Schlagwort-Archive: Musikgeschichte

Antonio Vivaldi (1680 – 1741) Gloria R.V. 589 für Chor Soli und Orchester

Der Venezianer Vivaldi, von Haus aus Priester, aber den Dingen des Lebens mehr zugewandt, als bei diesem Beruf gewöhnlich erwartet, war zu seiner Zeit in ganz Europa bekannt. In seiner Musik spiegelt sich das besondere Barock seiner zauberhaften Heimatstadt. Der „rote Priester“, wie er wegen seiner Haarfarbe genannt wurde, war der kongeniale musikalische Kolorist und Illustrator der überreichen venezianischen Version dieser ohnehin schon opulent-verspielten Epoche. 

Vivaldi war „maestro di violino“ und zeitweilig führender Angestellter am Ospedale della Pietà, jener merkwürdigen Mischung von Waisenhaus und Konservatorium, mit der die Stadt, die ja mit ihrer Insellage schon eine außerordentlich originelle Lösung für ihre Sicherheitsprobleme aufwies, auch eine sehr kreative, nämlich musikalische, Lösung für ein nicht unerhebliches soziales Problem gefunden hatte. In der venezianischen Gesellschaft gab es, nicht zuletzt weil man die Aufsplitterung der großen Familienvermögen durch Mitgiftzahlungen fürchtete, einen erheblichen „Überschuss“ an zu versorgenden Mädchen. Man brachte die Mädchen, deren Zahl sich zeitweise auf bis zu 6.000 belief, daher in vier Ospedali unter, die sich weitgehend durch einen regen Konzertbetrieb finanzierten. In diesen Instituten, die auf qualitätssteigernde Weise miteinander konkurrierten, wurde, wie nicht zuletzt Vivaldis Musik zeigt, auf sehr hohem Niveau musiziert. Der größte Teil von Vivaldis fast unübersehbarem Instrumentalwerk ist für diese Zwecke geschrieben worden. Dass er daneben auch noch Zeit fand, Dutzende von Opern zu komponieren und zugleich als Impressario auf die Bühne zu bringen, zeigt welch überragende Rolle Vivaldi im boomenden Musikleben der Stadt spielte. Gegen Ende seines Lebens galt der gefeierte Meister allerdings als unmodern und wurde in seiner Heimatstadt immer weniger zur Kenntnis genommen. 1740, im Alter von 62 Jahren, reiste er daher mit Mitteln, die er sich durch den Verkauf von Partituren mühsam beschaffen musste, nach Wien, in der Hoffnung, dort eine Anstellung zu finden. Dazu sollte es jedoch nicht kommen. Vivaldi starb 1741 verarmt in der Kaiserstadt und wurde, wie genau 50 Jahre später Mozart, in einem Massengrab beerdigt.

 

Nach seinem Tod geriet Vivaldi gänzlich in Vergessenheit. Ursache hierfür war neben dem Epochenwechsel nicht zuletzt die Tatsache, dass er nur wenige Werke für den Druck frei gab. Vivaldi, der unter anderem auch das Geld liebte, hatte sich nämlich ausgerechnet, dass beim Verkauf handkopierter Noten an einzelne wohlhabende Musikliebhaber mehr zu verdienen war, als durch Drucke, von denen man dazu noch leicht Raubkopien herstellen konnte. Wer ein Werk von ihm haben wollte, musste daher bei ihm persönlich vorstellig werden. Tatsächlich machte Vivaldi auf diese Weise eine Zeit lang glänzende Geschäfte. Die Kehrseite der Medaille war aber, dass viele seiner Werke in Privatbibliotheken verschwanden.

 

Die Wiederentdeckung Vivaldis begann zaghaft in der zweiten Hälfte des 19. Jh. über die Bachforschung, da Johann Sebastian Bach u.a. diverse Konzerte von ihm übertragen hatte. Man konzedierte dem Italiener, dass er einer der Komponisten gewesen sei, für die sich Bach interessierte und dass er einen gewissen, wenn auch nicht allzu großen Einfluss auf dessen Instrumentalmusik gehabt habe. Der Durchbruch kam dann in den 20-er Jahren des letzten Jahrhunderts als man in der Bibliothek eines piemontesischen Klosters nach geradezu kriminalistischen Recherchen auch auf die andere Hälfte eines riesigen Bestandes an Handschriften Vivaldis stieß. Er stammte aus dem Nachlass des mäzenatischen Genueser Grafen Durazzo, der u.a. auch den jungen Mozart protegiert hatte. Dieser muss Mitte des 18. Jh. große Teile des Bestandes des Ospedale della Pietà an Werken Vivaldis aufgekauft haben. In der Folge dieses Schatzfundes, der inzwischen in der Turiner Nationalbibliothek aufbewahrt wird, steigerte sich die Wertschätzung für den venezianischen Meister schließlich zu einem wahren Vivaldi-Rausch, der durch neue Funde in diversen Bibliotheken immer wieder belebt wurde.

 

Die Aufmerksamkeit richtete sich aber zunächst mehr auf Vivaldis Instrumentalwerk. In dem Turiner Konvolut fand man allerdings auch eine ganze Reihe von kirchenmusikalischen Kompositionen, womit sich eine weitere bis dato weitgehend unbekannte Facette Vivaldis zeigte. Insgesamt wurden inzwischen rund 60 Werke dieser Art bekannt, die wahrscheinlich aber auch nur einen Teil seines Schaffens auf diesem Felde dokumentieren. Die Kompositionen sind im Wesentlichen wohl auch im Zusammenhang mit Vivaldis Tätigkeit für das Ospedale della Pietà entstanden. Sie scheinen allerdings ebenfalls nördlich der Alpen verbreitet gewesen zu sein und haben, wie man zunehmend erkennt, offensichtlich auch das kirchenmusikalische Schaffen Bachs beeinflusst. Dieser hat möglicherweise über Dresden, wo Vivaldi sehr geschätzt wurde, Kenntnis von diesem Aspekt des Italieners bekommen. Das erweist sich nicht zuletzt beim Gloria in D, das nach über 200 Jahren Vergessenheit erstmals wieder 1939 in Siena aufgeführt wurde und sich seitdem großer Beliebtheit erfreut. Es hat in seinem kantatenartigen Aufbau und seiner sonstigen Faktur viele Gemeinsamkeiten mit etwa dem Gloria aus Bachs h-moll Messe.

Weitere Texte zu Werken von rd. 70 anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

Vor 1713 Arcangelo Corelli (1653 – 1713) Concerto grosso Op. 6 Nr.8 (Weihnachtskonzert)

Kaum eine Musik entspricht unserer Vorstellung von Weihnachten so sehr, wie die des 8. Konzertes aus den 12 Concerti grossi Op. 6 von Corelli. Die Komposition, die den Untertitel „fatto per la notte di natale“ trägt, trifft genau die Stimmung heiterer Besinnlichkeit, die man in unseren Breiten mit diesem Fest verbindet. Neben dem Weihnachtsoratorium von Bach ist es denn auch eines der populärsten Werke der klassischen Musik für diesen Anlass.

Das Stück ist ein besonders markantes Beispiel für die Kompositionshaltung, die dem Gesamtwerk dieses Musikers zu Grunde liegt. Corelli hinterließ ein verhältnismäßig schmales Gesamtwerk, das dazu ausschließlich für Streicher (mit Continuo-Cembalo) geschrieben ist. Es handelt sich im Wesentlichen um 6 Sammlungen mit je 12 Werken, von denen die ersten vier Triosonaten, die fünfte Violinsonaten und die sechste Concerti grossi enthalten. Jedes dieser Werke zeichnet sich durch außerordentliche Genauigkeit in Stil und Verarbeitung aus. Corelli soll daran mit unendlicher Sorgfalt so lange gearbeitet haben, bis die Form vollständig schlüssig war und er die Stimmung getroffen hatte, die er ausdrücken wollte. Ähnlich wie sein pianistisches Pendant Chopin – auch er feilte an seinen Stücken bis zur Perfektion und beschränkte sich auf ein Instrument – hat Corelli in exemplarischer Weise den Stil seiner Epoche zugleich getroffen und geprägt.

 

Corelli, über dessen erste Lebensjahrzehnte wenig bekannt ist, erhielt seine musikalische Prägung in Bologna und wirkte, wiewohl Legenden über Aufenthalte in Paris und Deutschland, vor allem am bayrischen Hofe, berichten, ab seinem 22. Lebensjahr wohl nur noch in Rom. In der päpstlichen Hauptstadt bewegte er sich in Kreisen kirchlicher und aristokratischer Kunstliebhaber, die ihn schon bald in ihre Musenkreise aufnahmen und in ihren Palästen wohnen ließen. Im Laufe der Zeit wurde er zu einer der zentralen Figuren im überquellenden kulturellen Leben des barocken Rom. Seine Concerti grossi wurden mit bis zu 150 Spielern etwa im Palazzo Riario aufgeführt, wo sich die Mitglieder der Academia dei Lincei, eine Gesellschaft von naturwissenschaftlich Interessierten, zu der schon Galilei gehörte, um die kunstsinnige konvertierte Königin Christine von Schweden trafen. Corellis französisch-deutscher Kollege und Altersgenosse Georg Muffat schrieb, dass er dort „etliche… schön und mit großer Anzahl Instrumentalisten auffs genaueste produzierten Concerten vom Kunstreichen Hrn. Arcangelo Corelli mit großem Lust und Wunder gehört habe.“ Später war Corelli „Maestro di Musica“ des Kardinals Panfili und Freund des jugendlichen Kardinals Ottoboni, des Neffen von Papst Alexander VIII, dem offenbar unbegrenzte Mittel zur Veranstaltung opulenter Feste zur Verfügung standen. Für beide arbeitete auch Händel, wobei Corelli im Orchester mitspielte. Corelli war auch Mitglied der „Accademia degli Arcadi“, einem Kreis von Künstlern, Literaten und Kunstfreunden, die inmitten der Mirabilien der ewigen Stadt einer elegisch-idealisierten Antike nachlebten, wie man sie etwa in den wohlkomponierten Bildern der klassizistischen Barockmaler Claude Lorrain oder Nicolas Poussin darstellt findet. Corelli, der selbst eine beachtliche Gemäldesammlung zusammentrug, in der sich auch ein Bild von Poussin befand, brachte mit seiner gut gebauten und tiefsinnigen aber doch heiteren Musik, die ganz auf Schaueffekte und artistische Komplikationen verzichtete, das Lebensgefühl der kunsttrunkenen Gesellschaft des damaligen Rom zum Ausdruck. Diese wiederum dankte es ihm damit, dass sie ihn als den besten Komponisten für Instrumentalmusik feierte. Als Corelli im Alter von 60 Jahren unter Hinterlassen eines beträchtlichen Vermögens starb, setzte man ihn denn auch im Pantheon, einem der perfektesten Gebäude der Antike, bei, wo bis dato nur „Götter“ der Architektur und der bildenden Kunst wie Raphael ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Posthum wurde ihm übrigens in Deutschland der Titel eines „Marchione de Ladenburg“ vom Kurfürsten Wilhelm von der Pfalz verliehen, dem Corelli noch kurz vor seinem Tod sein Op. 6 und damit auch das Weihnachtskonzert gewidmet hatte.

 

Wie in allen seinen Concerti grossi stellt Corelli im Weihnachtskonzert dem Orchester ein solistisches „Concertino“ aus zwei Violinen und Violoncello gegenüber, das sich aus dem Tutti heraus immer wieder verselbständigt ohne jedoch im eigentlichen Sinne mit ihm zu konzertieren. Die Grundstruktur des Werkes mit vier alternierend langsamen und schnellen Sätzen entspricht der Form der Kirchensonate. Sie wird allerdings durch Tempowechsel und verschiedene Einschübe, nicht zuletzt den Wechsel zwischen Tutti und Soli, lebhaft variiert. Diese Form des „Concerto grosso“ hat Corelli mit seinen beispielhaften Werken wesentlich mitgeprägt. Er ist damit zum Vorbild für viele Zeitgenossen und Nachfolger in ganz Europa, nicht zuletzt Händel geworden. Die berühmte Pastorale am Schluss des Werkes, die mit ihrem wiegenden Siziliano-Rhythmus in besonderem Maße das verkörpert, was wir unter weihnachtlicher Stimmung verstehen, fällt aus der Struktur des Concerto grosso heraus. Sie ist, um das Werk auch bei anderen als weihnachtlichen Gelegenheiten spielen zu können, daher mit „ad libitum“ (nach Belieben) bezeichnet.

 

Weitere Texte zu Werken von rd. 70 anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1736 Georg Friedrich Händel (1685-1759) Harfenkonzert (Op. 4 Nr. 6)

Händel schrieb seine Instrumentalmusik nicht selten als Einlage für seine musikdramatischen Werke (zu denen in gewissem Sinne auch seine Oratorien zu zählen sind). Das Konzert für Harfe und Orchester etwa ist 1736 als Harfeneinlage für das Oratorium „Das Alexanderfest“ entstanden, wo es zur Illustration des Gesanges des griechischen Sängers Timotheus diente. Das Harfenkonzert ist eines der wenigen Konzerte für dieses Instrument, welches uns von einem der ganz großen Komponisten hinterlassen wurde. Dem entsprechend wird es von den Harfenistinnen – Männer beschäftigen sich merkwürdigerweise kaum mit diesem prächtigen Instrument – besonders geliebt.

Da Händel nicht zuletzt auch Musikunternehmer und daher an der möglichst breiten Vermarktung seiner Werke interessiert war, veröffentlichte er das Harfenkonzert später auch in einer Fassung für Orgel. Es ist das letzte seiner ersten sechs Orgelkonzerte (Op.4), die 1738 erschienen. Die Ausgabe von 1738 enthält den merkwürdigen Hinweis, daß sie von Händels eigenen Exemplar gedruckt und von ihm selbst durchgesehen sei. Hintergrund dieses Vermerkes war, daß Händel ein Raubdrucker zuvorgekommen war, der entweder Fehler gemacht hatte oder dem man, um vom Kauf des Raubdruckes abzuschrecken, Fehler unterstellte.

Die Orgelkonzerte sind unkomplizierte und höchst eingängige Musikstücke ohne polyphone „Verhäkelungen“ und – merkwürdigerweise – ohne Einsatz des Pedals. Händel selbst spielte sie in Kirchenkonzerten, zu denen das bürgerliche Publikum in Massen strömte. Allerdings präsentierte er sie keineswegs so „einfach“, wie es der Notentext nahezulegen scheint.  Eine „Originalaufnahme“ aus der Mitte des 18. Jh., die kürzlich gefunden wurde, zeigt, dass Händel die Konzerte mit unzähligen Verzierungen vorgetragen hat. Bei dem Tonträger handelt es sich um eine Walze für einen Spielautomaten, auf der drei Orgelkonzerte „eingespielt“ sind. In den langsamen Sätzen ist dabei beinahe jede Note mit einem Ornament versehen. Auch in den schnellen Sätzen finden sich viele schmückende oder variierende Einschübe. Da die Einspielung von Händels langjährigem Mitarbeiter John Christopher Smith stammt, der selbst im Stile seines Meisters komponierte, kann man davon ausgehen, dass seine Interpretation der Spielweise Händels entspricht. Dass insbesondere die frühe Barockzeit eine ausgefeilte musikalische Ornamentik kannte, ist keine Neuigkeit. Dass davon aber in einer so außerordentlich verschwenderischen Weise Gebrauch gemacht wurde, war für die Fachwelt eine Überraschung. Wer allerdings das Barock insgesamt im Blick hatte, fragte sich schon immer, wie die ornamentalen Exuberanzen der barocken (Innen)Architektur, die sich im Rokoko geradezu zum horror vacui steigerten, und die eher schlanke Struktur der (wie gedruckt gespielten) barocken Musik miteinander in Einklang zu bringen waren.

Weitere Texte zu Werken von Händel und  rd. 70 anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1896 Edward Grieg (1843 – 1907) Hochzeitstag auf Troldhaugen

In Jahre 1884 fasste Grieg, der bis dahin zwischen Bergen, Oslo und Kopenhagen gependelt hatte, den Entschluß, sich in Bergen, wo er geboren und aufgewachsen war, einen festeren Wohnsitz zu verschaffen. Er folgte damit dem Vorbild seines Entdeckers und Mentors Ole Bull, der seinen Lebensmittelpunkt nach einem unsteten Leben als Geigenstar, Mäzen und politischer Phantast einige Jahre zuvor ebenfalls nach Bergen gelegt hatte. Bull hatte sich, seiner exzentrischen Persönlichkeit entsprechend, auf der Insel Lysoen in beherrschender Lage eine große Villa erstellt, in der er ohne Rücksicht auf die unpratentiösen Konventionen seiner Heimat, der er an sich tief verbunden war, alle möglichen Baustile zusammenführte, denen er im Rahmen seiner Weltkarriere begegnet war. Das Ergebnis war eine etwas bizarre „nordische Alhambra“ mit maurischen, russischen, jüdischen und allerlei sonstigen Stilanklängen. Grieg hingegen baute sich eines jener leicht verspielten hölzernen Landhäuser, die in der norwegischen Bürgerschicht – noch heute – beliebt sind. Der Bauplatz war, den außerordentlichen landschaftlichen Gegebenheiten Bergens gemäß, perfekt. Man platzierte das Haus auf eine kleine Anhöhe am Ende eines Landvorsprunges im buchten- und inselreichen Nordas See. So konnte man durch den parkartigen Garten von drei Seiten auf die zauberhafte Seenlandschaft blicken, die im Übrigen auch von einem Turmgeschoß im Rundblick zu bewundern war. Das Innere des idyllischen Häuschens bestand im Wesentlichen aus einem größeren, salonartigen, mit Gemälden und Nippes ausstaffierten Wohnzimmer, welches von einem Flügel beherrscht wurde. Grieg nannte das Anwesen, das nur als Sommerhaus diente, Troldhaugen, was so viel wie Hügel der Trolle heißt.

Die Villa Troldhaugen, die, wie Bulls „Alhambra“, heute noch unverändert existiert, entspricht ganz dem Bild vom bürgerlichen Idylliker, das man sich lange Zeit von Grieg machte. Am Zustandekommen dieses Künstlerbildes waren vor allem die „Lyrischen Stücke“ für Klavier beteiligt, die der Norweger zur Freunde seiner begeisterten, über ganz Europa und Amerika verbreiteten Anhängerschaft in großer Zahl komponierte. Der Erfolg dieser intimen pianistischen Genreminiaturen, die der bürgerliche Amateur technisch gut bewältigen konnte, beruhte nicht zuletzt darauf, daß man sich beim Spielen und Hören gewissermaßen in die Wohnstube des Komponisten und damit nach Troldhaugen versetzt fühlen konnte. Die Nachfrage danach war so groß, daß Griegs Verleger in die zehn Hefte, die davon nach und nach herauskamen, schließlich auch alle möglichen kleineren Werke gemütvollen Inhaltes aus Griegs musikalischer Feder packte. Dazu gehört unter anderem „Hochzeitstag auf Troldhaugen“, das 1896 im achten Band der „Lyrischen Stücke“ (Op. 65) und später auch in Orchesterfassung erschien. Die Komposition war ursprünglich überhaupt nicht zur Veröffentlichung vorgesehen und hatte weder mit Troldhaugen noch mit einer Hochzeit zu tun, von der auf Troldhaugen ohnehin keine stattfand. Es handelte sich vielmehr um ein Gelegenheitswerk, welches Grieg anlässlich des 50. Geburtstages von Nancy Giertsen, einer nahen Freundin seiner Familie, komponierte und das später auf sein Intimitätsimage „umfrisiert“ wurde.

Grieg selbst war nicht sonderlich zufrieden mit dem Image des musikalischen Idyllikers und den daraus resultierenden Produktionsanforderungen, wiewohl dies sicherlich die Finanzierung seiner Villa erleichterte. Er hätte wohl lieber das Ansehen des Beherrschers der größeren musikalischen Form gehabt, eines Künstlers, der gewichtigere Probleme aufwirft; wahrscheinlich auch ein wenig vom Ruf einer schrägen Künstlernatur eines Ole Bull. In einem Brief aus dem Jahre 1896 nannte er die Notwendigkeit, lyrische Stücke zu schreiben, eine „infame Krankheit“ und beklagte: „Das was ich komponieren will, wird (dadurch) nicht komponiert und was ich nicht komponieren will, wird komponiert.“ Besonders „infam“ mochte ihm dabei erscheinen, daß kein Werk sein öffentliches Erscheinungsbild mehr bestimmte als das ewig wohlgelaunte „Hochzeitstag auf Troldhaugen“, zumal er sich bei diesem Stück, dessen ursprünglichem Zweck entsprechend, einige kompositorische Plattheiten geleistet hatte. Ganz abgesehen davon dürften die Tage ungetrübter Laune auf Troldhaugen, das nun einmal in Europas Regenhauptstadt liegt, für den notorisch kränkelnden Grieg selbst im Sommer eher die Ausnahme gewesen sein.

Weitere Texte zu Werken von Grieg und rd. 70 anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

vor 1795 Franz Vinzenz Krommer (1760 – 1831) Oktettpartita B-Dur

Krommer ist heute meist nur noch Spezialisten bekannt. Er wuchs im Tschechischen auf und wurde durch seinen Onkel, einem Kirchenmusiker, in die Anfangsgründe der Musik eingewiesen. Bei ihm lernte er auch das Geigen- und Orgelspiel. Gleichzeitig bildete er seine schöpferischen Fähigkeiten autodidaktisch an den Werken Haydns und Mozarts. Seine frühen Berufsjahre verbrachte er als Geiger und Organist in adeligen und kirchlichen Diensten in Wien und Ungarn. Ab 1795 lebte er als mehr oder weniger freier Musikschaffender im Umkreis der österreichischen Hauptstadt, wo er sich in der Vielzahl der Bewerber um musikalische Meriten sehr gut zu behaupten wusste.

 

Tatsächlich hatte Krommer zu seinen Lebzeiten einen großen Namen. So berichtete Paganini im Jahre 1816 stolz, dass  er mit dem berühmten Krommer Quartett gespielt habe, als dieser in seiner Eigenschaft als kaiserlicher Kammertürhüter Kaiser Franz I nach Mailand begleitete. Später wurde ihm als letztem das Amt des kaiserlichen Kammermusikdirektors und Hofkomponisten übertragen. Beethoven sah Krommer als ernsthaften Rivalen an, was möglicherweise der Grund dafür war, dass  er sich ablehnend über ihn äußerte. Unter Berufung auf Beethovens Meinung sowie eine zurückhaltende Äußerung Schuberts hat man ihn später als hausbacken und als philiströsen Vielschreiber bezeichnet, einen Ruf den er bis heute nicht ganz losgeworden ist.

 

Das Urteil der Zeitgenossen war, sieht man von den genannten Wiener Konkurrenten ab, wesentlich günstiger. Von Krommers Werken heißt es, sie hätten „an Reichtum ungeborgter Ideen, Witz, Feuer, neuen harmonischen Wendungen und frappanten Modulationen inneren Gehalt genug, um die Aufmerksamkeit der Liebhaber auf sich zu ziehen.“ Man rühmte im Übrigen seine Fähigkeiten im fugierten Stil.

 

Krommers Kompositionen sind in der Tat Legion, was allerdings, wie das Beispiel Haydns zeigt, nicht notwendig ein Argument gegen ihn ist. Außer für Klavier Solo schrieb er für alle Gattungen der Instrumentalmusik. Lange Zeit galt er neben Haydn als führender Komponist von Streichquartetten (mit 70 Kompositionen hinterließ er nicht weniger Werke dieser Gattung als Haydn, der gemeinhin als der fruchtbarste Meister auf diesem Gebiet gilt). Zu Krommers besten Werken gehören aber seine Kompositionen für Bläser. Neben Solokonzerten und Kammermusik schrieb er nicht zuletzt Werke für Feste und Gartenmusiken. Darunter sind eine ganze Reihe von „Parthien und Harmoniemusiken“ für acht Bläser. Sie sind wohl zum großen Teil in den Jahren 1793 bis 1795 entstanden, als Krommer beim Prinzen Grassalkowitsch de Gyarak, angestellt war, einem ungarischen Adeligen und „großen Liebhaber von Blasmusiken“, dem auch Haydn und Pleyel viele ihrer Werke für Bläser widmeten. Es handelt sich dabei um wohlgebaute, klangstarke Werke, die durchaus die Qualitäten haben, welche ihnen die Zeitgenossen, wie oben erwähnt, schon zu Lebzeiten ihres Schöpfers attestierten.

1785 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur (KV 467)

 

Nur vier Wochen nach dem Konzert Nr. 20 entstand Mozarts Konzert in C-Dur. Die Fertigstellung notierte er für den 9. März 1785. Aufgeführt wurde es bereits am folgenden Tag. In der Ankündigung hierzu heißt es: „Donnerstag den 10. März 1785 wird Hr. Kapellmeister Mozart die Ehre haben, in dem k.k. National-Hof-Theater eine große musikalische Akademie zu seinem Vortheile zu geben, wobei er nicht nur ein neues, erst verfertigtes Forte piano-Konzert spielen, sondern auch ein besonders großes Forte piano Pedal beym Phantasieren gebrauchen wird.“ Mozarts Vater war bei der Aufführung anwesend und war ganz gerührt von dem Werk und der Aufnahme, die es beim Publikum fand.

 

In dem Bestreben, das Klavierkonzert formal der Symphonie anzunähern, entwickelt Mozart im Kopfsatz dieses Konzertes, der mit "Allegro maestoso" überschrieben ist,  eine besonders komplexe Struktur. Schon die Exposition ist weit ausgreifend und vielfältig. Das Hauptthema ist von majestischer Schlichtheit und wird mehrfach wiederholt.  Das Klavier schaltet sich ohne besondere Vorbereitung mitten im Geschehen ein, scheint zunächst eigene Wege zu gehen, wird dann aber in die Gesamtstruktur eingebaut. Nachdem das musikalische Material breit eingeführt ist, wird es nach allen Regeln der Kunst, die Mozart aber dabei weitgehend überhaupt erst aufstellt, durchgespielt – orchestral, kammermusikalisch und schließlich kontrapunktisch. Kritiker haben bei diesem Satz die Virtousität Mozarts im Umgang mit großen Massen hervorgehoben und das Konzert in die Nähe der Jupitersymphonie gerückt, die drei Jahre später entstand. Der Mittelsatz ist eines jener Klang- und Stimmungswunder, die Mozart über alle seine Zeitgenossen herausheben. Mit der bitter-süßen Melancholie seiner scheinbar endlosen Melodie ist er eines von Mozarts eindrucksvollsten Stücken überhaupt, was mittlerweile freilich auch die „Zweitverwerter“ aus Werbung, Film und Klassik-Kuschelsendern angezogen hat. Dabei hat gerade dieser Satz mit der raffinierten Verschleierung seiner unterschwelligen Asymmetrie eine sehr anspruchsvolle Struktur. Auch der brillante Schlusssatz, in dem Mozart, wie schon im ersten Satz, seiner Spielfreude am Klavier in fein ausgesponnener Ornamentik freien Lauf lässt, ist nicht bloß ein leutseliges Rondo, das schönes Bekanntes immer wieder bringt. Mozart versucht hier mittels eines zweiten Themas die Form des Rondos mit der des Sonatenhauptsatzes zusammenzuführen.

Weitere Texte zu Werken Mozarts und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

 

1785 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) Klavierkonzert Nr. 20 d-moll, KV 466

 

Mozart schrieb in den drei Jahren nach seiner Übersiedlung nach Wien im Jahre 1781 12 Klavierkonzerte. Er beschränkte sich dabei aber auf nicht darauf, dem Publikum das zu bieten, was es kannte und daher leichten Erfolg versprach. Seine Kompositionsstube war in dieser Zeit so etwas wie ein Laboratorium zur Entwicklung der optimalen Form des Klavierkonzertes. Diese Entwicklung war erst einige Jahrzehnte zuvor von Johann Sebastian Bach in Gang gesetzt und nicht zuletzt durch seine Söhne fortgeführt worden. Vor allem Johann Christian Bach übte dabei großen Einfluss auf Mozart aus. Herausgekommen ist nach vielen Versuchen, in denen Mozart immer wieder Neues ausprobierte, so etwas wie eine ideale Form für diese Gattung. Sie sollte denn auch über lange Zeit das Muster für Klavierkonzerte bleiben.

