Schlagwort-Archive: Musikgeschichte

1947 Richard Strauss (1864 – 1949) – Duett-Concertino für Klarinette, Fagott und Streicher mit Harfe

Im Duett-Concertino, dem die Idee zu Grunde liegt, die lustige Klarinette gegen das traurige Fagott auszuspielen, haben die Interpreten, die Strauss stets im Verdacht der Programmusik haben, immer ein Programm gesucht. Ihm soll Andersen Märchen vom Schweinehirten Modell gestanden haben. Demnach würde es darum gehen, daß ein Schweinehirt (Fagott) um eine kapriziöse Prinzessin (Klarinette) wirbt. Es ist allerdings auch von einem Bären die Rede, der sich in eine Prinzessin verliebt hat, was zeigt, daß die Sache nicht so ganz einfach ist. In Wirklichkeit hat Strauss, der am Aufkommen beider Versionen eine gewisse Mitschuld trägt, seinen Kritikern ein Schnippchen geschlagen. Die beiden ersten Sätze können als Programmmusik verstanden werden, das Rondo aber ist absolute Musik. Der greise Meister, der nach einem musikalischen „Heldenleben“, welches ihn durch alle Höhen und Tiefen der Empfindung führte, zu heiterer Einfachheit zurückkehrt, beschwört hier „im schwebenden musikalischen Spiel ein kleine Welt reiner Märchenschönheit“.

1945 Richard Strauss (1864 – 1949) – Konzert für Oboe und kleines Orchester

Am 22. März 1947 wandte sich der argentinische Musikschriftsteller Johannes Franze brieflich an Richard Strauss mit der Bitte, er möge seinen Londoner Verlag dazu veranlassen, ihm, Franze, wie vor dem Krieg, wieder die Klavierauszüge seiner neueren Schöpfungen zu senden. Man habe in Buenos Aires zwar alles von Strawinski und de Falla gehört, man kenne viel von jungen russischen und nordamerikanischen Komponisten, „aber“, so fuhr er fort, „die Wucht, Größe, Leidenschaft und zugleich Feinheit, Wärme, Farbe und Poesie Ihrer Tonsprache wird unnachahmlich bleiben und für immer in die Geschichte eingehen“. Am 1.4.1947 antwortete Strauss, er werde der „ausgezeichneten und sehr rührigen“ Firma „Boosey und Hawkes“, der er seinen Nachlass anvertraut habe, diesen Wunsch ans Herz legen. Allerdings sei sein Lebenswerk mit den Opern „Liebe der Danae“ und „Capriccio“ beendet. In Anschluss daran listet er dann aber eine Reihe von Kompositionen, im wesentlichen Instrumentalwerke, auf, welche er danach noch geschrieben hatte. Bei diesen Stücken, so merkte er in der für ihn typischen lakonischen Art an, handele es sich um „Werkstattarbeiten, damit das vom Taktstock befreite rechte Handgelenk nicht vorzeitig einschläft“. Zu den genannten Werken gehörte auch das „Konzert für Oboe und kleines Orchester“, das Strauss im Jahre 1945 komponiert hatte.

 

Das Oboenkonzert steht in einem merkwürdigen Verhältnis zu den unmittelbar davor entstandenen „Metamorphosen für 23 Solostreicher“, die ebenfalls in der Liste der „Werkstattarbeiten“ aufgeführt sind. Dieses hoch komplexe und rätselhafte Werk, das manche für das Bedeutendste des Komponisten halten, spiegelt die tiefe Depression, in die Strauss angesichts der Zerrüttung der allgemeinen und nicht zuletzt seiner persönlichen Verhältnisse am Ende des Krieges gefallen war. Es ist eine höchst persönliche, von Selbstmitleid nicht freie Auseinandersetzung mit der deutschen Tragödie, in der Strauss als zeitweiliges Aushängeschild des nationalsozialistischen Regimes Handelnder, zugleich aber künstlerisch und wirtschaftlich auch Leidtragender war. Strauss hat im letzten Kriegsjahr immer wieder zum Ausdruck gebracht, wie tief ihn gerade die Zerstörung der  Opernhäuser, vor allem natürlich „seiner“ Häuser in München, Dresden und Wien getroffen hatte. Ihr Verlust war für ihn Symbol für ein mögliches Ende der deutschen Kultur, ja überhaupt der Kultur. Die Stimmung, in der er sich seinerzeit befand, offenbart sich etwa in einem Brief vom 5. April 1945 an den Wagnerforscher Golther, der mitten in die Zeit der abschließenden Arbeit an den „Metamorphosen“ fällt. Darin heißt es, dass nun die „zweihundertjährige deutsche Kultur zu versinken, die deutsche Musik zu erlöschen oder zumindest in der seelenlosen Maschine zu entarten drohe“. Sein eigenes künstlerisches Leben sei beendet und er komme sich „wie ein lebendig Begrabener“ vor. Die „Metamorphosen“ sind ein lamentöser Rückblick auf eine Kulturepoche, die sich – in Straussens damaliger Sicht – im Untergang befand, was für den Komponisten, der sich als den letzten große Repräsentanten dieser Entwicklung sah, dem Ende der Musikgeschichte gleichkam. Dem entspricht, dass er in diesem Werk so etwas wie die Summe der (satztechnischen) Möglichkeiten der Epoche zieht. In einer gewaltigen Anstrengung wagt er ein Werk für 23 Solostimmen, die sich – das überkommene Variationenprinzip auf die Spitze treibend – zu einem Geflecht verbinden, das an Dichte und Beziehungsreichtum kaum mehr zu überbieten ist.

 

Es ist als habe Strauss sich mit den „Metamorphosen“ seine Probleme von der Seele komponiert. Wenige Wochen danach entstand das Oboenkonzert, in dem die Stimmung schon wieder wesentlich optimistischer ist. Inzwischen hatte Strauss unmittelbaren Kontakt mit den amerikanischen Besatzungstruppen, die ihm die nötige Ehre erwiesen, u.a. indem sie von ihm Autogramme – möglichst mit ein paar Takten aus dem „Rosenkavalier“ – erbaten und seine Villa in Garmisch als „off limits“ einstuften. Die Besatzer, die er kurz zuvor in seinem Tagebuch als „verbrecherische Soldateska“ bezeichnet hatte, die „unersetzliche Baudenkmäler zerstören“, erschienen ihm nun „äußerst lebenswürdig und wohlwollend“ (Brief vom 10.5.1945 an seinen Biographen Schuh).

 

Unter den Soldaten, die Strauss aufsuchten, war auch der damals 24 – jährige John de Lancie aus Chicago, der im Zivilberuf Oboist war. De Lancie berichtet über sein Gespräch mit Strauss: „Ich erinnere mich, dass ich damals dachte, ich könne nichts zu dem Gespräch beitragen, das den Komponisten auch nur am Rande interessierte. Einmal jedoch nahm ich allen meinen Mut zusammen und begann über die herrlichen Oboenstimmen zu sprechen, denen man in so vielen seiner Werke begegne…. Ich wollte wissen, ob er zu diesem Instrument eine besondere Affinität habe, und da mir sein Hornkonzert bekannt war, fragte sich ihn, ob er jemals an ein Konzert für die Oboe gedacht habe. Seine Antwort war ein klares <Nein>! Das war so ziemlich alles, was ich aus ihm heraus bekommen konnte.“ Der Amerikaner scheint aber doch Eindruck auf den Komponisten gemacht zu haben. Kurz darauf begann Strauss mit der Komposition eines Konzertes für dessen Instrument.

 

Im Oboenkonzert, das wieder wunderbar durchsichtig ist, führt Strauss das Soloinstrument in weit gesponnenen Girlanden aus einer elegischen Grundhaltung in immer lichtere Höhen. Die Stimmung der „Metamorphosen“ ist aber noch nicht ganz überwunden. Dies zeigen neben dem untergründigen Grummeln der Streicher, welches besonders den ersten Teil durchzieht, vor allem die zahlreichen Anspielungen auf das Vorgängerwerk. So findet sich auch hier der auf einem Ton klopfende Themenkopf, der in den „Metamorphosen“ mit verstörenden Tonartrückungen streckenweise unerbittlich wiederholt wird. Anders als dort, wo er sich schließlich resignierend in das Thema des Trauermarsches aus Beethovens „Eroica“ verwandelt, erscheint er im Oboenkonzert aber als ferne Erinnerung und wird versöhnlich fortgesetzt. Nach einem nachdenklichen Mittelteil wird die elegische Stimmung im letzten Teil weitgehend überwunden: Gelegentlich breitet sich sogar Walzerseligkeit im Stile des „Rosenkavaliers“ aus, aus dessen Musik Strauss, dessen Stimmung sich zusehends aufheiterte, übrigens unmittelbar danach eine fulminante Orchestersuite machen sollte. Auch sonst gibt es zahlreiche Anspielungen auf die musikalische Tradition, nicht zuletzt auf Strauss` Vornamensvetter Richard Wagner, aus dessen „Siegfried – Idyll“ weitgehend das thematische Material des mittleren Teiles stammt.

 

Kurz nach der Vollendung des Particells des Oboenkonzertes übersiedelte Strauss, der die Entnazifierungsverfahren und die Entbehrungen der Nachkriegszeit fürchtete, mit Zustimmung des zuständigen amerikanischen Offiziers in die Schweiz, wo er gegen einigen publizistischen Widerstand im dortigen Musikleben Fuß zu fassen versuchte. Hier vollendete er in seinem vorläufigen Domizil, dem Hotel Verenahof in Baden, im Oktober 1945 die Partitur des Konzertes. Am 25. Januar 1946 fand in Zürich die Uraufführung der „Metamorphosen“ statt, an der Strauss, wohl wegen der besonderen Bedeutung, die das Werk für ihn hatte, nicht teilnahm. Er dirigierte es am Vortag nur einmal in einer Probe. Einen Monat später, am 26. Februar, wurde das Oboenkonzert  – ebenfalls in Zürich – erstmals aufgeführt. Strauss lud dazu de Lancie ein, der aber nicht kommen konnte, weil er in Amerika war. Da die Veranstalter (politische) Bedenken gegen Strauss hatten, wies man ihm einen Platz im Hintergrund des Saales an. Kurz vor Beginn des Konzertes ging aber eine Zuhörerin, die in der ersten Reihe saß, auf Strauss zu und tauschte mit ihm den Platz, was der Komponist als Beginn des Wiedereintritts in die Musikgeschichte empfunden haben dürfte.

Weitere Texte zu Werken von Strauss und rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1942 Igor Strawinski (1882 – 1971) – Zirkus-Polka

Die Musikfarce vom Frühjahr 1942 wurde tatsächlich für den Zirkus und zwar für eine Elefantennummer des New Yorker Zirkus Barnum und Bailes geschrieben. Die Originalfassung sah dementsprechend eine Zirkusbandbesetzung vor. Strawinski schuf jedoch auch die Orchesterversion. Wie so häufig bei Strawinski enthält auch dieses in der Tradition der russischen Orchesterscherzi stehende Werk eine – recht turbulente – Auseinandersetzung mit der Musikgeschichte. Darin versteckt sind „Zitate“ von Tschaikowski, Johann Strauß, Ravel und vor allem von Schubert (aus dem vierhändigen Militärmarsch in D-Dur). Der Erfolg der Polka war beachtlich. Sie ging bei Barnum und Bailes 425 Mal „über die Manege“. Die Elefanten allerdings verhielten sich so, wie die Hüter des Musikerbes auf Strawinskis Musik häufig reagierten. Sie waren verwirrt und hatten, ganz anders als bei Walzern, Schwierigkeiten, den Takt zu halten.  

Erstaunlich ist der Weg der Zirkuspolka nach Europa. Im August 1945 fanden nach der japanischen Kapitulation in den USA die Feierlichkeiten zur endgültigen Beendigung des 2. Weltkrieges statt, an denen General de Gaulle als Chef der französischen Übergangsregierung teilnahm. Er rief persönlich bei Strawinskis New Yorker Verlag an, bestellte die Partitur und nahm sie mit, wodurch sie in Strawinskis zeitweilige frühere Heimat Frankreich gelangte.

1938 Bela Bartók (1881-1945) – Konzert für zwei Klaviere und Schlagzeug und Orchester

Anfang des 20. Jh. herrschte in Europa bei vielen schöpferischen Musikern das Gefühl, daß das spätromantische Musikidiom mit seinen hochartifiziellen und weit ausdifferenzierten Ausdrucksmitteln die Grenzen seiner Entwicklungsmöglichkeiten erreicht habe. Überall machten sich daher junge Komponisten auf die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Einige der „Jungen Wilden“ wandten sich dabei den Grundlagen der Musik zu. Bela Bartók etwa erforschte die Volksmusik Südosteuropas in der Absicht, in der „primitiven“ Musik „vorzivilisatorische“ Elemente zu finden. Die Beschäftigung mit der hergebrachten Musik der Balkanvölker sollte die Grundlage für außerordentlich neue Musik werden.

 

Ein Ergebnis dieser Besinnung auf die Grundlagen der Musik war, daß Bartók im Klavier, weil hier Hämmer auf Saiten geschlagen werden, vor allem ein Perkussionsinstrument sah. Dies führte nicht nur dazu, daß der rhythmische Aspekt in seiner Klaviermusik im besonderen Maße hervorgehoben ist. Es legte auch nahe, Schlagzeug und Klavier musikalisch unmittelbar aufeinander zu beziehen.

 

Dieser Gedanke liegt bereits Bartóks erstem Klavierkonzert aus dem Jahre 1926 zu Grunde. Schon optisch tritt das Schlagzeug hier aus dem Hintergrund – in der Partitur ist vermerkt, daß es „womöglich unmittelbar hinter dem Klavier aufgestellt“ werden soll. Inhaltlich spielen beide Instrumente ähnliche Rollen. Das musikalische Material dieses Konzertes ist fast ausschließlich rhythmischer Natur, wobei es – der Suche nach „vorzivilisatorischen“ Elementen entsprechend – außerordentlich hart zugeht.

 

Auch im zweiten Klavierkonzert aus dem Jahre 1930 sind Klavier und Schlagzeug auf besondere Weise verbunden. Durch zahlreiche Anspielungen an die „zivilisierte“ Musiktradition markiert Bartók hier aber so etwas wie einen Gegenpol zur Wildheit des ersten Konzertes. Das Klavier wird im Sinne der Romantik wieder mehr als Akkordinstrument behandelt.

 

Im Konzert für zwei Klaviere und Schlagzeug wird schließlich die Synthese erreicht. Auf dem Höhepunkt seiner Meisterschaft sucht Bartók hier die Balance zwischen Perkussion und Akkord. Daher sind die umfangreichen Perkussionsinstrumente – zu ihrer Bedienung bedarf es zweier Personen – hier einerseits echte Soloinstrumente, andererseits werden ihnen, um ein Übergewicht zu verhindern, zwei Klaviere gegenübergestellt. Auch hier hat Bartók die Anordnung der Instrumente genau vorgeschrieben. Das Schlagzeug soll zentral zwischen die beiden Klaviere positioniert werden, die ihrerseits schräg gegeneinander zu stellen sind.

 

Inhaltlich hat der Komponist, der auf der Suche nach Neuem zuvor nicht selten das Extreme wählte, Rhythmik und Melodik versöhnt. Das Werk gilt als „eines der in jeder Hinsicht vollkommensten und bedeutsamsten Meisterwerke“ in Bartóks Oeuvre. Wegen seiner inneren Logik und Übersichtlichkeit trägt es geradezu klassische Züge. An typisch Bartók´scher Dynamik und Expressivität fehlt es deswegen nicht. Der zweite Satz etwa ist ein besonders schönes Beispiel für die wundersamen Nachtstücke, die wir von Bartók besitzen. Man hat darin eine Naturschilderung, etwa ein Vogelkonzert in einem Wald gesehen. Im übrigen ist das Werk gekennzeicnet durch eine ausgeprägte lineare Polyphonie, die sich aus den unterschiedlichen Klangebenen der Soloinstrumente ergibt, sowie durch ausgeklügelte Polyrhythmik und ständige Schwerpunktverlagerungen. Die Behandlung des Schlagwerkes ist außerordentlich differenziert. Bartók gibt genaue Anweisungen, an welcher der Stelle das jeweilige Instrument mit welchem Teil des Schlagwerkzeuges zu schlagen ist, wodurch regelrechte Klangfarbenmelodien entstehen (besonders deutlich am Anfang des zweiten Satzes).

 

Das Konzert verdankt seine Entstehung einem Auftrag von Paul Sacher aus dem Jahre 1937. Für ihn und sein Basler Orchester hatte Bartók kurz zuvor bereits die berühmt gewordene „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ geschrieben, deren Klangwelt das Konzert nahe steht (es gilt als deren „jüngerer Bruder“).

 

Ursprünglich hatte die Komposition die Form einer Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug. Als solche wurde sie am 16. Januar 1938 auch in Basel uraufgeführt. Seinerzeit spielten Bartók und seine zweite Frau die Klavierpartien, wobei seine Frau erstmals öffentlich auftrat. Es war einer der größten Erfolge Bartóks beim Publikum und bei der Kritik. Auf Bitten seines Verlegers schrieb Bartók in den folgenden Jahren die Orchesterfassung. Sie wurde erstmals am 21. Januar 1943 unter Fritz Reiner in New York, wiederum mit Bartók und seiner Frau als Pianisten aufgeführt. Es sollte der letzte öffentliche Auftritt des Komponisten sein.

 

1936 Samuel Barber (1910 -1981) – Adagio für Streicher

Das Adagio von Barber, eines der bekanntesten Werke der amerikanischen ernsten Musik, ist in Europa entstanden. Barber schrieb es im Jahre 1936 als Stipendiat der Amerikanischen Akademie in Rom. Das ungemein expressive Werk bildete ursprünglich den zweiten Satz eines Streichquartettes. Sein Eigengewicht erwies sich jedoch als so groß, daß es schon bald eigene Wege ging. Kein geringerer als der Europäer Arturo Toscanini führte es im Jahre 1938 in New York erstmals als selbständiges Orchesterwerk auf und spielte es auf Schallplatte ein. Im Jahre 1960 ließ Barber es zum Text des Agnus Dei auch als Chorwerk erscheinen.

 

Das Adagio ist ein exzeptionelles Werk. In einer Zeit, in der die musikalische Avantgarde Europas die traditionelle Musiksprache für verbraucht hielt, zeigt ein 26-jähriger aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten den Europäern gewissermaßen auf ihrem eigenen Terrain, welch‘ ungeheure Ausdrucksmöglichkeiten noch in dem alten Idiom steckten. In dem kurzen Werk läuft ein Drama ab, das an Spannung kaum zu überbieten ist. Barber führt die Musik auf höchst  abenteuerliche Wege und eröffnet grandiose Klangräume. Daß ihm der Hörer dennoch folgen kann, liegt ohne Zweifel nicht zuletzt daran, daß Barber die musikalische Textur und Harmonik, die dem Hörer vertraut ist, nie ganz verläßt.

 

1932 Francis Poulenc (1899- 1963) – Konzert für 2 Klaviere und Orchester

Francis Poulenc war Mitglied eines französischen Künstlerkreises, in dem gegen Ende des ersten Weltkrieges im Rahmen der allgemeinen künstlerischen Aufbruchstimmung der Zeit die Forderung nach einer neuen, spezifisch französischen Musik aufkam. Das Hauptanliegen dieses Kreises war, die Musik von den Einflüssen deutscher Romantik in der Nachfolge Wagners zu befreien. Als germanisch beeinflusst in diesem Sinne galt dabei auch die impressionistische Musik Debussys, die man heute eher als Markenzeichen französischen Geistes ansieht. Die romantische Musik, so hieß es, sei „nebulös“ und „dunstig“, habe keine Struktur und keinen Rhythmus, wirke wie eine Droge und gaukle eine quasireligiöse Sphäre von Ernsthaftigkeit und Unantastbarkeit vor. Dagegen stellte man die „klassischen“ französischen Ideale der Klarheit, Einfachheit, Weltlichkeit und Unterhaltsamkeit, die man vor allem bei Komponisten wie Couperin und Rameau verwirklicht sah. Das literarische Sprachrohr der Gruppe war Jean Cocteau, der die Maximen der Bewegung im Jahre 1918 unter Berufung auf die Musik von Eric Satie in der Schrift „Le Coq et L`Arlequin“ formulierte, wobei „Le Coq“ für den gallischen Hahn steht und „L`Arlequin“ in der (Neben)Bedeutung eines aus Resten zusammenkochten Gerichtes gemeint ist. Zwei Jahre später konstatierte der Kritiker Henri Collet, Cocteaus Vorstellungen würden in besonderem Maße von den jungen französischen Komponisten Poulenc, Honnegger, Milhaud, Durey, Auric und Tailleferre verwirklicht. In Anlehnung an die „Fünf“ des russischen „Mächtigen Häufleins“ um Rimski-Korsakow bezeichnete Collet die Gruppe als die „Six“. Unter dieser griffigen Bezeichnung ging die Gruppe, die wegen ihrer antiavantgardistischen Position zum Gegenstand heftiger Kontroversen wurde, trotz recht unterschiedlicher Ausrichtung und Entwicklung ihrer Mitglieder in die Musikgeschichte ein.  

Poulenc galt als reinster Vertreter der neuen gallischen Richtung. Tatsächlich hielt er sich in seiner ersten Kompositionsphase (bis 1921) unter dem Einfluss Cocteaus, mit dem er befreundet war, eng an die Vorgaben, die in „Le Coq et L`Arlequin“ aufgestellt worden waren. Dazu gehörte die Verwendung von Elementen der Trivialmusik, insbesondere des französischen Varietés, die Ablehnung komplizierter thematischer Entwicklungen und harmonischer Ableitungen, der Vorrang der Melodie vor Harmonie, Klang und Form und das Prinzip der „Ideenkette“, das heißt der Aneinanderreihung unterschiedlicher, nur locker miteinander verknüpfter Ideen.

