Ein- und Ausfälle (China – 6)

Es mag sein, dass die moralischen und seelischen Superlative wie „Platz des himmlischen Friedens“, „Halle der vollkommenen Harmonie“, „Palast des reinen Wohlwollens“ mit der sich im alten China die Führungsebene umgab, reichlich paradiesisch und im Hinblick auf die unruhige und mitunter ziemlich blutige chinesische Geschichte auch nicht gerade realitätsnah sind. Es stellt sich aber die Frage, ob es nicht besser ist, die Ausrichtung eines Gemeinwesens mit übertriebenen Wunschvorstellungen zu garnieren, als zu versuchen, die Menschen mit Bildern exzessiver Grausamkeit auf Kurs zu halten, als da sind: die „Vertreibung aus dem Paradies“, das massenhafte Ersäufen in einer „Sintflut“, die strafweise Vernichtung von Stätten abweichenden Verhaltens wie „Sodom und Gomorrha“, der elende „Kreuzestod“ einer edlen Führungsfigur und ein unerbittliches „Jüngstes Gericht“ einschließlich der von ihm verhängten Strafe ewigen Schmorens in einer „Hölle“.

Briefe aus der Wendezeit – Teil 4

Stuttgart, 21.2.90

Lieber Frank,

während alles über die deutsche Einheit redet, lohnt es sich vielleicht noch einmal, auf die Zweistaatlichkeitsdiskussion und ihre Ableger zurück zu kommen – Deutschland schwierig Vaterland!

Die noch vor Kurzem ziemlich dezidiert vorgetragene Meinung, es gelt das politische Gebilde der DDR mit seiner „in vierzig Jahren gewachsenen eigenen Identität“ zu erhalten, vor allem um die „Errungenschaften des Sozialismus“ zu retten, ist erstaunlich schnell gealtert und wirkt jetzt wie der Schnee von gestern. Durch die Konfrontation mit den „westlichen Lebensverhältnissen“ ist ihr gewissermaßen die innere Substanz davongelaufen. Interessant an der Diskussion um den Dritten Weg ist fast nur noch die Schnelligkeit, mit der sie zusammengebrochen ist. Denn mehr alles andere verweist dies auf den Druck, unter dem sich die Bevölkerung der DDR befunden hat. Historiker und Soziologen werden das Schicksal dieser Diskussion einmal als besonders beeindruckendes Beispiel dafür heranziehen, wie  Ideen von den Tatsachen ganz einfach überrollt werden können. Sie ist in der Tat ein ungewöhnliches Schauspiel, diese Revolution ohne geistige Führer und Vordenker. Immerhin hat sie sich gegen Konzepte durchgesetzt, die jahrzehntelang (eigentlich sogar ein Jahrhundert lang) mit einem Aufwand propagiert wurden, der in der Geschichte ziemlich beispiellos ist (dabei sehe einmal von einer schon mehrfach angesprochenen anderen Doktrin ab). Marx hat wieder einmal recht: Das Sein bestimmt das Bewußtsein; was ja wohl auch heißt, das man die Köpfe der Menschen über ein gewisses Maß hinaus nicht manipulieren kann. Hinzu kamen die mehr als unklaren Zukunftsaussichten eines Dritten Weges. Was wäre er anderes gewesen als ein weiteres Experiment auf dem Rücken eines Volkes, das bereits zwei Mal tragisch in die Irre geführt worden ist? Wer hätte hierfür die Verantwortung nicht nur zu übernehmen (wie dies Honecker jetzt „billigerweise“ mit Worten getan hat), sondern auch wirklich tragen können? Nicht gerade passend war es zudem, wenn derartige Experimente von unserer Seite propagiert wurden. Man wurde dabei das Gefühl nicht los, als hingen einige Intellektuelle damit ihren Träumen über das Schicksal anderer nach, wobei sie deren Verwirklichung vermutlich lieber in der kapitalistischen Hälfte der Welt abwarten wollten. Angesichts der gegebenen Tatsachen sind Rufe nach neuen Experimenten auch so gut wie verstummt (was keine unbedeutende Angelegenheit ist – immerhin scheint damit eine Denkepoche zu Ende zu gehen). Vielleicht wird die Bedeutung der Revolutionen des letzten Jahres einmal darin gesehen werden, dass das Volk mit Tatsachen die ziemlich freihändigen Behauptungen über seien Willen widerlegt hat, die seine selbsternannten Interpreten pausenlos im Mund führten.

Inzwischen ziehen sich die Verfechter der Zweistaatlichkeit auf eine neue Verteidigungslinie zurück, auf die Behauptung nämlich, dass Deutschland als Ganzes eine Gefahr sei. Eine Variation dieser Behauptung ist die von allen möglichen Seiten erhobene Forderung nach irgendwelchen Garantien, wobei keiner so recht sagt, was darunter eigentlich zu verstehen ist. Und damit einher geht die Rückverwandlung unserer Verbündeten (und der Sowjetunion) in Siegermächte. Ich muß gestehen, daß ich diese Diskussion mit einem unguten Gefühl verfolge und sie selbst als Gefahr betrachte. Schon eine andauernde Selbstzerfleischung eines Volkes kann nur zu politischen Neurosen führen (einige haben wir schon – u.a. den neuen Rechtsradikalismus). Noch weniger kann es gut gehen, wenn andere Regierungen Deutschland, weil es unter ganz anderen Bedingungen versagt hat, auf Dauer wie einen Unzurechnungsfähigen behandeln wollen. Im Politischen muß es wie im Persönlichen so etwas wie Verjährung geben, ein Institut, das dem Rechtsfrieden, im Völkerrecht also dem Frieden unter den Völkern dient. Und diese Verjährung sollte doch spätestens eintreten, wenn die Generation abgetreten ist, die für früheres Unglück unmittelbar verantwortlich ist. Auch wenn unmittelbar Betroffene vielleicht noch Probleme mit dem Frieden haben, wofür man Verständnis haben kann, so wäre doch von den Regierungen mehr nach vorne gerichtetes Denken und damit Vernunft zu erwarten.

Es war vielleicht eine der größten politischen Leistungen der letzten 40 Jahre, dass es gelungen ist, aus höchst belasteten Nachbarschaftsbeziehungen (wie denen zu Frankreich) das Freund – Feind Denken herauszubekommen. Tatsächlich hatte die Verständigung zwischen den Menschen bereits eine Normalität erreicht, dass man sich zu fragen anfing, wie die Verbissenheit vergangener Zeiten überhaupt möglich war. Diese Errungenschaft gilt es zu bewahren und nicht durch Rühren in alten Wunden zu gefährden. Ich kann nur hoffen, dass durch die unguten Diskussionen dieser Tage nicht zu viel des – offensichtlich sehr dünnen – Porzellans zerschlagen wurde.

Und nichts gegen die Verteidigungsinteressen der Sowjetunion. Aber im Augenblick klingt es so, als seien die „Garantien“ nur erforderlich gegen einen deutschen Gesamtstaat, der durch eine Vergrößerung um 16 Millionen Menschen gerade auf ein Viertel der Bevölkerung der Sowjetunion angewachsen wäre (von der Größe des Territoriums und deren Waffenarsenalen mal ganz abgesehen. Komisch, wenn von übermäßiger Größe und den daraus resultierenden Ungleichgewichten die Rede ist, fällt mir immer zuerst die Sowjetunion ein. (Davon, dass sie die Gefahren übermäßiger Größe gerade erst exemplarisch verwirklicht und eine ganze Reihe von Ländern in den Ruin getrieben hat, – insoweit besteht denn doch ein wesentlicher Unterschied zur westlichen Führungsmacht – will ich gar nicht weiter reden).

Aber ich will nicht aufrechnen. Eigentlich meine ich, dass das Denken in Konfrontationskategorien insgesamt höchst überflüssig ist und dass man die europäischen Probleme nur in partnerschaftlicher Diskussion in den Griff bekommen kann – wobei sich, wenn keiner Hegemonialansprüche stellt, schon bald herausstellen wird, dass der ganze militärische Quatsch überflüssig ist.

Womit wir wieder bei meiner Lieblingsidee sind. Daß alles Quatsch war, zeigt am besten der augenblickliche Zustand der NVA. Einstmals hatte sie das bestgezimmerte Feindbild aller Armeen. Jetzt wo man es ihnen genommen hat, wollen die Burschen nicht mehr. Und nun diskutiert man gar über ein Zusammenlegen dieser Männerspielzeuge, was im Verhältnis zueinander ihrer Aufhebung gleich kommt (ein altes mathematisches Gesetz -1 + 0 = 0; man hat bloß noch nicht gemerkt, dass es sich um ein universelles Gesetz handelt und dass seine umgangssprachliche Version lautet: zum Streiten gehören immer zwei – oder anders formuliert: Löse Deine Armeen auf und die „gegnerischen“ Soldaten fragen sich, warum sie durch den Dreck robben sollen. Irgendwann, wenn auch spät, kapieren das auch die Generäle, spätestens wenn niemand mehr im Dreck liegt,  und ganz am Ende auch unsere Verteidigungsminister.). Ich bin mal gespannt, wer von uns beiden Recht behält mit der Zieldimension, innerhalb deren die Militärspielereien aufhören – oder, ich bin ja kompromisbereit, auf ein Minimum reduziert werden. Allerdings werden wir es nur erfahren, wenn ich Recht habe.

Ein paar Worte noch zur deutschen Einheit. Was mich zur Zeit am meisten interessiert, ist, wie die Übergangsregelungen lauten werden. Renten, Sparguthaben und Währung nicht in Griff zu bekommen, können sich unsere Stürmer und Dränger nicht leisten, wiewohl es vermutlich „ein bisschen“ teurer kommen wird, als sie es zuzugeben wagen.

Aber bislang habe ich zu folgenden Fragen wenig  Überzeugendes gehört:

Wo liegen – vorläufig – die Grenzen des Vermögenserwerbs durch die Kapitalisten in der DDR? Man wird ja die ungleichen Vermögensmassen kaum ungeschützt aufeinander loslassen können – und doch will man Kapital in der DDR.

Wie sollen die Löhne der DDR – Bewohner alsbald auf unser Niveau gehoben werden? Ohne vergleichbare Produktivität kann dies ja nicht möglich sein. Schließlich kann man Wohlstand nicht ausschließlich durch administrative Maßnahmen herbeizaubern.

Wie sollen die Verzerrungen innerhalb der Wirtschaft der DDR ausgeglichen werden, die mit dem Einmarsch westlichen Kapitals unausweichlich auftreten werden? Es liegt auf der Hand, dass man nicht von heute auf morgen eine gesamte Volkswirtschaft modernisieren kann. Die Entwicklung wird von Inseln der Produktivität in Gang gesetzt werden, die im Laufe der Zeit ausstrahlen werden. Dazwischen wird es erhebliche Untiefen geben. Manche Inselwirtschaften sind ziemlich zählebig (vgl. das duale System in den meisten Entwicklungsländern).

Wie kann in Kürze der erforderliche administrative Apparat geschaffen werden? Auch die kapitalistische Wirtschaft lebt ja nicht nur von Ingenieuren, Arbeitern und Maschinen. Und das administrative „Know How“ setzt nicht nur entsprechende Gesetze, sondern vor allem geschulte und erfahrene (!) Anwender und das heißt Interpolatoren voraus (Beamte, Manager, Steuer- und Betriebsberater, Anwälte – bei Euch gibt es 600 Anwälte, bei uns 40.000 – , etc).

Ich weiß nicht, wie man diese Fragen unter dem Zeitdruck vernünftig lösen will, unter den uns einige Leute hier setzen wollen. Schließlich gibt es kein Modell für die Überleitung zweier so unterschiedlicher Systeme. Eine untunliche Eile würde zu ungeheueren Improvisationsverlusten führen. Deshalb sehe ich im Augenblick keine andere Lösung als mit ziemlich geräumigen  Übergangsphasen zu rechnen. Und für diese Zeit sind Eure Interessen vermutlich am besten von einer Regierung der DDR zu wahren – daher so bald keine Vereinigung der beiden Staaten.

Zur Zeit wird reichlich viel aus der Hüfte geschossen, wobei sich niemand so recht darüber im Klaren zu sein scheint, wer davon getroffen wird. Fast rührend ist dabei die Hilflosigkeit Euer Pfarrer- Anwalts- und Jungpolitiker. In manchem erinnern sie mich an Medizinmänner, die die Wirklichkeit durch magische Rituale und Formeln zu bannen versuchen (bloß dass das Volk rationalistischer als seine Führer ist). Und manche klingen sie wie Papageien, die nachplappern, was sie nicht verstehen (können). Es gibt ja Leute die behaupten, in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem setze sich die ökonomische Rationalität auch gegen den mangelnden Sachverstand der Eliten durch. Vielleicht haben sie ja Recht – wenigstens für die Übergangphase.

So viel für heute.

Grüsse

Klaus


Stuttgart, 1.3.1990

Lieber Frank,

es ist wieder einmal Historisches passiert – im Kleinen. Nach soviel Theorie war nun endlich Praxis von Nöten. So hielt es uns nicht länger bei Briefen, Diskussionen, Zeitungen und Fernseher. Samstag, 24.2., fuhren wir kurzentschlossenen nach Franken, wo mein Bruder nicht weit von der Grenze wohnt. Wir konnten es nicht erwarten. Noch am gleichen Tag, gegen 17 Uhr begaben wir uns zum Grenzübergang Hellingen – voller Erwartungen und erregter Gefühle. Eine frisch angelegte Straße führte vom Grenzort unvermittelt in einen Wald, mitten darin auf einer Lichtung fanden sich einige Container, in denen Grenzbeamte saßen. Ja und dann war schon Endstation. Judi durfte nicht einreisen. Sie brauchte ein Visum wegen ihres australischen Passes und das war – Ordnung muß auch inmitten einer Revolution sein – nur im 130 Kilometer entfernten Hirschberg zu haben. Da standen wir mit unseren aufgewühlten Politgefühlen als zwei von der Bürokratie begossene Pudel – mitten in einem fränkischen Wald. Theorie und Praxis sind eben doch zwei Paar Schuhe. Vermutlich ist die Erfahrung nicht ganz untypisch für die deutsch-deutsche Annäherung. Der Teufel der Vereinigung steckt am Ende im Detail und so manche hochgesteckte Erwartung wird wohl noch enttäuscht werden.

Nun – Judi hatte ein Einsehen mit meinen verwirrten „vaterländischen“ Gefühlen. Sie war bereit, in der einzigen Kneipe des gottverlassenen Grenzdorfes abzuwarten, bis mein erster Drang nach Osten befriedigt war und so fuhr ich denn alleine über die Grenze. Die neue Straße ging noch bis zum ersten DDR-Ort (Hellingen), dann endeten die glatten Straßenränder und es galt auf Schlaglöcher zu achten.

Mit wie weit geöffneten Augen und welcher Erregung man ein Land betrachtet, das einem so lange und unter so gewalttätigen Umständen verschlossen war, brauche ich Dir nicht weiter zu schildern, Du hast es gerade hinter Dir. Allerdings sind unsere Reisen wohl in zwei verschiedene Richtungen, bloß dass meine Reise in die Vergangenheit zu führen schien. Fasziniert streifte ich durch die holprigen, z.T. noch ungepflasterten Straßen von Heldburg, einem größeren Dorf mit einer stattlichen gotischen Kirche, die Innen recht gepflegt aussah. Ich weiß nicht, ob Du es dekadent findest, aber ich spürte so etwas wie Freude darüber, daß die großen Modernisierer, die Vereinfacher und Begradiger hier noch nicht am Werk waren. überall fielen mir Details auf, die bei uns längst wegsaniert wären, verwitterte Türen, steinerne Regenfänger, Beschläge, Schnitzereien. Auffallend, dass einige Fachwerkhäuser gut, manche sogar (verdächtig?) prächtig herausgeputzt waren. Vieles freilich harrt noch der Renovierung. Hoffentlich sucht man dabei nicht Zuflucht bei „pflegeleichten“ Kunststoffassaden, wie so häufig bei uns. Ich fürchte, daß ihr demnächst von einer höllischen Spezies dienstbarer Geister überfallen werdet, die nicht nur im Vermögen geschäftsungewandter Hausbesitzer, sondern auch in den Stadtbildern eine teuflische Spur zu hinterlassen pflegt. Wir nennen sie Fassadenhaie -und Ihr solltet an jeder Straßenecke eine Warnung gegen sie anbringen.

Natürlich sah ich auch verfallende Häuser, eingestürzte Dächer, zugige Fenster und ungepflegte Betriebe. Aber in manchem Haus wurde auch eifrig gewerkelt (beim ein oder anderen stand ein Fahrzeug mit westdeutschem Kennzeichen davor, im Kofferraum der Werkzeugkasten; jetzt ist die Zeit, sich einen Landsitz zuzulegen!).

In der beginnenden Dämmerung machte ich noch eine kleine Rundfahrt durch die umliegenden Ortschaften und fuhr dabei einige Kilometer am Grenzzaun entlang. Die Fertigung von Metallgitterzäunen muß bei Euch ein ganzer Wirtschaftszweig gewesen sein – (er wird, obgleich konkurrenzlos, wohl nicht zu halten sein). Dann wurde es dunkel und ich befreite Judi aus ihrer Dorfkneipe.

Natürlich ließen wir uns von den Bürokraten nicht so leicht abschütteln. Gemessen an den Jahrzehnten, die wir bislang gewartet hatten, waren zwei Stunden Umweg ein Klacks. Am Tag darauf, Sonntag, fuhren wir also (mit Bruder und unserer Ältesten) nach Hirschberg, wo uns neue Abenteuer erwarteten. An der Grenze angekommen, fanden wir am Schalter des „Reisebüros der DDR“ nur einen zugezogenen Vorhang. Es fehlte jeder Hinweis darauf, was daraus zu schließen sei. Mehrere Ausländer warteten offenbar schon seit einiger Zeit. Vor ein paar Jahren stand ich im gleichen schäbigen Raum, damals um für mich eine jener absurden „Identitätsbescheinigungen“ für die Fahrt nach Berlin (West) abzuholen, die bei fehlendem Reisepaß auf der Grundlage unseres Personalausweises (!) ausgestellt wurden – gegen einen kräftigen Obolus für Schalk-Goladkowskis Devisenkasse versteht sich. Seinerzeit herrschte gedrückte Stimmung im Raum. Man schluckte seinen Ärger über die demütigende Behandlung durch die Grenzbeamten notdürftig herunter und fluchte allenfalls leise vor sich hin – vor lauter Angst, daß einem die Durchfahrt durch das Arbeiter- und Bauernparadies verwehrt werden könnte. Ohnehin war man durch das ungeheure Brimborium dieser Grenze eingeschüchtert, den mehrfachen Sperren und allgegenwärtigen Zäunen, Sicherheitsstreifen, Wachhunden, Maschinenpistolen und Wachtürmen. Jetzt herrschte in diesem Raum geradezu eine revolutionäre Stimmung. Man beschwerte sich lautstark wegen der mangelnden Information über den Fortgang des Verfahrens und ließ seinem Sarkasmus über den dürftigen Fortschritt in der Menschenbehandlung freien Lauf. Die angegriffenen Beamten, verteidigen sich nur noch mit Resten der früheren Selbstherrlichkeit. Schließlich erschien die Dame, die an einem der meistbefahrenen Grenzübergänge Europas allein für die Abfertigung der Ausländer zuständig war – sie war beim Mittag gewesen. Sie erklärte, daß Judi für die Einreise in die DDR eine „touristische Leistung“ buchen müsse – am preisgünstigsten sei ein Campingaufenthalt, Kostenpunkt 25 Mark (West versteht sich) plus 3 DM Buchungsgebühr. Tatsächlich wurde uns ein Buchungsbeleg in dem üblichen Format der Tourismusbranche ausgestellt für einen Campingplatz namens „Kleiner Galgenteich“ in 8424 Altenberg, von dem man uns nicht einmal sagte, wo er sich befindet, ganz abgesehen davon, daß Judi nicht gewünscht hatte, die touristische Leistung gerade auf diesem in Anspruch zu nehmen. (Vielleicht kannst Du uns mitteilen, wo der ohne Zweifel idyllische Ort liegt, denn unser monumentaler „Deutscher Generalatlas mit Ortregister spart diesen Eueren Teil unseres Vaterlandes kurzsichtigerweise aus.) Es scheint, daß man von sich der Gewohnheit noch nicht ganz hat trennen können, die Dinge beim falschen Namen zu nennen (oder sie bei Bedarf geradezu in ihr Gegenteil umzudefinieren, wie z.B. beim „antifaschistischen Schutzwall). Nun Modrow hat zur Zeit wahrscheinlich Wichtigeres zu tun, als sich mit der Terminologie des Zwangsumtauschs zu beschäftigen und so haben wir das Ganze als Kuriosität der Revolution abgebucht.

Aber mit dieser Zahlung hatte es nicht sein Bewenden. All dies war erst die Vorraussetzung für ein Visum. Der Beamte am Schlagbaum, der nun wieder hierfür zuständig war – er war gottlob nicht beim Essen – erlaubte sich zunächst einmal den (allerdings eher unwirsch vorgetragenen) Scherz, das Visum sei bei der Botschaft zu beantragen. Gegen eine Gebühr von 15 DM, die wir gegenüber dieser Drohung geradezu als Wohltat empfinden mußten (vermutlich auch sollten), gewährte er uns dann doch den ersehnten Stempel. Nach diesem stattlichen Eintrittsgeld von 43 DM, (plus einem beachtlichen Hindernislauf) konnte nun auch Judi das noch immer leicht kratzbürstige Land betreten.

Wir fuhren entlang der südlichen Grenze der DDR und kamen dabei auch durch einige mittelgroße Städte wie Saalfeld und Rudolstadt (von denen ich vorher noch nie gehört hatte). Das war dann keine fränkische Idylle mehr. In den Dörfern scheint ja eine gewisse erhalten gebliebene Eigeninitiative dem Verfall Grenzen zu setzen. Jetzt fielen die heruntergekommenen Industrieanlagen auf, die zerfallenden Altstadtbezirke und die trostlosen Neubaugebiete in der berüchtigten Plattenbauweise (letztere scheint zum äußeren – und vermutlich ziemlich langlebigen – Markenzeichen der DDR bestimmt zu sein); all das eingenebelt in den wahrlich umwerfenden Braunkohlequalm. Irgendwo stand eine alte Fabrikantenvilla im prächtigsten französischen Neorenaissancestil. Durch den ungepflegten Garten, in dem noch allerhand Statuen und Brunnen beziehungslos umherstanden, liefen dicke Industrierohre, die zu einer häßlichen Chemiefabrik im Hinterhof führten – sozialistische Romantik. Die Bevölkerung nahm unsere Anwesenheit anscheinend nicht weiter zur Kenntnis. Man könnte von einem kühlen oder Nicht – Empfang sprechen und über dessen Gründe spekulieren – ja wer zu spät kommt, den …

Angesichts der langen Reise war unser Programm ziemlich gedrängt. Wir beschlossen daher, keine Zeit für eine Einkehr zu vergeuden, solange es hell war. Als es dann aber dunkel war, wurde uns, d.h. vor allem unserem Magen klar, daß die Restaurants in der DDR nicht gerade dicht gesät sind. Und so verließen wir das Land nach einer kurvigen Fahrt durch den Thüringerwald – kräftig verfahren haben wir uns auch noch – mit leerem Magen aber von der touristischen Leistung „gefülltem“ Geldbeutel.

Ich war auch noch an den folgenden beiden Tagen in der DDR. Darüber werde ich Dir im nächsten Brief berichten. Inzwischen ist auch Dein historisch-dialektischer Brief hier angekommen – auch hierüber im nächsten Brief.

Ich füge Dir noch einen Aufsatz des Chefs der baden-württembergischen Zentralbank, Kloten, aus der Stuttgarter Zeitung bei, der ein mögliches Szenario für die Wirtschaftsangleichung unserer beiden Länder enthält. Danach werden die künftigen Löhne in der DDR ihren Ausgangspunkt im jetzigen Lohnniveau haben. Ich weiß nicht, ob dies insbesondere aber die Konsequenzen hieraus, all denen klar sind, die es jetzt mit der Vereinigung so eilig haben. Bei einem jährlichen Zuwachs von 10% (entsprechend der Steigerung der Produktivität, die Kloten annimmt) würde dies bedeuten, daß die Löhne noch auf viele Jahre deutlich niedriger als in der Bundesrepublik wären. Dies kann aber nur bedeuten, daß viele Waren, die im Westen produziert werden, auf längere Sicht kaum zu bezahlen sein werden, zumal deutlich größere Anteile Eures Einkommens künftig für Wohnung und Grundnahrungsmittel benötigt werden. Dies würde heißen, daß Waren für Euren Markt weitgehend bei Euch oder in einem anderen „Billigland“ produziert werden müssen. Wie dieses Nebeneinander zweier Märkte in einem Land funktionieren soll, ist mir schleierhaft. Wird der Abfluß in den „goldenen Westen“ nicht immer weiter gehen? Sollen etwa Beamte „Hüben“ und „Drüben“ unterschiedlich bezahlt werden – in West Berlin anders als in Ost Berlin?

So viel für heute

Grüße

Klaus


Berlin 2.3.1990

Lieber Klaus!

Ich bleibe dabei: Das Beeindruckendste in dieser Revolution ist Deine erwachte Schreibwut – und damit erstmal herzlichen Dank für Deinen Brief vom 14.02.90. Da ich nicht mehr ohnehin Geschriebenes einfach nochmals ausdrucken und Dich damit bombardieren kann, sind mir Deine Briefe zur Zeit einziger Ansporn, etwas zu Papier zu bringen. Von allein würde ich es derzeit wahrscheinlich nicht tun.

Ringsumher warten alle mehr oder weniger apathisch auf irgendwas – und die Nervenzusammenbrüche häufen sich. Bei Paula vorgestern Abend. Angstzustände, Weinkrampf. Nachts, auf dem Weg von der Toilette fiel sie dann buchstäblich um – Ohnmacht, Erbrechen. Naja. Der Notarzt kam nach einer dreiviertel Stunde, hat den Blutdruck gemessen und gesagt, wir sollten dann am nächsten Morgen in die Poliklinik gehen. Da sie allein noch nicht den Weg zum Arzt machen konnte, bin ich gestern nicht zur Arbeit und habe sie begleitet. Die „Ausbeute“ war ein Beruhigungsmittel, Salbe für die Blutergüsse (sie ist bei der Ohnmacht gegen die Türkante geschlagen) und ein Krankenschein für die nächsten 8 Tage. Es wird einem schon was geboten hier für 10% Sozialversicherungsbeitrag.

(Letzter) Auslöser war hwsl., daß sie immer noch nicht weiß, ob sie im Betrieb bleiben kann, aber am Vortag erfahren hatte, ihre Abteilung würde erstmal „umstrukturiert“ (für Paula mit kräftigem Einkommensverlust) – und zwar ab 1. März. Als wir zu Hause abends gemeinsam einen entsprechenden Protest formulieren wollten, konnte sie plötzlich den Stift nicht mehr halten, weinte, hatte Schwindelgefühle und Atemnot und weiter siehe oben.

Das Verhalten ihres Betriebes (Dewag, Werbebranche, ein ehemaliger Parteibetrieb, der sich viel und vorrangig mit „Stadtgestaltung“, Umzügen, Volksfesten, Demonstrationen etc. befaßt hat) ist in gewissem Sinne typisch. Die Gewerkschaften sind praktisch tot (falls sie überhaupt je gelebt haben) und unsere „Wirtschaftskapitäne“ führen sich derzeit auf wie die schlimmsten Urkapitalisten (oder das, was sie dafür halten). Der Knalleffekt dabei ist, daß es im wesentlichen noch dieselben Leute sind, die vor einem halben Jahr mit Parteiabzeichen am Revers und langem Zeigefinger die „Zweidrittelgesellschaft“ verteufelt haben. Allein die Drohung, es würde demnächst nach Aspekten der Effektivität verfahren, macht sie zu reißenden Sozialtigern. Der Verdacht drängt sich auf, daß etliche eine ausgesprochene Ätsch-Haltung einnehmen und ein prickelndes Gefühl dabei empfinden dem dummen Volk nun einmal vorzuführen, was es sich mit seiner unbegründeten Revolution alles so eingehandelt hat.

Folgerichtig verstärken sich die Zukunftsängste und mit ihnen der Wunsch nach einem „Ende mit Schrecken“ statt eines „Schrecken ohne Ende“. Alles läuft zunehmend in Richtung eines bedingungslosen Anschlusses nach dem berühmten Artikel 23 GG. Leider tut auch die Bundesregierung nichts, was den Leuten hier irgendwelche Hoffnungen macht, und so geht der Trend in Richtung Zusammenbruch der Wirtschaft, obwohl es einen sachlichen Grund dafür eigentlich gar nicht gibt. Sicher, wir hatten ein mieses Wirtschaftssystem. Aber daß es innerhalb von wenigen Wochen nun nicht mal mehr dazu taugen soll, Land und Leute auf dem erreichten Niveau zu halten, ist natürlich Quatsch.

Sich in der ziemlich verworrenen Lage bei uns zurecht zu finden, ist praktisch nur noch möglich, wenn man sehr scharf die Frage stellt, wem (von denen, die überhaupt entscheiden können) die einzelnen Entwicklungen und Entscheidungen nützen. Insofern kommt man sehr schnell darauf, daß die unsichere Situation und die Ängste der Menschen eigentlich zwei Gruppen in die Hände arbeiten: Unseren alten Führern, die sich damit im nachhinein bestätigt fühlen können, und den Machthabern bei Euch, die unseren Laden um so billiger bekommen, je trostloser es hier aussieht.

Die meisten von denen, die einst diese Revolution ausgelöst und/oder begrüßt haben, stehen ergriffen vor dem, was daraus geworden ist. Das beste Beispiel dafür sind wohl unsere Künstler, die im Herbst eine hervorragende Rolle spielten, und sich nun (und ich sage das ohne jeden Vorwurf) vor allem um ihre persönliche Zukunft sorgen (und kümmern). Praktisch wird auch nach der Wahl niemand da sein, der mit der Bundesregierung noch irgendwelche ernsten Verhandlungen führen kann. Auch der ersten (und letzten) unserer demokratisch gewählten Regierungen wird nichts anderes übrigbleiben, als ergeben die Beschlüsse von Herrn Kohl zur Kenntnis zu nehmen.

Der nimmt derweil eiskalt in Kauf, daß auch bei Euch die Zukunftsängste zunehmen und der Ärger auf die übersiedelnden Zonis wächst. Über letzteres bin ich gar nicht mal so böse, denn wenn überhaupt haben wir in den zukünftigen östlichen Bundesländern nur dann eine Chance, wenn sich hier alle darüber im klaren sind, daß sie stetig, allmählich und vor allem nur gemeinsam vorankommen. Solange das Geld des Bundeshaushaltes für die Übersiedler ausgegeben wird, statt es in die „Zurückgebliebenen“ zu investieren, und es für jedermann lukrativer ist, im Westen arbeitslos zu sein statt im Osten zu ackern, wird daraus jedoch nichts. Jeder wird dann auch weiterhin sein Problem einfach dadurch lösen, daß er rübergeht.

Trotzdem bin ich ein wenig optimistisch, auch aufgrund der Interessenlage von Herrn Kohl. Kurz vor der Wahl wird er sicher ein paar Bonbons versprechen für den Fall, daß seine Freunde hier ans Ruder kommen, und ich rechne auch mit ein paar handfesten Drohungen für den Fall, daß nicht. Im Hinblick auf eine vielleicht schon gemeinsame Bundestagswahl im Dezember kann es sich auch niemand leisten, 12 Millionen neue Wähler hier zu verärgern.

Die Bonbons können natürlich um so kleiner sein, je verunsicherter hier die Leute sind usw. Ich denke also, es wird (mit schrecklichen Überschwingern nach allen Seiten aber) irgendwie doch in die richtige Richtung laufen – vorausgesetzt, es gelingt der Bundesrepublik sich zu beherrschen, den glänzenden Sieg des Kapitalismus bis zur Neige auskosten zu wollen. Falls nicht, hätte ich doch arge Bedenken, nicht zuletzt auch was die Sozialstaatlichkeit angeht. Nicht umsonst fordern schon die ersten Unternehmerverbände die Wiedereinführung der 40-Stundenwoche (für mich allerdings würde das bedeuten, daß ich täglich eine Dreiviertelstunde eher nach Hause könnte) und es wird nicht der letzte Angriff auf Eure (und künftig unsere) „Errungenschaften“ sein.

Außenpolitisch sieht es noch trauriger aus. Auf das herrliche Gefühl, Polen und vor allem Russen ein wenig zappeln zu lassen, will der Herr Bundeskanzler offenbar nicht verzichten. Vielleicht sollte ihm mal jemand sagen, daß in seinen neuen Bundesländern etwa 300 000 Mann Sowjetarmee stehen, die (wie schon mal) zwar nicht die besten aber die meisten Panzer haben, besetzt mit Männern, die auch ohne eisgekühlte Coca kämpfen, und von Offizieren kommandiert werden, die auch nicht von Pappe sind, zumal sie seit fünf Jahren nicht mehr so viel saufen.

Es ist beeindruckend, mit welcher Unverfrorenheit jemand die Grenzfrage einer Gesamtdeutschen Regierung zuschiebt (daß er da formal im Recht ist, weiß ich als Hobby-Deutschlandpolitiker natürlich), die Frage der NATO-Mitgliedschaft aber wie selbstverständlich sofort und allein entscheidet. Hier hoffe ich auf „Genschman“, den ich mir gut auch als gesamtdeutschen Außenminister vorstellen kann. (Vor einem gesamtdeutschen Bundeskanzler Kohl, Waigel oder gar Rühe bewahre uns Gott!)

Apropos Politiker: Sicher ist Euch nicht entgangen, daß das Gros unserer gegenwärtigen Politszene einem Kasperle – Theater gleicht, das sich bemüht, ein Stück mit dem Titel „Bundesrepublik“ aufzuführen. Es ist peinlich, zumal unsere Marionetten auch noch mit ihren Puppenführern gemeinsam auftreten müssen, damit man erkennt, was sie spielen wollen/sollen. Farblos sind sie alle und damit ist auch klar, warum derzeit bei uns 2/3 Modrow für den sympathischsten Politiker halten, aber nur 15 % seine Partei wählen.

Genug für heute. Viele Grüße an Judy und die Kinder

Dein Frank


Bad Honnef 8.3.1990

Lieber Frank,

sicher wunderst Du Dich über den ungewohnten Absendeort, aber ich bin zur Zeit für eine Woche auf einer Tagung der Bundesfinanzakademie in unmittelbarer Nähe unseres Bundesdorfes. Rhöndorf, Adenauers Wohnsitz, liegt gleich um die Ecke. Idyllisch ist es ja bisweilen hier. Die Gegend ist klimatisch begünstigt. Architektonisch fühlt man sich wegen der vielen Villen fast an Italien erinnert. Aber hierhin eine Hauptstadt zu verlegen, war doch wohl mehr eine Idee des alternden Adenauers, dessen Wünsche hinsichtlich des Ambiente offen sichtlich schon von Ruhestandsbedürfnissen geprägt waren (darüber welche Auswirkungen dies auf seine Deutschlandpolitik hatte, will ich lieber nicht spekulieren).

Drüben in Bonn rauchen jetzt die Köpfe und der Rauch zieht über den Rhein bis zu uns herüber, wo natürlich, auch mit unseren Referenten aus der Ministerialbürokratie, eifrig über die „Lage der Nation“ diskutiert wird. Allenthalben ist Ratlosigkeit darüber zu verspüren, wie die Dinge in der Eile vernünftig weitergehen sollen. Wir Juristen sehen naturgemäß die praktischen Probleme, zumal wir in unserer Funktion als Sozialfeuerwehr die Feuer zu löschen haben, die die Politiker legen und dabei möglichst revolutionäre Flächenbrände mit der Ausrüstung für juristische Friedenszeiten eindämmen sollen. Nach einer Woche Bilanzsteuerrecht weiß ich, dass Ihr gerade dabei seid, Euch aus dem Paradies des Steuerrechts zu vertreiben. Hier sind als Folge des steuerlichen Sündenfalls mindestens 100 000 Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Bilanzbuchhalter u.a. zur (wohlbezahlten) Arbeit im Schweiße ihres Angesichts verdammt. Im Paradies soll es dagegen ganze 100 Steuerberater geben. Und dann gibt es hier noch die Wirtschaftsstaatsanwälte, wie ich, die dafür zu sorgen haben, dass es sich die genannten 100 000 und Millionen andere Paradiesflüchtlinge nicht zu gut gehen lassen (das entspricht etwa der Rolle, welche die Unterteufel mit ihren Dreizacks auf den alten Höllenbildern haben). Ob ihr Euch nicht nach dem Paradies zurücksehnen werdet? Manche tun es ja wohl schon, wenn man die steigenden Wahlaussichten der PDS in Betracht zieht.

Auch hier an der Akademie ist die Hektik schon ausgebrochen. In zwei Wochen erwartet man die ersten Spitzenbeamten Eurer Finanzverwaltung, die man in einem Schnellkurs auf den wilden Westen und seinen Steuerdschungel vorbereiten will. Auch sonst herrscht ziemliche Unruhe hier. Mancher Ministerialer muss um den Verlust seines sauer ersparten Vermögens bangen, nachdem die Bonner Grundstückspreise in den Keller fallen. Adenauers Grille macht(e) halt noch keine Hauptstadt.

Aber ich wollte Dir noch über meine restlichen Erlebnisse in der DDR berichten. Montag, 26.2., fuhr ich mit 3 Kindern – rein deutsche Mannschaft, Judi war der Spass zu teuer – wieder über die Grenze, diesmal ohne Probleme. Wir kamen über einige malerische Städtchen (z.B. Römhild mit einem großen Schloss, indem man einfach so wohnen kann, allerdings tatsächlich einfach) nach Meiningen. Das war etwas für mein Gemüt nicht nur, weil hier einige große Musiker am Werk waren (Reger, Richard Strauss, Hans v. Bülow). Meiningen, das ist ein elegisches Gedicht von einer Residenzstadt in einem vergilbten Bilderbuch aus der guten alten Zeit. Kirche, Schloss und Theater beherrschen die Szene, – ganz wie es sich gehört(e). Noch deutlicher als in den vergangenen Tagen wurde mir hier, dass Eure mangelnde Fähigkeit oder Bereitschaft zur städtebaulichen „Innovation“ in manchen Fällen geradezu zum Glücksfall werden könnte. Wo gibt es bei uns noch so unberührte Stadtzentren wie in Meiningen. Restauriert wäre die Stadt ein nostalgisches Schmuckstück – allerdings wird es teuer, vielleicht zu teuer werden. Die Zeit, da man glaubte, Altes erst einmal gründlich „modernisieren“ zu müssen, ist ja Gott sei Dank weitgehend vorbei. Ihr habt sie gewissermaßen verschlafen, was in diesem Fall tatsächlich einmal zu begrüßen ist. So besteht die auf Chance, das, was noch erhalten werden kann, ohne moderne Verkrampfungen zu retten. Hoffentlich wird sie genutzt. Bremsen muss man vor allem die Kreissparkassen, die sich gern durch Betonmonumente in historischer Umgebung verewigen (die Euren sind ja zur Zeit noch geradezu putzig). übrigens „beneide“ ich Euch in diesem Zusammenhang um Eure Ruinen; bei uns sind auch die erhalten gebliebenen längst „weggeputzt“.

Wegen des dauerhaften Regens verzogen wir uns zu nächst einmal in die bemerkenswert gut eingerichtete Stadtbibliothek. In den Regalen lagen jetzt eine ganze Reihe westdeutscher Zeitungen. Ich bekam bekam erstmals den „Sputnik“ in die Hände (wirkt eher dürftig heute); und eine DDR – Rechtszeitschrift, in der allerhand Unbeholfenes über Grundrechte stand, verpackt in einen Sprachwulst à la Marx und Hegel, der bei uns ziemlich seltsam wirken würde. In einer Bäckerei aßen wir etwas Kuchen und als Sebastian den seinen auf den Boden fallen ließ, brachte ihm die Verkäuferin sofort ein neues Stück, das sie aber nicht bezahlt haben wollte. Das hat unsere kapitalistischen Kinder, die gewohnt sind, solche Risiken selbst zu tragen, mehr als alles andere in der DDR beeindruckt.

Der Zufall wollte, dass wir auf unserem Weg durch die Stadt an einem prächtigen neobarocken Gebäude vorbeikamen (solche Gebäude ziehen mich allemal an). Es stellte sich heraus, dass darin die lokalen Justizbehörden beheimatet waren (früher gehörte es der Dresdener Bank), Grund genug, um einen Blick hineinzuwerfen. Die Pförtnerin meinte auf meine Frage, ob man an einer Sitzung teilnehmen könne, Zutritt sei nur am Anfang der Sitzung möglich, da man sonst stören würde – eine äußerst vorsorgliche Dame. Daraufhin ritt mich der Teufel und ich fragte, ob ich mit einem Staatsanwalt sprechen könne. Man führte mich gleich zum Chef der Bezirksstaatsanwaltschaft, für den ein deutsch – deutscher Kontakt ebenfalls eine Premiere war. Die Revolution mache ja nun so manches möglich, was noch vor Kurzem undenkbar gewesen sei, staunte er und unterhielt sich mit mir 1 1/2 Stunden ziemlich freimütig über Gestriges und Heutiges und die nicht eben bequeme Lage, die ein Staatsanwalt der DDR zwischen Beidem einnimmt. Staatsanwälte und Revolutionäre sind ja nicht gerade füreinander gemacht, da sie den Gesichtspunkt der (bestehenden) Ordnung naturgemäß unterschiedlich gewichten. Aber bei Euch scheinen die Revolutionäre die Staatsanwälte gegen eben jenen Staat angerufen zu haben, deren Anwalt sie sind, was für einige Staatsanwälte wohl nicht ohne – zeitlich gestreckte – Schizophrenie zu bewältigen sein dürfte. (Vielleicht braucht ihr dafür demnächst einige Leute ohne übermäßige Deformation der Hals- und Lendenwirbelsäule – ein gutes Angebot müsste ich mir glatt überlegen).

Zu allem Überfluss ist die Staatsanwaltschaft unversehens auch noch zum Hüter der Prinzipien der Revolution geworden, was sich ausgerechnet zum Vorteil der gestürzten Staatsusurpatoren auswirkt (so etwas nennt man dann Revolutionswirren). Das aufgebrachte Volk, so berichtete mir der Bezirksstaatsanwalt, verlange die schnelle Bestrafung der „Schuldigen“, aber diese haben, wen wundert es, in vielen Fällen kein Strafgesetz geschaffen, das auf sie angewandt werden könnte. So wäre eine Nachgeben gegenüber den – verständlichen – Forderungen nach Vergeltung nur möglich, wenn fundamentale demokratische Grundsätze außer Acht gelassen würden, etwa der Grundsatz, dass Strafe vor Beginn der Tat in einem Gesetz bestimmt sein muß. Eine schnelle Bestrafung wird bei der Komplexität der Handlungsgeflechte, die bei politischen und wirtschaftlichen Sachverhalten in der Regel zu beurteilen sind, meist nur durch einen „revolutionären“ Verstoß gegen diesem Grundsatz möglich sein. Das gilt um so mehr als die Betroffenen, so „mein“ Bezirksstaatsanwalt, nicht gerade ausagefreundlich (und ggfs wahrheitsliebend) sind und die „Zeugen“ meist auch nicht die wünschenswerte Distanz zum Tatgeschehen haben (Die Verfahrensweise der französischen Revolutionsgerichte, insbesondere des Pariser Gerichtes mit Revolutionstaatsanwalt Fouqier – Tinville, wo alles sehr schnell ging, ist wohl besser nicht als Maßstab heranzuziehen, ganz abgesehen davon, dass sie den eilfertigen Chefankläger am Ende selbst den Kopf kostete.)

