1872 Camille Saint-Saens (1835 – 1921) – Konzert für Violoncello und Orchester a-moll

Saint-Saens ist eine Künstlerfigur wie aus einem Roman von Balzac. Wie kaum eine anderer repräsentiert er das zweite französische Kaiserreich und das Fin de siècle. Er ist verschwenderisch begabt, an allem interessiert, unendlich produktiv (und dies keineswegs nur in der Musik, sondern etwa auch als Schriftsteller), weit gereist, spielerisch, heroisch, pathetisch und exotisch. Nur zu gut kann man sich ihn in dem riesigen und überladenen Pariser Maleratelier eines Gustav Doré vorstellen, seinem nicht weniger begabten Pedant auf dem Gebiet der Kunst des Zeichnens und der Buchillustration. Tatsächlich saß er dort ab und zu zwischen Palmen, Sofas, Sesseln und Spieltischen am Flügel und spielte zwei- und vierhändig Klavier, während im Hintergrund Liszt oder Berlioz lauschten.

 

Sein kommunikatives Wesen und sein unglaubliches Talent – erste Kompositionen soll er bereits in seinem 4. Lebensjahr geschrieben haben – brachten Saint-Saens schon früh in Kontakt mit allem was Rang und Namen im kulturell überquellenden Paris der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte. Zu den Freunden seiner Jugendzeit zählten Gounod, Rossini, Bizet und Berlioz (letzterer sagte von ihm, er wisse alles, es fehle ihm nur an Unerfahrenheit). Franz Liszt sprach bewundernd von ihm als dem größten Organisten der Welt. Seine Aufgeschlossenheit gegenüber den musikalischen Neuerungen der deutschen Neuromantik führte zur Bekanntschaft mit Richard Wagner, der seinerzeit in Paris noch höchst umstritten war. Der junge französische Musiker habe, so berichtet Wagner, seine schwierigen Partituren auf dem Klavier besser als er selbst bewältigt. So habe er den Tristan nicht nur auswendig spielen, sondern aus dem dichten Themengeflecht nach Belieben selbst noch Nebenstimmen einzeln herausziehen können. Obwohl Saint Saens später deutlich Distanz zu avantgardistischen Strömungen hielt, hatte er auch engen Kontakt zu den impressionistischen Musikern um Debussy und Ravel, deren Ahnherr Gabriel Fauré sein Schüler und engster Vertrauter war.

 

Saint-Saens hat über sein Verhältnis zur Musik gesagt, er lebe in ihr, wie der Fisch im Wasser. Seine Vorbilder waren die klassischen Meister, weswegen ihm Ordnung und Klarheit der Form besonders wichtig waren. Dies hat ihm den Ruf eines Klassizisten eingebracht. Kompositionen, sagte er, bringe er hervor, wie ein Apfelbaum Äpfel. Tatsächlich ist sein musikalisches Werk, das alle Gattungen berührt, kaum zu überblicken. Sein vielleicht berühmtestes Stück allerdings, der „Karneval der Tiere“, durfte mit Ausnahme des “ Schwans“ zu seinen Lebzeiten nicht aufgeführt werden. Saint-Saens, der es in wenigen Tagen für ein privates Fest geschrieben hatte, fürchtete, daß sein guter Ruf darunter leiden könne. Wie recht er damit hatte, zeigt der Umstand, daß sich die Sicht auf sein Werk im allgemeinen Bewußtsein über lange Zeit auf diese Gelegenheitskomposition verengte.

 

Wie ein Spiegel seiner weitgefächerten Persönlichkeit will das – erste – Cellokonzert von Saint-Saens erscheinen, welches er 1872 im Alter von 37 Jahren komponierte. Es ist elegant, farbenprächtig und verspielt, aber auch dramatisch und formbewußt. Sein Esprit und die echt französische Mischung von „vivacité“ und „sentiment“ enthält auch etwas vom Salon. Der Vorwurf der Salonmusik, der Saint-Saens immer wieder gemacht worden ist, ist aber schon deswegen nicht gerechtfertigt, weil das Werk dafür viel zu gut verarbeitet ist. Das dramatische Geschehen wird – nicht zuletzt durch das dichte Gewebe von Solostimme und Orchester – auf zwingende und höchst „seriöse“ Weise entwickelt. Dabei ist sich Saint-Saens immer der Tatsache bewußt, daß Effekte, Virtuosität und Ornamentik, die dem Werk nicht fehlen, diesem Geschehen zu dienen und es nicht zu beherrschen haben.

 

Das Cellokonzert kam schon in der Uraufführung am 19.1.1873 gut an und ist noch heute eines der beliebtesten Werke für dieses Instrument. Der Kritiker der „Revue et Gazette musicale de Paris“ bescheinigte Saint-Saens eine rundweg gelungene Leistung, zumal er sich von den „allzu offensichtlichen Tendenzen“ (gemeint ist des Modernismus) ferngehalten habe, die in seinen vorangegangenen Werken erkennbar gewesen seien. Saint-Saens, der zeit seines langen Lebens im Kreuzfeuer der Strömungen des Zeitgeistes stand und mal als Modernist verschrien, mal des Akademismus bezichtigt wurde, hat mit diesem dreisätzigen, aber durchkomponierten Bravourstück in der Tat ein Werk aus einen Guß geschaffen, an dem man schlicht und einfach seine Freunde haben kann.

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