Poulencs Konzert für zwei Klaviere entstand im Jahre 1932, als sich der Komponist von Cocteaus Vorstellungen schon weitgehend gelöst hatte und auch Elemente der romantischen Tradition verwendete. Dennoch sind die Kriterien Cocteaus noch erkennbar. Das Konzert ist eine unterhaltsame Aneinanderreihung der unterschiedlichsten musikalischen Elemente und Assoziationen. Im ersten Satz finden sich Anklänge an das französische Varieté, aber auch an Prokofieff, Strawinsky und einen Romantiker wie Rachmaninow. Gegen Ende des Satzes schweift die musikalische Phantasie gar ins ferne Asien ab. Balinesische Klänge, die Poulenc auf der Pariser Weltausstellung von 1931 begegnet waren, erzeugen eine exotische Atmosphäre (mittels der Sechstonreihe, parallelen Quarten und hypnotischen Wiederholungen). Im zweiten Satz kommt, nur mäßig verfremdet, Mozart, das Ideal klassischer „Unterhaltsamkeit“, ins Spiel, wird aber bald in die Klangwelt Poulencs übergeführt. Hier und da werden Chopin und Rachmaninow dazu gemischt. Der dritte Satz ist ein Feuerwerk der unterschiedlichsten Ideen. Wieder hört man Klänge des Varieté, aber auch von Jazz à la Gershwin, Rachmaninow erscheint erneut und auch das balinesische Motiv kommt zurück. Das Wunder des kleinen, vor „französischem“ Esprit nur so sprühenden Werkes ist, auf wie kunstvolle Weise Poulenc das disparate Material zusammengefügt, im wahrsten Sinne des Wortes also „komponiert“ hat.

1921 Paul Hindemith (1895-1963) – Tuttifäntchen

Paul Hindemith war immer für eine Überraschung gut. Dies war nicht nur eine gute Voraussetzung dafür, daß er zum Komponisten moderner Musik wurde; es war auch seiner Karriere förderlich. Diese begann denn auch recht eigentlich nach einem Skandal, der sich im Jahre 1921 in Stuttgart ereignete. Seinerzeit wurden im dortigen Landestheater zwei Kurzopern von Hindemith gespielt, die das württembergische Kultusministerium unmittelbar nach der Uraufführung wegen „Frivolität“ aus dem Spielplan kippte. Dies hatte zur Folge, daß mehrere Verantwortliche des Landestheaters, darunter der Generalmusikdirektor Fritz Busch, ihren Rücktritt anboten und ein gewaltiger Sturm durch den Blätterwald fegte. Grund für die Aufregung war unter anderem, daß der freche Hesse es gewagt hatte, in seinem Puppenspiel „Das Nusch-Nuschi“ Wagners berühmten Tristan-Akkord zur Illustration einer Szene zu mißbrauchen, in der ein burmesischer General seiner Männlichkeit durch den Biß eines Flußviehs namens Nusch-Nuschi beraubt wird.

 

Ein Jahr später schrieb Hindemith die Musik zu dem Weihnachtsmärchen „Tuttifäntchen“ für ein Frankfurter Theater. Auch hier schlug die Neigung des jungen Hindemith zu Parodie, Travestie und Sarkasmus durch. Dafür war neben dem Zeitgeist sicher mitursächlich, daß sich der Komponist in seiner Jugend ausgiebig abseits der Pfade der sog. ernsten Musik bewegt und in Kinos und Kaffeehäusern Militär-und Tanzmusik und Jazz gepielt hatte. So ist es denn kein Wunder, daß in der Musik zu einem Weihnachtsmärchen neben allerhand sonstigen Turbulenzen auch mal ein handfester Ragtime auftaucht, eine Musik, die man hierzulande nicht gerade mit Weihnachtsstimmung verbindet.

1919 Igor Strawinski (1882 – 1971) – Pulcinella Suite

Die in den Jahren 1919/1920 komponierte Musik zum Ballett „Pulcinella“ (die Orchestersuite daraus wurde 1922 geschrieben) entstand auf Anregung von Diaghilew, dem Direktor der berühmten „Ballets Russes“ in Paris und Monte Carlo. Dem Ballett liegt der neapolitanische Schwank „Der vierfache Pulcinella“ vom Anfang des 18. Jahrhunderts zu Grunde. Es erzählt im Stile der Commedia dell’Arte das Schicksal des langnasigen Pulcinella, einem „Vetter“ Harlekins, von dem einige Neapolitanerinnen so angetan sind, daß sie andere Bewerber um ihre Gunst vernachlässigen. Eifersüchtig versuchen diese den Konkurrenten beiseite zu schaffen, können ihn aber nicht recht fassen. Dies führt zu einem traumartigen Verwirrspiel mit allerhand tragik-komischen Verwicklungen, darunter einer Vervierfachung des Hauptakteures, die sich nach einem wilden Tarantellatanz in einem triumphalem Happy-end auflösen. Die Uraufführung des Balletts, das Picasso ausstattete, fand 1920 in Paris statt.

Das Werk kostete Strawinsky einige Freunde und versöhnte manchen Feind. Bei den Hütern des Musikerbes aber sorgte es für Verwirrung. Strawinski galt seinerzeit als Bürgerschreck, der die Fundamente der Musiktradition in Frage zu stellen schien. Zur Verwunderung der Musikwelt kehrte der skandalumwitterte Avantgardist mit Pulcinella seinen Blick aber auf einmal liebevoll in die Vergangenheit. Der Flirt mit der Tradition, den er – zu seinem eigenen Erstaunen – als Blick in den Spiegel erkannte, sollte Folgen haben. Pulcinella markiert den Beginn einer ganzen Reihe von „Liebesverhältnissen“ Strawinskis mit alten Meistern, eine Schaffenszeit, die man seine „neoklassizistische Periode“ zu nennen pflegt.

Das erste dieser „Verhältnisse“ hatte Strawinski mit dem frühverstorbenen italienischen Barockmeister Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736), dessen Musik die eine Hälfte des musikalischen Erbgutes von „Pulcinella“ abgibt. Mit dem neapolitanischen Komponisten hatte ihn Diaghilev bekannt gemacht, der Pergolesi-Manuskripte bzw. solche, die unter diesem Namen liefen, sammelte. Trotz des unverkennbaren „mütterlichen“ Erbteiles ist Strawinskis Vaterschaft an dem gemeinsamen Kind aber nicht zu überhören. Die alte Musik hat allerhand Abenteuer zu bestehen, die den Avantgardisten immer wieder durchscheinen lassen. Dazu gehören Dehnungen, Kürzungen, Rückungen und Kadenzschärfungen, polyrhythmische und artikulatorische Überlagerungen sowie überraschende Übergänge und Exkurse bis in die Militärmusik und den Jazz.

Die Reaktion der Zeitgenossen auf die neuerliche Eskapade des Komponisten war, wie gesagt, zwiespältig. Die Avantgardisten beklagten die Fahnenflucht, die Hüter des Musikerbes sprachen von Vergewaltigung, alte und neue Freunde aber von einer „sorgfältig geplanten, erfolgreich durchgeführten und vollständig ausgekosteten Verführung“. Strawinski selbst war sich über den Charakter seiner Eroberung auch nicht ganz im Klaren. Auf die Frage, was er von der Musik Pergolesis halte, antwortete er unter Anspielung auf die zahlreichen Fälschungen, die unter diesem Namen existieren: „Pulcinella ist das einzige Werk, was ich von ihm gern habe“.

1907 Sergej Rachmaninow (1873- 1943) – Symphonie Nr. 2 e-moll

Rachmaninow ist, wiewohl aus St. Petersburg stammend, ein Gewächs der Moskauer Pflanzschule der russischen Kunstmusik, die sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte. Zwar hatte man ihn im Alter von zwölf Jahren zunächst auf das St. Petersburger Konservatorium geschickt, wo sich unter der Führung von Nicolai Rimski-Korsakow seinerzeit eine stark national ausgerichtete Schule der russischen Musik zu etablieren begann. Der erste Versuch, dem späteren König der Pianisten das Klavierspiel beizubringen, ging jedoch schief. Der Junge ging lieber Schlittschuhlaufen als in den Unterricht und fälschte seine Zeugnisse, um die ausbleibenden Erfolge zu vertuschen. Im Alter von sechszehn Jahren startete man einen zweiten Versuch in Moskau. Man gab Rachmaninow in die Hände des bekannten Musikpädagogen Nicolai Swerjew, der eine Art Musikinternat nach dem Muster einer Kadettenanstalt führte. Die handverlesenen Schüler wohnten und arbeiteten kostenlos in Swerjews Haus, mussten dafür aber bedingungslos gehorchen und durften während der drei-jährigen Ausbildungszeit, die zur Konservatoriumsreife führte, so gut wie keinen Kontakt zum Elternhaus unterhalten. Das Ausbildungsprogramm des homoerotisch angehauchten Hauses sah unter anderem mehrstündiges tägliches Klavierüben unter der strengen Aufsicht des Meisters, regelmäßige Opern- und Konzertbesuche und Vorspiele in Moskauer Adels- und Großbürgerkreisen vor. Davon abgesehen bekamen die Jungen auch den gesellschaftlichen Schliff, der im zaristischen Russland erwartet wurde. Zur Erziehung gehörten unter anderem Bordellbesuche und rituelles Wodkatrinken. Swerjews musikpädagogische Erfolge waren erstaunlich. Von den vier Schülern, die er seinerzeit unterrichte, erlangten zwei Weltgeltung: Mitschüler Rachmaninows war niemand geringeres als Alexander Skriabin, der allerdings einen ganz anderen Weg als dieser ging.  

Zu den Musikern, die im Hause Swerjew regelmäßig verkehrten, gehörte auch Peter Tschaikowski. Er galt, wiewohl ebenfalls aus der Neva-Metropole stammend, als das Haupt der eher westlich orientierten Moskauer Schule, die mit der St. Petersburger Schule um die künstlerische Oberherrschaft im nationalen russischen Musikleben rang. Tschaikowski erkannte früh Rachmaninows kompositorische Begabung und förderte sie, wo immer er konnte. Der Altmeister wurde für Rachmaninow denn auch das Maß aller kompositorischen Dinge. Nach dessen plötzlichen Tod im Jahre 1893, nur wenige Tage nach dem Ableben Swerjews, sah sich der 23-jährige in der Rolle des Erben Tschaikowskis. Nach dessen Vorbild versuchte er sich daher auch als Symphoniker zu profilieren. 

In den Jahren 1895-1897 entstand so eine erste Symphonie, die 1896 in St. Petersburg uraufgeführt wurde, was ein großer Fehler war. Der Dirigent der Uraufführung, Alexander Glasunow, gehörte nicht nur zum Kernbestand der moskaukritischen lokalen Schule. Er soll auch kein sonderlich begnadeter Dirigent gewesen sein und die Aufführung dazu schlecht vorbereitet haben. Cesar Cui, Urgestein des „Mächtigen Häufleins“, aus dem die St. Petersburger Schule hervorging, schrieb eine vernichtende Kritik, die Rachmaninow ins Mark traf (Cui hatte einunddreißig Jahre zuvor auch schon Tschaikowskis ersten symphonischen Versuch verrissen). Der Misserfolg in der Paradegattung Symphonie löste bei Rachmaninow eine drei Jahre dauernde Schaffenskrise aus, aus der er sich nur mit ärztlicher Hilfe befreien konnte. Einen zweiten Versuch in der Gattung wagte er sogar erst nach Ablauf von zehn Jahren. 

Rachmaninows 2. Symphonie entstand im wesentlichen in Dresden, wohin sich der Komponist in den Jahren 1906/07 wegen der politischen Unruhen in der Folge der russischen Revolution von 1905 zurückgezogen hatte. Die Uraufführung fand erstaunlicherweise wieder in St. Petersburg statt (8. Febr. 1908). Offenbar hielt Rachmaninow die psychische Hürde, die der Misserfolg der 1. Symphonie aufgerichtet hatte, erst mit einen Sieg an der Stätte für überwunden, an der er die Niederlage erlitten hatte. Diesmal behielt sich Rachmaninow, der sich inzwischen auch einen Namen als Dirigent gemacht hatte, die Leitung der Aufführung jedoch selbst vor. Die Aufnahme des Werkes war freundlicher als bei der ersten Symphonie. Schon damals hielt man Rachmaninow allerdings Weitschweifigkeit vor und sprach von „Mütterchen Russlands gesammeltem Weltschmerz in e-moll“.  

In der Tat ist das Werk, obwohl formal auf geradezu klassische Weise stringent, durch melodische Gedanken geprägt, die auf träumerisch-melancholische oder nachdrücklich drängende Weise scheinbar endlos fortgesponnen werden. Für den, der die kompakte Kompositionsweise der Wiener Klassik und die geradezu reißbrettartige Logik der „entwickelnden Variation“ eines Brahms und seiner Nachfolger im Ohr hat, klingt dies ungewohnt (Rachmaninows Zeitgenosse Richard Strauss etwa, der in der westeuropäischen Tradition stand, hatte überhaupt kein Verständnis für die Musik seines östlichen Kollegen und bezeichnete sie als „gefühlvolle Jauche“). Eine solcherart westliche Sichtweise übersieht aber, daß der Musik Rachmaninows nicht die Erfahrung des kleinteiligen Westeuropa, sondern das Erlebnis der Weiten Russland zugrunde liegt (paradoxerweise herrschte eine solche Sichtweise, vielleicht weil man seinerzeit allzu angestrengt den Anschluss an die westeuropäische Kunstmusik suchte, selbst in Russland, ja sogar im nationalrussisch gesinnten St. Petersburg vor). Rachmaninow, der seine Musik immer als Ausdruck seiner Seele empfunden hat und sich daher wenig um musikalische Theorien und schon gar nicht um modernistische kümmerte, hat denn auch immer wieder darauf hingewiesen, daß seine Musik seine persönlichen Erfahrungen wiederspiegele und diese seien nun einmal russische Erfahrungen. Wahrscheinlich wird man Rachmaninows 2. Symphonie denn auch am ehesten gerecht, wenn man in ihr so etwas wie die akustische Exemplifikation des Spengler`schen Diktums von der grenzenlosen Ebene als dem Leitmotiv des russischen Weltgefühls sieht.

 

1903 Ernst v. Dohnányi (1877- 1960) – Serenade für Streichtrio Op. 10

Als Ausgangspunkt für die Wiederbelebung des Streichtrios zu Anfang des 20. Jh. werden meist die drei Trios von Max Reger aus dem Jahre 1904 angesehen. Bereits ein Jahr zuvor hatte aber der vier Jahre ältere Ernst v. Dohnányi ein außerordentlich beachtliches Streichtrio geschrieben. Das Werk stellt einen Wendepunkt in der Entwicklung des Komponisten dar. Der frühreife Ungar – er schrieb bis zu seinem 17. Lebensjahr über 70 Werke – hatte sich bis dato weitgehend an Brahms und seinen Vorläufern orientiert, was ihm den Ruf eines ungarischen Brahms (und des besten Kammermusikkomponisten nach demselben) einbrachte – Brahms sagte über ein Klavierquartett des 18-jährigen, besser habe er es auch nicht machen können. In der Serenade Op. 10 findet Dohnányi erstmals zu seinem eigenen Stil. Dazu gehört, dass er alte Musikformen aufnimmt (hier die Serenadentradition des 18. Jahrhunderts) und sie in einer freien, nicht selten nobel-ironisch eingefärbten Weise mit modernem Material füllt. Typisch für ihn ist etwa ein chromatisches Vagabundieren, bei dem aber das jeweilige tonale Zentrum immer erkennbar bleibt.

 

In einer Rezension aus dem Jahre 1905 wurde die Serenade als ultramodern eingestuft. Später litt Dohnányis Ruf aber darunter, dass er sich – anders als Bartók und Kodály – weigerte, die rasante ästhetische Entwicklung des 20. Jahrhunderts mitzumachen (was aber nichts daran änderte, dass er seine vorwärtsstrebenden Landsmänner in seiner Eigenschaft als zentrale Figur des ungarischen Musiklebens kräftig förderte). Diese Weigerung führte zu der Behauptung, er habe keinen eigenen Stil. Ein übriges zur Verdunklung seines Rufes taten nach dem zweiten Weltkrieg dann Gerüchte, er sei ein Kollaborateur der Nationalsozialisten gewesen. Dohnányi, der im übrigen auch einer der ganz großen Klaviervirtuosen seiner Zeit war, sah sich schließlich gezwungen, über Argentinien in die USA auszuwandern, wo er als Komponist weitgehend in Vergessenheit geriet. Kurz vor seinem Tode begann aber ein Prozess der Rehabilitierung. Dieser hat sich nicht zuletzt auf dem Hintergrund der Relativierung der Avantgarde, die der Zeitablauf mit sich brachte, bis heute fortsetzt und hat die Sicht auf das umfangreiche Oevre des Ungarn wieder freigelegt.

1901 Sergej Rachmaninow (1873- 1943) – Klavierkonzert Nr.2

„Vom Publikum geliebt – von der Fachwelt geschmäht“ – mit diesem Satz beginnt eine neuere Biographie über Sergej Rachmaninow, die den Untertitel „Zwischen Moskau und New York“ trägt. Beide Formulierungen spiegeln das Schicksal eines Künstlers, der zeitlebens zwischen allen möglichen Stühlen saß. Sein künstlerisches Leben etwa spielte sich im wesentlichen im 20. Jahrhundert. ab. Rachmaninow aber verweigerte sich den Forderungen der neuen Zeit und blieb dem musikalischen Idiom seiner Jugend treu, die im 19. Jahrhundert lag. Dadurch zog er sich die Verachtung einer Kritik zu, die sich weitgehend dem Gedanken des künstlerischen Fortschrittes verschrieben hatte. Immer wieder schwankte Rachmaninow zwischen der Berufung zum Komponisten und dem Beruf des Pianisten. Phasen reichen Schaffens folgten lange Perioden, in denen er keine Note niederschrieb. Menschlich und künstlerisch war Rachmaninow tief im alten Rußland verwurzelt. Nach der Oktoberrevolution aber verließ er seine Heimat, um nach Amerika und damit in eine Welt überzusiedeln, in der er nie richtig heimisch werden sollte.  

Geradezu exemplarisch für diese Zerrissenheit ist das Schicksal von Rachmaninows zweitem Klavierkonzert. Das Werk, das in den ersten beiden Jahren unseres Jahrhunderts entstand, war der Versuch des Komponisten, sich aus der Schaffenskrise zu befreien, die durch den Mißerfolg seiner ersten Symphonie im Jahre 1897 ausgelöst worden war. Enttäuscht von sich und der Kritik, die ihm Dekadenz vorwarf, hatte Rachmaninow seinerzeit das Komponieren vollständig eingestellt. Seine schöpferischen Kräfte begannen sich erst wieder im Jahre 1899 zu regen. Damals faßte er den Entschluß, ein zweites Klavierkonzert zu schreiben. Die Aufbruchstimmung wurde jedoch schon bald wieder erstickt und hieran war niemand geringeres schuld als der Dichter Leo Tolstoi. Der radikale Alte, der puristischen Vorstellungen von einer christlichen Volkskultur anhing, hatte den jungen Komponisten nach dem Vorspiel eines hochartifiziellen neuen Werkes nicht eben diplomatisch mit der Frage konfrontiert, wem diese Art von Musik nütze. Die harsche Reaktion des „Barons im Bauernkittel“ stürzte Rachmaninow in neue Depressionen, aus denen er sich nur mit Hilfe des bekannten Hypnose-Arztes Nikolaj Dahl befreien konnte. Dieser machte die Förderung des zweiten Klavierkonzertes zu einem wesentlichen Element der Behandlung seines sensiblen Patienten. 

Nikolaj Dahls Musiktherapie erwies sich als außerordentlich erfolgreich. Rachmaninow gelang es, vorübergehend alle Selbstzweifel beiseite zu schieben und ein Werk zu schreiben, das man als einen großen Wurf bezeichnen muß. Bereits nach kurzer Zeit wurde es zu einem festen Bestandteil des Musikrepertoires und machte den jungen Russen in der ganzen Welt bekannt. Wie groß Rachmaninows Probleme mit sich und seinem Werk trotz allem waren, zeigt die Tatsache, daß er sich nach der Fertigstellung des Konzertes seiner Leistung keineswegs sicher war. Noch fünf Tage vor der Uraufführung, die am 27.10.1901 in Moskau stattfand, schrieb er über den berühmten ersten Satz des Konzertes an seinen Freund Morosow: „Du hast recht, Nikita Semjonowitsch! Ich habe mir eben den erstem Satz meines Konzertes durchgespielt, und erst jetzt ist mir klar geworden, daß der Übergang vom ersten zum zweiten Thema nicht gut ist und daß in dieser Form das erste Thema nicht mehr als eine Introduktion ist  –  und daß, wenn ich das zweite Thema beginne, keine Narr glauben würde, daß es das zweite Thema ist. Jeder würde denken, daß dies der Beginn des Konzertes ist. Ich betrachte den ganzen Satz als mißlungen und von dieser Minute an ist er unverändert gräßlich für mich geworden. Ich bin einfach verzweifelt.“ Erst nachdem das Werk allgemeine Zustimmung erfahren hatte, war sein Schöpfer in der Lage, dessen Qualitäten uneingeschränkt anzuerkennen.

 Der Erfolg des zweiten Klavierkonzertes sollte für Rachmaninow allerdings auf andere Weise zum Problem werden. Das gefühlvolle Stück zog nicht nur so viel Aufmerksamkeit auf sich, daß sein übriges Werk lange Zeit kaum zur Kenntnis genommen wurde. Der Komponist erhielt dafür auch Beifall von der „falschen“ Seite. Das Werk, das ganz von russischen Sentiment durchzogen ist, wurde von der amerikanischen Unterhaltungsindustrie in Beschlag genommen. Im Jahre 1932 diente es als Hintergrundmusik für den Film „Menschen im Hotel“ mit Greta Garbo. 1946 wurde aus den Hauptthema des ersten Satzes der Schlager „Full Moon and Empty Arms“. Frank Sinatra („This is my Kind of Love“) bediente sich daraus ebenso wie das Musical „Anja“, das im übrigen ganz aus Rachmaninows Musik gezimmert ist. Auch später taucht das Klavierkonzert immer wieder in Filmen auf, so in Billy Wilders „Das verflixte 7. Jahr“ mit Marilyn Monroe. Das Konzert trug so auf unglückliche Weise dazu bei, das Bild vom weichlichen Kompromißkomponisten Rachmaninow zu zeichnen, welches in der europäischen Musikkritik lange Zeit vorherrschte und in dem überheblichen Diktum von Richard Strauß gipfelte, daß die Musik des russischen Amerikaners „gefühlvolle Jauche“ sei.

