Ein – ungeplanter – Tag in Bangladesch

Ein Besuch in Bangladesch ist vermutlich von fast allen Ausgangspunkten eine Reise mit der Zeitmaschine in eine andere Welt. Für den allerdings, der auf dem Weg von Bangkok nach Europa für nur einen Tag Station in Dhaka macht, ist es eine sozio-kulturelle Achterbahnfahrt, deren jähe Höhen- und Tiefenfahrten einem den Atem rauben können. 

Eigentlich begann mein Besuch in Bagladesch bereits mit der Zeitungslektüre in Bangkok. Die „Bangkok Post“ hatte Ende Januar 1996 unter dem Titel „Still Alive“ (Noch am Leben) einen Artikel über die Abenteuer veröffentlicht, welche man bei Benutzung der landeseigenen Fluggesellschaft Biman Bagladesch zu gewärtigen habe. Darin war von schlechtem Service, insbesondere von einem chaotischem Umgang mit Fahrplänen die Rede. Man müsse schon damit rechnen, einige Tage in Dhaka hängen zu bleiben, einer Stadt, die bei allen Verbesserungen, die sie in den letzten Jahren sicherlich erfahren habe, nicht unbedingt der Ort sei, wo man sich ohne Not aufhalten wolle. Der Artikel hatte eine Fülle von Leserbriefen ausgelöst. Sie ließen sich unter anderem mehr oder weniger hämisch über den Leichtsinn der Personen aus, die sich, wie ich, von den günstigen Preisen zur Wahl dieses Luftfahrtunternehmens verleiten ließen. Das Ganze gipfelte in der Feststellung, man müsse eben bereit sein, die Konsequenzen für seine Entscheidungen zu tragen.  

Als ich nach zwei Wochen Abwesenheit wieder nach Thailand kam, wurde in der Zeitung noch immer Biman Fan-Post abgedruckt. Mittlerweile war sie politisch geworden. Ein Briefschreiber nahm eine abfällige Bemerkung eines anderen Lesers über die britische Kolonialherrschaft, mit der die Probleme des Landes – und offenbar auch seiner Fluggesellschaft – verständlich gemacht werden sollten, zum Anlass, umfangreich darzulegen, dass es dem Land nie so gut, wie zur Zeit der englischen Herrschaft gegangen sei. Er betonte, dass alle seine wesentlichen Institutionen, darunter die gesamte Verkehrsinfrastruktur, von der Kolonialverwaltung geschaffen worden seien. Diese Strukturen seien inzwischen aber nicht weiter entwickelt, sondern nur abgenutzt worden. Statt sich um die Entwicklung des Landes zu kümmern, habe man sich in den letzten fünfundvierzig Jahren aus religiösen Gründen die Köpfe eingeschlagen. Dies habe es während der englischen Zeit nicht gegeben. Dem entsprechend sei in den fünfundzwanzig Jahren seit der Trennung von Pakistan das Bruttosozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung von 150 Dollar auf gerade mal 230 Dollar im Jahr angestiegen, womit das Land nur einfünfzigstel des Wertes von Singapur erziele, das ebenfalls britische Kolonie gewesen sei. 

Hinzu kamen Berichte über steigende Spannungen. Entsprechend einem Muster, das in Asien typisch zu werden beginnt, kämpften die weiblichen Hinterbliebenen zweier ermordeter Spitzenpolitiker um die Macht. Die Verbissenheit, mit der die beiden Begums – die eine Ministerpräsidentin, die andere Oppositionsführerin – miteinander rangen, resultierte nicht zuletzt daraus, dass es um den Schlagabtausch zweier Familienclans ging, die in der äußerst unruhigen und nicht selten blutigen Politik des jungen Landes von Anfang an eine führende Rolle spielten – schon die beiden ermordeten Männer waren Staatspräsidenten gewesen. Hinzu kam der Verdacht, dass der eine für den Tod des anderen verantwortlich gewesen sei.  

Unmittelbarer Anlass für die Spannungen waren die bevorstehenden Parlamentswahlen. Die Opposition verweigerte – die Boykottradition des Landes fortsetzend – die Beteiligung an den Wahlen mit dem Argument, das Ergebnis werde verfälscht, weil die gegnerische Bewerberin den Wahlkampf aus der Position der Ministerpräsidentin führe. Gleiche Wahlchancen seien nur gegeben, wenn die Regierung einige Monate vor der Wahl an einen Treuhänder übergeben werde. Der Streit um diese erstaunlich radikaldemokratische Forderung wurde mit größtem Einsatz geführt. Sie gipfelte in gewalttätigen Auseinandersetzungen wie Überfällen auf Polizeistationen, Tankstellen und Banken, bei denen es eine Reihe von Toten gegeben hatte. Für Mitte Februar war darüber hinaus ein Generalstreik ausgerufen worden. Die ausländischen Botschaften in Dhaka forderten die Fremden auf, sich nicht in der Nähe größerer Menschenansammlungen aufzuhalten.

 Unter diesen Vorzeichen begab ich mich am Abend des 11. Februar 1996 leicht klopfenden Herzens zum Flughafen in Bangkok, um meinen Flug mit Biman Bagladesch nach Dhaka anzutreten. Der Weiterflug nach Frankfurt sollte am frühen Morgen des 13. Februar stattfinden. Den 12. Februar wollte ich, dazu hatte ich mich spontan entschlossen, in Bagladesch verbringen. Das Problem war, dass Biman nur ein Mal in der Woche nach Europa flog. Sollte der Weiterflug nach Frankfurt ausfallen, was bei der gegenwärtigen Situation noch näher als vielleicht sonst lag, musste ich damit rechnen, eine Woche in Dhaka warten zu dürfen. Es war dies genau die Zeit, in der dort mit erhöhten Turbulenzen gerechnet wurde. Aus der Geschichte des Landes, spätestens aber seit die Bilder von wütenden Massenprotesten gegen die feministische Schriftstellerin Taslima Nasreen über die Bildschirme der Welt gingen, ist bekannt, dass solche Turbulenzen in Bagladesch ausufern können. 

Biman Bagladesch war erwartungsgemäß unpünktlich. Es hieß, dass sich der Flug voraussichtlich um zwei Stunden verspäten werde. Das wäre an sich noch zu ertragen gewesen. Es bedeutete allerdings, dass die Ankunft in Dhaka frühestens gegen Mitternacht sein würde, was angesichts der Tatsache, dass ich dort noch kein Quartier und im übrigen keinerlei Information über das Land und seine Besonderheiten hatte, nicht eben hilfreich war. Man muss die Konsequenzen seiner Entscheidungen tragen, erinnerte ich mich, und ergab mich auf asiatische Weise in mein Schicksal.  

Der Flug fand im Rahmen der Verspätung pünktlich statt. Die Maschine war auffallend schwach besetzt. Ich war der einzige Europäer im Flugzeug. Dafür waren zirka. 30 dunkelhäutige und ein wenig verwegen aussehende junge Männer an Bord, die in Bangkok in Handschellen gebracht worden waren. Sie wurden offensichtlich in ihre Heimat abgeschoben. Bei mir schlich sich die Vorstellung ein, dass die Rückführung von Personen, die das überbevölkerte Land verlassen und im Ausland illegal Fuß zu fassen versuchen, einen wesentlichen Anteil des Umsatzes von Biman ausmachen könnte.  

Während des Fluges saß ein junger Elektroingenieur aus Dhaka neben mir, der in Singapur arbeitete und gerade auf Heimaturlaub war. Er gab mir auf’s freundlichste die Informationen, über die man bei einer Einreise in ein fremdes Land verfügen sollte – grundlegende Dinge wie den Namen und den Umtauschkurs des Geldes, Transport- und Übernachtungsmöglichkeiten, aber auch einiges zur allgemeinen Situation des Landes. Nach diesem Gespräch war nicht mehr alles ungewiss und die nächtlichen Perspektiven sahen nicht ganz so düster aus.  

