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Ein- und Ausfälle – Markt und Menschlichkeit

Die Tatsache, dass der Marktmechanismus an jedem Fleck der Erde zu gelten scheint, deutet darauf hin, dass er eine anthropologische Konstante ist. Für den Menschen wäre dies nicht eben schmeichelhaft. Denn bei der Bestimmung des Preises durch Angebot und Nachfrage geht es in aller Regel nicht gerade vornehm zu. Wer herausfinden will, welcher Preis erzielt werden kann oder zu bezahlen ist, kann kaum den aufrechten Gang wagen. Er muss stets auf der Hut sein, muss taktierend ausloten, wie weit er gehen kann, darf sich nicht in die Karten schauen lassen, darf sich keine Blöße geben und muss den Mangel derselben vortäuschen. Darüber hinaus muss er bereit sein, sein Gegenüber in die Enge zu treiben und bei ihm Probleme zu konstruieren oder zu provozieren. Mit anderen Worten, die Beteiligung am Marktgeschehen setzt die Bereitschaft voraus, listig und unehrlich zu sein und die Schwächen anderer auszukundschaften und auszunutzen. „Bestes“ Beispiel: der Markt für illegale Drogen.

 

An Versuchen, der Neigung des Menschen zu derart marktmäßigem Verhalten entgegenzuwirken, hat es in der Menschheitsgeschichte nicht gefehlt. Das christliche Mittelalter kannte das Verbot des Zinses und der unangemessenen Bereicherung, die bürgerliche Gesellschaft den ehrbaren Kaufmann. Die Moderne erfand die soziale Marktwirtschaft und die Planwirtschaft, wobei letztere sogar glaubte, weitgehend ohne Markt auszukommen. Sehr erfolgreich waren all diese Versuche nicht. Die Beschränkungen des Mittelalters verschwanden mit dem Niedergang des Christentums, der ehrbare Kaufmann droht zur Rarität zu werden, die soziale Marktwirtschaft gilt mittlerweile als Hindernis für erfolgreiches wirtschaftliches Handeln und die Planwirtschaft ist am Weltmarkt gescheitert.

 

Im großen und ganzen scheint der Kampf gegen unangemessenes Martktverhalten in den modernen Gesellschaften verloren zu sein. Seit dem Zusammenbruch des Sozialismus, dem man bezeichnenderweise nachsagte, er sei von einem falschen Menschenbild ausgegangen, ist der Markt zum mehr oder weniger konkurrenzlosen Verhaltensmodell geworden. Monopole aber tun dem Markt nicht gut.

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Briefe aus der Wendezeit – Teil 2

 

Stuttgart, 16.1.1990

 Lieber Frank, 

die Diskussionen. die z.Zt. bei Euch und über Euch stattfinden sind wirklich aufregend. So will ich Dir denn spontan noch über meine Eindrücke schreiben von einer Diskussion, die ich bis eben gerade (1.15 Uhr) im Fernsehen mitverfolgt habe. Sie fand in Potsdam mit den meisten Leuten Eurer neuen Politprominenz statt. Wie anders sieht eine solche Diskussion als bei unseren Politikern aus. Man hat bei unseren Diskussionen meist den Eindruck, daß sie nach vorgestanzten Schablonen verlaufen. Politprofis geben in glatten Formeln ihre Statements ab, die schon duzende Male durchgekaut sind. Sie variieren nur die Grundmuster, je nach dem Gegenstand, um den es geht. Die Diskussion bewegt sich nicht und sie bewegt nichts. Sie dient hauptsächlich dazu, sich zu präsentieren, gut auszusehen und längst beschlossene immer gleiche Positionen fest- und dem Publikum einzuhämmern. Seine Meinung zu ändern, eine gegnerische Position anzuerkennen, zuzugeben, daß man etwas dazugelernt hat, gilt als Unsicherheit, die man fürchten muß, wie den politischen Teufel. Um Himmels willen aber darf eine politische Gruppierung nicht uneinig erscheinen (Ausnahme: Die Grünen). Und so herrscht der aberwitzige Drang, sich anzupassen, seine Eigenständigkeit zu verleugnen und sich stromlinienförmig zu machen. Ich frage mich immer, welch seltsames Bild diese Leute von denen haben müssen, denen sie sich nur als eine einige Gruppe glauben präsentieren zu können. Und welches Bild haben sie von sich selbst, wenn sie sich in einer solchen Rolle wohlfühlen, womit ich nichts gegen den pragmatischen Vorteil einer abgeschlossenen Diskussion sagen will. Vielleicht kommt Dir diese Beschreibung unseres Politikerverhaltens bekannt vor. Die extremste Form davon, habt ihr .ja gerade hinter Euch.

