1771 Johann Christian Bach (1735 – 1782) – Konzertante Symphonie A-Dur

Die vier Söhne Johann Sebastian Bachs, die den Beruf des Musikers ergriffen, wurden in eine Zeit des Umbruchs in den künstlerischen Anschauungen geboren. Ihr Vater hatte, zusammen mit Händel, das ungemein fruchtbare Zeitalter des musikalischen Barocks zum Höhepunkt und zugleich zu Ende geführt. Ab dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts begann ein Periode des Suchens nach neuen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten. An die Stelle der komplexen und mitunter schwergewichtigen kontrapunktischen Diktion, die insbesondere Bach Vater praktizierte, trat die bewusste Einfachheit und Heiterkeit des „galanten Stils“. Im Laufe des Jahrhunderts mischten Sturm und Drang und Empfindsamkeit weitere Farben in das Bild einer Epoche, die man später als Vorklassik deutete, die aber wohl treffender mit der Bezeichnung musikalisches Rokoko charakterisiert ist. Bachs Söhne trugen – je auf ihre Weise – dazu bei, die Wege durch die neue Zeit zu bahnen, Wege, die schließlich zum dem führen sollten, was wir heute die musikalische Klassik nennen.

 

Den im wahrsten Sinne des Wortes weitesten Weg ging hierbei Johann Christian Bach. Die verzweigte Musikerfamilie Bach hatte sechs Generationen lang im protestantischen Milieu Mitteldeutschlands gelebt. Auch drei älteren Brüder Johann Christian Bachs haben sich nur unwesentlich aus dieser Region entfernt. Den jüngsten der Bach Söhne aber drängte es in die Welt, wo er hoffte, die heimatliche Enge nicht nur in musikalischer, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht hinter sich lassen zu können. Nachdem er im Alter von 15 Jahren seinen Vater verloren hatte, lebte er zunächst einige Jahre bei seinem Bruder Philipp Emanuel in Berlin. Dort entzündete sich seine Begeisterung für die italienische Oper, eine musikalische Gattung, zu der man in der Familie Bach bislang misstrauische Distanz gehalten hatte. Als sich ihm, kaum dass er 20 Jahre alt war, die Gelegenheit zur Übersiedlung in das Herkunftsland dieses schillernden Genres bot, griff er zu und begab sich nach Mailand. Dort kappte er alsbald die Bande zur prosaisch-protestantischen Heimat, nannte sich Giovanni Bach und trat sehr zum Verdruss seiner Brüder, die darin den Verrat an der Familientradition sahen, zum katholischen Glauben über (und zwar ganz pragmatisch, weil dies in Italien die Voraussetzung für eine gute Anstellung war). Binnen kurzem gelang es ihm nicht nur in der Kirchenmusik (er wurde Organist am Mailänder Dom), sondern auch in der Opernszene Italiens Fuß zu fassen. Er komponierte erfolgreiche Opern mit so weltläufigen Themen wie „Ataxerxes“, „Cato in Utica“ und „Alexander in Indien“. Schon bald waren seine materiellen Verhältnisse weit günstiger als es die seines Vaters und seiner Brüder je gewesen waren.

 

Da sich seine Erfolge als Opernkomponist bis England herumsprachen, erhielt er eine Einladung an das Kings Theater in London. Im Jahre 1762 zog er in die englische Hauptstadt und betrat trat damit ein musikalisches Terrain, in dem, anders als auf dem Kontinent, wo die persönliche Protektion zählte, die Gesetze des Marktes vorherrschten. Dies eröffnete erhebliche wirtschaftliche Möglichkeiten, barg aber auch entsprechende Risiken. Auch für London schrieb Johann Christian Bach verschiedene, in der Weite der (antiken) Welt angesiedelte Opern, etwa „Hadrian in Syrien“. Bereits ein Jahr nach seiner Ankunft in der Metropole des Marktes begann er sich aber auch als musikalischer Unternehmer zu betätigten. Zusammen mit dem Gambisten und Cellisten Friedrich Abel, der in Vater Bachs hervorragendem Köthener Orchester tätig gewesen war, rief er die Bach-Abel Konzerte ins Leben, die zu einem zentralen Bestandteil des Londoner Musiklebens werden sollten. In den folgenden 23 Jahren gingen in den Monaten Januar bis Mai in der Regel jeweils 15 Konzerte, insgesamt über 1700 Veranstaltungen, über die Bühne, in denen alles auftrat was Rang und Namen hatte (unter den Zuhörern war 1764 auch der 8-jährige Mozart, der hierbei von Bach viel über die italienische Symphonie und die Oper lernte). Vor allem aber traten Abel und Bach dabei selbst und mit eigenen Werken auf. Bach schrieb hierfür immer wieder neue Stücke aller möglicher Gattungen, darunter über 40 Symphonien einschließlich einer Reihe von konzertanten Werken dieser Art.

 

Für diese Veranstaltungen ist zwischen 1764 und 1771 auch die Konzertante Symphonie in A-Dur entstanden, die als eine „wahre Perle“ unter Johann Christian Bachs Kompositionen gilt. Mozart, dessen eigene Variante des galanten Stiles ohnehin stark von Bach beeinflusst wurde (die beiden trafen 1778 wieder in Paris zusammen), hat Elemente des ersten Satzes in das „Incarnatus“ seiner c-moll Messe übernommen. Der zweite Satz ist eine pastellfarbene Schäferidylle der Art, wie sie das Zeitalter des Rokoko liebte.

 

Johann Christian Bachs hat die Möglichkeiten, die ihm der Londoner Musikmarkt bot, in vollen Zügen genossen. Er führte ein luxuriöses Leben und verkehrte in den besten Kreisen, nicht zuletzt am englischen Hof, wo er der Lehrer der Königin und der zahlreichen Prinzen und Prinzessinnen war. Gegen Ende seines Lebens musste er aber auch die Schattenseiten des kapitalistischen Musikbetriebes erleben. Eine hohe Investition in ein elegantes Konzerthaus sollte sich als zu teuer erweisen, zumal die Nachfrage nach seinen Konzerten nachließ. Am Schluss war der Liebling der Gesellschaft hoch verschuldet. Angesichts sich häufender Probleme geriet er in gesundheitlichen Verfall und starb im Alter von 46 Jahren. Zu seinem Begräbnis erschienen nur vier seiner zahlreichen früheren Freunde, was seine Brüder als Preis für mondäne Extravaganz angesehen haben dürften.

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