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Reinhard Keiser (1674-1739) – Markuspassion (in der Fassung J.S.Bachs von 1712)

Der Sachse Reinhard Keiser wirkte im wesentlichen in Hamburg, wo zu seiner Zeit die wichtigste deutschsprachige Musikbühne Deutschlands war. Er ist wohl der fruchtbarste Opernkomponist, den Deutschland hervorbrachte. Mit mindestens 70 Opern hält er – jedenfalls der Zahl nach – den deutschen Rekord in dieser Disziplin (nach seiner eigenen Zählung waren es sogar 116 musikdramatische Werke). Davon abgesehen umfasst Keisers Oeuvre zahlreiche andere Werke, darunter sehr viel Kirchenmusik (er hat allein sechs Passionen komponiert). Dennoch ist Keiser selbst der interessierten Öffentlichkeit kaum bekannt. Dies liegt nicht nur daran, daß er als Opernkomponist im wesentlichen das stark strapazierte Genre der Heldenoper in antikem Ambiente bediente, das schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus der Mode kam (er schrieb allerdings auch Werke mit alltagsbezogenen oder gar revolutionären Sujets, so die Oper Masaniello furioso, in der die Steuerwillkür des Adels gegeißelt und in erstaunlicher Offenheit zum Aufruhr augerufen wird).

Keisers schwache öffentliche Präsenz dürfte vor allem damit zu tun haben, daß er im Urteil einiger führender Vertreter der Musikpublizistik lange Zeit schlecht weg kam. Insbesondere die Anhänger Händels hatten es auf ihn abgesehen. Seit Friedrich Chrysander, der große Händelforscher des 19. Jahrhunderts, über Keiser sagte, seine „Sittlichkeit war gleich Null“, er sei „dem Luxus äußerst ergeben, brünstig verliebt, leichtsinnig und eitel gewesen“, und habe im übrigen auch den Kontrapunkt nicht beherrscht, war sein Ruf angekratzt. Noch in Riemanns Musiklexikon aus dem Jahre 1929 hieß es über Keiser, ihm habe die „Ausdauer und die sittliche Kraft zu ernsterer Arbeit gefehlt“. Seine letzte Oper habe gegenüber der ersten keinen Fortschritt aufgewiesen (was nachweislich falsch ist).

Die negative Beurteilung von Keisers Charakter beruht ausgerechnet auf den Äußerungen seines Freundes Johann Mattheson. Der große barocke Musikschriftsteller und Musiker Mattheson, der ebenfalls in Hamburg wirkte, hatte in seinem biographisch-lexikalischen Buch „Grundlagen einer Ehrenpforte“ aus dem Jahre 1740, mit dem er den wichtigsten Musikern seiner Zeit ein Denkmal setzte, auch einiges über die Qualitäten Keisers als Weltmann festgehalten. Insbesondere berichtete er in – möglicherweise allzu beredten Worten – über Keisers legendäre Hamburger Winterkonzerte, an denen Mattheson teilweise selbst beteiligt war. Bei diesen barocken Spektakeln wurde nicht nur hervorragend musiziert, sondern auch aufs Opulenteste für das leibliche Wohl eines mondänen Publikums gesorgt. Keisers Kritiker, die in einer weniger barocken Zeit lebten, suchten sich aus Matthesons Schilderungen das, was sie für ihre Zwecke gebrauchen konnten und versahen es mit einem sauertöpfischen Akzent. Daß Mattheson den Musiker Keiser in der „Ehrenpforte“ und auch ansonsten über alles lobte und ihn „le premier homme du monde“ nannte, haben sie dagegen unter den Tisch fallen lassen; ebenso wie übrigens das an gleicher Stelle mitgeteilte Epigramm, welches Georg Philipp Telemann, Keisers großer Nachfolger im Hamburger Musikleben, zu dessen Tod im Jahre 1739 verfasste. Darin heißt es mit Blick auf die musikalische Erfindungskraft Keisers schlicht, er sei „größte Geist zu seiner Zeit gewesen“.