Den entscheidenden Schritt tat Mozart mit seinen beiden Klavierkonzerten KV 466 und 467, die kurz hintereinander Anfang 1785 entstanden. In diesen Werken wird das Verhältnis von Soloinstrument und Orchester erstmalig im Sinne einer weitgehenden Gleichberechtigung beider Elemente gestaltet. Dabei erhalten insbesondere die Bläser durch eigenständige Beteiligung am musikalischen Geschehen ein immer stärkeres Gewicht. Auf diese Weise führt Mozart die Gattung Klavierkonzert ganz aus der Sphäre der bloß gefälligen Gebrauchsmusik heraus in die Höhen der Kunstmusik.

 

Das Klavierkonzert Nr. 20 ist nicht nur eines der populärsten Werke Mozarts. Es erscheint wie die endgültige Verwirklichung des Kunstprogrammes, das Mozart zwei Jahre zuvor in einem Brief an seinen Vater formuliert hatte (und das weitgehend allgemein für die [Wiener]Klassik gilt). „Die Concerten“ so schrieb er über seine neuesten Klavierkonzerte „sind eben das Mittelding von zu schwer und zu leicht, sind sehr Brilliant, angenehm in die Ohren – Natürlich, ohne in das leere zu fallen – hie und da – können auch kenner allein satisfaction erhalten – doch so – dass  die Nichtkenner damit zufrieden seyn müssen ohne zu wissen warum.“ Im ersten Satz etwa bedient sich Mozart musikalischer Figuren und Elemente, die dem Kenner aus der Opera seria bekannt sind. Damit baut er, ohne ein eigentliches Thema zu formulieren, eine eigenartig dräuende Atmosphäre auf, wie man sie etwa aus der Oper „Don Giovanni“ kennt. Davon wird auch derjenige eingenommen, der sich der Herkunft dieser Elemente nicht bewusst ist. Im dritten Satz überrascht Mozart den Kenner damit, dass er den Dur – Moll Konflikt nicht wie üblich in den Paralleltonarten (d-moll – F-Dur) sondern auf der gleichen Stufe (nämlich auf D) austrägt. Außerdem lässt er den Satz in Moll beginnen und in Dur enden. Damit erreicht er jene eigenartige Unentschiedenheit der Aussage, die den Charakter des Satzes und im Grunde des ganzen Werkes bestimmt.

 

Wie so häufig bei Mozart ist das Werk unter drangvollen Umständen entstanden. Die Partitur wurde erst einen Tag vor dem Konzerttermin fertig. Vater Leopold schrieb seiner Tochter Marianne nach der Uraufführung, die am 11. Februar 1785 im Rahmen einer „Akademie“ vor 150 Subskribenten in Wien stattfand, Mozart habe nicht einmal Gelegenheit gehabt, den letzten Satz durchzuspielen. Er habe stattdessen die Kopien der Stimmen durchsehen müssen, mit denen der Kopist noch bis zur letzten Minute beschäftigt gewesen sei. Es ist eines der Wunder des Mozart´schen Schaffens, dass  man auch diesem Werk nichts von Eile anmerkt.

Weitere Texte zu Werken Mozarts und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

 

1855 Charles Gounod (1818-1893) Symphonie in D

 

Zu Gounod fällt hierzulande selbst den Musikkennern wenig ein. Die meisten denken dabei vermutlich nur an das berühmt-berüchtigte „Ave Maria“ nach dem ersten Präludium aus Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ und damit an jene religiös getönte Sentimentalität, die im 19. Jh. gelegentlich die Grenze des guten Geschmacks überschritt. Dass Gounod zu den fruchtbarsten Komponisten seiner Zeit gehörte und ganz unterschiedliche Genres bediente, ist hingegen kaum bekannt. Tatsächlich stammen aus seiner rastlosen Feder neben dem größten kirchenmusikalischen Oeuvre Frankreichs im 19. Jh. – dazu gehören allein 21 Messen – zahlreiche Chor- und sonstige Vokalstücke, eine Reihe von Instrumentalwerken und 12 große mehr oder weniger erfolgreiche Opern. Nach einem Wort seines Schülers Saint-Saens versuchte Gounod in der französischen Oper das zu schaffen, was Mozart in Österreich gelungen war: die Verschmelzung von Orchester und Gesangsstimmen, von Melodie und Symphonie. Insofern legte Gounod die Basis für die Entwicklung, welche die französische Oper bei Bizet – ebenfalls einem seiner Schüler – , Massenet und Saint-Saens nahm. Gounod gilt im übrigen auch als wichtiger Wegbereiter des spezifisch französischen Tonfalls in der Musik der zweiten Hälfte des 19. Jh., der über César Franck, Saint-Saens und Gustav Fauré schließlich zur impressionistischen Musik führte.

 

Ein Grund für den hiesigen Mangel an Kenntnissen über Gounod, der ein sehr erzählenswertes, mitunter romanhaftes Leben hatte, ist, dass es über ihn kaum deutschsprachige Literatur gibt. Die gut bestückte Stuttgarter Stadtbibliothek etwa besitzt überhaupt kein Buch über diesen Komponisten (dafür über seinen alphabetischen Nachbarn Glenn Gould, einem „bloßen“ Interpreten, gleich ein Dutzend). Im Musiklesesaal der Württembergischen Landesbibliothek findet sich über Gounod nur eine französische Biographie aus dem Jahre 1911. In deutscher Sprache gibt es nur ein – noch älteres – Bändchen von Gounod. Es handelt sich um seine Lebenserinnerungen, in denen er im elegantesten Stil außerordentlich liebevoll und sehr unterhaltsam seine erste Lebenshälfte schildert, insbesondere seinen offenbar unbändigen kindlichen Willen, sich gegen alle Vorbehalte seines Umfeldes in der Welt der Musikwelt zu etablieren.

 

Nicht zuletzt diese Aufzeichnungen zeigen, dass Gounod einen wesentlichen Teil seines künstlerischen Erbteils jenem Deutschland verdankt, das ihn so stiefmütterlich behandelt. Eine seiner wichtigsten musikalischen Erfahrungen war etwa der Besuch einer Aufführung von Mozarts „Don Giovanni“ im Jugendalter. Seitdem war Mozart für ihn das Maß aller musikalischen Dinge. Sein erster Kompositionslehrer war der „Deutsche“ Anton Reicha (er war eigentlich ein Böhme). Als Gounod nach Reichas Tod, noch immer Gymnasiast, auf das Konservatorium wechselte, das der Italiener Cherubini leitete, sagte dieser ihm zwar, er müsse nun erst einmal umlernen und alles Deutsche vergessen, was ihm Reicha beigebracht habe. Gounods künstlerische Entwicklung stand jedoch weiterhin maßgeblich unter dem Einfluss der deutschen Musik. Nachdem er als Rompreisträger zweieinhalb Jahre in der französischen  Künstlerschmiede der Villa Medici im Rom verbracht hatte, begab er sich für einige Monate in das alte „deutsche“ Musikzentrum Wien, wo in gewisser Hinsicht seine professionelle Karriere begann. Er erhielt dort den ehrenvollen Auftrag, ein Requiem zu schreiben, für das er ganze sechs Wochen Zeit hatte. Offenbar bewältigte Gounod die große Herausforderung zur Zufriedenheit des Bestellers, denn es folgte der Auftrag zur Komposition einer Messe. Von Wien reiste Gounod in das neue deutsche Musikzentrum Leipzig. Dort empfing ihn Mendelssohn äußerst wohlwollend, wofür ihm Gounod in seinen Aufzeichnungen mit den schönsten Worten dankt. Mendelssohn spielte ihm auf der Orgel der Thomaskirche stundenlang aus den Werken Bachs vor. Damit öffnete sich für Gounod ein völlig neuer musikalischer Horizont, aus dem u.a. das „Ave Maria“ resultiert.

 

Mit einem Bündel Bach-Motetten, das ihm Mendelssohn geschenkt hatte, kehrte er nach Paris zurück, wo er eine Stelle als Organist annahm. Hier spielte er unter anderem so viel Musik des Thomaskantors, dass sich das Publikum, welches diese komplizierte Musik nicht kannte, beschwerte und er im Streit darüber fast seine Stelle verlor. Auch in seinen späteren Jahren blieb Gounod ein Parteigänger der „deutschen Schule“ der Instrumentalmusik, was damals in Frankreich schon aus politischen Gründen alles andere als selbstverständlich war. In England, für das er später Oratorien schrieb, hatte er den Ruf, der legitime Nachfolger der Deutschen Händel und Mendelssohn zu sein, die dort als Oratorienhelden verehrt wurden. Sein größter Erfolg war im Übrigen eine Oper mit einem deutschen Sujet (Faust).

 

Eine Frucht der Begeisterung Gounods für die deutsche Instrumentalmusik sind zwei Symphonien, die in den Jahren 1855 und 1856 entstanden (1885 kam im gleichen Sinne noch eine „Petite Symphonie“ für Bläser hinzu). Die Komposition dieser Werke ist schon deswegen ungewöhnlich, weil sich das Musikleben in Frankreich seinerzeit im wesentlichen auf die Oper konzentrierte. Hinzu kommt, dass sich Gounod der romantischen Emphase eines Berlioz entzog und in Aufbau und thematischer Verarbeitung auf die deutschen Klassiker und Frühromantiker zurückgriff (womit er der Linie der „Académie des Baux Arts“ folgte, die den Rompreis ausschrieb). Die Symphonie in D etwa ist ein grundmusikantisches, handwerklich gut gearbeitetes und im besten Sinne unterhaltsames Werk der Art, die man etwa von Haydn kennt. Bemerkenswert ist vor allem der zweite (Variationen)Satz, in dem Gounod auf höchst originelle Weise mit barocken Elementen und altertümlichen Wendungen spielt, zugleich aber offenbar auf den liedhaften langsamen Satz von Mendelssohns „Italienischer Symphonie“ anspielt, die damals neue Musik war. Die fugierte Variation in der Mitte des Satzes mutet dabei wie eine Hommage an Bach an.  

In Deutschland blieb auch Gounods Beitrag zur Gattung der Symphonie unbeachtet. In den Konzertführern werden die Symphonien in aller Regel übergangen. Wo sie einmal kurz und pauschalierend erwähnt werden, fehlt nicht der Hinweis, dass es sich bei Gounod um eine jener „Komponistenpersönlichkeiten handelt, die der erbarmungslose Richterspruch der Geschichte alsbald in den Rang von Kleinmeistern versetzt“ habe. Diese schlanken und erfrischenden Werke sind aber allemal hörenswert und ohne Zweifel dazu geeignet, Gounod vom Ruf des Grenzgängers des Geschmacks zu befreien, den ihm das „Ave Maria“ eingebracht hat.

1786/87 Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) Konzertarien „Ch`io mi scordi di te?“ (KV 505) und „Bella mia fiamma, addio“ (KV 528)

 

Mozart hat rund vier Dutzend selbständige Arien für Sologesangstimme und Orchester geschrieben. Es handelt sich dabei teils um Einlagen für eigene oder fremde Opern, Singspiele und Theaterstücke, teils um Werke, die ausschließlich für die konzertante Darbietung erstellt wurden. In den meisten Fällen war Anlass der Komposition eine Bestellung, oft desjenigen, der das Werk anschließend singen sollte. Für die damaligen Sängerstars waren Einlagen, welche speziell für sie geschrieben waren, so etwas wie ein Marketinginstrument. Dem entsprechend sind diese Werke stark auf die Wünsche und Möglichkeiten der Besteller zugeschnitten. Manche Arien waren Huldigungen für herausragende Sängerpersönlichkeiten. Unter den allein 28 Sopranarien befinden sich wohl auch künstlerisch verbrämte Liebeserklärungen. Unterschwellige Erotik wird man insbesondere bei den verschiedenen Arien unterstellen können, die Mozart für seine Schwägerin Aloysia Weber schrieb. In diese hatte er sich 1777, fünf Jahre vor seiner Hochzeit mit ihrer Schwester Constanze, auf seiner Reise nach Paris in Mannheim – letztlich ohne Resonanz von ihrer Seite – verliebt. Zum Schrecken seines Vaters, der ihn auf die Suche nach einer seriösen festen Arbeitsstelle  geschickt hatte, wäre der 21-Jährige damals am Liebsten mit ihr und den Arien, die er für sie schreiben wollte, vagbundierend durch die Lande gezogen. Aber auch sonst geht es meist um Probleme mehr oder wenig glücklich Liebender. Die Arien sind spannungsgeladene Musikdramen in Kleinformat, die nach barocker Manier meist in der Antike angesiedelt sind (die überwiegende Zahl der Textvorlagen stammt von kaiserlichen Hofpoeten Pietro Metastasio, der vor allem zahlreiche Barockkomponisten bediente). Besonders in den späteren Werken teilt Mozart die Darstellung der mitunter recht komplexen seelischen Regungen auf höchst artifizielle Weise zwischen Orchester und Singstimme auf.

 

Im Falle der Arie „Ch`io mi scordi di te?(KV 505) ist schwer zu entscheiden, welcher der genannten Gründe für die Komposition zutrifft. Mozart hat das Werk für die englisch-stämmige Sängerin Nancy Storace geschrieben, die eine der großen Primadonnen ihrer Zeit war, zu der er aber auch eine besondere persönliche Beziehung hatte. Sie hatte die Figur der Susanne in seiner Oper „Die Hochzeit des Figaro“ aus der Taufe gehoben. Die Uraufführung dieser Oper fand im Mai 1786 statt. Ein halbes Jahr später – inzwischen hatte der „Figaro“ in Prag Triumphe  gefeiert – komponierte Mozart, vielleicht aus Dank, die Konzertarie. Sie wurde wohl bei einer „Akademie“ am 23. Februar 1787 in Wien erstmalig aufgeführt.

 

Inhaltlich nimmt das Werk, von dem es noch eine frühere Fassung (KV 500) gibt,  Bezug auf Mozarts Oper Idomeneo. Idamante, der Sohn Idomeneos, beruhigt in dieser Szene seine Geliebte Ilia, die befürchtet, er könne der Prinzessin Elektra verfallen (sein), die er nach dem Willen seines Vaters nach ihrer Heimatstadt Troja begleiten soll. Mit dem Auftrag versucht sich Idomeneo aus einer jener ausweglosen Zwangssituationen zu befreien, in welche antike Protagonisten auf Grund unglücklicher Verkettung von Schuld und Zufall verstrickt zu werden pflegen (er hätte auf Grund eines Schwures, den er unter verhängnisvollen Umständen leistete, seinen Sohn eigentlich dem Poseidon opfern müssen). Die Besonderheit dieser Konzertarie ist die Beteiligung eines obligaten Klaviers, das nach Art der späten Klavierkonzerte Mozarts konzertierend am Geschehen beteiligt ist. Diese ungewöhnliche Kombination könnte dafür sprechen, dass Mozart, der den Klavierpart bei der Aufführung im Februar 1787 wohl selbst spielte, die Zweisamkeit mit Nancy Storace suchte.

 

Die Arie „Bella mia fiamma, addio“ (KV 528) schrieb Mozart ebenfalls für eine der großen Diven seiner Zeit, die tschechische Sängerin Josepha Duschek. Für sie hatte Mozart 1777 schon die Konzertarie KV 272 komponiert. Nach einer Erzählung von Mozarts Sohn Karl Thomas soll die Sängerin die Komposition dadurch erzwungen haben, dass sie Mozart, der 1787 anlässlich der Prager Produktion des „Don Giovanni“ bei ihr und ihrem Mann wohnte, mit Papier und Tinte in einen Raum einsperrte und ihn erst wieder herauslassen wollte, wenn er ihr eine Arie auf einen mitgegebenen Text von Niccolò Jomelli geschrieben habe. Mozart soll sich daraufhin mit besonderen technischen Schwierigkeiten für die Sängerin und der Drohung gerächt haben, er werde die Arie wieder vernichten, wenn sie dieselbe nicht fehlerfrei vom Blatt singen könne. Tatsächlich gibt es bei der auffällig breit ausgeführten Stelle „Quest affano, questo passo è terribile“ (Dieser Schmerz, dieser Schritt [Passus] ist fürchterlich) harmonisch verquere Passagen, die Josepha Duschek vor einige Probleme gestellt haben dürften. Nachdem sie allerdings im Besitz des Autographs mit einer Widmung Mozarts war, hat die Duschek diese Prüfung wohl ebenso gut bestanden wie dieser die offensichtlich schaffensfördernde Zwangssituation. Darüber, ob Mozart mit der Sängerin, die sehr hübsch gewesen sein soll, eine Liebesbeziehung hatte, ist immer wieder spekuliert worden. Außer den kolportierten Neckereien im Zusammenhang mit der Entstehung der Arie gibt es hierfür allerdings wenig handfeste Indizien.

 

Inhaltlich geht es in der Arie, die in mancher Hinsicht der höllischen Stimmung des „Don Giovanni“ verpflichtet ist, um die Klage des Königs Titano über den Verlust seiner „Flamme“ Proserpina, die Pluto in die Unterwelt entführt hat. Es handelt sich um eine der zahlreichen Abschiedszenen in italienischen Opern, welche Librettisten und Komponisten wohl schon wegen der klanglichen Qualititäten der Formel „addio“ schätzen, die ohne Zweifel die Lieblingsvokabel der italienischen Oper ist.

1874 Modest Mussorgski (1839- 1881) Bilder einer Ausstellung

Ein Bild in Musik zu setzen heißt, zwei Prinzipien zu verbinden, die scheinbar völlig entgegengesetzt sind: Musik ist notwendigerweise laufende, das Bild hingegen stehende Zeit. Es ist daher kein Wunder, dass die Verbindung der beiden Kategorien im Laufe der Entwicklung der europäischen Kunstmusik lange nicht versucht wurde. Auf die Idee, dies zu tun, konnte am ehesten jemand kommen, der Distanz zu traditionellen Vorstellungen über Musik suchte. Eben dies tat die St. Petersburger Musikerverbindung um Balakirew, aus der Mussorgski, das „enfant terrible“ der damaligen russischen Musik, hervorgegangen ist. Die Gruppe, die man wegen ihrer Eigenwilligkeit spöttisch das „Mächtige Häuflein“ nannte, wollte russische Musik in möglichster Freiheit vom westlichen Musikdenken schaffen, von dem man allerdings die wesentlichen Grundlagen dennoch übernahm.

 

Ein besonders eindrucksvolles Resultat des  musikalischen „Freidenkertums“ des „Mächtigen Häufleins“ ist der Zyklus „Bilder einer Ausstellung“. Mussorgski praktiziert in diesem Werk nicht nur einen für seine Zeit äußerst freien Umgang  mit dem musikalischen Material, sondern  befasst sich auch gleich in mehrfacher Hinsicht mit dem Problem der Verzeitlichung des Statischen. Eine erste „Temporalisierung“ gelingt Mussorgksi dabei dadurch, dass er das Punktuelle einer Ausstellung einzelner Bilder durch eine musikalische Passage auflöst, die dem Gang des Betrachters von einem Bild zum anderen entspricht. Das Thema dieser „Promenade“, das je nach der Stimmung des jeweiligen Bildes bzw. des imaginierten Betrachters variiert wird, stellt zugleich die motivische Einheit des Gesamtwerkes her. Am Ende erweist es sich als das Hauptthema des grandiosen glockenklingenden Finales „Das Große Tor von Kiew“, dessen Gegenstand selbst wieder eine Passage ist.

 

Auch bei den einzelnen Bildern hebt Mussorgski den passageren Aspekt hervor. Besonders deutlich wird dies in dem Bild „Bydlo“, in dem ein polnischer Ochsenkarren dargestellt ist. Das altertümliche Gefährt kommt mit quietschenden Holzlagern aus der Ferne angerumpelt, zieht mit großem Aplomb vorbei und verschwindet wieder.  Aus dem Kostümentwurf für ein Ballett, dessen Tänzer in Eierschalen stecken, wird der bezaubernde „Tanz der Küchlein in den Eierschalen“. Das Bild der russischen Hexe „Baba-Jaga“ nutzt Mussorgski, um einen wilden Hexenritt zu vollführen. In „Tuilerien“ hört man Kinder, die im Park mit ihren Gouvernanten streiten, in „Marktplatz von Limoges“ kreischende Marktweiber und in „Altes Schloß“ einen Troubadur, der eine Romanze anstimmt. Auch Porträts, das schlechthin Statische, versucht Mussorgski zu verzeitlichen. Unter dem Titel „Samuel Goldenberg und Schmulye, polnische Juden, der eine reich, der andere arm“ und mit entsprechendem Selbstverständnis, werden die Charaktere erst gesondert, dann im hitzigen Gespräch „porträtiert“. In „Katakomben“ schließlich wird der Hörer durch die unterirdische Totenstadt von Paris geführt, in denen man auf römische Gräber stößt. Hier werden gewaltige Blechbläser-Akkorde nebeneinandergestellt: „con mortuis in lingua mortua“ (mit den Toten in der Sprache der Toten), wie Mussorgski in der Partitur vermerkt. Die erratischen Akkordblöcke erinnern an die monumentalen Schlagschatten in Piranesis Radierungen „Camere sepocrale“ mir ihren düster-grandiosen Ansichten antiker Grabmäler.

 

„Bilder einer Ausstellung“ ist eine Huldigung des Komponisten an seinen Freund, den Maler und Architekten Victor Hartmann, der im Jahre 1873 kurz nach einer Zusammenkunft mit Mussorgski jung verstorben war. Wladimir Stassow, der erste Biograph Mussorgskis und Erfinder der Bezeichnung „Mächtiges Häuflein“, organisierte im folgenden Jahr eine Gedächtnisausstellung mit Bildern Hartmanns, zu der Mussorgski die Bilder „Samuel Goldenberg“ und „Schmulye“ beisteuerte. Aus der Ausstellung, die rund 400 Bilder umfasste, wählte Mussorgski zehn Werke. Dabei nimmt er in „Katakomben“ ausdrücklich Bezug auf den Tod des Freundes. In der Partitur heißt es hier: „Der schöpferische Geist des verstorbenen Hartmann führt mich zu den Schädeln und ruft sie an – die Schädel beginnen im Inneren sanft zu leuchten.“

 

Das 1874 entstandene Werk ist ursprünglich für Klavier geschrieben und fand als solches zunächst keine Beachtung. Sein Farbenreichtum und die Dichte des Satzes legten aber schon bald eine Orchestrierung nahe. Ein erster Versuch wurde bereits im Todesjahr des Komponisten gemacht. Allein im Jahre 1922 folgen 3 weitere Fassungen, in der Folge weitere acht. Außerdem sind zahlreiche Bearbeitungen für die unterschiedlichsten Besetzungen erschienen, darunter eine für 44 Klaviere und ein präpariertes Klavier, eine für chinesische Instrumente sowie je eine für Jazzband und Rockgruppe. Durchgesetzt hat sich die Fassung von Maurice Ravel aus dem Jahre 1922, welche die Palette Hartmanns und den Stern Mussorgskis mit ihren außerordentlich plastischen Effekten auf ideale Weise zum Leuchten brachte.

Weitere Texte zu Werken von Mussorgskii und rd. 70 weiteren Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1929-1936 Dimitri Schostakowitsch (1906 -1975) 1. Ballett-Suite

Film und Bühne waren in der jungen Sowjetunion wichtige Instrumente zur Erziehung eines sozialistischen Menschen. Daher war auch auch der junge Schostakowitsch, der die Ziele des neuen Staates mit der Muttermilch aufgenommen hatte, immer wieder mit Musik für diese Zwecke befaßt. Schon als Konservatoriumsstudent bestritt er seinen Lebensunterhalt weitgehend aus den Einkünften, die er durch die Begleitung von progandistischen Stummfilmen auf dem Klavier erzielte. Gegenüber seinem Kompositionslehrer Alexander Glasunov erklärte er seine Müdigkeit im Unterricht einmal damit, er sei durch das stundenlange Improvisieren im Kino abends so erregt, dass er erst in den Morgenstunden zur Ruhe komme. Auf die Erfahrungen aus dieser Tätigkeit griff Schostakowitsch zurück, als er ab Ende der 20-er Jahre vermehrt Aufträge zur Komposition von Film- und Bühnenmusiken erhielt. In den Jahren 1929 bis 1935 entstand dabei unter anderem die Musik zu den drei abendfüllenden Balletten „Das goldene Zeitalter“, „Der Bolzen“ und „Der helle Bach“. Allen drei Werken lagen einfach gestrickte Libretti mit erzieherischer Tendenz zu Grunde. Im ersten werden die Erlebnisse einer faschistischen und einer sozialistischen Fußballmannschaft in einer westlichen Stadt geschildert. Gegenstand des zweiten ist Sabotage durch antisozialistische Kräfte in einem Industriebetrieb. Im letzten geht es um das (heitere) Leben auf einer Kolchose.

 

Seiner damaligen Vorliebe entsprechend wählte Schostakowitsch für die Ballette eine Musik, die von traditionellen Formen ausging, aber in parodistischer Absicht teilweise bis ins Groteske verfremdet wurde. Dies stieß bei der stalinistischen Kulturbürokratie auf wenig Verständnis. Schon bei den beiden ersten Balletten mußte sich der Komponist die Kritik gefallen lassen, sich in dekadenten und unsozialistischen Spielereien zu verlieren und gegenüber dem Anliegen der Werke gleichgültig zu sein. Die Folge war, dass die Stücke, die vor dem Erscheinen der Kritiken beim Publikum durchaus ankamen, bald abgesetzt wurden. Beim dritten Ballett schließlich wurde es ernster. Im Jahre 1936 nahm die Prawda den „Hellen Bach“ aufs Korn und warf Schostakowitsch mangelnde Nähe zum arbeitenden Volk und seiner Musik vor. Die Musik des Balletts, so hieß es, sei aus der arroganten Perspektive eines Städters geschrieben, der das Leben auf einer Kolchose weder kenne noch ernst nehme. Damit wurde „Der helle Bach“ einer der Aufhänger für das erste „Scherbengericht“ gegen Schostakowitsch. In den anschließenden Diskussionen, die der Komponistenverband veranstaltete, mußte Schostakowitsch erleben, dass sich seine Förderer und Anhänger von ihm distanzierten und sich ängstlich der verspäteten Einsicht in die mangelnde gesellschaftliche Tauglichkeit seiner Musik anklagten. Auch bei der zweiten großen Attacke gegen Schostakowitsch im Jahre 1948 wurde gegen die Ballette gewettert. Seinerzeit hieß es, in diesen Werken fänden sich die sattsam bekannten urbanistischen Grimassen und die Ignoranz gegenüber dem Volksmelos. Schostakowitsch versuche das Publikum dadurch für sich einzunehmen, dasser die Stücke mit Instrumentationseffekten aus der Schlager- und Unterhaltungsmusik drapiere, was zu einer Gassenhauer-Ästhetik führe. Das Volk habe aber mehr Geschmack bewiesen als der Komponist und habe den Stücken eine Abfuhr erteilt.

 

Merkwürdigerweise taucht eben diese Musik dann aber kurz darauf in den vier Ballett-Suiten wieder auf, die Schostakowitschs Freund Atowmjan in den Jahren 1948 bis 1953 im wesentlichen aus den genannten drei Balletten zusammenstellte. Befreit von ihrem ideologischen Kontext haben sie so das Eigenleben entwickeln können, welches die Werke des großen russischen Komponisten inzwischen generell gewonnen haben.

Weitere Texte zu Werken von Schostakowitsch und von rd. 70 anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

 

1933 Dimitri Schostakowitsch (1906-1975) Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester

 

Wie bei keinem anderen großen Musiker sind bei dem russischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch Politik und Werk miteinander verwoben. Elf Jahre vor der Oktoberrevolution geboren, verbrachte er sein gesamtes schöpferisches Leben in einem politischen System, in dem die Funktion der Künste darin gesehen wurde, einen „nützlichen“ Beitrag zum Aufbau der (sozialistischen) Gesellschaft zu leisten. Schostakowitschs Werdegang zeigt daher in geradezu exemplarischer Weise die Möglichkeiten und Schwierigkeiten einer künstlerischen Existenz unter den Bedingungen eines totalitären politischen Regimes. Diese Existenz war um so problematischer, als die Vorstellungen darüber, in welcher Weise die Künste dem Regime zu dienen hatten, in der jungen Sowjetunion erheblichen Schwankungen unterlagen und die Abweichung von der herrschenden Linie insbesondere in der Stalinzeit auch persönlich gefährlich werden konnte. Da Schostakowitsch auf Grund seines überragenden Talentes den politischen Absichten des Regimes außerordentlich stark nützen aber auch schaden konnte, war er von den Sprüngen der sowjetischen Kulturpolitik und ihren Sanktionsmechanismen in besonderem Maße betroffen. Es gab Zeiten, so wird berichtet, in denen er immer nur angezogen und mit einem Koffer in Griffbereitschaft schlief, um sich dem befürchteten Zugriff der Behörden entziehen zu können.