Ganz anders die Diskussion, die ich eben verfolgt habe. Die Diskutanten sind zum erheblichen Teil noch ungeübt. Sie ringen mit den Worten und Gedanken, sie geben auch Positionen zu, die eine andere Gruppierung hat, modifizieren ihre Position, stellen Fragen, allerdings auch wenig sinnvolle, zeigen Ratlosigkeit. Als Zuhörer hat man das Gefühl, man könne an einer solchen Diskussion selbst teilnahmen, könne etwas bewegen und das bewegt einen selbst (bei hiesigen Diskussionen schaltet man bald ab). Das Ganze erinnert mich sehr an die tastenden Versuche der französischen Revolution, neue Gesellschafts- und Verfassungsmodelle zu entwerfen. Es ist eine faszinierende Situation, alles noch einmal neu durchdenken zu können. Allerdings ist es in Eurem Fall auch nicht ganz unproblematisch. Nicht nur, weil man in der Gefahr steht, eine Reihe von Fehlversuchen zu machen und – vielleicht zu viel – Lehrgeld zu bezahlen, wie die Franzosen. Euch laufen die Zeit und die Menschen davon. Da ist es ein ziemlicher Luxus, sich zahlreiche politische Debütanten leisten zu müssen. In der Tat sind manche Positionen der allzu vielen neuen politischen Gruppen noch einigermaßen naiv und man kann nur hoffen, daß sie sich die Fähigkeit zur Weiterentwicklung auf dem offenbar noch langen Weg zu praktikablen Vorstellungen offen halten. Denn vieles klingt noch sehr theoretisch und ein wenig wie in einem universitären Oberseminar. Immer wieder sind es die Vorstellungen über die Funktionsweise der Wirtschaft, insbesondere der unsrigen, die sehr unklar sind und bezeichnenderweise verläuft man sich sehr bald in Allgemeinheiten und abenteuerlichen Vermutungen über unsere soziale Wirklichkeit. Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie wenig gerade Eure Leute von ihrem Marx gelernt haben, der doch immerhin klargestellt hat daß die Wirtschaft die Seele der meisten gesellschaftlichen Bereiche ist. Man redet jetzt viel auch von Umweltschutz bei Euch. Wenn man sich ein wenig in der Welt umschaut, so zeigt sich sehr schnell, daß er eine Funktion des Wohlstandes ist. Dort wo der Lebensstandard niedrig ist, liegt auch der Umweltschutz im Argen. Und wo es gar um das nackte Überleben geht, wie in den Entwicklungsländern, ist die Vokabel nicht nur unbekannt, sondern wird geradezu als absurd empfunden. Ähnliches gilt für viele soziale Schutzrechte. Manche Eurer Neulinge scheinen aber am liebsten das Fell verteilen zu wollen, bevor dessen Träger geboren ist, womit ich natürlich nichts gegen Umweltschutz und starke soziale Rechte gesagt haben will. 

Es ist natürlich ein vertrackte Sache mit der Wirtschaft. Ein sozialistisch gebildetes Gemüt hat vermutlich seine Schwierigkeiten mit der Vorstellung, daß man Betriebe kaputtmachen muß, um die Wirtschaft effizienter zu machen (Konkurspflicht – so was gibt es hier!); oder daß die Möglichkeit von u.U. schnellen Personalentlassungen die Voraussetzung für Arbeitsplatzsicherheit ist. (wenn nur so die Rentabilität eines Betriebes gesichert werden kann – womit ich nichts für hire and fire gesagt haben will; es gibt viele denkbare Zwischenlösungen). 

