Bevölkerung verlassen und die Natur holte sich zurück, was ihr die Kultur zeitweilig abgetrotzt hatte. Relativ gut überlebt hat nur Ankor Wat, da es weiterhin als Kloster genutzt wurde. Die Stadt aber verfiel. Als im 19. Jahrhundert europäische Reisende und französische Landvermesser, welche „ihre“ neuen Protektoratsgebiete explorierten, Ankor aufsuchten, stießen sie auf ein surreales Szenarium. Im tropischen Dschungel, der die einstmals blühende Stadt inzwischen überwuchert hatte, entdeckten sie überall mehr oder weniger zerstörte Bauten. Da die Khmer zwar eifrige Bauherren aber keine besonders guten Bauingenieure waren, waren die Fundamente vieler Gebäude vom tropischen Regen unterspült worden mit der Folge, dass die Mauern, deren Steine merkwürdigerweise nicht miteinander verzahnt wurden, ins Wanken gerieten, und die (Krag)Gewölbe der Räumlichkeiten, die mangels echter Gewölbetechnik aus versetzt übereinander geschobenen Steinplatten gebildet wurden, weitgehend zusammen gebrochen waren. Außerdem hatten sich gewaltige Bäume auf die Baulichkeiten gesetzt und diese teils erdrückt, teils aber auf abenteuerliche Weise auch stabilisiert. Wie riesige Schlangen zogen sich ihre Wurzeln durch die Fenster- und Türöffnungen der Pavillons oder wuchsen in abenteuerlichen Kaskaden von den Dächern und Mauerkronen in den Erdboden hinab. Ein Phantasy-Designer hätte die Szenerie nicht bizarrer gestalten können.

Inzwischen ist Ankor aus seinem Jahrhundertschlaf wieder erwacht. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts haben französische Forscher und Zeichner seine Reste aufgenommen und dokumentiert. Unterbrochen durch die politischen Turbulenzen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts hat man die Gebäude weitgehend freigelegt und damit begonnen, das wieder aufzurichten, was noch einigermaßen vollständig ist. Ankor ist zu einer der größten Attraktionen der Welt für Touristen aus aller Herren Länder geworden und unter modernen Vorzeichen erneut mit Leben gefüllt samt all den Vorteilen aber auch Auswüchsen, welche der Zustrom sensationslüsterner Menschenmassen mit sich zu bringen pflegt.

Während Ankor in der Zeit seines Dornröschenschlafes wegen Ankor Wat, das europäische Reisende sporadisch besuchten und voller Staunen beschrieben, nie ganz aus dem Blickfeld der westlichen Welt geraten ist, hatte man von Hampi lange Zeit so gut wie keine Vorstellung. Die Ruinen der Stadt wurden zwar zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Rahmen der systematischen Exploration und Evaluierung des Landes durch die neuen englischen Eigentümer „entdeckt“ und wurden danach auch von einigen Historikern und Archäologen beschrieben. Nicht zuletzt wegen ihrer Abgelegenheit gerieten sie aber nie richtig in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts schenkte man den erstaunlichen Hinterlassenschaften größere Aufmerksamkeit. Seitdem ist auch Hampi das Ziel von Besuchern aus aller Welt. Allerdings geht es hier im Vergleich zu Ankor (noch) ziemlich beschaulich zu.

Der Aufstieg Hampis begann, als die Blütezeit Ankors sich dem Ende zuneigte. Der Ort hieß ursprünglich Vijayanagar und war die Hauptstadt des gleichnamigen Reiches, das sich im 14. Jahrhundert als Reaktion auf die Versuche der muslimischen Herrscher Nordindiens bildete, die Hindureiche zu unterwerfen, welche sich im Süden des Subkontinentes noch der stürmischen islamischen Expansion entgegenstellten. Als Gründungsdatum gilt das Jahr 1346, als in der Region eine neue Königsdynastie an die Macht kam, welche die Stadt Vijayanagar gründete. Die äußeren Bedingungen waren für eine Stadt nicht eben optimal. Anders als Ankor liegt Hampi in einer schwer zugänglichen, ausgesprochen arriden und heißen Gegend. Die Wasserversorgung der Stadt und der Landwirtschaft, die in ihrer Umgebung betrieben wurde, basiert gänzlich auf dem Fluß Tungabhadra, dessen Wasserstand im Laufe des Jahres erheblichen Schwankungen unterliegt. Daher war ein sorgfältiger Umgang mit dem kostbaren Nass geboten, der große Speicherkapazitäten und ein differenziertes Verteilungssystem erforderte. Die Stadtgründung war dennoch erfolgreich. Tatkräftige Könige dehnten den Herrschaftsbereich des Reiches im Laufe der Zeit über den ganzen Süden des indischen Subkontinentes aus. Selbst Sri Lanka war zeitweilig tributpflichtig. Das Reich war (welt)handelspolitisch bestens positioniert. Mit Hafenstädten an beiden Küsten des Subkontinentes kontrollierte Vijayanagar große Teile des lukrativen Seehandels mit dem fernen Osten und mit den Arabern und schließlich den ersten Europäern im Westen. Dadurch profitierte das Reich von der starken europäischen Nachfrage nach Gütern aus Asien wie Porzellan, Baumwolle, Seide und Gewürzen. Nicht zuletzt daraus resultierte der große Reichtum des Landes, der sich in den Resten seiner Hauptstadt spiegelt.

Das Ende der Stadt, die einmal mehrere hunderttausend Bewohner gehabt haben dürfte, kam anders als im Falle von Ankor plötzlich und früh. Im Jahre 1564, gerade einmal etwas mehr als zwei Jahrhunderte nach ihrer Gründung, vereinigten einige Sultanate, welche die Könige von Vijayanagar bis dato geschickt gegeneinander auszuspielen gewusst hatten, ihre Truppen, um den widerspenstigen und dazu reichen Hindustaat, der ihre permanenten Attacken bis dato erfolgreich abwehren konnte, endlich und endgültig zu beseitigen. In der Entscheidungsschlacht von Talikota wurde Vijayanagar vernichtend geschlagen und sein König getötet. Das Reich konnte sich danach zwar mit einer neuen Hauptstadt, wenn auch wesentlich geschwächt und verkleinert, noch etwa einhundert Jahre halten. Für die Stadt Vijayanagar aber war die Niederlage im wahrsten Sinne des Wortes vernichtend. Sie wurde Monate lang geplündert und offensichtlich systematisch in der Absicht zerstört, sie auf Dauer unbewohnbar zu machen. Die Soldaten der Sultane haben dabei ganze Arbeit geleistet. Sie legten alles nieder, was nicht fest verankert war und hinterließen die Stadt im Wesentlichen in dem ruinösen Zustand, in dem sie sich heute befindet. Insbesondere von der Herrschaftsarchitektur sind nur noch Grundmauern und Podeste von Empfangshallen übrig geblieben. Die Tempel sind, möglicherweise auf Grund ihrer massiven Bauweise, von dem Zerstörungswerk teilweise verschont geblieben, sodass hier noch viele feine Steinmetzarbeiten zu sehen sind, vor allem schöne Exemplare der überreich mit Fabeltieren geschmückten „Hundert-Pfeiler-Hallen“, welche typisch für die südindischen Tempel sind. Allerdings wurden auch hier die Idole und Figuren weitgehend beseitigt oder massakriert. Leben blieb, ähnlich wie in Ankor, im großen Haupttempel erhalten, der bis heute ein Anziehungspunkt für die Gläubigen aus der ganzen Region ist.

