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Ralph Vaughan Williams (1872 – 1958) Phantasie über ein Thema von Thomas Tellis für Streichquartett und Doppelstreichorchester

In der englischen Musikgeschichte klafft, soweit es um den schöpferischen Aspekt der Kunstmusik geht, ein merkwürdiges Loch. In der Zeit der Renaissance und des Barock, in der sich die Grundlagen der einzigartigen Entwicklung der europäischen Kunstmusik herausbildeten, war England durchaus auf der Höhe der allgemeinen Entwicklung und leistete wesentliche Beiträge zum Fortgang der Musikgeschichte. Mit Henry Purcell bricht Ende des 17. Jh. die Reihe überregional wichtiger Komponisten jedoch unvermittelt ab. Zwei hundert Jahre bringt England nun keinen einheimischen Komponisten von europäischem Format mehr hervor. Erst gegen Ende des 19. Jh. regt sich der nationale Musikgeist wieder und mahnt, nicht zuletzt um den Deutschen Paroli zu bieten,  eine englische Musikrenaissance an. Mit Edward Elgar erhebt sich wie aus dem Nichts ein schöpferischer Musiker, der zum national-imperialen Heros wird. Angeführt von Vaughan Williams, Gustav Holst und Frederick Delius setzt sich die Reihe der bedeutenden Musiker fort, um schließlich mit Benjamin Britten wieder eine Figur von Weltgeltung hervorzubringen.

Die Musiker, die ihre Prägung, wie Vaughan Williams, gegen Ende des 19. Jh. erhielten, wuchsen zunächst im spätromantischen Geist auf. Englischer Konservativismus und insulare Abgeschiedenheit trugen aber dazu bei, dass sie von den vorwärts stürmenden Tendenzen des Kontinentes vom Anfang des 20. Jh. wenig berührt wurden. Man suchte vielmehr eine Musik im englischen Geist. Vaughan Williams fand ihn im Volkslied und unter Überspringen des  Lochs in der englischen Musikgeschichte im Rückgriff auf die große alte Zeit des 16. Jh. So ist es denn wenig verwunderlich, dass er sich dem bedeutenden englischen Renaissance Komponisten Thomas Tallis zuwandte. Er übernahm ein Thema aus einer Sammlung von Chorwerken, um darum eine „fantasia“ zu komponieren, eine beliebte Musikform der elisabethanischen Zeit, die auf der freien Entwicklung eines Themas basiert. Ganz gegen die Tendenzen seiner Zeit schrieb er das Werk wie Tallis in modaler Harmonik, nämlich in der phrygischen Kirchentonart. Auch griff er zurück auf die antiphonische Musizierweise, die im England der Renaissance in großer Blüte stand und bis heute in der traditionellen englischen Kirchenmusik herrscht. Dabei kommunizieren mehrere Chöre miteinander in der Form von Rede und Antwort. In der Tallis-Phantasie wird dabei einem größeren Orchester ein kleineres und zusätzlich ein Streichquartett gegenübergestellt. Diese Gruppen agieren teils separat, teils vereinigen sie sich zu gewaltiger Klangfülle, die noch dadurch verstärkt wird, dass die einzelnen Gruppen auch in sich mehrfach geteilt werden. Insofern knüpft Vaughan Williams an die stupende Vielstimmigkeit an, welche die Meister der Renaissance mit geradezu kunsthandwerklichem Ehrgeiz praktizierten. Im Wettbewerb um die kunstvollsten Musikkonstrukte nahm nicht zuletzt Tallis mit einem vierzigstimmigen Chorwerk einen Spitzenplatz ein. Im Übrigen sind die verschiedenen thematischen und formalen Elemente im Sinne beethovenscher Verarbeitungstechnik kunstvoll verwoben und dramaturgisch effektvoll  organisiert. Vaughan Williams spielt dabei mit Synkopisierungen und Taktwechseln virtuos mit den renaissancetypischen rhythmischen Schwerpunktverlagerungen. Das hoch expressive Werk ist ein einziges Wogen um die Melodie von Tallis, das sich schließlich zur großen Klimax steigert, um danach ruhig auszuklingen.

Vaughan Williams erzielte mit diesem Werk aus dem Jahre 1910  im Alter von 40 Jahren seinen Durchbruch und fand seinen unverwechselbaren Personalstil. Allen seinen sonstigen zum Teil sehr ambitionierten Werken, darunter neun Symphonien, zum Trotz ist es bis heute sein bekanntestes Werk.

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