 

In den Jahren nach der Oktoberrevolution, in denen Schostakowitsch seine künstlerische Prägung erhielt, herrschte in der Sowjetunion Aufbruchstimmung. In vielen Bereichen setzten sich die Künstler kritisch mit der Tradition auseinander und suchten nach Ausdrucksformen, die den neuen revolutionären Verhältnissen gerecht werden könnten. Viele Musiker gingen dabei einen ähnlichen Weg wie ihre Kollegen im Westen, die, wenn auch weniger ausdrücklich unter politischen Vorzeichen, bereits seit Anfang des neuen Jahrhunderts zu neuen Ufern aufgebrochen waren. In besonderem Maße beschäftigte man sich mit den neueren Entwicklungen in Deutschland und Frankreich. Der junge Schostakowitsch etwa stand unter dem Einfluß der Musik Kreneks, Bergs und Hindemiths. Dem entsprechend war seine Musik durch freie Verfügung über die Tonalität, starke Betonung des Rhythmischen, hohe Expressivität und die Neigung zu Ironie, Satire und Groteske gekennzeichnet.

 

In diesem Geiste schieb Schostakowitsch, kaum den Konservatorium entwachsen, eine Reihe von Werken, die ihn bald in der ganzen Welt berühmt machten. Dazu gehört in erster Linie die dramatische Oper „Lady Macbeth von Mzensk“, die nicht nur im Westen Aufsehen erregte, sondern auch von der sowjetischen Kritik als Musterbeispiel für einen neuen „sozialistischen Realismus“ gefeiert wurde. In der Hochstimmung dieses Erfolges schrieb der 26-jährige Schostakowitsch 1933 auch das Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester. Das Werk, das bereits durch seine ungewöhnliche Besetzung auffällt, spielt humorvoll, frech und übermütig mit Zitaten aus der Musikgeschichte von Haydn und Grieg bis hin zu Beethovens „Wut über den verlorenen Groschen“. Auch Elemente der Unterhaltungsmusik, etwa ein Walzer oder ein Foxtrott im Stile Hindemiths, sind eingebaut.

 

Drei Jahre später sollte die sowjetische Kulturpolitik eine radikale Wende machen. Zwei Tage nachdem Stalin eine Aufführung der Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ besucht hatte, erschien in der „Prawda“ ein grundsätzlicher redaktioneller Artikel, der sich sehr kritisch mit Schostakowitschs Musik und ihrem Erfolg im Westen beschäftigte. Darin wurde ihm unter anderem dekadenter Urbanismus und nutzloser Formalismus vorgeworfen. Mit seiner Musik befriedige er nicht die Bedürfnisse der sowjetischen Massen, sondern den perversen Geschmack der ausländischen Bourgeoisie. Der Artikel löste eine grundsätzliche Debatte über die Rolle der Musik im Sozialismus aus. Dabei tauchten, wenn auch in anderen Formulierungen, ähnliche Vorwürfe gegen die neue Musik wie im Westen auf. Während sich im Westen viele Bildungsbürger und – vor allem nach Aufkommen des Nationalsozialismus – die Kleinbürger über die neue Musik entrüsteten, hieß es in der sozialistischen Kritik umgekehrt, daß die neue Musik Ausdruck kleinbürgerlicher Gesinnung sei.

 

Schostakowitsch war von den Vorwürfen nicht unbeeindruckt, zumal sie mit der Drohung verbunden waren, daß sein „Spiel mit Überspanntheiten übel ausgehen könne“. Seine 5. Symphonie aus dem Jahre 1937 bezeichnete er daher als die „schöpferische Antwort auf berechtigte Kritik“. Gleichzeitig beschäftigte er sich vermehrt mit patriotischen Themen. 12 Jahre nach der ersten Attacke geriet er aber wiederum in das Visier der Kulturbürokratie. Dabei wurde sein gesamtes Werk einer Revision unterworfen. In einem Artikel aus dem Jahre 1948 heißt es über das Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester: “Als Parodie hätte es hingehen können, wäre ihm nur irgendeine überzeugende Idee zugrunde gelegt worden. Statt dessen erschöpft es sich in einem Kaleidoskop entliehener Themen, die in verzerrter Form präsentiert werden. Neben schönen und poesievollen Stellen gibt es schauderhafte formalistische Entgleisungen.“ Der Sinn für Lebensfreude, Humor und unkalkulierbare Überraschungen war bei den stalinistischen Hardliner offensichtlich wenig ausgeprägt.

 

Da Schostakowitsch sich wieder anpassungsbereit zeigte und die außerordentliche Qualität seiner Musik offenkundig war, konnten ihm schließlich auch die Hüter der sozialistischen Kulturideologie die Anerkennung nicht mehr verweigern. Unter Stalins Nachfolger Chrustschow wurde die Beschuldigung des Formalismus (bemerkenswerterweise) durch Beschluß des Zentralkommitees der KPdSU vom Jahre 1958 formell zurückgenommen. In seinen späteren Lebensjahren wurde der Musiker zum künstlerischen Musterprodukt der sozialistischen Gesellschaft stilisiert und mit Ehrungen  überhäuft. Nach dem posthumen Erscheinen angeblicher Memoiren des Komponisten im Westen ist inzwischen aber die Frage aufgekommen, ob er gerade auch in seinen scheinbar linientreuen Werken nicht auf untergründige Weise Kritik am sozialistischen System, insbesondere am Stalinismus übte. Schostakowitsch, so heißt es, habe als Künstler in Wirklichkeit eine subversive Anpassung betrieben. In einer Art musikalischen „double speak“ à la Orwell habe er unter der Fassade eines „sozialistischen Realismus“ im Namen einer überparteilichen Menschlichkeit massiven Protest gegen die Exzesse aller politischen Systeme eingelegt. Wenn dem so ist, dann hätte Schostakowitsch die Möglichkeit, Musik politisch zu vereinnahmen und zu gängeln, ganz allgemein ad absurdum geführt.

1904 Alexander Glasunow (1865-1936) – Violinkonzert a-moll

In seinen Memoiren, die Anfang der 70-er Jahre des letzten Jahrhunderts entstanden, schrieb Schostakowitsch über seinen von ihm hochverehrten Lehrer Glasunow, die (russische) Generation dieser Zeit wisse fast nichts von ihm. Für die jungen Leute sei er so etwas wie ein altslawischer Schrank unter anderen Großstadtmöbeln. Nicht viel anderes gilt bei uns noch heute. Selbst Musikkenner haben einige Schwierigkeiten, Kompositionen Glasunows zu benennen. Seine neun Symphonien, die umfangreiche Kammermusik und die zahlreichen Chorwerke sowie die vielen sonstigen Orchesterwerke sind in der Öffentlichkeit wenig präsent. Eine Ausnahme macht nur sein Violinkonzert.

 

Zu Lebzeiten hingegen war Glasunow eine Berühmtheit. Seine Komponistenkarriere begann mit einem Paukenschlag. Die erste Symphonie vollendete er im Alter von 16 Jahren. Das Werk war so reif, dassGlasunow noch im Alter meinte, es gäbe daran keine Note zu ändern. Der reiche, kunstsinnige Holzhändler Belaieff war davon so begeistert, dass er es auf eigene Kosten drucken ließ, was der Beginn des gleichnamigen bedeutenden Musikverlages in Leipzig werden sollte (dazu mehr). Franz Liszt, der das Werk 1884 in Weimar zur Aufführung brachte, sagte über den jungen Mann: „Von diesem Komponisten wird die ganze Welt sprechen“. Noch im zarten Gymnasiastenalter wurde Glasunow als „geistiger Ersatz“ für niemand geringeren als Modest Mussorgski, der sich zu Tode getrunken hatte, in den Kreis des „mächtigen Häufleins“ aufgenommen, der einflußreichen nationalrussischen Musikerverbindung unter der Leitung von Balakirew, zu der unter anderem Rimski-Korsakow und Borodin gehörten.

 

Eine förmliche Musikausbildung hat Glasunow nie erhalten. Ihm reichte die sonntägliche Stunde Privatunterricht, die er bei Rimski-Korsakow erhielt. Dieser sagte von seinem Schüler: „Er brauchte bei mir nicht viel studieren. Er entwickelte sich musikalisch nicht Tag für Tag, sondern Stunde für Stunde“. Borodin bezeichnete Glasunow unter Anspielung auf diese Unterrichtsstunden als „Sonntagskind“. In das Konservatorium trat Glasunow im Alter von 34 Jahren ein, dann aber gleich als Professor für Theorie und Instrumentationskunde. Später war er über zwei Jahrzehnte der Leiter des St. Petersburger Institutes, das so viele große Musiker hervorbrachte.

 

Schostakowitsch, der ihn dort erlebte, berichtet, Glasunows Ansehen sei so groß gewesen, dass eine Anwesenheit bei einem Konzert für einen Debütanten so etwas wie eine Erfolgsgarantie gewesen sei. Er sei daher er von jungen Musikern mit Einladungen geradezu überschüttet worden. Wie Mussorkski habe Glasunow allerdings gerne getrunken. In der schwierigen Anfangszeit der Sowjetunion, als Alkoholika kaum zu erlangen waren, habe er für Glasunow immer wieder dringende Bittbriefe zu seinem, Schostakowitschs, Vater bringen müssen, der sich damals mit Schwarzhandel von Alkohol „über Wasser“ gehalten habe. Da der illegale Handel mit Alkohol aber die Todesstrafe nach sich ziehen konnte, habe ihm dies einige Sorgen um seinen Vater bereitet.

 

Glasunow gilt als ein Komponist von großer Formvollendetheit, der das reife Instrumentarium der Spätromantik vollständig beherrschte. Wegen seiner noblen und gewichtigen Schreibweise hat man ihn, nachdem man ihn wegen seiner Frühbegabung zunächst den „russischenr Mozart“ nannte, später auch als den „russischen Brahms“ bezeichnet. Auch sein Violinkonzert ist ganz vom spätromantischen Geist geprägt. Insbesondere im langsamen Satz glaubt man in der Tat Brahms`sche Klänge zu hören. Formal weist das Werk, das durchkomponiert ist, aber dennoch die traditionelle Dreisätzigkeit aufrechterhält, die – wohl- einmalige – Besonderheit auf, dass der langsame zweite Satz am Anfang der Durchführung des ersten Satzes platziert ist. Der „Doppelsatz“ ist von slawisch-schwermütigem Melos geprägt. Seine chromatische Melodik erinnert an Rachmaninows zweites Klavierkonzert, das wenige Jahre zuvor entstand. Der letzte Satz hingegen, der von einem Jagdmotiv beherrscht wird, ist ein rasantes, gegen das Ende immer schneller werdendes Rondo, in dem der Solist technisch auf seine Kosten kommt. Hier geht es mitunter zu wie auf einem südrussischen Jahrmarkt. Es wird ein wahres Feuerwerk orientalischer Effekte abgebrannt. Unter anderem ist auch der Dudelsack und die Imitation einer Balalaika zu hören.Die pikanten Orchesterklangfarben dieses Satzes verdeutlichen, warum Glasunow, der selbst mehrere Instrumente spielte, den Ruf eines ausgezeichneten Orchestrierers hatte. Viele seiner großen Kollegen – etwa Rachmaninow, Skriabin und selbst sein Lehrer Rimski-Korsakow – baten ihn um Hilfe bei der Orchestrierung ihrer Werke.

 

Das Werk, das im Jahre 1904 entstand, ist eines der letzten großen Violinkonzerte der ausgehenden Epoche der Spätromantik. Gewidmet ist es dem großen Violinvirtuosen und Musikpädagogen Leopold Auer, der es am 19. Februar 1905 in St. Petersburg auch erstmalig aufführte. Es ist eine der wenigen Kompositionen Glasunows, die zum festen Bestandteil der „Weltmusik“ wurden.

1869 Peter I. Tschaikowski (1840 – 1893) Phantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“

 

Die Phantasie-Ouvertüre Romeo und Julia ist nicht nur wegen der Passagen, in denen man die blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Capulets und den Montagues in den Straßen Veronas zu hören meint, eine Kampfkomposition. Tschaikowski ergriff damit auch auf subtile Weise Partei im innerrussischen Kulturkampf zwischen Slawophilen und Westlern.

 

Das Werk entstand im Jahre 1869 auf Anregung der Gründers der letzten nationale Schule der europäischen Musik, Mili Balakirew. Dieser hatte um sich national gesinnte Komponisten wie Cui, Rimski-Korsakow, Mussorkski und Borodin versammelt. Die Gruppe, zu der später unter anderem noch Liadow und Glasunow stießen, hatte sich in der Nachfolge Glinkas die Wiederbelebung und Pflege der russischen Musikfolklore, nicht zuletzt ihres orientalischen Elementes zum Ziel gesetzt. Von den „Westlern“ wurde sie als „Mächtiges Häuflein“ verspottet, eine Bezeichnung, die später zu ihrem Markenzeichen werden sollte.

 

Als der streitbare Balakirew 1869 auf Weisung der westlich orientierten Großfürstin Helena Pavlovna aus der „Russischen Musikgesellschaft“ ausgeschlossen wurde, schlug sich Tschaikowski, wiewohl eher den „Westlern“ zugeneigt, auf die Seite des „Mächtigen Häufleins“. In seiner Eigenschaft als Kritiker der „Moskauer Nachrichten“ unterstützte er Balakirew mit dem Wort. Er schritt auch aber zur musikalischen Tat, indem er „Romeo und Julia“ schrieb und das Werk Balakirew widmete.

 

„Romeo und Julia“ gilt als das erste Meisterwerk des knapp 30-jährigen Komponisten. Trotz des programmatischen Titels handelt es sich allerdings nicht um Programm-Musik im engeren Sinne. Vom Programm bestimmt sind die Themen, das choralhaft-feierliche „Motiv des Pater Lorenz“ in der Einleitung, das anschließende kämpferische „Mordmotiv “ und das lyrische „Liebesthema“. Die Verarbeitung der Themen erfolgte aber nach rein musikalischen Gesetzen, nämlich nach den Prinzipien der klassischen Ouvertüre. Es wird keine Geschichte erzählt, sondern ein seelisches Drama dargestellt.

 

Der Umstand, dass Tschaikowski der naheliegenden Versuchung widerstand, „Romeo und Julia“ als Programm-Musik zu schreiben, ist deswegen interessant, weil Balakirew, nicht zuletzt wegen seiner nationalen Ausrichtung, ein überzeugter „Programmatiker“ war. Tschaikowski aber setzte, bei aller Parteinahme für Balakirew, seine eigenen Musikvorstellungen durch, die der absoluten Musik zuneigten. Jahre später klärte Tschaikowski Balakirew über sein Verhältnis zur Programm-Musik auf. 1885 hatte er – ebenfalls auf Anregung Balakirews – die „Manfred-Symphonie“ nach Byrons gleichnamiger Gedichterzählung geschrieben. Balakirew hatte dafür, als habe er eine erneutes „Ausbüchsen“ Tschaikowskis in die absolute Musik verhindern wollen, ein genaues Programm aufgestellt (das er übrigens schon 1869, im Jahre der Entstehung von „Romeo und Julia“, erfolglos dem ausgewiesen „Programmatiker“ Berlioz angedient hatte, der seinerzeit Moskau besuchte). In einem Brief vom 22.9.1885 schrieb Tschaikowski hierzu: „Ich fühle mich in der Sphäre der programmfreien Symphonie viel ungebundener, und die Komposition irgendeiner Suite fällt mir hundertmal leichter als irgendein Werk der Programm-Musik. An den „Manfred“ bin ich sehr ungern gegangen und habe ihn – offen gesagt – eigentlich deshalb geschrieben, weil ich es Ihnen versprochen hatte.“

 

Die erste Aufführung von „Romeo und Julia“ im März 1870 in Moskau war für den noch wenig bekannten Komponisten nicht eben vielversprechend. Tschaikowski selbst schrieb darüber lakonisch an seinen Freund Klimenko: „Meine Ouvertüre `Romeo und Julia‘ hatte hier keinen Erfolg und fiel durch.“ Das Werk sollte aber die erste Komposition Tschaikowskis sein, die im Ausland aufgeführt wurde. 1871 wurde sie in Berlin gespielt und dort auch gedruckt. Der Wiener Einstand im Jahre 1876 war verdüstert durch eine unfreundliche Besprechung des großen Kritikers Eduard Hanslick, der schrieb: „Diese Ouvertüre war neu, neu und befremdend, denn dass diese seelenlose, von grauen Dissonanzen und wildem Lärm durchtobte Tonschlacht eine Illustration der zartesten Liebestragödie sein sollte, das hätten die wenigsten Zuhörer zu denken gewagt.“ Die weitere große Karriere des kleinen Meisterwerkes zeigt, dass der Kritikerpabst Hanslick ziemlich fehlbar war.

1875 Peter I.Tschaikowski (1840-1893) Klavierkonzert Nr. 1 b-moll

Im Jahre 1866 wurde Tschaikowski von Nicolai Rubinstein von St. Petersburg an das neugegründete Konservatorium in Moskau geholt, wo er eine Professur für Komposition übernahm. Tschaikowski siedelte daraufhin nach Moskau über, wo er Zeit seines Lebens bleiben sollte. Anfangs war der eingefleischte St. Petersburger von der Aufnahme in Moskau, insbesondere von der Fürsorge, die ihm Rubinstein angedeihen ließ, außerordentlich angetan. Rubinstein kaufte dem mittelosen jungen Mann einen neuen Rock und ließ ihn jahrelang bei sich wohnen. Im Laufe der Zeit wurde ihm der Aufenthalt an der Moskwa aber zum Problem. Er litt unter der Trennung von seinen alten Freunden und hatte das Gefühl, dass er hier weder als Person noch als Künstler genügend Anerkennung erfahre. Vor allem im Winter wurde er von schweren Depressionen heimgesucht. Im Winter 1873 etwa beklagte er in einem Brief an seinen Bruder, er fühle sich in Moskau „wirklich sehr einsam“. Die Freundschaft zu Rubinstein und den anderen Herren am Konservatorium beruhe nur auf dem Umstand, dass sie eben Kollegen seien. „Ich habe wirklich schwerwiegende Beweise dafür, dass keiner so viel Liebe und Zärtlichkeit für mich übrig hat, wie mir not täte“.

 

Ausgerechnet im Winter 1874/75 entstand nun aber mit dem Klavierkonzert in b-moll ein Werk von ausgesprochener Heiterkeit und Lebensfreude. Die Komposition ging Tschaikowski zwar nicht leicht von der Hand. Im Dezember 1874 schreibt er, „ich bin ganz in die Komposition eines Klavierkonzertes versunken. Die Arbeit geht aber nur recht langsam vorwärts und will mir nicht recht gelingen“. Im Februar 1875 war das Konzert vollendet und Tschaikowski suchte die Anerkennung, die er für die mühsame Arbeit und sicher auch dafür erwartete, dass er sich allen Depressionen zum Trotz um gute Stimmung bemüht hatte. Da Rubinstein als der größte Pianist Moskaus galt und Tschaikowski befürchtete, er könne beleidigt sein, wenn er nicht bevorzugt zu der neuen Komposition befragt werde, spielte er ihm das Werk als Erstem vor. Dabei trat, wie so häufig wenn ein Künstler sein Werk noch ganz im Rausch des Schaffens befangen in die Welt entlässt, das Gegenteil von dem ein, was er erhofft hatte.

 

Über das was sich seinerzeit abspielte, berichtete Tschaikowski im Jahre 1878 an Frau v. Merk, seine geheimnisvolle Gönnerin, die, wiewohl er sie nie zu Gesicht bekam, ab 1878 für fast eineinhalb Jahrzehnte die wichtigste Stütze für seine labile Psyche (und seine Finanzen) werden sollte: „Ich spielte ihm den ersten Satz vor. Kein Wort, keine Bemerkung! Wenn Sie wüssten, wie dumm man sich vorkommt, wenn der Freund die für ihn zubereitete Speise einfach verzehrt und dann schweigt. …Ich nahm mich … zusammen und spielte bis zum Ende. Abermals Schweigen … Ich stand auf und fragte, was denn? Rubinstein fing an zu reden, zunächst leise, dann immer lauter werdend bis zum Jupiterton. Er sagte, mein Konzert sei schlecht, unspielbar, die Läufe abgedroschen und ungeschickt, die Erfindung schwach. Gestohlen hätte ich auch hier und dort. Ich war erstaunt und beleidigt. Schweigend ging ich hinaus. Ich war einfach wütend“. Einige Zeit später erklärte sich Rubinstein dann doch dazu bereit, das Konzert zu spielen, verlangte aber Änderungen. Von Tschaikowski kam die trotzige Antwort: „Ich ändere keine einzige Note, das Konzert bleibt so wie es ist“. Die Widmung für Rubinstein wurde gestrichen.

 

Tschaikowski erinnerte sich nun der Tatsache, dass ihn Hans von Bülow, seinerzeit eine wesentlich bedeutendere musikalische Autorität als Rubinstein, ein Jahr zuvor in einem Artikel, der in Deutsachland erschienenen war, hoch gelobt hatte. Er widmete daher nun diesem das Konzert. Hans von Bülow kam nach Durchsicht der Noten zu einer Bewertung, die der Rubinsteins total entgegengesetzt war. Im Sommer 1875 schrieb er an Tschaikowski nach Nizza, wo dieser Urlaub machte: „Die Ideen (des Konzertes) sind so originell, so edel, so kraftvoll, die Details, welche trotz ihrer großen Menge der Klarheit und Einigkeit des Ganzen nicht schaden, so interessant. Die Form ist so vollendet, so reif, so stilvoll …“ Die Eigenschaften des Werke zwängen ihn dazu, „dem Komponisten sowie allen denjenigen, welche das Werk ausführend oder annehmend genießen werden in gleichem Maße seine Gratulation dazubieten“. Wenige Monate später brachte er das Konzert in Abwesenheit des Komponisten im fernen Boston mit großem Erfolg zur Uraufführung. In Moskau kam das Werk erstmals im November 1875 zu Gehör, erregte aber keine besondere Aufmerksamkeit.

 

Im Gegensatz zu Tschaikowskis zweitem und dritten Klavierkonzert hat das das b-moll Konzert inzwischen den pianistischen Olymp erklommen und sich dort dauerhaft etabliert. Um dies sicherzustellen, gab der Komponist später allerdings den apodiktischen Vorsatz auf, daran keine Note zu ändern. Im Jahre 1890 wurde es noch einmal gründlich überarbeitet, was aber nicht notwendigerweise bedeutet, dass Rubinstein Recht hatte.

1877 Peter I. Tschaikowski (1840 – 1893) – Rokoko-Variationen für Violoncello und Orchester

Peter I. Tschaikowski ist, wiewohl in Votkinsk, tief in Rußland, geboren, ein Kind der Stadt St. Petersburg. Die prachtvolle Metropole an der Ostsee, in der er seine Jugend und die ersten Mannesjahre verbrachte, hinterließ bei ihm Spuren, die sich nie verlieren sollten. Anders als Moskau, wohin ihn das Schicksal später verschlug, bedeutete die Stadt für ihn Heiterkeit und Weltoffenheit. Immer wieder sollte sie daher zum tatsächlichen oder imaginären Fluchtpunkt nicht nur des Menschen sondern auch des Künstlers Tschaikowski werden. Wer das russische Venedig, wie die Stadt auch genannt wird, besucht, denkt denn auch unweigerlich an Tschaikowskis Musik. Man glaubt, sie hier geradezu „sehen“ zu können.  St. Petersburg ist so etwas wie gebauter Tschaikowski.

Wie ein verspieltes Gebäude aus dem kaiserlichen St. Petersburg wollen einem etwa Tschaikowskis Rokoko-Variationen für Cello und Orchester erscheinen. Das reich ornamentierte Werk entstand um die Jahreswende 1876 auf 1877 in Moskau zu einer Zeit, als der Komponist eine schwere persönliche Krise durchlief. Die psychische Not war so groß, daß sich der eingefleischte Junggeselle dazu entschloß zu heiraten und zwar „wen es auch sei!“, ein Vorsatz, den er wenig später mit verheerendem Erfolg in die Tat umsetzte (die Ehe dauerte nur wenige Wochen). Verstärkt wurde seine düstere Stimmung durch künstlerische Mißerfolge. Die Oper „Wakula, der Schmid“ war bei der Uraufführung in St. Petersburg durchgefallen. Die Reaktionen auf die Wiener und Pariser Aufführungen seiner ambitiösen Tondichtung „Romeo und Julia“, die heute als das erste Meisterwerk des Komponisten gilt, waren entmutigend. Hinzu kam, daß der Moskauer Winter bei Tschaikowski regelmäßig schwere Depressionen auslöste mit der Folge, daß er in besonderem Maße unter der Entfernung vom geliebten St. Petersburg litt.

In dieser Situation wirkt die Komposition der Rokoko-Variationen wie die Beschwörung einer vergangenen, heilen Gegenwelt. Das zauberhafte Konzertstück, in dem sich Tschaikowski erstmals mit dem 18. Jahrhunderts auseinandersetzt, hat etwas von der Märchenstimmung seiner Ballette. Wie diese scheint es aus lauter Liedern ohne Worte zu bestehen. Der Meister läßt darin aber nicht nur seinem außerordentlichen melodischen Talent freien Lauf. Er zeigt auch einen so wunderbaren Sinn für die Möglichkeiten des Cellos, daß man die mangelnde Verwirklichung seines Planes, ein „richtiges“ Cellokonzert zu schreiben, nur außerordentlich bedauern kann.

Die Uraufführung der Rokoko-Variationen erfolgte am 18. November 1877 in Moskau, wobei Tschaikowskis Freund Ferdinand Fitzenhagen, dem das Werk gewidmet ist, den außerordentlich anspruchsvollen  Solopart spielte. Fitzenhagen, der den Komponisten in instrumentaltechnischen Fragen beraten hatte, führte das Werk bis zu seinem Tod im Jahre 1890 in Rußland und im Ausland immer wieder auf, unter anderem 1879 bei einem Musikfest in Wiesbaden. Dabei soll Franz Lizst darüber geäußert haben: „Hier ist wenigstens wieder Musik“.

In den Tschaikowski-Biographien wird die Komposition meist nur am Rande, manchmal sogar überhaupt nicht erwähnt. Dies ist keinesfalls gerechtfertigt. Es mag sein, daß das Werk kein Petersburger „Winterpalast“ ist und daß der Meister später größere und bedeutendere Musikarchitekturen entwarf. Die Rokoko-Variationen sind nichtsdestoweniger eine entzückende Stilvilla, ein Ort also, an dem man  die schönsten Mußestunden verbringt.

1893 Peter I. Tschaikowski (1840-1893) Symphonie Nr 6 h-moll (Pathétique)

Tschaikowskis 6. Symphonie endet nicht, wie in der Musiktradition die Regel, mit einen brillianten Allegro-Schlußsatz, sondern mit einem Adagio lamentoso, einem langsamen Klagegesang, der dazu noch in tiefer Verzweiflung erstirbt. Dies und der Umstand, daß der Komponist wenige Tage nach der Uraufführung des Werkes unerwartet verstarb, hat schon bald zu allerhand Spekulationen über mögliche Zusammenhänge zwischen seinem Tod und der Symphonie geführt. Man hat vermutet, daß Tschaikowski in diesem Werk die Ahnung von seinem bevorstehenden Ende ausgedrückt habe, ja man ist soweit gegangen, zu sagen, er habe von seinem Tod gewußt. In der letzten Konsequenz dieses Gedankens hat man sogar behauptet, er habe sich selbst getötet.

