Archiv der Kategorie: Geschichte

1903 Ernst v. Dohnányi (1877- 1960) – Serenade für Streichtrio Op. 10

Als Ausgangspunkt für die Wiederbelebung des Streichtrios zu Anfang des 20. Jh. werden meist die drei Trios von Max Reger aus dem Jahre 1904 angesehen. Bereits ein Jahr zuvor hatte aber der vier Jahre ältere Ernst v. Dohnányi ein außerordentlich beachtliches Streichtrio geschrieben. Das Werk stellt einen Wendepunkt in der Entwicklung des Komponisten dar. Der frühreife Ungar – er schrieb bis zu seinem 17. Lebensjahr über 70 Werke – hatte sich bis dato weitgehend an Brahms und seinen Vorläufern orientiert, was ihm den Ruf eines ungarischen Brahms (und des besten Kammermusikkomponisten nach demselben) einbrachte – Brahms sagte über ein Klavierquartett des 18-jährigen, besser habe er es auch nicht machen können. In der Serenade Op. 10 findet Dohnányi erstmals zu seinem eigenen Stil. Dazu gehört, dass er alte Musikformen aufnimmt (hier die Serenadentradition des 18. Jahrhunderts) und sie in einer freien, nicht selten nobel-ironisch eingefärbten Weise mit modernem Material füllt. Typisch für ihn ist etwa ein chromatisches Vagabundieren, bei dem aber das jeweilige tonale Zentrum immer erkennbar bleibt.

 

In einer Rezension aus dem Jahre 1905 wurde die Serenade als ultramodern eingestuft. Später litt Dohnányis Ruf aber darunter, dass er sich – anders als Bartók und Kodály – weigerte, die rasante ästhetische Entwicklung des 20. Jahrhunderts mitzumachen (was aber nichts daran änderte, dass er seine vorwärtsstrebenden Landsmänner in seiner Eigenschaft als zentrale Figur des ungarischen Musiklebens kräftig förderte). Diese Weigerung führte zu der Behauptung, er habe keinen eigenen Stil. Ein übriges zur Verdunklung seines Rufes taten nach dem zweiten Weltkrieg dann Gerüchte, er sei ein Kollaborateur der Nationalsozialisten gewesen. Dohnányi, der im übrigen auch einer der ganz großen Klaviervirtuosen seiner Zeit war, sah sich schließlich gezwungen, über Argentinien in die USA auszuwandern, wo er als Komponist weitgehend in Vergessenheit geriet. Kurz vor seinem Tode begann aber ein Prozess der Rehabilitierung. Dieser hat sich nicht zuletzt auf dem Hintergrund der Relativierung der Avantgarde, die der Zeitablauf mit sich brachte, bis heute fortsetzt und hat die Sicht auf das umfangreiche Oevre des Ungarn wieder freigelegt.

1903 Jean Sibelius (1865 – 1957) – Violinkonzert d-moll

Der finnische Komponist Jean Sibelius war eine der letzten großen nationalen Identifikationsfiguren der klassischen Musik. Sein Tod im Jahre 1957 war ein nationales Ereignis. Der Präsident des Landes hielt eine Rede im Rundfunk und die gesamte Spitze des Staates nahm an den Begräbnisfeierlichkeiten im Dom von Helsinki teil. Als der Sarg durch die Straßen der Hauptstadt zu seinem Landhaus „Aniola“ gefahren wurde, war das Volk in großer Menge am Straßenrand versammelt, um ihm die letzte Ehre zur erweisen. Ein Grund hierfür war, daß Sibelius auch in seinem künstlerischen Schaffen ein glühender Patriot war. So nahm er in seinen Werken immer wieder Motive aus dem Nationalepos „Kalevala“ auf. Bekannt wurden „Der Schwan von Tuonela“, eine Komposition um eine Figur aus der finnischen Unterwelt , oder „Tapiola“ nach dem Schloß des mythischen Waldkönigs „Tapio“. Andere patriotische Kompositionen tragen die Namen „Karelia-Suite“ nach der Grenzprovinz im Süd-Osten des Landes, über die Finnen und Russen immer wieder stritten, oder schlicht „Finnlandia“. Mit letzterem Werk nahm Sibelius Anfang unseres Jahrhunderts auf höchst pathetische Weise gegen die gewaltsamen Versuche Zar Nikolaus II. Partei, Finnland, das seit 1809 unter russischer Oberhoheit stand, endgültig dem Zarenreich einzuverleiben.

 

Neben seinen vielen programmatischen Werken komponierte Sibelius auch in großem Maße „absolute“ Musik. Dazu gehören seine bedeutenden sieben Symphonien und nicht zuletzt das Violinkonzert. Dieses einzige Werk des Komponisten aus der Gattung Konzert, ist, wiewohl Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden, das letzte große Virtuosenkonzert des 19. Jahrhunderts. Seine Vorbilder sind die Konzerte von Mendelssohn, Bruch und Tschaikowski.

 

Die „erste Uraufführung“ des technisch anspruchsvollen Werkes fand etwas überhastet – Sibelius brauchte dringend Geld – Anfang 1904 in Helsinki statt und litt unter einem überforderten Solisten und einer mäßigen Leistung des Orchesters, welches übrigens Sibelius selbst leitete. Es scheint aber, daß der Komponist, der über die Gleichgültigkeit des Publikums von Helsinki verärgert war, auch mit seiner kompositorischen Leistung nicht zufrieden war. Ein Jahr später unterzog er das Werk einer gründlichen Revision. Die „zweite Uraufführung“ fand schließlich im Oktober 1905 in der Berliner Singakademie unter der offenbar kompetenteren Leitung von Richard Strauß statt. Die Kritik war insgesamt wohlwollend. Der greise Geiger Joseph Joachim allerdings, dem Schumann, Bruch, Brahms und Dvorak ihre Violinkonzerte gewidmet hatten, fand das Werk, aus welchen Gründen auch immer, scheußlich und langweilig. Das weitere Schicksal des Konzertes zeigt, daß auch die größten Geiger irren können. Nach anfänglich zögerlicher Resonanz zollte man dem originellen Werk in den folgenden Jahren uneingeschränkt Anerkennung. Mittlerweile gehört es zum festen Bestand des Konzertlebens.

 

Sibelius‘ Musik gilt als zeitlos, das heißt, daß er sich keiner der Zeitströmungen anschloß, die die Musikwelt während seines langen Lebens durchzogen. Wiewohl er bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts lebte, blieb er insgesamt dem – allerdings sehr persönlich gefärbten – Idiom seiner Lehrjahre treu, die er in Deutschland und Österreich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts absolvierte. Möglicherweise spürte er aber im Alter, daß die Zeit über ihn wegzugehen drohte. Anfang der 30-er Jahre stellte er das öffentliche Komponieren ein. In den folgenden fast drei Jahrzehnten konnte er erleben, wie sich sein Werk aus dem nationalen Rahmen, in dem es entstanden war, über die ganze Welt verbreitete. Lange vor seinem triumphalen Begräbnis im Jahre 1957 ist er so noch Zeuge seines eigenen Nachruhms geworden.

1901 Gustav Mahler (1860 – 1911) – Symphonie Nr. 4

Kaum ein anderer Komponist ist im Laufe der Zeit so unterschiedlich bewertet worden wie Gustav Mahler. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es außerordentlich schwierig ist, einen Bezugsrahmen für die Beurteilung seiner Musik zu finden. Wer sich ihr – wie die meisten Zeitgenossen Mahlers – aus der Perspektive der Vergangenheit nähert, kann leicht zu dem Schluss kommen, dass es sich bei ihrem Schöpfer um einen verirrten Spätromantiker handele.  Bei einer Interpretation ex ante ist es nicht einfach, die hochgesteckten Grundgedanken des Komponisten mit den nicht selten bizarren und den scheinbar sentimentalen und trivialen Elementen seiner Musik in Einklang zu bringen.

Ein „zeitgemäßer“ Ansatz zum Verständnis Mahlers ist, ihn als Musiker des Jugendstils zu beschreiben, zu dessen Wiener Vertretern er Verbindung hatte. Auf diese Weise hat man das Ornamentale seiner Musik, ihre mitunter fluide Verschlungenheit und ihre „Künstlichkeit“, aber auch ihren schillernden Charakter und ihren Eklektizismus zu fassen versucht.

Andere haben einen biographischen oder psychoanalytischen Ansatz gewählt. Anlass hierzu hat der Komponist immer wieder selbst gegeben. Kurz vor seinem Tod erklärte er etwa gegenüber Sigmund Freud, dessen „Patient“ er war, der Schlüssel zum Verständnis seiner Musik liege in einem Erlebnis seiner Kindheit. Er sei nach einer familiären Gewaltszene auf die Strasse geflüchtet, wo gerade eine Drehorgel „O Du lieber Augustin“ gespielt habe. Seitdem seien hohe Tragik und Unterhaltungsmusik in seinem Geiste eine unauflösbare Verbindung eingegangen.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert begann man Mahler ex post zu interpretieren. Der Komponist, der für viele fast schon abqualifiziert war, wurde nachträglich zum Vorläufer der Avantgarde. Die Unausgewogenheit seiner Musik, so hieß es nun, sei der vorweggenommene Ausdruck des gebrochenen Lebensgefühles unserer Zeit. Mancher Musiktheoretiker beförderte Mahler gleich zum „wichtigsten Komponisten der gesamten Musikgeschichte“. Unter anderem wurde dies damit begründet, er habe als erster erkannt, dass man überhaupt nichts mehr komponieren könne und habe eben daraus Musik gemacht.

Merkwürdigerweise ging mit dieser – etwas abstrakten – Interpretation Mahlers ein plötzlich neuerwachtes Interesse des Publikums an seiner Musik einher. Der Komponist erlebte einen posthumen Aufstieg, wie ihn die Musikgeschichte allenfalls noch von Schubert kennt. Heute haben wir es mit dem seltsamen Phänomen zu tun, dass Mahlers Musik von vielen als zeitgemäßer empfunden wird als die Musik derjenigen, die meinen, sie hätten die Linien, die Mahler begonnen habe, weiter in die Gegenwart gezogen.

Inzwischen hat sich eingebürgert, die Kompositionsweise Mahlers mit der Formulierung zu beschreiben, seine Musik stehe „in Anführungszeichen“, er komponiere „als ob“ er Musik schreibe. Mahlers Werke bestünden zu einem erheblichen Teil aus Anspielungen auf Musik, die einmal war, allerdings solcher, die er weitgehend selbst wieder geschaffen zu haben scheine.

In welch` hohem Maße Mahlers Musik tatsächlich mittelbar und doppelbödig ist, zeigt die – oft als bloße Idylle missverstandene – 4. Symphonie. In diesem Werk, das 1901 in München uraufgeführt wurde – ein Zeitgenosse nannte es das erste wirkliche musikalische Ereignis im 20. Jh. -, ist wenig so, wie es scheint. Im ersten Satz sieht sich der Hörer in eine merkwürdige Kinderwelt versetzt. Umrahmt von einem Schellenmotiv, das immer wieder einbricht, werden mit offenbar unbekümmerter Spontaneität und Naivität allerhand Floskeln aus tatsächlich oder scheinbar existenten Kinderliedern aneinandergereiht. Doch irgendwann wird die Kinderwelt schief und es zeigt sich, dass hinter all der Heiterkeit „eine höhere, uns fremde Welt steht, die etwas Schauerlich-Grauenvolles hat“ (Mahler). Ein ähnlicher Kontrast findet sich im folgenden Scherzo. Hier stimmt die Sologeige eine lustige Melodie im Stile einer Fidel an. Aber die Geige ist verstimmt (tatsächlich wird sie auch um einen Ton höher als üblich gestimmt), so dass es klingt „wie wenn der Tod aufspielt“. Die  aberwitzigen Harmonien, die Freund Hein produziert, stehen in einem merkwürdigen Gegensatz zu der fast schon sentimentalen Seligkeit des Trios. Im dritten Satz breitet sich anfangs eine Atmosphäre himmlischen Friedens aus. Mahler vergleicht die Stimmung mit der der Monumente der Prälaten und Ritter in alten Kirchen, die eine „feierliche, selige Ruhe und  ernste,  milde  Heiterkeit“  ausstrahlen,  welche nur gelegentlich durch Erinnerungen  an  das  Erdenleben getrübt werden. Im weiteren Verlauf entwickelt sich ein hochkomplexer Variationensatz, der einzige in Mahlers Oeuvre, den man als Darstellung der verschiedenen Möglichkeiten himmlischer Glückseligkeit gedeutet hat.

Eine Apotheose in strahlendem Dur mit anschließender tiefer Beruhigung, die als Durchschreiten der Himmelspforte verstanden werden kann, leitet zum vierten Satz über. Hier „erklärt ein Kind, was das alles bedeutet“, ein Kind deswegen, weil es, so Mahler, im Puppenstand der zwiespältigen höheren Welt schon angehöre, was wohl auf dem Hintergrund der Bemerkung über sein Kindgheitserlebnis gegenüber Freud zu verstehen ist. Dieser Schlusssatz ist damit inhaltlich (und im übrigen auch thematisch und entstehungsgeschichtlich) der Ausgangspunkt der ganzen Symphonie. Ihm zu Grunde liegt ein altbayrisches Lied aus der Liedsammlung „Des Knaben Wunderhorn“ von Achim von Arnim und Clemens von Brentano, aus der Mahler viele Lieder vertont hat. Es ist überschrieben mit „Der Himmel hängt voller Geigen“ und schildert eine Art himmlisches Schlaraffenland im Stile des Bauernbreughel. Aber auch hier ist das Idyll nicht geheuer. Die himmlischen Geigen sind nur scheinbar rein gestimmt. Es herrscht bei aller kindlich – lieben Melodik keineswegs das anfangs beschworene „englische Leben“ oder gar die „sanfteste Ruh“. So führt Johannes, der große Seher, im Verein mit dem „Metzger“ Herodes ein „unschuldigs, geduldigs, ein liebliches Lämmlein“, immerhin das Symbol für den Gottessohn, „zu Tod“. St. Lukas schlachtet „ohn` einig`s Bedenken und Achten“ den Ochsen, sein eigenes Wappentier. Und St. Peter läuft am Fasttag gar mit „Netz und Köder“ umher. Die „Himmelsbreugheliade“, die so auch Elemente des Höllenbreughel enthält, wird immer wieder durch die Kinderschelle aus dem ersten Satz unterbrochen. Spätestens jetzt muss man argwöhnen, dass es sich um die Schelle einer Narrenkappe handelt, die sich Mahler übergezogen hat.

1901 Sergej Rachmaninow (1873- 1943) – Klavierkonzert Nr.2

„Vom Publikum geliebt – von der Fachwelt geschmäht“ – mit diesem Satz beginnt eine neuere Biographie über Sergej Rachmaninow, die den Untertitel „Zwischen Moskau und New York“ trägt. Beide Formulierungen spiegeln das Schicksal eines Künstlers, der zeitlebens zwischen allen möglichen Stühlen saß. Sein künstlerisches Leben etwa spielte sich im wesentlichen im 20. Jahrhundert. ab. Rachmaninow aber verweigerte sich den Forderungen der neuen Zeit und blieb dem musikalischen Idiom seiner Jugend treu, die im 19. Jahrhundert lag. Dadurch zog er sich die Verachtung einer Kritik zu, die sich weitgehend dem Gedanken des künstlerischen Fortschrittes verschrieben hatte. Immer wieder schwankte Rachmaninow zwischen der Berufung zum Komponisten und dem Beruf des Pianisten. Phasen reichen Schaffens folgten lange Perioden, in denen er keine Note niederschrieb. Menschlich und künstlerisch war Rachmaninow tief im alten Rußland verwurzelt. Nach der Oktoberrevolution aber verließ er seine Heimat, um nach Amerika und damit in eine Welt überzusiedeln, in der er nie richtig heimisch werden sollte.  

Geradezu exemplarisch für diese Zerrissenheit ist das Schicksal von Rachmaninows zweitem Klavierkonzert. Das Werk, das in den ersten beiden Jahren unseres Jahrhunderts entstand, war der Versuch des Komponisten, sich aus der Schaffenskrise zu befreien, die durch den Mißerfolg seiner ersten Symphonie im Jahre 1897 ausgelöst worden war. Enttäuscht von sich und der Kritik, die ihm Dekadenz vorwarf, hatte Rachmaninow seinerzeit das Komponieren vollständig eingestellt. Seine schöpferischen Kräfte begannen sich erst wieder im Jahre 1899 zu regen. Damals faßte er den Entschluß, ein zweites Klavierkonzert zu schreiben. Die Aufbruchstimmung wurde jedoch schon bald wieder erstickt und hieran war niemand geringeres schuld als der Dichter Leo Tolstoi. Der radikale Alte, der puristischen Vorstellungen von einer christlichen Volkskultur anhing, hatte den jungen Komponisten nach dem Vorspiel eines hochartifiziellen neuen Werkes nicht eben diplomatisch mit der Frage konfrontiert, wem diese Art von Musik nütze. Die harsche Reaktion des „Barons im Bauernkittel“ stürzte Rachmaninow in neue Depressionen, aus denen er sich nur mit Hilfe des bekannten Hypnose-Arztes Nikolaj Dahl befreien konnte. Dieser machte die Förderung des zweiten Klavierkonzertes zu einem wesentlichen Element der Behandlung seines sensiblen Patienten. 

Nikolaj Dahls Musiktherapie erwies sich als außerordentlich erfolgreich. Rachmaninow gelang es, vorübergehend alle Selbstzweifel beiseite zu schieben und ein Werk zu schreiben, das man als einen großen Wurf bezeichnen muß. Bereits nach kurzer Zeit wurde es zu einem festen Bestandteil des Musikrepertoires und machte den jungen Russen in der ganzen Welt bekannt. Wie groß Rachmaninows Probleme mit sich und seinem Werk trotz allem waren, zeigt die Tatsache, daß er sich nach der Fertigstellung des Konzertes seiner Leistung keineswegs sicher war. Noch fünf Tage vor der Uraufführung, die am 27.10.1901 in Moskau stattfand, schrieb er über den berühmten ersten Satz des Konzertes an seinen Freund Morosow: „Du hast recht, Nikita Semjonowitsch! Ich habe mir eben den erstem Satz meines Konzertes durchgespielt, und erst jetzt ist mir klar geworden, daß der Übergang vom ersten zum zweiten Thema nicht gut ist und daß in dieser Form das erste Thema nicht mehr als eine Introduktion ist  –  und daß, wenn ich das zweite Thema beginne, keine Narr glauben würde, daß es das zweite Thema ist. Jeder würde denken, daß dies der Beginn des Konzertes ist. Ich betrachte den ganzen Satz als mißlungen und von dieser Minute an ist er unverändert gräßlich für mich geworden. Ich bin einfach verzweifelt.“ Erst nachdem das Werk allgemeine Zustimmung erfahren hatte, war sein Schöpfer in der Lage, dessen Qualitäten uneingeschränkt anzuerkennen.

 Der Erfolg des zweiten Klavierkonzertes sollte für Rachmaninow allerdings auf andere Weise zum Problem werden. Das gefühlvolle Stück zog nicht nur so viel Aufmerksamkeit auf sich, daß sein übriges Werk lange Zeit kaum zur Kenntnis genommen wurde. Der Komponist erhielt dafür auch Beifall von der „falschen“ Seite. Das Werk, das ganz von russischen Sentiment durchzogen ist, wurde von der amerikanischen Unterhaltungsindustrie in Beschlag genommen. Im Jahre 1932 diente es als Hintergrundmusik für den Film „Menschen im Hotel“ mit Greta Garbo. 1946 wurde aus den Hauptthema des ersten Satzes der Schlager „Full Moon and Empty Arms“. Frank Sinatra („This is my Kind of Love“) bediente sich daraus ebenso wie das Musical „Anja“, das im übrigen ganz aus Rachmaninows Musik gezimmert ist. Auch später taucht das Klavierkonzert immer wieder in Filmen auf, so in Billy Wilders „Das verflixte 7. Jahr“ mit Marilyn Monroe. Das Konzert trug so auf unglückliche Weise dazu bei, das Bild vom weichlichen Kompromißkomponisten Rachmaninow zu zeichnen, welches in der europäischen Musikkritik lange Zeit vorherrschte und in dem überheblichen Diktum von Richard Strauß gipfelte, daß die Musik des russischen Amerikaners „gefühlvolle Jauche“ sei.

1899 Edward Elgar (1857 – 1934) – Enigma Variationen

England war lange Zeit ein Land ohne Komponisten. Anders als auf dem Kontinent, wo es eine ununterbrochene Reihe großer Komponistenpersönlichkeiten gibt, brach die musikschöpferische Tradition auf der Insel, die insbesondere in der Renaissance und im Frühbarock bedeutende Meister hervorgebracht hatte, nach dem Tode Henry Purcells im Jahre 1695 weitgehend ab. Fast zwei Jahrhunderte lang hatten Komponisten aus England allenfalls regionale Bedeutung. Das Land nahm an der fulminanten Entwicklung der europäischen Kunstmusik in dieser Zeit nur als Importeur teil. Gegen Ende 19. Jahrhunderts begann dann aber das, was man später die „Englische Musikalische Wiedergeburt“ nannte. Deren ausdrückliches Ziel war, der deutschen Vorherrschaft auf dem Gebiet der Musik Paroli zu bieten. Seitdem hat England den Vorsprung Kontinentaleuropas, insbesondere Deutschlands auf diesem Gebiet in einer Weise aufzuholen versucht, die an die gleichzeitigen Versuche Deutschlands erinnert, mit den Engländern in Sachen Flotte gleichzuziehen. Die herausragende Figur dieser Entwicklung war Edward Elgar, den man gerne mit den gleichzeitigen großen „Deutschen“ Richard Strauss und Gustav Mahler in einem Atemzug nannte. Er war für die Chor- und Instrumentalmusik Englands das, was Benjamin Britten ein weiteres halbes Jahrhundert später für die englische Oper werden sollte.

