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Nyepi – das balinesische Neujahrsfest

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Kaum einen Ort in der Welt hat die Natur so verschwenderisch mit dem bedacht, was der Mensch bedarf und schätzt, wie die Insel Bali. Das Tropeneiland hat vieles von dem, was man im Paradies vermutet – ein immerwährend warmes Klima, unbegrenzte Mengen an frischem Wasser, fruchtbare Böden und eine Pflanzenwelt wie in einem botanischen Garten. Dennoch glauben die Balinesen von alters her, dass ihre schöne Insel von Dämonen und Naturgeistern von diffuser Gestalt bevölkert sei, welche überall ihr Wesen, vor allem aber ihr Unwesen treiben. Daran ändert auch nichts der Umstand, dass in Bali eigentlich die wesentlich profilierteren hinduistischen Götter herrschen. Deren reich geschmückte Abbilder kann man auf der Insel zwar überall sehen, vor allem die wuchernden Darstellungen der heroischen Taten, welche die endlosen indischen Epen von ihnen berichten. Das tägliche Leben der Balinesen wird jedoch ganz von den unsichtbaren Aktivitäten der Geister und Dämonen bestimmt, mit welchen es die Inselbewohner schon lange vor der Zeit zu tun hatten, als man begann, die weitläufig ausformulierten Mythen Indiens über ihre vagen Vorstellungen von der diesseitigen und jenseitigen Welt zu stülpen. Überall im Land sind daher auch martialische  Wächterfiguren aufgestellt, welche diese allgegenwärtigen Wesen in Schach halten sollen. Wahrscheinlich hängt der Respekt der Balinesen vor den Naturgeistern damit zusammen, dass sie häufig auch mit der Unberechenbarkeit und Gewalttätigkeit der Natur konfrontiert werden. Die Insel wird nicht nur regelmäßig von den mitunter extremen Erscheinungen des tropischen Wetters heimgesucht. Sie wird vor allem von mehreren großen Vulkanen beherrscht, die sich immer wieder bedrohlich bemerkbar machen. Die Berge gelten zwar als der Ort, von dem alles Gute kommt. Dies hat insofern auch seine Richtigkeit, als sich an ihnen das reichliche Wasser abregnet, das – über ein äußerst kunstvolles, weit verzweigtes System von Kanälen in die Tiefe geführt – die üppigen Reiskulturen der Insel speist. Außerdem gibt der Auswurf der Vulkane den fruchtbaren Boden her, auf dem man drei Ernten im Jahr erzielen kann. All dies dürfte der Grund dafür sein, dass man die Berge zum Sitz der Götter erklärt und an ihren Hängen prachtvolle Tempel erstellte. Letztlich dürfte es sich bei der Verehrung der Vulkane aber um euphemistische Beschwichtigungen handeln. Im Grunde haben die Balinesen eine fundamentale Angst vor den Kräften der Natur, die sich gerade auch durch die feuerspeienden Bergmonster immer wieder in katastrophaler Weise manifestiert haben.

Um die Geister und Dämonen zu besänftigen oder zu befrieden, ist den Balinesen kein Aufwand zu groß. Täglich bringen sie ihnen liebevoll vorbereitete Opfergaben dar, nicht nur in den Dorftempeln und zahllosen Hausschreinen, sondern überall, wo man Aktivitäten der Plagegeister vermutet, vor allem an Wasserstellen, großen Bäumen, Wegkreuzungen und Brücken, ja selbst in den Reisfeldern. Geradezu Orgien des Opferns sind die Tempelfeste, die jedes Dorf mit ungeheurerem Aufwand gemeinschaftlich vorbereitet. Feste feiert man in Bali immer und überall. Es gibt Geburts-, Maturitäts- und Hochzeitsfeste, außerordentlich aufwändige Totenzeremonien, regelmäßige Mondfeiern und alle möglichen Feste zu Ehren der zahlreichen Götterfiguren. Das größte aller Feste aber ist Nyepi, das Neujahrsfest. Dem Mondkalender entsprechend, den man – wie die Götter und ihre Geschichten – von Indien übernahm, wird Nyepi im März oder April gefeiert. Auch bei diesem Fest dreht sich alles um die Dämonen und Geister. Diesmal aber wird mit ihnen respektlos aufgeräumt.

