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1880 Anton Bruckner (1824- 1896) – Symphonie Nr. 6

Bruckner schrieb seine 6. Symphonie in einer Phase der persönlichen Konsolidierung. Seine Übersiedlung von der beschaulichen Provinzstadt Linz, wo er sich sein halbes Leben lang auf seine gewaltigen Hauptwerke vorbereitet hatte, in die lebhafte Hauptstadt des österreichischen Großstaates war geglückt. Er hatte sich sowohl am Konservatorium als auch an der Universität Wiens als Lehrer etablieren können. Als Komponist und konnte er sich, wiewohl umstritten, einer zwar kleinen aber wachsenden Anhängerschaft erfreuen. Im Jahre 1880 hatte er dazu eine große Reise – die größte seines Lebens – getätigt, die ihn nach Bayern – unter anderem zu den Festspielen in Oberammergau – und in die Schweiz geführt hatte. Dabei hatte der Junggeselle, wie sich aus seinem Reisetagebuch ergibt, offenbar den Eindruck, dass er auch bei den Damen Wirkung erzielen konnte. Augenscheinlich im Gefühl einer gefestigten Position machte sich Bruckner im September 1880, fünf Jahre nach seiner letzten Symphonie und obwohl diese weder aufgeführt noch gedruckt war, an ein neues Großwerk der Gattung. Binnen eines Jahres, für Bruckner eine kurze Zeit, entstand so unter Verwendung von Vorarbeiten aus dem Jahre 1879 seine 6. Symphonie. Dass Bruckner mit einem für ihn ungewöhnlichen Selbstbewusstsein an die Arbeit ging, spiegelt sich auch in der Tatsache, dass er hier, anders als bei den meisten anderen seiner Symphonien, keine Notwendigkeit für eine spätere Überarbeitung sah. Er selbst meinte denn auch, die 6. Symphonie sei das „Kecktse“, was er geschrieben habe.

 

Das Werk fällt in mancher Hinsicht aus dem Rahmen des symphonischem Gesamtwerkes von Bruckner. Es ist vergleichsweise kurz und wirkt mit Ausnahme des langsamen Satzes eher weltlich. Deutlich wird dies bereits am Anfang. Bruckner verzichtet auf das „mystische“ Entwicklungstremolo und beginnt ziemlich unvermittelt sein erhabendes Spiel mit Formen und Motiven. Das Scherzo gilt als das merkwürdigste, welches Bruckner geschrieben hat. Es hat nichts mehr mit einem Tanz zu tun und wirkt mitunter geradezu unheimlich. Auffällig sind in der Symphonie auch die starken dynamischen Kontraste und einige rhythmische Finessen (etwa die quasi polyryhtmische Behandlung des zweiten Themas im ersten Satz). Mancher Deuter kam daher zu dem Schluss, dass sich in dieser Komposition nicht metaphysische Spekulationen des Grüblers Bruckner sondern persönliche Erlebnisse niedergeschlagen haben, im zweiten Satz möglicherweise der Besuch in Oberammergau, im ersten und dritten der Eindruck der Schweizer Berge.

 