 

Elgar kam aus der Laienszene der mittelenglischen Provinz, wo er sich vor allem als Orchesterspieler betätigte. Sein Vater war Musikalienhändler und Klavierstimmer. Eine richtige musikalische Ausbildung hat er nie erhalten. Seine Neigung zum Komponieren zeigte sich aber schon im Kindesalter. Bis zu seinem 40. Lebensjahr komponierte Elgar, der sich autodidaktisch vor allem am Vorbild der kontinentalen Spätromantiker, nicht zuletzt Wagners, bildete, meist kleinere Werke für die regionale Musikszene, ohne besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Wegen der mangelnden Anerkennung war er schon der Verzweifelung nahe, als der Durchbruch mit den Enigma – Variationen kam. Das Werk entstand im Jahre 1898, als Elgar 41 Jahre alt war. Später wuchs Elgar vor allem wegen seiner „Staatsmusiken“ in die Rolle des musikalischen Repräsentanten des ausgehenden britischen Empires, etwa mit den 5 bekannten Märschen „Pomp and Circumstances“, die seinen Namen in alle Welt getragen haben. Er galt als der Komponist, der die von Prunk und nicht selten Gefühlsseligkeit begleitete grandseniorale Selbstsicherheit der Weltmacht zum Ausdruck brachte. Als Liebling des Establishments erhielt er alle Ehren, mit denen die englische Nation ihre Heroen auszuzeichnen pflegte. Unter anderem wurde er geadelt und mit Doktorhüten überhäuft, darunter auch mehrfach mit solchen juristischer Fakultäten, obwohl er vermutlich weniger mit der Jurisprudenz zu tun hatte als manch anderer Musikus. Nach dem ersten Weltkrieg machte man Elgar die Überbetonung des Nationalen zum Vorwurf. Da er im übrigen auch die neueren Entwicklungen der kontinentalen Musik ablehnte, geriet er zeitweilig ins Abseits.

 

Die Enigma Variationen wurden im Sommer 1899 London erstmals gespielt. Der Dirigent der Uraufführung war der große Pianist und Wagner – Dirigent Hans Richter, der Elgars Talent erkannt hatte. Das Werk hat die Phantasie der Musikwelt von Anfang an in ganz besonderem Maße entzündet.

 

Der Komposition liegt eine „Original Melodie“ zugrunde, die Elgar als Enigma, als Rätsel, bezeichnet hat. Dieses Thema wird in 14 Variationen kunstvoll verarbeitet. Der Komponist hat die Variationen jeweils mit codierten Überschriften versehen, bei denen es sich um Namen oder Initialen handelt. Das „Rätsel“ dieser Überschriften ist im wesentlichen gelöst. Sie stehen meist für Personen aus dem unmittelbaren Umfeld Elgars, die im einzelnen bekannt sind. Die liebevollen Töne der ersten Variation etwa gelten seiner Frau, der er wesentlich verdankte, dass er das Komponieren aus Frustration nicht vorzeitig aufgab. Andere Variationen betreffen Freunde. Elgar merkte dazu in einem Brief an seinen Lektor an, er habe die jeweilige Variation so geschrieben, wie er geglaubt habe, dass diese Personen sie komponiert haben würden, wenn sie so idiotisch gewesen wären zu komponieren. In der 7. Variation sollen die begrenzten pianistischen Fähigkeiten eines befreundeten Architekten dargestellt sein, in der 8. Variation das Lachen einer Bekannten und die Atmosphäre ihres Hauses aus den 18. Jahrhundert und in der 9. die Diskussion zwischen Elgar und dem Lektor seines Musikverlages über Beethovens langsame Sätze. Die 11. Variation befasst sich mit den Versuchen des Bulldoggen eines befreundeten Organisten, gegen den Strom des Flusses Wye, in den er gefallen war, wieder an Land zu schwimmen. Rätselhaft ist nur der Inhalt der 13. Variation, die mit drei Sternchen betitelt ist. Elgar zitiert hier aus Mendelssohns Konzertouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt“. Das hat die Vermutung genährt, dass diese Variation seine frühere Verlobte Helen Weaver betrifft, die ihn 1883 verlassen hatte und nach Neuseeland gesegelt war. Die Erinnerung an das seelische Trauma, das sie verursachte, soll sich auch in anderen sentimental gestimmten Werken Elgars spiegeln (etwa in seinem Violinkonzert). In der letzten Variation, die er auf Anraten Richters und seines Lektors nach der Uraufführung deutlich ausbaute, hat sich Elgar selbst porträtiert.

 

Das eigentliche Rätsel des Werkes resultiert aus einer Bemerkung, die Elgar im Programmheft der Urauffühung machte. Danach soll dem Enigma ein „dunkler Spruch“ zugrunde liegen, den er nicht erläutern werde. Die offensichtlichen Verbindungen zwischen dem Thema und den Variationen, so schrieb er, seien oft nur oberflächlich. „Weiter und durch die ganze Anordnung geht ein anderes und größeres Thema“.

 

Diese rätselhaften Andeutungen haben ein ganzes Heer von musikalischen Detektiven in Gang gesetzt, die sich zum Ziel gesetzt haben, das Rätsel des Werkes zu knacken.

 

Die meisten Autoren haben nach einer Melodie gesucht, die sich in versteckter Form durch die Variationen zieht. Man ging dabei davon aus, dass das „offizielle“ Thema nur der Kontrapunkt zu dieser Melodie sei (tatsächlich klingt es ja auch wie eine Gegenmelodie). Das Rätsel der Komposition wäre demnach die – vermutlich einmalige – Tatsache, dass Elgar ein Musikstück geschrieben hätte, dessen eigentliches Thema nie gespielt wird. Untersucht wurden in diesem Zusammenhang Themen aus Bachs „Agnus Dei“, Mozarts „Cosi fan tutte“ und der „Prager Symphonie“, Beethovens „Pathétique“, Schumanns Klavierquartett, und Brahms` „Vier ernste Gesänge“, Werken also gerade der deutschen Großmeister, welche die Entwicklung der Musik in der Zeit der englischen Unfruchtbarkeit weitergetrieben hatten, die Elgar beendete. Im Gespräch waren auch immer wieder das notorisch tiefsinnige „Dies Irae“ und das melancholische, altschottische Lied „Auld Lang Syne“ (Nehmt Abschied, Brüder). Passend zu Elgars imperialistischem und staatstragendem Image hat man aber auch „Britannia Rule the waves“ und „God save the Queen“ in die Diskussion geworfen. Die Vielfalt der angebotenen Themen zeigt, dass sich die Interpreten, wie im Falle von Rätseln nicht selten, einige Freiheiten genommen haben.

 

Andere haben vermutet, dass dem Werk kein musikalisches, sondern ein gedankliches Thema zu Grunde liege, etwa „Freundschaft“, dass Elgar damit die schwierige Suche nach sich selbst und seinem künstlerischen Ausdruck darstellen wollte oder dass das Enigma ein Anagramm sei (etwa aus Buchstaben des Namens seiner Frau). Wieder andere haben nicht nur ein Rätsel, sondern gleich mehrere gesucht und dazu heftig in Elgars Biographie gestöbert. Noch in neuester Zeit (1999) hat ein Elgar Liebhaber ein 150 Seiten starkes Buch geschrieben, in dem er glaubt, dem Rätsel endgültig auf die Spur gekommen zu sein.

 

Es kann allerdings auch nicht ausgeschlossen werden, dass die Komposition – abgesehen davon, dass Variationen immer suchbildhaft und damit rätselartig sind – überhaupt kein besonderes Rätsel enthält. Es könnte sein, dass Elgar in seiner Frustration zu diesem „letzten“ Mittel griff, um das Interesse an seiner Musik zu wecken. Dafür spricht, dass der Komponist immer nur nebulöse Äußerungen über das Rätsel machte und trotz des außerordentlichen allgemeinen Interesses nichts zu seiner Lösung hinterließ; außerdem, dass die Übertitelung des Variationenthemas mit „Enigma“ erst nachträglich auf die Partitur kam (und zwar von seinem – deutschen – Lektor Jaeger, dem Nimrod der 9. Variation, der wohl im Auftrag Elgars handelte). In diesem Falle wäre das Enigma entweder eine nachträgliche Selbstinterpretation, was bei Künstlern, die ihren Rezipienten gelegentlich auf die Sprünge helfen wollen, nicht ungewöhnlich ist. Oder es wäre ein außerordentlich geschickter Werbegag, der die Neigung der Menschen nutzt, sich in solche Botschaften besonders zu vertiefen, die von vorneherein nicht zu verstehen sind.

1895 Antonin Dvorak (1840-1904) – Konzert für Violoncello und Orchester

Im Gegensatz zu den meisten anderen großen Komponisten der klassisch-romantischen Periode erkannte Dvorak die großartigen Möglichkeiten, die das Cello als Konzertinstrument besitzt. Bereits eines seiner ersten größeren Werke ist ein – unbekannt gebliebenes – Werk für dieses kraftvolle Instrument. Dreißig Jahre später, gegen Ende seines kompositorischen Schaffens, sollte er auf dem Höhepunkt seiner Meisterschaft das Cellokonzert überhaupt schreiben. Dvoraks Förderer Brahms, der es „nur“ zu einem Doppelkonzert für Violine und Cello brachte, sagte darüber kurz vor seinem Tod bedauernd, hätte er gewußt, daß man solche Musik für dieses Instrument schreiben könne, hätte er auch ein Cellokonzert geschrieben.

 

Das Werk, das weitgehend symphonisch aufgefaßt ist, ist die letzte Frucht von Dvoraks Aufenthalt in Amerika, in dem auch sein zweiter „Welthit“, die „Symphonie aus der Neuen Welt“ und das unter Liebhabern der Kammermusik nicht minder populäre „Amerikanische Streichquartett“ (mit diversen Lieblingsstellen der Cellisten) entstanden. Dvorak hatte seine geliebte böhmische Heimat im Jahre 1892 verlassen, um die Leitung des New Yorker Konservatoriums zu übernehmen. Angezogen hatte den Komponisten, der am Anfang seiner Karriere einige Hungerjahre durchleben mußte und der daher ziemlich geldbewußt war, nicht zuletzt ein Gehaltsangebot aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das – ähnlich den heutigen Gegebenheiten – alle Maßstäbe des alten Kontinentes sprengte. Seine Honorar für acht Monate Tätigkeit pro Jahr in New York sollte nicht weniger als das 25-fache des Jahresgehaltes betragen, das er als Kompositionsprofessor am Prager Konservatorium erhielt.

 

Nach vier Jahren in Amerika zog es Dvorak aber mit aller Macht zurück in die Heimat. In der schönen neuen Welt hatte es nicht nur immer wieder Probleme mit dem Geld gegeben, weil die Geschäfte des New Yorkers Handelsmagnaten Thurber, der das Konservatorium weitgehend finanzierte, in der Wirtschaftskrise Anfang der 90-er Jahre schlecht gingen. Dvorak vermißte auch seine Freunde und seine Familie, allen voran seine Kinder, die in Böhmen zurückbleiben mußten. Vom Heimaturlaub im Jahre 1895 kehrte er vertragswidrig nicht nach Amerika zurück.

 

Daß Dvorak während der letzten Monate seines Aufenthaltes in Amerika in Gedanken bereits wieder zu Hause weilte, zeigt sich nicht zuletzt im Cellokonzert. Anders als in den sonstigen Werke, die in der New Yorker Zeit entstanden, verzichtet er hier nicht nur weitgehend auf amerikanische Elemente. Nachdem in den vorangegangenen Jahren hauptsächlich „Weltmusik“ entstanden war, ist das Cellokonzert wieder ganz von böhmisch- romantischem Geist getränkt.

 

Hinzu kommt eine rührende familiäre Anspielung, die Dvorak außerordentlich wichtig war. Während der Komposition des gefühlsbetonten zweiten Satzes erfuhr Dvorak, daß seine geliebte Schwägerin, die Gräfin Josefine Kaunic, schwer krank daniederlag. Ähnlich wie Bruckner 12 Jahre vorher die Nachricht vom Todes Richard Wagners in der Coda des langsamen Satz seiner siebten Symphonie verarbeitete, erinnert Dvorak im langsamen Satz des Cellokonzertes auf dezente Weise an seine Schwägerin. Zu Josefine Kaunic hatte Dvorak eine besondere Beziehung. Der Schwester seiner späteren Frau hatte er schon in den 60-er Jahren, der Zeit, in der das erste Cellokonzert entstand, eine – unerwiderte – Liebe entgegengebracht. Josefine war damals Schauspielerin am neu gegründeten Prager Interimstheater, der ersten national- tschechischen Bühne, in dessen Orchester der junge Dvorak die Bratsche spielte.

 

Im langsamem Satz des zweiten Cellokonzert zitiert Dvorak nun – in eine andere Tonart versetzt – aus Josefines Lieblingslied „Laß mich in Ruhe“ (Op. 81.). Kurz nach seiner Rückkunft aus Amerika, wo er die Komposition des Konzertes eigentlich schon abgeschlossen hatte, änderte er den Schluß des Werkes noch einmal, indem er das Liedzitat hier erneut, diesmal in der Originaltonart einarbeitete. Außerdem ließ er das Cellosolo nun entgegen aller Finalsatz-Tradition auf gänzlich unspektakuläre Weise in wehmutsvoller Stille verklingen.

 

Der Grund hierfür ist ohne Zweifel darin zu suchen, daß Josefine wenige Wochen zuvor verstorben war. Dies erweisen nicht nur Einzelheiten der Komposition, etwa die schweren in dumpfen Baßpizzicati endenden „Herztöne“ der Schlußpartie des Cellosolos, deren letzter aus der gerade geltenden Tonart heraus wie in das Nichts fällt, eine Stelle, die in der Partitur mit „morendo“ bezeichnet ist und der ein großes Lamento des Cellos auf einem Ton folgt. Es zeigt dies auch die Vehemenz, mit der sich Dvorak gegen eine Veränderung eben dieses Schlusses durch den bekannten tschechischen Cellisten Hanus Wihan wehrte. Wihan, dem das Werk gewidmet ist und der darin eine fulminante Kadenz vermißte, hatte selbst eine Kadenz für den Schluß des Werkes komponiert. Gegenüber seinem Verleger Simrock, der sie in der Erstausgabe drucken wollte, schrieb Dvorak am 3. Oktober 1895, er werde ihm das Werk nur überlassen, wenn er sich dafür verbürge, daß „niemand, auch nicht mein verehrter Freund Wihan, ohne mein Wissen und Erlaubnis Änderungen vornehmen werde -also auch keine Kadenz einfüge, die Wihan im letzten Satz gemacht hat. … Das Finale schließt allmählich diminuendo wie ein Hauch – mit Reminiszensen an den ersten und zweiten Satz, das Solo klingt bis zum pp aus – dann ein Anschwellen – und die letzten Takte übernimmt das Orchester und schließt in stürmischen Ton. Das war meine Idee und davon kann ich nicht ablassen“.

 

1894 Heinrich von Herzogenberg (1843- 1900) – Messe Op. 87 für Soli Chor und Orchester

Wie groß der Reichtum der europäischen Musiklandschaft ist, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass man in ihr immer wieder Komponistenpersönlichkeiten entdeckt, die im Laufe der Musikgeschichte aus dem Blick geraten sind. Es handelt sich oft um Musiker, die von den landschaftsbestimmenden Großmeistern verdeckt oder relativiert wurden. Meist hat man sie als deren Vorläufer oder Epigonen eingeschätzt und angesichts der großen Anzahl herausragender Wahrzeichen, die die Musiklandschaft ohnehin aufweist, als vernachlässigbare Größen behandelt.

 

Dieses Schicksal hatte auch Heinrich von Herzogenberg. Bis vor wenigen Jahren war der gebürtige Grazer allenfalls denen bekannt, die sich näher mit der Biographie von Johannes Brahms beschäftigten. Sein umfangreiches Werk, das mehr als 150 Werke vieler Gattungen umfasst, spielte in der Musikpraxis keine Rolle. Herzogenberg galt als der Hauptvertreter des Brahmsepigonentums.

 

Zu diesem Ruf beigetragen hat sicherlich, daß Herzogenberg seine Formmodelle, wie Brahms, in der Musikgeschichte suchte. Hinzu kam die außerordentliche Verehrung und Anhänglichkeit, die er für den Großmeister hatte. Herzogenberg übersandte Brahms regelmäßig seine neuesten Werke und wartete sehnsüchtig auf dessen Äußerung. Als Brahms im Jahre 1884 seine Ouartette lobte, schrieb er an seinen Freund, den großen Bachbiographen Philipp Spitta: „Zwanzig Jahre sehnte ich mich nach einem herzlichen und anerkennenden Wort von ihm – ich bin   überzeugt, daß mich diese Erwartung jung hielt – endlich kommt es und macht mich so gesund und froh und tapfer, wie ich`s gar nicht beschreiben kann“. Zwölf Jahre später schrieb er an Joseph Joachim: „Seit 35 Jahren“ frage ich mich, bei jedem Notenkopf: was wird Brahms dazu sagen? Der Gedanke an ihn und an sein Urteil hat aus mir gemacht soviel  eben wurde; er war mein Fleiß, mein Ergeiz, mein Muth“:

 

Nicht förderlich für das Ansehen Herzogenbergs war ohne Zweifel, daß Brahms, der ihn durchaus schätzte, sich über dessen Werke später distanziert oder gar nicht mehr äußerte. 1895 schrieb Brahms an Clara Schumann in Hinblick auf drei umfangreiche neue kirchenmusikalische Werke Herzogenbergs („Requiem“, „Geburt Christi“ und „Messe“): “Die einzige frohe Empfindung (dabei) ist, wenn man, wie ich, meint, Gott danken zu dürfen, daß er einen vor der Sünde, dem Laster oder der schlechten Angewohnheit des bloßen Notenschreibens bewahrt hat.“

 

Diese Äußerung, die auf dem Hintergrund von Brahms` Neigung zum Sarkasmus gesehen werden muß, wirft die Frage auf, ob Herzogenberg mit dem Etikett „Brahmsepigone“ richtig charakterisiert ist. Das Desinteresse und Unverständnis, das Brahms Herzogenberg gegenüber teilweise an den Tag legte, kann auch als Folge des Umstandes verstanden werden, daß die Wege der beiden Komponisten im Laufe der Zeit auseinander gingen. Tatsächlich hat Herzogenberg die rasante Entwicklung in Richtung auf Verdichtung und Intellektualisierung des Stiles nicht mitvollzogen, die Brahms – allen historisierenden Tendenzen zum Trotz – weit ich Richtung Moderne fortschreiten ließ. Über das Klaviertrio Op. 87 von Brahms etwa äußerte er, es habe ihm weh getan. „Du kannst Dir denken“, schrieb verwirrt an einen Freund, „in welche Confusion der Gefühle ein Auch-Komponist gestürzt wird, dessen Pythia chinesisch zu reden anfängt“. Gemessen an Brahms musste Herzogenberg daher als zurückgeblieben erscheinen.

 

Es ist ein kaum zu vermeidendes Schicksal eines Komponisten, daß seine Größe in der musikalischen Landschaft zunächst einmal relativ zu der seiner Zeitgenossen wahrgenommen wird. So gesehen war es das Pech Herzogenbergs, dass er dem Riesen Brahms zu nahe stand. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand verlieren aber sowohl solche Relationen als auch die Frage nach der Epochengerechtigkeit eines Kunstwerkes an Gewicht. Heute etwa interessiert niemanden mehr, daß der späte Bach völlig unzeitgemäß war. Wichtig ist schließlich nur noch, ob das Werk als solches Qualität hat. Dies dürfte der Grund dafür sein, dass die Kompositionen Herzogenbergs neuerdings wieder ins Blickfeld sowohl der Musikwissenschaft als auch der Musikpraxis rücken.

 

Beachtung hat insbesondere das umfangreiche kirchenmusikalische Werk Herzogenbergs gefunden. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass er einige dankbare Exemplare zu den Werkgattungen beisteuerte, die von Kirchenchören geschätzt werden. Diese Werke sind nicht zuletzt durch Herzogenbergs zwölf Jahre währenden Aufenthalt in Leipzig (1872 – 1884) geprägt, wo er sich in Zusammenarbeit mit seinem Freund Philipp Spitta, dem großem Bachbiographen, intensiv mit Bachs Kirchenmusik beschäftigte.

 

Die Messe Op. 87 schrieb Herzogenberg im Jahre 1894 binnen weniger Wochen. Sie entstand unter dem Eindruck des Todes von Philipp Spitta, dessen Angedenken sie auch gewidmet ist. Daraus erklärt sich, daß das Werk streckenweise – besonders deutlich wird dies am Schluß – den Charakter eines Requiems annimmt. Kennzeichnend für die höchst eindrucksvolle Komposition ist ein dichter Satz, ein großer Reichtum an Modulationen und die enge Verzahnung von Soli, Chor und Orchester. Bis vor kurzem glaubte man, daß die Noten des Werkes, von dem nur noch ein Klavierauszug existierte, im zweiten Weltkrieg verschollen seien. Mitte der 90-er Jahre des 20. Jahrhunderts fanden sich die Noten und die einiger weiterer kirchenmusikalischer Werke des Komponisten jedoch im Archiv eines Leipziger Verlages. Inzwischen ist die Messe – erstmals – gedruckt worden. Die erste Aufführung nach dem zeitweiligen Verschwinden der Noten fand im Jahre 1997 in Mainz statt.

1894 Claude Debussy (1862-1918) – Prélude à l’après-midi d’un faune

Die Anregung zum „Prélude à l’après-midi d’un faune“ erhielt Debussy durch ein Gedicht von Stephane Mallarmé (1842-1898), dem Kopf des Künstlerkreises der Symbolisten, zu dem Debussy als einziger Musiker gehörte. Die Bezeichnung „Prélude“ erklärt sich aus der Entstehungsgeschichte. Geplant war ursprünglich ein dreisätziges Werk, von dem aber nur der erste Teil, eben das Vorspiel, vollendet wurde. Trotz der literarischen Vorlage ist das Werk keineswegs Programmusik. Ganz im Sinne Mallarmés, der den Schlüssel für das Verständnis seiner rätselhaften Gedichte im Leser sieht, nimmt Debussy nur auf seine ganz persönliche Weise Gedanken und Stimmungen des Gedichtes auf und übersetzt sie in Musik.

Was ihn dabei bewegte, hat Debussy selbst in der Programmeinführung für die Pariser Uraufführung am … beschrieben: „Es sind aufeinanderfolgende Stimmungsbilder, durch die hindurch sich die Begierden und Träume des Fauns in der Hitze des Nachmittags bewegen. Dann, der Verfolgung der ängstlich fliehenden Nymphen und Najaden müde, überläßt er sich dem betörenden Schlummer, gesättigt von endlich erfüllten Träumen, von totaler Herrschaft in der allumfassenden Natur“.