1899 Edward Elgar (1857 – 1934) – Enigma Variationen

England war lange Zeit ein Land ohne Komponisten. Anders als auf dem Kontinent, wo es eine ununterbrochene Reihe großer Komponistenpersönlichkeiten gibt, brach die musikschöpferische Tradition auf der Insel, die insbesondere in der Renaissance und im Frühbarock bedeutende Meister hervorgebracht hatte, nach dem Tode Henry Purcells im Jahre 1695 weitgehend ab. Fast zwei Jahrhunderte lang hatten Komponisten aus England allenfalls regionale Bedeutung. Das Land nahm an der fulminanten Entwicklung der europäischen Kunstmusik in dieser Zeit nur als Importeur teil. Gegen Ende 19. Jahrhunderts begann dann aber das, was man später die „Englische Musikalische Wiedergeburt“ nannte. Deren ausdrückliches Ziel war, der deutschen Vorherrschaft auf dem Gebiet der Musik Paroli zu bieten. Seitdem hat England den Vorsprung Kontinentaleuropas, insbesondere Deutschlands auf diesem Gebiet in einer Weise aufzuholen versucht, die an die gleichzeitigen Versuche Deutschlands erinnert, mit den Engländern in Sachen Flotte gleichzuziehen. Die herausragende Figur dieser Entwicklung war Edward Elgar, den man gerne mit den gleichzeitigen großen „Deutschen“ Richard Strauss und Gustav Mahler in einem Atemzug nannte. Er war für die Chor- und Instrumentalmusik Englands das, was Benjamin Britten ein weiteres halbes Jahrhundert später für die englische Oper werden sollte.

 

Elgar kam aus der Laienszene der mittelenglischen Provinz, wo er sich vor allem als Orchesterspieler betätigte. Sein Vater war Musikalienhändler und Klavierstimmer. Eine richtige musikalische Ausbildung hat er nie erhalten. Seine Neigung zum Komponieren zeigte sich aber schon im Kindesalter. Bis zu seinem 40. Lebensjahr komponierte Elgar, der sich autodidaktisch vor allem am Vorbild der kontinentalen Spätromantiker, nicht zuletzt Wagners, bildete, meist kleinere Werke für die regionale Musikszene, ohne besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Wegen der mangelnden Anerkennung war er schon der Verzweifelung nahe, als der Durchbruch mit den Enigma – Variationen kam. Das Werk entstand im Jahre 1898, als Elgar 41 Jahre alt war. Später wuchs Elgar vor allem wegen seiner „Staatsmusiken“ in die Rolle des musikalischen Repräsentanten des ausgehenden britischen Empires, etwa mit den 5 bekannten Märschen „Pomp and Circumstances“, die seinen Namen in alle Welt getragen haben. Er galt als der Komponist, der die von Prunk und nicht selten Gefühlsseligkeit begleitete grandseniorale Selbstsicherheit der Weltmacht zum Ausdruck brachte. Als Liebling des Establishments erhielt er alle Ehren, mit denen die englische Nation ihre Heroen auszuzeichnen pflegte. Unter anderem wurde er geadelt und mit Doktorhüten überhäuft, darunter auch mehrfach mit solchen juristischer Fakultäten, obwohl er vermutlich weniger mit der Jurisprudenz zu tun hatte als manch anderer Musikus. Nach dem ersten Weltkrieg machte man Elgar die Überbetonung des Nationalen zum Vorwurf. Da er im übrigen auch die neueren Entwicklungen der kontinentalen Musik ablehnte, geriet er zeitweilig ins Abseits.

 

Die Enigma Variationen wurden im Sommer 1899 London erstmals gespielt. Der Dirigent der Uraufführung war der große Pianist und Wagner – Dirigent Hans Richter, der Elgars Talent erkannt hatte. Das Werk hat die Phantasie der Musikwelt von Anfang an in ganz besonderem Maße entzündet.

 

Der Komposition liegt eine „Original Melodie“ zugrunde, die Elgar als Enigma, als Rätsel, bezeichnet hat. Dieses Thema wird in 14 Variationen kunstvoll verarbeitet. Der Komponist hat die Variationen jeweils mit codierten Überschriften versehen, bei denen es sich um Namen oder Initialen handelt. Das „Rätsel“ dieser Überschriften ist im wesentlichen gelöst. Sie stehen meist für Personen aus dem unmittelbaren Umfeld Elgars, die im einzelnen bekannt sind. Die liebevollen Töne der ersten Variation etwa gelten seiner Frau, der er wesentlich verdankte, dass er das Komponieren aus Frustration nicht vorzeitig aufgab. Andere Variationen betreffen Freunde. Elgar merkte dazu in einem Brief an seinen Lektor an, er habe die jeweilige Variation so geschrieben, wie er geglaubt habe, dass diese Personen sie komponiert haben würden, wenn sie so idiotisch gewesen wären zu komponieren. In der 7. Variation sollen die begrenzten pianistischen Fähigkeiten eines befreundeten Architekten dargestellt sein, in der 8. Variation das Lachen einer Bekannten und die Atmosphäre ihres Hauses aus den 18. Jahrhundert und in der 9. die Diskussion zwischen Elgar und dem Lektor seines Musikverlages über Beethovens langsame Sätze. Die 11. Variation befasst sich mit den Versuchen des Bulldoggen eines befreundeten Organisten, gegen den Strom des Flusses Wye, in den er gefallen war, wieder an Land zu schwimmen. Rätselhaft ist nur der Inhalt der 13. Variation, die mit drei Sternchen betitelt ist. Elgar zitiert hier aus Mendelssohns Konzertouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt“. Das hat die Vermutung genährt, dass diese Variation seine frühere Verlobte Helen Weaver betrifft, die ihn 1883 verlassen hatte und nach Neuseeland gesegelt war. Die Erinnerung an das seelische Trauma, das sie verursachte, soll sich auch in anderen sentimental gestimmten Werken Elgars spiegeln (etwa in seinem Violinkonzert). In der letzten Variation, die er auf Anraten Richters und seines Lektors nach der Uraufführung deutlich ausbaute, hat sich Elgar selbst porträtiert.

 

Das eigentliche Rätsel des Werkes resultiert aus einer Bemerkung, die Elgar im Programmheft der Urauffühung machte. Danach soll dem Enigma ein „dunkler Spruch“ zugrunde liegen, den er nicht erläutern werde. Die offensichtlichen Verbindungen zwischen dem Thema und den Variationen, so schrieb er, seien oft nur oberflächlich. „Weiter und durch die ganze Anordnung geht ein anderes und größeres Thema“.

 

Diese rätselhaften Andeutungen haben ein ganzes Heer von musikalischen Detektiven in Gang gesetzt, die sich zum Ziel gesetzt haben, das Rätsel des Werkes zu knacken.

 

Die meisten Autoren haben nach einer Melodie gesucht, die sich in versteckter Form durch die Variationen zieht. Man ging dabei davon aus, dass das „offizielle“ Thema nur der Kontrapunkt zu dieser Melodie sei (tatsächlich klingt es ja auch wie eine Gegenmelodie). Das Rätsel der Komposition wäre demnach die – vermutlich einmalige – Tatsache, dass Elgar ein Musikstück geschrieben hätte, dessen eigentliches Thema nie gespielt wird. Untersucht wurden in diesem Zusammenhang Themen aus Bachs „Agnus Dei“, Mozarts „Cosi fan tutte“ und der „Prager Symphonie“, Beethovens „Pathétique“, Schumanns Klavierquartett, und Brahms` „Vier ernste Gesänge“, Werken also gerade der deutschen Großmeister, welche die Entwicklung der Musik in der Zeit der englischen Unfruchtbarkeit weitergetrieben hatten, die Elgar beendete. Im Gespräch waren auch immer wieder das notorisch tiefsinnige „Dies Irae“ und das melancholische, altschottische Lied „Auld Lang Syne“ (Nehmt Abschied, Brüder). Passend zu Elgars imperialistischem und staatstragendem Image hat man aber auch „Britannia Rule the waves“ und „God save the Queen“ in die Diskussion geworfen. Die Vielfalt der angebotenen Themen zeigt, dass sich die Interpreten, wie im Falle von Rätseln nicht selten, einige Freiheiten genommen haben.

 

Andere haben vermutet, dass dem Werk kein musikalisches, sondern ein gedankliches Thema zu Grunde liege, etwa „Freundschaft“, dass Elgar damit die schwierige Suche nach sich selbst und seinem künstlerischen Ausdruck darstellen wollte oder dass das Enigma ein Anagramm sei (etwa aus Buchstaben des Namens seiner Frau). Wieder andere haben nicht nur ein Rätsel, sondern gleich mehrere gesucht und dazu heftig in Elgars Biographie gestöbert. Noch in neuester Zeit (1999) hat ein Elgar Liebhaber ein 150 Seiten starkes Buch geschrieben, in dem er glaubt, dem Rätsel endgültig auf die Spur gekommen zu sein.

 

Es kann allerdings auch nicht ausgeschlossen werden, dass die Komposition – abgesehen davon, dass Variationen immer suchbildhaft und damit rätselartig sind – überhaupt kein besonderes Rätsel enthält. Es könnte sein, dass Elgar in seiner Frustration zu diesem „letzten“ Mittel griff, um das Interesse an seiner Musik zu wecken. Dafür spricht, dass der Komponist immer nur nebulöse Äußerungen über das Rätsel machte und trotz des außerordentlichen allgemeinen Interesses nichts zu seiner Lösung hinterließ; außerdem, dass die Übertitelung des Variationenthemas mit „Enigma“ erst nachträglich auf die Partitur kam (und zwar von seinem – deutschen – Lektor Jaeger, dem Nimrod der 9. Variation, der wohl im Auftrag Elgars handelte). In diesem Falle wäre das Enigma entweder eine nachträgliche Selbstinterpretation, was bei Künstlern, die ihren Rezipienten gelegentlich auf die Sprünge helfen wollen, nicht ungewöhnlich ist. Oder es wäre ein außerordentlich geschickter Werbegag, der die Neigung der Menschen nutzt, sich in solche Botschaften besonders zu vertiefen, die von vorneherein nicht zu verstehen sind.

1895 Antonin Dvorak (1840-1904) – Konzert für Violoncello und Orchester

Im Gegensatz zu den meisten anderen großen Komponisten der klassisch-romantischen Periode erkannte Dvorak die großartigen Möglichkeiten, die das Cello als Konzertinstrument besitzt. Bereits eines seiner ersten größeren Werke ist ein – unbekannt gebliebenes – Werk für dieses kraftvolle Instrument. Dreißig Jahre später, gegen Ende seines kompositorischen Schaffens, sollte er auf dem Höhepunkt seiner Meisterschaft das Cellokonzert überhaupt schreiben. Dvoraks Förderer Brahms, der es „nur“ zu einem Doppelkonzert für Violine und Cello brachte, sagte darüber kurz vor seinem Tod bedauernd, hätte er gewußt, daß man solche Musik für dieses Instrument schreiben könne, hätte er auch ein Cellokonzert geschrieben.

 

Das Werk, das weitgehend symphonisch aufgefaßt ist, ist die letzte Frucht von Dvoraks Aufenthalt in Amerika, in dem auch sein zweiter „Welthit“, die „Symphonie aus der Neuen Welt“ und das unter Liebhabern der Kammermusik nicht minder populäre „Amerikanische Streichquartett“ (mit diversen Lieblingsstellen der Cellisten) entstanden. Dvorak hatte seine geliebte böhmische Heimat im Jahre 1892 verlassen, um die Leitung des New Yorker Konservatoriums zu übernehmen. Angezogen hatte den Komponisten, der am Anfang seiner Karriere einige Hungerjahre durchleben mußte und der daher ziemlich geldbewußt war, nicht zuletzt ein Gehaltsangebot aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das – ähnlich den heutigen Gegebenheiten – alle Maßstäbe des alten Kontinentes sprengte. Seine Honorar für acht Monate Tätigkeit pro Jahr in New York sollte nicht weniger als das 25-fache des Jahresgehaltes betragen, das er als Kompositionsprofessor am Prager Konservatorium erhielt.

 

Nach vier Jahren in Amerika zog es Dvorak aber mit aller Macht zurück in die Heimat. In der schönen neuen Welt hatte es nicht nur immer wieder Probleme mit dem Geld gegeben, weil die Geschäfte des New Yorkers Handelsmagnaten Thurber, der das Konservatorium weitgehend finanzierte, in der Wirtschaftskrise Anfang der 90-er Jahre schlecht gingen. Dvorak vermißte auch seine Freunde und seine Familie, allen voran seine Kinder, die in Böhmen zurückbleiben mußten. Vom Heimaturlaub im Jahre 1895 kehrte er vertragswidrig nicht nach Amerika zurück.

 

Daß Dvorak während der letzten Monate seines Aufenthaltes in Amerika in Gedanken bereits wieder zu Hause weilte, zeigt sich nicht zuletzt im Cellokonzert. Anders als in den sonstigen Werke, die in der New Yorker Zeit entstanden, verzichtet er hier nicht nur weitgehend auf amerikanische Elemente. Nachdem in den vorangegangenen Jahren hauptsächlich „Weltmusik“ entstanden war, ist das Cellokonzert wieder ganz von böhmisch- romantischem Geist getränkt.

 

Hinzu kommt eine rührende familiäre Anspielung, die Dvorak außerordentlich wichtig war. Während der Komposition des gefühlsbetonten zweiten Satzes erfuhr Dvorak, daß seine geliebte Schwägerin, die Gräfin Josefine Kaunic, schwer krank daniederlag. Ähnlich wie Bruckner 12 Jahre vorher die Nachricht vom Todes Richard Wagners in der Coda des langsamen Satz seiner siebten Symphonie verarbeitete, erinnert Dvorak im langsamen Satz des Cellokonzertes auf dezente Weise an seine Schwägerin. Zu Josefine Kaunic hatte Dvorak eine besondere Beziehung. Der Schwester seiner späteren Frau hatte er schon in den 60-er Jahren, der Zeit, in der das erste Cellokonzert entstand, eine – unerwiderte – Liebe entgegengebracht. Josefine war damals Schauspielerin am neu gegründeten Prager Interimstheater, der ersten national- tschechischen Bühne, in dessen Orchester der junge Dvorak die Bratsche spielte.

 

Im langsamem Satz des zweiten Cellokonzert zitiert Dvorak nun – in eine andere Tonart versetzt – aus Josefines Lieblingslied „Laß mich in Ruhe“ (Op. 81.). Kurz nach seiner Rückkunft aus Amerika, wo er die Komposition des Konzertes eigentlich schon abgeschlossen hatte, änderte er den Schluß des Werkes noch einmal, indem er das Liedzitat hier erneut, diesmal in der Originaltonart einarbeitete. Außerdem ließ er das Cellosolo nun entgegen aller Finalsatz-Tradition auf gänzlich unspektakuläre Weise in wehmutsvoller Stille verklingen.

 

Der Grund hierfür ist ohne Zweifel darin zu suchen, daß Josefine wenige Wochen zuvor verstorben war. Dies erweisen nicht nur Einzelheiten der Komposition, etwa die schweren in dumpfen Baßpizzicati endenden „Herztöne“ der Schlußpartie des Cellosolos, deren letzter aus der gerade geltenden Tonart heraus wie in das Nichts fällt, eine Stelle, die in der Partitur mit „morendo“ bezeichnet ist und der ein großes Lamento des Cellos auf einem Ton folgt. Es zeigt dies auch die Vehemenz, mit der sich Dvorak gegen eine Veränderung eben dieses Schlusses durch den bekannten tschechischen Cellisten Hanus Wihan wehrte. Wihan, dem das Werk gewidmet ist und der darin eine fulminante Kadenz vermißte, hatte selbst eine Kadenz für den Schluß des Werkes komponiert. Gegenüber seinem Verleger Simrock, der sie in der Erstausgabe drucken wollte, schrieb Dvorak am 3. Oktober 1895, er werde ihm das Werk nur überlassen, wenn er sich dafür verbürge, daß „niemand, auch nicht mein verehrter Freund Wihan, ohne mein Wissen und Erlaubnis Änderungen vornehmen werde -also auch keine Kadenz einfüge, die Wihan im letzten Satz gemacht hat. … Das Finale schließt allmählich diminuendo wie ein Hauch – mit Reminiszensen an den ersten und zweiten Satz, das Solo klingt bis zum pp aus – dann ein Anschwellen – und die letzten Takte übernimmt das Orchester und schließt in stürmischen Ton. Das war meine Idee und davon kann ich nicht ablassen“.

 

1894 Claude Debussy (1862-1918) – Prélude à l’après-midi d’un faune

Die Anregung zum „Prélude à l’après-midi d’un faune“ erhielt Debussy durch ein Gedicht von Stephane Mallarmé (1842-1898), dem Kopf des Künstlerkreises der Symbolisten, zu dem Debussy als einziger Musiker gehörte. Die Bezeichnung „Prélude“ erklärt sich aus der Entstehungsgeschichte. Geplant war ursprünglich ein dreisätziges Werk, von dem aber nur der erste Teil, eben das Vorspiel, vollendet wurde. Trotz der literarischen Vorlage ist das Werk keineswegs Programmusik. Ganz im Sinne Mallarmés, der den Schlüssel für das Verständnis seiner rätselhaften Gedichte im Leser sieht, nimmt Debussy nur auf seine ganz persönliche Weise Gedanken und Stimmungen des Gedichtes auf und übersetzt sie in Musik.

Was ihn dabei bewegte, hat Debussy selbst in der Programmeinführung für die Pariser Uraufführung am … beschrieben: „Es sind aufeinanderfolgende Stimmungsbilder, durch die hindurch sich die Begierden und Träume des Fauns in der Hitze des Nachmittags bewegen. Dann, der Verfolgung der ängstlich fliehenden Nymphen und Najaden müde, überläßt er sich dem betörenden Schlummer, gesättigt von endlich erfüllten Träumen, von totaler Herrschaft in der allumfassenden Natur“.

Nach einem Satz von Pierre Boulez, einem der führenden Repräsentanten der avantgardistischen Musik in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts, steht das „Prélude“ am Beginn der modernen Musik. Debussy, so stellt Boulez fest, habe darin vor allem das Konzept der Form über Bord geworfen und von den unpersönlichen Zwängen des Schemas befreit. In der Tat ist die Form dieser Musik ganz aus sich selbst entwickelt. Debussy verzichtet sowohl auf den klassischen Dualismus der Themen als auch auf die traditionelle Verarbeitung von Motiven. Die Konstruktion wird geradezu verschleiert. Hinzu kommt eine freie Harmonik mit pentatonischen Elementen, ein ständiges Verwandeln des musikalischen Materials und eine raffinierte Instrumentierung. Die Musik des “ Prélude“ ist, wie Debussys reife Musik überhaupt, ganz dem Augenblick verpflichtet. Sie scheint absichtslos dahinzufließen, keinem Ziel zuzustreben und verschwimmt im Ungefähren. Wichtig ist nicht das musikalische Geschehen, sondern die Klangfarbe. Eine solche Musik steht in krassem Gegensatz zur europäischen Kunstmusik vor Debussy, die wesentlich dynamisch, weiterführend und zielgerichtet ist.

 

Dieser Bruch mit der Tradition hat seinerzeit große Verwirrung hervorgerufen. Konservative Kritiker warfen Debussy mangelnde Klarheit in Klang und Form vor und warnten vor einem vagen Impressionismus, eine Bezeichnung, die damals so viel wie das Fehlen des gesunden Menschenverstandes bedeutete. Saint-Saens etwa vermißte im „Prélude“ jegliche musikalische Idee. Debussy, so meinte er, habe keinen Stil geschaffen, sondern das Fehlen von Stil und Logik kultiviert.

 

Für uns, die wir die weitere Entwicklung der modernen Musik überblicken können, ist interessant, welchen Gesichtspunkt Paul Dukas, der Komponist des Zauberlehrlings und Debussys musikalischer Geistesverwandter, angesichts des Neuen in dieser Musik herausstellte. Bemerkenswerterweise interessierte ihn, welche Grenzen Debussy trotz des Traditionsbruches nicht überschritten hatte. Über Debussys Musik schreibt er im Jahr der Uraufführung des „Prélude“: Diese Harmonik ist ungeachtet der großen Kühnheit niemals abstoßend oder rauh. … Seine Melodik geht wie auf einem prächtigen kunstvoll geschmückten Teppich mit fremdländischen Farben, aus denen grelle und unreine Töne verbannt sind.“ Heute wissen wir, daß in der modernen Musik auch derartige Begrenzungen über Bord geworfen wurden. Die Moderne hat sich über weite Strecken über die Grenzverletzung definiert.

1889 Claude Debussy (1862-1918) – Petite Suite

Debussy besonderer musikalischer Stil, der fast unvermittelt aus dem Rahmen der sonstigen euro-päischen Musikentwicklung zu fallen scheint, war die Folge einer langen und mühevollen Suche des jungen Komponisten nach neuen Ausdrucksmög-lichkeiten. Debussy neigte von Anfang an zur Ab-weichung von der traditionellen Schultheorie der Musik. Anlässlich des Rompreises der französischen Akademie, den Debussy im Jahre 1884 er-hielt, schrieb der Kritiker des „Figaro“, die Tonalität des jungen Komponisten sei an vielen Stellen unentschieden, die Stimmen seien ohne Rücksicht auf Struktur und Klangfarben hingeschrieben und Unordnung scheine unter den Grundprinzipien an erster Stelle zu stehen. Über die Komposition, die Debussy zum Abschluss seines Stipendiatenaufenthalts in Rom in den Jahren 1885-88 vorlegte, heißt es in einem Bericht der Akademie, die Arbeit entbehre nicht der Poesie, „wenn sie auch noch immer jenen systematischen Hang zur Verschwommenheit in Ausdruck und Form erkennen lässt, den die Akademie schon früher dem Komponisten vorzuwerfen sich veranlasst sah.“

Diese Eigenwilligkeit und der dezidierte Wille Debussys, den rhetorischen Gestus der traditionellen Musik zu verlassen, war ohne Zweifel der Grund dafür, dass er, wiewohl musikalisch frühbegabt, erst vergleichsweise spät zur Vollendung kam. In einem Alter, das Schubert nicht mehr er-lebte, hatte er seinen Stil noch nicht gefunden. Lange Zeit beschäftigte er sich mit Wagner, der im Frankreich der Zeit nach dem Krieg von 1870\71 eher verpönt war. Auf Reisen nach Russland, wo er übrigens von der geheimnisvollen Gönnerin Tschaikowskis, Nadjeschda von Merk, als Klavierbegleiter engagiert worden war, studierte er die Werke der zeitgenössischen russischen Komponisten. Bei der Pariser Weltausstellung von 1889 kam er in Kontakt mit der Musik Ost- und Südostasiens, die ihn mit ihrer Freiheit im Umgang mit Harmonie und Rhythmus in seinen „unordentlichen“ Kunstvorstellungen bestärkte. Anregungen suchte er auch in der Malerei und der Dichtkunst, die er mit der Musik zu verschmelzen suchte. Das Ergebnis dieser Bestrebungen war jener einzigart-ge Stil, der Anfang der 90-er Jahre des Jahrhunderts schließlich voll ausgebildet war. Technisch ist er vor allem durch die Verwendung der Ganztonleiter sowie von Quintfolgen, Sextengriffen und Nonenakkorden gekennzeichnet.