Das wahrhaft Besondere an Hampi ist die Art, wie die Stadt in die karge Berglandschaft gebettet wurde. Diese Landschaft ist so außergewöhnlich und stadtfeindlich, dass man meinen könnte, bei den Erbauern dieses Gemeinwesens habe es sich um Exzentriker gehandelt. Die Gegend ist gekennzeichnet durch gänzlich merkwürdige Felsformationen. Allenthalben liegen riesige von Wind und Wetter blank gewaschene Granitbrocken umher – teils als Solitäre, von denen man nicht weiß, wie sie entstanden und an ihren Ort gekommen sein könnten, teils als Bauklötze, die auf abenteuerliche Weise wie von Gigantenhand aufeinander gestapelt sind. Dazu ist die Stadt durch hohe Berge aus gewürfeltem Granit zerteilt. Die Architektur hat sich mit dieser seltsam gestylten Natur in einer Weise verbunden, die nicht weniger surreal ist als die Symbiose, welche die Vegetation mit der Baukunst in Ankor eingegangen ist. Die Stadt und ihre Baulichkeiten sind in das steinerne Gewirr und das extreme Landschaftsrelief geradezu hineingeflochten. So sind zierliche durchsichtige Pfeilerkonstruktionen in aphoristischer Zuspitzung an einen massiven Felsenball gelehnt, ganze Felsplateaus mit Pfeilerhallen überzogen und ausgedehnte Tempelanlagen in enge Täler gezwängt. Viele Artefakte wurden in einem Stück direkt aus dem gewachsenen Fels oder einem großen Findling gehauen – hier ein mehrere Meter großer dickbäuchiger Ganesha, der elefantenköpfige Sohn Shivas, dort ein tonnenschwerer Nandi Bull, Shivas Reittier, und wieder woanders eine sieben Meter hohe monsterartige Erscheinungsform Vishnus, jeweils überdacht von einem Pavillon, dessen steinernes Dach von monolithischen Granitpfeilern gestützt wird. Im Hof des prächtigen Vitthala Tempels hat man, was in Indien einmalig ist, einen der monumentalen Tempelwagen, die normalerweise aus Holz gefertigt und überreich mit Schnitzereien geschmückt sind, mit allem Drum und Dran in Stein gehauen.

Die Wahl der ungewöhnlichen Lokalität verdankt sich einer Mischung von religiösen und strategischen Faktoren. Die Inder neigen von alters dazu, besondere Bildungen der Natur dem Wirken spiritueller Kräfte zuzuschreiben. Deswegen sind ihre Heiligtümer bevorzugt an Stellen platziert, an denen die Natur exzeptionelle Phänomene geschaffen hat. Dies können Hervorbringungen der lebendigen Natur sein, etwa das labyrinthische Gewirr eines großen Banyanbaumkomplexes, oder solche der toten Natur, wie bestimmte Formen des Wassers – oder eben besondere Felsformationen. Vor allem Felswände haben die indische religiöse Phantasie angeregt, weswegen man in dieselben gerne Höhlentempel gemeißelt hat – nicht sonderlich weit von Hampi, in Badami, liegt in spektakulärer Landschaft solch’ eine grandiose Anlage. Die außergewöhnliche Landschaft von Hampi nun bot unzählige Möglichkeiten für solche Platzierungen. Und so ist die Gegend übersäht von Tempelchen und Schreinen, die an den unmöglichsten Orten angebracht sind – auf schwer zugänglichen Felsterrassen etwa, abenteuerlichen Bergspitzen oder in engen Felsspalten.

Die wuchernde mythologische Phantasie der Inder hat an diesen Ort auch noch den Beginn des Entführungsdramas gelegt, welches einen wesentlichen Teil des Epos Ramayana ausmacht und insoweit so erstaunlich an die europäische Ilias erinnert. Sita, die Ehegattin des Helden Rama, soll sich hier in einer Höhle, die als der Sitz des Affenkönigs Surgiva gilt, aufgehalten haben, als sie von dem zehnköpfigen Drachen Ravana nach Sri Lanka entführt wurde, von wo sie Rama mit Hilfe des Affengenerals Hanuman und seiner tierischen Soldaten, die eine Brücke aus schwimmenden Steinen zu der Insel bauten, nach heroischem Kampf wieder zurückgeholt hat. In einer Felsenhöhle wird eine Gesteinsformation gezeigt, die man als einen Abdruck des Saris imaginiert, den Sita bei der Entführungsaktion verloren habe. Figuren und Szenen aus dieser melodramatischen Geschichte sind denn auch in Hampi überall in Stein gemeißelt zu finden. Der Ort ist im Übrigen noch heute ein Reich der Affen. Eine freundliche Makakenart, die keine Scheu vor Menschen hat, turnt auf putzige Weise überall in den Ruinen und in den Siedlungen der Menschen herum.

Die Erbauer der Stadt wussten aber auch die strategischen Möglichkeiten der ungewöhnlichen Landschaftsbildung von Hampi zu schätzen. Das zerklüftete und schwer zugängliche Terrain erschwerte einem Gegner den Angriff auf die Stadt. Die schroffen Felsformationen baute man in das komplexe System der penibel gefugten zyklopischer Mauern ein, mit welchen man die Stadt auf einer Seite abriegelte, während die andere Seite vom Fluss Tungabhadra geschützt wurde, der im Übrigen ebenfalls heilig ist.

Vom Leben in Vijayanagar weiß man, ähnlich wie in Falle von Ankor, vor allen aus den Berichten von Reisenden und Geschäftsleuten, die aus China, Arabien und gegen Ende auch aus Europa kamen. Sie zeichnen das Bild einer außerordentlich geschäftigen Handelsstadt, deren Basare von Menschen und Ochsenkarren verstopft waren. Fasziniert war man nicht zuletzt von der Größe des Ortes. Ein portugiesischer Pferdehändler berichtete, er habe die Metropole, die mindestens so groß wie Rom sei, selbst von einem hohen Berg aus nicht überblicken können. In den Niederungen, so vermerkte er außerdem, seien überall wohl bestellte Felder und Obsthaine zu sehen.