 

Nach der offiziellen Darstellung ist Tschaikowski nach dem Genuß verunreinigten Wassers, das er zufällig in den Tagen nach der Uraufführung der Symphonie getrunken habe, an der Cholera gestorben. Diese Version wird vor allem durch einem detaillierten Bericht seines Bruders Modest über die letzten Tage des Komponisten gestützt. Viele Anhänger Tschaikowskis haben sich damit aber nicht zufrieden geben wollen. Für sie ist der Bericht des Bruders das Ergebnis einer Verschwörung, deren Hintergrund ein grauenhaftes Geheimnis ist. Der Schlüssel zu diesem Geheimnis sehen sie in der lange verschwiegenen homoerotischen Neigung des Komponisten. Tschaikowski, so behaupten sie, habe sterben müssen, um einen Skandal zu vermeiden. Seinerzeit habe die Gefahr bestanden, daß sein Verhältnis zu einem anderen Mann in der Öffentlichkeit bekannt werde. Unter dieser Prämisse hat sich eine ganze Hundertschaft musikalischer Kriminalisten ans Werk gemacht und hat gegen die offizielle Version alle möglichen Indizien zusammengetragen, um sie auf teilweise ziemlich verquere Weise mit der Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Symphonie und dem Tod ihres Schöpfers zu verquicken.

 

Die Szenarien, die man hierbei entwickelte, sind freilich höchst unterschiedlich. Hinsichtlich der Person, zu der die unziemliche Beziehung bestanden haben soll, reichen die Annahmen von Tschaikowskis Neffen Davydov, dem die Symphonie gewidmet ist, über ein Mitglied der Zarenfamilie und den Sohn eines Hausmeisters bis zum Neffen eines einflußreichen Grafen. Für den Tod verantwortlich gemacht wird zum einen Tschaikowski selbst, (weil er sich in einer ausweglosen Situation gesehen habe), zum anderen sein Bruder Modest (er soll auf die Rettung der Familienehre gedrängt haben), aber auch der Zar (er soll Tschaikowskis Arzt die Tötung befohlen haben) und schließlich ein ominöses „Ehrengericht“ der St. Petersburger Rechtsschule, deren Absolvent Tschaikowski in jungen Jahren war (letzteres soll nach der Uraufführung der Symphonie zur Rettung der Schulehre zusammengetreten sein, welche der Komponist noch mehr als drei Jahrzehnte nach seinen Ausscheiden aus der pedantischen Profession verletzt haben soll). Auch die Todesursache ist umstritten. Neben der Cholera, die Tschaikowski bewußt durch den Genuß unsauberen Wassers herbeigeführt haben soll, ist auch von Vergiftung mit Arsen die Rede.

 

Die Diskussion über diese Fragen ist gerade in neuerer Zeit wieder heftig aufgeflammt. Noch im Jahre 1998 ist ein über 200 Seiten starkes Werk mit dem Anspruch erschienen, eine endgültige Klärung der Todesursache – im Sinne eines natürlichen und „zufälligen“ Todes durch Cholera – herbeigeführt zu haben. Ob hier je eine endgültige Klarheit erreicht werden kann, ist zweifelhaft. Vieles spricht aber dafür, daß es sich bei den genannten Szenarien weitgehend um Spekulationen der Art handelt, wie sie beim plötzlichen Tod großer Menschen – man denke an Mozart oder Kennedy – immer wieder aufzukommen pflegen. Eines scheint jedoch einigermaßen sicher zu sein: den unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Musik der 6. Symphonie und dem Tod des Komponisten, der die Recherchen weitgehend motivierte, hat es kaum gegeben.

 

Zweifel daran bestehen bereits deswegen, weil es schon an einem unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang zwischen der Symphonie und dem Tod des Komponisten fehlt. Tschaikowski schrieb seine 6. Symphonie in der Zeit vom 4.2. bis 24.3.1893. Gestorben ist er über ein halbes Jahr später, nämlich am 25. Oktober 1893. Damit entfällt ein kausaler Konnex für alle die Szenarien, die einen „akuten“ Skandal  im Herbst 1893 annehmen. Des weiteren wissen wir, daß Tschaikowski die Symphonie in einem wahren Schaffensrausch schrieb – dies zeigt schon die kurze Entstehungszeit. Ein solcher Zustand aber verlangt höchste Geistesgegenwart und ist mit konkreten Todesahnungen, die notwendigerweise lähmend wirken, schwer zu vereinbaren. Das Erschaffen eines so gewaltigen und kunstfertigen Werkes setzt Lebenskraft und Lebenswille geradezu voraus. Tatsächlich war Tschaikowski auch ganz euphorisch darüber, daß er bei der Komposition dieses Werkes seine verloren geglaubte Schöpferkraft wiederfand (kurz zuvor war ein erster Versuch gescheitert, eine „grandiose Symphonie zu schreiben, welche gewissermaßen den Schlußstein meines ganzes Schaffen bilden soll“). „Du kannst Dir nicht vorstellen“, schrieb er am 11.2.1893 an seinen Neffen Davydov, nachdem er den ersten Satz der Symphonie binnen 4 Tagen geschrieben hatte, „welche Seligkeit ich empfinde in der Überzeugung, daß die Zeit noch nicht vorbei ist und ich noch viel zu arbeiten habe“. Wie wenig sein Leben von der Stimmung der Symphonie bestimmt wurde, zeigt auch, daß er nach ihrer Fertigstellung Werke gänzlich anderen Charakters schrieb, daß er durch ganz Europa reiste (unter anderem nahm er in England die Ehrendoktorwürde entgegen) und daß er bis wenige Tage vor seinem Tod konkrete Pläne für die Zukunft machte. Gegen eine Stimmung der Verzweiflung im Zusammenhang mit der Symphonie spricht im übrigen, daß er sie trotz der reservierten Aufnahme, die sie in der Uraufführung am 16.10.1893 erfuhr, für sein bedeutendstes Werk hielt. In einem Brief an seinen Verleger vom 18.10.1893 erklärte er, er sei auf sie „stolzer“ als auf irgendein anderes seiner Werke.

 

Daß die Symphonie nicht nur die Tschaikowski-typische „mondäne Melancholie“ enthält, sondern den Tod ziemlich direkt thematisiert, steht dennoch außer Frage. In den beiden Ecksätzen ist dies offensichtlich. Hier wird die Todesstimmung auf außerordentlich unmittelbare Weise ausgedrückt. Aber auch durch den scheinbar heiteren 5/4-tel Walzer des zweiten und das kraftstrotzende Marsch-Scherzo des dritten Satzes scheint immer wieder resignative Düsternis oder wilde Verzweiflung durch. Hierzu hat sich Tschaikowski in einem Brief an den Großfürsten Konstantin vom 21. 9.1893 auch eindeutig geäußert. Mit diesem Brief lehnte er den Vorschlag des Großfürsten, ein Requiem nach dem Text des soeben verstorbenen Dichters Apuchtin, einem Freund Tschaikowskis seit den Tagen der Rechtsschule, zu schreiben, unter anderen mit der Begründung ab, seine soeben geschriebene Symphonie sei „von einer Stimmung durchdrungen, die der, von der das „Requiem“ (Apuchtins) erfüllt ist, nahe verwandt ist. Mir scheint, daß diese Symphonie gelungen ist, und ich fürchte, ich könnte mich wiederholen, wenn ich jetzt gleich an eine Arbeit ginge, die nach Geist und Charakter der voraufgehenden verwandt ist.“

 

Allerdings ist damit darüber, ob und wieweit sich in dem Werk eine aktuelle persönliche Problematik niederschlug, noch nichts gesagt. Sicher ist nur, daß der Ursprung ihrer extremen Stimmungen mehr als bei den meisten anderen Komponisten von Trauermusiken in der – alles andere als unproblematischen – Persönlichkeit Tschaikowskis liegt. Dies zeigt nicht zuletzt eine Bemerkung in dem bereits erwähnten Brief an den Großfürsten Konstantin vom 21.9.1893, wo es heißt: „In diese Symphonie habe ich, ohne Übertreibung, meine ganze Seele gelegt“. Der Zusammenhang von Leben und Schöpfertum lässt sich aber selten wie eine Gleichung auflösen. Denn ein Kunstwerk erlangt, zumal wenn es die Komplexität einer Symphonie besitzt, aus Gründen der Eigenheiten seines Materials und der Verankerung in der Gattungstradition notwendigerweise eine Autonomie, die es in Distanz zum Leben bringt. Wir können daher wohl nur sagen, daß Tschaikowskis 6. Symphonie die außerordentlichen Spannweite der Empfindungen ihres Schöpfers spiegelt, der bekanntlich auch die zauberhaftesten unproblematischen Werke schreiben konnte (die Musik zum „Nußknacker“ etwa entstand nur 1 ½ Jahre zuvor).

 

Dennoch hat die 6. Symphonie, die ihren Namen „Pathétique“ übrigens erst nach der Uraufführung erhielt, ein Geheimnis. Nach Tschaikowski Bekunden enthält sie „ein Programm von der Art, daß es für alle ein Rätsel bleiben wird“. Diesem wird man sich aber wohl nur durch die Beschäftigung mit der inneren Logik des Werkes nähern können.

1866 Peter I. Tschaikowski (1840 – 1893) – Symphonie Nr. 1 (Winterträume)

Tschaikowski war nicht in der Wiege gesungen, dass er einmal einer der ganz Großen seiner Zunft werden sollte. Es fiel zwar schon in seiner Kindheit auf, dass er eine starke Affinität zur Musik hatte. Auch erhielt er regelmäßigen Musikunterricht. Niemand dachte jedoch daran, dass er Musiker werden könnte. Die Eltern bestimmten ihn vielmehr für eine Beamtenkarriere. Schon im Alter von 11 Jahren schickten sie ihn auf die renommierte St. Petersburger Rechtsschule, die er auch bis zum Abschluss besuchte. Daneben pflegte Tschaikowski allerdings immer auch seine musikalischen Neigungen. Er nahm Klavierunterricht bei dem deutschen Pianisten Rudolf Kündiger, leitete Chorproben und besuchte häufig die Oper. Sein Vater, der die besondere Liebe seines Sohnes zur Musik durchaus registrierte, fragte Kündiger schließlich, ob für seinen Sohn eine Musikerlaufbahn in Frage komme, was dieser jedoch verneinte. So trat Tschaikowski 1859 im Alter von 19 Jahren eine Stelle im Justizministerium in St. Petersburg an. Weder die Bürotätigkeit noch der stutzerhafte Lebensstil der Beamten konnte ihn jedoch recht befriedigen. Im Familienkreis sprach man daher immer wieder davon, ob er nicht doch noch Musiker werden könnte. Tschaikowski war aber voller Selbstzweifel. 1861 schrieb er an seine Schwester: „Selbst wenn ich Talent haben sollte, wird es wohl kaum noch zu entwickeln sein. Man hat aus mir einen Beamten gemacht, aber einen schlechten“.  Als der Pianist Anton Rubinstein dann ein Jahr später aber das Petersburger Konservatorium eröffnete, schrieb sich Tschaikowski dennoch ein. Im folgenden Jahr gab er mit dem Segen seines Vaters die sichere Beamtenstelle auf und widmete sich ganz der Musik.

 

Zweifel und Bestätigung sollte den Komponisten noch lange, ja sein ganzes Leben begleiten. Nach der Aufführung seiner Studienabschlussarbeit, einer Kantate über Schillers „Ode an die Freude“, schrieb César Cui, das meinungsstarke Sprachrohr der akademiefeindlichen Musikervereinigung des „Mächtigen Häufleins“, zu dem Mussorgski, Rimski-Korsakow und Borodin gehörten: „Der Komponist des Konservatoriums, Herr Tschaikowski, ist ganz unfähig. … Wenn er Talent hätte, so hätte er in seinem Werk irgend einmal die Fesseln der Schule abgestreift.“ Tschaikowskis Studienkamerad Hermann Laroche – später ein bekannter Kritiker, der noch viel über ihn schreiben sollte – äußerte in einem Brief an den Komponisten über das gleiche Werk: „Diese Kantate ist das größte musikalische Ereignis Russlands nach der ‚Judith’ (einer Oper) von Serov“. Und er fügte mit erstaunlicher Prophetie hinzu: „Ich sage es Ihnen offen, dass Sie das größte musikalische Talent des gegenwärtigen Russland sind. In Ihnen erblicke ich die größte – oder noch besser gesagt – die einzige Hoffnung unserer musikalischen Zukunft.“

 

Von seinen musikalischen Fähigkeiten müssen auch Tschaikowskis akademische Lehrer überzeugt gewesen sein. Anfang 1866 wurde er – unmittelbar nach Abschluss seiner Studien – zum Kompositionsprofessor am neugegründeten Konservatorium in Moskau berufen, wo er den Rest seines Lebens verbringen sollte. 

 

Kaum dort angekommen, im Alter von 26 Jahren, machte sich Tschaikowski daran, seine Fähigkeiten mit der Komposition einer Symphonie unter Beweis zu stellen. Dieses Unterfangen war schon deswegen außergewöhnlich, weil es in Russland bis dato keine Symphonietradition gab. Das erste und einzige Werk dieser Gattung hatte hier ein Jahr zuvor der damalige Marinekadett Rimski-Korsakow herausgebracht. Tschaikowski, der bislang nur einige kürzere Orchesterstücke geschrieben hatte, tat sich denn auch nicht leicht mit der anspruchsvollen Form, zumal er eine westlich-schulmäßige und zugleich spezifisch russische Version derselben anstrebte. Der Schaffensprozess zog sich über eineinhalb Jahre hin und war von schmerzhaften Rückschlägen begleitet. Da Tschaikowski tagsüber mit seiner Lehrtätigkeit stark ausgelastet war, verlegte er die Arbeit an der Symphonie anfangs weitgehend in die Nachtstunden. Aufgewühlt von der kreativen Arbeit fand er danach aber kaum richtigen Schlaf, weswegen er unter massiven Erschöpfungszuständen litt. Als sich auch noch Halluzinationen und Angstzustände einstellten, suchte er schließlich einen Arzt auf, der ihm attestierte, dass er „am Rande des Wahnsinns“ sei und ihm die Nachtarbeit verbot.

 

Erste Skizzen übergab Tschaikowski seinen Petersburger Lehrern Anton Rubinstein und Zaremba im Sommer 1866 zur Begutachtung. Sie stellten harsch fest, dass das Werk nicht zur Aufführung geeignet sei. Daraufhin überarbeitete Tschaikowski die Komposition und legte sie Rubinstein erneut vor. Die Antwort war wiederum entmutigend. Rubinstein hielt nur die beiden Mittelsätze für aufführungswürdig. Tatsächlich wurde dann sogar zunächst nur das Scherzo gespielt (im Dezember 1866 in Moskau). Drei Monate spätere spielte man in Petersburg dann die beiden Mittelsätze, die aber, dergestalt aus dem Zusammenhang gerissen, keine rechte Resonanz fanden. Die erste vollständige Aufführung fand nach weiteren Überarbeitungen am 3. Februar 1868 in Moskau statt und war ein voller Erfolg. Nach dem Bericht des Musikkritikers Kaschkin soll Tschaikowski im Anschluss an die Aufführung vor lauter Freude alle Anwesenden abgeküsst und dann alle Gläser zerschlagen haben, „damit nach einem solchen Wohl niemand mehr aus diesen Bechern trinken könne.“ Dennoch unterzog der Komponist das Werk im Jahre 1874 noch einmal einer gründlichen Revision. Unter anderem fügte er im ersten Satz das gesangliche zweite Thema ein, was natürlich Auswirkungen auf die ganze Satzkonstruktion hatte. In dieser dritten Fassung ist die Symphonie auf uns gekommen.

 

Die Werk zeigt überall das Bestreben Tschaikowskis auf der Basis der tradierten (viersätzigen) Form ein eindeutig russisches Werk zu schaffen. Schon mit der Übertitelung „Winterträume“ spricht er einen spezifischen Topos des winterlastigen Landes an. Der erste Satz, der mit „Träumerei auf winterlicher Fahrt“ überschrieben ist, ist geradezu ein Lehrstück für die Verbindung der Grundformen des Sonatenhauptsatzes mit  russischer Programmatik. Der Kenner musiktechnischer Feinheiten wird seine Freude an der durchsichtigen Verarbeitung des thematischen Materials und der gekonnten Instrumentierung haben. Vor allem wird ihm die originelle Rückführung zur Reprise auffallen, wo die Bläser über 22 Takte „die Doppelpunktwirkung der Leittonspannung“ aufrechterhalten, um schließlich den Lösungston „g“ und von dort im Wege der „Tonspaltung“ über die Mollterz „b“ auf geradezu zwingende Weise wieder die Grundtonart g-moll zu erreichen. Wer träumen will, mag sich beim Hören dieses Satzes als Beobachter oder Teilnehmer einer Schlittenpartie sehen, an der auch allerhand unruhige Naturgeister beteiligt zu sein scheinen. Beim geschmeidigen ersten Themas könnte man sich das mühelose Gleiten im Schnee vorstellen, beim seinem stark rhythmisierten Nebengedanken das lockere Klappern von Pferdehufen. Die immer wiederkehrenden harmonischen und dynamischen Ausrutscher sowie die plötzlichen Temposteigerungen ließen sich dann damit erklären, dass sich die rastlose Schlittengesellschaft auf glattem Terrain befindet.

 

Besonders deutlich wird das russische Element in den beiden Mittelsätzen. Im langsamen zweiten Satz, der mit „Rauhes Land, Land des Nebels“ überschrieben ist, macht sich russische Schwermut breit. Hier findet sich bereits die melancholische Umspielung des Hauptthemas durch die Flöte, welche 25 Jahre später in Tschaikowskis letzter Symphonie wiederkehrt. Der dritte Satz, ein Scherzo, scheint uns in einen jener Ballsäle zu versetzen, in denen (sich) die russische Oberschicht den Winter vertrieb. Das musikalische Material der Eckteile hat Tschaikowski aus dem Scherzo einer posthum veröffentlichten Klaviersonate genommen, das wiederum auf einem Scherzo aus Schumanns Sonate Op. 22 basiert. Hinzugefügt hat er einen opulenten Walzer. Es handelt sich um den ersten Orchesterwalzer aus seiner Feder, dem bekanntlich noch viele berühmte folgen sollten. Tiefsinnig kehrt er gegen Ende des Satzes in moll verfremdet zurück. Im vierten Satz will der Komponist offensichtlich zeigen, was er (vom Westen) alles gelernt hat. Hier finden sich, für Tschaikowski eher untypisch, allerhand fugierte Elemente.

 

Alles in allem ist Tschaikowskis symphonischer Erstling ein Werk, in dem sich allenthalben der  spätere Meister ankündigt. Bedeutungsschwere Sentimentalität und wilde Temperamentsausbrüche sind bereits ebenso zu finden, wie große und pathetische Gesten, lang gezogene Kantilenen, exquisite harmonische Wendungen, tänzerische Eleganz und ein turbulenter, gelegentlich lärmender Schlusssatz.

Alessandro Stradella (1644- 1682) Sonate für acht Streicherstimmen und eine Trompete

Stradella ist eine jener wildromantischen südländischen Musikerfiguren, wie sie der Norden, der in musikalischen Dingen vergleichsweise bieder ist, kaum zu bieten hat. Früh verwaist schlug er sich als Sänger, Geiger, Lautenspieler, freier Komponist und Schreiber lateinischer Gedichte in höfischen Kreisen Roms durch, war in immer neue Liebschaften und vor allem in eine größere Unterschlagungsaffaire zum Nachteil der katholischen Kirche verwickelt. Ermittlungen in dieser Sache zwangen ihn, Rom eine Zeit lang zu verlassen. Er kehrte jedoch, als Gras über die Sache gewachsen war, in die ewige Stadt zurück, wo er in den Kirchen Kantaten und Oratorien sowie in den Villen des Stadtadels zahlreiche Opern und instrumentale Werke aufführte. Weil er den Ärger eines Kardinals auf sich gezogen hatte, verließ er Rom im Jahre 1677 endgültig und ging nach Venedig, wo er sich als Musiklehrer einer Mätresse verdingte, mit der er schon bald nach Turin durchbrannte. Die Dame muß außerordentlich attraktiv gewesen sein, denn der musikalische Auftraggeber, ein Mitglied der mächtigen Familie Contarini, gab sich mit dem Verlust nicht zufrieden, sondern folgte dem Paar mit einer Privatarmee vom vierzig Mann mit dem Ziel, den musikalischen Entführer umzubringen. Der Feldzug wurde zwar vom Turiner Regenten unterbunden. Contarini ließ aber zwei Bravi in Turin, die auf den Komponisten am 10.10.1677 einen Mordanschlag verübten. Stradella hatte Glück, entkam und ging nach Genua. Dort geriet er wegen der Liebschaft mit einer aristokratischen Schülerin erneut in Schwierigkeiten mit der „Obrigkeit“, wobei es schließlich ernst wurde. Am 25.2.1688 wurde Stradella im Auftrag der Familie Lomellini auf offener Straße ermordet. Auf Grund dieses Schicksals wurde er später selbst zum Titelhelden einer Oper, die der „Nordländer“ Friedrich von Flotow im Jahre 1844 komponierte.

Stradella gilt als einer der führenden Komponisten seiner Zeit in Italien. Bedeutsam ist vor allem sein Beitrag zur Entwicklung des Concerto grosso. In seinem Orchester saß der junge Corelli, der später als einer der ersten Concerti grossi veröffentlichen und dessen Musik zum Maßstab in ganz Europa werden sollte. Stradellas Musik ist so opulent wie die Kirchen und Villen, in denen seine Werke erklangen. Deutlich wird dies auch in seiner Sonate für acht Streicherstimmen und eine Trompete, in der sich zwei Streicherchöre bei der „Begleitung“ einer obligaten Trompete gegenüberstehen, wobei sich alle Stimmen auf das Kunstvollste miteinander verschränken.

1862 Richard Wagner (1813 – 1883) Vorspiel zur Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“

 

Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ ist ein Werk, welches wie kaum ein anderes örtlich verankert und aus einem Guß zu sein scheint. Dennoch hat es eine merkwürdig zerfahrene internationale Entstehungsgeschichte. Wagner arbeite während der langen Jahre, in denen damit befaßt war, nicht nur gleichzeitig an den Opern des „Ring der Nibelungen“. Das deutsch-bodenständige Werk ist auch die Frucht einer Zeit, in welcher der Komponist wie sein „Fliegender Holländer“ unstet durch die Welt irrte und von einer Kalamität in die andere geriet.

 

Die erste Prosafassung des Textbuches entstand bereits während eines Aufenthalt im böhmischen Marienbad im Jahre 1845. Wagner befaßte sich seinerzeit mit dem Projekt einer „komischen Oper“, weil er nach der mäßigen Resonanz seiner vorangegangenen tragischen Werke nicht zuletzt um des Geldes willen, das bei ihm immer knapp war, einen schnellen Erfolg suchte.

 

Wegen der vielfältigen anderen Aktivitäten des umtriebigen Sachsen lag das Projekt der komischen Erfolgsoper jedoch zunächst lange Zeit auf Eis. Seinem Naturell folgend hatte sich Wagner doch wieder tragischen Dingen zugewandt. Anfang der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts hatte er aber erneut Anlaß, schnellen Erfolg zu suchen. Inzwischen hatte er die tragische Oper „Tristan und Isolde“ fertiggestellt, ein schwieriges und handlungsarmes Werk, das zunächst keine Bühne spielen wollte. Der „Ring“ war unvollendet, dennoch aber bereits versetzt (an den Ehemann seiner Geliebten). Der Herr desselben war – wieder einmal – verschuldet und seine persönlichen Verhältnisse durch Frauengeschichten zerrüttet. Ohne Zweifel mit dem Gedanken an einen Vorschuß kündigte Wagner daher, noch bevor eine Note geschrieben war, dem Mainzer Schott-Verlag im Oktober 1861 die „Meistersinger“ mit dem Bemerken an, daß deren „schnellste Verbreitung über das Theater“ unter anderem wegen des leicht populären Stiles verbürgt sei.

 

Kurz darauf verfaßte Wagner in Venedig und Wien erweiterte Textentwürfe zu dem Lustspiel. Die endgültige Ausarbeitung des urdeutschen Stoffes fand schließlich im Winter 1861/62 ausgerechnet in Paris statt. Im April 1862 begann Wagner mit der Niederschrift der Musik. Zu diesem Zwecke quartierte er sich, um – auch finanziell – in möglichst engem Kontakt mit seinem Verlag zu sein, in einer Villa eines Gönners in Biebrich ein, einem Ort am Rhein, der Mainz gegenüber liegt. Bereits im Sommer dieses Jahres zog es ihn aber wieder nach Wien, wo er – vergeblich – auf die Aufführung des „Tristan“ hoffte. Auch in Wien trieb Wagner die Arbeit an den „Meistersingern“ zunächst voran. Dann geriet das Werk wieder ins Stocken, zumal der Komponist ausgedehnte Konzertreisen bis nach Moskau unternahm.

 

Im Frühjahr 1864 mußte Wagner, der wieder einmal den Genuß der finanziellen Mittel, welche mit dem Erfolg einhergehen, vor das Erringen desselben gezogen hatte, vor seinen Gläubigern aus Wien flüchten. Unterwegs spürte ihn der Kabinettsekretär König Ludwigs II. von Bayern in Stuttgart auf und brachte ihn nach München. Es folgte die turbulente bayrische Episode, in der Wagner schon deswegen nicht daran denken mußte, an der Erfolgsoper weiterzuarbeiten, weil Ludwig II. seine Schulden bezahlte und ihm ein hohes Gehalt aussetzte. Im Übrigen konnte er hier endlich den „Tristan“ zur Aufführung bringen. Erst nach seiner Flucht aus Bayern Anfang 1866 besann sich Wagner wieder auf die Notwendigkeit eines „schnellen“ Erfolges und setzte die Arbeit an den „Meistersingern“ fort. Er konnte sie aber, da ihm letztlich doch Qualität vor Erfolg ging, erst im Oktober 1867 in der  Idylle von Tribschen am Luzerner See beenden.

 

Daß das Werk angesichts dieser Entstehungsbedingungen dennoch das Bild einer vollendeten Einheit bietet, erklärt sich wohl auch dadurch, daß sich Wagner schon früh auf das musikalische Material festlegte. Das Werk ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Kopfgeburt. Entgegen aller Opernpraxis und auch seiner eigenen Gewohnheit komponierte Wagner seinerzeit in Biebrich nämlich als erstes (nur) die Ouvertüre der Oper. Dies wirft ein interessantes Licht auf Wagners Arbeitsweise. Möglich wurde diese Reihenfolge nämlich durch eine Kompositionsmethode, die Wagner von Beethoven übernommen hatte. Danach wird ein Werk konsequent aus einmal gewählten Themen nach den Gesetzen entwickelt, die diesen Motiven innewohnen, ein Verfahren, das Wagner gerade in den „Meistersingern“ thematisiert. Dort fragt Stolzing, dem Hans Sachs die Gesetze des Meisterliedes erklärt: „Wie fang ich nach der Regel an?“, worauf Sachs antwortet: „Ihr stellt sie auf und folgt ihr dann“.

 

Auch ansonsten waren bei der Meistersinger-Ouvertüre die Verhältnisse auf den Kopf gestellt. Ihre Uraufführung fand im November 1862 im Gewandhaus im Leipzig statt, sechs Jahre bevor das ganze Werk gespielt wurde.

 

Der Oper selbst war übrigens das Schicksal beschieden, das Wagner erhofft hatte. Die Uraufführung im Juni 1868 in München war sein größter Theatererfolg. Das Werk verbreitete sich, wie vorausgesagt, binnen kurzem über die Bühnen der Welt. Die hochkomplexe Ouvertüre wiederum, ein Wunderwerk Wagner’scher Kontrapunktik und Leitmotivik, hat als das eigenständige Werk, das sie von Anfang an war, zusätzlich auch die Konzertpodien der Welt erobert.