Daß ausgerechnet eine Staatsanwaltschaft, die nicht zuletzt wegen der exzessiven Anwendung von Gummi- und Auffangparagraphen („staatsfeindliche Verbindungen“ oder so ähnlich), nicht gerade als Garant der Rechtsstaatlichkeit ausgewiesen ist, nun durch Beharren auf den genannten Grundsätzen den revolutionären Elan bremsen muß (und hiebei offenbar nicht immer auf Verständnis stößt), ist eine merkwürdige Paradoxie der sanften Revolution. Geradezu absurde Ergebnisse kann die juristische Behandlung von öffentlichen Behauptungen über die verhaßte „nebenamtliche“ Stasitätigkeit von „unbescholtenen“ Bürgern zeitigen. Da die Stasiarchive aus humanitären Gründen nicht zur Einsicht freigegeben werden (ein Beschluß der Revolutionäre), können sich Personen, die Stasimitarbeiter offen legen, selbst dann nicht gegen die von der Staatsanwaltschaft erhobene Anklage wegen Verleumdung verteidigen, wenn ihre Behauptung stimmt (Hier ist nämlich der einzige anerkannte Fall, wo es im Strafprozeß eine Beweislastumkehr gibt, also der Satz „Im Zweifel für den Angeklagten“ nicht gilt. Die Stasileute profitieren also unter Umständen von diesem Grundsatz und seiner Ausnahme).

Als Praktiker interessierte mich natürlich, wie sich eine Behörde in der Not hilft, daß alte Gesetze, wiewohl noch in Kraft, nicht mehr angewandt werden (können) und neue noch nicht vorhanden sind – man wartet ab, wie ich hörte. Oder, wie man mit der Fülle der Anzeigen fertig wird, die jetzt gegen die ehemaligen Machthaber und deren Helfer erstattet werden – man sucht Rückendeckung für die mangelnde Bearbeitung bei dem Kirchen. Auch sonst erfuhr ich viele interessante Details aus diesen Tagen, etwa über die Angst der Bevölkerung vor der Vereinahmung durch den Westen, konkret geworden etwa für alteingesessene Meininger Ladenbesitzer, die befürchten müssen, von den allenthalben umherschweifenden kapitalistischen Konkurrenten aus ihren Ladenlokalen gedrängt zu werden, weil diese ein mehrfaches der bisher üblichen Miete bieten. Oder über die Eigentumsprobleme, die sich daraus ergeben, dass sich die alte Herrschaft – offenbar in der Erwartung einer längeren Dauer ihres Imperiums (solche Erwartungen und wie man sich täuschen kann, sind uns ja nicht unbekannt) – nicht die Mühe gemacht hatten, die alten Grundbücher zu berichtigen; selbst vor dem Gerichtsgebäude seien kürzlich acht nadelgestreifte Herren gestanden, die sich auffällig für das Prachthaus interessiert hätten (Kundschafter der Dresdener Bank, wie vermutet wird). Des weiteren über die Probleme der Rechtsangleichung (Rechtsanwalt in der DDR sollte man jetzt werden; es gibt Arbeit auf Jahrzehnte und vorläufig keine Konkurrenz). Am Schluß meinte er auf meine Frage nach der Öffentlichkeit der Sitzungen, es sei natürlich nicht so, wie es die Dame unten an der Pforte gesagt habe (letztere kümmerte sich übrigens vorbildlich um die Kinder, trocknete ihnen die n nassen Haare und beschäftigte sie, die „langsam“ unruhig wurde, mit Kreuzworträtseln). Aber es sei eben typisch für das ganze und – noch immer wirksame? – System gewesen, dass alle die Diskrepanz zwischen hehren Prinzipien und einer damit kaum zu vereinbarenden Praxis getragen hätten. Auch Rechtsanwälte wie Schnur oder de Maiziere hätten bei Gericht nicht etwa die jetzt für untragbar oder verfassungswidrig gehaltenen Gesetze in Frage gestellt, sondern hätten häufig auf schuldig plädiert und nur versucht, im konkreten Fall so viel wie möglich für ihren Mandanten herauszuholen.

(A propos Schnur – heute 8.3. – kam die Nachricht von den Stasikontakten dieses Herrn und den promten Solidaritätsbekundungen der politischen Freunde in Ost – und natürlich West. Man sieht, dass das Erlernen parteipolitischer Verhaltensmuster bei Euch große Fortschritte gemacht hat. Dazu gehört allemal, vor näherer Kenntnis der relevanten Tatsachen, insbesondere vorhandener Akten, eine eindeutige Beurteilung derselben abzugeben – entsprechend der momentanen Interessenlage versteht sich (das haben wir etwa in unserer Parteispendenaffaire zu Hauf erlebt – von Barschel ganz zu schweigen).

Übrigens gelang es uns nach einer zauberhaft pittoresken Fahrt durch das Tal der Werra in Hildburghausen sogar noch Judis touristische Leistung zu verfuttern – kurz vor Schließung (20 Uhr!?) des offenbar einzigen Restaurants der Stadt am schön renovierten aber vollkommen ausgestorbenen historischen Marktplatz. Allerdings hatte meine Schwägerin mit diesem Erfolg nicht gerechnet (und wir nicht mit ihrem Zweifel), und hatte ein extrem opulentes Mahl vorbereitet. Höflichkeitshalber mußte ich daher noch ein zweites Mal essen und litt diesmal an überfülltem Magen.

Am nächsten Tag war ich mit meinem Bruder nochmals Drüben. Wir fuhren über Schleusingen (wieder ein prächtiges Schloss) nach der Bezirkshauptstadt Suhl, dessen brutale Mischung von moderner Klotzarchitektur und historischer Stadt mich an Übles bei uns erinnerte. Es fehlte nicht viel und wir hätten uns, angesteckt durch die allgemeine Aufbruchstimmung, auch auf den Pfad jener kapitalistischen Glücksritter begeben, die Euer Land z.Zt. nach allen wirtschaftlichen Richtungen durchstreifen. Wir Kapitalisten jagen, wie Du mittlerweile bemerkt haben wirst, ständig dem Traum des Schlossbesitzens nach. Da wir Kleinen denselben jedoch allenfalls in einem sozialistischen (gewesenen) Land verwirklichen können, haben wir tatsächlich die „Gelegenheit“ beim Schopf ergriffen und Erkundigungen über ein Objekt von einigermaßen bürgerlichen Dimensionen in Hellingen unweit der Grenze eingezogen. Das alte Gemäuer, das auf sozialistische Weise allein von einer alten und offensichtlich nicht sehr begüterten Frau bewohnt wurde, strebte aber bereits so malerisch dem Verfall zu, dass unsere Träume allenfalls bei Erhalt der augenblicklichen Lohn- und Währungsrelationen zu verwirklichen gewesen wären. Aber diese „traumhafte Lage“ sind wir gerade dabei, uns zu vermasseln. So haben wir unsere Besitzwünsche, wie meist, auf die „geistigen Werte“ reduziert, mit anderen Worten, statt des Schlosses haben wir am Ende ein paar Bücher gekauft. Das eine trägt den Titel „Ewiger Frieden“ und enthält eine umfangreiche Sammlung deutscher Stimmen zu diesem Thema aus der Zeit um 1800. Ein weiteres ähnliches Buch wird man vermutlich nach weiteren 200 Jahren, wenn nach Deinem Zeitplan die Männer erwachsen geworden sind, über die Friedensdiskussion um das Jahr 2000 herausgeben. Darin werden natürlich, wenn das Werk beachtlich sein soll, Teile unseres Briefwechsels erscheinen müssen. Das heißt wir müssen dafür sorgen, dass er sich bis dahin erhält. (A propos Erhaltung: Ich bin, wie ich jetzt festgestellt habe, schon an der Erhaltung der Grundlagen des eben erworbenen Vorläuferbandes beteiligt. Darin abgedruckt ist eine „Neue vermehrte Auflage“ der Kant´schen Schrift „Zum ewigen Frieden“ von 1796. Und ebendiese befindet sich – original – in meinem Besitz. Der Begleittext – S 516 – bezeichnet sie als den geistigen Kulminationspunkt der Friedensdiskussion – kein Wunder, denn eine These darin lautet „Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören – S- 84 -. Du siehst, ich bin in guter Gesellschaft.

Das zweite Buch ist Klaus v.Dohnanyi’s „Brief an die Deutschen Demokratischen Revolutionäre“ Seine Ausführungen zur offenen Gesellschaft und der daraus resultierenden Wirtschaftsordnung sowie seine Argumente für die deutsche Einheit kann ich Dir empfehlen. Die Schilderungen unserer Verhältnisse geraten allerdings gelegentlich etwas zu idyllisch. Die Deutschen Demokratischen Revolutionäre freilich, die er mit dem Buch ansprechen und beraten will, haben bei Euch mittlerweile nicht mehr viel zu sagen. Heute müsste er den Brief an die Bonner Parteizentralen schreiben. Auch Eure Revolution frisst ihre Kinder. Aber da es eine sanfte Revolution ist, werden ihre Kinder auch auf sanfte Weise verspeist, d.h. sie werden nicht mehr zur Kenntnis genommen.

Grüsse

Klaus

PS  Eigentlich wollte ich noch auf Deinen letzten beiden Briefe antworten (auch der vom 2.3. ist inzwischen hier) Aber dieser – ohnehin schon zu lange – Brief muss jetzt erst einmal weg. Ich würde gerne wissen, ob Du alle meine Briefe erhalten hast. In Deinen beiden Briefen erwähnst Du nur meine Briefe vom 30.1. und 14.2.. Dazwischen liegen noch 2 Briefe vom 5.und 10.2. Vor allem der vom 5.2. war wichtig, weil er die (positive) Antwort auf die Frage enthielt, ob unsere Einladung noch steht. Ihr kommt doch im Mai?

Ich hoffe Paula ist wieder auf den Beinen und hat wieder Mut gefasst. Ich denke, dass er nicht ganz ungerechtfertigt ist. Denn trotz aller Probleme, es kann nur aufwärts gehen, das haben meine Besuche in der DDR gezeigt.

Grüsse

Klaus

 

Theologie der Geometrie – Über den Platonismus in der modernen Architektur

Wer den Borobodur, den grandiosen Außenposten der europäisch-asiatischen Kultur aus dem 8. Jahrhundert auf der fernen Insel Java, besucht, der macht eine merkwürdige Erfahrung. In einem einzelnen Bauwerk ist hier ein Gedanke verwirklicht, der auch der Entwicklung des Grundstromes der modernen Architektur westlicher Prägung zugrunde zu liegen scheint.

Der Borobodur gilt wegen seines einzigartigen Baukonzeptes und der Qualität, mit der es ausgeführt wurde, als eines der bedeutendsten Bauwerke Asiens, ja der Welt. Merkwürdig an diesem riesigen Bau des Mahajana-Buddhismus, in den man nicht eintritt, sondern den man meditativ begeht, ist bereits die Kombination von Stupa, Mandala und Stufenpyramide. Völlig außergewöhnlich aber ist die Entwicklung seiner Bauformen, die in den unteren Partien von überbordendem Reichtum sind, nach oben aber immer einfacher werden. Die Erbauer des Borobodur ließen dabei nicht nur den Grundsatz der Kontinuität des Stiles außer Acht, der für Gebäude, denen ein einheitlicher Plan zu Grunde liegt, ansonsten so etwas wie eine Konstante der Baukunst ist. Sie stellten auch die architektonische Regel des europäisch-asiatischen Kulturkreises auf den Kopf, die oberen Partien eines repräsentativen Gebäudes als krönenden Abschluss auszubilden.

Die fünf unteren Stufen des Borobodur, welche die Grundform eines Quadrates haben, sind über und über mit feinsten Steinmetzarbeiten geschmückt. Die erste Stufe umlaufen lange, verwinkelte Reliefgalerien mit außerordentlich detailreichen Schilderungen aus dem Leben von Mensch und Tier, die mit komplexen Profilen und reichem Ornament gefasst sind. Ähnlich lebhaft geht es auf der zweiten Stufe zu, auf der Bilder aus dem Leben des historischen Buddha gezeigt werden. Auf den nächsten drei Stufen wird die steigende Vergeistigung der verschiedenen Buddhas auf dem Weg zur Erlösung dargestellt. Dem entspricht eine „Verfremdung“ der Darstellung durch zunehmende Formalisierung der Bildgestaltung und Sparsamkeit des Dekors. Nach den fünf quadratischen Terrassen, deren Grundriss in sich sehr differenziert ist, folgen drei einfache, kreisrunde Stufen, die fast keine Baudekoration mehr aufweisen. Hier befinden sich 72 glockenförmige Stupas aus gitterförmig angebrachten Steinen, in deren Halbdunkel man gerade noch die idealisierten Statuen von Bodhisattvas erkennen kann, jenen „Heiligen“ im Vorstadium des Buddhatums, die nach den Vorstellungen des Mahajana-Buddhismus dem Gläubigen auf dem Weg ins Nirwana behilflich sind. Abgeschlossen wird das Ganze von einem ganz einfachen zentralen Stupa, dessen vermutlich leeres Inneres dem Blick dem Betrachters gänzlich entzogen ist.

Auf diesen oberen Stufen wird der Besucher des Borobodur, zumal nachdem er die lebensprallen unteren Stufen passiert hat, auf merkwürdige Weise von einem Gefühl der Leere erfasst. Für den (religiös) unbefangenen Betrachter wirken diese oberen Terrassen geradezu als Fremdkörper. Unwillkürlich fragt er sich, ob das Bauwerk unvollendet geblieben ist, etwa weil den Erbauern die Mittel ausgingen; oder ob seine oberen Stufen nach den Zerstörungen, die der Borobodur – ähnlich Pompeii – durch die Einwirkungen des nahe gelegenen Vulkanes Merapi erlitt, unvollständig rekonstruiert wurden. Dabei fallen ihm die merkwürdig verfremdeten Gebäude ein, die im Nachkriegseuropa unter Weglassen der ursprünglichen stilistischen Einzelheiten (nur) nach den alten Maßen wiederaufgebaut wurden.

Das Gefühl der Fremdheit und der Leere, das er auf den oberen Stufen des Borobodur erfährt, kennt der westliche Besucher aber auch sonst vom Gang durch seine Städte. Auch hier findet er, wenn auch nicht im Raum sondern in der Zeit gestreckt, eine radikale Reduktion der Formensprache. Am Anfang des 20. Jahrhunderts. sind die bestimmenden Bauwerke der westlichen Städte noch durch einen großen Reichtum an Formen und Ornamenten und phantasiereiche Anspielungen auf die Stile einer zweieinhalbtausend-jährigen Architekturgeschichte gekennzeichnet. In den folgenden Jahrzehnten reduzieren sich die Gestaltungselemente auf die Grundformen der Bautradition. Die Details, die zusammen mit dieser Tradition entstanden waren, fallen zunehmend weg. Danach haben sich im Hauptstrom des Architekturentwicklung – mehr oder weniger variiert – die leeren geometrischen Grundformen und die Betonung des Strukturellen durchgesetzt. Diese Entwicklung weist eine so große Ähnlichkeit mit dem Baugedanken des Borobodur auf, dass man hinter beiden die gleiche Geisteshaltung vermuten kann.

Dass der Borobodur auf so ungewöhnliche Weise von der allgemeinen architektonischen Praxis abweicht, hat seinen Grund darin, dass seine Erbauer in ihm eine philosophisch-religiöse Idee darzustellen versuchten. Nach buddhistischer Vorstellung erlangt der Mensch Erlösung, indem er durch geistige Konzentration, zu dem ihm unter anderem das Mandala verhilft, aus den Niederungen des alltäglichen Lebens in einen Zustand höheren (Bewusst-)Seins emporsteigt. Durch Abtöten der Begierden, die ihn an der wahren Erkenntnis hindern, lässt er stufenweise alles Konkrete und Individuelle „unter“ sich. Auf diese Weise verlässt er die Sphäre der Kausalität, in der Werden und Vergehen herrscht, und tritt aus dem leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten heraus, um ins Nirwana einzugehen, einem Zustand absoluter Veränderungslosigkeit, in dem er zu erhabener ewiger Ruhe kommt. Hinter dieser Vorstellung steht, wenn auch auf budhhistische Weise ins Nihilistische gewendet, die altindische Vorstellung von einer (höheren) Seinsform jenseits der Alltagswirklichkeit, ein Gedanke, der dazu führte, dass man diese (reale) Wirklichkeit schließlich als eine bloße Täuschung (Maya) ansah. Die lebendige Sphäre der Kausalität und der Alltagswirklichkeit wird am Borobodur mittels Figuren, Ornamenten und sonstiger architektonischer Differenzierungen dargestellt. Das entwicklungslose Absolute aber, das eigentlich nicht darzustellen ist, weil es seiner Natur nach überindividuell und formlos ist, wird durch die Reduktion auf die einfachsten Formen (nur) symbolisiert.

Aufs Erste gesehen scheint der Entwicklung der modernen Architektur, die, wie gesagt, in ihrer Hauptrichtung einen ähnlichen Weg gegangen ist, ein derart religiös – philosophischer Gedanke fern zu liegen. Die Reduktion der Form scheint hier neben vordergründig sozialkritischen Aspekten im wesentlichen durch fertigungstechnische und wirtschaftliche Gesichtspunkte bedingt. Und doch können diese „technischen“ Gesichtspunkte allein das Phänomen der modernen Architekturform nicht erklären. Dies zeigt schon die Tatsache, dass sie sich im Zeitalter der beginnenden Industrialisierung, in dem sie auch schon wirksam waren, nicht formreduzierend, sondern im Gegenteil sogar formdifferenzierend ausgewirkt haben. Die so genannte Gründerzeit etwa ist gerade durch einen besonders großen Reichtum an Stilen und Formen gekennzeichnet. Sogar die Wolkenkratzer Amerikas, von denen der Siegeszug der modernen Architektur ausging, sind anfangs noch ganz in den vielfältigen Formen der traditionellen Architektur gehalten. Im übrigen ist das Gesetz der Formreduktion auch in der neueren Zeit nicht unumschränkt wirksam. Selbst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in dem es seine großen Triumphe feierte, gab es davon immer wieder prominente Ausnahmen. Es kann daher kein Zweifel daran bestehen, dass auch im Falle des Hauptstromes der modernen Architektur eine Idee im Spiel ist, die über die vordergründigen praktischen Aspekte hinausgeht. Diese Idee ist, dies zeigt bereits die Ähnlichkeit der Lösungen, offensichtlich verwandt mit der Idee, die dem Borobodur zugrunde liegt. Alles spricht dafür, dass es sich dabei um eine Spielart des Platonismus handelt.

Nicht anders als das indische Denken, das vermutlich Pate stand, unterscheidet auch der Platonismus zwischen einem unsichtbaren Wirklichen und einem unwirklichen Sichtbaren. Dieser Gedanke taucht in Europa bekanntlich erstmals um 500 v. Chr., also etwa gleichzeitig mit dem Auftreten Buddhas in Indien, bei Parmenides von Elea auf. Bemerkenswerterweise enthält er schon hier ein Erlösungsmotiv, die Vorstellung nämlich, dass mit dem Erkennen des „Wirklichen“ ein Aufstieg vom irdischen Dunkel in eine himmlische Helle verbunden sei. Ein knappes Jahrhundert später brachte Platon diesen Gedanken in seiner Ideenlehre auf den Punkt. Nach dieser Lehre, die Platon exemplarisch in seinem berühmten Höhlengleichnis darlegte, ist die Welt, die wir für wirklich halten, nur der Abglanz von Ideen, welche die eigentliche Wirklichkeit sind. Im „Symposion“ heißt es in einer erstaunlichen Parallele zum buddhistischen Denken in Bezug auf die Idee des Schönen – um diese geht es im vorliegenden Zusammenhang – , sie kenne kein Werden und Vergehen, kein Wachsen und Verblühen und auch keine Bilder. Das Schöne spiegele sich vielmehr ewig in sich selbst. Auch bei Platon, der mindestens ebenso sehr Theologe wie Philosoph war, findet sich das Erlösungsmotiv. Denn wer die Idee des Schönen erschaut, soll unsterblich werden (was bei Platon, der auch von der Seelenwanderung ausgeht, ebenfalls das Entrinnen aus dem Kreislauf der Wiedergeburten bedeutet). Seit Platon „geistert“ diese Wirklichkeitsvorstellung in allen möglichen Varianten durch das europäische Denken. Unsere Geistesgeschichte ist weitgehend eine Abfolge wiederkehrender Platonismen und realistischer Gegenreaktionen, wobei man im mittelalterlichen Universalienstreit, – dies zeigt, wie weit man die Dinge „verdrehen“ kann – ausgerechnet die platonisierende Position als Realismus bezeichnete.

Der Platonismus hat naturgemäß auch die Ästhetik, die Lehre von den Erscheinungsformen (des Schönen), beeinflusst. Dem entsprechend hat man – ähnlich wie im Falle des Borobodur – auch im Abendland versucht, die idealistische Wirklichkeitsvorstellung zu vergegenständlichen. Es lag nahe, dass man sich dabei auch des Stilmittels der Formreduktion bediente. Schon Parmenides vergleicht das anfangs- und endlose (wahre) Sein mit der Kugel als dem perfekten und einfachsten Körper. Platon stellt vor allem in seinem Spätwerk immer wieder Beziehungen zwischen den einfachen geometrischen Formen bzw. Zahlen und den Ideen her. Im „Timaion“ zieht er zur Bezeichnung des Vollkommenen Kugeln und Kreise heran. Von diesen wird die Vorstellung von Vollkommenheit auf die Körper übertragen, welche in enger Beziehung zur Kugel stehen. Dazu gehören insbesondere die fünf regelmäßigen geometrischen Körper, die von der Kugel einbeschrieben und umschrieben werden (Tetraeder, Würfel, Oktader, Pentagondodekaeder und Isokaeder). Da Platon mit Hilfe dieser Körper die Elemente und ihre Eigenschafen zu erklären versuchte, was, wie sich leicht vorstellen lässt, nicht ohne einige dogmatische „Anstrengungen“ – um nicht zu sagen Verdrehungen – abgehen konnte, wurden sie als „platonische Körper“ bezeichnet.

Von je her hat sich der idealistische Gedanke der Betonung einfacher geometrischer Formen auch auf die Architektur ausgewirkt. Er ist die Grundlage der regelmäßig wiederkehrenden Architekturströmungen, die wir als Klassizismus bezeichnen. Bis in das 20. Jahrhundert ist die Herrschaft des idealistischen Klassizismus freilich nie unumschränkt. Er wird immer durch Gegengewichte und konträre Bewegungen gemildert, die ihren Formenschatz vor allem der Natur entlehnen – man denke an die Figuren und die Pflanzenornamente, die sich etwa an antiken Tempeln finden, welche ihrerseits das Grundmuster der Klassizismen abgegeben haben. Die vormoderne Architekturentwicklung Europas ist dadurch gekennzeichnet, dass mal die naturnah-individual-isierenden, mal die mathematisch-typisierenden Aspekte der Form betont werden, die Form selbst aber immer beide Elemente enthält. Die (bloß) abstrakte Form hat in der Architektur, wenn man einmal von Sonderentwicklungen wie Pyramiden absieht, erst Anfang des 20. Jahrhunderts die Oberhand gewonnen. Seitdem bezieht die Hauptströmung der Architektur ihre Grundformen aus den platonischen Körpern.

Diese Entwicklung ist, auch wenn sie keinesfalls zwingend ist, kein Zufall. Sie ist Ausdruck der mathematisch-wissenschaftlichen Weltsicht der Neuzeit, in der Zahlen und geometrische Formen beherrschende Faktoren sind. Die platonischen Körper haben beim Entstehen dieser Weltsicht von Beginn eine wichtige Rolle gespielt. Schon Kepler, einer der Begründer des mathematisch-wissenschaftlichen Denkens, versuchte das neuzeitliche (heliozentrische) Weltsystem mit Hilfe der platonischen Körper zu erklären, was zu jener merkwürdigen Mischung aus Zahlenmagie und naturwissenschaftlich-mathematischem Denken führte, welche die Vorstellungswelt am Anfang der Neuzeit noch kennzeichnet. Seine Nachfolger haben die Zahlen und ihre geometrischen Derivate endgültig zum Maßstab der Weltinterpretation gemacht. Insofern ist Platon mit einem gewissen Recht auch immer wieder als einer der geistigen Väter der modernen Weltsicht gesehen worden.

Eine Architektur, die auf einer solchen Grundlage ruht, hat „naturgemäß“ einen Preis. In dem Maße, in dem die Idee an die Stelle des Persönlichen und Individuellen tritt, stellt sich auch ein Verlust an „Menschlichkeit“ ein. Die vormoderne Architektur suchte ihre Form- und Proportionsmodelle wie bei den unteren Stufen des Borobodur im Menschen oder in der lebendigen Natur. Die antike Säule etwa und ihre Nachfolger von der Gotik bis zum Barock hatte einen Fuß, einen Leib und einen Kopf, wobei man auf die Gestaltung des Kopfes (dem Kapitell- von lat. caput = Kopf) besonders großen Wert legte. In ähnlicher Weise war meist auch das Verhältnis der Teile eines Gebäudes zueinander aufgefasst. In der Regel hatte es einen erdenschweren Sockel, einen wohlproportionierten Körper und einen eindrucksvollen Abschluss in Form eines Giebels, eines Turmes oder eines Dachhutes. Die Fenster wurden wie die Augen einer schönen Frau, die Türen wie ein ausdruckvoller Mund hervorgehoben. Dem entsprechend waren Gebäude, soweit sie gestalterische Ansprüche erhoben, regelrechte Baupersönlichkeiten, zu denen man emotionale Beziehungen aufbauen konnte. Selbst eine so stark typisierende Architektur wie die des Mittelalters war in großem Maße individuell. Wer gotische Kathedralen unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, wird – allen Vorstellungen über die quasi dogmatische Strenge ihres Stiles zum Trotz – feststellen, dass man es bei diesen architektonischen Wunderwerken jeweils mit außerordentlich prononcierten Baucharakteren zu tun hat. Zur Individualität gehörte „natürlich“, dass Bauten, sieht man einmal vom strengen Klassizismus ab, auch „unwesentliche“ Ecken und Kanten hatten und dass sie geschmückt waren. Gerade die Tatsache, dass sie geschmückt wurden, zeigt, dass diese Gebäude die Zuneigung ihrer Betrachter und Benutzer suchten.

In der Moderne sind Natur und Mensch als Maß der Architektur weitgehend verloren gegangen. Die Säule ist zur ungegliederten Stütze geworden. An die Stelle des ausgearbeiteten Korpus eines Gebäudes ist die bloße Wand oder die Repetition von Fassadenelementen getreten. Fenster und Türen sind mehr oder weniger nur noch Öffnungen der Wand. Auf einen Kopf oder eine Bedeckung desselben wird häufig verzichtet (nichts macht den Verlust des Individuellen deutlicher als die Entwertung des Kopfes als des Teiles eines Organismus´, der ihn am deutlichsten von anderen unterscheidet und damit individualisiert). Dass bei dieser Auffassung von Architektur das Ornament keinen mehr Platz hat, ist nur konsequent. Wie auf den oberen Stufen des Borobodur hat man es inzwischen als „unwesentlich“ aus dem Repertoire der Bau“kunst“ gestrichen (bezeichnenderweise lautete das Credo Mies van der Rohes, einem der Gurus der Moderne: „Höchste Wirkung schließt Dekoration aus“). Ein ähnliches Schicksal erlitt die Regionalität des Architektonischen, die so etwas wie die geographische Variante des Individuellen ist. An die Stelle ist ein Weltstil getreten, was dazu führte, dass auf allen Kontinenten tendenziell gleich gebaut wird. Dem Mangel an Individualität entspricht, dass man zu den abstrakten Gebilden, die auf diese Weise entstehen, nur schwer emotionale Beziehungen aufbauen kann. Wirklich lieben kann man eben nur Individuen und nicht abstrakte Personen oder Dinge an sich.

Der Verlust an konkreter „Menschlichkeit“, der in der Unterbewertung des Individuellen liegt, ist typisch für den Platonismus. Schon im Buddhismus ist der Aufstieg des Einzelnen in die höheren Sphären mit einer Aufgabe seines Selbst verbunden. Das Nirwana ist – wie im Borobodur auf so unvergleichliche Weise in Stein ausgedrückt – das Aufgehen des Einzelnen in der Allseele. In ähnlicher Weise ist auch bei Platon das lebensvolle Individuum mit seinem Werden, Aufblühen und Vergehen und damit das Persönliche von vergleichsweise untergeordneter Bedeutung. Den Satz “Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ etwa konnte Platon nicht akzeptieren. Dieses Motto, das wir heute als einen wesentlichen Bestandteil des humanistischen Erbes der Antike ansehen, ist paradoxerweise zwar durch Platon überliefert. Es findet sich bei ihm jedoch nur, weil er es in seinem Dialog „Protagoras“ als falsche Meinung des Sophisten dieses Namens zitiert. Dem entspricht, dass Platon auch in seiner Staatsphilosophie mehr Gewicht auf allgemeine Prinzipien als auf die Betonung der Rechte des Individuums legte, weswegen er zu einer nicht-demokratischen – um nicht zu sagen autoritären – Staatsauffassung kommt.

Bestätigt wird die Annahme, dass wir es beim Hauptstrom der modernen Architektur mit einer Spielart des Platonismus zu tun haben, durch den Umstand, dass auch hier, wenngleich etwas versteckt, das Erlösungsmotiv auftaucht. So wie die Absorption des Platonismus in das Christentum durch die Kirchenväter zur Trennung von Diesseits und Jenseits sowie von Leib und Seele führte, was zu einer tendenziellen Abwertung des individuellen (irdischen) Lebens einschließlich des Körpers als seines angeblich dürftigen Trägers und zu einer Vertröstung auf eine bessere spätere Existenz in einem idealen Großen Ganzen (etwa im Paradies) führte, werden wir auch durch die moderne Architektur auf eine angeblich höhere Wirklichkeit verwiesen. Das Gefühl der Leere und der Unwirtlichkeit, das einen bei der Begegnung mit modernen Gebäuden, Plätzen und Stadtvierteln so häufig erfaßt, wird hier durch die Verheißung kompensiert, dass man am Zeitgeist teilhabe. Dieser „Geist“ aber ist ein sprunghafter und schnelllebiger Abkömmling des Weltgeistes, von dem uns die idealistische Philosophie einschließlich ihrer politischen Varianten immer schon viel Erhebendes versprach. Er ist damit nichts anderes als eine Spielart des Erlösungsgedankens. Denn dem, der des Welt-Zeit-Geistes teilhaftig wird, wird versprochen, durch das Wissen um die Zusammenhänge von Geschichte und Gegenwart an der Erkenntnis der Zukunft zu partizipieren. Damit aber wird nicht weniger als die teilweise Erlösung von der Last der Schicksalsungewissheit in Aussicht gestellt, ein Mittel der Wirklichkeitsreduktion, mit dem sich der Mensch in den unterschiedlichsten Varianten schon immer getröstet hat. Einer derartigen Erkenntnis- und Erlösungsgewissheit entspricht denn auch die Tendenz zur Ausschließlichkeit in der modernen Architektur, die alle Attribute des Missionarischen hat. In der Verengung des Blicks, die daraus resultiert, dürfte auch der Grund dafür liegen, dass man das abstrakte Bauen wegen seiner egalitären Effekte trotz seiner humanen Leere für demokratisch halten konnte.

Damit schließt sich der Kreis. Sieht man alles zusammen – Abwertung des Individuellen, Vertröstung auf Erlösung durch Teilhabe an einer höheren Wirklichkeit und Missionseifer – dann zeigt sich, dass der Grundgedanke des Hauptstromes der modernen Architektur theologischer „Natur“ ist. Womit wir wieder beim Borobodur wären.

Ein- und Ausfälle (China – 5)

Dass strategische Aspekte beim kommunikativen Umgang mit Tatsachen immer dann eine besondere Rolle spielen, wenn es um Fragen der Steuerung der Gesellschaft geht, ist ein allgemeines bekanntes, immer wieder vergeblich beklagtes Phänomen („Politiker lügen“). Bekannt ist auch, dass dieses Phänomen, das „ehrliche“ Europäer stets neu verwirrt, in Asien auch bei sonstigen Vorgängen der sozialen Kommunikation besonders häufig zu beobachten ist. Geht es allerdings um Fragen der Steuerung der Gesellschaft in Asien, dann können sich die Effekte in einem Maße summieren, dass die Flexibilität im Umgang mit Tatsachen ans Akrobatische grenzt. Dies zeigt sich besonders deutlich im Falle von Dso`s Kommentar zu den altchinesischen Frühlings- und Herbstannalen. Irgendwann in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausend v. Chr. versprach man sich viel davon, einen Kommentar dieses wichtigen Autors zu dem alterswürdigen Annalentext zu haben, der, wiewohl eigentlich inhaltsleer, in China zu einem bedeutenden sozialen Steuerungstext geworden war (was wiederum selbst große Freiheit im Umgang mit „sozialen Tatsachen“ eröffnete). Dso hat aber offenbar keinen Kommentar zu diesem Text geschrieben. Daher nahm man ein anderes Werk, von Dso, vielleicht aber auch von einem anderen Autor, und stückelte es so zurecht, dass es wie ein Kommentar zu den Frühlings- und Herbstannalen aussah. Dass dabei manches überhaupt nicht passte, störte schon daher nicht, weil die Annalen wegen ihrer Inhaltsleere große Freiheiten bei der Kommentierung ermöglichten, im übrigen aber auch deswegen nicht, weil man sich im allgemeinen durch Tatsachen nicht sonderlich stören lässt, wenn man mit ihrer Behauptung strategische Ziele verfolgt.

Ein- und Ausfälle (China – 4)

Was China und Europa unterscheidet: Die Chinesen verwendeten das Schießpulver, dessen explosive Wirkung sie im 9. Jahrhundert entdeckt hatten, mehrere Jahrhunderte lag nur dazu, das Leben schöner oder einfacher zu machen. Sie fertigten daraus Feuerwerkskörper und benutzten es zum Sprengen und Signalisieren. Als die Europäer – vermutlich durch Vermittlung moslemischer Handelsreisender – Anfang des 14. Jahrhunderts Kenntnis von den Möglichkeiten des explosiven Gemisches erhielten, dachten sie als erstes daran, welche Schwierigkeiten man sich damit machen bzw. welche Vorteile man sich damit verschaffen könne. Kaum war das Schießpulver bekannt, gab es auch schon die ersten Handfeuerwaffen (1321). Noch im 14. Jahrhundert entstand auch eine Menge Literatur, in der Möglichkeiten zur Verbesserung der Wirkung des Schießpulvers beschrieben wurden. Im weiteren Verlauf setzten die Europäer ihre Kraft und Phantasie bevorzugt dazu ein, die zerstörerischen und erpresserischen Möglichkeiten explosiver Chemikalien zu erkunden, die erforderliche Technik zu entwickeln und zu verfeinern und die gesellschaftlichen Voraussetzungen für den Einsatz der Waffen zu schaffen, die daraus entwickelt wurden. Dies trug wesentlich zu jener Explosion der gesellschaftlichen Verhältnisse bei, welche die Europäer gerne als Fortschritt bezeichnen. Das Leben ist dadurch sicher dynamisch aber nicht schöner und einfacher geworden.

Ein- und Ausfälle (China – 3)

Man kann nur hoffen, dass die maßstabsetzende Weltmacht künftig nicht mehr die USA sondern China sein wird. Anders als der westliche Aspirant für die Weltmacht hat China bislang nicht nur wenig die Neigung gezeigt, sich auf Kosten anderer auszubreiten. Es kennt auch keine Rassendiskriminierung und keine religiöse Überhöhung seines Vorbildanspruches. Vor allem aber hat es keinen institutionalisierten Egoismus sondern eine tief verwurzelte Tradition sozialer Verantwortlichkeit, die allen Turbulenzen und Entgleisungen seiner politischen Geschichte zum Trotz immer wieder zum Vorschein gekommen ist.

Ein- und Ausfälle (China – 2)

Im 18. Jahrhundert kamen die Berater des chinesischen Kaisers, die aufgefordert worden waren, sich über den Charakter der englischen Schiffe zu äußern, die China seinerzeit bedrängten, zu dem Ergebnis, es seien (nur) Handelsschiffe, die bewaffnet seien. Tatsächlich handelte es sich aber um Kriegsschiffe, was allerdings nichts daran ändert, dass die Chinesen den Sachverhalt vollkommen richtig beobachtet hatten.

Ein- und Ausfälle (China – 1)

China, so hört man von westlichen Kritikern gerne, sei früher zu sehr auf sich selbst bezogen gewesen. Es habe daher die (nicht zuletzt technischen) Entwicklungen verschlafen, deren Kenntnis die Voraussetzung dafür gewesen wäre, dass es sich dem Druck der fortgeschritteneren Gesellschaften hätte erwehren können. Kindlich unreifes Reich der Mitte! Es hat nicht genügend von dem Halbstarkengehabe mitbekommen, das außerhalb seiner geschlossenen Grenzen üblich geworden war.

Briefe aus der Wendezeit – Teil 3

Stuttgart, 30.1.90

Lieber Frank,

ich glaube, daß das Thema Zweistaatlichkeit spätestens ab heute begraben ist. Es wäre nicht das erste Mal, daß Gorbatschow mit wenigen fast beiläufigen und gewissermaßen außerhalb des Protokolls gesagten Worten eine Lawine lostritt. So wie er mit den wenigen Sätzen über die Verspäteten, die das Leben bestrafe, Eure Revolution erst richtig im Gang gesetzt hat, wird es nach seinen heutigen Worten über die Vereinigung der Deutschen wohl kein Halten mehr geben. Damit dürfte der Bann gebrochen sein, eventuelle westliche Störversuche können kaum mehr anderes als Rhetorik sein.

Aber zunächst einmal Dank für Deinen Brief und für Buch- und Mauerteile. Jetzt weht der Hauch der Geschichte auch in unserer Hütte. Die neuen Manuskriptteile haben mir gut gefallen. Auf Grund Ihres Detailreichtums geben sie insbesondere dem westlichen Leser einen interessanten Einblick ins Getriebe der Revolution. Wir wissen hier nicht sehr viel über das, was bei Euch alles „real existierte“ und daher von den Veränderungen betroffen ist. Deshalb können die Details gar nicht zu viel sein. Weiter so! Was macht übrigens der „Bruder“? Hast Du schon eine Konzeption?

Deine politische Depression ist in der Tat eine paradoxe Sache. Ich denke aber, daß nur die besonders wendigen Hälse davon verschont bleiben und das dürften die sein, die auch mit den „alten“ Gedanken nicht viel am Hut hatten. Du sprichst vom demokratischen Sozialismus (im Gegensatz zum Sozialdemokratismus). Offen gesagt, mir ist nicht ganz klar, was für Inhalte Du mit diesem Begriff verbindest. Was bleibt für Dich übrig, wenn Du alles abstreichst, was bislang schief gegangen ist? Das läuft, meine ich, auf die Frage hinaus, ob der real existent gewesene Sozialismus eine notwendige Konsequenz sozialistischer Prämissen oder nur ein Betriebsunfall eines an sich guten Gedankens war. Für die Wirtschaft, die sich bislang als sozialistisch bezeichnete, ist die Frage wohl entschieden. Man mag über den „Kapitalismus“ denken was man will, die Planwirtschaft ist offensichtlich keine Alternative. Ihre Mängel sind systembedingt. Wie ist es aber mit Totalitarismus, Privilegienwirtschaft, Nepotismus und Bürokratismus? Hier kommt es sicher darauf an, was man unter Marxismus versteht. Dabei ist für mich ein großes Problem das Antagonismus – Denken, welches dem historischen Materialismus zu Grunde liegt. Die Aufteilung einer Gesellschaft in „Klassen“, die sich mehr oder weniger getrennt gegenüberstehen, erscheint mir schon ein viel zu einfaches Modell für eine moderne Gesellschaft. Dem entsprechend ist es auch viel zu einfach zu glauben, mit der bloßen Umkehrung der Machtverhältnisse zwischen solchen Klassen könnten die „Widersprüche“ einer Gesellschaft beseitigt werden. Ein solches Konfrontationsmodell ist aber auch generell eine mehr als problematische Angelegenheit und kann allenfalls in extremen Situationen, wie sie z.B. in Entwicklungsländern gegeben sein können, praktikabel sein. Druck erzeugt Gegendruck und führt mit einer gewissen Notwendigkeit zur Verschärfung von Konflikten und damit tendenziell zur Unterdrückung von Widerstand wie wir es bei Euch gesehen haben. In gewisser Hinsicht ist der Marxismus jetzt sogar das Opfer seiner eigenen Voraussetzungen geworden. Die Überbetonung eines Standpunktes führt zur Unterdrückung anderer Standpunkte (und jetzt wieder des einen Standpunktes). Die Frage ist also, ob der Marxismus für ein Kooperationsmodell geeignet ist. Wäre er dann noch Marxismus? Müßte er dann nicht den Absolutheits- und angeblichen Wissenschaftlichkeitsanspruch aufgeben? Damit verlöre er seinen quasi – religiösen Charakter mit all den Begleiterscheinungen, welche Bewegungen dieser Art in unseren Breiten zu haben pflegen: übersteigerter Autoritätswille, Unterdrückung Andersdenkender, Inquisition, Glaubenskriege; dann mangels einer die Hohepriester zügelnden Opposition: Selbstbeweihräucherung, Gefühl der eigenen Unentbehrlichkeit, Abschirmung, Privilegien, Realitätsverlust; schließlich Selbstzweifel, deren Überkompensation durch weitere Entfernung von den Ausgangspunkten, Verkehrungen geradezu ins Gegenteil; am Ende Zynismus angesichts der wachsenden Erkenntnis, alles falsch gemacht zu haben, und Machterhalt, um die eigene Haut zu retten. Dies Muster hätten wir nicht zum ersten Mal gehabt. Und spricht nicht die Gleichartigkeit der Entwicklung in den kommunistischen Ländern (und die geschichtlichen Beispiele – z.B. das alte Spanien) dafür, daß hier eine gewisse Gesetzmäßigkeit besteht?

Ziehen wir also die Ursachen dieser Entwicklung auch noch ab, so stellt sich die Frage, ob das, was verbleibt, noch Marxismus ist oder schon eine Spielart der Sozialdemokratie.

Beim Nachdenken über die Unterschiede dieser beiden politischen Denkmodelle bin ich auf folgenden merkwürdigen Gedanken gekommen. Der Unterschied scheint mir in einer verschiedenen Rolle der Moral zu bestehen. Der Marxismus hat eine radikale Moral. Sie erscheint auf den ersten Blick überzeugend und wer überhaupt Moral für sich in Anspruch nimmt, kann sich ihr kaum entziehen. Was will man schon gegen eine radikale Gleichheit sagen oder dagegen, daß jeder nur von seiner eigenen Arbeit leben soll. Soweit: so gut – im Prinzipiellen (ob das praktikabel ist, ist eine andere Frage). Es scheint aber ein fatales Gesetz zu geben wonach – jedenfalls in einer modernen Zivilisation – eine Gesellschaft mit einer definitiven inhaltlichen Moral tendenziell diese ihre Grundvoraussetzung auflöst. Offenbar wird die Moral dort, wo sie von Anfang an als gegeben vorausgesetzt wird, in der Praxis zu wenig eingefordert. Sie wird gewissermaßen zu wenig gepflegt und verkommt daher. Dazu bei trägt sicher auch der Umstand, daß diejenigen, die sich im Besitz einer höheren Moral fühlen, umso leichter glauben, zeitweilig auf dieselbe verzichten zu können, wenn es darum geht, einem „höheren Ziel“ zum Durchbruch zu verhelfen, mit der regelmäßigen Folge, daß die „Durchbruchsphase“- und damit die Suspendierung der Moral verewigt wird (wie oben dargestellt).

