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Münchhausens und Rudolf Erich Raspes Abenteuer und Reisen

Ein digitaler Spaziergang durch das literarische Leben des 18. Jahrhunderts

Auf dem Flohmarkt habe ich den „Münchhausen“ erworben. Es ist eine jener Prachtausgaben, welche im 19. Jahrhundert beliebt waren, mit einem weinroten, fein ornamentierten geprägtem Einband, auf dem eine goldene Vignette in der Form eines Adelswappen prangt. Herausgegeben hat sie der umtriebige Stuttgarter Verleger und Multiunternehmer Eduard Hallberger, der nicht zuletzt mit derart großartigen, in alten Stilen drapierten illustrierten Büchern eine Menge Geld verdient haben muss – nach seinem Tod konnte sich seine Tochter, die einen Sproß der verarmten fränkischen Adelsfamilie Reitzenstein geehelicht hatte, jedenfalls von seiner Hinterlassenschaft unmittelbar bevor die gute alte Zeit zu Ende ging, welche die Prachtausgaben ermöglichte, auf den Höhen der schwäbischen Metropole allen Behauptungen über die Sparsamkeit ihrer Bewohner und über ihre Neigung zur Verschleierung ihres Wohlstandes zum Trotz eine dem neuen Stand gemäße Prachtvilla  samt immenser Bibliothek in jener schön unechten Manier bauen, die man mit einem etwas abfälligen Unterton den zweiten oder den historistischen Stil nennt. Die Residenz, Villa Reitzenstein genannt, kommt so grandios neobarock daher, wie die Prachtausgaben, die Hallberger verlegte. Heute ist dieses größte Herrenhaus Stuttgarts, das mehr oder weniger unbeschadet durch die Verwüstungen des zweiten Weltkriegs und der nachfolgenden, den alten Stilen nicht eben günstige Zeit kam, nichts weniger als der Sitz des lokalen Landesherren.

Meine Ausgabe des „Münchhausen“, um in die Niederungen der kleinen alten Gebrauchtwaren zurückzukehren, ist zwar mit all dem handwerklichen Aufwand und der meisterlichen Liebe zum dekorativen und buchtechnischen Detail gefertigt, die beim Büchermachen nicht anders als bei allen anderen Gebrauchsgegenständen seinerzeit noch üblich waren. Sie hatte aber in den so außerordentlich unruhigen rund eineinhalb Jahrhunderten, welche sie durchlebt und irgendwie überstanden hat, offenbar nicht weniger als die Welt im Allgemeinen durchgemacht. Das Buch war in einem beklagenswerten Zustand. Der Rücken war zerfetzt und hing nur noch an ein paar Fäden am Buchblock, derselbe war in Auflösung begriffen, das Rot des Einbandes zu einem schmutzigen Grau geworden, die goldene Vignette verblasst und der Titel, der darin kunstvoll eingearbeitet war, gänzlich unleserlich geworden. Es schien, als habe das Buch lange in einem feuchten Keller gelegen und sei danach auf Flohmärkten Wind und Wetter ausgesetzt gewesen, weil sich seines Zustandes wegen niemand dafür interessierte. Wegen eben dieser Verfassung hat es offenbar auch niemand einmal aufgeschlagen. Und so hat scheinbar keiner bemerkt, dass es von Innen recht gut erhalten war, vor allem aber, dass es mit den wundervollsten Illustrationen ausgestattet ist. Die Vorlagen dazu hat niemand geringeres als Gustav Doré geliefert, der größte und fruchtbarste Vertreter der großen Illustratorenzunft des 19. Jahrhunderts. Kunstfertige Holzschneider aus Hallbergers angesehener Xylographischer Anstalt haben aus Dorés Zeichnungen feine Holzstiche gefertigt, die sich fast auf jeder Seite des Prachtwerkes finden. Sie sind im dem wild-skurilen Stil der Frühzeit des französischen Meisters gezeichnet, der nur zu gut zu den exzentrischen Geschichten des Freiherrn von Münchhausen passt. In diesem Stil sind auch die Illustrationen zu den „Tolldreisten Geschichten“ von Balzac, Dorés fulminatem Erstlingswerk, sowie die Bebilderungen des „Gargantua“ von Rabelais und Cervantes’ „Don Quichote“ gehalten, die neben einigen Prachtwerken wie der Bibel oder Dantes „Göttliche Komödie“ aus Dorés späterer Zeit, welche nach Art des späten 19. Jahrhunderts. ähnlich wie die Villa Reitzenstein zum Monumentalen neigen, bereits seit längerem Teil meiner Sammlung antiquarischer Bücher sind, wo sie neben zahllosen weiteren Hervorbringungen der inzwischen ausgestorbenen Kunst des Holzstiches eine plünderungssichere Heimstatt gefunden haben.

Das schäbige Müchnhausen-Buch, für das der Verkäufer nur ein paar Euro verlangte, litt in meiner Bibliothek zunächst das Schicksal des hässlichen Entleins, dessen Geschichte der Märchenerzähler Hans Christian Andersen ein paar Jahre vor dieser Ausgabe veröffentlicht hatte. Es lag längere Zeit missachtet unter einem Stoß unbearbeiteter alter Bücher. Irgendwann übermannte mich das Mitleid mit dem armen zerschlissen Stück. Ich besorgte mir Buchbinderleim und machte mich daran, die losen Teile zusammenzukleben. Nachdem der Rücken wieder befestigt war, sah das Buch schon wesentlich ansehnlicher aus. Mit einem feuchten Tuch wischte ich dann auch noch den Moder vom Einband, wodurch seine vornehme weinrote Farbe und die goldene Vignette wieder etwas zum Vorschein kamen. Nach dieser Prozedur war das hässliche Entlein zwar nicht zu einem blütenweißen stolzen Schwan geworden, konnte sich aber sehen lassen.

Bei dieser Gelegenheit schaute ich auch einmal näher in das Buch hinein. Hier fiel zunächst das Frontispiz ins Auge, das die Abbildung der Büste eines Mannes von abenteuerlicher Physiognomie zeigte, mit  monströser Hakennase, wild hoch gezwirbeltem Schnurrbart und jeweils drei schillerllockenartigen Haarrollen, die in prekärer Statik rechts und links einer Glatze angebracht waren. Vor der Büste, die mit dem Namen Canova und der Jahreszahl 1766 gezeichnet war, ein Zeitpunkt, zu dem dieser berühmteste Bildhauer des 18. Jahrhunderts freilich erst neun Jahre alt war, stand ein Wappenschild mit dem Motto „Mendace veritas“, eine verquere Kombination des italienischen Wortes „mendace“, was so viel wie falsch oder lügenhaft, in seinem lateinischen Ursprung „mendax“ aber auch nachgemacht bedeutet, und mit dem lateinischen Begriff für Wahrheit, den man etwa aus dem auch nicht unbedingt tatsachennahen Weinspruch „in vino veritas“ kennt, zusammen gelesen also lügenhafte Wahrheit, oder vielleicht auch Wahrheit in der Lüge. Ich las dann das mit einer imposanten Holzschnittinitiale beginnende Vorwort, welches in jenem freundlich plaudernden Stil verfasst war, in dem man im 19. Jahrhundert Bücher vorstellte. Der Text stammte von einem Redakteur des seinerzeit beliebten Wochenblattes „Über Land und Meer“, welches  der wackere Schwabe Hallberger reich illustriert mit Holzstichen aus seiner Xylographischen Anstalt ebenfalls herausgab und das ihm wohl einen Gutteil seines so ansehnlichen Vermögens einbrachte. Was ich in diesem Vorwort las, erregte sofort meine Neugier. Es erwies sich nämlich, dass das weltberühmte Werk eine Geschichte hatte, die nicht weniger schmuddelig, unfest und verwinkelt war, als die des Buchexemplars, welches sich nun in meinem Besitz befand.

Schon die Tatsache, dass das Werk, welches erstmals im Jahre 1785 erschien, von einem deutschen Autor in englischer Sprache veröffentlicht wurde, um dann von dem  renommierten deutschen Dichter Gottfried August Bürger nebst eigenen Zutaten zurück ins Deutsche übersetzt zu werden, war ziemlich merkwürdig. Hinzu kam, dass man lange Zeit den Autor verschwieg. Denn dieser war nicht etwa der Freiherr von Münchhausen, der in dem Werk als Ich-Erzähler auftritt. Einen solchen Herrn, er war freilich ein Baron, hat es zwar realiter gegeben und er soll auch ein ziemlicher Aufschneider beim Erzählen der Jagd- und Kriegsgeschichten gewesen sein, welche er im Kreis seiner Bekannten gerne zum Besten gab. Auf die Ehre, für den Urheber der Lügengeschichten des schnell bekannt gewordenen Werkes zu gelten, hätte der extrovertierte Adelsherr allerdings wohl gerne verzichtet, da dies seinem Namen nicht eben förderlich war. Denn nicht nur wurde, wie im Vorwort meiner Prachtausgabe zitiert, aus dem jovial-weltmännischen Gesellschaftslöwen, der er offenbar war, ein Erzähler, welcher seine Stories „mit weit aus dem Kopf tretenden funkelnden Augen, immer röter werdendem Gesicht, Schweißtropfen auf der Stirn und mächtig herumfechtenden Augen“ präsentierte. Bald sollten Münchhauseniaden neben Eulenspiegeleien und Donchichoterien auch zum „geflügelten Namen für bewusste und unbewusste Narrheit, Abenteuerlichkeit und Lüge“ werden.