1899 Franz Schmidt (1874 -1939) 1. Symphonie E-Dur

 

Im Gärungsprozess, der die europäische Kultur um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erfasste, spielte Wien eine herausragende Rolle. In der Hauptstadt des k&k Vielvölkerstaates lebten seinerzeit so viele große Begabungen und wirksame Geister, wie kaum je an einem Ort. Sie waren auf den unterschiedlichsten Gebieten der Kultur und des sozialen Lebens tätig. Was sie jedoch in hohem Maße einte, war die Neigung, mit Nachdruck nach dem Stand der sozialen und kulturellen Entwicklung im Ganzen zu fragen. Zahlreiche Protagonisten des Geistesleben machten nicht nur alle Anstrengungen, sich des Weges zu vergewissern, den die Kultur bis dato zurückgelegt hatte. Sie suchten auch auf außerordentlich grundsätzliche Weise nach der Richtung, welche die Geisteswelt in der Zukunft nehmen sollte. Die Entwicklung der alteuropäischen Kultur strebte so in Wien in exemplarischer Weise jenem Kulminationspunkt zu, dem die Moderne folgte. Von den herausragenden Protagonisten dieser Entwicklung seien hier nur Siegmund Freud für die Humanwissenschaften, Gustav Mahler und Arnold Schönberg für die Musik sowie Gustav Klimt, Walter Olbricht, Otto Wagner und Adolf Loos für die Bildende Kunst und die Architektur genannt. Aber auch so „radikale“ soziale Umgestalter wir Theodor Herzl und Adolf Hitler sind durch die Atmosphäre Wiens in der Zeit der Jahrhundertwende geprägt. 
 
Die Vorstellung, dass es um das große Ganze ging, hatte nicht zuletzt den geistigen Nachwuchs erfasst. Auffällig viele junge Talente hielten sich nicht lange damit auf, sich Schritt für Schritt der tradierten Kulturtechniken zu bemächtigen und sich dann in der Hierarchie der Kultur langsam nach oben zu arbeiten, sondern wagten früh den großen Wurf. Solche jugendliche Himmelstürmer waren etwa die Literaten Hugo von Hofmannsthal, Stefan Zweig und Karl Kraus, der Philosoph Otto Weiniger und wiederum Arnold Schönberg. 

 Zu den jugendlichen Wiener Kraftgenies dieser Zeit gehörte auch der Musiker Franz Schmidt, der wie Schönberg und Kraus im Jahre 1874 geboren wurde. Als pianistisches Wunderkind und Cellist eignete er sich schon in jungen Jahren eine geradezu enzyklopädische Kenntnis der Musikliteratur an. Man sagte ihm nach, dass er auf der Basis eines phänomenalen musikalischen Gedächtnisses fast alle gängigen Werke auswendig spielen konnte. Im Alter von 22 Jahren machte sich Schmidt – möglicherweise beflügelt durch die Tatsache, dass er gegen vierzehn Mitbewerber eine Stelle als Cellist beim Paradeorchester der Wiener Philharmonikern erlangt hatte – daran, diese Kenntnisse in einem großen Werk zu verarbeiten. Wiewohl er bis dahin wenig und insbesondere nichts für Orchester komponiert hatte, nahm er sich dabei nichts weniger als die Fortführung der großen Tradition der Wiener Symphonik vor. Anlage und Größe des Werkes, das er dann in den Jahren 1896 bis 1899 schuf, zeigen, dass er auf Augenhöhe mit seinen großen Wiener Vorgängern, insbesondere mit Brahms und Bruckner agieren wollte, Komponisten, die sich aus Respekt vor der anspruchsvollen Form der Symphonie erst in ihrem vierten Lebensjahrzehnt an ein solches Vorhaben gewagt hatten.

In der schwelenden Diskussion darüber, welche Richtung der künstlerische Geist der Zeit einschlagen sollte, hat sich der junge Schmidt dabei auf die Seite der Sammler, Bewahrer und Vollender gestellt, einer Einstellung, der er bei aller – insbesondere auch persönlichen – Sympathie für den vorwärtsstürmenden Schönberg und seine Anhänger im großen und ganzen sein Leben lang treu bleiben sollte. Seine 1. Symphonie zeigt ihn als einen Künstler, der sich in großartig zusammenfassender Weise der bisherigen Entwicklung der Musik vergewissert. Das Werk ist daher in erster Linie ein Gang durch die wundervollen Bildungen, welche die Musikgeschichte bis dato hervorgebracht hatte. Vom barocken Figural- und Fugenwerk über kunstvoll motivisch-thematische Arbeit in der Form des Sonatenhauptsatzes und romantischer Waldhornseeligkeit bis zu Wiener Schrammelharmonik und Brucknerschen Scherzo-Rhythmen ist alles vertreten, was dem Musikkenner vertraut ist. Die Symphonie ist eklektisch in dem guten Sinne, in dem es die Architektur des 19. Jh. ist, die in ähnlich vielfältiger Weise auf die tradierten Formen anspielte. Es ist sicher kein Zufall, dass das Werk in einer Zeit entstand, als man im Herzen der Stadt die gigantischen Prunkbauten der Kaiserforen erstellte, die ebenfalls dem Sammeln und Bewahren dienten. Die Neue Hofburg steigerte die architektonische Tradition der Antike unmittelbar ins Ungeheure, das Kunsthistorische Museum und sein bauliches Pendant, das Naturhistorische Museum, nahmen sie mittelbar, nämlich in der Form der Neorenaissance auf. Schmidts Symphonie überträgt gewissermaßen die Monumentalität und imperiale Haltung dieser Bauten in Musik. Man kann das Spiel mit den historischen Formen der Musik wie eine Wanderung durch die prunkvollen Räume und kostbaren Sammlungen der großen Museen und die feierlichen, anders als bei Bruckner ganz weltlichen Choräle wie ein Durchschreiten der kolossalen Kolonnaden und Treppenhäuser des nie vollendeten Riesenbaus der Neuen Hofburg empfinden. Tatsächlich ist denn auch mehrfach die kaiserliche Hymne „Heil Dir im Siegerkranz“ zu hören.

Schmidts 1. Symphonie ist, anders als die drei Werke der gleichen Gattung, welche er noch komponieren sollte, heute so gut wie unbekannt. Sie wird in den einschlägigen Werken in der Regel nicht einmal erwähnt. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass sie als Jugendwerk gilt und ihre Aufführung durch technische Schwierigkeiten erschwert ist, mit denen Schmidt möglicherweise seine Kollegen als Mitglieder eines Orchesters, das als das beste der Welt galt, beeindrucken wollte. Die Symphonie, welche die Wiener Philharmoniker im Jahre 1902 erstmals spielten, wartet daher noch darauf, in die Traditionspflege einzugehen, von der sie selbst ein großartiger Teil ist.

 

1906 Léo Weiner (1885 – 1960) – Serenade für kleines Orchester Op. 3

Ein schöpferischer Musiker, der um 1880 in Europa zur Welt kam, befand sich zu Beginn seiner Reifejahre in keiner einfachen Position. Aufgewachsen unter der Herrschaft des spätromantischen Musikidioms, wurde er, kaum dass er sich seiner Maßstäbe vergewissert hatte, mit den epochalen Veränderungen der musikästhetischen Vorstellungen am Anfang des 20. Jahrhunderts konfrontiert. Ob durch Aktivität oder Passivität musste er dazu unvermeidlich Stellung nehmen. Der Sog dieses Paradigmenwechsels war so stark, dass es schwierig war, sich den Schubladen zu entziehen, in die man hineingezogen werden konnte. Wer nicht zu denen zählte, die angeblich die neue Zeit ausdrückten und denen die Zukunft gehören sollte, lief Gefahr, in Vergessenheit zu geraten, weil er einer vergangenen Zeit zugerechnet wurde.

Dieses Dilemma zeigt sich exemplarisch bei den vier großen ungarischen Musikern Ernst von Dohnány, Béla Bartók, Zoltán Kodály und Leó Weiner, die alle zwischen 1877 und 1885 geboren wurden. Sie kamen aus der selben Schule, studierten fast gleichzeitig am Budapester Konservatorium und hatten den gleichen Kompositionslehrer (Koessler). Sie waren auch persönlich miteinander bekannt und beeinflussten sich gegenseitig (Dohnány und Bartók stammten sogar aus dem gleichen Ort – Pressburg – und gingen in die gleiche Schule). Ihre ersten Kompositionen standen unter dem Einfluss der deutschen Romantik, wobei sich Dohnány an Brahms, Bartók an Richard Strauss und Weiner an Mendelssohn und Schumann orientierte. Kurz nach der Jahrhundertwende gingen ihre Wege aber auseinander. Bartók und Kodály traten – merkwürdigerweise auf dem retrospektiven „Umweg“ über die Volksmusik – den Weg in die Zukunft an. Sie sollten weltberühmt werden und gelten heute als die Repräsentanten der neueren ungarischen Musik. Dohnány und Weiner hingegen hatten anfangs zwar große Erfolge – bevor sich der Paradigmenwechsel durchgesetzt hatte, gab man ihnen sogar den ehrenvollen Beinahmen eines „ungarischen Brahms“ bzw. eines „ungarischen Mendelssohns“. Da sie dem einmal angenommenen Idiom aber treu blieben, gerieten sie als Komponisten zusehends ins Hintertreffen und sind heute trotz großer Produktivität weitgehend vergessen. Weiner hat es nicht einmal in die gängigen Musikführer geschafft. Dohnány machte sich in der Folge einen Ruf als Pianist und Dirigent und wurde zu einer zentralen Figur im ungarischen Musikleben der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in welcher Rolle er nicht zuletzt dafür sorgte, dass Bartók und Kodály gespielt wurden. Weiner wurde zu einer Institution als Professor an der gemeinsamen besuchten Musikhochschule in Budapest, wo er über Jahrzehnte Generationen von Musikern heranzog. Zu seinen Schülern gehörten etwa Géza Anda und Georg Solti.

Von Weiners Musik sagt man, sie sei transparent, unaggressiv, verzichte auf unnötige Komplikationen und benutze überlieferte Formschemata, was sich ein wenig wie die Spiegelverkehrung der Beschreibung mancher Musik von Bartók anhört. Er verwendet gerne ungarische Elemente, allerdings in der Art der ungarischen Romantik etwa eines Franz Liszt. Ein schönes Beispiel hierfür ist die heitere Serenade für kleines Orchester, die Weiner mit einem erstaunlichem Geschick im Umgang mit der hochentwickelten spätromatischen Harmonik im Jahre 1906 im Alter von 21 Jahren schrieb, zu einen Zeitpunkt als Bartók Musik dieser Faktur gerade den Rücken kehrte.

1857/58 Richard Wagner (1810-1883) Wesendonk-Lieder

Wagner, der in der Hauptsache Vokalmusik komponierte, schrieb die Texte für seine Musik in aller Regel selbst. Die wichtigste Ausnahme von dieser Regel sind die sogenannten Wesendonk-Lieder. Deren Textvorlagen stammen von Mathilde Wesendonk, der Frau des reichen Kaufmannes Otto Wesendonk, welcher Wagner nach seiner politisch bedingten Flucht aus Sachsen im Schweizer Asyl finanziell unterstützte. Die Wesendonks, die an sich aus Deutschland stammten, führten in Zürich ein großes Haus und hielten literarisch-musikalische Gesellschaften ab, zu deren Besuchern neben Wagner etwa auch der Dichter Gottfried Keller und der Architekt Gottfried Semper gehörten. Angeregt durch die Künstler, die in ihrem Haus verkehrten, schrieb Mathilde Wesendonk auch selbst Gedichte. Daß die schwärmerisch-schwermütigen Gelegenheitsdichtungen einer Dilettantin vom Jahrhundert-Musiker Wagner vertont wurden, hatte seinen Grund in der besonderen persönlichen Beziehung zum Komponisten, in der es ziemlich dramatisch zuging.

Ihren Höhepunkt erreichte die Beziehung als Wagner im Spätsommer 1857 der unmittelbare Nachbar der Familie Wesendonk wurde. Seinerzeit bezog der Komponist auf Einladung von Otto Wesendonk mit seiner Frau Minna das „Asyl“, ein älteres Fachwerkhaus, das auf dem Grundstück der imposanten Villa stand, die sich die Wesendonks auf einem „grünen Hügel“ im Stil der italienischen Renaissance erbauen ließen. Über das, was danach geschah, schreibt Wagner später in seiner Autobiographie „Mein Leben“: „Wir waren durch die ländliche Nachbarschaft so nahe gerückt, daß eine starke Vermehrung der Beziehungen bloß durch die einfache tägliche Berührung nicht ausbleiben konnte“. Im Klartext heißt dies, daß Wagner sich endgültig in die fast 20 Jahre jüngere Mathilde verliebte, Besuche, Billette, Botschaften und Briefe hin- und her wechselten, Eifersuchtsszenen in allen Kombinationen abliefen und eben auch Gedichte übergeben und vertont wurden. Welche Hochspannung zwischen Villa und Asyl herrschte, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, daß auf dem Hintergrund der Beziehung zu Mathilde Wesendonk Wagners aufregendstes und revolutionärstes Werk, die Oper „Tristan und Isolde“, entstand, in der es um eine Dreiecksbeziehung mit „liebestödlichem“ Ausgang geht.

Das Drama „Richard und Mathilde“ freilich endete so prosaisch wie dies im richtigen Leben eher der Fall zu sein pflegt. An einem Abend im April 1857 diskutierten die beiden Protagonisten über die Frage, wie die Figur des „Faust“ bei Goethe zu beurteilen sei. In der ihm eigenen Art, Hochgeistiges und Persönliches zu vermischen, nutzte Wagner die Auseinandersetzung dazu, seine Eifersucht auf Mathilde Wesendonks jungen italienischen Sprachlehrer De Sanctis zu Ausdruck zu bringen. Dabei muß er ziemlich aus der Rolle gefallen sein. Am folgenden Morgen versuchte er die Scherben mittels eines Briefes zu kitten, den er mit „Morgenbeichte“ überschrieb. Das Schriftstück, das einige interpretationsfähige Formulierungen enthielt – unter anderem tauchte darin mehrfach das Wort „Liebe“ (mit „!“) auf -, wurde von seiner misstrauischen Ehefrau abgefangen. Sie ging damit postwendend zu Mathilde und machte ihr heftige Vorhaltungen. Die Folge war, daß das komplizierte, künstlerisch verbrämte Beziehungsgeflecht zwischen Villa und Asyl zusammenbrach. Wagner floh, Mathilde mit großer Geste entsagend, nach Venedig, wo er die unaufgelöste Liebesspannung in der Weiterführung des Jahrhundertkunstwerkes „Tristan“ sublimierte.

Die Lieder nach den Texten Mathilde Wesendonks sind menschlich und künstlerisch im Kleinen, was der „Tristan“ im Großen ist. Ihre Musik ist weitgehend vom Tonfall, insbesondere von der irisierenden Harmonik der Oper geprägt. Die Lieder „Im Treibhaus“ und „Träume“, die in ihrem schopenhauerischen Pessimismus und ihrer buddhistisch angehauchten Allmystik der Gedankenwelt des „Tristan“ inhaltlich besonders nahe stehen, sind als Vorstudien zur Oper anzusehen. Wie wichtig der persönliche Hintergrund der Lieder war, offenbart sich nicht zuletzt darin, daß Wagner unter dem Einfluß offenbar noch immer glühender Gefühle – möglicherweise aber auch in weiterhin werbender Absicht – die Rangfolge der Werke seinerzeit auf den Kopf stellte. In einem „Tagebuch für Mathilde“, welches er in Venedig führte, schrieb er: „Besseres als diese Lieder habe ich nie gemacht, und nur sehr weniges von meinen Werken wird ihnen zur Seite gestellt werden können“.

Die Lieder, die zwischen Herbst 1857 und Sommer 1858 jeweils unmittelbar nach der Abfassung der Gedichte meist an einem Tag komponiert wurden, sind ursprünglich für Klavier und Sopran geschrieben. Instrumentiert wurden sie erst später von Felix Mottl. Die Rechtfertigung und das Modell für die Orchesterfassung lieferte Wagner selbst, indem er das Lied “Träume“ für acht Instrumente setzte. Diese Fassung brachte er Mathilde am Morgen ihres 29. Geburtstages (23.12.1857) als Überraschungsständchen im Treppenhaus der Wesendonk-Villa dar, was beim Hausherrn, der sich auf Geschäftsreise in New York befand, zu einigen Irritationen und in der Züricher Gesellschaft zu allerhand Gerede führte.

1857/1859 Richard Wagner (1813- 1883) Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde“

Kaum ein Detail der europäischen Kunstmusik hat die Gemüter der Kenner so sehr erregt wie der zweite Takt (des Vorspieles) der Oper „Tristan und Isolde“. Am Anfang dieses Taktes steht der berühmt – berüchtigte „Tristan Akkord“. Der merkwürdige vierstimmige Akkord durchzieht samt seiner rätselhaften Weiterführung, immer wieder scheinbaren (Auf)Lösungen zustrebend, leitmotivisch die ganze Oper, um erst nach über vier Stunden unmittelbar vor dem Schlussakkord eine beruhigende Wendung zu nehmen. Das spannungsvolle Klanggebilde symbolisiert den Gegenstand der Oper, in der es um Liebesverlangen geht, dessen Erfüllung die Protagonisten mangels der Möglichkeit einer Befried(ig)ung auf Erden nach gemeinsamem Tod in einer höheren Seinssphäre suchen. Wagner lehnte sich bei der Konzeption dieser hochspekulativen Thematik an Gedanken Schopenhauers an, der seinerseits buddhistische Vorstellungen aufnahm.

 

Abgesehen von der illustrativen Funktion im Werk hat der Tristan-Akkord auch eine große Rolle bei der Deutung der neueren Musikgeschichte gespielt. Gegner und Freunde der modernen Musik ziehen ihn gemeinhin heran, wenn es um die Beantwortung der Frage geht, wie es zu der erstaunlichen Entwicklung der europäischen Kunstmusik seit Beginn des 20. Jahrhunderts kam. Für die Anhänger des Gedankens vom Fortschritt in der Musik ist die Tristan-Harmonik der Wendepunkt, mit dem das fundamental Neue beginnt. Mit dem Einsatz des harmonisch mehrdeutigen Tristan-Akkordes habe Wagner den Prozess der Auflösung der überkommenen Dur/Moll Harmonik eingeleitet und damit Platz für ungekannte neue Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen. Für diejenigen, welche diese Entwicklung bedauern, ist der Tristan-Akkord so etwas wie eine Erbsünde. Nach ihrer Meinung hat Wagner damit ein grundlegendes Tabu der europäischen Musikgeschichte gebrochen und so den Weg für zahlreiche weitere Tabubrüche frei gemacht. Dies habe in die Atonalität und die sackgassenartigen Versuche geführt, die alte Harmonik durch andere Ordnungssysteme zu ersetzen.

 

Ob die Tristan-Harmonik tatsächlich eine derart entscheidende Rolle in der Musikgeschichte spielte, ist allerdings nicht so sicher. Mehrdeutige Akkorde hat es auch schon vor Wagner, insbesondere bei Franz Liszt gegeben. Außerdem betreffen die Neuerungen der Moderne nicht ausschließlich und möglicherweise nicht einmal in erster Linie die Harmonik. Satie, Debussy, Skriabin und Ives, welche die ersten Schritte in Richtung neue Musik gingen, änderten auch andere wichtige Parameter der Musiktradition. Auch Arnold Schönberg und seine Schüler, die das Ende der überkommenen Harmonik besiegelten, haben sich mit dem „Tristan“ in der Theorie erst befasst, nachdem sie sich in der Praxis schon von der Tradition verabschiedet hatten. Es spricht daher vieles dafür, dass die Vorstellung vom Tristan-Akkord als dem Prototyp des Tabubruchs eine retrospektive Konstruktion der Musikwissenschaft auf der Suche nach einem Ausgangspunkt für eine schlüssige Entwicklungslinie der neueren Musikgeschichte ist. Ähnlich wie für die Oper hat die Tristan-Harmonik daher wohl auch für die Musikgeschichte eher eine symbolische Bedeutung.

 

Die Wirkung des „Tristan“ war nichtsdestoweniger außerordentlich. Ungezählte Musikwissenschaftler und Denker haben die Struktur und die werkimmanente Funktion des Tristan-Akkordes zu deuten versucht. Wegen seiner Berühmtheit wird er auch immer wieder zitiert und zwar trotz oder gerade wegen des todernsten Kontextes, in dem er steht, auch in parodistischem Zusammenhang. Debussy etwa verwendete ihn in „Golliwogs Cakewalk“ aus „Childrens Corner“. Hindemith setzte das erotische Klanggebilde in der Musik zu seinem Puppenspiel „Das Nusch-Nuschi“ ein, wo es zum Entsetzen der Wagner-Gemeinde ausgerechnet zur Untermalung einer Szene diente, in der ein burmesischer General seine Männlichkeit durch den Biss eines Flussviehs namens Nusch-Nuschi verliert. Auf diese Weise war der Akkord sogar an einem veritablen Skandal beteiligt. Der Auftritt des respektlosen Hanauers löste in Stuttgart, wo das Puppenspiel im Jahre 1921 uraufgeführt wurde, ein heftiges kulturpolitisches Beben aus, das schließlich zum Rücktritt des Generalmusikdirektors Fritz Busch führte. Auch in der Literatur hat Wagners „Tristan“ Spuren hinterlassen. In Thomas Manns Novelle diesen Namens ist die Oper der Hintergrund der unheilvollen Aktivitäten eines lebensfremden und „unverantwortlichen“ L`art pour l`art Poeten. Hans-Ulrich Treichel hat in neuerer Zeit unter dem Titel „Tristan-Akkord“ eine äußerst gelungene Persiflage über den modernen Musikbetrieb geschrieben.

 

Das Tristan-Vorspiel, in dem der Akkord bereits in vielfacher Weise präsentiert wird, ist ein Werk von singulärer Dichte und außerordentlicher erotischer Suggestivkraft. Da Wagner erhebliche Probleme hatte, die hochkomplexe und technisch äußerst anspruchsvolle Oper, die 1859 fertig gestellt war, auf die Bühne zu bringen, führte er das Vorspiel zunächst bei verschiedenen Konzerten gesondert auf. Erstmals im Jahre 1863 verband er es dabei mit dem „Schlusssatz“ der Oper, den er auch als „Verklärung“ bezeichnete. Zusammen mit diesem Teil, der (erst) nach Wagners Tod die Bezeichnung „Liebestod“ erhielt, hat es sich unter der Bezeichnung „Vorspiel und Liebestod“ gewissermaßen als orchestrale Kurzform der Oper in den Konzertsälen etabliert.

 

1870 Richard Wagner (1813 – 1883) Siegfried Idyll

Wagners Leben war bekanntlich ein einziges Drama – künstlerisch, politisch, finanziell und nicht zuletzt menschlich. Wie eine Insel der Ruhe liegt darin das Siegfried Idyll, ein Werk, das Wagner einmal als seine liebste Komposition bezeichnete. Und doch beschreibt auch das Siegfried Idyll nur das mehr oder weniger glückliche Ende dramatisch verwickelter Verhältnisse.

 

Das Werk ist ein Weihnachts- und Geburtstagsgeschenk des 57-jährigen Komponisten für seine frisch angetraute junge Frau Cosima und markiert das Ende der langen und äußerst unruhigen Anfangsphase dieser Beziehung. Begonnen hatte diese 13 Jahre zuvor, im Jahre 1857, als Cosima, die Tochter Franz Liszts, ausgerechnet auf der Hochzeitsreise mit ihrem ersten Ehemann, dem großen Pianisten und Dirigenten Hans von Bülow, mehrere Wochen bei Wagner in Zürich Station machte. Bereits damit trat Cosima, wiewohl vorläufig noch in einer Nebenrolle, in Wagners ohnehin schon komplizierte Frauenbeziehungen.

 

Wagner wohnte seinerzeit mit seiner Frau Minna im  „Asyl“, einem Nebengebäude der Villa des reichen Kaufmannes Otto Wesendonk in Zürich, der den hochverschuldeten Komponisten finanziell unterstützte. Gleichzeitig unterhielt Wagner, der hier seine Treubruchsoper „Tristan und Isolde“ begann, mit dessen junger Ehefrau Mathilde zarte Bande, für die allerdings weder seine Frau noch Mathildes Mann viel Verständnis hatten. Die Spannung, die sich in diesem Vierecksverhältnis aufgebaut hatte, führte im Jahre 1858 zu einem ersten Höhepunkt des Wagener´schen Frauendramas. Minna fing einen heimlichen Brief Wagners an Mathilde ab und legte ihn offen. Im Zuge der Verwicklungen, die daraus resultierten, flüchtete Wagner aus dem Asyl und war damit von Minna und Mathilde getrennt. Dies hatte zur Folge, daß Cosima in den Vordergrund des Geschehens treten konnte. Wagners Geliebte wurde sie schließlich im Sommer 1864 in Starnberg, wo der Komponist seinerzeit auf Einladung König Ludwig II. von Bayern lebte.

 

Nach der Beziehung zu Mathilde Wesendonk befand sich Wagner damit ein zweites Mal in der Rolle des Tristan, desjenigen also, der einen Vertrauten oder Gönner mit dessen Frau hintergeht (als solcher freilich schuldlos, weil er „versehentlich“  einem Liebestrank erlag). Während eine Frucht der Wesendonk-Affäre, die möglicherweise nur platonischen Charakter hatte (darüber streiten die Gelehrten), ein Geistesprodukt, nämlich die Oper „Tristan und Isolde“ war, stellte sich als Folge der Starnberger Ereignisse bei Cosima von Bülow im Frühjahr 1865 eine leibhaftige Isolde ein. Für Hans von Bülow sah das neue Dreiecksdrama eine merkwürdige Doppelrolle vor. Er galt als Ehemann von Cosima einerseits als Vater von Isolde, andererseits hatte er die menschlich nicht unproblematische, musikhistorisch aber höchst bedeutsame Aufgabe, kurz nach der Geburt von Isolde die Treubruchsoper „Tristan und Isolde“ aus der Taufe heben zu dürfen.

 

Der Wechsel der Szene zum Schauplatz des Siegfried-Idylls erfolgte, als Wagner sich wieder einmal in die Politik einmischte und, nachdem er wegen derartiger Umtriebe früher schon aus Sachsen geflohen war, nunmehr auch Bayern schnellestens verlassen mußte. Er ging im Jahre 1865 zurück in die Schweiz, wo sein neues Asyl das wunderschön gelegene Landhaus Tribschen am Luzerner See wurde. Nach diesem Ort wurde das Siegfried Idyll ursprünglich als Tribschener Idyll bezeichnet.

 

Für eine idyllische Wendung der Handlung war freilich auch in Tribschen vorerst kein Raum. Fast zwei Jahre war Cosima zwischen ihren beiden Männern hin- und hergerissen und pendelte unter peinlichen Umständen zwischen München und Luzern, eine Zeit, in der sie, wiewohl noch immer mit Hans von Bülow verheiratet, ein weiteres Kind (Eva) gebar, dessen Vater Wagner war. Erst als Cosima im Herbst 1867 samt ihren vier Töchtern – zwei stammten aus der Ehe mit Hans von Bülow – ganz nach Tribschen zog, begannen sich die Dinge zu entspannen. Im Sommer 1869 – Wagner komponierte gerade den „Siegfried“ zu Ende –  kam der lang ersehnte Stammhalter zur Welt und erhielt den Namen des Titelhelden dieser Oper. Kurz darauf wurde Cosima von Hans von Bülow geschieden und konnte Wagner heiraten.

 

Das Siegfried Idyll, das unmittelbar danach im Oktober 1870 entstand, spiegelt die erlösende Ruhe, die nach all diesen Verwicklungen in Wagners persönlichen Verhältnissen eingetreten war. Seine Musik ist, wie immer bei Wagner, äußerst beziehungsreich. So enthält sie nicht nur musikalische Elemente der Oper „Siegfried“, was im Hinblick auf den frisch geborenen Sprößling nahe lag, sondern vor allem auch Motive, die bereits in der Zeit entstanden waren, in der Cosima in Starnberg seine Geliebte wurde. Andere Motive spielen auf Familien-Ereignisse an – so der Ruf von Fidis (Tochter Evas) Vogel, den die Trompete am Ende des Mittelteiles einwirft (der ursprüngliche Titel des Werkes lautete: Tribschener Idyll mit Fidi-Vogelgesang und Orange-Sonnenaufgang). Auch dramatische Verwicklungen sind nicht ausgelassen. Das ganze Werk ist durch ein intimes Programm geprägt, das Wagner dezenterweise zwar für sich behalten, von dem er aber gesagt hat, dass er es bis auf das „und“ schreiben könne. Zugleich ist es aber auch ein ganz aus sich selbst verständliches Stück „absoluter“ Musik, das zum Vorbild für viele spätere Orchesterstücke wurde.

