Monatsarchiv: März 2016

Der Weltgeist wundert sich – Galaktische Erzählung

Über diese Welt muss ich jetzt staunen. Eigentlich dachte ich, dass ich sie kenne. Aber nun habe ich etwas entdeckt, was dem Bild, welches ich von ihr habe, neue Aspekte hinzugefügt, ja dass es geradezu auf den Kopf gestellt hat. Angefangen hat es damit, dass ich so etwas wie einen Stich verspürt habe. Es war ein feiner Stich, eigentlich nur eine schwache Reizung, eine leichte Irritation, so fein, dass sie für jemanden, der es ansonsten mit großen Weltereignissen zu tun hat, kaum wahrzunehmen war. Weil das Phänomen so schwach war, hatte es mein Interesse eigentlich nicht verdient. Schließlich stehe ich für das große Ganze und befasse mich nicht mit den variantenreichen Ausformungen, welches dasselbe überall hervorbringt. Dennoch kam es aus Gründen, die ich nicht mehr nachvollziehen kann, dazu, dass ich diesem minimalen Phänomen  nachging. Und so wandte ich meine Aufmerksamkeit dem Teil meines Raumes zu, in dem ich den feinen Stich lokalisiert hatte. Eigentlich war in dieser Weltgegend  nichts Ungewöhnliches festzustellen. Es sah wie überall aus. Es gab die üblichen Ansammlungen von Masse und Energie, welche sich aus zahlreichen kleineren Zentren zusammensetzten, die sich wiederum in Wolken, Klumpen oder Spiralen gruppiert hatten. Um die kleinen Zentren kreisten ein paar winzige Brocken, welche sich der allgemeinen energetischen Aktivität irgendwie entzogen hatten und daher ein gewisses Eigenleben führten. Ich hatte mich mit diesen oft abgerundeten Brocken, die für mich so etwas wie die Krümel waren, die aus den allgemeinen Prozessen der Energieumwandlung heraus gefallen und mehr oder weniger erkaltet waren, bislang nicht weiter beschäftigt. Es schien sich um belanglose Randerscheinungen, bloße Abfallprodukte der wirklichen Ereignisse zu handeln. Gemessen an den Dimensionen der Dinge, mit denen ich ansonsten zu tun hatte, waren sie unbedeutend und konnten vernachlässigt werden.

Ausgerechnet eines dieser kleinen runden Gebilde trat nun aber in das Zentrum meiner Aufmerksamkeit, als ich mich mit der Ursache für die erwähnten Reizungen befasste. Auf den ersten Blick schien sich das betroffene Kügelchen nicht weiter von den zahlreichen anderen Krümeln zu unterscheiden, die hier und dort um die lokalen Energiezentren kreisten. Er fiel in keiner Weise aus dem Rahmen. Er war von mittlerer Größe und hielt einen mittleren Abstand vom Zentrum. Die Temperaturen, die auf ihm herrschten, waren weder besonders hoch noch besonders niedrig. Es war also kein Grund ersichtlich, warum von hier aus besondere Wirkungen ausgehen sollten. Und doch war mir bald klar, dass sich auf diesem kleinen Brocken etwas abspielte, das mir neu war. Während ich den Materiekrümel nämlich etwas näher betrachtete, verspürte ich erneut einen dieser feinen Stiche. Und als ein solcher bald danach ein weiteres Mal auftrat, konnte ich auch die Ursache desselben beobachten. Die Irritation wurde, wie sich zeigte, durch eine äußerst kleine Ansammlung von Energie bewirkt, welche für sehr kurze Zeit außerordentlich konzentriert entfesselt und mittels einer besonderen, mir bis dato unbekannten Vorrichtung in die Höhe gerichtet worden war. Wie ich bei genauerer Beobachtung feststellte, diente dieser Vorgang dazu, ein winziges Modul ein wenig von der Oberfläche des Brockens zu heben, um es in gleicher Weise in eine kreisende Bewegung um denselben zu bringen, wie sie dieser selbst um das Energiezentrum beschrieb, dem er zugeordnet war. Derartige Module kreisten, wie ich nun bemerkte, in großer Zahl um den Brocken. Ich muss das Phänomen wegen seiner schwachen Wirkung daher schon oft übersehen haben. Bei noch genauerer Betrachtung stellte ich fest, dass zwischen den kreisenden Modulen und Stationen auf der Oberfläche des Brockens eine direkte Verbindung existierte. Auffällig war dabei, dass dieser feine, rein energetische Konnex auf äußerst präzise Weise zwischen diesen beiden Punkten existierte. Mir war natürlich geläufig, dass von den verschiedenen Objekten der Welt Kräfte ausgehen, die auf andere Objekte einwirken oder dieselben miteinander verbinden. Eine derart feine und zielgenaue Gerichtetheit, wie sie zwischen den Modulen und den Bodenstationen herrschte, hatte ich bislang aber noch nicht beobachtet. Jedes dieser Module kommunizierte durch spezielle Kanäle auf das Genaueste mit seiner Bodenstation, ohne dass es zu Unordnung oder Störungen kam. Ich schaute mir daraufhin die kommunizierenden Teile näher an und stellte fest, dass sie von geformten Gegenständen angefüllt waren, in denen wiederum kanalisierte Verbindungen verliefen und dass auch diese Gegenstände wieder über Kanäle oder präzise gerichtete Kräfte aus das Genaueste miteinander verbunden waren. Aber nicht nur im Inneren der Teile fand sich dieses Phänomen. Gerichtete Verbindungstrassen gab es auch außerhalb der Bodenstation. Indem ich diese Linien verfolgte, entdeckte ich, dass sie wie ein Netz praktisch den ganzen Brocken umspannten. Allenthalben wurden auf ihnen Kräfte und Gegenstände linear von einem genau bestimmten Ort zum anderen transportiert.

