1779 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Konzertante Symphonie für Violine, Viola und Orchester Es-Dur, KV 364

Mozarts konzertante Symphonie für zwei Streichinstrumente ist das Werk eines 23-jährigen, wirkt aber alles andere als jugendlich. Dies mag seinen Grund darin haben, dass ihr eine Lebensphase des Komponisten vorausging, die einen außerordentlichen menschlichen und künstlerischen Reifungsprozess bewirkte. Im Herbst des Jahres 1777 hatte Mozart 21-jährig seinen ungeliebten Dienst beim Erzbischof von Salzburg quittiert und sich voller Hoffungen mit seiner Mutter auf eine große Tournee gemacht, die nach Paris führen sollte. Es war die erste Reise ohne den alles beherrschenden Vater. Diesem war offensichtlich nicht wohl bei dem Gedanken, dass sein phantasiereicher und umtriebiger Sohn seinem unmittelbaren Zugriff entzogen war, weswegen er die Kontrolle mittels eines regen Briefverkehrs aufrecht zu erhalten versuchte. Die Ermahnungen, die er ihm dabei gab, zeigen, dass er seinem Sprößling einiges an Ungemach zutraute. Dass die Sorge nicht ganz unberechtigt war, zeigen die „kindsköpfigen“ und nicht selten sehr burlesken Briefe, die Mozart auf der Reise an seine Cousine Maria Anna Thekla schrieb. Das „Bäsle“ hatte er auf der Durchreise in Augsburg getroffen und offenbar auch als weibliches Wesen schätzen gelernt. In Mannheim machte Mozart wichtige musikalische Erfahrungen mit dem Stil der führenden Musikschule Europas. Er hielt sich dort weit länger als vom Vater geplant und gebilligt auf. Der Grund dafür war nicht zuletzt seine erste große Liebe. Die Angebetete, deren Familie der Vater die größten Vorbehalte entgegenbrachte, war seine spätere Schwägerin Aloisia Weber, eine begabte Sängerin, mit der Mozart auch große künstlerische Perspektiven sah. In Paris, wo er sich alles andere als wohl fühlte, hatte Mozart eine der größten menschlichen Bewährungsproben zu bestehen, der ein junger Mann ausgesetzt werden kann. Er musste fern der Heimat und bar jeglicher Unterstützung seine Mutter zu Grabe tragen. Nach vielen demütigenden Erfahrungen mit möglichen Arbeit- und Auftraggebern machte sich Mozart im Herbst 1778 ohne den erhofften Erfolg zurück auf den Weg nach Salzburg, wo ihn nicht nur der Verlust seiner beruflichen Freiheit, sondern auch wieder das strenge Regiment des Vaters erwartete. Zusätzlich musste er auf der Rückreise auch noch die Ablehnung seines Heiratsantrages durch Aloisia Weber verkraften. Das Pariser Unternehmen endete Anfang 1779 damit, dass Mozart wieder in den Dienst des Erzbischofs von Salzburg treten musste, zu dem er ein ziemlich gespanntes Verhältnis hatte.

 

Wenige Monate nach seiner Rückkunft nach Salzburg entstand mit der Konzertanten Symphonie eines der reifsten Instrumentalwerke Mozarts. Der erste Satz ist von männlich-erwachsener Statur. Statt feingliedriger Galanterien, die für seine Instrumentalkompositionen bis dato typisch sind, errichtet Mozart hier große Architektur. Der Mannheimer Einfluss zeigt sich in dem für Mozart ungewöhnlichen Orgelpunktcrescendo im monumentalen Anfangstutti. Von Mannheimer Empfindsamkeit ist der zweite Satz geprägt, wo zu Melancholie veredelter Schmerz die Verlusterfahrungen der zurückliegenden Zeit zu spiegeln scheint. Im dritten Satz endet alles in souveräner Heiterkeit als wolle Mozart zeigen, dass er aus all den Prüfungen gestärkt hervorgegangen ist.

 

Zwei Jahre später zeigte sich, dass Mozart tatsächlich stark geworden war. Er wirft die Rolle des musikalischen Lakaien als seiner unwürdig ab und wagt den – damals sehr ungewöhnlichen – Sprung in die musikalische Selbständigkeit, den der Vater mit großer Skepsis beobachtet. Ein Jahr später löst er sich gänzlich vom übermächtigen Vater, indem er gegen dessen Willen die Schwester Aloisas, Constanze, heiratet.

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Eine Antwort zu “1779 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Konzertante Symphonie für Violine, Viola und Orchester Es-Dur, KV 364

  1. Beim Recherchieren stieß ich auf diese Homepage. Ich gehöre einer Generation an, die sich normalerweise von der Riesenmenge an im Internet angebotenem – und keineswegs immer für meine Bedürfnisse brauchbarem – Material abgeschreckt fühlt. Dagegen dämmerte mir im weiteren Stöbern auf diesen Seiten, dass ich hier auf eine Fundgrube gestoßen bin, ein Gewinn, den ich künftig – obwohl auch das Angebot von Herrn Heitmann ins Enzyklopädische geht – dankbar zu nutzen gedenke.

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