Der Grenzbeamte, der mir im mückenverseuchten Empfangssaal des Flughafens von Dhaka gegen Zahlung eines halben Monats-pro-Kopf-Einkommens ein Visum erteilte, fragte mich, in welchen Hotel ich übernachte. Er war etwas erstaunt, als ich ihm sagte, dass ich es noch nicht wüsste und fragte, ob er das Hotel „Sundarban“ eintragen solle, welches sich im Stadtzentrum befinde. Das Hotel wurde an der Wand der Empfangshalle gleich neben dem „Sheraton“ mit einer Leuchtreklame angepriesen. Lachend antwortete ich, dass ich etwas wesentlich einfacheres suche. Ich fragte ihn noch, wie weit es bis zum Stadtzentrum sei. Er gab die Entfernung mit fünfundvierzig Kilometern an und ich richtete mich auf eine lange Taxifahrt ein. 

Bevor das erwartete nächtliche Abenteuer begann, wartete Biman Bagladesch mit einer Überraschung auf. Eigentlich hatte ich mir bei Biman, so es denn überhaupt etwas nützte, nur meinen Weiterflug nach Frankfurt bestätigen lassen wollen. Zu meiner Verwunderung deklarierte mich der Schalterangestellte aber zum Transitpassagier und verkündete, dass ich auf Kosten von Biman im eben jenem Hotel „Sundarban“ untergebracht werde solle, das schon der Grenzbeamte für mich vorgesehen hatte. Man werde aus der Stadt sofort einen Bus ordern, der mich in das Hotel bringen werde. Die Möglichkeit, dass mein eintägiger Aufenthalt in Dhaka keine Folge von Fahrplanproblemen auf Seiten Bimans sein, sondern auf meiner Entscheidung beruhen könnte, diese Stadt zu besuchen, zog er erst gar nicht in Erwägung. Ich wiederum verzichtete darauf, ihm etwas zu erklären, was er offenbar sowieso nicht verstanden hätte.  

Tatsächlich stand nach einer dreiviertel Stunde ein klappriger Bus mit einem Fahrer und einem Begleiter bereit. Ich musste meinen Pass bei Biman lassen, worüber ich nicht eben glücklich war. Dann konnte es losgehen. In die Stadt führte eine recht ordentliche Straße, die den Busfahrer zu einem beachtlichen Tempo inspirierte, wobei ihn rote Ampeln wenig interessierten. Schließlich hielt er vor einem großen, etwas düster aussehenden Gebäude. Da wir nach meiner Einschätzung bislang höchstens 15 Kilometer gefahren waren, blieb ich zunächst im Bus sitzen. Man bedeutete mir aber, dass dies das Hotel Sundabarn sei. Wie der Grenzbeamte auf die Idee kommen konnte, dass die Strecke vom Flughafen bis hier hin fünfundvierzig Kilometer lang sein könnte, blieb eines jener unergründlichen Rätsel, vor das die südasiatische Seele einen Europäer immer wieder zu stellen pflegt.  

Das Hotel, das seinen Namen von dem riesigen Sumpfwald an unteren Ende des Deltas von Ganges und Brahmaputra ableitete, hatte eine großzügige Eingangshalle. Das Personal saß vor dem Fernseher und schaute mit Ergriffenheit eine indische Seifenoper an, in der ein älterer Herr gerade einen Herzanfall erlitt. Nach diesem bekam ich ein Zimmer zugeteilt und wurde in den dritten Stock gebracht. Dort saß im Flur ein weiterer Angestellter, der sofort aufsprang und mich in das Zimmer begleitete. Er stellte fest, dass die Beleuchtung im Badezimmer nicht funktionierte. Das Problem löste er, indem er zwischen zwei Übeln das kleinere wählte. Er verordnete mir Leseverbot im Bett und versetzte die Birne aus der Nachttischlampe in das Bad. Dann sprayte er das Zimmer, in dem mindestens so viele Moskitos wie in den Mangrovenwäldern des begalischen Flußdeltas schwirrten, mit einem Mückengift aus, das vermutlich auch dem Menschen nicht gut tat, und bat um ein Trinkgeld. Als ich ihm erklärte, dass ich noch keine Gelegenheit gehabt habe, Geld zu wechseln, meinte er, dass ich doch sicher Dollars bei mir habe.  

Das Zimmer war recht geräumig und verströmte den abgenutzten Charme lang zurückliegender Jahrzehnte. Von draußen drang durch Türen und Fenster aufgeregter Verkehrslärm herein. Der Versuch, das Schlimmste durch Stopfen einer kaputten Fensterscheibe mit dem Handtuch zu dämpfen, zeitigte wenig Erfolg. Ein Blick vom Balkon zeigte, dass sich das Hotel in verkehrsgünstiger Lage befand. Unmittelbar davor war eine riesige Kreuzung, auf der auch zu dieser späten Stunde – mittlerweile war es halb zwei Uhr – noch lebhafter Verkehr war. Das entscheidende Instrument der Verkehrsregelung war offensichtlich die Hupe, von der alle Beteiligten reichlichen Gebrauch machten.  

Der Verkehrslärm ließ während des Restes der Nacht nicht wesentlich nach. Es schien, als nutzten vor allem Lastwagen, die bekanntlich die mächtigsten Hupen besitzen, die Zeit, um ohne allzu großen Aufenthalt durch die 8-Millionenstadt zu kommen. Gegen Morgen schwoll der Lärm zu einem wilden Gesamtklang an, der durch zahlreiche Fahrradklingeln aufgehellt wurde. Da einzelne Hupsignale darin schließlich untergingen, gelang es mir, in tieferen Schlaf zu verfallen.  

Als ich gegen neun Uhr aus dem Fenster schaute, sah ich draußen zunächst einmal Kühe. Sie standen auf der völlig abgegrasten Grünfläche, die das Hotel umgab, und wurden von Gestalten, die in schmuddelige Tücher gehüllt waren, mittels großer Metallschüsseln getränkt. Ihren Dung hatte man eingesammelt und trocknete ihn in der Morgensonne, um ihn als Brennstoff verwenden zu können. Zwischen den Kühen standen einzelne in Khaki gekleidete Soldaten, die sich auf Gewehre mit dicken Holzgriffen stützten. Um das Hotel floss ein unablässiger Verkehrsstrom aus Fahrrad- und Motorradrikshaws, in dem gelegentlich Autos und Lastwagen schwammen. Auf der anderen Seite der Kreuzung erkannte ich die etwa sechs bis acht acht Stockwerke hohen, kastenförmigen Bürohäuser, die ich schon auf einem Plakat des Touristenbüros mit der Untertitelung „Dhaka City“ gesehen hatte, welches den Biman-Schalter am Flughafen schmückte. Ich war offensichtlich mitten in den Stadt. Die Wirklichkeit war allerdings nicht ganz so großstädtisch, wie das Touristenbüro zu suggerieren versuchte. 

Nach dem Frühstück konnte endlich die Erkundung von Dhaka beginnen. Das Problem war der Mangel an Information. Vor allem wollte ich wissen, wie ich die Absicht umsetzen konnte, neben der Besichtigung der Stadt möglichst auch noch etwas vom Leben auf dem Lande zu sehen, auf dem ja der bei weitem größte Teil der Bevölkerung von Bagladesch lebt. Dem Versuch, diesem Ziel durch Befragung der Angestellten des Hotels näher zu kommen, war kein Erfolg beschieden. Es gab schon Schwierigkeiten, das Anliegen verständlich zu machen. Das Problem war allerdings weniger ein sprachliches, sondern lag offenbar in der Natur des Vorhabens. Man konnte ihm keinen Sinn abgewinnen. Meine Hoffnungen setzte ich daher auf das Touristenbüro. Dahin, hieß es, müsse ich eine Fahrradrikshaw nehmen.  

