Verschlossene Bedürfnisanstalt – ein Gruß aus dem Reich der Mitte

 

Als ich dieser Tage um den West-Lake von Hangzhuo spazierte, kam mir der Marienplatz in Stuttgart in den Sinn. Ich weiß, dass der Vergleich von Stuttgart und Hangzhou und des West-Lakes mit dem Marienplatz nicht ganz fair ist. Hanghzou ist mehr als zehn Mal so groß wie Stuttgart und sein See ist eine der großen Touristenattraktionen für die Chinesen. Auch stellte schon Marco Polo fest, dass Hangzhou die schönste und prächtigste Stadt der Welt sei, was von Stuttgart noch niemand behauptet hat. Da aber das Lob Marco Polos schon 700 turbulente Jahre zurückliegt und Hangzhou in der Reihe der Städte Chinas der Größe nach ähnlich platziert ist wie Stuttgart in Deutschland, scheint mir der Vergleich doch nicht so übertrieben. Dies gilt um so mehr, als die Sache, die meine Aufmerksamkeit erregte, bei allem Unterschied in beiden Städten sehr ähnlich ist. Hier wie dort war die Aufgabe, einen „Platz“ zu bauen, an dem sich die Menschen treffen und sich ihres Lebens freuen können. In Hangzhou ging es dabei um die Gestaltung der Ufer des West-Lakes, in Stuttgart um den Marienplatz. Beide „Plätze“ sind, auch das verbindet sie, nach einer Zeit der Vernachlässigung in den letzten Jahren völlig neu gefasst worden. Was mich ins Grübeln brachte, war, dass das Ergebnis so völlig unterschiedlich ausfallen konnte.

 

Im Hangzhou hat man am Ufer des Sees eine Vielfalt von grünen Anlagen mit abertausenden frisch gepflanzten Bäume geschaffen, die locker um natürliche und künstliche Gewässer gruppiert sind. Dazu gehören dramatisch wilde Steingärten, idyllische Miniaturlandschaften, von Säulen umstandene Plätze, verspielte Pavillons und Pagoden, buckelige Brückchen und rechtwinklig gezackte Stege mit Geländern, auf denen zahlreiche, jeweils unterschiedliche Löwenfiguren stehen; außerdem lange Dämme und allerhand sonstige Monumente. Alles ist bewegt und von einer ausgeklügelten Asymmetrie, weswegen der Blick immer wieder neue Haltepunkte und Perspektiven findet. Selbst in den Natursteinbelag der geschlängelten Wege hat man allenthalben handgearbeitete Steinreliefs mit figürlichen Szenen eingelegt, von denen keines dem anderen gleicht. Das Ganze ist mehr oder weniger im traditionellen chinesischen Stil gehalten. Die Anlagen werden von tausenden gutgelaunten Menschen bevölkert.

 

Den Marienplatz in Stuttgart, die Mitte eines großen Stadtteiles, der sich rund herum die Hügel hinaufzieht, hat man völlig leer gelassen. Das weite Rund ist mit rauen gelben Kunststeinplatten bepflastert, die nur von rasterartig angebrachten Regenrinnen unterbrochen werden. Eingefasst ist es von einer dicken Sichtbetonwand, deren einziger Schmuck kleine runde, symmetrisch angebrachte Vertiefungen sind, die so aussehen, als seien sie von einem Maurerlehrling angebracht worden, auf dessen Ausbildungsplan gerade Übungen im Fräsen von Löchern in hartem Beton standen. Vor der Wand liegen in regelmäßigen Abständen einfache dunkle Betonklötze, welche die Menschen dazu veranlassen sollen, sich niederzulassen. Sie sind so massiv, als habe der Platzarchitekt sicherstellen wollen, dass sie keinesfalls bewegt werden. An den Rand des Platzes, wo sich auch ein paar Bäume finden, hat man einen Spielplatz gelegt, der ebenfalls von dicken grauen Betonwänden eingerahmt wird. Aus schmucklosen Edelstahlöffnungen in der Wand fließt hier Wasser in eine rechteckige Wanne, in der ein paar geglättete Felsbrocken liegen. An einer anderen Ecke des Platzes sind ein paar symmetrische gepflasterte Bodenwellen zu sehen, deren Sinn nicht ohne weiteres zu erkennen ist. Ansonsten findet sich nicht viel, was das Auge anziehen könnte oder was ihm gar vertraut wäre. Am ehesten ist dies noch bei dem Toilettenhäuschen der Fall, das ebenfalls am Rande des Platzes aufgestellt wurde. Ein Industriedesigner hat es in einem gestalterischen Geniestreich in einem kompakten, eleganten Oval untergebracht. Kopf und Fuß des Pavillons sind durch senkrechte Rillen verbunden, die an die Kanneluren klassischer Säulen erinnern. Seine Türe öffnet sich allerdings nur dem, der im dringenden Moment das nötige Kleingeld zur Verfügung hat. Der Platz ist, wie die Bedürfnisanstalt, meist leer. Die Menschen scheinen nicht so recht zu wissen, was sie damit anfangen sollen.

