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Ankor und Hampi – zwei untergegangene Metropolen des indischen Raumes

Im Süden Vorder- und Hinterindiens befinden sich – genau auf dem gleichen, dem 15. Breitengrad – die gewaltigen Überbleibsel zweier Städte, die zur ihrer Blütezeit um ein Vielfaches größer und prächtiger waren als jede zeitgenössische Stadt in Europa – Ankor im heutigen Kambodscha und Hampi im Norden des indischen Bundesstaates Karnataka. Beide waren während des europäischen Mittelalters die Hauptstädte großer Reiche, beide sind nach einer Zeit der Blüte und enormer Bauaktivität sang- und klanglos untergegangen, waren Jahrhunderte lang mehr oder weniger vergessen und sind erst nach einem langen Dornröschenschlaf wieder in das Bewusstsein der Welt getreten, die sie heute als ihr Kulturerbe schätzt und schützt. Beiden ist auch gemeinsam, dass ihre Blüte ganz wesentlich einem ausgeklügelten System der Wasserbewirtschaftung verdanken. Schließlich gleichen sie sich auch darin, dass von den einstigen Bauten nur das übrig geblieben ist, was mit dauerhaftem Material erstellt wurde, in derHauptsache steinerne Herrschafts- Verteidigungs- und Religionsarchitektur sowie Bauten der Infrastruktur. Insbesondere die gewöhnlichen Zivilbauten und die Aufbauten der Paläste, die weitgehend aus Holz gebaut waren, sind vollständig verschwunden mit der Folge, dass die sichtbaren Reste der beiden Städte ohne rechten Zusammenhang jeweils über ein Gebiet von vielen Quadratkilometern verstreut sind. Legionen von Steinmetzen haben diese steinernen Baulichkeiten über und über mit Gliederungselementen, Ornamenten und Bildnissen verziert. Vermutlich wurde nirgends in der Welt so viel in weichem Sandstein gemeißelt wie in Ankor und nirgends so viel harter Granit bearbeitet wie in Hampi.

Die ältere und berühmtere der beiden Städte ist Ankor, bekannt nicht zuletzt, weil sich hier das größte religiöse Bauwerk der Welt und nach der Villa des Kaisers Hadrian in Tivoli überhaupt der größte Gebäudekomplex befindet, der je für eine einzelne Person erstellt wurde – Ankor Wat. Die Gegend von Ankor am Rande des riesigen Tonle Sap Sees war seit dem 9. Jahrhundert der Mittelpunkt des ursprünglich hinduistisch geprägten Königreichs der Khmer, dessen Herrschaftsbereich sich im Laufe der Zeit fast über den ganzen Süden Hinterindiens ausbreitete. Über die Jahrhunderte wurden hier mehrere Stadtzentren angelegt, die alle beachtliche Spuren hinterlassen haben. Der Reichtum der Region und damit die Macht der Könige basierte auf einem äußerst differenzierten Wassermanagement, das drei Reisernten im Jahr erlaubte. Mit einem vielfach vernetzten System von Becken und Kanälen wurde das Wasser, welches in der Regenzeit reichlich vorhanden war, für die Trockenzeit gespeichert und in einer Art großtechnischer Version der kleinbäuerlichen Reisterrassenkultur unter Ausnutzen des natürlichen Gefälles der Landschaft ohne weiteren Energieaufwand gleichmäßig auf das Land verteilt.

Wasser spielte denn auch in der Kultur der Khmer eine besondere Rolle. Alle wesentlichen Bauten und selbst die ganz Kernstadt waren von großen Wasserbecken umgeben, die entsprechend dem ausgeprägten Sinn der Khmer für geometrische Ordnung, der seinen Grund in der hinduistischen Kosmologie hat, rechteckig angelegt und fein säuberlich gemauert waren. Ankor Thom etwa, die letzte große Stadtgründung, war von einer quadratisch angelegten, zwölf Kilometer langen Stadtmauer umgeben, um die ein rund einhundert Meter breiter Wassergraben lief. Zusätzlich umgab auch noch innerhalb der Mauern ein vierzig Meter breiter Kanal die ganze Stadt. Hinzu kamen weiter außerhalb der verschiedenen Stadtzentren ebenfalls penibel gemauerte rechteckige Wasserspeicher, die bis zu acht Kilometer lang und über zwei Kilometer breit waren. Die Legitimation des jeweiligen Herrschers beruhte weitgehend auf seiner Fähigkeit, das komplizierte und pflegebedürftige System der Wasserversorgung aufrechtzuerhalten. Dieser wiederum stellte diese Fähigkeit als Folge seiner besonderen Beziehung zu den Göttern oder gar seiner Gottgleichheit dar, die auch nach seinem Tod erhalten blieb. Daher ließ er zu seiner und der Unsterblichen Ehren Baulichkeiten von Ausmaßen errichten, welche diesem Anspruch gerecht wurden. Dieselben sind naturgemäß wieder von viel Wasser umgeben.

Das größte Bauwerk dieser Art ist Ankor Wat, das in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts tausende Arbeiter und Künstler in siebendreißigjähriger Arbeit als Mausoleum für den hinduistischen Herrscher Surjavarman II. erstellten, das später aber zu einem buddhistischen Kloster umgewidmet wurde. Alles ist hier von Dimensionen, welche ein Denken in monumentalen Kategorien offenbaren. Der axial-symmetrische, rechteckige Gesamtkomplex nimmt eine Fläche von rund zwei Quadratkilometern ein und ist von einem zweihundert Meter breiten, wiederum rechteckigen Wassergraben umgeben. Rund zweitausend fast lebensgroße vollbusige Tänzerinnen (Apsaras) und kunstvoll aufgemachte weibliche Schutzgottheiten (Devatas) schmücken die Wände der Höfe und Pavillons, ein sechshundert Meter langer übermannshoher Relieffries mit dicht gepackten Szenen aus dem indischen Epos Ramayana läuft um das Hauptgebäude, hunderte von gedrechselten Säulen füllen die Maueröffnungen und es scheint keinen sichtbaren Stein der Baumasse von 350.000 Kubikmetern zu geben, der nicht mit feinsten Ornamenten übersät wäre. Die zahllosen Buddhastatuen freilich, die hier einmal versammelt waren, sind weggeschleppt worden und heute eher in den Wohnzimmern esoterisch angehauchter reicher Sammler aus dem Westen zu finden – allerdings sollen bereits im 13. Jahrhundert bei einer hinduistischen Reaktion gegen die Einführung des Buddhismus rund 10.000 Buddhastatuen zerstört worden sein.

Nicht nur Surjavarman II. hatte ein derart ausgeprägtes Bedürfnis, sich durch Bauen zu verewigen. Die Khmer waren insgesamt unermüdliche Baumeister. Man hat in Ankor allein rund eintausend Heiligtümer ausgemacht. Dazu gehören weit verzweigte Tempel- und Klosteranlagen, die nach spirituellen Grundsätzen gebaut und natürlich wieder von großen rechteckigen Wassergräben umgeben waren. Auch bei diesen ist alles mit feinem Ornament überzogen. Auf Pilastern und Türpfosten findet man allenthalben die Akanthusranke, die wie so manche andere architektonische und künstlerische Form, welche in Indien wirksam wurde, mit Alexander dem Großen von Europa auf den Subkontinent gezogen war, sodass man sich manchmal fragt, ob man es nicht mit einem Gebäude aus der europäischen Antike oder Renaissance zu tun hat; wie überhaupt die Gliederungselemente der Bauteile, etwa der Säulenaufbau mit Fuß, Korpus und Kapitell, oder die Einfassungen der Maueröffnungen mit mehrfach gestaffelten Profilen an die Grundformen erinnern, die in den europäischen Mittelmeerkulturen entwickelt wurden. Auffällig herausgehoben sind im Übrigen die Türstürze, die aus dem Maul von Fabeltieren kommend in geradezu rokokoartiger Manier in eine schwingende vertikale Bewegung versetzt und deren Giebelfelder mit fein ausgearbeiteten figürlichen Szenen aus der tropisch wuchernden indischen Sagenwelt gefüllt sind. Auch für derartigen Giebelschmuck gibt es Parallelen in der antiken Baukunst Europas.