Der wirkliche Autor des „Münchhausen“ war ein gewisser Rudolf Erich Raspe, von dem ich, wiewohl ich glaubte, mich in derartigen Dingen einigermaßen auszukennen, noch nie etwas gehört hatte. Man vermutete, dass er zum Kreis der Zuhörer des Barons gehörte, dessen Gastfreundlichkeit er mit der Veröffentlichung des „Münchhausen“ dann aber ziemlich missbraucht haben würde. Raspe trat als Verfasser des Werkes aber nicht in Erscheinung. Er war so wenig vorzeigbar, dass er sich zeitlebens nicht zu seinem Bestseller bekannte und auch von Herausgebern und Bearbeitern des Werkes nicht als Autor genannt wurde. In Deutschland hielt man vielmehr Bürger für den Autor. Erst dreißig Jahre nach Raspes Tod, der 1794 starb, stellte Bürgers Biograph Karl von Reinhard klar, wer der Verfasser war.

Besondere Neugier musste bei mir, der ein Berufsleben lang mit Menschen krummen Lebensverlaufs zu tun hatte, die Bemerkung im Vorwort des Prachtbandes erregen, wonach sich dieser Rudolf Erich Raspe nach England abgesetzt hatte, um sich einer Verhaftung zu entziehen. Ich warf sofort meinen Computer an, um Näheres zu erfahren. Natürlich wurde ich alsbald fündig. Raspe, den man in alten Lexika vergeblich sucht und der in neueren Nachschlagewerken nur mit wenigen Zeilen bedacht wird, war im Netz kein Unbekannter. Damit begann ein ausgedehnter Spaziergang durch die Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts, wie er erst im digitalen Zeitalter möglich geworden ist.

Dieser Raspe, geboren 1736, war, wie ich nun bei Wikipedia erfuhr, selbst eine ziemlich abenteuerliche Figur. Von Haus aus war er Jurist, bestätigte aber von Anfang an die gängige Vorstellung, dass ein Jurist zu allem Möglichen fähig sei. Er befasste sich nicht nur schriftstellerisch mit den unterschiedlichsten Themen, sondern übte auch eine Vielzahl von Berufen aus.

Seine Berufslaufbahn begann Raspe als Bibliotheksschreiber und Bibliothekar in Hannover, wo er sich zuerst durch eine in Latein geschriebene Abhandlung über Geologie hervortat, ein Wissensgebiet für das er als Sohn eines Bergbaubeamten zeitlebens ein Faible hatte. Dazu angeregt wurde er durch das Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755, das Ereignis, welches, wie ein schneller Blick in den entsprechenden, in Wikipedia verlinkten Artikel bestätigte, die Fundamente des christlichen Weltbildes durch die kritische Frage erschütterte, wie ein guter Gott ein solches Desaster zulassen konnte. Verwirrung hatte damals vor allem der Umstand erzeugt, dass das Erbebeben im christlichen Lissabon viele Kirchen zerstört, ausgerechnet aber das Rotlichtviertel verschont hatte. Die Diskussion darüber hatte die gängigen naiven Annahmen über die Qualitäten und Möglichkeiten Gottes in Frage gestellt und der Aufklärung einen wesentlichen Schub gegeben.

In der Bibliothek von Hannover entdeckte Raspe dann diverse bis dato unbekannte Schriften von Gottfried Wilhelm Leibnitz, der, wie der Klick auf dessen Wikipedia Artikel ergab, einer seiner Vorgänger in hannoverschen Bibliotheksdiensten und ebenfalls ein Jurist und Polyhistor, letzteres freilich in noch größerem Maße als Raspe war. Mit der Veröffentlichung der Leibnitztexte im Jahre 1765 erzielte Raspe erstmals eine größere Wirkung im geistigen Raum. Denn sie leitete eine Renaissance dieses universellen Denkers ein, dessen Ruf zuletzt durch den satirischen Roman „Candide“, der 1759 (Klick) erschien, ramponiert worden war, in dem Voltaire, ohne sich zu erkennen zu geben, das Leibnitz’sche Postulat, wonach die vorhandene Welt die beste aller Welten sei, in Hinblick auf das Lissaboner Unglück durch den Kakao zog. Die Leibnitztexte, welche Raspe herausgab, haben etwa den jungen Immanuel Kant dazu veranlasst, seinen philosophischen Ansatz neu zu fassen.

Bald darauf war Raspe erneut an der Speerspitze der geistigen Entwicklung. Kurz nach dem Erscheinen der ersten Gedichte, welche der Schotte Macpherson unter dem Namen Ossian veröffentlicht hatte, stellte Raspe den angeblichen altgälischen Barden dem Deutschen Publikum vor und trug damit wesentlich zum Aufkommen der Ossianbegeisterung bei, welche die Sturm und Drang Bewegung befeuern und die deutschen Klassiker erfassen sollte. Ein Klick und ich befand mich im Artikel über diese Fälschungsgeschichte, die nicht nur inhaltlich eine wahre Münchhauseniade ist, sondern auch was die Verschleierung des Autors betrifft Parallelen zum „Münchhausen“ hat. In Hannover beschäftigte sich Raspe noch mit manch anderen Themen. Unter anderem verfasste er ein umfangreiches Versepos, das als die erste Romanze der deutschsprachigen Literatur gilt. Er hatte Kontakt zu allerhand in- und ausländischen Geistesgrößen, darunter Benjamin Franklin, Winkelmann und Herder, auf deren Artikel zu klicken ich mir aber versagte, um mich nicht ganz in der unendlichen Weite des digitalen Raumes zu verlieren.

Im Alter von einunddreißig Jahren wurde Raspe nach Kassel berufen, um die Kunst- und Münzsammlungen des Landgrafen von Hessen-Kassel zu ordnen und zu verwalten. Für diese erstellte er in der Folge einen 12-bändigen Katalog der 15.000 Objekte, welche der Adelsmann mit sicher nicht immer zweifelsfreien Methoden zusammengetragen hatte. Außerdem wurde er dort zum Professor für Altertümer ernannt. Daneben trieb er weitere Forschungen auf den Gebieten der Geologie und Erdgeschichte und schrieb eine Abhandlung über die Mammuts, die ihm eine Mitgliedschaft in der Royal Society Englands einbrachte. Dazu übersetzte er das Werk des italienischen Kunstkenners Francesco Algarotti „Versuch ueber die Architectur, Mahlerey und musikalische Opera“ ins Deutsche, was mich per Mausklick kurz in die Tafelrunde Friedrichs des Großen versetzte, zu der wie Voltaire auch Algorotti gehörte, welch letzterer als arbiter elegantiarum nicht nur den jungen Musenfeund Friedrich, sondern auch den Dresdener Hof in Fragen der Kunst und des Aufbaus der entsprechenden berühmten Sammlungen beriet. Daneben verfasste er noch ein Werk über den Vulkanismus in Deutschland, mit dem er en passant die Vulkanologie begründete. Nicht genug –  Raspe gab auch noch zusammen mit dem hugenottischen Aufklärer Mauvillon, dessen Artikel ich ebenfalls einen Besuch abstattete, den „Casselitischen Zuschauer“ heraus, in dem er sich unter anderem über strafrechtliche Fragen, nicht zuletzt, fachkundig wie er nun einmal war, über Hochstapelei ausließ. Er schrieb auch über Musikinstrumente und eine Reihe weiteren Themen, darunter laut Wikipedia auch über Lithographie, die aber – wiederum laut Wikipedia – erst 1796, also zwei Jahre nach Raspes Tod von Alois Senefelder erfunden wurde, was zeigt, dass auch im virtuellen Raum offensichtlich manches auf schwankendem Grund steht.

In der Kasseler Zeit bekam Raspes Biographie jenen Knick, der dazu führte, dass er Deutschland verließ. Hintergrund war, dass das Gehalt, welches er in Hannover und Kassel erhielt, auch nicht annähernd dazu ausgereicht hatte, seinen Lebensstil zu finanzieren. Bei diesem hatte er sich offenbar zu sehr an seinen Auftraggebern orientiert, die sich bekanntlich mit Herkules verglichen, dessen bombastische Statue sie samt monumentalen Wasserspielen unter Missachtung kleinlicher Sparsamkeitserwägungen auf den Höhen über der hessischen Metropole wie Madame Reitzenstein ihre Villa über Stuttgart platziert hatten. Womöglich inspirierte der antike Kraftprotz und Alleskönner Raspe zu dem Versuch, den Augias-Stall seiner Finanzen dadurch auszumisten, dass er den Strom der landgräflichen Reichtümer ein wenig durch seine eigenen Taschen leitete. Offensichtlich in der Annahme, dass es bei der Menge der Pretiosen, welche der Landgraf, wozu auch immer, angesammelt hatte, nicht weiter auffallen würde, wenn einige fehlten, nahm er eine beachtliche Anzahl der wertvollen Münzen an sich. Als dies herauskam, war er gerade auf dem Absprung nach Italien, um im Auftrag seines fürstlichen Arbeitgebers in Venedig diplomatische Verhandlungen zu führen und neue Artefakte zu aquirieren, wurde zurückgerufen und verhaftet, konnte aber entfliehen und setzte sich 1775 über Holland nach England ab. Hier war man von dem zwielichtigen Flüchtling zunächst „not amused“ und strich ihn aus dem Verzeichnis der Mitglieder der „Royal Society“. Seitdem galt er vielen als Spitzbube und notorischer Schwindler, was ihn zum geborenen Verfasser des „Münchhausen“ machte. In Deutschland setzte man noch eins drauf, indem man ihn in seiner Kasseler Freimaurerloge in den Status civiliter mortuus, zu Deutsch des bürgerlichen Todes versetzte.