 

Wir haben uns am westlichen Ende des eurasischen Kontinents fast schon daran gewöhnt, dass neu geschaffene Plätze so ähnlich wie der Marienplatz aussehen. Beim Blick vom anderen Ende des Kontinents drängte sich mir nun aber mit einer Vehemenz, die mich erstaunte, der Verdacht auf, dass bei uns irgendetwas falsch gelaufen ist, dass wir so etwas wie die Mitte verloren haben.

 

Ich will einmal, obwohl man sich bei der Mentalität unserer Stadtgestalter da keineswegs sicher sein kann, unterstellen, dass die Erbauer des Marienplatzes nicht die Absicht hatten, die Menschen, für die der Platz geschaffen wurde, ratlos zu machen. Gerade dann stellt sich aber die Frage, wieso es ihnen nicht gelungen ist, einen Platz bauen, der den Bedürfnissen der Menschen dient, der sie auf seine Mitte zieht, mit anderen Worten, auf dem sie sich wohl fühlen. Nachdem sich mir die Frage aus der chinesischen Perspektive stellte, habe ich meine Hoffnung darin gesetzt, aus diesem Blickwinkel auch die Antwort zu erhalten. Ich muss allerdings gestehen, dass ich den Umweg über Ostasien ein wenig auch deswegen einschlage, weil ich hoffe, so den vollkommen „logischen“ kulturgeschichtlichen, praktischen und ökonomischen Begründungen aus dem Weg gehen zu können, die unsere Stadtgestalter ohne Rücksicht auf das konkrete Ergebnis für ihre Lösungen immer parat haben.

 

Ich weiß nicht, ob es ein Zufall ist, dass mir beim Gang um den West-Lake gerade der Marienplatz in Stuttgart eingefallen ist. Schließlich gibt es in Deutschland und in allen anderen „westlichen“ Ländern unendlich viele Plätze, die ähnlich unwirtlich wie der Marienplatz sind. Möglicherweise hat es damit zu tun, dass ich einige Tage zuvor in Chinas alter Hauptstadt Xian unerwartet mit der Figur Marias konfrontiert worden war und dabei ein aufschlussreiches Beispiel dafür gefunden hatte, wie unterschiedlich am östlichen und westlichen Ende des Kontinentes die Vorstellungen darüber sind, was für die Menschen wichtig ist.

 

In der steinernen Bibliothek des alten Konfutius-Tempels von Xian, wo die klassischen Schriften Chinas in hunderten von meterhohen Steinblöcken eingemeißelt sind, ist auch eine Stele mit einem Dekret des Tschang Kaisers Tiazong aus dem Jahre 638 unserer Zeit, das sich mit einem typischen Phänomen der Kultur des Westens befasst (zu dem aus ostasiatischer Sicht auch der wüstenhafte Nahe Osten gehört, aus dem ja so Vieles stammt, was den Westen von alters her prägt). Es geht darin um die christliche Gruppierung der Nestorianer, die, von eifernden Glaubensbrüdern vertrieben, seinerzeit über die Seidenstrasse bis in den fernen Osten gekommen waren. Die Nestorianer lagen bekanntlich mit den Mehrheit der Christen über eine Frage im Streit, die etwas mit der Rolle Marias zu tun hatte. Es ging um die Doppelnatur Jesu als Gott und Mensch und die daraus resultierende Frage, ob Maria nur die Mutter Jesu als Mensch war, was die Nestorianer postulierten, oder auch soweit er Gott war, was die Gegenseite meinte. Über dieses Problem wurde in der Christenheit so erbittert gestritten, dass Kaiser Theodosius II. im Jahre 431 alles was Rang und Namen hatte zu einem Konzil nach Ephesus rief, um darüber grundlegend zu beraten. Die Versammlung, die wegen der Bedeutung der Frage, die zu entscheiden war, eines der großen Ereignisse der (Kirchen)Geschichte wurde, endete mit einer Verurteilung der Nestorianer.

