1787 Joseph Haydn (1732 – 1809) – Symphonie Nr. 88 G-Dur

Im Gegensatz zu vielen anderen Symphonien Haydns hat dieses Werk keinen Namen. Die Tatsache, daß sie nur mit einer Nummer benannt ist, sollte aber nicht zu dem Annahme verführen, sie sei nur eine weitere Nummer im langen Verzeichnis der Symphonien von Haydn. Auch beim 88. Werk einer Gattung ist ein Haydn noch lange nicht am Ende seiner Erfindungskraft. So haben wir es auch hier wieder mit einem Volltreffer des unerschöpflichen Meisters zu tun. Die Symphonie ist ein Gipfelpunkt der Vereinigung von spontaner Fröhlichkeit und hochkomplexer Konstruktion. Wie immer bei Haydn muß man die Konstruktion aber nicht erkennen, um das Werk zu „verstehen“. Allerdings wird der, der darauf achtet, einen beträchtlichen zusätzlichen Hörgenuß erfahren. Das Spektrum der Stimmungen, die der Hörer durchläuft, ist außerordentlich weit. Neben meisterlicher Kontrapunktik geht es ganz deftig zu, so im Menuett, wo wir uns in einem Bauernfest von breughelschen Farben zu befinden scheinen. In Paris, wofür die Symphonie geschrieben wurde, dürfte Königin Marie Antoinette, die in ihrem Petite Trianon in einer ähnlich fiktiven (Bauern-) Welt lebte, ihre Freude daran gehabt haben. Nicht lange danach sollte diese Welt des schönen Scheins in den Stürmen der französischen Revolution untergehen.

1786 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Prager Symphonie KV 504

Bereits neun Monate vor der Reise, die durch Mörikes Novelle berühmt geworden ist, befand sich Mozart auf der Reise nach Prag. In seinem Gepäck befand sich eine fertiggestellte Symphonie in D-Dur. Der Zweck der Reise war, das Eisen zu schmieden, das in Prag gerade heftig glühte. Seit einigen Wochen spielte man dort mit überwältigendem Erfolg den „Figaro“. Mozart wollte diesen Erfolg vor Ort persönlich genießen und möglichst in neue Kompositionsaufträge ummünzen. Die mitgebrachte Symphonie war daher ohne Zweifel so etwas wie ein Werbegeschenk an die Prager. Dies und die Tatsache, daß sie in Prag uraufgeführt wurde, ist der Grund dafür, daß sie als „Prager Symphonie“ bezeichnet wird.

 

Die Uraufführung der „Symphonie ohne Menuett“, wie sie auch genannt wurde, fand anläßlich einer Akademie statt, die Mozart am 19.1.1787 veranstaltete. Es war die Stunde eines seiner größten persönlichen Triumphe. Das Theater war so voll wie nie und das Publikum feierte den Schöpfer des Figaro wie einen König (daß mit Einnahmen von 1000 Gulden auch die Kasse stimmte, dürfte Mozart noch zusätzlich befriedigt haben). Nach der Aufführung der neuen Symphonie improvisierte Mozart auf dem Klavier. Durch die Ovationen des Publikums wurde er gezwungen, zwei umfangreiche Improvisationen zuzugeben. Zuletzt spielte er auf Zuruf aus dem Publikum Variationen über die Figaro-Arie „Non piu andrai“.

 

Liest man die zeitgenössischen Berichte über dieses Konzert, so kann man nur beklagen, daß das Tonbandgerät damals noch nicht erfunden war. Der Eindruck der Improvisationen war so groß, daß das, was uns Heutigen von diesem denkwürdigen Konzert verblieben ist, ganz in den Hintergrund trat. Die Prager Oberpostamtszeitung vom 23.1.1787 berichtete über das Konzert: „Freytag den 19.“, so heißt es, „gab Hr. Mozart auf dem Fortepiano im hiesigen Nationaltheater Konzert. Alles was man von diesem großen Künstler erwarten konnte, hat er vollkommen erfüllt. Gestern wurde die Oper Figaro, ein Werk seines Genies, von ihm selbst dirigiert.“ Von der Symphonie erfahren wir nichts. Die Prager haben sie offenbar als bloßes Werbegeschenk angesehen.

 

Mozarts Erwartungen in die werbende Wirkung seines Auftretens und der Symphonie sind voll in Erfüllung gegangen. Ende Februar kehrte er, wie erhofft, mit einem Vertrag über eine neue Oper nach Wien zurück. Im Oktober des gleichen Jahres war Mozart wieder auf der Reise nach Prag, auf jener Reise eben, die Mörike zum Ausgangspunkt seiner Novelle genommen hat. Im Gepäck hatte er diesmal die Noten der neuen Oper. Man hätte sie nach dem Beispiel der Prager Symphonie die „Prager Oper“ nennen können. Sie wurde aber unter dem Namen „Don Giovanni“ bekannt.

 

Die Prager Symphonie steht so zwischen Figaro und Don Giovanni. Ihre Interpreten haben daher vor allem nach den Parallelen zu diesen beiden Opern gesucht. Allerdings kommt auch der auf seine Kosten, der sie nicht unter dem Gesichtspunkt der Verwandtschaft mit anderen Werken Mozarts betrachtet. Die Prager Symphonie ist nicht zuletzt ein Meisterwerk polyphoner Themenverarbeitung. Ihr erster Satz enthält eine der „größten und ernstesten, kriegerischsten Durchführungen in Mozarts Schaffen“.

1786 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Konzert für Klavier und Orchester A – Dur, KV 488

Mozarts 23. Klavierkonzert ist auf dem Höhepunkt seiner Fruchtbarkeit entstanden. Er schrieb es während der Arbeiten am „Figaro“, an dem er von Ende November 1785 bis Ende April 1786 arbeitete. Mozart füllte in diesen Monaten im Durchschnitt täglich sechs große Notenbögen, doppelt so viele wie im seinem ebenfalls außerordentlich fruchtbaren Todesjahr, in dem er so große Werke wie die „Zauberflöte“, den „Titus“ und das „Requiem“ komponierte. Mozart hat in dieser Zeit aber nicht nur viel Musik geschrieben. Er befand sich auch auf dem Höhepunkt seiner Sensibilität als Künstler und Zeitgenosse. Insbesondere mit dem „Figaro“ schuf er einen völlig neuen Typus von Oper. Mit einer – damals „revolutionären“ – Mischung von opera buffa und opera seria, von Heiterkeit und Ernst, wagte sich Mozart an das höchst aktuelle und politisch heikle Thema des Verhältnisses von Adel und Bürgertum. In der Zeit kurz vor der französischen Revolution, in der das Wohl und Wehe eines Künstlers und insbesondere einer Oper noch immer weitgehend vom Adel abhing, verlangte dies ein feines Gespür dafür, was schon möglich und was noch nicht opportun war, zumal das zugrunde liegenden Schauspiel von Beaumarchais in Frankreich aus politischen Gründen verboten worden war. Hinzu kam eine Handlung, die zugleich außerordentlich komplex und kompakt war. Die Größe und Schwierigkeit der Aufgabe stimulierte den 30jährigen zu Höchstleistungen. Mozart schrieb eine Oper mit einer Länge von vier Stunden, die Zuschauer und Zuhörer zu keinem Zeitpunkt aus dem Griff lässt und in der sich ein Höhepunkt an den anderen reiht, ohne dass die Spannung der Handlung oder der mitreißende musikalische Strom jemals nachließe.

 

Die Hochspannung, die die Arbeit am „Figaro“ voraussetzte und zugleich erzeugte, konnte Mozart mit der Arbeit an der Oper aber offensichtlich nicht vollständig abbauen. Neben dem Riesenwerk und neben seiner weiterlaufenden Tätigkeit als Lehrer, Dirigent und Klavierspieler schrieb er in dieser Zeit  noch zahlreiche weitere Stücke, bei denen es sich um alles andere als Nebenwerke handelt. Dazu gehören auch drei Klavierkonzerte, darunter das Konzert Nr. 23, das Anfang März 1786 entstand.

 

Was der genaue Anlass für die Komposition dieses Konzertes war, ist nicht bekannt. Da Mozart seinerzeit vor lauter Arbeit kaum zum Briefeschreiben kam, fehlen die Selbstzeugnisse, die wir sonst von ihm haben. Vermutlich schrieb er das Konzert für eine seiner Akademien, die er auch in dieser hektischen Zeit noch abhielt.  Ansonsten kann man einem Brief Mozarts vom 30.9.1786 entnehmen, dass er das Konzert gemeinsam mit zwei weiteren Konzerten und drei Symphonien an seinen Freund Winter schickte, der Kammerherr beim Fürst von Fürstenberg in Donaueschingen war. Dabei merkte er für das A – Dur Konzert an, dass man, falls es am Donaueschinger Hof keine Klarinetten – damals ein neues Instrument – gebe, deren Stimmen für Geige und Bratsche umschreiben solle. 

 

Wie die beiden Schwesterkonzerte Nr. 22 und 24 ist das A-dur Konzert ganz auf der Höhe der Figaromusik. Auch hier sind Heiterkeit und Ernst auf wunderbare Weise mit einer komplexen und kompakten Konstruktion verbunden. Insbesondere der mittlere Satz, der in der – für Mozart völlig ungewöhnlichen – Tonart fis – moll steht, ist eine jener Klangschöpfungen zwischen Wehmut und Trost, die sich auch im „Figaro“ finden, Stücke, mit denen Mozart die Grenzen der Musik seiner Zeit verschiebt und in Dimensionen vorstößt, die musikalisch wohl nur er erreicht hat.   

1784 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Klavierkonzert G Dur, KV 453

Im Jahre 1784 schuf Mozart – neben seiner sonstigen reichen Produktion – allein 6 Klavierkonzerte. Diese Konzentration auf sein Lieblingsinstrument, für das er – noch immer unübertroffen – insgesamt 27 Konzerte schrieb, ist untrennbar mit der Tatsache verbunden, daß er sich seinerzeit in Wien vor allem als ausübender Musiker etabliert hatte. Er spielte in den Häusern des Adels und veranstaltete mit großem Erfolg Konzerte auf eigene Rechnung. Zu den Besuchern und Subskribenten seiner „Akademien“ gehörte alles, was in der österreichischen Metropole Rang und Namen hatte. Selbst der Kaiser kam und klatschte, wie Mozart stolz berichtete, „lauten Beifall“. Der junge Komponist machte hierbei nicht zuletzt glänzende Gewinne. Er bedauerte nur, daß der Kaiser „das Geld, bevor er ins Theater kommt, zur Cassa schickt“. Wenn er hinterher gezahlt hätte, davon war Mozart überzeugt, hätte er mehr bekommen.

 

Über die Umstände, unter denen er seinerzeit komponierte, schrieb Mozart in einem Brief an seinen Vater vom März 1784: „Nun können Sie sich leicht vorstellen, daß ich notwendig neue Sachen spielen muß, und da muß man also schreiben. Der ganze Vormittag ist den Scholaren gewidmet und abends habe ich fast alle Tage zu spielen“. Vater Leopold wiederum berichtete seiner Tochter nach einem Besuch bei seinem Sohn: „Wenn nur einmal die Akademien vorbei sind. Es ist unmöglich, die Schererei und Unruhe alle zu beschreiben. Deines Bruders Pianoforte-Flügel ist wenigstens zwölf Mal, seit dem ich hier bin, aus dem  Hause ins Theater oder in ein anderes Haus getragen worden.“

 

Daß Mozart unter diesen Bedingungen einige seiner reifsten Konzerte schreiben konnte, ist kaum nachzuvollziehen. Und doch handelt es sich bei den Klavierkonzerten aus dieser Zeit um Werke, in denen sein Genius, die Oper ausgenommen, wohl vollkommener als in allen anderen Musikgattungen zum Ausdruck kommt, in denen er tätig geworden ist. Ihrem „gesellschaftlichen“ Anlaß entsprechend hört man hier freilich weniger den Gelehrten und Grübler, der Mozart auch war, sondern den musikalischen Liebling des mondänen Wiener Publikums. Die Klavierkonzerte dieser Zeit sind vor allem durch Eleganz, feine Empfindung und Virtuosität gekennzeichnet. Gewissermaßen nebenbei entwickelte Mozart dabei die Form des Klavierkonzertes, die für fast ein Jahrhundert Vorbild bleiben sollte.

 

Das Konzert in G-Dur oder, wie Mozart – eigentlich treffender – sagte, das „Konzert exG“ wurde am 12. April 1784 fertiggestellt. Mozart schrieb es für seine Schülerin Babette Ployer, die Tochter des Agenten des Bischofs von Salzburg in Wien, für die er auch schon das e-moll Konzert (KV 449) komponiert hatte. Babette Ployer führte das neue Werk am 9. Juni 1784 in Döbling im Rahmen eines ländlichen Konzertes auch erstmalig auf. Daß Mozart ziemlich stolz auf sein Werk war, zeigt die Tatsache, daß er einen Kollegen, den großen Opernkomponisten Paisiello, zu diesem Ereignis mitnahm.

 

Nur zwei Jahre nach dieser turbulenten Zeit waren Mozarts Tage als gefeierter Virtuose und Konzertveranstalter vorbei. Im schnellebigen Wien war das Interesse an ihm als ausübendem Künstler quasi über Nacht erloschen. Im Frühjahr 1786 konnte er für eine geplante  Akademie gerade noch einen einzigen Subskribenten, den unermüdlichen Baron van Swieten, auftreiben. Dem entsprechend hat er in den letzten 5 Jahren seines Lebens, in denen er selten öffentlich als Interpret auftrat, nur noch 2 Klavierkonzerte geschrieben.

1783 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Linzer Symphonie

Im Jahre 1781 war Mozart im Gefolge des Erzbischofs von Salzburg in Wien und nutzte die Gelegenheit, nicht mehr in das ungeliebte Salzburg zurückzukehren. Seine Übersiedlung nach Wien war auch die längst überfällige und nicht unproblematische Ablösung vom Vater Leopold Mozart. Sie dokumentierte sich nicht zuletzt in der Heirat mit Constanze Weber, die gegen den Willen des Vaters stattfand. Zwei  Jahre nach dieser „Flucht“ besuchten Mozart und seine Frau den darob verbitterten Vater erstmals in Salzburg in der – vergeblichen – Hoffnung, ihn zu versöhnen. Auf der Rückreise nach Wien traf er am 30. Oktober 1783 in Linz ein, wo der Plan für ein Konzert gefaßt wurde. „Den 4. November“ schreibt Mozart“ werde ich hier im Theater Akademie geben. Und weil ich keine einzige Symphonie bei mir habe, so schreibe ich Hals über Kopf an einer neuen, welche bis dahin fertig sein muß“. So entstand binnen 4 Tagen die „Linzer Symphonie“.

 

Das Werk zeugt in vieler Hinsicht von der Auseinandersetzung Mozarts mit der Musik Joseph Haydns. Besonders deutlich wird dies in der langsamen Einleitung des ersten Satzes. Es gilt aber auch für die scharfen dynamischen Akzente und den ständigen Ausdruckswechsel, der das Markenzeichen der nicht zuletzt von Haydn geprägten Wiener Klassik ist. Allerdings scheint hinter der Fassade glänzender Festlichkeit, die welche die Symphonie hervorkehrt, immer wieder jene seltsame Schwermut durch, welche Mozarts persönliche Handschrift zeigt.

 

Wie groß die gegenseitige Befruchtung Mozarts und Haydns war, zeigt nicht zuletzt das Quartettschaffen der beiden großen musikalischen Zeitgenossen. Mozart schrieb in der Zeit, in der die Linzer Symphonie entstand, auch die sog. Haydn Quartette, die wiederum starken Einfluß auf Haydns Quartette hatten. Als Vater Mozart im Februar 1785 bei seinem Sohn den Gegenbesuch in Wien machte, lud Mozart Haydn für den Tag nach der Ankunft seines Vaters zum gemeinsamen Quartettspiel ein. Nach dem Spiel von 3 neuen “ Haydn“- Quartetten sagte Haydn zu Leopold Mozart die berühmt gewordenen Worte: „Ich sage ihnen vor Gott als ein ehrlicher Mann, Ihr Sohn ist der größte Komponist, den ich von Person und dem Namen nach kenne; er hat Geschmack und   überdies die größte Kompositionswissenschaft“. Vater Mozart dürfte mit seinem Sohn wenigstens insofern zufrieden gewesen sein. 

1782 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Symphonie D – Dur, KV 385 (Haffnersymphonie)

Im Jahre 1781 trennte sich Mozart im Streit von seinem fürstbischöflichen Arbeitgeber in Salzburg und übersiedelte nach Wien, wo er, was damals sehr ungewöhnlich war, zunächst einmal eine freie Künstlerexistenz wagte. Er bemühte sich daher intensiv um Kontakte zu den Personen, die in Wien in musikalischen Dingen etwas zu sagen hatten. Da dies eine Menge Zeit kostete und er nicht zuletzt mit der Oper „Die Entführung aus dem Serail“, die der Kaiser in Auftrag gegeben hatte, stark ausgelastet war, beschwerte sich seine Schwester über seine Schreibfaulheit. Dagegen verteidigte sich Mozart in einem Brief von 13. Februar 1782 an die Schwester, in dem er seinen Tagesablauf wie folgt schilderte: „Unsere Vater, wenn er seine Kirchendienste und Du Deine paar Scholaren abgefertigt hast, so können Sie beyde den ganzen Tag thun was sie wollen und Briefe schreiben, die ganze Lytaneien enthalten, aber ich nicht. – …Um 6 Uhr früh bin ich schon allzeit frisiert, um 7 ganz angekleidet, dann schreib ich bis 9 Uhr. Von 9 bis 1 habe ich meine Lektionen, dann esse ich, wenn ich nicht zu Gaste bin, wo man dann um 2 oder auch 3 Uhr speist …Vor 5 oder 6 Uhr abends kann ich nichts arbeiten und öfter bin ich durch eine Akademie daran verhindert; wo nicht schreibe ich bis 9 Uhr. Da ich mich …auf das Abendschreiben nicht verlassen kann, so pflege ich (besonders wenn ich früher nach Hause komme) noch vor dem Schlafengehen etwas zu schreiben; da verschreibe ich mich öfters bis 1 Uhr. – und dann wieder um 6 Uhr auf!“

 

In diese angespannte Zeit kam Ende Juli 1782 über seinen Vater der Auftrag aus Salzburg, für den Bürgmeister Sigmund Haffner binnen weniger Tage eine Serenade zu schreiben, welche bei dessen Nobilitierung gespielt werden sollte. Mozart sollte jeden Satz gleich nach der Vollendung nach Salzburg schicken. Aus Verbundenheit mit der Familie, die ihn bereits sechs Jahre zuvor mit der Komposition einer Bläserserenade (der Haffnerserenade) beauftragt hatte, machte sich Mozart, der gerade mit der mühsamen Arbeit des Erstellens einer Harmoniemusik aus der „Entführung“ befasst war und daher eigentlich keine Zeit hatte, an die Arbeit. Er kam damit aber nicht so schnell zu Rande, wie versprochen, weswegen er den Vater mehrfach vertrösten musste. Am 31.7.1782 schrieb er: „Sie sehen daß der Wille gut ist, allein wenn man nicht kann, so kann man nicht! Ich mag nichts hinschmieren – ich kann Ihnen also erst künftigen Posttag die ganze Symphonie hinschicken“. Am 7. August schickte er das letzte Stück des sechsteiligen Werkes mit der Bemerkung: „Das erste Allegro muss recht feurig gehen, das letzte so geschwind als es möglich ist“ . Anfang 1783 ließ sich Mozart die Noten für eine Aufführung im Wien wieder zuschicken und war ganz „supreniert“, wie gut das Werk gelungen war. Er kürzte es um zwei Sätze und fügte in den Ecksätzen Flöten und Klarinetten hinzu, mit der Folge dass daraus eine Symphonie wurde, von der Mozart, wie er seinem Vater am 15. Februar 1783 schrieb, überzeugt war, dass sie „gewiß guten Effekt machen“ wird.

1781 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Gran Partita in B für Bläseroktett KV 370 a

Unter den zahlreichen Feiluftmusiken für Bläser, die Mozart geschrieben hat, ragt die Gran Partita in B durch Umfang und Größe der Besetzung sowie durch ihren kompositorischen Anspruch hervor. Über die Umstände ihrer Entstehung und die Originalform streiten die Gelehrten. Von Mozarts eigener Hand gibt es nur eine Fassung in sieben Sätzen für zwölf Bläser und Kontrabass, die nach Handschrift und Papier offenbar aus den Jahren 1780-84 stammt. Es gibt aber eine Reihe von Fassungen, die zu Mozarts Lebenszeit oder bald danach entstanden sind, die weniger Sätze und Instrumente aufweisen, darunter auch die Fassung für Bläseroktett in vier Sätzen. Der Streit geht darum, ob Ausgangspunkt der Komposition die große Fassung ist und es sich bei den anderen Fassungen um nachträgliche Bearbeitungen – möglicherweise zum Teil auch von Mozart selbst – handelt; oder ob der Fall umgekehrt liegt. Unklar ist auch der Zeitpunkt und der Anlass der Entstehung des Werkes. Meist wird angenommen, dass Mozart die Komposition im Jahre 1781 in München für die vorzüglichen Bläser der ehemaligen Mannheimer Hofkapelle geschrieben habe, die mit Herzog Karl Theodor inzwischen nach München übergesiedelt waren. Dafür spricht nicht zuletzt die außerordentliche Mühe, die sich Mozart hier gegeben hat. Die Partita ist wegen der immer wieder neuen Kombination der Instrumente ein Wunderwerk des Klanges und Variabilität des Ausdrucks. Die vorliegende Fassung, die von ihren Herausgebern für die Keimzelle des Werkkonvolutes gehalten wird, umfasst die Sätze 1, 2, 3, und 7 der autographen Partitur.

1781 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Bläserserenade Es-Dur, KV 375

Im Frühjahr 1781 hatte sich Mozart 25-jährig als freier Künstler in Wien niedergelassen. Als solcher mußte er zunächst einmal Aufträge requirieren. Diesem Zweck diente auch seine Bläserserenade in Es-Dur. Über das Werk, das ursprünglich ein Sextett war und später zum Oktett umgearbeitet wurde, schreibt Mozart in einem Brief an seinen Vater am 3. November 1781: „diese Musick hatte ich auf den theresia tag – für die schwester der frau von Hickel, oder schwägerin des herrn von Hickel (Hofmaler) gemacht; alwo sie auch wirklich das erstemal ist producirt worden“ (das war am 15.Oktober 1781). „Die 6 Herrn die solche exsequiren, sind arme schlucker, die aber ganz Hübsch zusammen blasen … Die Haubtursache aber warum ich sie gemacht, war, um dem herrn v. strack (welcher täglich dahin kömmt) etwas von mir hören zu lassen. und deswegen habe ich sie auch ein wenig vernünftig geschrieben. – sie hat auch allen beyfall erhalten. – Man hat sie in der theresien nacht an dreyerley örter gemacht. – denn wie sie wo damit fertig waren, so hat man sie wieder woanders hingeführt und bezahlt“.

 

Die 6 armen Schlucker haben sich bei Mozart für die Serenade, die für sie offensichtlich lukrativ war, mit einem Ständchen zu seinem Namenstag am 31. Oktober bedankt. „Auf die Nacht um 11 Uhr“, schreibt Mozart darüber, „bekam ich eine Nacht Musik von 2 clarinetten, 2 Horn und 2 fagott – und zwar von meiner eigenen komposition … die Herrn … haben sich die hausthüre öfnen lassen, und nachdem sie sich mitten im Hof rangiert, mich, da ich mich eben entkleiden wollte, mit dem Ersten E B accord auf die angenehmste art von der Welt überrascht“.

 

Ob Mozart, wie vermutet wurde, auf diese Weise dazu gebracht wurde, für das Werk, das ihm selbst Geld einbringen sollte, seinerseits zu bezahlen, wissen wir nicht. Tatsache aber ist, daß der Herr von Strack, für den Mozart so vernünftig schrieb, nicht anbiß. Im Januar 1782 hatte Mozart zwar die Hoffnung noch nicht aufgegeben und bezeichnete ihn in einem Brief als „Gönner“. Mit gesundem Mißtrauen merkte er jedoch an, „daß diesen Hofschranzen niemals zu trauen ist“.

1779 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Drei geistliche Hymnen (KV 345)

Die Musik zu den „Drei geistlichen Hymnen“ war ursprünglich Teil einer Schauspielmusik für das freimaurerische Drama „Thamos König von Ägypten“ des Freiherrn von Gebler. Mozart schrieb sie in einem ersten Anlauf im Jahre 1773. 1779 wurde sie von ihm überarbeitet und ergänzt. Nachhaltigen Erfolg hatte dieser höchst ambitionierte einzige Beitrag Mozarts zur Gattung der Schauspielmusik nicht. Das Schauspiel, welches im ägyptischen Priester- und Königsmilieu spielte, wurde, wiewohl von literarischen Größen wie Wieland und Ramler gelobt, vom Publikum nicht angenommen und nach wenigen Aufführungen abgesetzt. Enttäuscht spekulierte Mozart in einem Brief an seinen Vater vom Februar 1783: „es müßte nur bloß der Musik wegen aufgeführt werden – aber das wird wohl schwer gehen – schade ist es gewiß“. Die vergebliche Mühe scheint Mozart jedoch nicht ruhen gelassen zu haben. In seinen Nachlaß fanden sich Abschriften von drei Chören mit neuen, nunmehr christlich-geistlichen Texten. Ob Mozart, der Übung der Zeit entsprechend, diese Parodien selbst gefertigt hat, ist nicht bekannt. Da sich die Abschriften aber in seinem Besitz befanden, kann davon ausgegangen werden, daß es nicht ohne seine Zustimmung geschah.

 

Die Musik der Thamos-Chöre zeigt Mozart auf einem frühen Höhepunkt seiner musikdramatischen Meisterschaft. Chor und Orchester werden erstmals völlig selbständig geführt und tragen so je auf ihre Weise kommentierend zum musikalisch-dramatischen Geschehen bei. Dadurch entsteht eine neue Werkform von faszinierender Komplexität. Daß Mozart die Musik der Thamos-Chöre zu schade für die Ablage war, zeigt im übrigen die Tatsache, daß er später auch in anderem Zusammenhang darauf zurückgriff. Elementen daraus begegnen wir in der Zauberflöte, was mit dem ebenfalls freimaurerischen Inhalt dieser Oper zu tun haben mag. Aber auch der Steinerne Gast aus Don Giovanni ist hier vorgezeichnet.