In England setzte Raspe seine literarische Tätigkeit dennoch fleißig fort, was ihm dann doch noch den Ruf eines „man of merit and reputation“ einbrachte. Er übersetzte sein Werk über den Vulkanismus in Deutschland in die englische Sprache. Umgekehrt half er dem deutschen Weltwanderer Georg Forster, der gerade von einer dreijährigen Erdumsegelung mit James Cook zurückgekommen war, den Bericht über diese Reise ins Deutsche zu übersetzen, womit er, wie ein Klick in dessen Artikel ergab, Hebammendienste bei der Zwillingsgeburt der modernen deutschen Reiseliteratur und der Ethnologie leistete – Wieland bezeichnete Forsters Buch, das eine mir nicht unvertraute Mischung aus Reisebericht, ethnologischer Beobachtung und philosophischer Reflektion enthält, als das bemerkenswerteste Buch seiner Zeit. Bei dieser Gelegenheit konnte ein Exkurs in die ebenfalls ziemlich verschlungene Biographie Forsters nicht ausbleiben, der am Ende seines kurzen Lebens in der Stadt Mainz, für die ich nicht nur wegen meiner dort verbrachten Schulzeit, sondern auch in meiner Eigenschaft als Bücherliebhaber Heimatgefühle empfinde, führend an den revolutionären Prozessen beteiligt war, welche das Ende des 18. Jh. und der ganzen Geschichtsepoche einleiteten, die in ihm kulminierte. Dies hatte viel mit dem Medium Buch zu tun, dessen weltverändernde Karriere in Mainz begann. Gutenberg leistete hier mit der Erfindung des Buchdrucks einen wichtigen Beitrag zur Literarisierung der Welt und damit auch dazu, die Ideen der Aufklärung zu verbreiten, die etwa auch Raspe per Buch verbreitete, eine Entwicklung, die heute in der Herausbildung des weltumspannenden digitalen Netzes eine Fortsetzung findet, welche so Vieles in Bewegung gesetzt hat und ins Unabsehbare zu führen  scheint.

Auch in England, um in die Niederungen von Raspes Leben zurückzukehren, habe dieser, wie es in seinem Wikipedia-Artikel weiter heißt, einige wichtige literarische Entdeckungen getätigt. So soll er in der Universitätsbibliothek von Cambridge das Manuskript des mittelalterlichen deutschen Mönchs Theophilus Presbyter über die Maltechniken des Mittelalters gefunden haben, mit dem der Beweis geführt werden konnte, dass die Ölmalerei schon drei Jahrhunderte vor den flämischen Malern Hubert und Jan van Eick praktiziert wurde, die man bis dato für die Erfinder dieser Technik hielt – auch zu diesen musste ich natürlich noch schnell einen Abstecher machen. Eine kleine elektronische Abzweigung in den Artikel über Theophilus Presbyter zeigte freilich erneut, dass im digitalen Raum nicht alles fest mit den Tatsachen verlinkt ist. Dort hieß es nun, dass Lessing das Manuskript entdeckte habe, und zwar in der berühmten Bibliothek von Wolfenbüttel, wo dieser Aufklärer, wie ein Klick in seinen Artikel ergab, zu der Zeit Bibliothekar war, in der Raspe das Presbyter-Manuskript in Cambridge gefunden haben soll. Bei dieser Gelegenheit fand ich auch noch – alles scheint irgendwie mit allem vernetzt zu sein -, dass Raspe Lessings „Nathan“ noch vor der Berliner Erstaufführung im Jahre 1783 ins Englische übersetzt hat, ein Stück, das, wie ein Klick in einen Artikel zur Rezeptionsgeschichte dieses Werkes ergab, wegen der Fortschrittlichkeit seiner aufklärerischen Toleranzbotschaft seinerzeit höchst umstritten war und zu Lebzeiten des Autors nicht aufgeführt werden konnte. Nur am Rande sei erwähnt, dass ich hierbei darauf stieß, dass sich auch Lessing mit dem Erbeben von Lissabon beschäftigte, worüber ich in eine über 700 Seiten starke theologische Dissertation mit dem Titel „Lissabons Fall – Europas Schrecken“ aus dem Jahre 1999 geriet, die aber auf so tolldreiste Weise das Gebot der Verständlichkeit außer Acht ließ, dass ich mich wie weiland Münchhausen am eigenen Schopf aus dem weichen Sumpf abenteuerlicher Begrifflichkeiten herausziehen musste und die Flucht zurück zu Wikipedia antrat.

In England geriet Raspe erneut finanziell auf die schiefe Bahn, weswegen er auf Antrag eines Schneiders in Haft genommen wurde. Daraus hat ihn der exzentrische englische Schriftsteller, Kunstsammler und Politiker Horace Walpole, Sohn eines Premierministers seiner britischen Majestät, freigekauft, der eine so ungerade Persönlichkeit wie Raspe zu schätzen wusste – auch hier konnte ich mich eines Klicks nicht enthalten, der mich tief in die englische Politik und in die bemerkenswerte Lebensweise des englischen Establishments führte. Walpole war ebenfalls ein deviationistischer Trendsetter. Er war mit seinem Roman „Schloß Otranto“, für den sein eigenes, auf ziemlich bizarre Weise in unechter Gotik ausgestattetes Herrenhaus „Strawberry Hill“ Pate stand, der Begründer des englischen Schauerromans, der Gothic Novel. Außerdem leitete er mit der Gestaltung seines Gartens den Wechsel vom barocken, französisch-geometrischen zum englisch-asymmetrischen Landschaftsgarten ein, der bald den ganzen Kontinent erobern sollte. Walpole holte Raspe nicht nur aus der Haft, sondern stellte ihm auch Mittel für die Veröffentlichung einiger Kunstschriften zur Verfügung.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte der unruhige Deutsche weiter auf den britischen Inseln, wo er sich, alter Leidenschaft folgend, hauptsächlich mit dem befasste, was sich unter dem Boden findet, auf dem wir einen so festen Stand zu haben glauben. Er betätigte sich im Bergwerkswesen, unter anderen als Explorateur und Minenleiter. Auch hier finden wir ihn wieder im Umfeld der Spitze einer gesellschaftlichen Entwicklung, die das Ende eines Zeitalters und den Beginn eines gänzlich neuen einleitet. Er arbeitete für Mathew Boulton, einen Pionier der industriellen Revolution (Klick), der mit James Watt (Klick) Dampfmaschinen entwickelte, welche bald die Welt revolutionieren sollten. Seinen Beitrag zur industriellen Revolution leistete er durch die Erfindung der Härtung von Stahl durch Wolfram, was große Bedeutung für das aufkommende Maschinenzeitalter haben sollte. Nebenbei katalogisierte er als ausgewiesener Medaillenkenner noch die 16.000 Objekte umfassende Gemmen- und Kameensammlung eines schottischen Medaillenherstellers.

Raspe scheint dann aber wieder seiner Neigung zum „Spitzbuben und notorischem Schwindler“ nachgegeben zu haben, indem er einen schottischen Magnaten dazu veranlasste, viel Geld in Voruntersuchungen zum Abbau von Mineralien zu stecken, deren Vorhandensein er dadurch vorgetäuscht haben soll, dass er Erze in die Moore einbrachte, in denen die Mineralien gefunden werden sollten. Als dies herauskam, zog er es wieder vor, sich zu verdrücken. 1793 ging er nach Irland, wo er einen Landgutbesitzer in Sachen der dortigen Kupferminen beriet. Hier starb er im Jahre 1794 und wurde in einem anonymen Armengrab bestattet.

Bei all diesen Aktivitäten fand der literarisch-naturwissenschaftliche Tausendsassa noch die Zeit, sein einziges Projekt durchzuführen, das auch wirtschaftlich einigen Erfolg hatte: die Herausgabe des „Münchhausen“. Geschützt durch den Ärmelkanal lud Raspe dafür zum einen ungeniert einige Episoden aus den Erzählungen des realen Baron von Münchhausen mit wüsten Übertreibungen auf. Im Übrigen bediente er sich der Collectaneen, auf welche er bei seinen Wanderungen durch die Bibliotheken Deutschlands und Englands gestoßen war, angefangen von der über eineinhalbtausend Jahre alten ersten großen Lügengeschichte der abendländischen Literatur, der „Wahren Geschichte“ des Lucian – hier brauchte ich nicht zu klicken, da mir dieser „Voltaire der Antike“ nur zu gut bekannt ist – bis zu seinem Zeitgenossen Georg Christoph Lichtenberg, dem skurilen Göttinger Gedankendrechsler und Spötter, dessen Link ich, da auch er zu meinen Favoriten zählt, ebenfalls auslassen konnte.

In seiner ersten Fassung von 1785 war der „Münchhausen“ noch eher schmal. Es kamen aber in schneller Folge weitere Auflagen heraus, sodass zwei Jahre später bereits die fünfte Auflage erschien. Während die erste Fassung Reise- und Jagdgeschichten enthielt, die in Russland spielten, wo der reale Baron in Militärdiensten gestanden hatte, fügte Raspe für den Markt der englischen Seefahrernation in den weiteren Auflagen noch zehn Seeabenteuer hinzu, darunter, in Anlehnung an Lucian zwei Reisen zum Mond und eine Fahrt in den Bauch eines Wales, der – wenn schon lügen, dann richtig –  mit einem Schluck so viel Wasser einsaugte, wie der ganze Genfer See enthielt. 1792 folgte noch ein zweiter Band.

In den Ausgaben, welche diesseits des Ärmelkanals bald herauskamen, wucherte die Geschichte fröhlich weiter. Schon Bürger machte sich den Umstand zu nutze, dass der Autor nicht schützenswert war, um Ergänzungen eigener Erfindung hinzuzufügen. Andere Übersetzer und Herausgeber fabulierten, einmal von der Schwerkraft der Tatsachen befreit, ebenfalls nach Lügenlust und Laune darauf los. So wurde das Werk zu einem herrenlosen Objekt, das sich jeder Freund unfester Verhältnisse aneignen konnte. Sein als schmuddlig geltender eigentlicher Schöpfer aber geriet in Vergessenheit. Noch heute wird er nicht allgemein als der Verfasser des „Münchhausen“ anerkannt. Im Wikipedia-Artikel über Bürger etwa ist zu lesen, dass Raspe nur das Werk eines unbekannten Autors in Englische übersetzt und bearbeitet habe.