 

Im Westen bedeutete das Unterliegen in Fragen dieser Art für die Verlierer meist nichts Gutes. Sie wurden, wenn sie nicht nachgaben, exkommuniziert, das heißt aus der großen Gemeinschaft ausgeschlossen, und erbittert verfolgt. Später, als sich die politische Macht noch enger mit derart abstrakten Fragen verband, hat man diese nicht gerade gemeinschaftsfördernde Art ihrer Behandlung im Westen vollends auf die Spitze getrieben und in diesem Zusammenhang Kriege geführt, die bis zu dreißig Jahre dauerten und ganze Länder verwüsteten; all das, weil einige Menschen in Fragen eine eigene Meinung vertraten, auf die es meist schon deswegen keine eindeutige Antwort geben konnte, weil bereits die Fragen nicht wirklich zwingend waren.

 

Was mir nun auffiel, war, dass die Chinesen an der Frage, die den Christen seinerzeit so überaus wichtig war, offenbar überhaupt kein Interesse hatten. Denn auf der Stele ist von den gewichtigen Problemen, die man im Westen diskutierte, nichts vermerkt. Vielmehr heißt es über die Nestorianer: „Wir finden sie exzellent und belebend für die Menschheit. … Die Amtsträger der neuen Religion haben weder Männer noch Frauen als Sklaven, sie betrachten die Menschen, ob sie adelig sind oder dem gemeinen Volk angehören, als gleichwertig, was ihre Würde anbelangt. Sie häufen weder Schätze noch Reichtümer an und geben mit ihrem Leben ein Beispiel an Armut und Verzicht.“ Die Chinesen interessierte also nicht, welchen Theorien die Nestorianer anhingen, sondern, wie sie sich in der Gesellschaft konkret verhielten.

 

Der Text auf der Nestorianer-Stele erinnerte mich an eine Passage aus dem altchinesischen Buch der Riten, welches übrigens ebenfalls auf den Stelen von Xian eingeritzt ist. In diesem Werk, das die Tradition Konfutius zuschreibt, wird die – in die Vergangenheit projizierte – chinesische Vorstellung vom idealen Zustand des Menschen wie folgt beschrieben: „Die Alten fanden ein Ende in Frieden, die Kräftigsten angemessene Verwendung, die Jungen ungehindertes Wachstum, die Verwittweten, die Waisen, die kinderlosen Alten und die Verkrüppelten fürsorgliche Pflege. … Brauchbare Dinge wegzuwerfen verabscheute man; doch man hob sie nicht etwa für sich auf. Seine Kräfte zu schonen, verabscheute man, doch darum gebrauchte man sie nicht etwa zum eigenen Vorteil. So erübrigten sich Ränke und Hinterlist. Raub, Diebstahl und Gewalttätigkeit gab es nicht. Man brauchte auch nicht die Tore zu schließen“.

 

Auch an dieser (Ideal)Vorstellung, die unter der Bezeichnung „Große Gemeinsamkeit“ den gesamten (konfuzianischen) Hauptstrom der Sozialgeschichte des chinesischen Kulturkreises durchzieht, fiel mir auf, dass sie sich auf das wirkliche Leben des Menschen bezog und daher konkret und detailreich war. Merkwürdig war dies deswegen, weil wir im Westen von alters her daran gewöhnt sind, uns den idealen Zustand des Menschen vollkommen anders vorzustellen. Im christlichen Westen hat man sich insoweit für die Vergangenheit das Paradies und zusätzlich für die Zukunft den Himmel ausgedacht. Dort aber wäre das Leben alles andere als konkret. Das zeigt sich etwa daran, dass man sich nicht vorstellen kann, was man hier den – unendlich lieben langen – Tag mit sich anfangen soll. Denn fast alles, was uns auf Erden in Bewegung hält, soll dort ja nicht wichtig oder nicht nötig sein. Ein soziales Leben, das überhaupt erst durch die Höhen und Tiefen des menschlichen Daseins entsteht, findet in dieser „Welt“ nicht statt. Arbeiten und für sich und die Seinen zu sorgen, gilt geradezu als Vertreibung aus dem Paradies. Im christlichen Paradies und im Himmel herrscht so etwas wie soziale Abstraktion. Beide Plätze sind völlig leer.

