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1929-1936 Dimitri Schostakowitsch (1906 -1975) 1. Ballett-Suite

Film und Bühne waren in der jungen Sowjetunion wichtige Instrumente zur Erziehung eines sozialistischen Menschen. Daher war auch auch der junge Schostakowitsch, der die Ziele des neuen Staates mit der Muttermilch aufgenommen hatte, immer wieder mit Musik für diese Zwecke befaßt. Schon als Konservatoriumsstudent bestritt er seinen Lebensunterhalt weitgehend aus den Einkünften, die er durch die Begleitung von progandistischen Stummfilmen auf dem Klavier erzielte. Gegenüber seinem Kompositionslehrer Alexander Glasunov erklärte er seine Müdigkeit im Unterricht einmal damit, er sei durch das stundenlange Improvisieren im Kino abends so erregt, dass er erst in den Morgenstunden zur Ruhe komme. Auf die Erfahrungen aus dieser Tätigkeit griff Schostakowitsch zurück, als er ab Ende der 20-er Jahre vermehrt Aufträge zur Komposition von Film- und Bühnenmusiken erhielt. In den Jahren 1929 bis 1935 entstand dabei unter anderem die Musik zu den drei abendfüllenden Balletten „Das goldene Zeitalter“, „Der Bolzen“ und „Der helle Bach“. Allen drei Werken lagen einfach gestrickte Libretti mit erzieherischer Tendenz zu Grunde. Im ersten werden die Erlebnisse einer faschistischen und einer sozialistischen Fußballmannschaft in einer westlichen Stadt geschildert. Gegenstand des zweiten ist Sabotage durch antisozialistische Kräfte in einem Industriebetrieb. Im letzten geht es um das (heitere) Leben auf einer Kolchose.

 

Seiner damaligen Vorliebe entsprechend wählte Schostakowitsch für die Ballette eine Musik, die von traditionellen Formen ausging, aber in parodistischer Absicht teilweise bis ins Groteske verfremdet wurde. Dies stieß bei der stalinistischen Kulturbürokratie auf wenig Verständnis. Schon bei den beiden ersten Balletten mußte sich der Komponist die Kritik gefallen lassen, sich in dekadenten und unsozialistischen Spielereien zu verlieren und gegenüber dem Anliegen der Werke gleichgültig zu sein. Die Folge war, dass die Stücke, die vor dem Erscheinen der Kritiken beim Publikum durchaus ankamen, bald abgesetzt wurden. Beim dritten Ballett schließlich wurde es ernster. Im Jahre 1936 nahm die Prawda den „Hellen Bach“ aufs Korn und warf Schostakowitsch mangelnde Nähe zum arbeitenden Volk und seiner Musik vor. Die Musik des Balletts, so hieß es, sei aus der arroganten Perspektive eines Städters geschrieben, der das Leben auf einer Kolchose weder kenne noch ernst nehme. Damit wurde „Der helle Bach“ einer der Aufhänger für das erste „Scherbengericht“ gegen Schostakowitsch. In den anschließenden Diskussionen, die der Komponistenverband veranstaltete, mußte Schostakowitsch erleben, dass sich seine Förderer und Anhänger von ihm distanzierten und sich ängstlich der verspäteten Einsicht in die mangelnde gesellschaftliche Tauglichkeit seiner Musik anklagten. Auch bei der zweiten großen Attacke gegen Schostakowitsch im Jahre 1948 wurde gegen die Ballette gewettert. Seinerzeit hieß es, in diesen Werken fänden sich die sattsam bekannten urbanistischen Grimassen und die Ignoranz gegenüber dem Volksmelos. Schostakowitsch versuche das Publikum dadurch für sich einzunehmen, dasser die Stücke mit Instrumentationseffekten aus der Schlager- und Unterhaltungsmusik drapiere, was zu einer Gassenhauer-Ästhetik führe. Das Volk habe aber mehr Geschmack bewiesen als der Komponist und habe den Stücken eine Abfuhr erteilt.