In besonderem Maße von der Bauwut befallen war Jayavarman VII., der um die Wende vom 13. zum 14. Jahrhunderts regierte und den Buddhismus nach Ankor brachte. Er ist der Erbauer der Riesenstadt Ankor Thom, in welcher er nach einem spirituell ausgeklügelten Konzept Zeremonial- und Herrschaftsbauten von imperialer Großartigkeit errichten ließ. Seinem monumentalen Selbstverständnis entsprechend dekorierte er dieselben unter anderem mit Elefanten – vor seinem Palast etwa ließ er eine über dreihundert Meter lange Terrasse erstellen, an deren Wand eine lange Prozession der Dickhäuter lebensgroß in Stein gemeißelt ist. Vermutlich sah er sich auch gerne in der Pose des Khmerlöwen, der auf vielen seiner Bauwerke zähnefletschend in straffer Hab-Acht Stellung postiert ist. Zu seiner Zeit brachte man an Gebäuden auch die mehrere Meter hohen, kontemplativ-mitfühlenden Gesichter des buddhistischen Heiligen Lokeshvara an, welche fast so sehr zum Markenzeichen von Ankor geworden sind, wie die charakteristische Silhouette von Ankor Wat. Sie blicken zu dutzenden vor allem von den vielen Türmen der Tempelpyramide Bayon herunter, dem komplexesten und aufwendigsten Bau, den dieser Herrscher erstellen ließ. Man rätselt noch immer, ob diese introspektiven Gesichter, die sich in noch deutlich größeren Dimensionen auch über den mächtigen Eingangstoren in den Stadtmauern von Ankor Thom finden, die Züge Jayavarmans VII. tragen.

Vom Leben in der Metropole, die mit möglicherweise bis zu einer Million Menschen die größte Stadt der damaligen Welt gewesen wäre, wissen wir mangels einer ausgeprägten Schriftkultur nicht viel. Abgesehen von Inschriften auf Gebäuden und Stelen, in denen die Taten der Herrscher und Daten der Bautätigkeit dokumentiert sind, gibt es an schriftlichen Quellen nur die Berichte chinesischer Reisender, Händler und Diplomaten. Darin ist unter anderem von großen Paraden, Aufmärschen, Pferderennen und Büffelkämpfen auf dem weitläufigen Platz im Zentrum von Ankor Thom die Rede, welche der Herrscher und sein Gefolge von den großen Terrassen vor dem Königspalast verfolgten. Auf wunderbar ausgearbeiteten Basreliefs des Bayon sind dazu auf äußerst redselige Weise alle möglichen Szenen aus dem bunten Leben der Khmer dargestellt, die zeigen, dass sich in Kambodscha bis heute Vieles nicht geändert hat.

Nach dem Tode Jayavarmans VII., unter dem das Reich von Ankor seine größte Ausdehnung hatte, ging es mit der Herrlichkeit der Khmer bergab. Über die Gründe dafür weiß man angesichts der fehlenden Schriftkultur wenig. Man vermutet, dass der hyperaktive Herrscher durch seine zahlreichen Kriege und eine überbordende Bautätigkeit die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes überstrapaziert habe. Auch habe er durch den Religionswechsel die religiöse Stabilität erschüttert – Tatsache ist, wie erwähnt, dass die Hindus, insbesondere die Brahmanen, gegen den gleichmacherischen Buddhismus, der ihnen ihre Sonderstellung raubte, revoltierten, und dass innerhalb desselben der Thervada-Buddhismus von der passiveren Strömung des Mahajana abgelöst wurde. Ein weiterer möglicher Grund für den Abstieg Ankors könnte sein, dass man das komplizierte Bewässerungssystem nicht aufrechterhalten konnte. Im Übrigen verlor die Stadt wohl auch durch die zunehmende Verlagerung des Handels nach Phnom Phen an Bedeutung. Die Schwäche der folgenden Könige nutzten die Nachbarvölker, insbesondere die Thais und die Vietnamesen, um sich verlorene Gebiete zurückzuholen und in das Territorium der Khmer einzudringen, was den Untergang Ankors beschleunigte.

Im Laufe der Zeit wurde die Stadt von der Bevölkerung verlassen und die Natur holte sich zurück, was ihr die Kultur zeitweilig abgetrotzt hatte. Relativ gut überlebt hat nur Ankor Wat, da es weiterhin als Kloster genutzt wurde. Die Stadt aber verfiel. Als im 19. Jahrhundert europäische Reisende und französische Landvermesser, welche „ihre“ neuen Protektoratsgebiete explorierten, Ankor aufsuchten, stießen sie auf ein surreales Szenarium. Im tropischen Dschungel, der die einstmals blühende Stadt inzwischen überwuchert hatte, entdeckten sie überall mehr oder weniger zerstörte Bauten. Da die Khmer zwar eifrige Bauherren aber keine besonders guten Bauingenieure waren, waren die Fundamente vieler Gebäude vom tropischen Regen unterspült worden mit der Folge, dass die Mauern, deren Steine merkwürdigerweise nicht miteinander verzahnt wurden, ins Wanken gerieten, und die (Krag)Gewölbe der Räumlichkeiten, die mangels echter Gewölbetechnik aus versetzt übereinander geschobenen Steinplatten gebildet wurden, weitgehend zusammen gebrochen waren. Außerdem hatten sich gewaltige Bäume auf die Baulichkeiten gesetzt und diese teils erdrückt, teils aber auf abenteuerliche Weise auch stabilisiert. Wie riesige Schlangen zogen sich ihre Wurzeln durch die Fenster- und Türöffnungen der Pavillons oder wuchsen in abenteuerlichen Kaskaden von den Dächern und Mauerkronen in den Erdboden hinab. Ein Phantasy-Designer hätte die Szenerie nicht bizarrer gestalten können.

Inzwischen ist Ankor aus seinem Jahrhundertschlaf wieder erwacht. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts haben französische Forscher und Zeichner seine Reste aufgenommen und dokumentiert. Unterbrochen durch die politischen Turbulenzen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts hat man die Gebäude weitgehend freigelegt und damit begonnen, das wieder aufzurichten, was noch einigermaßen vollständig ist. Ankor ist zu einer der größten Attraktionen der Welt für Touristen aus aller Herren Länder geworden und unter modernen Vorzeichen erneut mit Leben gefüllt samt all den Vorteilen aber auch Auswüchsen, welche der Zustrom sensationslüsterner Menschenmassen mit sich zu bringen pflegt.

Während Ankor in der Zeit seines Dornröschenschlafes wegen Ankor Wat, das europäische Reisende sporadisch besuchten und voller Staunen beschrieben, nie ganz aus dem Blickfeld der westlichen Welt geraten ist, hatte man von Hampi lange Zeit so gut wie keine Vorstellung. Die Ruinen der Stadt wurden zwar zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Rahmen der systematischen Exploration und Evaluierung des Landes durch die neuen englischen Eigentümer „entdeckt“ und wurden danach auch von einigen Historikern und Archäologen beschrieben. Nicht zuletzt wegen ihrer Abgelegenheit gerieten sie aber nie richtig in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts schenkte man den erstaunlichen Hinterlassenschaften größere Aufmerksamkeit. Seitdem ist auch Hampi das Ziel von Besuchern aus aller Welt. Allerdings geht es hier im Vergleich zu Ankor (noch) ziemlich beschaulich zu.

Der Aufstieg Hampis begann, als die Blütezeit Ankors sich dem Ende zuneigte. Der Ort hieß ursprünglich Vijayanagar und war die Hauptstadt des gleichnamigen Reiches, das sich im 14. Jahrhundert als Reaktion auf die Versuche der muslimischen Herrscher Nordindiens bildete, die Hindureiche zu unterwerfen, welche sich im Süden des Subkontinentes noch der stürmischen islamischen Expansion entgegenstellten. Als Gründungsdatum gilt das Jahr 1346, als in der Region eine neue Königsdynastie an die Macht kam, welche die Stadt Vijayanagar gründete. Die äußeren Bedingungen waren für eine Stadt nicht eben optimal. Anders als Ankor liegt Hampi in einer schwer zugänglichen, ausgesprochen arriden und heißen Gegend. Die Wasserversorgung der Stadt und der Landwirtschaft, die in ihrer Umgebung betrieben wurde, basiert gänzlich auf dem Fluß Tungabhadra, dessen Wasserstand im Laufe des Jahres erheblichen Schwankungen unterliegt. Daher war ein sorgfältiger Umgang mit dem kostbaren Nass geboten, der große Speicherkapazitäten und ein differenziertes Verteilungssystem erforderte. Die Stadtgründung war dennoch erfolgreich. Tatkräftige Könige dehnten den Herrschaftsbereich des Reiches im Laufe der Zeit über den ganzen Süden des indischen Subkontinentes aus. Selbst Sri Lanka war zeitweilig tributpflichtig. Das Reich war (welt)handelspolitisch bestens positioniert. Mit Hafenstädten an beiden Küsten des Subkontinentes kontrollierte Vijayanagar große Teile des lukrativen Seehandels mit dem fernen Osten und mit den Arabern und schließlich den ersten Europäern im Westen. Dadurch profitierte das Reich von der starken europäischen Nachfrage nach Gütern aus Asien wie Porzellan, Baumwolle, Seide und Gewürzen. Nicht zuletzt daraus resultierte der große Reichtum des Landes, der sich in den Resten seiner Hauptstadt spiegelt.