Die Fahrradrickshaw besorgte mir der Wachmann des Hotels. Er wies die zahlreichen Anbieter von Transportleistungen, die mich bei Verlassen des Hotels alsbald umgaben, zurück und brachte mich zu einer ziemlich abgenutzten Rickshaw am Straßenrand. Der Fahrer lag auf der Fahrgastbank und schlief in der Morgensonne. Die Verhandlungen über den Fahrpreis, an denen der Wachmann – ohne Zweifel zu seinem  Nutzen – beteiligt war, waren etwas ungewöhnlich. Der Rickshawfahrer fügte dem üblichen asiatischen Preispoker die Variante hinzu, keinen bestimmten Betrag zu verlangen. Er stellte fest, dass ich ein reicher und er ein armer Mann sei, und meinte, ohne Zweifel weil er wusste, dass es für ihn nur gut ausgehen konnte, ich solle ihm geben, was ich wolle. Auf meinen Wunsch nach einer weniger streitträchtigen Entgeldregelung ging er nur ungern ein. Nach einigem Hin und Her einigten wir uns aber doch auf einen festen Betrag. Da dieser 70% des Landes-Pro-Kopf-Einkommens für einen Tag entsprach, war zu vermuten, dass darin neben einer Provision für den Wachmann noch ein gutes Stück Entwicklungshilfe enthalten war. 

Dann ging es tatsächlich los. Wir reihten uns in den Strom des Verkehrs ein, der in zähem Tempo die breite Straße entlang zog. Von allen Seiten wurden akustische Signale ausgesandt. Das Problem war, aus der Fülle des Klanges die Signale herauszufiltern, die für das eigene Verkehrsschicksal relevant sein konnten. An größeren Kreuzungen weitete sich der Strom zu einem Meer und man sah Rickshaws, soweit das Auge reichte. Die Baldachine der Fahrradrickshaws waren zu dieser eher kühlen Morgenstunde, in der man die wärmende Sonne noch gebrauchen konnte, halb zurückklappt. Es sah daher aus, als seien lauter Ohrensessel unterwegs.  

Besonders eindrucksvoll war eine mir bislang nicht bekannte Variante des Verkehrsverhaltens. Überraschenderweise kam uns im dichtesten Verkehrstrom auf unserer Fahrbahnseite gelegentlich schwungvoll eine Fahrrad- oder gar eine Motorradrikshaw entgegen. Es waren dies entweder Verkehrsteilnehmer, die sich im Gedränge festgefahren hatten und spontan wieder zurückwollten; oder solche, die an größeren Kreuzungen die Kurve schnitten. Man machte sich beim Abbiegen nicht immer die Mühe, den großen, meist verstopften Bogen zur anderen Straßenseite auszufahren. Vielmehr wählte man die Abkürzung über die kurze Ecke, um sich nach einer Art Geisterfahrt auf der Gegenspur irgendwie wieder auf die richtige Seite durchzuschlagen. Dieses Fahrverhalten schien niemanden weiter aufzuregen. Man wich sich ohne Hektik gegenseitig aus. Auch die Polizei, die auf fast jeder Kreuzung vertreten war, räumte dem Prinzip des laisser faire Vorrang vor dirigistischen Maßnahmen ein. Ansonsten galt die asiatische Generalverkehrsregel „Vor Dir musst Du mit allem rechnen“ mit ihrem Gegenstück „Was hinter Dir ist, kann Dir egal sein“. Da diese Regel den jeweiligen Hintermann zu äußerst aufmerksamem Fahrverhalten zwingt, passieren trotz des Durcheinanders weniger Unfälle, als man erwarten müsste. 

Im allgemeinen Verkehrsgewühl unterhielt mich der Rickshawfahrer mit der Aufzählung der Namen diverser europäischer Hauptstädte. Besonderen Wert legte er darauf, seine Kenntnis davon zu zeigen, dass Deutschland eine neue Hauptstadt habe. Als ihm keine weiteren Städtenamen mehr einfielen, waren sämtliche Währungen der Industriestaaten dran. Nach diesen vertauensbildenden Maßnahmen bot er mir unter Berufung auf seine umfangreiche Erfahrung mit der Betreuung von Touristen, zu der nach seiner Auffassung auch die Lieferung von Haschisch und sonstiger halbseidener Annehmlichkeiten zählte, eine 3-stündige Stadtrundfahrt an. Im Hinblick auf sein insgesamt etwas zweifelhaftes Geschäftsgebaren lehnte ich das Angebot zunächst einmal dankend ab.  

Wir erreichten die Tourist-Information schließlich zu Fuß. Fahrradrickshaws waren in ihrer Umgebung sinnigerweise nicht zugelassen. Die Verhandlungen dort erwiesen sich als kompliziert. Zunächst eröffnete mir eine Dame, die den Eindruck vermittelte, als fühle sie sich durch mein Erscheinen in ihrer Routine gestört, dass die Stadtrundfahrt, die das Büro anbot, nur einmal in der Woche und zwar am Freitag stattfinde (offenbar treffen die Touristen in Dhaka immer gleichzeitig und am selben Wochentag ein). Auf meine Frage nach öffentlichen Verkehrsmitteln bot man mir einen Bus für mich ganz alleine an; allerdings sollte ich den (Touristen-) Preis für einen voll besetzten Bus zahlen. Mein Plan, mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus der Stadt zu fahren, um etwas von Land zu sehen, stieß erneut auf Unverständnis. Zum einen meinte man, es gebe dort nichts zu sehen. Zum anderen hieß es, es könne sein, dass irgendwo Unruhen ausbrächen und die öffentlichen Verkehrsmittel den Betrieb einstellten; dann käme ich nicht mehr in die Stadt zurück. Als auch der Versuch scheiterte, etwas über den lokalen Schiffsverkehr auf dem Buriganga-Fluß in Erfahrung zu bringen, gewann ich den Eindruck, nicht bei der Tourist-Information, sondern bei der Tourist-Desinformation zu sein. Ich brach die Verhandlungen ab und beschloss mit Hilfe einer Touristenkarte, die man mir immerhin verkaufen konnte, eigene Erfahrungen zu machen. Den Plan eines Landausfluges allerdings begrub ich, da er mit unkalkulierbaren Risiken verbunden zu sein schien.   

Das undurchsichtige Verhalten der Angestellten des Touristenbüros hatte meine ohnehin bestehende Unsicherheit darüber, wie ich als einzelner Reisender in Bagladesch aufgenommen würde, verstärkt. Das übliche Mittel, diese Unsicherheit abzubauen, stand nicht zur Verfügung. Weit und breit war keine neutrale Person zu sehen, die ich über ihre Erfahrungen mit Land und Leuten hätte befragen können. Insbesondere hatte ich seit meinem Abflug von Bangkok keinen Europäer mehr zu Gesicht bekommen. Hinzu kam, dass mich die Einheimischen allenthalben mit auffallendem Interesse musterten und überdeutlich versuchten, mit mir in Kontakt zu kommen. Von allen Seiten kamen Leute auf mich zu und fragten, wo ich herkomme und wie ich heiße. Auch versuchten sie, mich mit allen möglichen Mitteln in Läden, Restaurants und sonstige Etablissements zu ziehen. Dieses übermäßige Bemühen um meine Person verstärkte meine Zweifel, ob es ratsam sei, sich auf eigene Faust auf den Weg zu machen. Vor meinem Auge standen noch die Warnungen vor ungebetenen Kontaktaufnahmen, die man in Thailand in jedem Hotelzimmer zu lesen bekommt.   

In dieser Unsicherheit avancierte ausgerechnet der Rickshawfahrer, von dem ich mich wegen seiner etwas undurchsichtigen Geschäftsabsichten eigentlich hatte trennen wollen, zu einer Art Bezugsperson. Mangels verlässlicherer Beziehungen kam ich auf sein Angebot einer Stadtrundfahrt zurück. Wir vereinbarten, dass er mir in drei Stunden die wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Dhaka zeigen solle. Es schien, dass er mit diesem „Großauftrag“ zufrieden war. 