Nach diesem virtuellen Spaziergang durch eine mehr oder weniger feste, seit Raspes Zeiten zunehmend immer unfester werdende Welt, bei dem ich in ein paar Stunden eine Strecke zurückgelegt hatte, für die man früher Tage, wenn nicht Wochen benötigt hätte, war Raspe für mich erst mal von dem Schutt befreit, der ihn verdeckte. Das hässliche Entlein war vielleicht nicht zu einem blütenweißen Schwan geworden – wo gibt es den unter den Menschen schon, –  hatte sich aber doch zu einem ziemlich interessanten Vogel gemausert, der sich in meiner Sammlung kultureller Besonder- und Absonderlichkeiten gut sehen lassen konnte, die sich, allen Tendenzen zum sich beschleunigenden Verlust des Sinns für Hergebrachtes zum Trotz auf einer Nebenhöhe der schwäbischen Metropole eingerahmt von ungeraden, nämlich gedrechselten neobarocken Säulen und überdacht von einer schön unechten, das heißt lügenhaften oder nachgemachten Kassettendecke im nunmehr dritten (Renaissance)Stil   zusammengefunden hat.

Der Prophet Daniel als Promotor der Rechtsgeschichte

Die Art wie der alttestamentarische Prophet Daniel zwei Männer der Lüge überführte, welche eine Frau des Ehebruchs bezichtigten, gilt als ein Meilenstein der Rechtsgeschichte. Das Opfer der falschen Anschuldigung war Susanna, eine junge Frau, die –  insbesondere ausgezogen – offenbar besonders anziehend war. Wie die Bibel erzählt, waren die Gedanken zweier Richter, die sich wegen fortgeschrittenen Alters nur mehr wenig Hoffung auf näheren Umgang mit einer frischen jungen Frau machen konnten, angesichts der schönen Susanna auf Abwege geraten und ihre Augen waren in die Irre gegangen. Sie lauerten der jungen Frau daher im  Bad in der Absicht auf, an ihr das Feuer unbefriedigter Lust zu löschen, welches in ihnen trotz oder vielleicht auch gerade wegen ihres Alters heftig loderte. Als sich Susanna weigerte, ihnen zu Willen zu sein, versuchten die beiden sie mit der Drohung gefügig zu machen, sie andernfalls des Ehebruchs zu bezichtigen. Die ehrsame Susanne ließ sich davon aber nicht beeindrucken, worauf die frustrierten Alten ihre Drohung wahr machten und öffentlich behaupteten, sie hätten die junge Frau in ihrem Garten zufällig beim Ehebruch beobachtet. Auf Grund der Aussagen der hoch angesehenen Männer wurde Susanna von der Gemeinde zum Tode verurteilt. Als man sie zur Hinrichtungsstätte brachte, erfuhr der junge Daniel, der in der Öffentlichkeit bis dahin noch nicht weiter aufgefallen war, auf Grund göttlicher Intervention von dem Unrecht. Er meldete sich sofort vehement zur Wort und bemängelte, dass man die Beweise nicht richtig erhoben habe. Man hätte, so trug er vor,  die beiden Alten zur Überprüfung ihrer Glaubwürdigkeit getrennt vernehmen müssen, um festzustellen, ob sie übereinstimmende Angaben machen. Daraufhin ernannte man Daniel ohne weitere Umstände zum Vorsitzenden einer Art Berufungsgericht. Der junge Mann verhörte die beiden Alten nun getrennt und fragte sie listig, unter welchem Baum sie Susanna denn beim verbotenen Liebesspiel gesehen hätten. Dabei sagte der Eine, der inkriminierte Akt habe sich unter einer Linde zugetragen. Der Andere verlegte ihn hingegen unter eine Eiche.  Auf Grund dieses Widerspruchs kam die Gemeinde jetzt zu der Überzeugung, dass die beiden Alten gelogen und Susanna zu Unrecht beschuldigt hätten. Nach dem Auge um Auge Prinzip wurden nun sie zum Tode verurteilt und das Urteil wurde alsbald vollstreckt.

Dokumentiert nun all dies einen Fortschritt des Rechtwesens? Nun, sollte das Gemeindegericht auf Grund der Intervention des Daniel tatsächlich zum ersten Mal in der jüdischen Rechtsgeschichte Zeugen getrennt vernommen haben, so wäre dies wahrlich ein prozessualer Fortschritt von einigem Gewicht gewesen. Allerdings ist schwer vorstellbar, dass man diesen Grundsatz vor Daniels Auftritt nicht gekannt haben soll, zumal man zu dessen Erkenntnis weniger einer göttlichen Intervention, sondern eigentlich nur des gesunden Menschenverstandes bedarf. Da man in diesem Verfahren aber auch sonst Einiges von dem vermisst, was man heute in einem Strafprozess für selbstverständlich hält, erscheint es allerdings auch nicht ausgeschlossen, dass dieser Grundsatz damals noch nicht bekannt war.

Diese allgemeinen Probleme fangen schon damit an, dass eine zweite Instanz offenbar gar nicht vorgesehen war. Susanna kam ja gewissermaßen nur zufällig in den Genuss einer Überprüfung des erstinstanzlichen Urteils und damit ihres weiteren Lebens. Weiter ist Daniel zum Vorsitz in der Berufungsinstanz gekommen, weil er das Urteil der ersten Instanz für falsch hielt und es aufgehoben haben wollte. Neben dem Vorsitz nahm er in dem Verfahren damit zugleich die Rolle des Verteidigers ein, womit er sich in einer nicht unerheblichen Erkenntniskollision befand. Folgt man der Schilderung der Bibel hielt er denn mit seinem vorgefaßten Urteil auch nicht nur vor dem Verfahren, sondern auch in diesem selbst nicht hinter dem Berg. Danach sagte er dem einem Zeugen ganz ohne das Bedürfnis, wenigstens den Anschein der Unbefangenheit zu wahren, noch vor dem Beginn der Vernehmung zur Sache erst einmal ins Gesicht, er sei in Schlechtigkeit alt geworden und immer ein ungerechter Richter gewesen, weswegen er jetzt die Strafe für die Sünden bekomme, die er bisher begangen habe. Dem anderem hielt er nicht weniger befangen einleitend vor, er habe sich an zahlreichen Töchtern Israels vergangen, nur Susanna, eine Tochter Judas, habe seine Gemeinheit nicht  geduldet (was diese Unterscheidung soll, bleibt im Unklaren). Nachdem der Zeuge seine Aussage betreffend die Art des Baumes gemacht hatte, folgte sofort ihre Würdigung als Lüge und die Drohung, dass der Engel des Herrn schon mit dem Schwert bereit stehe, um ihn in Stücke zu hauen.  Anders als Susanna hatten die beiden Übeltäter mangels göttlicher Intervention auch nicht die Möglichkeit, das Urteil gegen sie überprüfen zu lassen, gar nicht zu reden von der Problematik des Auge um Auge Prinzips, der Todesstrafe und des sofortigen Vollzuges derselben, die sich ja gerade im Falle der Susanna besonders deutlich gezeigt hatte.

Aber gerade auch in der Frage, bei der Daniel Rechtsgeschichte schrieb, ist einiges zu bemerken. Unklar ist nämlich, ob Daniel bei der Bewertung des Widerspruchs in den Aussagen der beiden Zeugen zwischen Kerntatsachen und Randtatsachen unterschieden hat. Der bloße Umstand, dass die beiden unterschiedliche Angaben hinsichtlich der  Art des Baumes machten, unter dem die behauptete Szene stattgefunden haben soll, ist nicht ohne weiteres ein Indiz dafür, dass ihre Aussagen auch im Hauptpunkt falsch waren. Anders wäre dies etwa dann, wenn die Art des Baumes eine wichtige Rolle gespielt hätte, etwa weil damit auch der Ort der Handlung bestimmt worden wäre, was etwa dann der Fall gewesen wäre, wenn die beiden Bäume in dem Garten an ganz verschiedenen Stellen gestanden hätten. Ein Widerspruch bei der Schilderung des Tatortes ist natürlich wesentlich gewichtiger als ein Widerspruch betreffend eine botanische Bestimmung, auf die es nicht weiter ankommt. Zu dieser wesentlichen Differenzierung sagt der Verfasser des Buches Daniel nichts. Damit aber trägt er eher zur Verhinderung als zur Förderung des Fortschrittes im Rechtsdenken bei.

Die Geschichte von Susanna im Bade markiert daher eher keinen Meilenstein der Rechtsgeschichte. Am ehesten könnte man sie noch als solchen verstehen, wenn man sie im allgemeinen Zusammenhang der frühzivilisatorischen Bemühungen sieht, soziale Fragestellungen durch Einbettung in einen religiösen Kontext zu verdeutlichen und ihren normativen Lösungen dadurch zugleich eine erhöhte Legitimation zu verschaffen. Letztlich ist die Geschichte der Susanna doch wohl besser für Maler geeignet, die denn mit diesem Stoff auch gerne ihrer Neigung nachgingen, sich mit erotischen Sujets zu befassen. Angesichts christlicher Leibfeindlichkeit nutzten sie die Badeszene ausgiebig, um  gewissermaßen im Schutze der Bibel die  Reize der unbedeckten Frau darstellen zu können, und, wie auch schon die Bibel, Spannung aus der Gegenüberstellung von junger Weiblichkeit und Altersfrustration zu ziehen. 

Gewicht des Wortes – am Beispiel der Zimmerischen Chronik u.A.

Eigentlich sind Worte nur Worte. Dennoch neigt der Mensch dazu, das Wort außerordentlich wichtig zu nehmen und ihm eine Stellung einzuräumen, in der es mit den Tatsachen konkurrieren kann. Einige der Dinge, die ihm besonders wichtig sind, bestehen sogar aus nichts anderem als Worten, allen voran die Religionen. Wortgebilde haben unter Umständen nicht nur eine hohe Wirkungsmacht, sondern können bei hoher Wandlungsfähigkeit auch außerordentlich langlebig sein, man denke an Weltbilder, Geschichtsauffassungen, Mythen, literarische Werke, Verträge oder Gesetze. Dies mag der Grund dafür sein, dass dem Wort mitunter auch in der Seinsordnung ein außerordentlich hoher Rang zugeteilt wird. Manche Denker sind so weit gegangen, das Wort nicht, wie nahe liegend, als ein Produkt zu sehen, welches auf der höchsten Stufe des Seins entstanden ist. Sie stellen es vielmehr an den Anfang desselben, so dass das Wort geradezu als der Grund des Seins erscheint (Am Anfang war das Wort).