Nach einem Satz von Pierre Boulez, einem der führenden Repräsentanten der avantgardistischen Musik in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts, steht das „Prélude“ am Beginn der modernen Musik. Debussy, so stellt Boulez fest, habe darin vor allem das Konzept der Form über Bord geworfen und von den unpersönlichen Zwängen des Schemas befreit. In der Tat ist die Form dieser Musik ganz aus sich selbst entwickelt. Debussy verzichtet sowohl auf den klassischen Dualismus der Themen als auch auf die traditionelle Verarbeitung von Motiven. Die Konstruktion wird geradezu verschleiert. Hinzu kommt eine freie Harmonik mit pentatonischen Elementen, ein ständiges Verwandeln des musikalischen Materials und eine raffinierte Instrumentierung. Die Musik des “ Prélude“ ist, wie Debussys reife Musik überhaupt, ganz dem Augenblick verpflichtet. Sie scheint absichtslos dahinzufließen, keinem Ziel zuzustreben und verschwimmt im Ungefähren. Wichtig ist nicht das musikalische Geschehen, sondern die Klangfarbe. Eine solche Musik steht in krassem Gegensatz zur europäischen Kunstmusik vor Debussy, die wesentlich dynamisch, weiterführend und zielgerichtet ist.

 

Dieser Bruch mit der Tradition hat seinerzeit große Verwirrung hervorgerufen. Konservative Kritiker warfen Debussy mangelnde Klarheit in Klang und Form vor und warnten vor einem vagen Impressionismus, eine Bezeichnung, die damals so viel wie das Fehlen des gesunden Menschenverstandes bedeutete. Saint-Saens etwa vermißte im „Prélude“ jegliche musikalische Idee. Debussy, so meinte er, habe keinen Stil geschaffen, sondern das Fehlen von Stil und Logik kultiviert.

 

Für uns, die wir die weitere Entwicklung der modernen Musik überblicken können, ist interessant, welchen Gesichtspunkt Paul Dukas, der Komponist des Zauberlehrlings und Debussys musikalischer Geistesverwandter, angesichts des Neuen in dieser Musik herausstellte. Bemerkenswerterweise interessierte ihn, welche Grenzen Debussy trotz des Traditionsbruches nicht überschritten hatte. Über Debussys Musik schreibt er im Jahr der Uraufführung des „Prélude“: Diese Harmonik ist ungeachtet der großen Kühnheit niemals abstoßend oder rauh. … Seine Melodik geht wie auf einem prächtigen kunstvoll geschmückten Teppich mit fremdländischen Farben, aus denen grelle und unreine Töne verbannt sind.“ Heute wissen wir, daß in der modernen Musik auch derartige Begrenzungen über Bord geworfen wurden. Die Moderne hat sich über weite Strecken über die Grenzverletzung definiert.

1892 Peter I. Tschaikowski (1840-1893) – Nußknacker-Suite Op.71A

Die Suite verdankt ihre Entstehung der Tatsache, daß Tschaikowski seine symphonische Ballade „Der Woiwode“, die an sich für ein Konzert am 19.3.1892 vorgesehen war, in einem seiner Anfälle von Selbstzweifeln spontan vernichtet hatte. Da er sich aber verpflichtet fühlte, zu dem Konzert ein neues Werk aus seiner Feder zu liefern, schrieb er aus der Musik zum Ballett „Der Nußknacker“, die fertig aber noch nicht aufgeführt war, „hastig“ die Orchester-Suite zusammen. Auch vom „Nußknacker“ war er nicht eben überzeugt. In einem Brief schrieb er, das Werk sei „unendlich viel schlechter als Dornröschen“. Und er fügte hinzu: „Wenn ich meinen musikalischen Tisch nur noch mit Aufgewärmtem bestücken kann, werde ich das Komponieren ganz aufgeben“. Das Publikum war von Anfang an weniger kritisch als der Meister. Bereits bei der Uraufführung in Petersburg mußten alle Sätze bis auf einen (welcher, darüber mag man spekulieren) wiederholt werden. Angesichts der großen Karriere, welche die Nußknackermusik inzwischen erlebt hat, muß man daher die Frage aufwerfen, ob der Meister mit seiner Kritik an diesem allerliebsten Werk nicht ein wenig kokettierte.

1892 Edward Elgar (1857 – 1934) – Streicherserenade e-moll

Elgar war ein musikalischer selfmade man aus Worcester, der sich anfangs an der kleinen Form übte, um sich Schritt für Schritt den großen musikalischen Gattungen zu nähern. Eines dieser „Übungswerke“ ist die Salonpiece „Salut d´amour“ aus dem Jahre 1888, die Weltruhm erlangen sollte. Ein anderes ist die schon nicht mehr ganz kleine Serenade für Streichorchester, die im Jahre 1892 entstand. Elgar griff dabei vermutlich auf eine verschollene Komposition zurück, die ebenfalls aus dem Jahre 1888 stammt. Es ist damit eines der ältesten „seriösen“ Werke des Engländers, das noch heute gespielt wird. Unmittelbarer Auslöser für die endgültige Version des Werkes scheint eine Einladung einer Bekannten zum Besuch der Bayreuther Festspiele gewesen sein. Elgar, der sich bei seinen autodidaktischen Studien auch intensiv mit Richard Wagner beschäftigte, nahm sich daraufhin dessen Oper „Parsifal“ vor, was deutliche Spuren in der Serenade hinterlassen hat.

 

Für Elgar war das Werk ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur künstlerischen Selbstfindung. Es war die erste Komposition, mit der er in vollem Umfang zufrieden war. Der Verleger Novello, dem er das Stück anbot, war offenbar anderer Meinung. Er verweigerte die Annahme mit der Begründung, dass diese Art von Musik praktisch unverkäuflich sei. Elgar führte das Werk daher zunächst im Rahmen eines Auftrittes der „Worcester Ladies` Orchestral Class“, einer Art musikalischer Volkshochschulklasse auf, mit deren Leitung er damals unter anderem die Mittel für seinen Lebensunterhalt verdiente. Die erste öffentliche Darbietung fand erst vier Jahre später in Antwerpen, die erste englische Aufführung sogar erst am 16. Juli 1899 in New Brighton statt. Fünf Wochen vorher hatte Elgar mit seinen von Hans Richter uraufgeführten „Enigma-Variationen“ in fortgeschrittenem Alter von 42 Jahren den Durchbruch als Komponist geschafft, was ihm ermöglichte, ein Konzert mit ausschließlich seinen Werken zu bestücken, wozu er bezeichnenderweise auch die Streicherserenade auswählte. Heute gehört das liebenswerte dreisätzige Stück zu den am meisten aufgeführten Werken des inzwischen auch mit großen Werken berühmt gewordenen Engländers. Ähnlich wie die Damen der „Worcester Ladies` Orchestral Class“ freuen sich vor allem die Liebhaberorchester darüber, mit ihm ein reifes spätromantisches Stück zu haben, dass sie nicht zu sehr an die Grenzen ihrer Möglichkeiten führt.

1889 Claude Debussy (1862-1918) – Petite Suite

Debussy besonderer musikalischer Stil, der fast unvermittelt aus dem Rahmen der sonstigen euro-päischen Musikentwicklung zu fallen scheint, war die Folge einer langen und mühevollen Suche des jungen Komponisten nach neuen Ausdrucksmög-lichkeiten. Debussy neigte von Anfang an zur Ab-weichung von der traditionellen Schultheorie der Musik. Anlässlich des Rompreises der französischen Akademie, den Debussy im Jahre 1884 er-hielt, schrieb der Kritiker des „Figaro“, die Tonalität des jungen Komponisten sei an vielen Stellen unentschieden, die Stimmen seien ohne Rücksicht auf Struktur und Klangfarben hingeschrieben und Unordnung scheine unter den Grundprinzipien an erster Stelle zu stehen. Über die Komposition, die Debussy zum Abschluss seines Stipendiatenaufenthalts in Rom in den Jahren 1885-88 vorlegte, heißt es in einem Bericht der Akademie, die Arbeit entbehre nicht der Poesie, „wenn sie auch noch immer jenen systematischen Hang zur Verschwommenheit in Ausdruck und Form erkennen lässt, den die Akademie schon früher dem Komponisten vorzuwerfen sich veranlasst sah.“

Diese Eigenwilligkeit und der dezidierte Wille Debussys, den rhetorischen Gestus der traditionellen Musik zu verlassen, war ohne Zweifel der Grund dafür, dass er, wiewohl musikalisch frühbegabt, erst vergleichsweise spät zur Vollendung kam. In einem Alter, das Schubert nicht mehr er-lebte, hatte er seinen Stil noch nicht gefunden. Lange Zeit beschäftigte er sich mit Wagner, der im Frankreich der Zeit nach dem Krieg von 1870\71 eher verpönt war. Auf Reisen nach Russland, wo er übrigens von der geheimnisvollen Gönnerin Tschaikowskis, Nadjeschda von Merk, als Klavierbegleiter engagiert worden war, studierte er die Werke der zeitgenössischen russischen Komponisten. Bei der Pariser Weltausstellung von 1889 kam er in Kontakt mit der Musik Ost- und Südostasiens, die ihn mit ihrer Freiheit im Umgang mit Harmonie und Rhythmus in seinen „unordentlichen“ Kunstvorstellungen bestärkte. Anregungen suchte er auch in der Malerei und der Dichtkunst, die er mit der Musik zu verschmelzen suchte. Das Ergebnis dieser Bestrebungen war jener einzigart-ge Stil, der Anfang der 90-er Jahre des Jahrhunderts schließlich voll ausgebildet war. Technisch ist er vor allem durch die Verwendung der Ganztonleiter sowie von Quintfolgen, Sextengriffen und Nonenakkorden gekennzeichnet.

Eine „klassizistische“ Zwischenstation auf Debussys Suche nach dem persönlichen Ausdruck ist die „Petite Suite“, die in den Jahren 1888/89 für Klavier zu vier Händen entstand. Obwohl sich Debussy darin mit der höfischen Musik Frankreichs auseinandersetzt, ist sein sich entwickelnder besonderer Tonfall nicht zu überhören. Wegen ihrer rokokohaften Thematik und den „duftigen Farben“ hat man die „Petite Suite“ ganz im Sinne von Debussys Idee der Verschmelzung der Künste als komponierten Watteau bezeichnet.

1889 Antonin Dvorak (1840-1904) – Symphonie Nr.8 G – Dur

Dvoraks 8. Symphonie entstand in einer Zeit, in der sich seine Stellung in der europäischen Musikwelt immer mehr festigte. Er bekam zahlreiche Kompositionsaufträge, war von London bis Moskau als Dirigent unterwegs, erhielt allerlei Ehrungen und konnte es sich sogar leisten, das Angebot einer Professur am Konservatorium in Prag (vorläufig) abzulehnen. Die allgemeine Anerkennung ermutigte ihn dazu, seinen persönlichen Stil weiter zu entwickeln. Er brauchte nun weder, wie in seiner 7. Symphonie, die Anlehnung an Brahms, noch musste er das folkloristische Element, das ihn groß gemacht hatte, besonders in der Vordergrund stellen. Beide Aspekte blieben in seinem Werk zwar präsent, wurden jedoch in freier Weise in eine neue Kompositionshaltung integriert.

 

Der neue Stil zeigt sich besonders deutlich in der 8. Symphonie, die im Jahre 1889 entstand. Das Werk strahlt nicht nur optimistische Gelassenheit und selbstbewusste Kraft aus. Die musikalische Aussage gewinnt hier auch eine besondere Plastizität, sie wird geradezu sprechend und ist in gewisser Weise tonmalerisch. Ein Grund hierfür ist die Lockerung der Form. Das große Cellothema etwa, mit dem die Symphonie beginnt, hat nicht mehr die Funktion der Einführung des musikalischen Materials, welches dann nach den Regeln der klassischen Kunst „verarbeitet“ wird. Es ist vielmehr ein poetischer Gedanke, der in der Form einer Reminiszenz zwar zwei Mal wiederkehrt, formal aber nur die Funktion hat, den bunten Reigen der musikalischen Einfälle zu gliedern. Die beiden stimmungsvollen Mittelsätze entsprechen in ihrer formalen Struktur noch am ehesten der symphonischen Tradition. Der letzte Satz enthält wieder eine Fülle von Eigentümlichkeiten im Aufbau, insbesondere eine Verschränkung von Variationen- und Sonatensatz mit Rondoelementen. Zeitgenössische Kritiker merkten angesichts der ungewöhnlichen Form an, es sei fraglich sei, ob der Begriff „Symphonie“ auf dieses Werk noch zutreffe. Es sei dafür „viel zu wenig durchgearbeitet und in der ganzen Anlage zu sehr auf lose Erfindung begründet“. Die „Musical Times“ merkte nach der ersten Aufführung in England im April 1890 an, die Musik versuche offensichtlich, sehr verständlich von Geschehnissen außerhalb ihrer selbst zu sprechen“.

 

Dvoraks neues Selbstbewusstsein hatte im übrigen auch zur Folge, dass er seine wirtschaftliche Stellung gestärkt sah. Als ihm sein Verleger Simrock, mit dem er ständig im Clinch über Honorarfragen lag, für die 8. Symphonie 1000 Mark anbot, antwortete er, für diesen Betrag könne er ihm „ein so umfangreiches Werk, an dem ich drei Monate gearbeitet habe, absolut nicht geben“. Wenn Simrock für seine großen Werke keinen Absatz finde, sei er, Dvorak, von nun an in der Lage, sich einen (anderen) Verleger zu suchen. Simrocks anschließender Verweis auf einen Exklusivvertrag aus dem Jahre 1878 führte zu einer längeren Zwischeneiszeit in der von allerhand Klimaschwankungen geprägten Korrespondenz zwischen den beiden Geschäftspartnern. Verärgert antwortete Dvorak: „Ja, zum Narren halten lasse ich mich doch nicht! Und wenn Sie mit Drohungen mir anfangen, dann müssen demzufolge meine Forderungen bedeutend erhöht werden“. Und um für den Fall einer Klage gewappnet zu sein, verlangte er eine Kopie des Vertrages, den er seinerzeit „wohl nur aus Unerfahrenheit oder Dummheit unterschrieben habe“. Tatsächlich erschien die Achte als einzige der gedruckten Symphonien Dvoraks dann nicht bei Simrock in Hamburg, sondern bei Novello in London, weswegen sie gelegentlich auch die „Englische“ genannt wird.

 

1888 Nicolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow (1844-1908) – Scheherazade

Es gibt kaum einen Komponisten, der so bekannt ist wie Rimski-Korsakow, von dem aber zugleich so wenig Musik bekannt ist. Der „Hummelflug“, das „Capriccio Espanol“ und nicht zuletzt die Orchestersuite „Scheherazade“ haben den russischen Meister in der ganzen Welt populär gemacht. Die Werke, die ihm vor allem wichtig waren, die zahlreichen Vokalkompositionen etwa, allen voran die Opern, die Symphonien und Tondichtungen und die Kammermusik werden jedoch hierzulande selten oder überhaupt nicht gespielt.

 

Wiewohl dem jungen Nicolai Andrejewitsch die Musik eine Herzenssache war, wurde er, der Familientradition entsprechend, Marinekadett. Bevor er auf große Fahrt ging, lernte er allerdings Mili Balakirew kennen, das Haupt der musikalischen „Selbsterfahrungsgruppe“, zu der unter anderem Mussorgksi und Borodin gehörten. Die Gruppe, die später unter dem Namen „Mächtiges Häuflein“ berühmt werden sollte, war auf der Suche nach einer spezifisch russischen Musiksprache, wobei man unbekümmert um akademische Konventionen mit allen möglichen Formen experimentierte. Die Beziehung zu diesen Enthusiasten, die wie Rimski-Korsakow weitgehend Autodidakten waren, sollte den Lebensweg Rimski-Korsakows in andere Bahnen lenken. Balakirew ermunterte den 17-jährigen, den Pläne für eine Symphonie zu verwirklichen, die er bereits skizziert hatte. Das Werk, an dem der Marinekadett sogar während seiner Weltumsegelung in den Jahren 1862 bis 1865 arbeite, wurde die erste russische Symphonie und der Grundstein für eine große Musikerkarriere. Rimski-Korsakow verblieb zwar zunächst noch im Marinedienst, wo er zuletzt Aufseher über die Militärkapellen war. Als man ihm allerdings im Jahre 1871 eine Professur für Komposition am Konservatorium in St. Petersburg anbot, nutzte er die Gelegenheit, um sich ganz der Musik zu verschreiben. Die Tätigkeit am Konservatorium, die er bis zum Jahre 1905 beibehielt, als man ihn wegen seiner Sympathie für die erste russische Revolution entließ, begann er höchst selbstkritisch damit, daß er in Abkehr von der Regelverachtung des Balakirew-Kreises zunächst noch einmal selbst die musikalische Schulbank drückte. Auf diese Weise ist Rimski-Korsakow zum ersten handwerklich voll ausgebildeten russischen Komponisten geworden, eine Tatsache, die man ihm allerdings später insbesondere wegen seiner Überarbeitungen der Werke Mussorgskis, die ihm nicht immer „regelgerecht“ erschienen, kritisch vorgehalten hat.

 

Der Orchestersuite „Scheherazade“, die im Jahre 1888 entstand, liegen Episoden aus „Tausendundeiner Nacht“ zugrunde. Bekanntlich erzählt darin die Sultans-Frau Scheherazade immer wieder märchenhafte Geschichten, um ihren absurd eifersüchtigen Gemahl davon abzuhalten, sie umzubringen. Der Sultan glaubte die Treue seiner Gattinnen nur dadurch sicherstellen zu können, daß er ihnen durch Tod unmittelbar nach der Hochzeitsnacht die Gelegenheit nahm, untreu zu werden.

 

Das einleitende Thema der Baßgruppe charakterisiert das grimme Wesen des Sultans, während die Solovioline für die anmutige Scheherazade steht. Beide Elemente ziehen sich als verbindende musikalische Elemente durch das ganze Werk. Thema des ersten Satzes ist Sindbads Schiff, das in einen Sturm gerät, den man gelegentlich im wahrsten Sinne des Wortes pfeifen hört. Gegenstand des zweiten Satzes ist die Erzählung des Prinzen Kalender, der eine Menge Abenteuer, darunter den Kampf mit dem Riesenvogel Ruch, erlebt hat, bevor er zum umherziehenden Derwisch ohne Behausung wurde. Der dritte Satz schildert eine wunderschöne Liebesszene zwischen einem jungen Prinzen und einer Prinzessin. Der letzte Satz beginnt mit Volkstreiben in Bagdad, man hört Themen aus den vorangegangenen Sätzen, bis das ganze schließlich wieder in den Seesturm umschlägt, durch den Sindbads Schiff auf einen Felsen geworfen wird und zerschellt. Am Ende tritt Ruhe ein, auch der Sultan ist besänftigt. Das Anfangsthema hat seine zornigen Charakter verloren und Scheherazade hat das letzte zarte Wort.

 

Rimski-Korsakow geht mit dieser Orchestersuite einen Mittelweg zwischen Programmmusik und Symphonie. Die Verarbeitung der Themen ist, wie der Komponist in seiner aufschlußreichen musikalischen Autobiographie betont, keineswegs nur deskriptiver Natur. Vielmehr werden die scheinbaren Leitmotive in symphonischer Manier umgesetzt, wobei sie in verändertem Kontext jeweils neue Bedeutung erlangen können. Mit den programmatischen Andeutungen, so schreibt Rimski-Korsakow, habe er die Phantasie des Hörers nur behutsam in eine Richtung lenken wollen. Die Ausmalung bestimmter Details solle aber jedem Hörer selbst überlassen werden.

1886 Camille Saint-Saens (1835 – 1921) – Orgelsymphonie

Es gibt nur wenige Komponisten, die sich schon zu Lebzeiten einer Verehrung erfreuen konnten wie Camille Saint-Saens. Schon dreißig Jahre vor seinem Tod konnte er in Dieppe ein Museum mit seiner Hinterlassenschaft eröffnen. Wenige Jahre danach wurde in dieser seiner Wahlheimatstadt auch noch seine Statue aufgestellt. Die hohe öffentliche Resonanz, deren sich Saint-Saens meist sicher sein konnte, spiegelt sich auch in den außerordentlich guten Honoraren, die er nicht nur als Komponist sondern auch als gefeierter Pianist verlangen konnte. Als Saint-Saens im Jahre 1921 im Alter von 86 Jahren starb, sagte sein Freund und Schüler Gabriel Fauré an seinem Grab. „Er war der kompletteste Musiker, den wir hatten, ein Mann von unbegrenztem Wissen, wunderbarer Technik, klarer und ausgesuchter Sensibilität und Integrität, der eine erstaunliche Menge und Vielfalt von Werken hervorbrachte.“

 Wenige Jahre nach Saint-Saens Tod hatte sich das Blatt allerdings gründlich gewendet. Der Mann, den man einmal als den Mozart seiner Zeit bezeichnet und wegen seiner umfassenden Bildung und vielfältigen Produktivität mit Voltaire und Goethe verglichen hatte, wurde plötzlich heftig geschmäht. Ein führender französischer Kritiker schrieb seinerzeit, man müsse Mut haben, sich zu Saint-Saens zu bekennen. Er wäre froh, dessen gesamtes Werk gegen eine einzige Seite von Bachs Matthäus-Passion hingeben zu können. Bemängelt wurde nun, dass man hinter dem kompositorischem Werk den Schöpfer nicht erkenne. Saint-Saens Schaffen sei eklektizistisch und ohne Entwicklung, seine Werke seien (nur) routiniert und im immer gleichen Stil geschrieben und hätten eine kühle, geradezu mathematisch-logische Struktur. Sie würden damit nicht in das 19. Jh. passen, wo jedes Kunstwerk mit dem Herzblut seines Schöpfers getränkt gewesen sei.