Nyepi kündigte sich uns schon Wochen vor dem eigentlichen Festtag an. In den Städten und Dörfern konnte man überall meist junge Männer sehen, welche in den allgegenwärtigen Versammlungshallen oder unter ausgespannten Regenplanen auch im Freien Ogoh Ogohs fertigten, monströse Puppen aus Pappmaché, Fiberglas und Bambus, die nicht selten vier bis sechs Meter groß sind. Die Ogoh Ogohs, die, selbst böse Dämonen symbolisierend, dem Kampf gegen die bösen Geister dienen, werden teils als Einzelfigurm, teils im heftigen Kampf mit Gegenspielern ausgeführt. Für ihre Darstellung ist, anders als für die sonstigen kultischen Figuren Balis, kein Muster vorgegeben. Die jungen Künstler können ihrer Phantasie daher ungehindert Lauf lassen, eine Freiheit, von der sie unter Verwendung von Elementen der Phantasybranche auch ausgiebig Gebrauch machen. Dem Ideal der Ausgewogenheit und Proportionalität, welches in der traditionellen balinesischen Kunsttätigkeit – klassischen indischen Vorbildern entsprechend – ansonsten vorherrscht, fühlen sie sich dabei nicht verpflichtet. So entstehen bizarre Kreaturen von wüstem Aussehen, die sich mit prekärer Statik in den abenteuerlichsten Posen präsentieren. Besonders beliebt ist, sie auf einem Bein oder kopfüber stürzend darzustellen. Immer wieder blitzt auch ein grotesker Humor auf. Es gibt Ogoh Ogohs, welche eine Flasche der monopolistischen indonesischen Biermarke Bintang hochhalten oder die auf Motorrollern, dem Lieblingsspielzeug der balinesischen Jugend, sitzen. Anfangs herrschte bei den Figuren noch die Farblosigkeit der Grundmaterialien. Mit dem Herannahen des Festes wurden sie immer bunter. Einige Tage vor dem Fest begann man damit, große rechteckige Tragegestelle aus dicken, schachbrettartig zusammengebundenen Bambusstämmen zu fertigen. Darauf brachte man prächtig verzierte Podeste an, auf denen die Figuren befestigt wurden. In den Tagen vor Nyepi konnte man die grellbunten Figuren samt ihren mächtigen Tragegestellen nun überall am Straßenrand stehen sehen.

Zwei Tage vor Nyepi pilgern die Balinesen mit allerhand Kultobjekten in festlichen Prozessionen zum Meer oder anderen Wasserstellen, um Reinigungszeremonien abzuhalten. Einen Tag vor dem Neujahrsfest kommen schließlich die Ogoh Ogohs zur ihrem Auftritt.

Am Morgen dieses Tages fuhren wir mit dem Motorrad von Ubud auf den Mount Batur, einen der Vulkane der Insel. Die Läden an der Strasse nach Petulu, wo man über viele Kilometer die kommerziellen Erzeugnisse der grenzenlosen Phantasie der balinesischen Kunsthandwerker feilbietet, waren fast alle geschlossen. Die Bewohner der Dörfer waren damit beschäftigt, die Straßen zu säubern und aufzuräumen. Die Männer zogen es allerdings oft vor, dem ernsten Geschäft des Hahnenkampfes nachgehen. Auch das Blut der Federtiere, die man für den Auftritt, der oft nur Minuten währt, eineinhalb Jahre hätschelt und pflegt, soll zur Besänftigung der Dämonen fließen. Allerdings wusste man auch an diesem Festtag den kultischen Zweck mit der Wettleidenschaft zu verbinden.