 

Die Uraufführung fand nach heimlicher Vorbereitung am Morgen des Weihnachtstages 1870 im Treppenhaus von Tribschen statt. Cosima, die Geburtstag hatte, wurde von den leisen Anfangsklängen aufs Zärtlichste geweckt und erhielt anschließend die Partitur überreicht. Es ist als habe Wagner damit ein Ereignis konterkarieren wollen, das noch in die unruhige Zeit des Beginns seiner Beziehung zu Cosima gehört. Im Jahre 1857 hatte er nämlich Mathilde Wesendonk zum Geburtstag, der ebenfalls in der Weihnachtszeit lag, in Abwesenheit ihres Ehegatten frühmorgens im Treppenhaus ihrer Villa mit der Uraufführung eines der Wesendonk-Lieder überrascht, was im Hause Wesendonk zu erheblichen Turbulenzen führte.

1854 Franz Liszt (1811-1886) Les Préludes

Die europäische Kunstmusik stand im 19. Jahrhundert auch im Dienst nationaler Selbstfindungsprozesse. Allenthalben bildeten sich nationale Schulen, die eine regionale Färbung der Musik pflegten. Im zersplitterten Deutschland, das seinerzeit noch heftiger als sonst auf der Suche nach seiner Identität war, unternahm es vor allem der deutschstämmige Ungar Franz Liszt, das spezifisch deutsche Element in der europäischen Musik zu definieren. Barock und Klassik hatten die Aufgabe der Instrumentalmusik in der Hauptsache in der (Weiter-)Entwicklung absoluter, d. h. rein musikalischer Formen und Ausdrucksmöglichkeiten gesehen. Liszt und seine Anhänger, die nach einer Begriffsbildung ihres wichtigsten Propagandisten Franz Brendel unter der Bezeichnung „Neudeutsche Schule“ auftraten, suchten der Musik dagegen durch die Verbindung mit außermusikalischen Aspekten, insbesondere dem Wort, neue, poetische Dimensionen zu eröffnen (sie beriefen sich dabei vor allem auf Beethovens naturschildernde „Pastorale“). Dadurch hoffte man die Musik nicht zuletzt zu einem gesellschaftsformenden Element quasireligiösen Charakters zu machen, das in die Zukunft wirkt und damit so etwas wie politische Qualität gewinnt. Exemplarisch ist dieses Konzept im Gesamtkunstwerk des ehemaligen politischen Extremisten Richard Wagner verwirklicht worden, der neben Liszt das zweite Schwergewicht der „Neudeutschen Schule“ bildete. Die Musik, die aus dieser Schule hervorging, ist denn auch als „Zukunftsmusik“ bezeichnet bzw. von ihren Kritikern als solche beschimpft worden.

 

Liszt hatte in seiner ersten Lebenshälfte als reisender Klaviervirtuose ein kosmopolitisches und mondänes Leben geführt. Zur Verwirklichung seiner musikpolitischen Ziele ließ er sich jedoch im nationalen Revolutionsjahr 1848, demselben, in dem Wagner Deutschland aus politischen Gründen verlassen musste, im provinziellen Weimar, Deutschlands Hauptstadt des Wortes, nieder. Nach dem Vorbild von Hector Berlioz komponierte er dort binnen acht Jahren neben zwei Symphonien, die Hauptfiguren der Literatur thematisieren (Faust und Dante), zwölf Symphonische Dichtungen mit außermusikalischen Bezügen. Begleitet war die umfangreiche kompositorische Aktivität von einem publizistischen Feuerwerk, bei dem in einer Heftigkeit polemisiert wurde, wie dies die Musikgeschichte bislang nicht kannte, die aber typisch für politische Auseinandersetzungen ist.

 

Die Symphonischen Dichtungen sind meist als Ouvertüren entstanden, mit denen andere Werke oder besondere Veranstaltungen eingeleitet wurden. Ihre Themen, die Liszt in der Regel literarischen Werken aber auch Gemälden entnahm, sind breit gefächert. Sie reichen von der Darstellung allgemein menschlicher Aspekte („Die Ideale“, „Von der Wiege bis zum Grabe“) und literarischer oder mythologischer Figuren (Hamlet, Tasso, Orpheus, Prometheus), über Naturschilderungen („Was man auf dem Berge hört“) bis zu politischen Huldigungen und Manifestationen („Hungaria“, „Hunnenschlacht“).

 

Eine Sonderstellung nimmt insoweit „Les Préludes“ ein, das im Jahre 1854 geschrieben wurde. Liszt hat es mit einer Vorbemerkung versehen, in der er einen Zusammenhang mit einem gleichnamigen Gedicht aus dem Zyklus „Meditations poetique“ des französischen Dichters Alfonse de Lamartine aus dem Jahre 1820 herstellte, die als Auftakt der Romantik in Frankreich gelten. Nach Liszts Darstellung ist das Leben nichts anderes als eine „Folge von Präludien zu jenem unbekannten Gesang, dessen erste und feierliche Note der Tod anstimmt“. Der exemplarische Lebenslauf des – natürlich männlichen – Romantikers besteht danach im Erwachen der Liebe, der Ernüchterung durch die Stürme des Lebens, dem Rückzug in die Idylle des Landlebens und der Sehnsucht, sich danach im Kriege zu bewähren. Tatsächlich hat „Les Préludes“ aber mit Lamartines Gedicht ebenso wenig zu tun, wie dieses mit Liszts Vorbemerkung. Die Komposition wurde ursprünglich als Vorspiel zu Liszts Männerchorzyklus „Les quatre Eléments“ geschrieben. Die Zuordnung zu Lamartines Gedicht erfolgte nachträglich und ist als Huldigung an den Dichter zu verstehen, mit dem Liszt persönlich bekannt war.

 

Diese Entstehungsgeschichte wirft ein interessantes Licht auf Liszt als Komponist. Als solcher wurde er von seinen Gegnern lange Zeit als Schwindler und Schaumschläger bezeichnet, ein Vorwurf, mit dem man nicht zuletzt deswegen relativ leicht Gehör fand, weil Liszt mit seiner exzentrischen Persönlichkeit durchaus einige Angriffsflächen bot. Man warf ihm vor, seine Musik habe keine eigenständige Bedeutung, jeder Takt sei vom außermusikalischen Programm diktiert. „Les Préludes“ zeigt jedoch exemplarisch, wie wenig berechtigt dieser Vorwurf ist. Tatsächlich ist der außermusikalische Impuls der „Symphonischen Dichtungen“ generell jeweils kaum mehr als eine Einstimmung des Hörers auf die Fragen, die den Komponisten beim Abfassen der Werke bewegten. Formal ist etwa „Les Préludes“ dem Typus der Symphonie nicht fern, wobei deren „absolutes“ Formschema allerdings in einem Satz zusammengedrängt ist. Heute werden die Kompositionen Liszts denn auch meist mit anderen Augen gesehen. Es wird anerkannt, daß Liszt bei aller Neigung zur (Selbst)Inszenierung ein außerordentlich innovativer und fruchtbarer Musiker war.

 

Unglücklicherweise ist mit „Les Préludes“ in neuerer Zeit in einer Weise Politik gemacht worden, die das Werk in Verruf geraten ließ. Das Oberste Kommando der Wehrmacht des Dritten Reiches hat daraus einige (Fanfaren)Takte als Erkennungsmelodie für seine Sondermeldungen „in Dienst“ genommen. Auch wenn das – ohnehin nachgeschobene – „Programm“ mit seiner naiven Kriegsromantik hierfür Ansatzpunkte geboten haben mag (was aber vermutlich nur wenigen bewusst war), ist es heute nicht mehr gerechtfertigt, das Werk deswegen zu verleugnen. Die Gemeinsamkeit zwischen dem Gründer der Neudeutschen Schule und und dem Gründer des tausenjährigen germanischen Reiches beschränkt sich auf den Umstand, daß sich beide aus eher randständiger Position (und vermutlich wegen derselben) bemüßigt fühlten, zu definieren, was Deutsch ist. Ansonsten hat der Kosmopolit Liszt mit dem Denken seiner späteren Usurpatoren ungefähr so viel zu tun wie Mozart mit einer Yogurtfirma, welche sich zu Werbezwecken einiger bekannter Takte aus „Don Giovanni“ bedient.

1854-1856 Franz Liszt (1811-1886) Dantesymphonie

Nach seinen Wanderjahren als Virtuose ließ sich Liszt in 1848 Weimar nieder und widmete sich der Konkretisierung seiner musiktheoretischen Vorstellungen, wonach die Kunstmusik aus den tradierten Formen der Wiener Klassik, die als starr und unfruchtbar geworden empfunden wurden, gelöst und durch außermusikalische Aspekte befruchtet werden müsse. Zur Illustration dieser (neudeutschen) Vorstellungen, die er mit Richard Wagner, aber auch dem Franzosen Berlioz teilte, komponierte er in den Jahren von 1848 bis 1856 exemplarisch zwölf symphonische Dichtungen, in denen er sich mit den verschiedensten außermusikalischen Themen befasste. Seine Bestrebungen gipfeln schließlich in zwei Kompositionen, bei denen er sich nichts geringeres als zwei der größten Werke der europäischen Literatur zum Vorwurf nahm: Goethes „Faust“ und Dantes „Göttliche Komödie“. Die beiden monumentalen Musikwerke sprengen in Anspruch und Umfang die Form der Symphonischen Dichtung, weswegen man sie als „Symphonien über eine Dichtung“ bezeichnen kann. Die symphonischen Dichtungen, so sagte Liszt später, seien eigentlich nur die Prolegomena zu diesen beiden Werken gewesen. Wie sehr dies der Fall ist, zeigt sich etwa bei der symphonischen Dichtung „Prometheus“, die musikalisch manches aus der „Dante-Symphonie“ vorwegnimmt.

 

Die Symphonie nach der „Göttlichen Komödie“ entstand in den Jahren 1854 bis 1856. Nach dem Vorbild von Dantes dreiteiligem Epos hatte Liszt zunächst ein Werk in ebenso vielen Sätzen im Sinn, die „Inferno“, „Purgatorio“ und „Paradiso“ überschrieben sein sollten. Er nahm davon jedoch Abstand, nachdem Richard Wagner, der unbestrittene Meister der musikalischen Illustratoren, geäußert hatte, dass man das Paradies musikalisch nicht darstellen könne. So blieb es bei den Sätzen „Inferno“ und „Purgatorio“. Als „Ersatz“ für das „Paradiso“ fügte Liszt einen (Frauen)Chor-Schluss auf den Text des biblischen „Magnificat“ an, für den er zwei Fassungen zur Auswahl stellte, einen jubelnd triumphierenden und einen ätherisch verklingenden, der meist gespielt wird.

 

In „Inferno“ greift Liszt aus der detailreichen Vorlage, die bis dato vor allem die bildenden Künstler inspiriert hatte, einige bekannte Szenen und Sentenzen heraus, so den Vers „Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren“, der nach Dante über dem Eingang der Hölle angebracht ist. Er wird anfangs schicksalsschwer von einem Posaunenchor unisono und – mit Ausnahme des letzten Wortes – auf einer Tonhöhe vorgetragen. Das ominöse Motto zieht sich in der Folge immer wieder durch den dramatischen Anfangs- und Schlussteil des Satzes, in dem das Chaos der Unterwelt, die Verzweiflungsgesten der verdammten Seelen und das von allen Seiten widerhallende Höllengelächter geschildert wird. Im ruhigen Mittelteil spielt Liszt auf die anrührende Episode des Liebespaares Paolo Malatesta und Francesca da Rimini an, die, vom Gemahl der jungen Frau beim Ehebruch ertappt und erstochen, in nunmehr unerfüllbarer Liebe und doch auf ewig aneinander gebunden durch die Höllenkreise treiben. Unter der bitter-süßen Melodie dieser Szene, die zunächst das Englischhorn intoniert, zitiert Liszt hier in der Partitur den Dantevers: „Es gibt nichts Traurigeres, als sich im Elend an die schönen alten Zeiten zu erinnern.“ Der grandiose Satz, der in seiner Dreiteiligkeit praktisch eine eigenständige symphonische Dichtung darstellt, ist so etwas wie das akustische Gegenstück zu den effektvollen Holzstich-Illustrationen, die Gustav Doré wenige Jahre später zu diesem berühmtesten Teil von Dantes Hauptwerk veröffentlichen sollte.

 

In „Purgatorio“, das keine so spektakulär-anschauliche Szenerie wie das „Inferno“ bietet, wird durch außerordentliche Verlangsamung der musikalischen Zeit das Warten der Seelen auf den Übergang in das Paradies thematisiert. Es herrscht eine merkwürdig zeitlose Stimmung zwischen Melancholie und Erlösungserwartung. Wie schon im Mittelteil des ersten Satzes gelingt Liszt auch hier auf bemerkenswerte Weise, das Schattenhafte des Daseins der körperlosen Seelen in Klänge zu fassen. Die Musik scheint harmonisch und rhythmisch keinen Boden unter den Füssen zu haben. Liszt erreicht diese Wirkung abgesehen von der Verwendung einer äußerst flexiblen Harmonik auch durch starke Synkopierung und wechselnde Taktmaße, darunter – im ersten Satz – auch eines 5/4 und 7/4 Taktes, den er zu diesem Zwecke als Erster erfand. Der Satz gipfelt in einer groß angelegten „Lamento-Fuge“, die mit ihrem Gegensatz von strenger formaler Logik und musikalischer Unbestimmtheit das Irreale der Seelen-Lage auf die Spitze treibt.

 

Auch sonst erweist sich Liszt in diesem Werk wieder als außerordentlich innovativ. Die suggestive Wirkung seiner Musik erreicht er nicht zuletzt durch den konsequenten Einsatz seiner „Variantentechnik“, deren Vorbild Schubert war. Das musikalische Motiv ist dabei nicht mehr, wie in der Wiener Klassik, Teil eines in sich schlüssigen Ganzen, das zielgerichtet entwickelt wird, sondern hat eigenständige Bedeutung. Die musikalische Wirkung wird vor allem durch Sequenzierung des Motivs, das heißt durch Analogie erzielt.

 

Die Anhänger der absoluten Musik haben sich mit der „Relativierung“ der Musik, die aus dem außermusikalischen „Programm“ resultiert, immer schwer getan. Dies dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass die Dantesymphonie wenig bekannt ist und selten gespielt wird. Wer aber bereit ist, sich auf das Abenteuer der Verbindung eines epochemachenden und epochespiegelnden Werkes der Literatur mit der Musik einzulassen, dem eröffnen sich gerade im Falle dieser ungeheueren Komposition ungeahnte Erlebnisräume.

 

In merkwürdigem Gegensatz zu der erhabenen Thematik und dem hohen Anspruch der Dantesymphonie steht das prosaische Gerangel, welches sich beiden Dioskuren der Neudeutschen Schule um dieses Werk lieferten. Liszt widmete die Symphonie Richard Wagner mit den Worten: „Wie Virgil den Dante, hast Du mich durch die geheimnisvollen Regionen der lebengetränkten Tonweiten geleitet – Aus innigstem Herzen ruft Dir zu: Tu se lo mio maestro, e il mio autore! und weiht Dir dieß Werk in unwandelbarer getreuer Liebe Dein Franz Liszt.“ Wagner, der wieder einmal in Geldschwierigkeiten war, schrieb aus Venedig, er könne sich für derart „pathetisch ernste Redenarten“ nichts kaufen, er brauche Geld, viel Geld und nichts als dies. Auf diese „Anwandlung von Geldbeutelzynismus“, wie Liszt Wagners prosaische Reaktion in einem Brief an Hans von Bülow beschrieb, der damals noch der Mann von Liszts Tochter Cosima war, welche Wagner später – ebenfalls ohne Rücksicht auf emotionale Verluste –  ehelichen sollte, kam aus Weimar die Antwort: „Da meine Dante-Sinfonie und die Messe (gemeint ist Liszts Missa Solennis von 1855) nicht als Bankaktien gelten können, wird es überflüssig sein, diese leeren Papiere nach Venedig zu senden. Als nicht minder überflüssig erachte ich auch fernerhin telegraphische Noth-Depeschen und verletzende Briefe von dort zu erhalten.“

1895 Antonin Dvorak (1841-1904) Konzert für Violoncello und Orchester

Im Gegensatz zu den meisten anderen großen Komponisten der klassisch-romantischen Periode erkannte Dvorak die großartigen Möglichkeiten, die das Cello als Konzertinstrument besitzt. Bereits eines seiner ersten größeren Werke ist ein – unbekannt gebliebenes – Werk für dieses kraftvolle Instrument. Dreißig Jahre später, gegen Ende seines kompositorischen Schaffens, sollte er auf dem Höhepunkt seiner Meisterschaft das Cellokonzert überhaupt schreiben. Dvoraks Förderer Brahms, der es “nur” zu einem Doppelkonzert für Violine und Cello brachte, sagte darüber kurz vor seinem Tod bedauernd, hätte er gewußt, daß man solche Musik für dieses Instrument schreiben könne, hätte er auch ein Cellokonzert geschrieben. 

Das Werk, das weitgehend symphonisch aufgefaßt ist, ist die letzte Frucht von Dvoraks Aufenthalt in Amerika, in dem auch sein zweiter “Welthit”, die “Symphonie aus der Neuen Welt” und das unter Liebhabern der Kammermusik nicht minder populäre “Amerikanische Streichquartett” (mit diversen Lieblingsstellen der Cellisten) entstanden. Dvorak hatte seine geliebte böhmische Heimat im Jahre 1892 verlassen, um die Leitung des New Yorker Konservatoriums zu übernehmen. Angezogen hatte den Komponisten, der am Anfang seiner Karriere einige Hungerjahre durchleben mußte und daher ziemlich geldbewußt war, nicht zuletzt ein Gehaltsangebot aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das – ähnlich den heutigen Gegebenheiten – alle Maßstäbe des alten Kontinentes sprengte. Sein Honorar für acht Monate Tätigkeit pro Jahr in New York sollte nicht weniger als das 25-fache des Jahresgehaltes betragen, das er als Kompositionsprofessor am Prager Konservatorium erhielt.  

Nach vier Jahren in Amerika zog es Dvorak aber mit aller Macht zurück in die Heimat. In der schönen neuen Welt hatte es nicht nur immer wieder Probleme mit dem Geld gegeben, weil die Geschäfte des New Yorkers Handelsmagnaten Thurber, der das Konservatorium weitgehend finanzierte, in der Wirtschaftskrise Anfang der 90-er Jahre schlecht gingen. Dvorak vermißte auch seine Freunde und seine Familie, allen voran seine Kinder, die in Böhmen zurückbleiben mußten. Vom Heimaturlaub im Jahre 1895 kehrte er vertragswidrig nicht nach Amerika zurück.  

Dass Dvorak während der letzten Monate seines Aufenthaltes in Amerika in Gedanken bereits wieder zu Hause weilte, zeigt sich nicht zuletzt im Cellokonzert. Anders als in den sonstigen Werke, die in der New Yorker Zeit entstanden, verzichtet er hier nicht nur weitgehend auf amerikanische Elemente. Nachdem in den vorangegangenen Jahren hauptsächlich “Weltmusik” entstanden war, ist das Cellokonzert wieder ganz von böhmisch- romantischem Geist getränkt.  

Hinzu kommt eine rührende familiäre Anspielung, die Dvorak außerordentlich wichtig war. Während der Komposition des gefühlsbetonten zweiten Satzes erfuhr Dvorak, daß seine geliebte Schwägerin, die Gräfin Josefine Kaunic, schwer krank daniederlag. Ähnlich wie Bruckner 12 Jahre vorher die Nachricht vom Todes Richard Wagners in der Coda des langsamen Satz seiner siebten Symphonie verarbeitete, erinnert Dvorak im langsamen Satz des Cellokonzertes auf dezente Weise an seine Schwägerin. Zu Josefine Kaunic hatte Dvorak eine besondere Beziehung. Der Schwester seiner späteren Frau hatte er schon in den 60-er Jahren, der Zeit, in der das erste Cellokonzert entstand, eine – unerwiderte – Liebe entgegengebracht. Josefine war damals Schauspielerin am neu gegründeten Prager Interimstheater, der ersten national- tschechischen Bühne, in dessen Orchester der junge Dvorak die Bratsche spielte. 

Im langsamen Satz des zweiten Cellokonzertes zitiert Dvorak nun – in eine andere Tonart versetzt – aus Josefines Lieblingslied “Laß mich in Ruhe” (Op. 81). Kurz nach seiner Rückkunft aus Amerika, wo er die Komposition des Konzertes eigentlich schon abgeschlossen hatte, änderte er den Schluß des Werkes noch einmal, indem er das Liedzitat hier erneut, diesmal in der Originaltonart einarbeitete. Außerdem ließ er das Cellosolo nun entgegen aller Finalsatz-Tradition auf gänzlich unspektakuläre Weise in wehmutsvoller Stille verklingen.  

Der Grund hierfür ist ohne Zweifel darin zu suchen, daß Josefine wenige Wochen zuvor verstorben war. Dies erweisen nicht nur Einzelheiten der Komposition, etwa die schweren in dumpfen Baßpizzicati endenden „Herztöne“ der Schlußpartie des Cellosolos, deren letzter aus der gerade geltenden Tonart heraus wie in das Nichts fällt, eine Stelle, die in der Partitur mit „morendo“ bezeichnet ist und der ein großes Lamento des Cellos auf einem Ton folgt. Es zeigt dies auch die Vehemenz, mit der sich Dvorak gegen eine Veränderung eben dieses Schlusses durch den bekannten tschechischen Cellisten Hanus Wihan wehrte. Wihan, dem das Werk gewidmet ist und der darin eine fulminante Kadenz vermißte, hatte selbst eine Kadenz für den Schluß des Werkes komponiert. Gegenüber seinem Verleger Simrock, der sie in der Erstausgabe drucken wollte, schrieb Dvorak am 3. Oktober 1895, er werde ihm das Werk nur überlassen, wenn er sich dafür verbürge, daß “niemand, auch nicht mein verehrter Freund Wihan, ohne mein Wissen und Erlaubnis Änderungen vornehmen werde – also auch keine Kadenz einfüge, die Wihan im letzten Satz gemacht hat. … Das Finale schließt allmählich diminuendo wie ein Hauch – mit Reminiszensen an den ersten und zweiten Satz, das Solo klingt bis zum pp aus – dann ein Anschwellen – und die letzten Takte übernimmt das Orchester und schließt in stürmischen Ton. Das war meine Idee und davon kann ich nicht ablassen“.

1917/1923/ 1931 Ottorino Respighi (1879 – 1936) Antiche Danze ed Arie

Respighi ist der einzige Komponist Italiens, dem Mutterland der Musik, der nach der Mitte des 19. Jahrhunderts Weltgeltung im Bereich der Instrumentalmusik erlangen konnte. Sein Werkverzeichnis erinnert ein wenig an den Katalog eines Antiquars. Wie auf den alten Stichen, welche die Reisenden aus den nördlichen Ländern Europas früher von der großen Bildungsreise in den Süden mitbrachten, um die Sehenswürdigkeiten festzuhalten, die sie im Land gesehen hatten, in dem die Zitronen blühen, finden sich bei ihm immer wieder Motive aus dem alten Italien und der mediterranen Welt. Die Titel seiner Werke lauten etwa „Fontane di Roma“, „Pini di Roma“ oder „Feste romane“, – diese „Hörenswürdigkeiten“ haben Respighis Weltruhm begründet – , aber auch „Vetrate di Chiesa“ (Kirchenfenster), „Concerto gregoriano“, „Quartetto dorico“, „Concerto in modo misolidico“ “Trittico bottecelliano” oder eben „Antiche Danze ed Arie“. Wie bei den Sammlerstücken des Antiquars gibt es auch bei Respighi die unterschiedlichsten stilistischen Ansätze bei der Behandlung des historischen Materials. Neben großangelegten Stimmungsgemälden, in denen alle koloristischen Möglichkeiten des modernen Orchesters genutzt werden, findet man eigenständige schöpferische Auseinandersetzungen mit alten Formen und Harmoniesystemen und bloße Bearbeitungen alter „Texte“. Respighi stöberte gerne in alten Drucken und Manuskripten und holte sich daraus ganz unterschiedliche musikalische Anregungen.

 

 

Zu Respighis musikalisch-antiquarischer Ausrichtung passt, dass er selbst ständiger Gast der Antiquare in aller Welt war. Als er während eines Festivals, das im Jahre 1931 zu seinen Ehren in mehreren belgischen Städten veranstaltet wurde, in Brüssel eine Ausgabe von „Tausendundeinenacht“ fand, die er seit langem gesucht hatte, freute ihn dies, so berichtete seine Frau und Biographin, mehr als die Tatsache, dass man ihn mit dem Festival geehrt hatte. Auch Respighis Lebensstil war antiquarisch. Er schätzte edle Kunstgegenstände und guten Geschmack. Dem entsprechend wohnte er zeitweilig im prachtvollen Palazzo Borghese in Rom, den die Vedutenstecher von Vasi bis Piranesi auf den Stichen abgebildet haben, welche man heute beim Antiquar findet. Später erwarb Respighi ein Landhaus vor den Toren Roms, das er „I Pini“ nannte. Aus seinem Arbeitszimmer konnte er hier über die Kuppeln und sonstigen Mirabilien der ewigen Stadt und über die Campagna mit den malerischen Resten der antiken Aquädukte blicken. Dort konnte er die Stimmung wiederfinden, welche die Künstler in ihren Ansichten und er in Tönen festhielten und zugleich gestalteten.

 

Wegen der Attitude des Sammlers und Liebhabers hat man den Komponisten Respighi gern als Eklektiker bezeichnet. Mit einem solchen Ettikett wird man Respighis schöpferischer Leistung aber kaum gerecht. Gemessen an dem – nicht selten rüden – Umgangston, den seinerzeit die Musiker aus den nördlichen Ländern gegenüber der Tradition anschlugen, mag seine Auffassung von Traditionspflege als historischer Exotismus erscheinen. Man kann darin aber auch die Gelassenheit dessen sehen, der sich als Kind des Landes und der kulturellen Tradition versteht, aus dem die Unruhegeister des Nordens einst ihre Bildung bezogen.

 

Respighis schöpferische Eigenleistung bei seinen Bearbeitungen, die insbesondere Musik aus der italienischen Barockzeit von Monteverdi bis Vivaldi betreffen, ist sehr unterschiedlich. Die „Antiche Danze ed Arie“, von denen 1917, 1923 und 1931 je eine Suite herauskam, sind weitgehend bloße Instrumentierungen von Lautenstücken verschiedener Komponisten des 17. und 18. Jahrhunderts. Respighi hat die Elemente der Vorlagen allerdings teilweise neu zusammengesetzt. Dafür hat er sich von Puristen, die natürlich aus dem Norden kamen, heftige Schelte gefallen lassen müssen. Es hieß, er habe die alte Musik zu einem System von Fertigbauteilen degradiert und die Werkstücke, die dabei entstanden seien, in Schnellbauweise neu vernietet. Die Verfahrensweise erinnere an die Architektur der Gründerzeit. Das Argument ist nicht ganz von der Hand zu weisen, ist aber zweischneidig. Ist heute nicht jede Stadt froh, wenn ihr Bauwerke der Gründerzeit erhalten geblieben sind?

1887 Johannes Brahms (1833 – 1897) Konzert für Violine, Violoncello und Orchester, Op.102

 

Über das Doppelkonzert notierte Clara Schumann am 21. September 1887 in ihrem Tagebuch: „Es ist dies Concert gewissermaßen ein Versöhnungswerk – Joachim und Brahms haben sich seit Jahren zum ersten Mal wieder gesprochen.“

 

In der Tat verfolgte Brahms mit dem Doppelkonzert einen privaten Zweck. Es ging ihm darum, die freundschaftliche Beziehung zu dem Geiger Josef Joachim wiederherzustellen, die seit einigen Jahren gestört war. Mit dem Einsatz zweier Soloinstrumente, darunter Joachims Instrument, vor allem aber mit der Art, in der sie zusammenwirken, wollte Brahms offensichtlich deutlich machen, dass und auf welche Weise er die Beziehung zu dem alten Freund wieder herstellen möchte. Es gab allerdings noch einen weiteren Zweck. Brahms kam damit auch einem Wunsch des Cellisten im Berliner Joachim-Quartett Robert Hausmann nach, der von ihm seit längerem ein Konzertstück erbeten hatte, ein Wunsch, den Brahms bis dato nur teilweise mit der Komposition seiner 2. Cellosonate erfüllt hatte.