Der Portugiese hielt sich nicht ohne guten Grund in Vijayanagar auf. Pferde waren einer der wichtigsten Importartikel des Reiches, dessen militärische Stärke weitgehend auf seiner Reiterei beruhte. Man bezog sie in großen Mengen vor allem von Arabien, das die Geheimnisse der Pferdezucht angelegentlich für sich behielt. Das Geschäftsfeld war äußerst lukrativ, denn ein Großteil der Tiere wurde in Indien alsbald ein Opfer der ungewohnten Lebensbedingungen, weswegen dieselben ständig durch neue Lieferungen ersetzt werden mussten. Vijayanagar konnte sich einen derartigen Verschleiß offenbar leisten. Über seinen Reichtum wird Märchenhaftes erzählt, vor allem dass es dort große Mengen an Gold und edlen Steinen gebe, mit denen man Handel treibe. Man zeigt heute eine prachtvoll behauene steinerne Konstruktion, die als Waage des Königs bezeichnet wird, an welcher der Herrscher an Festtagen in Gold und Edelsteinen aufgewogen worden sein soll, mit denen dann öffentliche und soziale Projekte finanziert wurden. Welche Dimensionen insoweit kursierten, kann man der Überlieferung entnehmen, wonach der Bruder des letzten Königs die Stadt nach der Schlacht von Talikota mit Schätzen verlassen habe, die auf dem Rücken von 1500 Elefanten abtransportiert worden seien. Diese Geschichte dürfte zwar „ein wenig“ von der Megalomanie geprägt sein, zu denen indische Berichte über historische Ereignisse tendieren. Als eine Hauptsehenswürdigkeit Hampis werden nämlich – im Übrigen sehr gut erhaltene – Elefantenställe gezeigt, in denen allenfalls ein paar Dutzend dieser Tiere Platz gehabt haben. Die Erzählung macht jedoch deutlich, in welchem Ruf die Stadt stand und dürfte den Drang der goldgierigen Europäer nach dem Wunderland Indien beflügelt haben. Diese haben denn auch bald die politische Instabilität, die nach dem Fall von Vijayanagar entstanden war, genutzt und haben das Erbe des zerschlagenen Reiches angetreten.

In welchem Umfang in Vijayanagar Handel getrieben worden sein muss, zeigen die großen Basare, welche nach Art von Prachtstrassen auf die vier Haupttempelanlagen zulaufen. Auf diesen bis zu einem Kilometer langen sehr breiten Alleen, welche von laubenartigen Bauten aus aberhunderten von monolithischen Granitpfeilern und Deckenplatten gesäumt sind, fand im merkwürdiger Koexistenz mit dem Tempel der rege Handel statt, von dem in den Reiseberichten die Rede ist. Die Granitteile, die, schnurgerade ausgerichtet, noch weitgehend aufrecht stehen, erinnern an die Säulenstrassen, die man aus Städten der europäischen Antike kennt.

Monolithische Granitteile aus den Felsen zu schlagen und zu bearbeiten, muss eine Hauptbeschäftigung der Bewohner von Vijayanagar gewesen sein. Anders als in Ankor, wo man den Sandstein über vierzig Kilometer erst herantransportierten musste, war das Material im Überfluss vor Ort. Aufrecht, in prekärer Schräglage oder am Boden liegend sind die Bauteile heute in eigentümlich pittoresker Weise über das ganze ehemalige Stadtgebiet verstreut, weswegen man im Zusammenhang mit Hampi auch von „Poesie in Granit“ spricht. Es ist eine Poesie, deren Sprache von roher Zweckmäßigkeit bis zu feinster Elaboriertheit reicht. Zusammen mit der wilden und kargen Landschaft trägt sie zu jenem Gefühl der Weltentrückung bei, das den Besucher dieser Ruinenstadt unweigerlich ergreift.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Madras 1970 – Rechte Strassenseite

Sie wollen die Wahrheit und nichts als die Wahrheit? Bitte!

Objekt: ein Stück Hauptstrasse, 600 Meter lang, rechte Straßenseite, Bürgersteig, gepflastert, drei Meter breit.

Ort und Zeit: Madras 1970, vom Law College in Richtung Hafen.

Vor die Klammer kommt noch: Entlang des gesamtem Straßenstücks Bushaltestellen, Endstationen, 20, 30 Busse ruhen, kommen, gehen, alle rot, ohne Glasscheiben an den Seiten, eine Reihe Unterstände für die Wartenden.

Im Einzelnen:

Vor dem Law College, weiße Hemden, gut gebügelt, teils promenierend, teils zusammengeschart, einer, auf einem Sims stehend, spricht heftig auf eine Gruppe hinunter, schlägt rhythmisch mit dem Arm, Prostest der Offiziellen dagegen, dass eine private Studentengruppierung in irgendeiner Sache Abgesandte zum Justizminister geschickt hat, Kompetenzfragen, ein Lieblingsspiel hierzulande, Massengebrüll, Solo, Chor, Vorbeten, Nachbeten.

Rechts neben dem Tor ein Hinduheiligtum, gelb orange gesteift, schmal, hoch, Satteldach, wie das Wachhäuschen einer Schildwache, kleiner Tempelmast, an dem eine Sammelbüchse hängt, drinnen ein Phallus, Sivas Symbol, reichlich abgenutzt, ein kleiner Nandi, Sivas Stier, Gitter davor, mit Vorhängeschloss verriegelt.

Links neben dem Collegetor, Person tritt auf die Wartenden zu, streckt einen weit vorspringenden Oberkiefer entgegen, alles Nase, verschwindend darunter so etwas wie ein Mund mit ein paar ungeordneten Zähnen, Schneidezähne des Unterkiefers stoßen auf die oberen Backen- und Weisheitszähne, hält die Hand auf, stößt unartikulierte Laute aus, der Blick der Wartenden geht zum Boden, handballgroße Fußgelenke dort, eines mit schmutzigen Binden umwickelt, die wenigsten können nichts geben.

Fünf Meter ausgewaschener Sari auf einem Geländer ausgebreitet, zum Trocknen.

Alte Frau am Boden, vielfaltige Haut, fast Schuppen, schlaffe Brust, hängt an der Seite aus dem Sari, nur noch Haut, verkauft frische Blumen, flicht gelbe, blaue, rote und weißen duftenden Jasmin zusammen, wartende Frauen kaufen die Gebinde, abends tragen sie sie in den Haaren oder opfern sie den Göttern.

Schuhmacher am Boden (das gehört noch vor die Klammer: fast alle Aktivitäten spielen sich am Boden ab): ein kleiner Holzkasten, fünf Bürsten, verschiedenfarbig, hängen am Rand, drinnen Ledermesser, Ale, Fäden, Schuhteile und weitere Utensilien.

Wahrsager, am Boden versteht sich, Typ Handleser, wissenschaftliches Gehabe, hinter ihm ein großes Plakat, Riesenhand mit allerhand Funktionslinien, vor ihm ein mächtiges Vergrößerungsglas und dicke Bücher, in denen er bei schwierigen Fragen nachschlägt.