Über die Gründe, warum der Mensch das Wort so wichtig nimmt, kann man nur spekulieren. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass  das, was ihn von allen anderen Lebewesen unterscheidet, eben die hohe Ausbildung des Wortes und der extensive Umgang damit sind. Die Annahme liegt daher nicht fern, dass in der Wertschätzung des Wortes das Bewusstsein von seiner eigenen Wichtigkeit zum Ausdruck kommt. Dies gilt umso mehr, als der Mensch bis vor Kurzen noch geglaubt hat, dass er allein über Worte verfüge, weswegen er sich für ein Wesen von singulärer Qualität gehalten hat. Eine nicht unwichtige Rolle spielt wohl auch der Umstand, dass der Mensch mit Hilfe des Wortes die Möglichkeit sieht, unangenehme Tatsachen zu umgehen  – besonders deutlich bei den variantenreichen Versuchen, die Tatsache des Todes zu mildern oder gänzlich wegzuformulieren, etwa mit Unsterblichkeits- und Wiederauferstehungs-theorien.  Vielleicht räumt der Mensch dem Wort gegenüber den Tatsachen auch deswegen eine so hohe Stellung ein, weil er sich mehr oder weniger deutlich des Umstandes bewusst ist, dass ihm die Tatsachen auch nur durch Vermittlung jenes Organs zugänglich sind, das auch die Worte erzeugt. Dadurch erscheint der Wirklichkeitsvorsprung der Tatsachen reduziert und das Gewicht des Wortes erhöht. Sicher hat die hohe Wertschätzung des Wortes aber  auch damit zu tun, dass der Mensch das Gefühl hat, das so einmalige, letztlich aber doch weiche Wort gegenüber den harten Tatsachen besonders schützen zu müssen. Daher ist er zum Schutz des Wortes unter Umständen auch bereit, das Leben anderer anzutasten und  sogar sein eigenes Leben zu opfern.

Schon das gesprochene Wort ist dem Menschen unter gewissen Umständen sehr wichtig. Richtig Gewicht kann es aber erhalten, wenn es niedergeschrieben ist. Besonders in diesem Aggregatzustand kann es den Tatsachen den Rang ablaufen. Das wussten nicht zuletzt diejenigen, welche Buchreligionen gründeten und ausformulierten einschließlich der großen Schar von Interpreten, welche sich mit der Auslegung der für heilig erklärten Bücher befassen. Unter Berufung auf den festen Aggregatzustand postulieren sie mitunter den absoluten Vorrang des Wortes gegenüber den Tatsachen. In einer Art verbaler Kettenreaktion beansprucht dabei auch das gesprochene Wort wieder ein besonderes Gewicht, indem es sich auf das geschriebene und damit geheiligte Wort beruft. In manchen Kulturen, etwa bei den Mayas, hat das geschriebene Wort fast nur die Funktion, den absoluten Geltungsanspruch des Wortes zu untermauern. Hier dient die Schrift nicht, wie in den eurasischen Schriftkulturen, in erster Linie der Kommunikation und der Dokumentation, sondern hat im Wesentlichen magische Funktionen, nämlich als Geheim- und Legitimationscode der herrschenden Priesterschaft.

Die besondere Wirkungsmacht des geschriebenen Wortes kannten nicht zuletzt die Verfasser und Auftraggeber von Geschichtswerken, vor allem von Annalen, Genealogien und Chroniken. Insbesondere letztere dienten meist dazu, Ansprüche von Ständen oder Familien auf gesellschaftliche Führungspositionen dadurch zu begründen oder zu stärken, dass man dieselben weit in der Vergangenheit und zwar möglichst in einer als heroisch geschilderten Frühzeit befestigte. Nicht zuletzt große Herrscher verfielen dieser Versuchung – man denke an Augustus, der Vergil damit beauftragte, Rom und das julische Kaiserhaus tief in der Welt der homerischen Epen, den wichtigsten Wortwerken der Antike, zu verankern. Durch den Rückbezug der römischen Geschichte und des Kaiserhauses auf Troja, dessen Schutzgöttin Venus war, erhielten Rom und Augustus nicht nur einen uralten göttlichen, dazu noch erotischen Ursprung. Sie konnten so auch noch  eigenes Gewicht gegenüber den Griechen als der hergebrachten Führungsmacht über das Wort behaupten, nachdem sie diese in Revision der homerischen Niederlage schließlich politisch unterworfen hatten.

Auch kleinere Herrscherhäuser versuchten, sich die Suggestionskraft des geschriebenen Wortes zu Nutze zu machen. Rund eineinhalb Jahrtausend nach Beginn des römischen Kaisertums bemühte sich in einem politischen Krähwinkel Südwestdeutschlands ein soeben aufgestiegenes Grafengeschlecht, seine Genealogie tief in der Geschichte zu verankern, wobei man sich –  gewichtige alte Mythen weiterspinnend – auf Rom und das Kaisertum bezog. In der Zimmerischen Chronik aus der ersten Hälfte des 16. Jh. wird die Geschichte des Geschlechtes der Grafen von Zimmern, die im oberen Donautal herrschten, unter Vertrauen auf die Überzeugungskraft des bloßen Wortklanges ihres Namens bis zu den Cimbern zurück geschrieben. Damit bezog man sich auf den germanischen Volksstamm, welcher in einer ersten Welle der Völkerwanderung gemeinsam mit den Teutonen damit begann, den universalen Herrschaftsanspruch Roms, der sich später  im Kaisertum kristallisierte, von Norden aus in Frage zu stellen, was eine Entwicklung von epochaler Bedeutung einleitete. Allerdings bestand für den Verfasser der Chronik die Schwierigkeit, dass die Cimbern um 100 v. Chr. von den Römern unter Marius vernichtend geschlagen und ihre Geschichte damit eigentlich beendet war. Dennoch will die Zimmerische Chronik wissen, dass sich hochrangige Nachfahren der  Cimbern noch fast tausend Jahre unterscheidbar in Rom gehalten haben. Von dort soll sie schließlich niemand geringeres als Karl der Große, der den „teutonischen“ Anspruch auf den römischen Kaiserthron erstmals vollständig durchsetzte, in den Schwarzwald umgesiedelt haben, wo die Cimbern schließlich im Geschlecht der von Zimmern noch einmal auskristallisierten. Mit dieser Geschichte, die tief in große Zeiten und Ereignisse von epochaler Bedeutung  reichte, versuchte sich ein kleines schwäbisches Adelsgeschlecht eine bedeutsame Herkunft zu verschaffen, natürlich um damit den Anspruch auf eine ebenso große Zukunft zu begründen.

Die Dauer der Verhältnisse, welche auf Worte gebaut sind, ist sehr unterschiedlich. Der Mythos Roms und des Kaisertums etwa hatte rund zweitausend Jahre Bestand und lebt in Form der lateinischen Kirche in gewisser Weise bis heute weiter. Der Verewigungsversuch der Grafen von Zimmern war weniger erfolgreich. Mangels entsprechenden Nachwuchses ist das Geschlecht schon eine Generation nach Erstellen der Chronik ausgestorben. In letzter Konsequenz können Worte eben doch nur begrenzt mit den Tatsachen konkurrieren.

Kampf der Kulturen – wie kommt der Westen aus der Defensive?

Der Westen ist seit einiger Zeit nicht mehr der unbestrittene Hort des sozialen Fortschritts. In vielen Teilen der Welt werden die sog. westlichen Werte heute mit Skepsis betrachtet. In manchen sind sie fast schon zum Schimpfwort geworden. Insbesondere von muslimischer Seite wird mit zunehmendem Selbstbewusstsein behauptet, dass der Liberalismus westlicher Prägung gescheitert sei. In den traditionsgeprägten Gesellschaften, die zahlenmäßig die westlichen Gesellschaften weit überwiegen, sieht man den Grund des Scheiterns in erster Linie darin, dass den westlichen Zivilisationen die Spiritualität abhanden gekommen sei. Diese Entwicklung wird als eine Folge der Aufklärung gesehen, einem sozialen Prozess, den der Westen für eine seiner größten Errungenschaften hält und auf den er daher immer besonders stolz gewesen ist. Auf Seiten derer, die das westliche Gesellschaftsmodell in Frage stellen, ist man davon überzeugt, dass das kritische Befragen der Grundlagen der Religion, welches mit der Aufklärung begann, dem „Heiligen“ seinen Nimbus und damit seine soziale Wirkungskraft genommen habe. Dies habe zu Werterelativismus und damit zur Beliebigkeit sozialer Normen geführt. Das Ergebnis sei schließlich der blanke Materialismus und in seiner Folge ein ausufernder Kapitalismus einschließlich eines politischen und wirtschaftlichen Kolonialismus, dem es nicht darum gehe, soziale Probleme zu lösen, sondern darum, individuelle oder nationale Interessen durchzusetzen.

 

Wer sich mit dieser Kritik an den westlichen Werten auseinandersetzen will, tut zunächst einmal gut daran, zu akzeptieren, dass das westliche Denken durchaus in hohem Maße problematische soziale Ergebnisse produziert hat.