Eine „klassizistische“ Zwischenstation auf Debussys Suche nach dem persönlichen Ausdruck ist die „Petite Suite“, die in den Jahren 1888/89 für Klavier zu vier Händen entstand. Obwohl sich Debussy darin mit der höfischen Musik Frankreichs auseinandersetzt, ist sein sich entwickelnder besonderer Tonfall nicht zu überhören. Wegen ihrer rokokohaften Thematik und den „duftigen Farben“ hat man die „Petite Suite“ ganz im Sinne von Debussys Idee der Verschmelzung der Künste als komponierten Watteau bezeichnet.

1886 Johannes Brahms (1833-1897) – Symphonie Nr. 4, e-moll Op. 86

Brahms galt lange als ein rückwärtsgewandter Musiker. Man sah in ihm vornehmlich einen Klassiker, der sich mit den Klassikern beschäftigte. Dies hat ihm den Titel eines Akademikers oder gar eines Historikers eingebracht. Brahms Freunde bewunderten seine „Belesenheit“, aus welcher der kunstvolle Umgang mit den überkommenen Formen der Musik resultierte. Für sie war er der Meister, der die Tradition fortführte. Seine erste Symphonie bezeichneten sie daher als die „Zehnte“, als die Symphonie also, die auf Beethovens „Neunte“ folgt. Brahms 4. Symphonie mit ihren altertümlichen Wendungen und Harmonien bis hin zu mittelalterlichen Kirchentonarten und der abschließenden Passacalia, einer barocken Satzform, war für sie vor allem eine melancholische Apotheose der Vergangenheit.  

Auf der Gegenseite standen die Anhänger Wagners und Liszts, welche die historischen Formen eher als Fesseln des Ausdrucks empfanden, der für sie im Vordergrund der Musik stand. Sie sahen in Brahms einen Epigonen ohne Inspiration. Hugo Wolf etwa, einer der Wortführer der Ausdrucksmusiker, fand in Brahms 4. Symphonie nur Nichtigkeit, Hohlheit und Duckmäuserei. „Die Kunst, ohne Einfälle zu komponieren“, so schrieb er im Wiener Salonblatt nach der ersten Wiener Aufführung im Jahre 1886 „hat entschieden in Brahms ihren würdigsten Vertreter gefunden.“ Noch im Jahre 1931 warf Wilhelm Furtwängler bei einem Vortrag die Frage auf, ob man, wenn man die Musikgeschichte von Standpunkt der Entwicklung betrachte, Brahms „überhaupt das Prädikat eines großen Meisters zuerkennen kann.“

 Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Brahms gilt heute als einer der Wegbereiter der Moderne. Entscheidend zu dieser Umwertung beigetragen hat ausgerechnet Arnold Schönberg, der eher von der Ausdrucksseite kam. Schönberg veröffentlichte im Jahre 1947 einen Aufsatz, dessen Überschrift „Brahms der Fortschrittliche“ mittlerweile zum geflügelten Wort geworden ist. Darin stellt er fest, dass nicht nur Wagners Harmonik nicht komplexer als die von Brahms sei; beide seien auch vergleichbar formalistisch. Wenn Brahms etwa in seiner 4. Symphonie „im letzten Satz die Terzen des ersten aufmarschieren lässt“, dann diene dies nicht anders als Wagners Leitmotivtechnik dazu, die Einheitlichkeit des Werkes herzustellen. Vor allem aber sieht Schönberg bei Brahms ein Fortschreiten auf dem Weg, den die Kunstmusik nach seiner Auffassung in Richtung auf eine „direkte und unumwobene Darstellung von Gedanken ohne jegliches Flickwerk und leere Wiederholungen“ gehen müsse. Brahms habe wesentlich zur Verdichtung der musikalischen Sprache beigetragen, die einem wachen, das heißt modernen Geist angemessen sei.

In der Tat hat Brahms das Prinzip der „entwickelnden Variation“, bei dem aus kleinsten Motiven ganze Satzzusammenhänge entstehen, gerade in der 4. Symphonie auf eine neue Höhe getrieben. Die musikalischen Elemente sind hier so außerordentlich dicht und beziehungsreich miteinander verwoben, dass eine der glühendsten und geistvollsten Anhängerinnen des Komponisten, Elisabeth von Herzogenberg, darin bereits ein Problem sah. Von Brahms vor der Uraufführung nach ihrer Meinung über die Symphonie befragt, schrieb sie, es gäbe bei allen wunderbaren Entdeckungen, die man in dem Werk machen könne, einen „Punkt, wo ein gewisser Zweifel anhakt“. „Es ist“, so schreibt sie, „als wenn eben diese Schöpfung zu sehr auf das Auge des Mikroskopikers berechnet wäre, als wenn nicht für jeden einfachen Liebhaber die Schönheiten offen dalägen und als wäre es eine kleine Welt für die Klugen und Wissenden, an der das Volk, das im Dunkeln wandelt, nur einen schwachen Anteil haben könne“. Eine Menge Stellen habe sie nicht gehört, sondern bei Studium der Partitur erst mit den Augen entdeckt. Das Problem, das Elisabeth von Herzogenberg hier anspricht, verdeutlicht, dass Brahms in der Tat ein Fortschrittlicher war. Was in der gemäßigten Form, wie es bei Brahms auftritt, als geistreich und tiefsinnig empfunden wird, sollte bei Schönberg und  überhaupt in der neueren Musik zum ernsthaften Rezeptionsproblem werden.

1878 Johannes Brahms (1833 – 1897) – Violinkonzert Dur Op 81

Das Violinkonzert schrieb Brahms im Sommer 1878 in Pörtschach am Wörthersee für seinen Freund, den großen Geigenvirtuosen Joseph Joachim. Die Uraufführung fand am 1.1.1879 in Leipzig mit Joseph Joachim als Solisten und Brahms als Dirigenten statt.

Charakteristisch für das Werk ist die symphonische Verflechtung von Orchester- und Violinpart. Brahms übergeht damit die romantische Tradition von Mendelssohn bis Bruch, die das konzertante Element betont, und knüpft an die Violinkonzerte von Mozart und Beethoven an. Wegen des starken Orchesterparts und seiner besonderen technischen Schwierigkeiten ist das Werk gelegentlich auch als Konzert für Violine gegen das Orchester oder als Konzert gegen die Violine bezeichnet worden. Tatsächlich kümmerte sich der Pianist Brahms wenig um Fingersätze und Stricharten der Geiger, sondern gab der musikalischen Konzeption Vorrang vor der Geigentechnik. Zwar hatte er Joseph Joachim die Violinstimme  zur Durchsicht auf technische Probleme gegeben. Souverän ließ er jedoch die meisten seiner technischen Änderungsvorschläge außer Acht. Trotzdem bemächtigten sich schon bald die 13-Jährigen des Konzertes. 1896 spielte es in Anwesenheit des gerührten Brahms der 13-jährige Pole Bronislaw Hubermann in Wien; er sollte zu einem der bedeutendsten Interpreten des Konzertes werden. Zur Belohnung ging Brahms mit dem Jungen anschließend in den Prater. 1913 spielte es die ebenfalls 13-jährige Australierin Alma Moodie unter Max Reger in Meiningen und 1929 der 13-jährige Jehudi Menuhin in  Berlin unter Bruno Walter. 

Heute ist unbestritten, daß das Werk neben den Konzerten von Beethoven und Mendelssohn das bedeutendste Violinkonzert des 19. Jahrhunderts ist. Die zeitgenössische Kritik war sich über den Stellenwert des Werkes jedoch nicht sofort einig. Zwar stellte es bereits der Kritiker der Uraufführung als „Drittes im  Bunde“ in  eine Reihe mit den  Konzerten von Beethoven und Mendelssohn. In einer Berliner Kritik aus dem Jahre 1879 aber wird es als „dürres Geistesprodukt“ bezeichnet. Der Wiener Kritikerpapst Hanslick war sich nicht ganz im klaren, ob das Werk an die beiden großen Vorgänger heranreiche. Er sprach von einem „Musikstück von meisterhaft formender und verarbeitender Kunst, aber von etwas spröder Erfindung und gleichsam mit halbgespannten Segeln auslaufender Phantasie.“ Pablo Sarasate, die zweite große Geigenautorität der Zeit, lehnte eine Aufführung des Konzertes ab, weil es ihm im zweiten Satz die „Geschmacklosigkeit zumute, mit der Geige in der Hand zuzuhören, wie die Oboe dem Publikum die einzige Melodie des ganzen Stückes vorspielt.“ Der Amateurgeiger Albert Einstein hingegen ließ sich nach der oben genannten Berliner Aufführung durch Menuhin zu der Äußerung  hinreißen: „Nun weiß ich, daß es einen Gott im Himmel gibt“.

1875 ff Georges Bizet (1838-1875) – Carmen-Suiten Nr.1 und 2

Im Jahre 1888 verfasste Friedrich Nietzsche nach dem zwanzigsten Besuch von Bizets Oper „Carmen“ in Turin einen „Brief“, in dem er einen fulminanten Generalangriff auf seinen früheren Abgott Richard Wagner und den Wagnerismus startete. In der brillianten Schrift, die unter dem Titel „Der Fall Wagner“ veröffentlicht wurde, lobt er „ridendo dicere severum“ (Lachend das Ernste sagend) den vermeintlichen französischen Kleinmeister Bizet „auf Kosten“ des selbsternannten deutschen Großmeisters Wagner. Wagners Musikdrama des „feuchten Nordens“, dessen Helden die Erlösung durch (Senta)sentimentale höhere Jungfrauen suchten, die in heiligen Hallen wandeln, stellt Nietzsche Bizets trocken-mediterranes „Meisterstück“ um die männerverzehrende „femme fatale“ Carmen gegenüber, die in einer andalusischen Zigarettenfabrik arbeitet. Für Nietzsche ist Wagner der „décadant“, der die Musik falsch und krank gemacht habe und den Geist vernebele. Bizet Musik dagegen, die den Geist frei mache, erscheint ihm vollkommen. „Sie kommt“, schreibt er, „leicht, biegsam und mit Höflichkeit daher. Sie ist liebenswürdig, sie schwitzt nicht.“ Im Gegensatz zum Polypen der Musik, der unendlichen Melodie Wagners, baue und organisiere sie; sie werde fertig.

 

Als sich Nietzsche derart enthusiastisch über die Carmen-Musik äußerte, war ihr Schöpfer schon lange tot. Das Lob hätte Bizet ohne Zweifel lieber dreizehn Jahre früher gehört, nämlich im Jahre 1875 als sein Meisterstück in Paris erstmals zur Aufführung kam. Seinerzeit gab es für ihn aber nichts als Enttäuschungen. Während Wagner in Bayreuth der Fertigstellung eines eigenen  Opernhauses entgegensah, hatte Bizet schon Schwierigkeiten, ein fertiges Haus zu finden, daß seine Oper aufführen wollte. Der Direktor der Opéra Comique in Paris, wo die Uraufführung des hochdramatischen Werkes unpassenderweise stattfinden sollte, fand seinen Inhalt, der auf einer Erzählung von Prosper Mérimée beruht, skandalös und verzögerte die Produktion. Nachdem sich dieses Problem durch den Abgang des Operndirektors gelöst hatte, gab es Komplikationen beim Einstudieren des Werkes. Das Orchester beschwerte sich über die technischen Schwierigkeiten der Partitur, der Chor darüber, daß er nicht nur zu singen, sondern auch zu agieren hatte. Die Uraufführung am 3. März 1875 wurde vom Publikum kalt aufgenommen. Die Kritik bemängelte neben dem „unsittlichen“ Libretto einen Mangel an Melodik; die Singstimmen seien dem Durcheinander und Lärm des Orchesters völlig ausgeliefert. Man warf Bizet ausgerechnet Wagnerismus vor, was in Frankreich seinerzeit rufschädigend war. Wagner galt als der musikalische Repräsentant des deutschen Kaiserreiches, welches sich wenige Jahre zuvor „auf Kosten“ Frankreichs gebildet hatte. Bizet, der schon mit seinen vorangegangenen musikdramatischen Versuchen keinen Erfolg erzielen konnte, hat den erneuten Tiefschlag nicht verkraftet. Geschwächt durch den Stress der Vorbereitungsarbeiten und mutlos durch die enttäuschende Aufnahme starb er drei Monate nach der Uraufführung im Alter von 36 Jahren an einer seit langem schwelenden Halskrankheit.

 

Bizets „Carmen“ ist mittlerweile die meistgespielte Oper überhaupt. Ihr Aufstieg begann schon einige Zeit bevor Nietzsche Wagner leicht maliziös an Bizet maß. Noch im Jahre 1875 wurde sie mit großem Erfolg in Wien gespielt. Von dort begann ihr einzigartiger Siegeszug durch die Welt. Da ihre Musik, nach Nietzsches Feststellung, „baut, organisiert und fertig wird“, hat man aus ihr später leicht zwei Suiten fertigten können, welche die mittlerweile allbekannten Themen enthalten. Bei Wagners unendlicher Melodie dürfte dies – Antiwagnerianer mögen sich bestätigt fühlen – nicht so ohne weiteres möglich sein.

1874 Edouard Lalo (1823 -1892) – Symphonie espagnole

Lalo hatte es nicht gerade leicht, sich in der Welt der Musik zu etablieren. Seine Eltern ermöglichten ihm zwar den Musikunterricht. Als sich der Sproß einer Familie, die über Generationen Militärs hervorgebracht hatte, jedoch allzu ernsthaft mit der Musik befasste und gar den Wunsch äußerte, sich dem unkriegerischeren Metier ganz zu verschreiben, gab es heftigen Widerstand. Lalo verließ daraufhin – gerade 16-jährig und ohne finanzielle Absicherung – sein Elternhaus im nordfranzösischen Lille und ging nach Paris, um genau das zu tun, was sein Vater par tout nicht wollte: Musik studieren. Schon da manifestierte sich Lalos Neigung dazu, sich den Erwartungen seines sozialen Umfeldes dezent zu verweigern, ein Verhalten, das seine Musikerkarriere über weiter Stecken kennzeichnen und naturgemäß nicht erleichtern sollte. Nachdem er das Violin- und das Cellospiel erlernt hatte, wandte er sich der Kammermusik zu, die im opern- und opererettenseligen Frankreich seiner Zeit wenig galt. Mit Klaviertrios etwa bediente er eine Musikform, die in seiner Heimat geradezu unbekannt war (es sind übrigens wunderbar melodische, schwungvoll-schlüssige Werke, die den Liebhabern dieses Genres die reine Freude bereiten). Lange Jahre war er Mitglied eines Streichquartetts, das sich – nicht ohne Erfolg – zum Ziel gesetzt hatte, westlich des Rheins die hoch entwickelte Quartettliteratur von d´outre rhin bekannt zu machen. Überhaupt sah er Deutschland als sein „vrai patrie musicale“ an (Brief an Ferdinand Hiller von 1862), was ihm, zumal er als Wagnerianer galt, insbesondere in den Zeiten politischer Spannung zwischen Preußen und Frankreich nicht sonderlich nützlich war. Dazu war er auch politisch nicht eben angepasst. Als erklärter Republikaner mit sozialistischen Neigungen lehnte er es ab, sich an eine der vom Staat getragenen oder ihn tragenden musikalischen Institutionen im Frankreich des zweiten Kaiserreiches zu binden, was der Rezeption seiner Werke nicht förderlich und seinen wirtschaftlichen Verhältnissen abträglich war. Als er sich 1866 im Rahmen eines Wettbewerbes schließlich doch der Bühne zuwandte und eine Oper mit dem Titel „Fiesko“ nach Motiven von Schiller komponierte, endete dies im Fiasko – die Oper wurde nicht angenommen. Gewissermaßen aus Trotz ließ Lalo das Werk daraufhin auf eigene Kosten drucken. Nachdem auch dies nichts fruchtete, verwendete er das musikalische Material, das darin steckte, für verschiedene andere Kompositionen. 

Mit dem Abtreten des Operettenkaisers Napoleon III und dem Beginn der ersehnten – dritten – Republik fand Lalo in seinem Heimatland schließlich Anerkennung. Dies lag auch daran, dass er den Erwartungen und Tendenzen seiner Zeit nun doch Tribut zollte. Er wandte sich vermehrt dem großen Orchester zu und entwickelte – ausgehend von der deutschen Tradition – einen noblen persönlichen Stil, der wesentlich zur Entwicklung jenes „typisch französischen“ Musikidioms beitrug, das sich um die Wende zum 20. Jahrhundert herausbilden sollte. Im Zeitalter der Weltausstellungen bediente er auch die Erwartungen seiner Zeitgenossen an Exotik und internationale Folklore. Den größten Erfolg hatte er insofern mit der „Symphonie espagnole“, die Anfang 1875 in Paris uraufgeführt wurde, einen Monat bevor die musikalische Spanien-Mode durch Bizets Oper „Carmen“ noch einmal einen besonders kräftigen Schub erhielt. Es folgten eine „Fantaisie norvégienne“ und ein „Concerto russe“, aber auch regional ungefärbte Werke wie das beliebte Cellokonzert, ein bedeutendes Klavierkonzert, ein harmonisch zukunftsweisendes Ballett und eine weitere – diesmal erfolgreiche – Oper (Le Roi d´Y).  

Die Anregung zur „Symphonie espagnole“ kam von dem großen spanischen Geiger Pablo Sarasate, für den Lalo 1873 bereits sein erstes Violinkonzert geschrieben hatte. Sarasate versorgte Lalo auch aus seiner umfangreichen Sammlung spanischer Folklore weitgehend mit dem musikalischen Material der Komposition. Der Franzose, der übrigens seinerseits spanische Vorfahren hatte, formte daraus ein Werk, das möglicherweise aus Gründen des Marketing die – unzutreffende – Bezeichnung „Symphonie“ trägt. Tatsächlich handelt es sich um ein waschechtes Virtuosenkonzert, bei dem nur das Orchester die Dimensionen der spätromantischen Symphonik erreicht. Ungewöhnlich ist, dass das Werk fünf Sätze hat. Auch sonst hält sich Lalo nicht an die üblichen Konzertformalien. Der erste Satz etwa wird nicht streng nach den Regeln des Sonatensatzes, sondern in mehr oder weniger offener Form entwickelt. Auch für die anderen Sätze hat Lalo individuelle Lösungen gefunden. Dem Solisten gibt Lalo reichlich Gelegenheit, seine Fähigkeiten auszustellen und die Möglichkeiten des Instrumentes zu demonstrieren. Von packenden Rhythmen über schmelzende Zigeunermelodien bis zu diffizilem Passagenwerk ist alles vorhanden, was sich ein Hörer, der auf gepflegte Weise unterhalten werden will, nur wünschen kann. Die Untiefen seiner Zeit, die zur Emphase und Nervenkitzel neigte, hat Lalo freilich zu vermeiden gewusst. Bei aller Farbigkeit, Raffinesse und technischer Vertracktheit verliert sich diese Musik, wie allgemein bei Lalo, nie in Schaustellerei. Alfred Bruneau, ein Vertreter der französischen Komponistengeneration nach Lalo, schrieb darüber: „Alles ist bei ihm Vornehmheit, Maß Takt, Ordnung und Präzision“. 

Übrigens ist der nach wie vor wenig bekannte Lalo heute wieder das Opfer einer Art des Umgangs mit der Kunst, die sich vornehmlich an den Erwartungen des Mehrheit des Publikums orientiert. Da auch Musikschriftsteller am liebsten über die Komponisten zu schreiben scheinen, die man schon kennt (und über die dementsprechend schon eine Menge Literatur existiert), gibt es, so weit ersichtlich, weder eine Mono- noch eine Biographie über Lalo. Dies ist umso bedauerlicher als bei ihm noch einiges der Klärung harrt. Die beiden Flaggschiffe der musikalischen Nachschlageliteratur, „Grove“ und „MGG“, sind sich jedenfalls über manches Detail nicht einig. Im ersteren Werk heißt es etwa, die Oper „Fiesko“ sei nie, in letzterem, sie sei in Brüssel erfolgreich aufgeführt worden.

1869 Franz Lachner (1803 – 1890) – 5. Orchestersuite

Daß die 5. Suite von Franz Lachner im Jahre 1990 nach einem Schlaf, der länger als der des Dornröschen war, in Stuttgart wiedergespielt wurde, beruht auf einer merkwürdigen Verbindung scheinbar nicht zusammenhängender Umstände.

Franz Lachner, geboren 1803 im bayrisch-schwäbischen Rain am Lech, starb am 20.1.1890 in München. Sein Leben ist die Geschichte vom Aufstieg eines Organistensohnes aus kleinsten Verhältnissen zum (ersten) bayrischen Generalmusikdirektor, eine faszinierende, noch zu schreibende, musikalische Biographie, die das ganze 19. Jahrhundert umspannt und seine wichtigsten Protagonisten enthält. Der Schubertkreis in Wien, zu dem Lachner gehörte, spielt darin ebenso eine Rolle, wie die Intrigen, mit denen sich Richard Wagner in München etablierte und die dazu führten, daß Lachner sich aus seinen Ämtern zurückzog und das Feld Wagners Adalatus Hans von Bülow überließ.