Die Fahrt ging zunächst durch das großzügig geplante Regierungsviertel und zu dem mächtigen Parlamentsgebäude aus neuerer Zeit. Dessen monumentale Sichtbetonwände, mit denen das Land offenbar den Anschluss an die westliche Moderne demonstrieren wollte, waren allerdings inzwischen ziemlich schmutzig geworden, weswegen es ein wenig wie eine riesige Bauruine aussah. Der Zugang zum Haupteingang war im übrigen von Soldaten versperrt. Über dem Viertel kreiste ständig ein Hubschrauber.  

Weiter passierten wir allerhand koloniale Gebäude in parkartiger Umgebung – die Universität, Ministerien, Krankenhäuser und ähnliches. Der Rickshawfahrer fand dies nicht interessant. Er hielt vielmehr immer wieder vor Geschäftshäusern aus neuerer Zeit, erklärte, dass sie sehr schön seien und forderte mich auf, davon ein Foto zu machen. Die eher bescheidenen Gebäude gaben jedoch kein sonderlich gutes Bild ab, zumal wenn man die Situation mit Bangkok verglich, wo an jeder Ecke die extravagantesten Wolkenkratzer aus dem Boden schießen.  

Interessanter war schon der Bezirk des obersten Gerichtes, dessen Präsident bei festgefahrenem politischem Streit der Familienclans in der Vergangenheit immer wieder mal den Staatspräsidenten abgeben musste. Dort standen inmitten eines gepflegten Gartens ausladende, weiß schimmernde Pavillons und Säulengänge aus kolonialer Zeit, die ein wenig die Atmosphäre von Tausend-und-eine-Nacht vermitteln, – merkwürdiges Zeugnis des Versuchs der einstigen fremden Herren, ein Land mit den Mitteln des Rechts zu verwalten, dessen Staatskonstruktion auf einem gigantischen Unrecht basierte. Durch die Gänge, in denen zahlreiche Menschen auf den Fortgang ihres Verfahrens warteten, zog der strenge Geruch von Toiletten, deren technische Ausstattung seit kolonialen Zeiten vermutlich nicht weiter entwickelt wurde. Registraturen und Geschäftstellen reihten sich aneinander, in denen Scharen von Beamten unendliche Berge von zerfledderten Akten verwalteten. Auch hier dürfte noch mancher Vorgang in die Zeit vor der Selbständigkeit des Landes zurückreichen. Ich verweilte eine zeitlang in einen Sitzungssaal. Man verhandelte in unaufgeregt englischer Manier, indem man endlose Schriftsätze oder Präezedentien verlas. Nach kurzer Zeit kamen zwei Männer und forderten mich unter Verweis auf den kleinen Rucksack, in dem sich meine wenigen Utensilien, im wesentlichen meine Wasserflasche, befanden, auf, den Saal zu verlassen. Es sei verboten, irgendwelche Behältnisse in die Gerichtssäle zu nehmen; offenbar hielt man es nicht für ausgeschlossen, dass ich zur militanten Opposition gehören könnte.  

Weiter ging die Fahrt durch dichter bebautes Gebiet. Wir durchquerten einen Stadtteil mit zahlreichen Geschäften für technische Konsumgüter, wo alles was die Welt zu bieten hat, zu haben sein schien. Der verwaschene Schmuddelfarbton der Kleidung, der das Straßenbild von Dhaka weitgehend prägt, wich hier weitgehend heller Geschäftskleidung.  

Schließlich wurden die Straßen enger und wir tauchten in die Altstadt von Dhaka ein.  

Das Verkehrschaos, mit dem wir es bisher zu tun hatten, war ein mattes Vorspiel gegenüber dem, was jetzt folgen sollte. Durch die engen Gassen der Altstadt wollten ebenso viele Rickshaws, wie über die breiten Boulevards der kolonialen Viertel. Zu allem Überfluss wollten auch ein paar Lastwagen durch das Gewirr. Sie waren in der Altstadt aber völlig außer Proportion, weswegen sie alles verstopften. Der Rickshawfahrer versuchte sein Glück noch auf einigen Nebenwegen. Die Rickshaws quollen schließlich jedoch aus allen Winkeln. Bald war kein weiteres Durchkommen. Der Fahrer ließ sein Gefährt auf den Vordermann auflaufen, unser Hintermann lief auf uns auf. Die wendigen Motorradrikshaws versuchten noch die letzten Lücken zu nutzen, wobei sie eine Menge Lärm und Gestank produzierten. Dann stand – Vorderreifen auf Hinterachse – alles still; wer die Straße überqueren wollte, musste klettern. Ich befand ich im dichtesten Menschen- und Rickshawgewühl mitten in Dhaka. Durch meinen Kopf ging die Empfehlung der Botschaften, sich von größeren Menschenansammlungen fernzuhalten.  

Der allgemeine Stillstand gab mir Gelegenheit zu einem ersten eigenständigen Stadtausflug. Ich stieg aus der Rickshaw und erklärte dem Fahrer, dass ich ihn an der nächsten Kreuzung wiedersehen werde. Er war davon nicht begeistert – wahrscheinlich befürchtete er, ich könnte mich aus dem Staub machen. Da er mit seinem Gefährt aber im Stau festsaß, war er in einer ungünstigen Position. Die neugewonnene Freiheit nutzte ich zu einem ersten Einkauf. Unter intensiver Anteilnahme der einheimischen Bevölkerung erwarb ich einen Granatapfel. Beim Verspeisen dieser Frucht, die mir nicht sonderlich schmeckte, muss ich allerdings Fehler gemacht haben, was man mir offenbar auch signalisieren wollte. Ich verstand aber nicht, was man mir sagen wollte.  

Auch sonst ließ das Interesse an meiner Person nicht nach. Um das permanente Frage- und Antwortspiel nach meinem Personalien zu vereinfachen, legte ich mir den Namen „Peter Brown“ zu, der auch in Bagladesch leicht verstanden wird. Auf weniger Verständnis stieß zunächst meine Antwort auf die Frage nach meinem Herkunftsland, die ich wahrheitsgemäß mit „Germany“ beantwortete. Sie führte fast immer zu Ratlosigkeit und zu weiteren Fragen. Irgendwann merkte ich dann aber, dass ein ziemlich hart gesprochenes „Gärrmany“ die Fragesteller befriedigte. Im Laufe der Zeit stellte ich fest, dass sich das Interesse an meiner Person meist auf die genannten grundlegenden Fragen beschränkte. Rückfragen ergaben, dass die englischen Sprachkenntnisse gerade derjenigen, die sich besonders distanzlos an mich wandten, nicht viel mehr Konversation zuließen, als diese beiden Fragen zu stellen. In mir keimte daher der befreiende Gedanke, dass dem Bemühen der Einheimischen, mit mir in Kontakt zu kommen, möglicherweise keine üblen Hintergedanken zugrunde lagen. 

Der Rickshawfahrer war erleichtert, als er mich nach einiger Zeit wieder zu Gesicht bekam. Er versuchte das Besuchsprogramm allen Widrigkeiten des Verkehrs zum Trotz aufrechtzuerhalten. Die Sehenswürdigkeiten der Altstadt hielten sich allerdings in Grenzen. Mein Führer war zwar bemüht, mir die Bedeutung des einen oder anderen Gebäudes klarzumachen. Tatsächlich hoben sie sich aber meist nur dadurch hervor, dass alles andere noch weniger interessant war. Auch das Lalbagh Fort, das als Zeugnis aus der Zeit der Großmogulen besonders gepriesen wird, konnte mich nicht richtig begeistern. Es hat wenig von der Pracht, die diese großen Baumeister in Indien entfaltet haben, und lebt weitgehend von dem Namen des letzten großen Mogulkaisers Aurangzeb, der hier, am Rande seines Riesenreiches eine kleine architektonische Spur hinterließ.  