 

Die Befreiung von unnötig einengenden und missbrauchsanfälligen traditionellen Normen, die typisch für die westliche Gesellschaftsentwicklung ist, hat nicht nur die Freiheit des Individuums, sondern auch die Notwendigkeit und Pflicht zu seiner Selbstgestaltung begründet. Tatsache ist, dass viele Menschen an dieser Aufgabe scheitern, sei es, weil die Natur oder ihre soziale Umwelt ihnen nicht die nötigen Fähigkeiten mitgegeben haben, sei es, weil das soziale System ihnen nicht ausreichend Chancen einräumt hat. In welchem Ausmaß die liberale Lebensform Gefahren produziert, die sehr schwer zu meistern sind, zeigt überaus augenfällig die Anzahl der Sucht- und Medienopfer und der Menschen, die sozial oder psychisch destabilisiert oder gar entgleist sind. Auch wenn ihre Methoden im einzelnen nicht zu akzeptieren sind, kann man kann daher nur zu gut verstehen, dass Eltern mit traditionellen Hintergrund Probleme damit haben, ihre Kinder einer Welt zu überlassen, in der derartige Gefahren überall zu lauern scheinen. Dies gilt umso mehr als naturgemäß junge Menschen aus traditionellen Gesellschaften mit der Freiheit, der sie bei uns ausgesetzt sind, besondere Schwierigkeiten haben und daher überproportional oft scheitern.

 

Nicht ohne Recht wird aus den traditionellen Gesellschaften bei uns auch ein ausufernder Pluralismus und eine geringe soziale Solidarität kritisiert. Die Atomisierung der Gesellschaft – eine Folge des Verfalls der überkommenen familiären Strukturen durch Individualisierung aber auch Deregionalisierung – hat viele problematische Folgen. Zu nennen wäre hier etwa die Regellosigkeit in der Kindererziehung, was zur Folge hat, dass Kinder häufig kein klares Wertegerüst mitbekommen und damit ziemlich hilflos gegenüber gesellschaftlichen Manipulationsmächten wie Werbung und Starkult sind, die bekanntlich nicht eben soziale Ziele verfolgen. Ein weiteres Beispiel ist die Situation vieler alter Menschen. Sie werden viel zu häufig in trostlosen Heimen „konzentriert“ oder werden sich alleine überlassen, wodurch es etwa möglich wird, dass tausende alter Menschen bei einer Hitzewelle unbemerkt sterben können. Die Auslagerung sozialer Aufgaben auf staatliche und sonstige Institutionen führt tendenziell zu einer Reduktion der Lösungen auf dem niedrigsten Nenner, etwa indem man Hilfebedürftige in erster Linie mit Geld versorgt. Für die Befriedigung der wirklich substanziellen – sozialen – Bedürfnisse hat in den westlichen Gesellschaften der Einzelne weitgehend selbst zu sorgen. Anders als in den traditionellen Gesellschaften, wo der Einzelne fest in soziale Gruppierungen eingebettet ist, scheitern bei uns sehr viele Menschen an diesen Fragen und vereinsamen.

 

In hohem Maße problematisch ist auch, dass in den westlichen Gesellschaften zunehmend das Gefühl für den sozialen Sinn der wirtschaftlichen Aktivität verloren geht. Die Möglichkeit zur Akkumulation von wirtschaftlichem Potential, die unsere Gesellschaftssystem dem Einzelnen oder Zusammenschlüssen von Individuen einräumt, wird immer weniger als Mittel zur Stimulierung der wirtschaftlichen Dynamik im Dienste gesamtgesellschaftlicher Ziele, sondern als der eigentliche Zweck des Wirtschaftens gesehen. Die Folge ist eine ungeheure Konzentration wirtschaftlicher Ressourcen, zu deren Erzeugung gigantische Machtspiele veranstaltet werden. Mittlerweile ist in den westlichen Gesellschaften, die sich doch einmal mit viel Aufwand von ihren anciennes régimes befreit haben, eine neue (Geld)Aristokratie oder eigentlich eine Oligarchie an die Macht gekommen, die Wirtschaftsfeldzüge nach dem Muster früherer Kabinettskriege führt. Die (Selbst)Überschätzung ihrer Protagonisten spiegelt sich in „fürstlichen“ Vorstandsgehältern, die Zweck – Mittel – Vertauschung etwa darin, dass hochprofitable Unternehmen Personal zur Steigerung der Kapitalrendite „freisetzen“. Im Falle des Umgangs mit alten Menschen führt die wirtschaftsliberale Denkweise zu vollkommen untragbaren Ergebnissen. Zum Schutz kommerzieller Altenpflegedienste, die letztlich ohnehin nicht bezahlbar sind, wird etwa in Deutschland bezahlbaren ausländischen Hilfskräften das Tätigwerden im Haushalt pflegebedürftiger Personen bis zur Verhinderung erschwert, mit der Folge, dass diese Personen in Heime gebracht werden, wo sie meist schnell versterben.

 

Nicht zu bezweifeln ist auch, dass der Westen die Welt – nicht zuletzt unter Berufung auf seine liberalen Werte – lange in kaum zu unverantwortender Weise zu seinem Nutzen dominiert hat. Dies schlägt heute auf ihn zurück und verleiht antiwestlichen Stimmungen starke Impulse.

 

Die Konfrontation mit den offenkundigen negativen Seiten des westlichen Lebensstiles hat in einigen traditionellen Gesellschaften eine Rückbesinnung auf ihre Wurzeln bewirkt. Dabei ist die Radikalität, in die man mitunter verfällt, nichts anderes als das Gegenstück zu der Vorstellung von den Gefahren, die man glaubt abwehren zu müssen. Es ist nicht ohne Grund, dass die radikalste Kehrtwende einer muslimischen Gesellschaft im Iran stattfand, wo man unter der Herrschaft des Schah ausgiebig Gelegenheit hatte, die Probleme zu beobachten, die das westliche Denken mit sich brachte. Aus dieser Rückbesinnung resultieren Spannungen zwischen den Gesellschaftsmodellen, die man mittlerweile als Kampf der Kulturen bezeichnet.

 

Die Frage ist, wie der Westen auf diese Spannungen reagieren kann und sollte.

 

Eine mögliche Reaktion des Westens ist, darauf zu hoffen, dass in den traditionellen Gesellschaften, insbesondere in der muslimischen Welt, die Aufklärung nachgeholt wird. Hintergrund dieses Denkens ist die Vorstellung, der „rückständige“ Zustand dieser muslimischen Gesellschaften resultiere daraus, dass es dort keine Aufklärung gegeben habe. Da die Aufklärung bei uns meist als eine notwendige Folge des modernen wissenschaftlichen Weltbildes gesehen wird, geht man daher davon aus, dass sie in den muslimischen Gesellschaften, zumal unter den Bedingungen der Globalisierung, früher oder später von selbst einsetzen werde; gegebenenfalls, so meinen manche, müsse der Westen nachhelfen. Man erwartet also, dass die islamischen Gesellschaften eine ähnliche Entwicklung wie die westlichen Gesellschaften nehmen. Darauf, dass dies in absehbarer Zeit oder überhaupt der Fall sein wird, sollte man aber besser nicht zu sehr vertrauen. Die europäische Aufklärung war in erster Linie eine Folge der Unzufriedenheit der Menschen mit den sozialen Systemen ihrer Zeit und den Welterklärungsmodellen, die ihnen zugrunde lagen. Der westliche Mensch stellte das alte soziale System vor allem deswegen in Frage, weil es eine sehr ungleiche Verteilung von Ressourcen und Chancen und stark beschränkte politische Gestaltungsmöglichen produzierte. Das, was danach folgen sollte, hat man sich in den schönsten Farben ausgemalt und tatsächlich ist vieles ja auch eingetreten. Die Probleme des neuen Gesellschaftsmodells, die schon bei der ersten großen Probe auf´s Exempel, der Französischen Revolution, massiv in Erscheinung traten (im Form von uferlosen „Umgestaltungen“ einschließlich der rücksichtslosen Vernichtung all derer und all dessen, was dem im Wege zu sein schien), die Probleme hat man aber weitgehend beiseite geschoben. Die problematischen Folgen der Aufklärung sind heute offenkundig und scheinen sich sogar noch zuzuspitzen. Anders als die europäischen Gesellschaften im Zeitalter der Aufklärung können die islamischen Gesellschaften sie daher jetzt in ihrer vollen Ausprägung besichtigen. Dies ist ohne Zweifel ein Grund dafür, dass in diesen Gesellschaften das Bedürfnis nach Veränderung der sozialen Verhältnisse im Sinne des Westens wesentlich geringer ist, als in den seinerzeit hoffnungsfrohen Gesellschaften Europas. Damit erhält dort aber auch der Drang zur geistigen Aufklärung wesentlich schwächere Impulse als im alten Europa. Dies gilt umso mehr als die Struktur der islamischen Gesellschaften bei allen Exzessen, die insbesondere der Ölreichtum mancher Regionen hervorgebracht hat, im Grunde egalitär ist und in ihrem Inneren sozialethische Aspekte einen hohen Stellenwert haben. Die Menschen dieser Gesellschaften verspüren nur ein begrenztes Bedürfnis nach Veränderung.