Es gab auch Realisten und zu denen muß man wohl – wiewohl SED-Mitglied – den Herrn Berghofer rechnen. Sein Satz, mit der Öffnung der Grenzen habe man sich an ein sehr starkes Wirtschaftssystem angekoppelt, woraus sich eine ganze Reihe rein tatsächlicher Konsequenzen ergäben, enthält ein ganzes Programm. Auch sein Satz, durch die Berührung mit dem Westen seien völlig neue Qualitätsbedürfnisse entstanden, kann in seinen praktischen Auswirkungen kaum unterschätzt werden. Es ist merkwürdig – man kann mit mehr oder weniger Wohlstand zufrieden sein und weiß Gott, man braucht eigentlich nicht viel. Aber die wenigsten sind mit wenig zufrieden, wenn die Nachbarn viel haben. Frei fühlt man sich erst, wenn man das Wenige selbst gewählt hat und das setzt voraus, daß man die – vielleicht nur abstrakte – Möglichkeit zu mehr hat. Das sind wohl psychologische Tatsachen und bei so engen Nachbarn, wie wir es sind, kann man das nur schwer überkompensieren. 

Ja das sind so meine Gedanken bei diesen aufregenden Diskussionen. lch wünschte, ich könnte dabei sein. Denn obwohl wir hier täglich mit den Problemen konfrontiert werden, die sich aus den Umwälzungen von Drüben ergeben, letztlich sind wir doch nur Zaungäste bei diesen erstaunlichen Ereignissen. 

Übrigens habe ich in der letzten Zeit auf einem ganz anderen Sektor deutsch – deutsche Studien getrieben. Robert Schumann hatte von Leipzig aus, einen hoch interessanten Streit mit einem Stuttgarter Musikschriftsteller und Wirtschafts- kriminellen. Ich werde einen Aufsatz darüber schreiben. Ich schicke ihn Dir, wenn er fertig ist (wird). 

Gruß

Klaus 

 

Berlin, 11. 01. 90

 Lieber Klaus! 

Du bist wirklich ein Fleißiger! Ich schicke Dir hier noch ein paar „alte“ Ansichten, die halbwegs druckreif sind. Viel kommt in dieser Machart nicht mehr, weil die Tagebuch-story mit dem Jahreswechsel zu einem (blutigen) Ende geführt wird – irgendwann muß ich mich schließlich um den Feinschliff und dann vielleicht auch um einen Verlag kümmern. 

Für mich wird es damit zwar mühsamer an Dich zu schreiben (es fällt halt nicht mehr einfach mit ab), aber Du hast dann den Vorteil, daß es sich nunmehr um wirklich authentische Geislersche Ansichten handelt, ohne schriftstellerische Kompromisse. Insofern ist dieser Brief schon ein Vorgeschmack. 

Zur Zweistaatlichkeit kommt demnächst (in alter Manier) noch einiges nach (halbwegs meine Ansicht „damals“ – sofern dieser Begriff für verflossene 4 Wochen angebracht ist). 

Am meisten beschäftigt mich zur Zeit die Rolle der demokratischen Linken in diesem noch bestehenden Land (zu denen ich mich bisher und immer noch zurechne). 

Ich bin inzwischen zunehmend pessimistischer und politisch depressiv. Man kommt sich immer stärker vor wie das kleine Häuflein rückzugdeckender Fanatiker, die bis zuletzt alles einsetzen – nur um den Bonzen und ihren Koffern die Flucht zu erleichtern. Wir Deutschen haben da ja Erfahrung. 

Ich hatte sehr gehofft, daß sich auf dem Sonderparteitag vor Weihnachten die SED spaltet und sich damit dann endlich die marxistische Linke an der Revolution beteiligt. Alles andere war und ist Quatsch, auch der faule Kompromiß mit dem Doppelnamen. Aber nomen est omen. Diese Bindestrich-Partei vereint nach wie vor die Sozialistischen Demokraten und die Betonköpfe. Schnitzler und Geisler im selben Verein! Zum Kotzen!   