Im Gegensatz zu einer solchen oben angesiedelten, gewissermaßen also deduktiven Moral gibt es offenbar auch eine induktive Moral, die merkwürdigerweise aus unmoralischen Voraussetzungen resultiert. Der Marktmechanismus als Grundlage eines westlich liberalen, also kompetitiven Gesellschaftssystems, ist ohne Zweifel im Prinzip unmoralisch. Er beruht vom Grundsatz auf dem Ausnutzen von Mangel oder Überfluß und ist ein ständiges, mehr oder weniger stilvolles Lauern auf‘ die Schwächen des Geschäfts“partners“. Tendenziell scheint auf dieser unmoralischen Basis im Ergebnis mehr Moral erzeugt zu werden als in Systemen mit absoluten Moralprämissen. Es scheint, daß die Moral hier so etwas wie eine Gegenströmung gegen die Unmoral der Voraussetzungen des Systems ist, wobei man darüber streiten mag, inwieweit hier die ökonomische Vernunft oder gar das schlechte Gewissen ursächlich sind. Man könnte also sagen, daß die kapitalistische Moral eine resultative Moral ist. Trotz trüber Quellen führt sie im Ergebnis zu einem gewissen Quantum an Moral. Nun mag es wohl sein, daß dies kein universelles Gesetz ist und es nur dort gilt, wo die Marktbeteiligte schon moralisch vorgeprägt sind (in Indien etwa hätte ich da schon meine Zweifel). Aber es ist eine Tatsache, daß in den entwickelten Ländern des Westens die Verelendung der Massen, die Marx voraussagte, nicht eingetreten ist. Marx hat den Gegenströmungseffekt und damit den immanenten Zug des Kapitalismus zur sozialen Markwirtschaft übersehen.

Nicht daß Du nun meinst, ich glaubte, bei uns sei nun die gesellschaftliche Moral schon begrüßenswert weit fortgeschritten. Ich hatte gerade unseren Camping-Bus in der Werkstatt und habe dabei die Unmoral des Marktes wieder einmal richtig zu spüren bekommen. Wenn ich meinen beruflichen Bereich betrachte, drängt sich mir nicht selten der Eindruck auf, als seien wir teilweise sogar im Rückwärtsgang. Ich spreche von Tendenzen, die insgesamt signifikante Ergebnisse zu zeitigen scheinen und immer wieder trotz ungünstiger Ausgangspositionen zu erstaunlich brauchbaren Lösungen führen. Es ist doch immerhin bemerkenswert, daß ein solches System, wenn auch sehr langsam, einen immer stärkeren Schutz des Verbrauchers, der Umwelt und des Bürgers entwickelt und daß selbst solche politischen Kräfte dazu beitragen, die man in diesen Dingen eher in der Bremserrolle erwarten würde. Es ist eine eigentümliche Weisheit des Systems der „checks and balances“, der politischen Form des Marktmechanismus, daß es die egoistischen Grundtriebe umzubiegen in der Lage ist. Natürlich, höhere und radikalere Träume lassen sich damit nicht befriedigen. Ist es möglicherweise diese Erkenntnis, die bei Dir zu „politischen Depressionen“ führt? Abschied von einer absoluten Moral? Das wären politische Entzugserscheinungen von einer Droge namens Marxismus – womit wir wieder bei der Parallele zur Religion wären, die sich an vielen Stellen aufdrängt (vgl. oben). Marx wird sich im Grabe herumdrehen: seine Lehre als Opium fürs Volk – oder .jedenfalls für Intellektuelle? Bei Voltaire habe ich einen Satz gefunden, der die Parallele auch merkwürdig deutlich macht: „Es beginnt mit Schwärmerei und endet mit Betrug. Mit der Religion ist es wie mit dem Spiel: Anfangs ist man der Geprellte, am Ende ist man der Spitzbube“. Natürlich brauche ich nicht besonders zu betonen, daß ich Dich nicht mehr im Stadium der Schwärmerei und noch nicht „am Ende“ sehe – letzteres trifft auf Eure alten Herren und deren Anhang zu. Übrigens habe ich das Zitat aus einem Buch, das bei Euch erschienen ist: „Voltaire für unsere Zeit“, Aufbau – Verlag 1989!, gedruckt im Karl-Marx Werk!

Ich lege Dir hier noch ein Blatt bei, das aus der „Feder“ meines Sohnes (11 Jahre) stammt. Es ist tatsächlich eine spontane Eigenarbeit und spiegelt daher die Stimmung. die bei dieser Altersgruppe rübergekommen ist.

Für heute sei‘s genug.

Gruß

Klaus

EUROPA SAMSTAG 20 JANUAR 1990

BERLIN UND DIE MAUERSPRECHTE

IN BERLIN GEHT´S RUND. MAUERSPECHTE AUS ALLER WELT SIND GEKOMMEN;; UM SICH EIN S0UVENIER AUS DER MAUER ZU BRECHEN, DABEI SINGEN SIE LIEDER DIE GEGEN DIE 40 JÄHRIGE UNTERDRÜCKUNG SPRECHEN: IN VIELEN DIESER LIEDER WERDEN HONECKER, KRENZ UND DIE GANZE SED UND STASIEMITGLIEDER IN DIE HÖLLE GEWÜNSCHT.

DA SO VIELE MAUERSPECHTE INTERESSE AN DER MAUER ZEIGTEN WURDE DIE MAUER HEUTE FUR 8 MILLIARDEN DM VEIRKAUFT. DABEI HABEN BEIDE SEITEN BERLINS EIN GROßES GESCHÄFT GEMACHT.

IN DEN LETZTEN 2+2 – MOANTEN IST SICH DAS VEREINTE DEUTSCHLAND EINEN GROSSEN SCHRITT NÄHER GEKOMMEN. BES0NDERS AUS DEM KALENDER HERAUSSTECHEND IST DER 9.NOVEMBER. DER 9. NOVEMBER WAR ZU 100% DER HISTORISCHSTE TAG DER DDR REVOLUTION.

IM GRUNDE GENOMMEN HAT ALLES MIT DER FLÜCHTLINGSWELLE BEGONNEN. WIR DENKEN. ALLE AN DIE HISTORISCHEN TAGE IN DER TOTAL ÜBERFÜLLTEN PRAGER BOTSCHAFT. IN DER PRAGER BOTSCHAFT HERRSCHTE AUFREGUNG UND SPANNUNG. BIS EINES ABENDS HANS-DIETRICH GENSCHER DIE AUSREISE VERKÜNDETE. NACH DER BEKANNTGEBUNG GAB ES ZUERST IN PRAG, DANN IN GANZ EUROPA GRENZENLOSE FREUIDE, TRIÄNNEN UND GEJUBLE.

ALS DIE MAUER GEÖFFNET WURDE GAB ES KONFLIKTE ZWISCHEN BETRUNKENEN; DIE ZU ZAHLREICHEN VERLETZTEN UND EINEM TODESOPFER FÜHRTEN.

Berlin 29.1.1990

Liebe Judy, Lieber Klaus!

Ich schäme mich ein bißchen, Euch so lange ohne Antwort auf Eure „Neujahrsbotschaft“ gelassen zu haben, und das noch dazu wo Klaus wirklich gewaltige Mühe in seine Schrift gelegt zu haben scheint. Sehr schön lesbar!

Nunmehr soll Dir jedoch Trost und Kurzweil das harte Krankenlager versüßen und in diesem Sinne erstmal vielen Dank für Dein gewaltiges Werk.

Auch sei an dieser Stelle sogleich angemerkt, daß ich SCHON IMMER – und sehr zum Leidwesen meiner liebreizenden Frau – ein herausragender Telefonmuffel gewesen bin. Nehmt es also bitte nicht so tragisch. Wann immer Ihr anrufen werdet: Entweder Ihr habt Glück und Paula ist dran – oder ich werde wieder so muffelig sein. Sorry.

Was Deine pazifistischen Träume angeht, freue ich mich eingedenk unserer Paddelschlauchbootdispute zur Friedensfähigkeit Gorbatschows darüber, daß Du sie IHM inzwischen wohl voll zutraust. Dies aber nun gleich auf die ganze Welt auszudehnen, halte ich allerdings für um zwei Jahrhunderte verfrüht. (Es wird noch solange hin sein wie die französische Revolution her ist, um im Bilde Deines vorletzten Briefes zu bleiben.)

Ein sehr anschauliches Argument für diese These lieferten gerade die USA in Panama. Wer bitte schön sollte denn DIE dazu bringen, ihren Weltherrschaftsanspruch freiwillig aufzugeben und von dem hundertfach erprobten Schema abzuweichen, das da lautet:

1. Unsere Interessen sind überall dort, wo US-Bürger sind.

2. Überall sind US-Bürger.

3. Wenn US-Bürger bedroht sind, müssen sie durch US-Soldaten geschützt werden.

4. Auch US-Soldaten sind US-Bürger – und die sind natürlich immer bedroht.

(Ich mag die Amis nicht sonderlich, wie Ihr vielleicht merkt.. Die Idee mit der internationalen Friedenstruppe ist auch ganz gut, aber mit Vorsicht zu genießen und nicht ganz neu. Wenn ich mich recht entsinne ist sie bisher zum Glück nur einmal im aktiven scharfen Schuß erprobt worden: In Korea. Übrigens auch in US- Uniformen.

Nein, lieber Klaus. Bei aller Weltfriedenseuphorie: Die Welt ist groß und schlecht und das wird noch lange so bleiben. Optimismus ist trotzdem angebracht, denn zum ersten Mal in diesem Jahrhundert sieht es immerhin danach aus, als würden zumindest die großen Blöcke nicht mehr so hart gegeneinander Front machen. (Parole: „Gewehr ab – aber gaaanz vorsichtig!“) Die eine Seite weil sie pleite ist und ihr die Soldaten weglaufen, die andere weil sie den kalten Krieg – fast aus Versehen aber nichts desto trotz offensichtlich – gewonnen hat oder besser gesagt: Die Festung Osteuropa hat sich ergeben, und zwar dem selbstverschuldeten Hunger, nicht den tapferen Belagerern.

Die deutsche Besatzung gibt dabei ein besonders ulkiges Bild ab. Sie springen extraflink über die Zinnen, werfen sich draußen schluchzend dem großen Bruder an den Hals, und hoffen, daß er rasch vergessen wird, wo sie vor 5 Minuten noch gestanden haben.

Aber jedes Volk hat bekanntlich die Regierung, die es verdient, jedenfalls wenn sich diese Regierung 40 Jahre lang halten kann. Hier wiederholt sich auf peinliche Weise die bekannte Nummer von ’45:

Damals plötzlich alles Antifaschisten, heute alles große Demokraten. Mit Honecker und seiner Partei hatten sie noch nie was im Sinn. Was das für Demokraten sind, merkt man besonders bei den gegenwärtigen Demonstrationen wo der Plebs immer radikaler (das ginge noch), verbissener (schon schlimm), aggressiver (eklig) und offensichtlich insgesamt immer dümmer agiert. In Berlin kommt hinzu, daß ganz offensichtlich etliche vom Westen herüberkommen, die nur auf Randale aus sind oder ganz einfach mal Lust auf eine andere Polizei haben.

Die Freiheit der Andersdenkenden – es gibt sie noch immer nicht. Alles ist zulässig, nur keine andere Meinung als die der Masse. Stasi hin, VP her – wer bei Honeckers Mai – Demo „Deutschland, einig Vaterland“ gerufen hätte, wäre wenigstens von den Demonstranten nicht verkloppt worden.

So fröhlich und unverdrossen diese Revolution begonnen hat, so verbissen läuft sie zur Zeit. Natürlich sind jetzt andere auf der Straße als im Oktober. Jetzt kommen die hervorgekrochen, die gerne treten wenn’s nichts kostet. Ihre Brüder von der anderen Fraktion sind allerdings längst untergetaucht und weit davon entfernt für ihre bis gestern noch ach so feste (und gut bezahlte) „Überzeugung“ einzustehen. Wieder einmal werden die falschen getreten.

Die ganze Revolution ist an dem toten Punkt angelangt, der wohl für jeden derartigen Umschwung unvermeidlich ist: Niemand hat konstruktive Alternativen anzubieten. Es besteht lediglich ein breiter Konsens (eins der blöden Standardworte dieser Tage) darüber, was alles schlecht war und somit – möglichst Knall und Fall – abzuschaffen ist. Zuerst und vor allem natürlich die eigene Unterbezahlung, heißa!

Schlecht war eine ganze Menge. Aber wenn man die Leute jetzt so reden hört, war erstens alles Mist, haben sie es zweitens schon immer gesagt und trifft es sie drittens ganz persönlich und schon immer ganz besonders hart und deshalb reklamiert jeder für sich das Recht, als erster auf den Scheiteln der anderen aus dem Sumpf zu balancieren.

Ganz offensichtlich besteht unser Volk nur noch aus jenen 5 Prozent, die sich bei den Wahlen wirklich GEGEN den „Wahlvorschlag der Nationalen Front“ ausgesprochen hatten (Denn Wahlbetrug oder nicht – mehr waren es wirklich nicht). 19 von 20 waren in diesem Lande Opportunisten oder sowieso dafür – und 18 von diesen 19 wollen es heute nicht mehr wahrhaben.

Damit keine Mißverständnisse aufkommen: Natürlich muß der alte Dreck möglichst schnell weg. Nur ist zur Zeit niemand so recht bereit zur Schaufel zu greifen. Die ganze „Opposition“ stolziert naserümpfend drumherum und palavert darüber, wie schön sie es uns allen machen werden – wenn der Haufen erst mal weg ist, und die SED liegt mit der Nase drin und bekommt sowieso keine Luft mehr.

Apropos: jetzt ist sie endgültig zur Affenpartei geworden und fällt folgerichtig so schnell auseinander, daß die Restgenossen kaum mit dem Zählen der abgegebenen Parteibücher nachkommen. Gysis Hickhack ist nun allen über, den Stalinisten genauso wie den demokratischen Linken. Sie treten jetzt beide aus, und die künftigen Ministerpräsidenten unserer neuen Länder vorneweg. Herzlichen Glückwunsch, Herr Gysi.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß die Parteibasis wieder einmal nicht an den Entscheidungen beteiligt ist. Honecker hat sie nicht gefragt – und Gysi auch nicht. (Wahrscheinlich überflüssig zu erwähnen, daß ich selbst inzwischen auch die politische Heimatlosigkeit dem Affenkäfig vorgezogen habe, nachdem vor 8 Tagen die Alleingänge der 3 demokratischen „Plattformen“ innerhalb der SED-PDS- Führung abgewehrt wurden, und sich somit meine letzten Hoffnungen auf Spaltung endgültig zerschlagen hatten.)

Für die nächste Zeit kann man nur hoffen, daß die Opposition vor lauter Profilierungssucht nicht endgültig das Land vergißt. Daß sie in die Regierung eintreten wollen ist zu begrüßen. Leider haben sie kaum Fachkompetenz einzubringen. Es ist nun einmal die logische Folge eines Einparteiensystems (die ehemaligen „Blockflöten“ werden so realistisch sein, diesen Begriff mitzutragen, denke ich), daß sich neben viel Dummheit und Karrierismus natürlich auch die gesamte Kompetenz eines Landes in dieser Partei gesammelt hat. Für mich ist beispielsweise undenkbar, daß ein Schwätzer vom Demokratischen Aufbruch in der Lage sein sollte, in diesen Zeiten das Wirtschaftsministerium auch nur annähernd so zu führen wie das unsere „iron lady“ Christa Luft (leider SED-PDS) angeht. Eine knallharte Frau voller Sachverstand und ohne Sentiments, die das Richtige will und es zielstrebig und in der richtigen Reihenfolge anpackt.

Kurz: Solche Leute, die kompromißlos nach vorn schauen, können wir gar nicht genug haben. Aber es ist kaum jemand da. Die Advokaten (Der Herr Staatsanwalt möge mir da verzeihen) sind jedenfalls nicht die neuen Männer, die DIESES Land HEUTE braucht. Und das revolutionäre linke Potential ist durch den Bindestrich-Quatsch mindestens noch bis zur Wahl lahmgelegt.

Aber: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und vielleicht ist ja doch noch irgendwie die nötige Aufbruchstimmung zu erzeugen. Ein Trost: Entwicklung läuft bekanntlich immer wellenförmig. Also kein Grund zur Panik, wenn man im Tal ist. Interessant sind die Zeiten hier jedenfalls allemal, insofern also volles Verständnis für Judys Wunsch, die Silvesterparty an der Mauer mitzumachen.

Als Trost sei ihr gesagt: Wir wohnen 3 Kilometer vom Brandenburger Tor entfernt und waren auch nicht da. Für richtige Erwachsene wie uns wäre es sicher auch nicht die blanke Sahne gewesen. Nachts halb zwei (auf dem Heimweg von Freunden) prügelten sich Männer in der S-Bahn wegen der deutschen Einheit und auch auf dem Alex (den wir überqueren mußten) ging es recht kulturlos zu. Noch am Neujahrsnachmittag habe ich mir Unter den Linden die Schuhe auf dem Scherbenteppich zerschnitten. Der Übergang von der Edelfete zum Vandalismus muß nahtlos gewesen sein.

Nun kann ich mir denken, daß meine recht profanen Gedanken nicht ganz zu Eurer deutschrevolutionären Begeisterung passen wollen und ich möchte daher abschließend noch einige Bemerkungen zur Rolle der Bedeutung machen:

Wir sind hier mittendrin und uns des Besonderen und der (oft mißbraucht diese Floskel, aber hier durchaus mal angebracht:) HISTORISCHEN BEDEUTUNG der Situation durchaus bewußt. Nur: Wir sind nicht nur beteiligt, sondern auch betroffen und deshalb begeistert uns wie Euch natürlich die Bewegung an sich, nur können wir die Richtung nicht ganz so entspannt betrachten wie das aus Hamburg oder Stuttgart möglich ist. Für uns sind die Dinge nämlich immer sehr konkret.

„Nieder mit der Stasi!“ ist eine feine Losung, und von außen ist alles klar. Für uns sind das aber nicht nur namenlose Verbrecher, sondern beispielsweise auch die Frau meines Freundes, die als medizinisch-technische Assistentin in der Sportmedizin zur Stasi gehörte, als Fachschulkader sogar den Rang eines Leutnants hatte, natürlich jahrelang überbezahlt war – aber jetzt eben erstmal auf der Straße sitzt.

„Nieder mit der SED!“ genauso richtig, aber… (Hier verschone ich Euch mit weiteren Auslassungen, weil ich hierzu schon weiß Gott genug gesagt habe)

„Hoch die Marktwirtschaft!“ mag angesichts des klaren Scheiterns der administrativen Mißwirtschaft für viele eine logische Alternative sein (zumal wenn sie sich in dieser Markt-Gesellschaft seit langem und gut zurechtfinden, worüber ich jedoch als Nachwievorsozialismusbefürworter noch einen streitbaren abendfüllenden Vortrag halten könnte), heißt aber konkret auch, ein Wirtschaftssystem, das bisher auf dem Prinzip der Leibeigenschaft basierte, ohne annähernde materielle Voraussetzungen von einem Tag zum anderen auf Effektivität umzustellen, heißt für uns nun die nie gekannte Gefahr der Arbeitslosigkeit (und zwar unter den Bedingungen eines sozialen Null-Netzes hierfür), heißt, daß wir unsere Wohnung im Zentrum vielleicht bald schon nicht mehr halten können, daß die Versorgung der Alten auf uns zukommen könnte usw usw…

Und nun haltet Euch bitte außerdem vor Augen, daß zwar ungeheuer viel geschwätzt wird, aber letzten Endes mehr als diese 3 Losungen bisher noch von keiner der neuen Bewegungen verkündet worden sind, daß sich die Mehrzahl der Bevölkerung bei uns inzwischen einbildet, die 60 Millionen bei Euch könnten (und wollten) die 15 Millionen bei uns so mit durchfüttern wie sie das mit den 300 000 Übersiedlern gemacht haben – und Ihr werdet eine Ahnung erhalten, wie es hier heute Leuten zumute sind, die nachdenken und rechnen…

Das soll Euch aber keineswegs abhalten, sondern im Gegenteil: Kommt, wann immer Ihr könnt und Klaus wieder gehfähig ist. (Was wollen die Kinder demnächst in Australien erzählen, wenn Ihr in diesen tollen Zeiten nicht mal den Katzensprung nach Berlin gewagt habt.) Wir werden Klaus gern ein wenig unterfassen, wenn er an der Mauer entlanghinkt. Und – ich wiederhole mich – auch wenn gerade mal keine Demo sein sollte, interessant ist es hier allemal, also her zu uns!

Apropos: Gilt EURE Einladung noch? Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen – aufgrund unserer persönlichen „Devisenlage“ in Tateinheit mit dem z.Z. herrschenden „freien“ Umtauschkurs (ca 1:9, d.h. ein Tag gutbezahlte Ost-Arbeit für 6,70 DM) müßtet Ihr nicht nur für zwei Luftmatratzen, sondern auch für unsere Ernährung sorgen. (Aber keine Bange: Paula ißt nicht viel weil sie mäklig ist und ich habe ohnehin Übergewicht).

Ein günstiges Zeitfenster wäre für uns Mitte Mai. Die Kinder haben ab 14.5. eine Woche Frühlingsferien und würden dann zu den Schwiegereltern fahren. Also schreibt mal oder ruft an (Beim Telefonieren aber Vorsicht, siehe oben!) wie Ihr die Sache seht. Wir sind auch kein bißchen sauer, wenn Ihr absagt.

Nun Schluß. Ich lege noch ein paar Bilder bei, damit wir uns in Berlin oder Stuttgart auch wiedererkennen: 3 vom Balaton im August ’89 als wir darüber nachdachten, ob wir nun durch’s Maisfeld krabbeln sollen oder nicht, daher unsere durchgeistigten Gesichter – vielleicht erkennt Ihr den Strand wieder – und 2 von der Mauer am Brandenburger am 12. November ’89 bei unserer ersten „Westreise“. (beide Fotos handmade, aber Ihr braucht nicht lange suchen, da sind wir nicht drauf)

Bleibt also oder werdet gesund,

Viele Grüße auch an Eure Kinder

Euer Frank

(und Paula usw)

Anhang

(Tagebuch von Gerhard H.)

Donnerstag, 21. Dezember

Unser Sozialismus ist erledigt. Die gierigen Alten haben ihn verspielt, wir erben die Spielschulden – und es trifft wieder einmal die falschen.

Mit wieviel Elan sind wir angetreten. Wir waren hochpolitisiert, engagiert, voller Hoffnungen. Und heute? Die 3. Deutsche Generation in Folge, die verarscht wurde. Immer nach dem selben Rezept: Verzichtet ein Weilchen Kinder, es geht um Höheres, um nicht weniger als das Himmelreich auf Erden! Erst muß die Schimmernde Wehr auf die Ozeane / Kanonen statt Butter / Mein Arbeitsplatz – mein Kampfplatz für den Frieden.

Und nun stehen wir da mit unserem Hang zum Höheren. Wieder mal. Gelebt haben inzwischen immer die anderen. Was bleibt für uns, wenn die Träume vorbei sind, wenn im fahlen Morgenlicht die Hoffnungen zerfließen und das Reale, Greifbare Kontur erhält:

Abitur, „Fahne“, Studium, 15 Jahre Arbeit, immer fleißig, immer ordentlich. Was haben Sie erreicht, Herr Diplom-Ingenieur, jetzt wo mindestens Ihr halbes Leben rum ist?

„Neubauwohnung“ (25 Jahre alt, eng, aber immerhin Fernheizung, 68 Quadratmeter zum Leben und 300 Quadratmeter zum Tapezieren), angefüllt mit diversem Hausrat (Versicherungswert 60 000 Mark) einschließlich 2000 Bücher, die Hälfte paperback (was beweist, daß sie wirklich zum Lesen gekauft wurden), einschließlich Kühlschrank und Waschmaschine (beides Hochzeitsgeschenke) einschließlich eines dunklen Anzugs („Exquisit“, Neuwert 800 Mark), einschließlich einer Stereo-„Anlage“ (eine der preiswerten, nur 2 Monatsgehälter), vor der Tür ein Trabant (8 Jahre alt, second-hand, oft kaputt), und – man höre und staune! – ein Farbfernsehgerät, neuwertig, und ein Sparbuch mit 6300 Mark – Ost, natürlich. Alles.

Alles? Aber nicht doch! Neben den profanen Werten befinden sich im Haushalt weiterhin:

Ein Sohn, eine Tochter, 2 Diplome, 9 eigene Patentschriften, ein Telefon (Eigentum der Deutschen Post und Gegenstand nachbarschaftlichen Neides), 2 Aktivistennadeln, 23 Abzeichen „Kollektiv der Sozialistischen Arbeit“, zwei Pionierausweise, sowie bis gestern ein rotes Parteibuch.

Die reale Freizeitmenge beträgt pro Woche etwa 20 Stunden (von 168) und wird zur Hälfte vor dem Fernsehgerät verbracht. Höhepunkt des Jahres sind die 13 Tage gemeinsamer FDGB-Urlaub, in der Regel in einem Betriebsbungalow mit Selbstverpflegung. Wir waren insgesamt 5 Mal auch im Ausland, zweimal sogar mit den Kindern, und neuerdings dürfen wir alle ins „NSW“.

Und noch etwas: Wir sind schrecklich dankbar dafür. Für alles.

Stuttgart, 5.2.90

Lieber Frank !

Ich befinde mich gerade in einem leeren Sitzungssaal des Amtsgerichts in Waiblingen, wohin ich mich zu einer Stunde begeben habe, zu den ich üblicherweise noch Friedens- und anderen Träumen nachzuhängen pflege. Dafür mußte ich mitten durch das Gewühl meiner arbeitswütigen Landsleute, die mit einer an Wahnsinn grenzenden Konsequenz alle zum gleichen Zeitpunkt jene Tätigkeit beginnen, von der sie glauben, daß sie ihnen irgendwann einmal das große Glück bringe und für die sie keinen Aufwand an Gestank und Benzin scheuen. Mit anderen Worten ich saß im Stau. Ja, auch hier gibt es Warteschlangen, vor Ampeln im Morgengrauen, wenn die Hatz nach dem Geld beginnt. Nun hätte sich eigentlich einer jener Mammonsjünger hier dafür verantworten sollen, daß er Privatvermögen und Gesellschaftskapital nicht genügend auseinandergehalten hat. Hier gibt es nämlich die vor allem von manchen Einmanngesellschaftern als störend angesehene Verpflichtung, private Interessen an einer Kapitalgesellschaft zu Gunsten der Gläubiger derselben zurückzustellen, was nicht selten mit den persönlichen Erwartungen hinsichtlich der Leistungsfähigkeit, einer solchen Institution kollidiert, und unsereinen auf den Plan ruft. Der ungetreue Kapitalist hat es jedoch vorgezogen, sich den Attacken eines Staatsanwalts gegen übertriebenen Eigennutz vorläufig zu entziehen. So habe ich bis zum nächsten übermäßigen Nutzer der Gewerbefreiheit, der es mit der Bezahlung von Lieferungen für sein Baugeschäft nicht so genau nahm, noch einige Zeit, um auf Deinen umfangreichen Brief vom 29.1. zu antworten.

Dieses Waiblingen ist übrigens ein Symbol für den ersten namhaften deutschen Widerstand gegen die Anmaßungen einer ziemlich platzgreifenden, gewissermaßen totalitären Doktrin. Von hier kommt der Name der antipäbstlichen (allerdings auch prokaiserlichen) Ghibellinen, an deren Spitze immerhin ein Mann wie Friedrich II. stand, der seiner Zeit im puncto (geistiger) Freiheit um ebenso viele Jahre voraus ging, wie Luther dem Voltaire.

Dein Brief scheint mir anzudeuten, daß Deine politische Depression teilweise behoben ist. Sprachlich bist Du unverkennbar dabei, an vorrevolutionäre Zeiten anzuknüpfen, was hier übrigens, nicht zuletzt von Judi, ziemlich geschätzt wurde (und wird). Sicher hat Dir Dein Schritt, die Sozialistische Einmeinungspartei zu verlassen, geholfen, die Depression zu überwinden. Im freien Wettbewerb wirst Du zwar heimatliche Gefühle nicht so leicht entwickeln können. Und vielleicht geht es Dir wie mir, der sich nie hat entschließen können, um einer Heimat willen auf einen Teil seiner Meinung zu verzichten. Aber vielleicht tröstet Dich die Aussicht auf eine „resultative Heimat“ (Du weißt, daß ich damit das brauchbare Ergebnis ziemlich mieser Voraussetzungen meine). Und in einem Alter, wie wir es haben, noch einmal die große Auswahl beschert zu bekommen, ist vielleicht auch nicht die übelste Lage. (Politische) midlife – crisis – das ist nicht notwendig nur das Begraben alter Hoffnungen. Vielleicht ist es die Chance für einen produktiven Neuanfang.

Möglicherweise wird sich Deine Einschätzung der Amerikaner bei dieser Gelegenheit doch noch ein wenig in die Richtung entwickeln wie meine Meinung über Gorbatschow. Allerdings hat er es mir seit unseren ost – westlichen Seegesprächen eher leicht gemacht (was man aber, so meine ich, damals noch nicht so absehen konnte). Es ist daher kein Zufall, daß ich die Neujahrsbotschaft diesem erstaunlichen Herrn in den Mund gelegt habe. Immerhin sind aber die Amerikaner (+ Anhang) inzwischen auch nicht über den geschwächten „Gegner“ hergefallen, wiewohl sich dieser doch gerade gegen solche Eventualitäten mit „tödlichem“ Aufwand glaubte wappnen zu müssen (was zeigt, dass alles für die Katz‘ war). Statt dessen gab es Malta und trotz Gorbi‘s nicht gerade demokratischer Legitimation eine amerikanische Zurückhaltung, die nicht nur aus der Ruhe dessen zu erklären ist, der die reife Frucht demnächst ohnehin in seinen Schoß fallen sieht.

Unsere Diskussionen an Bord der „Amazonas, so heißt meine Privatjacht, wenn Du Dich daran noch erinnerst, erweisen sich jetzt als so etwas wie eine Vorstufe zu den Gesprächen auf der Maxim Gorki, Schlauchbootklasse statt Luxusliner und zu meiner pazifistischen Freude unbrauchbaren Kriegsschiffen! Wenn das nicht der Wind der Geschichte war!

Übrigens war ich nach unserem Plattenseegipfel in Amerika, wogegen ich mich lange gesträubt hatte. Man kann über den american way of life und darüber, in welchem Umfang Cowboywesen und Showbusiness die Basis einer Kultur abgeben können, so wie auch sonst über die Ami‘s einiges sagen. Aber im punkto politischer Kultur haben wir noch einiges von ihnen zu lernen. Nicht nur, daß sie nicht die schlechteste politische Tradition haben, die politische Freiheit vor den Franzosen hatten, einen Krieg gegen die Sklaverei (wer hätte das sonst!) und gegen die Nazis geführt haben. Zuletzt haben sie sogar ihre Neigung, aus einer leicht neurotischen Angst vor sozialismus-verdächtigem Gedankengut, Politgangster zu stützen, eingeschränkt (Marcos, Duvallier – auch Noriega). Öffentlichkeit und Machtkontrolle dürften wohl nirgends so stark ausgebildet sein, wie in diesem Land, so sehr, daß mir unsere Geheimniskrämerei dort erst richtig deutlich geworden ist (von Eurer bisherigen ganz zu schweigen). Ein unverblümter Weltherrschaftsanspruch läßt sich bei diesem System nicht durchsetzen (was nicht heißt, daß durch die Blume nicht manches möglich ist).

Aber zurück zum Aktuellen. Mit der „deutsch revolutionären Begeisterung“ ist es mittlerweile auch hier nicht mehr so weit her. Ich darf an das Ende meiner „Neujahrsbotschaft“ erinnern, in der ich die Begeisterung bereits auf das letzte Jahr begrenzt hatte. Hier spricht man jetzt mehr über Steuererhöhung, Inflation und Wohnungsnot. Die Klagen über die Folgen des Übersiedlerstromes nahmen unüberhörbar zu. Auch hier sind viele, insbesondere Wohnungs- und Arbeitsuchende, ja sogar Arbeithabende schon „Betroffene“ geworden (ganz am Rande sogar ich – gestern wurde mir mitgeteilt, daß mein nächstes Badminton Punktspiel in einer anderen Stadt ausgetragen werden muß, weil die ursprünglich vorgesehene Turnhalle von Übersiedlern belegt ist. – Du verzeihst die Banalität. aber sie wirft dennoch ein Schlaglicht auf die Situation).

Ich fürchte, daß sich unsere Politiker in einer Sackgasse verfangen haben. Wie ein Kaninchen starren sie auf die immer länger werdende Schlange aus dem Osten und machen sich durch ständiges Wiederholen von immer gleichen Formulierungen (es erinnert fatal an Gebetsmühlen und ist genauso unnütz) selbst Hoffnung, daß sie einmal aufhören werde. Mit Nichten!

Ich bin ja so etwas wie ein Spezialist für Wanderungsbewegungen (damit muß ich mich beruflich am meisten beschäftigen). Daher weiß ich einiges über die Möglichkeiten, solche Migrationen steuern oder eben nicht steuern zu Und deswegen behaupte ich, daß keine der bislang diskutierten Maßnahmen einschließlich Währungsunion und Vereinigung der beiden Staaten die Schlange in den Griff bekommen wird. Da ich davon ausgehe, daß Du Dein „persönliches Devisenkonto“ noch nicht mit dem Kauf des „Wirtschaftsstrafrechts“ belastet hast und in Verkennung der richtigen Prioritäten auch sonst niemand bei Euch dieses bedeutende Werk gekauft hat, darf ich zum „wissenschaftlichen“ Nachweis dieser Behauptung mich selbst zitieren. Der Einleitungssatz zum § 30 „Illegale Beschäftigung“ lautet: „Die unterschiedliche Entwicklung der Volkswirtschaften vor allem in Europa und in deren Folge die Attraktivität des deutschen Arbeitsmarktes für ausländische Arbeitnehmer haben in der Bundesrepublik seit Beginn der 60 – er Jahre zur Entstehung eines ständig wachsenden grauen und schwarzen Arbeitsmarktes geführt“. Diese unterschiedliche Entwicklung ist ein Faktum, das sich kurzfristig nicht beseitigen lässt. Und wenn wir schon den Strom der Jugoslawen, Türken, Polen, Asylanten etc. nicht in den Griff bekommen, obwohl wir hier rechtliche Möglichkeiten haben, umso weniger den Strom aus der DDR, den wir mit allen möglichen Zutaten auch noch verstärken. Die Behandlung der Deutschen aus der DDR (und möglichst auch noch aller anderen Personen jeglicher Provenienz, die irgendwann einmal eine deutsche Großmutter hatten) wie Deutsche, die hier gelebt und gearbeitet haben, mag zur Zeit politischer Not im Osten gerechtfertigt gewesen sein. Bei offenen Grenzen wird dies absurd. Wir sind auf dem besten Wege, ein zweites Mal mit Pangermanismus (und den dazugehörigen Ahnenforschungen) Unsinn zu treiben. Mancher kann bereits erfolgreich auf den Stammbaum zurückgreifen, der vor 50 Jahren unter anderen Vorzeichen gepflanzt wurde. Das Aufrechterhalten einer einheitlichen Staatsbürgerschaft etc. einschließlich aller Rechte (z.B. Renten), war ja nicht zuletzt auch ein Kampf – und Propagandainstrument des Kalten Krieges. Jeder Flüchtling wurde als Beweis für die Unterlegenheit Eures Systems begrüßt. Und – ich will nicht ungerecht sein – das Instrument hat zuletzt seine Wirkung nicht verfehlt (wiewohl es anderseits in Ungarn und Polen auch ohne dieses ging). Aber wer hatte je daran gedacht, daß dem Kampfinstrument ein voller Erfolg beschieden sein würde, wer hatte für diesen Fall vorgesorgt? Man könnte fast sagen, die Erfinder dieses Systems, waren davon überzeugt, daß die Mauer nie fallen und Polen und Russen die „Deutschen“ ewig festhalten würden. Jetzt tanzen die Besen und wo ist der Meister, der die Geister bannt, die wir riefen?

Um es kurz zu machen: ich sehe keine andere Lösung als die, Grenzen für den Zeitraum einer Übergangsregelung wieder partiell zu schließen. Man kann zwei Wirtschaftssysteme von so unterschiedlichem Stand nicht von heute auf morgen aufeinanderprallen lassen. Die Systeme müssen nach einem wohlüberlegten Stufenplan schrittweise aneinander angeglichen werden. Und für die Zwischenzeit – ich denke 5 bis 10 Jahre – wird man das Recht der Freizügigkeit (nicht des Reisens) einschränken müssen. Das klingt hart nach all den Kämpfen, die man dafür geführt hat und ich fürchte, daß unsere Politiker nicht rechtzeitig in der Lage sein werden, diesen Standpunkt öffentlich zu vertreten. Aber es sollte doch möglich sein, diese Notwendigkeit, gepaart mit Soforthilfemaßnahmen, zu vermitteln. Übrigens müßte zu den Sofortmaßnahmen die Abschaffung der 49 % Regelung für ausländische Kapitalbeteilungen gehören. Nichts gegen die Eiserne Christa, aber diese Regelung zeigt wenig Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalverkehrs. Das müßten schon ziemlich verschlafene Kapitalistenhunde sein, die sich damit hinter dem marktwirtschaftlichen Ofen hervorlocken ließen. Schließlich haben die 51 % bislang so viel Übung im effizienten Wirtschaften nicht gezeigt. Es wäre übrigens auch einmalig in der entwickelten Welt – ähnliche Regelungen gibt es nur in Entwicklungsländern.

Ja, lieber Frank. Du siehst, daß ich eine lange Sitzungspause hatte – der zweite Wirtschaftsübeltäter ist auch nicht erschienen – und so hatte ich mal richtig Zeit zum Fabulieren. Ich will aber nicht die von Dir angesprochenen „technicalities“ vergessen, obwohl sie eigentlich keiner Erwähnung bedurften. Wir sind zwar im Kapitalismus und hier herrschen die harten Gesetze des Marktes. Aber unseren Gästen stellen wir nur ganz ausnahmsweise eine Rechnung aus. Außerdem erwarten wir, daß sie weder mäkelig sind noch ihre Abmagerungskur hierher verlegen- m.a.W ihr seid zum genannten Zeitpunkt hier herzlich willkommen – übrigens auch mit Kindern. Allerdings haben unsere Kinder in dieser Woche keine Ferien und ich werde wohl auch werktätig sein müssen. Das macht aber nichts. Übrigens werde ich in der Woche nach Pfingsten vermutlich auf Konzertreise in der DDR sein und in der Woche davor wird möglicherweise toute la famille einen Ausflug mit Campingbus nach Drüben machen.

Schluß und Gruß

Klaus

Stuttgart, 10. 2. 1990

Lieber Frank,

kürzlich bekam ich eine Ohrfeige – oder war‘s die Schamröte? Jedenfalls hatte ich rote Backen.

Ich stand gerade mit meinem Bus vor dem Bahnhof, wohin ich mich nach der Arbeit begeben hatte, um meinen Brief vom 5.2. beim Spätschalter abzugeben, da begann im Radio ein Bericht darüber, daß der amerikanische Oberhäuptling vor Manövertruppen irgendwo draußen in der Prärie reichlich auf den Busch geklopft habe. Man werde die Angriffsfähigkeit der amerikanischen Truppen nicht nur erhalten, soll er gesagt haben, sondern sogar noch steigern. Erstaunlich war vor allem die Begründung: Während NVA – Soldaten schon um Brot bei der Bundeswehr anklopfen, sieht der Herr des Weißen Hauses in aller Unschuld – wahrscheinlich weil sein Haus weiß ist – eine unverminderte Gefahr, gegen die man sich wappnen müsse. Oh Amerika – noch habe ich den Schlegel in der Hand, mit dem ich die Werbetrommel für Dich gerührt habe, da fällst Du mir meuchlings in den Rücken. Indianerspielen mitten in diesen Umwälzungen!?

Ich habe den Brief dennoch eingeworfen und er ist, wenn ihn die Reste der Stasi nicht für zu gefährlich für den Staatsrest angesehen haben, der bei Euch noch existiert, wohl mittlerweile bei Dir angekommen. Denn, so meine Hoffnung, die Gefahr bestand vielleicht doch nur in der Wüste von Neumexiko und der Oberbefehlshaber war mit seiner Rede möglicherweise im (diplomatischen) Manöver, wo man ja generell Nichtvorhandenes als Gegebenes ansehen muß.

Inzwischen ist die Röte in meinem Gesicht wieder etwas gewichen. Ich hörte Ausschnitte aus einer Debatte im US – Congress. Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber da fragten weißhaarige US-Senatoren sarkastisch, wo denn der Feind sei, gegen den man all die Soldaten in Europa benötige. Vielleicht hat Dich meine bisherige Antwort auf die Frage, wer die Amerikaner dazu bringen könne, ihren Weltherrschaftsanspruch aufzugeben, nicht befriedigt. Die richtige Antwort lautet: die Opposition. Denn ein Gesetz gilt in unseren Parteidemokratien mehr als jedes andere: Wichtiger als alle Macht eines Landes ist die Macht im Land.

Bald werdet ihr ja Erfahrungen mit mehreren Parteien sammeln können. Allerdings scheint es, daß man Euch eigene Erfahrungen weitgehend ersparen (oder besser: erst gar nicht ermöglichen) will, nachdem unsere Parteien dabei sind, die Dinge bei Euch in den Griff zu nehmen, wobei sie auf den „Blockflöten“ für meinen Geschmack ziemlich unreine Töne erzeugen. Ich hoffe, daß das Wahlecho ebenso schmuddelig ist. Es zeugt nicht gerade von viel Gespür für die „revolutionäre Lage“ in der DDR, wenn unsere Parteien auf diese Pfeifen setzten – nur wegen der vorhandenen Parteiorganisation und den gleichen Namen. Was hat die Ost-CDU mit der hiesigen CDU und was die LDPD mit der FDP zu tun gehabt? Ich wüßte, wem die Schamröte ins Gesicht steigen müßte! Da hast Du gleich eine Kostprobe von der Art, wie hier Politik gemacht wird. Hoffentlich kippt ihr das politische Kind nicht mit dem sozialistischen Bad aus und erhaltet Euch etwas von dem (neuerworbenen) Elan, mit dem ihr Euren Bonzen auf die Finger geklopft habt. Denn davon könnt ihr, wie es aussieht, auch in der Zukunft noch einiges gebrauchen.