Stand für Mottenkugeln, junge Frau.

Baum, dahinter drei Backsteine im Carré, Feuerreste qualmen, Gefäße, Töpfe.

Große flache Steinplatte, Steinrolle, an beiden Seiten konisch verjüngt, Frau walzt damit auf der Platte Reis zu Brei, vor – zurück, vor – zurück.

Drei Männer und eine Frau auf dem Boden schlafend, eingehüllt in schmutzige Tücher, darauf hundert Fliegen.

Mann im Yogasitz, Turban auf dem Kopf, Gesicht zum Himmel gestreckt, Augen geschlossen, murmelt immer wieder die gleiche Formel, hält eine Pappschachtel nach vorne, eine kleine Braune, zerzaustes langes Haar, nackter Oberkörper, bunter Maxirock auf dem Hüften, spuckt in der Karton, was der nicht sieht, weil er seine Augen geschlossen hat, sie lacht schelmisch über ein bildhübsches Gesicht mit großen Augen – Liane aus der Vorstadt.

Tongefäße am Boden und auf dem Mauersims, große kugelige für die Großfamilie, einfache Ornamente rundherum, Bandkeramik, ein paar Messinggefäße, vier Frauen, dazwischen Kleinkinder, schälen, schneiden, walzen, füllen die Tonkugeln mit allerlei Pflanzengeschnitt, setzen sie auf einem Dreifuß, Feuer darunter, Windschutz drum, da schmort es dann.

Siebenjähriger mit langer Stola voller Sicherheitsnadeln, andere mit Blechbüchsen voller Süßigkeiten, versuchen sie an die Wartenden loszuschlagen.

Erdnusswagen Nr. 1 (vor die Klammer aller Erdnusswagen: vier Fahrradräder, hartgummibereift, Brett darüber, darauf zwei große Haufen, ungebackene Erdnüsse der eine, ungebackene Cashewnüsse der andere, je ein kleiner Haufen gebackene Nüsse, abgepackte Nüsse in Zeitungstütchen, mit Chili, Petroleumlampe, Petroleumkocher, Windschutz darum, Blechschale darauf, darin Sand und Nüsse, Verkäufer scharrt mit Eisenlöffel hindurch, eine Balkenwaage, Verkäufer steht da wie die Gerechtigkeit und wiegt die Nüsse.)

Zwei räudige Enten halten Mittagsruhe, Köpfchen in die Federn, Schwänzchen zerzaust, beide.

Mutti, ein Kleinkind auf der Hüfte, eins auf der Schulter, braune Hintern.

Gefäße auf dem Sims, Frauen beim Kochen, exzessiver Nasenschmuck, auf beiden Nasenflügeln funkelts vielkristallig, Armreife, Beinreife, nur keine Nasenreife, eine jagt einen Hund davon, der mitessen will, der trollt sich.

Reiswalkende Frau.

Raben hüpfen zwischen den Köchinnen und klauen was abfällt.

Schlafende Babys, mit Tüchern zugedeckt, ein unbedecktes, viele Fliegen drauf.

150 Meter sind zurückgelegt.

Von hinten berührt jemand die Schulter, völlig zerfressenes Gesicht, Sir! Sir!, ein paar scheckige Armstümpfe gehen hoch, die Frau dringt, Sir! Sir!

Am Boden schlafen Frauen, bis über den Kopf zugedeckt, ein halbes Bein schaut heraus.

Dazwischen an der Wand ein alter Mann, ein paar Fetzen am Oberkörper, sonst nackt, die Beine angezogen, von Fliegen übersäht, den Stuhl hält er nicht mehr, ein Schwarm Fliegen zwischen den Beinen um den Kot.

Bitte, bitte, das ist sie, die Wahrheit.

Gefäße, junger Hund im Schoß einer Frau, Dreifuß, Körbe.

Erdnusswagen Nr. 2 – nichts weiter in der Klammer

Fahrkartenhäuschen mit Verkäufer

Wägelchen, groß genug für ein Kleinkind, liegt ein ausgemergelter Erwachsener drin, Blechnapf davor.

Kinder spielen, eine vierjährige, halbnackt, arrangiert sechs säuberlich mit Sand gefüllte Kronkorken auf einem Bananenpalmblatt, in jedem steckt ein abgebranntes Streichholz, dazwischen halbverwelkte Jasminblüten, trägt alles vorsichtig davon und serviert’s mit Grazie den Spielgenossen, die im Kreis sitzen, lauter kleine, staubige Schokoladenkinder, die nehmen die Gabe artig, jeder eine, ruhig, erzogen, keiner fällt aus der Rolle, Cocktail im Straßengraben.

Zwei junge Mütter, die ein säugt ihr Kind, das andere liegt am Boden, riesiger Wasserkopf, kann den Kopf aus eigener Kraft nicht heben, die Mütter vielleicht fünfzehn Jahre alt, glatte Kindergesichter.

Mann mit verkümmerten Beinen sitzt auf Holzbrett, darunter vier kleine Räder, ein Bus kommt, der Mann stößt sich mit zwei Holzklötzen vom Boden ab, rollt mit rasselnder Geschwindigkeit zum Bus, schneller als die kleinen Süßigkeitenverkäufer laufen können.

An der Wand ist einer aufgebahrt, von einem Tuch bedeckt bis auf das Gesicht, Münzen auf den Augen, brauner getrockneter Schaum im halboffenen Mund, Passanten werfen Münzen auf das Tuch, man sammelt für seine Bestattung.

Blumenflechterinnen, fünf Frauen, flechten lange Blumenzöpfe, Blüten liegen herum, riecht gut, dazwischen schlafen welche, in schmutzigen Tüchern.

Zwei Plakate an der Wand, wissenschaftliche Aufgliederung der Handfläche und ihrer Linien, daneben Empfehlungen ehemaliger Kunden, ein Berg von Dankesbriefen in Zellophanhüllen, Bilder des Handlesers, Typ freundlicher Onkel, mit Politkern und Filmstars.

Buchstabenverkaufstand, lateinische Plastikkteile, weiße, bunte, verschiedene Größen, alles durcheinander, ein Probeschild ist zusammengestellt „Do not spit here“.

Braunrote Zuckerrohrstangen werden durch zwei Walzen geschoben, der ausgepresste Saft verkauft.

Drei Quadratmeter Bücher ausgebreitet, alles gebraucht, Magazine, Sachhefte „Wie lerne ich mich auszudrücken“, Institutiones Imperatoris Justiniani, Ramayana, Grimms Märchen und Gay Stories.