Die öffentliche Anerkennung war auch bei diesem Werk Bruckners schleppend. Die Wiener Philharmoniker, die sich seinerzeit erstmals mit Bruckner befassten, haben die Symphonie nach einer „Novitätenprobe“ im Oktober 1882 zwar als einziges der seinerzeit gesichteten Werke für aufführenswert erachtet. Wie Bruckner am 13. Oktober 1882 einem Bekannten mit der Aufforderung schrieb, es weiterzuerzählen, hatten sie an dem Werk „solches Wohlgefallen, dass sie heftig applaudierten und einen Dusch machten“. Außerdem habe ihm der Dirigent, Wilhelm Jahn, als er sich ihm vorstellte, erklärt, dass er einer seiner „innigsten Verehrer“ sei. Bei der „Uraufführung“ am 12. Februar 1883 wagte man aber nur die Präsentation der beiden Mittelsätze. Der Kritiker  Eduard Hanslick schrieb darüber, leider werde der Wagner`sche Stil nun auch auf die Symphonie angewandt. Hätten sich beim Adagio im Publikum Interesse und Befremden noch die Waage gehalten, so sei beim „ausschließlich durch Seltsamkeit fesselnden Scherzo“ das Roß vom Reiter getrennt worden. Im Ganzen habe der „wilde Komponist“ etwas an Zucht gewonnen, aber an Natur verloren. Der Kritiker Hans Paumgartner meinte, das Scherzo habe auch die begeistertsten Freunde und Schüler des Komponisten in einige Verlegenheit gestürzt. Er attestiert Bruckner aber, dass er „eine hoch bedeutende, das Durchschnittsmaß weit überragende künstlerische Persönlichkeit“ sei, „deren Schöpfungen jederzeit das ungeteilte Interesse aller wirklichen Kunstfreunde für sich haben werde.“ Die nächste Aufführung der Symphonie fand dennoch erst 1899, drei Jahre nach Bruckners Tod, unter der Leitung von Gustav Mahler, ebenfalls in Wien statt. Auch hier musste das Werk Kürzungen und zusätzlich instrumentale Veränderungen über sich ergehen lassen. Die erste vollständige Darbietung erfolgte schließlich fast 20 Jahre nach der Fertigstellung des Werkes. Sie fand im Jahre 1901 unter der Leitung von Wilhelm Pohlig in Stuttgart statt, wo, wie es in der anschließenden Kritik hieß, „dieser moderne Symphoniker bereits viel Boden gewonnen hat.“

1862 Anton Bruckner (1824- 1896) – Streichquartett c-moll

In Bruckners künstlerischem Leben, das ganz der Entwicklung der Großform gewidmet war, war wenig Platz für den Kammerton. Tatsächlich komponierte Bruckner nur zwei echte kammermusikalische Werke. Im Jahre 1862 entstand das Streichquartett in c-moll. Mehr als eineinhalb Jahrzehnte später folgte ein Streichquintett, das allerdings stilistisch und seiner orchestralen Anlage wegen im Grunde nur ein weiteres Bauelement im symphonischen Großgebäude des Meisters ist.

 

Das Quartett in c-moll ist ein Übungswerk, das Bruckner im Rahmen seiner Kompositionsstudien bei Otto Kitzler verfasste. Durch Kitzler, seinerzeit erster Kapellmeister am Linzer Orchester und zehn Jahre jünger als sein Schüler, kam Bruckner erstmals in Kontakt mit der neueren Musik seiner Zeit, insbesondere mit Richard Wagner, was für seine weitere künstlerische Entwicklung entscheidend werden sollte. Davon abgesehen widmete sich Bruckner unter Kitzlers Leitung aber auch kompositorischen Studien auf der Basis der historischen Musik. Das Vorbild der Klassiker ist denn im Streichquartett in c-moll auch deutlich sichtbar. Ansätze zum eigentlichen Brucknerstil finden sich nur gelegentlich. Dieser sollte sich erst einige Jahre später entwickeln.

 

Als reines Studienwerk war das c-moll Quartett nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Die einzige Quelle des Werkes ist die handschriftliche Partitur in Bruckners Studienbuch. Dementsprechend ist es zu Lebzeiten Bruckners auch nie gespielt worden. Die erste Aufführung fand erst im Jahre 1951 durch das Koeckert Quartett statt. Da es Bruckner und seinem Lehrer offenbar nur darauf ankam, sich mit der Struktur eines Werkes dieser Gattung vertraut zu machen, fehlen alle Vortragszeichen, was den Interpreten große Freiheit gibt. Das Werk ist damit eigentlich unfertig. Dennoch kann es als Wegmarke im Werdegang eines – späten – Genies durchaus Interesse beanspruchen.