 Darüber, ob diese Sicht Saint-Saens gerecht wird, wird noch heute gestritten. Richtig ist wohl, dass der Musiker mehr ein Bewahrer und Vollender als ein Neuerer war; außerdem dass er, anders als manche Exponenten des künstlerischen Fortschritts im 19. Jh., seine Person und die Wallungen seines Herzblutes nicht sonderlich in den Vordergrund stellte. Es gibt bei ihm weder eine unsterbliche Geliebte noch eine blaue Blume und auch kaum Anekdoten. Ob damit allerdings die Behauptung gerechtfertigt ist, er sei kein echter Repräsentant des 19. Jh., ist zweifelhaft. Dieses Jahrhundert kannte neben den Kräften, die mit forcierter Subjektivität vorwärts strebten, in hohem Maße auch Tendenzen der Selbstvergewisserung, des Zusammenfassens und Konservierens, die sich – besonders deutlich ist dies in der Architektur – gerade auch in der wiederholten aber souveränen Verfügung über die tradierten stilistischen Mittel manifestieren. Saint-Saens, der sich viel im Orient aufhielt und die europäische Welt auch aus der Außenperspektive zu sehen gelernt hatte, hätte auf diese Kritik wohl das geantwortet, was er als Präsident der Akadémie des Beaux Art im Jahre 1901 vor Rompreis Stipendiaten sagte: „Der Westen macht sich gern über das orientalische Phlegma lustig; der Orient könnte ihm das mit gleicher Münze heimzahlen und seinerseits über die Wechselhaftigkeit des Westens spotten, über sein Unvermögen, eine Form oder einen Stil über eine Zeitlang beizubehalten, über seine Manie, um jeden Preis das Neue zu suchen, ohne Ziel und ohne Grund. Je mehr man sich darum bemüht, modern zu sein, desto schneller altert man.“

 Möglicherweise wegen der heftigen Kritik, die Saint-Saens im 20 Jh. erfahren hat, sind heute nur wenige seiner insgesamt über 300 Kompositionen im öffentlichen Bewusstsein präsent. Eines dieser Werke ist die Orgelsymphonie, die im Jahre 1886 geschrieben wurde.

 Das Werk entstand im Auftrag der Philharmonischen Gesellschaft in London. Dessen Vorstand fragte im Herbst 1885 bei Saint-Saens zunächst an, ob er im Frühjahr 1886 sein 4. Klavierkonzert mit dem Orchester des Vereins spielen könne. Saint-Saens verlangte dafür ein Honorar von 40 Pfund. Da die Philharmonische Gesellschaft, wie ähnliche Vereinigungen noch heute, mit dem Penny rechnen musste, wies der Vorstand Saint-Saens dezent darauf hin, dass es sich bei der Gesellschaft um eine „Non- Profit“ – Institution handele und bat um seine Zustimmung zu einem Honorar von 30 Pfund. Gleichzeitig machte er dem verwöhnten Star die Zumutung mit dem Angebot schmackhaft, für das Konzert auch noch ein neues Werk zu komponieren. Saint-Saens sagte zu und machte sich alsbald ans Werk. Nach einigen Monaten schrieb er nach London, er sei mitten in der Arbeit an der Symphonie, die Furcht erregend werde. „Inzwischen ist dieses Teufelsweib von einer Symphonie um einen halben Ton in die Höhe gegangen. Sie wollte nicht in h-moll bleiben und ist jetzt in c-moll“. Und er fügte, als wolle er Enttäuschungen vorbeugen, hinzu: “Es wird mir ein Fest sein, diese Symphonie zu dirigieren. Wird es auch ein Fest für die Zuhörer? Das ist die Frage. Sie haben sie gewollt, ich wasche meine Hände in Unschuld.“ Gleichzeitig teilte er eine Besetzung für das Werk in einem Umfang mit, die den sparsamen Vereinsvorstand, nicht anders als heute, dazu veranlassen musste, sich noch einmal gründlich mit der Kostenkalkulation zu befassen. Im übrigen bat er darum, dass ihm neben der Generalprobe noch eine weitere Probe eingeräumt werden möge. Im Mai begab sich Saint-Saens dann zur Aufführung nach London. Nach der ersten Probe schrieb er an seinen Verleger: „Wir haben die Symphonie dechiffriert. Sie ist in der Tat furchtbar. Ich hatte Recht. Glücklicherweise habe ich es mit einem Orchester allererster Klasse zu tun“. Nach der Uraufführung am 19.5.1886 schrieb er allerdings an seinen Verleger. „Die Symphonie  war ein kolossaler Erfolg, der noch durch eine Opposition ausgeschmückt wurde, die gerade so stark war, um ihn noch intensiver zu machen.“ Die Prinzessin und der Prinz von Wales, die unter den Zuhörern gewesen seien, hätten sich allerdings bestimmt fürchterlich gelangweilt.

Entgegen dem Anschein, den Saint-Saens lakonische Äußerungen erwecken, ist in die Orgelsymphonie einiges an Herzblut des Komponisten geflossen. Das zeigt schon die Tatsache, dass Saint-Saens darüber später sagte: „Ich habe hier alles gegeben, was ich konnte … so etwas wie dieses Werk werde ich nie wieder schreiben“ (tatsächlich hat Saint-Saens, der bis kurz vor seinem Tod komponierte, in den verbleibenden 35 Jahren seines Lebens auch kein weiteres größeres symphonisches Werk mehr geschrieben). Darauf, dass im Hintergrund des Werkes ziemlich grundlegende Fragen standen, deutet auch die Tatsache, dass das Grundmotiv der Symphonie, welches in allen vier Sätzen präsent ist, aus den Anfangstönen des gregorianischen Dies Irae besteht. Hinzu kommt, dass sich Saint-Saens mit diesem Werk aus einer Schaffenskrise befreite, die nicht zuletzt aus Auseinandersetzungen zwischen den führenden Komponisten Frankreichs um den Kurs der Musik ihres Landes resultierte. Saint-Saens, der sich dabei von den Anhängern César Franks, der „Schola“, wie er sagte, angegriffen fühlte, sah sich in dieser Auseinandersetzung übrigens als Neuerer. Im Hinblick auf die d-moll Symphonie von Frank, die dessen Anhänger als Meilenstein des musikalischen Fortschritts feierten, schrieb er: „Wenn überhaupt eine Symphonie die Ehre beanspruchen darf, die Form der Symphonie erneuert zu haben, dann wäre das  – auf Grund ihrer Form (gemeint ist vor allem die in zwei Sätzen „versteckte“ Viersätzigkeit) und der Verwendung der Orgel – meine Symphonie in C. Sie hat freilich einen Rang in der Musikwelt erobert, der den Gläubigen der Schola den Schlaf raubt.“

 Auf die ungewöhnliche Idee, eine Orgel in einer Symphonie zu verwenden, dürfte Saint-Saens wohl nicht zuletzt durch Franz Liszt´s Symphonische Dichtung „Hunnenschlacht“ gebracht worden sein, in der die Orgel eingesetzt ist. Darauf deutet nicht zuletzt, dass Saint-Saens die Symphonie Liszt widmete, den er sehr verehrte und der den Franzosen mit der Weimarer Uraufführung seiner Oper „Samson und Delilah“, einem weiteren seiner Werke, das sich im Repertoire hielt, sehr behilflich war. Allerdings spielt die Orgel, obwohl sie der Symphonie den Namen gab, bei Saint-Saens anders als bei Liszt keine herausragende Rolle. Sie ist eine, mitunter mächtige Farbe in einem erweiterten Klangspektrum, zu dem im übrigen auch ein von vier Händen zu spielendes Klavier gehört.

1886 Johannes Brahms (1833-1897) – Symphonie Nr. 4, e-moll Op. 86

Brahms galt lange als ein rückwärtsgewandter Musiker. Man sah in ihm vornehmlich einen Klassiker, der sich mit den Klassikern beschäftigte. Dies hat ihm den Titel eines Akademikers oder gar eines Historikers eingebracht. Brahms Freunde bewunderten seine „Belesenheit“, aus welcher der kunstvolle Umgang mit den überkommenen Formen der Musik resultierte. Für sie war er der Meister, der die Tradition fortführte. Seine erste Symphonie bezeichneten sie daher als die „Zehnte“, als die Symphonie also, die auf Beethovens „Neunte“ folgt. Brahms 4. Symphonie mit ihren altertümlichen Wendungen und Harmonien bis hin zu mittelalterlichen Kirchentonarten und der abschließenden Passacalia, einer barocken Satzform, war für sie vor allem eine melancholische Apotheose der Vergangenheit.  

Auf der Gegenseite standen die Anhänger Wagners und Liszts, welche die historischen Formen eher als Fesseln des Ausdrucks empfanden, der für sie im Vordergrund der Musik stand. Sie sahen in Brahms einen Epigonen ohne Inspiration. Hugo Wolf etwa, einer der Wortführer der Ausdrucksmusiker, fand in Brahms 4. Symphonie nur Nichtigkeit, Hohlheit und Duckmäuserei. „Die Kunst, ohne Einfälle zu komponieren“, so schrieb er im Wiener Salonblatt nach der ersten Wiener Aufführung im Jahre 1886 „hat entschieden in Brahms ihren würdigsten Vertreter gefunden.“ Noch im Jahre 1931 warf Wilhelm Furtwängler bei einem Vortrag die Frage auf, ob man, wenn man die Musikgeschichte von Standpunkt der Entwicklung betrachte, Brahms „überhaupt das Prädikat eines großen Meisters zuerkennen kann.“

 Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Brahms gilt heute als einer der Wegbereiter der Moderne. Entscheidend zu dieser Umwertung beigetragen hat ausgerechnet Arnold Schönberg, der eher von der Ausdrucksseite kam. Schönberg veröffentlichte im Jahre 1947 einen Aufsatz, dessen Überschrift „Brahms der Fortschrittliche“ mittlerweile zum geflügelten Wort geworden ist. Darin stellt er fest, dass nicht nur Wagners Harmonik nicht komplexer als die von Brahms sei; beide seien auch vergleichbar formalistisch. Wenn Brahms etwa in seiner 4. Symphonie „im letzten Satz die Terzen des ersten aufmarschieren lässt“, dann diene dies nicht anders als Wagners Leitmotivtechnik dazu, die Einheitlichkeit des Werkes herzustellen. Vor allem aber sieht Schönberg bei Brahms ein Fortschreiten auf dem Weg, den die Kunstmusik nach seiner Auffassung in Richtung auf eine „direkte und unumwobene Darstellung von Gedanken ohne jegliches Flickwerk und leere Wiederholungen“ gehen müsse. Brahms habe wesentlich zur Verdichtung der musikalischen Sprache beigetragen, die einem wachen, das heißt modernen Geist angemessen sei.

In der Tat hat Brahms das Prinzip der „entwickelnden Variation“, bei dem aus kleinsten Motiven ganze Satzzusammenhänge entstehen, gerade in der 4. Symphonie auf eine neue Höhe getrieben. Die musikalischen Elemente sind hier so außerordentlich dicht und beziehungsreich miteinander verwoben, dass eine der glühendsten und geistvollsten Anhängerinnen des Komponisten, Elisabeth von Herzogenberg, darin bereits ein Problem sah. Von Brahms vor der Uraufführung nach ihrer Meinung über die Symphonie befragt, schrieb sie, es gäbe bei allen wunderbaren Entdeckungen, die man in dem Werk machen könne, einen „Punkt, wo ein gewisser Zweifel anhakt“. „Es ist“, so schreibt sie, „als wenn eben diese Schöpfung zu sehr auf das Auge des Mikroskopikers berechnet wäre, als wenn nicht für jeden einfachen Liebhaber die Schönheiten offen dalägen und als wäre es eine kleine Welt für die Klugen und Wissenden, an der das Volk, das im Dunkeln wandelt, nur einen schwachen Anteil haben könne“. Eine Menge Stellen habe sie nicht gehört, sondern bei Studium der Partitur erst mit den Augen entdeckt. Das Problem, das Elisabeth von Herzogenberg hier anspricht, verdeutlicht, dass Brahms in der Tat ein Fortschrittlicher war. Was in der gemäßigten Form, wie es bei Brahms auftritt, als geistreich und tiefsinnig empfunden wird, sollte bei Schönberg und  überhaupt in der neueren Musik zum ernsthaften Rezeptionsproblem werden.

1885 César Franck (1822-1890) – Symphonische Variationen für Klavier und Orchester

Gemessen an den Maßstäben, welche die meisten großen Figuren der Musikgeschichte gesetzt haben, ist César Francks Musikerkarriere merkwürdig auf den Kopf gestellt. Die Kompositionen seiner ersten 50 Lebensjahre lassen kaum erkennen, welch` künstlerisches Schwergewicht sich hinter seiner stillen Persönlichkeit verbarg. Die Werke, mit denen er seine bedeutende Stellung in Musikgeschichte begründete, stammen allesamt aus seinem letzten Lebensabschnitt. Dazu gehört die Violinsonate in A-Dur, eine der großartigsten Schöpfungen dieser Gattung überhaupt, die große Symphonie in d-moll, verschiedene Orgelwerke, das Oratorium „Die Seeligpreisungen“, das Franck selbst als sein Hauptwerk betrachtete, und nicht zuletzt die „Symphonischen Variationen“ aus dem Jahre 1885.

 

Der Titel des Werkes zeigt bereits, worum es geht, nämlich um eine vor Franck nicht versuchte Verknüpfung des symphonischen (Sonaten)Prinzips, bei dem zwei (oder mehrere) Themen fruchtbar miteinander konfrontiert werden, mit dem Prinzip der Variation, bei dem ein Thema von verschiedenen Seiten beleuchtet wird. Dem entsprechend liegen dem Werk zwei Themen zugrunde, ein „männliches“ und ein „weibliches“, deren Entstehung und gegenseitige Auseinandersetzung gerade dadurch vorangetrieben wird, daß sie sich ständig verändern. Franck hat damit der „zyklischen Form“, d.h. der konsequenten thematischen Verknüpfung aller Teile eines Werkes, die als sein Markenzeichen gilt, eine neue Variante abgewonnen.

 

Eine derart komplexe Grundstruktur bedingt eine außerordentliche Strenge und Konsequenz der Kompositionsform. Dadurch ist das Stück zu einem wahren Wunderwerk stringenter Satzkunst geworden. Bei aller Dichte der Konstruktion bleiben aber die sehr persönlichen Elemente des Franck`chen Stiles erhalten, so sein Tiefsinn und die Neigung zu Versenkung und Kontemplation. Vor allem findet sich auch hier das typische „chromatische Mäandern“, jenes scheinbar improvisatorische Auftreten von Themen, die ihre vollständige Gestalt erst im Laufe der weiteren Entwicklung gewinnen und dabei immer weiter fortgesponnen werden.

1884 Richard Strauss (1864 – 1949) – Suite (B-Dur) für 13 Blasinstrumente Op.4

Es ist sicher kein Zufall, daß das Horn in der Bläsersuite Op.4 von Richard Strauss als einziges Instrument gleich vierfach besetzt ist. Das Horn war nämlich das Instrument seines Vaters Franz Strauss. Auch stilistisch steht das Werk, das Richard Strauss im Alter von 20 Jahren schrieb, dem Vater nahe. Es atmet noch den Geist der klassizistischen Musikrichtung, deren Anhänger Franz Strauss gegen alle Strömungen des Zeitgeistes immer geblieben ist. Maßstab der Musik waren für Franz Strauss die Meister der Klassik und der frühen Romantik. Die moderne Musik seiner Zeit, insbesondere die der neudeutschen Schule, an deren Spitze Richard Wagner stand, lehnte Vater Strauss strikt ab. Klassizistisch ging es auch im Laienorchester „Die wilde Gung’l“ zu, dessen Dirigent Vater Strauss war, und in dem Sohn Richard seinerzeit die erste Geige spielte.

 

Dennoch ist das Leben von Vater und Sohn Strauss auf seltsame Weise mit Wagner und seinen Anhängern verflochten, wobei nicht zuletzt die Bläsersuite eine Rolle spielen sollte. Schon der Anfang ist bemerkenswert. Wagner kam auf Einladung König Ludwigs II. 1864 genau in den Tagen nach München, in denen Richard Strauss dort geboren wurde. In Wagners Gefolge war Hans von Bülow, einer seiner glühendsten Anhänger. Die Zeichen standen damit für die Klassizisten, die in München bis dato das Sagen hatten, auf Sturm. Der langjährige Leiter des Hoforchesters Franz Lachner, ein ausgewiesener Klassizist, unter dem Vater Strauss 20 Jahre gespielt hatte, beantragte schon bald seine Pensionierung. Seinen Posten übernahm Bülow. Zum seinem Leidwesen war Franz Strauss darüber hinaus „gezwungen“, unter dem Zweigespann Bülow und Wagner an der Uraufführung des „Tristan“ (am 10.4.1865 – einen Tag vor Sohn Richards erstem Geburtstag!) und der „Meistersinger“ mitzuwirken (wobei er, wie selbst Wagner zugeben mußte, deren schwere Hornpartieen, die Franz Strauss als „Klarinettenstimmen“ beschimpfte, mit Bravour meisterte).

 

Franz Strauss mochte aber nicht nur Wagners Musik nicht, er haßte ihn vor allem als Person. Wenn er bei der Geburt seines Sohnes gewußt hätte, wie sehr er sich noch über einen Mann namens Richard ärgern würde, hätte er seinem Stammhalter ohne Zweifel einen anderen Vornamen gegeben. Seinen Widerwillen gegen Wagner übertrug Vater Strauss offensichtlich auch auf Bülow. Die beiden scheinen sich permanent in den Haaren gelegen zu haben. Ausgerechnet Hans von Bülow sollte es später aber sein, der seinem Sohn Richard die Wege für eine ganz große Musikerlaufbahn ebnete.

 

Damit, daß hierbei die Bläsersuite eine wichtige Rolle spielte, hat es nun folgende Bewandtnis: Bereits 3 Jahre vor der Bläsersuite hatte Richard Strauss eine Bläserserenade für die gleiche Besetzung (also ebenfalls mit 4 Hörnern) geschrieben. Als Hans von Bülow sie im Frühjahr 1884 bei einer Probe hörte, forderte er den jungen Komponisten auf, für diese Besetzung eine weitere Suite zu schreiben. Strauss machte sich alsbald an die Arbeit und sandte das neue Werk an Hans von Bülow nach Meiningen, wo dieser seinerzeit das berühmte Hoforchester leitete. Nachdem Bülow über längere Zeit nichts von sich hören ließ, bat ihn Vater Strauss, das Werk anläßlich eines Münchener Gastspieles der Meininger wenigstens probeweise zu spielen. Bülow reagierte unerwartet. Er teilte Richard Strauss kurzfristig mit, daß er die Uraufführung des Werkes am 18.11.1884 im Münchener Odeon selbst dirigieren solle. Die Bitte von Strauss, ihm Gelegenheit zum Proben zu geben, schlug er allerdings ab. Daher mußte Strauss das Werk „vom Blatt“ dirigieren. Strauss aber war völlig unerfahren im Umgang mit dem Taktstock. Er hatte bis dahin bei Verhinderung seines Vaters allenfalls einmal eine Probe der „Wilden Gung’l“ geleitet.

 

Darüber was nach der Aufführung, die zugleich der Beginn einer großen Dirigentenkarriere war, passierte, hat der Debütant folgenden Bericht hinterlassen: „Nach der Suite kam mein Vater zu ihm (Bülow), um sich zu bedanken, da brach der Sturm los: „Sie brauchen sich gar nicht zu bedanken, ich habe nicht vergessen, was Sie mir seinerzeit alles angetan haben, was ich für Ihren Sohn tue, tue ich, weil er Talent hat, nicht für Sie“. Es war eine schreckliche Explosion. Mein Vater verließ wortlos und tief erschüttert das Zimmer“. Die Folgen dieses „Auftrittes“ waren für Richard Strauss dennoch von größter Bedeutung. Kurz danach berief Bülow Strauss als Kapellmeister nach Meiningen, wo er Erfahrungen im Umgang mit einem Orchester sammeln konnte, die für seine weitere musikalisches Entwicklung außerordentlich wichtig waren.

 

Die Ironie des Schicksal wollte, daß Richard Strauss in der Folge zum vielleicht bedeutendsten „Wagnerianer“ werden und das musikalische Erbe des schillernden Sachsen auf großartige Weise fortführen sollte. Dies mußte zum Bruch mit den künstlerischen Überzeugungen seines Vaters führen (wobei er dessen Erbteil aber insofern bewahrte, als auch er den einmal eingenommenen musikalischen Standpunkt lebenslänglich gegen alle Strömungen des Zeitgeistes verteidigte). Vielleicht erschließt sich auf dem Hintergrund der „Lösung“ vom Vater der tiefere Sinn einer Bemerkung, mit der sich Richard Strauss später von dem jugendlichen Bläserwerk distanzierte. In einem Brief an seine Eltern schreibt er darüber nämlich: „Gegen vier Hörner sind zweifache Hölzer unmöglich“.

1884 Niels Wilhelm Gade (1817 – 1890) – Holbergiana – Suite für Orchester

Wie Grieg nahm auch Gade die Feiern zum 200. Geburtstag des barocken Dichters Holberg zum Anlaß, ein Werk in dessen Geiste zu schreiben. Seine viersätzige Komposition für großes Orchester wurde in Kopenhagen aufgeführt, wo Holberg hauptsächlich wirkte. Während Grieg sein charmantes Kabinettstück im Stile des 18. Jahrhundert schrieb, geht es bei Gade „barocker“ und damit handfester zu. Gades Musik ist humoristisch und im besten Sinne unterhaltend. Wie in Holbergs Komödien werden dabei die komischen Effekte nicht zuletzt durch allerhand Überraschungen erzielt. Die musikalischen Mittel, die Gade hiefür wählte, sind vor allem ständige rhythmische Schwerpunktverlagerungen und unerwartete thematische und harmonische Weiterführungen. Davon abgesehen wechseln Passagen des Übermutes mit „schönen Stellen“ und Episoden, die nachdenklich Schmunzeln lassen. In den schnellen Sechszehntel- Figuren, die das Werk durchziehen, ist immer wieder fröhliches Lachen zu vernehmen.

1884 Edvard Grieg (1843-1907) – „Aus Holbergs Zeiten“, Suite im alten Stil, Op.40

Grieg schrieb dieses „Perückenstück“ für die Feiern zum 200. Geburtstag des norwegisch-dänischen Lustspieldichters Baron Ludvik von Holberg (1684 – 1754), die 1884 in Bergen, dem Geburtsort Holbergs (und Griegs), stattfanden. Die Uraufführung dirigierte er, wie er vermerkte „im Pelz und in Pelzstiefeln mit dito Mütze“ bei einem winterlichen Freiluftkonzert anläßlich der Einweihung einer Statue dieses „nordischen Molieres“. Allzu wörtlich ist der Titel „Aus Holbergs Zeiten“ nicht zu nehmen. Der vielseitige Schriftsteller Holberg gehört zeitlich und stilistisch der Barockzeit an (er war ein Altersgenosse Bachs). Grieg greift in der Suite aber eher den zierlichen und tänzerischen Stil des späteren Rokoko auf. Ganz wohl fühlte er sich bei dieser Kostümarbeit nicht, denn er glaubte dabei seine Persönlichkeit verleugnet zu haben. Daher empfand er den großen Erfolg, den die Suite hatte, „als leider nicht sehr schmeichelhaft für meine Kunst“. Ihre zauberhafte Wirkung beruht aber nicht zuletzt darauf, dass hinter den Formen des 18. Jahrhunderts eben doch die Persönlichkeit

des nordischen Romantikers vom Ende des 19. Jahrhunderts durchscheint.