Im übrigen hatte ich immer die Hoffnung, daß davon ein wenig auch zu uns herüberschwappt. Unsere Verhältnisse, die ja möglicherweise bald die Eurigen sind, kommen auf der Folie Eures Konkurses zur Zeit etwas zu gut weg. So wie sie früher zu schlecht weg kamen. Berghofer hat hier gegenüber einer Zeitung erklärt, Zweifel am Sozialismus seien ihm erstmals 1986 gekommen. Damals habe er seine erste Westreise nach Essen gemacht, was wie ein Schock auf ihn gewirkt habe. Offenbar hatte er zerlumpte Proletarier und heruntergekommene Städte erwartet. Er fand eine blühende Stadt – weiß Gott nicht die schönste. Kann es wirklich sein, daß man bei euch trotz Westfernsehen so wenig von der Wirklichkeit wahrgenommen hat? Kann Propaganda so den Blick verstellen? Da kann einem geradezu das Fürchten kommen. Was nehmen wir alles nicht wahr?

Schluß für heute

Gruss

Klaus

Stuttgart, 14.2.1990

Lieber Frank,

während Konkursverwalter Modrow in Bonn 10 bis 15 Milliarden einfordert, so als hätte Bonn (eine) Masse( – )Schulden gegenüber dem Konkursifex (irgendwie passt das nicht ins Konkursrecht), habe ich heute 400 km rheinaufwärts in Freiburg (also gewissermaßen an der Basis des deutschen Flusses) vier Stunden vor Polizeibeamten über Probleme des illegalen Arbeitsmarktes gesprochen. U.a. ging es auch darum, welche Probleme wegen der Umwälzungen im Osten auf uns zukommen – es kommt einiges! Es sind ja nicht nur die Übersiedler. Auch die, die nicht „rübermachen“, werden versuchen, hier „etwas“ dazu zu verdienen. Die Absurdität der Situation hat z.B. bei den Polen dazu geführt, daß sie wie die Stare zur Weinernte eingefallen sind, um sich in drei Wochen ein Jahresgehalt zu verdienen. Lehrer, Ingenieure und Doktoren waren dabei, die wochenlang im Polski-Fiat übernachteten und statt zu essen eine Traubenkur machten. Und da gibt es natürlich hier genügend Leute, die ihren illegalen Nutzen daraus ziehen. Die Folge: „revolutionäre“, d.h. (chaotische Verhältnisse auf unserem Arbeitsmarkt, der aus sozialpolitischen Erwägungen eigentlich nur in sehr begrenztem Umfang dem freien Spiel der Kräfte unterliegen sollte.)

Nach dem Vortrag hatte ich Zeit, meinen Leidenschaften nachzugehen. Ich setzte also meine Nachforschungen über den deutsch – deutschen Musikschriftstellerstreit, den ich in meinem Brief vom 16.1. erwähnte, fort (das Buch, das ich suchte, gibt es in der ganzen Bundesrepublik nur hier – wie passend!). Und jetzt sitze ich, nachdem ich noch zwei nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Vorlesungen an der Uni gehört habe, im Lesesaal der Uni- Bibliothek (es gehört zu meinen Leidenschaften, in Lesesälen von Bibliotheken zu sitzen). Vor mir liegt das alte Kollegiengebäude aus dem Anfang dieses Jahrhunderts, auf dessen Fassade in riesigen goldenen Lettern steht: „Die Wahrheit wird Euch freimachen“ (auch nicht unpassend); im Hintergrund der Schwarzwald in düsteren Wolken, Sturm und Regen gehen darüber hinweg und doch ist es unwinterlich mild – ein deutsches Wetter in diesem Tagen.

Ich habe vorhin eine juristische Vorlesung über Notwehr, Nothilfe und Notstand gehört, also darüber, unter welchen Voraussetzungen bestehende Rechte gebrochen werden dürfen, gewissermaßen also über die „individuellen Revolutionsrechte“. Der Professor sprach dauernd von einem Unhold, der mit einem Mastino politano in der Gegend umherläuft und damit junge Damen bedroht, die nur einen Regenschirm mit sich tragen – auch passend.

Die andere, philosophische Vorlesung befasste sich mit Francis Bacon und der Geburtsstunde des Kapitalismus – sehr passend. Ich habe dazugelernt, daß in seiner Zeit das Patentwesen in England eingeführt wurde. Die ursprüngliche Absicht war, den Unternehmungsgeist des Volkes zu stimulieren. Daraus geworden ist der Unternehmergeist und sein Drang, Monopole zu erlangen. Der puritanische Wirtschaftsgeist (durch Schaffen im Schweiße deines Angesichtes kannst du einen Teil des verlorenen Paradieses wieder wettmachen) tat ein übriges, um den Kapitalismus zu begründen. Und zur gleichen Zeit ist – offensichtlich kein Zufall – nach einer Revolution auch noch die parlamentarische Demokratie entstanden. Kommt Dir das nicht irgendwie bekannt vor? Ihr holt gerade die Entwicklung des englischen 17. Jahrhunderts nach! (das bestätigt Deine ironische These, daß ihr gerade beim Übergang vom Feudalstaat zur bürgerlichen Revolution seid!).

Da ist natürlich die Frage zu stellen, ob Du Deine Chancen schon ausreichend geprüft hast, Dich vom „Leibeigenen“ zum Unternehmer zu verwandeln. Die Zeit ist jetzt reif dafür, vor uns, besser Euch, liegen Goldgräber- und Gründerzeiten. Schließlich sind Deine Voraussetzungen nicht schlecht. Ich weiß zwar nicht, was Du genau machst beruflich (war ja bis jetzt alles geheim). Aber zumindest historisch liegst Du voll im Trend. Wie gesagt: erst kommen die Patente, dann das Unternehmertum (du hast doch Patente, wie ich Deinem Manuskript entnehme, das dem letzten Brief beigelegt war). Und bürgerliche Revolution sowie parlamentarische Demokratie bekommst Du noch dazugeliefert.

Übrigens – Spaß beiseite – ich würde das tatsächlich einmal prüfen. Geld scheint es ja demnächst fast auf der Straße zu geben, was nicht so bleiben dürfte.

Allerdings solltest Du es nicht so weit treiben, wie ein Landsmann von Dir, den ich vorgestern, wieder in Waiblingen, zu verarzten hatte (wie passend – ich komme sonst höchstens alle halbe Jahre dorthin). Der hat es mit der Befreiung der „Leibeignen“ etwas übertrieben und hat kurzerhand alle seine Arbeitnehmer zu selbständigen Unternehmern gemacht, mit der praktischen Folge, daß man dann keine Lohnsteuern und Sozialabgaben für sie abzuführen und auch sonst keine Arbeitgeberpflichten einzuhalten braucht. Und um das Arbeitgeberparadies vollständig zu machen, hat er seine Leute auch noch an die Großindustrie verliehen und dadurch die Investitionen gespart. Das ist die Quadratur des kapitalistischen Kreises: Arbeitgeber sein, ohne Pflichten, ohne Risiko und ohne Betrieb. Ich habe dafür einen Begriff geprägt, auf den ich das „Patentrecht“‘ habe: „Beschäftigungsdreieck“. Bloß, daß ich damit nichts verdienen kann.

Wir Staatsanwälte sind halt im Kapitalismus allemal die Verlierer. Mein Kollege Bacon – er war Generalstaatsanwalt von England – unterlag den Verlockungen des Kapitals. Offenbar hat ihn seine Beteiligung an der Erzeugung des großen Geldes – er war auch Vorsitzender der Patentkommission – schwach gemacht. Jedenfalls ließ er sich bestechen und verlor seinen Job (allerdings hatte er dadurch die Zeit, gute Bücher u.a. über die induktive Denkmethode zu schreiben). Bist Du unbestechlich, wie ich, verdienst Du nichts. Du hast keine Zeit, gute Bücher zu schreiben und kannst induktive Moraltheorien allenfalls in Briefen entwickeln. Und schließlich kannst Du auch nicht auf eine Angleichung Deines Lohnes an die allgemeine kapitalistische Entwicklung hoffen, weil Dein Arbeitgeber das Geld zum Aufbau des Kapitalismus in der DDR braucht.

Passend?

Grüsse an Alle

Klaus

Wandlitz 15.2.90

Lieber Klaus!

Vielen Dank für Deinen Brief vom 30.1.. Wir sind hier für eine Woche Kurzurlauber in einem kleinen Ferienheim der Dewag (Paulas Betrieb) – 250 Mark Vollpension für uns vier – eine der typischen Errungenschaften und in diesem Falle eine der „positiven“. Leider wird des das letzte Mal sein, denn in Zukunft soll alles hier „kostendeckend“ und damit für uns unbezahlbar werden (Man spricht ganz offiziell vom 8-10-fachen). Die Kosten sind vor allen deshalb so hoch, weil das volkseigene und damit praktisch herrenlose Betriebsgeld bisher hier wie überall mit vollen Händen ausgegeben wurde und niemand daran dachte, die Mittel etwa „effektiv“ auszugeben. So kommt es, dass für dieses (wirklich schöne) Heim mit etwa 40 Betten allein 3 Reihenhäuser für das Personal errichtet wurden und in unserem Arbeitskräftemangelstaat sich hier die Angestellten fast tottreten – einer ist allein für die Kellersauna zuständig, die zwei- bis dreimal pro Woche für ein paar Stunden genutzt wird.

Dass für den Dewag – Direktor hier immer ein Appartement freigehalten wurde, muß wohl kaum extra erwähnt werden (Seit der Wende ist es angeblich zur freien Verfügung des Feriendienstes, aber – Oh Wunder – bis jetzt steht es als einziges Zimmer leer.)

Die berühmte „Waldsiedlung“ befindet sich nur zwei Kilometer von hier. Leider sind wir für die offiziellen Führungen um 10 Tage zu spät gekommen und sind ein wenig traurig darüber, denn wenn auch keinerlei Sensationen dort drinnen (jetzt) zu erwarten sind, hätten wir doch gern den Enkeln darüber berichtet.

Nun zu Deinem Brief: Zu meinem Werk ist zu sagen, dass das Manuskript abgeschlossen ist und auch der „Bruder“ Klaus darin einigemale zu Wort kommt und zwar als der Briefe – ohne – Antwort -Schreiber. Deine Gedanken haben mir da sehr geholfen (die Passagen zur französischen Revolution habe ich fast wörtlich übernommen, in dem guten Glauben an Dein Einverständnis) und sollte das ganze jemals gedruckt werden, gebe ich einen aus. (Nächste Woche soll ich beim 1. Verlag zurückfragen.)

Du gehst sehr ausführlich in Deinem Brief auf die Sozialismus – Kapitalismus – Problematik ein und ich will Dir gern darauf antworten, zumal es hier einen sehr engen Zusammenhang zur gegenwärtig dominanten Deutschen Frage gibt, um die ich mich – trotz anderer Ankündigung – bisher herumgedrückt habe. (Sie wird auch im Buch, das in der Weihnachtswoche abschließt, praktisch nicht diskutiert.)

Inzwischen ist es möglich, wieder einigermaßen nüchtern zu analysieren, was uns denn in den letzten Monaten wirklich „passiert“ ist und ich habe auch noch rotes Selbstvertrauen genug, diese Analyse frech auf der Basis des dialektischen und historischen (Marx´schen) Materialismus zu versuchen:

Dabei will ich es mir einfach machen und jetzt nicht darüber richten, welche konkreten Mechanismen dazu geführt haben, dass es möglich war, in allen „sozialistischen“ Ländern Millionen wirklich gutwilliger Genossen jahrzehntlang zu verarschen und erfolgreich zu missbrauchen. Es sei an dieser Stelle nur angedeutet, dass die meisten dieser Länder vor dem Real Existierenden Sozialismus faschistisch (wie Ost-Deutschland, Polen, Bulgarien) oder feudalistisch (wie Russland und die asiatischen sozialistischen Länder) geprägt waren. Leute, die in der DDR leben, sind weit über 70 Jahre alt, wenn sie Demokratie noch bewusst erlebt haben. Alle anderen kennen die Nicht-Diktatur nur aus dem Fernsehen und haben darüber ebenso nebulösen Vorstellungen wie über die Waschkraft des Weißen Riesen. Aber, wie gesagt, dies sollte mein Thema auch gar nicht sein.

Für unsereinen war es bisher ungeheuer schwer, Klarheit über die Rolle unserer Gesellschaft zu gewinnen, da praktisch keinerlei oppositionelle Literatur verfügbar war (und die oberflächlichen TV- Statements der Westkanäle keine fundierten Zeitungskommentare oder gar politwissenschaftliche Literatur ersetzen können.). Deshalb beispielsweise der Heißhunger des Herbstes ´88 nach dem schließlich verbotenen „Sputnik“. Nach der Wiederzulassung vor acht Wochen hat er heute kaum irgendwelche Brisanz für uns und ist das wer eigentlich schon immer war: Ein recht hübscher Digest der sowjetischen Presse, mit einigen interessanten Beiträgen zu Politik und Geschichte. Vor der Wende aber war er das einzige Presseerzeugnis, das ab und an einen Beitrag brachte, der mittelbar auch unsere Verhältnisse kritisierte.

Kurz: Analyse der eigenen Gegenwart ist für Autodidakten schon schwierig genug. Bei uns aber fehlte gar das „Lehrmaterial“. Man musste sich seine Kenntnisse sogar noch selbst (zu) erarbeiten (versuchen). Jedes halbwegs brauchbare Papier war da hochwillkommen. Für mich hatte das Buch von Prof. Woslenski über die „Nomenklatura“ eine immense Bedeutung, das ich vor einigen Jahren in die Finger bekam. Ich fand hier (geschrieben aus der mir vertrauten Sicht der Marx´chen Dialektik) einen Gedankenrahmen, in den alle meine selbst erarbeiteten Erkenntnisse wunderbar hineinpassten. Bis zu unserer Revolution war ich allerdings immer noch in der Rolle eines Atheisten befangen, der bis zuletzt hofft, Gott möge sich ihm doch noch offenbaren. Der Abschied von den eigenen Illusionen ist doch einer der schwersten.

Heute kann ich mich als von Lenin verarschten Marxisten bezeichnen. Das Problem des Real Existierenden Sozialismus bestand offenbar wirklich darin, dass er eine Mischung feudaler Machtstrukturen mit sozialistischer Ideologie bildete. Wenn man bereit ist, zuzugeben, dass die Oktoberrevolution Lenins im Grunde nichts anderes als der Putsch einer Kaste von „Berufsrevolutionären“ war und im Sinne des dialektischen und historischen Materialismus also das konterrevolutionäre Element in der Russischen (bürgerlich-demokratischen) Februarrevolution bildete – die als einziges damals wirklich aufgrund der Entwicklung der Produktivkräfte auf der Tagesordnung stand – wird alles weitere so ziemlich transparent: Dies seitdem installierten neofeudalen Strukturen mussten nach der Marx´schen Logik irgendwann die endgültige Grenze der Produktivkraftentwicklung erreichen und sich der kapitalistischen Produktionsweise als unterlegen erweisen. Die Folge ist eine bürgerlich – demokratischen Revolution (bzw. ihr 2. Anlauf) mit dem Ziel die bürgerlichen Freiheiten und die Marktwirtschaft einzuführen. Und genau das erleben wir nun auf unseren Strassen. Speziell für Deutschland kommt noch hinzu, dass zwei bürgerliche Staaten eines Volkes hinderlich wären, und so ist der Ruf nach Einheit (zumindest bei uns) vollkommen logisch.

Es wird also unweigerlich zu einem einzigen Deutschland nach dem Muster der Bundesrepublik kommen müssen, und im weiteren dann zu einem vereinigten kapitalistischen (!) Europa. Und den Marxisten wird nichts anders übrig bleiben, als diese Entwicklung zu begrüßen.

Es bleibt die Frage nach der roten Perspektive. Nach Marx weitergefolgert wird es so lange keinen Sozialismus geben, bis der Kapitalismus seine immensen Potenzen wirklich ausgereizt hat und das wird sicher noch eine ganze Weile dauern. Aber dann…. Wahrscheinlich kommt die sozialistische „Revolution“ ganz allmählich daherspaziert, indem der sozialstaatliche Charakter sukzessive zunimmt und auch die Vergesellschaftung der Produktion, so dass die Ausbeutungsrate abnimmt (bis jetzt steigt sie ja immer noch).

Es gibt allerdings ein entscheidendes Problem. Das bürgerliche Gesellschaftsmodell mag für Europa, Japan, die USA und noch einige Staaten gut funktionieren – für 6, 8 oder gar 10 Milliarden Menschen ist es untauglich, ja es funktioniert offenbar sowieso nur deshalb so gut, weil der größte Teil der Welt – aus vielschichtigen Gründen / hier habe ich übrigens damals bei Dir eine Reihe interessanten Aspekte kennen gelernt, insbesondere zum Ausbeutungsmechanismus in der 3. Welt und der Rolle der einheimischen Führung / übrigens (wahrscheinlich wegen der gemeinsamen feudalen Grundstrukturen) nicht selten kaum von der Rolle unserer „Arbeiterführer“ abweichend – daran nicht teil hat und die (nach Marx) ausgebeuteten Klassen der kapitalistischen Industrieländer ihrerseits kräftig an der Ausbeutung der „Klassenbrüder“ in der 3. Welt teilhaben (in den Industrieländern verwischen sich damit natürlich die Klassenkonturen). Nicht umsonst sind bei Euch die Bananen billiger als einheimische Äpfel.

De facto gilt dies auch bezüglich Osteuropa und der DDR. Selbstverständlich liegt es an unserem unfähigem Wirtschaften, wenn der DRR- Außenhandel im Mittel (!) für 4 Mark Aufwand 1 D- Mark einspielte. Aber wenn der Bundesbürger für den Arbeitslohn einer Arbeitstunde ein im Osten hergestelltes Produkt erwirbt, das man beim besten Willen nur in 6 oder 8 Stunden herstellen kann, hat er ja wohl an der Ausbeutung kräftig teil, oder ?. Der Schnitt verläuft also heute weniger zwischen den „Klassen“ eines Landes als vielmehr zwischen ausgebeuteten und ausbeutenden Völkern, wobei die Führung der ausgebeuteten Völker die mieseste Rolle spielt.

Vielleicht ist hier wirklich der Punkt wo (im nächsten Jahrhundert) die von Dir zitierte Moral einsetzen muß, den ich kann mir wohl 10 Milliarden glückliche und satte Menschen vorstellen, aber nicht 5 Milliarden private PKW, 5 Milliarden „Häuschen mit Garten“ usw.

Das kommunistische Prinzip „jedem nach seinen Bedürfnissen“ kann – wenn überhaupt – nur dann funktionieren, wenn die Menschen von ihren bescheuerten bürgerlichen „Denver – und Dallas – Bedürfnissen herunterkommen. Freie Bahn also der (kommunistischen ??) Moral!

Ich glaube, dass der Sozialismus (und seine Arbeits- und Lebensprinzipien) nicht tot, sondern noch gar nicht geboren ist. Seine Ideologie war und ist jedoch schon weit verbreitet (nicht zuletzt, weil die menschlichen Gesellschaftsideale seit Jahrtausenden immer ungefähr gleich sind). Das bringt den Vorteil, durch eine starke linke Bewegung auch in der bürgerlichen Gesellschaft immer schon mal ein starkes sozialistisches Element einzubringen, birgt aber gleichzeitig die Gefahr, dass jede antikapitalistische Bewegung gleich als „sozialistisch“ verkauft werden kann (und feudale Gesellschaften sind nun mal leider auch antikapitalistisch).

Der Kapitalismus wird jedenfalls irgendwann an seine Grenzen stoßen und dann von der Masse der Menschen nicht mehr akzeptiert werden. Wie sich dieser Übergang zum Sozialismus dann vollziehen wird, sei dahingestellt. Ganz sicher jedoch nicht, indem irgendwelche rote Garden in Lenin´scher Manier die Bahnhöfe und Telegrafenämter besetzen. Es wird ganz sicher auch ein Kontinente umfassender Prozess sein, denn solange noch Nationalstaaten alter Prägung existieren, hat der Kapitalismus seine Potenzen noch lange nicht ausgereizt. In diesem Sinne erfüllt sich dann auch die Marx´sche Prognose von der Weltrevolution (eine These, mit der sich die Bolschewiki in Russland sehr schwer taten. Lenin musste extra eine neue Revolutionstheorie erfinden, um diesen Widerspruch zu lösen).

In diesem Zusammenhang noch einige Sätze zur Planwirtschaft: Ich entnehme Deinen Briefen, dass auch Du – fast ohne Nachdenken / und ich meine dies nicht als Vorwurf – die These von dem Gegensatz von Marktwirtschaft und Planwirtschaft (selbstverständlich mit dem Nachsatz, das erste System hätte seine Überlegenheit, das zweite seine Untauglichkeit bewiesen) übernommen hast. Ich möchte aber ausdrücklich darauf hinweisen, dass hier ein Wirtschaftsprinzip ebenso wie eine ganze Gesellschaftsordnung durch ein System in Misskredit gebracht wurde, das den Namen unberechtigt ursurpiert hatte.

Wir hatten in den sozialistischen Ländern Marktwirtschaft ! (und haben sie noch). Bei uns wurden Waren produziert, die auf einem Markt realisiert werden mussten. Es erfolgte ein Austausch von Werten, es gab und gibt Ware-Geld Beziehungen usw.

Die Tatsache, dass in den (meisten) sozialistischen Ländern die primitivsten finanztechnischen Regeln verletzt wurden, um durch die damit entstehende Mangelwirtschaft die Ausbeutung zu erhöhen, dass willkürlich Monopol (!) Preise festgelegt wurde, dass unfähig Leute in Chefetagen aufsteigen konnten, dass ständig in die Betriebe aus politischem Schwachsinn hineinadministriert wurde, dass …, dies alles führt zwar zu Misswirtschaft, macht doch aber bitte schön noch keine Planwirtschaft aus.

Sicher es gab eine staatliche Plankommission, es wurden für Betriebe Jahres- und sogar Fünfjahrespläne aufgestellt. Aber wenn man bedenkt, dass praktisch die ganze Wirtschaft der DDR einen einzigen großen Konzern bildete (mit G. Mittag als Direktor und dem Politbüro als Aufsichtsrat), ist dies mehr als logisch. Nichts anderes – nur besser – machen westliche Unternehmen. Bei uns trug es aber immer den Charakter der Mängelverwaltung und die aufgestellten Pläne wurde ohnehin nicht eingehalten. In der Regel stimmten nicht mal die Bilanzen am Jahresanfang – vom Dezember ganz zu schweigen. Kurz: Unserer sogenannte Planwirtschaft war ein (schlecht organisiertes) Kartensystem wie es andere Gesellschaftssysteme in Krisen – d.h. Kriegszeiten auch manchmal anwenden. Mit sozialistischer Planwirtschaft, die als Hauptaufgabe ja die Verhinderung von Überproduktionskrisen hat (und daher später auch einmal unverzichtbar wird), hat unser Quatsch wirklich nur den Namen gemein. De facto gab es hier eine schlechte sozialistische Marktwirtschaft (mit einem bedauernswerten Markt).

Nun ist es natürlich bitter, eine jahrzehntelange Entwicklung – für die sich viele gerade auch unter Hintanstellung persönlicher Interessen eingesetzt haben – als im Grunde reaktionär zu erkennen. Es bleibt aber Trost und Hoffnung für die Zukunft, denn erstens sind tatsächlich einige vorsozialistische Errungenschaften bei uns erreicht worden (und haben kräftig auch auf den Westen ausgestrahlt) und zweitens hat auch der Real Existierende Sozialismus als Buhmann zumindest den westlichen Einigungsprozeß unfreiwillig aber kräftig unterstützt.

Nur haben leider die Falschen das Menü bezahlt. Dabei haben wir in der DDR noch die größere Chance, dass wir uns an das Ende des gedeckten Tisches noch mit ransetzen dürfen (ich hoffe der Herr Bundeskanzler wird im Blick auf eine gesamtdeutsche Wahl im Dezember seinen Geiz vom 14. Februar noch überwinden und für uns ein paar Teller aufdecken lassen). Die Polen, die Ungarn, Rumänen usw. und vor allem die Sowjets haben da eine unvergleichlich traurigere Zukunft vor sich.

Mit diesem optimistischen Schluss verabschiede ich mich für heute.

Grüße an Judy und die Kinder

Dein Frank

PS Nach Redaktionsschluß fand ich noch einen Artikel von Helga Königsdorf, der alles viel besser ausdrückt als ich es selbst formulieren könnte. Ich lege ihn bei.

Briefe aus der Wendezeit – Teil 2

 

Stuttgart, 16.1.1990

 Lieber Frank, 

die Diskussionen. die z.Zt. bei Euch und über Euch stattfinden sind wirklich aufregend. So will ich Dir denn spontan noch über meine Eindrücke schreiben von einer Diskussion, die ich bis eben gerade (1.15 Uhr) im Fernsehen mitverfolgt habe. Sie fand in Potsdam mit den meisten Leuten Eurer neuen Politprominenz statt. Wie anders sieht eine solche Diskussion als bei unseren Politikern aus. Man hat bei unseren Diskussionen meist den Eindruck, daß sie nach vorgestanzten Schablonen verlaufen. Politprofis geben in glatten Formeln ihre Statements ab, die schon duzende Male durchgekaut sind. Sie variieren nur die Grundmuster, je nach dem Gegenstand, um den es geht. Die Diskussion bewegt sich nicht und sie bewegt nichts. Sie dient hauptsächlich dazu, sich zu präsentieren, gut auszusehen und längst beschlossene immer gleiche Positionen fest- und dem Publikum einzuhämmern. Seine Meinung zu ändern, eine gegnerische Position anzuerkennen, zuzugeben, daß man etwas dazugelernt hat, gilt als Unsicherheit, die man fürchten muß, wie den politischen Teufel. Um Himmels willen aber darf eine politische Gruppierung nicht uneinig erscheinen (Ausnahme: Die Grünen). Und so herrscht der aberwitzige Drang, sich anzupassen, seine Eigenständigkeit zu verleugnen und sich stromlinienförmig zu machen. Ich frage mich immer, welch seltsames Bild diese Leute von denen haben müssen, denen sie sich nur als eine einige Gruppe glauben präsentieren zu können. Und welches Bild haben sie von sich selbst, wenn sie sich in einer solchen Rolle wohlfühlen, womit ich nichts gegen den pragmatischen Vorteil einer abgeschlossenen Diskussion sagen will. Vielleicht kommt Dir diese Beschreibung unseres Politikerverhaltens bekannt vor. Die extremste Form davon, habt ihr .ja gerade hinter Euch.

Ganz anders die Diskussion, die ich eben verfolgt habe. Die Diskutanten sind zum erheblichen Teil noch ungeübt. Sie ringen mit den Worten und Gedanken, sie geben auch Positionen zu, die eine andere Gruppierung hat, modifizieren ihre Position, stellen Fragen, allerdings auch wenig sinnvolle, zeigen Ratlosigkeit. Als Zuhörer hat man das Gefühl, man könne an einer solchen Diskussion selbst teilnahmen, könne etwas bewegen und das bewegt einen selbst (bei hiesigen Diskussionen schaltet man bald ab). Das Ganze erinnert mich sehr an die tastenden Versuche der französischen Revolution, neue Gesellschafts- und Verfassungsmodelle zu entwerfen. Es ist eine faszinierende Situation, alles noch einmal neu durchdenken zu können. Allerdings ist es in Eurem Fall auch nicht ganz unproblematisch. Nicht nur, weil man in der Gefahr steht, eine Reihe von Fehlversuchen zu machen und – vielleicht zu viel – Lehrgeld zu bezahlen, wie die Franzosen. Euch laufen die Zeit und die Menschen davon. Da ist es ein ziemlicher Luxus, sich zahlreiche politische Debütanten leisten zu müssen. In der Tat sind manche Positionen der allzu vielen neuen politischen Gruppen noch einigermaßen naiv und man kann nur hoffen, daß sie sich die Fähigkeit zur Weiterentwicklung auf dem offenbar noch langen Weg zu praktikablen Vorstellungen offen halten. Denn vieles klingt noch sehr theoretisch und ein wenig wie in einem universitären Oberseminar. Immer wieder sind es die Vorstellungen über die Funktionsweise der Wirtschaft, insbesondere der unsrigen, die sehr unklar sind und bezeichnenderweise verläuft man sich sehr bald in Allgemeinheiten und abenteuerlichen Vermutungen über unsere soziale Wirklichkeit. Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie wenig gerade Eure Leute von ihrem Marx gelernt haben, der doch immerhin klargestellt hat daß die Wirtschaft die Seele der meisten gesellschaftlichen Bereiche ist. Man redet jetzt viel auch von Umweltschutz bei Euch. Wenn man sich ein wenig in der Welt umschaut, so zeigt sich sehr schnell, daß er eine Funktion des Wohlstandes ist. Dort wo der Lebensstandard niedrig ist, liegt auch der Umweltschutz im Argen. Und wo es gar um das nackte Überleben geht, wie in den Entwicklungsländern, ist die Vokabel nicht nur unbekannt, sondern wird geradezu als absurd empfunden. Ähnliches gilt für viele soziale Schutzrechte. Manche Eurer Neulinge scheinen aber am liebsten das Fell verteilen zu wollen, bevor dessen Träger geboren ist, womit ich natürlich nichts gegen Umweltschutz und starke soziale Rechte gesagt haben will. 

Es ist natürlich ein vertrackte Sache mit der Wirtschaft. Ein sozialistisch gebildetes Gemüt hat vermutlich seine Schwierigkeiten mit der Vorstellung, daß man Betriebe kaputtmachen muß, um die Wirtschaft effizienter zu machen (Konkurspflicht – so was gibt es hier!); oder daß die Möglichkeit von u.U. schnellen Personalentlassungen die Voraussetzung für Arbeitsplatzsicherheit ist. (wenn nur so die Rentabilität eines Betriebes gesichert werden kann – womit ich nichts für hire and fire gesagt haben will; es gibt viele denkbare Zwischenlösungen). 

Es gab auch Realisten und zu denen muß man wohl – wiewohl SED-Mitglied – den Herrn Berghofer rechnen. Sein Satz, mit der Öffnung der Grenzen habe man sich an ein sehr starkes Wirtschaftssystem angekoppelt, woraus sich eine ganze Reihe rein tatsächlicher Konsequenzen ergäben, enthält ein ganzes Programm. Auch sein Satz, durch die Berührung mit dem Westen seien völlig neue Qualitätsbedürfnisse entstanden, kann in seinen praktischen Auswirkungen kaum unterschätzt werden. Es ist merkwürdig – man kann mit mehr oder weniger Wohlstand zufrieden sein und weiß Gott, man braucht eigentlich nicht viel. Aber die wenigsten sind mit wenig zufrieden, wenn die Nachbarn viel haben. Frei fühlt man sich erst, wenn man das Wenige selbst gewählt hat und das setzt voraus, daß man die – vielleicht nur abstrakte – Möglichkeit zu mehr hat. Das sind wohl psychologische Tatsachen und bei so engen Nachbarn, wie wir es sind, kann man das nur schwer überkompensieren. 

Ja das sind so meine Gedanken bei diesen aufregenden Diskussionen. lch wünschte, ich könnte dabei sein. Denn obwohl wir hier täglich mit den Problemen konfrontiert werden, die sich aus den Umwälzungen von Drüben ergeben, letztlich sind wir doch nur Zaungäste bei diesen erstaunlichen Ereignissen. 

Übrigens habe ich in der letzten Zeit auf einem ganz anderen Sektor deutsch – deutsche Studien getrieben. Robert Schumann hatte von Leipzig aus, einen hoch interessanten Streit mit einem Stuttgarter Musikschriftsteller und Wirtschafts- kriminellen. Ich werde einen Aufsatz darüber schreiben. Ich schicke ihn Dir, wenn er fertig ist (wird). 

Gruß

Klaus 

 

Berlin, 11. 01. 90

 Lieber Klaus! 

Du bist wirklich ein Fleißiger! Ich schicke Dir hier noch ein paar „alte“ Ansichten, die halbwegs druckreif sind. Viel kommt in dieser Machart nicht mehr, weil die Tagebuch-story mit dem Jahreswechsel zu einem (blutigen) Ende geführt wird – irgendwann muß ich mich schließlich um den Feinschliff und dann vielleicht auch um einen Verlag kümmern. 

Für mich wird es damit zwar mühsamer an Dich zu schreiben (es fällt halt nicht mehr einfach mit ab), aber Du hast dann den Vorteil, daß es sich nunmehr um wirklich authentische Geislersche Ansichten handelt, ohne schriftstellerische Kompromisse. Insofern ist dieser Brief schon ein Vorgeschmack. 

Zur Zweistaatlichkeit kommt demnächst (in alter Manier) noch einiges nach (halbwegs meine Ansicht „damals“ – sofern dieser Begriff für verflossene 4 Wochen angebracht ist). 

Am meisten beschäftigt mich zur Zeit die Rolle der demokratischen Linken in diesem noch bestehenden Land (zu denen ich mich bisher und immer noch zurechne). 

Ich bin inzwischen zunehmend pessimistischer und politisch depressiv. Man kommt sich immer stärker vor wie das kleine Häuflein rückzugdeckender Fanatiker, die bis zuletzt alles einsetzen – nur um den Bonzen und ihren Koffern die Flucht zu erleichtern. Wir Deutschen haben da ja Erfahrung. 

Ich hatte sehr gehofft, daß sich auf dem Sonderparteitag vor Weihnachten die SED spaltet und sich damit dann endlich die marxistische Linke an der Revolution beteiligt. Alles andere war und ist Quatsch, auch der faule Kompromiß mit dem Doppelnamen. Aber nomen est omen. Diese Bindestrich-Partei vereint nach wie vor die Sozialistischen Demokraten und die Betonköpfe. Schnitzler und Geisler im selben Verein! Zum Kotzen!   

Der Anteil der Stalinisten steigt sogar zwangsläufig, denn die Karrieristen – ehemals mindestens eine Million – laufen in Scharen davon (Wozu soll man auch 50 Mark Beitrag zahlen – im Monat/bei 1000 Mark netto – wenn man auch ohne Parteiabzeichen seinen Posten behalten kann, vielleicht sogar sicherer, denn wer traut sich heute jemanden abzusetzen, der gerade aus der Partei ausgetreten ist. So ändern sich die Zeiten) und viele ehrliche Leute haben die SED schon aus Enttäuschung verlassen, aber nur ganz wenige Stalinisten. Diese brauchen um’s Verrecken eine politische Heimat, und wenn es im Untergrund ist, aber ohne (irgendeine) Partei sind sie tot. (Fairerweise sollte man ihnen die auch zugestehen) Deshalb hätte auch eine Auflösung mit anschließender Neugründung, wie einige Naivlinge gefordert haben, überhaupt keinen Sinn. Es ist reine inkonsequente Kinderei, darüber nachzudenken. 

Auch der Hickhack „rein in die Betriebe oder raus aus die Betriebe“ geht in diese Richtung. Etliche fürchten sich ganz einfach vor dem rauhen politischen Leben „draußen“, wo sie keiner kennt, und wollen deshalb in ihren vertrauten, wenn auch inzwischen halbierten, Betriebsparteiorganisationen überwintern. Die Beschlüsse in den Wohngebieten fassen dann die Alten/Rentner (80% Stalinisten), die Mitarbeiter der aufgelösten Stasi und geschleifter Ministerien (90% Stalinisten) und ein paar Weiber im Mütterjahr. 

Das wird ein schöner Wahlkampf werden. Apropos: „Wenn am nächsten Sonntag Wahl wäre“ – ich würde zuhause bleiben. Nicht mal meine (noch!) eigene Partei bekäme meine Stimme. Ein tolles Gefühl. 

Die sogenannte Regierung Modrow macht alles mögliche, aber kaum noch irgendetwas was meinen Beifall findet. Nagelprobe ist die Frage der Bezahlung für die abgesägten Apparatschiks. Die Revolution ist ja wohl kaum gemacht worden, damit solche Leute wie bisher auch in Zukunft das doppelte Geld „verdienen“. Vollkommen logisch, daß gestreikt wird, sobald sich die Einzelheiten herumgesprochen haben. Damit ist aber wahrscheinlich eine Hemmschwelle endgültig überschritten und ich will nicht spekulieren, was sich daraus nun entwickeln kann. Die Gewerkschaft ist mausetot – sie hatte ohnehin nur Ferienplätze zu verteilen und Soligelder zu kassieren – und so läuft alles was läuft außerdem auch noch anarchisch. 

(Scheinbar) zweiter Streitpunkt sind Verfassungsschutz und Abwehr. Von nahem betrachtet geht es aber um das selbe wie bei der Apparatschikbezahlung: Restauration der Verhältnisse – das allein ist schon schlimm genug aber – es soll auch möglichst keinem der alten Kaste wehtun. Also eine Art Maximalprogramm der Konterrevolution. 

Das Gespenst des Faschismus kommt da gerade recht. „Jetzt geht es erst einmal um die Einheit aller demokratischen Kräfte, für Demokratie ist immer noch Zeit“. Ich bin nicht zur Demo „gegen rechts“ am Treptower Ehrenmal marschiert. Ich hatte von Anfang an ein beschissenes Gefühl.  Die Fernseh-Übertragung erinnerte denn auch beklemmend an die gute alte Zeit und Freunde, die dort waren, haben das bestätigt. Und was das Schlimmste ist: Mir bekannte Stalinisten, die bis vor vier Wochen kurz vor dem Selbstmord standen, fühlen sich zunehmend wohler… Ein ziemlich mieses Gefühl, in einer Revolution, die man lange herbeigesehnt hat, auf Seiten der Reaktion zu stehen. Ich weiß nicht, ob Du aus der Ferne verstehen kannst, daß ich bis heute aus dieser Partei noch nicht ausgetreten bin. Aber auch mir fehlte dann ganz einfach die politische Heimat, denn eine Partei des Demokratischen Sozialismus (nicht des Sozialdemokratismus) gibt es eben bis dato noch nicht in diesem Lande und alle in meinem Sinne Gleichgesinnten sind nun einmal noch oder waren bis vor kurzem in dieser nunmehr endgültig hoffnungslosen SED. Kurz: Alles wenig hoffnungsvoll für die Linke. Zunehmend Oberwasser für die Gesamtdeutschen. Mit ziemlichem – und hoffentlich nur zeitweiligem – Pessimismus grüßt Dich und die Deinen ganz herzlich  

Dein Frank

 PS: Das beiliegende „Steinchen“ ist garantiert echt. Eigene Handarbeit – vom Checkpoint Charlie  

Anhang (Tagebuch von Gerhard H.)

Freitag, 24. November 

Ein wunderbares Gefühl: Leben mitten in einer Revolution! Zwar ist da noch immer die Angst vor Mord und Totschlag, aber was um uns passiert, was mit uns passiert, ist einfach wunderbar. 

Die volle Tragweite des Geschehens ist bestimmt erst aus zeitlicher Distanz zu erfassen, aber das Empfinden, eine große Zeit zu durchmessen, Dinge zu erleben, die einmalig und ungeheuer sind, wächst und füllt uns fast aus. Alles private, die kleinen Alltagssorgen, der Abwasch, die ausstehende Renovierung und die Hausaufgaben der Kinder werden ungeheuer nebensächlich. Der Informationshunger beherrscht die Menschen. Lange Schlangen vor den Zeitungskiosken. Man kauft nicht eine Tageszeitung wie früher, sondern zwei, drei, alle, die noch zu haben sind. Die Presse der „Block“parteien ist plötzlich nicht mehr der verzögerte Abklatsch der SED-„Organe“. Es lohnt, sie AUCH zu lesen. Überall stehen andere Meinungen und kontroverse Kommentare, noch vor 6 Wochen eine wahnwitzige Vorstellung. Vor 6 Wochen! 

Die „Aktuelle Kamera“ jahrzehntelang degeneriert zum Hofberichterstatter, ein Tiefpunkt der ohnehin schon miesen Einschaltquoten, sie wird zur gefragtesten Sendung. Man erwägt die Einspeisung in bundesdeutsche Kabelnetze. 

Dazu: Westnachrichten, Sondersendungen, Spätausgaben, Diskussionsrunden, der Rundfunk… irgendwann ist der Punkt erreicht, wo man sich nicht mehr in der Lage fühlt, die dargebotenen Informationen auch abzuziehen und zu verdauen. Viele verzichten schon auf die WESTnachrichten, das ist vielleicht das Allerverrückteste. 

Ungeheuer beeindruckend, wie alltäglich wird, was vor einem Monat noch Sensation war: In der „Berliner“ Tips des Westberliner Polizeipräsidenten für den Besucherverkehr, das „ND“ druckt die Westprogramme und warnt vor Analverkehr, Reporter rücken der „Waldsiedlung Wandlitz“ auf den Pelz. Der Sprecher der „Aktuellen Kamera“ spart kostbare Sendezeit: „Das vollständige Interview mit Egon Krenz sendet die ARD um zwanzig Uhr fünfzehn.“. Günter Mittag aus der Partei ausgeschlossen, gegen Honecker ein Verfahren eröffnet, Kreissekretäre erschießen sich. Das Neue Forum und „Demokratie Jetzt“ rufen in der Zeitung zum Kampf gegen den Ostmarkschmuggel auf, UNSERE Sozialdemokraten sprechen vor der Sozialistischen Internationale. Alle reden von Verfassungsänderungen, freien Wahlen… Die Alltäglichkeit der Sensationen – Merkmal der Revolution. 

Richtig faßbar aber wird das Unfaßbare allein auf dem Ku’Damm. Vielleicht ziehen vor allem deshalb die Millionen jede Woche gen Westen.Vielleicht geht es gar nicht um die 100 D-Mark, Bananen und Kassettenrecorder. Vielleicht ist sie nur im Westen so richtig zu greifen, die neue Freiheit, UNSERE Freiheit, goldene Frucht der Revolution – und bisher auch so ziemlich die einzige. Alles andere könnte ein Trick sein: Sonntagsgespräche, abgebaute Stasi, abgelöste Funktionäre, offene Presse, versprochene Wahlen… Die Freiheit des Reisens jedoch, die ist greifbar, erlebbar, die ist wirklich, heute schon, jetzt, unumkehrbar. Was tut es da schon, daß wir als arme Jacken über den Ku’Damm bummeln, daß uns nicht alles gefällt, Berührungsängste hochkommen. Wir haben sie, DIESE Freiheit. Und drängelnd zwischen KaDeWe und Gedächtniskirche scheint es einfach undenkbar, sie könnte uns wieder genommen werden. Schwer vorstellbar, der Stalinismus könnte wieder erblühen in einem Land frei reisender Bürger. Wohl deshalb haben die einen so eifrig ihre Grenze befestigt, und die anderen so verbissen versucht, sie zu überwinden. Nun ist sie überwunden und nur die Aufhebung der Leibeigenschaft mag in den Menschen ähnliche Gefühle erzeugt haben. Und siehe da: Die vielbeschworene Katastrophe blieb aus. Die Anarchie herrschte nur eine Nacht lang, hunderttausende schwänzten die Arbeit – einen Tag lang. Einen weiteren schwätzten sie noch darüber und am dritten werkelte alles fast braver als zuvor. Ein Schaden sicher, aber kaum größer als ihn zwei, drei Jubelfeiern anrichten. Ein Gefühl, als hätten Eingeborene einen Tabustrich überschritten: Kein Blitz, kein donnerndes Strafgericht, keine Heuschreckenplage und kein blutiger Regen. Nur eine verstörte Priesterschar, die das Geschehen selbst nicht mehr begreift. 