Die eigentliche Sehenswürdigkeit der Altstadt war die Altstadt. Es. war das Leben und Treiben der Menschen, die allgemeine Geschäftigkeit und die Art und Weise, wie man seine Angelegenheiten erledigte. Es waren die unzähligen Läden, Werkstätten und Spelunken, die verwitterten Reste einstmals prächtiger Bürgerhäuser, die hier und da aus den chaotischen Zweckbauten aus alter und neuer Zeit herausschauten; und es war die abenteuerliche Infrastruktur, die offenen Abwässerkanäle etwa, an deren Rändern die Rickshaws stets in der Gefahr des Absturzes entlangbalancierten, oder das Gewirr der Stromleitungen, das jeden westlichen Elektriker zur Verzweiflung gebracht hätte.  

Der alles bestimmende Eindruck war der von Fülle. Es gab nichts, was es nicht in Massen gab. In einem Viertel arbeiteten die Mechaniker. In den Ladenöffnungen saßen hier hunderte von Männern und bearbeiteten mit Hämmern und Feilen alle möglichen Metallteile, vielfach Geräte, die in einem Industrieland nur noch von Maschinen gefertigt werden. Dieses Viertel war von vielfältigen metallischen Klängen erfüllt. In einem anderen Viertel wurde ein Metall, das auf primitiven Kohleöfen zum Schmelzen gebracht wurde, in Formen gegossen. Dann kamen die Möbelhersteller, die überall hobelten und sägten. Es folgten die Altmaterialverwerter, die alles zu sammeln schienen, was irgendwo übrig geblieben war. Hier lagerten unzählige Flaschen, Autoteile, Papier und Plastikbehältnisse. Auf dem Markt für gebrauchte Kleider türmten sich Berge von Hosen, Hemden, Tüchern, Lunghis und Saaris. Es folgten ganze Straßenzüge mit Optikerläden, die unzählige Brillen ausgelegt hatten, und hunderte von Tuchhändlern, die Stoffe in allen Farben des Regenbogens, vornehmlich leuchtenden feilboten. Die Lebensmittelläden quollen über von allem, was das Land zu bieten hatte. Vor ihnen, halb auf der Strasse, hatte man in gewagten Pyramiden Obst und Gemüse aufgehäuft, nicht zuletzt Berge von Weintrauben und goldgelben Datteln; deren appetitanregender Anblick es mir außerordentlich schwer machte, mein hygienisches Vorsichtsprogramm durchzuhalten. Innen waren die Läden mit Säcken voller Getreide und Gewürzen gefüllt und rund um den „Eingang“ hingen Gloriolen aus bunten Tüten mit Gebäck und allerhand Knabberzeug (mangels vertrauensvollerer Angebote entschloss ich mich – das vermutlich nicht allzu üppige Essensangebot des Hotels Sundarbarn ausschlagend -, den Tag mit dieser eher trockenen Wegzehrung zu fristen). Dazwischen bucken die Tschapatibäcker ihre Fladen, indem sie flachgewalkten Teig an die heiße Innenwand eines großen Tongefäßes klebten. Nachdem sie knusprig wieder herausgeholt worden waren, wurden sie in düsteren Esshöhlen mit schwer zu identifizierenden Zutaten verspeist. Hier und da sah man in die Gebetsräume kleiner Moscheen, vor denen Männer – Frauen müssen offenbar weniger beten – sich die Füße wuschen.  

Inzwischen war es Mittag und warm geworden. Ich hatte Durst und bat den Rickshawfahrer, an einem Getränkeladen anzuhalten. Da er einiges gearbeitet hatte, hatte ich die Absicht, ihm eine Flasche Coca-Cola zu spendieren. Eine förmliche Einladung war aber nicht nötig, denn er bestellte schon von sich aus zwei Flaschen. Allerdings schien er dieses Getränk, das für seine Verhältnisse sicherlich unverhältnismäßig teuer war, nicht besonders zu mögen. Er leerte die Flasche nur teilweise, begab sich wieder zu seiner Rickshaw und überließ mir die Bezahlung. Als er dann aber auch noch anfing, den Beginn der dreistündigen Rundfahrt, die ja erst beim Touristenbüro begonnen hatte, auf einen Zeitpunkt zu verlegen, zu dem ich noch beim Frühstück im Hotel war, wurde mir klar, dass unsere Vorstellungen über die Gestaltung der Geschäftsbeziehung weit auseinander lagen. Fortan suchte ich daher nach einer Gelegenheit, ihn loszuwerden. Mein Mut hierzu resultierte nicht zuletzt daraus, dass mein Vertrauen in die einheimische Bevölkerung inzwischen so weit gestiegen war, dass ich glaubte, auch ohne ihn zurechtzukommen.   

Die gesuchte Gelegenheit ergab sich beim Besuch des Ahsan Manzil Museums, dem ehemaligen Palast des Nabobs von Dhaka. Der Rickshawfahrer, der offenbar noch immer die Befürchtung hatte, dass ich ihn sitzen lassen könnte, ließ mich diesmal nicht aus den Augen. Er kaufte selbst die Eintrittskarten, – sie kosteten ein Dreißigstel einer Flasche Coca Cola – und begleitete mich durch das Museum. Mittendrin erklärte ich ihm, dass die drei Stunden um seien. Ich gab ihm den vereinbarten Fahrpreis sowie, um einer Nachforderung vorzubeugen, die ich Hinblick auf seine ursprüngliche Verhandlungsstrategie befürchtete, einen großzügigen Zuschlag für die verauslagten Eintrittskarten. Er war mit dieser Lösung unserer Geschäftsbeziehung aber überhaupt nicht einverstanden und begann erwartungsgemäß mit Nachverhandlungen. Der Ort, den ich für die Kündigung gewählt hatte, war hierfür aber wenig geeignet – wir befanden uns gerade im Wohnzimmer des Nabobs. Zur Beendigung der Verhandlungen genügte daher ein energischer Hinweis auf unsere feste Vereinbarung und das dezidierte Vertiefen in die verschiedenen Fächer- und Ventilatorenmodelle, mit deren Hilfe der Nabob einstens Kühlung suchte.  

Das Museum war dem Leben des Nabobs gewidmet, der einen für asiatische Verhältnisse eher bescheidenen Lebensstil geführt zu haben schien. Das Gebäude ließ er sich im 19. Jahrhundert im europäisch-klassizistischen Stil erbauen. Es gilt in Dkaka als besonders prächtig. Seine weitläufige Anlage in einem großen Garten fällt auch deutlich aus dem Rahmen der Altstadt heraus. Mancher Spitzenbeamte der East India Company, von welcher der Nabob seine Anweisungen und seine Apanage erhielt, dürfte sich allerdings in England etwas besseres geleistet haben.  

Vom Palast des Nabobs waren es nur noch wenige Meter bis zum Buriganga-Fluß, einem Ableger der großen Himalaya-Flüsse, die durch regelmäßige Überschwemmungen für die Fruchtbarkeit des Schwemmlandes sorgen, aus dem Bagladesch im wesentlichen besteht, dadurch aber auch allerhand Probleme bereiten. Mit dem Erreichen des Flusses hatte ich, viel früher als erwartet, das Ziel erreicht, das ich mir in Dhaka gesetzt hatte. Nach der Darstellung der Dame vom Touristen-Büro sollte die Entfernung von dieser Institution ja zwanzig Kilometer betragen. In Wirklichkeit – nur der Himmel weiß, warum diese von den Schilderungen der Asiaten so häufig abweicht – waren es sechs bis sieben Kilometer.  