 

Dass man Dinge von so grundsätzlicher Bedeutung in Ost und West derart unterschiedlich anschaut, ist offenbar kein Zufall. Wenn man sich der Frage einmal bewusst ist, stellt man fest, dass sich die unterschiedliche Sichtweise jeweils wie ein roter Faden durch die beiden Kulturen zieht. Ein besonders anschauliches Beispiel hierfür ist schon die Schrift. Die Piktogramme, mit denen die Chinesen kommunizieren, haben noch eine gewisse Beziehung zu den Tatsachen, die sie ausdrücken (weswegen die chinesische Schrift so außerordentlich detailreich ist). Im Gegensatz dazu hat die Buchstabenschrift des Westens die Verbindung zu den Tatsachen gänzlich gelöst. Sie ist vollkommen abstrakt und für sich gesehen ohne irgendeine Bedeutung.

 

Der Schriftgestaltung wiederum entspricht die Struktur der jeweiligen Sprachen, die völlig unterschiedlich mit abstrakten Sachverhalten umgehen. In unseren Sprachen ist es ein Leichtes, Abstraktionen auszudrücken. Hier wird durch Hilfsworte oder angefügte Silben jeweils klargestellt, ob ein Wort einen konkreten oder abstrakten Tatbestand ausdrücken soll (etwa: ich denke – das Denken). Die chinesische Sprache hat mit Abstraktionen aber einige Probleme. Sie kennt nur einsilbige Vollwörter, die nicht gebeugt werden können. Damit gibt es keine grammatikalische Möglichkeit, abstrakte Begriffe von Worten mit konkreter Bedeutung zu scheiden. Die Folge ist, dass abstrakte Sachverhalte stellvertretend durch die Schilderung konkreter Ereignisse oder Verhältnisse, also an Hand von Beispielen ausgedrückt werden müssen (weswegen im alten China, da man die Beispiele immer aus der Geschichte nahm, „Gesetzbücher“, die ihrer Natur nach mit Abstraktion arbeiten müssen, die Form von Geschichtswerken haben).

 

Die unterschiedliche Denkweise der beiden Kulturen spiegelt sich nicht zuletzt in der Vorstellung von der höchsten Autorität. Im Westen steht an der Spitze der Welt meist ein nicht näher bestimmbares Wesen, das alles kann und beherrscht und somit über allem steht. Es ist eine der Wirklichkeit der Menschen entrückte, mit anderen Worten eine abstrakte Figur. Ein solches Wesen ist naturgemäß perfekt. Aus seiner Konzeption folgt mit einer gewissen Notwendigkeit der Anspruch, absolut zu sein. Die Menschen, die sich mit einem solchen Wesen verbunden fühlen, neigen daher dazu, die Dinge eher grundsätzlich, also radikal anzugehen. Und das heißt tendenziell, dass die konkreten Bedürfnisse des Einzelnen schon einmal unter die Räder kommen können.

 

Bei den alten Chinesen sind die höchsten Autoritäten hingegen Menschen. Sie werden zwar dadurch über das Normalmaß erhöht, dass man sie gerne als mythische Führerfiguren in einer idealen Vergangenheit ansiedelt. Auch hat man ihnen, um normative Sachverhalte „dingfest“ zu machen, nachträglich manches Vorbildliche zugeschrieben, von dem man wünschte, dass sie es gesagt, getan oder geschrieben hätten. Beispiele hierfür sind etwa Urherrscher wie der Gelbe Kaiser aber auch Normsetzer und Weise wie Konfutius oder Laotse. Dennoch handelt es sich bei ihnen letztlich um konkrete Menschen. Und da Menschen grundsätzlich nicht frei von Irrtum sind, begünstigt eine solche Konzeption von Autorität natürlich nicht die Entwicklung von Absolutheitsvorstellungen. Aus diesem Grunde hat man sich im Osten nicht nur nicht sonderlich für so abstrakte „Sachverhalte“ interessiert wie die Frage nach dem Sinn des Lebens oder nach einer letzten Ursache, etwa eines Schöpfers (ein Problem, das man in unserer transatlantischen Dependance noch heute für eines der wichtigsten hält). Man hat auch die Weltanschauung grundsätzlich nicht für wichtiger als das Wohl der konkreten Menschen gehalten. Insbesondere hat man Menschen wegen solcher Fragen nicht verfolgt oder verjagt und schon gar nicht deswegen Kriege geführt.