Der Anteil der Stalinisten steigt sogar zwangsläufig, denn die Karrieristen – ehemals mindestens eine Million – laufen in Scharen davon (Wozu soll man auch 50 Mark Beitrag zahlen – im Monat/bei 1000 Mark netto – wenn man auch ohne Parteiabzeichen seinen Posten behalten kann, vielleicht sogar sicherer, denn wer traut sich heute jemanden abzusetzen, der gerade aus der Partei ausgetreten ist. So ändern sich die Zeiten) und viele ehrliche Leute haben die SED schon aus Enttäuschung verlassen, aber nur ganz wenige Stalinisten. Diese brauchen um’s Verrecken eine politische Heimat, und wenn es im Untergrund ist, aber ohne (irgendeine) Partei sind sie tot. (Fairerweise sollte man ihnen die auch zugestehen) Deshalb hätte auch eine Auflösung mit anschließender Neugründung, wie einige Naivlinge gefordert haben, überhaupt keinen Sinn. Es ist reine inkonsequente Kinderei, darüber nachzudenken. 

Auch der Hickhack „rein in die Betriebe oder raus aus die Betriebe“ geht in diese Richtung. Etliche fürchten sich ganz einfach vor dem rauhen politischen Leben „draußen“, wo sie keiner kennt, und wollen deshalb in ihren vertrauten, wenn auch inzwischen halbierten, Betriebsparteiorganisationen überwintern. Die Beschlüsse in den Wohngebieten fassen dann die Alten/Rentner (80% Stalinisten), die Mitarbeiter der aufgelösten Stasi und geschleifter Ministerien (90% Stalinisten) und ein paar Weiber im Mütterjahr. 

Das wird ein schöner Wahlkampf werden. Apropos: „Wenn am nächsten Sonntag Wahl wäre“ – ich würde zuhause bleiben. Nicht mal meine (noch!) eigene Partei bekäme meine Stimme. Ein tolles Gefühl. 

Die sogenannte Regierung Modrow macht alles mögliche, aber kaum noch irgendetwas was meinen Beifall findet. Nagelprobe ist die Frage der Bezahlung für die abgesägten Apparatschiks. Die Revolution ist ja wohl kaum gemacht worden, damit solche Leute wie bisher auch in Zukunft das doppelte Geld „verdienen“. Vollkommen logisch, daß gestreikt wird, sobald sich die Einzelheiten herumgesprochen haben. Damit ist aber wahrscheinlich eine Hemmschwelle endgültig überschritten und ich will nicht spekulieren, was sich daraus nun entwickeln kann. Die Gewerkschaft ist mausetot – sie hatte ohnehin nur Ferienplätze zu verteilen und Soligelder zu kassieren – und so läuft alles was läuft außerdem auch noch anarchisch. 

(Scheinbar) zweiter Streitpunkt sind Verfassungsschutz und Abwehr. Von nahem betrachtet geht es aber um das selbe wie bei der Apparatschikbezahlung: Restauration der Verhältnisse – das allein ist schon schlimm genug aber – es soll auch möglichst keinem der alten Kaste wehtun. Also eine Art Maximalprogramm der Konterrevolution. 

Das Gespenst des Faschismus kommt da gerade recht. „Jetzt geht es erst einmal um die Einheit aller demokratischen Kräfte, für Demokratie ist immer noch Zeit“. Ich bin nicht zur Demo „gegen rechts“ am Treptower Ehrenmal marschiert. Ich hatte von Anfang an ein beschissenes Gefühl.  Die Fernseh-Übertragung erinnerte denn auch beklemmend an die gute alte Zeit und Freunde, die dort waren, haben das bestätigt. Und was das Schlimmste ist: Mir bekannte Stalinisten, die bis vor vier Wochen kurz vor dem Selbstmord standen, fühlen sich zunehmend wohler… Ein ziemlich mieses Gefühl, in einer Revolution, die man lange herbeigesehnt hat, auf Seiten der Reaktion zu stehen. Ich weiß nicht, ob Du aus der Ferne verstehen kannst, daß ich bis heute aus dieser Partei noch nicht ausgetreten bin. Aber auch mir fehlte dann ganz einfach die politische Heimat, denn eine Partei des Demokratischen Sozialismus (nicht des Sozialdemokratismus) gibt es eben bis dato noch nicht in diesem Lande und alle in meinem Sinne Gleichgesinnten sind nun einmal noch oder waren bis vor kurzem in dieser nunmehr endgültig hoffnungslosen SED. Kurz: Alles wenig hoffnungsvoll für die Linke. Zunehmend Oberwasser für die Gesamtdeutschen. Mit ziemlichem – und hoffentlich nur zeitweiligem – Pessimismus grüßt Dich und die Deinen ganz herzlich  