1779 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Konzertante Symphonie für Violine, Viola und Orchester Es-Dur, KV 364

Mozarts konzertante Symphonie für zwei Streichinstrumente ist das Werk eines 23-jährigen, wirkt aber alles andere als jugendlich. Dies mag seinen Grund darin haben, dass ihr eine Lebensphase des Komponisten vorausging, die einen außerordentlichen menschlichen und künstlerischen Reifungsprozess bewirkte. Im Herbst des Jahres 1777 hatte Mozart 21-jährig seinen ungeliebten Dienst beim Erzbischof von Salzburg quittiert und sich voller Hoffungen mit seiner Mutter auf eine große Tournee gemacht, die nach Paris führen sollte. Es war die erste Reise ohne den alles beherrschenden Vater. Diesem war offensichtlich nicht wohl bei dem Gedanken, dass sein phantasiereicher und umtriebiger Sohn seinem unmittelbaren Zugriff entzogen war, weswegen er die Kontrolle mittels eines regen Briefverkehrs aufrecht zu erhalten versuchte. Die Ermahnungen, die er ihm dabei gab, zeigen, dass er seinem Sprößling einiges an Ungemach zutraute. Dass die Sorge nicht ganz unberechtigt war, zeigen die „kindsköpfigen“ und nicht selten sehr burlesken Briefe, die Mozart auf der Reise an seine Cousine Maria Anna Thekla schrieb. Das „Bäsle“ hatte er auf der Durchreise in Augsburg getroffen und offenbar auch als weibliches Wesen schätzen gelernt. In Mannheim machte Mozart wichtige musikalische Erfahrungen mit dem Stil der führenden Musikschule Europas. Er hielt sich dort weit länger als vom Vater geplant und gebilligt auf. Der Grund dafür war nicht zuletzt seine erste große Liebe. Die Angebetete, deren Familie der Vater die größten Vorbehalte entgegenbrachte, war seine spätere Schwägerin Aloisia Weber, eine begabte Sängerin, mit der Mozart auch große künstlerische Perspektiven sah. In Paris, wo er sich alles andere als wohl fühlte, hatte Mozart eine der größten menschlichen Bewährungsproben zu bestehen, der ein junger Mann ausgesetzt werden kann. Er musste fern der Heimat und bar jeglicher Unterstützung seine Mutter zu Grabe tragen. Nach vielen demütigenden Erfahrungen mit möglichen Arbeit- und Auftraggebern machte sich Mozart im Herbst 1778 ohne den erhofften Erfolg zurück auf den Weg nach Salzburg, wo ihn nicht nur der Verlust seiner beruflichen Freiheit, sondern auch wieder das strenge Regiment des Vaters erwartete. Zusätzlich musste er auf der Rückreise auch noch die Ablehnung seines Heiratsantrages durch Aloisia Weber verkraften. Das Pariser Unternehmen endete Anfang 1779 damit, dass Mozart wieder in den Dienst des Erzbischofs von Salzburg treten musste, zu dem er ein ziemlich gespanntes Verhältnis hatte.

 

Wenige Monate nach seiner Rückkunft nach Salzburg entstand mit der Konzertanten Symphonie eines der reifsten Instrumentalwerke Mozarts. Der erste Satz ist von männlich-erwachsener Statur. Statt feingliedriger Galanterien, die für seine Instrumentalkompositionen bis dato typisch sind, errichtet Mozart hier große Architektur. Der Mannheimer Einfluss zeigt sich in dem für Mozart ungewöhnlichen Orgelpunktcrescendo im monumentalen Anfangstutti. Von Mannheimer Empfindsamkeit ist der zweite Satz geprägt, wo zu Melancholie veredelter Schmerz die Verlusterfahrungen der zurückliegenden Zeit zu spiegeln scheint. Im dritten Satz endet alles in souveräner Heiterkeit als wolle Mozart zeigen, dass er aus all den Prüfungen gestärkt hervorgegangen ist.

 

Zwei Jahre später zeigte sich, dass Mozart tatsächlich stark geworden war. Er wirft die Rolle des musikalischen Lakaien als seiner unwürdig ab und wagt den – damals sehr ungewöhnlichen – Sprung in die musikalische Selbständigkeit, den der Vater mit großer Skepsis beobachtet. Ein Jahr später löst er sich gänzlich vom übermächtigen Vater, indem er gegen dessen Willen die Schwester Aloisas, Constanze, heiratet.

1778 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1991) – Konzertante Symphonie für Oboe, Klarinette, Horn, Fagott und Orchester, Es – Dur, KV Anh. 10.64

Das Werk entstand während Mozarts dritter Parisreise im April 1778. Er schrieb es, „in größter Eyl“ und „sehr befließen“ im Auftrag des Pariser Impressarios Le Gros, des einflußreichen Direktors der „Concerts spirituels“. Als ausführende Solisten waren vier befreundete Mannheimer Bläser vorgesehen, die gerade in Paris zu Besuch waren. Aus Gründen, die Mozart offenbar schon damals für dubios hielt, wurde die Konzertante Symphonie jedoch seinerzeit nicht gespielt. „Es ist wohl sehr schade“ schrieb er in einem Brief vom 9.7.1778, „daß er (Le Gros) sie nicht aufgeführt hat, die würde sehr incontiert haben – nun hat er aber die Gelegenheit nicht mehr so. Wo sind allzeit so 4 Leut zusamm?“

 

Noch im Oktober des gleichen Jahres wurmte Mozart daß Le Gros ihn sitzen ließ und er überlegte, wie er sich und dem Werk zu seinem Recht verhelfen könne. Am 3.10.1778 schrieb er aus Paris an seinen Vater: „2 Ouvertüren und die Symphonie concertante hat mir Le Gros abgekauft; – er meint, er hat es allein, es ist aber nicht wahr; ich hab sie noch frisch in meinem Kopf und werde sie, sobald ich nach Hause komme, wieder aufsetzen.“ Hätte Mozart diesen Vorsatz durchgeführt, wüßten wir heute zumindest, wie er glaubte, daß das Werk ursprünglich aussah. Da er es nicht tat, sind wir mangels des Autographs, das verschwunden ist, auf eine Bearbeitung aus dem Hause Le Gros angewiesen, wo jemand meinte, Mozart verbessern zu müssen. Der Pariser Bearbeiter hat nicht nur die Flöte, die ursprünglich als hohes Soloinstrument vorgesehen war, durch die Klarinette ersetzt, sondern offensichtlich auch inhaltliche Veränderungen vorgenommen. Von Mozart ist allerdings so viel übrig geblieben, daß wir ein äußerst erfreuliches Musikstück für diese ungewöhnliche Besetzung haben.

Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) Konzerte für Flöte und Orchester G-Dur KV 313, D-Dur, KV 314; Andante für Flöte und Orchester C-Dur KV 315

Mozart, so heißt es im Allgemeinen, habe die Flöte nicht sonderlich geliebt. Diese Einschätzung beruht im Wesentlichen auf einer brieflichen Äußerung des Komponisten gegenüber seinem Vater. Während seiner Parisreise in Jahren 1777 bis 1779 begründete er die Verzögerung bei der Komposition eines Flötenwerkes unter anderem damit, er sei „gleich stuff“, wenn er „für ein Instrument (das ich nicht leiden kann) schreiben soll“. Auf merkwürdige Weise kontrastiert damit, dass sich das ungeliebte Instrument nicht nur im Titel von Mozarts Meisteroper „Die Zauberflöte“ findet, sondern dass es auch in seinen Orchesterwerken und Opern immer wieder eine herausragende Rolle einnimmt. Die Flöte trägt ganz wesentlich zu jenem außerordentlich delikaten Bläserklang bei, der als eines der Markenzeichen Mozarts gilt.

Davon abgesehen stammen von Mozart unter anderem aber auch drei Flötenquartette und zwei Flötenkonzerte, die offensichtlich mit schöpferischer Laune geschrieben sind und dementsprechend zu den beliebtesten Werken für dieses Instrument gehören. Anlass für die „Komposition“ dieser Werke war im Wesentlichen ein Großauftrag des holländischen Flötenliebhabers Ferdinand Dejean für „drei leichte und kurze Concertln und ein paar Quarttro auf der Flöte“. Mozart hatte Dejean, einen angesehenen und wohlhabenden Arzt, in Mannheim kennen gelernt, wo er auf seiner Reise nach Paris längere Zeit Station machte. Der Auftrag war für den 21- jährigen Komponisten ehrenhaft und sollte mit 200 Gulden gut bezahlt werden. Bei dessen Ausführung hatte Mozart aber Probleme. Dafür dürfte allerdings nicht nur die genannte Aversion gegen die Flöte verantwortlich gewesen sein. Mozart zog es seinerzeit vor, sich persönlich und künstlerisch mit der jungen Aloysia Weber, seiner späteren Schwägerin, zu befassen, einer begabten Sängerin, in die er sich verliebt hatte und mit der er zum Schrecken seines Vaters statt Karriere in Paris zu machen am liebsten nach Art reisender Musikanten durch die Welt gezogen wäre. Er hatte daher nur begrenzte Zeit und Lust zum Geldverdienen. Da er sich den lukrativen Auftrag aber dennoch nicht entgehen lassen wollte, griff er offenbar bei beiden Flötenkonzerten auf vorhandene Werke zurück.

Im Falle des Konzertes KV 414 ist dies gesichert. Mozart transponierte hier ein kurz zuvor entstandenes Oboenkonzert in C-Dur mit leichten Veränderungen in die Tonart D-Dur. Das Konzert KV 313 hielt man bis vor kurzem für eine Neukomposition zur Erfüllung von Dejeans Auftrag. Es scheint aber, dass Mozart auch in diesem Fall an ein früheres Werk anknüpfte. Man hat inzwischen nämlich im Tagebuch eines Salzburger Hofrates eine Notiz gefunden, wonach Mozart ein Jahr zuvor in Salzburg für den Geburtstag seiner Schwester verschiedene Werke aus seiner Feder probte, darunter auch ein Flötenkonzert. Da ein weiteres Konzert von Mozart für dieses Instrument nicht bekannt ist, dürfte es sich daher um das Werk KV 313 handeln. Dafür sprechen im Übrigen Besonderheiten in der Besetzung des Konzertes, die typisch für Mozarts Salzburger Zeit sind, die mit seiner Abreise nach Paris vorläufig beendet war. Im langsamen Satz sind auch im Orchester Flöten vorgesehen, die in der Salzburger Kapelle mangels hauptamtlicher Flötisten von Oboisten gespielt wurden. Offenbar um Dejeans Wunsch nach einem klein besetzten Orchester zu entsprechen, komponierte Mozart dann in Mannheim als „Austauschsatz“ zusätzlich wohl das Andante für Flöte und Orchester KV 315, bei dem keine Flöten besetzt sind. Möglicherweise sind die Rückgriffe auf schon vorhandenes Material auch der Grund dafür, dass Dejean statt der vereinbarten 200 Gulden schließlich nur 96 bezahlte.

ie Form der beiden Konzerte orientiert sich an den Mustern, welches Mozart in seinen Violinkonzerten aus dem Jahre 1775 entwickelt hatte. Dem Orchester ist auch hier eine weitgehend eigenständige Rolle zugeteilt. Die Motive sind vielfältig und werden in lockerer Reihung fortgesponnen und verarbeitet. Inhaltlich überwiegt das spielerisch-unbeschwerte Element. Im Konzert KV 313 sticht der außerordentlich tiefsinnige langsame Satz heraus. Dass es sich bei dem Konzert KV 314 ursprünglich um ein Oboenkonzert handelte, zeigt sich insbesondere darin, dass die höheren Register der Flöte kaum genutzt werden.  Über diesem Konzert scheint das Motto „Welche Wonne, welche Lust“ zu stehen, jener Arie aus Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“, bei der das Rondothema aus dem letzten Satzes des Konzertes später wieder Verwendung fand.

Karl Ditters von Dittersdorf (1739 – 1799) – Harfenkonzert

Dittersdorf ist eine jener bunten Musikerpersönlichkeiten, die das Kulturmilieu des K.& k.-Reiches in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in erheblicher Anzahl hervorbrachte. Wie Haydn ist er in Wien geboren und verbrachte den größten Teil seines reichen Musikerlebens als Geiger und Kapellmeister an den Höfen von Fürsten und Bischöfen der Donaumonarchie. Dort entfaltete er eine mitunter geradezu hektische musikalische Aktivität. Man sagt ihm nach, daß er von der Theaterleidenschaft besessen gewesen sei. Wo immer er hingekommen sei, habe er „nicht vor der Idee ruhen können, ein Haustheater zu errichten“. Die Frucht dieser Tätigkeit waren allein 40 musikdramatische Werke, wodurch sich Dittersdorf einen durchaus prominenten Platz in der Entwicklungsgeschichte des deutschen Singspieles sicherte.

 Auch sonst war Dittersdorf, der auf der Basis solider satztechnischer Kenntnisse mit großer Leichtigkeit komponierte, außerordentlich fruchtbar, wobei er allerdings ein wenig vom Geist des „Höher, Weiter, Schneller“ beeinflußt war. Mit Haydn, dessen Freund er war und mit dem er – gelegentlich gemeinsam mit Mozart – Quartett spielte, scheint er in so etwas wie einem Wettstreit des Komponierens von Symphonien gelegen zu haben. Wie dieser kann er rund 100 Werke dieser Gattung vorweisen. Hinzu kommen viele Konzerte und Kammermusikwerke, einige Oratorien und allerhand Kirchenmusik. Wie wichtig das „sportive“ Element für ihn war, zeigt eine Bemerkung, die er in seinen Lebenserinnerungen über die Arbeitsweise eines Kollegen machte. Dittersdorf bemängelte dabei, daß Naumann, ein seinerzeit recht angesehener Komponist, für eine Oper sechs Monate gebraucht habe, während er in 10 Monaten 4 Opern und ein Oratorium habe schreiben können.

 Dieses Schnellschreiben hatte naturgemäß seinen Preis. Die Qualität der Werke Dittersdorfs ist unterschiedlich. Sein bekanntestes Bühnenwerk ist die Opera buffa „Doktor und Apotheker“, die noch heute gelegentlich aufgeführt wird. Damit konnte er beim Publikum selbst Mozarts „Figaro“, der gleichzeitig auf die Bühne kam, in den Schatten stellen. Die Werke aber, die beide ihrem großen Erfolg nachschoben, wurden höchst unterschiedlich bewertet. Während Mozart, der auch nicht gerade zu den Langsamen der Komponistenzunft gehörte, sich für den „Don Giovanni“ ein Jahr Zeit nahm und ein weiteres Meisterwerk schuf, ließ Dittersdorfs in der gleichen Zeit drei Opern, darunter den „Democritto corretto“ folgen. Darüber soll Kaiser Joseph II. geäußert haben, es sei „das schlechteste Zeug, was je auf einem italienischem Theater zu Vorstellung kam“.

 Dittersdorfs Harfenkonzert ist eine freie Bearbeitung seines beliebten Cembalokonzertes. Neben seinem Konzert für Kontrabaß ist es sein bekanntestes Instrumentalwerk. Seine Beliebtheit verdankt es nicht zuletzt der außerordentlichen Durchsichtigkeit und den pastellfarbenen Farbtönen, die das Stück kennzeichnen. Beim Hören dieses Werkes mag man an die sommerhellen Fresken in den Landschlössern des k.u.k Rokokoadels denken, für den Dittersdorf arbeitete.

1775 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Konzert für Violine und Orchester D-Dur KV 218

Im Jahre 1775 schrieb der 19-jährige Mozart binnen weniger Monate fünf Violinkonzerte, um danach für dieses Instrument kein weiteres Konzert mehr zu schreiben. Äußerer Anlaß hierzu war wohl die Tatsache, daß er als fürstbischöflicher Konzertmeister in Salzburg etwas für sein Instrument abliefern mußte. Darüber hinaus scheint es aber auch einen inneren musikalischen Grund für die intensive Beschäftigung mit der Form des Solokonzertes gegeben zu haben. Darauf deutet die Tatsache, daß sich zwischen den beiden ersten und den drei letzten Konzerten so etwas wie ein musikalischer Quantensprung vollzog. Alle Vorbilder hinter sich lassend führte der Salzburger Teenager die Form des Solokonzertes innerhalb von Wochen in eine völlig neue Dimension.

 

Während nach dem Muster, welches Vivaldi geschaffen hatte, ein Konzert bis dato im wesentlichen aus Solo- und Tuttiblöcken und begleitenden Passagen bestand, traten bei Mozart Soloinstrument und Orchester unvermittelt in ein äußerst lebhaftes Beziehungsverhältnis. Das Konzert ist nun weniger ein „Wettstreit“ zwischen einem Soloinstrument, welches sich zur Schau stellt, und dem Orchester, welches bemüht ist, dagegen zu halten oder rein dienende Funktionen übernimmt. Es findet vielmehr ein verschlungener und dennoch höchst stringenter, weil ganz an der „Sache“ orientierter, Dialog statt, der von einer Fülle von Ideen gespeist und von allerhand Überraschungen belebt wird. Es lag in der Konsequenz einer solchen Konzeption, daß Mozart hierbei darauf verzichtete, technische Finessen, „Seiltänzereien“ wie er sie nannte, aufzuhäufen. Das Konzert ist ganz der Entwicklung der vielfältigen musikalischen Gedanken gewidmet; auf Schaueffekte wird, wie etwa die verhaltenen Schlußwendungen zeigen, gänzlich verzichtet. Diese Entwicklung war so überraschend und folgenschwer, daß Kritiker sie als das eigentliche Wunder in Mozarts kompositorischem Schaffen bezeichnet haben.

 

Die Mozart-Forscher haben natürlich nach einer Erklärung für dieses erstaunliche Phänomen gesucht. Man hat sie in einem Aufblühen der adoleszenten Phantasie aber auch in Mozarts Verhältnis zur dramatischen Musik gesehen. Nicht wenige Mozart-Kenner gehen davon aus, daß Mozarts Instrumentalschaffen mehr oder weniger ein Reflex seiner musikdramatischen Aktivitäten gewesen sei. Seine eigentliche musikalische Bestimmung habe Mozart in der Komposition von Opern und Vokalmusik gesehen. Die Instrumentalwerke seien gewissermaßen Abfallprodukte dieser Tätigkeit gewesen. Dies gelte auch für die Konzertform. Das ausgefeilte und hochkomplexe Muster thematischer Hierarchien, das sich hier finde, habe Mozart zunächst zur Steigerung der dramatischen Wirkung von Arien der opera seria, der ernsten Oper, entwickelt. Zu eben jener Zeit als er die Violinkonzerte schrieb, habe er sich aber von der opera seria abgewandt und begonnen, sich mit der opera buffa, der komischen Oper, zu beschäftigen, wo er das entwickelte Muster nicht gebrauchen konnte. Der musikalische Entwicklungssprung des Konzertes erkläre sich nun daraus, daß Mozart das Muster, welches gewissermaßen „übrig“ war, auf das Instrumentalkonzert übertragen habe, wo es zu seiner schönsten Wirkung gekommen sei.

1775 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Divertimento für Bläser in Es-Dur

Das Divertimento wurde zehn Jahre nach Mozarts Tod in einer Bibliothek in Prag gefunden. Die unklare Provenienz – eine Originalpartitur existiert nicht – hat Zweifel aufkommen lassen, ob Mozart der Autor dieses Werkes ist. Dementsprechend hat es eine Odyssee durch das Köchelverzeichnis hinter sich, wo es mal im Anhang, wo die zweifelhaften Fälle aufgelistet sind, als Nr. 226, mal im Hauptverzeichnis als Nr. 196 e erscheint. Nach dem neuesten Stand muß es sich wieder mit einer Stelle im Anhang begnügen. Rekonstruktionsversuche haben ergeben, daß Mozart, so er denn der Autor ist, es wohl für den Münchener Karneval im Jahre 1775 geschrieben hat.

1774 Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) – Fagottkonzert B -Dur KV 191

Mozart führte bis zum Alter von 15 Jahren die Existenz eines künstlerischen Nomaden. Zieht man die Kleinkindjahre ab, so hatte er bis zu diesem Zeitpunkt weit mehr als die Hälfte seines Lebens auf Reisen in Nordwesteuropa und Italien verbracht. Als Wunderkind konnte er sich dabei immer besonderer Aufmerksamkeit erfreuen. Im Jahre 1772 begann dann eine vorläufige Phase der Sesshaftigkeit. Nachdem er schon im Alter von dreizehn Jahren zum unbesoldeten dritten Konzertmeister der Kapelle des Salzburger Fürstbischofs ernannt worden war, wurde er 1772, im Alter von 16 Jahren, als besoldeter Konzertmeister angestellt. Bis 1777 hielt er sich dann überwiegend in Salzburg auf. Dabei lernte er nach den durchweg erhebenden Erlebnissen seiner Reisezeit die Niederungen des regelmäßigen Dienstes an einem Fürstenhof kennen. Zu seinen Aufgaben gehörten der kirchliche Dienst und die Gestaltung der Abendunterhaltungen am bischöflichen Hof. In dieser Zeit sind mehrere Messen, allerhand Kammermusik, eine Reihe von Orchesterwerken und diverse Konzerte entstanden, die teilweise auch im Auftrag von anderen Musikliebhabern, insbesondere Adeligen oder Instrumentalisten geschrieben wurden.

 

Zu den Auftragswerken gehört vermutlich auch das Fagottkonzert, das Mozart im Juni 1774 komponierte. Es ist eines der wenigen Konzerte für dieses Instrument und das einzige aus der Feder eines der großen Meister der Klassik. Die Spieler und Liebhaber des Fagotts sind aber nicht nur deswegen froh, sondern auch darüber, wie meisterhaft es Mozart verstand, die Stärken dieses freundlichen und höchst beweglichen Instrumentes herauszuheben.

Weitere Texte zu Werken von Mozart und rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

 

 

 

1773 Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) – Symphonie g- moll KV 183

Von den über 50 Symphonien, die Mozart komponierte, sind die meisten Jugendwerke. Bis auf die letzten vier sind sie noch keine Symphonien im Sinne des Gattungsbegriffes, der sich im 19. Jahrhundert herausbildete. Bei vielen frühen Werken handelt es sich um eine Form höfischer Unterhaltungsmusik, oft in Anlehnung an die dreiteilige italienische Opernouvertüre, die man „Sinfonia“ nannte. Andere Werke dieser Bezeichnung folgen dem Typus der viersätzigen „Wiener Symphonie“, wie sie vor allem Haydn ausbildete.

 

Aus den frühen Symphonien ragt das Werk KV 183 aus dem Jahre 1773 hervor, das in der noch immer verwendeten offiziellen Zählung die Nr. 25 trägt (tatsächlich dürfte Mozart bis dato allerdings schon deutlich mehr Symphonien geschrieben haben). Das Werk, das in Salzburg entstand, ist so etwas wie ein Wendepunkt im symphonischen Schaffen Mozarts. Es ist nicht nur seine erste Symphonie in Moll. Die ganze Haltung zeigt, dass die Form auf Größeres und Gewichtigeres zustrebt. Der höfische Tonfall ist weitgehend vermieden. Der Komponist scheut sich nicht, den Hörer vor den Kopf zu stoßen. Das Werk scheint eine radikale Zwischenstation im Selbstfindungsprozess des 17-jährigen jungen Mannes zu sein.

1772 Joseph Haydn (1732 – 1809) – Symphonie Nr. 45, fis – moll – Abschiedssymphonie

Leben und Werk Joseph Haydns sind von zahlreichen Anekdoten umrankt. Ein Grund hierfür ist sicher, daß über große Teile seines Lebens, insbesondere über dessen erste Hälfte, wenig Authentisches bekannt ist. Manche Biographen haben daher die Lücken mit Hilfe ihrer Phantasie gefüllt. Anderseits inspirierte die Persönlichkeit Haydns aber auch dazu, Geschichten über ihn zu erzählen. Meist erscheint er darin als ein Mensch, der ebenso gewitzt und hintersinnig wie seine Musik ist.

 Auch über die Umstände, die zur Komposition der Abschiedssymphonie geführt haben, gibt es eine solche Anekdote. Wie weit sie wahr ist, ist schwer zu sagen. Die Besonderheit dieser Symphonie spricht dafür, daß ihr ein wahrer Kern zugrunde liegt. Die Tatsache allerdings, daß es davon zwei recht unterschiedliche Versionen gibt, zeigt, daß dieser Kern eine nicht unerhebliche dichterische Ummantelung erfahren haben muß.

 Nach der erotischen Version der Anekdote soll Haydn die Symphonie geschrieben haben, um seine Musiker – und auch sich selbst –  aus einer zölibatären Zwangslage zu befreien. Fürst Esterházy, bei dem Haydn von 1761 bis 1790 als Kapellmeister angestellt war, verbrachte ab 1766 so viel Zeit als möglich in seinem neuen Landschloß Esterháza in Ungarn. Mit ihm war sein Hofstaat, zu dem auch die Kapelle zählte. Während der ersten Jahre, als die Schloßanlage noch unvollständig war, habe, so die Anekdote, keine Möglichkeit bestanden, die Familien der Musiker in Esterháza unterzubringen. Daher hätten die Mitglieder der Kapelle, die – Haydn eingeschlossen – im wesentlichen aus lebhaften jungen Männer bestanden habe, monatelang die Gesellschaft ihrer Ehefrauen entbehren müssen. Solange Fürst Esterházy seinen Aufenthalt auf die sechs Monate des Sommerhalbjahres beschränkt habe, hätten die Männer – erstaunlich genug – ihr Los gerade noch akzeptiert. Im Jahre 1772 aber habe der Fürst den Aufenthalt in Esterháza um zwei Monate verlängert. Dies hätten die Musiker nicht mehr ertragen können. In einer rokokohaft-frivolen Variante dieser Anekdotenversion heißt es sogar, der Fürst habe die Verlängerung des Aufenthaltes in Esterháza angeordnet, weil ihn die Nöte der Musiker vergnügt hätten. Diese hätten sich im Schloß nämlich immer schon Wochen vor der Abreise komisch aufgeführt und dessen Räume mit verliebten Seufzern erfüllt.

Angesichts dieser Zuspitzung der Lage hätten die Musiker, so fährt die Geschichte fort, bei Haydn in der Hoffnung vorgesprochen, daß er ihnen Abhilfe verschaffe, wofür dieser, da er sich in der gleichen Situation befunden habe, nur volles Verständnis gehabt habe. Seinem Metier entsprechend habe er eine musikalische Lösung des Problems gesucht und mit der Abschiedssymphonie gefunden. Danach sollten die Musiker, nachdem ihr Drang in den ersten Sätzen des Werkes eindrucksvoll musikalisch demonstriert worden sei, im letzten Satz nach und nach aus dem Saal gehen, um den Fürsten darauf aufmerksam zu machen, daß es Zeit sei, Esterháza zu verlassen, was dieser zum guten Schluß auch eingesehen habe.

Die ökonomische Version der Anekdote geht davon aus, daß der Fürst die Kapelle im Zuge von Rationalisierungsmaßnahmen bis auf ein paar Geigen habe auflösen wollen, weil sie ihm zu teuer geworden sei. Haydn habe ihm mit der Abschiedssymphonie verdeutlichen wollen, wie dürftig der verbleibende Rest klingen und schließlich überhaupt nichts übrig bleiben würde. Auch hier folgt ein happy-end, bei dem Haydn als der findige Retter der Arbeitsplätze seiner Schützlinge erscheint. Zum Dank soll er sogar noch eine kleine „Ankunftssymphonie“ geschrieben haben, bei der die Musiker einer nach dem anderen wieder in den Saal getreten seien.

Mangels authentischer Belege ist, wie gesagt, schwer zu entscheiden, ob diese Anekdoten stimmen und welcher der beiden Versionen gegebenenfalls der Vorzug zu geben ist. Die Biographen, die sie erstmalig kolportieren, berufen sich jeweils darauf, daß sie ihre Version von Haydn selbst erfahren hätten. Damit stellt sich die Frage, ob Haydn die Legendenbildung um seine Person möglicherweise selbst beförderte. Auch Haydn wird gewußt haben, daß für einen Künstler der Umlauf falscher Anekdoten besser ist als der Mangel an richtigen.


1771 Johann Christian Bach (1735 – 1782) – Konzertante Symphonie A-Dur

Die vier Söhne Johann Sebastian Bachs, die den Beruf des Musikers ergriffen, wurden in eine Zeit des Umbruchs in den künstlerischen Anschauungen geboren. Ihr Vater hatte, zusammen mit Händel, das ungemein fruchtbare Zeitalter des musikalischen Barocks zum Höhepunkt und zugleich zu Ende geführt. Ab dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts begann ein Periode des Suchens nach neuen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten. An die Stelle der komplexen und mitunter schwergewichtigen kontrapunktischen Diktion, die insbesondere Bach Vater praktizierte, trat die bewusste Einfachheit und Heiterkeit des „galanten Stils“. Im Laufe des Jahrhunderts mischten Sturm und Drang und Empfindsamkeit weitere Farben in das Bild einer Epoche, die man später als Vorklassik deutete, die aber wohl treffender mit der Bezeichnung musikalisches Rokoko charakterisiert ist. Bachs Söhne trugen – je auf ihre Weise – dazu bei, die Wege durch die neue Zeit zu bahnen, Wege, die schließlich zum dem führen sollten, was wir heute die musikalische Klassik nennen.