1884 Josef Gabriel Rheinberger (1839 – 1901) – Orgelkonzert F-Dur

Rheinberger entstammt einer alt eingesessenen Liechtensteiner Familie, die Menschen mit Fähigkeiten hervorgebracht hat, welche in dem kleinen Fürstentum am Hochrhein aus dem Rahmen fielen. Von seinem Urgroßvater, einem Amtsschreiber in fürstlichen Diensten, wird berichtet, er sei der einzige Liechtensteiner gewesen, der richtig Deutsch habe schreiben können. Josef Rheinberger selbst sollte der einzige bedeutende Komponist des bergigen Landes am Rhein werden.

 

Schon in zartem Alter fiel der kleine „Peppo“ durch außerordentliches Klavierspiel und Kompositionstalent auf. Mit 9 Jahren wurde er Organist in seiner Heimatstadt Vaduz. Als solcher weihte er die Orgel ein, die sein Vater der örtlichen Kirche in einem Gelübde angesichts befürchteter Probleme bei Josefs Geburt versprochen hatte.  Obwohl ihm  die Frühbegabung schon bald  den Ruf eines  Liechtensteiner Mozarts einbrachte, sah sein  Vater, der  Grundbuchführer im Dienste  des Landes war,  die musikalischen  Umtriebe seines  frühreifen

Sprösslings mit Nüchternheit. Nur mit Mühe konnten einheimische Kenner ihn dazu überreden, den Jungen zur weiteren Ausbildung nach Feldkirch und später nach München zu schicken. Nachdem Rheinberger 3 Jahre am Konservatorium in München studiert hatte, verweigerte Vater Rheinberger dem Sohn die Zustimmung zur Fortsetzung der Ausbildung. Der fürstliche Grundbuchführer war auf gerechte Teilung der familiären Mittel bedacht und begründete seine Entscheidung damit, daß es ihm schwer falle, auf Josef mehr als auf dessen Geschwister zu verwenden.

 

In München waren es wieder Fremde, die sich für Rheinbergers weitere Ausbildung einsetzten. Die Leichtigkeit, mit der er komponierte – allein das Verzeichnis seiner Jugendwerke enthält nicht weniger als 171 Kompositionen – ließ seine Lehrer aufhorchen. Durch Vermittlung des Malers Moritz von Schwind versuchten sie den Fürsten von Liechtenstein zur Vergabe eines Stipendiums für den 15-jährigen zu bewegen. Aber auch der Landesvater, dem die Musik nicht viel galt, lehnte die weitere Förderung ab. Schließlich brachte man die nötigen Mittel durch Subskriptionen in der Münchener Kunstaristokratie auf. Der damals hochberühmte erste bayrische Generalmusikdirektor Franz Lachner erklärte sich bereit, die Ausbildung des vielversprechenden jungen Komponisten zu übernehmen. Rheinberger dankte der Stadt München die Unterstützung dadurch, daß er ihr bis zu seinem Lebensende die Treue hielt.

 

Seinen Lebensunterhalt verdiente sich Rheinberger in den verschiedensten musikalischen Funktionen. Er war Klavier- und Kompositionsprofessor –  zu seinen Schülern gehörten Wilhelm Furtwängler und der Physiker Max Planck – , Korrepetitor an der Oper, Organist, Leiter der königlichen Musikschule und Hofkapellmeister. Seine eigentliche Leidenschaft aber galt dem Komponieren. Sein offizielles Werkverzeichnis enthält 197 Kompositionen. Außerdem schrieb er 100 Stücke ohne Opuszahl und das umfangreiche Jugendwerk.

 

Elemente aus Rheinbergers Jugendbiographie hat offensichtlich Robert Schneider in seiner alpenländischen Musikersaga „Schlafes Bruder“ verarbeitet, die sich einige Zeit auf den Bestsellerlisten fand und die auch verfilmt wurde. Elias Alder, die Hauptfigur des Romans, ist ein orgelspielendes Natur- und Frühtalent vom Hochrhein. Im Zusammenhang mit einem Orgelwettbewerb in Feldkirch, dies der versteckte Hinweis, fällt auch Rheinbergers Name, obwohl dieser, da der Roman in der Beethovenzeit spielt, noch garnicht lebte.

 

Rheinberger zählt, wie sein Lehrer Lachner, nicht zu den Komponisten, die auf kühne Weise neue künstlerische Horizonte eröffneten. Er orientierte sich am Bewährten, insbesondere an der Wiener Trias Haydn, Mozart und Beethoven. Von Bach übernahm er den Kontrapunkt, den er so gekonnt zu handhaben wußte, daß er den Ruf eines der größten Meister dieses Faches hatte. Bei den Protagonisten des musikalischen Fortschrittes stieß er mit seiner klassizistischen Ausrichtung allerdings auf Ablehnung. Unter Führung Richard Wagners, dessen spektakuläres Auftreten in München Mitte der 60-er Jahre des Jahrhunderts er hautnah erlebte, sorgten die „Neudeutschen“ dafür, daß Rheinberger, wie viele klassizistische Komponisten des 19. Jahrhunderts, in Vergessenheit geriet. Erst in neuerer Zeit nimmt das Interesse an den Werken dieser Komponisten wieder zu. Unser Bild von der musikalischen Entwicklung im 19. Jahrhundert hat dadurch eine wesentliche Bereicherung erfahren. Immer deutlicher wird, daß neben den bekannten vorwärtsdrängenden künstlerischen Tendenzen der Zeit eine hochentwickelte schöpferische Traditionspflege bestand, die keineswegs epigonal war. Die Werke Rheinbergers, von denen inzwischen viele neu herausgegeben worden sind, zeigen einen formbewußten romantischen Komponisten, der bei aller Liebe zur Tradition eine ausgeprägte eigene Tonsprache hat.

 

Rheinbergers Interesse galt allen Musikgattungen bis hin zur Oper. In besonderem Maße fühlte er sich aber zur Kirchenmusik hingezogen. Er schrieb zahlreiche Messen, Oratorien, Kantaten und Chöre, die meist in der Hofkirche St. Kajetan in München aufgeführt wurden, wo Rheinberger über viele Jahre die königlichen bayrischen Kirchendienste leitete. Aus seiner Neigung zur Kirchenmusik resultiert auch sein umfangreiches Orgelwerk. Neben 20 Orgelsonaten und vielen kleineren Werken schrieb er 2 Konzerte für Orgel und Orchester.

 

Das Orgelkozert in F-Dur entstand im Jahre 1884 und wurde im November des gleichen Jahres in der Leipziger Paulskirche erstmalig aufgeführt.

1883 Johannes Brahms (1833 – 1897) – Symphonie Nr. 3 F-Dur

Über die Umstände, unter denen Brahms seine 3. Symphonie komponierte, ist fast nichts bekannt. Brahms, der sich schon im Allgemeinen wenig über die Entstehung seiner Werke äußerte, läßt uns hier ganz im Stich. Fest steht nur, daß das Werk im Sommer des Jahres 1883 in Wiesbaden fertiggestellt und am 2. Dezember des gleichen Jahres in Wien uraufgeführt wurde.

 

Auf den ersten Blick scheint Brahms damit auch in diesem Fall seinen gewohnten Lebensrhythmus eingehalten zu haben. Brahms pflegte im Sommer zu komponieren, im Winter aber zu konzertieren und den Druck der neuen Werke vorzubereiten. In der Regel begab er sich zum Komponieren in eine inspirierende Landschaft, wo er die neuen Werke bei ausgedehnten Spaziergängen entwarf. Dies veranlaßte seine Interpreten dazu, in den Werken Spuren dieser Landschaften zu suchen. Sie konnten sich hierzu um so mehr berechtigt fühlen, als Brahms in seinen Briefen solche Zusammenhänge selbst immer wieder andeutete.

 

Die 3. Symphonie entzieht sich aber einem solchen „landschaftlichen“ Interpretationsansatz. Die gelegentlichen Versuche, die heroischen Aspekte insbesondere ihres 4. Satzes mit dem pompösen Niederwalddenkmal im Rheingau unweit von Wiesbaden in Verbindung zu bringen, welches im Sommer 1883 fertiggestellt und von Brahms seinerzeit besucht wurde, wirken ziemlich bemüht, zumal sie überdeutlich von der Absicht getragen sind, Brahms für das nationale Lager zu vereinnahmen.

 

Die Wahl des Ortes der Komposition hatte offensichtlich weniger mit der Landschaft als mit der jungen Sängerin Hermine Spieß zu tun, die in Wiesbaden wohnte und die Brahms nicht nur deswegen schätzte, weil sie seine Lieder so besonders vollkommen sang. Angesichts der hübschen 26-jährigen Altistin war der überzeugte Junggeselle in jenem Sommer offenbar ins Grübeln darüber gekommen, ob seine Entscheidung, den Freuden des Ehelebens zu entsagen, endgültig sein müsse. Man mag daher eher darüber spekulieren, ob die melancholischen Passagen des Werkes, insbesondere der dritte Satz, möglicherweise mit der Erkenntnis des 50 Jahre alten Komponisten zusammenhängen, sich mit dieser Frage zu spät und am Beispiel einer zu jungen Frau befaßt zu haben. Vielleicht ist dies auch der Grund dafür, daß die berühmte Cellokantilene dieses Satzes zum Leitmotiv für den melancholischen Beziehungsfilm „Lieben Sie Brahms“ nach dem gleichnamigen Roman von  Francoise Sagan werden konnte. Auch darin findet sich, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen, die Problematik des großen Altersunterschiedes zwischen Liebenden und das melancholisch gefärbte Motiv von Liebe und Einsamkeit.

 

Eigentlich bleibt im Falle der F-Dur Symphonie für die Interpretation „nur“ die Beschäftigung mit den rhythmischen und harmonischen Finessen des Werkes und dem kunstvollen Beziehungsgeflecht der Themen, die es satzübergreifend durchziehen. Dabei zeigt sich ein Musiker, der auf dem Höhepunkt seiner Meisterschaft ist, und der der Nachwelt ein Wunderwerk der Kompositionskunst geschenkt hat. Heute, nicht einmal einhundert Jahre nach dem Tod von Brahms, kann man von der Entstehung eines solches Werkes (leider) nur noch träumen.

 

Der Symphonie war von Anfang an ein riesiger Erfolg beschert. Die Versuche des Wagner-Brucknerflügels im Stehparkett des Wiener Musikvereinssaales bei der Uraufführung zu oponieren, wurden durch den begeisterten Applaus der großen Mehrheit des Publikums im Keim erstickt. Auch die Kritik feierte das Werk überschwenglich. Brahms unternahm nach der Uraufführung eine triumphale Konzerttournee durch ganz Deutschland, wobei er das Werk aus der handschriftlichen Partitur dirigierte. Bei der ersten Aufführung in Berlin mußte der dritte Satz wiederholt werden. In Meiningen setzte  Hans von Bülow das Werk an den Anfang und das Ende des gleichen Konzertes. Auch von einer solchen Rezeption kann man heute nur noch träumen.

 

Die Symphonie erregte so viel Aufsehen, daß sich Brahms sogar leicht verstimmt gab. Am 11.1.1884 schrieb er seinem Freund Heinrich von Herzogenberg (vermutlich nicht ohne eine gewisse Kokketerie): „In acht Tagen etwa, von Wiesbaden aus, denke ich Ihnen die leider zu berühmte F-Dur für zwei Klaviere zu schicken. Dieser ihr jetzt anklebenden Eigenschaft wegen hätte ich Lust, meine Konzerte abzusagen.“

1881 Alexander Borodin (1833-1887) – Streichquartett Nr 2 D-Dur

Russland ist erst im 19. Jahrhundert auf die Bühne der Kunstmusik getreten. Zu den Pionieren dieser Entwicklung gehört Borodin. Er war Mitglied einer der ersten musikalischen Bewegungen Russlandes, des „Mächtigen Häufleins“ um Mili Balakirew, die eine nationale Musik mit Betonung des asiatisch-orientalischen Elementes Russlands zu etablieren versuchte.

 

Die ersten Vertreter dieser Bewegung betrieben die Musik noch weitgehend wie eine Liebhaberei. Sie waren Autodidakten und übten einen bürgerlichen Beruf aus. Borodin etwa war von Haus aus Mediziner und als Professor der Chemie einer der führenden Wissenschaftler seines Landes. Um so erstaunlicher ist, welchen Grad an Professionalität er in seiner musikalischen Produktion erreichte.

 

Borodins musikalisches Werk ist nicht sehr groß, hat aber eine beachtliche Spannbreite. Sie reicht von der Kammermusik über Salonpiece, Tanz, Lied, symphonische Dichtung und Symphonie bis hin zu Oper und Ballett. Bekannt sind neben seiner Oper „Fürst Igor“ etwa seine „Polowzer Tänze“ und seine „Steppenskizze aus Mittelasien“. Zu seinen Markenzeichen gehört aber auch sein zweites Streichquartett.

 

Bemerkenswert ist, daß sich Borodin überhaupt mit der Gattung des Streichquartettes befaßte. Eine gewachsene Quartetttradition gab es zu seiner Zeit in Russland nicht. Die russischen Musikenthusiasten um Balakirew spielten zwar Quartett, weil dies eine anspruchsvolle Form der privaten Beschäftigung mit Musik war. Borodin lernte zu diesem Zweck sogar eigens das Cellospiel. Auch fertigte man für die berühmten Freitags-Gesellschaften bei dem Verleger und Mäzen Belaieff kurze Quartettsätze, wobei teilweise mehrere Personen ein Stück erarbeiteten. Als kompositorische Gattung schätzten Borodins Mitstreiter im „Mächtigen Häuflein“ das Quartett aber nicht sonderlich. Man war der Auffassung, es lohne sich nicht, sich auf wenige und dazu gleichartige Instrumente zu beschränken, wenn man die reiche Besetzung des modernen Orchesters zur Verfügung habe. Borodins zwei Quartette sind daher die ersten ernstzunehmenden Werke dieser „Königsdisziplin“ in Rußland. Mit dem zweiten Quartett ist zugleich ein Höhepunkt der Quartettliteratur überhaupt erreicht.

 

Das Werk, das im Jahre 1881 entstand, verdankt seine große Popularität in der Hauptsache dem außerordentlich lyrischen dritten Satz, einem asiatisch anmutenden Notturno, dessen Thema vom Cello eingeführt wird. Aber auch die anderen Sätze des Werkes sind voller mitreißender Einfälle und sind kunstvoll verarbeitet. Borodin hat das Werk seiner Ehefrau gewidmet, zu der er – nach der Musik zu urteilen – eine starke emotionale Bindung gehabt haben muß.

1881 Edvard Grieg (1843 – 1907) – Norwegische Tänze 0p.35

Daß die norwegische Kultur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter anderem mit Grieg, Ibsen, Björnson und Munch eine außerordentliche Blüte erlebte, hatte nicht zuletzt politische Gründe. Die Künste waren bestrebt, einen Beitrag zur nationale Unabhängigkeit Norwegens zu leisten. Der Kampf um eine Lösung der Union mit Schweden, in die das Land im Jahre 1814 gezwungen worden war, nachdem es sich gerade von der dänischen Herrschaft befreit hatte, führte zu einer Rückbesinnung auf die nationalen Grundlagen der norwegischen Kultur. Grieg wurde von dieser Bewegung unter dem Einfluß des genialischen norwegischen Geigers und glühenden Patrioten Ole Bull erfaßt. Über den „nordischen Paganini“, der schon die musikalische Begabung des 15-jährigen Griegs entdeckt und dafür gesorgt hatte, daß er auf das Leipziger Konservatorium geschickt wurde, schreibt Grieg in diesem Zusammenhang: „Ole Bull war mein guter Engel. Er öffnete mir die Augen für die Schönheit und die Ursprünglichkeit der norwegischen Musik. Durch ihn lernte ich viele vergessene Volksweisen und vor allem meine eigene Natur kennen. Ohne ihn hätte ich farblose Musik im Stil eines Nils Gade komponiert.“

 

Ein Produkt der vielfältigen Auseinandersetzung Griegs mit heimischer Musik und Tradition sind die Norwegischen Tänze, die er 1881 ursprünglich für Klavier zu vier Händen schrieb. Die Melodien entnahm Grieg weitgehend den „Norske Fjeldmelodier“, einer 636 Nummern umfassenden Sammlung norwegischer Volksmusik, die im Zuge der patriotischen Bestrebungen seinerzeit von dem Organisten Lindemann herausgeben wurde.

1880 Anton Bruckner (1824- 1896) – Symphonie Nr. 6

Bruckner schrieb seine 6. Symphonie in einer Phase der persönlichen Konsolidierung. Seine Übersiedlung von der beschaulichen Provinzstadt Linz, wo er sich sein halbes Leben lang auf seine gewaltigen Hauptwerke vorbereitet hatte, in die lebhafte Hauptstadt des österreichischen Großstaates war geglückt. Er hatte sich sowohl am Konservatorium als auch an der Universität Wiens als Lehrer etablieren können. Als Komponist und konnte er sich, wiewohl umstritten, einer zwar kleinen aber wachsenden Anhängerschaft erfreuen. Im Jahre 1880 hatte er dazu eine große Reise – die größte seines Lebens – getätigt, die ihn nach Bayern – unter anderem zu den Festspielen in Oberammergau – und in die Schweiz geführt hatte. Dabei hatte der Junggeselle, wie sich aus seinem Reisetagebuch ergibt, offenbar den Eindruck, dass er auch bei den Damen Wirkung erzielen konnte. Augenscheinlich im Gefühl einer gefestigten Position machte sich Bruckner im September 1880, fünf Jahre nach seiner letzten Symphonie und obwohl diese weder aufgeführt noch gedruckt war, an ein neues Großwerk der Gattung. Binnen eines Jahres, für Bruckner eine kurze Zeit, entstand so unter Verwendung von Vorarbeiten aus dem Jahre 1879 seine 6. Symphonie. Dass Bruckner mit einem für ihn ungewöhnlichen Selbstbewusstsein an die Arbeit ging, spiegelt sich auch in der Tatsache, dass er hier, anders als bei den meisten anderen seiner Symphonien, keine Notwendigkeit für eine spätere Überarbeitung sah. Er selbst meinte denn auch, die 6. Symphonie sei das „Kecktse“, was er geschrieben habe.

 

Das Werk fällt in mancher Hinsicht aus dem Rahmen des symphonischem Gesamtwerkes von Bruckner. Es ist vergleichsweise kurz und wirkt mit Ausnahme des langsamen Satzes eher weltlich. Deutlich wird dies bereits am Anfang. Bruckner verzichtet auf das „mystische“ Entwicklungstremolo und beginnt ziemlich unvermittelt sein erhabendes Spiel mit Formen und Motiven. Das Scherzo gilt als das merkwürdigste, welches Bruckner geschrieben hat. Es hat nichts mehr mit einem Tanz zu tun und wirkt mitunter geradezu unheimlich. Auffällig sind in der Symphonie auch die starken dynamischen Kontraste und einige rhythmische Finessen (etwa die quasi polyryhtmische Behandlung des zweiten Themas im ersten Satz). Mancher Deuter kam daher zu dem Schluss, dass sich in dieser Komposition nicht metaphysische Spekulationen des Grüblers Bruckner sondern persönliche Erlebnisse niedergeschlagen haben, im zweiten Satz möglicherweise der Besuch in Oberammergau, im ersten und dritten der Eindruck der Schweizer Berge.

 

Die öffentliche Anerkennung war auch bei diesem Werk Bruckners schleppend. Die Wiener Philharmoniker, die sich seinerzeit erstmals mit Bruckner befassten, haben die Symphonie nach einer „Novitätenprobe“ im Oktober 1882 zwar als einziges der seinerzeit gesichteten Werke für aufführenswert erachtet. Wie Bruckner am 13. Oktober 1882 einem Bekannten mit der Aufforderung schrieb, es weiterzuerzählen, hatten sie an dem Werk „solches Wohlgefallen, dass sie heftig applaudierten und einen Dusch machten“. Außerdem habe ihm der Dirigent, Wilhelm Jahn, als er sich ihm vorstellte, erklärt, dass er einer seiner „innigsten Verehrer“ sei. Bei der „Uraufführung“ am 12. Februar 1883 wagte man aber nur die Präsentation der beiden Mittelsätze. Der Kritiker  Eduard Hanslick schrieb darüber, leider werde der Wagner`sche Stil nun auch auf die Symphonie angewandt. Hätten sich beim Adagio im Publikum Interesse und Befremden noch die Waage gehalten, so sei beim „ausschließlich durch Seltsamkeit fesselnden Scherzo“ das Roß vom Reiter getrennt worden. Im Ganzen habe der „wilde Komponist“ etwas an Zucht gewonnen, aber an Natur verloren. Der Kritiker Hans Paumgartner meinte, das Scherzo habe auch die begeistertsten Freunde und Schüler des Komponisten in einige Verlegenheit gestürzt. Er attestiert Bruckner aber, dass er „eine hoch bedeutende, das Durchschnittsmaß weit überragende künstlerische Persönlichkeit“ sei, „deren Schöpfungen jederzeit das ungeteilte Interesse aller wirklichen Kunstfreunde für sich haben werde.“ Die nächste Aufführung der Symphonie fand dennoch erst 1899, drei Jahre nach Bruckners Tod, unter der Leitung von Gustav Mahler, ebenfalls in Wien statt. Auch hier musste das Werk Kürzungen und zusätzlich instrumentale Veränderungen über sich ergehen lassen. Die erste vollständige Darbietung erfolgte schließlich fast 20 Jahre nach der Fertigstellung des Werkes. Sie fand im Jahre 1901 unter der Leitung von Wilhelm Pohlig in Stuttgart statt, wo, wie es in der anschließenden Kritik hieß, „dieser moderne Symphoniker bereits viel Boden gewonnen hat.“

1880 Niels Wilhelm Gade (1817 – 1890) – Ein Sommertag auf dem Lande, Op.55

Gades fünfsätzige Suite „Ein Sommertag auf dem Lande“, entstand für das Hamburger Musikfest des Jahres 1880 und wurde vom dortigen Stadtpublikum mit großer Begeisterung aufgenommen. In Anlehnung an Beethovens „Pastorale“, die ebenfalls fünf Sätze hat, schildert Gade einen imaginären Tagesausflug in die skandinavische Landschaft. Ähnlich wie bei Beethoven geht es unbeschwert und fröhlich zu, wobei der obligatorische Gewittersturm und die „Waldeinsamkeit“ mehr oder weniger nur den Kontrast für die ansonsten heitere Stimmung abgeben. Die Musik ist im besten Sinne des Wortes „bürgerlich“. Die Mittel sind solide und gut verarbeitet. Weltprobleme werden weder gestellt noch gelöst. Wie seit Vergils „Bucolica“ wird aber auf poetische Weise die Sehnsucht des Stadtbürgers nach einer ländlichen Gegenwelt dargestellt, welche meist nur die negative Spiegelung der Probleme des Stadtlebens ist.