 

Brahms war mit Joachim und dessen Ehefrau, der Altistin Amalie Weiß, seit Jahrzehnten befreundet. Anfang der 80er Jahre war die Freundschaft aber in eine Krise geraten. Joachim hatte im Laufe seiner Ehe zunehmend ein Problem damit, dass seine Frau ihre Zuhörer und wohl auch andere Personen ihres Umfeldes, insbesondere solche männlichen Geschlechtes, zu beeindrucken wusste. Er steigerte sich darüber in eine immer maßloser werdende Eifersucht, die schließlich auch enge Freunde betraf. Die Eifersucht führte schließlich zum Zerwürfnis der Ehegatten, welches 1884 in einen erbitterten Scheidungskrieg mündete. Brahms hatte die Eifersucht seines Freundes immer für unbegründet gehalten und sich daher auf die Seite von Amalie gestellt. Sein Vertrauen in ihre eheliche Treue hatte er unter anderem in einem Brief an Amalie vom Dezember 1880 zum Ausdruck gebracht. Zum ersten Bruch zwischen Brahms und Joachim kam es, als Amalie diesen Brief im Scheidungsverfahren verlesen ließ. Danach gab es zwar weiterhin „professionelle“ Kontakte zwischen Joachim und Brahms. Die Beziehung war aber nachhaltig gestört. Jahrelang hatten sie keinen persönlichen Kontakt.

 

Im Sommer 1887 hielt sich Brahms in Thun auf, wo er u.a. das Versöhnungswerk komponierte. Nach einjähriger Pause im Briefwechsel fragte er am 19. Juli 1887 vorsichtig bei Joachim in Berlin an, ob er ihm eine „Mitteilung künstlerischer Art“ machen könne, für er sich „herzlich Dein Interesse, mehr oder weniger, wünsche“. Joachim antwortete umgehend, dass er die Mitteilungen mit Spannung erwarte. „Hoffentlich geben sie von einem neuen Werk kund.“ Brahms, der vermutete, dass Joachim auf eine neues Violinkonzert hoffte (Joachim hatte bereits dessen – einziges – Violinkonzert uraufgeführt), schrieb daher am 24. Juli zurück, Joachims freundlicher Gruß lasse ihn vergnügt ein Geständnis machen. „Aber mache Dich auf einen kleinen Schreck gefasst! Ich konnte nämlich derzeit den Einfällen zu einem Konzert für Violine und Violoncello nicht widerstehen, so sehr ich es mir auch immer wieder auszureden versuchte“. Und er fügte, was seine Motivation weiter belegt, hinzu: „Nun ist mir alles Mögliche an der Sache gleichgültig, bis auf die Frage, wie Du Dich dazu verhalten möchtest.“

 

Als sei eine Staumauer gebrochen, ergoss sich nun eine Flut von fast im Tagesrhythmus hin- und her gewechselten Briefen zwischen den beiden Protagonisten, in denen es um die Übersendung von Stimmen, spieltechnische Änderungen, Fingersätze, Bogenstriche und schließlich Absprachen für einen Termin zum Durchspielen des Werkes ging. Wohl nicht ohne Hintersinn sorgte Brahms dabei dafür, dass das ersehnte Treffen im Domizil der gemeinsamen Freundin Clara Schumann, im „Deutschen Haus“ in Baden-Baden stattfand. Es war das Ereignis vom 21. September 1887, über das Clara Schuhmann in ihrem Tagebuch schrieb. Anfang Oktober schrieb Brahms dann im Rückblick an Joachim: „wie sehr wert und lieb mir unser Zusammensein in Baden war und wie dankbar ich Dir für alles Mögliche bin.“

 

Eine erste Orchesterprobe fand zwei Tage nach der Klavierprobe mit dem Kurorchester der Stadt Baden-Baden statt. Die Uraufführung des Werkes war schließlich am 18. Oktober 1887 unter Brahms eigener Leitung in Köln mit Joachim und Hausmann als Solisten. Im November spielten es die drei noch in Wiesbaden, Frankfurt und Basel. Zurückgekehrt nach Wien äußerte Brahms: „Jetzt weiß ich, was es war, das die letzten Jahre in meinem Leben gefehlt hat. Ich fühlte, dass etwas fehlte, konnte aber nicht sagen, was es war: es war der Klang von Joachims Violine. Wie er spielt!“

 

Das Doppelkonzert ist Brahms letztes Wort in Sachen Orchestermusik. Nicht nur der hohe Grad an Verdichtung der musikalischen Abläufe und die unprätentiöse Erzählhaltung erweisen es als ein Alterswerk. Brahms verzichtet auch auf jede Art virtuoser Schaueffekte. Er gewährt den Solisten nicht einmal eine ordentliche Kadenz. Insbesondere in den beiden ersten Sätzen hört man stattdessen zwei gereifte Freunde in bedeutungsschwerer Unterhaltung. Diese beginnt im ersten Satz mit einer höchst eindringlichen Werbegeste in der Form eines langen Cellosolos, auf das die umworbene Violine dann so vertrauensvoll freundlich eingeht, wie es sich Brahms von Joachim ohne Zweifel erhofft hat.  Die persönliche Ausrichtung des Werkes zeigt im ersten Satz, in dem Brahms seine ganze Satzkunst einbrachte, auch ein Zitat aus dem Violinkonzert Nr. 22 von Viotti, das Joachim besonders gerne spielte. Außerdem flicht Brahms in das komplexe Geschehen die Tonfolge f-a-e ein, die für Joachims Motto „Frei, aber einsam“ steht. Diese lag bereit der F-A-E Sonate zugrunde, die Brahms gemeinsam mit Schumann und Dittrich schon im Jahre 1853, dem Jahr, in dem die Freundschaft zwischen ihm und Joachim begann, zu Ehren des großen Geigentalentes komponiert hatte. Bezeichnenderweise werden die beiden Soloinstrumente ganz gegen das Wettbewerbsprinzip des Konzertierens auch immer wieder unisono geführt. Überhaupt wird der Kontrast der beiden Instrumente so weit eingeebnet, dass der Eindruck entsteht, als spiele eine einzige „achtsaitige Riesengeige“. Im letzten Satz ist die Spannung schließlich gelöst und spielerische Elemente treten in den Vordergrund. Es gibt sogar ungarische Anklänge, was wiederum auf Joachim verweist, der aus Ungarn stammte.

1867 Modest Mussorgski (1839 – 1881) Symphonische Dichtung „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“

Mussorgski ist eine merkwürdig unfertige und daher höchst umstrittene Musikerfigur. In seinem kurzen Leben war er ständig auf der Suche nach sich selbst und nach den Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks für Gedanken und Empfindungen, die mitunter nicht leicht nachzuvollziehen waren und sind. Dabei hat er weder für sein Leben noch für sein künstlerisches Werk einen „regelrechten“ Abschluss gefunden. Sein Leben endete nach Depressionen und Alkoholmissbrauch im Alter von 42 Jahren. Die meisten seiner größeren Werke sind entweder nicht vollendet worden oder wurden von ihm oder anderen als unvollendet und ergänzungsbedürftig angesehen. Von vielen gibt es daher mehrere Fassungen von Mussorgski selbst oder Be- Über- und Ausarbeitungen seiner Berater und Bewunderer (das bekannteste Beispiel ist „Bilder einer Ausstellung“).

 

Über den Charakter Mussorgskis, der nur wenige menschliche Bindungen durchhielt und vereinsamt starb, hat man seit eh und je gestritten. Man könnte ihn als eine besondere Ausprägung des „überflüssigen Menschen“ verstehen, einen jener Onegins, Petschorins und Oblomows, in denen sich in der russischen Literatur des 19. Jh. von Puschkin und Lermontow bis zu Goncharow die psychische Problematik des russischen Gutsbesitzers spiegelt, der auf seinem von Leibeigenen betriebenen Latifundien sitzt und an der Sinnlehre seines Daseins verzweifelt. Mussorgski ist auf einem solchen Landgut aufgewachsen und war, nachdem er die Militärlaufbahn eingeschlagen hatte, auf dem besten Wege zum typischen Stutzerdasein seiner Klasse, bevor er – letztlich vergeblich – höheren Halt und Lebenssinn in einer schöpferischen Tätigkeit suchte.

 

Als Künstler lehnte Mussorgski idealistisch-glättende Überformungen kompromisslos ab und neigte zu sozialkritisch-genrehafter Darstellung. Daher hat man ihn für einen Vertreter des Realismus in der Kunst gehalten und damit die Härten seines Stiles und manche sonstige Ungereimtheit erklärt. Zu Zeiten der Sowjetunion galt er als ein Vorläufer des sozialistischen Realismus, weil in seinem Werk – nicht zuletzt in den Opern – auch immer wieder das einfache Volk und das Leben der Bauern thematisiert wird. Andere stellten bei Mussorgski trotz seiner expliziten Irreligiosität und seines philosophischen Materialismus romantische und religiöse Züge fest oder vermuteten in ihm einen verkappten oder gar verschleierten Mystizisten. Sie bezogen sich dabei auf seine Affinität zu abseitigen und jenseitigen Stoffen und darauf, dass er eine Vorliebe für das Dunkle, abgründig Tiefe, aber auch für das ungezügelt Leidenschaftliche hat. Der westeuropäischen Moderne wiederum galt Mussorkski als ein Musiker auf der Suche nach dem Ausweg aus dem schöpferischen Dilemma, in dem man die Spätromantik mit ihren angeblich verbrauchten Formen und Themen sah. Aus dieser Sicht erschien der Autodidakt Mussorgski als ein Künstler, der ganz auf sich selbst gestellt das Neue schafft und daher – wie mancher moderne Musiker – nicht ohne weiteres verstanden wird.

 

Die symphonische Dichtung „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“, Mussorgskis einziges genuines Orchesterwerk, enthält praktisch alle Charakteristika seines Schaffens. Das Werk entstand im Jahre 1867 als sich der Komponist für einige Zeit auf dem Lande befand, um seinem Bruder bei der Bewirtschaftung des Familiengutes zu helfen, das nach der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1861 nicht mehr ohne weiteres lief. Das Thema der Komposition ist dunkel und abgründig – es geht um ein Hexentreffen in der Johannisnacht auf dem Berg des Triglaw, einem der Slawischen Hauptgötter, eben dem „Kahlen Berge“. Dargestellt werden nach Mussorgskis eigenhändigem Programm: Streit der Hexen, ihr Geschwätz und ihre Streitereien, Aufzug des Satans; schwarze Messe und Hexensabbat (mit Rückzug der bösen Geister und Andeutung des wiederhergestellten Friedens). Des weiteren gibt es von dem Werk mehrere Fassungen, von Mussorgski selbst und von anderer Hand. Mussorgski selbst schuf eine – zweite – Fassung, die Eingang in seine – unvollendete – Oper „Der Jahrmarkt von Sorotschinzi“ fand. Ferner finden sich insbesondere in Mussorgskis eigenen Fassungen außerordentlich kühne Stilmittel. Der Komponist scheut angesichts des dunklen und mitunter grotesken Sujets nicht vor härtesten Schroffheiten zurück. Außerdem hat Mussorgski die Möglichkeit, wilde Leidenschaftlichkeit darzustellen, die das Thema anbot, voll ausgeschöpft. Schließlich hat die Komposition die Konzertpodien in der Fassung erobert, die ihr Alexei Rimski-Korsakow gab. Sie teilt damit insbesondere das Schicksal der großen Oper „Boris Gudonow“ und der – ebenfalls unvollendeten – Oper „Chowanstschina“.

 

Rimski-Korsakow und  Mussorgski waren Mitglieder des „Mächtigen Häufleins“, einer Art musikalischer Selbsterfahrungsgruppe – dazu gehörte auch Alexander Borodin – , die sich unter der Führung Mili Balakirews der Erneuerung oder eigentlich der Schaffung einer russischen Kunstmusik aus dem Geist des Volkes verschrieben hatte. Sie lehnten (daher) jede Form akademischer Ausbildung und schulmäßiger Ausarbeitung der Musik ab. Rimski-Korsakow wandte sich von dieser Auffassung von Musikschaffen später ab und holte die akademische Ausbildung nach. Im Lichte der regulären Musikstandards erschienen ihm nun viele Eigenarten seines Freundes als fehler- oder zumindest unvorteilhaft. Daher eliminierte er nach dessen Tod insbesondere die harmonischen und instrumentalen Härten des Originals und versuchte den Werken eine leichter verständliche, das heißt in der Regel traditionellere und schulmäßigere Form zu geben. Im vorliegenden Falle setzte er das ursprüngliche Material im Sinne des Sonatenhauptsatzes teilweise neu zusammen. Außerdem komponierte auf der Basis von Elementen aus der Oper „Der Jahrmarkt von Sorotschinzi“ den friedlichen Schluss ganz neu dazu. Darüber, ob Rimski-Korsakows Bearbeitungen der Werke Mussorgski zulässig waren und darüber, welche Fassung besser ist, hat man insbesondere an Hand der Opern heftig gestritten. Im vorliegenden Fall ist mehr oder weniger unstreitig, dass Rimski-Korsakow ein sehr effektvolles neues Werk hinbekommen hat. Es wird nur bemängelt, dass es kein Mussorgski sei.

1884 Antonin Dvorak (1841 – 1904) Symphonie Nr. 7 d-moll

Antonin Dvoraks Aufstieg vom Metzgerssohn aus dem böhmischen Dorf Nelahozeves zum internationalen Musikstar ist wesentlich einem Brief von Johannes Brahms zu verdanken. Der junge Musikus, der in den bescheidensten Verhältnissen lebte, bildete sein Talent im Stillen. In einem Alter, das Mozart schon nicht mehr erreichte, war er, wiewohl fleißig komponierend, noch so gut wie unbekannt. Im Jahre 1877 aber – er war bereits 36 Jahre alt – wandte er sich an den acht Jahre älteren und schon berühmten Kollegen Brahms und bat ihn um Vermittlung des Kontaktes zu dessen Verleger. Brahms schrieb daraufhin an Fritz Simrock und empfahl ihm Dvorak als „sehr talentvollen Menschen“. Dabei vermerkte er: „Nebenbei arm! Und bitte ich das zu bedenken!“

Simrock nahm sich des unbekannten Tschechen an. Er verlegte dessen volkstümliche Gesangsduette „Klänge aus Mähren“. Diese wurden auf Anhieb ein großer Erfolg. Danach schmiedete er das folkloristische Eisen, das so heftig glühte, kräftig weiter. Dvorak bekam sofort den Auftrag, in Anlehnung an die „Ungarischen Tänze“ von Brahms „Slawische Tänze“ zu komponieren. Die 16 Tänze, die Dvorak vorlegte, wurden zum Grundstein für einen Komponistenruhm, der sich bis nach Amerika verbreiten sollte. Vorderhand verdiente sich Dvorak damit sein erstes nennenswertes Honorar, 300 Mark, die er stolz in seinem Stammcafé vorzeigte.

Die Kunde von dem musikantischen Böhmen erreichte Anfang der 80-er Jahre des letzten Jahrhunderts auch das viktorianische England. 1884 lud die Londoner Philharmonic Society Dvorak zu einem Besuch auf die Insel ein. Dort konnte er insbesondere mit seinem anrührenden „Stabat Mater“, welches unter dem Eindruck des Todes von drei seiner Kinder entstanden war, einen triumphalen Erfolg verbuchen.

Zurück in die Heimat nahm Dvorak, den man in England bald den böhmischen Brahms nannte, den Auftrag der Philharmonic Society an, eine neue Symphonie zu komponieren. So entstand im Jahre 1884 seine siebte Symphonie. Die Uraufführung fand im April 1885 in St. James Hall in London unter seiner eigenen Leitung statt und hatte, wie Dvorak seinem Verleger – nicht zuletzt unter dem Aspekt, seine Honorarforderung zu begründen – mitteilte, „einen überaus glänzenden Ausgang“.

Die Frage der Honorierung der Symphonie führte in der Folge zu einer bemerkenswerten Kontroverse zwischen Verleger und Komponist. Dvorak, der sich bis dato mit dem beschieden hatte, was ihm gegeben wurde, hatte durch seine Erfolge in England erfahren, dass er so etwas wie einen Marktwert hatte. Das Angebot von Simrock, das sich auf 3000 Mark belief, lehnte er ab und verlangte unter Berufung auf seine Verpflichtungen als Familienvater das Doppelte. Simrock antwortete mit einem Klagelied darüber, wie schlecht die großen Werke Dvoraks gingen. „Schreiben sie mir zwei neue Hefte Slawische Tänze zu vier Händen“, verlangte er, „das wird Ihnen viel leichter wie eine Symphonie, macht Ihnen nicht den vierten Teil der Arbeit und Mühe und ich zahle Ihnen lieber 2000 Mark dafür, wie 3000 für die Symphonie.“

Dvorak blieb bei seinem Standpunkt. Gegen Simrocks Wunsch, gängige, insbesondere „bloß“ folkloristische Werke zu komponieren, wandte er ein, dies führe zu dem Resultat: „keine Symphonien, keine großen Vokalwerke und keine Instrumentalmusik schreiben, nur hier und da vielleicht ein paar Lieder, Klavierstücke oder Tänze und ich weiß nicht alles was herausgeben: und das kann ich als Künstler, der etwas bedeuten will, eben nicht!“ Und wieder fügte er hinzu: „Bitte bedenken Sie, dass ich ein armer Künstler und Familienvater bin und tun Sie mir nicht Unrecht“.

Beide Parteien beharrten noch eine Zeitlang auf ihren Positionen bis man sich nach weiteren hin- und her gewechselten Briefen auf einen Kompromiss einigte. Danach sollte Dvorak nach Art eines Kompensationsgeschäftes noch zwei weitere Hefte „Slawische Tänze“ liefern und für alles 8000 Mark erhalten.

Dieser Honorarstreit spiegelt ein Dilemma, aus dem sich Dvorak unter anderem mit der siebten Symphonie zu befreien suchte. Seine populär gewordenen Werke hatten ihm den Ruf eines Musikers eingebracht, der stark an lokaler Folklore orientiert sei. Tatsächlich hatte Dvorak nicht zuletzt unter dem Einfluss des seinerzeit aufkeimenden tschechischen Nationalbewusstseins so etwas wie eine „Slawische Periode“ durchlaufen, wovon auch seine früheren Symphonien beeinflusst waren. Mit Werken wie der siebten Symphonie drängte er, ohne seine Herkunft zu verleugnen, aus dem lokalen Rahmen in die internationale Musikwelt, hin auch zu seinem Freund Brahms, dem er zeitlebens in Dankbarkeit verbunden blieb.

Weitere Texte zu Werken Dvoraks und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

 

1880 ff Felix Blumenfeld (1863-1931), Nicolai Sokolow (1859 – 1922), Alexander Glasunow (1865-1936), Anatoly Liadow (1855-1914) – Sarabande, Polka und Scherzo aus „Les Vendredis“

„Les Vendredis“ ist der Titel einer Sammlung von Quartettsätzen russischer Komponisten insbesondere aus den 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts, aus der die vorliegenden drei Stücke von vier Komponisten stammen. Die Bezeichnung spielt auf die musikalischen Gesellschaften im Hause des reichen Holzhändlers Mitrofan Belaieff in St. Petersburg an, wo sich seinerzeit freitags slawophil gesinnte Musiker zum gemeinsamen Musizieren und Diskutieren ihrer neuesten Werke versammelten. Für diesen Kreis dürften die Quartettsätze auch geschrieben worden sein.

 

Der Belaieff-Kreis war einer jener Petersburger Musikzirkel des 19. Jahrhunderts, die für die Entwicklung der russischen Nationalschule der Kunstmusik eine entscheidende Bedeutung hatten. Russland war bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts an der Entwicklung der europäischen Kunstmusik nicht beteiligt. Als Vater einer Musik im europäischen Format gilt Glinka, der von 1804 bis 1857 lebte. Er brachte zugleich die nationale Färbung in die russische Musik. Glinkas Nachfolger war Dargomyshski, um den sich in Petersburg der erste bedeutende Musikzirkel der jungrussischen Schule versammelte. Daraus hervor ging in den sechziger Jahren der Kreis um den umtriebigen Pianisten, Komponisten, Dirigenten und Impressario Balakirew, zu dem die jungen Hochbegabungen Borodin, Mussorgksi und Rimksi-Korsakow gehörten. Die Mitglieder des Balakirew-Kreises waren noch allesamt Autodidakten, die „nebenher“ meist noch einen bürgerlichen Beruf ausübten. Die Gruppe, die im Gegensatz zu den internationalistischen Moskauer „Westlern“ folkloristische und orientalische Elemente in die Musik einbrachte, wurde wegen ihres „Dilettantismus“ in ironischer Absicht mit dem Namen „Das mächtige Häuflein“ belegt, eine Bezeichnung unter der sie berühmt und tatsächlich mächtig werden sollte. In den siebziger Jahren begannen sich die „Schüler“, die heute viel bekannter sind als ihr Lehrer, vom Übervater Balakirew zu lösen. Anfang der achtziger Jahre schließlich verkehrten mit Ausnahme Balakirews, der sich isoliert hatte, alle Mitglieder des „Mächtigen Häufleins“ bei Belaieff. Nach und nach stießen auch ihre Schüler dazu, die nun meist bereits akademisch ausgebildete professionelle Musiker waren.

 

Man traf sich, wie gesagt, freitags im Hause Belaieffs. Anfangs spielte man ausschließlich Quartett, wobei der Hausherr die Bratsche spielte. Dabei wurde die Literatur systematisch und der Reihe nach durchgearbeitet. Im Laufe der Zeit wurden aus den „Freitagen“, die nie abgesagt wurden, große Abendgesellschaften, bei denen in allen möglichen Kombinationen musiziert wurde. Nach dem Pflichtprogramm setzte man sich, wie Rimski-Korsakow in seinen Memoiren berichtet, „ans Abendessen, das immer überreichlich und von ausgiebigem Pokulieren begleitet war“. Danach wurde bis drei Uhr nachts in loser Folge weitergespielt, wobei manche Musiker ihre neuesten Werke vorstellten. Dabei dürften auch die Quartettsätze aus „Les Vendredis“ gespielt worden sein. „Zuweilen“, schreibt Rimski-Korsakow, erschien während der Musik nach dem Abendessen eine Flasche Champagner nach der anderen auf dem Tisch: um eine neue Komposition zu ’begießen’“. Die ganz Hartgesottenen gingen anschließend nicht nach Hause, sondern setzten die „während des Abendessens begonnene Zecherei in irgendeinem Restaurant weiter fort“.

 

Die Freitagabende waren das Herzstück eines in sich geschlossenen Systems der Musikpflege und -förderung, das in exemplarischer Weise verdeutlicht, wie sich Musik (und Kunst im allgemeinen) entwickeln kann. Das organisatorische Zentrum dieses „Musicotops“ war der Unternehmer Belaieff. Zur Durchsetzung seines Zieles, Russland unter Wahrung seiner nationalen Eigenheiten möglichst schnell auf das Niveau der europäischen Kunstmusik zu bringen, gründete er im Jahre 1885 unter seinem Namen in Leipzig zunächst einmal einen – noch heute bestehenden – Verlag, in dem russische Komponisten ihre Werke veröffentlichen konnten. Damit die Werke auch gespielt wurden, rief er des weiteren in Petersburg zwei öffentliche Konzertreihen ins Leben, die „Russischen Symphoniekonzerte“ und die „Russischen Quartettabende“. Außerdem gründete er – anonym – eine ebenfalls noch heute existierende – Stiftung, die einen „Glinka-Preis“ an russische Komponisten verlieh. Nach seinem Tode schließlich vermachte Belaieff sein ganzes umfangreiches Vermögen der Stiftung mit dem Auftrag, das Förderungssystem als Ganzes fortzuführen. Tatsächlich ist es nicht zuletzt diesem System zu verdanken, daß es Russland in wenigen Jahrzehnten gelang, an die Musikentwicklung Europas anzuschließen und im 20. Jahrhundert zeitweilig sogar eine Führungsrolle zu übernehmen (Schostakowitsch etwa war ein Schüler Glasunows, Prokofieff studierte bei Liadow und Rimski-Korsakow; letzterer war auch der Lehrer von Strawinski). Größte Bedeutung für die Wahrnehmung der russischen Musik in Russland und in der Welt aber auch für die Schaffensmotivation der zeitgenössischen Komponisten sollte insbesondere der Verlag gewinnen. Viele russische Komponisten wären ohne die Spuren, die sie auf Grund der dort erschienenen Drucke in Musikarchiven und Bibliotheken hinterlassen haben, heute sicherlich vergessen. Auch der Glinka-Preis errang hohes Ansehen. Fast alle Komponisten aus der damaligen russischen Musikszene, die ihn erhielten, haben noch heute Rang und Namen, was nicht zuletzt das hochentwickelte Qualitätsgespür derer zeigt, die für die Verleihung des Preises verantwortlich waren.

 

Eine Bedingung für die Effektivität dieser Musikförderung war sicherlich die enge Vernetzung der Petersburger Musikszene um Belaieff, die sich sehr gut am Beispiel der drei genannten Quartettsätze aus der Sammlung „Les Vendredis“ zeigen lässt (die – natürlich – im Belaieff- Verlag erschien). Bezeichnend ist bereits, daß es sich bei der „Polka“ um ein Gemeinschaftswerk handelt, was typisch für den Belaieff-Kreis ist. Sokolow, Glasunow und Liadow haben jeweils einen „Vers“ dieser dreiteiligen Komposition verfasst. Die „Drei Männer Polka“ lässt besonders schön die Stimmung erkennen, die bei den Freitagabenden im Hause Belaieffs geherrscht haben dürfte. Sie trägt im übrigen den Titel „Les Vendredis“ und ist dem Mäzen Belaieff auch gewidmet. Mit einem der Komponisten dieser Polka, Liadow, hatte Belaieff ein besonders enges Verhältnis. Liadow, der auch das „Scherzo“ schrieb, war der Dirigent des Liebhaberorchesters, in das Belaieff im Jahre 1880 eintrat, was der erste Schritt zur Bildung des Belaieff-Kreises war. Er sollte Belaieffs Freund bis zu dessen Tod bleiben. Blumenfeld, der Komponist der Sarabande, hat das Werk Victor Ewald gewidmet, der ab 1889 als Cellist Mitglied von Belaieffs Quartett war. Er war später unter anderem Dirigent am Marientheater in Petersburg. Die genannten vier Komponisten waren im übrigen alle Schüler Rimski-Korsakows, der musikalisch die zentrale Figur des Belaieff-Kreises war. Rimski-Korsakow lehrte am Konservatorium in St. Petersburg, bei dem Glasunow, Sokolow und Liadow später selbst wieder Konservatoriumslehrer wurden. Liadow, Rimski-Korsakow und Glasunow wurden, damit schließt sich der Kreis, nach dem Tode Belaieffs im Jahre 1904 die ersten Kuratoren der Belaieff-Stiftung, deren (Glinka)Preis sie zuvor viele Male erhalten hatten.

Johann Rudolf Zumsteeg (1760 – 1802) Symphonie D-Dur

 

Johann Rudolf Zumsteeg ist der einzige namhafte klassische Komponist, den die Stadt Stuttgart hervorgebracht hat. Er war der Sohn eines Lakaien am Stuttgarter Hof. Auf Grund seiner Begabung konnte er die Hohe Karlsschule besuchen, wo seinerzeit die junge Elite Württembergs herangezogen wurde. Er war ein Freund von Schiller und dem Bildhauer Dannecker, mit denen er gemeinsam die Schulbank drückte. Durch Dannecker, der die berühmte Schillerbüste schuf, haben wir heute auch eine Vorstellung vom Aussehen Zumsteegs. Der große Bildhauer modellierte auch eine Büste dieses Freundes.

 

Der junge Zumsteeg erlernte das Cellospiel und beherrschte sein Instrument offenbar virtuos. Bereits im Alter von 21 Jahren wurde er als Nachfolger seines Lehrers Poli zum Hofmusikus in Stuttgart ernannt. Er war es, der in Stuttgart die Vorherrschaft des italienischen Musikstils, den vor allem Jomelli und Poli pflegten, brach und die zuvor heftig abgelehnten Opern Mozarts zur Aufführung brachte. Zumsteeg komponierte für das Stuttgarter Theater auch selbst eine Reihe von Opern und Schauspielmusiken. Außerdem schrieb er zahlreiche Kantaten und andere Werke. Musikhistorische Bedeutung gewann er durch sein umfangreiches Liedschaffen, das insbesondere Schubert beeinflußte.