Ich hatte den Fluss in der Erwartung gesucht, dass er so etwas wie ein Kristallisationspunkt der Stadt sein würde. Dies war auch tatsächlich der Fall. Das Leben auf und um den Fluss übertraf alles, was Dhaka bislang zu bieten hatte. Die Ufer waren der Lande- und Lagerplatz von hunderten von Schiffen jeglicher Größe und jedems Zustandes. Selbst mitten im Fluss, der zweihundert Meter breit sein mochte, ankerten noch zahlreiche Schiffe. Am gegenüberliegenden Ufer befand sich eine Schiffswerft, wo hunderte von Händen man an zahlreichen halbfertigen Boot werkelteb. Überall wurde geladen und entladen, angelegt und abgelegt, gerollt und getragen. Im wesentlichen wurden die Güter auf dem Rücken der zierlichen Bagladeschi aus den Schiffen oder in dieselben transportiert. Die engen Gassen, die an das Ufer angrenzten, waren der gigantische Freiluftlagerplatz für die Versorgung der Riesenstadt.  

Etwa ein duzend bauchige Schiffe mit einer Läge von vierzig bis fünfzig Metern hatten an einer riesigen Landungsbrücke angelegt, auf die eine große Menschenmenge strömte. Bei diesem Anblick stieg in mir der bereits verworfene Plan wieder auf, mit einem Nahverkehrsboot ein Stück aus der Stadt zu fahren. Schließlich sollten nach einer Informationsbroschüre, die ich im Touristenbüros erhalten hatte, die meisten Bewohner des Landes auf den hohen Ufern der großen Flüsse leben. Ich ging dachte mir daher, dass man vom Boot eine besonders guten Einblick in das Leben der Landbevölkerung gewinnen müsste. Mit der Frage, welches Schiff wo hin und insbesondere wann wieder zurückfuhr, war das Personal, das am Eingang der Landungsbrücke Tickets verkaufte, allerdings sprachlich völlig überfordert. Ich schritt daher, ohne die Lage weiter zu klären, direkt zur Tat. Mit einem Ticket, das zu einem außerordentlich geringen Einheitspreis verkauft wurde, betrat ich die Landungsbrücke und begab mich zu den Schiffen. Wo so viele Boote abfahren, dachte ich, müssen auch viele zurückkommen. Notfalls könne ich, wie ich es in Bangkok praktiziert hatte, bis zur Endhaltestelle fahren und mit dem selben Schiff zurückkehren. 

Auf der Landungsbrücke herrschte größte Geschäftigkeit. Vor jedem Schiffe standen Ausrufer, die offensichtlich Mitteilungen über die Ziele der Schiffe machten, die ich aber nicht verstand. Ich begab mich auf ein Schiff, von dem ich, da es schon ziemlich voll war, glaubte, dass es bald abfahren werde. Wie alle Schiffe hatte es drei Decks, die von Eisenträgerkonstruktionen gehalten wurden. Weder außen noch innen gab es Wände, ebenso wenig eine Sitzgelegenheit. Die Passagiere ließen sich mit reichlich Gepäck und Proviant auf ausgebreiteten Tüchern auf dem Boden der Decks nieder.  

Wahrscheinlich veranlasste mich der Umstand, dass das Schiff wie ein mehrstöckiges schwimmendes Lager aussah, dazu, vor der Abfahrt doch noch den Versuch zu machen, Informationen über das Fahrtziel einzuziehen. Ich fragte einen Passagier, der einigermaßen Englisch konnte, wie lange das Schiff bis zur Endstation brauche. Er sagte, man müsse, vorausgesetzt es komme nichts dazwischen, was in diesen unruhigen Zeiten aber wahrscheinlicher als sonst schon sei, mit zwei Tagen rechnen. In diesem Moment machte man Anstalten zum Ablegen des Schiffes. In aller Eile raffte ich mich auf und sprang zurück auf die Landungsbrücke, gerade bevor der Spalt zwischen ihr und dem Schiff zu groß wurde. Mit dem Ticket hatte ich, wie sich herausstellte, nur das Betreten der Anlegestelle für die Fernschiffe bezahlt.  

Nachdem sich auf diese Weise klar geworden war, dass Dhaka, anders als Bangkok, auf dem Wasser kein Nahverkehrssystem besaß, begrub ich den Plan eines Ausfluges auf das Land ein weiteres Mal. Am Ende des Landungssteges fand sich dann aber doch noch so etwas wie lokaler Bootsverkehr. Dort tummelte sich eine große Zahl von Ruderbooten, die Personen transportierten. Als die Bootskapitäne mich wahrnahmen, ließen sie alles andere liegen und stehen und versuchten, mit mir ins Geschäft zu kommen. Kurz entschlossen einigten ich mich mit einem Bootführer auf eine Fahrt von einer halben Stunde. 

Auf dem schmutzigen Fluß, der träge dahinfloss, herrschte lebhaftester Schiffsverkehrs. In ameisenhafter Emsigkeit hielten mangels Brücke duzende von Ruderbooten dem Verkehr zum anderen Ufer aufrecht. Dabei stand der Ruderer wie bei einer venezianischen Gondeln am Heck des Schiffes und bewegte ein langes Ruder, das in einer Art Gelenköse auflag. Mit der gleichen Technik wurden, wenn auch von mehreren Personen, auch größere Lastkähne bewegt. Erst Boote von mehr als acht bis zehn Meter Länge waren mit einem Dieselmotor ausgerüstet, der aber so schwach war, dass man auch nicht viel schneller die geruderten Boote vorwärts kam.  

Der Kapitän meines Bootes hatte es naturgemäß nicht eilig. Wie überall in der Welt hatte die Vereinbarung eines Stundenlohnes die Verringerung des Arbeitstempos zur Folge. Er steuerte erst einmal einen der Dampfer an, die in der Flussmitte geparkt waren, und erledigte im Schutz der gewölbten Bordwand in aller Ruhe sein Toilettengeschäft. Danach dümpelten wir ziellos den Fluss hinauf.  

Ich bekam ich das Gefühl, kostbare Zeit zu vergeuden. Es ärgerte es mich, dass meine Planung für den Tag noch immer zu sehr unter dem Einfluss des Touristenbüros stand. In einer Art Befreiungsschlag kam ich daher zu dem Entschluss, mich aller Ratschläge zu entledigen und die drei Stunden, die bis zur Dämmerung noch verblieben, noch für den Versuch eines Landausfluges zu nutzen. Kurzentschlossen bat ich den Bootskapitän, mich wieder ans Ufer zu bringen. Als ich ihm den ausgehandelten Lohn übergab, fing er, obwohl die vereinbarte halbe Stunde noch nicht einmal vorbei war, an zu jammern und erweckte den Eindruck, als habe er ein ganz schlechtes Geschäft gemacht. Auch hier waren Nachverhandlungen nur durch energisches Verlassen des Bootes und zielstrebiges Erklimmen des Steilufers zu verhindern. 

Ich entschloss mich, eine Motorrickshaw zu mieten und mit dieser auf das Land zu fahren, eine Möglichkeit, welche meine diversen Berater merkwürdigerweise nie erwähnt hatten. Wahrscheinlich hatten sie vorausgesehen, welche Ratlosigkeit mein Versuch erzeugen würde, dieses Anliegen den Fahrern der Motorradrickshaws zu erklären, die am Rande eines Marktes auf Kunden warteten. Meine Bemühungen, das Problem zunächst einmal mit Hilfe von großen Gesten und der Karte des Touristenbüros zu verdeutlichen, hatten keinen Erfolg. Als nächstes rief ich nach dem altbekannten Kriterium der Kleidungsqualität Passanten herbei, die so aussahen, als wären sie der Englischen Sprache mächtig. Diese konnten mich aber ebenfalls nicht verstehen und zogen wieder andere hinzu. Dadurch entstand ein größerer Auflauf und eine allgemeine Diskussion, die aber zu keinem Ergebnis kam. Verzweifelt nahm ich schließlich Zuflucht zur Holzhammermethode. Ich wiederholte mein Anliegen unter Verwendung möglichst einfacher Worte mehr als ein duzend Mal. Nach einiger Zeit schien durch die Gruppe eine Art Aha-Effekt zu gehen. Die Sprecher begannen meine Worte in bestätigendem Tonfall zu wiederholen und die Sache schien geklärt.  