1880 Johann Strauß (1825-1899) – Rosen aus dem Süden

Wie eine Reihe anderer Entwicklungslinien der Moderne beginnt auch der scheinbar unaufhaltsame Siegeszug der Unterhaltungsmusik, der unsere Zeit kennzeichnet, im Wien des 19. Jahrhunderts. Die Entwicklung der volkstümlichen Musik vom Steckenpferd des kleinen Mannes zum Träger des Zeitgeistes und bedeutendem Wirtschaftszweig ist dabei eng mit der Person von Johann Strauß Sohn verbunden. Strauß war nicht nur der Kopf eines Familienkonzerns, in dem Musik mit geradezu industriellen Methoden arbeitsteilig produziert wurde. Er hatte auch bereits alle Attribute moderner Pop Idole.

 

Nicht anders als in der heutigen Massenmusik war die musikalische Aktivität der Straußfamilie durch Konzentration auf ein Genre und die Beziehung zum Tanz gekennzeichnet. Sehr modern ist auch die ausgesprochen ökonomische Ausrichtung. Eine ausgeklügelte Marketingstrategie zielte auf große Menschenmassen und entsprechende Umsätze. Weit ausgreifende Tourneen mit Mammutveranstaltungen trugen dazu bei, daß auch ein internationaler Markt entstand. Die Größenordnung, in der man bereits im 19. Jahrhundert „weltweit“ Musik verkaufte, zeigen etwa die Engagements von Strauß in Rußland und Amerika. Über viele Jahre spielte eines der Straußorchester im Sommerhalbjahr im „Vauxhall“ in Pawlowsk, dem Treffpunkt der mondänen Welt des Zarenreiches am Endpunkt der ersten russischen Eisenbahn, vor täglich bis 6-10.000 enthusiastischen Zuhörern. In Boston, wo Johann Strauß im Jahre 1873 vierzehn Konzerte mit Tausenden von Mitwirkenden dirigierte, baute man eigens eine Halle für 100.000 Personen, die jeweils ausverkauft war. Johann Strauß selbst, der bis zu seiner späten – ersten – Heirat als der begehrteste Junggeselle seiner Zeit galt, war eine Kultfigur. Er war der „Frontman“ des Orchesters, der weibliche „Groupies“ mit bewegter Körpersprache in Verzückungen versetzte. Nicht anders als in unserer Zeit waren die Gazetten mit „Nachrichten“ über sein mitunter turbulentes Privatleben gefüllt.

 

In einer Hinsicht sollte sich das Verhältnis der Musikrichtungen allerdings im 20. Jahrhundert ganz anders entwickeln. Bei aller Liebe zum Umsatz wollte Johann Strauß die Kluft zwischen ernster und leichterer Muse nicht etwa vergrößern, sondern verringern. Insbesondere mit der Erfindung des Konzertwalzers versuchte er, die einfachen Formen des Wiener Walzers, die er von seinem Vater und Josef Lanner übernommen hatte, im Sinne der ernsten Musik anzureichern und zu verfeinern.

 

Die Vertreter der ernsten Musik waren denn auch von Strauß und seiner Musik außerordentlich angetan. Wagner, aus dessen Werken übrigens in Wien erstmals in einem Straußkonzert gespielt wurde, erfand für ihn den Titel „Walzerkönig“. Der Wiener, so sagte er, sei der „musikalischeste Schädel“, der im je untergekommen sei. Brahms war mit Strauß befreundet und versuchte sich seinerseits als Walzerkomponist. Bruckner und Mahler waren von der Musik der Strauß-Brüder begeistert und entnahmen daraus wichtige Anregungen.

 

Die scharfe Trennung der Unterhaltungsmusik von der sog. ernsten Musik, die wir heute insbesondere im alten Europa konstatieren müssen, wurde schließlich von der letzteren ausgelöst. Der Prozeß begann kurz nach dem Tode von Johann Strauß und ging merkwürdigerweise ebenfalls von Wien aus. Anfang des 20. Jahrhunderts schufen Schönberg, Berg und Webern eine Musik, die auf alles andere als die Gewinnung des Publikums abzielte. Angesichts der Konsequenz, mit der sie den Erfolg – auch den finanziellen – verachteten, könnte man ihre Musik geradezu als (Trotz)Reaktion auf die Musik der Straußdynastie auffassen. Sicher ist jedenfalls, daß diese gewissermaßen dritte Wiener Schule weite Teile des musikalischen Feldes räumte, das die Unterhaltungsmusik mittlerweile besetzt hat.

 

Der Walzer „Rosen aus dem Süden“ ist ein formal voll ausgebildeter „Alterswalzer“ mit feierlicher Einleitung und mehreren Teilen, die kunstvoll ineinander übergeleitet werden. Er entstand im Jahre 1880 und wurde Bestandteil der heute vergessenen Operette „Das Spitzentuch der Königin“. Das Werk ist dem ersten italienischen König, Umberto (Humpert), gewidmet. Kaiser Franz Josef übersandte es in einer Prachtausgabe „an seinem lieben Vetter in Rom“, in der er unter Anspielung auf dessen innenpolitische Schwierigkeiten vermerkte: …und ich rat Dir lieber Humpert, ärgere dich nicht wegen so an Klumpert“. Damit dürfte er den Zeitgeist, den der Wiener Walzer reflektiert, nicht schlecht getroffen haben.

1878 Johannes Brahms (1833 – 1897) – Violinkonzert Dur Op 81

Das Violinkonzert schrieb Brahms im Sommer 1878 in Pörtschach am Wörthersee für seinen Freund, den großen Geigenvirtuosen Joseph Joachim. Die Uraufführung fand am 1.1.1879 in Leipzig mit Joseph Joachim als Solisten und Brahms als Dirigenten statt.

Charakteristisch für das Werk ist die symphonische Verflechtung von Orchester- und Violinpart. Brahms übergeht damit die romantische Tradition von Mendelssohn bis Bruch, die das konzertante Element betont, und knüpft an die Violinkonzerte von Mozart und Beethoven an. Wegen des starken Orchesterparts und seiner besonderen technischen Schwierigkeiten ist das Werk gelegentlich auch als Konzert für Violine gegen das Orchester oder als Konzert gegen die Violine bezeichnet worden. Tatsächlich kümmerte sich der Pianist Brahms wenig um Fingersätze und Stricharten der Geiger, sondern gab der musikalischen Konzeption Vorrang vor der Geigentechnik. Zwar hatte er Joseph Joachim die Violinstimme  zur Durchsicht auf technische Probleme gegeben. Souverän ließ er jedoch die meisten seiner technischen Änderungsvorschläge außer Acht. Trotzdem bemächtigten sich schon bald die 13-Jährigen des Konzertes. 1896 spielte es in Anwesenheit des gerührten Brahms der 13-jährige Pole Bronislaw Hubermann in Wien; er sollte zu einem der bedeutendsten Interpreten des Konzertes werden. Zur Belohnung ging Brahms mit dem Jungen anschließend in den Prater. 1913 spielte es die ebenfalls 13-jährige Australierin Alma Moodie unter Max Reger in Meiningen und 1929 der 13-jährige Jehudi Menuhin in  Berlin unter Bruno Walter. 

Heute ist unbestritten, daß das Werk neben den Konzerten von Beethoven und Mendelssohn das bedeutendste Violinkonzert des 19. Jahrhunderts ist. Die zeitgenössische Kritik war sich über den Stellenwert des Werkes jedoch nicht sofort einig. Zwar stellte es bereits der Kritiker der Uraufführung als „Drittes im  Bunde“ in  eine Reihe mit den  Konzerten von Beethoven und Mendelssohn. In einer Berliner Kritik aus dem Jahre 1879 aber wird es als „dürres Geistesprodukt“ bezeichnet. Der Wiener Kritikerpapst Hanslick war sich nicht ganz im klaren, ob das Werk an die beiden großen Vorgänger heranreiche. Er sprach von einem „Musikstück von meisterhaft formender und verarbeitender Kunst, aber von etwas spröder Erfindung und gleichsam mit halbgespannten Segeln auslaufender Phantasie.“ Pablo Sarasate, die zweite große Geigenautorität der Zeit, lehnte eine Aufführung des Konzertes ab, weil es ihm im zweiten Satz die „Geschmacklosigkeit zumute, mit der Geige in der Hand zuzuhören, wie die Oboe dem Publikum die einzige Melodie des ganzen Stückes vorspielt.“ Der Amateurgeiger Albert Einstein hingegen ließ sich nach der oben genannten Berliner Aufführung durch Menuhin zu der Äußerung  hinreißen: „Nun weiß ich, daß es einen Gott im Himmel gibt“.

1877 Leos Janacek (1854-1928) – Suite für Streicher

Unter den Komponisten, die entscheidend dazu beitrugen, daß sich die europäische Kunstmusik in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts radikal veränderte, ist Janacek der älteste. Er wurde nur 13 Jahre nach Dvorak geboren, der als typischer Vertreter des 19. Jahrhunderts gilt. Seine Musik ist aber nicht weniger modern als die eines Prokofieff oder Hindemith, die rund 40 Jahre nach ihm auf die Welt kamen und ganz dem 20. Jahrhundert angehören. Janacek ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie sehr die Neuerungen der Moderne schon im 19. Jahrhunderts in der Luft lagen.

 

Besonders deutlich wird dies, wenn man berücksichtigt, daß Janacek in der künstlerischen Provinz aufwuchs und kaum Kontakt zu Zentren der Avantgarde wie Wien oder Paris hatte. Bis in sein beginnendes Alter wirkte er fast ausschließlich in Brünn, wo er zunächst Musiklehrer und später Leiter einer Orgelschule war. In der Landeshauptstadt Prag galt er lange als ein sonderlicher und etwas ungehobelter mährischer Volksmusikspezialist. Außerhalb der Tschechei war er gänzlich unbekannt. Der Durchbruch kam erst, als man in Prag im Jahre 1916 – nach 13 Jahren des Widerstandes – endlich seine Oper „Jenufa“ aufführte. Diese eindrucksvolle Tragödie im bäuerlichen Milieu machte Janacek, der schon 62 Jahre alt war, in der ganzen Welt bekannt. Der Erfolg beflügelte den alternden Komponisten zu einer ganzen Reihe weiterer musikdramatischer Meisterwerke, die mit ihren gebrochenen Charakteren auch inhaltlich außerordentlich moderne Themen aufgreifen. Darin entwickelte er seine Kurzmotivtechnik, die vom Sprechton abgeleitet ist, zu immer größerer Eindringlichkeit.

 

Die Suite für Streicher schrieb Janacek im Jahre 1877 im Alter von 23 Jahren. Sie hat noch nicht die charakteristischen Stilmerkmale des späten Meisters. Der Einfluß Dvoraks, den Janacek hoch verehrte, ist nicht zu verkennen. Vielleicht meinte Janacek deswegen später, das Werk sei nicht der Rede wert. Die Suite zeigt aber nicht nur das jugendliche Talent eines großen Komponisten. Gewisse harmonische Kühnheiten und inhaltliche Brechungen künden mitten in der Spätromantik bereits die Moderne an.

1875 ff Georges Bizet (1838-1875) – Carmen-Suiten Nr.1 und 2

Im Jahre 1888 verfasste Friedrich Nietzsche nach dem zwanzigsten Besuch von Bizets Oper „Carmen“ in Turin einen „Brief“, in dem er einen fulminanten Generalangriff auf seinen früheren Abgott Richard Wagner und den Wagnerismus startete. In der brillianten Schrift, die unter dem Titel „Der Fall Wagner“ veröffentlicht wurde, lobt er „ridendo dicere severum“ (Lachend das Ernste sagend) den vermeintlichen französischen Kleinmeister Bizet „auf Kosten“ des selbsternannten deutschen Großmeisters Wagner. Wagners Musikdrama des „feuchten Nordens“, dessen Helden die Erlösung durch (Senta)sentimentale höhere Jungfrauen suchten, die in heiligen Hallen wandeln, stellt Nietzsche Bizets trocken-mediterranes „Meisterstück“ um die männerverzehrende „femme fatale“ Carmen gegenüber, die in einer andalusischen Zigarettenfabrik arbeitet. Für Nietzsche ist Wagner der „décadant“, der die Musik falsch und krank gemacht habe und den Geist vernebele. Bizet Musik dagegen, die den Geist frei mache, erscheint ihm vollkommen. „Sie kommt“, schreibt er, „leicht, biegsam und mit Höflichkeit daher. Sie ist liebenswürdig, sie schwitzt nicht.“ Im Gegensatz zum Polypen der Musik, der unendlichen Melodie Wagners, baue und organisiere sie; sie werde fertig.

 

Als sich Nietzsche derart enthusiastisch über die Carmen-Musik äußerte, war ihr Schöpfer schon lange tot. Das Lob hätte Bizet ohne Zweifel lieber dreizehn Jahre früher gehört, nämlich im Jahre 1875 als sein Meisterstück in Paris erstmals zur Aufführung kam. Seinerzeit gab es für ihn aber nichts als Enttäuschungen. Während Wagner in Bayreuth der Fertigstellung eines eigenen  Opernhauses entgegensah, hatte Bizet schon Schwierigkeiten, ein fertiges Haus zu finden, daß seine Oper aufführen wollte. Der Direktor der Opéra Comique in Paris, wo die Uraufführung des hochdramatischen Werkes unpassenderweise stattfinden sollte, fand seinen Inhalt, der auf einer Erzählung von Prosper Mérimée beruht, skandalös und verzögerte die Produktion. Nachdem sich dieses Problem durch den Abgang des Operndirektors gelöst hatte, gab es Komplikationen beim Einstudieren des Werkes. Das Orchester beschwerte sich über die technischen Schwierigkeiten der Partitur, der Chor darüber, daß er nicht nur zu singen, sondern auch zu agieren hatte. Die Uraufführung am 3. März 1875 wurde vom Publikum kalt aufgenommen. Die Kritik bemängelte neben dem „unsittlichen“ Libretto einen Mangel an Melodik; die Singstimmen seien dem Durcheinander und Lärm des Orchesters völlig ausgeliefert. Man warf Bizet ausgerechnet Wagnerismus vor, was in Frankreich seinerzeit rufschädigend war. Wagner galt als der musikalische Repräsentant des deutschen Kaiserreiches, welches sich wenige Jahre zuvor „auf Kosten“ Frankreichs gebildet hatte. Bizet, der schon mit seinen vorangegangenen musikdramatischen Versuchen keinen Erfolg erzielen konnte, hat den erneuten Tiefschlag nicht verkraftet. Geschwächt durch den Stress der Vorbereitungsarbeiten und mutlos durch die enttäuschende Aufnahme starb er drei Monate nach der Uraufführung im Alter von 36 Jahren an einer seit langem schwelenden Halskrankheit.

 

Bizets „Carmen“ ist mittlerweile die meistgespielte Oper überhaupt. Ihr Aufstieg begann schon einige Zeit bevor Nietzsche Wagner leicht maliziös an Bizet maß. Noch im Jahre 1875 wurde sie mit großem Erfolg in Wien gespielt. Von dort begann ihr einzigartiger Siegeszug durch die Welt. Da ihre Musik, nach Nietzsches Feststellung, „baut, organisiert und fertig wird“, hat man aus ihr später leicht zwei Suiten fertigten können, welche die mittlerweile allbekannten Themen enthalten. Bei Wagners unendlicher Melodie dürfte dies – Antiwagnerianer mögen sich bestätigt fühlen – nicht so ohne weiteres möglich sein.

1875 Antonin Dvorak (1841 – 1904) – Streicherserenade E-Dur

Dvoraks sensible und lebensfrohe Streicherserenade ist das Produkt einer Zeit, in welcher der Komponist hart um seine künstlerische und wirtschaftliche Selbstständigkeit kämpfte. Im Jahre 1871 hatte Dvorak im Alter von 30 Jahren den gewagten Entschluss gefasst, seinen Posten als Bratscher im Interimstheater in Prag, den er neun Jahre innehatte, aufzugeben, und sich künftig hauptsächlich der Komposition zu widmen. Sein Werkverzeichnis war zu diesem Zeitpunkt schon recht ansehnlich. Er hatte seine Kompositionen, darunter allerhand Kammermusik und sogar eine Oper, allerdings in erster Linie als Übungsstücke angesehen und war damit nicht an die Öffentlichkeit getreten. Nach dem Wegfall seiner festen Einkünfte wollte und musste er nun Werke schaffen, welche die Chance hatten, aufgeführt zu werden und Geld einzuspielen. Erfolg versprach er sich dabei zum einen von Kompositionen, welche die aktuelle politische Situation aufnahmen, die durch den Versuch der Distanzierung der Tschechen von Österreich und die Entwicklung eines eigenen Nationalbewusstseins gekennzeichnet war. Zum anderen glaubte er, sich den neuesten Tendenzen der Musikentwicklung anschließen zu sollen, als deren Speerspitze seinerzeit die Neudeutsche Schule unter Wagner und Liszt galt.

 

Der erste Teil dieser professionellen Strategie ging ohne weiteres auf. Dvoraks Chorwerk „Die Erben des Weißen Berges“ aus dem Jahre 1873, welches mit der Niederlage böhmischer Aufständischer gegen die Habsburger das traumatische Ereignis in der tschechischen Geschichte thematisierte, wurde in Prag mit großer Begeisterung aufgenommen. Keinen Erfolg hatte er mit dem Versuch, sich an Wagner und seiner Schule zu orientieren. Wenige Monate nach dem erwähnten Erfolg wurde seine ganz in Geiste Wagners geschriebene Oper „Der König und der Köhler“, an der man schon vier Wochen mühsam geprobt hatte, vom Spielplan des Interimstheaters zurückgezogen. Der Komponist musste einsehen, dass er in seinem Drang nach vorne zu viel gewagt und dabei insbesondere die Sänger überfordert hatte.

 

Nach dem Operndebakel orientierte sich Dvorak völlig neu und suchte einen fasslicheren Stil. Die Themen wurden nun wieder „ordentlich“ exponiert, das musikalische Material in überschaubare Quadraturen gegliedert, gewagte Modulationen unterlassen und verständnisfördernde Wiederholungen eingebaut. Das nationale Idiom bezog Dvorak jetzt aus der slawischen Folklore, aus der er allerhand rhythmische, harmonische und melodische Elemente entnahm und höchst artifiziell weiterentwickelte. Zu den Werken dieser Epoche gehört auch die Streicherserenade, die im Mai 1875 in Anlehnung an die Serenadentradition des 18. Jh. entstand. In ihr kündigt sich der Stil an, den Dvorak ab 1877 in seiner „slawischen Periode“ zur vollen Blüte bringen sollte.

 

Werke wie die Streicherserenade kamen beim Publikum zwar recht gut an, trugen aber, da sie nicht gedruckt wurden, wenig zur Lösung der wirtschaftlichen Probleme des Komponisten bei. Dvorak nahm daher neben seiner Tätigkeit als Klavierlehrer für einige Jahre doch wieder eine feste Stelle – als Organist – an. Außerdem bewarb er sich um das staatliche  österreichische Künstlerstipendium, das Personen gewährt wurde, welche die Kriterien Jugendlichkeit, Mittellosigkeit und Talent erfüllten. Der Kommission, die über die Vergabe der Stipendien zu befinden hatte, saß der mächtige Wiener Kritiker Eduard Hanslick vor. Er schreibt in seinen Erinnerungen, dass die meisten Antragsteller nur die ersten beiden Kriterien erfüllten. Es sei daher „eine gar angenehme Überraschung“ gewesen, „als eines Tages ein Prager Bittsteller, Anton Dvorak, Proben eines intensiven, wenngleich noch unausgegorenen Compositions-Talentes“ einsandte.“ In seinem Votum zum ersten Antrag Dvoraks aus dem Jahre 1874 vermerkt Hanslick: „Anton Dvorak, 33 Jahre alt, Musiklehrer, gänzlich mittellos …. Der Bittsteller, welcher sich bis heute nicht einmal ein eigenes Klavier anschaffen konnte, verdient durch ein Stipendium in seiner erdrückenden Lage erleichtert und zu einem sorgenfreien Schaffen ermuntert zu werden“. Trotz seines nicht mehr ganz jugendlichen Alters wurde Dvorak das Stipendium in den folgenden fünf Jahren gewährt, was heißt, dass er weiterhin mittellos war.

 

Dovraks wirtschaftlicher Durchbruch begann bekanntlich, mit dem Eintritt von Johannes Brahms in die Stipendiumskommission. Bewirkt wurde die Wende vor allem durch dessen Empfehlung an den wichtigen Hamburger Verleger Simrock, die patriotisch gestimmten Gesangsduos „Klänge aus Mähren“ zu verlegen, die Dvorak seinem Stipendiumsantrag für das Jahr 1877 beigelegt hatte. Ebenfalls beigelegt hatte Dvorak die Streicherserenade, deren Potential Brahms zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht verkannt zu haben scheint. Dvorak bot sie daher 1879 dem Verleger Bote & Bock an. Dies veranlasste Simrock, der von Dvorak auch wenig gewinnträchtige Großwerke im Druck hatte, zu der strengen Mahnung „von nun an alle Kompositionen, welche Sie veröffentlichen wollen, uns zuerst zum Verlag anbieten“. Der Erfolg, den die stimmungsvolle und liebenswürdige Streicherserenade später hatte, zeigt, dass Simrock mit seiner Mahnung richtig lag.