Das Ende der Stadt, die einmal mehrere hunderttausend Bewohner gehabt haben dürfte, kam anders als im Falle von Ankor plötzlich und früh. Im Jahre 1564, gerade einmal etwas mehr als zwei Jahrhunderte nach ihrer Gründung, vereinigten einige Sultanate, welche die Könige von Vijayanagar bis dato geschickt gegeneinander auszuspielen gewusst hatten, ihre Truppen, um den widerspenstigen und dazu reichen Hindustaat, der ihre permanenten Attacken bis dato erfolgreich abwehren konnte, endlich und endgültig zu beseitigen. In der Entscheidungsschlacht von Talikota wurde Vijayanagar vernichtend geschlagen und sein König getötet. Das Reich konnte sich danach zwar mit einer neuen Hauptstadt, wenn auch wesentlich geschwächt und verkleinert, noch etwa einhundert Jahre halten. Für die Stadt Vijayanagar aber war die Niederlage im wahrsten Sinne des Wortes vernichtend. Sie wurde Monate lang geplündert und offensichtlich systematisch in der Absicht zerstört, sie auf Dauer unbewohnbar zu machen. Die Soldaten der Sultane haben dabei ganze Arbeit geleistet. Sie legten alles nieder, was nicht fest verankert war und hinterließen die Stadt im Wesentlichen in dem ruinösen Zustand, in dem sie sich heute befindet. Insbesondere von der Herrschaftsarchitektur sind nur noch Grundmauern und Podeste von Empfangshallen übrig geblieben. Die Tempel sind, möglicherweise auf Grund ihrer massiven Bauweise, von dem Zerstörungswerk teilweise verschont geblieben, sodass hier noch viele feine Steinmetzarbeiten zu sehen sind, vor allem schöne Exemplare der überreich mit Fabeltieren geschmückten „Hundert-Pfeiler-Hallen“, welche typisch für die südindischen Tempel sind. Allerdings wurden auch hier die Idole und Figuren weitgehend beseitigt oder massakriert. Leben blieb, ähnlich wie in Ankor, im großen Haupttempel erhalten, der bis heute ein Anziehungspunkt für die Gläubigen aus der ganzen Region ist.

Das wahrhaft Besondere an Hampi ist die Art, wie die Stadt in die karge Berglandschaft gebettet wurde. Diese Landschaft ist so außergewöhnlich und stadtfeindlich, dass man meinen könnte, bei den Erbauern dieses Gemeinwesens habe es sich um Exzentriker gehandelt. Die Gegend ist gekennzeichnet durch gänzlich merkwürdige Felsformationen. Allenthalben liegen riesige von Wind und Wetter blank gewaschene Granitbrocken umher – teils als Solitäre, von denen man nicht weiß, wie sie entstanden und an ihren Ort gekommen sein könnten, teils als Bauklötze, die auf abenteuerliche Weise wie von Gigantenhand aufeinander gestapelt sind. Dazu ist die Stadt durch hohe Berge aus gewürfeltem Granit zerteilt. Die Architektur hat sich mit dieser seltsam gestylten Natur in einer Weise verbunden, die nicht weniger surreal ist als die Symbiose, welche die Vegetation mit der Baukunst in Ankor eingegangen ist. Die Stadt und ihre Baulichkeiten sind in das steinerne Gewirr und das extreme Landschaftsrelief geradezu hineingeflochten. So sind zierliche durchsichtige Pfeilerkonstruktionen in aphoristischer Zuspitzung an einen massiven Felsenball gelehnt, ganze Felsplateaus mit Pfeilerhallen überzogen und ausgedehnte Tempelanlagen in enge Täler gezwängt. Viele Artefakte wurden in einem Stück direkt aus dem gewachsenen Fels oder einem großen Findling gehauen – hier ein mehrere Meter großer dickbäuchiger Ganesha, der elefantenköpfige Sohn Shivas, dort ein tonnenschwerer Nandi Bull, Shivas Reittier, und wieder woanders eine sieben Meter hohe monsterartige Erscheinungsform Vishnus, jeweils überdacht von einem Pavillon, dessen steinernes Dach von monolithischen Granitpfeilern gestützt wird. Im Hof des prächtigen Vitthala Tempels hat man, was in Indien einmalig ist, einen der monumentalen Tempelwagen, die normalerweise aus Holz gefertigt und überreich mit Schnitzereien geschmückt sind, mit allem Drum und Dran in Stein gehauen.

Die Wahl der ungewöhnlichen Lokalität verdankt sich einer Mischung von religiösen und strategischen Faktoren. Die Inder neigen von alters dazu, besondere Bildungen der Natur dem Wirken spiritueller Kräfte zuzuschreiben. Deswegen sind ihre Heiligtümer bevorzugt an Stellen platziert, an denen die Natur exzeptionelle Phänomene geschaffen hat. Dies können Hervorbringungen der lebendigen Natur sein, etwa das labyrinthische Gewirr eines großen Banyanbaumkomplexes, oder solche der toten Natur, wie bestimmte Formen des Wassers – oder eben besondere Felsformationen. Vor allem Felswände haben die indische religiöse Phantasie angeregt, weswegen man in dieselben gerne Höhlentempel gemeißelt hat – nicht sonderlich weit von Hampi, in Badami, liegt in spektakulärer Landschaft solch’ eine grandiose Anlage. Die außergewöhnliche Landschaft von Hampi nun bot unzählige Möglichkeiten für solche Platzierungen. Und so ist die Gegend übersäht von Tempelchen und Schreinen, die an den unmöglichsten Orten angebracht sind – auf schwer zugänglichen Felsterrassen etwa, abenteuerlichen Bergspitzen oder in engen Felsspalten.

Die wuchernde mythologische Phantasie der Inder hat an diesen Ort auch noch den Beginn des Entführungsdramas gelegt, welches einen wesentlichen Teil des Epos Ramayana ausmacht und insoweit so erstaunlich an die europäische Ilias erinnert. Sita, die Ehegattin des Helden Rama, soll sich hier in einer Höhle, die als der Sitz des Affenkönigs Surgiva gilt, aufgehalten haben, als sie von dem zehnköpfigen Drachen Ravana nach Sri Lanka entführt wurde, von wo sie Rama mit Hilfe des Affengenerals Hanuman und seiner tierischen Soldaten, die eine Brücke aus schwimmenden Steinen zu der Insel bauten, nach heroischem Kampf wieder zurückgeholt hat. In einer Felsenhöhle wird eine Gesteinsformation gezeigt, die man als einen Abdruck des Saris imaginiert, den Sita bei der Entführungsaktion verloren habe. Figuren und Szenen aus dieser melodramatischen Geschichte sind denn auch in Hampi überall in Stein gemeißelt zu finden. Der Ort ist im Übrigen noch heute ein Reich der Affen. Eine freundliche Makakenart, die keine Scheu vor Menschen hat, turnt auf putzige Weise überall in den Ruinen und in den Siedlungen der Menschen herum.

Die Erbauer der Stadt wussten aber auch die strategischen Möglichkeiten der ungewöhnlichen Landschaftsbildung von Hampi zu schätzen. Das zerklüftete und schwer zugängliche Terrain erschwerte einem Gegner den Angriff auf die Stadt. Die schroffen Felsformationen baute man in das komplexe System der penibel gefugten zyklopischer Mauern ein, mit welchen man die Stadt auf einer Seite abriegelte, während die andere Seite vom Fluss Tungabhadra geschützt wurde, der im Übrigen ebenfalls heilig ist.

Vom Leben in Vijayanagar weiß man, ähnlich wie in Falle von Ankor, vor allen aus den Berichten von Reisenden und Geschäftsleuten, die aus China, Arabien und gegen Ende auch aus Europa kamen. Sie zeichnen das Bild einer außerordentlich geschäftigen Handelsstadt, deren Basare von Menschen und Ochsenkarren verstopft waren. Fasziniert war man nicht zuletzt von der Größe des Ortes. Ein portugiesischer Pferdehändler berichtete, er habe die Metropole, die mindestens so groß wie Rom sei, selbst von einem hohen Berg aus nicht überblicken können. In den Niederungen, so vermerkte er außerdem, seien überall wohl bestellte Felder und Obsthaine zu sehen.

Der Portugiese hielt sich nicht ohne guten Grund in Vijayanagar auf. Pferde waren einer der wichtigsten Importartikel des Reiches, dessen militärische Stärke weitgehend auf seiner Reiterei beruhte. Man bezog sie in großen Mengen vor allem von Arabien, das die Geheimnisse der Pferdezucht angelegentlich für sich behielt. Das Geschäftsfeld war äußerst lukrativ, denn ein Großteil der Tiere wurde in Indien alsbald ein Opfer der ungewohnten Lebensbedingungen, weswegen dieselben ständig durch neue Lieferungen ersetzt werden mussten. Vijayanagar konnte sich einen derartigen Verschleiß offenbar leisten. Über seinen Reichtum wird Märchenhaftes erzählt, vor allem dass es dort große Mengen an Gold und edlen Steinen gebe, mit denen man Handel treibe. Man zeigt heute eine prachtvoll behauene steinerne Konstruktion, die als Waage des Königs bezeichnet wird, an welcher der Herrscher an Festtagen in Gold und Edelsteinen aufgewogen worden sein soll, mit denen dann öffentliche und soziale Projekte finanziert wurden. Welche Dimensionen insoweit kursierten, kann man der Überlieferung entnehmen, wonach der Bruder des letzten Königs die Stadt nach der Schlacht von Talikota mit Schätzen verlassen habe, die auf dem Rücken von 1500 Elefanten abtransportiert worden seien. Diese Geschichte dürfte zwar „ein wenig“ von der Megalomanie geprägt sein, zu denen indische Berichte über historische Ereignisse tendieren. Als eine Hauptsehenswürdigkeit Hampis werden nämlich – im Übrigen sehr gut erhaltene – Elefantenställe gezeigt, in denen allenfalls ein paar Dutzend dieser Tiere Platz gehabt haben. Die Erzählung macht jedoch deutlich, in welchem Ruf die Stadt stand und dürfte den Drang der goldgierigen Europäer nach dem Wunderland Indien beflügelt haben. Diese haben denn auch bald die politische Instabilität, die nach dem Fall von Vijayanagar entstanden war, genutzt und haben das Erbe des zerschlagenen Reiches angetreten.

