1775 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Konzert für Violine und Orchester D-Dur KV 218

Im Jahre 1775 schrieb der 19-jährige Mozart binnen weniger Monate fünf Violinkonzerte, um danach für dieses Instrument kein weiteres Konzert mehr zu schreiben. Äußerer Anlaß hierzu war wohl die Tatsache, daß er als fürstbischöflicher Konzertmeister in Salzburg etwas für sein Instrument abliefern mußte. Darüber hinaus scheint es aber auch einen inneren musikalischen Grund für die intensive Beschäftigung mit der Form des Solokonzertes gegeben zu haben. Darauf deutet die Tatsache, daß sich zwischen den beiden ersten und den drei letzten Konzerten so etwas wie ein musikalischer Quantensprung vollzog. Alle Vorbilder hinter sich lassend führte der Salzburger Teenager die Form des Solokonzertes innerhalb von Wochen in eine völlig neue Dimension.

 

Während nach dem Muster, welches Vivaldi geschaffen hatte, ein Konzert bis dato im wesentlichen aus Solo- und Tuttiblöcken und begleitenden Passagen bestand, traten bei Mozart Soloinstrument und Orchester unvermittelt in ein äußerst lebhaftes Beziehungsverhältnis. Das Konzert ist nun weniger ein „Wettstreit“ zwischen einem Soloinstrument, welches sich zur Schau stellt, und dem Orchester, welches bemüht ist, dagegen zu halten oder rein dienende Funktionen übernimmt. Es findet vielmehr ein verschlungener und dennoch höchst stringenter, weil ganz an der „Sache“ orientierter, Dialog statt, der von einer Fülle von Ideen gespeist und von allerhand Überraschungen belebt wird. Es lag in der Konsequenz einer solchen Konzeption, daß Mozart hierbei darauf verzichtete, technische Finessen, „Seiltänzereien“ wie er sie nannte, aufzuhäufen. Das Konzert ist ganz der Entwicklung der vielfältigen musikalischen Gedanken gewidmet; auf Schaueffekte wird, wie etwa die verhaltenen Schlußwendungen zeigen, gänzlich verzichtet. Diese Entwicklung war so überraschend und folgenschwer, daß Kritiker sie als das eigentliche Wunder in Mozarts kompositorischem Schaffen bezeichnet haben.

 

Die Mozart-Forscher haben natürlich nach einer Erklärung für dieses erstaunliche Phänomen gesucht. Man hat sie in einem Aufblühen der adoleszenten Phantasie aber auch in Mozarts Verhältnis zur dramatischen Musik gesehen. Nicht wenige Mozart-Kenner gehen davon aus, daß Mozarts Instrumentalschaffen mehr oder weniger ein Reflex seiner musikdramatischen Aktivitäten gewesen sei. Seine eigentliche musikalische Bestimmung habe Mozart in der Komposition von Opern und Vokalmusik gesehen. Die Instrumentalwerke seien gewissermaßen Abfallprodukte dieser Tätigkeit gewesen. Dies gelte auch für die Konzertform. Das ausgefeilte und hochkomplexe Muster thematischer Hierarchien, das sich hier finde, habe Mozart zunächst zur Steigerung der dramatischen Wirkung von Arien der opera seria, der ernsten Oper, entwickelt. Zu eben jener Zeit als er die Violinkonzerte schrieb, habe er sich aber von der opera seria abgewandt und begonnen, sich mit der opera buffa, der komischen Oper, zu beschäftigen, wo er das entwickelte Muster nicht gebrauchen konnte. Der musikalische Entwicklungssprung des Konzertes erkläre sich nun daraus, daß Mozart das Muster, welches gewissermaßen „übrig“ war, auf das Instrumentalkonzert übertragen habe, wo es zu seiner schönsten Wirkung gekommen sei.

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