Dein Frank

 PS: Das beiliegende „Steinchen“ ist garantiert echt. Eigene Handarbeit – vom Checkpoint Charlie  

Anhang (Tagebuch von Gerhard H.)

Freitag, 24. November 

Ein wunderbares Gefühl: Leben mitten in einer Revolution! Zwar ist da noch immer die Angst vor Mord und Totschlag, aber was um uns passiert, was mit uns passiert, ist einfach wunderbar. 

Die volle Tragweite des Geschehens ist bestimmt erst aus zeitlicher Distanz zu erfassen, aber das Empfinden, eine große Zeit zu durchmessen, Dinge zu erleben, die einmalig und ungeheuer sind, wächst und füllt uns fast aus. Alles private, die kleinen Alltagssorgen, der Abwasch, die ausstehende Renovierung und die Hausaufgaben der Kinder werden ungeheuer nebensächlich. Der Informationshunger beherrscht die Menschen. Lange Schlangen vor den Zeitungskiosken. Man kauft nicht eine Tageszeitung wie früher, sondern zwei, drei, alle, die noch zu haben sind. Die Presse der „Block“parteien ist plötzlich nicht mehr der verzögerte Abklatsch der SED-„Organe“. Es lohnt, sie AUCH zu lesen. Überall stehen andere Meinungen und kontroverse Kommentare, noch vor 6 Wochen eine wahnwitzige Vorstellung. Vor 6 Wochen! 

Die „Aktuelle Kamera“ jahrzehntelang degeneriert zum Hofberichterstatter, ein Tiefpunkt der ohnehin schon miesen Einschaltquoten, sie wird zur gefragtesten Sendung. Man erwägt die Einspeisung in bundesdeutsche Kabelnetze. 

Dazu: Westnachrichten, Sondersendungen, Spätausgaben, Diskussionsrunden, der Rundfunk… irgendwann ist der Punkt erreicht, wo man sich nicht mehr in der Lage fühlt, die dargebotenen Informationen auch abzuziehen und zu verdauen. Viele verzichten schon auf die WESTnachrichten, das ist vielleicht das Allerverrückteste. 

Ungeheuer beeindruckend, wie alltäglich wird, was vor einem Monat noch Sensation war: In der „Berliner“ Tips des Westberliner Polizeipräsidenten für den Besucherverkehr, das „ND“ druckt die Westprogramme und warnt vor Analverkehr, Reporter rücken der „Waldsiedlung Wandlitz“ auf den Pelz. Der Sprecher der „Aktuellen Kamera“ spart kostbare Sendezeit: „Das vollständige Interview mit Egon Krenz sendet die ARD um zwanzig Uhr fünfzehn.“. Günter Mittag aus der Partei ausgeschlossen, gegen Honecker ein Verfahren eröffnet, Kreissekretäre erschießen sich. Das Neue Forum und „Demokratie Jetzt“ rufen in der Zeitung zum Kampf gegen den Ostmarkschmuggel auf, UNSERE Sozialdemokraten sprechen vor der Sozialistischen Internationale. Alle reden von Verfassungsänderungen, freien Wahlen… Die Alltäglichkeit der Sensationen – Merkmal der Revolution. 