Erdnusswagen Nr. 3

Wahrsager, Typ Kartenleser, Version A, ernstes Gesicht, kleiner Käfig mit zwei Abteilen, in jedem ein kleiner Papageienvogel, grün mit rotem Schnabel, Flügel und Schwanz gestutzt, der Kunde wählt ein Tier, dieses, das Schicksal, schwankt aus dem Käfig zu einem Stoß von Karten, packt einige mit dem Schnabel, wirf sie beiseite, nimmt schließlich eine und trägt sie zum Meister, der zieht sie aus dem Etui, liest sie betonungslos vor, ohne Pause, wie eine Litanei, kostet umgerechnet 20 Pfennig.

Großes Tor, Eingang zu den Gerichten, Prachtgebäude, Anwälte strömen hindurch, wehende Roben, schwarze Jacken, einer streckt einen mächtigen Bauch heraus, Lederschwarten mit Präzedenzien im Arm, beiderseits Obststände, im Ganzen fünf, Erfrischungen für Gerichtsbesucher, ein buntes Bild, rote Äpfel, gelbe Orangen, grüne Mandarinen, Granatäpfel, einige geöffnet, purpurne Perlen fallen heraus, Anwalt kauft Mandarinen, geschält sagt er, Verkäufer schält, er kaut sie.

Wahrsager für Gerichtsbesucher, Typ Handleser, introvertiert-mystisch, finsterer Blick, dichter Haarwuchs bis tief in die Stirn, schwarze Jacke wie die Anwälte, Bilder auf dem Sims, mit Richtern, mit Anwälten, junger Mann, zahlt eine Rupie, streckt die Hand aus, wird kurz mit dem Vergrößerungsglas betrachtet, schon weiß der Handleser Bescheid, spricht beschwörend, wie abwesend, ohne Pause, vergewissert sich gelegentlich mit dem Vergrößerungsglas, starrt sonst an dem jungen Mann vorbei, dieser ernst, gefasst, bedrückt, blickt unverwandt in die starren Augen des Schicksalsboten, die Hand sinkt langsam, keine Fragen, der junge Mann geht nachdenklich davon, in sich versunken, der nächste nimmt Platz, zahlt demütig eine Rupie.

Erdnusswagen Nr. 4, dahinter ein Achtjähriger, fein gestriegelte Haare, große Tolle.

Einer feilt an Hörnern von Wasserbüffeln, macht daraus Wasservögel, Reiher, Störche, Flamingos, schlank und rank, lange Beine, lange Hälse, hochglanzpolierte Eleganz aus den wohl unelegantesten Viechern, welche Indien zu bieten hat.

Verwachsener Baum, Tempelchen zwischen den Ästen, pastellbunte Götterbilder am Baumstamm, sitzen in Lotosblüten, glückliche Elefanten mit rosa Haut im Hintergrund, vorne ein kleiner Mast, Steinmaus, Phallus, innen ein steinerner Gott, schwarz, gedrungen, üppig, gelbe Blumengirlanden verdecken ihn fast, dahinter staubige Flaschen und Gerümpel des Tempelverwesers.

Größeres Tempelgemäuer, 1.50 Meter hoch, darin verkauft einer Fotos, vor ihm eine ganze Wand davon, Prominente, Götter, Vergötterte, Filmstars, Politiker, Ghandi, Nehru, der ehemalige Chiefminister.

Fahrkartenhäuschen

Lotterieverkaufstand

Frau mit Korb voller Tomaten

Bücherlage – stand kann man nicht sagen, alte Ausgaben der Times, „Edward Kennedy vor der Ermordung“.

Sir! Sir!, mongolides Gesicht, leprazerfressene Hände, runter bis zum Mittelhandknochen.

Halskettenverkäufer, ein ganzer Arm voll Glasperlen- Nuß-, Muschel- Kerneketten.

Junge Kokosnüsse, grün und weich, Kuppe wird mit Buschmesser abgeschlagen, Strohhalm rein, Kokosmilchkocktail.

Erdnusswagen Nr. 5

Wahrsager Typ Kartenleser, Variation von Version A, Käfig mit Papagei und weißer Ratte, Auswahl beim Kunden.

Götterbilder, geflügelter Löwe mit Menschengesicht.

Gesundheitskräuter, eine Reihe gebündelter Kräuter, getrocknet, diverse Gefäße, Marmeladen- und Kaffeegläser, mit Kräutern, Kernen, Heilsäften, großer Topf mit brauner Soße, Verkäufer Typ Sadhu, langes verfilztes Haar, nackter Oberkörper, weißer Lungi, dicke Kreidebalken, für Siva, auf Stirn und Schultern, großartige Gebärden, hantiert bedeutungsschwer mit großen Eisenringen, legt sie so und anders, spricht unablässig, ergreift eine schwere eiserne Ratsche, knattert laut, legt die Ringe wieder anders.

Filmplakate, acht Meter hohe Figur, bunt, Tamilbuchstaben, züchtig umschlungene Paare.

Erdnusswagen Nr. 6
Erdnusswagen Nr. 7

Mauer, dahinter große Bronzestatue, barock, europäische Herrscherfigur im Hermelin, Bulle in der Rechten.

Götterbilder

Wasserpumpe

Baum

Wahrsager, Typ Handleser, Frau mit tiefer trockener Stimme, feinrandige Brille, runde Gläser, graues Haar, flüchtig glatt nach hinten gekämmt, ein paar dicke Bücher, in die sie die Nase tief hineinsteckt.

Verkäufer von Vergrößerungsgläsern, für den Handlesernachwuchs.

Sechsjähriger Junge, nacktes Baby mit laufender Nase auf dem Arm, schläft, Kopf baumelt auf der Schulter des Jungen, der zieht mit Blechnapf von Bus zu Bus.

Ebenso ein zwölfjähriger mit Gipsverband am Unterarm, kann die Augen so weit verdrehen, dass man nur noch das Weiße sieht.

Apothekerwaage, „Prüfen Sie Ihr Gewicht“.

Blumenstand, siebenjähriger Verkäufer.

Wahrsager, Typ Kartenleser, Version B, automatisiert, oben tanzt eine Puppe Hula-Hupp, gelegentlich hupt es laut, wer zehn Paisa in einen Schlitz wirft bekommt eine Karte mit dem Schicksal ausgeworfen, etwa wie eine Bahnsteigkarte, ist getrost schwarz auf weiß nach Hause zu tragen.

Baum, Schumacher auf dem Wurzeln, sein Gerät über den kleinen Hügel verstreut, Lederteile, Messer, Sohlen, fertige, halbfertige Schuhe, Bürsten.

In schmutzige Tücher verhüllte Figur liegt am Boden, lepraverstümmelte Hände und Füße schauen heraus, offene Wunden, geschwollen, bewegen sich rhythmisch wie unwillkürlich, das Tuch zuckt, zwei Jungen ziehen daran, lachen, springt die Figur unter ihrem Tuch hervor, junger Mann mit gut gebautem Körper, jagt die Jungen davon, droht ihnen, legt sich wieder hin, breitet das Tuch über sich und wackelt rhythmisch.

Zweiter Eingang zu den Gerichten, Obststände darum, Handleser, Lotterieverkäufer, das große Glück.