 

Den im wahrsten Sinne des Wortes weitesten Weg ging hierbei Johann Christian Bach. Die verzweigte Musikerfamilie Bach hatte sechs Generationen lang im protestantischen Milieu Mitteldeutschlands gelebt. Auch drei älteren Brüder Johann Christian Bachs haben sich nur unwesentlich aus dieser Region entfernt. Den jüngsten der Bach Söhne aber drängte es in die Welt, wo er hoffte, die heimatliche Enge nicht nur in musikalischer, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht hinter sich lassen zu können. Nachdem er im Alter von 15 Jahren seinen Vater verloren hatte, lebte er zunächst einige Jahre bei seinem Bruder Philipp Emanuel in Berlin. Dort entzündete sich seine Begeisterung für die italienische Oper, eine musikalische Gattung, zu der man in der Familie Bach bislang misstrauische Distanz gehalten hatte. Als sich ihm, kaum dass er 20 Jahre alt war, die Gelegenheit zur Übersiedlung in das Herkunftsland dieses schillernden Genres bot, griff er zu und begab sich nach Mailand. Dort kappte er alsbald die Bande zur prosaisch-protestantischen Heimat, nannte sich Giovanni Bach und trat sehr zum Verdruss seiner Brüder, die darin den Verrat an der Familientradition sahen, zum katholischen Glauben über (und zwar ganz pragmatisch, weil dies in Italien die Voraussetzung für eine gute Anstellung war). Binnen kurzem gelang es ihm nicht nur in der Kirchenmusik (er wurde Organist am Mailänder Dom), sondern auch in der Opernszene Italiens Fuß zu fassen. Er komponierte erfolgreiche Opern mit so weltläufigen Themen wie „Ataxerxes“, „Cato in Utica“ und „Alexander in Indien“. Schon bald waren seine materiellen Verhältnisse weit günstiger als es die seines Vaters und seiner Brüder je gewesen waren.

 

Da sich seine Erfolge als Opernkomponist bis England herumsprachen, erhielt er eine Einladung an das Kings Theater in London. Im Jahre 1762 zog er in die englische Hauptstadt und betrat trat damit ein musikalisches Terrain, in dem, anders als auf dem Kontinent, wo die persönliche Protektion zählte, die Gesetze des Marktes vorherrschten. Dies eröffnete erhebliche wirtschaftliche Möglichkeiten, barg aber auch entsprechende Risiken. Auch für London schrieb Johann Christian Bach verschiedene, in der Weite der (antiken) Welt angesiedelte Opern, etwa „Hadrian in Syrien“. Bereits ein Jahr nach seiner Ankunft in der Metropole des Marktes begann er sich aber auch als musikalischer Unternehmer zu betätigten. Zusammen mit dem Gambisten und Cellisten Friedrich Abel, der in Vater Bachs hervorragendem Köthener Orchester tätig gewesen war, rief er die Bach-Abel Konzerte ins Leben, die zu einem zentralen Bestandteil des Londoner Musiklebens werden sollten. In den folgenden 23 Jahren gingen in den Monaten Januar bis Mai in der Regel jeweils 15 Konzerte, insgesamt über 1700 Veranstaltungen, über die Bühne, in denen alles auftrat was Rang und Namen hatte (unter den Zuhörern war 1764 auch der 8-jährige Mozart, der hierbei von Bach viel über die italienische Symphonie und die Oper lernte). Vor allem aber traten Abel und Bach dabei selbst und mit eigenen Werken auf. Bach schrieb hierfür immer wieder neue Stücke aller möglicher Gattungen, darunter über 40 Symphonien einschließlich einer Reihe von konzertanten Werken dieser Art.

 

Für diese Veranstaltungen ist zwischen 1764 und 1771 auch die Konzertante Symphonie in A-Dur entstanden, die als eine „wahre Perle“ unter Johann Christian Bachs Kompositionen gilt. Mozart, dessen eigene Variante des galanten Stiles ohnehin stark von Bach beeinflusst wurde (die beiden trafen 1778 wieder in Paris zusammen), hat Elemente des ersten Satzes in das „Incarnatus“ seiner c-moll Messe übernommen. Der zweite Satz ist eine pastellfarbene Schäferidylle der Art, wie sie das Zeitalter des Rokoko liebte.

 

Johann Christian Bachs hat die Möglichkeiten, die ihm der Londoner Musikmarkt bot, in vollen Zügen genossen. Er führte ein luxuriöses Leben und verkehrte in den besten Kreisen, nicht zuletzt am englischen Hof, wo er der Lehrer der Königin und der zahlreichen Prinzen und Prinzessinnen war. Gegen Ende seines Lebens musste er aber auch die Schattenseiten des kapitalistischen Musikbetriebes erleben. Eine hohe Investition in ein elegantes Konzerthaus sollte sich als zu teuer erweisen, zumal die Nachfrage nach seinen Konzerten nachließ. Am Schluss war der Liebling der Gesellschaft hoch verschuldet. Angesichts sich häufender Probleme geriet er in gesundheitlichen Verfall und starb im Alter von 46 Jahren. Zu seinem Begräbnis erschienen nur vier seiner zahlreichen früheren Freunde, was seine Brüder als Preis für mondäne Extravaganz angesehen haben dürften.

1772 Michael Haydn (1737 – 1806) – Requiem c – moll

Unter dem 10.8.1806 schrieb der Abt Dominikus vom Kloster St. Peter in Salzburg in sein Diarium: „Heute nachts um 10 Uhr starb der hiesige berühmte Concertmeister Michael Haiden, im 68. Jahre seines Alters, ein würdiger Bruder des esterhazischen Kapellmeisters Joseph Haiden. Er war 43 Jahre in hiesigen Diensten, sammelte sich besondere Verdienste für die Kirche, indem er im wahren Kirchenstil erstaunend viel komponierte. Er war weit und breit berühmt und mußte nach Spanien, nach Schweden, und besonders für die itzige Kaiserin Ämter und andere Sachen komponieren. Letztere frimte noch voriges Jahr bey ihm ein Requiem an, und es gieng ihm wie dem berühmten Mozart, er fing zu arbeiten an, vollendete aber nur den Introitum, der auch bei seinem Requiem aufgeführt wurde. … Das Requiem hielten die Hofmusikanten und 8 Tage danach führten eben diese für ihn in der Universitäts Kirche das große Requiem von Mozart auf. …“          

Mit diesen Bemerkungen über Michael Haydn und Mozart und ihre Totenmessen schlägt Abt Dominikus ein Thema an, welches interessante Einblicke in die manchmal erstaunlich kleine Welt der Wiener Klassik erlaubt. Das Schicksal des „Wieners“ Michael Haydn in Salzburg war von Anfang an eng mit dem des 19 Jahre jüngeren Mozart verknüpft. Schon sein Eintritt in die Dienste des Erzbischofs im Jahre 1763 hatte mit dem jungen Salzburger Genius zu tun. Haydn wurde eingestellt, um den Vizekapellmeister der Hofkapelle, Leopold Mozart, zu vertreten, der mit seinem frühbegabten Sohn Wolfgang oft monatelang auf Konzertreisen war.  

Ein erstes Zusammenwirken zwischen Michael Haydn und Mozart ist für das Jahr 1767 belegt, als Mozart 11 Jahre alt war. Zusammen mit dem Salzburger Organisten Adelgasser komponierten sie ein geistliches Singspiel mit dem Titel „Die Schuldigkeit des ersten Gebotes“. Ab 1769 waren Mozart und Haydn dann gemeinsam in der Salzburger Hofkapelle tätig, wo sie die Konzertmeisterstellen inne hatten. Die altersungleichen Kollegen nahmen regen Anteil am kompositorischen Werk des jeweils anderen. Für Haydn ist vor allem der Aufbau der Messen des jungen Mozart zum Vorbild für seine eigenen Messen geworden. Mozart wiederum verfolgte Haydns umfangreiches kirchenmusikalisches Schaffen besonders unter stilistischen Gesichtspunkten. Der Kirchenmusiker Haydn hielt gegen den Zeitgeist, der sich dem   opernhaft-galanten Stil zugewandt hatte, die Kompositionsweise aufrecht, welche Abt Dominikus als den „wahren Kirchenstil“ bezeichnete. Er orientierte sich an den Meistern der Barockzeit und betonte insbesondere das kontrapunktische Element der Musik. Vor allem in der c-moll Messe und im Requiem hat sich Mozart dieses Stiles bedient.

Auch nachdem sich Mozart in Wien selbständig gemacht hatte, waren die beiden Musiker noch miteinander in Kontakt. 1783 etwa sprang Mozart dem geschätzten Kollegen bei der Erfüllung eines Kompositionsauftrages zur Hilfe, den dieser krankheitshalber nicht erfüllen konnte. Um einen drohenden Gehaltsentzug zu verhindern, schrieb Mozart, der gerade zu Besuch in Salzburg weilte, unter Verzicht auf die Autorenehre in aller Eile zwei (bedeutende) Duos für Violine und Viola, die Michael Haydn unter seinem Namen abliefern durfte. Dies ist um so erstaunlicher, als es sich bei dem Auftraggeber dieser Werke um eben den Erzbischof handelte, dessen tyrannischem Regiment Mozart zwei Jahre zuvor nach erheblichen Turbulenzen in Richtung Wien entronnen war. Wie nahe sich Mozart und Michael Haydn musikalisch standen, zeigt auch die Tatsache, daß man eine Symphonie Haydns lange Zeit für ein Werk Mozarts hielt (KV 444). Am Rande vermerkt sei noch, daß Michael Haydn später der Lehrer Carl Maria von Weber werden sollte, der der Cousin von Mozarts Ehefrau Constanze war.

Besonders deutlich aber wird die gegenseitige Befruchtung von Mozart und Michael Haydn in ihren Totenmessen. Das Requiem, welches Abt Dominikus in seinem Nachruf für Michael Haydn erwähnt, ist dessen zweites Requiem in B-Dur. Dieses Werk weist, wie E.T.A. Hoffmann schon im Jahre 1812 darlegte, nicht nur im Schicksal von Autor und Komposition Parallelen zum Requiem von Mozart auf. Auch musikalisch sind die beiden Werke verwandt. Mozarts Totenmesse wiederum ist in Anlage und Duktus sowie in vielen Details offensichtlich vom Haydns früherem Requiem in c-moll beeinflußt, das 1772 anläßlich des Todes ihres gemeinsamen Arbeitgebers Erzbischof Sigismund von Salzburg entstand. Dieses Werk gilt als eine der bedeutendsten Kompositionen Michael Haydns. Seine formale Besonderheit ist das Salzburger Trio, das heißt, daß die Bratschenstimme fehlt und der Baß thematisch wenig hervortritt, die beiden Geigenstimmen aber äußerst lebhaft geführt werden. Inhaltlich fällt eine Leidenschaftlichkeit der Trauer auf, die für Michael Haydn, der als dem Leben zugewandt beschrieben wird, eher ungewöhlich ist. Die Ursache hierfür liegt möglicherweise darin, daß Haydn bei der Abfassung des Werkes wohl noch unter dem Eindruck des frühen Todes seines einzigen Kindes im Jahre 1771 stand. Der Umstand, daß Mozart fast 20 Jahre später auf dieses Werk zurückgriff, zeigt, welch’ tiefen Eindruck die Musik Michael Haydns bei ihm hinterlassen hatte.

Angesichts der Unvollständigkeit des zweiten Requiems wurden, was Abt Dominikus nicht berichtete, bei den Totenfeiern für Michael Haydn neben dem zweiten und neben Mozarts Requiem auch Teile aus Haydns ersten Requiem aufgeführt. Wenige Jahre später sollte sich diese Konstellation bei ähnlichem Anlaß wiederholen. Beim Tod Joseph Haydns im Jahre 1809 wurde bei der internen Trauerfeier ebenfalls Michael Haydns Requiem in c-moll und beim offiziellen Trauerakt das Requiem von Mozart gespielt.

Karl Stamitz (1745-1801) – Konzert für Bratsche und Orchester

Karl Stamitz ist der Sohn des Begründers der Mannheimer Schule, Johann Stamitz. Er wuchs in der kurpfälzischen Metropole auf, wo ihm die führenden Musiker Cannabich, Holzbauer und Richter neben Geigen- und Bratschenspiel auch die „Mannerheimer Manieren“ beibrachten, darunter die Mannheimer Rakete – ein schnell aufsteigendes Motiv –  und die Mannheimer Walze – eine langes Orchestercrescendo. Acht Jahre war er dann 2. Violinist in der Mannheimer Hofkapelle, wobei er deren gesamtes Repertoire kennen lernte. Im Alter von 25 Jahren ging Stamitz als reisender Virtuose auf Wanderschaft. Unter anderem lebte er längere Zeit in Paris und London. Stamitz komponierte naturgemäß Solowerke für seine Instrumente, darunter das Bratschenkonzert, welches  zum Kernbestand der Literatur für dieses Instrument gehört. Darüber hinaus schrieb er aber auch Konzerte für alle möglichen anderen Instrumente, insgesamt rund 60 Solokonzerte und 30 Doppelkonzerte. Hinzu kommen 51 Symphonien und eine Menge Kammermusik. Stamitz’ Musik ist weitgehend dem empfindsam-galanten Stil der Mannheimer Schule verpflichtet. Sie ist eingängig und unkompliziert und verzichtet auf gelehrte Komplikationen. Schon zu seinen Lebzeiten waren seine stimmungsvollen langsamen Sätze berühmt. Dass dies es zu Recht der Fall war, zeigt der zweite Satz des Bratschenkonzertes.

 

1761 Joseph Haydn (1732- 1809) – Symphonie Nr. 8 (Le Soir)

Verglichen mit Mozart und Schubert begann die kompositorische Karriere Haydns eher zögerlich. Neun Jahren als Sängerknabe in der Wiener Hofkapelle folgten acht Jahre, in denen er sich in dürftigen Verhältnissen als Musiklehrer, Organist und Kirchensänger in Wien durchschlug. Der Durchbruch kam mit dem Amt. Mit seiner ersten Anstellung – Haydn war "schon" 27 Jahre alt – legte er den Grundstein für sein einzigartiges symphonisches Werk. Als er zwei Jahre später vom Grafen Morzin in die Dienste des Fürsten Esterházy wechselte, schrieb er zum Einstand bereits die Symphonien Nummer 6, 7 und 8, darunter auch "Le Soir". Das kunstsinnige Haus Esterházy bot Haydn in den folgenden drei Jahrzehnten mit einem eigenen Orchester, einer Opernbühne und viel Sinn für Kammermusik die Arbeitsbedingungen, in denen seine Schöpferkraft mit zunehmendem Alter immer weiter reifte. In diesem perfekten musikalischen Biotop konnte Haydn allein seiner Reihe von insgesamt 104 Symphonien mehr als 80 "Nummern" hinzufügen.

 

Die Symphonie "Le Soir", der Abend, ist die letzte der Tageszeitensymphonien, die Haydn ganz im Sinne der barocken Neigung zur künstlerischen Darstellung von Begriffen komponierte. Im Vordergrund steht nicht, wie in den späteren Symphonien, der Gang des autonomen musikalischen Geschehens, das regelgerecht "durchgeführt" wird, sondern die allegorische Schilderung von themengebundenen Stimmungen und Ereignissen. Dementsprechend geht es in diesen Werken außerordentlich bunt und lebhaft zu. "Le Soir" etwa enthält ein "malerisches" Abendgewitter, das Beethoven bei der Abfassung seiner "Pastorale" Modell gestanden haben dürfte. Beethoven scheint auch von der eindrucksvollen Konfrontation einer lieblich-hellen Melodie mit einem akzentuierten dunklen Thema inspiriert worden zu sein, welches der zweite Satz der Symphonie möglicherweise zur Darstellung des Überganges vom Tag zur Nacht enthält. Das Pendant findet sich im zweiten Satz des 4. Klavierkonzertes von Beethoven. Technisch gesehen ist "Le Soir", wie die Gegenstücke "Le Matin" und "Le Midi", eine Konzertsymphonie. Diverse Instrumente treten immer wieder solistisch hervor, darunter auch heiter rumpelnd und summend der Kontrabaß.

Weitere Texte zu Werken von Haydn und rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1749 Georg Friedrich Händel (1685 – 1759) – Feuerwerksmusik

Im Oktober 1748 endete der Österreichische Erbfolgekrieg mit dem Frieden von Aachen. Da England daraus als erste Seemacht Europas hervorging, hatte man allen Grund zu Feiern. In London begannen daher Vorbereitungen für eine große Friedensfeier, in deren Zentrum ein gigantisches Feuerwerk stehen sollte. Händel, der mit dem „Dettinger Te Deum“ bereits im Jahre 1743 einen musikalischen Beitrag zur Feier eines Sieges der Engländer in diesem Krieg beigetragen hatte, wurde auch dieses Mal mit der Komposition der Festmusik beauftragt.

 Das Ganze ging nicht ohne Probleme vonstatten. König Georg II. wünschte ausdrücklich, daß das Orchester nur aus Kriegsinstrumenten, das heißt aus Bläsern und Schlagzeugern bestehen und daher keine „fidles“ enthalten sollte. Händel hingegen bestand auf einem Orchester mit Streichern und Bläsern. Über diese Frage gab es allerhand Diskussionen und hitzigen Schriftverkehr, in dem Händel von den Hofleuten als ziemlich stur und eingebildet dargestellt wird. Allen Befürchtungen zum Trotz gab der Komponist aber schließlich ein Stück weit nach. Er ließ die Feuerwerksmusik beim Festakt von 100 Bläsern ohne Streicher spielen, vermerkte aber danach in der Partitur, daß und an welcher Stelle Streicher einzusetzen seien.

 Ein zweiter Streitpunkt war die Frage einer öffentlichen Generalprobe. Händel war aus Gründen des  Überraschungseffektes strikt dagegen, daß man das Geheimnis der Musik schon vor dem eigentlichen Ereignis lüftete. Der Leiter der Vauxhall-Gärten hatte dem Organisator der Festveranstaltung, dem Herzog von Montagu, für den Festakt aber seine ganze kostspielige Illuminationstechnik einschließlich 30 Dienern zu deren Bedienung kostenlos für den Fall angeboten, daß die Generalprobe in seinen Gärten stattfinde. Händel ließ derart prosaische Gesichtspunkte, die den Verwaltungsmann natürlich überzeugten, zunächst nicht gelten. Daher erwog der Herzog von Montagu, der die Kosten des Ereignisses zu bestreiten hatte, bereits, Händel den Auftrag zu entziehen. Zu seinem Glück gab der Komponist schließlich auch hier nach. Die öffentliche Probe, die am 21. April 1749 stattfand, war für ihn ein weit größerer Erfolg als die Aufführung selbst. Zur Probe kamen über 12.000 begeisterte Zuhörer, die, wie das „Gentlemen Magazine“ anschließend berichtete, einen so gewaltigen Verkehrsstau verursachten, daß drei Stunden lang keine Kutsche über die London Bridge kam.

 Das große Ereignis fand schließlich am 27. April 1749 statt. Zu diesem Zweck hatte man im Green Park in monatelanger Arbeit eine riesige palladianeske Festarchitektur errichtet. Die hölzerne Konstruktion von 140 m Länge und über 30 m Höhe, die eine Plattform für das Orchester und die Zurüstungen für das Feuerwerk trug, bestand aus einem Triumphbogen und flankierenden Kolonnaden und war mit Statuen und allerhand symbolischen Reliefs geschmückt. Der Abend verlief, wie gesagt, für Händel eher enttäuschend. Denn anders als bei der Generalprobe, als er ganz im Mittelpunkt stand, ging sein Beitrag im allgemeinen Getümmel weitgehend unter. Hinzu kam, daß das Feuerwerk und die Illumination offenbar nicht richtig klappten und ein Teil der Festarchitektur in Flammen aufging. Frustriert über die für ihn ungewohnte Nebenrolle spielte Händel die Feuerwerksmusik daher bereits einen Monat später wieder bei einem Wohltätigkeitskonzert, diesmal ohne „störendes“ Feuerwerk und ohne Zweifel mit Streichern, um die delikaten Klangkontraste zu erzielen, die das Werk kennzeichnen.

1739 Georg Friedrich Händel (1685 – 1759) – Concerti grossi Op.6

Händel schrieb in den ersten beiden Dritteln seines schöpferischen Lebens hauptsächlich Opern. Bis zum Jahre 1737 komponierte er nicht weniger als 40 Bühnenwerke, meist Heldenopern in antikem Umfeld, die er mit Opernkompagnien aufführte, an denen er wirtschaftlich beteiligt war. Seine geschäftlichen Verhältnisse waren dabei ziemlich verwickelt. Ein Opernunternehmen löste das andere ab, nicht zuletzt weil die Finanzlage immer wieder prekär war. Mitte der 30-er Jahre des 18. Jahrhunderts ging schließlich alles bergab. Das deutsch-englische Gespann Johann Pepusch und John Gay hatte die Heldenoper mit ihrer „Bettleroper“, dem Vorbild für Brechts „Dreigroschenoper“, so treffend persifliert, daß das Genre unmöglich gemacht war. Die Folge war, daß der einstmals blühende englische Markt für Heldenopern zusammenbrach. Händel, der vollkommen erschöpft war, erlitt seinerseits einen gesundheitlichen Zusammenbruch. Durch einen Schlaganfall war er teilweise gelähmt und schien am Ende zu sein. Er ging in eine längere Kur nach Aachen. Wundersamerweise kehrte er völlig geheilt zurück.

 

Mit frischen Kräften und mit beispiellosem Elan stürzte sich Händel danach in neue musikalische Projekte. Zunächst entstand eine Reihe von Instrumentalwerken, Musikstücke, die so etwas wie die Zwischenaktmusik für die beiden letzten Abschnitte seines musikalischen Lebensdramas sind. Diese „Gelegenheitswerke“ bilden die Überleitung vom tragischen Ende der Opernzeit zur großen Periode des Oratorienschaffens mit ihrem Heldenschluß, dessen Protagonist Händel selber ist.

 

Die 12 Concerti grossi Op.6 schrieb Händel im Herbst 1739 binnen eines Monats. Auch im Konzertleben hatten sie zunächst die Funktion von Zwischenaktmusiken. Sie wurden in der Hauptsache zwischen Teilen von Oratorien oder anderen „Hauptwerken“ gespielt.

 

Erstmals aufgeführt wurden die Werke in der Wintersaison 1739/40 im Rahmen von Händels großen privaten Konzertveranstaltungen. Die ersten Stücke kamen, wie man einer Ankündigung der London Daily Post vom 17.11.1739 entnehmen kann, am 22. November 1739 im Lincoln’s Inn Fields Theater zu Gehör. Da das Wetter seinerzeit außerordentlich kalt war, vermerkte die Daily Post: „Es werden besondere Vorkehrungen getroffen, um das Haus warm zu halten, und zur Bequemlichkeit wird der Durchgang von der Straße zum Tor überdacht sein.“ Da dies offenbar Obdachlose anzog – eine merkwürdige Reminiszenz an die Bettleroper – , sah sich Händel bei einer weiteren Aufführung zu dem Hinweis veranlaßt: „Es wird mit besonderer Sorgfalt darauf geachtet, daß Wachpersonal die Gänge frei von Gesindel hält.“

 

Die Form der 12 Concerti grossi, die ausschließlich für Streichorchester geschrieben sind, übernahm Händel im wesentlichen von Corelli, der diesen Werktypus zur Vollendung brachte. Trotz der kurzen Entstehungszeit – manche Konzerte wurden in einem Tag komponiert – hat Händel darin sein ganzes Können aufgeboten. Wegen des außerordentlichen Panoramas an musikalischen Formen und Stimmungen und der meisterlichen Verarbeitung werden sie allgemein als seine besten Instrumentalwerke angesehen.

1734 Georg Friedrich Händel (1685 – 1759) – Concerti grossi Op.3

Die Art wie Händels 6 Concerti grossi Op.3 mit der hohen englischen Politik verwoben sind, deutet auf eine Bedeutung der Musik in der Gesellschaft der Barockzeit hin, von der heutige Komponisten nur noch träumen können. Für und gegen einen Musiker zu sein, war ein Akt der Staatspolitik. So war etwa der Thronfolger, der Prince of Wales, mit den oppositionellen Tories gegen Händel, weil sein Vater, König Georg II, von der Whig-Partei gestützt wurde, in deren Kreisen sich die Anhänger Händels befanden. Die Chroniken berichten, der Thronfolger habe dem König in hitzigem Streit sogar einmal die unerhörten Worte an den Kopf geworfen, daß Händels Musik ihm ein „Gegenstand der Abscheu“ sei.  

Die Auseinandersetzung um Händel wurde aber nicht nur verbal ausgetragen. Im staatspolitisch-musikalischen und familiären Kampf auf höchster Ebene wurde mit allen Mitteln gekämpft, wobei selbst Opernhäuser zu politischen Waffen wurden. Bekanntlich betätigte sich Händel in den ersten beiden Jahrzehnten seines Aufenthaltes in England in der Hauptsache als Opernunternehmer (wozu auch das Komponieren von Opern gehörte). Die Tories, die über den deutschen Komponisten Händel den ebenfalls aus Deutschland, nämlich aus dem Hause Hannover stammenden König zu treffen trachteten, gründeten daher ein Gegenunternehmen, die sogenannte „Adelsoper“. Dieses Konkurrenzunternehmen hatte die Protektion des Thronfolgers. Das Patronat für Händels Operntruppe hingegen hatte die Schwester des Thronfolgers, Princess Anne, die eine Anhängerin Händels und dessen Lieblingsschülerin war. Der Streit ging auf Biegen und Brechen und endete mit dem vorläufigen finanziellen und gesundheitlichen Ruin Händels.  Als Dank dafür, daß Princess Anne ihm in diesen Auseinandersetzungen immer treu geblieben war, widmete ihr Händel zu ihrer Hochzeit im Jahre 1734.

Die Herausgabe der Werke erfolgte zunächst wohl ohne Wissen des Komponisten durch seinen Verleger John Walsh, der Musik aus Händels Feder, die in verschiedenen Kontexten entstanden war, zusammenstellte und unter der Bezeichnung „Six Concerti grossi“ herausgab. Er beabsichtigte damit, an den wirtschaftlichen Erfolg der sechs Concerti grossi von Corelli anzuknüpfen, die in ganz Europa gespielt wurden. Diese Art der Kompilation erklärt, warum die Werke formal vom Typus des italienischen Concerto grosso abweichen. Mit Ausnahme des vierten Konzertes hat keines der Werke die traditionelle viersätzige Form des italienischen Concerto grosso. Es fehlt auch die typische Gegenüberstellung von Solo- und Tuttipassagen. Nichtsdestoweniger weisen die Konzerte umfangreiche, mitunter sehr virtuose Soli auf. Auch der Corelli-Sound ist unverkennbar, was nicht nur darauf zurückzuführen sein dürfte, das der italienische Meister europaweit Maßstäbe setzte, sondern auch daran, dass Händel in seiner Zeit in Rom viel mit ihm zu tun hatte – Corelli war Geiger in dem Orchester, für das Händel eine Reihe von Werken schrieb.  

Ob der Prince of Wales auch diese Stücke aus politischen Gründen für „abscheulich“ halten mußte, ist nicht bekannt. Ohne die parteipolitischen Scheuklappen der Engländer in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts dürfen wir sie heute einfach schön finden.

