Archiv der Kategorie: Pergolesi (Giovanni Battista)

1919 Igor Strawinski (1882 – 1971) – Pulcinella Suite

Die in den Jahren 1919/1920 komponierte Musik zum Ballett „Pulcinella“ (die Orchestersuite daraus wurde 1922 geschrieben) entstand auf Anregung von Diaghilew, dem Direktor der berühmten „Ballets Russes“ in Paris und Monte Carlo. Dem Ballett liegt der neapolitanische Schwank „Der vierfache Pulcinella“ vom Anfang des 18. Jahrhunderts zu Grunde. Es erzählt im Stile der Commedia dell’Arte das Schicksal des langnasigen Pulcinella, einem „Vetter“ Harlekins, von dem einige Neapolitanerinnen so angetan sind, daß sie andere Bewerber um ihre Gunst vernachlässigen. Eifersüchtig versuchen diese den Konkurrenten beiseite zu schaffen, können ihn aber nicht recht fassen. Dies führt zu einem traumartigen Verwirrspiel mit allerhand tragik-komischen Verwicklungen, darunter einer Vervierfachung des Hauptakteures, die sich nach einem wilden Tarantellatanz in einem triumphalem Happy-end auflösen. Die Uraufführung des Balletts, das Picasso ausstattete, fand 1920 in Paris statt.

Das Werk kostete Strawinsky einige Freunde und versöhnte manchen Feind. Bei den Hütern des Musikerbes aber sorgte es für Verwirrung. Strawinski galt seinerzeit als Bürgerschreck, der die Fundamente der Musiktradition in Frage zu stellen schien. Zur Verwunderung der Musikwelt kehrte der skandalumwitterte Avantgardist mit Pulcinella seinen Blick aber auf einmal liebevoll in die Vergangenheit. Der Flirt mit der Tradition, den er – zu seinem eigenen Erstaunen – als Blick in den Spiegel erkannte, sollte Folgen haben. Pulcinella markiert den Beginn einer ganzen Reihe von „Liebesverhältnissen“ Strawinskis mit alten Meistern, eine Schaffenszeit, die man seine „neoklassizistische Periode“ zu nennen pflegt.

Das erste dieser „Verhältnisse“ hatte Strawinski mit dem frühverstorbenen italienischen Barockmeister Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736), dessen Musik die eine Hälfte des musikalischen Erbgutes von „Pulcinella“ abgibt. Mit dem neapolitanischen Komponisten hatte ihn Diaghilev bekannt gemacht, der Pergolesi-Manuskripte bzw. solche, die unter diesem Namen liefen, sammelte. Trotz des unverkennbaren „mütterlichen“ Erbteiles ist Strawinskis Vaterschaft an dem gemeinsamen Kind aber nicht zu überhören. Die alte Musik hat allerhand Abenteuer zu bestehen, die den Avantgardisten immer wieder durchscheinen lassen. Dazu gehören Dehnungen, Kürzungen, Rückungen und Kadenzschärfungen, polyrhythmische und artikulatorische Überlagerungen sowie überraschende Übergänge und Exkurse bis in die Militärmusik und den Jazz.

Die Reaktion der Zeitgenossen auf die neuerliche Eskapade des Komponisten war, wie gesagt, zwiespältig. Die Avantgardisten beklagten die Fahnenflucht, die Hüter des Musikerbes sprachen von Vergewaltigung, alte und neue Freunde aber von einer „sorgfältig geplanten, erfolgreich durchgeführten und vollständig ausgekosteten Verführung“. Strawinski selbst war sich über den Charakter seiner Eroberung auch nicht ganz im Klaren. Auf die Frage, was er von der Musik Pergolesis halte, antwortete er unter Anspielung auf die zahlreichen Fälschungen, die unter diesem Namen existieren: „Pulcinella ist das einzige Werk, was ich von ihm gern habe“.

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