Nach dem Urteil Robert Schumanns war Lachner „gewiß der talent- und kenntnisreichste unter den süddeutschen Komponisten“. Zu Lebzeiten als Dirigent und Komponist hochverehrt, geriet er nach seinem Tod jedoch bald in Vergessenheit. Seinem Nachruhm geschadet haben dürfte sein kritisches Verhältnis zu der seinerzeit allesbeherrschenden Neudeutschen Schule, vor allem zu ihrem Hohepriester Richard Wagner, dessen schillernde Gestalt dem biederen „Schwaben“ Lachner nicht geheuer gewesen ist. Seine Vorbilder waren seine Altersgenossen, die frühen Romantiker von Schubert bis Mendelssohn. Da er das „Pech“ hatte, sogar viele Hochromantiker zu überleben, galt er später als altmodisch und überholt.

65 Jahre nach seinem Tod war um Franz Lachner vollständige Dunkelheit. Seine insgesamt 305 Werke – Oratorien, Opern, Kammermusik, Lieder, Symphonien und zahlreiche Gelegenheitswerke – waren vergessen. Das galt auch für seine Orchestersuiten, denen er einst seinen kompositorischen Ruf verdankte. Diese seit Haydn vergessen gewesene Musikform hat Lachner wiederbelebt.

Dann aber begann sich das Blatt langsam zu wenden. im Jahre 1954 fing einer der drei Handlungsstränge an, welche sich im Jahre 1990 auf so merkwürdige Weise zur Wiederentdeckung Lachners in Stuttgart verweben sollten. Seinerzeit erhielt eine Familie im Hessischen die musikalische Hinterlassenschaft eines verstorbenen Bekannten, die aus einem Cello und einer schweren Notenkiste bestand. Es hieß, daß die Noten aus dem Besitz eines früheren Leiters der berühmten Musikabteilung der Bayrischen Staatsbibliothek stammten. Das Instrument war der Anlaß dafür, daß einer der Söhne dieser Familie – wie übrigens auch Lachner selbst – das Cellospiel erlernte. Aus der Notenkiste suchte man die besten Stücke heraus, der große Bodensatz mit Werken vergessener Meister aber blieb unbeachtet und kam auf den Dachboden, wo er in einer dunklen Ecke sein Dasein fristete. 35 Jahre stand so die Kiste auf einem hessischen Speicher herum. Weihnachten 1989, wenige Wochen vor Lachners 100. Todestag, kramte man wieder einmal in der verstaubten Kiste. Dabei stieß man auf die schön gestochenen Stahlstichnoten eines Klavierquintettes von Franz Lachner. Da niemand etwas mit diesem Namen anfangen konnte, nahm sie der noch immer cellospielende Sohn – mehr aus antiquarischem als aus musikalischem Interesse – mit nach Stuttgart, wohin er zwischenzeitlich übergesiedelt war und wo er sich seit kurzem liebhabenderweise im Orchester Pro Musica betätigte.

Wenige Tage vor Lachners 100. Todestag, von dem man nach wie vor nichts ahnte, ergab sich bei einer Gesellschaft von Musikenthusiasten zufällig eine Klavierquintettbesetzung. Man legte die ehrwürdigen alten Stahlstichnoten auf und begann Lachners Quintett zu spielen. Was dabei erklang, ließ aufhorchen. Schnell reifte der Entschluß, das Werk sobald als möglich bei einem Hauskonzert zur Aufführung zu bringen.

Bei der Suche nach einem Pianisten, der bereit war, den schwierigen Klavierpart einzustudieren, kam der zweite Handlungsstrang ins Spiel. Lachner hatte ihn gewissermaßen selbst in Gang gesetzt. Rechtzeitig hatte er nämlich einen weiteren Agenten ins Schwabenland gesandt. Aus dem Westfälischen war kurz vor dem Jubiläumsjahr seine Groß-Großnichte an den Neckar gezogen. Auch sie war dem Orchester Pro Musica beigetreten, wo sie, – als Nachfahrin Lachners unerkannt, da sie den Namen ihres Ehemannes trug – die Geige spielte. Mit der Abordnung der Geigerin in das Orchester, in dem ein Cellist einen Pianisten suchte, war die Verbindung hergestellt, die ein langfristig disponierender Zufall beabsichtigt zu haben schien. Die Geigerin entpuppte sich als ausgebildete Pianistin. Nichts war natürlicher, als daß sie den Klavierpart in Lachners Quintett übernahm.

Wenige Monate später erklang das Quintett zur Freude von Spielern und Zuhörern mit Lachners Nachfahrin am Klavier. Man wunderte sich nur darüber, daß ein so schönes und grundmusikantisches Werk und sein Schöpfer so vollkommen in Vergessenheit geraten konnten. Spontan konstituierte sich eine “ Lachnergesellschaft“ aus Publikum und Akteuren des Konzertes, die sich zum Ziel setzte, ein Orchesterwerk des vergessenen Meisters wiederzubeleben.

Doch dies war leichter gesagt als getan. Die Noten der Werke Lachners waren offenbar weitgehend auf unbekannten Dachböden versteckt, wo sie, wie gesehen, ihre Stunde mit der Geduld dessen abwarten, der die Zeit nicht zu fürchten braucht. Eine Suche bei einschlägigen Institutionen war daher zunächst erfolglos. Dann aber fand sich im Notenarchiv des Süddeutschen Rundfunks in Stuttgart das Orchestermaterial der 5. Suite. Es fehlte jedoch die Partitur (weswegen die Suite nie hatte aufgeführt werden können).

Nun begann die schwierige Suche nach der Partitur. Nach mehreren vergeblichen Anläufen war man fast schon entschlossen, die Aufführung der Suite aufzugeben. Da trat als deus ex machina der dritte Handlungsstrang hinzu, der auf merkwürdige Weise mit dem ersten Strang verbunden ist.

Im Frühjahr 1990 war ein Aufsatz über Franz Lachner in einer bayrischen Kulturzeitschrift erschienen. Der Autor wehrte sich darin gegen die abwertenden Äußerungen eines Musikkritikers in einer großen Münchener Zeitung, der nach der Wiederaufführung eines Orchesterwerkes von Lachner anläßlich seines 100. Todestag in München geschrieben hatte, man sehe jetzt, was das Sieb der Musikgeschichte von Lachner übriggelassen habe: nicht allzuviel, fast gar nichts. Unter dem Eindruck des Klavierquintetts teilte unser Cellist dem offensichtlich gut informierten Verteidiger Lachners spontan seine Zustimmung mit. Zugleich fragte er bei ihm an, ob er wisse, wo Noten von Orchesterwerken Lachners zu finden seien. Die Antwort kam von eben jener Musikabteilung der Bayrischen Staatsbibliothek, mit der bereits die hessische Notenkiste etwas zu tun hatte. Es stellte sich heraus, daß der Autor des Aufsatzes ein Nachfahr des Besitzers der Notenkiste heraus. Er war ebenfalls Leiters der Musikabteilung der Bayrischen Staatsbibliothek. Dort habe man den gesamten Nachlaß Lachners, teilte er gerade im rechten Augenblick mit. Kopien von Noten könne man machen. Allerdings habe man von den Orchesterwerken nur die Partitur!

Damit schloß sich der Kreis. Auf dem erstaunlichen Umweg über das Klavierquintett waren nun Orchesterstimmen und Partitur in Stuttgart wieder vereint. Könnte man es jemandem verdenken, wenn er angesichts dieses seltsamen Ablaufs der Dinge an einen Sinn in all den Zufällen dächte, wenn er davon überzeugt wäre, der vernachlässigte Meister habe bei seiner Wiederentdeckung in seinem 100. Todesjahr selbst die Hand im Spiel gehabt?

Welche Schätze Lachner’scher Musik sonst noch auf Dachböden, in Archiven und in Bibliotheken lagern, läßt sich im Augenblick nur erahnen. Es gibt nicht nur Werke von Franz Lachner wiederzuentdecken. Drei seiner Brüder, Theodor, Ignaz und Vincent, waren  ebenfalls fruchtbare Komponisten. Vincent war lange Jahre Kapellmeister in Mannheim und Karlsruhe. Ignaz, der Ur-Ur-Großvater von Lachners Stuttgarter Agentin, war unter anderem 10 Jahre (1831-1841) Kapellmeister am Hoftheater in Stuttgart, wo er auch viele eigene Werke, darunter mehrere Opern aufführte. Es scheint so etwas wie eine „schwäbische“ Bachfamilie zu geben, die der Wiederentdeckung harrt.

1850 Robert Schumann (1810-1856) – Cellokonzert a-moll, Op. 129

Anfang September 1850 verließ Schumann das ungeliebte Dresden und zog nach Düsseldorf, wo er die Dirigentenstelle des „Allgemeinen Musikvereines“, eines im Wesentlichen aus Laien bestehenden Orchesters übernommen hatte. Noch ganz in der Hochstimmung, die ein freundlicher Empfang in Düsseldorf und die Aussicht auf eine befriedigende berufliche Tätigkeit ausgelöst hatten, komponierte er in wenigen Tagen (10. bis 16. Oktober) sein Cellokonzert. Das Werk, das tatsächlich wie aus einem Guss erscheint, ist eines der wenigen großen Konzerte für dieses sympathische Instrument. Dessen Möglichkeiten hatten die großen Klassiker mit Ausnahme von Haydn und Boccherini erheblich unterschätzt und es darum eher stiefmütterlich behandelt. Schumanns Konzert aber leistet Wiedergutmachung. Das durchkomponierte "einsätzige" Werk ist gekennzeichnet durch zarte Lyrik und feurigen Schwung, vor allem aber durch jenen elegischen Ton, den das Cello wie kein anderes Instrument zum Ausdruck bringen kann. Das Orchester tritt, wiewohl mit wichtigen, gelegentlich an den off-beat des Jazz erinnernden Akzenten betraut, in diesem echten Virtuosenkonzert eher in den Hintergrund. Das Soloinstrument aber wird in höchst effektvoller Weise in Szene gesetzt, bis hin zu jenem fulminanten Schluss, der dem Solisten einen guten Abgang garantiert.

Schumann selbst hat das Werk nie gehört, erstaunlicherweise weil sich kein Cellist fand, der es spielen wollte. Die Uraufführung fand erst nach seinem Tode, nämlich im Jahre 1860 anlässlich des Gedenkens an seinen fünfzigsten Geburtstag im Leipziger Gewandhaus statt.

Schumann scheint Übrigens geahnt zu haben, dass sich die Cellisten möglicherweise zieren würden, das Konzert zu spielen. Jedenfalls hat er „zur Sicherheit“ noch eine Fassung für Violine gefertigt. Letztendlich haben sich aber doch die Cellisten des Werkes bemächtigt, zu deren Standardrepertoire es seit Langem gehört.

 

 

 

1849 Otto Nicolai (1810-1849) – Ouvertüre zur Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“

Otto Nicolai lief mit 16 Jahren aus seinem Elternhaus weg, weil sein ehrgeiziger Vater ihn mit Musik drangsalierte und ihn mit allen Mitteln zum Wunderkind trimmen wollte. Merkwürdig ist dies deshalb, weil der junge Mann, der vor einer offenbar reichlich rigiden Auffassung von Musik und musikalischer Erziehung flüchtete, später nicht nur ein begeisterter Musiker, sondern gar zum Inbegriff deutschen musikalischen Humors werden sollte. Er schrieb die Erfolgsoper „Die Lustigen Weibern von Windsor“, der die gleichnamige Komödie von Shakespeare zugrunde liegt.

Nicolai, der nach einigen Jahren in Italien Kapellmeister bei den Wiener Philharmonikern wurde, hatte bis kurz vor seinem Tode mit mäßigem Erfolg ausschließlich „ernste“ Opern geschrieben. Auf dem Hintergrund seiner italienischen Erfahrungen geriet er aber über diese Art von Musik schließlich ins Grübeln. Die deutsche Oper, schrieb er, enthalte viel Philosophie und nicht genug Musik. In der italienischen Oper, wo Leichtigkeit herrsche, sei es umgekehrt. „Sollte es denn ganz unmöglich sein“ so fragte er, „einer Vereinigung beider Anforderungen zu genügen?“ Genau dies ist dem Ostpreußen, den es schließlich nach Berlin verschlug, mit seiner letzten Oper gelungen. „Die lustigen Weiber von Windsor“ sollte eine der wenigen in der Wolle gewaschenen deutschen komischen   Opern werden. Man kann in diesem Werk die Musik geradezu lachen hören.

Die tiefsinnigeren deutschen Komponisten, Richard Wagner etwa oder Pfitzner, haben es Nicolai nicht gedankt und das Werk etwas sauertöpfig als langweilige und humorlose Kapellmeisteroper abgetan. Das Publikum aber war immer anderer Meinung. Die Oper und Nicolai wurden so bekannt, daß man darüber fast vergaß, von wem das Sujet eigentlich stammte. Ein bekannter Kalauer lautet: „Gestern sind in der Oper ‚Die lustigen Weiber (-) von Windsor‘ gegeben worden“. „Ach, ich dachte, die seien von Nicolai“.

1849 Robert Schumann (1810- 1856) – Konzertstück für vier Hörner und großes Orchester Op. 86

Schumanns Leben und Schaffen ist auf Grund seiner krankhaften bipolaren Veranlagung, die letztlich zur Tragödie führt, von außerordentlichen Schwankungen bestimmt. Phasen tiefster Depression folgen solche eines manischen Schaffensdrangs, in denen er in schier unfassbarer Geschwindigkeit Meisterwerke produziert. Eine solche Hochphase ist etwa die Zeit nach seiner hart erkämpften Eheschließung mit Clara Wieck im Jahre 1839. Im darauf folgenden Jahr schreibt er nicht weniger als 138 Lieder. Noch im Glück der ersten Ehejahre ist 1842 ist das Kammermusikjahr, in denen er fünf herausragende Werke dieser Gattung komponiert. Zwei Jahre später befindet er sich in einem psychischen Tief. Er gibt die Redaktion der von ihm gegründeten, inzwischen hoch angesehenen „Neuen Zeitschrift für Musik“ und damit die Basis seiner wirtschaftlichen Existenz auf. Enttäuscht darüber, dass ihm nach dem Weggang Mendelssohns nach Berlin nicht die Leitung der Gewandhauskonzerte übertragen wurde, übersiedelt er auch noch von Leipzig, wo er künstlerisch gut etabliert war, nach Dresden. In der königlichen Residenzstadt plagt ihn schon bald das Gefühl, dass für ihn dort nicht das richtige musikalische Pflaster ist. Die Musikpflege konzentriert sich hier im Wesentlichen auf die Oper, mit der sich Schumann bislang praktisch nicht beschäftig hatte. Schumann verfällt in Apathie und Depression und sucht verzweifelt nach anderen Wirkungsstätten. Versuche, sich in Wien und Berlin zu etablieren, scheitern. Daraufhin versucht Schumann, in der Oper Fuß zu fassen. Ein packt eine Reihe von Opernprojekten an, die aber nicht über die Ouvertüren hinausgelangen. Seine einzige mit viel Mühe fertig gestellte Oper „Genoveva“ hat nicht den Erfolg, den er sich erhofft hatte. Seiner Doppelbegabung entsprechend beschäftigt er sich aber weiterhin mit musikalisch-literarischen Projekten. Sie gipfeln 1849 in den abschließenden Arbeiten an seinen Faust-Szenen, mit denen er sich über zehn Jahre befasst hatte. Offenbar beflügelt durch die Beschäftigung mit dem Olympier gerät Schumann dabei wieder in eine manische Phase und steigert sich in einen wahren Schaffensrausch. Ähnlich wie bei Mozart entstehen als Abfallprodukte der „musikdramatischen“ Arbeit Werke aller möglicher Gattungen, Chor- und Klavierstücke, Lieder, Kammermusik und Orchesterkompositionen. Auf diese Weise geht das Jahr 1849 als das „fruchtbare Jahr“ in seine schöpferische Biographie ein. „Niemals“ schreibt Schumann, „war ich tätiger, nie glücklicher in der Kunst. Manches habe ich zum Abschluss gebracht, mehr noch liegt an Plänen für die Zukunft vor. Teilnahme von fern und nah gibt mir das Bewusstsein, nicht ganz umsonst zu wirken.“

Eines der „Nebenprodukte“ dieser Phase ist das Konzertstück für vier Hörner und Orchester. An ihm zeigt sich besonders plastisch, wie Schumann arbeitet, wenn er im Rausch ist. Die Skizze des immerhin 20-minütigen Werkes, die den musikalischen Ablauf festlegt, fertigt er in nur drei Tagen (18. bis 20. Februar 1849). Bis zum 11. März ist die Instrumentierung fertig und bereits am 17. März bietet er es dem Verleger Simrock als etwas an, „was bis jetzt, glaube ich, nicht existiert“. In der Tat ist das Werk, das Schumann an anderer Stelle als „etwas ganz kurioses“ bezeichnet und für eines seiner besten hielt, ein Unikum. Das Horn war bis dato im Wesentlichen ein Orchesterinstrument, das sich gut mit den anderen Instrumenten mischte. Solowerke waren eine Rarität. Von den großen Meistern hatte nur Mozart ein Hornkonzert komponiert. Schumann schreibt nun aber nicht nur ein Konzertstück für dieses Orchesterinstrument, sondern sieht auch noch gleich vier Hörner als Soloinstrument vor. Damit führt er das Horn nicht nur als Chorinstrument in die Orchesterliteratur ein, sondern bricht auch eine Lanze für das Ventilhorn.

Das Ventilhorn war um 1814 von den deutschen Instrumentenbauern Schölzel und Blühmel entwickelt worden. Im Gegensatz zum herkömmlichen Naturhorn, das nur in bestimmten Tonarten rein spielen konnte, stand dem Horn durch die Verwendung des Ventils die ganze chromatische Palette zur Verfügung. Die Erfindung führte daher zu einer wesentlichen Erweiterung der harmonischen Möglichkeiten des Instrumentes. Die Meinungen darüber, ob dies erstrebenswert sei, gingen seinerzeit weit auseinander. Kritiker sprachen von einer Entmannung des Instrumentes. Sie beklagten, man habe ihm seinen Charakter geraubt und es zu einer Allerweltskreatur gemacht. Schumann sah dagegen die Möglichkeit, das Horn als das schlechthin romantische Instrument nun auch uneingeschränkt im Rahmen der komplexen romantischen Harmonik einzusetzen. Interessanterweise sind im Orchestersatz aber Naturhörner vorgesehen.

Ungeduldig wollte Schumann das Konzertstück noch im Frühling 1849 in Leipzig zur Aufführung bringen, was aber scheiterte. Nach einer Aufführung in privatem Kreise im Oktober 1849 in Dresden fand die Uraufführung schließlich am 25. Februar 1850 im Gewandhaus in Leipzig statt.

Das Werk ist weit mehr als ein bloßes Konzertstück. Es handelt sich vielmehr um ein ausgereiftes dreisätziges Konzert, in dem die Motive in der für Schumann typischen Weise satzübergreifend verklammert sind. Die Anforderungen an die Solisten sind erheblich, was vermutlich der Grund dafür ist, dass es wenig gespielt wird. Ein Blogger schreibt hierüber im Internet: „Als ehemaliger Hornist macht mich schon der bloße Gedanke an dieses horrend schwere Stück nervös. Ein erster Hornist, der das Stück live spielt, braucht Nerven, die stärker als Stahl sind. Es ist das musikalische Äquivalent zu einem Drahtseilakt ohne Netz über hungrigen Löwen und einem Pool voller Haifische.“

1822 Franz Schubert (1797 – 1828) – Symphonie h-moll (Unvollendete)

Schuberts „Unvollendete“ ist eine der bekanntesten Symphonien überhaupt. Ihrem glänzenden heutigen Leben ging jedoch, wie bei allen Instrumentalkompositionen Schuberts, zunächst das romantisch erscheinende, tatsächlich aber dürftige Dasein eines Aschenputtels voraus. Zwischen ihrer Geburt und dem ersten Auftritt auf der großen Bühne lagen mehr als 40 dunkle Jahre. Im Gegensatz zu den meisten anderen Instrumentalwerken des Komponisten war ihre Existenz nicht einmal in Schuberts engsten Umfeld bekannt. Die Symphonie befand sich nicht bei den zahllosen Manuskripten, die Franz Schuberts Bruder Ferdinand nach der Tod des Komponisten vorgefunden hatte (mit der Folge, daß sie auch dem Kennerblick Schumanns entzogen war, der die Papiere 1833 durchgesehen und daraus ihre große Schwester, die große C-Dur Symphonie, gezogen hatte). Schubert hatte die einzige Niederschrift des Werkes im Herbst 1823 dem „Steiermärkischen Musikverein“ in Graz, zu dessen auswärtigem Mitglied er kurz zuvor ernannt worden war, offensichtlich in der Hoffnung auf eine Aufführung übersandt. Von dort gelangte das Manuskript in den Besitz von Schuberts Freund Anselm Hüttenbrenner. Dieser hat das Werk aus Gründen, die im romantischen Dunkeln bleiben, nicht nur nicht zur Aufführung gebracht, sondern es geradezu unterdrückt. Die Symphonie gelangte erst im Jahre 1865 an das Licht der Öffentlichkeit, die seit dem mit immer neuem Staunen vor ihm steht.

Mit der „Unvollendeten“, die nichts weniger als nicht vollendet, sondern nur nicht beendet ist, hat Schubert in seinem symphonischen Schaffen erstmals einen eigenen Ton gefunden. Seine sechs frühen Symphonien und mehrere symphonische Entwürfe zeigen noch die Auseinandersetzung mit seinen großen Wiener Vorgängern Haydn, Mozart und Beethoven. Vor allem Beethoven, der noch lebte, erschien ihm dabei wie ein Koloss, der seine künstlerische Entwicklung zu blockieren schien. In der „Unvollendeten“ ist die Blockade durchbrochen. Schubert macht sich von den Vorgängern frei und entwickelt seine eigene, das heißt eine romantische Tonsprache. Zwei Jahre nachdem Carl Maria von Weber in seiner Geisteroper „Freischütz“ den romantischen Klang geschaffen hatte, überträgt Schubert damit den romantischen Geist in die Symphonie. Die „Unvollendete“ ist nicht mehr so sehr das grandiose Spiel mit hochentwickelten, mehr oder weniger autonomen Formen, das in der Wiener Klassik vorherrschte, sondern der Versuch, mit musikalischen Mitteln eine rätselhafte und geheimnisumwobene Geschichte zu erzählen. Diese selig-wehmütige Geschichte erscheint dem Hörer, wiewohl oft gehört, immer wieder neu. Nicht zuletzt dies ist es denn auch, was sie romantisch macht.