1874 Edouard Lalo (1823 -1892) – Symphonie espagnole

Lalo hatte es nicht gerade leicht, sich in der Welt der Musik zu etablieren. Seine Eltern ermöglichten ihm zwar den Musikunterricht. Als sich der Sproß einer Familie, die über Generationen Militärs hervorgebracht hatte, jedoch allzu ernsthaft mit der Musik befasste und gar den Wunsch äußerte, sich dem unkriegerischeren Metier ganz zu verschreiben, gab es heftigen Widerstand. Lalo verließ daraufhin – gerade 16-jährig und ohne finanzielle Absicherung – sein Elternhaus im nordfranzösischen Lille und ging nach Paris, um genau das zu tun, was sein Vater par tout nicht wollte: Musik studieren. Schon da manifestierte sich Lalos Neigung dazu, sich den Erwartungen seines sozialen Umfeldes dezent zu verweigern, ein Verhalten, das seine Musikerkarriere über weiter Stecken kennzeichnen und naturgemäß nicht erleichtern sollte. Nachdem er das Violin- und das Cellospiel erlernt hatte, wandte er sich der Kammermusik zu, die im opern- und opererettenseligen Frankreich seiner Zeit wenig galt. Mit Klaviertrios etwa bediente er eine Musikform, die in seiner Heimat geradezu unbekannt war (es sind übrigens wunderbar melodische, schwungvoll-schlüssige Werke, die den Liebhabern dieses Genres die reine Freude bereiten). Lange Jahre war er Mitglied eines Streichquartetts, das sich – nicht ohne Erfolg – zum Ziel gesetzt hatte, westlich des Rheins die hoch entwickelte Quartettliteratur von d´outre rhin bekannt zu machen. Überhaupt sah er Deutschland als sein „vrai patrie musicale“ an (Brief an Ferdinand Hiller von 1862), was ihm, zumal er als Wagnerianer galt, insbesondere in den Zeiten politischer Spannung zwischen Preußen und Frankreich nicht sonderlich nützlich war. Dazu war er auch politisch nicht eben angepasst. Als erklärter Republikaner mit sozialistischen Neigungen lehnte er es ab, sich an eine der vom Staat getragenen oder ihn tragenden musikalischen Institutionen im Frankreich des zweiten Kaiserreiches zu binden, was der Rezeption seiner Werke nicht förderlich und seinen wirtschaftlichen Verhältnissen abträglich war. Als er sich 1866 im Rahmen eines Wettbewerbes schließlich doch der Bühne zuwandte und eine Oper mit dem Titel „Fiesko“ nach Motiven von Schiller komponierte, endete dies im Fiasko – die Oper wurde nicht angenommen. Gewissermaßen aus Trotz ließ Lalo das Werk daraufhin auf eigene Kosten drucken. Nachdem auch dies nichts fruchtete, verwendete er das musikalische Material, das darin steckte, für verschiedene andere Kompositionen. 

Mit dem Abtreten des Operettenkaisers Napoleon III und dem Beginn der ersehnten – dritten – Republik fand Lalo in seinem Heimatland schließlich Anerkennung. Dies lag auch daran, dass er den Erwartungen und Tendenzen seiner Zeit nun doch Tribut zollte. Er wandte sich vermehrt dem großen Orchester zu und entwickelte – ausgehend von der deutschen Tradition – einen noblen persönlichen Stil, der wesentlich zur Entwicklung jenes „typisch französischen“ Musikidioms beitrug, das sich um die Wende zum 20. Jahrhundert herausbilden sollte. Im Zeitalter der Weltausstellungen bediente er auch die Erwartungen seiner Zeitgenossen an Exotik und internationale Folklore. Den größten Erfolg hatte er insofern mit der „Symphonie espagnole“, die Anfang 1875 in Paris uraufgeführt wurde, einen Monat bevor die musikalische Spanien-Mode durch Bizets Oper „Carmen“ noch einmal einen besonders kräftigen Schub erhielt. Es folgten eine „Fantaisie norvégienne“ und ein „Concerto russe“, aber auch regional ungefärbte Werke wie das beliebte Cellokonzert, ein bedeutendes Klavierkonzert, ein harmonisch zukunftsweisendes Ballett und eine weitere – diesmal erfolgreiche – Oper (Le Roi d´Y).  

Die Anregung zur „Symphonie espagnole“ kam von dem großen spanischen Geiger Pablo Sarasate, für den Lalo 1873 bereits sein erstes Violinkonzert geschrieben hatte. Sarasate versorgte Lalo auch aus seiner umfangreichen Sammlung spanischer Folklore weitgehend mit dem musikalischen Material der Komposition. Der Franzose, der übrigens seinerseits spanische Vorfahren hatte, formte daraus ein Werk, das möglicherweise aus Gründen des Marketing die – unzutreffende – Bezeichnung „Symphonie“ trägt. Tatsächlich handelt es sich um ein waschechtes Virtuosenkonzert, bei dem nur das Orchester die Dimensionen der spätromantischen Symphonik erreicht. Ungewöhnlich ist, dass das Werk fünf Sätze hat. Auch sonst hält sich Lalo nicht an die üblichen Konzertformalien. Der erste Satz etwa wird nicht streng nach den Regeln des Sonatensatzes, sondern in mehr oder weniger offener Form entwickelt. Auch für die anderen Sätze hat Lalo individuelle Lösungen gefunden. Dem Solisten gibt Lalo reichlich Gelegenheit, seine Fähigkeiten auszustellen und die Möglichkeiten des Instrumentes zu demonstrieren. Von packenden Rhythmen über schmelzende Zigeunermelodien bis zu diffizilem Passagenwerk ist alles vorhanden, was sich ein Hörer, der auf gepflegte Weise unterhalten werden will, nur wünschen kann. Die Untiefen seiner Zeit, die zur Emphase und Nervenkitzel neigte, hat Lalo freilich zu vermeiden gewusst. Bei aller Farbigkeit, Raffinesse und technischer Vertracktheit verliert sich diese Musik, wie allgemein bei Lalo, nie in Schaustellerei. Alfred Bruneau, ein Vertreter der französischen Komponistengeneration nach Lalo, schrieb darüber: „Alles ist bei ihm Vornehmheit, Maß Takt, Ordnung und Präzision“. 

Übrigens ist der nach wie vor wenig bekannte Lalo heute wieder das Opfer einer Art des Umgangs mit der Kunst, die sich vornehmlich an den Erwartungen des Mehrheit des Publikums orientiert. Da auch Musikschriftsteller am liebsten über die Komponisten zu schreiben scheinen, die man schon kennt (und über die dementsprechend schon eine Menge Literatur existiert), gibt es, so weit ersichtlich, weder eine Mono- noch eine Biographie über Lalo. Dies ist umso bedauerlicher als bei ihm noch einiges der Klärung harrt. Die beiden Flaggschiffe der musikalischen Nachschlageliteratur, „Grove“ und „MGG“, sind sich jedenfalls über manches Detail nicht einig. Im ersteren Werk heißt es etwa, die Oper „Fiesko“ sei nie, in letzterem, sie sei in Brüssel erfolgreich aufgeführt worden.

1872 Camille Saint-Saens (1835 – 1921) – Konzert für Violoncello und Orchester a-moll

Saint-Saens ist eine Künstlerfigur wie aus einem Roman von Balzac. Wie kaum eine anderer repräsentiert er das zweite französische Kaiserreich und das Fin de siècle. Er ist verschwenderisch begabt, an allem interessiert, unendlich produktiv (und dies keineswegs nur in der Musik, sondern etwa auch als Schriftsteller), weit gereist, spielerisch, heroisch, pathetisch und exotisch. Nur zu gut kann man sich ihn in dem riesigen und überladenen Pariser Maleratelier eines Gustav Doré vorstellen, seinem nicht weniger begabten Pedant auf dem Gebiet der Kunst des Zeichnens und der Buchillustration. Tatsächlich saß er dort ab und zu zwischen Palmen, Sofas, Sesseln und Spieltischen am Flügel und spielte zwei- und vierhändig Klavier, während im Hintergrund Liszt oder Berlioz lauschten.

 

Sein kommunikatives Wesen und sein unglaubliches Talent – erste Kompositionen soll er bereits in seinem 4. Lebensjahr geschrieben haben – brachten Saint-Saens schon früh in Kontakt mit allem was Rang und Namen im kulturell überquellenden Paris der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte. Zu den Freunden seiner Jugendzeit zählten Gounod, Rossini, Bizet und Berlioz (letzterer sagte von ihm, er wisse alles, es fehle ihm nur an Unerfahrenheit). Franz Liszt sprach bewundernd von ihm als dem größten Organisten der Welt. Seine Aufgeschlossenheit gegenüber den musikalischen Neuerungen der deutschen Neuromantik führte zur Bekanntschaft mit Richard Wagner, der seinerzeit in Paris noch höchst umstritten war. Der junge französische Musiker habe, so berichtet Wagner, seine schwierigen Partituren auf dem Klavier besser als er selbst bewältigt. So habe er den Tristan nicht nur auswendig spielen, sondern aus dem dichten Themengeflecht nach Belieben selbst noch Nebenstimmen einzeln herausziehen können. Obwohl Saint Saens später deutlich Distanz zu avantgardistischen Strömungen hielt, hatte er auch engen Kontakt zu den impressionistischen Musikern um Debussy und Ravel, deren Ahnherr Gabriel Fauré sein Schüler und engster Vertrauter war.

 

Saint-Saens hat über sein Verhältnis zur Musik gesagt, er lebe in ihr, wie der Fisch im Wasser. Seine Vorbilder waren die klassischen Meister, weswegen ihm Ordnung und Klarheit der Form besonders wichtig waren. Dies hat ihm den Ruf eines Klassizisten eingebracht. Kompositionen, sagte er, bringe er hervor, wie ein Apfelbaum Äpfel. Tatsächlich ist sein musikalisches Werk, das alle Gattungen berührt, kaum zu überblicken. Sein vielleicht berühmtestes Stück allerdings, der „Karneval der Tiere“, durfte mit Ausnahme des “ Schwans“ zu seinen Lebzeiten nicht aufgeführt werden. Saint-Saens, der es in wenigen Tagen für ein privates Fest geschrieben hatte, fürchtete, daß sein guter Ruf darunter leiden könne. Wie recht er damit hatte, zeigt der Umstand, daß sich die Sicht auf sein Werk im allgemeinen Bewußtsein über lange Zeit auf diese Gelegenheitskomposition verengte.

 

Wie ein Spiegel seiner weitgefächerten Persönlichkeit will das – erste – Cellokonzert von Saint-Saens erscheinen, welches er 1872 im Alter von 37 Jahren komponierte. Es ist elegant, farbenprächtig und verspielt, aber auch dramatisch und formbewußt. Sein Esprit und die echt französische Mischung von „vivacité“ und „sentiment“ enthält auch etwas vom Salon. Der Vorwurf der Salonmusik, der Saint-Saens immer wieder gemacht worden ist, ist aber schon deswegen nicht gerechtfertigt, weil das Werk dafür viel zu gut verarbeitet ist. Das dramatische Geschehen wird – nicht zuletzt durch das dichte Gewebe von Solostimme und Orchester – auf zwingende und höchst „seriöse“ Weise entwickelt. Dabei ist sich Saint-Saens immer der Tatsache bewußt, daß Effekte, Virtuosität und Ornamentik, die dem Werk nicht fehlen, diesem Geschehen zu dienen und es nicht zu beherrschen haben.

 

Das Cellokonzert kam schon in der Uraufführung am 19.1.1873 gut an und ist noch heute eines der beliebtesten Werke für dieses Instrument. Der Kritiker der „Revue et Gazette musicale de Paris“ bescheinigte Saint-Saens eine rundweg gelungene Leistung, zumal er sich von den „allzu offensichtlichen Tendenzen“ (gemeint ist des Modernismus) ferngehalten habe, die in seinen vorangegangenen Werken erkennbar gewesen seien. Saint-Saens, der zeit seines langen Lebens im Kreuzfeuer der Strömungen des Zeitgeistes stand und mal als Modernist verschrien, mal des Akademismus bezichtigt wurde, hat mit diesem dreisätzigen, aber durchkomponierten Bravourstück in der Tat ein Werk aus einen Guß geschaffen, an dem man schlicht und einfach seine Freunde haben kann.

1869 Franz Lachner (1803 – 1890) – 5. Orchestersuite

Daß die 5. Suite von Franz Lachner im Jahre 1990 nach einem Schlaf, der länger als der des Dornröschen war, in Stuttgart wiedergespielt wurde, beruht auf einer merkwürdigen Verbindung scheinbar nicht zusammenhängender Umstände.

Franz Lachner, geboren 1803 im bayrisch-schwäbischen Rain am Lech, starb am 20.1.1890 in München. Sein Leben ist die Geschichte vom Aufstieg eines Organistensohnes aus kleinsten Verhältnissen zum (ersten) bayrischen Generalmusikdirektor, eine faszinierende, noch zu schreibende, musikalische Biographie, die das ganze 19. Jahrhundert umspannt und seine wichtigsten Protagonisten enthält. Der Schubertkreis in Wien, zu dem Lachner gehörte, spielt darin ebenso eine Rolle, wie die Intrigen, mit denen sich Richard Wagner in München etablierte und die dazu führten, daß Lachner sich aus seinen Ämtern zurückzog und das Feld Wagners Adalatus Hans von Bülow überließ.

Nach dem Urteil Robert Schumanns war Lachner „gewiß der talent- und kenntnisreichste unter den süddeutschen Komponisten“. Zu Lebzeiten als Dirigent und Komponist hochverehrt, geriet er nach seinem Tod jedoch bald in Vergessenheit. Seinem Nachruhm geschadet haben dürfte sein kritisches Verhältnis zu der seinerzeit allesbeherrschenden Neudeutschen Schule, vor allem zu ihrem Hohepriester Richard Wagner, dessen schillernde Gestalt dem biederen „Schwaben“ Lachner nicht geheuer gewesen ist. Seine Vorbilder waren seine Altersgenossen, die frühen Romantiker von Schubert bis Mendelssohn. Da er das „Pech“ hatte, sogar viele Hochromantiker zu überleben, galt er später als altmodisch und überholt.

65 Jahre nach seinem Tod war um Franz Lachner vollständige Dunkelheit. Seine insgesamt 305 Werke – Oratorien, Opern, Kammermusik, Lieder, Symphonien und zahlreiche Gelegenheitswerke – waren vergessen. Das galt auch für seine Orchestersuiten, denen er einst seinen kompositorischen Ruf verdankte. Diese seit Haydn vergessen gewesene Musikform hat Lachner wiederbelebt.

Dann aber begann sich das Blatt langsam zu wenden. im Jahre 1954 fing einer der drei Handlungsstränge an, welche sich im Jahre 1990 auf so merkwürdige Weise zur Wiederentdeckung Lachners in Stuttgart verweben sollten. Seinerzeit erhielt eine Familie im Hessischen die musikalische Hinterlassenschaft eines verstorbenen Bekannten, die aus einem Cello und einer schweren Notenkiste bestand. Es hieß, daß die Noten aus dem Besitz eines früheren Leiters der berühmten Musikabteilung der Bayrischen Staatsbibliothek stammten. Das Instrument war der Anlaß dafür, daß einer der Söhne dieser Familie – wie übrigens auch Lachner selbst – das Cellospiel erlernte. Aus der Notenkiste suchte man die besten Stücke heraus, der große Bodensatz mit Werken vergessener Meister aber blieb unbeachtet und kam auf den Dachboden, wo er in einer dunklen Ecke sein Dasein fristete. 35 Jahre stand so die Kiste auf einem hessischen Speicher herum. Weihnachten 1989, wenige Wochen vor Lachners 100. Todestag, kramte man wieder einmal in der verstaubten Kiste. Dabei stieß man auf die schön gestochenen Stahlstichnoten eines Klavierquintettes von Franz Lachner. Da niemand etwas mit diesem Namen anfangen konnte, nahm sie der noch immer cellospielende Sohn – mehr aus antiquarischem als aus musikalischem Interesse – mit nach Stuttgart, wohin er zwischenzeitlich übergesiedelt war und wo er sich seit kurzem liebhabenderweise im Orchester Pro Musica betätigte.

Wenige Tage vor Lachners 100. Todestag, von dem man nach wie vor nichts ahnte, ergab sich bei einer Gesellschaft von Musikenthusiasten zufällig eine Klavierquintettbesetzung. Man legte die ehrwürdigen alten Stahlstichnoten auf und begann Lachners Quintett zu spielen. Was dabei erklang, ließ aufhorchen. Schnell reifte der Entschluß, das Werk sobald als möglich bei einem Hauskonzert zur Aufführung zu bringen.

Bei der Suche nach einem Pianisten, der bereit war, den schwierigen Klavierpart einzustudieren, kam der zweite Handlungsstrang ins Spiel. Lachner hatte ihn gewissermaßen selbst in Gang gesetzt. Rechtzeitig hatte er nämlich einen weiteren Agenten ins Schwabenland gesandt. Aus dem Westfälischen war kurz vor dem Jubiläumsjahr seine Groß-Großnichte an den Neckar gezogen. Auch sie war dem Orchester Pro Musica beigetreten, wo sie, – als Nachfahrin Lachners unerkannt, da sie den Namen ihres Ehemannes trug – die Geige spielte. Mit der Abordnung der Geigerin in das Orchester, in dem ein Cellist einen Pianisten suchte, war die Verbindung hergestellt, die ein langfristig disponierender Zufall beabsichtigt zu haben schien. Die Geigerin entpuppte sich als ausgebildete Pianistin. Nichts war natürlicher, als daß sie den Klavierpart in Lachners Quintett übernahm.

Wenige Monate später erklang das Quintett zur Freude von Spielern und Zuhörern mit Lachners Nachfahrin am Klavier. Man wunderte sich nur darüber, daß ein so schönes und grundmusikantisches Werk und sein Schöpfer so vollkommen in Vergessenheit geraten konnten. Spontan konstituierte sich eine “ Lachnergesellschaft“ aus Publikum und Akteuren des Konzertes, die sich zum Ziel setzte, ein Orchesterwerk des vergessenen Meisters wiederzubeleben.

Doch dies war leichter gesagt als getan. Die Noten der Werke Lachners waren offenbar weitgehend auf unbekannten Dachböden versteckt, wo sie, wie gesehen, ihre Stunde mit der Geduld dessen abwarten, der die Zeit nicht zu fürchten braucht. Eine Suche bei einschlägigen Institutionen war daher zunächst erfolglos. Dann aber fand sich im Notenarchiv des Süddeutschen Rundfunks in Stuttgart das Orchestermaterial der 5. Suite. Es fehlte jedoch die Partitur (weswegen die Suite nie hatte aufgeführt werden können).

Nun begann die schwierige Suche nach der Partitur. Nach mehreren vergeblichen Anläufen war man fast schon entschlossen, die Aufführung der Suite aufzugeben. Da trat als deus ex machina der dritte Handlungsstrang hinzu, der auf merkwürdige Weise mit dem ersten Strang verbunden ist.

Im Frühjahr 1990 war ein Aufsatz über Franz Lachner in einer bayrischen Kulturzeitschrift erschienen. Der Autor wehrte sich darin gegen die abwertenden Äußerungen eines Musikkritikers in einer großen Münchener Zeitung, der nach der Wiederaufführung eines Orchesterwerkes von Lachner anläßlich seines 100. Todestag in München geschrieben hatte, man sehe jetzt, was das Sieb der Musikgeschichte von Lachner übriggelassen habe: nicht allzuviel, fast gar nichts. Unter dem Eindruck des Klavierquintetts teilte unser Cellist dem offensichtlich gut informierten Verteidiger Lachners spontan seine Zustimmung mit. Zugleich fragte er bei ihm an, ob er wisse, wo Noten von Orchesterwerken Lachners zu finden seien. Die Antwort kam von eben jener Musikabteilung der Bayrischen Staatsbibliothek, mit der bereits die hessische Notenkiste etwas zu tun hatte. Es stellte sich heraus, daß der Autor des Aufsatzes ein Nachfahr des Besitzers der Notenkiste heraus. Er war ebenfalls Leiters der Musikabteilung der Bayrischen Staatsbibliothek. Dort habe man den gesamten Nachlaß Lachners, teilte er gerade im rechten Augenblick mit. Kopien von Noten könne man machen. Allerdings habe man von den Orchesterwerken nur die Partitur!

Damit schloß sich der Kreis. Auf dem erstaunlichen Umweg über das Klavierquintett waren nun Orchesterstimmen und Partitur in Stuttgart wieder vereint. Könnte man es jemandem verdenken, wenn er angesichts dieses seltsamen Ablaufs der Dinge an einen Sinn in all den Zufällen dächte, wenn er davon überzeugt wäre, der vernachlässigte Meister habe bei seiner Wiederentdeckung in seinem 100. Todesjahr selbst die Hand im Spiel gehabt?

Welche Schätze Lachner’scher Musik sonst noch auf Dachböden, in Archiven und in Bibliotheken lagern, läßt sich im Augenblick nur erahnen. Es gibt nicht nur Werke von Franz Lachner wiederzuentdecken. Drei seiner Brüder, Theodor, Ignaz und Vincent, waren  ebenfalls fruchtbare Komponisten. Vincent war lange Jahre Kapellmeister in Mannheim und Karlsruhe. Ignaz, der Ur-Ur-Großvater von Lachners Stuttgarter Agentin, war unter anderem 10 Jahre (1831-1841) Kapellmeister am Hoftheater in Stuttgart, wo er auch viele eigene Werke, darunter mehrere Opern aufführte. Es scheint so etwas wie eine „schwäbische“ Bachfamilie zu geben, die der Wiederentdeckung harrt.

1868 Edvard Grieg (1843 – 1907) – Klavierkonzert a-moll

Der Norweger Grieg ist eine Figur der europäischen Musiklandschaft, mit der die Kritiker gelegentlich ihre Schwierigkeiten hatten. Man hat ihn unter anderem abwertend als Klassiker der Unterhaltungsmusik bezeichnet und ihm vorgeworfen, es komme ihm hauptsächlich auf äußere Reize, technisch virtuose Kniffe und Farbenkünste an. Von „Himmel und Äther, Menschenglück und -qual“ sei seine Frohnatur nur leise beglückt worden. Andere haben ihn etwas herablassend als Großmeister einer kleinen Nation bezeichnet, der gemessen an den Maßstäben der großen Musiknationen ein liebenswerter Kleinmeister sei.