Auch ein Charakteristikum der Revolution: Die totale Umberwertung der Wichtigkeiten. Wieviel zittrige Unterschriften ängstlicher Beamter brauchte es noch im Sommer, wollte ein einziger Betrieb einen einzigen Mitarbeiter für eine einzige Sekunde einen einzigen Schritt hinter den Eisernen Vorhang entsenden. Wieviele Beurteilungen mußten eingeholt, wieviele Nachbarn befragt, Führungszeugnisse gelesen, Vorschriften beachtet, Lehrgänge besucht, Unterweisungen durchgeführt, dokumentiert, paraphiert werden. Und wehe ihnen allen, wenn sich herausstellte, die verleugnete Tante aus Wuppertal hatte doch eine Osterkarte geschickt. 

Wen interessiert das heute noch, 6 Wochen später?  

Wieviel zittrige Unterschriften ängstlicher Beamter brauchte es noch Anfang Oktober, wollte ein ausländischer Sender in Limbach-Oberfrohna einen Fußgänger befragen. Wie schlechthin unvermeidlich war der Samstag-Unterricht. Wie unverzichtbar waren unsere Sperrgebiete, unsere Grenzzonen, Truppenübungsplätze. Wie kostbar war uns jeder einzelne Soldat. Ohne IHN hätten wir ihn niemals aufgehalten, den Ansturm der Bundeswehr durch das Brandenburger Tor. Wie hätte uns der Gegner fertiggemacht, hätte man nicht wachsam jedes Paket kontrolliert, jeden Brief überwacht, jedes Westtelefonat aufgezeichnet. Wie blaß hätte die Wirtschaft ausgesehen ohne Verschlußsachen, Wettbewerbe, Selbstverpflichtungen, Max- und Moritz-Messen, Jugendobjekte, und Traditionsecken, ohne „Schulen der sozialistischen Arbeit“, ohne Frauentagsfeiern, Aktivistennadeln, Wandzeitungen. Wie wären wir zusammengebrochen, hätte jeder Plebs auf der Straße seine Transparente aufstellen können. 

Keine 2 Monate ist das her. Wen aber interessiert das heute noch? Heute ist alles anders. Neue Wichtigkeiten, neue Verhältnisse, ein neues Land, neue Menschen. Neue Menschen?

 

Briefe aus der Wendezeit – Teil 1

Klaus Heitmann

und

Frank Geisler

DoppeltDeutsche

Wende-Briefe

Expeditionen über

die Reste der Mauer

1989 – 1999

Vorwort

Der vorliegende Original-Briefwechsel ist eine Folge des Falls der unseligen Mauer, welche Deutschland einst in zwei Teile zerriß. Seine Protagonisten lernten sich im Jahre 1985 während eines Familienurlaubs in Ungarn kennen, wo Deutsche aus Ost und West seinerzeit am ehesten Kontakt zueiander fanden. Aufgewachsen im jeweils anderen Teil des Landes und ohne Beziehungen über die Grenze stellten wir schon damals ein außerordentliches Bedürfnis nach Information und Meinungsaustausch fest, das wir in tagelangen Diskussionen am Strand des Plattensees zu befriedigen versuchten. Nach dem Urlaub trennte uns die Mauer wieder und – bedingt durch den jeweiligen Beruf – hielten wir den Kontakt in den folgenden vier Jahren nur lose und auf verdeckten Wegen aufrecht. Nachdem der Damm, der unsere Welten schied, gebrochen war, ergoß sich unser hoch aufgestautes Mitteilungsbedürfnis dann aber in Form einer wahren Briefflut über die unsägliche Demarkationslinie. Das Ziel, dieselbe endgültig wegzuspülen, war allerdings nicht so leicht zu erreichen, wie wir und andere anfangs gemeint hatten.

Stuttgart, 4.11.1989

Liebe Marianne, lieber Frank,

am Abend dieses „historischen Tages“ greife ich zur Feder und frage Euch wie Ihr die „Ereignisse“ seht, die uns (und Euch) nun täglich überschwemmen. Der Fernseher, insbesondere wenn er direkt an das DDR-Fernsehen angeschlossen ist, ist zur Zeit das Aufregendste, was man sich vorstellen kann. Wer hätte das gedacht, daß wir uns einmal darüber ärgern würden, Eure Kanäle nicht direkt empfangen zu können. Wir fühlen uns fast wie in Dresden. Nachdem ja nun jeder DDR-Bürger den „Westen“ wird besuchen können, hoffen wir doch sehr, Euch in nicht allzu weiter Ferne hier empfangen zu können. Es wird doch hoffentlich keine Einschränkungen der bisher praktizierten Art geben – von wegen Beruf etc?

Was in unseren Köpfen vorgeht angesichts der täglich sich überschlagenden Nachrichten, kann ich hier nur andeuten. Neben der Faszination über eine möglicherweise erfolgreiche deutsche Revolution, tun sich täglich neue Fragen auf, die uns zunehmend mehr aus der Rolle des Betrachters in die des direkt Betroffenen führen. Auch unser „Weltbild“ verschiebt sich, verdrängt bisherige Positionen und Probleme und lässt neue auftauchen, die z.T. die abgelegten alten sind. Fast könnte einen schwindelig werden.

Wir hoffen, bald von Euch zu hören – oder Euch zu sehen!

Alles Gute!

Klaus

 

 

Stuttgart, 4.11.1989

Lieber Frank,

nachdem ich soeben den Brief an Euch beide fertiggestellt habe, überfällt mich eine Idee, die ich Dir schnell mitteilen will, bevor mich wieder unabsehbare Trägheit daniederstreckt. Wir werden z.Zt. Zeugen unerhörter historischer Ereignisse. Aber wie so vieles wird auch dies an uns vorbeigehen und schon nach kurzer Zeit werden wir uns fragen, wie und was eigentlich alles geschehen ist, vor allem aber, was dabei in uns vorgegangen ist. Erfahrungsgemäß sind solche Rekonstruktionen mühsam und kaum mehr authentisch. Vieles wird miteinander vermischt und man neigt dazu, die Dinge vom Ergebnis her zu beurteilen. Jetzt aber sind wir noch mitten in den Ereignissen. Ich überlege mir daher, ob man nicht ihre Widerspiegelung in unseren Gedanken und Erlebnissen festhalten könnte. Natürlich könnte man ein Tagebuch schreiben. Aber ich stelle mir vor, daß ein deutsch – deutscher Briefwechsel aus der Nahperspektive noch viel interessanter wäre. Ich trete daher mit dem angesichts meiner bisherigen Schreibfaulheit sicherlich erstaunlichen Vorschlag an Dich heran, unsere (d.h. natürlich insbesondere meine) Schreibfrequenz erheblich zu dem genannten Zweck zu erhöhen. Natürlich muß man die Dinge nicht gleich übertreiben; eine „vollständige“ Erfassung der Ereignisse kann nicht das Ziel sein, eher ein Plaudern aus dem Nähkästchen. Anfangen könnte man z.B. mit den Reaktionen innerhalb der Familie. Wie erleben z.B. Deine Kinder das, was sich zur Zeit in Berlin oder im Fernsehen bei Euch abspielt? Was sagen sie dazu, daß möglicherweise auch Kinder aus ihrem Umkreis das Land verlassen? Unsere Kinder verfolgen die Dinge nicht zuletzt deswegen mit großen Interesse, weil sie durch Euch einen Kristallisationspunkt haben, an dem sie vieles, was sonst für sie abstrakt bliebe, festmachen können. Ich versuche Ihnen das Unerhörte der Situation klarzumachen, womit ich das politische Phänomen einer Revolution ohne Gewalt meine, die riesige Entfernungen in lauter kleinen Schritten zurücklegt.

Aber ich will .jetzt noch nicht allzu sehr loslegen und ohnehin soll das ja nicht in Arbeit ausarten.

Eine erhebliche Erleichterung wäre es natürlich, wenn man mit Dir direkt korrespondieren könnte. Ist die Wende schon so weit, daß dies möglich ist?

Für heute soll es genügen – bis bald.

Berlin 19.11.1989

Liebe Judy, lieber Klaus!

Das bisher beeindruckendste an unserer Revolution ist die erwachende Schreibwut von Klaus. Hoffentlich weiß er, worauf er sich eingelassen hat. Mit dem deutsch – deutschen Briefwechsel kommt ihr mir nämlich gerade recht und ich bin in der glücklichen Lage, Euch ohne großen Aufwand sofort eine Menge Gedanken zuwerfen zu können.

Weil: Ich schreibe ein Buch über diese wilde Zeit (Allerdings habe ich arge Bedenken, ob die Auflage jemals über ein Exemplar hinauskommen wird). Der Titel ungefähr (nagelt mich bitte nicht fest darauf), er ist sowieso noch zu lang): „Vater – Sohn – Oktoberland /2 Tagebücher, die Zeitung und ein langer Brief“.

Der Vater verkörpert die altstalinistische Linie, der Sohn den Reformflügel, dazu Auszüge aus den Zeitungsmeldungen und: – quasi als gesamtdeutsches Element – ein geflüchteter Bruder, der sich in Briefen aus dem Westen zu Wort meldet.

Allerdings wusste ich bisher noch nicht, wie ich diesen Bruder simulieren sollte. In einen Altstalinisten kann ich mich zwar recht ordentlich hineinversetzen (ich verschone Euch allerdings mit seinen Sentenzen). Über die westdeutsche Betrachtungs- und Denkweise bin ich mir dagegen so recht nicht im Klaren, und während ich noch überlege, wie ich das anstellen soll, kommt Euer Brief.

Lieber Klaus! Schreibe also bald und möglichst ausführlich. Wenn Du gestattest verwende ich Deine Passagen (allerdings umgeschrieben und mit den fürs Buch notwendigen „familien-internen“ Ergänzungen – schließlich bist Du ja mein Bruder (im Buch!).

Damit ist sicher klar, dass der linke Reformer maßgebliche Züge von mir selbst hat. Deshalb bin ich ja auch in der Lage, schon einige fertige Passagen, quasi als Vorabdruck zu übersenden.

(Die neue Technik hat auch in unsere Betriebe inzwischen Einzug gehalten, leider noch nicht in unsere Haushalte. Ich schreibe deshalb auf „meinem“ Computer auf der Arbeit nach Feierabend immer noch ein bisschen das auf, was ich am Abend zuvor als Manuskript verbrochen habe. Daher ist es einfach, es für Euch noch zusätzlich zu drucken).

Noch eine Bemerkung – oder zwei:

Wegen der angestrebten Buchform ist nicht alles ganz authentisch, was mich persönlich betrifft, aber doch so weit, dass es meine Ansichten im Prinzip entspricht: Namen sind ausgetauscht (meine Frau heißt übrigens nicht Marianne, sondern weniger französisch Marietta (im Buch Claudia). Alle sagen aber Paula zu ihr.

Zweitens: Es ist erst die Rohfassung, noch etwas arm an poetischer Substanz (muß irgendwann noch mal gründlich überarbeitet werden und ist deshalb drittens auch in Rechtschreibung und Umbruch noch falsch und primitiv. Vielleicht aber trotzdem schon recht interessant für Euch.

Im übrigen danken wir herzlich für Eure Einladung. Wir werden sie sicher irgendwann einmal annehmen, aber: vielleicht kommt ihr doch erst einmal zu uns. Erstens ist es hier z.Zt. sicher interessanter und zweitens sind wir immer noch Fußgänger.

Wir sind übrigens tatsächlich umgezogen und wohnen nicht mehr in R. , sondern am Alexanderplatz (eine Skizze lege ich bei – bitte Pfeil beachten). Die exakte Adresse ist: XXX

Viele Grüsse. Bis bald /Eure Geislers

P.S. Eben kam Euer Paket. Heißen Dank. Ihr habt Euch in Unkosten gestürzt und wir haben zum ersten Mal in unserem Leben eine Kokosnuß gegessen.

Anhang (Tagebuch von Gerhard H.)

Freitag, 1. September

Flughafen Budapest- Ferihegy. Urlaubsende, Rückflug. Der abschließende Höhepunkt eines herrlichen Urlaubs hatte es werden sollen. Dafür haben wir tief in die schlechtgefüllte Tasche gegriffen. Zweifellos ist es auch ein kleiner Höhepunkt. Vor allem für die Kinder. Ihr erster Flug. Sie sind fürchterlich aufgeregt, begeistert von den verstellbaren Sitzen, den Gurten, dem Asiettenessen, dem Blick aus dem Fenster. Natürlich „müssen“ sie unbedingt auch auf´s Klo…

Es ist schön, sie zu beobachten und die welterfahrenen Eltern zu mimen. (Dabei haben wir ihnen gerade mal 4 Flüge voraus – zusammen.) Eine glückliche Familie auf dem Heimweg aus südlicher Sonne. Eiapopeia.

Von wegen! Wir zwei Alten haben ein sehr flaues Gefühl. Vielleicht ist dies für viele Jahre der letzte Flug überhaupt. Wohin würden sie unsereinen noch fliegen lassen, wenn es demnächst kein Land mehr gab, das noch bereit war, DDR-Touristen zu bewachen?

Und wie verrückt sind wir eigentlich, die Hälfte unserer mageren Ersparnisse auszugeben, um möglichst komfortabel in diesen Käfig zurückzukehren?

Es war schwer, sich nicht verrückt machen zu lassen. Praktisch gab es am Balaton zwei Wochen lang nur ein Thema, DAS THEMA dieses Sommers. Kaum vorstellbar, daß von den Ungarn-Urlaubern des Jahrgangs ’89 jemand nicht DARÜBER nachgedacht hätte. Tausende sind bereits weg. Gerade von Ungarn aus soll es inzwischen fast ein Kinderspiel sein. Oder besser: Ein Spiel für Erwachsene: „Kriegst Du mich, oder schnall‘ ich Dich.“

Täglich wird es leichter. Der Stacheldraht ist abgebaut, die Grenze nach Österreich wird nur noch locker bewacht und das schönste: Die Ungarn weisen inzwischen keinen mehr aus, den sie erwischen. Es gibt nicht mal mehr eine Eintragung in den Ausweis, und selbst wenn:

Wer fürchtet sich schon vor einem Stempelchen, da sind wir doch ganz andere Kaliber gewöhnt, Kaliber sieben-zwoundsechzig, Kalaschnikow. Und selbst wenn sie einen ausweisen: Auf dem Weg nach Hause kommt man an mindestens zwei bundesdeutschen Vertretungen vorbei. Was sollte uns also abhalten, durch die Maisfelder zu krabbeln? Wer ganz sicher gehen will, kann sich einen ungarischen Führer mieten – die sind ja sooo nett hier, die Leute! 5000 DM Schulden sind ein Klacks, wenn man als Studierter drüben einigermaßen Fuß faßt. (Und wer daran nicht glaubt, bleibt sowieso doheeme.)

Seit kurzem ist es nun ganz einfach: Sie richten Lager ein, sogar am Balaton. Man setzt sich hinein, wartet in der warmen Herbstsonne ein paar Wochen, und hoppla – ab in den goldenen Westen. Denken sie jedenfalls.

Und wenn nicht? Niemand weiß, wie sich die Verhältnisse zu Hause entwickeln. Alles ist so stur geworden, so ungeheuer erstarrt. Gerade in diesem Jahr spürte man förmlich, wie der ideologische Beton endgültig hart wurde. Die Greise kämpfen bis zum letzten Atemzug um ihre verdammten Sessel. Längst haben sie abgewirtschaftet.

Fünf vor zwölf. Vergleiche drängen sich auf, die den alten Kommunisten sehr wehtun würden… Ja, es sind ja wirklich meist alte Kommunisten, KZ-Häftlinge, Spanienkämpfer, die berühmten „Aktivisten der ersten Stunde“. Aber jetzt sind sie dabei, in kurzer Zeit alles einzureißen, was sie selbst in den vielen Jahren aufgebaut haben.

Sie haben sich so ungeheuer von ihrem Volk gelöst, es ist fast nicht zu glauben.

Wahrscheinlich verachten sie dieses Volk ganz einfach – und umgekehrt. „Sozialistische Demokratie“ – ein edles Ziel, verkommen zur hohlen Phrase. Unsere Bonzen sind längst nicht mehr demokratiefähig, vielleicht sind sie es nie gewesen.

Und dabei sind wir alle irgendwann einmal mit viel Elan angetreten, um eine Gesellschaft zu schaffen, in der Gerechtigkeit und die Wohlfahrt des ganzen Volkes…

Was haben wir statt dessen? Irgendeine Spielart des Feudalismus. Adel, Klerus – der Hohe selbstverständlich, aber auch die Bettelmönche -, Gott, die Heilige Schrift, Leibeigenschaft, Zölibat – alles ist da, heißt nur ein wenig anders: Die führenden Genossen, Partei, Lenin, seine gesammelten Werke, Mauer, Parteidisziplin…

Das System ist in dieser Form seit mindestens 20 Jahren überlebt. Jetzt werden die Produktivkräfte ein Machtwort sprechen, sollte man denken. Noch aber scheint es längst nicht so weit. Die Hauptproduktivkraft türmt durch die Maisfelder, der Rest verrottet in den Fabriken. Schade um unseren Sozialismus.

Die Ungarn jedenfalls haben ihn abgemeldet. Es fällt heute schwer, für dieses Volk noch die alten Sympathien zu hegen. Vorbei die Zeit des Gulaschkommunismus, die Hoffnung auf die Verbindung von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit. Die Partei zerfällt, dem großen roten Stern auf dem Budapester Parlamentsgebäude haben sie den Strom abgedreht, das Staatswappen mit seinem kleinen roten Stern ist gleich komplett heraus aus der Fahne – in allen Formen und Größen wird das alte Königswappen feilgeboten, die Soldaten sprechen sich mit „Kamerad“ an, an den Schulen soll der Religionsunterricht eingeführt werden, das Befreiungsdenkmal für die Sowjetarmee auf dem Gellertberg braucht Polizeischutz…

Alles wenig begeisternd, aber beeindruckend in seinem Tempo. Sie scheinen sich gleichsam zu überschlagen, um dem Westen auf den Schoß zu springen. Hoppla, da sind wir. 30 Milliarden Auslandsschulden, Dollar versteht sich. „Nu, wos soll do scho werdn, die werdn se uns erlossn missn“ meinte ein Stadtführer, und dann erzählte er „Ulbrichtwitze“. Er war schon ziemlich alt.

Verkauf des Vaterlandes ums Fressen. Die Fleischtöpfe der Janitscharen locken. Es gibt kein Konzept für die Zukunft in Ungarn. Aber wir haben inzwischen unsere eigenen Sorgen. Das langweiligste Land Europas rührt sich. „Heimatland reck‘ Deine Glieder…“ Es fallen einem immer die unpassenden Lieder ein, und zur unpassenden Zeit. Die Zeiten jedenfalls sind nicht besser geworden, aber spannender.

Wir fliegen nach Hause. Auf dem Campingplatz haben uns einige schlicht für blöd erklärt, meinten, so eine Chance käme nie wieder. Wer nächstes Jahr rüber wolle… so billig jedenfalls nicht mehr. Wir werden sehen, wer recht behält, vielleicht keiner. Aber kann es verkehrt sein, in die Heimat zurückzukehren? Sehr sicher sind wir uns jedenfalls nicht (mehr). Vielleicht gibt es zu Hause schon bald Mord und Totschlag. Die Kinder, die sich so auf ihren ersten Flug freuten. Vielleicht werfen gerade sie einem einst vor, heute hier abgeflogen zu sein. Andererseits ist es schwer vorstellbar, daß an einer so neuralgischen Stelle…

Abschied von Ungarn. Fast sind wir sicher, dieses Land so bald nicht mehr wiederzusehen.

(Tagebuch von Gerhard H.)

Samstag, 4. November

Und samstags zur Demo – zuerst mit gemischten Gefühlen. Ein Kollege hatte mich überredet. Versprochen ist versprochen und irgendwie hing mir meine eigene Passivität auch langsam zum Halse raus. Die „Wende“ war jetzt über 2 Wochen alt und ich saß immer noch vor dem Fernseher, saugte gierig alle Neuigkeiten in mich hinein – und wartete. Worauf eigentlich? Wohl darauf, daß mich der Genosse Krenz einlud, bei seinem gigantischen Reformgebäude mitzutun.

Den Wehrersatzdienst und das Verfassungsgericht konnte Krenz aber zweifellos auch ohne den kleinen Genossen H. einrichten und bei den Gesprächen mit Gorbi und Jaruzelski wäre ich ebenfalls nicht besonders nützlich gewesen. Er braucht vorläufig keine Helfer, wie es scheint, jedenfalls keine an der Basis. Da lief bisher auch noch wenig, oder sagen wir es ehrlicher (und resigniert): Da lief noch gar nichts. Viele scheinen nicht böse darüber, hoffen, die Revolution aussitzen zu können. Andere wollen verändern – und verlangen dringend nach Direktiven, möchten, daß man ihnen Werkzeug und Baustelle zuweist (und, verdammt, ich muß es zugeben: Zu denen gehöre ich auch.)

Aber soweit unten soll wohl gar nicht gebaut werden. Kein gigantisches Reformgebäude, nur ein neues Dach. Und das bauen die Bewohner der oberen Etagen ganz allein. (Weiß der Teufel, warum sie nicht begreifen, daß inzwischen das Fundament am zerbröseln ist.)

Ganz so weit oben hatte ich mir die ersehnte Revolution von oben eigentlich nicht vorgestellt. Also zur Demo.

Aber wozu laufe ich hier mit? Sicher nicht wegen der beiden Verfassungsparagraphen. Wegen der Losungen? Die Transparente sind frech, geistreich, vor allem frech.

Wenn man zwei Dutzend gelesen hat wird klar: Hier sind sich alle nur einig in der Ablehnung des Vergangenen. Die Zukunft ist offen, scheint sogar ziemlich egal, jeder Teilnehmer denkt sich seine eigene. Man toleriert sich. Heute. Heute noch?

Wieviele mögen es sein? 200 000 bestimmt, vielleicht gar eine halbe Million. Oder noch mehr? Kopf an Kopf. Wir stehen noch am Pressecafe, da füllen die ersten schon den Alex (und dabei geht der Zug nicht gerade hinüber, sondern nimmt den Umweg über den Marx-Engels-Platz). Es geht kaum voran. Den Versuch, nicht gerade unter einer völlig unmöglichen Losung zu stehen, gibt man bald auf. Über mir ist jetzt „Stasi in die Produktion – für normalen Durchschnittslohn!“, dicht dabei zwei Knirpse, die „Für besseres Schulessen“ den Unterricht schwänzen. Das geht noch. Am Rand: „Hare Krishna singen für Religionsfreiheit“. Sie singen gut, verbreiten ein wenig Woodstock-Athmosphäre, die Luft von ’68. Paris, L.A., Prag. Prag!?

Happeningstimmung. Jemand versucht Trompete zu spielen. „We shall overcome“. Er spielt scheußlich, aber alle Strophen. Clowns in der Menge. Einer mimt Stasi, klettert auf einen Mast, zeigt von dort aus mit ausgestrecktem Arm auf Demonstranten, „befiehlt“ sie zu sich. Ein anderer agiert als Polit(büro)greis. Die schönste Szene am Staatsratsgebäude: Ordner spielen „Ehrentribüne“, parodieren Honeckers 1. Mai.

Die Leute amüsieren sich. Die leichte Spannung, die am Anfang über allem lag, weicht heiterer Gelassenheit. Wir schaffen es. Diesmal wirklich: WIR. Endlich eine Demo, mit der man sich identifizieren kann. Viele Freunde, verstreut in der Menge. Wir begrüßen uns, verlieren uns wieder.

Aber: Hier sind wir richtig! Ich bin dabei, einig mit allen hier, die wir eine neue DDR wollen.

Auf dem Alex zeigt sich: Nicht alle wollen eine neue DDR. Pfeifkonzerte für Wolf und Schabowski, Beifall für die Opposition. Beklatscht oder ausgebuht wird das Etikett, wenige hören wirklich zu.

Sieht so die Demokratie aus, die Toleranz, für die wir doch hier demonstrieren? Oder ist es in dieser Phase normal, ein Überschwinger, verständlich nach 60 Jahren Frust?

Ich weiß es nicht, aber irgendwie fühle ich mich zunehmend unwohl. Ich bin plötzlich allein, Fremde ringsumher. Ich habe Angst zu klatschen wenn sie neben mir pfeifen und umgekehrt sowieso. (Außerdem pfeife ich nicht besonders gut.) Schöne Meinungsfreiheit! Wieder die Zweifel. Reicht es, gemeinsam GEGEN etwas zu sein? SOLCHE Gemeinsamkeiten hatten wir mit den Alten auch – und solche Ängste voreinander…

Die Bürger singt. Das „Lied eines Gefangenen an den Genossen Stalin“. Ich höre es zum ersten Mal und ich muß heulen. Ein großer Kerl – 6 Fuß, 90 Kilo – und heult! Und niemand ringsherum findet etwas dabei. Gefühle.

Es ist eine Zeit der Gefühle. Nach so vielen Jahren der sarkastischen Nischen, des Zynismus und der spöttelnden Winkel. Wir stehen da und heulen. Und staunen über uns.

(Tagebuch von Gerhard H.)

Freitag, 10. November

Die Grenze ist auf! Nach mehr als 28 Jahren kann jeder in den Westen.

Unbeschreiblicher Jubel – und mir ist zum ersten Mal in dieser Revolution Angst um unseren Sozialismus. Im Frühstücksfernsehen von RIAS-TV zeigten sie Bilder vom Grenzübergang Bornholmer Straße, gefilmt aus Richtung Osten, offenbar irgendwann in den Abendstunden: Eine dichte Traube vor der Absperrung skandierte „Tor auf, Tor auf!“ Und die Grenzer öffneten wirklich, ein Menschenstrom flutete jubelnd in den schmalen Gang zwischen den Kontrollbaracken. Plötzlich steigerte sich das Geschrei. Man mußte sehr genau hinsehen, aber es war trotz der Dunkelheit deutlich erkennbar: Sie holten unsere Fahne vom Mast!

Sicher nur einer oder wenige, die da handelten, aber der Beifall der sich erhob, war allgemein. Das sind nicht mehr die disziplinierten Intellektuellen vom Sonnabend, deren Auftreten Stefan Heym gestern mit der Kanonade von Valmy verglich. (Sich selbst empfand er offenbar ein wenig als Goethe, sein Selbstbewußtsein war jedenfalls danach: „Ich bin überhaupt der einzige Vertreter des sozialistischen Realismus gewesen, denn die anderen waren keine Realisten“ Ziemlich unbescheiden, aber natürlich hat er da recht, der Gute. Es ist fast unmöglich, ihm in diesen Tagen etwas übel zu nehmen.)

Was an der Bornholmer unsere Fahne herunterholte, war der Pöbel a la Dresden-Hauptbahnhof. Unfähig zur Analyse, unwillig zur Mitarbeit. Die rasen jedem hinterher, der ihnen eine Banane unters Maul hält, wenns sein muß, auch in den größten Dreck. Wie die Geisteskranken. Wenn in den nächsten Tagen kein Blut fließt, hat dieses kleine Land doch irgendwo einen Schutzengel – und die Oberen haben ein Volk, dessen Disziplin sie einfach nicht verdienen.

Sie selbst jedenfalls sind wiederum nicht Herr der Lage. Man hört nicht auf sie, begreifen sie es denn immer noch nicht?

Gestern abend vor dem Fernsehgerät. Pressekonferenz. Wieder mal. Schabowski steht Rede und Antwort, macht seine Sache nicht schlecht, verliest plötzlich irgendeinen nachgereichten Zettel: Der Ministerratsbeschluß zur ständigen Ausreise (armes Land, in dem ein zurückgetretenes Gremium solche brisanten Beschlüsse faßt /fassen kann /fassen muß!) Ich begriff zuerst gar nichts. Ist die Grenze nun auf oder nicht? Und vor allem: Für wen? Im Laufe der Nacht wurde erschreckend klar, daß die Verfasser dieser „Regelung“ sich um genau diese Frage herumgedrückt hatten. Dementsprechend war die Situation. „Die Nacht der offenen Grenze“ hieß die Fernsehsendung heute morgen. Mit Recht, wie es aussieht. Es gab praktisch keine Kontrollen mehr. Anarchie an der Mauer. Der Zustand vor dem 13. August. Heute früh um 8.00 sollte dann aber alles in geordneten Bahnen laufen – meinten „die zuständigen Stellen“. Pustekuchen! Neue Parole: Bis Sonntag nacht alles offen. Wahnsinn, die Leute nun auch noch unter Zeitdruck zu setzen!

Im Betrieb deutliche Anzeichen von Massenpsychose, jedenfalls soweit Intellektuelle dazu fähig sind. Gleich früh Anrufe: „Mensch, komm doch mit. Wir gehen alle. Bloß mal gucken.“ Und die 100 Piepen abholen, natürlich. Kaum einer wird an diesem Tag gearbeitet haben. Wer nicht rüber fuhr, diskutierte. Eine Art Generalstreik aus Versehen. Abends brachte das Fernsehen Bilder von ganzen Brigaden, die offenbar noch am Vormittag gleich aus der Werkhalle ausgebüxt waren, ungewaschen, in Arbeitskleidung, alle sehr glücklich.

Was muß dieses Volk für einen Hunger nach Freizügigkeit gehabt haben! Bilder vom nächtlichen Ku‘-Damm: Volksfeststimmung, zusammengebrochener Verkehr, Begeisterung und viel gesamtdeutsche Gefühlsduselei, die Angst macht, und schlimmer: Tausende Westberliner, die am Brandenburger Tor auf der Mauer sitzen, Hammer und Meißel schwingen. „Mauer weg!“ Eine dünne Kette Grenzer davor, um Gelassenheit bemüht. Man möchte beten.

Die meisten Ostberliner haben heute jedoch anderes im Sinn. Niemandem ist nach beten zumute, und schon gar nicht für den Weltfrieden. (Aber ein Dankgebet werden etliche heute nacht wohl gesprochen haben.)

„Schnell mal rüber!“ ist die Parole dieses Tages. So schnell geht’s denn allerdings doch nicht, aber im Anstehen ist dieses Volk ja ohnehin Spitze. Am eifrigsten scheinen plötzlich die sonst ach so Roten. Der Opportunismus zeigt seine häßliche Fratze, aber im Überschwang der Gefühle schaut niemand hin. Der Nachbar vis a vis, der abends sonst kaum das Haus verläßt, schleicht sich fast aus der Tür, Anorack, Schirm, die Frau neben sich, ein verlegener Gruß. Er soll bei der Staatssicherheit sein, heißt es. Die dürfen noch nicht, die „Angehörigen“: Grüne, Dunkelblaue, Feldgraue aller Waffenfarben, Staatsapparat, Parteifunktionäre, Geheimnisträger… Was haben sie jahrzehntelang großmäulig verzichtet auf die Trauben, die zu hoch hingen!

Aber wer fragt schon danach an der Grenze, heute, morgen, letzte Nacht. Montag allerdings kann es schon zu spät sein. So lobpreisen sie denn die Anarchie dieser Tage. Peinlich nur, wenn die Vorgesetzten sich später die Ausweise vornehmen. Zwar ist heute noch kein Visum nötig, aber kaum einer entgeht dem verräterischen Ausreisestempel. Da hätte er gestern nicht so zeitig ins Bett gehen dürfen. Vielleicht sind zweimal hundert WEST aber auch den Anpfiff wert. Immerhin ein Monatsgehalt zum laufenden eins-zu-zehn-Kurs – für einen Kantenlatscher der Stasi jedenfalls, für einen zivilen Ingenieur gleich zwei.

Woher nehmen die bloß diese Summen drüben? Wenn bis Jahresende 10 Millionen… sicher nicht zu viel gerechnet. Eine Milliarde müssen sie dann mindestens locker machen! Nicht schlecht, Herr Specht. Aber auch unsere marode Wirtschaft wird an den lächerlichen 15 Mark pro Nase fast zugrunde gehen. 150 Millionen Devisen! Was nützt es da, wenn sie die gleiche Summe Ostmark dabei einspielen. Da sowieso keine Warendecke dahintersteht, kann die Staatsbank das eingetauschte Spielgeld gleich in den Ofen schieben. Ein volles Jahreseinkommen liegt auf der Kasse in diesem Staat, gar nicht zu reden von den Bargeldsummen, die die Leute im Strumpf haben.

Mit einem gewöhnlichen Taschenrechner konnte man sich diese Zahlen zusammenbasteln, selbst aus den frisierten Daten des offiziellen statistischen Jahrbuches. Wer Augen hatte, zu sehen, Ohren zu hören… Soll mir keiner sagen, er hätte nichts gewußt! Gerade das scheint aber eine Disziplin zu werden, die sich heutzutage vom Volkssport zum Funktionärssport mausert:

Da stellt sich doch gestern im Großen Haus ein Parteisekretär ans Mikrofon – 13 Jahre ZK – und flennt, er habe keine Ahnung von unserer Wirtschaftsmisere gehabt. Man hätte ihn betrogen, 13 Jahre lang. Und von irgendwelchen Privilegien hätte er noch viel weniger geahnt. In einem Sondergeschäft sei er nie gewesen, sein Herzblut hätte er stattdessen vergossen, die Intellektuellen auf der Straße würden ihn beunruhigen, und zu denken gäbe ihm, daß zur Zeit niemand mehr über die Auslastung der Arbeitszeit spricht.

Das ist alles so vollkommen blödsinnig, daß man kaum darüber schreiben möchte. Sowas sitzt also seit ’76 im ZK, will über unsere Zukunft entscheiden, und plärrt, plärrt um die eigene Haut. Wahrscheinlich haben seine Kumpels die Fäuste geschüttelt, und da hat der Herr in die Hosen gemacht, faselt von Verleumdung der Partei, und beklagt sich über die Presse. Widerlich! Hat er sie wirklich nie gesehen, die Häuser der Bonzen? Wo hat er denn gewohnt, ? Iim Bergwerk? Kein Sondergeschäft je gesehen? Nicht mal im ZK? Vielleicht denkt er, ein Sondergeschäft wäre an der Oben-ohne-Bedienung erkenntlich, oder wie? Ist gut, ich rege mich ab. Solche Schleimer sind es nicht wert.

Tagebuch von Gerhard H.)

Sonntag, 12. November

Heute nun doch rüber, in der Hoffnung, dem ersten Ansturm entgangen zu sein, und dennoch einiges von der besonderen Stimmung dieses historischen Wochenendes einzufangen.

U-Bahnhof Jannowitzbrücke. Wer von meiner Generation kann sich schon an diesen Ort erinnern? Eine lange Schlange steht geordnet, wird geordnet von Transportpolizisten, erwartungsvolle Stimmung ringsherum, zügiges Vorrücken. Der Tunneleingang, Treppe, VP, Grenzer, alles provisorisch, trotzdem freundlich, entspannt. „Visa links, bitte!“ Wer keines hat, erhält in Sekundenschnelle seinen Stempel. Meine Sorgen im Hinblick auf den Montagmorgen schwinden ein wenig. Vielleicht bekommen sie es doch in den Griff. Es ist imponierend, wie schnell selbst die Synonyme der Bürokratie – VP, Zoll, Grenzkontrolleure – plötzlich zu handeln in der Lage sind – kaum daß die zentrale Führung handlungsunfähig wurde.

Kommandeure besinnen sich plötzlich auf ihren gesunden Menschenverstand, auf ihren wirklichen Auftrag. Ideen, Initiativen, Einsatzbereitschaft, diese guten, und doch so schrecklich abgedroschenen Begriffe, in diesen Tagen haben sie die Chance der Wiedergeburt. Und alles unter den Bedingungen einer zurückgetretenen Regierung. Was könnten diese Menschen leisten unter einer handlungsfähigen!

Ein Pappschild an der Decke: „DDR-Grenzkontrolle“, noch ein Stempel. Fünf Meter unter dem Pflaster von „Berlin – Hauptstadt der DDR“ und doch schon im Westen! Feierliche Stimmung ringsherum, die Kinder sind aufgeregt. Trauben vor dem aushängenden BVG-Schema. 28 Jahre! Druck auf den Augen. Nein, ich habe nicht 28 Jahre auf diesen Tag gewartet. So habe ich ihn nicht einmal erwartet, und auf gar keinen Fall so bald. Und trotzdem feuchte Augen? Gesamtdeutsche Gefühle? Erinnerung ist es jedenfalls nicht, wie bei so vielen Älteren auf diesem Bahnsteig; ich war zu jung ’61 und durfte sowieso nicht hinüber. Für mich war der Westen nicht Grenzkino, Nietenhose, Südfrucht, Lichterglanz und Wohlleben. Für mich war der Westen stets Wohlleben der anderen, Glanz auf anderen, unverdiente Frucht für andere. Andere hatten die begehrten Nietenhosen, spielten mit silberglänzenden Cowboypistolen, holten in der Schulpause ihre Bananen aus der Tasche, knauserten nicht mit der Butter – ich durfte mir diese Welt nicht mal im Fernsehen betrachten, geschweige denn in Natura, nur einen Katzensprung entfernt…

Wohlstand als Zeichen der Leistung – ein Ursignal, schon in grauer Vorzeit unverrückbar in das Rückenmark der Ahnen gepflanzt. Gut ist, wer fett ist. Sie waren nicht gut, die fetten. Trotzdem lebten sie besser, erlebten mehr, wurden beneidet, fanden leichter Freunde, die Kinder der Grenzgänger, die Enkel der Wilmersdorfer Witwen. Oft haßte ich sie dafür, sie, die unverdient fetten – und jene, die vor ihnen auf dem Bauch lagen. Wem sonst sollte der zehnjährige Sohn eines ehemaligen Volkspolizisten seinen Zorn auch widmen. Der Regierung? Wollte sie nicht das Beste für uns alle, wollte sie nicht Bananen und Butter für die fleißigen? Und waren es etwa keine Feinde, die unsere knappen Bockwürste in den Westen schleppten?

Ich hatte keine Probleme mit der Mauer. Die Nietenhosen würden ersatzlos verschleißen, die Bockwürste im Lande bleiben – eine Mauer der Gerechtigkeit! Und trotzdem jetzt die feuchten Augen? Vielleicht gab es doch in jedem von uns so eine Art Nationalgefühl, Deutschtum, was weiß ich? Schlimm, wenn es so wäre. Und da sind sie wieder, die Sorgen, trocknen die Wimpern.

Die U-Bahn kommt, füllt sich ansehnlich, aber nicht beunruhigend. Kein Problem für einen Ostberliner – klingt komisch. Wird man sich in Zukunft so vorstellen müssen? Immer noch besser als „DDR-ler“, wie sie in letzter Zeit des öfteren im Westfernsehen sagten. Einfach scheußlich!

Ostberliner oder Provinz, die Leute drängeln mit der gewohnten Disziplin in die Wagen, und nur die West-BVG scheint sich darüber Sorgen zu machen. Die Lautsprecherdurchsagen sind jedenfalls von einer ängstlichen Hektik gekennzeichnet. Wie beneidenswert leer muß es hier sonst immer sein…

Herrmannplatz, der Duft der großen weiten Welt. Erst mal umsehen. Ein Stapel Info-Zeitungen, einfach abgestellt zum wegnehmen. Stadtplan, farbig, U- und S-Bahnnetz, Verzeichnis der Begrüßungsgeldkassen, kurze Rede von Momper, Bericht über Verpflegungsstellen…

Karstadt, davor eine riesige Schlange – alles „unsere“. Die Karl-Marx-Straße, auf dem Mittelstreifen ein Schild: „Kreuzberg“. Wir gehen in die entgegengesetzte Richtung. Man hat so viel gehört von diesem Kreuzberg, Kriminalität, Verfall, Ausländer, wir sind noch zu unsicher, um uns auf Abenteuer einzulassen. Ängstliche Bäuerlein in der Großstadt. Also nach Neukölln. Die Straßen kaum leerer als die U-Bahn. Erster Eindruck: Wozu brauchen sie hier soviele Banken? Sicher nicht als Begrüßungsgeldkasse, denn die meisten haben geschlossen. Zwischendurch trotzdem immer mal wieder auch gewaltige Schlangen. Hier gibt es die berühmten 100,- DM.

Gestern und am Freitag sollen die Leute drei Stunden und mehr gewartet haben. Hundert Mark, hundert „D“-MARK wohlgemerkt. Wir sind vier. Mit den bei uns umgetauschten 60,- hätten wir dann vierhundertsechzig WEST! Zum herrschenden Kurs 4 Monatslöhne, einfach so geschenkt. Die einzuzahlenden 60 DDR-Mark fallend da praktisch nicht ins Gewicht. Wir sind reich! Jedenfalls werden wir reich sein, nachdem wir uns angestellt haben. Die Wirkung der Schlangen ist zunächst allerdings noch sehr abschreckend, zumal wenn man hoffen kann, in den nächsten Wochen alles viel entspannter vorzufinden – wieder sind die Berliner bevorzugt, werden sie in Sachsen sagen. Also bummeln. Viele Geschäfte haben geöffnet. Das „Ladenschlußgesetz“ soll für dieses Wochende aufgehoben sein. Dieses Gesetz ist ohnehin eine der für uns unverständlichen Errungenschaften: Da dürfen Kunden nichts mehr kaufen, obwohl die Ladenbesitzer gern weiter offenhalten würden, nur damit die Verkaufskräfte keine Spätschicht machen müssen? Bei uns springen die Leute nachts um drei in den Werkhallen herum, weil die Maschinen so teuer waren. Wie auch immer: Heute darf trotz Sonntagsruhe verkaufen wer will, und stand einer kurz vor der Pleite, hat er jetzt nochmal seine unverhoffte Chance. Aber pleite sieht hier keiner aus. „Jeans ab 15 Mark!“ Scheint überhaupt eine ausgesprochene Jeansgegend zu sein, dieses Neukölln. Kaum vorstellbar, daß sie mit den Eingeborenen genügend Umsatz machen. Die Ost-ler jedenfalls drängen sich heute in den Jeansbuden, an Imbißständen, vor Süßwarengeschäften und vor allem beim Obstverkauf. Apfelsinen, Ananas, körbeweise Weintrauben (im November!) und immer wieder DIE Wohlstandsfrucht der DDR-Seele: BANANEN! Unsere Invasion hat nach drei Tagen das Unvorstellbare vollbracht – im Westen werden die Bananen knapp, die reifen jedenfalls. Man verkauft grüne, unsere Leute merken es nicht mal so richtig. Wer es heute darauf anlegt, könnte ganzen Tausendschaften das Fell über die Ohren ziehen, aber der Trend geht wohl eher zum Verschenken, als zur Überteuerung. Ich schäme mich ein wenig für meine mißtrauischen Gedanken.

Neben „Quelle“ dann eine Schlange, die ungewöhnlich rasch vorrückt. Wir fragen. „Halbe Stunde“, heißt es. Da kann man denn doch weich werden. Was ist schon eine halbe Stunde für 400 WEST. Im Stehen wird es dann doch empfindlich kühl. Der Arbeitersamariterbund verteilt heißen Tee. Ein Mann mit einer riesengroßen SPD-Plakette am Revers geht die Reihen entlang: „Wenn Sie Kinder dabei haben, und sich ein wenig aufwärmen wollen; Die SPD lädt Sie ein ins Jugendfreizeitheim gleich hier in der Querstraße. Es gibt auch Kaffee und einen Imbiß…“

Viele freiwillige Helfer sind auf den Beinen, die meisten wohl schon den dritten Tag. Auch die Kassiererin, die uns das Geld auszahlt, sieht sehr müde aus. Wir bedanken uns, daß sie sich wegen uns den Sonntag um die Ohren schlägt, sie lächelt. Ein Angestellter ruft in den Schalterraum: „Öffnungszeit nochmal verlängert bis Zwei!“ Was für eine Atmosphäre in einem Land, das angeblich „die gefühllose bare Zahlung“ zum Maßstab des Lebens macht. Zwei Gesellschaftsordnungen bestaunen sich.