1726 Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) – Kreuzstabkantate (Nr.56)

Bachs umfangreiches Kantatenwerk ist weitgehend in den ersten Jahren seiner Tätigkeit als Thomaskantor in Leipzig entstanden. In dem Ehrgeiz, möglichst eigene und immer wieder neue Werke aufzuführen, komponierte er in den Jahren 1723 bis 1727 offenbar fünf volle Kantatenjahrgänge. Davon sind uns im wesentlichen die ersten drei Jahrgänge erhalten geblieben; das heißt, daß zwei Fünftel der Bach’schen Kantaten als verschollen gelten müssen. Die Werke wurden jeweils in den sonn- und feiertäglichen Festgottesdiensten der Leipziger Hauptkirchen St. Nicolai und St. Thomä aufgeführt.

 

Wie es Bach möglich war, über Jahre jede Woche ein neues Werk von der Komplexität seiner Kantaten zu schreiben und zur Aufführung zu bringen, kann man heute kaum mehr nachvollziehen. Aus der Tatsache, daß die erhaltenen Originalstimmen mehr oder weniger unkorrigiert sind, kann man jedoch entnehmen, daß es dabei ziemlich hektisch zuging. Offenbar fand die letzte Fixierung musikalischer und technischer Einzelheiten teilweise mündlich statt. Eine ausreichende Einstudierung war in der Regel nicht möglich. Häufig waren die Abschriften der Stimmen Bach erst am Vortag der Aufführung fertig. Bach verließ sich offenbar weitgehend auf die Prima-vista-Fähigkeiten seiner Instrumentalisten und der „ersten Kantorei“ der Thomaner, zu der nur die erfahrenen Mitglieder gehörten. Den hohen Anforderungen waren naturgemäß nur wenige Personen gewachsen. Daher waren die Stimmen des Chores jeweils nur mit 3 Sängern und die Streicherstimmen mit 2- oder 3 Spielern besetzt.

 

Die „Kreuzstabkantate“ stammt aus dem weitgehend verschollenen Kantaten-Jahrgang von 1726. Sie ist – eine Ausnahme bei Bach – nur für eine Solostimme und Orchester geschrieben.

1717- 1723 Johann Sebastian Bach (1685-1750) – Konzert für drei Trompeten und Orchester

Bach hat den Einsatz seiner musikalischen Ressourcen teilweise in einer Weise optimiert, die an moderne Verwaltungs- und Produktionstechniken erinnert. Heute ist es zur Verringerung von Aufwand und Kosten üblich, Produkte von vorneherein so zu konzipieren, dass ihre Grundelemente für verschiedene Waren und Leistungen verwendet werden können. In den Verwaltungen etwa wird in großem Maße mit Textbausteinen, in der Massengüterindustrie mit „Plattformen“ und in der Popmusik mit „Samplern“ gearbeitet. Auf ganz ähnliche Weise hat Bach seine musikalische Produktion „gesteuert“. Er hat in erheblichem Maße musikalisches Material früherer Werke in späteren Kompositionen wiederverwendet. So bekannte „Originalwerke“ wie die „H-moll Messe“ oder das „Weihnachtsoratorium“ sind weitgehend aus Elementen bereits vorhanden gewesener Werke zusammengesetzt. Für ein derartiges „Recycling“, das in der Barockzeit gängige Praxis war, hat sich der etwas schiefe Begriff "Parodie" eingebürgert.

Erstaunlich ist dabei die Flexibilität Bachs im Umgang mit dem musikalischen Material. Bei der Übertragung vorhandener Musik auf ein neues Vokalwerk etwa musste sich kurzerhand der Text des neuen Werkes an die vorhandene Musik anpassen, womit das „normale“ Verhältnis von Text und Musik auf den Kopf gestellt wurde. Bach hat die Probleme, die daraus resultieren, zwar teils durch kleine, bezeichnende Retuschen des musikalischen Ausgangsmaterials gelöst. Teils wurden die neuen Texte aber auch einfach auf die vorhandene Musik geschrieben, wobei der Inhalt der Musik unter Umständen eine ganz andere Richtung erhielt

Das Verfahren, unterschiedliche Produkte aus gemeinsamen Elementen herzustellen, erlaubt es in gewissem Maße, den Produktionsprozess umzukehren und frühere Werke aus späteren zu rekonstruieren. Auf diese Weise sind in letzter Zeit mehrere verschollene Instrumentalwerke Bachs „wiedererstanden“. Sie stammen meist aus Bachs Köthener Zeit (1717-23), in der er sich fast ausschließlich mit Instrumentalmusik beschäftigte.

Das Konzert für drei Trompeten und Orchester wurde von dem Bachspezialisten Diethart Hellmann aus zwei Vokalwerken Bachs rekonstruiert, die zu Beginn seiner Leipziger Zeit entstanden. Bach hatte im Frühjahr 1725 sowohl eine Schäferkantate für den Weißenburger Hof als auch ein Osteroratorium zu schreiben. Wiewohl die Sujets nicht hätten weiter auseinander liegen können, verwendete er für beide Werke das gleiche musikalische Material. Dieses basiert, wie man aus verschiedenen Umständen entnehmen kann, offenbar weitgehend auf einem Konzert für drei Trompeten aus der Köthener Zeit, das verlorengegangen ist.

Weitere Texte zu Werken von Bach und rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1717- 1723 Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) – Konzert für 2 Violinen und Orchester d-moll

Über die Entstehung von Bachs Konzerten für Violine ist wenig bekannt. Wahrscheinlich sind sie allesamt in seiner Köthener Zeit (1717 bis 1723) entstanden, in der sich Bach im wesentlichen mit Instrumentalmusik zu beschäftigen hatte. Transkriptionen, die Bach später in Leipzig vornahm, zeigen, dass er in dieser Zeit außer den erhaltenen drei Werken noch sechs weitere Konzerte für Violine schrieb. Merkwürdigerweise hat man von diesen Konzerten aber keine Originalstimmen gefunden. Sie sind uns nur in der Form bekannt, die ihnen Bach bei der Übertragung auf das Cembalo gab. Nach allem, was wir wissen, scheinen die verbliebenen Konzerte aber die Filetstücke dieser Gattung in Bachs Werk zu sein. 

Dies gilt ohne Zweifel für das Doppelkonzert, das schon wegen seines „himmlischen“ zweiten Satzes nicht nur zu den schönsten Werken Bachs sondern der ganzen Geigenliteratur gehört. Die beiden vitalen Ecksätze sind darüber hinaus geradezu ein Muster kompakter und zwingender Kompositionskunst. Alles ist mit einer solchen Notwendigkeit auseinander hergeleitet, dass es unmöglich ist, sich auch nur eine Note dazu- oder wegdenken. Wenn man unter klassisch die vollkommene Stimmigkeit des Ganzen und seiner Teile versteht, dann ist dieses Werk der Prototyp des Klassischen. Im Gegensatz zu den beiden Soloviolinkonzerten, in denen das Element des motivischen Wettstreites zwischen Solist und Orchester im Vordergrund steht, ist das Doppelkonzert eher ein Werk des einträchtigen Miteinanders der Soloinstrumente gegen das Orchester. Die Soloviolinen präsentieren die Themen zunächst wie bei einem Kanon, vereinen und trennen sich zu variierenden Exkursen, um schließlich in vollkommener Harmonie wieder zu einander zu finden. Diese Art des  Zusammenwirkens eigenständiger Subjekte dürfte wohl der Grund dafür gewesen sein, dass das Werk auf dem Höhepunkt des kalten Krieges zum Instrument der politischen Symbolik werden konnte. Ende der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts berichteten die Wochenschauen in großer Aufmachung über ein musikalisches Ost-West-Gipfeltreffen, bei dem Yehudi Menuhin und David Oistrach als die künstlerischen Repräsentanten der verfeindeten Politblöcke erstmals zusammenkamen, um mit dem Doppelkonzert friedliche Koexistenz darzustellen.

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1718-21 Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) – Brandenburgische Konzerte

Die sechs Brandenburgischen Konzerte hat Bach schlicht als "Sechs Konzerte für mehrere Instrumente" bezeichnet. Ihren heutigen Namen haben sie erst im 19. Jahrhundert erhalten. Pate stand hierbei der Markgraf Christian Ludwig von Brandenburg, der jüngste Sohn des Großen Kurfürsten. Dieser hatte im Sommer 1718 in Karlsbad, wohin Bach seinen damaligen Dienstherren Fürst Leopold von Anhalt-Köthen zur Kur begleitet hatte, Interesse an neuen Werken des Köthener Hofmusikus gezeigt. Bach ließ sich fast drei Jahre Zeit, um dem Auftrag nachzukommen. Im Frühjahr 1721 schließlich übersandte er die sechs Brandenburgischen Konzerte, die er mit seinen Kollegen in Köthen offenbar zuvor getestet hatte. In der Widmung vom 24.3.1721 stellt der große Mann in einem Untertanentonfall, dessen beschämende Notwendigkeit man sich heute kaum mehr vorstellen kann, sein Licht reichlich unter den Scheffel. In Karlsbad, so schreibt er in französischer Sprache, habe er wahrnehmen können, "daß Eure Hoheit einiges Vergnügen an den schwachen Gaben hatten, die mir der Himmel für die Musik geschenkt hat." Und er bringt die ergebenste Bitte vor, die Konzerte "in ihrer Unvollkommenheit nicht mit der Strenge des feinen und erlesenen Geschmackes zu beurteilen, der, wie alle Welt weiß, Eurer Hoheit für die Musik zu eigen ist, sondern vielmehr den tiefen Respekt und den ergebensten Gehorsam, die ich Eurer Hoheit damit zu bezeigen versuche, wohlwollend in Betracht zu ziehen."

Bach muß gewußt haben, daß diese Darstellung am wahren Sachverhalt weit vorbei ging. Denn diese Werke zeugen nicht nur von dem „erlesenen Geschmack“ des Autors, sondern tragen wie vieles, was Bach in seiner Köthener Zeit komponierte, den Stempel des absolut Außerordentlichen. Der Komponist wollte, das zeigt bereits die lange Entstehungszeit, etwas ganz Besonderes vorlegen.

Daß die Brandenburgischen Konzerte in Köthen entstanden, hat viel mit den dortigen Arbeitsbedingungen zu tun. Bachs Arbeitgeber, der junge Fürst Leopold, war ein Kunstenthusiast, der nicht nur großen musikalischen Sachverstand hatte, sondern mit einiger Fertigkeit auch selbst musizierte. Am Hofe gab es ein "Collegium musicum" von versierten Instrumentalisten, dem Bach vorstand, und das offenbar die schwierigsten Werke bewältigen konnten. Möglichkeiten zu kirchenmusikalischer Betätigung gab es hingegen weniger. Der Hof hing der calvinistischen Konfession an, in der die Kirchenmusik verpönt war. Da es mangels Oper oder eines versierten Chores auch sonst kaum Gelegenheit zur Aufführung von Vokalmusik gab, war Bach daher gezwungen, sich weit überwiegend mit Instrumentalmusik zu beschäftigen.

Es ist als habe Bach geahnt, daß er später nicht mehr im gleichen Maße dazu kommen würde, Instrumentalmusik zu schreiben. Jedenfalls schuf er in Köthen nicht nur eine Fülle von Werken für diese Gattung, sondern versuchte in jeder Sparte auch Einmaliges und Exemplarisches zu schaffen. In Köthen entstanden – u.a. mit den zwei- und dreistimmigen Inventionen, den englischen und französischen Suiten und dem ersten Teil des Wohltemperierten Klaviers – nicht nur wesentliche Teile des heute noch bestehenden Kosmos‘ der Klaviermusik, sondern mit den Solosonaten, Partiten, Duos und Violinkonzerten auch Grundlagenwerke für Streicher und Bläser. Diese Kompositionen, die nach wie vor zum Anspruchsvollsten gehören, was für diese Instrumente geschrieben wurde, zeigen, auf welch‘ beachtlichem Niveau an dem kleinen anhaltinischen Hof musiziert wurde.

Der Geist des Experiments herrscht auch bei den Brandenburgischen Konzerten. Bach hat sich darin jeweils ein besonderes musikalisches Problem gestellt und es auf außerordentlich zwingende Weise gelöst. Ausgangspunkt ist immer einer der traditionellen Konzerttypen der Barockzeit. In dessen Formen lotet Bach die musikalischen Möglichkeiten recht gewagter Besetzungskombinationen aus. Zugleich führt er die polyphone Themenverarbeitung auf einen neuen Höhepunkt.

Das Konzert Nr. 3 ist ein Gruppenkonzert für Streichorchester, wobei die Stimmen mehrfach geteilt sind. Das Werk besteht im Grunde nur aus zwei schnellen Sätzen. Der in barocken Konzerten übliche langsame Mittelsatz ist kühn auf zwei Takte verkürzt. Den kanonartigen Themenkopf des letzten Satzes hat Bach aus einem der Werke aus „Sinfonie e concerti a cinque“ entnommen, die Albinoni im Jahre 1700 veröffentlicht hatte.

Im Konzert Nr. 4 ist dem Streichorchester ein apartes Concertino aus zwei Blockflöten und einer Violine gegenübergestellt. Was von der Anlage her einem Concerto grosso im Sinne Corellis entspricht, wird in Richtung auf das virtuose Solokonzert weiterentwickelt, wobei die Violine die größten Abenteuer zu bestehen hat.

Völlig aus dem Rahmen der Konzertform und der Konvention fällt im 5. Konzert die monumentale Cembalokadenz, die nach langem variantenreichen Vorspiel in einem fulminanten kaskadenartigen Höllensturz endet, um dann, als wäre nichts gewesen, friedlich plätschernd weiterzufließen. Hier zeigt Bach, der sonst so seriös ist, dass in ihm zumindest in ästhetischer Hinsicht ein Revolutionär versteckt ist.

Ob der „erlesene Geschmack“ des Brandenburgers ausreichte, das Außerordentliche dieser Werke zu erkennen, wissen wir nicht. Bekannt ist nur, daß man die Manuskripte nach dem Tode des Markgrafen im Jahre 1734 in zwei Konvoluten mit insgesamt 177 Konzerten verschiedenster Komponisten fand und daß sie ohne Angabe von Bachs Namen als "Konzerte" inventarisiert wurden. Ihr Wert wurde – wie der der anderen 171 Konzerte – mit je vier Groschen veranschlagt.

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1717-23 Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) – Orchester-Ouvertüren

Bachs Orchesterouvertüren, von denen vier erhalten geblieben sind, sind wohl in seiner Zeit als Leiter der Kammermusikdienste am Hof Fürst Leopolds von Anhalt-Köthen entstanden. Nach dort war der Komponist im Jahre 1717 von Weimar gekommen, wo er die Stelle des Hoforganisten innehatte. Weimar hatte er aus Verärgerung darüber verlassen, daß er bei der Neubesetzung der ersten Kapellmeisterstelle übergangen worden war. Der dortige Fürst, der trotz der Zurückstellung Bachs offenbar wußte, was er an ihm hatte, wollte ihn allerdings zunächst gar nicht gehen lassen. Bach scheint daraufhin mehr als seinerzeit ziemlich auf seine Entlassung gedrängt zu haben. Am 6. November 1717 jedenfalls, so ergibt sich aus einem überlieferten Aktenvermerk, wurde er "wegen halsstarriger Bezeugung von zu erzwingender Demission" von einem Landrichter, der das Pech hatte, Recht und Musik nicht unter einen Hut bringen zu können, verhaftet und erst nach vier Wochen wieder freigelassen.

 

Zu Bachs Kompositionen der Köthener Zeit gehören einige seiner bedeutendsten Kammermusikwerke, Kompositionen, die von Spieler und Hörer eine intensive Auseinandersetzung verlangen. Daneben hat Bach in Köthen aber auch höfische Unterhaltungsmusik wie die Orchester-Ouvertüren geschrieben. Die Ouvertüren, so genannt nach dem dominierenden Einleitungssatz, sind Folgen (Suiten) von Tanzsätzen aus verschiedenen Ländern Europas, in denen sich die Grazie und die Eleganz des internationalen höfischen Barocks spiegelt. Goethe, so wird berichtet, habe, als ihm der junge Mendelssohn im Jahre 1830 einen der Einleitungssätze vorspielte, vor seinem geistigen Auge eine Reihe geputzter Leute feierlich eine große Treppe heruntersteigen sehen.

 

In diesen heiteren Werken ist nicht der deutsch-tiefsinnige Grübler, sondern ein weltmännischer Europäer am Werk. Wie bei Bach selbstverständlich ist die Musik bei aller Volkstümlichkeit aber mit kunstvoller polyphoner Gestaltung verbunden. Die Besonderheit der 4. Suite ist die „venezianische“ Mehrchörigkeit, bei der drei homogene Quartette, bestehend aus Blechsatz mit Pauken, Holzbläsern und Streichern, miteinander konzertieren.

 

Darüber hinaus hat Bach den tradierten Formen auch hier gelegentlich ganz Außergewöhnliches abgewonnen. So sprengt die „Air“ der D-Dur Suite (Nr. 3), die zu Bachs vielleicht populärstem Werk werden sollte, die Grenzen der bis dato bekannten Ausdrucksmöglichkeiten und weist in eine romantische Zukunft hinein.

 

Mit den Werken, die in Köthen entstanden, hat sich Bach an die Spitze der Entwicklung der europäischen Instrumentalmusik gestellt. Tief in Inneren ist er jedoch Vokal- und insbesondere Kirchenmusiker geblieben. Bereits im Jahre 1720 drängte es ihn wieder auf einen Organistenstuhl. Daher verhandelte er mit der Gemeinde St. Jakobi in Hamburg, wo damals das wichtigste Musikzentrum Norddeutschlands war, über die Übernahme des dortigen Kantorenamtes. Zum Glück für die Liebhaber seiner Instrumentalmusik zog er aber im letzten Moment zurück, so daß er bis 1723, als er mit dem Amt des Thomaskantors in Leipzig eine der großen kirchenmusikalischen Stellen Deutschlands übernahm, in Köthen weitere bedeutende Instrumentalkompositionen schreiben konnte. Sein Interesse an der Hamburger Stelle hatte allerdings zur Folge, daß ein gewisser Johann Joachim Heitmann, über den in musikalischer Hinsicht sonst nichts weiter zu berichten ist, in die Fußnoten der Musikgeschichte einging. Er verdankt dies der Tatsache, daß er nach Übernahme der Kantorenstelle 4.000 Mark an die Gemeinde St. Jakobi spendete, was ihn in den Verdacht brachte, auf diese Weise den großen Johann Sebastian Bach ausgestochen zu haben.

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Reinhard Keiser (1674-1739) – Markuspassion (in der Fassung J.S.Bachs von 1712)

Der Sachse Reinhard Keiser wirkte im wesentlichen in Hamburg, wo zu seiner Zeit die wichtigste deutschsprachige Musikbühne Deutschlands war. Er ist wohl der fruchtbarste Opernkomponist, den Deutschland hervorbrachte. Mit mindestens 70 Opern hält er – jedenfalls der Zahl nach – den deutschen Rekord in dieser Disziplin (nach seiner eigenen Zählung waren es sogar 116 musikdramatische Werke). Davon abgesehen umfasst Keisers Oeuvre zahlreiche andere Werke, darunter sehr viel Kirchenmusik (er hat allein sechs Passionen komponiert). Dennoch ist Keiser selbst der interessierten Öffentlichkeit kaum bekannt. Dies liegt nicht nur daran, daß er als Opernkomponist im wesentlichen das stark strapazierte Genre der Heldenoper in antikem Ambiente bediente, das schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus der Mode kam (er schrieb allerdings auch Werke mit alltagsbezogenen oder gar revolutionären Sujets, so die Oper Masaniello furioso, in der die Steuerwillkür des Adels gegeißelt und in erstaunlicher Offenheit zum Aufruhr augerufen wird).

Keisers schwache öffentliche Präsenz dürfte vor allem damit zu tun haben, daß er im Urteil einiger führender Vertreter der Musikpublizistik lange Zeit schlecht weg kam. Insbesondere die Anhänger Händels hatten es auf ihn abgesehen. Seit Friedrich Chrysander, der große Händelforscher des 19. Jahrhunderts, über Keiser sagte, seine „Sittlichkeit war gleich Null“, er sei „dem Luxus äußerst ergeben, brünstig verliebt, leichtsinnig und eitel gewesen“, und habe im übrigen auch den Kontrapunkt nicht beherrscht, war sein Ruf angekratzt. Noch in Riemanns Musiklexikon aus dem Jahre 1929 hieß es über Keiser, ihm habe die „Ausdauer und die sittliche Kraft zu ernsterer Arbeit gefehlt“. Seine letzte Oper habe gegenüber der ersten keinen Fortschritt aufgewiesen (was nachweislich falsch ist).

Die negative Beurteilung von Keisers Charakter beruht ausgerechnet auf den Äußerungen seines Freundes Johann Mattheson. Der große barocke Musikschriftsteller und Musiker Mattheson, der ebenfalls in Hamburg wirkte, hatte in seinem biographisch-lexikalischen Buch „Grundlagen einer Ehrenpforte“ aus dem Jahre 1740, mit dem er den wichtigsten Musikern seiner Zeit ein Denkmal setzte, auch einiges über die Qualitäten Keisers als Weltmann festgehalten. Insbesondere berichtete er in – möglicherweise allzu beredten Worten – über Keisers legendäre Hamburger Winterkonzerte, an denen Mattheson teilweise selbst beteiligt war. Bei diesen barocken Spektakeln wurde nicht nur hervorragend musiziert, sondern auch aufs Opulenteste für das leibliche Wohl eines mondänen Publikums gesorgt. Keisers Kritiker, die in einer weniger barocken Zeit lebten, suchten sich aus Matthesons Schilderungen das, was sie für ihre Zwecke gebrauchen konnten und versahen es mit einem sauertöpfischen Akzent. Daß Mattheson den Musiker Keiser in der „Ehrenpforte“ und auch ansonsten über alles lobte und ihn „le premier homme du monde“ nannte, haben sie dagegen unter den Tisch fallen lassen; ebenso wie übrigens das an gleicher Stelle mitgeteilte Epigramm, welches Georg Philipp Telemann, Keisers großer Nachfolger im Hamburger Musikleben, zu dessen Tod im Jahre 1739 verfasste. Darin heißt es mit Blick auf die musikalische Erfindungskraft Keisers schlicht, er sei „größte Geist zu seiner Zeit gewesen“.

Dabei ist erstaunlich, daß gerade die Anhänger Händels so voreingenommen gegenüber Keiser waren. Händels eigenes Urteil über Keiser war nämlich ganz anders. Er spielte als junger Mann die zweite Geige in Keisers Hamburger Orchester und empfand große Bewunderung für den elf Jahre älteren Kollegen. Händel, der sich später ebenfalls intensiv auf dem Markt der antikisierenden Heldenoper engagierte, machte sogar in erheblichem Umfang musikalische Anleihen bei seinem Vorbild. Vielleicht hängt die Ablehnung Keisers damit zusammen, daß er den posthumen Preisrichtern aus dem Händellager als allzu ernsthafter Konkurrent ihres Schützlings im Wettbewerb um dem Titel des besten barocken Opernkomponisten aus Deutschland erschien (ein Titel, den Mattheson seinem Freund Keiser in der „Ehrenpforte“ sogar ohne die Einschränkung auf Deutschland verlieh).

Tatsächlich war Keiser einer der führenden Komponisten seiner Zeit. Allgemein bewundert wurde vor allem seine scheinbar unerschöpfliche melodische Erfindungskraft und sein Sinn für das Lyrische. In der Tat sprudelt es in seinen Opern nur so vor Einfällen. Als musikalischer Praktiker war er ein entscheidender Wegbereiter des aufkommenden „galanten Stiles“, welcher zu einem wichtigen Ausgangspunkt der Wiener Klassik werden sollte. Zu dieser Auffassung von Musik gehörte der Vorrang des Melodischen vor der Konstruktion, was in musikdramatischen Werken nicht nur eine erhebliche Steigerung und Differenzierung des Ausdrucks, sondern auch eine erhöhte Textverständlichkeit ermöglichte (dies hatte freilich jene Einschränkung des Kontrapunktes zur Folge, die Keisers Kritiker später als Unfähigkeit bezeichneten). Keiser hatte im übrigen auch großen Einfluß auf die Musiktheorie seiner Zeit. Matthesons monumentalem literarischem Hauptwerk „Der vollkommene Kapellmeister“, das unter anderem eine hoch komplexe musikalische Affektenlehre enthält, liegen weitgehend Keisers Ansichten zu Grunde. Sieht man all dies zusammen, stellt sich die Frage, wie die Kulturnation Deutschland eigentlich mit ihren großen Repräsentanten umgeht.

Keisers hohes Ansehen spiegelt sich nicht zuletzt in der Wertschätzung, die ihm Bach entgegenbrachte, den es eine Zeit lang ebenfalls mächtig in die Musikmetropole Hamburg zog (Keiser seinerseits sammelte seine ersten musikalischen Erfahrungen im Leipziger Thomanerchor, den Bach später übernehmen sollte). Wiewohl eigentlich mehr ein Vertreter der stilistischen Gegenrichtung des „gebundenen Stiles“ brachte Bach Keisers Markuspassion mindestens drei Mal zur Aufführung (1712 in Weimar, 1726 und zwischen 1743 und 1748 in Leipzig). Dabei stellte er von dem Werk, wie damals üblich, eine eigene Version her, bei der die jeweiligen Erfordernisse und Gegebenheiten der Besetzung berücksichtigt wurden. In der Weimarer Fassung etwa fügte Bach zwei Choräle hinzu (ob er ihr Autor ist, ist angesichts der etwas ungelenken Harmonieführung allerdings zweifelhaft). In der letzten Fassung ersetzte er sieben Arien von Keiser ausgerechnet durch Arien einer Passion von Händel. Wie Kaiser seine Passion selbst aufgeführt hat, wissen wir nicht. Eine Originalversion des Werkes wurde bislang nicht gefunden. Was wir heute davon wissen, beruht auf mehr oder weniger bearbeiteten Aufführungsmaterialien verschiedener Kantoren. Nicht zuletzt deswegen wird teilweise angezweifelt, ob die Passion von Keiser stammt.  

Keisers Passion war in vieler Hinsicht das Vorbild für Bachs Passionen. Dies fällt bereits beim formalen Aufbau auf. Bach übernahm die Abfolge von Chören, Evangeliumserzählung, Arien und Chorälen. Auch in der Arientechnik und in der Behandlung der Rezitative gibt es Parallelen. Besonders deutlich ist dies bei den Jesus Worten, die bei Bach und Keiser mit einem weichen Streicher-Akkompagnato unterlegt sind. Auf Bach abgefärbt hat im übrigen der Sinn des ausgewiesenen Theatermusikers Keiser für Dramaturgie.