 

Eine andere Reaktion des Westens ist der Versuch, seinerseits das Rad der Geistesgeschichte zurückzudrehen. Es besteht in den westlichen Gesellschaften eine wachsende Tendenz, aus der Tatsache, dass die Probleme der modernen Gesellschaften parallel zum Zerfall der alten (religiösen) Welterklärungsmodelle einsetzten, zu schließen, die Wiederherstellung dieser Modelle würde auch die Probleme reduzieren. Daher beschwört man immer häufiger die christlichen Grundlagen des Abendlandes. Ob solchen Bestrebungen Erfolg beschieden sein wird, ist jedoch eher zweifelhaft. Zu einen sind viele der Probleme aus voraufklärerischer Zeit, für die in unseren Gesellschaften einigermaßen brauchbare Lösungen gefunden wurden, weitgehend gegen die Kräfte der alten Systeme und ihre Denkmodelle durchgesetzt worden – man denke etwa an die Gleichberechtigung der Frau, die Meinungsfreiheit oder die Arbeitnehmerrechte. Diese Prozesse rückabzuwickeln ist, auch wenn es in Teilbereichen immer wieder versucht wird, schwer vorstellbar. Zum anderen ist der Prozess der Aufklärung aus prinzipiellen Gründen nicht mehr vollständig zurückzudrehen. Die Zweifel an den religiösen Welterklärungsmodellen sind so grundlegend, dass diese Modelle bei aller Sehnsucht der Menschen nach einfacher Orientierung nicht mehr die Überzeugungskraft erlangen können, die sie einmal gehabt haben. Ohne ihren absoluten Anspruch bewirken diese Modelle aber eher das Gegenteil von dem, was man sich von ihnen erhofft. Infrage gestellte Absolutismen und Irrationalismen sind entweder weitgehend wirkungslos oder schlagen wild um sich; letzteres lässt sich etwa an den Religionskriegen zeigen, die nicht zuletzt während der Aufklärungszeit stattfanden zeigen. Meist führen sie auch zu einer drastischen Absenkung des Kulturniveaus. Dies lässt sich an der ausufernden Esoterik beobachten, welche die hilflosen Individuen in immer phantastischere Gedankengebäude flüchten lässt. Das Beispiel Amerikas, wo die Religion zunehmend betont wird, zeigt im übrigen wie in einem Sozialexperiment, wie wenig die Probleme, welche die westlichen Gesellschaften erzeugen, mit diesem Ansatz zu lösen sind. Amerika hat die typischen Probleme unseres Lebensmodells nicht nur nicht bewältigen können, sondern in vieler Hinsicht auf die Spitze getrieben.

 

Der Weg aus der westlichen Krise wird wohl nur über ein hohes Maß an Selbstkritik und anschließende Formulierung klarer problem- und ergebnisorientierter Normen möglich sein. Wir werden uns vermehrt damit befassen müssen, dass der westliche Gesellschaftsentwurf mit seiner starken Betonung der Selbstbestimmung des Individuums höchst anspruchsvoll und daher außerordentlich risikoreich ist, dass er ohne Zweifel wunderbare Chancen bietet aber eben auch erheblich Gefahren. Das aber bedeutet, dass wir uns mehr um die Gefahren kümmern müssen. Die geschichtliche Entwicklung brachte es mit sich, dass die Freiheit in erster Linie als ein Abwehrrecht gegenüber den Mächten verstanden wurde, die ihr entgegenstanden. Heute müssen wir uns jedoch vornehmlich mit der Frage beschäftigen, wie die Auswüchse der Freiheit zu beschränken sind. Das Problem lässt sich besonders schön am folgenden Beispiel illustrieren: Seit Jahren gibt es wohlbegründete Hinweise darauf, dass die Gewalt, die heute pausenlos in den Medien in den Medien gezeigt wird, insbesondere für die Jugend in hohem Maße schädlich sein dürfte. Dennoch kann ein führender Politiker auf die Frage, warum diesem offenkundigen  Misstand, der allein der Freiheit gewisser Gewerbetreibender dient, von Seiten der Politik nicht ernsthaft entgegengetreten wird, antworten, das sei bei unserer freiheitlichen Verfassung nicht oder nur schwer möglich. Hier beißt sich die Katze der Freiheit verhängnisvoll in den Schwanz. Die Freiheit, die dem Individuum dienen soll, kann kaum als Begründung dafür herangezogen werden, dass man tatenlos Entwicklungen zusieht, die es beschädigen oder gar zerstören können.

 

Wir werden uns daher mehr auf die soziale Gestaltungspflicht als dem Gegenstück der Freiheit des Individuums konzentrieren müssen. Allgemein formulierte Grundsätze des Zusammenlebens, die ja unser Grundgesetz durchaus enthält, reichen dabei aber nicht aus (man denke nur an die weitgehend wirkungslosen Appelle zum Schutz der Nichtraucher oder zur Rücksicht im Straßenverkehr). Daher wird man für ganz konkrete Probleme auch konkrete Regeln formulieren müssen. Da nur die politischen Instanzen das Mandat und die Möglichkeit der Durchsetzung solcher Normen haben, müssen diese – nach angemessener gesellschaftlicher Diskussion – auch von diesen Instanzen formuliert und durchgesetzt werden. Dabei wird man auch an Fragen herangehen müssen, die man bislang weitgehend der Wirtschaft, etwa die Höhe der Gewinne und der Vorstandsgehälter oder die Grenzen der Werbung, oder die man den Individuen überlassen hat, so die Erziehung der Kinder und der Umgang mit alten Menschen. Wenn wir den sehr praktischen Fragen, welche die traditionellen Kulturen an uns stellen, wirkliche, das heißt praktizierte Antworten entgegenzusetzen haben, wird der Westen dann wohl auch aus der Defensive herauskommen, in der er sich zur Zeit befindet.

Ein- und Ausfälle – Zum Religionscharakter des Kapitalismus

Die kapitalistischen Kritiker des Kommunismus haben diesen gern als ein soziales Phänomen bezeichnet, das alle Merkmale einer Religion habe, etwa weil er die Lösung aller Probleme in einer künftigen Welt verspricht, weil er eine einheitliche Weltsicht hat, der sich der Einzelne voll und ganz zu unterwerfen hat, und weil er eine von wenigen Personen dominierte kirchenähnliche Institution besitzt, welche die Lehre überwacht und die Abweichler exkommuniziert. Mit dieser Darstellung wird inzident ausgesagt, dass der Kapitalismus fester auf dem Boden der Tatsachen stehe als der Kommunismus. Tatsächlich geht es im Kapitalismus aber nicht viel weniger theologisch als im Kommunismus zu – wie das Beispiel der Börse zeigt: Auch die Börse zieht Menschen an, die das ganz große Glück suchen und bereit sind, dafür aufs Ganze zu gehen. Bei diesen Menschen verengt sich der Blick auf die Vorstellung, alle Probleme mit einem einzigen (Zahlungs)Mittel lösen zu können, von dem sie im übrigen glauben, dass es die ganze Welt durchdringe und beherrsche. Weiter gehen diese Menschen davon aus, dass sie Einfluss auf ihr Glück nehmen können, vor allem indem sie gewisse Handlungen ähnlich wie Gebete und Opfer beständig wiederholen, und zwar unabhängig davon, ob sie ihnen tatsächlich Erfolg bringen (Kaufen und Verkaufen). Ferner werden sie in ihrem Denken und Streben von Propheten mit dem vielsagenden Titel Analysten bestärkt, die vorgeben, besonderes Wissen zu haben, welches sie unmittelbar oder mittelbar aus der Quelle der Weisheit, den Unternehmen, oder durch das Lesen von Zeichen gewonnen haben wollen, mit der Folge, bedeutsame Aussagen über die Zukunft machen zu können. Schließlich verlieren auch die Glücksucher des Kapitalismus weitgehend die Fähigkeit, zwischen Tatsachen, Möglichkeiten und Einbildungen zu unterscheiden, was sie blind gegenüber der Realität macht und sie zum Spielball machtbewusster Personen werden lässt, die das System für ihre Zwecke zu nutzen wissen.

Macht der Interpreten (Über die Funktion von Fundamentaltexten und ihrer Verwalter)

Gemeinschaftsordnende Texte, Gesetze etwa oder religiöse Grundbücher, können die Vielfalt des sozialen Lebens, das sie ordnen wollen, niemals vollständig erfassen. Sie behelfen sich daher mit Formulierungen die so eng wie möglich und weit wie nötig sind. Alte Texte sprechen dazu häufig in Bildern oder erzählen Geschichten. Um solche Texte in die Praxis umzusetzen, bedarf es der Auslegung. Diesem Geschäft, dem sich ganze Berufszweige verschrieben haben, kommt eine erhebliche Bedeutung zu. Es ist daher höchst lohnend, sich mit der Frage zu befassen, wie dieses Geschäft betrieben wird.

Auf den ersten Blick scheint es naheliegend, dass man bei der Interpretation gemeinschaftsordnender Texte versucht, den Willen des historischen Textverfassers zu ermitteln. Dahinter steckt der Gedanke, dass die Autorität eines Textes gefährdet wäre, wenn der Eindruck entstünde, dass seine Interpreten ihn willkürlich behandeln. Zu diesem Standpunkt neigen religiöse Fundamentalisten. Die Folge freilich ist, dass ihre Entscheidungen nicht immer „zeitgemäß“ sein können. Denn der Text, den sie anwenden, ist in der Regel viele hundert Jahre alt.

Auf den zweiten Blick zeigt sich, dass der historische Ansatz mehr Probleme aufwirft, als er löst. Was, so fragt man sich, ist zu tun, wenn der historische Verfasser von falschen Annahmen über tatsächliche Sachverhalte, etwa über den Beginn der Welt, ausging, wenn er gewisse Problemstellungen noch nicht gekannt oder bestimmte Fallkonstellationen übersehen hat? Was ist der Wille des Verfassers, wenn der Text, wie die Bibel oder Gesetze, nicht nur einen Verfasser hat oder im Laufe eines längeren Zeitraumes entstanden ist?

 Die Juristen als die professionellen Interpreten gemeinschaftsordnender Texte haben sich aus diesem Dilemma mit einem Trick geholfen (wobei wohl der Umstand eine Rolle spielte, dass das praktische Leben, mit dem die Juristen zu tun haben,  keine endlosen Diskussionen über den Willen des Textverfassers, sondern Entscheidungen verlangt). Der Trick: Sie lösten das Problem, indem sie den Textverfasser unsterblich machten. Die Folge ist, dass man ihn jederzeit zu seinem Willen zu befragen kann und er für immer in die Lage versetzt ist, eventuelle Gesetzeslücken zu füllen.

 Bei der Frage, wie man sich diesen unsterblichen Textverfasser vorzustellen habe, haben sich zwei Grundrichtungen gebildet. Die strengere Observanz sieht ihn in einer Institution, welche die andauernde Verfügungsgewalt über den Text besitzt – etwa im Parlament. Dementsprechend hat dieser immerwährende „Gesetzgeber“ Lücken selbst zu schließen und in gravierenden Zweifelsfragen Gesetze zu ergänzen oder zu präzisieren. Dass ein solches Verfahren umständlich ist und im Einzelfall unter Umständen zu spät kommt, liegt auf der Hand. Die pragmatischere Lösung ist daher die Annahme eines überzeitlichen – objektiven – Textsinnes, der den Willen des Gesetzgebers enthalten soll. Ihn zu ermitteln, überlassen die Anhänger dieser Auffassung den Richtern, die ihn in einer Art permanenter Diskussion von Fall zu Fall entwickeln.

