1717-23 Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) – Orchester-Ouvertüren

Bachs Orchesterouvertüren, von denen vier erhalten geblieben sind, sind wohl in seiner Zeit als Leiter der Kammermusikdienste am Hof Fürst Leopolds von Anhalt-Köthen entstanden. Nach dort war der Komponist im Jahre 1717 von Weimar gekommen, wo er die Stelle des Hoforganisten innehatte. Weimar hatte er aus Verärgerung darüber verlassen, daß er bei der Neubesetzung der ersten Kapellmeisterstelle übergangen worden war. Der dortige Fürst, der trotz der Zurückstellung Bachs offenbar wußte, was er an ihm hatte, wollte ihn allerdings zunächst gar nicht gehen lassen. Bach scheint daraufhin mehr als seinerzeit ziemlich auf seine Entlassung gedrängt zu haben. Am 6. November 1717 jedenfalls, so ergibt sich aus einem überlieferten Aktenvermerk, wurde er "wegen halsstarriger Bezeugung von zu erzwingender Demission" von einem Landrichter, der das Pech hatte, Recht und Musik nicht unter einen Hut bringen zu können, verhaftet und erst nach vier Wochen wieder freigelassen.

 

Zu Bachs Kompositionen der Köthener Zeit gehören einige seiner bedeutendsten Kammermusikwerke, Kompositionen, die von Spieler und Hörer eine intensive Auseinandersetzung verlangen. Daneben hat Bach in Köthen aber auch höfische Unterhaltungsmusik wie die Orchester-Ouvertüren geschrieben. Die Ouvertüren, so genannt nach dem dominierenden Einleitungssatz, sind Folgen (Suiten) von Tanzsätzen aus verschiedenen Ländern Europas, in denen sich die Grazie und die Eleganz des internationalen höfischen Barocks spiegelt. Goethe, so wird berichtet, habe, als ihm der junge Mendelssohn im Jahre 1830 einen der Einleitungssätze vorspielte, vor seinem geistigen Auge eine Reihe geputzter Leute feierlich eine große Treppe heruntersteigen sehen.

 

In diesen heiteren Werken ist nicht der deutsch-tiefsinnige Grübler, sondern ein weltmännischer Europäer am Werk. Wie bei Bach selbstverständlich ist die Musik bei aller Volkstümlichkeit aber mit kunstvoller polyphoner Gestaltung verbunden. Die Besonderheit der 4. Suite ist die „venezianische“ Mehrchörigkeit, bei der drei homogene Quartette, bestehend aus Blechsatz mit Pauken, Holzbläsern und Streichern, miteinander konzertieren.

 

Darüber hinaus hat Bach den tradierten Formen auch hier gelegentlich ganz Außergewöhnliches abgewonnen. So sprengt die „Air“ der D-Dur Suite (Nr. 3), die zu Bachs vielleicht populärstem Werk werden sollte, die Grenzen der bis dato bekannten Ausdrucksmöglichkeiten und weist in eine romantische Zukunft hinein.

 

Mit den Werken, die in Köthen entstanden, hat sich Bach an die Spitze der Entwicklung der europäischen Instrumentalmusik gestellt. Tief in Inneren ist er jedoch Vokal- und insbesondere Kirchenmusiker geblieben. Bereits im Jahre 1720 drängte es ihn wieder auf einen Organistenstuhl. Daher verhandelte er mit der Gemeinde St. Jakobi in Hamburg, wo damals das wichtigste Musikzentrum Norddeutschlands war, über die Übernahme des dortigen Kantorenamtes. Zum Glück für die Liebhaber seiner Instrumentalmusik zog er aber im letzten Moment zurück, so daß er bis 1723, als er mit dem Amt des Thomaskantors in Leipzig eine der großen kirchenmusikalischen Stellen Deutschlands übernahm, in Köthen weitere bedeutende Instrumentalkompositionen schreiben konnte. Sein Interesse an der Hamburger Stelle hatte allerdings zur Folge, daß ein gewisser Johann Joachim Heitmann, über den in musikalischer Hinsicht sonst nichts weiter zu berichten ist, in die Fußnoten der Musikgeschichte einging. Er verdankt dies der Tatsache, daß er nach Übernahme der Kantorenstelle 4.000 Mark an die Gemeinde St. Jakobi spendete, was ihn in den Verdacht brachte, auf diese Weise den großen Johann Sebastian Bach ausgestochen zu haben.

Weitere Texte zu Werken von Bach und von rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

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