1880 Johann Strauß (1825-1899) – Rosen aus dem Süden

Wie eine Reihe anderer Entwicklungslinien der Moderne beginnt auch der scheinbar unaufhaltsame Siegeszug der Unterhaltungsmusik, der unsere Zeit kennzeichnet, im Wien des 19. Jahrhunderts. Die Entwicklung der volkstümlichen Musik vom Steckenpferd des kleinen Mannes zum Träger des Zeitgeistes und bedeutendem Wirtschaftszweig ist dabei eng mit der Person von Johann Strauß Sohn verbunden. Strauß war nicht nur der Kopf eines Familienkonzerns, in dem Musik mit geradezu industriellen Methoden arbeitsteilig produziert wurde. Er hatte auch bereits alle Attribute moderner Pop Idole.

 

Nicht anders als in der heutigen Massenmusik war die musikalische Aktivität der Straußfamilie durch Konzentration auf ein Genre und die Beziehung zum Tanz gekennzeichnet. Sehr modern ist auch die ausgesprochen ökonomische Ausrichtung. Eine ausgeklügelte Marketingstrategie zielte auf große Menschenmassen und entsprechende Umsätze. Weit ausgreifende Tourneen mit Mammutveranstaltungen trugen dazu bei, daß auch ein internationaler Markt entstand. Die Größenordnung, in der man bereits im 19. Jahrhundert „weltweit“ Musik verkaufte, zeigen etwa die Engagements von Strauß in Rußland und Amerika. Über viele Jahre spielte eines der Straußorchester im Sommerhalbjahr im „Vauxhall“ in Pawlowsk, dem Treffpunkt der mondänen Welt des Zarenreiches am Endpunkt der ersten russischen Eisenbahn, vor täglich bis 6-10.000 enthusiastischen Zuhörern. In Boston, wo Johann Strauß im Jahre 1873 vierzehn Konzerte mit Tausenden von Mitwirkenden dirigierte, baute man eigens eine Halle für 100.000 Personen, die jeweils ausverkauft war. Johann Strauß selbst, der bis zu seiner späten – ersten – Heirat als der begehrteste Junggeselle seiner Zeit galt, war eine Kultfigur. Er war der „Frontman“ des Orchesters, der weibliche „Groupies“ mit bewegter Körpersprache in Verzückungen versetzte. Nicht anders als in unserer Zeit waren die Gazetten mit „Nachrichten“ über sein mitunter turbulentes Privatleben gefüllt.

 

In einer Hinsicht sollte sich das Verhältnis der Musikrichtungen allerdings im 20. Jahrhundert ganz anders entwickeln. Bei aller Liebe zum Umsatz wollte Johann Strauß die Kluft zwischen ernster und leichterer Muse nicht etwa vergrößern, sondern verringern. Insbesondere mit der Erfindung des Konzertwalzers versuchte er, die einfachen Formen des Wiener Walzers, die er von seinem Vater und Josef Lanner übernommen hatte, im Sinne der ernsten Musik anzureichern und zu verfeinern.

 

Die Vertreter der ernsten Musik waren denn auch von Strauß und seiner Musik außerordentlich angetan. Wagner, aus dessen Werken übrigens in Wien erstmals in einem Straußkonzert gespielt wurde, erfand für ihn den Titel „Walzerkönig“. Der Wiener, so sagte er, sei der „musikalischeste Schädel“, der im je untergekommen sei. Brahms war mit Strauß befreundet und versuchte sich seinerseits als Walzerkomponist. Bruckner und Mahler waren von der Musik der Strauß-Brüder begeistert und entnahmen daraus wichtige Anregungen.

 

Die scharfe Trennung der Unterhaltungsmusik von der sog. ernsten Musik, die wir heute insbesondere im alten Europa konstatieren müssen, wurde schließlich von der letzteren ausgelöst. Der Prozeß begann kurz nach dem Tode von Johann Strauß und ging merkwürdigerweise ebenfalls von Wien aus. Anfang des 20. Jahrhunderts schufen Schönberg, Berg und Webern eine Musik, die auf alles andere als die Gewinnung des Publikums abzielte. Angesichts der Konsequenz, mit der sie den Erfolg – auch den finanziellen – verachteten, könnte man ihre Musik geradezu als (Trotz)Reaktion auf die Musik der Straußdynastie auffassen. Sicher ist jedenfalls, daß diese gewissermaßen dritte Wiener Schule weite Teile des musikalischen Feldes räumte, das die Unterhaltungsmusik mittlerweile besetzt hat.

 

Der Walzer „Rosen aus dem Süden“ ist ein formal voll ausgebildeter „Alterswalzer“ mit feierlicher Einleitung und mehreren Teilen, die kunstvoll ineinander übergeleitet werden. Er entstand im Jahre 1880 und wurde Bestandteil der heute vergessenen Operette „Das Spitzentuch der Königin“. Das Werk ist dem ersten italienischen König, Umberto (Humpert), gewidmet. Kaiser Franz Josef übersandte es in einer Prachtausgabe „an seinem lieben Vetter in Rom“, in der er unter Anspielung auf dessen innenpolitische Schwierigkeiten vermerkte: …und ich rat Dir lieber Humpert, ärgere dich nicht wegen so an Klumpert“. Damit dürfte er den Zeitgeist, den der Wiener Walzer reflektiert, nicht schlecht getroffen haben.

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