Weitere Texte zu Werken von rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

 

First Price – Last Price – Balinesische Geschäfte

 

Der Käufer einer Ware oder einer Leistung sieht sich immer wieder mit der schwierigen Frage konfrontiert, ob feste Preise ein zivilisatorischer Fortschritt oder der Ausdruck der übermächtigen Position des Verkäufers sind. Schwierig ist die Frage, weil man einerseits froh darüber ist, bei einem Erwerbsvorgang nicht immer das komplizierte Spiel der Bildung des Preises aus Angebot und Nachfrage durchexerzieren zu müssen. Es ist ohne Zweifel komfortabel und damit ein in gewisser Hinsicht ein zivilisatorischer Fortschritt, wenn man sich nicht bei jedem Geschäft umständliche Gedanken darüber zu machen braucht, was die Sache oder die Leistung, die man benötigt oder auf die man ein begehrliches Auge geworfen hat, „wirklich“ wert ist. Andererseits wird man bei der Konfrontation mit festen Preisen aber auch das Gefühl nicht los, dass man als Marktteilnehmer nicht recht ernst genommen wird. Feste Preise laufen für den Käufer ja darauf hinaus, dass sich seine Möglichkeiten bei der Gestaltung eines Erwerbsgeschäftes auf die Alternative Kaufen oder Nichtkaufen reduzieren, was tendenziell die Position des Verkäufers stärkt. Merkwürdig ist in diesem Zusammenhang nun, dass der Einzelne bei der Bildung des Preises gerade in den Marktwirtschaften eine so untergeordnete Rolle spielt, die man gemeinhin als entwickelt bezeichnet. Wenn sich in dieser Form des Wirtschaftens also der Fortschritt manifestieren sollte, dann würde er weitgehend darin bestehen, dass man als Käufer zum Befehlsempfänger des Verkäufers geworden ist. Mit einer gewissen Wehmut erinnert man sich daher der tragenden Rolle, welche man beim Ringen um den Preis in weniger entwickelten Wirtschaftsystemen spielen darf – zum Beispiel in Bali:

 

Als ich Mitte der 70-er Jahre erstmals das zauberhafte Tropeneiland am Rande des südchinesischen Meeres besuchte, entschloss ich mich, als erstes eine Fahrt quer durch die Insel in den Norden zum Vulkan Mount Batur zu unternehmen, in dessen riesigen Krater man, wie ich gehört hatte, mit dem Auto fahren konnte, um unten in einem See in warmen Quellen zu baden. An einer geführten Tour im klimatisierten Jeep, die für harte Dollars an jeder Ecke des Touristenzentrums Kuta Beach angeboten wurde, hatte ich kein Interesse. Ich wollte auf eigene Faust durch die Insel fahren. Schließlich, so sagte ich mir, konnte man nur so in wirklichen Kontakt zum Inselvolk treten, dessen Liebenswürdigkeit, Sanftheit und Tiefsinnigkeit allenthalben gerühmt wird. Ich fragte mich daher zur Abfahrtstelle der Bemos durch, den Minibussen meist japanischer Provenienz, mit denen die Einheimischen ihre Transporte durchführen. In den kleinen Fahrzeugen, die für acht bis zehn Personen gedacht sind, werden in Bali bis zu dreißig Personen befördert, was sicher damit zusammenhängt, dass die Balinesen klein und zierlich sind, möglicherweise aber auch mit dem Fehlen fester Vorgaben oder einer sehr flexiblen Handhabung derselben. Als Europäer ist man in einem Bemo eigentlich schon deswegen deplaziert, weil man unverhältnismäßig viel Platz einnimmt. Wahrscheinlich ist dies auch der Grund dafür, dass man meist einen höheren Fahrpreis als die Einheimischen entrichten muss.

 

Ich stieg also am Hauptplatz von Kuta in einen der Minibusse, der mich die kurze Strecke zum Stadtrand von Denpasar, der Hauptstadt Balis, brachte. Hier erfuhr ich, dass ich mit einer Motoradrickshaw zum anderen Ende der Stadt fahren müsse, von wo aus die Bemos in den Norden der Insel abführen. Ich war nicht der einzige, der mit der Motoradrickshaw durch Denpasar wollte. Die heulenden Dreiräder stauten sich in den engen Strassen der wenig ansehnlichen Stadt und der bläuliche Dunst, den die Zweitaktmotoren ungehindert ausstießen, verdichtete sich zu Wolken, aus denen Atemluft zu beziehen, kaum zu vermeiden war. Auf der anderen Seite der Stadt standen ein paar Bemos, von denen allerdings keines Anstalten zur Abfahrt machte. Ich wartete schweißverklebt in der Hitze und überlegte, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, mit einem klimatisierten Jeep zu fahren. Aber ich sagte mir, dass ich ja das wirkliche Leben des Volkes kennen lernen wollte. Kurz darauf hieß es einsteigen. Ich kletterte durch die Hintertür des Kleinbusses – Bemos betritt man durch die Hintertür – und nahm auf einer der beiden längs gestellten Sitzbänke Platz.

 

Die Fahrt ging außerordentlich langsam voran. Das Bemo hielt an jeder Ecke, um Leute ein- und aussteigen zu lassen. Nach einiger Zeit waren die Sitzbänke mit jeweils acht oder neun Personen voll besetzt. Der Raum zwischen den Bänken war mit allerhand Gepäck gefüllt – Säcken mit Getreide und geflochtenen Körben mit Gemüse aber auch lebendem Federvieh. Das hinderte aber nicht, dass immer wieder neue Passagiere hinzukamen. Diese mussten sich irgendwie zwischen dem Gepäck platzieren. Als dann ein kräftiger Tropenregen niederging, fand man auch noch Platz für einen wasserscheuen Motorradfahrer samt seinem Fahrgerät. Der kleine Bus war so nun so voll, dass der Schaffner nicht mehr von vorne nach hinten durchsteigen konnte, um den Fahrpreis von den Neueinsteigern zu kassieren. Er kletterte vielmehr – während der Fahrt – aus dem vorderen Seitenfenster auf das Dach und kam durch die Hintertür wieder herein. Ich selbst befand mich kurzbehost mitten im Fahrzeug, um mich herum lauter kleine Balinesen in den traditionellen bodenlangen Lunghis, die mich etwas verwundert aber freundlich ansahen. Mein Wunsch, Kontakt zum Volk zu bekommen, war ohne Zweifel schon jetzt weitgehend in Erfüllung gegangen. Weiterlesen

Milonga – Argentinische Variationen rund um den Tango

 

 

Was eine Milonga ist, erfuhren wir von Cristina. Wir lernten Cristina an einem heißen Sommertag in einem der Restaurants kennen, die sich um die prachtvolle gusseiserne Markthalle aus dem 19. Jahrhundert in der heruntergekommenen Altstadt von Montevideo angesiedelt haben. Sie saß am Nachbartisch und machte uns in gutem Englisch darauf aufmerksam, dass wir als Folge unserer begrenzten Kenntnisse der spanischen Sprache gerade eine in vollendeter Höflichkeit vorgetragene Einladung des Kellners zu einem kostenlosen Glas Wein abgelehnt hatten. Cristina schien irgendwo zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt zu sein. Sie hatte schwarze Haare, war klein und zierlich und sah ganz so aus, wie man sich eine Argentinierin vorstellt (obwohl beileibe nicht alle Argentinierinnen so aussehen). Sie hatte die Figur einer Fünfzehnjährigen und trug entsprechend kurze, abgeschnittene Jeans. Mit ihr am Tisch saßen zwei ältere Herren, die sich sehr ernst über Politik unterhielten.  

Im Laufe des Essens kamen wir mit Cristina ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass sie aus Buenos Aires war, wo wir gerade herkamen, und Urlaub im uruguayischen Nobelbadeort Punta del Este gemacht hatte, der uns, weil jeder davon schwärmte, als nächstes Reiseziel vorschwebte. Wie alle Argentinier wollte Cristina wissen, wie wir ihr Land und insbesondere wie wir Buenos Aires fanden. Und wie die meisten Argentinier gab sie uns bereitwilligst Hinweise darauf, was wir in ihrem Land unbedingt sehen oder erleben sollten. Dabei kamen wir, wie nicht anders zu erwarten, auch auf den Tango zu sprechen. Bei diesem Thema wurde Cristina noch lebhafter und offener als sie es ohnehin schon war. Tango, so begründete sie ihre Begeisterung, sei schließlich das einzige, was die Argentinier wirklich ganz ihr Eigen nennen können. Sie fragte uns auch, ob wir in Buenos Aires schon Tango gesehen hätten. Wir nannten Veranstaltungen, wie sie im wesentlichen den Touristen angeboten werden – unter anderem hatten wir ein Tango-Musical mit dem Namen „Passiones Argentinas“ in einem schönen alten Theater und eine Tango-Vorführung in einem Nebenzimmer des prachtvoll-altmodischen Café Tortoni besucht. Beide waren voller Kraft und Temperament, aber reichlich laut und mit Tanzeinlagen garniert, bei denen man sich gelegentlich fragte, wie es den Tänzern gelang, eine Verknotung ihrer Glieder zu vermeiden. Cristina meinte, das sei nicht der richtige Tango. Tango müsse man bei einer Milonga erleben. Dort träfen sich die Portenios, wie die Einwohner von Buenos Aires genannt werden, um ganz ohne Show nur für sich den klassischen Tango zu tanzen.  

Einmal beim Thema Milonga angelangt, war Cristina kaum mehr zu bremsen. Mit allen Mitteln versuchte sie uns davon zu überzeugen, dass wir eine Milonga besuchen müssten. Gerade jetzt lohne sich dies, da dort zur Zeit in einer Art Wettbewerb die besten Tänzer der Stadt ermittelt würden. Für einen Fremden sei es allerdings nicht ganz einfach, diese Veranstaltungen zu finden, da sie jeden Abend an einem anderen Ort stattfänden. Wortreich versuchte sie uns zu klar zu machen, wo wir die nötigen Informationen zur Ermittlung der Lokalitäten erhalten könnten. Schließlich lief sie zu ihren Auto und holte daraus eine Zeitschrift mit dem Namen „Tango“, in der die Termine für die Milongas der kommenden Woche veröffentlicht waren. Sie strich die Veranstaltungen für den Tag, an dem wir wegen eines Fluges wieder in der Stadt sein mussten, an, und trug den Ort der Handlung unter zahlreichen Erläuterungen in unsere Stadtkarte ein. Am besten sei die Milonga im „Salon Canning“, wo es einfach zauberhaft sei. Die Veranstaltung beginne gegen elf Uhr abends. Wenn wir nicht wesentlich früher kämen, müssten wir einen Tisch reservieren. 

Als wir uns von Cristina verabschiedeten, meinte sie, wir würden uns, wenn wir in den Salon Canning gingen, dort wahrscheinlich wiedersehen. Sie gehe zwei bis drei Mal in der Woche zu einer Milonga. Dann gab sie uns, für den Fall, dass wir noch Fragen hätten, ihre Visitenkarte. Darauf war als Berufsbezeichnung „Directora“ angeben. Auf unsere Frage, was dies bedeute, sagte sie beiläufig, sie sei Besitzerin einer Radiostation. 

Drei Tage später waren wir wieder in Buenos Aires. Wir hatten den Plan einer Fahrt nach Punta del Este aufgegeben, nicht zuletzt weil der Ort nach der Schilderung Cristinas auch nicht viel anders sein sollte, als die bekannten Badeorte am Mittelmeer. Stattdessen hatten wir das ehemals portugiesische Städtchen Colonia am uruguayischen Ufer des Rio de la Plata besucht. In einer der malerischen Gassen der alten Schmugglerstadt sprach uns ein Mann aus Buenos Aires in der leutseligen Art der Argentinier an und fragte wieder einmal danach, wie wir sein Land fänden. Als wir zum Thema Tango kamen, meinte er, er möge diese Musik nicht besonders, sie sei ihm zu pessimistisch: einmal verliere jemand seine Geliebte, ein anderes Mal finde er keine, dann wieder sterbe einer Mutter das Kind weg und wenn dies nicht der Fall sei, sterbe gewiss die Mutter und hinterlasse ein Kind – es gebe einfach zu viele Schicksalsschläge. Dagegen lobe er die Brasilianer, die ihren Samba hätten, bei dem es immer fröhlich zugehe. Was der Mann sagte, stand ganz im Gegensatz zu dem, was wir von einem Anwalt aus Cordoba gehört hatten, den wir im Café Tortoni kennen gelernt hatten. Nachdem dieser das übliche Klagelied über die desolaten Verhältnisse der argentinischen Politik abgesungen hatte, geißelte er die mangelnde Ernsthaftigkeit seiner Landsleute und lobte die Brasilianer, weil bei ihnen nach vierzehn Tagen außerordentlich heftigen Karnevalsfeierns Schluss sei; in Argentinien hingegen sei das ganze Jahr über Karneval.  

Von Colonia waren wir nicht, wie die meisten Reisenden, auf dem direkten Weg quer über den Rio de la Plata nach Argentinien zurückgekehrt. Vielmehr hatten wir uns der (Tango)Metropole in einem großen Bogen nach Nordwesten durch die weitläufige Inselwelt genähert, in der sich die riesigen Flüsse „Uruguay“ und „Paraná“ auflösen, bevor sie den gewaltigen Süsswassermeerbusen des Rio de la Plata bilden. Wir hatten den letzten Tag, an dem das Thermometer auf 37 Grad und das Hygrometer auf 100 Prozent stieg, im Delta des Paraná vor den Toren von Buenos Aires verbracht, an dessen weitverzweigten Kanälen die Sommerhäuser der wohlhabenderen Portenios inmitten von prachtvollen Gärten, hier und da allerdings auch gewaltige Schrotthaufen von abgewrackten Schiffen liegen. Dort schippert man mit dem Boot zu wunderbar gelegenen Gartenrestaurants, aus denen immer laute Musik schallt, oder trifft sich in den riesigen Yacht- und Ruderclubs, die im Stile venezianischer Paläste oder englischer Landhäuser gebaut sind.  

Abends fuhren wir mit dem eleganten Küstenzug durch die Villenvororte der Stadt mit ihren wohlgepflegten, stilvollen kleinen Bahnhöfen. In Maipu wechselten wir in die wesentlich gewöhnlichere Vortortbahn, die durch endlose Hochhausviertel mit weniger stilvollen Haltestellen und entlang von Bahndammslums zum gigantischen Bahnhof von Retiro fuhr, der wiederum wie das Rathaus einer größeren französischen Stadt aussieht. Als wir in die glühende Altstadt kamen, zogen erste Gewitterwolken auf. Auf der „Avenida Florida“, der Einkaufsmeile der Stadt, tanzte vor der neobarocken Shoppingtherme des „Pacific“ ein Mann im dunklen Anzug mit einer spärlich bekleideten jungen Dame zum Vergnügen zahlreicher Passanten einen lasziven Tango, bis ein Regenschauer die Menge vertrieb. Tango dröhnte hier auch aus verschiedenen CD-Läden.  

Gegen acht Uhr speisten wir- offenbar viel zu früh, denn wir waren die einzigen Gäste – in einem großen Restaurant der Altstadt mit dem Namen „Los Immortales“, der außen zwanzig Meter hoch in senkrechten Lettern an der Fassade des Gebäudes angebracht war. Innen waren die Wände mit Fotos von den „unsterblichen“ Tangogrößen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschmückt, gut aussehende Männer mit glatt gekämmten Haaren in mittleren Jahren, allen voran der ewig jugendliche Carlos Gardel, der, aus einfachsten – übrigens französischen – Verhältnissen kommend mit dem Tango Weltruhm erlangte. Er wurde durch seinen frühen Unglückstod im Jahre 1935 ähnlich unsterblich wie Argentiniens gute Fee Eva Peron, die Wohltäterin der Armen, die in noch jüngeren Jahren verstarb. Im Hotel zogen wir unsere verknitterten Ausgehkleider aus dem Rucksack und bestellten um zehn Uhr ein Taxi. Der Taxifahrer war erstaunt, als wir den „Salon Canning“ im gutbürgerlichen Stadtteil Palermo als Fahrziel nannten. Fremde, meinte er, würden kaum jemals dorthin hingefahren werden wollen.  

Während der Fahrt durch die lebhaften Avenuen der Stadt benannte uns der Taxifahrer in einer holprigen Mischung aus Spanisch und Englisch die großen Gebäude, an denen wir vorbeikamen. Aus den eher feierlich-strengen, meist neobarocken oder neoklassizistischen Prachtbauten französischer Prägung ragte wie ein Solitär das farbenreiche Gebäude der städtischen Wassersorgung heraus, das einen ganzen Straßenblock einnimmt. Die Elemente der europäischen (Bau)Tradition sind hier so außerordentlich dicht und in immer neuen und überraschenden Variationen aufeinandergehäuft, dass man von einem architektonischen Tango sprechen könnte. Über einem Portal war die Jahreszahl 1887 eingemeißelt, was ungefähr dem Zeitpunkt entspricht, zu dem sich der Tango nicht zuletzt unter Geburtshilfe italienischer Einwanderer aus verschiedenen Vorgängertänzen entwickelte. Nach zwanzig Minuten hielt das Taxi vor einem nicht weiter auffälligen Haus. Wir glaubten zunächst, dass sich der Taxifahrer geirrt habe. Kein Mensch war zu sehen. Es war auch kein Salon zu erkennen. Wir befanden uns am Anfang eines langen schmucklosen Ganges. Vom anderen Ende war allerdings Tangomusik zu hören. 

Das Etablissement, in das wir am Ende des Ganges nach Zahlung eines Obolus von rund zwei Dollar traten, hatte nichts vom Stil der repräsentativen Großbauten von Buenos Aires oder gar des Cafés Tortoni mit seinen prachtvollen Säulen, verspielten Lampen und leuchtenden Buntglasdecken. Es ähnelte eher einer Schulturnhalle, die zum Schulfest hergerichtet worden war. Im Grunde war es nicht mehr als ein schmuckloses Rechteck von etwa 30 auf 30 Metern, in dessen Mitte sich ein Parkettboden befand, über dem ein paar Lautsprecher hingen. Um diesen Parkettboden herum waren zwei Reihen Tische mit nicht sonderlich bequemen Caféhausstühlen aufgestellt, die alle leer waren. Immerhin war der Raum klimatisiert, was angesichts der Schwüle, die nach dem außerordentlich heißen Tag noch überall in der Stadt hing, einigermaßen erfrischend war. An den Wänden hingen großformatige, ziemlich skurile Gemälde aus neuerer Zeit, auf denen Figuren in allerhand verbogenen Stellungen zu sehen waren. Auf einem Bild konnte man Gardel ausmachen. Bei näherem Hinsehen zeigte sich, dass fast alle Tische reserviert waren. Wir bekamen – unmittelbar vor dem Platz, der für ein Orchester vorgesehen war – einen der wenigen Tische zugeteilt, die noch frei waren und harrten der Dinge. Diese waren einstweilen noch wenig aufregend.  

Auf dem Parkett betätigten sich ein bis zwei Dutzend Paare in mehr oder weniger alltäglicher Aufmachung bei Musik aus den Lautsprechern nach den Anweisungen einer Lehrerin. Sehr meisterlich sah das Ganze nicht aus. Für den Tangolaien hatte es allerdings den Vorteil, dass man die komplizierten Schrittfolgen des Tanzes in sezierter Form präsentiert bekam. Außerdem wurden die subtilen Schwierigkeiten gerade dadurch deutlich, dass Manches misslang. Allerdings fürchteten wir, unsere Zeit und unser Eintrittsgeld für eine bloße Tanzstunde bezahlt zu haben, an der wir schon mangels entsprechender Vorkenntnisse, die, wie sich aus einem Aushang ergab, bei den Teilnehmern vorausgesetzt wurden, nicht hätten teilnehmen können. 

Um elf Uhr allerdings verwandelte sich die Szene. Die Lehrstunde war beendet, weitere Gäste kamen und man fing an, ernsthaft zu tanzen. Und es sollte in der Tat ernsthaft werden. Nach Regeln, die wir einstweilen noch nicht durchschauten, trafen sich die Partner, um jeweils eine Anzahl von Tänzen zu bestreiten. Bevor es losging, lauschten die Paare, die Oberkörper aneinandergelehnt, schweigend eine paar Takte in die Musik hinein. Dann gab der Mann entschlossenen den Impuls zu den ersten Schritten, bei denen dann aber auch schon alles stimmte. In den Gesichtern der Tänzer spiegelte sich nun höchste Konzentration. Die Frauen schlossen die Augen und lehnten die Stirn an den Kopf des Mannes. Die Schritte beherrschten sie offensichtlich im Schlaf. Die Verantwortung für das Gelingen der Figuren und für die havariefreie Navigation über das Parkett lag allein beim Mann. Dementsprechend setzte dieser eine sehr ernste Miene auf. Gesprochen wurde während des Tanzes nicht. Allenfalls in den kurzen Pausen zwischen den einzelnen Tänzen wechselte man ein paar Worte. Was die Damen von den Herren hielten, ließ sich allerdings, insbesondere soweit es sich um Zustimmung handelte, an ihrer sehr beredten Körpersprache ablesen. Eine Dame mittleren Alters mit großer blonder Mähne und frischem Urlaubsbraun war gar so beigeistert, dass sie während der ganzen Tanzrunde die Zähne fast bis zu den Ohren freilegte. 

Allen rhythmischen Raffinessen der Musik zum Trotz zelebrierten die Tänzer keine aufwendigen Figuren oder extreme Wendungen; höchstens dass die Dame einmal gemessen eine Kadenz ausdrehte und dabei die Beine anwinkelte oder sich stocksteif über das Parkett schleifen ließ. Die Musik war nicht annähernd so argentinisch passioniert und laut wie bei den Veranstaltungen, die wir zuvor besucht hatten. Sie hatte geradezu etwas Lässiges. Grosse Schicksalsschläge wurden offenbar nicht besungen. Der elegische Tonfall, den wir Europäer eher mit dem Tango verbinden, war allenfalls andeutungsweise zu hören. Die Tänze endeten meist urplötzlich, indem die Musik unvermittelt und ohne Schlusspunkt einfach zum Stillstand kam. Die Paare schien die nicht zu überraschen. Immer gelang ihnen ein vollkommen harmonisches Bremsmanöver. Nach einigen Tänzen tönte eine Art Sirene und es wurde eine Musik eingespielt, die völlig unpassend wirkte. Dann begab man sich getrennt an die Tische und hielt Ausschau nach einem Partner für die nächste Runde.

Die Damen betätigten dabei ihre Fächer und nippten an Sektgläsern. Die Herren tranken meist Wasser, das in Plastikflaschen serviert wurde, und blickten sehr aufmerksam in die Runde. Im Laufe der Zeit füllte sich der Raum und es kam mehr Bewegung in das gepflegte Treiben. Einige jugendliche Könner zeigten, dass man auch auf gemessene Weise spektakuläre Figuren hinlegen kann. Um Mitternacht waren alle Tische besetzt. Gegen ein Uhr war der „Salon“ voll. Viele der Anwesenden, die aus allen Altersgruppen stammten, waren miteinander bekannt. Man begrüßte sich mit großem Hallo. Unter den Ankömmlingen waren einige, die offensichtlich sehr angesehen waren. Dazu gehörten insbesondere einige ältere Herren. Sie lösten mit einer Aufforderung zum Tanz auch bei jüngeren Damen so etwas wie Verzückung aus.  

Auf einmal war Cristina da. Wir hatten sie in ihrem schwarzen, hautengen Outfit zunächst gar nicht gesehen. Sie löste sich plötzlich von einem Tanzpartner und fiel uns um den Hals, als seien wir alte Bekannte. Mit argentinischem Überschwang drückte sie ganz ungebremst ihre Freude darüber aus, dass sie uns wiedersah. Dann wickelte sie noch den laufenden Tanz ab und ließ sich mit einer Freundin und einem Glas Sekt an unserem Tisch nieder. Von diesem Moment an bekamen unsere Beobachtungen Richtung und Sinn.  

Zunächst erfuhren wir von Cristina, dass eine Tanzrunde immer aus drei Blöcken zu je vier Tänzen zusammengesetzt ist. Davon enthält nur einer Tangos. Die beiden anderen Blöcke bestehen aus – meist schnellen – Walzern und aus Milongas, einem – ebenfalls schnellen – Tanz mit afrikanischen Wurzeln, welcher der Veranstaltung den Namen gibt. Erst nach dieser Erläuterung fiel uns auf, dass die Figuren dieser Tänze anders als die des eigentlichen Tango waren – was aber insbesondere beim Walzer nichts daran änderte, dass es aus unserer Sicht immer noch ziemlich lateinamerikanisch, um nicht zu sagen tangoartig wirkte.  

Erhellend war auch, was uns Cristina zum Problem der Kontrolle der erotischen Aspekte des Tanzes sagte, der ja als der erotischste aller Tänze gilt. Zu den eisernen Regeln einer Milongaveranstaltung gehöre, dass man an einem Abend nie mehr als drei Runden mit dem gleichen Partner tanze; ausgenommen davon seien nur Paare, die aber selten seien. Man gehe nicht mit seinem (Ehe)Partner zu einer Milonga, man suche aber auch keinen Partner für die Dauer. Auch der Körperkontakt sei streng begrenzt. Man berühre sich nur am Oberkörper, mit dem Mann im übrigen den Tanz steuere. Damit hatten wir die Erklärung für die merkwürdige Pyramidenform, welche die Tanzpaare bildeten.  

Für die menschlichen Probleme, die mit der Partnerwahl verbunden sein können, hat sich eine argentinisch-weiche Lösung herausgebildet. Da man den Beteiligten möglichst die Peinlichkeit der Erklärung oder des Empfangs einer Absage ersparen wolle, verständige man sich zunächst über Augenkontakt. Mangelndes Interesse werde durch Verweigerung des Augenkontaktes signalisiert. Jetzt wurde uns klar, warum in den Pausen ein allgemeines Beäugen begann. Gleichzeitig war an der Art, in der die Protagonisten um sich schauten, zu erkennen, wer im Salon etabliert war und wer zu den Aufsteigern gehörte. Einige ältere Herren – sie waren an einem strategisch günstig gelegenen Tisch versammelt – hatten es nicht nötig, lange umherzuschauen. Sie wussten offensichtlich, dass sie immer zum Zuge kamen. Cristina erläuterte uns, dass dies die Tangohelden der Stadt seien. Jede Frau würde gerne von Ihnen aufgefordert werden. Es handele es sich häufig um Männer aus einfachen Verhältnissen, die aber, weil sie die alte Tango-Kultur repräsentierten und beim Tanz absolut sicher führten, auch bei den Damen der Gesellschaft hohes Ansehen genössen. Cristina deutete insbesondere auf einen glatzköpfigen Mann in schwarzer Kluft, der weit über siebzig Jahre alt sein musste. Er sei einer der bekanntesten Tänzer der Stadt, tanze aber, zumal er sehr krank sei, nur noch sehr wenig. Mit einem Anflug von Bescheidung meinte sie, sie habe noch nie die Ehre gehabt, von ihm aufgefordert zu werden. Kurze Zeit später bemerkte ich, wie der Mann mit einer jener jugendlichen Könnerinnen tanzte, die mir dadurch aufgefallen war, dass sie besonders brilliante Figuren auf das Parkett zauberte. Jetzt führte der alte Herr das junge Fohlen in höchstem Maße versammelt durch das Gedränge. Als besonders gute Tänzerin bezeichnete uns Cristina eine nicht mehr ganz junge Frau, die ganz in rot gekleidet war; sie sei Tangolehrerin. Diese Dame drehte ihre Kreise im Zustand überirdischer Entspannung. Einmal in den Armen eines Mannes schien sie in Trance zu fallen. 

Unterdessen kam Cristina vor lauter Erläuterungen gar nicht dazu, sich in ausreichendem Maße an dem System des Signalisierens von Tanzbereitschaft zu beteiligen, das ein ständiges Beobachten der Lage erfordert. Wir mussten sie mehrfach auffordern, doch das tun, weswegen sie eigentlich hierher gekommen war. Auch ihre Freundin hatte schon bemerkt, dass die intensive Beschäftigung mit uns diesem Ziel zuwiderlief, weswegen sie unseren Tisch wieder verlassen hatte. Auf unsere Aufforderung schloss sich Cristina ihr an. Nach kurzer Zeit war sie aber wieder zurück und erklärte, sie habe gestern Abend schon von sieben bis ein Uhr getanzt, sie könne heute auch einmal Pause machen. So erfuhren wir noch einiges mehr über die Besonderheiten einer Milonga – und über Cristina.  