Man hatte Bali in den letzten Tagen mächtig herausgeputzt. In den Tempeln und Schreinen leuchteten allenthalben bunte Schirme und Tücher. In manchen Orten waren am Straßenrand lange Bambusstangen aufgestellt, die sich in hohem Bogen über die Straße beugten und Ornamente aus Palmblättern und sonstigen Pflanzenteilen trugen. In anderen Dörfern hatte man im Abstand von wenigen Metern kleine Schreine aus Bambus aufgestellt, auf denen Opfergaben abgelegt wurden. Auch sie waren mit feinen Ornamenten aus Pflanzen geschmückt, die man in tagelanger gemeinschaftlicher Arbeit sorgfältig geflochten hatte. Hier und da fand sich ein Hauseingang, der besonders aufwändig dekoriert war. Dort wurden die Adressaten des Schmucks auch einmal in besonderem Maße verwöhnt. Neben den üblichen Pflanzenornamenten waren hier etwa Schmuckpaneele aus fein geschnittenen Speckschwarten zu sehen. An den Hauptstraßenkreuzungen der Ortschaften waren Podeste aufgestellt, zu denen die Frauen allerhand Spezereien brachten, die sie häufig elegant auf dem Kopf balancierten. Von silbernen Schalen zusammengehalten türmten sich dabei Schichten von Orangen, Äpfeln, Bananen, Papaias, Mangos, Eiern und Schlangenfrüchten.

Im Laufe des Vormittags brachte man die Ogoh Ogohs mit großem Hallo zu bestimmten Sammelplätzen. Oben auf dem Vulkan in 1600 Metern Höhe verdichtete sich das Geschehen zu einem besonderen eindrucksvollem Schauspiel. Vor dem Tempel von Kintamani, einem der großen Vulkanheiligtümer der Insel, stauten sich Lastwagen, auf deren Ladeflächen Ogoh Ogohs und festlich gekleidete Menschen standen. Trotz des Gedränges herrschte eine fröhliche Stimmung. Der Zug bewegte sich unter lebhafter Anteilnahme der Bevölkerung stockend entlang der Strasse, welche auf dem schmalen Kraterrand verläuft. Auf der einen Seite blickte man in den mehr als ein duzend Kilometer breiten alten Vulkankrater, in dessen Mitte sich neben einem weiten See ein neuer Vulkankegel, selbst immerhin 800 m hoch, gebildet hatte; auf der anderen lag einem das ganze balinesische Tiefland zu Füssen.

Als wir wieder hinunter in das Tiefland fuhren, begannen in vielen Dörfern die Ogoh-Ogoh- Feierlichkeiten. Vielerorts war die Hauptstraße gesperrt. Das ganze Dorf war auf den Beinen oder saß feierlich in Weiß gekleidet auf der Hauptkreuzung der Ortschaft. Lautsprecher übertrugen die Reden derer, die bei solchen Gelegenheiten etwas zu sagen haben. Auf den Podesten türmten sich die Opfergaben meterhoch. An einer Stelle zerlegten Männer in roten Gewändern auf rituelle Weise ein Rind.

Als wir am frühen Nachmittag zurück in unser Hotel kamen, wurden dort gerade die bösen Geister aufgescheucht. Die Angestellten gingen unter Schlagen von Topfdeckeln und sonstigem Gerät durch den Garten und räucherten mit brennendem Reisig alle Hohlräume aus. Wir wollten für den Nachmittag noch ein Fahrzeug mit Fahrer anmieten, mussten aber eine Zurückhaltung der Anbieter feststellen, die merkwürdig mit ihrer sonstigen Geschäftstüchtigkeit kontrastierte. Immer wieder wurden wir gefragt, wie weit wir fahren wollen. Schließlich stellte sich heraus, dass die Fahrer befürchteten, sie könnten nicht rechtzeitig zurück in Ubud sein. Ab dem späten Nachmittag, so hieß es, seien die Straßen durch die Umzüge völlig verstopft.

Was dies bedeutete, wurde uns klar, als wir uns gegen fünf Uhr zu den Ogoh-Ogoh-Aktivitäten in Ubud aufmachten. Die Monster, die man im Laufe des Morgens auf dem Platz vor dem Königspalast gesammelt hatte, wurden nun unter Beteiligung tausender Zuschauer – zum großen Teil natürlich Touristen – durch die Hauptstraße geführt. Dazu hatten sich die Träger, deren Zahl sich bei den kleineren Figuren auf zehn bis zwanzig, bei den größeren auf mehrere Dutzend belief, in die Quadrate der Bambusgestelle gestellt, wo sie die Streben packen konnten. Auf Kommando hoben sie die gesamte Konstruktion in die Höhe und setzten sich im Laufschritt in Bewegung. Dabei machten sich die Gruppen, die jeweils einheitlich gekleidet waren,  einen Spaß daraus, allerhand überraschende Manöver zu absolvieren, was nicht nur die Ogoh Ogohs in bedenkliche Schwankungen versetzte, sondern auch die Zuschauer immer wieder dazu zwang, sich vor der schwer zu manövrierenden Masse in Sicherheit zu bringen.