Kartenleser, Version C, Dorftechnologie, zwei Stäbe im Boden, einer quer darüber, daran Papierfetzen aufgereiht mit dem Schicksal, man zieht es für ein paar Paisa.

400 Meter sind zurückgelegt, keine Aussicht auf Neues, wir brechen ab, der Wahrheit wird damit kein Abbruch getan.

Hinter die Klammer was wir ausgelassen haben: alles Flüchtige, nicht Dauernde – die Wartenden, deren bunte Saris, weiße Hemden, saubere Füße, deren Blicke auf die Strasse hinaus, die Aktenmappen der Bankangestellten und Anwaltsgehilfen, alle die, die abfahren.

Ein- und Ausfälle – Wiedergeburtslehre und Ewigkeitsphantasie

In der modernen Gesellschaft verkehrt sich der Sinn der alten Wiedergeburtslehre in sein Gegenteil. Der Gedanke von der Wiedergeburt, der in Südasien beheimatet ist und bis in die europäische Antike wirkte, drückte ursprünglich die schier unendliche Größe des menschlichen Leidens aus. Dem entsprechend richtete sich alles Bestreben darauf, den endlosen Kreislauf der Wiedergeburten verlassen und damit das Leiden beenden zu können. In der modernen Spaßgesellschaft hat die Wiedergeburtslehre hingegen in erster Linie die Funktion, das Leben, das als allzu kurz empfunden wird, zu verlängern, um so weitere Erlebnismöglichkeiten ausschöpfen zu können. Paradoxerweise bedienen jedoch beide Ansätze Ewigkeitsphantasien. So wie Platon aus der Wiedergeburtslehre die Unsterblichkeit der Seele ableitete, versucht der Erlebnishungrige mit ihrer Hilfe die Zumutung des Todes zu reduzieren.

Indische(r) Geist(er)

Die Inder haben die konsequentesten Folgerungen aus der alten philosophischen Schwierigkeit gezogen, Tatsachen und Geistesprodukte auseinander zu halten, die letztlich daraus resultiert, dass wir alle Tatsache nur mittels des Geistes und der ihm vorgeschalteten Sinnesaggregate wahrnehmen können. Sie räumen dem Geist generell die unumschränkte Vorherrschaft über die Tatsachen ein. Dem entsprechend bemühen sie sich in ihrer Mythologie besonders wenig um so etwas wie eine tatsachennahe Wahrscheinlichkeit. Die Folge ist jener freie Umgang mit Zeit und Kausalität, welcher in die außerordentlich windungsreichen indischen Epen und Geschichten so viel Farbe, allerdings für unsereinen auch eine Menge Verwirrung bringt. Tatsächlich sind die eigentlichen Beherrscher des (Welt)Geschehens hier auch die Weisen. In Indien sind dies Menschen, welche ihr Leben ganz dem Geist gewidmet und das Körperliche mittels Askese soweit wie möglich abgetötet haben. Die Weisen, die vornehmlich zurückgezogen im Wald wohnen, haben sowohl die Welt des Geistes als auch die Sphäre der Tatsachen im Griff. Sie können Berge versetzen und Länder überfluten, jede Gestalt annehmen und – bezeichnenderweise – sogar das Schicksal der Götter bestimmen (was einigen Aufschluss darüber gibt, welche Annahmen über die Hierarchie der verschiedenen Wesenheiten und Seinszustände dem indischen Denken zu Grunde liegen).

 

Einige Turbulenzen hatte etwa das Aufeinandertreffen des großen Gottes Dharma mit dem Weisen Mandayva zur Folge, einem Mensch, der mit seiner Fähigkeit, auf geradezu jurisprudenzielle Weise zu differenzieren (was sicher eine der legitimen Tätigkeiten des Geistes ist), nicht zuletzt die Götter zu beeindrucken wusste. Wie das Heldenepos Mahabharata berichtet, war Mandayva, während er meditierend im Wald saß, versehentlich für das Haupt einer Räuberbande gehalten worden. Den bösen Verdacht hatte er dadurch auf sich gelenkt, dass er im Zustand der tiefsten geistigen Versenkung nicht auf Fragen der Polizei reagierte, welche, die kriminellen Tatsachen erforschend, die Räuberbande im Wald verfolgte. Darüber hinaus fand die Polizei nach der fruchtlosen Befragung bei dem Weisen auch noch das Diebesgut. Dies hatten die Räuber auf der Flucht vor den Häschern ohne Wissen Mandayvas in dessen bescheidener Hütte versteckt. All dies ließ den schweigsamen Weisen nicht gerade gut aussehen. Als vermeintlicher Dieb, der sich, was in Indien vorkommt, dazu frech als Weiser getarnt zu haben schien, wurde er im Auftrag des zuständigen Königs von den Ordnungshütern im wahrsten Sinne des Wortes aufgespießt. Die Behandlung, die für jeden normalen Sterblichen tödlich gewesen wäre, konnte dem Weisen allerdings nichts anhaben, da er sich im Zustand der geistigen Versenkung und damit nach indischer Auffassung jenseits des Herrschaftsbereiches der Tatsachen befand. Er blieb daher am Leben. Ob dieses administrativen Missgeschicks geriet der König, als er davon erfuhr, in Angst und Schrecken und eilte in den Wald, um den Weisen vom Spieß zu befreien und ihn untertänigst um Verzeihung zu bitten. Die Verzeihung wurde ihm auch gewährt, da er sich, wie der Weise – rechtlich fein unterscheidend – befand, auf Grund unglücklicher Umstände in einem Irrtum über relevante Tatsachen befand, der für ihn kaum vermeidbar war. Der Weise beschwerte sich über die erlittene Behandlung aber an höherem Ort, nämlich bei dem Gott Dharma, dem er als dem Verteiler der Gerechtigkeit den Vorwurf machte, höheres Wissen gehabt zu haben und daher in der Lage gewesen zu sein, die unsachgemäße Behandlung zu verhindern. Seiner gehobenen Stellung entsprechend präsentierte der Gott eine theologische Erklärung für das missliche Geschehen. Er stellte, Zeiten und Räume überfliegend, fest, die bösen Ereignisse seien die Folge einer Jugendverfehlung Mandayvas – dieser habe als Kind Vögel und Bienen gefoltert. Damit zog er aber erst recht den Zorn des rechtskundigen Weisen auf sich. Denn dieser sah in der Argumentation Dharmas einen Verstoß gegen den Grundsatz, dass Sünden von Kindern nicht so streng wie die von Erwachsenen bestraft werden dürfen. Für diese Ungerechtigkeit degradierte er den Gott zu einem Sterblichen (als welcher er bei diesen unter dem Namen Vidura übrigens keine schlechte Rolle spielen sollte – er brachte es zum Minister und einem der wichtigsten Berater der Pandavas, der einen Partei des schier endlosen dynastischen Streites mit den Kaurawas, welcher der Gegenstand des Mahabharata ist).