Nachdem die grundsätzlichen Dinge erledigt waren, begannen die Verhandlungen über den Fahrpreis. Es gab das übliche Hin und Her bis ich, um die Sache abzukürzen, ein Limit setzte und kategorisch erklärte, dass ich nicht bereit sei, darüber zu gehen. Die Fahrer schienen darob enttäuscht. Als ich aber den Abbruch der Verhandlungen signalisierte, stürzten gleich mehrere in ihre Rickshaws und kamen nach einer rasanten Kurve mit heulenden Motoren auf mich zu. Die Auswahl fiel auf den, der am meisten Englisch zu können schien. Dann ging es los.  

Das Grundprinzip einer Fahrt mit der Motorradrickshaw durch die Altstadt von Dhaka ist, jede Verkehrssituation mit dem größtmöglichen Elan anzugehen. Dichtes Gewühl wird mit Vollgas angefahren. Auf Hindernisse wird direkt zugegangen. Im allerletzten Moment erfolgt eine kurze Ausweichbewegung und der unvermeidlich scheinende Anstoß findet nicht statt. Des weiterer gibt es grundsätzlich keine Lücke, die eine Motorradrickshaw nicht finden könnte oder durch die sie nicht hindurch käme. Schafft sie es ausnahmsweise einmal nicht, dreht sie auf dem Punkt herum und fährt wieder zurück. Bodenhindernisse sind immer zu überwinden. Verläuft ein Kanalisationsgraben einmal quer über die Straße, so genügen dem dreirädrigen Gefährt zwei Steine im Graben, um darüber hinwegzukommen. Erst wird mit dem Vorderrad über einen Stein gefahren, dann wird die Rickshaw so gedreht, dass die Hinterräder über die beiden Steine fahren können. Wichtigste Regel für den Passagier ist, sich an den Stangen des Fahrgastkäfigs so zu verankern, dass er selbst bei abruptesten Wendungen noch Haltung bewahren kann. Außerdem sollte sichergestellt sein, dass der Kopf ausreichenden Abstand zur Decke hat, was für Europäer eine permanent gebückte Haltung bedeutet. Wer all dies berücksichtigt, kann eine Fahrt erleben, wie man sie von unkontrollierbar gewordenen Bergbahnen oder Wildwasserfahrten in Abenteuerfilmen kennt. 

Mein Fahrer schien ein besonderes Vergnügen daran zu haben, zu zeigen, wie gut er unerwartete Verkehrsentwicklungen meistern konnte. Er kurvte unverdrossen durch den dichtesten Verkehr, drehte mal hier wieder um und bog mal dort ab, ohne dass zu erkennen gewesen wäre, dass er ein bestimmtes Ziel oder auch nur die gleiche Himmelsrichtung angesteuert hätte. Nach einiger Zeit begann ich zu vermuten, dass er nicht so recht wusste, was er eigentlich tat. Dieser Eindruck verdichtete sich zur Gewissheit, als ich an Hand des Sonnenstandes bemerkte, dass wir eine längere Strecke, die wir gerade mühsam hinter uns gebracht hatten, auf anderem Wege wieder zurückfuhren. Ich bat ihn daher, am Straßenrand anzuhalten. An Hand der Touristenkarte machte ich ihm nochmals klar, dass ich nicht in der Stadt herumfahren, sondern aus ihr herauswollte. Wiederholt rief ich, indem ich die Richtung auf der Karte mit der Hand energisch unterstrich, dass ich „out, out“ wolle. Schließlich rief auch er ein ums andere Mal „out, out“ und machte ein Gesicht, als habe er endlich verstanden, was ich wolle. Ich hingegen verstand endlich, dass ich mit meinen ständigen Wiederholungen ihm und auch den hilfreichen Passanten am Marktplatz erst das Vokabular gegeben hatte, das bei mir den Eindruck entstehen ließ, als hätten sie mich verstanden.  

Mangels anderer Möglichkeiten versuchte ich mein Glück nochmals mit einem Passanten. Diesmal fand ich einen, dessen Englisch tatsächlich ausreichte, um mein Anliegen, das offenbar besonders schwer verständlich war, nachzuvollziehen. Er versicherte mir, dass der Fahrer jetzt wirklich wisse, was er zu tun habe. Tatsächlich hielt dieser in der Folge eine einigermaßen einheitliche Fahrtrichtung durch, was die Wahrscheinlichkeit, dass wir irgendwann einmal aus der Riesenstadt herauskommen würden, wesentlich erhöhte.  

Der Weg war kürzer, als zu erwarten. Kaum hatten wir die große Bagladesch-Chinesische Freundschaftsbrücke passiert, die den Buriganga Fluß im Süden der Stadt überspannt, waren wir auch schon auf dem platten Land. Einen Kranz von Slumsiedlungen und Industriegebieten, wie er Millionenstädte in Entwicklungsländern zu umgeben pflegt, gab es auf dieser Seite der Stadt nicht.  

Zu sehen gab es im wesentlichen Reisfelder, die aber zu dieser Jahreszeit nur zum Teil bestellt waren. Auf einigen Feldern grasten viele Kühe, die von ebenso vielen Hirten bewacht wurden. Wir fuhren durch Siedlungen, die, wiewohl die Stadt kaum mehr als einen Büchsenschuss entfernt war, sehr dörflich waren. Hier und da waren Moscheen malerisch auf Hügeln platziert. Über der sanft-grünen Landschaft, die von der Abendsonne vergoldet war, lag ländlicher Friede. Von politischer Unruhe schien man weit entfernt zu sein.

Lebensformen, die aus dem Rahmen dessen gefallen wären, was man überall in Asien sieht, waren im übrigen nicht auszumachen. Überraschend war allenfalls, dass das Land, in dem sich auf einem Gebiet von Zweifünfteln der Fläche Deutschlands 120 Millionen Menschen drängen, nicht den Eindruck machte, als sei es besonders dicht besiedelt. So weit der Blick reichte, konnte man mehr oder weniger baumlose Felder erblicken. Obwohl das freie Land somit wenig Besonderheiten zu bieten hatte, war ich nicht enttäuscht. Bekanntlich ist es ja manchmal wichtiger, eine Ungewissheit zu beseitigen, als eine großartige Entdeckung zu machen.  

Ich machte noch den Versuch, etwas von der Hauptstraße wegzukommen. Sobald wir die Überlandstraße, auf der erstaunlich wenig Verkehr herrschte, verlassen hatten, hatten wir aber mit riesigen Schlaglöchern zu kämpfen und kamen kaum mehr Schritttempo voran. Nach kurzer Zeit drehten wir daher um und kehrten auf die Hauptstraße zurück. Wir fuhren noch einige Kilometer ins Land hinaus. Dann wies der Fahrer darauf hin, dass durch Weiterfahren keine neuen Erkenntnisse zu erlangen seien. Er verwies auf den niedrigen Sonnenstand und machte deutlich, dass er vor Sonnenuntergang wieder in der Stadt sein wolle. Offensichtlich war auch er der Ansicht, dass es in der Stadt für mich sowieso interessanter sei.  