Die ersten Trägergruppen bestanden aus Kindern, angefangen von den ganz Kleinen, die fünf bis sechs Jahre alt sein mochten. Sie trugen kleinere Ogoh Ogohs, welche sie in der Schule oder sonstigen Gemeinschaftsinstitutionen gebaut hatten. Dann kamen die Halbwüchsigen mit größeren und schließlich die jungen Männer mit den riesigen und wildesten Figuren. Den Ogoh Ogohs folgte jeweils eine große Gruppe von Musikanten. Aus dem Gamelanorchester waren allerdings nur die Instrumente vertreten, die besonders viel Lärm machen können, im wesentlichen Schlagzeuge und Gongs verschiedener Größe. Ihre Aufgabe war ohne Zweifel, die bösen Geister zu vertreiben. Nach und nach trafen nun alle Ogoh Ogohs auf dem schlammigen Fußballplatz ein, wo die versammelte Menge die Objekte bestaunen und begutachten konnte. Dort wartete man bis zum Einbruch der Dunkelheit. Dann setzten sich die Gruppen wieder in Bewegung. Inzwischen hatte man die Figuren teilweise illuminiert, wodurch sie noch Furcht erregender wirkten. Die Trägergruppen, die in der Wartezeit einige Bintang-Flaschen geleert hatten, steigerten nun ihren Übermut und setzten zu Wendungen an, deren Ausgang für die Umstehenden nur noch schwer abzuschätzen war. Irgendwie schafften es die Träger und Ordner jedoch immer wieder, das vielfüßige Geschehen unter Kontrolle zu bringen. Nachdem man zum Hauptplatz vor dem Königspalast zurückgekehrt war, stellte man die Figuren in Seitenstrassen ab oder brachte sie zum Einäscherungsplatz für die Toten, wo sie unter großem Hallo verbrannt wurden.

Um Mitternacht fuhr ich mit dem Motorrad noch einmal durch Ubud. Die Stadt war inzwischen fast völlig ausgestorben. Am Einäscherungsplatz rauchten noch die Reste einiger Ogoh Ogohs. Der Platz darum war übersät von Essensverpackungen und Bierflaschen. Hier und da saßen in den Gassen die Trägergruppen, grillten Fleisch über einem Feuer und tranken reichlich Bier. Draußen in den Reisfeldern waren einige Gruppen von Jugendlichen unterwegs, welche  Böller in selbstgebastelten Bambuskanonen zur Explosion brachten.

Nyepi selbst, das nun begann,  ist der Tag des Schweigens. Die Menschen dürfen sich nur innerhalb ihrer Häuser bewegen, die traditionellerweise durch allerhand Treppen und rechtwinklige Gänge vor dem Eindringen böser Geister geschützt sind. Keinerlei Lebenszeichen wie Lärm, Licht oder Rauch darf nach Außen dringen. Das gesamte öffentliche Leben der Insel ruht. Auf den Strassen bewegt sich niemand. Ausnahmen gibt es nur in eng geregelten Not- und Sonderfällen. Selbst der Flughafen ist geschlossen. Über die Einhaltung der Ruhe wachen Aufsichtspersonen, die Bußgelder verhängen können. Auch von den Touristen erwartet man, dass sie sich an die Regeln halten. Sie werden höflich gebeten, die Hotels nicht zu verlassen. Es hieß, der Hotelbesitzer hafte, wenn es ihm nicht gelinge, für die Einhaltung des Bewegungsverbotes zu sorgen. In unserem Hotel wurden wir bis zum Nachmittag mit Essen und Trinken versorgt. Mit Ausnahme der Stallwache gingen dann alle Angestellten nach Hause. Wer abends noch essen wollte, musste auf Vorrat bestellen oder sonst Vorsorge treffen. In der sonst so geschäftigen Stadt herrschte ein merkwürdiges Schweigen, das abends geradezu gespenstig wurde, da alle Lichter ausgeschaltet blieben. Auch das weitläufige Gelände des Hotels lag im Dunkeln, sodass man sich zwischen den Bungalows nur tastend bewegen konnte. Nur in den Zimmern war noch Licht.