 

Die indischen Weisen legten sich, wie nicht nur dieses Beispiel zeigt, überhaupt gerne mit den Großen der Welt und des Himmels an, was darauf hindeutet, dass die außerordentliche Macht, die man in diesem Land dem Geist zuspricht, nicht zuletzt die Funktion eines Werkzeuges der Schwachen gegen die Starken hatte. Tatsächlich wurden die Großen von weniger juristisch differenzierenden Weisen auch dann mit Flüchen und übelsten Strafen überzogen, wenn sie ihnen aus Versehen in die Quere gerieten.

 

In fürchterliche Verwicklungen geriet etwa die Familie eines Großen durch die folgende Begegnung mit einem Mann des Geistes, über die ebenfalls das Mahabharata berichtet (wobei bemerkenswerte Parallelen zu den Erfahrungen zu konstatieren sind, die man in unserem Kulturkreis bei dem Versuch machte, den Geist über die Tatsachen zu erheben).

 

Nach dieser Geschichte hatte der König Pandu das Pech, bei der Jagd ein Reh zu erlegen, in dessen Gestalt ein Weiser gerade im Wald lustwandelte, ohne sich allerdings als solcher zu erkennen zu geben. Aus Wut darüber belegte der Weise, der den Anschlag ebenfalls überlebte, den König unter Außerachtlassung der oben dargestellten Irrtumsproblematik und dazu des Grundsatzes, dass die Schwere der Sanktion nach der Höhe der Schuld zu bemessen ist, mit einem besonders perfiden Fluch des Geistes. Der König, so lautete der Richterspruch, müsse sterben, sobald er die Freuden des Bettes genieße (eine Lösung für den Herrschaftsstreit zwischen Geist und Tatsachen, nämlich den leiblichen, für den man auch in unserem Kulturbereich Parallelen findet). Pandu zog sich daraufhin mit seinen beiden Frauen Kunti und Madri in den Wald zurück und lebte wie ein Weiser, wozu auch die Enthaltsamkeit von den Freuden des Bettes gehörte. Da er sich aber dringend Nachkommenschaft wünschte und aus dynastischen Gründen insbesondere Söhne benötigte, bedienten sich die drei, um dieses Anliegen zu verwirklichen, eines Mittels, bei dem der Geist im Verhältnis zu den Tatsachen eine besonders bemerkenswerte Rolle übernahm (eine Form seiner Tätigkeit, die in unserem Kulturkreis ebenfalls nicht unbekannt ist).

 

Die Lösung des Problems, das man landläufig für rein tatsächlich, nämlich körperlich hält, mit den Mitteln des Geistes gelang wie folgt: Kunti hatte als junges Mädchen von einem Weisen als Dank für Dienste, die sie ihm geleistet hatte, ein göttliches Mantra erhalten, das ist ein tatsachenwirksamer heiliger Spruch, gewissermassen also ein immaterielles Werkzeug. Mit diesem konnte sie einen ebenso immateriellen Kindeserzeuger evozieren (evozieren, das heißt vor dem geistigen Auge entstehen lassen, mit anderen Worten aus dem Nichts erzeugen, ist eine Lieblingsvokabel der indischen Mythologie). Mit diesem Mantra hatte Kunti bereits in unschuldiger Jugendzeit und ohne ihre Jungfräulichkeit zu verlieren  mit dem Sonnengott einen Jungen namens Karna gezeugt (eine Fähigkeit des Geistes, die bei uns ebenfalls bekannt ist). Kunti konnte das Kind, insoweit gehen die Möglichkeiten des indischen Geistes noch deutlich über die unseres Heiligen Geistes hinaus, sogar ohne Schwangerschaft gebären, weswegen sie gänzlich unschuldig blieb (wenn denn, was nur dem Geist einfallen kann, Kinderkriegen schuldig machen kann). Allerdings konnte sie das Kind wegen ihres jugendlichen Alters nicht behalten. Daher setzte sie es in einem abgedichteten Körbchen auf einem Fluss aus (ein Motiv für den Umgang mit als problematisch empfundenen Tatsachen, das auch in unserem Kulturkreis auftaucht). Dort hatte es der Fahrer eines Streitwagens gefunden und es mit seiner Frau aufgezogen. Karna sollte, ähnlich wie andere mythische Figuren, die in abgedichteten Körbchen ausgesetzt wurden,  später ein großer Held (des Mahabharata) werden.

 

Mit Hilfe dieses Mantras gebaren Kunti und Madri nun fünf Söhne. Es sind dies die Pandavas, die Partei, die, wie gesagt, mit den Kaurawas in einem Streit lag, für dessen Schilderung man rund 100.000 Doppelverse benötigte. Zu letzteren sollte dann ausgerechnet ihr Halbruder Karna stoßen, der in dem epischen Streit schließlich von Arjuna, dem Haupt der Pandavas, im Kampf erschlagen wird, wobei der Arjuna allerdings nichts von seiner Verwandtschaft mit Karna wusste (dies wiederum hat vermutlich damit zu tun, dass das Mahabharata Arjuna zwar als tragisch verwickelte aber positive Figur zeichnet – ihm offenbart der Gott Krishna kurz vor der großen Schlacht gegen die Kaurawas die höchste Weisheit in der Bhagavat Gita, die als der vollendetste Ausdruck des indischen Geistes gilt.)

 

Kommen wir aber zurück zu Pandu, den wir vor lauter Nachzeichnung der Verwicklungen, die der Geist erzeugen kann, fast aus den Augen verloren hätten. Nun – Pandu gelang es eine Zeit lang tatsächlich, dem Fluch zu entgehen. An einem schönen Frühlingstag übermannte ihn angesichts der paradiesischen Stimmung des tropischen Waldes aber doch die Versuchung der schönen Tatsachen und er näherte sich Madri, worauf es mit dem Paradies sofort zu Ende war (auch dies kennen wir). Pandu fiel, dem Fluch entsprechend, sofort tot um. Madri wiederum, die sich für dieses Schicksal verantwortlich fühlte (auch dass man allein das Weib für den „Fehltritt“ des Mannes verantwortlich macht, ist uns nicht unbekannt), Madri also sah sich dadurch dazu veranlasst, sich selbst zu verbrennen – woraus man, nimmt man alles zusammen , ersehen kann, welch´ merkwürdige Resultate der Geist insbesondere dann bewirken kann, wenn er sich allzu weit von den Tatsachen entfernt.

 

Eldorado

Von Gold hat der Mensch nie genug bekommen können – zu seinem Glück, das wesentlich größer als sein Verstand war.

