1789 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Streichquartett D-Dur, KV 575

Die Bedeutung Mozarts als Komponist beruht nicht zuletzt darauf, daß er sich auf allen wesentlichen Feldern der Musik betätigte und dabei jeweils Bedeutendes leistete. Und doch hat dieser scheinbare Alleskönner das kaum zu entschuldigende Manko, nichts Eigenständiges für das Cello geschrieben zu haben. Es gibt von ihm kein Konzert, keine Sonate und auch sonst nichts Solistisches für dieses schöne Instrument. Dies wirft die Frage auf, ob Mozart, der doch für fast jedes wichtige Instrument Solowerke schrieb, die eigenständige Persönlichkeit des Cellos in der Instrumentenfamilie verkannt hat. Eine gewisse Antwort auf diese Frage geben seine drei letzten Streichquartette, die auch als Celloquartette bezeichnet werden.

 

Wie wir wissen, war Mozart ein ökonomisch orientierter Komponist. Anlaß für seine Kompositionen waren meist konkrete Aufträge oder die Erwartung, sie verkaufen oder damit zumindest Werbung betreiben zu können. Offenbar hatte Mozart in seiner Klientel aber lange Zeit keinen Cellisten. Dies änderte sich erst zwei Jahre vor seinem Tod, als er in einer Zeit erheblicher finanzieller Engpässe in dem cellospielenden König Friedrich Wilhelm II. von Preußen einen möglichen Abnehmer von Cellomusik ausmachte. Auf die Idee, dem König via Widmung Quartette anzubieten und hierbei das Cello in der Vordergrund zu stellen, hatte ihn der komponierende Cellist Luigi Boccerini gebracht, der bei königlichen Liebhabern des Instrumentes eine schier unerschöpfliche Marktlücke für cellobetonte Musik gefunden hatte (er schrieb etwa 400 auf seine Kunden maßgeschneiderte Kammermusikwerke, darunter mehr als 100 Quintette mit jeweils zwei Celli, hauptsächlich für den spanischen Infanten Don Luis und Friedrich Wilhelm II von Preußen).

 

In Anlehnung an Boccerini, der seine Quartette im Sechserpack auf den Markt brachte, plante auch Mozart eine Sechserreihe (eine Form der Vermarktung, die man in Berlin offenbar bevorzugte – man denke an Bachs sechs Brandenburgische Konzerte). Von den geplanten sechs Quartetten sind jedoch nur drei fertiggestellt worden. Anders als bei Boccerini, der sich nicht mit komplexen Strukturen oder schwierigen Neuerungen abmühte, ging bei Mozart die Komposition dieser Quartette nicht leicht von der Hand. Dies lag sicher daran, daß Mozart, der an seine Produktion schon generell hohe Ansprüche stellte, bei der Gattung Quartett, die in Kennerkreisen inzwischen hochgeschätzt wurde, jeweils etwas Besonderes vorlegen wollte. Vor allem ging es ihm um die gleichberechtigte Behandlung der vier Instrumente, die damals noch keineswegs selbstverständlich war. Damit trug Mozart wesentlich zur Vollendung der Gattung bei.

 

Da der Abschluß der Sechserreihe nicht schnell gelingen wollte und Mozart dringend Geld brauchte, gab er den Widmungsplan schließlich auf und bot die drei fertiggestellten Werke Mitte 1790 dem Verleger Artaria an. In einem Brief vom 12. Juni 1790 an einen Freund schreibt er dazu: “Nun bin ich gezwungen, meine Quartetten (diese mühsame Arbeit) um ein Spottgeld herzugeben, nur um in meinen Umständen Geld in die Hände zu bekommen.“ Die Werke, die übrigens erst nach seinem Tod erschienen, zeigen in der Tat, daß Mozart in sie erhebliche Arbeit investierte. Sie sind nicht zuletzt durch einen besonders dichten Satz und komplexe polyphone Strukturen gekennzeichnet. Im letzten Satz des Quartettes KV 575 etwa werden Sonatensatz und Rondoelemente auf das Kunstvollste miteinander verwoben. Davon abgesehen zeigt Mozart bei dieser Gelegenheit, daß er sehr wohl Musik für ein solistisch geführtes Cello schreiben konnte, was ein wesentlicher Grund dafür sein dürfte, daß in diesen Quartetten die Melodie stark in den Vordergrund tritt.

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