Weitere Texte zu Werken von Schubert und rd. 70 anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1821 Carl Maria von Weber (1786 – 1826) – Ouvertüre zur Oper „Der Freischütz“

Mit dem „Freischütz“ hat Weber nicht nur den Typus der romantischen Oper sondern mit der Ouvertüre dazu auch eine wegweisende Form der Eröffnung derselben geschaffen. Das Vorspiel des „Freischütz“ enthält in wie in einer Nußschale bereits die Idee das ganzen Werkes. Vom ersten Takt an wird der Hörer in die heimelich-unheimliche Welt des Wald- und Geisterdramas gezogen und durchlebt in abstracto die Gefühle und Konflikte, die sich später in der Handlung entwickeln werden. Damit hat Weber das Muster insbesondere für Wagners Opernvorspiele geschaffen. Wie Wagner später formulierte, besteht die höchste Aufgabe der Ouvertüre darin, „daß mit den eigentlichen Mitteln der selbständigen Musik die charakteristische Idee des Dramas wiedergegeben und zu einem Abschluß geführt würde, welche Lösung der Aufgabe des szenischen Spieles vorahnungsvoll entspräche.“ Auch in einem weiteren Punkt war Weber wegweisend. Zur Charakterisierung der verschiedenen Sphären und Stimmungen weist er gewissen Instrumenten (schon) in der Ouvertüre bestimmte „Rollen“ zu, die sie dann im Verlauf der Oper beibehalten. Die Hörner etwa stehen für das Wald- und Jägerleben, die tiefen Lagen der Streicher und vor allem die Klarinette für die „finstern Mächte“. Damit hat Weber die Grundlagen für die musikdramatische Doppelbödigkeit gelegt, die Wagner mit seiner Leitmotivtechnik zur Vollendung brachte.

1815 Franz Schubert (1797 – 1828) – Symphonie Nr. 3 D-Dur

Schuberts sechs erste Symphonien sind Werke eines Teenagers. Den ersten Versuch in dieser Form startete er im Alter von 15 Jahren, was angesichts der Tatsache, dass die Gattung von den drei großen Wiener Klassikern hoch aufgeladen war und Beethoven quasi um die Ecke wohnte, einigen Mut voraussetzte. Nach einer schöpferischen Pause von zwei Jahren vertiefte sich Schubert dann so richtig in die Gattung. Binnen zwei Jahren folgt fünf weitere Symphonien.

 

Die 3. Symphonie entstand in der Zeit vom 24. Mai bis zum 19. Juli 1815, unmittelbar nach der Zweiten. Sie wurde vermutlich kurz darauf in der Wohnung des Kaufmannes Franz Frischling gespielt, wo sich unter der Leitung des Geigers Josef Prohaska zwei Mal in der Woche Berufsmusiker und Amateure zum gemeinsamen Musizieren trafen. Das Werk ist noch weitgehend von den großen Wiener Vorbildern geprägt. Es ist gekennzeichnet durch klassisch klare Formen und prägnante Themen, die mit großer Ökonomie nach den Regeln der Kunst verarbeitet werden, die die Meister vorgegeben hatten. Gelegentlich scheint allerdings schon der spätere Schubertstil mit seinen überraschenden harmonischen Rückungen durch. Auch mit dem letzten Satz geht Schubert einen eigenen Weg. Es handelt sich um eine fulminante „Tarantella“, eine italienische Musikform, die dem Werk den Beinamen „Die Italienische“ eingebracht hat. Mit der Steigerung des Tempos zum Schluss, die nach italienischer Vorstellung dem Rausch entspricht, den der Stich der Tarantel auslöst, nimmt Schubert die Prestissimo – Schlüsse vorweg, mit denen kurz darauf Rossini die Musikwelt „bestechen“ und in Taumel versetzen sollte.

 

Wie praktisch alle Instrumentalwerke Schuberts kam auch die 3. Symphonie erst nach Jahrzehnten an das Licht der Öffentlichkeit. Der vierte Satz wurde erstmals im Jahre 1860 in Wien als Teil „einer“ Symphonie gespielt, die man aus verschiedenen Werken Schuberts zusammenstellte. Die erste vollständige Aufführung fand 1881 in London statt.

1810 Bernhard Romberg (1767 – 1841) – Konzert für Flöte und Orchester h-moll, Op. 30

Bernhard Romberg ist heute fast nur noch den Cellisten ein Begriff. Zu seiner Zeit aber war er hochberühmt. Er galt als einer der größten Meister auf dem Cello und hatte auch als Komponist einen guten Namen.

 

Romberg entstammte einer westfälischen Musikerfamilie. Die ersten Jahrzehnte seines Lebens teilte er musikalisch mit seinem Vetter, dem Geiger Andreas Romberg, mit dem zusammen er meistens genannt wird. Beide gingen schon als Kinder gemeinsam mit ihren Vätern auf große Konzertreisen. Später spielten sie im Orchester des Fürstbischofs von Köln, wo sie Beethoven kennen lernten. Die Vettern besuchten den Meister im Jahre 1796 in Wien, wo Bernhard mit Beethoven dessen erste und zweite Cellosonate aufführte, die soeben entstanden waren. Erst im Jahre 1799 teilte sich der Lebensweg der beiden Rombergs. Während Andreas seßhaft wurde, setzte Bernhard das Leben eines reisenden Virtuosen fort. In teilweise jahrelangen Konzerttourneen kam er bis in die entferntesten Winkel Europas.

 

Es scheint, daß sich Romberg, der sich einen beachtlichen Wohlstand erspielte, in jenen politisch unruhigen Zeiten auch weit abseits der üblichen Künstlerrouten lukrative Märkte eröffnete. Nachdem ihn die französische Revolution aus dem Rheinland vertrieben hatte, reiste er, als Napoleon West- und Mitteleuropa durcheinanderschüttelte, jahrelang durch den Osten des Kontinentes. In Kiew etwa, wo es seinerzeit noch keinerlei öffentliches Musikleben gab, habe er, so berichtete ein Zeitgenosse, für ein Konzert in einem Adelshaus nicht weniger als 1000 Dukaten erhalten. Zur Nachahmung wurde Rombergs Fischzug freilich nicht   empfohlen. Kiew, so hieß es in dem gleichen Bericht, sei inzwischen vollständig abgebrannt.

 

Wie viele Instrumentalvirtuosen war Romberg auch als Komponist aktiv. Er schrieb vornehmlich für sein eigenes Instrument, dessen Möglichkeiten von den großen Meistern der Zeit – Haydn und Boccherini ausgenommen – erheblich unterschätzt und daher kaum für Solowerke genutzt wurden. Romberg schloß die Lücke und schrieb allein zehn Cello-Konzerte, von denen einige noch heute zum Grundbestand der Celloliteratur gehören. Neben weiteren Werken für dieses Instrument komponierte er auch für andere Besetzungen. So gibt es von ihm mehrere Opern, Symphonien, Solokonzerte und allerhand Kammermusik. Viele seiner Werke sind durch seine Reisen geprägt. Romberg hat Stücke mit russischem, moldavischem, polnischem, schwedischem, norwegischem und spanischem Einschlag geschrieben.

 

Welchen Rang Romberg zu seiner Zeit einnahm, zeigt die wohlwollende Beachtung, die ihm die zeitgenössische Musikpublizistik schenkte. Über seine Konzerte und die Aufführung seiner Werke wurde regelmäßig berichtet. 1801 heißt es in der „Allgemeinen Musikzeitung“ von „Breitkopf und Härtel“, Romberg sei „als Komponist und Kunstkenner der erste Violoncellospieler auf dem Erdboden“. 1805 bezeichnet ihn die gleiche Zeitschrift als „den trefflichsten aller lebenden Violoncellisten“, ihn nennen, heiße ihn loben. Und ein Rezensent aus dem Jahre 1812 meinte: „Möchten so viele moderne Componisten, die sich in ihren affektierten Künsteleyen in Rauch und Nebel verlieren, Herrn Romberg nachahmen, dessen Concerte immer voller Charakter sind, in denen nie ein schöner Gesang, nie eine natürliche, doch an der Quelle der Tonkunst geschöpfte, Harmoniefolge vermißt wird“.  

 

Das Konzert für Flöte und Orchester entstand im Jahre 1810 offenbar als Auftragswerk für einen russischen Musikliebhaber. Das hochvirtuose Werk, das packende Dramatik ebenso wie anrührende Melodik enthält, zeigt, auf welch‘ solidem Fundament die großen Namen der klassischen Zeit standen, die heute mehr oder weniger als die alleinigen Repräsentanten dieser Epoche der Musikgeschichte angesehen werden.

1806 August Ritter – Sinfonia Concertante für zwei Fagotte und Orchester

Über die Person August Ritters kann man nur spekulieren. Unter diesem Namen gibt es bisher offenbar nur die Sinfonia Concertante, deren Manuskript mit 1806 datiert ist. Dem Namen, der Zeit und dem Kompositionsstil nach könnte der Komponist der Musikerfamilie Ritter entstammen, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der berühmten Mannheimer Hofkapelle eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Zum Ritter-Clan gehörten zumindest zwei Fagottisten (so viele haben es jedenfalls bis in die Musiklexika gebracht). Einer hieß Adam Ritter, scheint aber nicht komponiert zu haben. Bei dem anderen handelt es sich um Georg Wenzel Ritter, der von 1748 bis 1808 lebte und den Ruf hatte, einer der größten Meister seiner Zeit auf dem „Bläsercello“ zu sein (Mozart, der Georg Wenzel Ritter 1778 in Mannheim kennen lernte und ihn kurz darauf in Paris wiedertraf, schrieb dort für ihn und drei seiner Mannheimer Kollegen seine Konzertante Symphonie für vier Bläser, die aber in Paris nicht zur Aufführung kam, was Mozart mit den Worten bedauerte: „Wo sind allzeit so 4 Leut zusamm?“). Georg Wenzel Ritter komponierte auch im Stil der Mannheimer Schule, von dem auch das vorliegende Doppelkonzert geprägt ist. Unter anderem schrieb er zwei Fagott-Konzerte (allerdings jeweils nur für ein Fagott) und einige Fagott-Duette. Er wird aber nirgends mit dem Vornamen August in Verbindung gebracht. Mangels weiterer Anhaltspunkte führt die Spur daher nicht weiter.

Leider gibt auch der Fundort des Manuskriptes keinen Hinweis auf die Person August Ritters. Es entstammt der Bibliothek des Adelshauses von Bentheim-Steinfurt in Westfalen: Dort fanden sich eine ganze Reihe von Bläserkonzerten, darunter auch mehrere Fagottkonzerte, was sicher damit zu tun hat, daß zwei der dortigen Grafen selbst praktizierende Bläser waren. Ein Hinweis auf August Ritter hat man in den dortigen Archiven aber (noch) nicht entdeckt.

Das kleine Steinfurter Adelsgeschlecht unterhielt in seinem münsterländischen Wasserschloss im 18. Jahrhundert einen jener Duodez-Musenhöfe, von denen es insbesondere in Mitteleuropa eine ganze Reihe gab. Die künstlerischen Ambitionen dieses Hofes gingen allerdings weit über das hinaus, was für ein Territorium von der Größe Bentheim-Steinfurts üblich war. Man leistete sich bemerkenswert viel und gutes musikalisches Personal. Im Jahre 1805 beschäftigte man nicht weniger als 43 Instrumentalisten, darunter besonders viele Bläser, und 7 Sänger. Die Musiker hatten im „Bagno“, den prachtvollen, mit Lustbauten versehenen Gartenanlagen des Schlosses regelmäßig zu konzertieren und ansonsten „mit Fleiß und accuratesse“ der Tafel aufzuspielen. Ein Beobachter sprach dem Steinfurter Hof im Jahre 1802 „unter den westfälischen Städten in der Krone geselliger Freuden den Königsdiamanten“ zu.

Die Steinfurter legten Wert darauf, auf dem neuesten Stand der künstlerischen Entwicklung zu sein. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hieß dies nicht zuletzt, dem „Mannheimer gout“ zu folgen, wozu neben dem ausgebildeten Sonatenhauptsatz auch die Flexibilisierung der musikalischen Dynamik gehörte (im Gegensatz zur Terrassendynamik der Barockzeit). Wie genau es der Arbeitgeber dabei mit den  Anforderungen an seine musikalischen Arbeitnehmer nahm, lässt sich etwa aus dem Arbeitsvertrag des böhmischen Geigers Anton Janitsch ersehen, der in Steinfurt im Jahre 1796 als Konzertmeister angestellt wurde. Dort heißt es: „Besonders ist das Pianissimo, piano crescendo, metzoforte, forte, fortissimo, nach dem wahren Sinn der composition, wodurch dieselbe das rechte leben bekommt, genau zu observieren, und daran das ganze Orchester mehr, und mehr zu gewöhnen“.

 

Im Stil einer durch die Mannheimer Schule gegangenen Klassik ist auch die Sinfonia Concertante von August Ritter gehalten. Mit dieser stilistischen Haltung war das Werk zwar wenn es, wie auf dem Manuskript vermerkt, aus dem Jahre 1806 stammen sollte, nicht mehr ganz auf dem letzten Stand der Entwicklung, die damals insbesondere mit Beethoven in Wien in eine neue Richtung ging. Mit ihrer heiteren Musizierlust und schlüssigen Verarbeitungsweise liegt das Werk aber ganz auf der Linie der reisenden Virtuosen jener Zeit, zu denen wahrscheinlich auch August Ritter gehörte.

1806 Ludwig van Beethoven (1770 -1827) – Klavierkonzert Nr. 4 Op. 58

Unter den fünf Konzerten, die Beethoven für „sein“ Instrument schrieb, fällt das 4. Klavierkonzert durch seinen lyrischen Tonfall auf. Das Konzert ist so bemerkenswert „rund“, dass man meinen könnte, Beethoven habe damit sein Image einer schroffen Persönlichkeit konterkarieren wollen. Hinzu kommt, dass zwischen dem schwärmerisch-bedeutsamen aber niemals schweren Kopfsatz und dem heiteren Finalsatz ein singulärer Mittelsatz liegt, in dem der Konflikt von Schroffheit und Sanftmütigkeit thematisiert ist und der mit einem – allerdings auf bezeichnende Weise eingeschränkten – Sieg der letzteren endet. 

Die geradezu szenische Konstellation von düster abweisendem Orchester auf der einen und beschwörend weichem Klavier auf der anderen Seite sowie der fast schon sprachliche Duktus der Musik hat die Interpreten zu allerhand Spekulationen darüber inspiriert, was Beethoven bei der Komposition dieses zweiten Satzes vorgeschwebt haben könnte. Die bekannteste Version ist, dass er dabei an Orpheus gedacht habe, der die Furien der Unterwelt bändigt. Eine philosophisch-politische Interpretation sieht in der Konfrontation zwischen Orchester und Solisten den auskomponierten kategorischen Imperativ; der Satz sei ein Beispiel dafür, daß der heroische Einzelne durch die Kraft seiner Moral auf die Gesellschaft einwirken könne. Die meisten dieser Interpretationen haben freilich Probleme mit der rätselhaften Schlußkadenz des Satzes, die den Schlüssel zum seinem Verständnis enthalten muss, jenem schmerzlichen Aufschrei mit anschließender Beruhigung, auf den der heiter-dynamische aber keineswegs übermütige Schlußsatz unmittelbar folgt. Daher soll hier, wiewohl sich das Konzert als autonomes Kunstwerk sicher nur in begrenztem Maße der konkreten Interpretation öffnet, eine weitere Spekulation hinzugefügt werden.

Nachdem in dieser musikalischen Dichtung offensichtlich die spannungsvolle Beziehung zweier sehr gegensätzlicher Individuen geschildert wird, könnte man auch daran denken, dass im Hintergrund Beethovens Erfahrungen mit der verwitweten Adeligen Josephine Brunsvik standen, in deren Bann er sich in der Entstehungszeit des Konzertes befand (die Frau wurde lange Zeit für Beethovens „Unsterbliche Geliebte“ gehalten). Man könnte sich also vorstellen, Gegenstand des Satzes sei, dass der schroffe Mann von einer geliebten Frau „gezähmt“ wird. Allerdings hat Beethovens Version von „Die Schöne und das Biest“ kein happy-end. Josephine muss am Ende aus Standesrücksichten auf Beethoven verzichten, was – dies wäre die Kadenz – nach Abklingen des Schmerzes zu resignativer Beruhigung auf beiden Seiten und daraus resultierend zu neuem Leben führt (dritter Satz).

Das Konzert entstand in den Jahren 1805/1806, einer besonders fruchtbaren Schaffensperiode Beethovens, in der unter anderem auch das Violinkonzert, die Oper „Fidelio“ und die Streichquartette Op.59 geschrieben wurden. Sowohl für den ungewöhnlichen Konzertbeginn durch das Klavier als auch für die dramatisch-melancholische Konzeption des langsamen Satzes scheint Mozarts Klavierkonzert KV 271 (Jeunnehomme) Pate gestanden zu haben. Vermutlich kannte Beethoven auch Haydns Symphonie „Le Soir“, in deren zweiten Satz sich eine ähnlich rhetorische Themenkonfrontation wie im zweiten Satz des Konzertes findet.

Dass das Konzert außerordentliche Anforderungen an den Solisten stellt, hat schon von Anfang an zu Problemen geführt. Beethoven Freund Ries lehnte die Erstaufführung ab, weil er die Noten erst fünf Tage vor dem intendierten Konzerttermin erhielt. Der Alternativkandidat Stein nahm das wenige sinnvolle Ansinnen, das Konzert in weniger als einer Woche einzuüben, zwar an, weil er darin die Chance seines Lebens sah, musste aber einen Tag vor der Aufführung absagen. Daher kam die Komposition erst im März 1807 durch Beethoven selbst zu Gehör und zwar bei einem Konzert im Palais Lobkowitz in Wien, in dem auch noch Beethovens (neue) Coriolan-Ouvertüre und seine 4. Symphonie gespielt wurden.

Weitere Texte zu Werken von Beethoven und rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1805 Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) – Symphonie Nr. 3, Op.55 (Eroica)

Beethovens dritte Symphonie, die in den Jahren 1802 bis 1805 entstand, hat, wie man weiß, viel mit Napoleon zu tun. Ursprünglich sollte ihr Titel sogar „Bonaparte“ lauten. Berühmt ist die Schilderung der Szene, wonach Beethoven das Titelblatt der Partitur, auf dem der Name des Korsen stand, wütend zerriss, als er erfuhr, dass dieser beabsichtige, sich zum Kaiser zu krönen. Dabei habe Beethoven, so berichtet sein Schüler Ferdinand Ries, ausgerufen: „Ist der auch nichts anderes als ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird auch er alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen.“

 

Auf Grund dieser Umstände wurde die „Eroica“ vielfach als ein politisches Werk angesehen. Dem entsprechend wurde sie, ganz oder nur mit ihrem zweiten Satz, immer wieder und in den unterschiedlichsten Kontexten zu politischen Zwecken herangezogen. Wie weit dies ging, zeigt ein Ereignis aus dem Jahre 1892. Seinerzeit widmete Hans von Bülow die Symphonie aus Protest gegen die Entlassung Bismarcks durch Kaiser Wilhelm II. kurzerhand „dem Bruder Beethovens, dem Beethoven der deutschen Politik, dem Fürsten Bismarck.“ Dabei stellte er, Beethovens oben angedeutete Absichten ins genaue Gegenteil verkehrend, den „drei Worten des Wahns“, wie er die Ideale der französischen Revolution „liberté, egalité und fraternité“ nannte, reichlich ruppig die „positive Devise Infantrie, Kavallerie und Artillerie“ entgegen.

 

Ob die politische Sicht der Symphonie viel zu ihrem Verständnis beiträgt, ist allerdings eher zweifelhaft. Beethovens Verhältnis zu Napoleon als Politiker war nämlich höchst zwiespältig. Der Korse war für ihn, wie für viele seiner Zeitgenossen, einerseits der Held, von dem man den endgültigen Durchbruch der Ideale der Französischen Revolution erhoffte, andererseits aber auch derjenige, der Beethovens Vaterland und seine Wahlheimat Wien bedrängte und zeitweilig besetzt hielt. Gegenüber dem Kriegsherrn aber fühlte Beethoven die Pflicht zum Widerstand. Die Ironie des Schicksals wollte, dass er sich hierfür auf die Seite eben der Monarchen schlagen musste, in deren Kreis getreten zu sein, er Napoleon vorwarf.

 

Tatsächlich hat Beethoven immer wieder auch gegen Napoleon agiert. 1796 etwa trat er als Leiter der K.&K.- Regimentsmusik einem Freiwilligencorps bei, das Napoleon aus den „österreichischen“ Territorien Italiens vertreiben sollte. Dafür komponierte er politische Lieder, die gegen die „Franken“ gerichtet waren. Auch während der Befreiungskriege schrieb er politische Gebrauchsmusik gegen Napoleon. Sinnigerweise sollte er hierbei sogar seine größten musikalischen Triumphe erringen. Mehr als sein gesamtes sonstiges Werk einschließlich der „Eroica“, die Beethoven selbst besonders schätzte, wirkten in der zeitgenössischen Öffentlichkeit seine musikalischen Beiträge zu den Feierlichkeiten des Wiener Kongresses, bei dem die europäischen Herrscherhäuser bekanntlich mit den politischen Ergebnissen der napoleonischen Zeit auch die positiven Errungenschaften der Französischen Revolution weitgehend rückgängig machten. Kaiser und Könige klatschten seinerzeit begeistert Applaus für Beethovens bombastisches Werk „Wellingtons Sieg in der Schlacht bei Vitoria“, von dessen Urheberschaft man ihn, wie von der seiner sonstigen politischen Musik, heute am liebsten freisprechen würde.

 

Gleichzeitig war Beethoven aber von der Persönlichkeit Napoleons, der sein Altersgenosse war, fasziniert war und verglich sich mit ihm. Parallelen gab es zwischen beiden genug. Beide stammten aus einfachen Verhältnissen und taten sich in einer Zeit, die noch stark vom Standesdenken geprägt war, durch ausgeprägte Individualität und außerordentliche gestalterische Leistungen hervor. Beide setzten sich auch bedenkenlos über die Grenzen der Tradition hinweg, wenn sie ihren Zielen im Wege standen. Napoleons unbändiger Durchsetzungswille korrespondierte mit Beethovens Credo: „Kraft ist die Moral der Menschen, die sich gegenüber anderen auszeichnen, und sie ist auch die meinige“. Der Komponist empfand den Politiker offenbar sogar als Rivalen. Aus dem Jahre 1806 ist von ihm der Satz überliefert: „Schade, dass ich die Kriegskunst nicht so verstehe, wie die Tonkunst, ich würde ihn schlagen“. Beim Tode Napoleons im Jahre 1821 sagte Beethoven schließlich, er habe mit dem Trauermarsch der „Eroica“ die Musik zu diesem Ereignis geschrieben.