Zu unserem Erstaunen erzählte uns Cristina, dass die Anzahl der Milonga-Tänzer in der Riesenmetropole Buenos Aires nicht sonderlich groß sei. Es sei ein relativ geschlossener Kreis, in dem man immer wieder die gleichen Personen treffe. Auch das Spektrum der Musik, das Verwendung finde, sei begrenzt. Man pflege den lockeren Stil der klassischen Zeit des Tango, im wesentlichen die Musik der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als sich der Tango endgültig aus Schmuddelvororten wie San Telmo oder Boca, wo er entstanden war, gelöst und, ähnlich wie hundert Jahre zuvor der Wiener Walzer, in der „besseren“ Gesellschaft (des Zentrums von Buenos Aires) etabliert hatte. Mit dem Tango Nuevo eines Astor Piazolla etwa, den man in Europa so schätzt, habe das nicht viel zu tun, da man auf diesen nicht tanzen könne. Im allgemeinen gehe es bei den Milongas nicht sonderlich großartig zu. Die meisten Lokalitäten, in denen sie abgehalten würden, seien deutlich weniger komfortabel als der „Salon Canning“. Meist gebe es kein Tanzparkett und keine Klimatisierung. Mir kamen dabei zwei einstmals prachtvolle Hotels in der Nähe von Cordoba in den Sinn, die wir zwei Wochen zuvor gesehen hatten. In La Falda steht in einem verwilderten Park das monumentale Hotel „Edén“, das einen großen, säulengestützten Tanzsaal besitzt, der heute düster und feucht wir eine altrömische Zisterne ist. Der Riesenbau ist im Verfall begriffen; nur in einem Flügel betreibt man heute noch ein ziemlich rustikales Café. Schlechter noch steht es mit dem weitläufigen „Sierra-Hotel“ im Höhenkurort Alta Gracia, wo sich in den dreißiger und vierziger Jahren die reichlich vorhandene Geldaristokratie des Landes zum einem offenbar immerwährenden Tanzvergnügen traf (auch der spanische Komponist Manuel De Falla verbrachte hier seine letzten Lebensjahre). Zu denen, die hier täglich bis zum Morgengrauen tanzten, gehörten auch die Eltern von Che Guevara, der unweit des Hotels aufwuchs, wobei er vermutlich erstes Anschauungsmaterial für seine sozialrevolutionären Ansichten gewann. Das Etablissement, dessen gepflegte Heiterkeit man heute noch ahnen kann, ist völlig verwaist; seine Kolonnaden sind leer, der Park ist vernachlässigt und der riesige Tanzsaal, der in einem eigenen Pavillon untergebracht war, ist eine Ruine, auf deren Boden zerbrochen die Ornamente liegen, welche in den goldenen Zeiten Wände und Decke schmückten. 

Wir fragten natürlich nicht, wie eine Frau in Cristinas Alter dazu kommt, so häufig zu Milongas zu gehen. Cristina erzählte uns aber im Laufe des Abends einiges, was uns wie eine Erklärung für ihre Tanzleidenschaft vorkam. Sie berichtete, sie sei die Mutter von vier erwachsenen Kindern. Drei ihrer Kinder seien weit verstreut in der Welt. Ihr ältestes Kind, das bereits 32 Jahre alt sei, leide unter dem Down Syndrom und wohne – übrigens zu ihrer großen Freude – bei ihr. Mit einem Unterton von Selbstbehauptung sagte sie, dass sie vor drei Jahren – nach einer Ehe von fast drei Jahrzehnten – „aus dem ehelichen Haus gegangen“ sei. Begeistert sprach sie von ihrer Radiostation, bei der es sich um einen privaten Sender für Palermo handele, einem Stadtteil, der größer sei als die meisten großen Städte in Europa und um einiges größer als die Stadt, von der er seinen Namen bezogen habe. Über ihre Station würden mehr als siebzig Programme jeglichen Inhaltes ausgestrahlt. Für das Konzept des Senders, der privaten Interessenten gegen Entgelt Sendezeit zur Verfügung stelle, habe sie vor wenigen Monaten in Barcelona den renommierten Ondas-Preis verliehen bekommen. Stolz sagte sie, seinerzeit sei ihr Bild in allen Zeitungen des spanischen Sprachraumes zu sehen gewesen. 

Zwischendurch wandte sich Cristina, da ihr das übliche Anbahnungsverfahren angesichts unserer Anwesenheit zu aufwendig war, einem einfach aussehenden Mann zu, der am Nachbartisch saß und der sich, sei es aus Mangel an Erfolg oder Desinteresse bisher wenig am Tanzgeschehen beteiligt hatte. Er ging sofort auf sie ein, übernahm auf dem Parkett alsbald die Führung und die beiden verschwanden in pyramidenförmiger Haltung im Gedränge. Hinterher erklärte uns Cristina, es sei ungewöhnlich, dass eine Frau den Mann zum Tanz auffordere. Darauf könne er nun stolz sein. Besonders stolz müsste er demnach darauf gewesen sein, dass er später noch für eine weitere Runde zum Zuge kam. 

Während unserer Unterhaltung, bei der wir nie vergaßen, die jeweils neuesten Paarungskonstellationen und deren tänzerische Leistungen zu begutachten, begann man unmittelbar hinter uns damit, ein Tangoorchester aufzubauen. Schon vor Mitternacht werkelten einige Herren in schwarzen Anzügen an Mikrofonen, elektrischen Leitungen und Notenständern. Gegen ein Uhr war alles aufgebaut und die Mitglieder des Orchesters, vier Geiger, ein Pianist, ein Baßgitarrist und zwei Bandoneonspieler, waren einsatzbereit auf ihren Plätzen. Aus Gründen, die wir nicht erkennen konnten, kamen sie jedoch vorläufig nicht zum Einsatz. Immer wieder starteten neue Zwölferrunden aus dem Lautsprecher. Die Musiker, die sich, da die Temperatur im Saale ständig anstieg, inzwischen ihrer schwarzen Jacken und Krawatten entledigt hatten, wurden ungeduldig. Einige hielten ihre Finger dadurch warm, dass sie einfach in die Musik aus der Konserve hineinfingerten. Hier und da spielten sie die laufende Musik auch mit. Auch wir wurden langsam unruhig, zumal wir am nächsten Morgen ziemlich früh zum Flughafen mussten. Da wir uns aber das Erlebnis eines größeren Tango-Orchesters am Ort der Entstehung der Gattung nicht entgehen lassen wollten, warteten wir weiter ab.  

Nach schier endlosen weiteren Tanzrunden wurde das Orchester mit einer kleinen Rede begrüßt und konnte loslegen. Es war inzwischen Viertel nach zwei Uhr. Die Herren in den weißen Hemden legten ein schwungvolles Anfangsstück auf und hatten das Publikum sofort auf ihrer Seite. Ohne große Pause ging es weiter mit dem nächsten Stück, auch dieses von großer Vitalität und Beweglichkeit. Und so folgte ein Tanz nach dem anderen. Im Mittelpunkt standen die beiden Bandoneonspieler, Herren um die sechzig Jahre alt, die sich lustvoll die Bälle zuwarfen. Sie beherrschten das Geschehen mal mit weitschwingenden Kantilenen, mal mit diffizilem Passagenwerk, dazwischen aber immer wieder mit unerbittlich präzisen Rhythmen und scharfen synkopischen Einwürfen, bei denen sie ihr Instrument leicht federnd oder kraftvoll auf die Knie schlugen. Die Geigen trugen fast nur rhythmisches Füllwerk und Unisono-Passagen bei, in denen mehr oder weniger das wiederholt wurde, was die Bandonieros schon vorgetragen hatten. Klavier und Bassgitarre unterstützten das Ganze mit Harmonietönen und gelegentlichen Solos. Das Spiel der zehn Herren wurde im Laufe der Zeit immer turbulenter. Sie steigerten sich in einen Rausch. Von der Sentimentalität oder Melancholie, die man dem Tango gerne nachsagt, war weder etwas zu sehen noch zu hören. Das Publikum, das nach der Musik offensichtlich bestens tanzen konnte, war begeistert und quittierte die Darbietungen des Orchesters mit immer lauteren Beifallskundgebungen.  

Eine gute halbe Stunde nachdem man begonnnen hatte, war dann aber schon wieder alles vorbei. Nach einem rasanten Finalstück packten die Herren ihre Instrumente ein. Die Milonga im „Salon Canning“ ging ihrem Ende zu. Cristina sagte, die wahren Enthusiasten, zu denen sie – heute – aber nicht gehöre, da sie am nächsten Morgen wieder in ihre Radiostation müsse, gingen nun an einen anderen Ort und tanzten weiter bis zum Frühstück. 

Auch wir brachen auf, kamen allerdings nicht weit. Draußen führte der argentinische Wettergott einen passionierten Tanz auf, als wolle er demonstrieren, dass er mit der Beendigung der Vorstellung nicht einverstanden sei. Die gewaltigen atmosphärischen Spannungen des Tages entluden sich in einem ebenso großen Gewitter. Durch die Straßenschluchten von Palermo zuckten die Blitze und krachten die Donnerschläge wie die synkopischen Einwürfe der Bandoneons im Salon. Der Regen schoss in solchen Mengen vom Himmel, dass es unmöglich war, zu einem Taxi am Straßenrand zu gelangen, ohne vollständig durchnässt zu werden. Vorläufig war ein Taxi allerdings auch nicht zu haben, da unter diesem Umständen unzählige nachtschwärmerische Portenios nach einem solchen Gefährt verlangten. Cristina versuchte mit ihrem Handy immer wieder vergeblich, die Taxizentrale zu erreichen.  

Gemeinsam mit den Herren vom Orchester, die sehr aufgeräumt parlierten, und zahlreichen Tänzern warteten wir in dem Gang, der zum Salon führte in der Hoffnung, dass die Kraft des Wettergottes nachlasse. Dieser hatte sich aber die Ausdauer der Tangotänzer zum Vorbild genommen und legte, kaum dass man den Eindruck einer Abschwächung seiner Vitalität gewonnen hatte, immer wieder nach. Von einem unvermittelten Stillstand oder einem harmonischen Bremsmanöver wollte er nichts wissen. Als sich nach einer Stunde – mittlerweile war es vier Uhr – die Chance auf einen Transport bot, ergriffen wir die Gelegenheit, wobei uns und unserer Ausgehkleidung eine Vollwäsche (mit anschließender Körpertrocknung) zu Teil wurde. Cristina ließ es sich, obwohl sie wesentlich empfindlicher gekleidet war, nicht nehmen, uns zum Taxi zu begleiten und beteuerte, als ob ihre Einladung zum Tango und die Kapriolen des Wettergottes in einem Zusammenhang stünden, immer wieder, wie leid es ihr tue, dass wir durch sie in solche Kalamitäten geraten seien.  

In den folgenden Tagen konnten wir fast eineinhalbtausend Kilometer weiter nördlich in tropischem Ambiente die Tänze erleben, welche die Wasser des Iguazu an der Grenze zu Brasilien aufführen, kurz bevor sie sich in den Paraná ergießen. Der breite Strom, der von den Zuflüssen vieler Landschaften lebt, bietet dort, wie der Tango, das seltene Phänomen der Teilung in tausend faszinierende Einzelerscheinungen. Er stürzt mal in wildem Strudel, mal in malerischen Kaskaden zu Tal, strömt hier wie ein breiter Rüschenvorhang an einer Wand herab, rieselt dort fein verästelt durch Hängepflanzen, schlängelt sich an wieder anderer Stelle in kleinen Nebenbächen davon und zerstäubt letztendlich in einer schwer zu bestimmenden Tiefe zu Tröpfchen, die in allen Farben des Regenbogens leuchten. So weit man schauen kann, ist lebhafteste Bewegung und glitzerndes Rauschen. Unten im Tal sammelt sich, was so vielfältig aufgelöst war, und bildet einen gewaltigen Strom, der wenig später ein Kraftwerk speist, das einstmals das größte der Welt war. Es gibt nur wenige Orte, an denen sich das fließende Element so unerschöpflich, so außerordentlich dicht und in immer neuen und überraschenden Variationen zeigt.

Ein – ungeplanter – Tag in Bangladesch

Ein Besuch in Bangladesch ist vermutlich von fast allen Ausgangspunkten eine Reise mit der Zeitmaschine in eine andere Welt. Für den allerdings, der auf dem Weg von Bangkok nach Europa für nur einen Tag Station in Dhaka macht, ist es eine sozio-kulturelle Achterbahnfahrt, deren jähe Höhen- und Tiefenfahrten einem den Atem rauben können. 

Eigentlich begann mein Besuch in Bagladesch bereits mit der Zeitungslektüre in Bangkok. Die „Bangkok Post“ hatte Ende Januar 1996 unter dem Titel „Still Alive“ (Noch am Leben) einen Artikel über die Abenteuer veröffentlicht, welche man bei Benutzung der landeseigenen Fluggesellschaft Biman Bagladesch zu gewärtigen habe. Darin war von schlechtem Service, insbesondere von einem chaotischem Umgang mit Fahrplänen die Rede. Man müsse schon damit rechnen, einige Tage in Dhaka hängen zu bleiben, einer Stadt, die bei allen Verbesserungen, die sie in den letzten Jahren sicherlich erfahren habe, nicht unbedingt der Ort sei, wo man sich ohne Not aufhalten wolle. Der Artikel hatte eine Fülle von Leserbriefen ausgelöst. Sie ließen sich unter anderem mehr oder weniger hämisch über den Leichtsinn der Personen aus, die sich, wie ich, von den günstigen Preisen zur Wahl dieses Luftfahrtunternehmens verleiten ließen. Das Ganze gipfelte in der Feststellung, man müsse eben bereit sein, die Konsequenzen für seine Entscheidungen zu tragen.  

Als ich nach zwei Wochen Abwesenheit wieder nach Thailand kam, wurde in der Zeitung noch immer Biman Fan-Post abgedruckt. Mittlerweile war sie politisch geworden. Ein Briefschreiber nahm eine abfällige Bemerkung eines anderen Lesers über die britische Kolonialherrschaft, mit der die Probleme des Landes – und offenbar auch seiner Fluggesellschaft – verständlich gemacht werden sollten, zum Anlass, umfangreich darzulegen, dass es dem Land nie so gut, wie zur Zeit der englischen Herrschaft gegangen sei. Er betonte, dass alle seine wesentlichen Institutionen, darunter die gesamte Verkehrsinfrastruktur, von der Kolonialverwaltung geschaffen worden seien. Diese Strukturen seien inzwischen aber nicht weiter entwickelt, sondern nur abgenutzt worden. Statt sich um die Entwicklung des Landes zu kümmern, habe man sich in den letzten fünfundvierzig Jahren aus religiösen Gründen die Köpfe eingeschlagen. Dies habe es während der englischen Zeit nicht gegeben. Dem entsprechend sei in den fünfundzwanzig Jahren seit der Trennung von Pakistan das Bruttosozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung von 150 Dollar auf gerade mal 230 Dollar im Jahr angestiegen, womit das Land nur einfünfzigstel des Wertes von Singapur erziele, das ebenfalls britische Kolonie gewesen sei. 

Hinzu kamen Berichte über steigende Spannungen. Entsprechend einem Muster, das in Asien typisch zu werden beginnt, kämpften die weiblichen Hinterbliebenen zweier ermordeter Spitzenpolitiker um die Macht. Die Verbissenheit, mit der die beiden Begums – die eine Ministerpräsidentin, die andere Oppositionsführerin – miteinander rangen, resultierte nicht zuletzt daraus, dass es um den Schlagabtausch zweier Familienclans ging, die in der äußerst unruhigen und nicht selten blutigen Politik des jungen Landes von Anfang an eine führende Rolle spielten – schon die beiden ermordeten Männer waren Staatspräsidenten gewesen. Hinzu kam der Verdacht, dass der eine für den Tod des anderen verantwortlich gewesen sei.  

Unmittelbarer Anlass für die Spannungen waren die bevorstehenden Parlamentswahlen. Die Opposition verweigerte – die Boykottradition des Landes fortsetzend – die Beteiligung an den Wahlen mit dem Argument, das Ergebnis werde verfälscht, weil die gegnerische Bewerberin den Wahlkampf aus der Position der Ministerpräsidentin führe. Gleiche Wahlchancen seien nur gegeben, wenn die Regierung einige Monate vor der Wahl an einen Treuhänder übergeben werde. Der Streit um diese erstaunlich radikaldemokratische Forderung wurde mit größtem Einsatz geführt. Sie gipfelte in gewalttätigen Auseinandersetzungen wie Überfällen auf Polizeistationen, Tankstellen und Banken, bei denen es eine Reihe von Toten gegeben hatte. Für Mitte Februar war darüber hinaus ein Generalstreik ausgerufen worden. Die ausländischen Botschaften in Dhaka forderten die Fremden auf, sich nicht in der Nähe größerer Menschenansammlungen aufzuhalten.

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Verschlossene Bedürfnisanstalt – ein Gruß aus dem Reich der Mitte

 

Als ich dieser Tage um den West-Lake von Hangzhuo spazierte, kam mir der Marienplatz in Stuttgart in den Sinn. Ich weiß, dass der Vergleich von Stuttgart und Hangzhou und des West-Lakes mit dem Marienplatz nicht ganz fair ist. Hanghzou ist mehr als zehn Mal so groß wie Stuttgart und sein See ist eine der großen Touristenattraktionen für die Chinesen. Auch stellte schon Marco Polo fest, dass Hangzhou die schönste und prächtigste Stadt der Welt sei, was von Stuttgart noch niemand behauptet hat. Da aber das Lob Marco Polos schon 700 turbulente Jahre zurückliegt und Hangzhou in der Reihe der Städte Chinas der Größe nach ähnlich platziert ist wie Stuttgart in Deutschland, scheint mir der Vergleich doch nicht so übertrieben. Dies gilt um so mehr, als die Sache, die meine Aufmerksamkeit erregte, bei allem Unterschied in beiden Städten sehr ähnlich ist. Hier wie dort war die Aufgabe, einen „Platz“ zu bauen, an dem sich die Menschen treffen und sich ihres Lebens freuen können. In Hangzhou ging es dabei um die Gestaltung der Ufer des West-Lakes, in Stuttgart um den Marienplatz. Beide „Plätze“ sind, auch das verbindet sie, nach einer Zeit der Vernachlässigung in den letzten Jahren völlig neu gefasst worden. Was mich ins Grübeln brachte, war, dass das Ergebnis so völlig unterschiedlich ausfallen konnte.

 

Im Hangzhou hat man am Ufer des Sees eine Vielfalt von grünen Anlagen mit abertausenden frisch gepflanzten Bäume geschaffen, die locker um natürliche und künstliche Gewässer gruppiert sind. Dazu gehören dramatisch wilde Steingärten, idyllische Miniaturlandschaften, von Säulen umstandene Plätze, verspielte Pavillons und Pagoden, buckelige Brückchen und rechtwinklig gezackte Stege mit Geländern, auf denen zahlreiche, jeweils unterschiedliche Löwenfiguren stehen; außerdem lange Dämme und allerhand sonstige Monumente. Alles ist bewegt und von einer ausgeklügelten Asymmetrie, weswegen der Blick immer wieder neue Haltepunkte und Perspektiven findet. Selbst in den Natursteinbelag der geschlängelten Wege hat man allenthalben handgearbeitete Steinreliefs mit figürlichen Szenen eingelegt, von denen keines dem anderen gleicht. Das Ganze ist mehr oder weniger im traditionellen chinesischen Stil gehalten. Die Anlagen werden von tausenden gutgelaunten Menschen bevölkert.

 

Den Marienplatz in Stuttgart, die Mitte eines großen Stadtteiles, der sich rund herum die Hügel hinaufzieht, hat man völlig leer gelassen. Das weite Rund ist mit rauen gelben Kunststeinplatten bepflastert, die nur von rasterartig angebrachten Regenrinnen unterbrochen werden. Eingefasst ist es von einer dicken Sichtbetonwand, deren einziger Schmuck kleine runde, symmetrisch angebrachte Vertiefungen sind, die so aussehen, als seien sie von einem Maurerlehrling angebracht worden, auf dessen Ausbildungsplan gerade Übungen im Fräsen von Löchern in hartem Beton standen. Vor der Wand liegen in regelmäßigen Abständen einfache dunkle Betonklötze, welche die Menschen dazu veranlassen sollen, sich niederzulassen. Sie sind so massiv, als habe der Platzarchitekt sicherstellen wollen, dass sie keinesfalls bewegt werden. An den Rand des Platzes, wo sich auch ein paar Bäume finden, hat man einen Spielplatz gelegt, der ebenfalls von dicken grauen Betonwänden eingerahmt wird. Aus schmucklosen Edelstahlöffnungen in der Wand fließt hier Wasser in eine rechteckige Wanne, in der ein paar geglättete Felsbrocken liegen. An einer anderen Ecke des Platzes sind ein paar symmetrische gepflasterte Bodenwellen zu sehen, deren Sinn nicht ohne weiteres zu erkennen ist. Ansonsten findet sich nicht viel, was das Auge anziehen könnte oder was ihm gar vertraut wäre. Am ehesten ist dies noch bei dem Toilettenhäuschen der Fall, das ebenfalls am Rande des Platzes aufgestellt wurde. Ein Industriedesigner hat es in einem gestalterischen Geniestreich in einem kompakten, eleganten Oval untergebracht. Kopf und Fuß des Pavillons sind durch senkrechte Rillen verbunden, die an die Kanneluren klassischer Säulen erinnern. Seine Türe öffnet sich allerdings nur dem, der im dringenden Moment das nötige Kleingeld zur Verfügung hat. Der Platz ist, wie die Bedürfnisanstalt, meist leer. Die Menschen scheinen nicht so recht zu wissen, was sie damit anfangen sollen.

 

Wir haben uns am westlichen Ende des eurasischen Kontinents fast schon daran gewöhnt, dass neu geschaffene Plätze so ähnlich wie der Marienplatz aussehen. Beim Blick vom anderen Ende des Kontinents drängte sich mir nun aber mit einer Vehemenz, die mich erstaunte, der Verdacht auf, dass bei uns irgendetwas falsch gelaufen ist, dass wir so etwas wie die Mitte verloren haben.

 

Ich will einmal, obwohl man sich bei der Mentalität unserer Stadtgestalter da keineswegs sicher sein kann, unterstellen, dass die Erbauer des Marienplatzes nicht die Absicht hatten, die Menschen, für die der Platz geschaffen wurde, ratlos zu machen. Gerade dann stellt sich aber die Frage, wieso es ihnen nicht gelungen ist, einen Platz bauen, der den Bedürfnissen der Menschen dient, der sie auf seine Mitte zieht, mit anderen Worten, auf dem sie sich wohl fühlen. Nachdem sich mir die Frage aus der chinesischen Perspektive stellte, habe ich meine Hoffnung darin gesetzt, aus diesem Blickwinkel auch die Antwort zu erhalten. Ich muss allerdings gestehen, dass ich den Umweg über Ostasien ein wenig auch deswegen einschlage, weil ich hoffe, so den vollkommen „logischen“ kulturgeschichtlichen, praktischen und ökonomischen Begründungen aus dem Weg gehen zu können, die unsere Stadtgestalter ohne Rücksicht auf das konkrete Ergebnis für ihre Lösungen immer parat haben.

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Politischer Kopf – zum 200. Geburtstag des englischen Politikers und Schriftstellers Thomas Babington Macaulay

 

Geist und Macht sind, wiewohl aufeinander angewiesen, schwierige Genossen. Der Geist tendiert zum Reinen und läuft damit Gefahr, sich der Politik zu entfremden, zur der auch „unreine“ Verfahren, etwa der Kompromiss und die schnelle Aktion gehören. Vor allem in Deutschland wurde die Kohabitation von Geist und Macht häufig als Problem empfunden. Die deutschen Dichter und Denker haben die Niederungen der Politik gerne aus der Klause (und nicht selten der Perspektive des Weltschmerzes) oder aus der Studier- bzw. Redaktionsstube kommentiert. Dass Größen des Geistes politische oder herausragende administrative Ämter übernahmen, war und ist die Ausnahme von einer Regel, die sich durch eine bemerkenswerte Festigkeit auszeichnet. Umgekehrt haben Personen des öffentlichen Lebens selten ernsthafte literarische oder künstlerische Ambitionen an den Tag gelegt. Schöpferische Tätigkeit wird hierzulande bei gesellschaftlichen Praktikern nicht sonderlich geschätzt. Einige missglückte politische Engagements von Künstlern und Literaten in den Zeiten, in denen der Geist der Politik zur platten Ideologie degeneriert war, haben ein übriges getan, das Verhältnis zwischen den Genossen zu komplizieren.

 

Ganz anders sieht dies bei unseren Nachbarn aus. In England etwa spannt sich von den Renaissance-Politikern Thomas Moore und Francis Bacon, deren Werke zu den Klassikern der europäischen Geistesgeschichte zählen, ein höchst eindrucksvoller polit-intellektueller Bogen bis hin zu Winston Churchill, der den Nobelpreis für Literatur erhielt. In den biographischen Nachschlagewerken beginnen hier unzählige Artikel über Personen des öffentlichen Lebens mit dem Vermerk: „Englischer Politiker und Schriftsteller“ und umgekehrt. Literarische Meriten waren auf den britischen Inseln traditionell ein wichtiges Tor zur politischen Karriere. Und wer den Einstieg in die Politik nicht mit dem Schreiben von Romanen, wie Disraeli und Bulwer-Lytton, von Versepen, wie Byron, oder von Essays, wie Addison, Steele und Burke, verband, der lieferte, wie Fox und Gladstone, möglichst ein Geschichtswerk nach. Noch heute ist es in der Nachfolge dieser Tradition in den Vereinigten Staaten üblich, dass ehemalige Präsidenten dem Geist, auch wenn sie sich ihm in ihrer aktiven Zeit nur mäßig verpflichtet fühlten, durch die Stiftung einer Bibliothek Reverenz erweisen. Wie weit der deutsche Kulturraum von einem solchen Geist entfernt ist, zeigt nichts deutlicher als die Tatsache, dass sogar bloß politisch-mäzenatische Taten dieser Art außerhalb unseres Erwartungshorizontes liegen.

 

Ein Musterbeispiel eines englischen literarisch-politischen Lebens aber auch für die Problematik des Spagates zwischen Amt und literarischen Würden ist Thomas Babington Macaulay. In den 30- und 40er Jahren des 19. Jahrhunderts war Macaulay, der hierzulande wenig bekannt ist, einer der brilliantesten Redner des britischen Unterhauses und zugleich einer der profiliertesten Schriftsteller seiner Zeit. Berühmt wurde er durch seine Essays, in denen er sich – nach allen Seiten kräftig Zensuren verteilend – außerordentlich mitreißend und luzide mit einem weiten Spektrum literarischer und politischer Themen befasste. Sein Hauptwerk, eine „Geschichte Englands“, war im englisch-sprachigen Raum einer der größten buchhändlerischen Erfolge des ganzen Jahrhunderts. Auch lange nach seinem Tod im Jahre 1859 gehörten seine Schriften noch zum Kernbestand der Hausbibliotheken des aufgeklärten englischen Bürgertums. Selbst in Australien, wo sich die Kolonialpioniere seinerzeit noch durch den Busch kämpften, waren seine Werke überall zu finden. Ein Reisender des 19. Jahrhunderts berichtete, er habe bei allen Siedlern drei Bücher gefunden: die Bibel, Shakespeare und Macaulays Essays. Noch heute gehören seine Werke, nicht zuletzt wegen eines Englisch, das nicht lebhafter, farbiger und treffender sein könnte, zum anregendsten und spannendsten, was man über die Sicht Englands von der Welt zu einer Zeit lesen kann, in der das Land dem Höhepunkt seiner Entwicklung als Weltmacht zustrebte.