Zwischen all diesen Gegenständen bemerkte ich nun etwas, das sich gänzlich ungerichtet in alle Richtungen bewegen konnte. Dieses Phänomen setzte mich nun wirklich in Erstaunen. Es zeigte sich bald, dass der ganze Brocken von Objekten dieser Art übersät war, die sehr verschiedene Größen aufwiesen. Das Kügelchen war, wie ich nun sah, überhaupt nicht belanglos. Er gab dort etwas, was offenbar nicht zu vernachlässigen war.

Unter den allseits beweglichen Objekten gab es eine Art, deren Flexibilität in mancher Hinsicht über die der anderen Arten hinausging. Indem ich die Aktivitäten dieser Objekte verfolgte, stellte ich fest, dass sie es waren, welche die Gegenstände herstellten, mit denen das ganze Geflecht der gerichteten Beziehungen erzeugt wurde. Als Muster dienten ihnen dabei offensichtlich ihre eigenen Strukturen, die ebenfalls aus allerhand Kanälen und Bahnen zum Transport von Kräften und Gegenständen bestanden. Allerdings verliefen sie bei ihnen nicht so streng linear und eindimensional, wie bei den Gegenständen, welche sie geschaffen hatten. Dieser Unterschied war offenbar der Grund dafür, dass die hergestellten Gegenstände in ihrer Gesamtheit zwar ebenfalls beachtliche Flexibilitätseffekte erzielten, diese aber weit davon entfernt waren, das Ausmaß zu erreichen, was bei ihren Schöpfern zu konstatieren war. Deren Verbindungskanäle bildeten nämlich ein wahrhaft ungeheuerliches Gewirr von Beziehungen, so groß, dass ich völlig außer Stande war, dasselbe zu entschlüsseln. Besonders vielfältig und komplex waren die Strukturen in einem konzentrierten Teil dieser Objekte. Quantitativ erreichten sie hier im Kleinen Größenordnungen, wie ich sie aus der großen Welt kenne. Offenbar auf Grund der unzähligen feinsten Quer- und Rückverbindungen, die sich innerhalb dieses Organs fanden, und der daraus resultierenden Fähigkeit, sich permanent zu verändern und anzupassen, wurden hier nun aber qualitativ Effekte erbracht, die mir völlig rätselhaft waren. So befassten sie diese Objekte nicht nur mit Sachverhalten, die nicht mehr waren oder solchen, die noch nicht eingetreten waren. Sie beschäftigten sich in besonders hohem Maße sogar mit solchen, die nur möglich, ja selbst solchen, die nicht vorhanden waren oder überhaupt nicht eintreten konnten. Auf diese Weise erschufen sie sich so etwas wie einen eigenen, mir völlig unbekannten Raum. Was mich besonders verwunderte, war, dass diese Objekte mittels seltsam in sich selbst kreisender Aktivitäten auch sich selbst beobachteten. Angesichts all dieser Effekte wurde mir immer deutlicher, dass hier Kräfte von anderer Art im Spiel waren, als die, welche ich bislang kannte. Das Merkwürdige dabei war, dass dieselben dennoch auf den Kräften und Gegebenheiten basierten, mit denen ich es zu tun hatte. Ihre Besonderheit lag offenbar in ihrer Struktur, zu der die Gerichtetheit gehörte, die seltsamerweise offenbar zugleich der Grund für ihre Beweglichkeit war..

All diese merkwürdigen Entdeckungen sind nicht ohne Auswirkung darauf geblieben, wie ich auf die Wirklichkeit blicke. Ich staune darüber, wie sich ohne meine Kenntnis auf der Basis der allgemeinen Kräfte und Gegebenheiten, von denen ich ein Teil bin, auf einem Krümel, der im Geschehen der Welt keine Rolle zu spielen und für mich ohne Bedeutung zu sein schien, etwas entwickeln konnte, das von gänzlich neuer Qualität und offenbar auch von einer mir bislang nicht gekannten Bedeutung ist. Diese Erkenntnis hat auch das Bild verändert, welches ich von mir selbst habe, ja sie hat es geradezu auf den Kopf gestellt. Nicht zuletzt muss ich mich darüber wundern, dass ich staunen kann.

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