1875 Antonin Dvorak (1841 – 1904) – Streicherserenade E-Dur

Dvoraks sensible und lebensfrohe Streicherserenade ist das Produkt einer Zeit, in welcher der Komponist hart um seine künstlerische und wirtschaftliche Selbstständigkeit kämpfte. Im Jahre 1871 hatte Dvorak im Alter von 30 Jahren den gewagten Entschluss gefasst, seinen Posten als Bratscher im Interimstheater in Prag, den er neun Jahre innehatte, aufzugeben, und sich künftig hauptsächlich der Komposition zu widmen. Sein Werkverzeichnis war zu diesem Zeitpunkt schon recht ansehnlich. Er hatte seine Kompositionen, darunter allerhand Kammermusik und sogar eine Oper, allerdings in erster Linie als Übungsstücke angesehen und war damit nicht an die Öffentlichkeit getreten. Nach dem Wegfall seiner festen Einkünfte wollte und musste er nun Werke schaffen, welche die Chance hatten, aufgeführt zu werden und Geld einzuspielen. Erfolg versprach er sich dabei zum einen von Kompositionen, welche die aktuelle politische Situation aufnahmen, die durch den Versuch der Distanzierung der Tschechen von Österreich und die Entwicklung eines eigenen Nationalbewusstseins gekennzeichnet war. Zum anderen glaubte er, sich den neuesten Tendenzen der Musikentwicklung anschließen zu sollen, als deren Speerspitze seinerzeit die Neudeutsche Schule unter Wagner und Liszt galt.

 

Der erste Teil dieser professionellen Strategie ging ohne weiteres auf. Dvoraks Chorwerk „Die Erben des Weißen Berges“ aus dem Jahre 1873, welches mit der Niederlage böhmischer Aufständischer gegen die Habsburger das traumatische Ereignis in der tschechischen Geschichte thematisierte, wurde in Prag mit großer Begeisterung aufgenommen. Keinen Erfolg hatte er mit dem Versuch, sich an Wagner und seiner Schule zu orientieren. Wenige Monate nach dem erwähnten Erfolg wurde seine ganz in Geiste Wagners geschriebene Oper „Der König und der Köhler“, an der man schon vier Wochen mühsam geprobt hatte, vom Spielplan des Interimstheaters zurückgezogen. Der Komponist musste einsehen, dass er in seinem Drang nach vorne zu viel gewagt und dabei insbesondere die Sänger überfordert hatte.

 

Nach dem Operndebakel orientierte sich Dvorak völlig neu und suchte einen fasslicheren Stil. Die Themen wurden nun wieder „ordentlich“ exponiert, das musikalische Material in überschaubare Quadraturen gegliedert, gewagte Modulationen unterlassen und verständnisfördernde Wiederholungen eingebaut. Das nationale Idiom bezog Dvorak jetzt aus der slawischen Folklore, aus der er allerhand rhythmische, harmonische und melodische Elemente entnahm und höchst artifiziell weiterentwickelte. Zu den Werken dieser Epoche gehört auch die Streicherserenade, die im Mai 1875 in Anlehnung an die Serenadentradition des 18. Jh. entstand. In ihr kündigt sich der Stil an, den Dvorak ab 1877 in seiner „slawischen Periode“ zur vollen Blüte bringen sollte.

 

Werke wie die Streicherserenade kamen beim Publikum zwar recht gut an, trugen aber, da sie nicht gedruckt wurden, wenig zur Lösung der wirtschaftlichen Probleme des Komponisten bei. Dvorak nahm daher neben seiner Tätigkeit als Klavierlehrer für einige Jahre doch wieder eine feste Stelle – als Organist – an. Außerdem bewarb er sich um das staatliche  österreichische Künstlerstipendium, das Personen gewährt wurde, welche die Kriterien Jugendlichkeit, Mittellosigkeit und Talent erfüllten. Der Kommission, die über die Vergabe der Stipendien zu befinden hatte, saß der mächtige Wiener Kritiker Eduard Hanslick vor. Er schreibt in seinen Erinnerungen, dass die meisten Antragsteller nur die ersten beiden Kriterien erfüllten. Es sei daher „eine gar angenehme Überraschung“ gewesen, „als eines Tages ein Prager Bittsteller, Anton Dvorak, Proben eines intensiven, wenngleich noch unausgegorenen Compositions-Talentes“ einsandte.“ In seinem Votum zum ersten Antrag Dvoraks aus dem Jahre 1874 vermerkt Hanslick: „Anton Dvorak, 33 Jahre alt, Musiklehrer, gänzlich mittellos …. Der Bittsteller, welcher sich bis heute nicht einmal ein eigenes Klavier anschaffen konnte, verdient durch ein Stipendium in seiner erdrückenden Lage erleichtert und zu einem sorgenfreien Schaffen ermuntert zu werden“. Trotz seines nicht mehr ganz jugendlichen Alters wurde Dvorak das Stipendium in den folgenden fünf Jahren gewährt, was heißt, dass er weiterhin mittellos war.

 

Dovraks wirtschaftlicher Durchbruch begann bekanntlich, mit dem Eintritt von Johannes Brahms in die Stipendiumskommission. Bewirkt wurde die Wende vor allem durch dessen Empfehlung an den wichtigen Hamburger Verleger Simrock, die patriotisch gestimmten Gesangsduos „Klänge aus Mähren“ zu verlegen, die Dvorak seinem Stipendiumsantrag für das Jahr 1877 beigelegt hatte. Ebenfalls beigelegt hatte Dvorak die Streicherserenade, deren Potential Brahms zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht verkannt zu haben scheint. Dvorak bot sie daher 1879 dem Verleger Bote & Bock an. Dies veranlasste Simrock, der von Dvorak auch wenig gewinnträchtige Großwerke im Druck hatte, zu der strengen Mahnung „von nun an alle Kompositionen, welche Sie veröffentlichen wollen, uns zuerst zum Verlag anbieten“. Der Erfolg, den die stimmungsvolle und liebenswürdige Streicherserenade später hatte, zeigt, dass Simrock mit seiner Mahnung richtig lag.

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