 

Merkwürdigerweise taucht eben diese Musik dann aber kurz darauf in den vier Ballett-Suiten wieder auf, die Schostakowitschs Freund Atowmjan in den Jahren 1948 bis 1953 im wesentlichen aus den genannten drei Balletten zusammenstellte. Befreit von ihrem ideologischen Kontext haben sie so das Eigenleben entwickeln können, welches die Werke des großen russischen Komponisten inzwischen generell gewonnen haben.

Weitere Texte zu Werken von Schostakowitsch und von rd. 70 anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

 

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1919 Igor Strawinski (1882 – 1971) – Pulcinella Suite

Die in den Jahren 1919/1920 komponierte Musik zum Ballett „Pulcinella“ (die Orchestersuite daraus wurde 1922 geschrieben) entstand auf Anregung von Diaghilew, dem Direktor der berühmten „Ballets Russes“ in Paris und Monte Carlo. Dem Ballett liegt der neapolitanische Schwank „Der vierfache Pulcinella“ vom Anfang des 18. Jahrhunderts zu Grunde. Es erzählt im Stile der Commedia dell’Arte das Schicksal des langnasigen Pulcinella, einem „Vetter“ Harlekins, von dem einige Neapolitanerinnen so angetan sind, daß sie andere Bewerber um ihre Gunst vernachlässigen. Eifersüchtig versuchen diese den Konkurrenten beiseite zu schaffen, können ihn aber nicht recht fassen. Dies führt zu einem traumartigen Verwirrspiel mit allerhand tragik-komischen Verwicklungen, darunter einer Vervierfachung des Hauptakteures, die sich nach einem wilden Tarantellatanz in einem triumphalem Happy-end auflösen. Die Uraufführung des Balletts, das Picasso ausstattete, fand 1920 in Paris statt.

Das Werk kostete Strawinsky einige Freunde und versöhnte manchen Feind. Bei den Hütern des Musikerbes aber sorgte es für Verwirrung. Strawinski galt seinerzeit als Bürgerschreck, der die Fundamente der Musiktradition in Frage zu stellen schien. Zur Verwunderung der Musikwelt kehrte der skandalumwitterte Avantgardist mit Pulcinella seinen Blick aber auf einmal liebevoll in die Vergangenheit. Der Flirt mit der Tradition, den er – zu seinem eigenen Erstaunen – als Blick in den Spiegel erkannte, sollte Folgen haben. Pulcinella markiert den Beginn einer ganzen Reihe von „Liebesverhältnissen“ Strawinskis mit alten Meistern, eine Schaffenszeit, die man seine „neoklassizistische Periode“ zu nennen pflegt.

Das erste dieser „Verhältnisse“ hatte Strawinski mit dem frühverstorbenen italienischen Barockmeister Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736), dessen Musik die eine Hälfte des musikalischen Erbgutes von „Pulcinella“ abgibt. Mit dem neapolitanischen Komponisten hatte ihn Diaghilev bekannt gemacht, der Pergolesi-Manuskripte bzw. solche, die unter diesem Namen liefen, sammelte. Trotz des unverkennbaren „mütterlichen“ Erbteiles ist Strawinskis Vaterschaft an dem gemeinsamen Kind aber nicht zu überhören. Die alte Musik hat allerhand Abenteuer zu bestehen, die den Avantgardisten immer wieder durchscheinen lassen. Dazu gehören Dehnungen, Kürzungen, Rückungen und Kadenzschärfungen, polyrhythmische und artikulatorische Überlagerungen sowie überraschende Übergänge und Exkurse bis in die Militärmusik und den Jazz.

Die Reaktion der Zeitgenossen auf die neuerliche Eskapade des Komponisten war, wie gesagt, zwiespältig. Die Avantgardisten beklagten die Fahnenflucht, die Hüter des Musikerbes sprachen von Vergewaltigung, alte und neue Freunde aber von einer „sorgfältig geplanten, erfolgreich durchgeführten und vollständig ausgekosteten Verführung“. Strawinski selbst war sich über den Charakter seiner Eroberung auch nicht ganz im Klaren. Auf die Frage, was er von der Musik Pergolesis halte, antwortete er unter Anspielung auf die zahlreichen Fälschungen, die unter diesem Namen existieren: „Pulcinella ist das einzige Werk, was ich von ihm gern habe“.