In welchem Umfang in Vijayanagar Handel getrieben worden sein muss, zeigen die großen Basare, welche nach Art von Prachtstrassen auf die vier Haupttempelanlagen zulaufen. Auf diesen bis zu einem Kilometer langen sehr breiten Alleen, welche von laubenartigen Bauten aus aberhunderten von monolithischen Granitpfeilern und Deckenplatten gesäumt sind, fand im merkwürdiger Koexistenz mit dem Tempel der rege Handel statt, von dem in den Reiseberichten die Rede ist. Die Granitteile, die, schnurgerade ausgerichtet, noch weitgehend aufrecht stehen, erinnern an die Säulenstrassen, die man aus Städten der europäischen Antike kennt.

Monolithische Granitteile aus den Felsen zu schlagen und zu bearbeiten, muss eine Hauptbeschäftigung der Bewohner von Vijayanagar gewesen sein. Anders als in Ankor, wo man den Sandstein über vierzig Kilometer erst herantransportierten musste, war das Material im Überfluss vor Ort. Aufrecht, in prekärer Schräglage oder am Boden liegend sind die Bauteile heute in eigentümlich pittoresker Weise über das ganze ehemalige Stadtgebiet verstreut, weswegen man im Zusammenhang mit Hampi auch von „Poesie in Granit“ spricht. Es ist eine Poesie, deren Sprache von roher Zweckmäßigkeit bis zu feinster Elaboriertheit reicht. Zusammen mit der wilden und kargen Landschaft trägt sie zu jenem Gefühl der Weltentrückung bei, das den Besucher dieser Ruinenstadt unweigerlich ergreift.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Politischer Kopf – zum 200. Geburtstag des englischen Politikers und Schriftstellers Thomas Babington Macaulay

 

Geist und Macht sind, wiewohl aufeinander angewiesen, schwierige Genossen. Der Geist tendiert zum Reinen und läuft damit Gefahr, sich der Politik zu entfremden, zur der auch „unreine“ Verfahren, etwa der Kompromiss und die schnelle Aktion gehören. Vor allem in Deutschland wurde die Kohabitation von Geist und Macht häufig als Problem empfunden. Die deutschen Dichter und Denker haben die Niederungen der Politik gerne aus der Klause (und nicht selten der Perspektive des Weltschmerzes) oder aus der Studier- bzw. Redaktionsstube kommentiert. Dass Größen des Geistes politische oder herausragende administrative Ämter übernahmen, war und ist die Ausnahme von einer Regel, die sich durch eine bemerkenswerte Festigkeit auszeichnet. Umgekehrt haben Personen des öffentlichen Lebens selten ernsthafte literarische oder künstlerische Ambitionen an den Tag gelegt. Schöpferische Tätigkeit wird hierzulande bei gesellschaftlichen Praktikern nicht sonderlich geschätzt. Einige missglückte politische Engagements von Künstlern und Literaten in den Zeiten, in denen der Geist der Politik zur platten Ideologie degeneriert war, haben ein übriges getan, das Verhältnis zwischen den Genossen zu komplizieren.

 

Ganz anders sieht dies bei unseren Nachbarn aus. In England etwa spannt sich von den Renaissance-Politikern Thomas Moore und Francis Bacon, deren Werke zu den Klassikern der europäischen Geistesgeschichte zählen, ein höchst eindrucksvoller polit-intellektueller Bogen bis hin zu Winston Churchill, der den Nobelpreis für Literatur erhielt. In den biographischen Nachschlagewerken beginnen hier unzählige Artikel über Personen des öffentlichen Lebens mit dem Vermerk: „Englischer Politiker und Schriftsteller“ und umgekehrt. Literarische Meriten waren auf den britischen Inseln traditionell ein wichtiges Tor zur politischen Karriere. Und wer den Einstieg in die Politik nicht mit dem Schreiben von Romanen, wie Disraeli und Bulwer-Lytton, von Versepen, wie Byron, oder von Essays, wie Addison, Steele und Burke, verband, der lieferte, wie Fox und Gladstone, möglichst ein Geschichtswerk nach. Noch heute ist es in der Nachfolge dieser Tradition in den Vereinigten Staaten üblich, dass ehemalige Präsidenten dem Geist, auch wenn sie sich ihm in ihrer aktiven Zeit nur mäßig verpflichtet fühlten, durch die Stiftung einer Bibliothek Reverenz erweisen. Wie weit der deutsche Kulturraum von einem solchen Geist entfernt ist, zeigt nichts deutlicher als die Tatsache, dass sogar bloß politisch-mäzenatische Taten dieser Art außerhalb unseres Erwartungshorizontes liegen.

 

Ein Musterbeispiel eines englischen literarisch-politischen Lebens aber auch für die Problematik des Spagates zwischen Amt und literarischen Würden ist Thomas Babington Macaulay. In den 30- und 40er Jahren des 19. Jahrhunderts war Macaulay, der hierzulande wenig bekannt ist, einer der brilliantesten Redner des britischen Unterhauses und zugleich einer der profiliertesten Schriftsteller seiner Zeit. Berühmt wurde er durch seine Essays, in denen er sich – nach allen Seiten kräftig Zensuren verteilend – außerordentlich mitreißend und luzide mit einem weiten Spektrum literarischer und politischer Themen befasste. Sein Hauptwerk, eine „Geschichte Englands“, war im englisch-sprachigen Raum einer der größten buchhändlerischen Erfolge des ganzen Jahrhunderts. Auch lange nach seinem Tod im Jahre 1859 gehörten seine Schriften noch zum Kernbestand der Hausbibliotheken des aufgeklärten englischen Bürgertums. Selbst in Australien, wo sich die Kolonialpioniere seinerzeit noch durch den Busch kämpften, waren seine Werke überall zu finden. Ein Reisender des 19. Jahrhunderts berichtete, er habe bei allen Siedlern drei Bücher gefunden: die Bibel, Shakespeare und Macaulays Essays. Noch heute gehören seine Werke, nicht zuletzt wegen eines Englisch, das nicht lebhafter, farbiger und treffender sein könnte, zum anregendsten und spannendsten, was man über die Sicht Englands von der Welt zu einer Zeit lesen kann, in der das Land dem Höhepunkt seiner Entwicklung als Weltmacht zustrebte.

 

Macaulay wurde im ersten Jahr des Jahrhunderts geboren, das man als das „englische“ bezeichnen kann und dessen perfekter Repräsentant er ist. Von Haus aus war ihm weder eine politische noch eine literarische Karriere vorgezeichnet. Er  wuchs in Clapham, einen Vorort Londons in kleinen Verhältníssen auf.  Das  streng evangelikale Elternhaus, in dem es chronisch an Geld mangelte, verfügte  über keine besonderen Verbindungen zum englischen Establishment. Der Vater, dem man für sein philanthropisches Engagement ein Denkmal in Westminster Abbey setzte, redigierte zwar eine religiöse Zeitschrift, die sich vor allem dem Kampf gegen die Sklaverei widmete. Sonst wollte er aber mit Politik und Literatur nicht viel zu tun haben. Die Beschäftigung mit weltlicher Literatur war für ihn fast schon Sünde. Als Internatsschüler musste sich der junge Macaulay gegenüber dem Vater immer wieder gegen den – nicht unberechtigten – Vorwurf verteidigen, ein „Romanleser“ zu sein oder sich zu politischen Fragen geäußert zu haben.

 

Macaulay war so etwas wie ein verbales Wunderkind. Ausgestattet mit einem außerordentlichen Gedächtnis, das ihm sein Leben lang gestattete, jederzeit auf den riesigen Fundus seiner Lektüre in allen wichtigen Sprachen Europas zurückzugreifen, hatte er die Formen und Inhalte der europäischen literarischen Tradition schon als Kind so weit aufgenommen, dass er sich ihrer in stupender Weise zum Zwecke des Ausdrucks eigener Gedanken bedienen konnte. Im Alter von acht Jahren schrieb er ein Epos in Blankversen im Stile Walter Scotts und ein Kompendium der Weltgeschichte. Die Briefe, die der Junge aus dem Internat an seine Eltern schrieb, zeigen eine Gewandtheit und Souveränität im Umgang mit der Sprache, die dem heutigen Leser – insbesondere wenn er die Ausdrucksfähigkeit der Bildschirmjugend unserer Zeit dagegen hält – schlicht die Worte verschlägt.