 

Macaulay wurde im ersten Jahr des Jahrhunderts geboren, das man als das „englische“ bezeichnen kann und dessen perfekter Repräsentant er ist. Von Haus aus war ihm weder eine politische noch eine literarische Karriere vorgezeichnet. Er  wuchs in Clapham, einen Vorort Londons in kleinen Verhältníssen auf.  Das  streng evangelikale Elternhaus, in dem es chronisch an Geld mangelte, verfügte  über keine besonderen Verbindungen zum englischen Establishment. Der Vater, dem man für sein philanthropisches Engagement ein Denkmal in Westminster Abbey setzte, redigierte zwar eine religiöse Zeitschrift, die sich vor allem dem Kampf gegen die Sklaverei widmete. Sonst wollte er aber mit Politik und Literatur nicht viel zu tun haben. Die Beschäftigung mit weltlicher Literatur war für ihn fast schon Sünde. Als Internatsschüler musste sich der junge Macaulay gegenüber dem Vater immer wieder gegen den – nicht unberechtigten – Vorwurf verteidigen, ein „Romanleser“ zu sein oder sich zu politischen Fragen geäußert zu haben.

 

Macaulay war so etwas wie ein verbales Wunderkind. Ausgestattet mit einem außerordentlichen Gedächtnis, das ihm sein Leben lang gestattete, jederzeit auf den riesigen Fundus seiner Lektüre in allen wichtigen Sprachen Europas zurückzugreifen, hatte er die Formen und Inhalte der europäischen literarischen Tradition schon als Kind so weit aufgenommen, dass er sich ihrer in stupender Weise zum Zwecke des Ausdrucks eigener Gedanken bedienen konnte. Im Alter von acht Jahren schrieb er ein Epos in Blankversen im Stile Walter Scotts und ein Kompendium der Weltgeschichte. Die Briefe, die der Junge aus dem Internat an seine Eltern schrieb, zeigen eine Gewandtheit und Souveränität im Umgang mit der Sprache, die dem heutigen Leser – insbesondere wenn er die Ausdrucksfähigkeit der Bildschirmjugend unserer Zeit dagegen hält – schlicht die Worte verschlägt.

 

Seine außerordentlichen Fähigkeiten brachten Macaulay einen Platz im berühmten Trinity College in Cambridge ein, wo er unter den Büsten Bacons und Newtons mit großem Erfolg studierte und preisgekrönte Gedichte, Dialoge und kleinere Essays verfasste. Soeben dem College entwachsen, trat er schließlich im Jahre 1825 mit einem Paukenschlag auf die große publizistische Bühne. Die angesehene „Edinburgh Review“, das Sprachrohr der liberalen Partei der Whigs, veröffentlichte von ihm einen mit unerhörter Verve geschriebenen umfangreichen Artikel über den englischen „Dichter und Politiker“ John Milton, den Verfasser des „Verlorenen Paradieses“. Darin trat der 25-jährige Autor mit einer so erstaunlichen Weite des Blickwinkels und einer solchen Entschiedenheit des Urteils über künstlerische und politische Fragen hervor, dass ihm die literarisch-politische Öffentlichkeit sofort zu Füßen lag.

 

Macaulays Erstling enthält weitgehend das Programm seines ganzen Lebenswerkes. Wie alle fast 40 Essays, die er in den nächsten 20 Jahren für die „Edinburgh Review“ schrieb, hatte der Milton-Aufsatz die Form einer Buchkritik, ohne sich viel um das Buch zu bekümmern, um das es ging. Viele der besprochenen Werke – Biographien, Werkausgaben und politische Traktate – waren nicht besonders bedeutend und nicht wenige sind überhaupt erst durch Macaulays Lob oder seinen Verriss „groß“ geworden. Im Grunde waren sie für ihn nur der Anlass, auf der Basis verblüffender Detailkenntnisse über die jeweilige Person oder das in Frage stehende Thema weit ausgreifende eigene Gedanken zu ästhetischen, ethischen und historischen Problemen darzulegen und kulturhistorische Vergleiche zu ziehen. Macaulay interessierten dabei vor allem Figuren, die, wie er selbst, zwischen Schreiben und politischer Praxis changierten. Schon im Falle Miltons wandte er sich, nachdem er dessen dichterisches Werk sachkundig abgehandelt hatte (wobei er nebenbei seine persönliche Poetologie darlegte), weit ausschweifend den politischen Verhältnissen im England der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert zu, als unter Beteiligung des Dichters als Pamphletisten der politische Liberalismus aufkeimte.

 

Diese Epoche sollte Macaulay sein Leben lang beschäftigen. Immer wieder kreisten seine Gedanken und Erörterungen um die Zeit der „Großen Rebellion“ von 1649 und der „Glorreichen Revolution“ von 1688, in der mit der „Habeas Corpus- Akte“ und der „Bill of Rights“ die Rechte der Krone eingeschränkt und damit die Grundlagen des englischen parlamentarischen Systems und der Menschenrechte gelegt wurden. Hier lagen für ihn die Wurzeln zum Verständnis der spezifisch englischen Zivilisation, deren wesentliches Kennzeichen er in einer prinzipiellen Reformierbarkeit des politischen Systems und der daraus resultierenden relativen Mäßigung der politischen Leidenschaften sah. Die Revolution von 1688, so schrieb er einmal im Hinblick auf die Reihe der Revolutionen, welche den Kontinent in der Zeit von 1789 bis 1848 erschütterten, sei die gewaltloseste und segensreichste aller Revolutionen gewesen und ihr größtes Lob sei, dass sie – und das gilt noch heute – die letzte in England gewesen sei. Macaulays Lebenswerk war dem Bestreben gewidmet, diese politischen Grundüberzeugungen in der Vergangenheit zu verankern, um ihnen im traditionsbewussten England das Gewicht zu verschaffen, welches sie im politischen Tageskampf der Gegenwart und in der Zukunft benötigten. Bei seinen Landsleuten stieß er damit auf große Resonanz. Bestärkt durch die beispiellosen wirtschaftlichen und weltpolitischen Erfolge Englands im 19. Jahrhundert berauschten sie sich an Macaulays fortschrittsgewisser Formel, dass ihre Generation dank der spezifisch englischen Lösung des Macht- und Führungsproblems die „aufgeklärteste des aufgeklärtesten Volkes aller Zeiten“ sei.

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Todernstes Spiel – Kult und Sport am Beispiel des altmexikanischen Ballspieles

 

 

Wer die präkolumbianischen Ruinen Mittelamerikas besucht, dem fällt auf, dass sich zwischen feierlichen Plattformen und Pyramiden immer wieder auch Ballspielplätze befinden. Auffällig ist dies deswegen, weil es sich bei den gewaltigen steinernen Resten der untergegangen indianischen Zivilisationen mit ihren monumentalen Podesten, Treppen und Schrägen um die Überreste der Sakralzonen der alten Städte handelt. Die Ballspielplätze liegen meist in unmittelbarer Nähe der wichtigsten Pyramiden und sind von allerhand sonstigen Zeremonialbauwerken von elementarer Geometrie umgeben. Schon die Lage der Spielfelder zeigt daher, dass es hier um mehr als Sport und Spiel ging. Tatsächlich wurden in diesen Arenen kultische und damit außerordentlich ernste Dinge verhandelt. Nach allem, was wir wissen, stand bei einigen Völkern dabei sogar das Leben auf dem Spiel.

 

Der Gedanke, dass der Sport kultische Funktionen haben kann, ist den christlich geprägten Gesellschaften fremd. Wir wissen eben noch, dass die Olympischen Spiele Altgriechenlands religiöse Bezüge hatten. Der Sport wurde in Europa aber schon in der Antike säkularisiert. Zweitausend Jahre leibfeindliches Christentum haben ein übriges dazu getan, einen möglichen Zusammenhang von Sport und Kult aus unserem Bewusstsein zu tilgen. Nach dem altchristlichen Menschenbild liegen Kult und Sport geradezu gegensätzliche Prinzipien zu Grunde. Die Stiftung von Sinn ist danach im wesentlichen eine Sache des Geistes und muss gewissermaßen gegen den Körper durchgesetzt werden. Spielerische körperliche Aktivität macht somit für sich keinen höheren Sinn.

 

In unserem Kulturkreis können wir daher über den ursprünglichen Zusammenhang von Kult und Sport nicht viel erfahren. Aufschluss hierüber können wir aber von der Betrachtung der präkolumbianischen Kulturen Mesoamerikas erwarten, bei denen Kult und Sport nie getrennt wurden. Dies gilt um so mehr, als die indianischen Zivilisationen weder das Rad noch Zugtiere kannten mit der Folge, dass der körperlichen Aktivität des Menschen ein besonders hoher Stellenwert zukam. Tatsächlich wurde auf den Ballspielplätzen des alten Mexiko denn auch ein Sport praktiziert, der besonders anschaulich zeigt, dass beim Spiel mit dem Ball wesentlich mehr als der Ball im Spiel ist.

 

Archeologische Funde zeigen, dass die Anfänge des altmexikanischen Ballspieles tief in der Geschichte liegen. Es wurde offenbar bereits über tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung bei den Olmeken gespielt, dem sagenhaften kulturellen Muttervolk Mesoamerikas, dessen markanteste Hinterlassenschaft die „ballartigen“ monumentalen Kopfskulpturen sind, die man an der mexikanischen Golfküste fand. Wie viele andere kulturelle Errungenschaften der Olmeken wurde das Ballspiel von allen indianischen Völkern der Region übernommen und weiterentwickelt. Welche Bedeutung es in der mesoamerikanischen Kultur schließlich erlangte, spiegelt sich in der Tatsache, dass viele Zeremonialstädte mehrere Ballspielplätze besaßen. In der mayanisch-toltekischen Stadt Chichén-Itzá im Norden der Halbinsel Yukatan etwa wurden acht, in der zweitausend Kilometer davon entfernten Totonaken-Stadt El Tajín, 200 km nordöstlich von Mexiko City, sogar siebzehn Ballspielplätze gefunden. Als die Spanier Anfang des 16. Jahrhunderts in Mittelamerika einfielen, war das Ballspiel bei den Völkern, die damals dort lebten, noch in Gebrauch. Die christlichen Eroberer sorgten jedoch, wie bei allem, was mit der indianischen Religion zusammenhing, auf’s Gründlichste dafür, dass es bald in Vergessenheit geriet. Dadurch ist der Traditionszusammenhang des Spieles vollständig verloren gegangen.

 

Die präkolumbianischen Kulturen sind erst vor relativ kurzer Zeit aus dem Dornröschenschlaf geweckt worden, in den sie teilweise schon lange vor der Ankunft der Spanier gefallen waren. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Welt durch die Berichte europäischer und amerikanischer Reisender, die die Ruinen der Maya Städte im Dschungel aufgesucht hatten, auf die erstaunlichen Leistungen der indianischen Kulturen aufmerksam. Seitdem versucht man, die Zusammenhänge dieser Kulturen, deren Besonderheit, legt man unsere Maßstäbe zugrunde, eine höchst merkwürdige Mischung von Avanciertheit und Retardierung ist, in mühsamer Kleinarbeit zu rekonstruieren. Dabei ist man auch auf das vergessene Ballspiel gestoßen. Mittlerweile ist das Spiel im Zuge einer Rückbesinnung auf altmexikanische Traditionen an einigen Orten sogar wieder aufgenommen worden.

 

Unser Wissen über das altmexikanische Ballspiel ist dennoch begrenzt. Am besten Bescheid wissen wir über die Anlagen, auf denen das Spiel ausgetragen wurde. Ballspielplätze sind in mehr oder weniger gutem Erhaltungszustand bei Ausgrabungen überall in Mittelamerika gefunden worden. Sie bestanden in der Regel aus einem rechteckigen Platz, der von Mauern oder Wällen umgeben war, die in der Mitte tribünenartig in das eigentliche Spielfeld hineinsprangen. Das Spielfeld wurde dadurch im Mittelteil verengt und hatte so in etwa die Form einer römischen Eins. Die Größe der Arenen variierte erheblich. Einige Ballspielplätze waren kürzer als ein Basketballfeld, andere länger als ein Fußballplatz. Den größten Ballspielplatz fand man in Chichén-Itzá. Die Anlage, die inzwischen vollständig wiederhergestellt ist, ist so gewaltig, dass zweifelhaft ist, ob sie überhaupt bespielbar war. Das Spielfeld hat eine Länge von nicht weniger als 164 Metern und ist in der Mitte 36 und an den Enden 70 Meter breit. Mit ihren hohen Mauern, auf denen feierliche Tempel stehen, erinnert sie an die Arenen des europäischen Altertums, wie man sie etwa in dem amerikanischen Monumentalfilm „Ben Hur“ dargestellt hat.

 

Die genauen Regeln des Ballspieles sind uns mangels einer näheren Beschreibung oder gar eines überlieferten Regelbuches leider nicht bekannt. Wir wissen aber, dass es sich um ein Mannschaftsspiel handelte, das in seiner Grundstruktur dem heutigen Volleyballspiel ähnelte und Elemente von Basketball enthielt. Der Ball war eine massive, elastische Kugel, die meist in etwa die Größe eines Handballes hatte und aus Kautschuk bestand, einem Material, das man vom Gummibaum gewann, der im Siedlungsgebiet der Olmeken an der Golfküste heimisch ist. Dieser Ball wurde wie beim Volleyballspiel über eine Mittellinie gespielt und durfte den Boden nicht berühren. Zusätzlich war er möglichst durch zwei Ringe von der ungefähren Größe eines Basketballkorbes zu schießen, welche an der Mittellinie in einigen Metern Höhe senkrecht an der Seitenbegrenzung des Spielfeldes angebracht waren. (Die aufwendig ornamentierten, steinernen Ringe haben die Spanier übrigens mit Vorliebe als Mühlsteine benutzt, was geradezu symbolisch für die Mischung von Sendungsbewusstsein und Nützlichkeitsdenken des europäischen Kolonialismus ist.) Die besondere Herausforderung an die Geschicklichkeit bestand darin, dass die Spieler den Ball nur mit dem Gesäß, den Hüften, den Schultern oder den Knien befördern durften. Da das Spielgerät ziemlich hart war und einiges Gewicht hatte, wurden diese Körperteile und die Hände, mit denen man sich beim Gesäßstoß am Boden abstützte, mit Lederpolstern oder Holzschienen geschützt, eine Art der Aus(f)rüstung, die sich noch heute in einigen typisch amerikanischen Sportarten wie American Football oder Baseball findet. Der gepolsterte Gürtel, den die Akteure beim Spiel trugen, erlangte im alten Mexiko geradezu eine eigenständige kultische Bedeutung. Solche Gürteljoche wurden, in Stein gehauen und prachtvoll geschmückt, überall in der Region gefunden.

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Echte Menschen – Eine Begegnung mit den Urwaldbewohnern Malaysias

Wir trafen Kulit, einen 27-jährigen malaysischen Flugzeugmechaniker, in einem klapprigen Bus auf dem Weg von den Urwäldern im Zentrum der malayischen Halbinsel nach Kuala Lumpur. Er kam, wie wir, aus dem malaysichen Nationalpark Taman Negara, wo er einem ausgefallenen „Hobby“ nachgegangen war. Er suchte den Kontakt zu den Waldmenschen, jenen seltsamen, in keiner Weise mit den einheimischen Malayen verwandten Bewohnern der Urwälder, die man Orang Asli nennt, was so viel wie „ursprüngliche“ aber auch „echte Menschen“ heißt.

 

Wir selbst standen noch ganz unter dem Eindruck unserer eigenen unerwarteten Begegnung mit den Waldmenschen, einer nur wenige Minuten langen Episode, die uns als der Höhepunkt unserer Reise durch Malaysia erschienen war. Es war auf einer Wanderung im Taman Negara, dessen Urwald man als den ältesten der Erde bezeichnet, weil sich die Lebensbedingungen dort seit 400 Millionen Jahren nicht verändert haben. Mitten darin fand die eindrucksvolle Begegnung mit den Waldmenschen statt, deren Lebensform so alt zu sein scheint, wie der Wald, in dem sie leben.

 

Fernab vom Touristencamp war uns eine Gruppe von gänzlich unmalayisch aussehenden Menschen entgegengekommen. Voran ging eine Frau, die nur mit einem Lendenschurz bekleidet war. Um die Schultern trug sie ein Tuch, in dem sich ein wenige Wochen alter Säugling befand. Es folgten zwei Kinder, etwa 10 bis 14 Jahre alt, barfuss und nackt, dahinter ein Mann, der eine kurze Hose und Turnschuhe trug. Mit ihrer dunklen Haut und dem schwarzen krausen Haar erinnerten sie an die australischen Ureinwohner. Offenbar überrascht, sich einer europäischen Familie mit ebenfalls 3 Kindern gegenüber zu sehen, deren leuchtende Blondschöpfe auf’s deutlichste mit ihrer eigenen Haartracht kontrastierten, hielten sie einen Augenblick inne. Zwei Familien, durch Jahrtausende der Entwicklung voneinander getrennt, standen sich gegenüber: Waldbewohner der ältesten heute noch existierenden Stufe menschlichen Lebens und weiße Zivilisationsmenschen des entgegen gesetzten Extrems. Zum Glück gab das Baby einen schnellen Anknüpfungspunkt. Stolz packte die Mutter den kleinen nackten Jungen aus dem Schultertuch. Man hatte ihm die Haare bis auf ein kleines Büschel über der Stirn abgeschnitten. Es fand ein sprachloser Austausch von Reaktionen der Rührung statt – in elementaren Punkten sind die Zivilisationen eben doch nicht sehr weit voneinander entfernt. Dann ging jede Familie wieder ihres Weges. Die Waldmenschen verschwanden hinter Palmblättern und ließen uns in weitreichendsten Gedanken über den Menschen und seine erstaunliche Entwicklung zurück, deren langer Weg uns plötzlich deutlicher denn je zuvor Augen stand. Viel hätten wir dafür gegeben, mehr von den Waldmenschen zu wissen, nicht zuletzt darüber, was ihnen nach dieser Begegnung durch den Kopf ging.

 

Nur einen Tag nach dieser denkwürdigen Begegnung war uns dann Kulit über den Weg gelaufen, der unsere Begierde, mehr über die Waldmenschen zu wissen, in ungeahnter Weise befriedigen konnte. Was er dabei berichtete, klang wie ein Märchen aus dem Sozialparadies. Rousseau hätte es nicht besser erfinden können.

 

Seit Jahren, so begann er, verbringe er jede freie Minute mit den Waldmenschen. Wochenlang habe er mit ihnen in den Wäldern gelebt. Er kenne ihre Sprache, die sehr einfach sei. Meist begnügten sie sich mit kurzen Zurufen. Er selbst habe sich ein kleines Wörterbuch gemacht, vielleicht das Einzige, dass von ihrer Sprache existiere. Die Waldmenschen, fuhr er fort, ziehen in Gruppen bis zu 20 Personen im Dschungel umher, lassen sich hier und dort nieder und bleiben an einem Ort nur solange, wie er ihnen Nahrung bietet. Sie leben von den Pflanzen, die ihnen die Natur bietet, und von der Jagd, bei der sie das Blasrohr verwenden. Über lose zusammengefügte Kleingruppen hinaus gibt es so gut wie keinen größeren Zusammenhang, eine weitläufige Stammeszugehörigkeit zwar, nichts aber, was einem Staat ähnlich wäre. Der Wechsel von einer zur anderen Gruppe ist zwanglos und findet nicht zuletzt zur Lösung von Spannungen innerhalb der Gruppe statt. Die verschiedenen Gruppen stehen in einem freundlichen Verhältnis zueinander. Sie kommen sich auch kaum ins Gehege, denn der tropische Wald bietet allen genügend Platz und Mittel zur Befriedigung ihrer äußerst einfachen Bedürfnisse. Kriminalität sei unbekannt, Eigentums- und Bereicherungsdelikte schon mangels Eigentum an beweglichen Sachen. Fremd sei ihnen bereits die Vorstellung, dass jemandem etwas gehören könne, was er nicht gerade bei sich trägt. Es fehle an jeder Art von Abstraktion, weshalb sie auch keine Vorstellung darüber hätten, dass man eine bloß geistige Beziehung zu einer Sache, einen Anspruch haben könne. Ich wusste nicht so recht, ob ich sie deshalb bedauern oder beglückwünschen soll. Mit dem Begriff des Anspruchs freilich fehlt den Orang Asli eine schier unerschöpfliche Quelle des Streitens und Rechtens und damit des Bedarfs, Normen zu schaffen. Allerdings fehlt ihnen auch der Anreiz, immer differenziertere, geistigere Fähigkeiten zur Auseinandersetzung auszubilden. Eine Gesellschaft, die keinen Bedarf an Juristen hat – ist das die Definition des Paradieses?

 

Ansprüche, so meinte ich mit meiner europäischen Seele, müsse es doch wenigstens im Emotionalen geben, ein nicht materielles Band etwa zwischen Mann und Frau bestehen. Auch hier fehle jede Institution, berichtigte mich Kulit. Zwar gäbe es so etwas wie eine Ehe. Man feiere die Hochzeit in bescheidener Form, etwa indem man einen etwas größeren Affenbraten herrichte. Aber es folgen keine Verpflichtungen daraus. Jeder, auch die Frau, sei frei, sich einen neuen Partner zu suchen. Emotionale Probleme, die daraus resultieren können, löse man, indem man die Gruppe verlasse. Ohnehin hielten sich solche Frustrationen in Grenzen. Wo kein Anspruch, da auch keine Enttäuschung, meinte er lakonisch.

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Carl Maria von Webers Ausweisung aus Stuttgart – eine Schwierigkeit für seine Biographen

Am 9. Februar 1810 wurde der Komponist Carl Maria von Weber in Stuttgart wegen des Verdachts der Untreue, des Diebstahls und der Beteiligung an Wehrdienstmanipulationen festgenommen. Man durchsuchte seine Wohnung, beschlagnahmte seine Papiere und hielt ihn drei Wochen in Haft. Auf Anweisung König Friedrichs von Württemberg wurde er schließlich auf Lebenszeit des Landes verwiesen und über die Grenze nach Baden abgeschoben.

Diese Episode in Webers Leben hat seine Biographen vor einige Probleme gestellt. Sollte die reine Romantikerseele, von der Richard Wagner in einer Grabesrede sagte: „Nie hat ein deutscherer Musiker gelebt, als Du“, sollte der Schöpfer der deutschen Nationaloper in jungen Jahren in kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen sein? Es konnte nicht sein, weil es nicht sein durfte.

Liest man die Darstellung der Stuttgarter Ereignisse in den Weber-Biographien, so ergibt sich ein merkwürdiges Bild. Beginnend mit dem monumentalen Lebensbild, welches Webers Sohn Max Maria im Jahre 1862 veröffentlichte, tauchen über die schwäbischen Geschehnisse im Laufe der Zeit aus unbekannter Quelle immer neue dramatisierende Details auf. Eher beiläufige Bemerkungen früherer Biographen werden immer weiter ausgeschmückt und im Sinne einer bestimmten schriftstellerischen Absicht ergänzt. Mancher Sachverhalt wird dabei bis in sein Gegenteil verkehrt. In einem allerdings sind sich fast alle Biographen einig, darüber nämlich, dass die Vorwürfe, die man Weber in jenen turbulenten Wochen des Februars 1810 machte, nicht berechtigt waren. Geradezu rührend ist man darum bemüht, dem gestrauchelten jungen Mann noch nachträglich Argumente zu seiner Verteidigung zuzuflüstern. Manche der posthumen Verteidigungsvorbringen klingen freilich weit hergeholt und wären, hätte Weber sie selbst vorgebracht, mangels Schlüssigkeit kaum geeignet gewesen, ihm vor einem Gericht aus der Klemme zu helfen. Zu deutlich ist das Bestreben, den Heros mit allen Mitteln aus den Niederungen des Gesetzesbruchs zu ziehen.

Erschwert war eine unbefangene Diskussion der Dinge dadurch, dass das nationale Lager, welches Weber als den Schöpfer der deutschen Nationaloper und Vertoner von Körners Freiheitsliedern für sich zu vereinnahmen versuchte, zur Entlastung seines Helden angestrengt darum bemüht war, die Stuttgarter Ereignisse in einen politischen Kontext zu stellen. Man suggerierte, Webers Konfrontation mit König Ludwig habe etwas mit dem Selbstfindungsprozess der Deutschen Nation am Anfang des 19. Jahrhunderts zu tun. Zu diesem Zweck wurde der schwäbische Herrscher, der einem Königstitel von Napoleons Gnaden trug und seine Tochter Katharina mit dem Bruder des französischen Eroberers, Jérôme von Westphalen, verheiratet hatte, zum persönlichen Gegenspieler Webers stilisiert und kräftig dämonisiert. Webers Rausschmiss aus Württemberg sollte als der Schlusspunkt einer schon länger schwärenden Auseinandersetzung zwischen dem rechtschaffen national gesinnten Weber und dem despotischen „Franzosenkönig“ erscheinen. Der junge Mann aber, das ist die Moral der Geschichte, geht aus diesen Verstrickungen geläutert hervor. Stuttgart wird als der große Wendepunkt in seinem Lebenskampf dargestellt. Angesichts des Abgrundes von Verrat und Treulosigkeit, den er am schwäbischen Hof erlebte, entsagt Weber den Verführungen des oberflächlichen (Hof-) Lebens und folgt nur seiner wahren, nämlich künstlerischen Bestimmung (die zur deutschen Nationaloper führt).

Was nun war aber wirklich passiert? Die Prozessakten, die sich noch im Stuttgarter Hauptstaatsarchiv befinden, ergeben folgendes Bild: Weber, der zum Zeitpunkt seiner Verhaftung, 23 Jahre alt war, weilte seinerzeit nicht in musikalischer Funktion in Stuttgart, sondern als Sekretär des Herzogs Ludwig von Württemberg, dem Bruder des Königs. Als solcher hatte er sich unter anderem um dessen zerrüttete Finanzen zu kümmern. In diesem Zusammenhang warf man ihm drei Vergehen vor. Der Hauptvorwurf lautete, er habe sich 1000 Gulden vom Metzger Hönes aus Schwieberdingen gegen die Zusage geliehen, für die Entlassung von dessen Sohn aus dem Wehrdienst zu sorgen. Der zweite Vorwurf ging dahin, er habe sich 55 Friedrichsd’or (dies entsprach etwa Webers Jahresgehalt), mit denen er Schulden des Herzogs hätte bezahlen sollen, von dessen Bankkonto abgehoben und für eigene Zwecke verwendet. Schließlich hatte man bei der Durchsuchung von Webers Wohnung, die wegen dieser Vorwürfe erfolgte, Silber aus dem herzoglichen Haushalt gefunden, was zum Verdacht des Diebstahls führte.

Da der Vorwurf der Wehrdienstmanipulation die Interessen des Königs berührte, schaltete sich dieser selbst in die Ermittlungen ein. Allerdings dürfte hierfür weniger die Person Webers als die Tatsache ausschlaggebend gewesen sein, dass der König Anlass zu der Annahme hatte, sein Bruder Ludwig sei in die Sache verwickelt. Webers Arbeitgeber litt nämlich unter chronischer Ebbe in seiner Privatschatulle, einem Zustand, dem er dadurch entgegenzuwirken versuchte, dass er Wehrdienstpflichtigen hinter dem Rücken seines königlichen Bruders gegen „Kautionen“ scheinbare Stellungen am Hofe verschaffte, was seinerzeit die Befreiung vom Wehrdienst zur Folge hatte. Angesichts des hohen Verschleißes an Soldatenleben in der napoleonischen Zeit war dies manchen besorgten Eltern einige Gulden wert.