 

Wahrscheinlich kommt man dem Verhältnis von „Eroica“ und Napoleon daher näher, wenn man in der Komposition ein Selbstportrait Beethovens sieht, welches von der Figur Napoleons beeinflusst ist. Beethoven, der bezeichnenderweise nicht lange vor der „Eroica“ das Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“ komponierte, sah sich als Individuum, das sich und die Welt ganz aus sich selbst schafft. Der exemplarische Vertreter dieses neuen, „titanischen“ Menschentums war neben ihm naturgemäß Napoleon. Diesem Selbstentwurf entsprechend schuf Beethoven mit der „Eroica“ ein Werk, das an Umfang, Schwierigkeitsgrad und Komplexität der Themenverarbeitung seinerzeit ohne Vorbild war.

 

Wie Napoleon sah sich Beethoven auch in einer heroischen Situation. So wie sich dieser politisch gegen die ganze Welt stellte, befand er sich im Kampf gegen die Taubheit, dem denkbar größten Widerstand, der einem Musiker entgegenstehen kann. Wir wissen aus Beethovens ergreifendem „Heiligenstädter Testament“, welches aus der Zeit stammt, in der er die Komposition der „Eroica“ begann, dass er sich wegen seiner fortschreitenden Krankheit mit Selbstmordgedanken befasste. Er nahm davon jedoch Abstand, weil er in heroischer Weise gerade gegen die Taubheit Neues und Großes schaffen wollte. Die „Eroica“ ist denn auch bestimmt von dem Kontrast zwischen vorwärtsstürmendem Elan und elegischer Färbung. Diese Stimmungslage spiegelt sich insbesondere im ersten Satz des Werkes, wo sie bereits in den Anfangstakten erscheint. Während hier das vorwärtsdrängende und im letzten Satz das konstruktive Element den Sieg davonträgt, dominiert im langsamen Satz die Auseinandersetzung mit der Depression, die angesichts der Bedeutung, die sich das handelnde Subjekt zulegt, monumentalen Charakter annimmt.

 

Unter diesen Umständen ist es nur allzu bezeichnend, dass auf jenem Titelblatt der „Eroica“, welches Beethoven im Jahre 1805 so wütend zerriss, sich lediglich zwei Namen befanden: „Ganz oben“, so heißt es im Bericht von Ries, habe „Buonaparte“, unten „Luigi van Beethoven“, dazwischen aber nichts gestanden.

 

Die „Eroica“ ist das erste der großen musikalisch-geistigen Auseinandersetzungswerke des 19. Jahrhunderts, Werke mit denen ihre Schöpfer, wie Beethoven in diesem Fall, nicht selten über Jahre rangen. Sie ist – am Anfang des neuen Jahrhunderts stehend – der Auftakt zu der grandiosen Entwicklung, welche die Symphonie im weiteren Verlauf des 19. Jahrhundert nehmen sollte. Auf der Basis dieses Musters wurde die Gattung Symphonie zur zentralen musikalischen Ausdruckform des individualistisch empfindenden Bürgertums, das in dieser Zeit seinen endgültigen politischen und wirtschaftlichen Durchbruch erlebte.

Weitere Texte zu Werken von Beethoven und rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1789 Joseph Haydn (1732-1809) – Oxford-Symphonie (Nr. 92)

 

Am 14. Juli 1789, dem Tag, an dem mit dem Sturmes auf die Bastille in Paris die Revolution losbrach, trafen bei Haydn die Noten von Mozarts Oper „Die Hochzeit des Figaro“ ein. Ihr liegt die "revolutionäre" Komödie "Der tolle Tag" von Beaumarchais zu Grunde, in der ein gewitzter Diener unerhörterweise seinen adligen Herrn herausfordert, indem er ihm seine Privilegien streitig macht, im konkreten Fall das „Recht“ des Feudalherren, die erste Nacht mit der Braut eines Untertanen zu verbringen. Das Schauspiel trug bekanntlich mit dazu bei, dass in Frankreich eine revolutionäre Stimmung entstand. Haydn arbeitete in diesen Tagen an seiner Symphonie Nr. 92. In diesem Werk ist von den Spannungen, die zu den Pariser Ereignissen führten, nichts zu spüren. Im Gegenteil – die Symphonie scheint noch einmal den ganzen Charme der Epoche, die gerade zu Ende ging, zusammenfassen zu wollen. Mit ihrer Heiterkeit, kunstvollen Verarbeitung und zupackenden Rhetorik wirkt sie wie der musikalische Spiegel des höfischen Lebens in der Zeit des ancien régime. Die klaren Proportionen und die geschmackvolle Ornamentik erinnern etwa an die Architektur dieser Zeit, nicht zuletzt an Schloß Esterháza, wo das Werk entstand.

Die Musik der Symphonie kontrastiert seltsam mit den Bedingungen, unter denen ihr Schöpfer und sein Berufsstand seinerzeit lebten. In der Hierarchie der k.u.k. Gesellschaft waren Musiker ganz unten angesiedelt. Ihr geringes Ansehen spiegelt sich etwa in Äußerungen der Kaiserin Maria Theresia, die in einem pädogogischen Lehrwerk, welches sie 1769 für ihren Sohn, Erzherzog Ferdinand, verfassen ließ, Musiker auf eine Stufe mit Bettlern (und Schauspielern) stellte. Als der Erzherzog im Jahre 1771 – er war seinerzeit König von Savoyen – bei seiner Mutter anfragte, ob er den jungen Mozart in seine Dienste nehmen solle, antwortete diese, sie wisse nicht warum, „da Du doch nicht nicht nötig hast, einen Komponisten oder unnütze Leute anzustellen“. Vor allem aber solle er derart „unnützem Volk“ keinen Titel verleihen „als ob sie in Deinen Diensten stünden. Das diskreditiert den Dienst, wenn diese Leute in der Welt wie Bettler herumlaufen.“

Haydn stand 1789 noch in seinem langjährigen Dienstverhältnis zum Fürsten Esterházy. Wie seine „vorrevolutionäre Lage“ war, zeigt ein Bericht des Italieners Gaetano Bartolozzi, der den Komponisten im Jahre 1787 besuchte: Darin heißt es: "Obwohl der Fürst von Esterházy dessen ständiger Kapellmeister dieser große Komponist ist, Haydns Werken die höchste Bewunderung entgegenbringt, zahlt er ihm einen Hungerlohn, den der obskurste Fiedler von London zurückweisen würde, zusammen mit einer miserablen Wohnung in der Kaserne, wo sein Bett und sein altes Spinett oder Clavicord steht. In dieser Situation, die dem Genius so wenig würdig ist, wurde Haydn angetroffen. Er freute sich ganz besonders zu hören, wie die Musik in England gefördert wird und welche Wertschätzung seine Werke dort genießen. Es war bei dieser Gelegenheit, dass Haydn erstmals den Wunsch äußerte, London zu besuchen."

Ausgerechnet in England, wo die Revolution gar nicht stattfand, sollte dann für Haydn die Umwälzung seiner persönlichen Verhältnisse stattfinden, wobei merkwürdigerweise die Symphonie Nr. 92 eine Rolle spielte. Nicht lange nach dem Ausbruch der französischen Revolution starb sein Dienstherr. Haydn war frei und begab sich alsbald nach London, wo er nun selbst wie ein Fürst gefeiert wurde. Der Höhepunkt die Feiern war die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Oxford an Haydn im Juli 1791. Bei dieser Gelegenheit führte er die "Oxford-Symphonie" auf.

Anders als der Name suggeriert, ist die Symphonie nicht für Oxford bzw. für die Feierlichkeiten anlässlich der Verleihung des Doktorhutes komponiert worden. Sie entstand vielmehr zusammen mit zwei weiteren Symphonien (Nr. 90 und 91) im Auftrag eines Vertreters der alten Adelskultur, dem Fürsten von Oettingen-Wallerstein im Donauries. Sinnigerweise verkaufte sie Haydn aber zunächst ins revolutionäre Paris. Den Herrn von Oettingen-Wallerstein speiste er in einem Akt figaronischer Unbotmäßigkeit gegen fürstliches Possessionsstreben und dazu noch mit einiger Verspätung mit Kopien ab. Im Brief vom 17. Oktober 1789, mit dem er die Kopien übersandte, ist er aber wieder ganz untertänig. Er bittet den "hoch-wohlgeborenen" Hofbeamten v. Müller „aufrichtig, die verspätetete Übersendung zu vergeben." Den Verzug erklärte er mit seinen täglichen Pflichten, insbesondere mit der Tatsache, dass sein Herr auch im fortgeschrittenen Alter noch einen unersättlichen Hunger nach Musik habe. Des Weiteren bat er "gehorsambst, dem dortigen fürstl. Herrn Capellmeister zu melden, dass diese drei Sinfonien (bevor sie producirt werden) wegen ihrer vielen Particularitäten genau und mit aller Attention wenigsten 1 mahl möchten geprobt werden." Als sich der Fürst später darüber beschwerte, dass er von „seinen“ Symphonien keine Origiale erhalten habe, entschuldigte sich Haydn nach Art des Figaro wieder damit, seine Schrift sei wegen nachlassenden Sehvermögens inzwsichen so unleserlich, dass er die Werke habe abschreiben lassen müssen.

 

 

 

 

 

1789 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Streichquartett D-Dur, KV 575

Die Bedeutung Mozarts als Komponist beruht nicht zuletzt darauf, daß er sich auf allen wesentlichen Feldern der Musik betätigte und dabei jeweils Bedeutendes leistete. Und doch hat dieser scheinbare Alleskönner das kaum zu entschuldigende Manko, nichts Eigenständiges für das Cello geschrieben zu haben. Es gibt von ihm kein Konzert, keine Sonate und auch sonst nichts Solistisches für dieses schöne Instrument. Dies wirft die Frage auf, ob Mozart, der doch für fast jedes wichtige Instrument Solowerke schrieb, die eigenständige Persönlichkeit des Cellos in der Instrumentenfamilie verkannt hat. Eine gewisse Antwort auf diese Frage geben seine drei letzten Streichquartette, die auch als Celloquartette bezeichnet werden.

 

Wie wir wissen, war Mozart ein ökonomisch orientierter Komponist. Anlaß für seine Kompositionen waren meist konkrete Aufträge oder die Erwartung, sie verkaufen oder damit zumindest Werbung betreiben zu können. Offenbar hatte Mozart in seiner Klientel aber lange Zeit keinen Cellisten. Dies änderte sich erst zwei Jahre vor seinem Tod, als er in einer Zeit erheblicher finanzieller Engpässe in dem cellospielenden König Friedrich Wilhelm II. von Preußen einen möglichen Abnehmer von Cellomusik ausmachte. Auf die Idee, dem König via Widmung Quartette anzubieten und hierbei das Cello in der Vordergrund zu stellen, hatte ihn der komponierende Cellist Luigi Boccerini gebracht, der bei königlichen Liebhabern des Instrumentes eine schier unerschöpfliche Marktlücke für cellobetonte Musik gefunden hatte (er schrieb etwa 400 auf seine Kunden maßgeschneiderte Kammermusikwerke, darunter mehr als 100 Quintette mit jeweils zwei Celli, hauptsächlich für den spanischen Infanten Don Luis und Friedrich Wilhelm II von Preußen).

 

In Anlehnung an Boccerini, der seine Quartette im Sechserpack auf den Markt brachte, plante auch Mozart eine Sechserreihe (eine Form der Vermarktung, die man in Berlin offenbar bevorzugte – man denke an Bachs sechs Brandenburgische Konzerte). Von den geplanten sechs Quartetten sind jedoch nur drei fertiggestellt worden. Anders als bei Boccerini, der sich nicht mit komplexen Strukturen oder schwierigen Neuerungen abmühte, ging bei Mozart die Komposition dieser Quartette nicht leicht von der Hand. Dies lag sicher daran, daß Mozart, der an seine Produktion schon generell hohe Ansprüche stellte, bei der Gattung Quartett, die in Kennerkreisen inzwischen hochgeschätzt wurde, jeweils etwas Besonderes vorlegen wollte. Vor allem ging es ihm um die gleichberechtigte Behandlung der vier Instrumente, die damals noch keineswegs selbstverständlich war. Damit trug Mozart wesentlich zur Vollendung der Gattung bei.

 

Da der Abschluß der Sechserreihe nicht schnell gelingen wollte und Mozart dringend Geld brauchte, gab er den Widmungsplan schließlich auf und bot die drei fertiggestellten Werke Mitte 1790 dem Verleger Artaria an. In einem Brief vom 12. Juni 1790 an einen Freund schreibt er dazu: “Nun bin ich gezwungen, meine Quartetten (diese mühsame Arbeit) um ein Spottgeld herzugeben, nur um in meinen Umständen Geld in die Hände zu bekommen.“ Die Werke, die übrigens erst nach seinem Tod erschienen, zeigen in der Tat, daß Mozart in sie erhebliche Arbeit investierte. Sie sind nicht zuletzt durch einen besonders dichten Satz und komplexe polyphone Strukturen gekennzeichnet. Im letzten Satz des Quartettes KV 575 etwa werden Sonatensatz und Rondoelemente auf das Kunstvollste miteinander verwoben. Davon abgesehen zeigt Mozart bei dieser Gelegenheit, daß er sehr wohl Musik für ein solistisch geführtes Cello schreiben konnte, was ein wesentlicher Grund dafür sein dürfte, daß in diesen Quartetten die Melodie stark in den Vordergrund tritt.

1788 Wolfgang Amadeus Mozart (1756- 1791) – Streichtriosatz G-Dur (KV Anhang 66)

Mozarts erster Kontakt mit dem Streichtrio fiel offenbar in sein sechstes oder siebtes Lebensjahr. Andreas Schachtner, von dem die meisten Anekdoten über Mozarts Kinderjahre stammen, berichtete, ein gewisser Wentzl, habe seinerzeit Mozarts Vater seine ersten Kompositionsversuche, sechs Streichtrios, zur Begutachtung vorgelegt. Als man daran ging, sie durchzuspielen, habe der kleine Wolfgang, der bislang nur Klavier gelernt und gerade erst eine Geige bekommen hatte, beansprucht, dabei die zweite Geige spielen zu dürfen. Da Mozart damals aber „noch nicht die geringste Anweisung in der Violin hatte“, habe der Vater die „närrische Bitte“ abgelehnt. Mozart habe daraufhin behauptet, um die zweite Violine spielen zu können, brauche er es nicht erst zu lernen und habe sich nicht abweisen lassen. Nach einigem Hin und Her sei ihm schließlich gestattet worden, gemeinsam mit Schachtner die zweite Violine zu spielen, aber so leise, dass er nicht störe. Wie Schachtner berichtet, habe er bald erkannt, dass seine Mitwirkung gänzlich unnötig war, weswegen er seine Geige still beiseite gelegt habe. Der kleine Mozart habe dann alle sechs Trios ohne Probleme zu Ende gespielt. Mutig geworden durch die gerührten Reaktionen, die dies bei den Beteiligten hervorrief, habe sich der Knirps auch noch an der ersten Stimme versucht und habe sie „mit lauter unrechten und unregelmäßigen Applikaturen“ so gespielt, dass er nie ganz stecken blieb.

 

Ähnlich einmalig wie Mozarts Einstieg in die Spielpraxis des Streichtrios, ist auch sein kompositorischer Beitrag hierzu. Sein einziges vollständiges Streichtrio ist das sechssätzige Divertimento KV 563. Es entstand im Jahre 1788 als Mozart seine wichtigsten Streichquartette schon geschrieben hatte. Das Divertimento ist der Höhepunkt und die Zusammenfassung der bis dato stattgefundenen Entwicklung der Gattung und wurde zum Muster für das spätere „Gran Trio“. Davon abgesehen gibt es von Mozart nur noch das Fragment eines Triosatzes, das aus unbekannten Gründen wenige Takte nach der Exposition abbricht. Allem Anschein nach stammt es aus der selben Zeit, wie das umfangreiche und ambitiöse Divertimento. Man hat daher spekuliert, dass Mozart es möglicherweise nicht weiterführte, weil ihm etwas Größeres, eben das Divertimento, in den Sinn gekommen war. Im neuerer Zeit hat Franz Beyer den Satz zu Ende geführt, indem er eine kurze Durchführung komponierte und eine Reprise anfügte, die sich an der Exposition orientiert.

Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) Konzerte für Flöte und Orchester G-Dur KV 313, D-Dur, KV 314; Andante für Flöte und Orchester C-Dur KV 315

Mozart, so heißt es im Allgemeinen, habe die Flöte nicht sonderlich geliebt. Diese Einschätzung beruht im Wesentlichen auf einer brieflichen Äußerung des Komponisten gegenüber seinem Vater. Während seiner Parisreise in Jahren 1777 bis 1779 begründete er die Verzögerung bei der Komposition eines Flötenwerkes unter anderem damit, er sei „gleich stuff“, wenn er „für ein Instrument (das ich nicht leiden kann) schreiben soll“. Auf merkwürdige Weise kontrastiert damit, dass sich das ungeliebte Instrument nicht nur im Titel von Mozarts Meisteroper „Die Zauberflöte“ findet, sondern dass es auch in seinen Orchesterwerken und Opern immer wieder eine herausragende Rolle einnimmt. Die Flöte trägt ganz wesentlich zu jenem außerordentlich delikaten Bläserklang bei, der als eines der Markenzeichen Mozarts gilt.

Davon abgesehen stammen von Mozart unter anderem aber auch drei Flötenquartette und zwei Flötenkonzerte, die offensichtlich mit schöpferischer Laune geschrieben sind und dementsprechend zu den beliebtesten Werken für dieses Instrument gehören. Anlass für die „Komposition“ dieser Werke war im Wesentlichen ein Großauftrag des holländischen Flötenliebhabers Ferdinand Dejean für „drei leichte und kurze Concertln und ein paar Quarttro auf der Flöte“. Mozart hatte Dejean, einen angesehenen und wohlhabenden Arzt, in Mannheim kennen gelernt, wo er auf seiner Reise nach Paris längere Zeit Station machte. Der Auftrag war für den 21- jährigen Komponisten ehrenhaft und sollte mit 200 Gulden gut bezahlt werden. Bei dessen Ausführung hatte Mozart aber Probleme. Dafür dürfte allerdings nicht nur die genannte Aversion gegen die Flöte verantwortlich gewesen sein. Mozart zog es seinerzeit vor, sich persönlich und künstlerisch mit der jungen Aloysia Weber, seiner späteren Schwägerin, zu befassen, einer begabten Sängerin, in die er sich verliebt hatte und mit der er zum Schrecken seines Vaters statt Karriere in Paris zu machen am liebsten nach Art reisender Musikanten durch die Welt gezogen wäre. Er hatte daher nur begrenzte Zeit und Lust zum Geldverdienen. Da er sich den lukrativen Auftrag aber dennoch nicht entgehen lassen wollte, griff er offenbar bei beiden Flötenkonzerten auf vorhandene Werke zurück.

Im Falle des Konzertes KV 414 ist dies gesichert. Mozart transponierte hier ein kurz zuvor entstandenes Oboenkonzert in C-Dur mit leichten Veränderungen in die Tonart D-Dur. Das Konzert KV 313 hielt man bis vor kurzem für eine Neukomposition zur Erfüllung von Dejeans Auftrag. Es scheint aber, dass Mozart auch in diesem Fall an ein früheres Werk anknüpfte. Man hat inzwischen nämlich im Tagebuch eines Salzburger Hofrates eine Notiz gefunden, wonach Mozart ein Jahr zuvor in Salzburg für den Geburtstag seiner Schwester verschiedene Werke aus seiner Feder probte, darunter auch ein Flötenkonzert. Da ein weiteres Konzert von Mozart für dieses Instrument nicht bekannt ist, dürfte es sich daher um das Werk KV 313 handeln. Dafür sprechen im Übrigen Besonderheiten in der Besetzung des Konzertes, die typisch für Mozarts Salzburger Zeit sind, die mit seiner Abreise nach Paris vorläufig beendet war. Im langsamen Satz sind auch im Orchester Flöten vorgesehen, die in der Salzburger Kapelle mangels hauptamtlicher Flötisten von Oboisten gespielt wurden. Offenbar um Dejeans Wunsch nach einem klein besetzten Orchester zu entsprechen, komponierte Mozart dann in Mannheim als „Austauschsatz“ zusätzlich wohl das Andante für Flöte und Orchester KV 315, bei dem keine Flöten besetzt sind. Möglicherweise sind die Rückgriffe auf schon vorhandenes Material auch der Grund dafür, dass Dejean statt der vereinbarten 200 Gulden schließlich nur 96 bezahlte.

ie Form der beiden Konzerte orientiert sich an den Mustern, welches Mozart in seinen Violinkonzerten aus dem Jahre 1775 entwickelt hatte. Dem Orchester ist auch hier eine weitgehend eigenständige Rolle zugeteilt. Die Motive sind vielfältig und werden in lockerer Reihung fortgesponnen und verarbeitet. Inhaltlich überwiegt das spielerisch-unbeschwerte Element. Im Konzert KV 313 sticht der außerordentlich tiefsinnige langsame Satz heraus. Dass es sich bei dem Konzert KV 314 ursprünglich um ein Oboenkonzert handelte, zeigt sich insbesondere darin, dass die höheren Register der Flöte kaum genutzt werden.  Über diesem Konzert scheint das Motto „Welche Wonne, welche Lust“ zu stehen, jener Arie aus Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“, bei der das Rondothema aus dem letzten Satzes des Konzertes später wieder Verwendung fand.

Karl Ditters von Dittersdorf (1739 – 1799) – Harfenkonzert

Dittersdorf ist eine jener bunten Musikerpersönlichkeiten, die das Kulturmilieu des K.& k.-Reiches in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in erheblicher Anzahl hervorbrachte. Wie Haydn ist er in Wien geboren und verbrachte den größten Teil seines reichen Musikerlebens als Geiger und Kapellmeister an den Höfen von Fürsten und Bischöfen der Donaumonarchie. Dort entfaltete er eine mitunter geradezu hektische musikalische Aktivität. Man sagt ihm nach, daß er von der Theaterleidenschaft besessen gewesen sei. Wo immer er hingekommen sei, habe er „nicht vor der Idee ruhen können, ein Haustheater zu errichten“. Die Frucht dieser Tätigkeit waren allein 40 musikdramatische Werke, wodurch sich Dittersdorf einen durchaus prominenten Platz in der Entwicklungsgeschichte des deutschen Singspieles sicherte.