Richtig faßbar aber wird das Unfaßbare allein auf dem Ku’Damm. Vielleicht ziehen vor allem deshalb die Millionen jede Woche gen Westen.Vielleicht geht es gar nicht um die 100 D-Mark, Bananen und Kassettenrecorder. Vielleicht ist sie nur im Westen so richtig zu greifen, die neue Freiheit, UNSERE Freiheit, goldene Frucht der Revolution – und bisher auch so ziemlich die einzige. Alles andere könnte ein Trick sein: Sonntagsgespräche, abgebaute Stasi, abgelöste Funktionäre, offene Presse, versprochene Wahlen… Die Freiheit des Reisens jedoch, die ist greifbar, erlebbar, die ist wirklich, heute schon, jetzt, unumkehrbar. Was tut es da schon, daß wir als arme Jacken über den Ku’Damm bummeln, daß uns nicht alles gefällt, Berührungsängste hochkommen. Wir haben sie, DIESE Freiheit. Und drängelnd zwischen KaDeWe und Gedächtniskirche scheint es einfach undenkbar, sie könnte uns wieder genommen werden. Schwer vorstellbar, der Stalinismus könnte wieder erblühen in einem Land frei reisender Bürger. Wohl deshalb haben die einen so eifrig ihre Grenze befestigt, und die anderen so verbissen versucht, sie zu überwinden. Nun ist sie überwunden und nur die Aufhebung der Leibeigenschaft mag in den Menschen ähnliche Gefühle erzeugt haben. Und siehe da: Die vielbeschworene Katastrophe blieb aus. Die Anarchie herrschte nur eine Nacht lang, hunderttausende schwänzten die Arbeit – einen Tag lang. Einen weiteren schwätzten sie noch darüber und am dritten werkelte alles fast braver als zuvor. Ein Schaden sicher, aber kaum größer als ihn zwei, drei Jubelfeiern anrichten. Ein Gefühl, als hätten Eingeborene einen Tabustrich überschritten: Kein Blitz, kein donnerndes Strafgericht, keine Heuschreckenplage und kein blutiger Regen. Nur eine verstörte Priesterschar, die das Geschehen selbst nicht mehr begreift. 

Auch ein Charakteristikum der Revolution: Die totale Umberwertung der Wichtigkeiten. Wieviel zittrige Unterschriften ängstlicher Beamter brauchte es noch im Sommer, wollte ein einziger Betrieb einen einzigen Mitarbeiter für eine einzige Sekunde einen einzigen Schritt hinter den Eisernen Vorhang entsenden. Wieviele Beurteilungen mußten eingeholt, wieviele Nachbarn befragt, Führungszeugnisse gelesen, Vorschriften beachtet, Lehrgänge besucht, Unterweisungen durchgeführt, dokumentiert, paraphiert werden. Und wehe ihnen allen, wenn sich herausstellte, die verleugnete Tante aus Wuppertal hatte doch eine Osterkarte geschickt. 

Wen interessiert das heute noch, 6 Wochen später?  

Wieviel zittrige Unterschriften ängstlicher Beamter brauchte es noch Anfang Oktober, wollte ein ausländischer Sender in Limbach-Oberfrohna einen Fußgänger befragen. Wie schlechthin unvermeidlich war der Samstag-Unterricht. Wie unverzichtbar waren unsere Sperrgebiete, unsere Grenzzonen, Truppenübungsplätze. Wie kostbar war uns jeder einzelne Soldat. Ohne IHN hätten wir ihn niemals aufgehalten, den Ansturm der Bundeswehr durch das Brandenburger Tor. Wie hätte uns der Gegner fertiggemacht, hätte man nicht wachsam jedes Paket kontrolliert, jeden Brief überwacht, jedes Westtelefonat aufgezeichnet. Wie blaß hätte die Wirtschaft ausgesehen ohne Verschlußsachen, Wettbewerbe, Selbstverpflichtungen, Max- und Moritz-Messen, Jugendobjekte, und Traditionsecken, ohne „Schulen der sozialistischen Arbeit“, ohne Frauentagsfeiern, Aktivistennadeln, Wandzeitungen. Wie wären wir zusammengebrochen, hätte jeder Plebs auf der Straße seine Transparente aufstellen können. 

Keine 2 Monate ist das her. Wen aber interessiert das heute noch? Heute ist alles anders. Neue Wichtigkeiten, neue Verhältnisse, ein neues Land, neue Menschen. Neue Menschen?