 

Seine außerordentlichen Fähigkeiten brachten Macaulay einen Platz im berühmten Trinity College in Cambridge ein, wo er unter den Büsten Bacons und Newtons mit großem Erfolg studierte und preisgekrönte Gedichte, Dialoge und kleinere Essays verfasste. Soeben dem College entwachsen, trat er schließlich im Jahre 1825 mit einem Paukenschlag auf die große publizistische Bühne. Die angesehene „Edinburgh Review“, das Sprachrohr der liberalen Partei der Whigs, veröffentlichte von ihm einen mit unerhörter Verve geschriebenen umfangreichen Artikel über den englischen „Dichter und Politiker“ John Milton, den Verfasser des „Verlorenen Paradieses“. Darin trat der 25-jährige Autor mit einer so erstaunlichen Weite des Blickwinkels und einer solchen Entschiedenheit des Urteils über künstlerische und politische Fragen hervor, dass ihm die literarisch-politische Öffentlichkeit sofort zu Füßen lag.

 

Macaulays Erstling enthält weitgehend das Programm seines ganzen Lebenswerkes. Wie alle fast 40 Essays, die er in den nächsten 20 Jahren für die „Edinburgh Review“ schrieb, hatte der Milton-Aufsatz die Form einer Buchkritik, ohne sich viel um das Buch zu bekümmern, um das es ging. Viele der besprochenen Werke – Biographien, Werkausgaben und politische Traktate – waren nicht besonders bedeutend und nicht wenige sind überhaupt erst durch Macaulays Lob oder seinen Verriss „groß“ geworden. Im Grunde waren sie für ihn nur der Anlass, auf der Basis verblüffender Detailkenntnisse über die jeweilige Person oder das in Frage stehende Thema weit ausgreifende eigene Gedanken zu ästhetischen, ethischen und historischen Problemen darzulegen und kulturhistorische Vergleiche zu ziehen. Macaulay interessierten dabei vor allem Figuren, die, wie er selbst, zwischen Schreiben und politischer Praxis changierten. Schon im Falle Miltons wandte er sich, nachdem er dessen dichterisches Werk sachkundig abgehandelt hatte (wobei er nebenbei seine persönliche Poetologie darlegte), weit ausschweifend den politischen Verhältnissen im England der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert zu, als unter Beteiligung des Dichters als Pamphletisten der politische Liberalismus aufkeimte.

 

Diese Epoche sollte Macaulay sein Leben lang beschäftigen. Immer wieder kreisten seine Gedanken und Erörterungen um die Zeit der „Großen Rebellion“ von 1649 und der „Glorreichen Revolution“ von 1688, in der mit der „Habeas Corpus- Akte“ und der „Bill of Rights“ die Rechte der Krone eingeschränkt und damit die Grundlagen des englischen parlamentarischen Systems und der Menschenrechte gelegt wurden. Hier lagen für ihn die Wurzeln zum Verständnis der spezifisch englischen Zivilisation, deren wesentliches Kennzeichen er in einer prinzipiellen Reformierbarkeit des politischen Systems und der daraus resultierenden relativen Mäßigung der politischen Leidenschaften sah. Die Revolution von 1688, so schrieb er einmal im Hinblick auf die Reihe der Revolutionen, welche den Kontinent in der Zeit von 1789 bis 1848 erschütterten, sei die gewaltloseste und segensreichste aller Revolutionen gewesen und ihr größtes Lob sei, dass sie – und das gilt noch heute – die letzte in England gewesen sei. Macaulays Lebenswerk war dem Bestreben gewidmet, diese politischen Grundüberzeugungen in der Vergangenheit zu verankern, um ihnen im traditionsbewussten England das Gewicht zu verschaffen, welches sie im politischen Tageskampf der Gegenwart und in der Zukunft benötigten. Bei seinen Landsleuten stieß er damit auf große Resonanz. Bestärkt durch die beispiellosen wirtschaftlichen und weltpolitischen Erfolge Englands im 19. Jahrhundert berauschten sie sich an Macaulays fortschrittsgewisser Formel, dass ihre Generation dank der spezifisch englischen Lösung des Macht- und Führungsproblems die „aufgeklärteste des aufgeklärtesten Volkes aller Zeiten“ sei.

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Indische Tatsachen – Fälschung der Geschichte – Geschichte der Fälschung

Im südindischen Mahabalipuram wird der Besucher in einem nahe den berühmten altindischen Felsbauten befindlichen Hotel, das durch seinen Baustil und allerhand Ausstellungsstücke an die Kolonialzeit erinnert, an der Theke mit folgendem Text konfrontiert:

„Ich habe Indien der Länge und der Breite nach bereist und habe keinen einzigen Bettler und keinen Dieb gesehen. Ich habe in diesem Land einen solchen Reichtum, solch` hohe moralische Werte und Menschen von solchem Format gefunden, dass ich nicht glaube, dass wir dieses Land jemals erobern können, wenn wir nicht das eigentliche Rückrad dieser Nation brechen, nämlich ihr spirituelles und kulturelles Erbe; und daher schlage ich vor, dass wir ihr altes und altertümliches Bildungssystem, ihre Kultur verdrängen; denn wenn die Inder denken, dass alles Ausländische und Englische gut und besser als ihr Eigenes ist, werden sie ihre Selbstachtung verlieren, ihr angeborenes Selbstverständnis, und sie werden dass sein, was wir wollen, eine wirklich beherrschte Nation.“

Der Unterschrift nach handelt es bei dem Text um eine Passage aus einer Rede, welche der große englische Schriftsteller und Politiker Lord Thomas Babington Macaulay am 2.2.1835 im britischen Parlament gehalten hat.

 Man braucht kein besonderer Kenner der Figur Macaulays zu sein, um sich darüber zu wundern, dass sich der profilierte Lord derart unverblümt zur Kolonialpolitik geäußert hätte. Verwunderlich ist dies schon deswegen, weil Macaulay diese Sätze im Parlament und damit in seiner Eigenschaft als Politiker gesagt haben soll. Politiker aber, zumindest die demokratischer Staaten, pflegen eventuelle zweifelhafte Absichten in aller Regel in kunstvoller Verpackung zu präsentieren. Wenn eben möglich versuchen sie, dieselben als Wohltat oder jedenfalls als unabweisbare Notwendigkeit darzustellen. Hinzu kommt, dass die Kolonialpolitik als prinzipiell fragwürdiges Geschäft ein geradezu paradigmatischer Fall für die Notwendigkeit derartiger Verpackungskünste war. Zu ihrer Rechtfertigung hat man daher in der Regel einen besonders hohen Ton angeschlagen. Meist hieß es, dass man den zurückgebliebenen Völkern die Segnungen der Zivilisation oder des Christentums bringen wolle oder gar müsse. Dass ausgerechnet ein Formulierungskünstler wie Macaulay in einer so prekären Frage fundamentale Gesetze der politischen Kommunikation völlig außer Acht gelassen haben sollte, wäre schon für sich Grund genug, der genannten Textpassage mit Misstrauen zu begegnen.

Man braucht auch keine besonders guten Kenntnisse über Macaulay und die indischen Verhältnisse, um sich am Inhalt des Textes zu stoßen. Der extreme Kontrast seiner Grundpositionen erinnert reichlich auffällig an die plakative Charakterzeichnung der Figuren in indischen Dramen und in Bollywood Filmen, wo ganz Böse gerne ganz Guten gegenübergestellt werden. Die alte indische Sozialkultur wird eingangs des Textes derart rosig dargestellt, dass man sogleich spürt, dass der Satz in einem üblen Kontrapunkt enden soll. Tatsächlich wird dem englischen Lord denn auch ein Zynismus und eine Skrupellosigkeit und Gemeinheit unterstellt, wie man sie aus schlechten Filmen oder allenfalls noch von Psychopathen oder Verbrechern kennt. Zur Spezies der letzteren, der sicher manche Politiker angehören, wurde Macaulay allerdings bislang gerade nicht gezählt. Er gilt geradezu als das Muster eines Gentleman.