Die Kinder sind vom Anstehen durchgefroren. Wir suchen das Freizeitheim. Es ist wirklich gleich um die Ecke und leer. Drei Männer hantieren hinter einer Durchreiche an Kannen und Töpfen, gießen uns Kaffee ein. „Tee für die Kinder?“ Über der Durchreiche eine Preistafel: „…Kaffee – 50 Pf…“ Der Kaffee schmeckt gut, aber eine ganze kostbare Westmark nur so zum Aufwärmen… Einer muß unseren Blick bemerkt haben. Er macht es uns leicht, wendet sich an seinen Mitstreiter: „Ich glaube, wir müssen die Disko-Preis-Tafel doch abmachen, sonst denken die Leute noch, sie müßten SOGAR HEUTE den Kaffee bezahlen.“

Bewegung am Eingang. Ein HERR kommt: Jung, Bart, Metallbrille, sehr freundlich, schaut offenbar nach dem Rechten. Jemand stellt vor: „Frank Bielka, unser Bezirksbürgermeister.“ Er begrüßt uns, wir sind derzeit die einzigen Gäste. Small talk: „Haben Sie sich schon ein wenig umgesehen, gefällt es Ihnen bei uns hier in Neukölln?“ Nach so kurzer Zeit läßt sich noch kaum etwas sagen, meinen wir, alles noch zu neu. Und dann, damit wir nicht gar zu blöd dastehen als staunende Wilde, machen wir das Allerblödeste, Kraft unserer 2 Stunden Westerfahrung gehen wir sofort daran, im Kapitalismus gleich mal Ordnung zu schaffen: Eins wäre uns aufgefallen, sage ich, die Fassaden in der Karl-Marx-Straße paßten nicht in unser Westklischee. Sie sehen kaum anders aus, als bei uns. Die Auslagen, ja die sind natürlich picobello, teilweise erdrückend prachtvoll, prunkvoll, glanzvoll, überhaupt fast zu voll. Aber darüber sieht es richtig stinknormal aus – „stinknormal“ haben wir zu dem Herrn Bürgermeister natürlich nicht gesagt. Der Beitrag war auch so dumm genug und mit meiner spendierten Kaffeetasse in der Hand tut es mir leid, kaum daß die letzte Silbe heraus ist. Er aber sieht das ganz und gar nicht so eng. Ja, das sei ein Problem in Neukölln, meint er. Da müsse er sich noch tüchtig mit Momper auseinandersetzen… Bürgernähe! Unseren Stadtbezirksbürgermeister kennen wir nicht, nicht mal seinen Namen. Wahlveranstaltungen haben wir nie besucht, es schien sinnlos alle paar Jahre den Demokratie-Kasper zu spielen. Auf der Straße haben wir unseren auch nicht getroffen, warum den Neuköllner? Vielleicht wirklich ein seltener Zufall, das mit dem Bielka, aber keine schlechte Anekdote, oder? Und ein schöner Abschluß für Neukölln und die Karl-Marx-Straße.

„Wir sollten dorthin, wo jetzt keiner ist,“ meint Claudia „- zum Brandenburger Tor!“ Sie spinnt, denke ich. Sie hat recht, stellt sich heraus. Zumindest Ostler sind hier heute kaum zu finden.

Später fragen wir Freunde und Kollegen. Keiner war an diesem Tag dort. Alle haben ihr Geld abgeholt. Alle haben irgendetwas gekauft. Am Brandenburger Tor war keiner.

Trotzdem ist dort alles gerammelt voll, vor allem Ausländer fallen auf, dazu viele Westberliner oder Westdeutsche. Vom Lehrter Stadtbahnhof war es nur ein kleiner Weg bis zum Platz vor dem Reichstag, und von dort nur ein Sprung zum Brandenburger Tor – wie leicht heute alles ist, was noch vor 3 Tagen schier unmöglich erschien.

Das alte Wahrzeichen! Früher diente es sogar als Pausenbild fürs DDR-Fernsehen, als das noch „Deutscher Fernsehfunk“ hieß. Damals sangen wir unsere Hymne noch. „…Deutschland, einig Vaterland!“ Dieses Tor war fast immer Grenze, Begrenzung, aber solange man es passieren konnte auch Symbol der Gemeinsamkeit, von Stadt und Umland, Ost und West, und schließlich letztes Symbol deutscher Gemeinsamkeit. Vor 28 Jahren wurde es das Wahrzeichen der endgültigen Teilung. Endgültig?

Die Mauer ist hier einen guten Meter flacher als anderswo und -für uns verblüffend – versehen mit einer breiten Krone, auf der man bequem umherspazieren könnte. Jetzt erst begreifen wir die Bilder der letzten 2 Tage. Heute jedoch stehen keine Randalierer dort oben, sondern einige breitbeinige Grenzer, dazu ein Team der Aktuellen Kamera. Auf Westberliner Seite ein dünnes Passierband, das die Leute von der Mauer fernhalten soll. Dahinter spazieren einige Polizisten umher. Eine Absperrung in Anführungszeichen, eher nur ein Tabu-Strich in der Landschaft, ein Witz, verglichen mit dem soliden Beton dahinter (und selbst den hatten SIE gestern umgeworfen). Wer weiß, was sich hier demnächst noch abspielt. Die „Fensterplätze“ an diesem Theater der Weltgeschichte sind jedenfalls schon dicht besetzt: Scheinwerfer, Kameras, Podeste, auf denen Interviews gegeben werden – die Medien der Welt sind auf Ballhöhe. Fragt sich nur, wer der Ball ist. Und werden sie sich mit Interviews zufrieden geben?

Links und rechts an der „normalen“ Mauer, die man nach wie vor ungehindert erreicht, stehen Einzelne oder kleine Grüppchen und pickern sich Betonbrocken heraus, mit Hammer und Meißel, Schraubenziehern, Taschenmessern… Jedes herausgelöste Krümchen wird mit Beifall bedacht. Viele Fotoapparate, Videokameras. Deutlich zu sehen auch wo SIE vorige Nacht die Betonplatte umgestürzt hatten, noch ein lohnendes Fotoziel.

Die Sorgen sind wieder da.

Wir laufen Richtung Potsdamer Platz, immer vorbei an hämmernden Menschen. Ich schimpfe halblaut. Eine Männerstimme hinter mir: „Was paßt Ihnen denn nicht, an so einem herrlichen Tag.“ Ich wende mich um. Offenbar ein Westler. Gutaussehend, baumlang, eleganter Mantel, etwa in meinem Alter, neben sich eine kleine Frau. „Mir paßt nicht, daß Ihre Leute die Mauer einreißen, nachdem meine Leute die Türen darin aufgemacht haben. Durch solchen gesamtdeutschen Blödsinn kann alles verspielt werden!“ Er scheint perplex, sagt nichts, lächelt nur ein wenig hilflos. Ein Sieg! Ein Sieg über Gedankenlosigkeit und Kriegstreiberei! Mir ist besser. „Du bist wirklich der größte Muffel Groß-Deutschlands“, sagt Claudia. „Was haust Du auf den armen Kerl denn so ein. Der hat Dir doch nichts getan. Er wollte nett sein und Du spielst den Klassenkämpfer, pflegst Deine Weltkriegsfurcht. Stimmungsverderber!“ Sie hat recht. Ich bin ein Arschloch! Das Arschloch wendet sich also nochmal um, und versucht, sich zu entschuldigen, zu erklären. Der Westler begreift zwar nicht, aber er ist fair und verzeiht. Wir kommen ins Gespräch. Ein Kollege von Claudia, stellt sich heraus. Werbebranche. Selbständig. Wir fabulieren bis zum Potsdamer Platz, haben aber bis dahin kaum die Standpunkte abstecken können. Es verspricht interessant zu werden. Wir wollen weiterreden, aber erst sollen die Fahrräder geholt werden, die sie irgendwo im Tiergarten angeschlossen haben.

Wir verabreden einen Treffpunkt, warten 20 Minuten an der falschen Stelle, weil wir, wie sich dann herausstellt, die Staatsbibliothek wegen ihrer Größe für die Nationalgalerie halten – und verlieren uns für immer aus den Augen. Schade.

Wir müssen zurück. Am Potsdamer Platz etliche Polizeifahrzeuge. Die Kinder staunen über die außen vergitterten Scheiben und die Beulen im Blech. Diese riesige kahle Fläche soll einst der verkehrsreichste Platz Europas gewesen sein. Heute liegt seine wiedergekehrte Bedeutung in einem halben Dutzend Betonelementen, die Bautrupps gestern dort zur Seite geräumt haben.

Morgen – nach der Aufhebung des „Schießbefehls“ – wird hier Richard von Weizsäcker unseren Grenzern die Hand schütteln, und später wird man vielleicht eine Tafel anbringen.

Als wir uns vor der gewaltigen Bresche in Richtung Heimat einreihen, ist es fast dunkel. Immer noch Volksfeststimmung. Eine Truppe mit Pauken, Rasseln, Bongos, Trommeln und Tamburins macht gewaltigen Lärm. Brasilianische Karnevalsrhythmen. Unwillkürlich bewegen wir uns im Takt langsam vorwärts. Die Mauer. Jetzt erst sieht man, wie riesig hier die kahle Fläche war. WAR? „Ausweise hochhalten, Paßbildseite aufschlagen!“

U-Bahnhof Otto-Grotewohl-Straße. Daheim.

 

 

 

 

Stuttgart, 17.12.89

Lieber Frank!

Bevor Du nun glaubst, daß meine guten Vorsätze endgültig wieder dahin sind, setze ich mich nun doch hin, um auf Deinen (inhaltlich) „überraschenden“ Brief zu antworten. Die letzten Wochen waren so voll mit allem Möglichen. Weihnachtsstress könnte man sagen, aber anders als Du vermutest. Wie Du vielleicht weißt, habe ich noch so etwas wie einen – unbezahlten – Nebenjob, der in der Weilnachtszeit besonders gefragt ist, meine musikalischen Aktivitäten. Allein an diesem Wochenende drei Auftritte, zwei Mal Händels Oratorium „Judas Maccabeus“, ein Mal Kirchenmusik. All das will geprobt sein etc, etc. Ich war noch nicht ein einziges Mal im allgemeinen Kaufgewühl in der Stadt und werde es auch bis Weihnachten noch zu vermeiden wissen (allerdings nimmt da Judi einiges ab).

Damit wären wir schon beim Thema Deines Briefes und Deinem überraschenden und höchst interessanten Vorschlag einer Bruderrolle in Deinem Buch. Ich weiß nicht, ob Du eine bestimmte Vorstellung von einem Bruder im Westen hast. Aber der typische „Westler“, wenn es den gibt, bin ich vermutlich nicht. Auch weiß ich nicht, ob ich den Bruder in der Form, wie Du ihn Dir vorgestellt hast, spielen kann, ohne tatsächlich in eine Rolle zu verfallen. Ich fürchte ich kann mich nur schwer authentisch in die Lage dessen versetzen, der die DDR schon früher verlassen hat. Immerhin war ich, mit kleinen Ausnahmen in Ost-Berlin, nie in diesem Land, das ich eigentlich erst in der Zukunft entdecken möchte. Die DDR war für mich immer weiter weg als Indonesien, geographisch aber auch als gesellschaftliches Gebilde. Vielleicht wäre es daher besser, daß ich Dir Material für eine Figur biete, die die DDR nicht kennt, vielleicht einen Halbbruder, oder einen Cousin, den Du nur einmal während eines Urlaubs in Ungarn getroffen hast. Für den gäbe es dann, ebenso wie für Dich, auch einiges zu entdecken, was ja für die Darstellung einer Entwicklung nicht schaden kann.

Das wäre dann einer wie ich, der die DDR bislang immer als etwas weit Entferntes und Bizarres angesehen hat. Irgendwie hatte ich mich längst damit abgefunden, daß die DDR ein eigenes Land sei, das sein eigenes Leben führt. Ein besonderes Gemeinsamkeitsgefühl hatte ich kaum verspürt. Ich hielt das Land für eine Folge des 2. Weltkrieges, der ja nun einmal nicht ohne Folgen sein konnte. Sogar unter dem Gesichtspunkt eines „Deutschtums“ konnte ich der Vorstellung von zwei deutschen Staaten einen Vorteil abgewinnen. Wäre selbiges nicht besonders stark, wenn es in zwei und ja noch in zwei weiteren Staaten vertreten war? Ich glaubte, wie Du ja offensichtlich auch, die Folgen des Weltkrieges rückgängig machen zu wollen, hieße den Weltfrieden aufs Spiel setzen und mit Verwunderung schaute ich auf die, die nach so langer Zeit noch alte Vorstellungen aufrecht hielten. Merkwürdigerweise wurde diese meine für gefestigt gehaltene Vorstellung in den letzten Wochen einigen Prüfungen unterzogen. Die plötzlich sich eröffnende Möglichkeit eines einheitlichen Landes mit einer wirklichen Hauptstadt (was für ein armseliges Nest ist doch Bonn) ließen meine alten Vorstellungen verblassen, so daß ich mich fragen mußte, ob diese möglicherweise nur aus der scheinbaren Unvermeidbarkeit der bestehenden Tatsachen resultierten.

Mittlerweile sind die ersten Gefühle vorbei und Überlegungen können an ihre Stelle treten. Ich denke jetzt, daß die Vereinigung der beiden Gesellschaften kommen wird und zwar in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen. Ich denke, daß das Herumdoktern an einem dritten Weg bald zu einem Weg führen wird, der unserem System sehr ähnlich ist und vielleicht nur den Spielraum, den unser System läßt, etwas weiter in die eine oder andere Richtung nutzt. Das marktwirtschaftliche System hat gewisse Gesetzmäßigkeiten, die man nicht außer Acht lassen kann, ohne den Erfolg zu verspielen, den man in der DDR wird haben wollen (schon wegen des unvermeidlichen Vergleichs mit der BRD). Man kann die sozialen Verpflichtungen mehr – wie in Schweden – oder weniger – wie in den USA und England – hervorheben, aber man kann die Kuh, die man melken will, nicht schlachten (oder erst gar nicht erzeugen). Und bald wird sich in der DDR herumsprechen, daß Kapitalismus nicht etwa bedeutet, daß man wirtschaftlich machen kann, was man will (als Privatperson oder Gesellschaft). Diese Vorstellung scheint, sicherlich unter dem Eindruck von Desinformation, unter Deinen Landsleuten ziemlich verbreitet, was ich nicht nur den vielen Statements von Leuten entnehme, die ohne nähere Kenntnis unseres Wirtschafts- und Sozialsystems – meist in sehr allgemeiner – Form urteilen. Ich finde sie auch in meiner beruflichen Praxis erstaunlich häufig. Als Wirtschaftsstaatsanwalt beschäftige ich mich ja mit den Exzessen unseres Systems und versuche daran mitzuwirken, daß sie sich einigermaßen in Grenzen halten. Es ist auffällig, daß viele ehemalige DDR-Bürger in solche Exzesse verwickelt sind und offensichtlich völlig falsche Vorstellungen über die Pflichten haben, welche einem Wirtschaftenden hier auferlegt sind, bzw. sie glauben, diese nicht so ernst nehmen zu müssen. Vielleicht kann man sich eine Menge Überlegungen sparen, wenn man sich einmal anschaut, was sich in dieser Hinsicht sowohl an präventiven als auch an repressiven Mechanismen hier alles entwickelt hat.

Zu letzteren darf ich auf ein Opus verweisen, an dem ich selbst mitgewirkt habe und das einen umfassenden Überblick über das Wirtschaftsstrafrecht bietet (ich lege Dir einen Prospekt bei – ich bearbeite übrigens den Teil „Soziale Sicherheit der Arbeitnehmer“ und „Illegale Beschäftigung“). Vielleicht kannst Du ein bißchen Reklame für dieses Buch bei Euch machen (du siehst, daß ich hier ganz kapitalistisch denke, wiewohl ich nur reich davon werde, wenn ihr 50.000 Stück davon ordert).

Aber zurück zum Wiedervereinigungsthema. Ich denke also, daß sich unsere Systeme so aneinander annähern werden, daß man sich fragen wird, warum zwei Staaten sein sollen. Ich denke, dass man dies in keiner Weise beschleunigen braucht und insbesondere auch nicht soll. Z.Zt. zerbrechen sich hier reichlich viele Leute Euren Kopf, und das obwohl dieselben ständig betonen, daß Ihr Euren eigenen Kopf haben sollt. Das Aufsehen, das all dies bei unseren Nachbarn erzeugt hat, ist höchst überflüssig und nährt auf deren Seiten alte Ressentiments und bei uns nur Trotzreaktionen. Ich denke, daß sich die Dinge auch ohne die Kohl´schen 10 und andere Punkte in die von vielen erstrebte Richtung entwickeln werden.

Lieber Frank, das war der „Brief zur deutschen Einheit“. Es gibt tausend Themen, über die ich noch schreiben könnte. Ich denke Du hörst bald von mir. Wir kommen, nachdem das Eintrittsgeld bei Euch zwischenzeitlich weggefallen ist, sicher bald in die DDR, aber ich denke, daß es darüber Frühjahr werden wird. Vielleicht kommt Ihr doch vorher zu uns – ihr seid herzlich eingeladen und könnt bei uns natürlich im Haus wohnen. Wollt ihr nicht gemeinsam mit uns Neujahr feiern? Werft Euch in einen Zug!

Auf jeden Fall schöne Feiertage.

Dein Klaus

Grüße auch an Marietta und die Kinder.

Unsere Tel. Nr. lautet übrigens xxx

Anbei noch einen Artikel aus dem „Independent“ vom 13.12. den ich unter ökonomischen Geschichtspunkten für realistisch halte.

Soeben (18.12.) lese ich in der Zeitung, daß bei einer Repräsentativumfrage in der DDR 70 % der Befragten gegen eine Wiedervereinigung gewesen seien. Wird da die Rechnung ohne den Wirt gemacht?

Zwischen Lido di Classe und Lido di Dante

 

Südlich von Ravenna, Dante’s einstigem Asyl, beginnt eine Reihe von Strandorten, die sich, kaum unterbrochen, über Milano Marittima und Rimini bis hinunter nach Cattolica zieht. In der Regel besteht der Kern dieser Marinas aus lieblos gebauten Hotelkomplexen längs einer Hauptstraße, welche der Küste folgt. Zahlreiche Querstraßen, nicht selten nur als solche benannt und durchnummeriert, führen auf der seeabgewandten Seite in Bungalow- und Reihenhaussiedlungen, in denen sich die Gebäude gleichen wie ein Ei dem anderen. In den Gärten sieht man vereinzelt Personen, die säuberlich Hecken schneiden oder Wege kehren. Auf der Seeseite führen die Traversalen zum flachen Strand, der durch eine unabsehbare Reihe von Bagnos in etwa gleich große Abschnitte geteilt wird. So weit das Auge reicht, ziehen sich Sonnenschirme und Strandliegen, farblich jeweils einem Bagno zugeordnet, in Reih und Glied den Strand entlang. Darauf und darunter liegen unzählige schlafende, schwätzende oder lesende Menschen, die ihr Heil in der Sonne suchen. In der Hauptstraße reiht sich ein Ladengeschäft an das andere. Die Verkaufsräume enthalten alles, was sich der Mensch an Nützlichem und Überflüssigem wünschen kann. Aufgeblasene bunte Schwimmutensilien aus Plastik quellen allenthalben bis auf die Straße hinaus. Abends flaniert hier gebräuntes Volk, füllt Gelaterias und Pizzerias, stellt sich und alles, aber auch alles, was es hat, zur Schau, schwatzt und schwänzelt und vertreibt sich die Zeit auf jede nur denkbare Weise. In den Spielsalons trifft sich die Jugend Europas. Gebannt sitzt man vor langen Reihen zappelnder Bildschirme. Apparate krachen und zischen, Kugeln rasen, elektronische Aggregate blitzen und listen erzielte Punkte auf. Man wähnt sich am Steuer rasender Rennwagen, im Cockpit von Flugzeugen und Raumschiffen, man schießt, kämpft und jagt – pausenlos, sich und andere.

 

Nördlich von Lido di Classe aber klafft eine große Lücke in der Reihe der Marinas. Bagnos und Strandschirme brechen plötzlich ab. Der flache, saubere Strand, den die Besucher der Bagnos vermutlich für naturgegeben halten, geht über in eine hügelige Dünenlandschaft, deren Wassersaum von Muscheln übersät ist. Dahinter erstreckt sich ein tiefer, dunkler Pinienwald. Hier herrscht eine Ruhe, die fast unwirklich erscheint.

 

Aus dem Hinterland ist dieser tote Winkel schwer zu erreichen. Die große Strasse, welche die Adriaküste sonst kaum verlässt, ist hier um mehrere Kilometer landeinwärts verschoben. Es gibt auch keine Stichstraße, die den Wald mit seinen uralten Pinien durchdringen und zum Meer führen würde. So kann man diesen Küstenstrich nur durch einen längeren Fußmarsch oder mit dem Fahrrad erreichen. Je weiter man sich von Lido di Classe entfernt, desto weniger werden denn auch die Sonnenanbeter. Schließlich finden sich in den Dünen nur noch hier und dort vereinzelte Menschen, die offensichtlich Einsamkeit suchen. Jeder Neuankömmling wird kritisch beäugt.

 

Auf halbem Weg zwischen Lido di Classe und Lido di Dante, der nächsten Sommermarina, wird der Strandweg durch einen Fluss unterbrochen. Bevor sich der Fluss mäandernd in das Meer wälzt, bildet er hinter den Dünen noch einige stille Gewässer, schilfumsäumte kleine Seen und Sümpfe, in denen sich allerhand Wasservögel tummeln. Im seinem trüben, langsam dahinziehenden Wasser schwimmen im Gruppenzickzack unzählige kleine Fische umher. Ein Schiffer senkt von einem Kahn ein flaches Netz in Tiefe, in dem die silbrigen Flitzer kurz darauf, aus ihrem Element gezogen, verzweifelt zappeln und in die Höhe springen.

 

Eine Brücke über den Fluss gibt es nicht. Wer dem Strand weiter folgen will, muss den Fluss durchwaten. Eine geeignete Stelle ist mit krummen Ästen gekennzeichnet. Am anderen Ufer gelangt man in eine Marina anderer Art. Verstreut in Gärten, in denen Wein, Tomaten und Pfirsiche wachsen, stehen auf dem Flussufer kleine ebenerdige, meist hölzerne Häuschen einfachsten Zuschnitts. Man sitzt unter Bäumen und unterhält sich. Eine Hauptstraße oder Geschäfte gibt es nicht.

 

Auf den Veranden der Hütten liegen Schlafsäcke und allerlei Gegenstände von Menschen, die lange unterwegs sind. Über einem Holzfeuer hängt an einer Kette ein Kochtopf. Auf dem Boden liegen um ihn herum junge Leute, die wilde Bärte tragen und tätowiert sind. In einem Pinienwäldchen sitzt in meditativer Haltung ein einsamer Heilsuchender. Nicht weit davon bilden Hunde und Menschen ein kaum zu entwirrendes Knäuel. Dazwischen spielen schmutzige Kinder. Eine Gruppe junger Männer kauert in einem Kreis. Einige schlagen Handtrommeln, die anderen lauschen andächtig, so als enthielten die endlos wiederkehrenden Rhythmen eine höhere Erkenntnis.

 

Nach dieser Siedlung sieht man nur noch wenige Menschen. Einige unbekleidete Männer stehen, die Hände in die Hüften gestützt, aufrecht in den Dünen und halten Ausschau. Einzelne streifen alleine durch den Pinienwald hinter dem Strand. Immer wieder bleiben sie stehen und blicken um sich.

 

Schließlich gelangt man nach Lido di Dante, wo wieder die Bagnos und das übliche Strandleben beginnen.

 

Es ist eine merkwürdiger Landstrich zwischen Lido di Dante und Lido di Classe. Früher war hier der Hafen von Classe, Standort der römischen Flotte, welche die Macht und die Herrlichkeit der einstigen Weltherrscher in der Osthälfte ihres Riesenreiches sicherte. Er ist versandet und von seiner früheren Größe ist nichts übriggeblieben. Ein Stück landeinwärts steht einsam das uralte Gotteshaus San Apollinare in Classe. Seinen weiten Innenraum bilden zwei würdige Reihen antiker Säulen, die so mächtig sind wie die Pinienstämme im nahen Wald. Auf der Stirnwand zeigt ein großes Mosaik den frühchristlichen Märtyrer auf einer paradiesischen Wiese inmitten friedlich grasender Schafe. Nicht weit davon ist heute der Vergnügungspark Mirabilandia. Dort stürzen sich die Bewohner der Marinas in die Abgründe einer kompliziert verschlungenen Berg- und Talbahn, fahren in wilder Wasserfahrt in die Tiefe und lassen sich in Kanzeln und Gondeln umherwirbeln. Abends starren sie bei rechnergesteuerter Musik gebannt in die geradlinigen Raumgebilde von Laserstrahlen. Schließlich kehren sie, geblendet durch ein turbulentes Feuerwerk, in ihre Marinas zurück.

 

Es ist ein Landstrich zwischen Lido di Dante und Lido di Classe, dessen Linien wundersam verwunden sind, ein Ort, an dem man sich sucht und sich verlieren kann. Hier verirrte sich einst auch einer der größten Gott- und Selbstsucher. Im dichten Wald von Classe stieß Dante auf eine Pforte mit der Aufschrift, wonach der, der sie durchschreite, alle Hoffnung fahren lassen soll. Er trat ein, durchmaß die neun Kreise der Hölle und fand nach Überwindung des Läuterungsberges sein Paradies.

Der Palazzo dei Diamanti in Ferrara

Wer dem Corso Ercole I. d’Este in Ferrara folgt, der vom mittelalterlichen Kastell der Herzöge schnurgerade aus dem verschlungenen Zentrum der Stadt führt, glaubt sich gelegentlich in eine jener Idealstädte der Renaissance versetzt, wie sie auf den perspektivischen Intarsienbildern im Chorgestühl mancher italienischer Kirchen zu sehen sind. Auf beiden Seiten der Straße befinden sich lang gestreckte Patrizierpaläste. Straße und Gebäudefronten bilden Fluchtlinien, die in eine endlose Tiefe zu führen scheinen. Ordnung und Klarheit beherrschen das Bild. 

Auf halber Stecke des Corsos, der aber dennoch zu nichts anderem zu führen scheint, liegt der Palazzo dei Diamanti. Schon durch seine weiße Fassade, über die sich ein leicht hell-roter Schimmer von Cipollinoadern zieht, fällt er aus dem Rahmen der Umgebung, die von Terracotta oder jenem braun-roten Backstein geprägt ist, mit dem in der Po-Ebene mangels Naturstein sonst meist gebaut wird. Darüber hinaus besteht seine Außenhaut – auch dies ist weit und breit ohne Beispiel – aus Tausenden von pyramidenförmigen Marmorquadern, die wie überdimensionale Edelsteine aussehen. Diese haben ihm den Namen „Palazzo dei Diamanti“ eingebracht. 

Das Gebäude wirkt, da es rechtwinklig über Eck gebaut ist, auch als Ganzes wie ein großer Kristall. Von der Ecke aus erblickt man zwei fast identische Fassadenflächen, die ohne wesentliche Untergliederungen jeweils rund sechzig Meter in die beiden Straßen hineinlaufen. Das Bauwerk liegt – schwer wie ein Eckstein, auf den es ankommt – auf der Kreuzung zweier großer Straßen. Wie jemand, auf den es ankommt, ist sich vermutlich auch der Bauherr Sigismondo d’Este, der Bruder von Herzog Ercole I, nach dem der Corso benannt ist, bei der Entscheidung vorgekommen, das Gebäude aufzuführen. Das Bewusstsein seiner Größe ist durch den fertigen Bau wohl noch verstärkt worden. Wahrscheinlich hat er im Laufe der Zeit immer mehr daran geglaubt, die Riesengeschosse des Palastes ausfüllen zu können, die für die Helden gebaut zu sein scheinen, deren Namen er und sein Bruder trugen. 

Der Habitus des Gebäudes vermittelt freilich den Eindruck, als haben seine Bewohner mit der Stadt und ihren Menschen nicht viel zu tun haben wollen. Die Öffnungen nach außen sind spärlich. Das gewaltige Eingangstor signalisiert schon durch die schiere Masse seiner Portalflügel eher Ausschluss als Einlass. Die Sechzig -Meter Fassaden, die jeweils nur sieben Fenster pro Stock aufweisen, wirken geschlossen. Dort, wo sie aufeinander stoßen, ist, ferraresischer Sitte entsprechend, zwar ein Balkon angebracht. Er ist jedoch so klein, dass er sich selbst dementiert. Schon die Größe der Pforte, die von Innen auf den Balkon führt, steht in keinem Verhältnis zu den Dimensionen der Gebäudeöffnungen, welche die Palastbewohner für sich ansonsten für angemessen hielten. Offensichtlich hatte man nie die Absicht, sich dort dem gemeinen Volke auszusetzen. Auch der spärliche Bauschmuck deutet an, dass die Palastbewohner nicht all zu viel nach außen kehren wollten. Neben dem dünnen Ornamentband, welches die beiden Geschosse trennt, finden sich außen nur vier verzierte Pilaster. Zwei von ihnen flankieren das Portal, die anderen beiden bilden den Eckpfeiler an der Schnittstelle der beiden Fassaden. An diesen wenigen Stellen freilich zeigt der Hausherr, wie hoch seine Ansprüche sind. Die Pilaster sind mit feinsten Renaissance-Reliefs geschmückt. Am Portal wird dabei (Ab-) Wehrhaftigkeit demonstriert. Dort sind im Wesentlichen Teile römischer Rüstungen aufeinander gestapelt. Was die Bewohner des Hauses sonst noch umtrieb, verraten die Pfeiler an der Palastecke. Auf einem der Reliefs sieht man geflügelte Halbpferde und Faune, die spiegelbildlich um eine Mittelachse aus Kandelaberelementen angebracht sind. In sinniger Fortführung dieser Symmetrie sind weiter oben Herkules und Venus abgebildet. Am Fuß des Pilasters sitzen drei missmutig dreinschauende Harpyien, denen, die vertikale Spiegelsymmetrie in die Horizontale wendend, oben drei nackte Menschen gegenübergestellt sind, welche offenbar den Genüssen des Lebens zusprechen. Man mag darüber nachsinnen, ob diese Dreiergruppen Pole einer Lebensphilosophie oder Wünsche und Befürchtungen darstellen. Gemessen an den riesigen Fassadenflächen sind diese Anklänge von Menschlichkeit freilich verschwindend. Vorherrschend ist eine kristalline Ordnung. Als Ganzes betrachtet hat der Palast daher etwas Abweisendes. Seine Massigkeit wirkt geradezu apologetisch. Es scheint, dass sich der Hausherr verteidigen will. Bei näherer Betrachtung wirkt die diamantene Fassade denn auch stachelig. Es ist, als habe sich dahinter jemand eingeigelt.  

1771 Wolfgang Amadeus Mozart, Exsultate, jubilate – Mottete für Sopran und Orchester, KV 158a

 

Mozart war schon als Junge ein gefragter Opernkomponist. Im Alter von 17 Jahren hatte er bereits fünf Opern geschrieben. Selbst Mailand, das Eldorado der Oper, wollte Werke von ihm haben. Ende 1772 begab er sich nach Mailand, um seine Oper „Lucio Silla“ zur Aufführung zu bringen. Die Vorbereitungen für die Uraufführung waren offenbar ziemlich turbulent, denn Mozart musste wegen Textänderungen erhebliche Teile des Werkes neu schreiben. Hinzu kam, dass er zu Werbezwecken verschiedene „Akademien“, das heißt Konzerte, abzuhalten hatte. Mitten in diesem Trubel komponierte Mozart für den „ersten Sänger“ der Oper, den „Sopranisten“ Rauzzuni, „nebenbei“ die Motette „Exsultate, jubilate“, die als Einlage für die katholische Messe gedacht war. Mozart schrieb darüber an seine Mutter, möglicherweise den Sänger persiflierend: „Ich vorhabe, den primo eine homo motetten machen, welche morgen müssen bey Theatinern den produziert wird“. Ein interessantes Licht auf die „gelehrte“ Arbeitsweise Mozarts wirft die Tatsache, dass er sich bei der Anlage des Stückes genau an die Vorgaben für Motteten hielt, die Joachim Quantz in seinem 1752 erschienenen Lehrbuch, „Versuch eine Anweisung die Flute traversière zu spielen“ aufgestellt hatte.

 

Die Umstände, unter denen die Motette entstand, sind sicherlich mitursächlich dafür, dass sie ausgesprochen opernhaft angelegt ist. Virtuos-kantable Koloraturen, wie sie in „Lucio Silla“ zu Hauf vorkommen, sowie eine empfindsame Arie im Mittelteil geben dem Sänger alle Möglichkeiten, sich „in Szene“ zu setzen. Im Schlussteil findet sich eine Passage, die vor allem dem deutschen Zuhörer auffallen muss. Mozart nimmt darin eine melodische Wendung aus Haydns „österreichischer“ Volkshymne kroatischen Ursprungs vorweg, die zum Deutschlandlied werden sollte.

Der indische Coup

Die Kosmologen suchen die Weltformel, die Ökologen die Umweltformel. Gibt es, so fragen letztere, eine ganzheitliche Lösung für Abfallbeseitigung, Verkehrsberuhigung und Tierschutz, mit der zugleich Nahrungsmittel, Energie und Dünger erzeugt und Güter immissionsfrei und ressourcenschonend transportiert werden können, ein System, das dazu möglichst keiner Investitionen und keiner Wartung bedarf, einen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben der Geschöpfe Gottes leistet und zum nationalen Identifikationsobjekt taugt? Auf der Suche nach einer solchen einheitlichen Formel haben sich in den Industrieländern viele der Besten den Kopf zerbrochen und sich in endlosen Flügelkämpfen verschlissen. Unbeachtet blieb dabei, dass es längst eine naturnahe und wunderbar weiche Lösung all dieser Probleme gibt.

Indien kennt von alters her ein System, das die genannten Leistungen gewissermaßen auf einen Schlag erbringt. In diesem Land ist der Mülleimer mit den aufwendigen Folgelasten Müllabfuhr, Mülllagerung und Müllverbrennung wenig bekannt. Essensreste, gebrauchte Zeitungen und Kartons wirft man kurzerhand mitten auf die Straße, wo sie das System alsbald beseitigt. Gleichzeitig bewirkt das System eine flächendeckende Geschwindigkeitsbeschränkung des Straßenverkehrs auf 20 bis 30 km/h in Siedlungsgebieten und 50 bis 70 km/h auf Landstraßen, und dies ohne dass es hierfür Radargeräte, Laserpistolen oder ähnlich unerfreulicher Mittel bedarf. Die Freiheitsbeschränkung, die damit verbunden ist, wird von der Bevölkerung klaglos akzeptiert. Sie wird nicht einmal von der Automobilindustrie bekämpft oder unterlaufen. Das System hinterlässt darüber hinaus verschiedene Wertstoffe. Es liefert nicht nur Koch- und Heizenergie, sondern auch Dünger und ein Getränk, aus dem allerhand Nahrungsmittel hergestellt werden können – all das, wie gesagt, in einem Coup.  

Bei dem System handelt es sich um nichts anderes als die gemeine indische Straßenkuh. Die Kuh einschließlich ihres maskulinen Gegenstückes sorgt dafür, dass sich auf den Straßen indischer Städte kaum verrottbare Abfälle und Papier finden. Was die Inder wegwerfen, verschwindet, aufgesammelt von langen rauhen Zungen, alsbald im unersättlichen Schlund weißer, brauner und schwarzer Wiederkäuer. Auch die wenigen Mülleimer, die das Land kennt, werden von der Kuh durchsucht. Nur mit Mühe kann man sie davon abhalten, in Wohn- und Geschäftshäuser einzudringen, um auch noch dort nach Abfällen zu suchen oder nach dem, was sie dafür hält. Die Kuh ist ein ubiquitärer lebendiger Mülleimer, der sich dort befindet, wo der Abfall anfällt, ein System also, welches das Müllproblem auf natürliche Weise und gewissermaßen an der Basis löst.

Eine unverzichtbare Rolle spielt die Kuh auch bei der Steuerung des indischen Straßenverkehrs. Als Straßenbewohner ist sie in einer Zeit, in der auch in Indien der Verkehr ausufert, der Anwalt der natürlichen Vernunft. In Sachen Geschwindigkeit geht sie mit gutem Beispiel voran. Selbst im dichtesten Verkehrsgetümmel hat man sie niemals in Hektik fallen sehen. Unnatürliche Raserei anderer Verkehrsteilnehmer verhindert sie, indem sie sich auf der Fahrbahn niederlässt, um in aller Ruhe wiederzukäuen oder zu schlafen. Sehr wirksam ist auch das unerwartete – besser gesagt das jederzeit zu befürchtende – Überqueren der Straße einschließlich des plötzlichen Innehaltens darauf, etwa um eine Bananenschale aufzulesen (Wasserbüffel bleiben auch ohne Grund längere Zeit mitten auf der Straße stehen). Die verkehrsberuhigende Funktion der Kuh ist eine Folge der Achtung, die man ihr in Indien als Geschöpf Gottes entgegenbringt. Wem es an dieser Achtung mangelt, dem nötigen allerdings spätestens ihre kantigen Knochen Respekt ab (auch hier ist der Wasserbüffel – vor allem für die Karosserien leichterer Fahrzeuge – besonders beeindruckend). Kuhfänger vor einen Autokühler sind in Indien übrigens nicht üblich, im Gegensatz zu unseren Landen, wo es dafür keine Kühe auf den Straßen gibt. 

Des weiteren erzeugt die indische Straßenkuh, wenn auch in eher bescheidenem Maße, Milch, deren Derivate Bestandteil vieler indischer Gerichte sind. Was die Kuh ansonsten als Restmüll von sich gibt, wird zum Düngen von Feldern oder – nachdem man es an den Hauswänden getrocknet hat – auch als Brennstoff verwendet. Da somit die Produkte, die sie abgibt, höherwertiger sind, als die, welche sie aufnimmt, ist die Kuh ein Musterbeispiel für Recycling. Schließlich ist der Paarhufer auch noch ein Transportsystem, und zwar eines, welches keine – jedenfalls keine nennenswerten – gasförmigen Immissionen erzeugt, keine nicht erneuerbaren Ressourcen verbraucht und sich dem Beschleunigungszwang entzieht, dem die fortgeschrittenen Gesellschaften einen Großteil ihrer Geisteskraft und Energie opfern. In Indien werden viele Güter, aber auch Menschen, auf Ochsenkarren transportiert, was der Seelenruhe der Beteiligten außerordentlich förderlich ist.  

Die Kuh hat aber in Indien keineswegs nur vordergründig praktische Bedeutung. Sie gilt als heilig und ist die Mutter der Nation. Damit wird die Gattung Rind(vieh) nicht nur wesentlich höher eingeschätzt, als dies bei uns der Fall ist (was unter anderem verhindert, dass ihre Vertreter in der Bratpfanne enden); es wird auch die übertriebene Vorstellung des Menschen von sich selbst relativiert. Wahrscheinlich hat die Friedfertigkeit und der unerschütterliche Gleichmut, welche die Kuh inmitten des täglichen Kampfes unendlich vieler Bewerber um Lebenschancen nie verlassen, einen Anteil an jener Gelassenheit und Toleranz der Bewohner Indiens gegenüber den Problemen der Welt, die man in unseren – angeblich gemäßigten – Breiten gelegentlich vermisst. So gesehen kann man die Kuh nicht nur als Umweltformel, sondern auch als Weltformel begreifen. Einen Nachteil freilich hat das indische System: man tritt gelegentlich in einen frischen Kuhfladen. Aber auch dies ist eine naturnahe und außerordentlich weiche Lösung.   

1990 John Rutter (geb.1945) – Magnificat

Auf ein Werk wie John Rutters Magnificat haben die Chöre Europas und Amerikas offenbar gewartet. Es ist eines der nicht gerade vielen Werke eines zeitgenössischen Komponisten, das landauf-landab mit Begeisterung gespielt und gehört wird. Das liegt sicher daran, daß Rutters Umgang mit der musikalischen Tradition erfrischend unvoreingenommen ist. Wiewohl mit allen Wassern neuerer Kompositionstechnik gewaschen, sind ihm modernistische Tabus fremd. Daher darf es auch einmal einfach schön klingen. Das musikalische Material des Werkes ist außerordentlich vielfältig. Thematisch reicht es vom gregorianischen Choral über die Fuge und den Rumba bis zum Rag Time. Der Bogen der Harmonik spannt sich von der einfachen Dreiklangstonalität über impressionistische Ganztonchromatik und filmmusikalische Effekte bis hin zu Jazz und moderner Clusterbildung. Hinzu kommt eine außerordentlich vielfältige Rhythmik, die in ständig wechselnden Takteinheiten notiert ist. Diese hoch differenzierten Mittel werden aber unideologisch eingesetzt, weswegen das Werk auf ganz unmittelbare Weise verständlich ist. Diese Musik will begeistern und ergreifen und das gelingt ihr auch.

Seinem Gegenstand entsprechend – den Empfindungen Marias nach Verkündung ihrer Mutterschaft – , ist das Magnificat durch einen fröhlich-festlichen, aber auch durch einen mitunter betörend (be)sinnlichen Tonfall gekennzeichnet. Sehr frauliche Empfindungen kommen in den lyrischen Passagen zum Ausdruck, die dem Sopran, der einzigen Sologesangsstimme, übertragen sind. In den großangelegten und effektvollen Chorpartien zeigt sich die Herkunft des Komponisten aus der Chorszene Englands, wo er seit langem im universitären und kirchlichen Bereich als Chordirigent wirkt. Eine Herausforderung für die klassischen Sänger ist hier die Jazzfuge des „Fecit Potentiam“. Das stark besetzte Orchester wird außerordentlich wirkungsvoll eingesetzt. Kammermusikalische Solopassagen wechseln mit Tuttiblöcken, in denen die Stimmen mehrfach geteilt sind. Vor allem die reichlich vertretenen Blechbläser dürfen immer wieder fulminante Akzente setzen. Auch in der Fassung für Kammerensemble, in welcher der Bläsersatz ausgedünnt ist, dafür aber die Orgel hinzutritt, verliert die Musik nichts von ihrer Farbigkeit.

Das Magnificat wurde im Mai 1990 in der Carnegie Hall in New York uraufgeführt, der Stadt, der seine Musik offensichtlich viele Anregungen verdankt.

1969 Aulis Sallinen (geb. 1935) – Aspekte des Trauermarsches von Peltoniemi Hintrik für Streichorchester

Aulis Sallinen, der sich inzwischen weltweit einen Namen als Opernkomponist gemacht hat, gilt in seinem Heimatland Finnland als der legitime Nachfolger des populären Jean Sibelius. Diesen Ruf konnte er nicht zuletzt deswegen erlangen, weil er in seinem kompositorischen Schaffen den Hörer nicht aus den Augen verlor. Dies hat natürlich etwas damit zu tun, daß er Distanz zu radikalen musikalischen Zeitströmungen hielt. Bei aller Bereitschaft, Neues zu erkunden, verwirft er weder die Tonalität noch traditionelle Formen der Themenverarbeitung. Dennoch hat man bei Sallinen nicht das Gefühl, er sei kein moderner Komponist. Beim Hören seiner Musik, spürt man sofort, daß es sich um Musik unserer Zeit handelt. Sallinen ist es gelungen, eine unverwechselbare neue Tonsprache zu schaffen, ohne mit der Tradition zu brechen.