 Auch sonst war Dittersdorf, der auf der Basis solider satztechnischer Kenntnisse mit großer Leichtigkeit komponierte, außerordentlich fruchtbar, wobei er allerdings ein wenig vom Geist des „Höher, Weiter, Schneller“ beeinflußt war. Mit Haydn, dessen Freund er war und mit dem er – gelegentlich gemeinsam mit Mozart – Quartett spielte, scheint er in so etwas wie einem Wettstreit des Komponierens von Symphonien gelegen zu haben. Wie dieser kann er rund 100 Werke dieser Gattung vorweisen. Hinzu kommen viele Konzerte und Kammermusikwerke, einige Oratorien und allerhand Kirchenmusik. Wie wichtig das „sportive“ Element für ihn war, zeigt eine Bemerkung, die er in seinen Lebenserinnerungen über die Arbeitsweise eines Kollegen machte. Dittersdorf bemängelte dabei, daß Naumann, ein seinerzeit recht angesehener Komponist, für eine Oper sechs Monate gebraucht habe, während er in 10 Monaten 4 Opern und ein Oratorium habe schreiben können.

 Dieses Schnellschreiben hatte naturgemäß seinen Preis. Die Qualität der Werke Dittersdorfs ist unterschiedlich. Sein bekanntestes Bühnenwerk ist die Opera buffa „Doktor und Apotheker“, die noch heute gelegentlich aufgeführt wird. Damit konnte er beim Publikum selbst Mozarts „Figaro“, der gleichzeitig auf die Bühne kam, in den Schatten stellen. Die Werke aber, die beide ihrem großen Erfolg nachschoben, wurden höchst unterschiedlich bewertet. Während Mozart, der auch nicht gerade zu den Langsamen der Komponistenzunft gehörte, sich für den „Don Giovanni“ ein Jahr Zeit nahm und ein weiteres Meisterwerk schuf, ließ Dittersdorfs in der gleichen Zeit drei Opern, darunter den „Democritto corretto“ folgen. Darüber soll Kaiser Joseph II. geäußert haben, es sei „das schlechteste Zeug, was je auf einem italienischem Theater zu Vorstellung kam“.

 Dittersdorfs Harfenkonzert ist eine freie Bearbeitung seines beliebten Cembalokonzertes. Neben seinem Konzert für Kontrabaß ist es sein bekanntestes Instrumentalwerk. Seine Beliebtheit verdankt es nicht zuletzt der außerordentlichen Durchsichtigkeit und den pastellfarbenen Farbtönen, die das Stück kennzeichnen. Beim Hören dieses Werkes mag man an die sommerhellen Fresken in den Landschlössern des k.u.k Rokokoadels denken, für den Dittersdorf arbeitete.

1774 Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) – Fagottkonzert B -Dur KV 191

Mozart führte bis zum Alter von 15 Jahren die Existenz eines künstlerischen Nomaden. Zieht man die Kleinkindjahre ab, so hatte er bis zu diesem Zeitpunkt weit mehr als die Hälfte seines Lebens auf Reisen in Nordwesteuropa und Italien verbracht. Als Wunderkind konnte er sich dabei immer besonderer Aufmerksamkeit erfreuen. Im Jahre 1772 begann dann eine vorläufige Phase der Sesshaftigkeit. Nachdem er schon im Alter von dreizehn Jahren zum unbesoldeten dritten Konzertmeister der Kapelle des Salzburger Fürstbischofs ernannt worden war, wurde er 1772, im Alter von 16 Jahren, als besoldeter Konzertmeister angestellt. Bis 1777 hielt er sich dann überwiegend in Salzburg auf. Dabei lernte er nach den durchweg erhebenden Erlebnissen seiner Reisezeit die Niederungen des regelmäßigen Dienstes an einem Fürstenhof kennen. Zu seinen Aufgaben gehörten der kirchliche Dienst und die Gestaltung der Abendunterhaltungen am bischöflichen Hof. In dieser Zeit sind mehrere Messen, allerhand Kammermusik, eine Reihe von Orchesterwerken und diverse Konzerte entstanden, die teilweise auch im Auftrag von anderen Musikliebhabern, insbesondere Adeligen oder Instrumentalisten geschrieben wurden.

 

Zu den Auftragswerken gehört vermutlich auch das Fagottkonzert, das Mozart im Juni 1774 komponierte. Es ist eines der wenigen Konzerte für dieses Instrument und das einzige aus der Feder eines der großen Meister der Klassik. Die Spieler und Liebhaber des Fagotts sind aber nicht nur deswegen froh, sondern auch darüber, wie meisterhaft es Mozart verstand, die Stärken dieses freundlichen und höchst beweglichen Instrumentes herauszuheben.

Weitere Texte zu Werken von Mozart und rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

 

 

 

1772 Joseph Haydn (1732 – 1809) – Symphonie Nr. 45, fis – moll – Abschiedssymphonie

Leben und Werk Joseph Haydns sind von zahlreichen Anekdoten umrankt. Ein Grund hierfür ist sicher, daß über große Teile seines Lebens, insbesondere über dessen erste Hälfte, wenig Authentisches bekannt ist. Manche Biographen haben daher die Lücken mit Hilfe ihrer Phantasie gefüllt. Anderseits inspirierte die Persönlichkeit Haydns aber auch dazu, Geschichten über ihn zu erzählen. Meist erscheint er darin als ein Mensch, der ebenso gewitzt und hintersinnig wie seine Musik ist.

 Auch über die Umstände, die zur Komposition der Abschiedssymphonie geführt haben, gibt es eine solche Anekdote. Wie weit sie wahr ist, ist schwer zu sagen. Die Besonderheit dieser Symphonie spricht dafür, daß ihr ein wahrer Kern zugrunde liegt. Die Tatsache allerdings, daß es davon zwei recht unterschiedliche Versionen gibt, zeigt, daß dieser Kern eine nicht unerhebliche dichterische Ummantelung erfahren haben muß.

 Nach der erotischen Version der Anekdote soll Haydn die Symphonie geschrieben haben, um seine Musiker – und auch sich selbst –  aus einer zölibatären Zwangslage zu befreien. Fürst Esterházy, bei dem Haydn von 1761 bis 1790 als Kapellmeister angestellt war, verbrachte ab 1766 so viel Zeit als möglich in seinem neuen Landschloß Esterháza in Ungarn. Mit ihm war sein Hofstaat, zu dem auch die Kapelle zählte. Während der ersten Jahre, als die Schloßanlage noch unvollständig war, habe, so die Anekdote, keine Möglichkeit bestanden, die Familien der Musiker in Esterháza unterzubringen. Daher hätten die Mitglieder der Kapelle, die – Haydn eingeschlossen – im wesentlichen aus lebhaften jungen Männer bestanden habe, monatelang die Gesellschaft ihrer Ehefrauen entbehren müssen. Solange Fürst Esterházy seinen Aufenthalt auf die sechs Monate des Sommerhalbjahres beschränkt habe, hätten die Männer – erstaunlich genug – ihr Los gerade noch akzeptiert. Im Jahre 1772 aber habe der Fürst den Aufenthalt in Esterháza um zwei Monate verlängert. Dies hätten die Musiker nicht mehr ertragen können. In einer rokokohaft-frivolen Variante dieser Anekdotenversion heißt es sogar, der Fürst habe die Verlängerung des Aufenthaltes in Esterháza angeordnet, weil ihn die Nöte der Musiker vergnügt hätten. Diese hätten sich im Schloß nämlich immer schon Wochen vor der Abreise komisch aufgeführt und dessen Räume mit verliebten Seufzern erfüllt.

Angesichts dieser Zuspitzung der Lage hätten die Musiker, so fährt die Geschichte fort, bei Haydn in der Hoffnung vorgesprochen, daß er ihnen Abhilfe verschaffe, wofür dieser, da er sich in der gleichen Situation befunden habe, nur volles Verständnis gehabt habe. Seinem Metier entsprechend habe er eine musikalische Lösung des Problems gesucht und mit der Abschiedssymphonie gefunden. Danach sollten die Musiker, nachdem ihr Drang in den ersten Sätzen des Werkes eindrucksvoll musikalisch demonstriert worden sei, im letzten Satz nach und nach aus dem Saal gehen, um den Fürsten darauf aufmerksam zu machen, daß es Zeit sei, Esterháza zu verlassen, was dieser zum guten Schluß auch eingesehen habe.

Die ökonomische Version der Anekdote geht davon aus, daß der Fürst die Kapelle im Zuge von Rationalisierungsmaßnahmen bis auf ein paar Geigen habe auflösen wollen, weil sie ihm zu teuer geworden sei. Haydn habe ihm mit der Abschiedssymphonie verdeutlichen wollen, wie dürftig der verbleibende Rest klingen und schließlich überhaupt nichts übrig bleiben würde. Auch hier folgt ein happy-end, bei dem Haydn als der findige Retter der Arbeitsplätze seiner Schützlinge erscheint. Zum Dank soll er sogar noch eine kleine „Ankunftssymphonie“ geschrieben haben, bei der die Musiker einer nach dem anderen wieder in den Saal getreten seien.

Mangels authentischer Belege ist, wie gesagt, schwer zu entscheiden, ob diese Anekdoten stimmen und welcher der beiden Versionen gegebenenfalls der Vorzug zu geben ist. Die Biographen, die sie erstmalig kolportieren, berufen sich jeweils darauf, daß sie ihre Version von Haydn selbst erfahren hätten. Damit stellt sich die Frage, ob Haydn die Legendenbildung um seine Person möglicherweise selbst beförderte. Auch Haydn wird gewußt haben, daß für einen Künstler der Umlauf falscher Anekdoten besser ist als der Mangel an richtigen.


1772 Michael Haydn (1737 – 1806) – Requiem c – moll

Unter dem 10.8.1806 schrieb der Abt Dominikus vom Kloster St. Peter in Salzburg in sein Diarium: „Heute nachts um 10 Uhr starb der hiesige berühmte Concertmeister Michael Haiden, im 68. Jahre seines Alters, ein würdiger Bruder des esterhazischen Kapellmeisters Joseph Haiden. Er war 43 Jahre in hiesigen Diensten, sammelte sich besondere Verdienste für die Kirche, indem er im wahren Kirchenstil erstaunend viel komponierte. Er war weit und breit berühmt und mußte nach Spanien, nach Schweden, und besonders für die itzige Kaiserin Ämter und andere Sachen komponieren. Letztere frimte noch voriges Jahr bey ihm ein Requiem an, und es gieng ihm wie dem berühmten Mozart, er fing zu arbeiten an, vollendete aber nur den Introitum, der auch bei seinem Requiem aufgeführt wurde. … Das Requiem hielten die Hofmusikanten und 8 Tage danach führten eben diese für ihn in der Universitäts Kirche das große Requiem von Mozart auf. …“          

Mit diesen Bemerkungen über Michael Haydn und Mozart und ihre Totenmessen schlägt Abt Dominikus ein Thema an, welches interessante Einblicke in die manchmal erstaunlich kleine Welt der Wiener Klassik erlaubt. Das Schicksal des „Wieners“ Michael Haydn in Salzburg war von Anfang an eng mit dem des 19 Jahre jüngeren Mozart verknüpft. Schon sein Eintritt in die Dienste des Erzbischofs im Jahre 1763 hatte mit dem jungen Salzburger Genius zu tun. Haydn wurde eingestellt, um den Vizekapellmeister der Hofkapelle, Leopold Mozart, zu vertreten, der mit seinem frühbegabten Sohn Wolfgang oft monatelang auf Konzertreisen war.  

Ein erstes Zusammenwirken zwischen Michael Haydn und Mozart ist für das Jahr 1767 belegt, als Mozart 11 Jahre alt war. Zusammen mit dem Salzburger Organisten Adelgasser komponierten sie ein geistliches Singspiel mit dem Titel „Die Schuldigkeit des ersten Gebotes“. Ab 1769 waren Mozart und Haydn dann gemeinsam in der Salzburger Hofkapelle tätig, wo sie die Konzertmeisterstellen inne hatten. Die altersungleichen Kollegen nahmen regen Anteil am kompositorischen Werk des jeweils anderen. Für Haydn ist vor allem der Aufbau der Messen des jungen Mozart zum Vorbild für seine eigenen Messen geworden. Mozart wiederum verfolgte Haydns umfangreiches kirchenmusikalisches Schaffen besonders unter stilistischen Gesichtspunkten. Der Kirchenmusiker Haydn hielt gegen den Zeitgeist, der sich dem   opernhaft-galanten Stil zugewandt hatte, die Kompositionsweise aufrecht, welche Abt Dominikus als den „wahren Kirchenstil“ bezeichnete. Er orientierte sich an den Meistern der Barockzeit und betonte insbesondere das kontrapunktische Element der Musik. Vor allem in der c-moll Messe und im Requiem hat sich Mozart dieses Stiles bedient.

Auch nachdem sich Mozart in Wien selbständig gemacht hatte, waren die beiden Musiker noch miteinander in Kontakt. 1783 etwa sprang Mozart dem geschätzten Kollegen bei der Erfüllung eines Kompositionsauftrages zur Hilfe, den dieser krankheitshalber nicht erfüllen konnte. Um einen drohenden Gehaltsentzug zu verhindern, schrieb Mozart, der gerade zu Besuch in Salzburg weilte, unter Verzicht auf die Autorenehre in aller Eile zwei (bedeutende) Duos für Violine und Viola, die Michael Haydn unter seinem Namen abliefern durfte. Dies ist um so erstaunlicher, als es sich bei dem Auftraggeber dieser Werke um eben den Erzbischof handelte, dessen tyrannischem Regiment Mozart zwei Jahre zuvor nach erheblichen Turbulenzen in Richtung Wien entronnen war. Wie nahe sich Mozart und Michael Haydn musikalisch standen, zeigt auch die Tatsache, daß man eine Symphonie Haydns lange Zeit für ein Werk Mozarts hielt (KV 444). Am Rande vermerkt sei noch, daß Michael Haydn später der Lehrer Carl Maria von Weber werden sollte, der der Cousin von Mozarts Ehefrau Constanze war.

Besonders deutlich aber wird die gegenseitige Befruchtung von Mozart und Michael Haydn in ihren Totenmessen. Das Requiem, welches Abt Dominikus in seinem Nachruf für Michael Haydn erwähnt, ist dessen zweites Requiem in B-Dur. Dieses Werk weist, wie E.T.A. Hoffmann schon im Jahre 1812 darlegte, nicht nur im Schicksal von Autor und Komposition Parallelen zum Requiem von Mozart auf. Auch musikalisch sind die beiden Werke verwandt. Mozarts Totenmesse wiederum ist in Anlage und Duktus sowie in vielen Details offensichtlich vom Haydns früherem Requiem in c-moll beeinflußt, das 1772 anläßlich des Todes ihres gemeinsamen Arbeitgebers Erzbischof Sigismund von Salzburg entstand. Dieses Werk gilt als eine der bedeutendsten Kompositionen Michael Haydns. Seine formale Besonderheit ist das Salzburger Trio, das heißt, daß die Bratschenstimme fehlt und der Baß thematisch wenig hervortritt, die beiden Geigenstimmen aber äußerst lebhaft geführt werden. Inhaltlich fällt eine Leidenschaftlichkeit der Trauer auf, die für Michael Haydn, der als dem Leben zugewandt beschrieben wird, eher ungewöhlich ist. Die Ursache hierfür liegt möglicherweise darin, daß Haydn bei der Abfassung des Werkes wohl noch unter dem Eindruck des frühen Todes seines einzigen Kindes im Jahre 1771 stand. Der Umstand, daß Mozart fast 20 Jahre später auf dieses Werk zurückgriff, zeigt, welch’ tiefen Eindruck die Musik Michael Haydns bei ihm hinterlassen hatte.

Angesichts der Unvollständigkeit des zweiten Requiems wurden, was Abt Dominikus nicht berichtete, bei den Totenfeiern für Michael Haydn neben dem zweiten und neben Mozarts Requiem auch Teile aus Haydns ersten Requiem aufgeführt. Wenige Jahre später sollte sich diese Konstellation bei ähnlichem Anlaß wiederholen. Beim Tod Joseph Haydns im Jahre 1809 wurde bei der internen Trauerfeier ebenfalls Michael Haydns Requiem in c-moll und beim offiziellen Trauerakt das Requiem von Mozart gespielt.

Karl Stamitz (1745-1801) – Konzert für Bratsche und Orchester

Karl Stamitz ist der Sohn des Begründers der Mannheimer Schule, Johann Stamitz. Er wuchs in der kurpfälzischen Metropole auf, wo ihm die führenden Musiker Cannabich, Holzbauer und Richter neben Geigen- und Bratschenspiel auch die „Mannerheimer Manieren“ beibrachten, darunter die Mannheimer Rakete – ein schnell aufsteigendes Motiv –  und die Mannheimer Walze – eine langes Orchestercrescendo. Acht Jahre war er dann 2. Violinist in der Mannheimer Hofkapelle, wobei er deren gesamtes Repertoire kennen lernte. Im Alter von 25 Jahren ging Stamitz als reisender Virtuose auf Wanderschaft. Unter anderem lebte er längere Zeit in Paris und London. Stamitz komponierte naturgemäß Solowerke für seine Instrumente, darunter das Bratschenkonzert, welches  zum Kernbestand der Literatur für dieses Instrument gehört. Darüber hinaus schrieb er aber auch Konzerte für alle möglichen anderen Instrumente, insgesamt rund 60 Solokonzerte und 30 Doppelkonzerte. Hinzu kommen 51 Symphonien und eine Menge Kammermusik. Stamitz’ Musik ist weitgehend dem empfindsam-galanten Stil der Mannheimer Schule verpflichtet. Sie ist eingängig und unkompliziert und verzichtet auf gelehrte Komplikationen. Schon zu seinen Lebzeiten waren seine stimmungsvollen langsamen Sätze berühmt. Dass dies es zu Recht der Fall war, zeigt der zweite Satz des Bratschenkonzertes.

 

1749 Georg Friedrich Händel (1685 – 1759) – Feuerwerksmusik

Im Oktober 1748 endete der Österreichische Erbfolgekrieg mit dem Frieden von Aachen. Da England daraus als erste Seemacht Europas hervorging, hatte man allen Grund zu Feiern. In London begannen daher Vorbereitungen für eine große Friedensfeier, in deren Zentrum ein gigantisches Feuerwerk stehen sollte. Händel, der mit dem „Dettinger Te Deum“ bereits im Jahre 1743 einen musikalischen Beitrag zur Feier eines Sieges der Engländer in diesem Krieg beigetragen hatte, wurde auch dieses Mal mit der Komposition der Festmusik beauftragt.

 Das Ganze ging nicht ohne Probleme vonstatten. König Georg II. wünschte ausdrücklich, daß das Orchester nur aus Kriegsinstrumenten, das heißt aus Bläsern und Schlagzeugern bestehen und daher keine „fidles“ enthalten sollte. Händel hingegen bestand auf einem Orchester mit Streichern und Bläsern. Über diese Frage gab es allerhand Diskussionen und hitzigen Schriftverkehr, in dem Händel von den Hofleuten als ziemlich stur und eingebildet dargestellt wird. Allen Befürchtungen zum Trotz gab der Komponist aber schließlich ein Stück weit nach. Er ließ die Feuerwerksmusik beim Festakt von 100 Bläsern ohne Streicher spielen, vermerkte aber danach in der Partitur, daß und an welcher Stelle Streicher einzusetzen seien.

 Ein zweiter Streitpunkt war die Frage einer öffentlichen Generalprobe. Händel war aus Gründen des  Überraschungseffektes strikt dagegen, daß man das Geheimnis der Musik schon vor dem eigentlichen Ereignis lüftete. Der Leiter der Vauxhall-Gärten hatte dem Organisator der Festveranstaltung, dem Herzog von Montagu, für den Festakt aber seine ganze kostspielige Illuminationstechnik einschließlich 30 Dienern zu deren Bedienung kostenlos für den Fall angeboten, daß die Generalprobe in seinen Gärten stattfinde. Händel ließ derart prosaische Gesichtspunkte, die den Verwaltungsmann natürlich überzeugten, zunächst nicht gelten. Daher erwog der Herzog von Montagu, der die Kosten des Ereignisses zu bestreiten hatte, bereits, Händel den Auftrag zu entziehen. Zu seinem Glück gab der Komponist schließlich auch hier nach. Die öffentliche Probe, die am 21. April 1749 stattfand, war für ihn ein weit größerer Erfolg als die Aufführung selbst. Zur Probe kamen über 12.000 begeisterte Zuhörer, die, wie das „Gentlemen Magazine“ anschließend berichtete, einen so gewaltigen Verkehrsstau verursachten, daß drei Stunden lang keine Kutsche über die London Bridge kam.

 Das große Ereignis fand schließlich am 27. April 1749 statt. Zu diesem Zweck hatte man im Green Park in monatelanger Arbeit eine riesige palladianeske Festarchitektur errichtet. Die hölzerne Konstruktion von 140 m Länge und über 30 m Höhe, die eine Plattform für das Orchester und die Zurüstungen für das Feuerwerk trug, bestand aus einem Triumphbogen und flankierenden Kolonnaden und war mit Statuen und allerhand symbolischen Reliefs geschmückt. Der Abend verlief, wie gesagt, für Händel eher enttäuschend. Denn anders als bei der Generalprobe, als er ganz im Mittelpunkt stand, ging sein Beitrag im allgemeinen Getümmel weitgehend unter. Hinzu kam, daß das Feuerwerk und die Illumination offenbar nicht richtig klappten und ein Teil der Festarchitektur in Flammen aufging. Frustriert über die für ihn ungewohnte Nebenrolle spielte Händel die Feuerwerksmusik daher bereits einen Monat später wieder bei einem Wohltätigkeitskonzert, diesmal ohne „störendes“ Feuerwerk und ohne Zweifel mit Streichern, um die delikaten Klangkontraste zu erzielen, die das Werk kennzeichnen.