 

Auch Griegs Klavierkonzert, das im Sommer 1868 in einem Gartenhäuschen in der Nähe von Kopenhagen entstand, wurde von unfroheren Naturen zunächst abgelehnt. Der schwerblütige Liederkomponist Hugo Wolf etwa, welcher der Fraktion der musikalischen Neuerer um Wagner anhing, schrieb im Jahre 1885: „Das a-moll Konzert von Grieg mögen aber die Konzertgeber sich und dem Publikum künftighin schenken. Dieses musik-ähnliche Geräusch mag vielleicht gut genug sein, Brillenschlangen in Träume zu lullen oder rhythmische Gefühle in abzurichtenden Bären zu erwecken; – in den Konzertsaal taugt es nicht, man hielte es denn mit den Sudanesen und ließe sich die Pflege ihres melodischen Charivari angelegen sein – dann allenfalls.

 

Nichtsdestoweniger fand das Klavierkonzert, das am 3. April 1869 in der dänischen Hauptstadt erstmalig aufgeführt wurde, sofort die Anerkennung der Pianisten und der Musikliebhaber. Es trug entscheidend dazu bei, daß Grieg zu einem der beliebtesten Komponisten seiner Zeit wurde. Noch heute ist es eines der am meisten gespielten Konzerte der Klavierliteratur. Seine Beliebtheit verdankt das Werk, wie die sonstige Musik Griegs, der Tatsache, daß es in exemplarischer Weise die bürgerliche Kultur der Zeit vor der Jahrhundertwende widerspiegelt. Es hat etwas von der Emphase und der Poesie der Gründerzeitarchitektur. Wie diese hat man Griegs Musik, auch wenn es dabei vielleicht nicht immer um „Himmel und Äther, Menschenglück und -qual“ gehen mag, nach zwischenzeitlicher Skepsis wieder schätzen gelernt.

1867 Johan Svendsen (1840 – 1911) – Symphonie Nr. 1 D-Dur

Der Norweger Svendsen ist nach Gade und Grieg der dritte Skandinavier der Romantikergeneration, der durch die Leipziger Schule ging. Als er im Alter von 22 Jahren als reisender Violinist mitten im Winter mittellos in Lübeck strandete und beim Konsul seines Heimatlandes um ein Darlehen zum Bestreiten seines Lebensunterhaltes nachsuchte, war dieser so begeistert von seinen musikalischen Fähigkeiten, dass er ihm gleich ein königliches Stipendium für das renommierte, von Mendelssohn gegründete Konservatorium in Leipzig besorgte. Svendsen verbrachte daraufhin die nächsten vier Jahre in Leipzig, ein Ort, an den auch später immer wieder zurückkehren sollte. Die landsmannschaftliche Solidarität des Konsuls dankte er damit, dass er sich künftig als Komponist und Dirigent weitgehend dem Musikleben seiner Heimat widmete. Ein Ergebnis des deutsch-skandinavischen Zusammenklangs war seine 1. Symphonie, die gegen Ende seiner Leipziger Studienzeit in den Jahren 1865 bis 1867 entstand. In diesem hoch ambitionierten Werk verwendet Svendsen unter Einsatz der fortgeschrittenen Mittel der Leipziger Schule vor allem nordisches Klangmaterial. Die Bandbreite geht von trollhaft-struppiger Skurrilität über skandinavische Volksmusik bis zu bürgerlicher Idyllik im Stile Griegs. Der junge Musiker präsentiert sich in diesem Werk als höchst eigenständiger Kopf von großem handwerklichem Geschick. Offensichtlich will er möglichst viele der kompositorischen Kniffe zur Anwendung bringen, die er in Leipzig gelernt hatte, was ihm gelegentlich den Vorwurf einbrachte, „zu viel gewollt“ zu haben. Unbestritten ist Svendsons Instrumentationskunst. Ein besonders beeindruckendes Beispiel hierfür findet sich im Scherzo der 1. Symphonie. Mit einer geradezu abenteuerlichen Schichtung von Motiven, Stimmen und Rhythmen werden hier wahrlich außerordentliche Klangeffekte erzielt.

 

In seiner Heimat wird Svendsen gerne zusammen mit Grieg genannt, der auf den drei Jahre älteren Kollegen bei der Uraufführung der 1. Symphonie aufmerksam wurde. Sie fand im Herbst des Jahres 1867 in einem Konzert in Oslo statt, das Svendsen selbst veranstaltete und dirigierte. Anonym schrieb Grieg damals eine begeisterte Kritik, in der er die Frische und Originalität der Komposition und den entschlossen nationalen Tonfall lobte. Auch ihm fiel dabei vor allem das Scherzo auf. Später sollten sich die Lebenswege beider eng miteinander verweben. In den Jahren 1872 bis 1874 waren sie Kodirigenten der Konzerte der Osloer Musikgesellschaft, eine Zeit die Grieg dank Svendsen als die reichste bezeichnete, die er in Norwegen erlebt habe. Auch später arbeiten die beiden immer wieder zusammen. Im Gegensatz zu Grieg, dem Meister der kleinen Form, war Svendsens Domäne allerdings die Orchestermusik. Unter anderem schrieb er neben einer zweiten Symphonie ein Violin- und ein Cellokonzert sowie diverse nordische Rapsodien und thematische Orchesterstücke.

 

Außerhalb seiner Heimat kennt man von Svendsen heute hauptsächlich seine Violinromanze. Dieses außerordentlich effektvolle Werk, das der Komponist im Alter von 40 Jahren schrieb, hat Weltruhm erlangt und seine sonstigen Kompositionen in den Schatten gestellt. Mitursächlich dafür, dass Svendsen als Komponist mehr oder weniger in Vergessenheit geriet, mag aber auch der Umstand sein, dass er nach seiner Romanze die Schreibfeder aus der Hand legte und sich ganz dem Dirigentenstab widmete. Unter ihm gelangte das Musikleben seiner Heimat auf die Höhe des europäischen Niveaus, das der vielgereiste Svendsen zuerst in Leipzig kennen gelernt hatte.

Jacques Offenbach (1819 – 1880) – Gaité Parisienne

Daß der Kölner Jacques Offenbach einmal zum König der gehobenen musikalischen Unterhaltung im Paris des zweiten Kaiserreiches werden sollte, war ihm nicht an der Wiege gesungen. Offenbach stammte aus Köln, wo sein Vater Kantor an der Synagoge war. Der junge Jackob – so sein ursprünglicher Name – lernte das klassische Cellospiel und hätte eigentlich ein „seriöser“ Musiker werden sollen. 1833 ging sein Vater, den man nach seiner Heimatstadt den „Offenbacher“ genannt hatte, mit ihm und seinem Bruder Juda aber nach Paris, wo er eine bessere musikalische Ausbildung für seine Söhne und wohl auch eine für Juden offenere Atmosphäre erhoffte. Diese Entscheidung sollte für Offenbachs weiteres Schicksal bestimmend werden. Er blieb, auch wenn er später vor seinen Gläubigern immer wieder Mal nach Bad Ems flüchtete, sein Leben lang an die französische Metropole gebunden und drückte ihr schließlich selbst seinen Stempel auf.

 

Paris freilich wollte Offenbach erst gar nicht haben. Da das Pariser Konservatorium grundsätzlich keine Ausländer aufnahm, lehnte dessen Direktor, kein geringerer als Luigi Cherubini, Offenbachs Aufnahmeantrag zunächst einmal ab. Als er ihn allerdings spielen hörte, erteilte er ihm eine Sondererlaubnis. Nach dem Besuch des Konservatoriums, auf dem er, da er nur inoffizielles Mitglied war, keine Abschlußprüfung ablegen durfte, schlug sich Offenbach im Paris Louis Philippes jahrelang schlecht und recht als Cellist und später als Kapellmeister durch. Er spielte im Orchester, tingelte mit selbst geschriebenen Piècen durch die Salons und veranstaltete, weil das Geld nicht reichte, gelegentlich auf eigene Rechnung Konzerte, zu denen er seine Gönner in der Erwartung einlud, daß sie sich nicht geizig zeigen können.

 

Seine Versuche, als Bühnenkomponist Fuß zu fassen, hatten zunächst keinen durchschlagenden Erfolg. Vor Enttäuschung war Offenbach, der hier seine eigentliche Berufung sah, drauf und dran, Paris zu verlassen. Er erkundete das Terrain in London, merkte dort aber nur, wie sehr er nach Paris gehörte. In einem Brief aus London, wo er den Monarchen Europas mit großem Erfolg auf dem Cello vorspielte, schrieb er im Jahre 1844: „Alle Ehrungen hindern nicht, daß ich mein schönes Paris noch mehr liebe. Hier ist alles grandios und – kalt. Dort unten dagegen ist alles graziös, kokett und – warm“. Lange bevor er seinen eigenen großartigen Auftritt auf der Pariser Bühne hatte, beschrieb Offenbach damit das Bild der Seine-Metropole, das er recht eigentlich geprägt hat.

 

Offenbachs beispielloser Erfolg auf den Brettern, die ihm die Welt bedeuteten, trat erst ein, als mit dem  „Operettenkaiser“ Napoleon III. sein kongeniales Gegenstück die (politische) Bühne betrat. Mit dem Auftritt des Neffen Napoleons wurde Paris von der Leichtigkeit des Seins aber auch der Leichtsinnigkeit der Seienden erfüllt. Offenbach hatte damit nicht nur den Stoff zu seinen zahllosen satirischen Werken, sondern zugleich sein Publikum. Die ein wenig halbseidene Pariser Gesellschaft, die seine Einakter, Musetten und Operetten besuchte, beklatschte darin die Parodie ihrer selbst.

 

Offenbachs Bühnenkarriere begann damit, daß der ausschweifende Kapitalismus, der sich mit Napoleon III. breit machte, auch bei ihm unternehmerische Kräfte freisetzte. Da andere an die Produktion seiner Werke nicht heran wollten, mietete er sich zur Pariser Weltausstellung des Jahres 1855 in der Nähe der Champs Elysee selbst ein kleines heruntergekommenes Theater und führte seine Werke auf eigene Rechnung auf. Der Erfolg war überwältigend. Schon nach einem halben Jahr wurden größere Räume nötig. Später kamen, allerdings mit wechselndem wirtschaftlichen Erfolg, neue Theater hinzu. Offenbach komponierte dafür ein Bühnenwerk nach dem anderen, stattete die Stücke verschwenderisch aus und besetzte sie mit großen Stars. Während der Pariser Weltausstellung des Jahres 1867 wurden seine Werke in drei Theatern gleichzeitig aufgeführt. Schon bald sollte seine Musik ganz Europa und sogar Amerika erobern.

 

Merkwürdigerweise findet sich unter den fast 100 Bühnenwerken Offenbachs nur ein Stück, das unmittelbar für Ballett geschrieben wurde. Da sich aber in seinen Werken aber überall Polkas, Mazurkas, Walzer, Galopps und Menuette finden, ist es nicht verwunderlich, daß sich die Ballettkünstler auch seiner sonstigen Musik angenommen haben. Auf diese Weise entstand auch das Ballett „Gaité parisienne“. Es ist eine posthume Zusammenstellung von Stücken aus verschiedenen Werken Offenbachs um eine Handlung, die, wie so viele seiner Stücke, in den Pariser Halbwelt angesiedelt ist.

1863 John Thomas (1826- 1913) Cambria – Duo für 2 Harfen

Die Harfe, eines der ältesten Musikinstrumente, gelangte im frühen Mittelalter aus dem Orient, wo sie schon vor 5000 Jahren bekannt war, über die keltischen Teile der britischen Inseln nach Europa. Erst von Irland und Wales aus verbreitete sich das vielse(a)itige Instrument, das man auch „cithara anglica“ nannte, auf dem Kontinent. Dort nahm es im Laufe der Zeit die verschiedensten Formen an. Seine vorläufig letzte Gestalt fand es in der heute allgemein gebräuchlichen Pedalharfe, die zuerst in Deutschland entwickelt wurde.

 

Im angelsächsisch-keltischen Kulturraum blieb die Harfe über die Jahrhunderte ein volkstümliches Instrument (sie ist noch heute im irischen Staatswappen abgebildet). Es ist daher nicht verwunderlich, daß mit John Thomas eine der führenden Figuren der walisischen Volkstumspflege im 19. Jahrhundert Harfenist war. John Thomas spielte insbesondere bei der Wiederbelebung der „Eisteddfods“ eine wichtige Rolle. Im Mittelalter waren dies Standesversammlungen der walisischen Barden, die nach Art der Meistersingertreffen mit einem rituellen Wettbewerb verbunden waren. Im 16. Jahrhundert degenerierten die Eisteddfods zu einer Art Berufsverbandskongress und dienten nicht zuletzt dazu, das Fürstentum Wales von „vagabundierenden und müßiggehenden Personen zu befreien, die sich als Spielleute, Versmacher und Barden bezeichnen“. Sie waren also in gewisser Hinsicht gegen die Laienmusiker gerichtet. Danach gerieten die Eisteddfods in Vergessenheit. Anfang des 19. Jahrhundert erstanden sie im Zuge des aufkeimenden walisischen Nationalismus wieder als Musik- und Literaturwettbewerbe.

 

John Thomas selbst gewann als 12-Jähriger den Wettbewerb eines Eisteddfods auf der Tripel-Harfe. Später nahm er an allen großen Eisteddfods als Spieler oder Jury-Mitglied teil. 1852 wurde er Oberbarde. In dieser Eigenschaft sorgte er dafür, daß diese walisischen Traditionsveranstaltungen zu Chorfestivals ausgeweitet wurden. Damit trug er wesentlich dazu bei, daß sie noch heute auf lokaler, nationaler und inzwischen auch internationaler Ebene zur Sammlung und Pflege walisischen Volkstums abgehalten werden.

 

Wie die echten Barden betrieb John Thomas das Harfenspiel beruflich. Er war damit ein Vertreter der heute weitgehend ausgestorbenen Spezies der Harfner (der Bereich der Harfenkunst ist eines der wenigen kulturellen Felder, auf dem die Frauendominanz inzwischen so groß, daß man von einem Bedarf an eine Männeremanzipation sprechen könnte). Als Harfenvirtuose bereiste John Thomas Europa bis nach Rußland und ließ sich schließlich in London nieder, wo er zu hohen Ehren kam und königlicher Hofharfinist wurde.

 

Im englischen „Exil“ befaßte er sich mit der Sammlung alter und der Anregung neuer walisischer Musik. 1862 veranstaltete er in London das erste Konzert, bei dem ausschließlich Musik seiner Heimat gespielt wurde. Er komponierte auch selbst solche Musik, darunter im Jahre 1863 das dreisätzige, wunderbar melodiöse Harfenduo „Cambria“, wobei Cambria nichts anderes als der mittelalterliche Name für Wales ist.

1862 Anton Bruckner (1824- 1896) – Streichquartett c-moll

In Bruckners künstlerischem Leben, das ganz der Entwicklung der Großform gewidmet war, war wenig Platz für den Kammerton. Tatsächlich komponierte Bruckner nur zwei echte kammermusikalische Werke. Im Jahre 1862 entstand das Streichquartett in c-moll. Mehr als eineinhalb Jahrzehnte später folgte ein Streichquintett, das allerdings stilistisch und seiner orchestralen Anlage wegen im Grunde nur ein weiteres Bauelement im symphonischen Großgebäude des Meisters ist.

 

Das Quartett in c-moll ist ein Übungswerk, das Bruckner im Rahmen seiner Kompositionsstudien bei Otto Kitzler verfasste. Durch Kitzler, seinerzeit erster Kapellmeister am Linzer Orchester und zehn Jahre jünger als sein Schüler, kam Bruckner erstmals in Kontakt mit der neueren Musik seiner Zeit, insbesondere mit Richard Wagner, was für seine weitere künstlerische Entwicklung entscheidend werden sollte. Davon abgesehen widmete sich Bruckner unter Kitzlers Leitung aber auch kompositorischen Studien auf der Basis der historischen Musik. Das Vorbild der Klassiker ist denn im Streichquartett in c-moll auch deutlich sichtbar. Ansätze zum eigentlichen Brucknerstil finden sich nur gelegentlich. Dieser sollte sich erst einige Jahre später entwickeln.

 

Als reines Studienwerk war das c-moll Quartett nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Die einzige Quelle des Werkes ist die handschriftliche Partitur in Bruckners Studienbuch. Dementsprechend ist es zu Lebzeiten Bruckners auch nie gespielt worden. Die erste Aufführung fand erst im Jahre 1951 durch das Koeckert Quartett statt. Da es Bruckner und seinem Lehrer offenbar nur darauf ankam, sich mit der Struktur eines Werkes dieser Gattung vertraut zu machen, fehlen alle Vortragszeichen, was den Interpreten große Freiheit gibt. Das Werk ist damit eigentlich unfertig. Dennoch kann es als Wegmarke im Werdegang eines – späten – Genies durchaus Interesse beanspruchen.

1859 Caesar Franck (1822-1890) – Die sieben Worte Jesu am Kreuz

César Franck ist persönlich und musikalisch eine merkwürdige nord-westeuropäische Erscheinung. Er ist von deutscher Abstammung (seine Eltern kommen aus Aachen), ist aber in Belgien (Lüttich) geboren und wirkte ausschließlich in Frankreich (sein gesamtes künstlerisches Leben verbrachte er in Paris). Musikalisch gilt er als einer der Väter der neueren französischen Musik. Diese entwickelte er aber unter Einbeziehung der Errungenschaften der neudeutschen Schule Wagners und Liszts aus dem Geist der Wiener Klassik. Dabei hat er wesentlich zur Schaffung der Grundlagen einer so typisch französischen Hervorbringung wie des musikalischen Impressionismus beigetragen.  

Vor der Epoche seiner späten der Meisterwerke wirkte Franck jahrzehntelang weitgehend im Stillen vor allem als Kirchenmusiker. Im Alter von 26 Jahren hatte er sich vorgenommen, neben seiner aufreibenden Erwerbstätigkeit als Lehrer und Organist täglich zwei Stunden der Kompostion oder dem Studium großer musikalischer oder literarischer Werke zu widmen. In den folgenden beiden Jahrzehnten entstand auf díese Weise in Nachtarbeit eine Reihe von Kompositionen meist für den liturgischen Gebrauch, über die Franck nach und nach zu seinem eigenen Stil fand. Diese Werke haben wenig Beachtung gefunden. Dies gilt in besonderem Maße für eine Komposition wie die „Sieben Worte Jesu am Kreuz“, deren Existenz überhaupt erst knapp hundert Jahre nach ihrer Entstehung bekannt wurde. Das Manuskript, das mit 14.8.1859 datiert ist, wurde im Jahre 1954 von der Bibliothek in Lüttich aus Privatbesitz erworben.  

Über die Entstehungsbedingungen des Werkes und darüber, ob es jemals aufgeführt wurde, ist nichts bekannt. Dies und der Umstand, daß sich Franck zu keinen Zeitpunkt dazu äußerte, hat die Frage aufkommen lassen, ob die Komposition überhaupt von seiner Hand stammt. Tatsache ist aber, daß das Manuskript von ihm handschriftlich datiert und signiert wurde. Auch stilistische Gesichtspunkte sprechen für seine Autorenschaft. Wie die meisten seiner kirchenmusikalischen Werke tragen die „Sieben Worte Jesu am Kreuz“ allerdings noch nicht die Züge des späten Franck. Er ist vielmehr noch dabei, verschiedene Ausdruckmöglichkeiten auszuprobieren.  

Anders als etwa Schütz, der die letzten Worte Jesu ebenfalls zum Gegenstand einer Passionsmusik machte, hat Franck die Worte nicht im Kontext des biblischen Berichtes vertont. Sie werden vielmehr durch andere Texte kommentiert, die teils aus dem Alten und Neuen Testament, teils aus den „Improprien“ und dem „Stabat Mater“ stammen. Auf diese Weise löst Franck das dramatische Gestaltungsproblem, das daraus resultiert, daß die Worte im Grunde nur eine einzige Stimmungslage widerspiegeln (was insbesondere bei Haydns Quartettwerk zu diesem Thema sehr deutlich wird). Beim 5. Wort („Mich dürstet“) greift er allerdings auf den biblischen Bericht zurück, da dieser ihm die Gelegenheit gibt, dem Leiden des Gekreuzigten auf dramatische Weise den Spott der Soldaten gegenüberzustellen, wobei letzterer merkwürdigerweise im Stile der italienischen Oper geschildert wird.

1850 Robert Schumann (1810-1856) – Cellokonzert a-moll, Op. 129

Anfang September 1850 verließ Schumann das ungeliebte Dresden und zog nach Düsseldorf, wo er die Dirigentenstelle des „Allgemeinen Musikvereines“, eines im Wesentlichen aus Laien bestehenden Orchesters übernommen hatte. Noch ganz in der Hochstimmung, die ein freundlicher Empfang in Düsseldorf und die Aussicht auf eine befriedigende berufliche Tätigkeit ausgelöst hatten, komponierte er in wenigen Tagen (10. bis 16. Oktober) sein Cellokonzert. Das Werk, das tatsächlich wie aus einem Guss erscheint, ist eines der wenigen großen Konzerte für dieses sympathische Instrument. Dessen Möglichkeiten hatten die großen Klassiker mit Ausnahme von Haydn und Boccherini erheblich unterschätzt und es darum eher stiefmütterlich behandelt. Schumanns Konzert aber leistet Wiedergutmachung. Das durchkomponierte "einsätzige" Werk ist gekennzeichnet durch zarte Lyrik und feurigen Schwung, vor allem aber durch jenen elegischen Ton, den das Cello wie kein anderes Instrument zum Ausdruck bringen kann. Das Orchester tritt, wiewohl mit wichtigen, gelegentlich an den off-beat des Jazz erinnernden Akzenten betraut, in diesem echten Virtuosenkonzert eher in den Hintergrund. Das Soloinstrument aber wird in höchst effektvoller Weise in Szene gesetzt, bis hin zu jenem fulminanten Schluss, der dem Solisten einen guten Abgang garantiert.

Schumann selbst hat das Werk nie gehört, erstaunlicherweise weil sich kein Cellist fand, der es spielen wollte. Die Uraufführung fand erst nach seinem Tode, nämlich im Jahre 1860 anlässlich des Gedenkens an seinen fünfzigsten Geburtstag im Leipziger Gewandhaus statt.

Schumann scheint Übrigens geahnt zu haben, dass sich die Cellisten möglicherweise zieren würden, das Konzert zu spielen. Jedenfalls hat er „zur Sicherheit“ noch eine Fassung für Violine gefertigt. Letztendlich haben sich aber doch die Cellisten des Werkes bemächtigt, zu deren Standardrepertoire es seit Langem gehört.