Über den Hintergrund dieses weltweit wohl einmaligen Brauchtums gab es unterschiedliche Erklärungen. Eine animistisch-naturreligiöse Version ging dahin, dass an diesem Tag die Geister aus dem Meer steigen, um die Insel und ihre Bewohner heimzusuchen. Da sie aber keine Menschen feststellen können und die Insel völlig leblos sei, würden sie unverrichteter Dinge wieder abtauchen, weswegen man vor ihnen erst einmal Ruhe habe. Die indisch-hochkulturelle Version geht dahin, dass Nyepi ein Tag der inneren Einkehr, des Fastens und der Meditation sei, bei dem man besonders intensiv zu sich selbst und den Göttern finde.

Am nächsten Morgen musste ich sehr früh zum Flughafen. Als ich Ubud mit dem Taxi verließ, war es noch dunkel. Auf den Straßen waren nur einige wenige Menschen, die stark verlangsamt wirkten, so als seien sie gerade aus einem schweren Traum aufgewacht. An manchen Kreuzungen lagen zerstörte Ogoh-Ogohs am Boden. Der Taxifahrer, der uns schon öfter gefahren hatte, war entgegen seiner sonstigen Gewohnheit wenig gesprächig. Ich fragte ihn, was er am gestrigen Tag gemacht habe. Er sagte, er habe den ganzen Tag im Bett gelegen und nichts gegessen.

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First Price – Last Price – Balinesische Geschäfte

 

Der Käufer einer Ware oder einer Leistung sieht sich immer wieder mit der schwierigen Frage konfrontiert, ob feste Preise ein zivilisatorischer Fortschritt oder der Ausdruck der übermächtigen Position des Verkäufers sind. Schwierig ist die Frage, weil man einerseits froh darüber ist, bei einem Erwerbsvorgang nicht immer das komplizierte Spiel der Bildung des Preises aus Angebot und Nachfrage durchexerzieren zu müssen. Es ist ohne Zweifel komfortabel und damit ein in gewisser Hinsicht ein zivilisatorischer Fortschritt, wenn man sich nicht bei jedem Geschäft umständliche Gedanken darüber zu machen braucht, was die Sache oder die Leistung, die man benötigt oder auf die man ein begehrliches Auge geworfen hat, „wirklich“ wert ist. Andererseits wird man bei der Konfrontation mit festen Preisen aber auch das Gefühl nicht los, dass man als Marktteilnehmer nicht recht ernst genommen wird. Feste Preise laufen für den Käufer ja darauf hinaus, dass sich seine Möglichkeiten bei der Gestaltung eines Erwerbsgeschäftes auf die Alternative Kaufen oder Nichtkaufen reduzieren, was tendenziell die Position des Verkäufers stärkt. Merkwürdig ist in diesem Zusammenhang nun, dass der Einzelne bei der Bildung des Preises gerade in den Marktwirtschaften eine so untergeordnete Rolle spielt, die man gemeinhin als entwickelt bezeichnet. Wenn sich in dieser Form des Wirtschaftens also der Fortschritt manifestieren sollte, dann würde er weitgehend darin bestehen, dass man als Käufer zum Befehlsempfänger des Verkäufers geworden ist. Mit einer gewissen Wehmut erinnert man sich daher der tragenden Rolle, welche man beim Ringen um den Preis in weniger entwickelten Wirtschaftsystemen spielen darf – zum Beispiel in Bali:

 