 Nicht ganz so einfach ist die Situation der Theologen. Sie haben es mit einem Text zu tun, der überirdische Würde beansprucht, was naturgemäß die Anpassung durch Menschen von Fleisch und Blut erschwert. Allerdings haben sich insbesondere christliche Theologen hier flexibel gezeigt. Vom unmittelbaren Wortlaut der biblischen Geschichten ist, mit Ausnahme bei wenigen Fundamentalisten, für welche die Welt noch immer vor 6000 Jahren erschaffen wurde, häufig nicht viel übrig geblieben. Auch die meisten christlichen Interpreten suchen nach dem „Willen Gottes“ und vermuten ihn hinter den Geschichten, welche die Bibel erzählt. Vielleicht ist diese Entwicklung dadurch erleichtert worden, dass es keinen einheitlichen historischen Verfasser der biblischen Texte gibt, wodurch unterschiedliche Ansichten über den Inhalt dieser Texte vorprogrammiert waren.

Echte Probleme haben die Fundamentalisten, insbesondere solche, die davon ausgehen, es mit dem Text eines einzigen Verfassers zu tun haben. Denn das Festhalten am Willen des historischen Textverfassers führt paradoxerweise häufig gerade dort zu problematischen Ergebnissen, wo dieser sich besonders klar geäußert hat. Man denke etwa an das Abhacken der Hand, das der Koran in gewissen Fällen als Strafe für den Dieb vorsieht.   

Blickt man auf das Resultat derer, die von einem objektiven Textsinn ausgehen, so erstaunt die Weisheit ihrer Lösung. Zwanglos scheiden sie all das aus, was nur zeitbedingt ist, ohne das Bedürfnis der Menschen nach textlicher Autorität zu vernachlässigen. Der Lösung liegt allerdings auch wieder ein Trick zu Grunde. Die Vorstellung vom objektiven Sinn der Texte beruht auf einer Fiktion, der Behauptung nämlich, es gäbe so etwas wie einen überpersönlichen und überzeitlichen Inhalt eines Textes. Jeder, der mit Texten umgehen muss, weiß jedoch, dass man mit dieser Methode nur die mehr oder weniger gut fundierte Meinung der Interpreten darüber konstatieren kann, was der Sinn eines Textes sein soll.

Diese Methode arbeitet also in gewisser Weise mit einer Verschleierung der Tatsachen. Es handelt es sich allerdings um eine jener vernünftigen und offenkundigen kleinen Unwahrhaftigkeiten, die das Leben verkraften kann, ja die es geradezu zu brauchen scheint. Anders sieht es bei den Historisten aus. Auch sie bedienen sich einer Unwahrhaftigkeit, die allerdings von anderer Qualität ist. Denn wer, etwa bei modernen Sachverhalten, meint, den  -„subjektiven“- Willen des historischen Textverfassers wirklich ermitteln zu können, verdrängt die Tatsachen. Es kann keinen Zweifel darüber geben, dass auch bei der Ermittlung eines angeblich historischen Willens des Textverfassers aktuelle gemeinschaftsordnende Interessen und Vorstellungen der jeweiligen Interpreten im Spiel sind. Im Unterschied zur „objektiven“ Methode werden dies bei der historischen Methode tief verschleiert.

Die „objektive“ Interpretation von gemeinschaftsordnenden Texten setzt allerdings eine Einsicht in die Funktion solcher Texte voraus, die möglicherweise erst bei einem gewissen Stand der gesellschaftlichen Entwicklung möglich ist. Offenbar kann man erst ab einem gewissen Stand des allgemeinen Bewusstseins, ohne dass die Textautorität verlorengeht, akzeptieren, dass selbst die heiligsten Texte nicht zuletzt Ordnungsfunktionen haben und dass sich ihr Sinn jenseits aller „Wahrheit“ aus dieser Funktion erschließt.

Kommt ein neues Mittelalter?

 

 

 

Die Situation kommt einem irgendwie bekannt vor: Es gibt eine weltumspannende Kultur, die in hohem Maße liberal, rational, realistisch und offen ist. Gedanklich gibt es kaum eine Frage, die nicht gestellt wird. Politisch sind fast alle Möglichkeiten durchdacht. Zur Ordnung der Verhältnisse unter den Menschen entwickelt sich ein für alle verbindliches Recht, die Stellung der Frau verstärkt sich, der Wohlstand ist beachtlich, die religiösen Leidenschaften sind domestiziert, die Kunst orientiert sich an den Tatsachen und das Kulturgebiet ist ein Sicherheitsraum, der in hohem Maße befriedet ist. Die Menschen sind neugierig, kreativ, unternehmungslustig und experimentierfreudig. Sie versuchen die Welt zu verstehen und ihre Möglichkeiten zu nutzen, wobei sie bis an die Grenzen des Möglichen, nicht selten auch des Vernünftigen gehen. Der gesellschaftliche Zustand ist keineswegs perfekt. Man konnte aber erwarten, dass er der Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung sein würde. Die Rede ist von der antiken Kultur.

 

Dann aber wächst an den Rändern der hegemonialen Kultur eine Bewegung heran, in der sich vor allem die Unbefriedigten, Enttäuschten und Benachteiligten sammeln. In der Folge werden die Fragestellungen reduziert, der Blickwinkel verengt sich, die Realität geht verloren und man richtet den Blick auf das, was jenseits derselben sein soll. Die Bewegung wächst und unterminiert die herrschende Kultur. Als die (Macht)Verhältnisse auf der Kippe stehen, schlägt sich ein Herrscher aus der hegemonialen Kultur, der das Potential der neuen Bewegung für seine Zwecke zu nutzen weiß, auf die andere Seite (er wird dafür das Prädikat „Der Große“ bekommen). Von da an wird die liberale Kultur abgebaut. In der Folge erodiert die politische Organisationskraft, der Sicherheitsraum bricht zusammen, der Sinn für das Recht schwindet, die Kunst verarmt, insbesondere verliert sie den Bezug zur Realität, die höhere Wirtschaft und der Wohlstand verfallen und die Frau wird zum Wesen zweiter Klasse. Man befindet sich im Mittelalter.

 

In der Neuzeit bemühte man sich, den Stand des Altertums wieder zu erreichen. Es war ein langwieriger Prozess. Noch über Jahrhunderte schlug man sich die Köpfe über Religionsfragen ein. Nicht weniger lange brauchte es, bis die Rationalität wieder Einzug in die Politik halten konnte. Das Pflänzlein des Rechtes trieb nur langsam wieder aus und größere Sicherheitsräume entstanden erst neu, nachdem man den Krieg und die Drohung mit ihm auf eine kaum mehr zu überbietende Spitze getrieben hatte. Ganz zuletzt kam die Emanzipation der Frau wieder in Gang.

 

Mittlerweile werden wieder fast alle Fragen gestellt; einige halten wir für beantwortet, manche haben wir ad acta gelegt. Politisch haben wir die Systeme der Antike verfeinert und ergänzt. Der Einzelne ist so frei wie nie, die Frauen sind weitgehend emanzipiert, der Wohlstand ist breiter denn je, über Religionen wird nur noch in Randbereichen gestritten und das innere Leben der Gesellschaft ist weitgehend durch das Recht geregelt. Das Gebiet, in dem unsere Kultur herrscht, ist durch überregionale Sicherheitssysteme befriedet. Für die Beziehungen zwischen den Staaten, traditionell eine Domäne ziemlich ungefilterten Eigeninteresses, beginnen sich Rechtsnormen zu entwickeln. Selbst den Krieg, der alle Leidenschaften entfesselt, hat man teilweise verrechtlichen können. Die Menschen sind neugierig und kreativ und man erforscht alles. Dabei haben sich unzählige neue Möglichkeiten aufgetan. Der Zustand ist nicht perfekt und es sind neue Probleme entstanden – psychische etwa und der Verlust der Kontrolle über die Folgen der Veränderungen, die wir bewirken. Man hätte aber erwarten können, dass es auf dieser Basis weitergeht.

 

Nun aber wächst an den Randbereichen der hegemonialen Kultur, die inzwischen global geworden ist, erneut eine Bewegung, in der sich Unbefriedigte, Enttäuschte und Benachteiligte sammeln. Auch diese Bewegung reduziert die Fragestellungen, entwertet die Realität, verengt den Blickwinkel auf das Religiöse und entrechtet die Frau. Nach einer Inkubationszeit, in der sie regional eingekapselt war, beginnt auch sie rasant zu wachsen. Schließlich wird sie global und setzt sich das Ziel, die herrschende Kultur zu überwältigen. Dabei legen ihre glühendsten Anhänger eine Entschlossenheit an den Tag, die in der herrschenden Kultur fremd geworden ist. Die Schranken, welche eine liberale Kultur der Monopolisierung von Überzeugungen setzt, gelten der neuen Bewegung wenig. Man fragt nicht viel nach Recht, insbesondere nicht nach einem geordneten Verfahren für die Umgestaltung der Gesellschaft. Mit anderen Worten: wir haben die besten Voraussetzungen für ein neues Mittelalter.

 

Auf die Antike konnte ein Mittelalter nur folgen, weil die liberale Kultur ihre Kraft verlor, nicht zuletzt, weil sich der Irrationalismus, vor allem durch die Absorbtion weniger entwickelter Kulturen, in ihr selbst wieder etablierten konnte. Sieht es heute so viel anders aus? Es fehlt nur noch ein neuer Konstantin, der die ungebändigte Kraft der neuen Bewegung nutzt, weil er ein Großer werden will.