Dabei ist erstaunlich, daß gerade die Anhänger Händels so voreingenommen gegenüber Keiser waren. Händels eigenes Urteil über Keiser war nämlich ganz anders. Er spielte als junger Mann die zweite Geige in Keisers Hamburger Orchester und empfand große Bewunderung für den elf Jahre älteren Kollegen. Händel, der sich später ebenfalls intensiv auf dem Markt der antikisierenden Heldenoper engagierte, machte sogar in erheblichem Umfang musikalische Anleihen bei seinem Vorbild. Vielleicht hängt die Ablehnung Keisers damit zusammen, daß er den posthumen Preisrichtern aus dem Händellager als allzu ernsthafter Konkurrent ihres Schützlings im Wettbewerb um dem Titel des besten barocken Opernkomponisten aus Deutschland erschien (ein Titel, den Mattheson seinem Freund Keiser in der „Ehrenpforte“ sogar ohne die Einschränkung auf Deutschland verlieh).

Tatsächlich war Keiser einer der führenden Komponisten seiner Zeit. Allgemein bewundert wurde vor allem seine scheinbar unerschöpfliche melodische Erfindungskraft und sein Sinn für das Lyrische. In der Tat sprudelt es in seinen Opern nur so vor Einfällen. Als musikalischer Praktiker war er ein entscheidender Wegbereiter des aufkommenden „galanten Stiles“, welcher zu einem wichtigen Ausgangspunkt der Wiener Klassik werden sollte. Zu dieser Auffassung von Musik gehörte der Vorrang des Melodischen vor der Konstruktion, was in musikdramatischen Werken nicht nur eine erhebliche Steigerung und Differenzierung des Ausdrucks, sondern auch eine erhöhte Textverständlichkeit ermöglichte (dies hatte freilich jene Einschränkung des Kontrapunktes zur Folge, die Keisers Kritiker später als Unfähigkeit bezeichneten). Keiser hatte im übrigen auch großen Einfluß auf die Musiktheorie seiner Zeit. Matthesons monumentalem literarischem Hauptwerk „Der vollkommene Kapellmeister“, das unter anderem eine hoch komplexe musikalische Affektenlehre enthält, liegen weitgehend Keisers Ansichten zu Grunde. Sieht man all dies zusammen, stellt sich die Frage, wie die Kulturnation Deutschland eigentlich mit ihren großen Repräsentanten umgeht.

Keisers hohes Ansehen spiegelt sich nicht zuletzt in der Wertschätzung, die ihm Bach entgegenbrachte, den es eine Zeit lang ebenfalls mächtig in die Musikmetropole Hamburg zog (Keiser seinerseits sammelte seine ersten musikalischen Erfahrungen im Leipziger Thomanerchor, den Bach später übernehmen sollte). Wiewohl eigentlich mehr ein Vertreter der stilistischen Gegenrichtung des „gebundenen Stiles“ brachte Bach Keisers Markuspassion mindestens drei Mal zur Aufführung (1712 in Weimar, 1726 und zwischen 1743 und 1748 in Leipzig). Dabei stellte er von dem Werk, wie damals üblich, eine eigene Version her, bei der die jeweiligen Erfordernisse und Gegebenheiten der Besetzung berücksichtigt wurden. In der Weimarer Fassung etwa fügte Bach zwei Choräle hinzu (ob er ihr Autor ist, ist angesichts der etwas ungelenken Harmonieführung allerdings zweifelhaft). In der letzten Fassung ersetzte er sieben Arien von Keiser ausgerechnet durch Arien einer Passion von Händel. Wie Kaiser seine Passion selbst aufgeführt hat, wissen wir nicht. Eine Originalversion des Werkes wurde bislang nicht gefunden. Was wir heute davon wissen, beruht auf mehr oder weniger bearbeiteten Aufführungsmaterialien verschiedener Kantoren. Nicht zuletzt deswegen wird teilweise angezweifelt, ob die Passion von Keiser stammt.  

Keisers Passion war in vieler Hinsicht das Vorbild für Bachs Passionen. Dies fällt bereits beim formalen Aufbau auf. Bach übernahm die Abfolge von Chören, Evangeliumserzählung, Arien und Chorälen. Auch in der Arientechnik und in der Behandlung der Rezitative gibt es Parallelen. Besonders deutlich ist dies bei den Jesus Worten, die bei Bach und Keiser mit einem weichen Streicher-Akkompagnato unterlegt sind. Auf Bach abgefärbt hat im übrigen der Sinn des ausgewiesenen Theatermusikers Keiser für Dramaturgie.

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