 

Ebenfalls schon auf den ersten Blick fällt auf, dass in dem Text mit der übermäßigen Wertschätzung des (Westlich)Ausländischen und dem Beklagen eines Mangels an heimischer Tradition ein Topos aus der aktuellen indischen Gesellschaftsdiskussion angesprochen wird. Das Thema treibt neben Traditionalisten und Außenhandelsstatistikern nicht zuletzt die einheimischen Warenproduzenten um, die auf dem indischen Markt möglichst wenig Konkurrenz durch die Produkte ausländischer Anbieter haben möchten, welche die Inder zum Bedauern der einheimischen Produzenten aber meist attraktiver finden. Dass Macaulay der Ansicht gewesen sein soll, in Indien eine Vorliebe für Ausländisches mit einer Bildungsreform erzeugen zu können, klingt nicht sonderlich überzeugend. Man wird daher bei dieser Behauptung den Verdacht nicht los, dass mit ihr einem Geschehen, das tatsächlich eingetreten ist und von Manchen nicht geschätzt wird, nachträglich eine passende Ursache unterschoben werden soll. Dies gilt umso mehr, als sich ein ähnlicher Wertschätzungsbonus des Westlich-Ausländischen auch in anderen – nicht zuletzt unterentwickelten – Ländern findet, darunter auch solchen, deren Bildungssystem gerade nicht von England geprägt ist.

 Wer nähere Kenntnisse über Macaulay hat, stellt außerdem schnell fest, dass der Lord im Jahre 1835 gar keine Rede im britischen Parlament gehalten haben kann. Macaulay befand sich 1835 nicht in England. Er war von 1834 bis 1838 in Indien.

 Der Kenner Macaulays weiß im Übrigen, dass Gedanken, wie sie in dem genannten Text enthalten sind, weder mit seiner privaten noch mit seiner politischen Biographie in Einklang zu bringen sind. Macaulay stammte aus einem Elternhaus, das sich ganz dem Kampf gegen die Exzesse des Kolonialismus verschrieben hatte. Sein Vater, den er hoch verehrte, gehörte der legendären Clapham Sect an, die unter mit ihrem politischen Frontman Lord Wilberforce nach zahlreichen Anläufen im Jahre 1807 das Verbot des Sklavenhandels und 1833 schließlich auch das Verbot der Sklaverei durchsetzte –  der Vater wurde dafür sogar mit einer Gedenkstätte in Westminster Abbey geehrt. Die Einstellung, die hinter diesem Engagement stand, hat Macaulay stark geprägt. Er war davon überzeugt, dass der soziale und politische Fortschritt, für den er in seinem Heimatland kämpfte, auch und gerade bei den kolonisierten Völkern möglich sei. Der prominente Liberale war zwar wesentlich an der Gestaltung der englischen Kolonialpolitik betreffend Indien beteiligt. Er war mehrere Jahre im politischen Aufsichtsrat der „East India Company“, die Indien damals regierte, und war in den genannten vier Jahren von 1834 bis 1838 sogar Mitglied der indischen Kolonialregierung. Seine Auffassungen über Kolonialpolitik und insbesondere über das Verhältnis von England und Indien waren aber bei weitem nicht so einfach oder gar so finster, wie es das genannte „Zitat“ suggeriert. Macaulay sah den Zweck seiner Mission keineswegs nur darin, die Interessen Englands durchzusetzen. Er setzte sich im Gegenteil mit großem Engagement dafür ein, die Rechte der riesigen einheimischen Mehrheit zu stärken und die ausufernden Ansprüche der wenigen englischen Siedler zu begrenzen (was ihn bei letzteren alles andere als beliebt machte). In einer Rede, die er am 10. Juli 1833, also noch vor seiner Abreise nach Indien, im Rahmen der Aussprache über ein neues Regierungsstatut für Indien tatsächlich im britischen Parlament hielt, hat er etwa über die Rolle der englischen Siedler, die unter Berufung auf ihre politische Freiheit eine ausschließlich für sie zuständige Gerichtsbarkeit verlangten, Folgendes gesagt: „Niemand liebt die politische Freiheit mehr als ich. Aber ein Privileg, dessen sich nur wenige Individuen erfreuen können, inmitten einer Bevölkerung, die dieses Privileg nicht hat, kann nicht Freiheit genannt werden. Es ist Tyrannei.“ Und er fügte mit Blick auf die indische Rechtstradition, die er übrigens mit einem egalitären Strafgesetzbuch beendete, hinzu, es sei bereits „das schlimmste aller Rechtssysteme, eine mildes Strafgesetz für die Brahmanen“ zu haben, „die aus dem Kopf des Schöpfers entsprungen sind und ein strenges Gesetz für die Sudras, die aus seinen Füssen stammen. Indien hat schon genug unter der Kastentrennung gelitten und unter den tief wurzelnden Vorurteilen, welche diese Trennung erzeugt. Gott bewahre, dass wir es mit dem Fluch einer neuen Kaste überziehen, dass wir ihm neue Brahmanen schicken, die berechtigt wären, die gesamte einheimische Bevölkerung als Parias zu behandeln!“ Er kam in dieser Rede, in der er das außerordentlich komplizierte Geflecht der englisch-indischen Beziehungen brilliant analysierte, zu dem Schluss, es wäre „der stolzeste Tag der englischen Geschichte“ (!), wenn Indien als Folge der englischen Kolonialpolitik eines Tages in die Lage versetzt würde, sich selbst gut zu regieren. „Niemals“, so fügte er hinzu „würde ich versuchen, dies zu verhindern oder zu verzögern.“ Macaulay war also ganz im Gegensatz zu dem Eindruck, den das „Zitat“ vermitteln will, so etwas wie der erste Propagandist einer (künftigen) Freiheit Indiens – wobei er die Bedingungen, unter denen diese über hundert Jahre später tatsächlich eintreten sollte, erstaunlich genau voraussah.

 

Schließlich kann, das zeigen bereits die Auszüge aus der genannten Rede, derjenige, der sich kundig machen will, leicht feststellen, dass Macaulay die sozialen Verhältnissen im Indien seiner Zeit alles andere als positiv einschätzte. Er hielt die Grundlagen der indischen Gesellschaft vielmehr für ziemlich unzivilisiert, weitgehend sogar für barbarisch und unmoralisch und die Inder für ränkevoll und falsch. Dass er die indischen Verhältnisse in einer Weise gelobt hätte, wie dies eingangs des genannten Textes der Fall ist, ist daher auszuschließen.

 

Angesichts all dieser Ungereimtheiten ist klar, dass der genannte Text nicht von Macaulay stammen kann. Es handelt sich offensichtlich um eine Fälschung.

 

Die normale Reaktion auf eine derart plumpe Fälschung wäre eigentlich, sie nicht zu beachten. Dass sie dennoch unser Interesse und unseren Jagdinstinkt weckt, liegt zum einen darin, dass sie in Indien seit dem Jahre 2002, als sie erstmals auftauchte, eine erstaunliche Resonanz erfahren hat. Das „Zitat“ hat nicht nur den Hoteldirektor von Mahabalipuram so überzeugt, dass er es an prominenter Stelle platzierte. Es wurde auch in zahlreichen Internetseiten kolportiert. Binnen kurzem fand es Eingang in ein offizielles Dokument der Planungskommission der indischen Regierung. Selbst der indische Staatspräsident hat es in einer Rede vom 2.9.2004 verwendet.

 

Interessant ist die Fälschung außerdem, weil sie alles andere als geschickt ist. Der Fälscher hat nicht nur reichlich dick aufgetragen. Er hat sich auch nicht die Mühe gemacht, die offenkundigen Unstimmigkeiten bei der Datierung des „Zitates“ zu vermeiden. Im Gegenteil, er hat die Fälschung auch noch kurzerhand mit einem Datum versehen, unter dem Macaulay tatsächlich eine berühmte (und berüchtigte) Stellungnahme zur indischen Bildungspolitik abgegeben hat, die „minutes“ vom 2.2.1835, die allerdings für die indische Kolonialregierung geschrieben wurden. Den Fälscher hat also weder gestört, dass man so grundlegende Tatsachen, wie die, ob Macaulay 1835 in England war, mittlerweile in Sekundenschnelle per Mausklick überprüfen kann. Es war ihm auch egal, dass man leicht feststellen kann, was Macaulay seinerzeit zur Bildungspolitik gesagt hat (tatsächlich findet in den „minutes“ vom 2.2.1835 natürlich nichts, was in die genannte Richtung geht). Es stellt sich daher die Frage, wieso sich der Fälscher so wenig um Plausibilität bemüht hat, insbesondere, wieso er nicht, wie alle guten Fälscher, die Nähe der Tatsachen wenigstens so weit gesucht hat, wie dies möglich war oder sich von Tatsachen, die leicht zu überprüfen waren, möglichst fern gehalten hat. Die Vermutung liegt nahe, dass er glaubte, sein Ziel auch ohne derartige Vorsichtsmaßnahmen erreichen zu können. Er hatte offensichtlich nicht nur keine Ehrfurcht vor der Wahrheit, sondern auch keine Furcht vor den Tatsachen. Er muss also davon ausgegangen sein, die Tatsachen würden seinen Zwecken auch dann nicht schaden, wenn sie, was zu erwarten war, bekannt würden.

 

All dies reizt dazu, zu fragen, wie es zu einer solchen Fälschung kommen konnte, wer der Fälscher war, was ihn antrieb und wieso er sich für die gewählte Vorgehensweise entschied. Nun, wer genau der Fälscher war, können wir nicht sagen. Er hat aber einige Spuren hinterlassen, die Rückschlüsse auf seine Gedanken und sein Weltbild zulassen.