 

Mir ist natürlich klar, dass man diesen Beobachtungen entgegen halten wird, auch die Chinesen seien immer wieder der Faszination lebensferner Theorien erlegen. Man wird dabei vor allem die vielen blutigen Aufstände der Geheimgesellschaften anführen, die von nicht eben weltnahen Endzeitphantasien gespeist wurden, oder die bizarre Episode der Taiping-Sekte im 19. Jh., die den opferreichsten Bürgerkrieg der Weltgeschichte auslöste. Und natürlich man kann man nicht übersehen, dass China erst kürzlich unzählige konkrete Menschen auf dem Altar der kommunistischen Doktrin und ihrem Absolutheitsanspruch opferte.

 

Diese (theoriebefrachteten) Exzesse waren aber offenbar so etwas wie Unglücksfälle der Geschichte des zweifellos etwas behäbig in sich selbst ruhenden Reichs der Mitte. Sie haben ihren Grund nicht in einer Neigung zu übermäßiger Abstraktion und zu Absolutheit, sondern in einem Mangel an Erfahrung im Umgang mit derartigen Formen des (sozialen) Denkens. Darauf deutet nicht zuletzt die Tatsache hin, dass bei diesen Unruhen, die meist aus aktuellen regionalen Problemen wie Hungersnöten oder Naturkatastrophen resultierten, in der Regel fremde Ideen im Spiel waren. Die Endzeitszenarien der Geheimgesellschaften beruhen, wie uns die Historiker versichern, weitgehend auf Vorstellungen, welche von Westen, nicht zuletzt aus dem notorisch theorielastigen Indien nach China eingesickert waren. Ihre Anführer waren aus chinesischer Sicht Exzentriker, die aus dem Rahmen des „Reichs der Mitte“ gefallen waren. Tatsächlich glaubten sie auch meist, dass sie „nicht von dieser Welt“ seien (einer hielt sich gar für die Inkarnation eines Sternes). Das Gedankengut der Taiping-Sekte war, wenn auch auf ziemlich verquere Weise, mit christlichen Elementen durchsetzt. Ihr Gründer hielt sich für einen Bruder von Jesus (was ziemlich komplizierte neue Fragen über die Mutterrolle Marias aufwerfen musste, über die sich die Chinesen allerdings auch hier keine großen Gedanken machten).

 

Insbesondere der Umgang mit der sozialistischen Theorie, einem mehr oder weniger ungefilterten Westimport, zeigt, wie wenig die Chinesen unsere Art des Denkens zu handhaben wussten. In der Kulturrevolution ist bei ihnen die Theoriegläubigkeit völlig außer Kontrolle geraten, weswegen sie im Furor der Abstraktion nicht nur so etwas wie eine soziale Wüste produziert, sondern auch die meisten konkreten Zeugnisse ihrer langen Geschichte zerschlagen haben. Dass dies eine Entgleisung war, die für das chinesische Denken ganz untypisch ist, zeigt die Tatsache, dass man kurz darauf die Dinge wieder zurückdrehte und daran ging, alles genau so wieder aufzubauen, wie es einmal war (wobei auch der Weltweise Konfutius, den man schon ziemlich demontiert hatte, wieder zu Ehren kam). Ein besonders eindrucksvolles Beispiel hierfür ist Hangzhuo, wo man in den letzten Jahren die zerstörten Tempel, Pagoden und Anlagen mit viel Liebe für das Detail, welches in langer Zeit gewachsen war, wiederhergestellt hat.