Die Entdecker des 15. und 16. Jahrhunderts etwa zogen die Motivation für ihre abenteuerlichen Fahrten weitgehend aus der Hoffnung, neben dem Ursprungsort der Gewürze, die seinerzeit mit Gold aufgewogen wurden, die Gold- und Silberinseln im fernen Osten zu finden. Von solchen Inseln träumte man seit den Eroberungszügen Alexanders des Großen. Mitursächlich für die gewaltigen Energien, die diese Träume mobilisierten, war sicher, dass im Laufe der Zeit die Angaben über die Größe der Schätze immer phantastischer wurden. Aus Inseln mit großen Mengen von Edelmetall, wie es bei Plinius noch hieß, wurden nach und nach Inseln, die – einschließlich hoher Berge – ganz aus Gold und Silber bestehen sollten. Die katalanische Weltkarte aus dem Jahre 1375 wusste sogar, dass im Meer jenseits des indischen Festlandes genau 7548 Inseln liegen, deren „wunderbare Reichtümer an Gold, Silber und kostbaren Steinen“ man nicht alle aufzählen könne.

Kaum dass die Portugiesen den Seeweg nach Indien gefunden und bis nach Hinterindien vorgedrungen waren, schickten sie denn auch Expeditionen auf die Suche nach einer Goldinsel, die – einheimischen Behauptungen zufolge – südlich von Sumatra liegen und deren Strand ganz aus Goldkörnern bestehen sollte. Zwar kehrten die ausgesandten Schiffe alle unverrichteter Dinge oder überhaupt nicht zurück. Dies hatte aber keineswegs zur Folge, dass man an den Goldvorkommen zweifelte. Zur Aufrechterhaltung der Hoffnung reichte ein bloßes Gerücht. In den Hafenstädten des Ostens hieß es, vermutlich weil die Portugiesen es hören wollten, ein Schiff habe die Insel gefunden. Es sei allerdings, nachdem es ganz mit Gold beladen worden sei, auf ein Riff gelaufen und untergegangen. Das hatte, da man die versteckte Ironie dieser (Überladungs)Geschichte nicht sehen wollte oder konnte, zur Folge, dass man die Bemühungen um die Goldinseln verstärkte. Auf den Weltkarten waren sie bis in das 18. Jahrhundert mit dem Vermerk „locus incertus“ notiert.

Auch Kolumbus trat seine Fahrt nach Westen – allen Beteuerungen, vorrangig den christlichen Glauben bei den Heiden verbreiten zu wollen, zum Trotz – in erster Linie wegen des Goldes an. Da er davon ausging, Indien nach Umrunden der Weltkugel auf der Ostseite zu erreichen, dürfte er dabei auch an die Goldinseln gedacht haben, auf die man, wenn man nach Westen fuhr, noch vor dem indischen Festland stoßen musste. Schon einen Tag nach der Ankunft auf einer Insel, die er für einen Teil Indiens hielt, notierte er, nachdem er bei den Einheimischen Goldschmuck gesehen hatte, in seinem Bordbuch, er werde sich nun auf die Suche nach der Quelle des Goldes begeben. Die restlichen drei Monate seines (ersten) Aufenthaltes in „Indien“ waren, wie die Eintragungen in das Bordbuch zeigen, eine einzige Irrfahrt durch die Inselwelt der Karibik in der Hoffnung, die große Goldquelle des Ostens zu finden. Dass man trotz dürftiger Sucherfolge die Hoffnung auch hier nicht aufgab, hatte wieder mit dem Verhalten der Einheimischen zu tun. Die „Indianer“ merkten offenbar, dass die Gier der Ankömmlinge größer als ihr Verstand war. Sie sicherten sich daher mit immer neuen Ortsangaben über den Fundort von Gold Beachtung und die Gunst der ansonsten schwer berechenbaren Besucher.

Später vermuteten die Spanier eine Menge Gold im Nordwesten des südamerikanischen Halbkontinents. Anlass für diese Annahme waren einheimische Berichte über einen Priester-Fürsten, der sich bei einer Zeremonie ganz mit Goldstaub pudern lasse, um diesen verschwenderischerweise in einem See abzuwaschen. Auf der Suche nach diesem Fürsten, den man „El Dorado“ nannte, durchkämmten daraufhin zahlreiche Schatzsucher die Urwälder Südamerikas. Da man die Person nicht fand, wurde aus der konkreten Goldhoffnung im Laufe der Zeit das sagenhafte Goldland Eldorado, nach dem Generationen von Abenteuern – ebenfalls vergeblich – suchten.

Wie bekannt und in den Kirchen Spaniens noch heute zu besichtigen hat man in den Ländern der neuen Welt schließlich doch einiges an Gold und Silber gefunden und nach Europa gebracht. Es war jedoch keinesfalls genug und wesentlich weniger als erhofft. Gerade darin aber bestand das (Schatzsucher)Glück, das wie gesagt, größer als der (ökonomische) Verstand war. Denn hätte man so viel Gold gefunden, wie man sich erträumte, hätte das Edelmetall, ähnlich wie die Gewürze, deren Ursprungsort man auf den Inseln der Molukken finden konnte, allen Wert verloren.

Ein- und Ausfälle (China 18)

Was die Normgeber der großen Kulturkreise von der Normtreue des Menschen halten, kann man aus den Mitteln ersehen, mit denen sie die Befestigung der Norm sicherzustellen und den Einzelnen zu einem normgerechten Verhalten zu bringen versuchten. In unserem Kulturkreis versprachen man dem Normtreuen zu diesem Zwecke ein ewiges Leben in einem überaus herrlichen Himmel. Dem Normverletzer hingegen drohte man eine unglaublich grausame, ebenso ewige Hölle an. In Indien hielt man zur Durchsetzung der Normen ebenfalls extreme Szenarien für notwendig. Man drohte dem Normuntreuen nach dem Tod mit neuer Geburt auf einer niedrigeren Stufe des Lebens und versprach dem Normtreuen den Aufstieg in der Lebenshierarchie. Als höchste Belohnung winkte bei besonderer Anstrengung sogar die Möglichkeit des Ausstiegs auf dem Kreislauf der Wiedergeburten. Die Chinesen waren bei der Wahl der Mittel zur Befestigung der Normen dagegen auffallend mäßig. Sie stilisierten ihre Normgeber zu Heroen, um sie zu Vorbildern zu machen, begnügten sich also im Wesentlichen mit Geschichtsfälschungen. Die interessante Frage ist, was bei der Wahl des Mittels der Normbefestigung Ursache und was Wirkung ist. Haben der Westen (einschließlich des Nahen Ostens) und die Inder so dick auftragen müssen, weil die Menschen besonders schwer in den (sozialen) Griff zu bekommen waren, oder waren die Menschen hier so schwer zu lenken, weil sie diese Art der Normbegründung und -bestärkung nicht recht überzeugte? Es fällt jedenfalls auf,  dass man in China trotz der Mäßigung bei der Normbefestigung eine Menge gesellschaftlicher Fehlentwicklungen ausgelassen hat, welche bei uns auch die drastischsten Versprechungen und Strafen nicht verhindert haben.