 

Dies gilt auch für das Werk „Aspekte des Trauermarsches von Peltoniemi Hintrik“ für Streichorchester. Die Komposition aus dem Jahre 1967, ursprünglich Sallinens 3. Streichquartett, nimmt ihren Ausgangspunkt von einer populären Fidelmelodie. Schon bevor deren verschiedene „Aspekte“ in fünf Variationen durchgespielt werden, hat sie allerhand harmonische und klangliche Abenteuer zu bestehen. Durch die mitunter turbulenten Verfremdungen klingen immer wieder Elemente traditioneller Musik, wodurch der Eindruck entsteht, als wolle der Komponist eine Geschichte erzählen. Es ist zu vermuten, daß dies alles mit Peltoniemi Hintrik zu tun hat, einer offenbar ziemlich schrägen Persönlichkeit, über die wir leider nicht mehr wissen, als das, was uns Sallinen mit seinen eindrucksvollen musikalischen Mitteln darüber zu erzählen weiß.

1959 Jean Francaix (1912 – 1997) – L’Horloge de Flore

Das Werk „L’Horloge de Flore“ (Die Blütenuhr) für Oboe und Orchester entstand im Jahre 1959. Ihm ein Gedicht von Mallarmé zu Grunde, das wiederum eine Idee des großen schwedischen Botanikers von Carl von Linné (1707-1778) aufnimmt. Die verschiedenen Blumen werden in der Reihenfolge vorgestellt, in der sie im Tagesablauf erblühen. Der bunte Reigen, in dem auch Tanzrhythmen wie der Rumba erklingen, beginnt „majestätisch“ mit dem Schneeglöckchen, das seine Kelche bereits nachts um 3 Uhr öffnet. Um 5 Uhr folgt die Cupidone, danach um 10 Uhr die Wachsblume. Zur Mittagsstunde meldet sich – unterstützt von einer Soloklarinette und indischen Tablafiguren – die Jalape von Malabar zu Wort. Auf’s Zarteste „erklingt“ um 17 Uhr die Wunderblume. Gar nicht melancholisch kündigt die Trauergeranie um 19 Uhr die Neige des Tages an, der um 21 Uhr von der Nachtblume beendet wird.

1951/52 Francis Poulenc (1899- 1963) – Capriccio d`après Le Bal masqué, L`Embarquement pour Cythère

Die beiden Stücke für zwei Klaviere sind von nostalgischen Erinnerungen Poulencs an seine Jugend geprägt. Als Kind verbrachte Poulenc den Sommer regelmäßig im Ferienhaus seiner Großeltern in Nogent-sur-Marne unweit von Paris. An die unbeschwerte Stimmung dieser Aufenthalte hat sich der Komponist später gerne erinnert. In dem Städtchen am Ufer der Marne gab es eine Reihe von „guinguettes“, eine Art Café, wo sich abends ein gewisses Nachtleben entfaltete. Die erotisch angehauchte Musik der „bals musettes“ und der Varietés, die Poulenc hier hörte, hat bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie spiegelt sich in vielen seiner Werke. Das „Capriccio“, das im Jahre 1952 entstand, zwei greift in zwei Stufen auf diese Kindheitserinnerungen zurück. Es bezieht sich auf die profane Kantate „Le Bal masqué“, die Poulenc im Jahre 1932 nach Gedichten von Max Jackob, einem Mitglied des Kreises der Surrealisten um André Breton und Paul Éluard, komponierte. Die Kantate wiederum enthält Elemente der Musik, die Poulenc nicht zuletzt in den „guinguettes“ von Nogent-sur-Marne gehört hatte.

 

Ein Jahr vor dem „Capriccio“ hatte Poulenc die Valse musette „L`Embarquement pour Cythère“ komponiert, die ebenfalls die Atmosphäre von Nogent-sur-Marne heraufbeschwört. Er verwendete dabei Musik für den Film „Die Reise nach Amerika“, die er kurz zuvor geschrieben hatte. Der Titel des Werkes spielt auf das Bild gleichen Namens von Watteau an, das Friedrich der Große für seine Sammlung von Rokokogemälden erwarb. In diesem berühmtesten Gemälde des 18. Jahrhunderts wird in schwülen Farben die Einschiffung einer erotisch – erwartungsfrohen Gesellschaft zur Fahrt auf die griechische Liebesinsel Cythera dargestellt. Möglicherweise hat sich Poulenc bei der Wahl des Titels seiner Komposition von der „Liebesinsel“ in der Marne bei Champingy, die er als Jugendlicher in den Sommerferien häufiger durchstreifte, und der Tatsache inspirieren lassen, dass Watteau in Nogent-sur-Marne starb.

1949 Serge Prokofieff (1891-1953) – Sonate für Violoncello und Klavier

Bei russischer Musik des 20. Jahrhunderts stellt sich unweigerlich die Frage nach ihrem Verhältnis zur Politik. In besonderem Maße ist dies bei Prokofieff der Fall. Prokofieff verließ wie Rachmaninow nach der Oktoberrevolution seine russische Heimat und lebte im kapitalistischen Ausland, wo er fast zwei Jahrzehnte als frei schaffender Künstler durch Japan, Europa und Amerika irrte und sich mit der europäischen Avantgarde auseinandersetzte. Erstaunlicherweise (und anders als Rachmanninow) kehrte er jedoch 1936 in die Sowjetunion zurück, in ein Land, das nach anfänglicher Aufbruchstimmung gerade dabei war, künstlerisch bieder zu werden. Wie, so fragt man sich, konnte Prokofieff, der doch das Leben in der freien Welt kennen gelernt hatte, ausgerechnet zu einer Zeit endgültig in die Sowjetunion zurückkehren, in welcher der Stalinismus seine übelste Seite zu offenbaren begann? Die Frage stellt sich um so mehr, als dort wenige Monate zuvor das erste Scherbengericht über die moderne Musik stattgefunden hatte, bei dem insbesondere Schostakowitsch massiv kritisiert und sogar bedroht worden war.

 

Daß Prokofieff, der damals 45 Jahre alt war, unter diesem Umständen in sein Heimatland zurückkehrte, hatte offensichtlich mit der Aussicht zu tun, nicht länger als freischwebender Künstler auf dem freien Markt vagabundieren zu müssen, auf dem man zwar so ziemlich alles machen konnte, was man wollte, auf dem man unter Umständen aber auch nur begrenztes Interesse erregte. Im sozialistischen System hingegen konnte Prokofieff damit rechnen, eine anerkannte Rolle in der Gesellschaft spielen. Darüber hinaus konnte er sich in der Vorstellung wiegen, an der Gestaltung des sozialistischen Staates mitwirken zu können, der immerhin nicht weniger versprach, als das Paradies auf Erden herzustellen. Prokofieff war bereit, hierfür gewisse Abstriche bei der künstlerischen (und persönlichen) Freiheit zu akzeptieren.

 

Wirklich substanzielle Abstriche bei der künstlerischen Qualität lehnte Prokofieff allerdings immer ab. Kurz nach seiner Übersiedlung schrieb er über seine Auffassung vom sozialistischen Realismus: „Die Musik ist in unserem Lande zum Besitz der großen Massen geworden. Deren künstlerischer Geschmack wächst mit unwahrscheinlicher Geschwindigkeit. Deswegen sehe ich jedes Bestreben des Komponisten nach Simplifizierung als falsch an“. In seinen neueren Kompositionen, so schrieb er weiter, habe er sich in keiner Weise bemüht, sich allgemein bekannter harmonischer und melodischer Wendungen zu bedienen. Die Schwierigkeit bestehe darin, „in einer klaren Sprache zu komponieren und daß diese Klarheit nicht die alte, sondern die neue sein muß.“ Von dieser Linie der gemäßigten Modernität hat sich Prokofieff auch nicht abbringen lassen, als er im Jahre 1948 beim zweiten großen Scherbengericht über die neue Musik selbst in die Schußlinie der Partei geriet und man ihm, Schostakowitsch, Khatchaturian und anderen Formalismus, mangelnde Volksnähe und allzu große Nähe zur Musik des dekadenten Westens vorwarf.

 

Dies zeigt nicht zuletzt Prokofieffs Cellosonate, die er im Jahre 1949, also ein Jahr nach dem erneuten Generalangriff der Partei komponierte. Das Werk, das in Zusammenarbeit mit dem großen russischen Cellisten Mistislav Rostropowitsch entstand (dieser war damals gerade 20 Jahre alt), wirkt bei aller Klarheit der Form und trotz seiner eingängigen Melodik und verständlichen Harmonik niemals rückwärtsgewandt oder epigonenhaft.

 

Prokofieff blieb bekanntlich der Sowjetunion und ihrem damaligen Repräsentanten Stalin bis zu seinem Tode treu. Merkwürdigerweise starb er am gleichen Tag und Ort wie Stalin, nämlich am 5.März 1953 in Moskau. Im Gegensatz zu Stalins „Werk“ lebt seine Musik, ebenso wie die von Schostakowitsch, Khatchaturian und anderer, die ähnliche Qualitätsbegriffe hatten, weiter. Diese Musik hat sogar beste Chancen, manche Musik des Westens aus dieser Zeit zu überleben. Es könnte sein, daß von der Musik, die um die Mitte des 20. Jahrhunderts entstand, auf lange Sicht besonders viel aus dem Bereich der ehemals sozialistischen Länder übrig bleibt. Dies hat damit zu tun, daß die Komponisten hier – wenngleich durch eine engherzige Kulturbürokratie – gezwungen wurden, auf den Bezug dessen zu achten, was man die (soziale) Realität nannte, mit anderen Worten nicht abzuheben und auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben.

 

Auf den ersten Blick scheint dies ein merkwürdiges Ergebnis des sozialistischen Realismus. So ganz ungewöhnlich wäre eine solche Karriere von Musik dann aber auch wieder nicht. Auch in der Klassik ist nicht die schlechteste Musik in sozialen Verhältnissen und für solche entstanden, mit denen wir heute nichts mehr zu tun haben wollen. Der Grund dafür dürfte sein, daß sich die Musik von ihrem engen sozialen Kontext emanzipieren konnte, was nicht zuletzt deswegen möglich war, weil sie ihre allgemeine Bedeutung aus der Reibung mit diesem Kontext gewann.

1947 Richard Strauss (1864 – 1949) – Duett-Concertino für Klarinette, Fagott und Streicher mit Harfe

Im Duett-Concertino, dem die Idee zu Grunde liegt, die lustige Klarinette gegen das traurige Fagott auszuspielen, haben die Interpreten, die Strauss stets im Verdacht der Programmusik haben, immer ein Programm gesucht. Ihm soll Andersen Märchen vom Schweinehirten Modell gestanden haben. Demnach würde es darum gehen, daß ein Schweinehirt (Fagott) um eine kapriziöse Prinzessin (Klarinette) wirbt. Es ist allerdings auch von einem Bären die Rede, der sich in eine Prinzessin verliebt hat, was zeigt, daß die Sache nicht so ganz einfach ist. In Wirklichkeit hat Strauss, der am Aufkommen beider Versionen eine gewisse Mitschuld trägt, seinen Kritikern ein Schnippchen geschlagen. Die beiden ersten Sätze können als Programmmusik verstanden werden, das Rondo aber ist absolute Musik. Der greise Meister, der nach einem musikalischen „Heldenleben“, welches ihn durch alle Höhen und Tiefen der Empfindung führte, zu heiterer Einfachheit zurückkehrt, beschwört hier „im schwebenden musikalischen Spiel ein kleine Welt reiner Märchenschönheit“.

1945 Richard Strauss (1864 – 1949) – Konzert für Oboe und kleines Orchester

Am 22. März 1947 wandte sich der argentinische Musikschriftsteller Johannes Franze brieflich an Richard Strauss mit der Bitte, er möge seinen Londoner Verlag dazu veranlassen, ihm, Franze, wie vor dem Krieg, wieder die Klavierauszüge seiner neueren Schöpfungen zu senden. Man habe in Buenos Aires zwar alles von Strawinski und de Falla gehört, man kenne viel von jungen russischen und nordamerikanischen Komponisten, „aber“, so fuhr er fort, „die Wucht, Größe, Leidenschaft und zugleich Feinheit, Wärme, Farbe und Poesie Ihrer Tonsprache wird unnachahmlich bleiben und für immer in die Geschichte eingehen“. Am 1.4.1947 antwortete Strauss, er werde der „ausgezeichneten und sehr rührigen“ Firma „Boosey und Hawkes“, der er seinen Nachlass anvertraut habe, diesen Wunsch ans Herz legen. Allerdings sei sein Lebenswerk mit den Opern „Liebe der Danae“ und „Capriccio“ beendet. In Anschluss daran listet er dann aber eine Reihe von Kompositionen, im wesentlichen Instrumentalwerke, auf, welche er danach noch geschrieben hatte. Bei diesen Stücken, so merkte er in der für ihn typischen lakonischen Art an, handele es sich um „Werkstattarbeiten, damit das vom Taktstock befreite rechte Handgelenk nicht vorzeitig einschläft“. Zu den genannten Werken gehörte auch das „Konzert für Oboe und kleines Orchester“, das Strauss im Jahre 1945 komponiert hatte.

 

Das Oboenkonzert steht in einem merkwürdigen Verhältnis zu den unmittelbar davor entstandenen „Metamorphosen für 23 Solostreicher“, die ebenfalls in der Liste der „Werkstattarbeiten“ aufgeführt sind. Dieses hoch komplexe und rätselhafte Werk, das manche für das Bedeutendste des Komponisten halten, spiegelt die tiefe Depression, in die Strauss angesichts der Zerrüttung der allgemeinen und nicht zuletzt seiner persönlichen Verhältnisse am Ende des Krieges gefallen war. Es ist eine höchst persönliche, von Selbstmitleid nicht freie Auseinandersetzung mit der deutschen Tragödie, in der Strauss als zeitweiliges Aushängeschild des nationalsozialistischen Regimes Handelnder, zugleich aber künstlerisch und wirtschaftlich auch Leidtragender war. Strauss hat im letzten Kriegsjahr immer wieder zum Ausdruck gebracht, wie tief ihn gerade die Zerstörung der  Opernhäuser, vor allem natürlich „seiner“ Häuser in München, Dresden und Wien getroffen hatte. Ihr Verlust war für ihn Symbol für ein mögliches Ende der deutschen Kultur, ja überhaupt der Kultur. Die Stimmung, in der er sich seinerzeit befand, offenbart sich etwa in einem Brief vom 5. April 1945 an den Wagnerforscher Golther, der mitten in die Zeit der abschließenden Arbeit an den „Metamorphosen“ fällt. Darin heißt es, dass nun die „zweihundertjährige deutsche Kultur zu versinken, die deutsche Musik zu erlöschen oder zumindest in der seelenlosen Maschine zu entarten drohe“. Sein eigenes künstlerisches Leben sei beendet und er komme sich „wie ein lebendig Begrabener“ vor. Die „Metamorphosen“ sind ein lamentöser Rückblick auf eine Kulturepoche, die sich – in Straussens damaliger Sicht – im Untergang befand, was für den Komponisten, der sich als den letzten große Repräsentanten dieser Entwicklung sah, dem Ende der Musikgeschichte gleichkam. Dem entspricht, dass er in diesem Werk so etwas wie die Summe der (satztechnischen) Möglichkeiten der Epoche zieht. In einer gewaltigen Anstrengung wagt er ein Werk für 23 Solostimmen, die sich – das überkommene Variationenprinzip auf die Spitze treibend – zu einem Geflecht verbinden, das an Dichte und Beziehungsreichtum kaum mehr zu überbieten ist.

 

Es ist als habe Strauss sich mit den „Metamorphosen“ seine Probleme von der Seele komponiert. Wenige Wochen danach entstand das Oboenkonzert, in dem die Stimmung schon wieder wesentlich optimistischer ist. Inzwischen hatte Strauss unmittelbaren Kontakt mit den amerikanischen Besatzungstruppen, die ihm die nötige Ehre erwiesen, u.a. indem sie von ihm Autogramme – möglichst mit ein paar Takten aus dem „Rosenkavalier“ – erbaten und seine Villa in Garmisch als „off limits“ einstuften. Die Besatzer, die er kurz zuvor in seinem Tagebuch als „verbrecherische Soldateska“ bezeichnet hatte, die „unersetzliche Baudenkmäler zerstören“, erschienen ihm nun „äußerst lebenswürdig und wohlwollend“ (Brief vom 10.5.1945 an seinen Biographen Schuh).

 

Unter den Soldaten, die Strauss aufsuchten, war auch der damals 24 – jährige John de Lancie aus Chicago, der im Zivilberuf Oboist war. De Lancie berichtet über sein Gespräch mit Strauss: „Ich erinnere mich, dass ich damals dachte, ich könne nichts zu dem Gespräch beitragen, das den Komponisten auch nur am Rande interessierte. Einmal jedoch nahm ich allen meinen Mut zusammen und begann über die herrlichen Oboenstimmen zu sprechen, denen man in so vielen seiner Werke begegne…. Ich wollte wissen, ob er zu diesem Instrument eine besondere Affinität habe, und da mir sein Hornkonzert bekannt war, fragte sich ihn, ob er jemals an ein Konzert für die Oboe gedacht habe. Seine Antwort war ein klares <Nein>! Das war so ziemlich alles, was ich aus ihm heraus bekommen konnte.“ Der Amerikaner scheint aber doch Eindruck auf den Komponisten gemacht zu haben. Kurz darauf begann Strauss mit der Komposition eines Konzertes für dessen Instrument.

 

Im Oboenkonzert, das wieder wunderbar durchsichtig ist, führt Strauss das Soloinstrument in weit gesponnenen Girlanden aus einer elegischen Grundhaltung in immer lichtere Höhen. Die Stimmung der „Metamorphosen“ ist aber noch nicht ganz überwunden. Dies zeigen neben dem untergründigen Grummeln der Streicher, welches besonders den ersten Teil durchzieht, vor allem die zahlreichen Anspielungen auf das Vorgängerwerk. So findet sich auch hier der auf einem Ton klopfende Themenkopf, der in den „Metamorphosen“ mit verstörenden Tonartrückungen streckenweise unerbittlich wiederholt wird. Anders als dort, wo er sich schließlich resignierend in das Thema des Trauermarsches aus Beethovens „Eroica“ verwandelt, erscheint er im Oboenkonzert aber als ferne Erinnerung und wird versöhnlich fortgesetzt. Nach einem nachdenklichen Mittelteil wird die elegische Stimmung im letzten Teil weitgehend überwunden: Gelegentlich breitet sich sogar Walzerseligkeit im Stile des „Rosenkavaliers“ aus, aus dessen Musik Strauss, dessen Stimmung sich zusehends aufheiterte, übrigens unmittelbar danach eine fulminante Orchestersuite machen sollte. Auch sonst gibt es zahlreiche Anspielungen auf die musikalische Tradition, nicht zuletzt auf Strauss` Vornamensvetter Richard Wagner, aus dessen „Siegfried – Idyll“ weitgehend das thematische Material des mittleren Teiles stammt.

 

Kurz nach der Vollendung des Particells des Oboenkonzertes übersiedelte Strauss, der die Entnazifierungsverfahren und die Entbehrungen der Nachkriegszeit fürchtete, mit Zustimmung des zuständigen amerikanischen Offiziers in die Schweiz, wo er gegen einigen publizistischen Widerstand im dortigen Musikleben Fuß zu fassen versuchte. Hier vollendete er in seinem vorläufigen Domizil, dem Hotel Verenahof in Baden, im Oktober 1945 die Partitur des Konzertes. Am 25. Januar 1946 fand in Zürich die Uraufführung der „Metamorphosen“ statt, an der Strauss, wohl wegen der besonderen Bedeutung, die das Werk für ihn hatte, nicht teilnahm. Er dirigierte es am Vortag nur einmal in einer Probe. Einen Monat später, am 26. Februar, wurde das Oboenkonzert  – ebenfalls in Zürich – erstmals aufgeführt. Strauss lud dazu de Lancie ein, der aber nicht kommen konnte, weil er in Amerika war. Da die Veranstalter (politische) Bedenken gegen Strauss hatten, wies man ihm einen Platz im Hintergrund des Saales an. Kurz vor Beginn des Konzertes ging aber eine Zuhörerin, die in der ersten Reihe saß, auf Strauss zu und tauschte mit ihm den Platz, was der Komponist als Beginn des Wiedereintritts in die Musikgeschichte empfunden haben dürfte.

Weitere Texte zu Werken von Strauss und rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1944 Aram Khatchaturian (1903 – 1978) – Walzer aus der Maskerade-Suite

Wie Schostakowitsch, dessen Lebensdaten er weitgehend teilt, ist Khatchaturian eine sowjetische Künstlerpersönlichkeit, die im Zwiespalt zwischen persönlichem Ausdruckswillen und der Forderung nach sozialistischem Realismus eine Musik schuf, die zugleich hörbar und zeitgemäß war. Wie Schostakowitsch war er Zielscheibe der engherzigen sozialistischen Kulturkritik, zugleich aber auch in die volkspädagogischen Bestrebungen des Regimes eingespannt. Khatchaturians großes Engagement auf diesem Feld spiegelt sich nicht zuletzt in seinen zahlreichen Bühnen- und Filmmusiken wieder, aus denen wiederum eine ganze Reihe Suiten hervorgegangen sind. Für angewandte Musik dieser Art war der Komponist wegen seines ausgeprägten Sinnes für Farbe und Rhythmus, der aus der Verwurzelung in der Musik seiner armenischen Heimat resultiert, geradezu prädestiniert.

 

Die Maskerade-Suite entstand aus der Musik zu dem gleichnamigen Schauspiel des russischen Romantikers Mikhail Lermontow, die Khatchaturian im Jahre 1944 komponierte. Der außerordentlich temperamentvolle und eingängige Walzer daraus, der mit seiner übermütigen Laune in einem merkwürdigen Kontrast zu der bedrückenden Stimmung der Kriegszeit steht, in der er geschrieben wurde, ist zu so etwas wie einem Markenzeichen für den Komponisten geworden.

 

1943 Benjamin Britten (1913-1976) – Serenade für Horn, Tenor und Streichorchester

Die Künstlerfigur Benjamin Britten widerlegt den vermeintlichen Erfahrungssatz, daß ein Klassiker der Musik eine Person sei, die allenfalls unsere Großeltern noch persönlich erleben haben konnten. Viele der heutigen Konzertbesucher haben den Engländer, mit dem sich wie selbstverständlich die Vorstellung von Klassizität verbindet, noch vor weniger als 30 Jahren durch die Konzertsäale Deutschlands ziehen sehen. Die Liederabende mit seinem Lebensgefährten Peter Pears, bei denen neben den großen Werken der Liedtradition auch viele seiner eigenen Lieder aufgeführt wurden, waren denkwürdige Ereignisse. Ihre „Winterreise“ von Schubert galt lange Zeit als die Alternative zur der alles beherrschenden Interpretation von Dietrich Fischer-Dieskau.

Ein „Klassiker“ ist Britten schon deshalb, weil er sich, ohne die Entwicklungen seines Jahrhunderts zu verleugnen, konsequent einer verständlichen und melodiösen Tonsprache bediente. Seine Werke sind bei aller Beweglichkeit des musikalischen Materials fest in der Tonalität verwurzelt und haben eine übersichtliche Faktur. Wichtig war Britten auch der Kontakt zu den ausübenden Musikliebhabern und zur Jugend, was nicht die schlechteste Voraussetzung für eine Klassifizierung ist. Dies hat uns so populäre Werke wie „Young Person’s Gide to the Orchestra“ und die „Simple Symphony“ beschert. Hinzu kommt, daß Britten für das Musikleben Englands eine ähnlich überragende Bedeutung hatte wie etwa die Wiener Klassiker für den deutschsprachigen Raum. Er schrieb die erste bedeutende englische Oper nach Henry Purcell und beendete damit eine Durststrecke der englischen Opernproduktion, die nicht weniger als 250 Jahre andauerte. Brittens insgesamt 17 Bühnenwerke, darunter ein Ballett für John Cranko, trugen entscheidend zur Wiederbelebung des englischen Musiktheaters bei, das zuvor weitgehend darniederlag. Zwischen den beiden Weltkriegen gab es im ganzen Land nur zwei regelmäßig bespielte Opernhäuser, auf denen dazu fast nur ausländische Kompagnien gastierten.

Neben der Oper hat sich Britten vor allem mit zahlreichen Liederzyklen hervorgetan. Einer der beliebtesten ist die Serenade Op.31 für Horn, Tenor und Streichorchester, die im Jahre 1943 entstand. Dem Werk, das auf nostalgische Weise die Formen der musikalischen Tradition verwendet, liegen englische Gedichte aus mehreren Jahrhunderten zum Thema Nacht und Traum zugrunde. Wie fast alle Vokalkompositionen Brittens ist die Serenade für Peter Pears geschrieben, der sie am 15.Oktober 1943, mitten im Krieg, in der Londoner Wigmore Hall aus der Taufe hob. Die Komposition gilt als das Werk, mit dem der 29-jährige Britten seinen eigenen Ton fand. Er selbst meinte allerdings, das Stück sei „nicht sonderlich wichtig“. Dabei mag eine Rolle gespielt haben, daß er gleichzeitig an seiner ersten großen Oper, „Peter Grimes“, arbeitete, die wenige Monate später seinen Weltruhm begründen sollte.

Zu Brittens Stellung als musikalischer Klassiker hat allerdings schon die Serenade Op.31 einen wesentlichen Beitrag geleistet. In der Besprechung der Uraufführung schrieb William Glock, der Kritiker des „Observer“: „Mit einer gewissen Traurigkeit habe ich immer meinem Vorgänger (im Amt des Kritikers), Fox-Strangways, von seinem Glück erzählen hören, daß er als junger Mann die reifsten Werke von Brahms unmittelbar nach ihrer Entstehung hören konnte. Jetzt geht es mir anders, denn mit Benjamin Britten haben wir endlich einen Komponisten, der uns ebenso große Visionen bietet. Seine neue Serenade übertrifft an Kraft und Gefühl alles, was er bisher geschrieben hat.“

1942 Jean Francaix (1912-1997) – Divertissement für Fagott und Orchester

Das Divertissement für Fagott und Streicher entstand mitten im 2. Weltkrieg (1942). Vielleicht ist die Tatsache, daß es der Zeitstimmung völlig entgegengesetzt war, der Grund dafür, daß es das Licht der Welt erst in tiefsten Friedenszeiten erblickte. Die Uraufführung fand nämlich im Mai 1968 in Schwetzingen statt. Das Werk macht seinem Namen alle Ehre. Es ist im besten Sinne des Wortes unterhaltend: witzig, gelegentlich sogar frech, stimmungsvoll und gespickt mit raffinierten Rhythmen. Vorsicht ist bei allzu schnellem Urteil geboten: Auch dort, wo sich das Fagott total zu verheddern scheint, hat der Meister Regie geführt!

1942 Igor Strawinski (1882 – 1971) – Zirkus-Polka

Die Musikfarce vom Frühjahr 1942 wurde tatsächlich für den Zirkus und zwar für eine Elefantennummer des New Yorker Zirkus Barnum und Bailes geschrieben. Die Originalfassung sah dementsprechend eine Zirkusbandbesetzung vor. Strawinski schuf jedoch auch die Orchesterversion. Wie so häufig bei Strawinski enthält auch dieses in der Tradition der russischen Orchesterscherzi stehende Werk eine – recht turbulente – Auseinandersetzung mit der Musikgeschichte. Darin versteckt sind „Zitate“ von Tschaikowski, Johann Strauß, Ravel und vor allem von Schubert (aus dem vierhändigen Militärmarsch in D-Dur). Der Erfolg der Polka war beachtlich. Sie ging bei Barnum und Bailes 425 Mal „über die Manege“. Die Elefanten allerdings verhielten sich so, wie die Hüter des Musikerbes auf Strawinskis Musik häufig reagierten. Sie waren verwirrt und hatten, ganz anders als bei Walzern, Schwierigkeiten, den Takt zu halten.  

Erstaunlich ist der Weg der Zirkuspolka nach Europa. Im August 1945 fanden nach der japanischen Kapitulation in den USA die Feierlichkeiten zur endgültigen Beendigung des 2. Weltkrieges statt, an denen General de Gaulle als Chef der französischen Übergangsregierung teilnahm. Er rief persönlich bei Strawinskis New Yorker Verlag an, bestellte die Partitur und nahm sie mit, wodurch sie in Strawinskis zeitweilige frühere Heimat Frankreich gelangte.

1939 Joaquín Rodrigo (1901-1999) – Konzert für Guitarre und Orchester (Concierto de Aranjuez)

Aranjuez kennt man hierzulande vor allem aus Schillers „Don Carlos“, dessen spanisches Schauspiel mit den Satz beginnt: „Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende.“ Mit diesem Satz könnte man auch weite Teile der Entwicklung der neueren Kunstmusik überschreiben. Spätestens ab der Mitte des 20. Jahrhundert war – jedenfalls in ihrer mitteleuropäischen Kernregion – die „Belle Époque“ der Kunstmusik mehr oder weniger vorbei. Auf dem Hintergrund der sozialen Katastrophen des 20. Jh. wurde die Musik hier zunehmend zum Medium der Reflexion über die Welt und ihre Probleme und zum Experimentierfeld zur Gewinnung außergewöhnlicher Erfahrungen und Erkenntnisse. Die Fragen, die man dabei verhandelte, waren meist von ernster und abstrakter Natur. Die Musikliebhaber folgten diesen Fragestellungen, vor allen aber den Antworten, welche die Komponisten darauf fanden, nur begrenzt. Dem entsprechend war das Verhältnis von Komponist und Publikum in erster Linie von Spannungen geprägt. Die – gute alte – Zeit, in welcher der gebildete Bürger die zeitgenössische Musik ohne weiteres als seine Musik empfand, war damit zum Ende gekommen. So ist es denn auch kein Wunder, dass danach nur noch wenige Werke der Kunstmusik ins allgemeine Bewusstsein vordrangen. Insbesondere aus den letzten zwei Dritteln des 20. Jahrhundert hat kaum mehr ein Werk der „seriösen“ Musik eine Popularität erlangt, wie sie Schlüsselwerke der Klassiker haben.

 

Die Ausnahme ist Rodrigos „Concierto de Aranjuez“. Es ist eines der bekanntesten Werke der „klassischen“ Musik überhaupt. Den Ganztonvorhalt, mit dem das Thema des zweiten Satzes beginnt, hat man sogar die berühmteste „Sekunde“ der Musik genannt. Das Werk wurde im Jahre 1939 komponiert, drei Jahre nachdem mit „Carmina Burana“ ein weiteres der raren Werke der neueren Musik entstand, die es noch ins allgemeine Bewusstsein schafften. Mit dem „Concierto der Aranjuez“ beschwört Rodrigo noch einmal die schönen Tage der Musik. Schon der Titel, der auf den gleichnamigen barocken Sommerpalast der spanischen Könige und seine prachtvollen Gartenanlagen anspielt, zeigt, dass es dabei weniger um die akuten Probleme der Zeitgenossen ging, wie sie etwa der zu Ende gehende spanische Bürgerkrieg durchaus stellte, sondern in erster Linie darum, sich einmal davon zu erholen. Dennoch ist Rodrigos Konzert keine bloße Unterhaltungsmusik. Der Komponist schöpft zwar reichlich aus der spanischen Folklore, insbesondere dem Flamenco, verarbeitet diese aber mit den seriösen Mitteln des Neoklassizismus, eine der herrschenden Kompositionsströmungen seiner Zeit. Im langsamen Satz geht es sogar außerordentlich ernsthaft zu. Rodrigo soll mit dessen Komposition begonnen habe, nachdem er erfahren hatte, dass bei der Schwangerschaft seiner Frau eine lebensgefährliche Komplikation aufgetreten sei. Man hat diesen beeindruckenden Satz daher als Gebet oder besser noch als Zwiegespräch mit Gott interpretiert, zumal Rodrigo darin eine Saeta anstimmt, eine Klagemelodie, die bei den Festprozessionen der Semana Santa in Sevilla erklingt.

 

Für Rodrigo, der im Alter von 3 Jahren fast vollständig erblindete, war das Werk der Auftakt für eine ganze Reihe von Konzerten, die er teilweise im Auftrag bekannter Instrumentalisten schrieb, darunter mehrere Konzerte für bis zu vier Gitarren. Der Komponist, dessen Leben das problematische 20.Jh. fast ganz ausfüllt, hatte in der Folge wichtige Ämter im spanischen Kulturleben inne und wurde, anders als seine mitteleuropäischen Kollegen, in hohem Maße vom Publikum geliebt. Dafür, und nicht zuletzt, weil er, allen persönlichen und gesellschaftlichen Problemen zum Trotz, die „gute“ Stimmung (bei)behielt, wurde er 1991 in den Adelsstand mit dem sinnigen Titel eines „Marquis der Gärten von Aranjuez“ erhoben.

 

1938 Bela Bartók (1881-1945) – Konzert für zwei Klaviere und Schlagzeug und Orchester

Anfang des 20. Jh. herrschte in Europa bei vielen schöpferischen Musikern das Gefühl, daß das spätromantische Musikidiom mit seinen hochartifiziellen und weit ausdifferenzierten Ausdrucksmitteln die Grenzen seiner Entwicklungsmöglichkeiten erreicht habe. Überall machten sich daher junge Komponisten auf die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Einige der „Jungen Wilden“ wandten sich dabei den Grundlagen der Musik zu. Bela Bartók etwa erforschte die Volksmusik Südosteuropas in der Absicht, in der „primitiven“ Musik „vorzivilisatorische“ Elemente zu finden. Die Beschäftigung mit der hergebrachten Musik der Balkanvölker sollte die Grundlage für außerordentlich neue Musik werden.

 

Ein Ergebnis dieser Besinnung auf die Grundlagen der Musik war, daß Bartók im Klavier, weil hier Hämmer auf Saiten geschlagen werden, vor allem ein Perkussionsinstrument sah. Dies führte nicht nur dazu, daß der rhythmische Aspekt in seiner Klaviermusik im besonderen Maße hervorgehoben ist. Es legte auch nahe, Schlagzeug und Klavier musikalisch unmittelbar aufeinander zu beziehen.

 

Dieser Gedanke liegt bereits Bartóks erstem Klavierkonzert aus dem Jahre 1926 zu Grunde. Schon optisch tritt das Schlagzeug hier aus dem Hintergrund – in der Partitur ist vermerkt, daß es „womöglich unmittelbar hinter dem Klavier aufgestellt“ werden soll. Inhaltlich spielen beide Instrumente ähnliche Rollen. Das musikalische Material dieses Konzertes ist fast ausschließlich rhythmischer Natur, wobei es – der Suche nach „vorzivilisatorischen“ Elementen entsprechend – außerordentlich hart zugeht.

 

Auch im zweiten Klavierkonzert aus dem Jahre 1930 sind Klavier und Schlagzeug auf besondere Weise verbunden. Durch zahlreiche Anspielungen an die „zivilisierte“ Musiktradition markiert Bartók hier aber so etwas wie einen Gegenpol zur Wildheit des ersten Konzertes. Das Klavier wird im Sinne der Romantik wieder mehr als Akkordinstrument behandelt.

 

Im Konzert für zwei Klaviere und Schlagzeug wird schließlich die Synthese erreicht. Auf dem Höhepunkt seiner Meisterschaft sucht Bartók hier die Balance zwischen Perkussion und Akkord. Daher sind die umfangreichen Perkussionsinstrumente – zu ihrer Bedienung bedarf es zweier Personen – hier einerseits echte Soloinstrumente, andererseits werden ihnen, um ein Übergewicht zu verhindern, zwei Klaviere gegenübergestellt. Auch hier hat Bartók die Anordnung der Instrumente genau vorgeschrieben. Das Schlagzeug soll zentral zwischen die beiden Klaviere positioniert werden, die ihrerseits schräg gegeneinander zu stellen sind.

 

Inhaltlich hat der Komponist, der auf der Suche nach Neuem zuvor nicht selten das Extreme wählte, Rhythmik und Melodik versöhnt. Das Werk gilt als „eines der in jeder Hinsicht vollkommensten und bedeutsamsten Meisterwerke“ in Bartóks Oeuvre. Wegen seiner inneren Logik und Übersichtlichkeit trägt es geradezu klassische Züge. An typisch Bartók´scher Dynamik und Expressivität fehlt es deswegen nicht. Der zweite Satz etwa ist ein besonders schönes Beispiel für die wundersamen Nachtstücke, die wir von Bartók besitzen. Man hat darin eine Naturschilderung, etwa ein Vogelkonzert in einem Wald gesehen. Im übrigen ist das Werk gekennzeicnet durch eine ausgeprägte lineare Polyphonie, die sich aus den unterschiedlichen Klangebenen der Soloinstrumente ergibt, sowie durch ausgeklügelte Polyrhythmik und ständige Schwerpunktverlagerungen. Die Behandlung des Schlagwerkes ist außerordentlich differenziert. Bartók gibt genaue Anweisungen, an welcher der Stelle das jeweilige Instrument mit welchem Teil des Schlagwerkzeuges zu schlagen ist, wodurch regelrechte Klangfarbenmelodien entstehen (besonders deutlich am Anfang des zweiten Satzes).

 

Das Konzert verdankt seine Entstehung einem Auftrag von Paul Sacher aus dem Jahre 1937. Für ihn und sein Basler Orchester hatte Bartók kurz zuvor bereits die berühmt gewordene „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ geschrieben, deren Klangwelt das Konzert nahe steht (es gilt als deren „jüngerer Bruder“).

 

Ursprünglich hatte die Komposition die Form einer Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug. Als solche wurde sie am 16. Januar 1938 auch in Basel uraufgeführt. Seinerzeit spielten Bartók und seine zweite Frau die Klavierpartien, wobei seine Frau erstmals öffentlich auftrat. Es war einer der größten Erfolge Bartóks beim Publikum und bei der Kritik. Auf Bitten seines Verlegers schrieb Bartók in den folgenden Jahren die Orchesterfassung. Sie wurde erstmals am 21. Januar 1943 unter Fritz Reiner in New York, wiederum mit Bartók und seiner Frau als Pianisten aufgeführt. Es sollte der letzte öffentliche Auftritt des Komponisten sein.

 

1936 Samuel Barber (1910 -1981) – Adagio für Streicher

Das Adagio von Barber, eines der bekanntesten Werke der amerikanischen ernsten Musik, ist in Europa entstanden. Barber schrieb es im Jahre 1936 als Stipendiat der Amerikanischen Akademie in Rom. Das ungemein expressive Werk bildete ursprünglich den zweiten Satz eines Streichquartettes. Sein Eigengewicht erwies sich jedoch als so groß, daß es schon bald eigene Wege ging. Kein geringerer als der Europäer Arturo Toscanini führte es im Jahre 1938 in New York erstmals als selbständiges Orchesterwerk auf und spielte es auf Schallplatte ein. Im Jahre 1960 ließ Barber es zum Text des Agnus Dei auch als Chorwerk erscheinen.

 

Das Adagio ist ein exzeptionelles Werk. In einer Zeit, in der die musikalische Avantgarde Europas die traditionelle Musiksprache für verbraucht hielt, zeigt ein 26-jähriger aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten den Europäern gewissermaßen auf ihrem eigenen Terrain, welch‘ ungeheure Ausdrucksmöglichkeiten noch in dem alten Idiom steckten. In dem kurzen Werk läuft ein Drama ab, das an Spannung kaum zu überbieten ist. Barber führt die Musik auf höchst  abenteuerliche Wege und eröffnet grandiose Klangräume. Daß ihm der Hörer dennoch folgen kann, liegt ohne Zweifel nicht zuletzt daran, daß Barber die musikalische Textur und Harmonik, die dem Hörer vertraut ist, nie ganz verläßt.

 

1935 Jean Francaix (1912-1997) – „Sept Danses“ für 10 Bläser

Es gibt Komponisten der sogenannten ernsten Musik, die noch nicht lange tot sind, deren Musik man aber trotzdem ohne ein philosophisch-musikologisches Handwörterbuch auf dem Schoß hören und spontan genießen kann. Einer dieser Komponisten ist Jean Francaix. Daß seine Musik noch „hörbar“ ist, liegt auch daran, daß er sich weigerte, seinen in der Nachfolge Poulencs und der Gruppe der „Six“ einmal gefundenen „neoklassizistischen“ Stil aufzugeben und die Moden der Avantgarde mitzumachen. Francaix lehnte es konsequent ab, gewisse Grenzen zu überschreiten und historisch Gewachsenes vollständig über Bord zu werfen. Für ihn war etwa ein so altmodisches Konzept wie die Verständlichkeit der musikalischen Sprache verbindlich geblieben. Bei den Musiktheoretikern hat ihm dies wenig Ehre eingebracht. Während mancher Experimentator einen großen publizistischen Wirbel verursachte, gibt es kaum Literatur über Francaix und sein großes Oeuvre. Zeitweilig hat man sogar die Frage gestellt, ob er überhaupt ein ernstzunehmender Musiker sei. Anlaß dazu hat erstaunlicherweise die Tatsache gegeben, daß seine Musik bei aller Komplexität immer leicht und elegant ist und meist einen hintergründigen Humor hat. Verübelt hat man ihm nicht zuletzt, daß er auch die Musik auf die Schippe nahm, die den mehr oder weniger alleinigen Anspruch erhebt, zeitgenössisch zu sein.

 

Sehr im Gegensatz zu der Einstellung, welche ihm die Interpreten des musikalischen Zeitgeistes entgegenbrachten, steht die Beliebtheit seiner Werke bei den Musikliebhabern. Wer das genannte Handwörterbuch beiseite legt, kann sich dem Charme dieser Musik kaum entziehen. Hinzu kommt, daß seine Werke nicht nur hörbar, sondern auch mit vertretbarem Aufwand spielbar sind. Francaixs Kompositionen werden daher auch weit häufiger aufgeführt als die Stücke derer, die als die Speerspitze des musikalischen Fortschrittes in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts gelten. Irgendwann wird man Francaix vermutlich als Beweis dafür heranziehen, daß die Entwicklung der modernen Musik nicht gradlinig in Richtung Grenzüberschreitung verlaufen ist. Anzeichen hierfür sind schon jetzt ersichtlich. Als man sich unter dem Stichwort „Postmoderne“ wieder mit den Grenzen der Grenzverletzung beschäftigt, erfreute sich auch Francaix wachsender Wertschätzung. Dies zeigen vor allem die zahlreichen Kompositionsaufträge, die er den 90-er Jahren erhielt.

 

Die „Sieben Tänze“ stammen aus dem Ballett „Les Malheurs de Sophie“ aus dem Jahre 1935 . Sie spiegeln die „typisch französische“, heiter-melancholische Stimmung dieser Zeit, die sich auch bei Ravel und Poulenc oder in einem Film wie „Die Kinder des Olymp“ findet. Francaix, der seinerzeit die Musik zu mehreren Balletten schrieb, zeigt auch darin, daß seine Stärke nicht zuletzt im Entwerfen tänzerischer Charaktere liegt.