 

Zumsteegs Symphonie in D-Dur ist, wenn sie überhaupt je gespielt wurde, vor Mai 1993, als sie der Orchesterverein Stuttgart aufführte, jedenfalls wohl 200 Jahre lang nicht mehr erklungen. Die Wiederentdeckung ist einem musikarcheologischen Technologieschub zu verdanken. Bis 1993 schlummerte die handschriftliche Partitur der Symphonie, die offenbar das Einzige Dokument ist, das davon existiert, einen zwei Jahrhunderte währenden Dornröschenschlaf im Magazin der Württembergischen Landesbibliothek. Der Tiefschlaf war eigentlich nur dadurch bedingt, daß sich niemand die Mühe machte, das Werk näher anzuschauen. Und dies hatte seinen Grund in der Hauptsache wiederum darin, daß das Erstellen von Notenmaterial, welches die Voraussetzung dafür ist, das es erklingt, bislang eine ziemlich mühsame und kostspielige Angelegenheit war. Seit einiger Zeit löst aber der Computer dieses Problem. Die schwer leserliche Handschrift wird – unter Umständen sogar per Keybord – in den Computer eingegeben, der sie als gestochen scharfe Noten wieder ausdruckt.

 

Die Wiederentdeckung der Symphonie von Zumsteeg ist ein Beispiel dafür, wie lohnend es sein kann, im Abfallhaufen der Kulturgeschichte zu wühlen. Im Schutt der Musikgeschichte schlummern ohne Zweifel unzählige Werke nur deswegen, weil sie keiner der heute Lebenden gehört hat. Das Risiko, daß man hierbei auch Werke wiedererweckt, die vielleicht zu Recht durch das Sieb der Musikgeschichte gefallen sind, wird durch die Aussicht, das ein oder andere Dornröschen wachküssen zu können, mehr als aufgewogen.

1887 Gabriel Fauré (1845 – 1924) Requiem

 

Der französische Komponist Gabriel Fauré ist außerhalb seines Heimatlandes eigentlich nur den Musikkennern näher bekannt. In Frankreich hat er jedoch nicht nur als schöpferischer Musiker, sondern auch als Lehrer eine außerordentlich bedeutsame Rolle gespielt (einer seiner Schüler war Maurice Ravel). Fauré hat ganz wesentlich die Richtung bestimmt, welche die französische Musik ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Abgrenzung zur deutschen Spätromantik einschlug. Mit ihm kommen die pastellfarbenen Zwischentöne und die anmutige Gestik in die Musik, die wir als typisch französisch empfinden. Dass seine internationale Reputation dennoch begrenzt blieb, hat sicher auch damit zu tun, daß er im Gegensatz zu den großmächtigen Musikerfiguren von der anderen Seite des Rheins nicht die große Form, die emphatische Geste oder die existentielle Tiefe suchte. Seine Musik drückt Gelassenheit, Ruhe und heitere Eleganz aus und hat immer etwas Intimes. Es ist daher kein Wunder, dass die bedeutendsten Leistungen Faurés auf dem Gebiet der Kammermusik liegen (ein Werk allererster Güte ist etwa sein 1. Klavierquartett). Gegenüber dem großen Apparat hatte Fauré hingegen Vorbehalte. Die Verwendung des Orchesters hielt er für ein gefährliches Mittel, die Dürftigkeit musikalischer Einfälle zu vertuschen. An Einfällen hat es Fauré aber am wenigsten gefehlt. Wer seine Musik hört, der spürt als erstes, dass sie auf beste Weise originell und exquisit ist.

Geradezu exemplarisch für diese Auffassung von Musik ist Faurés Requiem. Anders als die meisten großen Totenmessen des 19. Jahrhunderts von Berlioz bis Verdi ist es weder abend- noch bühnenfüllend. Auf die Ausbreitung von „pomp funèbre“ und die Entfesselung großer Emotionen wird verzichtet. Im Vordergrund steht der ewige Frieden, der die Toten im Paradies erwartet. In einer solchen Konzeption hat ein „Dies Irae“, das machtvolle Kernstück der meisten sonstigen Requiem-Vertonungen, keinen Platz. Da Fauré die Vorstellung von einer endzeitlichen gerichtlichen Abrechnung mit bedrohlich ungewissem Ausgang fremd ist, hat er aus dem traditionellen Text der Totenmesse auch sonst alle Stellen gestrichen, in denen von Angst, Schrecken, Strafe oder Tränen die Rede ist (ein wenig davon taucht nur einmal kurz im „Libera me“ auf). Selbst die apokalyptische letzte Posaune, ein spezifisch musikalischer Topos, auf den kein Requiem-Komponist gerne verzichtet, darf nicht erklingen. Das Werk endet denn auch nicht mit der flehentlichen Bitte eines „Libera me“, wie bei Verdi, sondern mit dem jenseits der Liturgie stehenden Text „In Paradisum deducant Angeli“ in himmlischer Verklärung. 

Die erste noch unvollständige Fassung des Werkes schrieb Fauré offensichtlich unter dem Eindruck des Verlustes seiner Eltern, die in den Jahren 1885 und 1887 starben. Sie wurde erstmals am 18. Januar 1888 in der Madelaine in Paris aufgeführt, wo Fauré seit 1877 als Nachfolger von Saint-Saens das Amt des Organisten versah. Das Orchester bestand damals nur aus einer Solovioline, geteilten tiefen Streichern, Harfe und Orgel. Zwei Jahre später wurde die vollständige Fassung erstmals in St. Gervais in Paris aufgeführt, seinerzeit mit ungeteilten Violinen und Blechbläsern ohne eigenständige Stimmen. Die letzte Fassung, in der auch noch Holzbläser – ebenfalls ohne selbständige Stimmen – hinzugefügt wurden, schrieb Fauré für eine Aufführung bei der Weltausstellung im Jahre 1900.

1821 Peter Joseph von Lindpaintner (1791 – 1856) Konzertante Symphonie für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott und Orchester 0p. 36 B-Dur

 

Lindpaintner kam im Jahre 1818 im Alter von 27 Jahren aus München nach Stuttgart, wo der die Nachfolge von Johann Nepomuk Hummel als Hofkapellmeister antrat. Obwohl er in Stuttgart nie richtig heimisch wurde, verbrachte er hier den Rest seines Lebens. Heute ist er in seiner Wahlheimat so gut wie unbekannt. In Stuttgart erinnert an Lindpaintner, der 1844 von König Wilhelm geadelt wurde, eine Straße und eine Haltestelle der Straßenbahn im Vorort Botnang. Den wenigsten aber wissen, daß er sich hinter diesem Namen ein sehr erfolgreicher Musiker verbirgt, der 23 Opern sowie zahllose sonstige Werke aller Gattungen komponiert hat. Die meisten seiner Werke harren freilich in den Katakomben der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart noch der Entdeckung. Hier befindet sich auch sein vierbändiges persönliches Werkverzeichnis.

 

Hoch gelobt wurden immer wieder Lindpaintners Leistungen als Orchestererzieher. Er gilt als Wegbereiter des modernen Dirigententums. Berlioz schreibt in seinen Memoiren, unter Lindpaintners Leitung sei das Stuttgarter Hoforchester das beste Deutschlands gewesen, Mendelssohn bezeichnet ihn als den besten Dirigenten Deutschlands und ein altes Konversationslexikon sogar als den neben Spontini „vielleicht besten Dirigenten“ seiner Zeit. Als solcher war er auch außerhalb von  Stuttgart tätig. So leitete er im Jahre 1852 Konzerte der „Philharmonic Society“ in London.

 

Das Lob des Stuttgarter Musikschriftstellers Gustav Schilling im Universallexikon der Tonkunst von 1841, wonach Lindpaintner sich zu einem der ersten Direktoren und Komponisten Deutschlands aufgeschwungen habe, „Werke schaffend für alle Zeiten und der ächten Kunst zum Frommen“ wird er möglicherweise mit gemischten Gefühlen aufgenommen haben. Schilling hatte, seiner Neigung zum Plagiat folgend, die ihm einen heftigen Streit mit Robert Schumann einbrachte, Äußerungen des Musikwissenschaftlers Berhard Marx über Beethoven kurzerhand wörtlich auf Lindpaintner übertragen.

 

Die Musik von Komponisten wie Lindpaitner wird gerne etwas abschätzig als „Kapellmeistermusik“ abgetan. Welch beachtliches Niveau diese Musik haben konnte, zeigt aber Lindpaintners Konzertante Symphonie in B-Dur aus dem Jahre 1821, die unter Bläsern wegen ihrer eingängigen Melodik und den hoch virtuosen Passagen insbesondere des letzten Satzes sehr beliebt ist. Sie entstand, wie die meisten seiner Werke in Stuttgart und trägt in  Lindpaintners Werkverzeichnis die Nummer 230 (!). Allein im Dezember 1821 wurde sie in Stuttgart fünfmal gegeben.

1864 Niels Wilhelm Gade (1817 – 1890) Symphonie Nr. 7 F-Dur

Wie der Begründer der norwegischen Nationalschule Edvard Grieg, erhielt auch ein weiterer großer Vertreter der skandinavischen Musik des 19. Jh., der Däne Niels-Wilhelm Gade, einen wesentlichen Teil seiner musikalischen Prägung in Sachsen. Im Jahre 1843 hatte Gade seine erste Symphonie, die man in seiner Heimatstadt Kopenhagen nicht spielen wollte, zu Mendelssohn nach Leipzig geschickt. Dieser war von dem Werk begeistert und brachte es sofort zur Aufführung. Gade ging daraufhin noch im gleichen Jahr nach Leipzig, wo er sich mit Mendelssohn und Schumann befreundete. Im Jahre 1844 wurde er Mendelssohns Stellvertreter, nach dessen plötzlichen Tod im Jahre 1847 sogar dessen Nachfolger als Leiter der renommierten Gewandhauskonzerte. Noch unter dem Eindruck des Verlustes seines Freundes verließ Gade Deutschland aber beim Ausbruch des ersten Deutsch-dänischen Krieges um Schleswig-Holstein im Jahre 1848 und begab sich zurück in seine Heimat, wo er in der Folge über viele Jahre der Mittelpunkt des musikalischen Lebens war. Neben seiner unermüdlichen Tätigkeit als Dirigent und Musikadministrator war Gade zeitlebens auch kompositorisch tätig, wobei er sich in seiner Grundeinstellung an seinen Freunden Schumann und Mendelssohn orientierte (was ihm harsche Kritik von seiten des eingefleischten „Skandinaviers“ Grieg einbrachte). Im Vordergrund seines umfangreichen Oevre stehen Orchesterwerke.

Schumann sagte von Gade, er sei schon deswegen für die Musik bestimmt, weil sein Name aus den Bezeichnungen der vier Saiten der Violine zusammengesetzt sei. 1844 widmete er Gade einen begeisterten Artikel in der „Neuen Zeitschrift für Musik“, in dem er den nordischen Charakter seiner Musik hervorhob, zugleich aber die Hoffnung zum Ausdruck brachte, er möge in seiner Nationalität nicht untergehen, sondern sich „schlangengleich häuten, wenn das alte Kleid zu schrumpfen beginnt“. Gade hat sich an diesen Rat gehalten. Dies zeigt nicht zuletzt seine 7. Symphonie, die insbesondere in formaler Hinsicht unverkennbar den Anschluß an die westeuropäische Entwicklung sucht, zugleich aber jenen nationaldänischen Ton aufweist, den der dänische Musikhistoriker Tage Wind als eine musikalische Haltung beschrieb, „die nicht das große Pathos ausdrückt, umso mehr aber eine sanftmütige Innerlichkeit, jubelnde Freude und tiefen Schmerz mit einer schamhaften Furcht, Uneingeweihte in ihr inneres Gefühl blicken zu lassen“.

Das außerordentlich schwung- und stimmungsvolle, dicht gearbeitete Werk wurde im Jahre 1864 in Leipzig, wo Gade zeitlebens auf großes Interesse stieß, erstmals aufgeführt (was möglicherweise die vielfältigen Anklänge an die Musik der Leipziger Freunde erklärt). Es bleibt ein Rätsel der Rezeptionsgeschichte von Musik, warum ein solches Werk (und Gade überhaupt) bei uns heute so wenig bekannt ist. In einem populären Standardwerk mit dem Namen „Symphonie der Welt“ etwa werden den acht Symphonien Gades (und seinem gesamten sonstigen Ouevre) ganze 15 (Halb)Zeilen gewidmet.

1786 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) Konzert für Klavier und Orchester c-moll, KV 491

 

In seinem persönlichen Werkverzeichnis, das Mozart in den sieben letzten Jahren seines Lebens führte, ist die Fertigstellung des Klavierkonzertes in c -moll für den 24.3.1786 notiert. Die nächste Eintragung betrifft die Vollendung der Oper „Die Hochzeit des Figaro“. Zwischen den beiden Werken liegen nur etwas über vier Wochen. Der Unterschied zwischen ihnen könnte aber kaum größer sein. Der „Figaro“, an dem Mozart seit Oktober 1785, also parallel zum Klavierkonzert arbeitete, ist, wiewohl durchaus auch ernste, nämlich persönlich leidenschaftliche und politische Themen angeschnitten werden, inhaltlich und musikalisch der perfekte Ausdruck des lebensfroh verschnörkelten Rokoko. Im Klavierkonzert hingegen herrscht eine außerordentlich ernste Stimmung. Mozart kleidet seine musikalische Aussage nicht, wie bis dato bei ihm die Regel, in hintergründige Heiterkeit, sondern äußert sich ungewöhnlich unmittelbar und mit großem Pathos. Es werden Töne angeschlagen, wie man sie sonst eigentlich erst in der ausgebildeten Klassik, insbesondere bei Beethoven hört (das Konzert wird daher gerne im Zusammenhang mit Beethovens Schicksalssymphonie genannt, mit dem es die „düstere“ Tonart teilt).

 

Der markante Unterschied zwischen zwei Werken, die zeitlich so nahe beieinander liegen, diente den Persönlichkeitsdiagnostikern immer wieder exemplarisch zur Konterkarierung des Klischees vom Götterliebling Mozart und als Beleg für die außerordentliche Bandbreite seines Charakters. Die Tatsache, dass  der Komponist sich mitten in einer Phase, in der er mit der Fertigstellung des Riesenwerkes der Oper mehr als ausgelastet gewesen sein dürfte, auch mit einem derart andersartigen Werk befasste, zeige, dass  ihm die rokokohaft-heitere Seite der Musik seiner Zeit keineswegs genug war. Mozart scheint die Arbeit an diesem Klavierkonzert in der Tat sehr wichtig gewesen zu sein. Zahlreiche Verbesserungen, Streichungen und Ergänzungen im Autograph der Partitur lassen darauf schließen, dass  er mit dem musikalischen Text mehr als bei ihm üblich gerungen hat.

 

Neuerdings ist dem Bild von den Bedingungen der künstlerischen Produktion bei Mozart und den unterschwelligen Inhalten seines künstlerischen Schaffens am Beispiel dieses Konzert noch eine weitere mögliche Facette hinzugefügt worden. Es wurde festgestellt, dass  in der Zeit, als der Plan zur Komposition des Klavierkonzertes reifte, auf ausdrückliche Anordungs von Kaiser Josef II. auf dem Hohen Markt, unweit von Mozarts Wohnung, ein vier Stunden dauerndes Hinrichtungsexempel an dem Raubmörder Zahlheim statuiert wurde. Dafür hatte der an sich aufgeklärte Monarch eigens sein fortschrittliches, seinerzeit beispielloses Dekret über die Suspendierung der Todesstrafe von 1781 ausgesetzt. Man hat nahegelegt, dass  sich das Ereignis, an dem 30.000 Schaulustige teilnahmen, im Klavierkonzert widerspiegele.

 

Tatsächlich mutet etwa der ständige Wechsel zwischen martialischen, dramatisch düsteren, turbulenten und mitleidsvollen Passagen im ersten Satz des Konzertes wie eine Auseinandersetzung mit dem barbarischen Geschehen an. Der strenge Unisono-Anfang klingt wie die Verkündung eines gnadenlosen Strafverdiktes und die folgenden, scharf akzentuierten Tritonussequenzen erscheinen wie Schläge, die ohne Mitleid auf das „Opfer“ niederprasseln, zumal die Intervalle wiederholt grell aus der Grundtonart fallen. Die nachhaltige Betonung dieses Intervalls, eines Sprungs über drei Ganztöne, ist bezeichnend. Mozart verwendet damit eine Figur, die wegen ihrer extremen harmonischen Spannung als „diabolus in musica“ bezeichnet und in der kompositorischen Tradition zur Darstellung eines schmerzhaften Geschehens eingesetzt wird. Das volle Orchester, das massiv mit insistierenden Repetitionen einsetzt, scheint für die Volksmasse zu stehen, die von Rachegelüsten aufgestachelt und von Schaulust erregt ist. Schließlich gibt es noch einen imaginären Beobachter, der immer wieder an das Mitleid appelliert, eine Haltung, die Mozarts eigene Empfindungen wiederspiegeln dürfte. Wie in der Wirklichkeit auf dem Hohen Markt ist das grausame Schauspiel nicht aufzuhalten. Es nimmt in der Musik mit beklemmender Konsequenz seinen unerbittlichen Lauf bis eine gequälte Seele kläglich verlöscht.

 

Darauf dass  es hier um „schreckliche“ Fragen des Todes geht, zeigt auch die Tatsache, dass  Mozart eine dramatische musikalische Passage später wieder in seinem Requiem verwendet. Für die Interpretation musikalischer Selbstzitate gilt zwar in der Regel, dass  man aus dem Kontext, im dem eine zeitlich frühere Verwendung eines Motivs steht, auf die Bedeutung schließen kann, die es in einem späteren Kontext haben soll. Im Falle des c-moll Konzertes dürfte es aber angesichts der Gesamtkonstellation wohl erlaubt sein, in einer Art retrograden Interpretation Schlüsse aus dem späteren Kontext auf seine frühere Bedeutung zu ziehen. Wenn Mozart im „Rex tremendae“ des Reqiems mehr oder weniger „wörtlich“ eine rythmisch stark akzentuierte, absteigende Passage mit anschließender Beruhigung aus dem ersten Satz des Konzertes zitiert, dann ist dies ein Hinweis darauf, dass  diese Passage für ihn tödliche Dramatik ausdrückt.

 

Wenn diese Deutung des Konzertes zutrifft, dann wäre es in der Tat in besonderem Maße geeignet, Aufschluss über Mozarts Charakter zu geben. Sollte er das menschlich und politisch höchst brisante Ereignis dieser öffentlichen Hinrichtung tatsächlich in seinem Konzert reflektiert haben, würde diese Tatsache und die Art ihrer Abhandlung einen außerordentlichen humanitär-seriösen Zug in seiner Persönlichkeit offenbaren.

 

Abgesehen von derlei biographischen Aspekten ist das Konzert im übrigen auch ein wesentlicher Schritt auf dem Weg der Steigerung der musikalischen Komplexität, auf dem der experimentierfreudige Komponist stetig voranschritt. Schon bei den Konzerten, die dem c-moll Konzert in dichter Folge vorausgingen, hatte Mozart das Zusammenspiel von Soloinstrument und Orchester immer mehr im Sinne einer symphonischen Konstruktion verdichtet. Das Orchester wurde nicht nur mit umfangreichen Tuttiblöcken, sondern auch in immer neuen Gruppierungen am musikalischen Geschehen beteiligt. Im c-moll Konzert hat es nun auch die volle klassische Besetzung. Erstmals in Mozarts Werk werden die Klarinetten nicht anstelle, sondern neben den Oboen eingesetzt. Darüber hinaus sind auch Pauken und Hörner beteiligt, wobei letztere nicht mehr nur die Harmonie verstärken, sondern eigenständige Stimmen haben.

1738 Georg Friedrich Händel (1685-1759) Altus Arie aus der Oper Xerxes

 

Dass die tiefere der beiden oberen Stimmen im vierstimmigen musikalischen Satz die „Hohe“ (lat: altus) genannt wird, hat etwas mit der Rolle der Frau in der christlichen Gesellschaft zu tun. Anfangs war die patriarchalische Welt der Musik noch in Ordnung. Die (Kirchen-)Musik des frühen Mittelalters war einstimmig und wurde -natürlich- vom Mann gesungen. Diese einzige Stimme nannte man Tenor, was so viel heißt wie „der, der den Ablauf bestimmt“ (in diesem Sinne – nämlich von Dominanz – wird die Entscheidungsformel eines gerichtlichen Urteils noch heute als „Tenor“ bezeichnet). Später gesellte sich als hohe Gegenstimme der Cantus hinzu. Auch für dieses Problem fand man eine „männliche“ Lösung. Der Cantus wurde von Knaben gesungen. Im weiteren Verlauf der Musikgeschichte rankte sich um den Tenor eine dritte Stimme, die mal über, mal unter ihm lag, und schon wegen der Tiefe, die hierbei benötigt wurde, dem Mann vorbehalten war. Diese -vagabundierende- Stimme spaltete sich im 15. Jahrhundert in zwei Stimmen, den unter dem Tenor liegenden Baß (Contratenor bassus) und dem darüberliegenden Alt (Contratenor altus). Auch im nunmehr vierstimmigen Satz wusste man die Andächtigen zunächst noch vor dem betörenden Charme der weiblichen Stimme zu schützen. Die Männer machten die Sache erneut unter einander aus. Der Preis, den man dafür zahlte, war im wahrsten Sinne des Wortes „hoch“. Einen Teil der Männer kostete der Drang nach oben ihre Männlichkeit. Der andere Teil, alti naturali genannt, entwickelte eine Falsetttechnik, die es auf stupende Weise ermöglichte, sich im natürlichen Tonraum der Frauenstimme zu bewegen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich hieraus eine eigene Tradition virtuoser Gesangskunst, die sich auch dann noch gegen die Frauenstimme behaupten konnte, als sich diese bereits allgemein durchgesetzt hatte. So wurden in der Oper, in der der Siegeszug der Frauenstimme begann, männliche Heldenrollen noch bis in das späte 18. Jahrhundert hinein für hohe Stimmen geschrieben und von Männern gesungen. Erst im 19. Jahrhundert war die Gleichberechtigung der Stimmen erreicht. Als späten Triumph konnten die Frauen nun eine gewisse Umkehrung der Rollenverhältnisse verbuchen. Zum neuen Helden der Gesangswelt wurde die Primadonna, die in der Hosenrolle sogar den Mann spielen durfte.

Auch die Alt-Arie aus der Oper Xerxes wurde ursprünglich für einen Mann geschrieben.

1844 Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) Konzert für Violine und Orchester e-moll

 

Mit Mendelssohns Violinkonzert verbindet man wie selbstverständlich die Vorstellung von Vollendung und Abgerundetheit. Das Werk, das zum klassischen Repertoire wie die Geige zum Orchester gehört, ist wie kaum ein anderes Musikstück aus einem Guss. Es erscheint in sich völlig stimmig und klingt so, als ob nur so und nicht anders sein könne. Dazu ist es so geigerisch, als ob es von der Geige selbst erfunden worden wäre.

 

Die Entwicklungsgeschichte des Werkes war aber eher langwierig. Der Plan zu dieser Komposition keimte bereits sechs Jahre vor seiner Vollendung. Am 30.6.1838 schreibt Mendelssohn an seinen Freund Ferdinand David, den Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters, dem der Komponist seinerzeit vorstand: „Ich möchte dir wohl auch ein Violin Concert machen für den nächsten Winter; eins in e-moll steckt mir im Kopf, dessen Anfang mir keine Ruhe lässt.“ Offenbar hatte ihn David im Sommer 1839 an das Versprechen erinnert. Jedenfalls antwortet ihm Mendelssohn am 24. Juli 1839: „Das ist gar zu hübsch von dir, dass du mich zu einem Violin Concert stempeln willst; ich habe die allergrößte Lust dir eins zu machen, und wenn ich ein Paar gut gelaunte Tage hier habe, so bringe ich dir etwas der Art mit. Aber leicht ist die Aufgabe freilich nicht; brillant willst du’s haben und wie fängt unser eins das an? Das ganze erste Solo soll aus dem hohen e bestehn.“

 

Fertig gestellt wurde das Werk nach Vorarbeiten aber dann im Wesentlichen erst im Sommer 1844 in Bad Soden im Taunus, wo der vielbeschäftigte Komponist mit der Familie Ferien machte. Danach folgten aber noch diverse Änderungen, über die er intensiv mit David korrespondierte. So bat Mendelssohn, wie sich aus einem Brief vom 18. Dezember 1844 ergibt, nicht nur um Rat in geigerischen Dingen für Änderungen bei der Solostimme. Er war sich etwa auch unsicher über die Wirkung der Pizzicato Begleitung im langsamen Satz. „Ich bitte dich“, schreibt er dazu, „zeige doch auch Gade diese Stelle in der Partitur und sage mir seine Meinung. Lacht mich auch nicht gar zu sehr aus; ich schäme mich wirklich selbst, aber ich kann’s einmal nicht besser, und werde einmal das Tappen nicht los.“ David machte in der Folge einige detaillierte Änderungsvorschläge, die Mendelssohn im Wesentlichen annahm.

 

Zur erfolgreichen ersten Aufführung des Werkes kam es schließlich am 13. März 1845 durch David bei einem Konzert des Gewandhausorchesters in Leipzig. Mendelssohn erlebte den Triumph nicht selbst, da er sich nach Aufgabe seiner ungeliebten Tätigkeit als preußischer Generalmusikdirektor in Berlin zunächst einmal in Frankfurt, der Heimat seiner Frau, der wieder gewonnenen (kompositorischen) Freiheit erfreute. Er dirigierte aber die zweite Aufführung am 23. Oktober 1845 in Leipzig. Kaum drei Wochen später wurde das Werk in Dresden unter bemerkenswerten Umständen nochmals gespielt. Bei dem Konzert, das Robert Schumann organisiert hatte, sollte eigentlich Schumanns Klavierkonzert uraufgeführt werden. Clara Schumann, die für den Solopart vorgesehen war, fiel jedoch krankheitshalber aus, weswegen man kurzfristig Mendelssohns Violinkonzert ins Programm nahm. David, der seinerseits verhindert war, schickte seinen damals 14-jährigen Schüler Josef Joachim, mit dem Mendelssohn im Frühjahr 1844 bereits Beethovens Violinkonzert in London aufgeführt hatte. Für Joachim bedeutete dies den Durchbruch zu einer Karriere, in deren Verlauf er zum führenden Geiger seiner Zeit werden sollte.

 

Mendelssohns Violinkonzert ist das Werk eines Meisters auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Zum Eindruck der Abgerundetheit trägt nicht zuletzt bei, dass die drei Sätze nach dem Vorbild Carl Maria von Webers nahtlos ineinander übergehen und auch die Kadenz des ersten Satzes, die in Solokonzerten immer in der Gefahr ist, ein Eigenleben zu entwickeln, wie selbstverständlich in das Werk eingegliedert ist. Sie ist so platziert, dass sie als notwendig zur Abrundung des musikalischen Geschehens erscheint. Daher beginnt sie nicht erst kurz vor dem Ende des ersten Satzes, sondern ungewöhnlicherweise schon nach der Durchführung, wodurch sie zugleich die Überleitung zur Reprise bilden kann. Davon abgesehen ist die Kadenz auskomponiert und damit der Willkür sowie einem eventuellen übermäßigen Selbstdarstellungsdrang des Interpreten entzogen. Das Werk ist im Übrigen auch deswegen so rund, weil Mendelssohn peinlich darauf achtete, dass es sich gut spielt. Bei David fragte er brieflich an, ob eine Änderung, die er noch vorgenommen hatte, auch „ganz bequem“ sei, damit sie „recht fein gespielt werden kann.“ Großen Wert legte er auch immer wieder darauf, dass bestimmte Passagen „mundgerecht“, „gut spielbar“ und „spielgerecht“ oder „nicht ermüdend“ sind. Am Ende stand schließlich eine runde Sache, ein – sehr romantischer – Violinklassiker par excellence.