 

Damit bin ich nach einem Exkurs, der manchen angesichts der konkreten und scheinbar begrenzten Frage, die ich eingangs gestellt habe, vielleicht so übertrieben vorkommt, wie der Vergleich zwischen Hangzhou und Stuttgart – ich bin also wieder bei den Anlagen um den West-Lake (der eigentlich East-Lake heißen müsste) angelangt und letztendlich auch wieder beim Marienplatz. Aus der Sicht vom anderen Endes des eurasischen Kontinents lautet die Antwort auf die Frage, warum die Stuttgarter Platzarchitekten nicht in der Lage waren, einen Ort zu schaffen, an dem sich die Menschen wohl fühlen: es muss etwas damit zu tun haben, dass man sich, alten westlichen Neigungen folgend, in abstrakten Theorien verfangen und dabei die konkreten Bedürfnisse der Menschen aus den Augen verloren hat.

 

Es bleibt allerdings noch die Frage, warum das Phänomen der unwirtlichen (Stadt)Plätze bei uns erst in neuerer Zeit aufgetaucht ist. Es war ja bei aller Neigung zur Abstraktion nicht immer so, dass man bei uns Plätze baute, mit denen die Menschen nichts anfangen konnten, die leer und bar jeder Verbindung zu dem waren, was den Menschen vertraut ist. Ich muss gestehen, dass mich diese Frage zunächst einigermaßen ratlos machte. Jetzt drängt sich mir allerdings mit einer Vehemenz, die mich eigentlich nicht mehr erstaunt, der Verdacht auf, dass die Dinge deshalb in diese unwirtliche Richtung gelaufen sind, weil unser Abstraktionsdrang in neuerer Zeit von seinem angestammten Terrain vertrieben wurde und sich ein neues Betätigungsfeld gesucht hat.

 

Die großen, übergreifenden gesellschaftlichen Konstrukte, insbesondere solche, die mit einem starken Ausschließlichkeitsanspruch verbunden sind, haben bei uns ja schon seit einiger Zeit an Bedeutung verloren. Abstrakte Fragen, wie man sie auf dem Konzil von Ephesus und bei ähnlichen Veranstaltungen mit großer Leidenschaft diskutierte und deretwegen man gegebenenfalls auch zu den Waffen griff, sind uns heute weitgehend unwichtig geworden. An ihre Stelle ist zunehmend das Individuelle getreten (das wichtigste Beispiel sind die individuellen Menschenrechte). Man hat zwar, wie im Falle des Sozialismus, immer wieder Mal versucht, neue große gesellschaftliche Theorien mit angeblich zwingenden sozialen Gesetzmäßigkeiten aufzustellen. Diese Versuche sind aber trotz des abenteuerlichen Aufwandes, den man zu ihrer Installation betrieb, gescheitert, weil sie die individuellen Bedürfnisse des neuzeitlichen Menschen zu wenig berücksichtigten. Unsere Neigung zur Abstraktion ist daraufhin offenbar in andere Bereiche abgewandert. Sie verzog sich zunächst vor allem in die Wissenschaft und hat dort Triumphe beim Auffinden von Formeln und Gesetzen gefeiert. Seit einiger Zeit hat sie sich besonders in der Kunst etabliert, wo sie mit mehr oder weniger Erfolg und unübersehbarer Exzentrik neue Formen der Weltsicht suchte. Und neuerdings hat sie sich eben auf die Architektur gestürzt. Mitgewandert ist ihr latenter alter Fehler, die Dinge ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der konkreten Menschen zu gestalten, ein Fehler, der in der Architektur wegen der Öffentlichkeit ihrer Hervorbringungen naturgemäß besonders augenfällig wird und damit jeden Einzelnen (be)trifft.

 

So konnte es denn passieren, dass unsere wunderbare alte Tradition des Platzbaus samt all den reichen überkommenen und vertrauten Gestaltungselementen mit kulturhistorisch, praktisch und ökonomisch vollkommen „logischen“ Argumenten wegabstrahiert wurde und wir schließlich auf einem leeren Marienplatz stehen. Elemente unserer Ornamenttradition wie das Kanellurenmotiv der klassischen Säule finden sich dann allenfalls noch an einer verschlossenen öffentlichen Bedürfnisanstalt.

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