Zurück in Dhaka passierten wir, mitten in der Stadt, eine große Mülldeponie. Durch die gewaltigen Müllberge führten enge Gassen, in denen zahlreiche Hütten standen. In diesen lebten Menschen, deren Kleidung so schmutzig war, wie der Müll, mit dem sie arbeiteten. Unter den Bewohnern fiel mir ein Mädchen von vielleicht sechszehn Jahren auf. Es trug ein einfaches Gewand, das eine Farbe hatte, der kein Müll weiter zusetzen konnte. Auch Gesicht und Haare waren vom Abfall gezeichnet. Das Merkwürdige war, dass durch all den Schmutz eine auffallende Vitalität schien. Haltung, Teint, Figur und Habitus schienen den strahlenden Sieg über die hygienischen Herausforderungen der Umgebung zu signalisieren. Sie schien die Personifikation der darwinistischen Theorie vom Überleben der Stärksten zu sein.  

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich den Eindruck gewonnen, dass die Wohnverhältnisse in Dhaka im großen und ganzen geordnet seien. Jeder schien irgendein ein Dach über dem Kopf zu haben, mochte es darunter auch sehr einfach zugehen. Nicht weit vom Bahnhof, der, ähnlich wie das Parlamentsgebäude, im hypermodernen Betonstil gebaut ist, stieß ich nun aber auf einem stillgelegten Gleisgebiet auf eine große Ansammlung flacher Hütten, die mehr oder weniger aus Lumpen gebaut waren. Ihre Bewohner saßen im Freien auf dem Boden und kochten auf improvisierten Feuerstellen. Dazwischen liefen zahlreiche nackte Kleinkinder umher. Mitten in dieser Hüttensiedlung stand aber auch ein kleines Karussell, auf dem sich die Kinder tummelten. 

Anders als in allen den Vierteln, die ich soweit gesehen hatte, standen nun am Straßenrand immer wieder primitive Behausungen, meist niedrige Verschläge aus allerhand Gerümpel, die mit Plastikfolien abgedichtet waren. Daneben saß auf dem Trottoir eng beieinander jeweils die vielköpfige Familie, die dazu gehörte. Als wir an einer Kreuzung anhalten mussten, kamen zwei schmutzige kleine Kinder an die Rickshaw und bettelten unter dem Vorwand, Blumen verkaufen zu wollen. Ich gab ihnen etwas von dem Gebäck, das ich in der Altstadt als Wegzehrung erstanden hatte. Dies sprach sich sofort herum und es kamen weitere Kinder, die von mir erst abließen, als klar war, dass mein gesamter Vorrat verteilt war.  

Kurz vor Beginn der Dunkelheit verabschiedete ich den Rickshawfahrer: Ich wollte noch einen kleinen Spaziergang auf eigene Faust machen. Als ich ihn vereinbarungsgemäß bezahlte, führte auch er sich auf, als er geschehe ihm ein großes Unglück. Da alle meine Transportgeschäfte auf diese Weise endeten, begann ich mich zu fragen, ob ich etwa so gut verhandelt hatte, dass die Bagladeschi bei den Geschäften nichts verdienten. Wahrscheinlicher schien mir dann aber, dass ich so schlecht verhandelte, dass sie meinten, ich würde alles zahlen. 

Aus dem kleinen Spaziergang wurde eine lange Wanderung. Ich kam noch einmal durch die kolonialen Viertel, die jetzt ziemlich ausgestorben waren. Ganz Dhaka dränge sich in der Altstadt. Und dort war ein orientalisches Treiben, wie man es sich nicht bunter vorstellen kann. Nicht nur dass alle Läden geöffnet hatten. Zusätzlich hatten sich in den engen Straßenmärkte mit Ständen gebildet, die vor Waren überquollen. Dazu war die Szenerie in „bengalisches Licht“ getränkt. Zahlreiche Geschäfte hatten sich mit einem Schleier von elektrischen Kleinstlichtern in den buntesten Farben geschmückt.  

Ich ließ mich von der Menge treiben, in der es jeder eilig zu haben schien. Dass Bagladesch im Spannungszustand sei und man sich von Menschenmassen fern halte solle, war ebenso vergessen, wie die Befürchtung, ich könnte Opfer irgendwelcher Machenschaften werden. Die Menschen, unter denen nach wie vor kein weiterer Europäer zu sehen war, waren so offensichtlich arglos und freundlich, dass sich auch die letzten Befürchtungen in Nichts auflösten.  

Irgendwann hatte ich die Orientierung völlig verloren. Ich ging daher in einen Optikerladen und fragte, wie man zum Buriganga-Fluß komme. Obwohl die Verkäufer nicht schlecht English sprachen, schien man mich zunächst nicht zu verstehen. Ich verdeutlichte mein Anliegen daher an Hand der Stadtkarte, auf der der Fluß blau und außerdem Schiffe eingezeichnet waren. Es hieß, dass ich zum Fluß eine Fahrradrikshaw nehmen müsse. Die Fahrt würde etwa 20 Minuten dauern. Als ich dann aber um die nächste Ecke ging, befand ich mich unmittelbar vor der Landungsbrücke. Erneut stand ich vor dem asiatischen Rätsel. Viele Probleme hatten sich im Laufe dieses merkwürdigen Tages gelöst, viele Ängste und Vorurteile aufgelöst. Dieses Rätsel, das wurde klar, würde ungelöst bleiben.  

An der Landungsbrücke war um diese Zeit – es war mittlerweile 22 Uhr – nicht weniger Betrieb als am Mittag. Noch immer strömten zahlreiche Menschen auf die Schiffe. Ruderboote überquerten den pechschwarzen Fluss, auf dessen anderem Ufer jetzt ein größeres Etablissement mittels einer riesigen Wolke aus bunten Lichtern auf sich aufmerksam machte. Viele Menschen hatten sich in der Umgebung der Landungsbrücke, aber auch auf dieser selbst, in schmuddelige Tücher gehüllt zum Schlafen gelegt.  

Ich fuhr mit einer Motorradrickshaw zurück zum Hotel Sundarban. Vor dem Hotel saß der Fahrer meiner Fahrradrickshaw und fragte mit vergnügter Miene, ob ich eine Rickshaw benötige. Ich schloss daraus, dass unsere Geschäftsbeziehung nicht zu seinem Schaden gewesen war, was mich irgendwie beruhigte. 

Am Hotelschalter versicherte man mir, dass der Biman-Flug nach Frankfurt stattfinde und pünktlich sei. Rechtzeitig stand ein Bus bereit, dessen einziger Passagier ich war. Am Flughafen erhielt ich, allen Befürchtungen zum Trotz, meinen Pass zurück. Die Maschine startete zum vorgesehenen Zeitpunkt. Der Flug war ohne Besonderheiten.  

Nichts gegen Biman Bagladesch, dachte ich schließlich. Dass die Fluglinie einen schlechten Ruf hat, wirkte sich nur insofern aus, als das Flugzeug ziemlich leer war und mir daher auf dem langen Nachtflug ein bequemes Bett aus fünf Sitzen zur Verfügung stand.   

Zwölf Stunden später war ich zurück in Europa, wo mir manches merkwürdig vorkam. Mehr oder weniger angenehm fiel mir vor allem der Stellenwert auf, den man hier der Ordnung einräumte. In den Zeitungen las man in den folgenden Tagen eine kurze Notiz, wonach in einem fernen Land namens Bagladesch, unter dem sich niemand so recht etwas vorstellen kann, ein Generalstreik stattgefunden habe und Wahlen mit einer Beteiligung abgehalten worden seien, an denen nur zwanzig Prozent teilgenommen hätten. Die Wahl hätte die Regierungspartei gewonnen. Einige Wochen später hörte man, dass die Wahlen wiederholt würden. Zwei verfeindete Damen hätten sich darauf geeinigt, die Regierung für die Zeit des Wahlkampfes einem Treuhänder zu übergeben. Sollten ausgerechnet zwei Frauen aus einem islamischen Land fern im Osten, das als besonders rückständig gilt, einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Demokratie geleistet haben, auf den die Herren dieser politischen Schöpfung des Westens bisher noch nicht gekommen sind?

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