Als ich Mitte der 70-er Jahre erstmals das zauberhafte Tropeneiland am Rande des südchinesischen Meeres besuchte, entschloss ich mich, als erstes eine Fahrt quer durch die Insel in den Norden zum Vulkan Mount Batur zu unternehmen, in dessen riesigen Krater man, wie ich gehört hatte, mit dem Auto fahren konnte, um unten in einem See in warmen Quellen zu baden. An einer geführten Tour im klimatisierten Jeep, die für harte Dollars an jeder Ecke des Touristenzentrums Kuta Beach angeboten wurde, hatte ich kein Interesse. Ich wollte auf eigene Faust durch die Insel fahren. Schließlich, so sagte ich mir, konnte man nur so in wirklichen Kontakt zum Inselvolk treten, dessen Liebenswürdigkeit, Sanftheit und Tiefsinnigkeit allenthalben gerühmt wird. Ich fragte mich daher zur Abfahrtstelle der Bemos durch, den Minibussen meist japanischer Provenienz, mit denen die Einheimischen ihre Transporte durchführen. In den kleinen Fahrzeugen, die für acht bis zehn Personen gedacht sind, werden in Bali bis zu dreißig Personen befördert, was sicher damit zusammenhängt, dass die Balinesen klein und zierlich sind, möglicherweise aber auch mit dem Fehlen fester Vorgaben oder einer sehr flexiblen Handhabung derselben. Als Europäer ist man in einem Bemo eigentlich schon deswegen deplaziert, weil man unverhältnismäßig viel Platz einnimmt. Wahrscheinlich ist dies auch der Grund dafür, dass man meist einen höheren Fahrpreis als die Einheimischen entrichten muss.

 

Ich stieg also am Hauptplatz von Kuta in einen der Minibusse, der mich die kurze Strecke zum Stadtrand von Denpasar, der Hauptstadt Balis, brachte. Hier erfuhr ich, dass ich mit einer Motoradrickshaw zum anderen Ende der Stadt fahren müsse, von wo aus die Bemos in den Norden der Insel abführen. Ich war nicht der einzige, der mit der Motoradrickshaw durch Denpasar wollte. Die heulenden Dreiräder stauten sich in den engen Strassen der wenig ansehnlichen Stadt und der bläuliche Dunst, den die Zweitaktmotoren ungehindert ausstießen, verdichtete sich zu Wolken, aus denen Atemluft zu beziehen, kaum zu vermeiden war. Auf der anderen Seite der Stadt standen ein paar Bemos, von denen allerdings keines Anstalten zur Abfahrt machte. Ich wartete schweißverklebt in der Hitze und überlegte, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, mit einem klimatisierten Jeep zu fahren. Aber ich sagte mir, dass ich ja das wirkliche Leben des Volkes kennen lernen wollte. Kurz darauf hieß es einsteigen. Ich kletterte durch die Hintertür des Kleinbusses – Bemos betritt man durch die Hintertür – und nahm auf einer der beiden längs gestellten Sitzbänke Platz.

 

Die Fahrt ging außerordentlich langsam voran. Das Bemo hielt an jeder Ecke, um Leute ein- und aussteigen zu lassen. Nach einiger Zeit waren die Sitzbänke mit jeweils acht oder neun Personen voll besetzt. Der Raum zwischen den Bänken war mit allerhand Gepäck gefüllt – Säcken mit Getreide und geflochtenen Körben mit Gemüse aber auch lebendem Federvieh. Das hinderte aber nicht, dass immer wieder neue Passagiere hinzukamen. Diese mussten sich irgendwie zwischen dem Gepäck platzieren. Als dann ein kräftiger Tropenregen niederging, fand man auch noch Platz für einen wasserscheuen Motorradfahrer samt seinem Fahrgerät. Der kleine Bus war so nun so voll, dass der Schaffner nicht mehr von vorne nach hinten durchsteigen konnte, um den Fahrpreis von den Neueinsteigern zu kassieren. Er kletterte vielmehr – während der Fahrt – aus dem vorderen Seitenfenster auf das Dach und kam durch die Hintertür wieder herein. Ich selbst befand mich kurzbehost mitten im Fahrzeug, um mich herum lauter kleine Balinesen in den traditionellen bodenlangen Lunghis, die mich etwas verwundert aber freundlich ansahen. Mein Wunsch, Kontakt zum Volk zu bekommen, war ohne Zweifel schon jetzt weitgehend in Erfüllung gegangen. Weiterlesen