 

Die geschilderte laxe Einstellung gegenüber den Tatsachen deutet zunächst einmal darauf hin, dass der Fälscher mit einer unkritischen Akzeptanz seiner Behauptungen bei denen rechnete, an die sich die Fälschung richtete. Eine solche Haltung konnte er naturgemäß am ehesten voraussetzen, wenn er annehmen konnte, dass die Adressaten des Textes ein Interesse an falschen Tatsachen oder kein Interesse an ihrer Widerlegung hatten. Wir können also nähere Erkenntnisse über den Fälscher erwarten, wenn wir fragen, welches Interesse Inder vom Anfang des 21. Jh. daran haben können, einen englischen Lord aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert so heftig zu denunzieren.

 

Man könnte zunächst einmal vermuten, dass ein solches Interesse das Resultat des Traumas ist, welches die Unterwerfung einer uralten Hochkultur unter eine Fremdherrschaft hinterlassen musste. Macaulay wäre hierfür eine durchaus die geeignete Projektionsfigur. Er war, wie gesagt, nicht nur ein maßgeblicher Protagonist der englischen Kolonialpolitik. Er gilt auch als Vater der Anglisierung und damit der Europäisierung des Subkontinents, wobei die „minutes“ vom 2.2.1835 eine wichtige Rolle gespielt haben. Wie die Erwähnung des Datums in der Unterschrift des „Zitats“ und das angesprochene bildungspolitische Thema zeigen, war dies unserem Fälscher bekannt (und hat ihm offensichtlich nicht gefallen). Macaulay verfasste die Stellungnahme vom 2.2.1835 im Zusammenhang mit einem Streit über die Ausrichtung des höheren indischen Bildungssystems, der in der indischen Kolonialregierung seit Anfang des 19. Jahrhunderts schwelte. Es ging dabei darum, ob die einheimische Führungselite wie bislang orientalisch, das heißt in Sanskrit, Arabisch und Persisch, oder in englischer Sprache zu erziehen sei. Für beide Standpunkte gab es gute Argumente, die von gewichtigen Persönlichkeiten höchst engagiert vertreten wurden. Es war der kulturhistorisch weit ausholenden Argumentation und der suggestiven Rhetorik des renommierten und routinierten Essayisten Macaulay in seinen „minutes“ zu verdanken, dass sich der damalige Generalgouverneur von Indien, Lord Bentinck, für die anglizistische Lösung entschied. Die Bedeutung dieser Weichenstellung war außerordentlich. Sie gab der Entwicklung des Subkontinents den Impuls in Richtung Westen, Demokratie, Aufklärung und Verwissenschaftlichung, den der Fälscher und seine Anhänger offensichtlich bedauern. Der englische Lord ist daher die geborene Reizfigur für alle Altindien-Nostalgiker. Dies gilt umso mehr, als er sich für die Rolle des kulturellen Bösewichts besonders gut eignet. Macaulay litt nicht nur nicht an mangelndem Selbstbewusstsein, sondern pflegte sich auch sehr plastisch auszudrücken. Und er hielt, wie angedeutet, mit seiner mangelnden Begeisterung für die indische Kultur nicht hinter dem Berg. In den „minutes“ vom 2.2.1835 finden sich Formulierungen und Vergleiche, die aus der Sicht seiner Kritiker wunderbare Angriffspunkte bieten, etwa wenn er zur Begründung der Überlegenheit der westlichen Kultur unangefochten eurozentrisch feststellte, ein einziges Bücherbrett in einer guten europäischen Bibliothek sei so viel wert, wie die ganze einheimische Literatur Indiens und Arabiens; oder wenn er behauptete, die gesamte historische – und das war aus damaliger Sicht weitgehend die sozial relevante – Information, die in all den asiatischen Büchern stecke, befände sich schon in den dürftigsten Kurzausgaben, welche man in den englischen Vorschulen benutze.

 

Die Massivität, mit welcher der Fälscher versucht, den Ruf Macaulays zu ruinieren, deutet allerdings darauf hin, dass es ihm nicht nur darum geht, längst geschlagene Schlachten noch einmal aufzurollen. Sein Interesse an Macaulay, das zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass er mit der Überbetonung des Ausländischen ein Problem des heutigen Indien anspricht, hat offensichtlich auch einen sehr gegenwärtigen Grund. Wir können daher erwarten, dass sich uns dieser Grund offenbart, wenn wir uns näher mit Macaulays Gedanken über Indien befassen.

 

Macaulay war ein aufgeklärter Demokrat. Schon in seinem Heimatland kämpfte er in den legendären Redeschlachten über die „Reform Bill“ von 1830 für die Verbreiterung der demokratischen Basis durch Ausweitung der Wahlberechtigung auf die bürgerlichen Schichten der Städte. Ein politisches System nach englischem Muster schwebte ihm auch für Indien vor. Er ging jedoch realistischerweise davon aus, dass das Land hierfür mangels einer modernen Denkweise noch nicht reif sei. Sein Bestreben ging daher dahin, zunächst einmal die Grundvoraussetzungen für ein demokratisches Steuerungsmodell zu schaffen. Als ein wesentliches Hindernis erschien ihm dabei die traditionelle Struktur der indischen Gesellschaft, wonach die Menschen in Gruppen von gänzlich unterschiedlicher Wertigkeit eingeteilt waren. Er kam ihm daher darauf an, in Indien erst einmal ein Bewusstsein von der prinzipiellen Gleichheit der Menschen zu schaffen. Als fortschritts- und büchergläubiger Liberaler mit einem Faible für historische Parallelen meinte er, dieses Ziel sei dadurch zu erreichen, dass man in Indien einen ähnlichen Prozess in Gang setzt, wie ihn Europa ab dem 15. Jahrhundert durchlaufen hatte. Schon in der Unterhausrede vom 10. Juli 1833 vertrat er die Ansicht, Indien sei nach dem Zusammenbruch des Reiches der Großmoghulen, welche die Engländer vorfanden, in einer Lage vergleichbar derjenigen gewesen, in welcher sich Europa nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches befunden habe. Hier wie dort sei auf die Auflösung der alten Strukturen eine dunkle Periode gefolgt, in Europa das Mittelalter, in Indien staatliche Zersplitterung und der daraus resultierende Verlust der Unabhängigkeit. So wie Europa den Weg aus seiner dunklen Periode über die Wiederentdeckung der griechischen und römischen Literatur gefunden habe, würde Indien seinen Weg in eine aufgeklärte Zukunft über die englische Sprache und der darin verfassten Literatur nehmen, in der nun einmal das beste Wissen der Welt zusammengetragen sei. Wie in Europa würde sich in Indien dann die Vorstellung von der prinzipiellen Gleichheit der Menschen und letztendlich auch die Demokratie einstellen.

 

Macaulays Hoffnungen haben sich, wie wir heute wissen, insofern verwirklicht, als westliches Gedankengut nicht zuletzt über die englische Sprache tatsächlich in hohem Maße Eingang nach Indien gefunden hat. In der Folge wurden viele soziale Missstände beseitigt. Das diskriminierende Kastensystem etwa ist offiziell abgeschafft. Das Land hat heute eine demokratische Verfassung, deren Vater, Bimrao Ambedkar, sogar ein Unberührbarer war.

 

Dass Macaulay weiterhin aktuell ist, hat seinen Grund nun aber darin, dass der Fortschritt in der Praxis bei weitem nicht so groß ist, wie es der Lord in seiner mechanistischen Denkweise erwartet hatte. Der erstrebte Kulturtransfer scheiterte weitgehend an der Veränderungsresistenz der kulturellen Grundlagen Indiens, die in drei Jahrtausenden auch die gewaltigsten politischen Turbulenzen und Systemänderungen überstanden haben und welche die gesellschaftlichen Verhältnisse weiterhin bis in die feinsten Verästelungen bestimmen. Insbesondere das Kastensystem einschließlich der Ausgrenzung der Kastenlosen wird allen offiziellen Parolen zum Trotz noch immer weitgehend praktiziert. Für diejenigen, die unter diesem System leiden, gilt daher Macaulay heute als derjenige, der das Tor öffnete, durch welches ein Denken nach Indien einströmte, welches, wenn überhaupt irgend etwas, diese Grundlagen weiter erschüttern könnte. Der lange verstorbene englische Lord ist insbesondere für die intellektuellen Köpfe der Dalits, jenen 200 bis 250 Millionen Indern, die nach traditioneller indischer Vorstellung als Kastenlose außerhalb der regulären Gesellschaft stehen, so etwas wie ein Schutzheiliger geworden. Macaulay wird, zumal er auch die Unabhängigkeit Indiens voraussah, geradezu als eine frühe Inkarnation Mahatma Gandhis angesehen, der die Dalits, zweifellos unter dem Einfluss westlicher sozialer Vorstellungen zu „Kindern Gottes“ (Harijans) erklärte, ein Begriff, der schon im christlichen Westen Träger des Gleichheitsgedankens war. Einige Führer der Dalits, die in Indien inzwischen als Macaulayts bezeichnet werden, gehen sogar so weit, ihren Schutzpatron als einen der größten Philosophen zu bezeichnen, den unser Planet je hervorgebracht hat (was zumindest zeigt, dass das Problem, welches sie belastet, als außerordentlich groß empfunden wird).