 

1932 Francis Poulenc (1899- 1963) – Konzert für 2 Klaviere und Orchester

Francis Poulenc war Mitglied eines französischen Künstlerkreises, in dem gegen Ende des ersten Weltkrieges im Rahmen der allgemeinen künstlerischen Aufbruchstimmung der Zeit die Forderung nach einer neuen, spezifisch französischen Musik aufkam. Das Hauptanliegen dieses Kreises war, die Musik von den Einflüssen deutscher Romantik in der Nachfolge Wagners zu befreien. Als germanisch beeinflusst in diesem Sinne galt dabei auch die impressionistische Musik Debussys, die man heute eher als Markenzeichen französischen Geistes ansieht. Die romantische Musik, so hieß es, sei „nebulös“ und „dunstig“, habe keine Struktur und keinen Rhythmus, wirke wie eine Droge und gaukle eine quasireligiöse Sphäre von Ernsthaftigkeit und Unantastbarkeit vor. Dagegen stellte man die „klassischen“ französischen Ideale der Klarheit, Einfachheit, Weltlichkeit und Unterhaltsamkeit, die man vor allem bei Komponisten wie Couperin und Rameau verwirklicht sah. Das literarische Sprachrohr der Gruppe war Jean Cocteau, der die Maximen der Bewegung im Jahre 1918 unter Berufung auf die Musik von Eric Satie in der Schrift „Le Coq et L`Arlequin“ formulierte, wobei „Le Coq“ für den gallischen Hahn steht und „L`Arlequin“ in der (Neben)Bedeutung eines aus Resten zusammenkochten Gerichtes gemeint ist. Zwei Jahre später konstatierte der Kritiker Henri Collet, Cocteaus Vorstellungen würden in besonderem Maße von den jungen französischen Komponisten Poulenc, Honnegger, Milhaud, Durey, Auric und Tailleferre verwirklicht. In Anlehnung an die „Fünf“ des russischen „Mächtigen Häufleins“ um Rimski-Korsakow bezeichnete Collet die Gruppe als die „Six“. Unter dieser griffigen Bezeichnung ging die Gruppe, die wegen ihrer antiavantgardistischen Position zum Gegenstand heftiger Kontroversen wurde, trotz recht unterschiedlicher Ausrichtung und Entwicklung ihrer Mitglieder in die Musikgeschichte ein.  

Poulenc galt als reinster Vertreter der neuen gallischen Richtung. Tatsächlich hielt er sich in seiner ersten Kompositionsphase (bis 1921) unter dem Einfluss Cocteaus, mit dem er befreundet war, eng an die Vorgaben, die in „Le Coq et L`Arlequin“ aufgestellt worden waren. Dazu gehörte die Verwendung von Elementen der Trivialmusik, insbesondere des französischen Varietés, die Ablehnung komplizierter thematischer Entwicklungen und harmonischer Ableitungen, der Vorrang der Melodie vor Harmonie, Klang und Form und das Prinzip der „Ideenkette“, das heißt der Aneinanderreihung unterschiedlicher, nur locker miteinander verknüpfter Ideen.

Poulencs Konzert für zwei Klaviere entstand im Jahre 1932, als sich der Komponist von Cocteaus Vorstellungen schon weitgehend gelöst hatte und auch Elemente der romantischen Tradition verwendete. Dennoch sind die Kriterien Cocteaus noch erkennbar. Das Konzert ist eine unterhaltsame Aneinanderreihung der unterschiedlichsten musikalischen Elemente und Assoziationen. Im ersten Satz finden sich Anklänge an das französische Varieté, aber auch an Prokofieff, Strawinsky und einen Romantiker wie Rachmaninow. Gegen Ende des Satzes schweift die musikalische Phantasie gar ins ferne Asien ab. Balinesische Klänge, die Poulenc auf der Pariser Weltausstellung von 1931 begegnet waren, erzeugen eine exotische Atmosphäre (mittels der Sechstonreihe, parallelen Quarten und hypnotischen Wiederholungen). Im zweiten Satz kommt, nur mäßig verfremdet, Mozart, das Ideal klassischer „Unterhaltsamkeit“, ins Spiel, wird aber bald in die Klangwelt Poulencs übergeführt. Hier und da werden Chopin und Rachmaninow dazu gemischt. Der dritte Satz ist ein Feuerwerk der unterschiedlichsten Ideen. Wieder hört man Klänge des Varieté, aber auch von Jazz à la Gershwin, Rachmaninow erscheint erneut und auch das balinesische Motiv kommt zurück. Das Wunder des kleinen, vor „französischem“ Esprit nur so sprühenden Werkes ist, auf wie kunstvolle Weise Poulenc das disparate Material zusammengefügt, im wahrsten Sinne des Wortes also „komponiert“ hat.

1921 Paul Hindemith (1895-1963) – Tuttifäntchen

Paul Hindemith war immer für eine Überraschung gut. Dies war nicht nur eine gute Voraussetzung dafür, daß er zum Komponisten moderner Musik wurde; es war auch seiner Karriere förderlich. Diese begann denn auch recht eigentlich nach einem Skandal, der sich im Jahre 1921 in Stuttgart ereignete. Seinerzeit wurden im dortigen Landestheater zwei Kurzopern von Hindemith gespielt, die das württembergische Kultusministerium unmittelbar nach der Uraufführung wegen „Frivolität“ aus dem Spielplan kippte. Dies hatte zur Folge, daß mehrere Verantwortliche des Landestheaters, darunter der Generalmusikdirektor Fritz Busch, ihren Rücktritt anboten und ein gewaltiger Sturm durch den Blätterwald fegte. Grund für die Aufregung war unter anderem, daß der freche Hesse es gewagt hatte, in seinem Puppenspiel „Das Nusch-Nuschi“ Wagners berühmten Tristan-Akkord zur Illustration einer Szene zu mißbrauchen, in der ein burmesischer General seiner Männlichkeit durch den Biß eines Flußviehs namens Nusch-Nuschi beraubt wird.

 

Ein Jahr später schrieb Hindemith die Musik zu dem Weihnachtsmärchen „Tuttifäntchen“ für ein Frankfurter Theater. Auch hier schlug die Neigung des jungen Hindemith zu Parodie, Travestie und Sarkasmus durch. Dafür war neben dem Zeitgeist sicher mitursächlich, daß sich der Komponist in seiner Jugend ausgiebig abseits der Pfade der sog. ernsten Musik bewegt und in Kinos und Kaffeehäusern Militär-und Tanzmusik und Jazz gepielt hatte. So ist es denn kein Wunder, daß in der Musik zu einem Weihnachtsmärchen neben allerhand sonstigen Turbulenzen auch mal ein handfester Ragtime auftaucht, eine Musik, die man hierzulande nicht gerade mit Weihnachtsstimmung verbindet.

1919 Igor Strawinski (1882 – 1971) – Pulcinella Suite

Die in den Jahren 1919/1920 komponierte Musik zum Ballett „Pulcinella“ (die Orchestersuite daraus wurde 1922 geschrieben) entstand auf Anregung von Diaghilew, dem Direktor der berühmten „Ballets Russes“ in Paris und Monte Carlo. Dem Ballett liegt der neapolitanische Schwank „Der vierfache Pulcinella“ vom Anfang des 18. Jahrhunderts zu Grunde. Es erzählt im Stile der Commedia dell’Arte das Schicksal des langnasigen Pulcinella, einem „Vetter“ Harlekins, von dem einige Neapolitanerinnen so angetan sind, daß sie andere Bewerber um ihre Gunst vernachlässigen. Eifersüchtig versuchen diese den Konkurrenten beiseite zu schaffen, können ihn aber nicht recht fassen. Dies führt zu einem traumartigen Verwirrspiel mit allerhand tragik-komischen Verwicklungen, darunter einer Vervierfachung des Hauptakteures, die sich nach einem wilden Tarantellatanz in einem triumphalem Happy-end auflösen. Die Uraufführung des Balletts, das Picasso ausstattete, fand 1920 in Paris statt.

Das Werk kostete Strawinsky einige Freunde und versöhnte manchen Feind. Bei den Hütern des Musikerbes aber sorgte es für Verwirrung. Strawinski galt seinerzeit als Bürgerschreck, der die Fundamente der Musiktradition in Frage zu stellen schien. Zur Verwunderung der Musikwelt kehrte der skandalumwitterte Avantgardist mit Pulcinella seinen Blick aber auf einmal liebevoll in die Vergangenheit. Der Flirt mit der Tradition, den er – zu seinem eigenen Erstaunen – als Blick in den Spiegel erkannte, sollte Folgen haben. Pulcinella markiert den Beginn einer ganzen Reihe von „Liebesverhältnissen“ Strawinskis mit alten Meistern, eine Schaffenszeit, die man seine „neoklassizistische Periode“ zu nennen pflegt.

Das erste dieser „Verhältnisse“ hatte Strawinski mit dem frühverstorbenen italienischen Barockmeister Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736), dessen Musik die eine Hälfte des musikalischen Erbgutes von „Pulcinella“ abgibt. Mit dem neapolitanischen Komponisten hatte ihn Diaghilev bekannt gemacht, der Pergolesi-Manuskripte bzw. solche, die unter diesem Namen liefen, sammelte. Trotz des unverkennbaren „mütterlichen“ Erbteiles ist Strawinskis Vaterschaft an dem gemeinsamen Kind aber nicht zu überhören. Die alte Musik hat allerhand Abenteuer zu bestehen, die den Avantgardisten immer wieder durchscheinen lassen. Dazu gehören Dehnungen, Kürzungen, Rückungen und Kadenzschärfungen, polyrhythmische und artikulatorische Überlagerungen sowie überraschende Übergänge und Exkurse bis in die Militärmusik und den Jazz.

Die Reaktion der Zeitgenossen auf die neuerliche Eskapade des Komponisten war, wie gesagt, zwiespältig. Die Avantgardisten beklagten die Fahnenflucht, die Hüter des Musikerbes sprachen von Vergewaltigung, alte und neue Freunde aber von einer „sorgfältig geplanten, erfolgreich durchgeführten und vollständig ausgekosteten Verführung“. Strawinski selbst war sich über den Charakter seiner Eroberung auch nicht ganz im Klaren. Auf die Frage, was er von der Musik Pergolesis halte, antwortete er unter Anspielung auf die zahlreichen Fälschungen, die unter diesem Namen existieren: „Pulcinella ist das einzige Werk, was ich von ihm gern habe“.

1911 Max Bruch – Konzert für Klarinette, Bratsche und Orchester, e-moll

Der Kölner Max Bruch verstand sich Zeit seines Lebens vor allem als Vokalmusiker. Seine Sache war nicht das Schaffen komplexer thematischer und harmonischer Strukturen, wie sie für die Instrumentalmusik der Zeit, etwa bei Brahms, typisch sind. Seine Stärke lag vielmehr im Melodischen und diese konnte er besonders in der Vokalmusik zur Geltung bringen. Mit Werken dieser Gattung hatte Bruch, der hauptsächlich als Chorleiter tätig war, in seiner Zeit auch große Erfolge zu verzeichnen.

Dennoch fühlte sich Bruch immer wieder zur Instrumentalmusik hingezogen. Dabei spielte ohne Zweifel eine Rolle, daß er sich im Wettstreit mit seinem Altersgenossen Brahms sah, der auf dem Gebiet der Instrumentalmusik erhebliches Profil entwickelte. Maßgeblich waren aber auch wirtschaftliche Gesichtspunkte. Anders als Brahms mußte Bruch eine Familie unterhalten. Dies aber fiel ihm mit geregelter Tätigkeit nicht leicht. Auf Grund seines streitbaren Temperamentes hatte er Probleme, eine längerfristige Beschäftigung zu finden. Sein Verhältnis zur Instrumentalmusik hatte aber etwas von Haßliebe. Als junger Mann war ihm mit seinem ersten Violinkonzert ein großer Wurf gelungen, an dessen Erfolg er später vergeblich anzuknüpfen versuchte. Dadurch wurde ihm sein eigenes Werk immer wieder zur Quelle von Enttäuschung. Auch stand er sich mit seiner geradezu militanten Haltung gegenüber den musikalischen Neuerungen seiner Zeit selbst im Weg. Dazu mußte er erleben, daß sein Konkurrent Brahms, mit dem er anfangs durchaus in einem Atemzug genannt wurde, in der allgemeinen Wertschätzung an ihm vorbeizog. Besonders frustriert hat ihn dabei die Tatsache, daß der große Geiger Joseph Joachims, der sein und Brahms Violinkonzert aus der Taufe hob, in seiner Geigenschule nur letzteres Werk berücksichtigte.

Lange Zeit wollte Bruch, der seinen Kollegen gerne Noten erteilte, nicht wahrhaben, daß Brahms der größere Musiker war. Im Alter hat er jedoch auf die Frage, wie er seinen eigenen Status als Komponist in fünfzig Jahren sehe, geantwortet, man werde seine Werke, das 1. Violinkonzert ausgenommen, wohl vergessen haben. Da er seine Kompositionen zum Zwecke des Broterwerbs habe verkaufen müssen, habe er nie viel gewagt, sondern einfach nur gute Musik geschrieben. Brahms hingegen sei von bezeichnender Originalität. Er werde im Laufe der Zeit immer mehr geschätzt werden. Die Entwicklung hat Bruch weitgehend Recht gegeben. Der Rheinländer wird der lange unbeachtet gewesenen zweiten Romantikergarnitur zugerechnet, die als verspätet galt, weil für sie Mendelssohn am Ende des 19. Jahrhunderts noch immer das Vorbild war.

Da mit wachsendem zeitlichem Abstand die Frage der Epochengerechtigkeit von Musik aber an Bedeutung verliert, kann man Bruch heute durchaus wieder mit Gewinn spielen und hören. Dies gilt auch für das Konzert für Klarinette und Bratsche, das Bruch im Jahre 1911 im Alter von 73 Jahren für seinen ältesten Sohn Max Felix komponierte. Den musikalischen Vorstellungen Bruchs entsprechend ist sein Aufbau zwar ausgesprochen konventionell und periodisch. Die Solopassagen etwa werden von den beiden Soloinstrumenten in der Regel nach vier oder acht Takten wiederholt. Wer keine allzu strengen kulturhistorischen Maßstäbe anlegt und zu vergessen bereit ist, daß diese Musik zu einem Zeitpunkt entstand, als Schönberg damit begann, die musikalische Welt auf den Kopf zu stellen, aus der Bruch seine Maßstäbe bezog, kann an diesem Werk großes Vergnügen haben.

Wie alle Konzerte Bruchs steht das Werk der Vokalmusik nahe. Dies zeigt sich nicht nur in der pathetisch-dramatischen Grundhaltung, sondern auch in der Verwendung rezitativischer und volksliedhafter Elemente. Die Soloinstrumente werden im übrigen weitgehend wie die menschliche Stimme behandelt. Artikulationen, die dem Charakter der Stimme zuwiderliefen, z.B. Springbogen oder Zupfen, finden kaum Verwendung.

Die Uraufführung des Konzertes fand am 5.3.1912 in Wilhelmshaven „vor allen Admiralen und Seekapitänen etc. etc. unserer Kriegsflotte“ statt. Der Kritiker der „Allgemeinen Musikzeitung“ fand das Werk „harmlos, weich, unaufregend und zu vornehm in der Zurückhaltung“, eine Beschreibung die Bruch auf dem Hintergrund des „Getöses“, das in seiner Sicht die damaligen Neutöner veranstalteten, vermutlich als nicht unangemessen empfand.

1907 Sergej Rachmaninow (1873- 1943) – Symphonie Nr. 2 e-moll

Rachmaninow ist, wiewohl aus St. Petersburg stammend, ein Gewächs der Moskauer Pflanzschule der russischen Kunstmusik, die sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte. Zwar hatte man ihn im Alter von zwölf Jahren zunächst auf das St. Petersburger Konservatorium geschickt, wo sich unter der Führung von Nicolai Rimski-Korsakow seinerzeit eine stark national ausgerichtete Schule der russischen Musik zu etablieren begann. Der erste Versuch, dem späteren König der Pianisten das Klavierspiel beizubringen, ging jedoch schief. Der Junge ging lieber Schlittschuhlaufen als in den Unterricht und fälschte seine Zeugnisse, um die ausbleibenden Erfolge zu vertuschen. Im Alter von sechszehn Jahren startete man einen zweiten Versuch in Moskau. Man gab Rachmaninow in die Hände des bekannten Musikpädagogen Nicolai Swerjew, der eine Art Musikinternat nach dem Muster einer Kadettenanstalt führte. Die handverlesenen Schüler wohnten und arbeiteten kostenlos in Swerjews Haus, mussten dafür aber bedingungslos gehorchen und durften während der drei-jährigen Ausbildungszeit, die zur Konservatoriumsreife führte, so gut wie keinen Kontakt zum Elternhaus unterhalten. Das Ausbildungsprogramm des homoerotisch angehauchten Hauses sah unter anderem mehrstündiges tägliches Klavierüben unter der strengen Aufsicht des Meisters, regelmäßige Opern- und Konzertbesuche und Vorspiele in Moskauer Adels- und Großbürgerkreisen vor. Davon abgesehen bekamen die Jungen auch den gesellschaftlichen Schliff, der im zaristischen Russland erwartet wurde. Zur Erziehung gehörten unter anderem Bordellbesuche und rituelles Wodkatrinken. Swerjews musikpädagogische Erfolge waren erstaunlich. Von den vier Schülern, die er seinerzeit unterrichte, erlangten zwei Weltgeltung: Mitschüler Rachmaninows war niemand geringeres als Alexander Skriabin, der allerdings einen ganz anderen Weg als dieser ging.  

Zu den Musikern, die im Hause Swerjew regelmäßig verkehrten, gehörte auch Peter Tschaikowski. Er galt, wiewohl ebenfalls aus der Neva-Metropole stammend, als das Haupt der eher westlich orientierten Moskauer Schule, die mit der St. Petersburger Schule um die künstlerische Oberherrschaft im nationalen russischen Musikleben rang. Tschaikowski erkannte früh Rachmaninows kompositorische Begabung und förderte sie, wo immer er konnte. Der Altmeister wurde für Rachmaninow denn auch das Maß aller kompositorischen Dinge. Nach dessen plötzlichen Tod im Jahre 1893, nur wenige Tage nach dem Ableben Swerjews, sah sich der 23-jährige in der Rolle des Erben Tschaikowskis. Nach dessen Vorbild versuchte er sich daher auch als Symphoniker zu profilieren. 

In den Jahren 1895-1897 entstand so eine erste Symphonie, die 1896 in St. Petersburg uraufgeführt wurde, was ein großer Fehler war. Der Dirigent der Uraufführung, Alexander Glasunow, gehörte nicht nur zum Kernbestand der moskaukritischen lokalen Schule. Er soll auch kein sonderlich begnadeter Dirigent gewesen sein und die Aufführung dazu schlecht vorbereitet haben. Cesar Cui, Urgestein des „Mächtigen Häufleins“, aus dem die St. Petersburger Schule hervorging, schrieb eine vernichtende Kritik, die Rachmaninow ins Mark traf (Cui hatte einunddreißig Jahre zuvor auch schon Tschaikowskis ersten symphonischen Versuch verrissen). Der Misserfolg in der Paradegattung Symphonie löste bei Rachmaninow eine drei Jahre dauernde Schaffenskrise aus, aus der er sich nur mit ärztlicher Hilfe befreien konnte. Einen zweiten Versuch in der Gattung wagte er sogar erst nach Ablauf von zehn Jahren. 

Rachmaninows 2. Symphonie entstand im wesentlichen in Dresden, wohin sich der Komponist in den Jahren 1906/07 wegen der politischen Unruhen in der Folge der russischen Revolution von 1905 zurückgezogen hatte. Die Uraufführung fand erstaunlicherweise wieder in St. Petersburg statt (8. Febr. 1908). Offenbar hielt Rachmaninow die psychische Hürde, die der Misserfolg der 1. Symphonie aufgerichtet hatte, erst mit einen Sieg an der Stätte für überwunden, an der er die Niederlage erlitten hatte. Diesmal behielt sich Rachmaninow, der sich inzwischen auch einen Namen als Dirigent gemacht hatte, die Leitung der Aufführung jedoch selbst vor. Die Aufnahme des Werkes war freundlicher als bei der ersten Symphonie. Schon damals hielt man Rachmaninow allerdings Weitschweifigkeit vor und sprach von „Mütterchen Russlands gesammeltem Weltschmerz in e-moll“.  

In der Tat ist das Werk, obwohl formal auf geradezu klassische Weise stringent, durch melodische Gedanken geprägt, die auf träumerisch-melancholische oder nachdrücklich drängende Weise scheinbar endlos fortgesponnen werden. Für den, der die kompakte Kompositionsweise der Wiener Klassik und die geradezu reißbrettartige Logik der „entwickelnden Variation“ eines Brahms und seiner Nachfolger im Ohr hat, klingt dies ungewohnt (Rachmaninows Zeitgenosse Richard Strauss etwa, der in der westeuropäischen Tradition stand, hatte überhaupt kein Verständnis für die Musik seines östlichen Kollegen und bezeichnete sie als „gefühlvolle Jauche“). Eine solcherart westliche Sichtweise übersieht aber, daß der Musik Rachmaninows nicht die Erfahrung des kleinteiligen Westeuropa, sondern das Erlebnis der Weiten Russland zugrunde liegt (paradoxerweise herrschte eine solche Sichtweise, vielleicht weil man seinerzeit allzu angestrengt den Anschluss an die westeuropäische Kunstmusik suchte, selbst in Russland, ja sogar im nationalrussisch gesinnten St. Petersburg vor). Rachmaninow, der seine Musik immer als Ausdruck seiner Seele empfunden hat und sich daher wenig um musikalische Theorien und schon gar nicht um modernistische kümmerte, hat denn auch immer wieder darauf hingewiesen, daß seine Musik seine persönlichen Erfahrungen wiederspiegele und diese seien nun einmal russische Erfahrungen. Wahrscheinlich wird man Rachmaninows 2. Symphonie denn auch am ehesten gerecht, wenn man in ihr so etwas wie die akustische Exemplifikation des Spengler`schen Diktums von der grenzenlosen Ebene als dem Leitmotiv des russischen Weltgefühls sieht.

 

1905 Maurice Ravel (1875 – 1937) – Introduktion und Allegro für Harfe, Streichquartett, Flöte und Klarinette

Ravels Introduktion und Allegro entstand im Jahre 1905 in acht Tagen und drei Nächten als Auftragswerk für die Klavierfirma Erard. Ravel war in großer Eile, denn die Komposition mußte vor Antritt einer Schiffsreise fertig werden, zu der ihn ein reicher Zeitungsverleger eingeladen hatte. So komponierte er „zwischen Kofferpacken und Anproben beim Schneider“. Am Ende verpaßte Ravel doch noch die Abfahrt des Schiffes und mußte nachreisen. Zu allem Überfluß ließ er das Manuskript auch noch in dem Modegeschäft liegen, in dem er sich für die Reise auf’s Eleganteste eingekleidet hatte. Wir haben es wahrscheinlich dem offensichtlich guten Geschmack des Modehauses zu verdanken, daß das Stück überhaupt erhalten geblieben ist.

 

Ein letztes Mal entwarf der 30-jährige Ravel in seinem Harfenstück „die Vision einer sanften und arkadischen Tagwelt“. Mit der Reise auf der Luxusjacht „Aimée“ aber versinkt für Ravel die „Schönheitswelt der Jugend“. Auf der Fahrt durch die Flüsse und Kanäle des Niederrheingebietes wird er mit bizarren Industriewelt vor allem Deutschlands konfrontiert und ist fasziniert von den „Schlössern aus flüssigem Metall“, den „glühenden Kathedralen“ und deren „wunderbarer Symphonie von Transmissionsriemen, Pfiffen und furchtbaren Hammerschlägen“. Diese Welt sollte sich in Ravels künftigen Werken niederschlagen.

1903 Ernst v. Dohnányi (1877- 1960) – Serenade für Streichtrio Op. 10

Als Ausgangspunkt für die Wiederbelebung des Streichtrios zu Anfang des 20. Jh. werden meist die drei Trios von Max Reger aus dem Jahre 1904 angesehen. Bereits ein Jahr zuvor hatte aber der vier Jahre ältere Ernst v. Dohnányi ein außerordentlich beachtliches Streichtrio geschrieben. Das Werk stellt einen Wendepunkt in der Entwicklung des Komponisten dar. Der frühreife Ungar – er schrieb bis zu seinem 17. Lebensjahr über 70 Werke – hatte sich bis dato weitgehend an Brahms und seinen Vorläufern orientiert, was ihm den Ruf eines ungarischen Brahms (und des besten Kammermusikkomponisten nach demselben) einbrachte – Brahms sagte über ein Klavierquartett des 18-jährigen, besser habe er es auch nicht machen können. In der Serenade Op. 10 findet Dohnányi erstmals zu seinem eigenen Stil. Dazu gehört, dass er alte Musikformen aufnimmt (hier die Serenadentradition des 18. Jahrhunderts) und sie in einer freien, nicht selten nobel-ironisch eingefärbten Weise mit modernem Material füllt. Typisch für ihn ist etwa ein chromatisches Vagabundieren, bei dem aber das jeweilige tonale Zentrum immer erkennbar bleibt.

 

In einer Rezension aus dem Jahre 1905 wurde die Serenade als ultramodern eingestuft. Später litt Dohnányis Ruf aber darunter, dass er sich – anders als Bartók und Kodály – weigerte, die rasante ästhetische Entwicklung des 20. Jahrhunderts mitzumachen (was aber nichts daran änderte, dass er seine vorwärtsstrebenden Landsmänner in seiner Eigenschaft als zentrale Figur des ungarischen Musiklebens kräftig förderte). Diese Weigerung führte zu der Behauptung, er habe keinen eigenen Stil. Ein übriges zur Verdunklung seines Rufes taten nach dem zweiten Weltkrieg dann Gerüchte, er sei ein Kollaborateur der Nationalsozialisten gewesen. Dohnányi, der im übrigen auch einer der ganz großen Klaviervirtuosen seiner Zeit war, sah sich schließlich gezwungen, über Argentinien in die USA auszuwandern, wo er als Komponist weitgehend in Vergessenheit geriet. Kurz vor seinem Tode begann aber ein Prozess der Rehabilitierung. Dieser hat sich nicht zuletzt auf dem Hintergrund der Relativierung der Avantgarde, die der Zeitablauf mit sich brachte, bis heute fortsetzt und hat die Sicht auf das umfangreiche Oevre des Ungarn wieder freigelegt.

1903 Jean Sibelius (1865 – 1957) – Violinkonzert d-moll

Der finnische Komponist Jean Sibelius war eine der letzten großen nationalen Identifikationsfiguren der klassischen Musik. Sein Tod im Jahre 1957 war ein nationales Ereignis. Der Präsident des Landes hielt eine Rede im Rundfunk und die gesamte Spitze des Staates nahm an den Begräbnisfeierlichkeiten im Dom von Helsinki teil. Als der Sarg durch die Straßen der Hauptstadt zu seinem Landhaus „Aniola“ gefahren wurde, war das Volk in großer Menge am Straßenrand versammelt, um ihm die letzte Ehre zur erweisen. Ein Grund hierfür war, daß Sibelius auch in seinem künstlerischen Schaffen ein glühender Patriot war. So nahm er in seinen Werken immer wieder Motive aus dem Nationalepos „Kalevala“ auf. Bekannt wurden „Der Schwan von Tuonela“, eine Komposition um eine Figur aus der finnischen Unterwelt , oder „Tapiola“ nach dem Schloß des mythischen Waldkönigs „Tapio“. Andere patriotische Kompositionen tragen die Namen „Karelia-Suite“ nach der Grenzprovinz im Süd-Osten des Landes, über die Finnen und Russen immer wieder stritten, oder schlicht „Finnlandia“. Mit letzterem Werk nahm Sibelius Anfang unseres Jahrhunderts auf höchst pathetische Weise gegen die gewaltsamen Versuche Zar Nikolaus II. Partei, Finnland, das seit 1809 unter russischer Oberhoheit stand, endgültig dem Zarenreich einzuverleiben.

 

Neben seinen vielen programmatischen Werken komponierte Sibelius auch in großem Maße „absolute“ Musik. Dazu gehören seine bedeutenden sieben Symphonien und nicht zuletzt das Violinkonzert. Dieses einzige Werk des Komponisten aus der Gattung Konzert, ist, wiewohl Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden, das letzte große Virtuosenkonzert des 19. Jahrhunderts. Seine Vorbilder sind die Konzerte von Mendelssohn, Bruch und Tschaikowski.

 

Die „erste Uraufführung“ des technisch anspruchsvollen Werkes fand etwas überhastet – Sibelius brauchte dringend Geld – Anfang 1904 in Helsinki statt und litt unter einem überforderten Solisten und einer mäßigen Leistung des Orchesters, welches übrigens Sibelius selbst leitete. Es scheint aber, daß der Komponist, der über die Gleichgültigkeit des Publikums von Helsinki verärgert war, auch mit seiner kompositorischen Leistung nicht zufrieden war. Ein Jahr später unterzog er das Werk einer gründlichen Revision. Die „zweite Uraufführung“ fand schließlich im Oktober 1905 in der Berliner Singakademie unter der offenbar kompetenteren Leitung von Richard Strauß statt. Die Kritik war insgesamt wohlwollend. Der greise Geiger Joseph Joachim allerdings, dem Schumann, Bruch, Brahms und Dvorak ihre Violinkonzerte gewidmet hatten, fand das Werk, aus welchen Gründen auch immer, scheußlich und langweilig. Das weitere Schicksal des Konzertes zeigt, daß auch die größten Geiger irren können. Nach anfänglich zögerlicher Resonanz zollte man dem originellen Werk in den folgenden Jahren uneingeschränkt Anerkennung. Mittlerweile gehört es zum festen Bestand des Konzertlebens.

 

Sibelius‘ Musik gilt als zeitlos, das heißt, daß er sich keiner der Zeitströmungen anschloß, die die Musikwelt während seines langen Lebens durchzogen. Wiewohl er bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts lebte, blieb er insgesamt dem – allerdings sehr persönlich gefärbten – Idiom seiner Lehrjahre treu, die er in Deutschland und Österreich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts absolvierte. Möglicherweise spürte er aber im Alter, daß die Zeit über ihn wegzugehen drohte. Anfang der 30-er Jahre stellte er das öffentliche Komponieren ein. In den folgenden fast drei Jahrzehnten konnte er erleben, wie sich sein Werk aus dem nationalen Rahmen, in dem es entstanden war, über die ganze Welt verbreitete. Lange vor seinem triumphalen Begräbnis im Jahre 1957 ist er so noch Zeuge seines eigenen Nachruhms geworden.

1901 Gustav Mahler (1860 – 1911) – Symphonie Nr. 4

Kaum ein anderer Komponist ist im Laufe der Zeit so unterschiedlich bewertet worden wie Gustav Mahler. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es außerordentlich schwierig ist, einen Bezugsrahmen für die Beurteilung seiner Musik zu finden. Wer sich ihr – wie die meisten Zeitgenossen Mahlers – aus der Perspektive der Vergangenheit nähert, kann leicht zu dem Schluss kommen, dass es sich bei ihrem Schöpfer um einen verirrten Spätromantiker handele.  Bei einer Interpretation ex ante ist es nicht einfach, die hochgesteckten Grundgedanken des Komponisten mit den nicht selten bizarren und den scheinbar sentimentalen und trivialen Elementen seiner Musik in Einklang zu bringen.

Ein „zeitgemäßer“ Ansatz zum Verständnis Mahlers ist, ihn als Musiker des Jugendstils zu beschreiben, zu dessen Wiener Vertretern er Verbindung hatte. Auf diese Weise hat man das Ornamentale seiner Musik, ihre mitunter fluide Verschlungenheit und ihre „Künstlichkeit“, aber auch ihren schillernden Charakter und ihren Eklektizismus zu fassen versucht.

Andere haben einen biographischen oder psychoanalytischen Ansatz gewählt. Anlass hierzu hat der Komponist immer wieder selbst gegeben. Kurz vor seinem Tod erklärte er etwa gegenüber Sigmund Freud, dessen „Patient“ er war, der Schlüssel zum Verständnis seiner Musik liege in einem Erlebnis seiner Kindheit. Er sei nach einer familiären Gewaltszene auf die Strasse geflüchtet, wo gerade eine Drehorgel „O Du lieber Augustin“ gespielt habe. Seitdem seien hohe Tragik und Unterhaltungsmusik in seinem Geiste eine unauflösbare Verbindung eingegangen.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert begann man Mahler ex post zu interpretieren. Der Komponist, der für viele fast schon abqualifiziert war, wurde nachträglich zum Vorläufer der Avantgarde. Die Unausgewogenheit seiner Musik, so hieß es nun, sei der vorweggenommene Ausdruck des gebrochenen Lebensgefühles unserer Zeit. Mancher Musiktheoretiker beförderte Mahler gleich zum „wichtigsten Komponisten der gesamten Musikgeschichte“. Unter anderem wurde dies damit begründet, er habe als erster erkannt, dass man überhaupt nichts mehr komponieren könne und habe eben daraus Musik gemacht.

Merkwürdigerweise ging mit dieser – etwas abstrakten – Interpretation Mahlers ein plötzlich neuerwachtes Interesse des Publikums an seiner Musik einher. Der Komponist erlebte einen posthumen Aufstieg, wie ihn die Musikgeschichte allenfalls noch von Schubert kennt. Heute haben wir es mit dem seltsamen Phänomen zu tun, dass Mahlers Musik von vielen als zeitgemäßer empfunden wird als die Musik derjenigen, die meinen, sie hätten die Linien, die Mahler begonnen habe, weiter in die Gegenwart gezogen.

Inzwischen hat sich eingebürgert, die Kompositionsweise Mahlers mit der Formulierung zu beschreiben, seine Musik stehe „in Anführungszeichen“, er komponiere „als ob“ er Musik schreibe. Mahlers Werke bestünden zu einem erheblichen Teil aus Anspielungen auf Musik, die einmal war, allerdings solcher, die er weitgehend selbst wieder geschaffen zu haben scheine.

In welch` hohem Maße Mahlers Musik tatsächlich mittelbar und doppelbödig ist, zeigt die – oft als bloße Idylle missverstandene – 4. Symphonie. In diesem Werk, das 1901 in München uraufgeführt wurde – ein Zeitgenosse nannte es das erste wirkliche musikalische Ereignis im 20. Jh. -, ist wenig so, wie es scheint. Im ersten Satz sieht sich der Hörer in eine merkwürdige Kinderwelt versetzt. Umrahmt von einem Schellenmotiv, das immer wieder einbricht, werden mit offenbar unbekümmerter Spontaneität und Naivität allerhand Floskeln aus tatsächlich oder scheinbar existenten Kinderliedern aneinandergereiht. Doch irgendwann wird die Kinderwelt schief und es zeigt sich, dass hinter all der Heiterkeit „eine höhere, uns fremde Welt steht, die etwas Schauerlich-Grauenvolles hat“ (Mahler). Ein ähnlicher Kontrast findet sich im folgenden Scherzo. Hier stimmt die Sologeige eine lustige Melodie im Stile einer Fidel an. Aber die Geige ist verstimmt (tatsächlich wird sie auch um einen Ton höher als üblich gestimmt), so dass es klingt „wie wenn der Tod aufspielt“. Die  aberwitzigen Harmonien, die Freund Hein produziert, stehen in einem merkwürdigen Gegensatz zu der fast schon sentimentalen Seligkeit des Trios. Im dritten Satz breitet sich anfangs eine Atmosphäre himmlischen Friedens aus. Mahler vergleicht die Stimmung mit der der Monumente der Prälaten und Ritter in alten Kirchen, die eine „feierliche, selige Ruhe und  ernste,  milde  Heiterkeit“  ausstrahlen,  welche nur gelegentlich durch Erinnerungen  an  das  Erdenleben getrübt werden. Im weiteren Verlauf entwickelt sich ein hochkomplexer Variationensatz, der einzige in Mahlers Oeuvre, den man als Darstellung der verschiedenen Möglichkeiten himmlischer Glückseligkeit gedeutet hat.

Eine Apotheose in strahlendem Dur mit anschließender tiefer Beruhigung, die als Durchschreiten der Himmelspforte verstanden werden kann, leitet zum vierten Satz über. Hier „erklärt ein Kind, was das alles bedeutet“, ein Kind deswegen, weil es, so Mahler, im Puppenstand der zwiespältigen höheren Welt schon angehöre, was wohl auf dem Hintergrund der Bemerkung über sein Kindgheitserlebnis gegenüber Freud zu verstehen ist. Dieser Schlusssatz ist damit inhaltlich (und im übrigen auch thematisch und entstehungsgeschichtlich) der Ausgangspunkt der ganzen Symphonie. Ihm zu Grunde liegt ein altbayrisches Lied aus der Liedsammlung „Des Knaben Wunderhorn“ von Achim von Arnim und Clemens von Brentano, aus der Mahler viele Lieder vertont hat. Es ist überschrieben mit „Der Himmel hängt voller Geigen“ und schildert eine Art himmlisches Schlaraffenland im Stile des Bauernbreughel. Aber auch hier ist das Idyll nicht geheuer. Die himmlischen Geigen sind nur scheinbar rein gestimmt. Es herrscht bei aller kindlich – lieben Melodik keineswegs das anfangs beschworene „englische Leben“ oder gar die „sanfteste Ruh“. So führt Johannes, der große Seher, im Verein mit dem „Metzger“ Herodes ein „unschuldigs, geduldigs, ein liebliches Lämmlein“, immerhin das Symbol für den Gottessohn, „zu Tod“. St. Lukas schlachtet „ohn` einig`s Bedenken und Achten“ den Ochsen, sein eigenes Wappentier. Und St. Peter läuft am Fasttag gar mit „Netz und Köder“ umher. Die „Himmelsbreugheliade“, die so auch Elemente des Höllenbreughel enthält, wird immer wieder durch die Kinderschelle aus dem ersten Satz unterbrochen. Spätestens jetzt muss man argwöhnen, dass es sich um die Schelle einer Narrenkappe handelt, die sich Mahler übergezogen hat.

1901 Sergej Rachmaninow (1873- 1943) – Klavierkonzert Nr.2

„Vom Publikum geliebt – von der Fachwelt geschmäht“ – mit diesem Satz beginnt eine neuere Biographie über Sergej Rachmaninow, die den Untertitel „Zwischen Moskau und New York“ trägt. Beide Formulierungen spiegeln das Schicksal eines Künstlers, der zeitlebens zwischen allen möglichen Stühlen saß. Sein künstlerisches Leben etwa spielte sich im wesentlichen im 20. Jahrhundert. ab. Rachmaninow aber verweigerte sich den Forderungen der neuen Zeit und blieb dem musikalischen Idiom seiner Jugend treu, die im 19. Jahrhundert lag. Dadurch zog er sich die Verachtung einer Kritik zu, die sich weitgehend dem Gedanken des künstlerischen Fortschrittes verschrieben hatte. Immer wieder schwankte Rachmaninow zwischen der Berufung zum Komponisten und dem Beruf des Pianisten. Phasen reichen Schaffens folgten lange Perioden, in denen er keine Note niederschrieb. Menschlich und künstlerisch war Rachmaninow tief im alten Rußland verwurzelt. Nach der Oktoberrevolution aber verließ er seine Heimat, um nach Amerika und damit in eine Welt überzusiedeln, in der er nie richtig heimisch werden sollte.  

Geradezu exemplarisch für diese Zerrissenheit ist das Schicksal von Rachmaninows zweitem Klavierkonzert. Das Werk, das in den ersten beiden Jahren unseres Jahrhunderts entstand, war der Versuch des Komponisten, sich aus der Schaffenskrise zu befreien, die durch den Mißerfolg seiner ersten Symphonie im Jahre 1897 ausgelöst worden war. Enttäuscht von sich und der Kritik, die ihm Dekadenz vorwarf, hatte Rachmaninow seinerzeit das Komponieren vollständig eingestellt. Seine schöpferischen Kräfte begannen sich erst wieder im Jahre 1899 zu regen. Damals faßte er den Entschluß, ein zweites Klavierkonzert zu schreiben. Die Aufbruchstimmung wurde jedoch schon bald wieder erstickt und hieran war niemand geringeres schuld als der Dichter Leo Tolstoi. Der radikale Alte, der puristischen Vorstellungen von einer christlichen Volkskultur anhing, hatte den jungen Komponisten nach dem Vorspiel eines hochartifiziellen neuen Werkes nicht eben diplomatisch mit der Frage konfrontiert, wem diese Art von Musik nütze. Die harsche Reaktion des „Barons im Bauernkittel“ stürzte Rachmaninow in neue Depressionen, aus denen er sich nur mit Hilfe des bekannten Hypnose-Arztes Nikolaj Dahl befreien konnte. Dieser machte die Förderung des zweiten Klavierkonzertes zu einem wesentlichen Element der Behandlung seines sensiblen Patienten. 

Nikolaj Dahls Musiktherapie erwies sich als außerordentlich erfolgreich. Rachmaninow gelang es, vorübergehend alle Selbstzweifel beiseite zu schieben und ein Werk zu schreiben, das man als einen großen Wurf bezeichnen muß. Bereits nach kurzer Zeit wurde es zu einem festen Bestandteil des Musikrepertoires und machte den jungen Russen in der ganzen Welt bekannt. Wie groß Rachmaninows Probleme mit sich und seinem Werk trotz allem waren, zeigt die Tatsache, daß er sich nach der Fertigstellung des Konzertes seiner Leistung keineswegs sicher war. Noch fünf Tage vor der Uraufführung, die am 27.10.1901 in Moskau stattfand, schrieb er über den berühmten ersten Satz des Konzertes an seinen Freund Morosow: „Du hast recht, Nikita Semjonowitsch! Ich habe mir eben den erstem Satz meines Konzertes durchgespielt, und erst jetzt ist mir klar geworden, daß der Übergang vom ersten zum zweiten Thema nicht gut ist und daß in dieser Form das erste Thema nicht mehr als eine Introduktion ist  –  und daß, wenn ich das zweite Thema beginne, keine Narr glauben würde, daß es das zweite Thema ist. Jeder würde denken, daß dies der Beginn des Konzertes ist. Ich betrachte den ganzen Satz als mißlungen und von dieser Minute an ist er unverändert gräßlich für mich geworden. Ich bin einfach verzweifelt.“ Erst nachdem das Werk allgemeine Zustimmung erfahren hatte, war sein Schöpfer in der Lage, dessen Qualitäten uneingeschränkt anzuerkennen.

 Der Erfolg des zweiten Klavierkonzertes sollte für Rachmaninow allerdings auf andere Weise zum Problem werden. Das gefühlvolle Stück zog nicht nur so viel Aufmerksamkeit auf sich, daß sein übriges Werk lange Zeit kaum zur Kenntnis genommen wurde. Der Komponist erhielt dafür auch Beifall von der „falschen“ Seite. Das Werk, das ganz von russischen Sentiment durchzogen ist, wurde von der amerikanischen Unterhaltungsindustrie in Beschlag genommen. Im Jahre 1932 diente es als Hintergrundmusik für den Film „Menschen im Hotel“ mit Greta Garbo. 1946 wurde aus den Hauptthema des ersten Satzes der Schlager „Full Moon and Empty Arms“. Frank Sinatra („This is my Kind of Love“) bediente sich daraus ebenso wie das Musical „Anja“, das im übrigen ganz aus Rachmaninows Musik gezimmert ist. Auch später taucht das Klavierkonzert immer wieder in Filmen auf, so in Billy Wilders „Das verflixte 7. Jahr“ mit Marilyn Monroe. Das Konzert trug so auf unglückliche Weise dazu bei, das Bild vom weichlichen Kompromißkomponisten Rachmaninow zu zeichnen, welches in der europäischen Musikkritik lange Zeit vorherrschte und in dem überheblichen Diktum von Richard Strauß gipfelte, daß die Musik des russischen Amerikaners „gefühlvolle Jauche“ sei.