Weber selbst wurde unmittelbar nach der Verhaftung von einem Ermittlungsbeamten verhört. Den Vorwurf, er habe Silber des Herzogs gestohlen, wies er zurück. Dass 55 Friedrichsd’or fehlten gab er zu, ließ sich aber dahingehend ein, eine ihm bekannte Person, die er nicht nennen könne, habe die Tat begangen. Auf Vorhalt, dass dann sein Vater, der bei Weber wohnte, der Täter sein müsse, räumte er schließlich ein, dass er den verschwundenen Betrag selbst „unter seine Privatgelder gebracht habe“. Er machte aber geltend, noch Forderungen gegen den Herzog zu haben, dem er immer wieder Geld habe leihen müssen. Dass er eine Anleihe vom Metzger Hönig erhalte habe, bestätigte er, bestritt aber, davon gewusst zu haben, dass dessen Sohn dafür vom Wehrdienst befreit werden sollte. Er räumte aber ein, dass sein Reitknecht Huber, der den Kredit eingefädelt habe, möglicherweise solche Versprechungen gemacht haben könnte.

Die Recherchen wegen der genannten Vorwürfe waren zwei Tage nach der Verhaftung Webers abgeschlossen. Der Vorwurf des Silberdiebstahls galt als ausgeräumt. Weber hatte offenbar eine nicht näher mitgeteilte plausible Erklärung für den Silberfund in seiner Wohnung geben können. Hinsichtlich der veruntreuten Gelder schlossen der Herzog und Weber einen Vergleich, in dem beide Parteien auf eventuell noch bestehende Ansprüche verzichteten. Der Vorwurf der Bestechlichkeit bzw. der Beteiligung an Wehrdienstmanipulationen wurde stillschweigend fallengelassen.

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Ein Kampf um Clara – Schumann und Schilling und der Musikzeitschriften krieg zwischen Stuttgart und Leipzig

Nach Stuttgart ginge ich gern, schrieb Robert Schumann im Februar 1839 aus Wien an seine Verlobte Clara Wieck. „Ich kenne die Stadt; sie ist reizend und die Menschen viel besser und gebildeter als die Wiener“. Dieser für Stuttgart ziemlich schmeichelhafte Vergleich war Schumanns Antwort auf eine Anfrage seiner Verlobten, ob er bereit sei, nach Stuttgart zu ziehen, wo sie glaubte, für ihn eine Arbeitsstelle und damit die Grundlage für die heiß ersehnte Eheschließung gefunden zu haben. Der Heirat der Verlobten standen seinerzeit vor allem wirtschaftliche Probleme entgegen. Clara Wieck, deren Konterfei sinnigerweise einmal unsere 100-DM Scheine schmückte, hoffte sie mit der Übersiedlung nach Stuttgart endlich lösen zu können.

Trotz dieser günstigen Beurteilung ist Stuttgart, wie man weiß, keine Schumannstadt geworden und die außerordentlich unglücklich Verlobten mussten noch über 1 1/2 harte Jahre warten, bis sie, nach einem äußerst schmutzigen Prozess gegen Claras Vater, Friedrich Wieck, den Ehebund schließen konnten. Das genannte Arbeitsplatzangebot aber – es stammte von dem Stuttgarter Musikschriftsteller Schilling – sollte Schumann noch eine Zeit lang mit Stuttgart verbinden. Es wurde zum Ausgangspunkt einer großartigen literarischen Polemik, die über zwei Jahre zwischen Stuttgart und Leipzig tobte und so heftig war, dass sie am Ende nicht nur in Strafprozessen mündete, sondern auch noch eine der daran beteiligten Musikzeitschriften zerstört auf der Walstatt hinterließ.

Wenn auch der eher miese Stuttgarter Gegenspieler Schumanns heute vergessen ist und kaum mehr als Fußnoten in der Schumannliteratur abgibt, so verdanken wir dieser Kontroverse doch einige bemerkenswerte briefliche Äußerungen Schumanns über sich und sein künstlerisches Selbstverständnis und die glänzende Satire „Die Verschwörung der Heller“, mit der er den Streit (fast) in dichterische Höhen hob.

Die Geschichte ist aus dem Stoff, aus dem Theaterstücke oder Hollywoodfilme und auch so mancher heutige Skandal gemacht sind. Zwei Temperamente, wie man sie sich nicht gegensätzlicher denken kann, stehen sich gegenüber: auf der einen Seite ein sensibler, noch wenig bekannter Komponist und brotloser Intellektueller – auf der anderen ein mit Titeln, Orden und allen sonstigen schützenden Attributen bürgerlichen Ansehens versehener skrupelloser Musikunternehmer, der sich höchster Protektion erfreuen kann. Äußerlich scheint es um große Ziele zu gehen. Der Beobachter glaubt einem Kampf auf Biegen und Brechen um die Macht auf dem seinerzeit bedeutsamen Markt der musikalischen Publizistik beizuwohnen. Der Anspruchsvollere mag sich darüber hinaus als Zeuge eines intellektuellen Streites über die großen künstlerischen Ideen der Epoche sehen, eines Ringens der progressiven, neuromantischen Musikrichtung, zu deren Exponenten Schumann gehörte, mit einer an den Klassikern, an Haydn, Mozart und Beethoven orientierten konservativen Musikauffassung, die seinerzeit in Stuttgart mit Lindpaintner, Ignaz Lachner und Molique stark vertreten war.

In Wirklichkeit geht es, den Regeln dieser Dramen entsprechend, um eine Frau. Es ist eine höchst private Rivalität, die da verdeckt und doch vor aller Öffentlichkeit ausgetragen wird, das Nachbeben einer Konkurrenz um eine begnadete, junge und dazu noch schöne Klaviervirtuosin. Am Ende siegt trotz aller Warnungen des hellsichtigen Künstlers der Bösewicht. Er kann seine Stellung so lange halten bis er genügend Geld von denen ergaunert hat, die ihn gestützt haben und setzt sich nach Amerika ab. Sein Kontrahent aber stirbt fast gleichzeitig im Wahnsinn.  

Wer war dieser Stuttgarter, den Schumann schon 20 Jahre vor seinem spektakulärem Abgang aus Stuttgart im Jahre 1858 vollkommen durchschaut hatte und der sich dort trotzdem noch so lange halten konnte? Wie war es möglich, dass er Schumann so aus der Reserve locken konnte, dass dieser von seinem Heimatgericht wegen seiner Äußerungen über Schilling sogar mit einer Strafe belegt wurde?

 Eine höchst aufschlussreiche Auskunft über diesen Dr. Gustav Schilling findet sich in der Selbstdarstellung aus dem Jahre 1842, die er, ohne sich als Autor zu nennen, in einem seiner lexikalischen Werke veröffentlichte. Er stammte aus dem Hannover’schen, wo er im Jahre 1805 als Sohn eines Pastors geboren wurde (er war also 5 Jahre älter als Schumann). Von Haus aus war er Theologe. Seine Examina bestand er, wie er versichert, „mit bestem Erfolge“ und erwarb sich danach „einen solchen Ruf als Prediger, dass seine Vorträge stets bei vollem Hause gegeben wurden“. An einer Universität, deren Namen er verschweigt, obwohl er die sonstigen Stationen seines Lebens sehr genau angibt, promovierte er über die göttliche Offenbarung. Seine große Leidenschaft war das Schreiben. Er schrieb über alles was ihm vor die Feder kam. Zu seinen nichtmusikalischen Werken gehört etwa die 800 Seiten starke theologische Schrift über die „äußere“ Kanzelberedsamkeit „die ungemein Glück machte und seinen Namen nebst einigen siegreichen Diskussionen unter die berühmteren der theologischen Literatur setzte“. „Von allen Seiten gut aufgenommen“ wurde nach seinem Bericht der didaktische Roman „Guido“. Auch zu seinem Einstand in Württemberg, wo er sich 1830 in Stuttgart niederließ, legte er Werk aus seiner Feder vor. Er überreichte König Wilhelm „in tiefster Untertänigkeit“ eine Denkschrift mit dem Titel „Was ist schuld an den heillosen Gärungen der Zeit und wie kann denselben abgeholfen werden?“, in der er einen deutlich antidemokratischen Standpunkt vertrat.  

In seiner Selbstdarstellung verschweigt er ein weiteres, zu Anfang seiner Stuttgarter Zeit verfasstes Werk mit dem Titel: „Aestetische Beleuchtung des königlichen Hoftheaters in Stuttgart, in dem er seinen Gedanken über die Schauspielkunst ziemlich freien Lauf läßt. Vielleicht unterschlug er dieses Opus, mit dem er offensichtlich die Stuttgarter Theaterszene zu erobern gedachte, weil in diesem Fall die Behauptung, „es sei von allen Seiten gut aufgenommen worden“, selbst für einen Schilling zu dreist gewesen wäre. Der Stil dieses „zeitgemäßen Wortes an alle Theaterdirektoren, alle Künstler und das gesamte kunstliebende Publikum“ hatte nämlich den Direktor des Stuttgarter Katharinenstifts und „quiescierenden Theater-Recensenten“ August Zoller auf den Plan gebracht. Wie sehr Zoller – selbst ein begeisterter Schriftsteller – sich über Schilling aufregte, zeigt die Tatsache, dass er postwendend eine nicht weniger als 60-seitige Schrift unter dem Titel „Aestetischen Beleuchtung der nichtaestetischen Verdunklung der Stuttgarter Hofbühne“ verfasste, in der er die Phrasendrescherei und Altklugheit des damals 27-jährigen Schilling gnadenlos offenlegte. Unter anderem verwahrte sich der Schulmann, der aus Deizisau am Neckar stammte, dass dieser „Norddeutsche“ sich herablasse, uns blödsinnigen Schwaben die Augen zu öffnen“. Bemerkenswert ist, dass diese überdeutliche Kritik nicht anders als die spätere durch Schumann bei Schilling und seiner Umgebung ohne jede Wirkung blieb. 

Mehr noch als von der Theologie fühlte sich Schilling vom damals stark expandierenden Musikmarkt angezogen. In Stuttgart gründete er ein sog. Stöpel’sches Institut, eine private Musikschule. In der Folge fröhnte er auch auf diesem Gebiet seinen schriftstellerischen Neigungen und veröffentlichte eine nicht versiegende Flut von weitschweifigen Musikbüchern, wobei er in immer neuen Variationen bei anderen oder sich selbst abschrieb. Unter anderem plünderte er immer wieder das 6-bändige „Universalexikon der Tonkunst“, das er 1834 bis 1838 mit einigen Mitarbeitern für den Stuttgarter Buchhändler Köhler herausgegeben hatte. Auch der Vorwurf des Plagiats, der von mehreren Seiten, u.a. in der von Schumann redigierten „Neuen Zeitschrift für Musik“ (NZfZ) erhobene wurde, hinderte ihn nicht daran, ständig neue Bücher auf den Markt zu werfen. Allein von 1839 bis 1850 verfasste er auf diese Weise nicht weniger als 21 dickleibige Bücher über Musik und Musiker, was selbst wenn man berücksichtigt, dass er abschrieb, eine bemerkenswerte Fleißleistung war. Erstaunlich ist, dass es ihm gelang, immer neue Verleger zu finden, obwohl sich die von ihm düpierten Verleger in drastischer Weise öffentlich über ihn beschwerten.  

Der durchaus vorhandene Erfolg des Vielschreibers beruhte wohl nicht zuletzt darauf, dass seine wichtigsten Vermarktungsinstrumente, Posten, Orden und Ehren, zugleich auch seine Waffen gegen die Plagiatsvorwürfe waren. Hinzu kam der gute Draht zu den Mächtigen. Demonstrativ trug Schilling Orden der Könige von Preußen und Belgien und verschiedene Verdienstmedaillen vor sich her. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung mit Schumann wurde er zum Hofrat von Hohenzollern-Hechingen ernannt.  

Schließlich war Schilling Gründer und „permanenter Sekretär“ des „Deutschen Nationalvereins für Musik und ihre Wissenschaft“, für den er den Wahlspruch „Omnia ad majorem Dei gloriam“ ausgewählt hatte, einer konservativ ausgerichteten Vereinigung von Musikern und Musikpublizisten, deren Präsident der Komponist Louis Spohr war. Auch diese im Jahre 1939 erfolgte Gründung diente der Befriedigung seiner Schreibwut. Alle Mitglieder, zu denen ohne sein Wissen auch Schumann gemacht worden war, mussten – gegen Entgelt, wie sich versteht – die im wesentlichen von Schilling selbst bestückte Zeitschrift des Vereins, die „Jahrbücher“ beziehen, die sich, wie er in der bereits erwähnten Selbstdarstellung aus dem Jahre 1842 schrieb „zum gelesensten und wertvollstem musikalischen Journale aufgeschwungen hat“.  

Diese Zeitschrift war der Punkt an der sich der Streit mit Schumann entzündete. Schilling beabsichtigte, Schumann zu seinem „Kompagnon“ zu machen, ausgerechnet den Mann also, der nicht nur als Komponist die neuromantische Schule vertrat, die der Nationalverein bekämpfte, sondern als verantwortlicher Redakteur der NZfM auch noch deren literarisches Haupt und Schillings Konkurrent auf dem Zeitschriftenmarkt war. Eine besondere Brisanz erhielt der kühne Vorstoß dadurch, dass er Clara Wieck zu seinem Werkzeug erkoren hatte. Die ahnungslose junge Frau, in die er sich zu allem Überfluss auch noch verliebt hatte, wurde damit unbewusst zur Überbringerin des Fedehandschuhs gegen ihren Verlobten.  

Die 19-jährige, schon hochberühmte Clara Wieck befand sich im Januar 1839 auf Konzertreise in Stuttgart, wobei sie, wie alle hier gastierenden Künstler, auch Schilling kennenlernte. Für Schilling, der schon über sie geschrieben hatte, war es offenbar ein Leichtes, ihr Vertrauen zu gewinnen. Zutraulich plauderte sie auch über private Dinge und berichtete insbesondere über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die der Ehe mit Schumann entgegenstanden. Schilling witterte sofort seine Chance und bot an, Schumann könne an seiner, Schillings, eben herauskommender Zeitschrift mitwirken. Clara Wieck war begeistert von Schilling und dem Angebot. Fern ab von Leipzig, wo der Vater ihr alle erdenklichen Schwierigkeiten bereitete, sah sie plötzlich für Schumann und sich selbst die Möglichkeit einer gesicherten Existenz und damit die Chance, die ersehnte Ehe schließen zu können. An ihren Verlobten schrieb sie: „Er ist so herzensgut und sagt jedem die Wahrheit heraus“. Ihre Begeisterung übertrug sie gleich auf ganz Stuttgart: „Würdest Du dich entschließen, nach Stuttgart zu gehen? Ach, wie schön sind die Berge um die ganze Stadt herum; es ist entzückend und die Menschen von Herzen gut und teilnehmend. Mich hat man hier förmlich überschüttet mit Wohltaten“.  

Schumann erhielt Claras Brief zusammen mit einen Brief von Schilling in Wien, wo er seinerseits die Möglichkeiten für den Aufbaus einer wirtschaftlichen Existenz sondierte. Er hatte die Absicht, mit seiner Zeitschrift von Leipzig, wo er keine weiteren Entwicklungsmöglichkeiten mehr sah, in die kaiserlich-königliche Hauptstadt mit ihrer großen musikalischen Tradition umzusiedeln, hatte hierbei aber ernüchternde Erfahrungen gemacht. Dies ist der Grund für den anfangs zitierten Vergleich Stuttgarts mit Wien, der für die württembergische Zentrale so überaus günstig ausfiel. Was Schillings Angebot anging, hielt sich seine Begeisterung freilich in Grenzen. Schumann kannte Schilling und seine Werke und durchschaute dessen Absicht, ihn als seinen ärgsten Kritiker und wirtschaftlichen Konkurrenten auszuschalten. Was ihn hingegen ernsthaft beunruhigte, war die Tatsache, dass Schilling seine Verlobte so stark beeindrucken konnte. Gewisse Äußerungen in seinem Brief nährten zudem den Verdacht, dass Schilling sich in sie verliebt habe.  

Besorgt antwortete er an Clara, er müsse sie hinsichtlich der Person des Dr. Schilling leider aus ihren schönen Träumen wecken, Schilling sei „ein trefflicher Spekulant“…, ein „ausgezeichneter Wind- und Courmacher. Seine schriftstellerischen Fähigkeiten kennzeichnete er mit dem Vergleich, er sei „ein sehr fleißiger Bücherschreiber, ohngefähr wie Czerni ein Komponist.“ Die Chancen einer neuen Musikzeitschrift beurteilte Schumann skeptisch, da sie nicht dem Bedürfnis der Zeit folge, „vollends in Stuttgart, wo kein Musikhandel, kein Künstlerdurchzug, kein Publicum“. 

Besonders missfallen haben muss Schumann aber die Tatsache, dass es Schilling gelungen war, Clara zu imponieren und bei ihr die Angst auszulösen, er, Schumann, könne sich mit seiner Zeitschrift nicht gegen Schilling behaupten. Dies veranlasste ihn zu einer Äußerung, mit der Dreißigjährige auf bemerkenswerte Weise sein künstlerisches Selbstverständnis offenbarte. „Offen gestanden, Clärchen, es hat mich ein wenig von Dir gekränkt und ich dachte ich stünde bei Dir in mehr Ansehen als dass Du jemals an die Compangnieschaft mit solchem Renommisten gedacht hättest…“. „Mir gegenüber“, schreibt er mit Bezug auf Schillings Angebot, „der ich mir zutrauen kann, den leisesten Fortschritt der Zeit zu sehen, als Componist immer fortschreitend und wenn auch in kleiner Sphäre die Zukunft vorbereitend? Da muss ich lächeln, wenn der Schilling von meinen „geistigen Kräften“ reden will, der so weit ich es weiß, kaum eine oberflächliche Vorstellung von meinem Streben hat, für dessen ganzes Kunsttreiben ich nicht einen Papillion hingebe.“ 

Die Situation spitze sich zu als sich Schumanns Befürchtung, Schilling habe sich in Clara verliebt, bestätigte und dieser, wiewohl verheiratet, mit einem erstaunlichen Frontalangriff versuchte, Clara „abtrünnig“ zu machen. Völlig außer sich verlangte Schumann von Clara, dass sie Schilling deutlich zurechtweise. Ja er verstieg sich soweit, damit zu drohen, er werde sich eine Zeit von ihr trennen, wenn sie Schilling nicht eine eindeutige Abfuhr erteile. Schilling war es gelungenen, eine ernstliche Verstimmung zwischen den Verlobten auszulösen. Wenige Wochen nach der Stuttgarter Verwicklung fiel es allerdings auch Clara wie Schuppen von den Augen. „Erstaunen muss ich“ schrieb sie an Robert aus Paris, wohin sie inzwischen weitergeresit war, „über Deine Menschenkenntnis, denn Deine Schilderung Schillings war doch gar zu zutreffend.“  

Soweit das private Vorspiel. Offensichtlich motiviert durch Schillings Eingriff in seine Privatsphäre nahm Schumann den Fedehandschuh eben dort auf, wo ihn Schilling hingeworfen hatte. Er blieb seinem Widersacher mit seiner Zeitschrift auf den Fersen. Ende 1840 und Anfang 1841 erschienen in der NZfM zwei äußerst scharfe Kritiken über zwei „grundlegende“ und wie immer geschwätzige Werke Schillings, einer „Ästetik der Tonkunst“ und einer „Kompositionslehre“. Durch satzweise Gegenüberstellung führten die Autoren, es waren Freunde Schumanns, den Nachweis, dass Schilling andere Werke seitenweise abgeschrieben hatte. Sein erstaunlich ungeniertes Verfahren illustriert die Umformulierung des folgenden Satzes. Er lautet im Original: „Man hat von dem Rhythmus, welches griechische Wort technisch geworden ist, manche Definitionen gegeben…“ Bei Schilling heißt es: „Auf die verschiedenste Weise schon hat man das griechische Wort Rhythmus, das vollkommen technisch geworden ist, zu erklären versucht.“  

Dieser Schlag saß. Schilling sah sich gegen des „Neides Geifer, der Lästerzunge Gift, der Gemeinheit noch gemeineren Spott“ zur Verteidigung genötigt. Eilig veröffentlichte er unter dem Titel „Schumanns NZfM und ich“ eine – wie immer weitschweifige – Apologie -, „um das Treiben einer gemeinen Clique aufzudecken und von dem Kot, den sie um sich wirft, meine Schuhe zu reinigen“. Nach dem Muster, das sich schon immer großer, heute vielleicht sogar zunehmender Beliebtheit erfreut, drehte er den Spieß dreist herum. Der Autor eines Buches über die Kanzelberedsamkeit zog alle Register der Rhetorik und versuchte zu beweisen, dass der Angriff eigentlich dem Nationalverein und seiner Kunstauffassung gelte. Schumann aber drohte er mit dem „strafenden Gericht“.

Schumann antwortete, „um auf das marktschreierische Treiben dieses Pfuschers“ noch deutlicher aufmerksam zu machen, mit einer Zusammenstellung von Fundstellen, an denen man weiteres über Schillings Plagiate nachlesen könne, darunter auf die Warnungen der Stuttgarter Buchhändler Metzler und Köhler, die sich über „Raubauszüge“ aus dem Universallexikon, dessen Rechte Köhler besaß, beschwerten.

Von Schilling folgte ein „Letztes Wort“ mit einem Bandwurmsatz von 267 Worten. Lang konnte er seine Feder allerdings nicht im Zaum halten. Schon kurz nach dem „letzten Wort“ kam der erste Ausflug auf die dichterische Ebene. Er schrieb einen „Bericht des chinesisch-neuromantischen Oberinspektors Schuh-Wah-Kah-Man an den kaiserlichen Gouverneur Zo-Il-Reb-Ji über die Beaufsichtigung der Komposition und musikalischen Presse im himmlischen d.h. neuromantischen Reiche.“ Schumann erscheint in diesem Bericht, als gestrenger chinesischer Zensor, der in der Provinz „Teuto Schwa“ dafür sorgt, dass die dortigen „Bücher- Werk- und Werkchenschreiber“ keine Meinungen entwickeln, die von denen der Mandarine abweichen.  

Bevor die Auseinandersetzung weitere dichterische Blüten trieb, hatte das strafende Gericht das Wort. Auf Klage Schillings wurde Schumann am 25.6.1842 vom Leipziger Stadtgericht wegen Beleidigung zu einer Gefängnisstrafe von sechs Tagen verurteilt, die auf Appellation in eine Geldstrafe von 5 Talern umgewandelt wurde. U.a wurde Schumann die Bemerkung angekreidet: „Ich kann mich leider von dem wertlosesten aller Kupfermünzen, von diesem Hohenzollern-Hechingischen Schilling nicht losreißen.“  

Schilling kostete seinem Triumph aus und ging alsbald wieder zum literarischen Angriff über. Wohlbewandert in den Machenschaften der Heuchler hatte er in seiner Zeitschrift eine Serie über „Musikalische Tartüffe“ begonnen, in der Schumann jetzt einen Ehrenplatz eingeräumt bekam. Schillings Erfolg beim strafenden Gericht ließ Schumann keine Ruhe. Er machte den Fehler, Schilling auf das juristische Gebiet zu folgen, indem er seinerseits eine Klage in Stuttgart abhängig machte. Doch die Stuttgarter Richter hielten – vorläufig noch – zu ihren Hofrat. Schumanns Klage wurde im August 1842 zurückgewiesen. Offenbar sah Schumann ein, dass dieser Ausflug auf das undurchsichtige Terrain, auf dem er schon einmal gescheitert war, ein Fehler war. Sehr schnell besann er sich auf seine eigentlichen Waffen und holte – erstmalig eigenhändig – zum einem Schlag aus, der seinen Widersacher schwer anschlagen sollte. In der NZfM erschien am 27.9.1842 der – von Schumann mit seinem Pseudonym „Florestan“ gezeichnete – Artikel „Die Verschwörung der Heller“. In dieser glänzenden Satire verlagert Schumann – listig auf seine inkriminierte monetäre Bemerkung über Schilling zurückgreifend – das ganze Geschehen in das Münzwesen. Schilling ist darin ein Heller mit dem Wert 0,1, der es nicht verwinden kann, dass er kein Goldstück ist. Die Frustration des Kupfers, „das zu rasseln weiß“, wird insbesondere dadurch verstärkt, dass „eine unerbittliche Hand“ die angestrebte Verbindung zu einer „schönen Dukatin“ auseinanderreißt, in die er sich verliebt hatte. Am Ende zettelt 0,1 eine große Verschwörung der Heller gegen die verhassten Goldstücke an, die aber in einer Waage endet, in der “ das wenige Gold das Kupfer lachend und deckenhoch in die Höhe zieht“.

 Mit dieser „Romanze in Prosa“ setzte Schumann den Schlußstein in das mittlerweile imposante publizistische Streitgebäude. Schumann war zwar vor den weltlichen Instanzen unterlegen. Er hatte aber den Krieg der Zeitschriften gewonnen.

Noch im Jahre 1842 musste Schilling seine Zeitschrift einstellen, wenige Monate nachdem er sie als „das Archiv“ bezeichnet hatte, „aus welchem die künftige Musikgeschichte einzig und allein ihre verlässlichsten Akten und Data zu schöpfen hat“. Schumanns NZFM hingegen wurde zur führenden Musikzeitschrift Deutschlands und wird noch heute fortgeführt. Mit diesem Sieg war Schumanns „Interesse“ an Schilling beendet. Künftig würdigten er und seine Zeitschrift Schilling keines weiteren Wortes mehr.  

Schilling weiteres Schicksal entsprach Schumanns erster Einschätzung. Im Januar 1857, ein halbes Jahr nach Schumann Tod, verschwand Schilling plötzlich „mit einem ansehnlichen Geldbetrag“ aus Stuttgart und flüchtete vor der mittlerweile doch hellhörig gewordenen Stuttgarter Justiz nach Amerika. Das erstaunte Stuttgarter Publikum erfuhr aus der „Schwäbischen Chronik“, dass ihr „in allen Kreisen bekannter“ Mitbürger seine Schreibarbeiten inzwischen erheblich vereinfacht hatte. In den letzten Jahren hatte er statt Bücher ( ab)zuschreiben nur mehr ungedeckte Wechsel unterschrieben. Schillings hinterlassene Schulden beliefen sich auf nicht weniger als 170 000 Gulden, was damals ein Vermögen war. Er begab sich nach New York und schrieb dort wieder über Musiker. Nach drei Jahren musste er wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten nach Kanada flüchten, kehrte aber später wieder in die USA zurück, wo er 1881 in Nebraska starb. 

Es fragt sich, wie es möglich war, dass sich ein Betrüger wie Schilling so lange im damals ja noch eher kleinstädtischen Stuttgart halten konnte, dessen Bürger Schumann wegen ihrer Bildung doch so gelobt hatte. Immerhin betrieb er seine unseriösen Geschäfte in aller Öffentlichkeit. Sicherlich, Titel, Orden, Ehren, Beziehungen zu hohen Häusern – das waren schon immer auch die Schutzschilde, hinter denen Hochstabler und Betrüger öffentlich ihren Geschäften nachgingen. Bei den pietistischen Schwaben dürften darüber hinaus das theologische Mäntelchen des Dr. Schilling und der Anschein der Gelehrsamkeit seine Wirkung nicht verfehlt haben. Dennoch bleibt es erstaunlich, dass ein Mann, den Schumann bereits 20 Jahre vor seinem unrühmlichen Abgang aus Stuttgart vollkommen durchschaut hatte, die Schwaben so lange ungeschoren an der Nase herumführen konnte.