 

Damit sind wir dem Motiv für die Fälschungstat ein wesentliches Stück nähergekommen. Es liegt auf der Hand, dass sich die indischen Traditionalisten davon, dass sich die Dalits zur Untermauerung ihrer Forderung nach Gleichheit ausgerechnet auf einen englischen Lord berufen, nicht nur als Hindus sondern auch Vertreter der indischen Nation herausgefordert fühlen. Wir dürfen unseren Fälscher daher in diesen Kreisen vermuten. Er und seine Adressaten haben ein Interesse daran, Macaulays Ruf in den Schmutz zu ziehen. Das Interesse aber ist eines der wichtigsten Elemente des Tatmotivs. Tatsächlich gilt Macaulay vor allem den Hindunationalisten neben den drei anderen „Ms“ – Moslems, Marxisten und Missionare – als einer der großen Zerstörer der altindischen Kultur, die sie sich – damit schließt sich der Kreis – wie am Anfang des „Zitates“ angedeutet, ohne all die Übel vorstellen, welche sie in der heutigen indischen Gesellschaft beklagen. Sinnigerweise können sie sich dabei nicht zuletzt auf die Schilderungen einiger früher Indienbesucher berufen, die, was Reisende gelegentlich tun, in ihren Berichten möglicherweise auch etwas dick aufgetragen haben, so der Grieche Megastenes, der Indien um 320 v. Chr. besuchte und die Wahrheitsliebe, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit seiner Einwohner rühmte oder der Chinese Yuan Chwang, der im 6. Jh. nach Chr. berichtete, die Inder kennten keine List und keinen Trug.

 

Es bleibt noch die Frage, warum der Fälscher meinte, so plump vorgehen zu können. Der Grund hierfür ist offenbar, dass er nicht nur von einem mangelnden Interesse seiner Adressaten an den Tatsachen ausgegangen ist, sondern auch von einer begrenzten Fähigkeit, mit ihnen umzugehen. Er scheint geglaubt haben, dass seine Leser nicht ohne weiteres in der Lage seien, Tatsachen von Behauptungen zu unterscheiden, dass also Tatsachen ihre Meinungen in besonders geringem Ausmaß beeinflussen. Dies führt uns zu einem Problem, das Indienbesuchern schon immer aufgestoßen ist und das sie nicht wenig verwirrt hat. Wer Indien der Länge und der Breite nach bereist der wird – und zwar schon bei ganz alltäglichen Dingen – in einem Ausmaß, das für einen Europäer schwer fassbar ist, mit Verhaltens- und Denkweisen konfrontiert, welche von der Vernachlässigung oder Missachtung von Tatsachen zeugen. Die Tatsachen bzw. die Behauptung derselben sind in einem für uns völlig ungewohnten Ausmaß mit Bedeutung aufgeladen. Sie scheinen weitgehend ein Instrument zur Gestaltung sozialer Beziehungen zu sein, was naturgemäß immer dann besonders störend ist, wenn Nützlichkeitserwägungen im Spiel sind. Vor allem europäische Beobachter haben sich über diesen Umgang mit den Tatsachen daher enttäuscht, meist sogar entrüstet geäußert (und die Schilderung dieses Phänomens gerne zur Demonstration ihrer eigenen Wahrheitsliebe verwendet).

 

Für Macaulay war diese Eigenart des indischen Denkens ein weiteres grundlegendes Hindernis auf dem Weg zu einer modernen Gesellschaft. Die Ursache hierfür sah er nicht zuletzt in der traditionellen indischen Literatur, die bis dato dem höheren Unterricht zu Grunde gelegt wurde, und in der es in der Tat ungewöhnlich tatsachenfremd zugeht. In den „minutes“ vom 2.2.1835 stellte er fest, dass in Indien medizinische Lehren herrschten, die einem englischen Pferdearzt zur Schande gereichen würden, eine Astronomie, die bei Mädchen eines englischen Internats Gelächter hervorrufen würde, eine Geschichtsdarstellung, die voller Könige von 30 Fuß Größe sei, deren Herrschaft 30.000 Jahre andauerte, und eine Geografie, die Seen aus Butter und Syrup kenne. Oberste Priorität war daher für ihn, in Indien eine wissenschaftliche, das heißt an Tatsachen orientierte Denkweise zu etablieren. Er war überzeugt davon, dass die traditionelle Denkweise Indiens, die der Europas im Mittelalter ähnlich sei, durch die Einführung moderner europäischer Literatur ebenfalls bald überwunden werde.

 

Der Lord mit der Neigung zur geistigen Koloniegründung hat sich über die Möglichkeiten des Kulturtransfers auch hier gewaltig getäuscht. Er hat nicht gesehen – und als eurozentrischer Rationalist vermutlich auch nicht sehen können – wie sehr europäisch unsere Art des Interesses an den Tatsachen ist und wie tief das Desinteresse daran in der indischen Kultur verwurzelt ist. Ein Denkgebäude, das den indischen Geist besonders gut zum Ausdruck bringt, ist etwa die Philosophie des Avaita Vedanta, die Schankara, der als der größte Denker Indiens gilt, im 8. Jahrhundert nach Chr. auf ihren Höhepunkt geführt hat. Nach dieser Philosophie, die sich unmittelbar auf die altindischen Texte der Upanishaden bezieht, ist die Welt der Tatsachen mit ihren kausalen Verhältnissen nur scheinbar wirklich. Sie verhülle wie ein täuschender Schleier, den die Inder Maya nennen, die eigentliche Wirklichkeit. Das wahre Interesse der menschlichen Erkenntnis sei darauf gerichtet, den Schleier der Maya zu durchstoßen und zum eigentlichen Sein durchzudringen, in dem alle Unterscheidungen und Kausalitäten und auch alle moralischen Bewertungen keine Rolle mehr spielen. Es versteht sich, dass es die Tatsachen in einer Kultur, die von solchen Gedanken beherrscht wird, nicht gerade einfach haben.

 

Nun hat Indien sicherlich nicht das Monopol für Tatsachenwidrigkeit. Die „Falschheit“ ist eine Grundfunktion des menschlichen Geistes, dem freilich in Indien eine besondere dominante Rolle zugewiesen ist. Nietzsche stellte sogar einmal fest, nichts sei unbegreiflicher, als wie unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte. Man kann sich auch des Eindrucks nicht erwehren, als gewönne die Tatsachenwidrigkeit in einer Zeit, in der die Medien eine immer größere Rolle bei der Vermittlung der Tatsachen spielen, gerade auch in unserer angeblich so tatsachenorientierten Kultur zunehmend an Boden. Der Fall Macaulay geht aber über dieses allgemeine Problem hinaus. Er ist symptomatisch dafür, welche Hemmnisse dem Export einer Tatsachenorientierung und Wissenschaftlichkeit europäischer Genese, die wir wie Macaulay gerne als universelles Prinzip ansehen, in anderen Kulturen entgegenstehen. Es ist von geradezu symbolischer Bedeutung, dass ausgerechnet ein Mann wie der indische Präsident Kalam das falsche Macaulay-Zitat verwendete. Kalam ist ein Mann der Wissenschaft. Er hat als Vater des indischen Raketenprogramms wesentlich dazu beigetragen, dass das Land in einem wichtigen Bereich des technologisch-wissenschaftlichen Denkens zur Weltspitze aufschließen konnte. Jahrelang war er der oberste Wissenschaftsberater der indischen Regierung. Er müsste also eigentlich ein Mann der Denkart sein, wie ihn sich Macaulay für Indien gewünscht hatte. Dennoch ist ihm nicht aufgefallen, dass an dem „Zitat“ des Mannes, der die Genauigkeit des Denkens nach Indien bringen wollte, nichts mit den Tatsachen übereinstimmen kann.

(Näheres zu Person und Leben Macaulays findet sich im dem Essay „Politischer Kopf“ in diesem Blog – vgl.  Inhaltsverzeichnis IV, 13)

 

 

<!–[if !supportFootnotes]–>

<!–[endif]–>

<!–[if !supportFootnotes]–>[1]<!–[endif]–> I have travelled across the length and breadth of India and I have not seen one person who is a beggar, who is a thief. Such wealth I have seen in this country, such high moral values, people of such calibre, that I do not think we would ever conquer this country, unless we break the very backbone of this nation, which is her spiritual and cultural heritage, and, therefore, I propose that we replace her old and ancient education system, her culture, for if the Indians think that all that is foreign and English is good and greater than their own, they will lose their self-esteem, their native self-culture and they will become what we want them, a truly dominated nation.